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Leseprobe

Dani Brown

 

 

 

 

 

Apollo 23

 

 

 

 

Die Geheimmission 1982 zum Mars

 

 

2., überarbeitete Auflage 2018

 

 

 

 

 

Roman über eine unterdrückte Wahrheit

 

 

 

 

 

Nicht alle im Roman vorkommenden Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten, mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Menschen, sind nicht immer rein zufällig und vom Autor beabsichtigt.

 

 

 

 

 

Prolog

 

... Cydonia Region auf dem Mars am 3. August 1982

 

Seit Stunden tobte der Orkan. Er wirbelte Unmengen von rötlichem Staub auf, der die gesamte baumlose Ebene zentimeterdick bedeckte. Zwei Gestalten, die nur schemenhaft in der sandgeschwängerten Atmosphäre zu erkennen waren, kämpften, mühsam gegen den Wind an. Beeinträchtigt durch die Böen, beugten sie ihren Körper dem Sturm entgegen und verharrten auf der Stelle.

Für einen Moment ließ der Orkan nach. Das nutzten die Männer aus, um vorwärtszukommen.

In der Nähe des Zenits stand, hoch über der eintönigen Ebene, die Sonne. Sie war inmitten der aufgewirbelten Staubwolken kaum zu erahnen und tauchte die lebensfeindliche Umgebung in ein diffuses rötliches Licht.

Die Sicht betrug nur wenige Meter. Hin und wieder, führte ihr Weg an Felsenformationen vorbei, die die Winderosion abgeschliffen oder blankpoliert hatte. In der trostlosen Einöde gab es, außer Sand und Geröll, nichts, was von Interesse war.

Aber stimmte das tatsächlich?

Dann tauchte direkt vor ihnen eine dunkle Formation auf. Beim Näherkommen wurde sie höher und kompakter.

Endlich ließ der Sturm nach. Die Astronauten waren mittlerweile im Windschatten des gewaltigen Artefaktes angelangt. Um sie herum schwebten unzählige Staubkörnchen auf den Boden zurück und die Sicht wurde wesentlich besser.

Im Monument entdeckten die Forscher einen Torbogen, der in eine schwarze Felswand integriert war. Auf beiden Seiten wurde der künstliche Steinbogen von zwei quadratischen Pfeilern getragen. Sie bestanden aus grauweißen Steinblöcken, die so exakt eingefügt waren, dass man die Fugen nur erahnen konnte. An den Stützen befanden sich in Augenhöhe kleine spiralförmige Figuren. Sie ähnelten auffällig der Schale von Ammoniten.

Aber wie kamen die Kopffüßer an jene Wand?

Sie lebten auf der Erde im flachen Meer und sind seit 65 Millionen Jahre ausgestorben. Schuld daran war der Absturz eines kilometergroßen Asteroiden auf die Yukatan-Halbinsel in Mexiko.

Scheinbar kannten die Erbauer des Artefakts diese Fossilien.

Nur woher?

In der Einöde der Cydonia Ebene konnten sie die Kopffüßer nicht entdeckt haben. Tausende Kilometer im Umkreis von der künstlichen Formation dehnte sich eine lebensfeindliche Wüste aus. Von Oberflächenwasser gab es keinerlei Spuren.

Jedoch darüber verschwendeten die Forscher keinen Gedanken. Nachdem sie ein paar Schritte weiter gegangen waren, standen sie endlich direkt vor der schwarzen Wand. Sie erhob sich Dutzende Meter in den dunstigen Himmel. Oberhalb tobte der Orkan mit unveränderlicher Stärke und fegte Schwaden von Staubteilchen über den Rand des Artefaktes. Jetzt konnte man auch erkennen, dass das Eingangsportal einige Zentimeter herausragte.

Die Überraschung hielt sich in Grenzen. Die Männer waren nicht das erste Mal vor Ort.

Sie schauten sich nur vielsagend an. Dann machte der Kleinere von Ihnen, ein unmissverständliches Zeichen.

Der Andere nickte und fragte: »Du möchtest also tatsächlich sprengen?«

»Genau, das habe ich vor«, erwiderte dieser kurz angebunden. Seine Stimme klang so, als ob er keinen Widerspruch duldete.

Die Entscheidung für die Sprengung wurde vor vielen Monaten beschlossen. John hatte von einem direkten Vorgesetzten den eindeutigen Befehl erhalten, mit Niemanden darüber zu sprechen. Natürlich hielt er sich an die Weisung. Er war Soldat und gewohnt, Instruktionen ohne Skrupel und weiteres Nachdenken auszuführen.

»Du bist der Boss«, erwiderte David, während er seinen weißen Tornister von der Schulter nahm. Er klappte den Deckel auf und holte einen schwarzen kompakten Block, der wie Knete aussah, heraus. Er presste ihn an die blank polierte Felswand, bis er festgeklebte. Nachdem das erledigt war, steckte er einen länglichen Aluminiumstab, der im Inneren einen Zünder enthielt, in die Mitte der Masse. Dann griff er in die Außentasche des Anzuges, zog eine winzige Fernbedienung hervor und überprüfte die Funktionsfähigkeit des Auslösers.

Er nickte befriedigt mit dem Kopf und übergab das Gerät seinem Vorgesetzten. »Alles in Ordnung, John. Die Zündung ist scharf. Wir können jederzeit sprengen!«

»Okay, lass uns verschwinden und aus sicherer Entfernung das Schauspiel ansehen!«, forderte dieser ihn auf.

Die beiden Männer gingen mit langsamen Schritten circa 150m zurück. Hinter einer brusthohen Felsformation suchten sie Schutz.

John nahm die Fernbedienung in die Hand und meinte lächelnd zu seinem Begleiter: »Dann wollen wir mal mit dem Feuerwerk beginnen, David!«

Der Angesprochene schmunzelte. »Ja, lasse es mal ordentlich krachen! Du weißt ja, ich liebe so etwas.«

Einen Moment später drückte der Kamerad den roten Knopf der Zündung. Ein greller Blitz leuchtete vor ihnen auf. Die Männer duckten sich hinter den flachen Felsen. Mit einem dumpfen Grollen raste eine gewaltige Druckwelle, in Sekundenbruchteilen, über sie hinweg.

»Das war’s«, rief John, während er den rötlichen Sand vom Ärmel wischte.

David, der bereits aufgestanden war, zeigte in Richtung der Explosion. »Sieh nur. Es ist noch nicht vorbei!«

Ziemlich überrascht blickte der Kollege ebenfalls vorsichtig über den Steinwall. Jetzt sah auch er, was sein Gefährte meinte. Das Feuer war keineswegs, wie geplant, erloschen, sondern wurde größer. Rot glühende Linien schlängelten sich, von unten her, an der Wand empor. Rasend schnell hatten sie die gesamte Fläche bedeckt. Dann vereinigten sie alle zu einem einzigen Flammenmeer. Das sah äußerst beunruhigend aus.

»Ich habe ein ungutes Gefühl. Lass uns verschwinden, David!«, befahl John und versuchte, trotz der angespannten Situation, ruhig zu bleiben.

Die Männer liefen los, weg von dem flammenden Inferno.

Der Wind, der vor kurzem ihr Feind war, blies den beiden Astronauten jetzt in den Rücken und schob sie vorwärts. Nach einigen Minuten blieben sie, völlig außer Atem stehen, und schauten in Richtung des Artefaktes. Was sie sahen, schockierte sie zutiefst.

Eine mehrere Meter hohe Flammenfront hatte große Teile der Ebene hinter ihnen erfasst und kam in rasendem Tempo direkt auf sie zu.

»Wir müssen schleunigst weiter, John«, rief David mit angstvoller Stimme. Schwer atmend ergänzte er: »Sonst werden wir gegrillt.«

Der Angesprochene nickte wortlos, bevor er sich umdrehte und mit ausholenden Schritten vorauslief. Beide Männer wussten, dass sie jetzt um ihr Leben rannten.

Augenblicke später hatte der Erste von ihnen den Wettlauf verloren. Plötzlich hörte John einen schrillen Schrei. Erschrocken schaute er zurück und sah, dass der Raumanzug seines Freundes in Flammen stand.

Doch die Feuerwalze war auch ihm dicht auf den Fersen. Konsterniert versuchte er, noch schneller zu laufen.

Glücklicherweise sah er nicht, wie der Körper von David sich in eine einzige lodernde Fackel verwandelte. Langsam, um die eigene Achse drehend, sank er zu Boden. Dort blieb er regungslos liegen, während das flammende Inferno über ihn hinweg raste.

Kurze Zeit später erreichte die Feuerfront dann John. Zuerst leckte sie zögernd an seinen Beinen. Aber schon bald ging auch der komplette Anzug in Flammen auf. Niemand hörte die schrecklichen Schmerzensschreie, denn er war das letzte Lebewesen in dieser eintönigen Sand- und Geröllwüste.

Wenige Augenblicke, bevor er endgültig starb, vernahm er ganz in der Nähe eine laute Explosion. Der Feuerschein beleuchtete sein, von Brandblasen, verunstaltetes Gesicht. Er wusste, dass dort ihre Lebensversicherung explodiert war. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Einmal noch bäumte sich der geschundene Körper auf und röchelnd machte er einen letzten Atemzug. Dann erlöste ihn der Tod.

Unterdessen kam die Feuerwalze am Horizont endlich zum Stillstand. Die Flammen loderten kurz auf und erloschen endgültig. Nur das Heulen des Windes, der Schleier roten Sandes über die Ebene trieb, war zu hören. Zurück blieb eine gewaltige Fläche, die von schwarzen Sandkörnern übersät war. Sogar das Artefakt, dessen Eingang von den Männern gesprengt werden sollte, war in sich zusammengesunken und unter der merkwürdigen dunklen Sandschicht komplett verschwunden. Aber dieser Zustand dauerte nicht lange an.

Nach einigen Wochen flaute der Sandsturm endlich ab. Millionen Tonnen aufgewirbelter roter Staubkörnchen schwebten hinunter und überdeckten zentimeterdick die Folgen des entsetzlichen Dramas. Der Himmel klarte immer mehr auf und eine unheimliche Stille senkte sich über die rötliche Stein-und Sandwüste herab.

Die Ebene sah so aus, als ob nie eine Katastrophe stattgefunden hatte.

Aber es gab einen Zeugen, der alles mit angesehen hatte. Er musste, trotz der schrecklichen Ereignisse, noch Wochen in der Umlaufbahn zubringen. Dann erst, öffnete sich ein Zeitfenster und er konnte den Heimflug antreten. Die geplante Rückkehr sollte er bereuen. Manchmal ist es besser, nicht nach Hause zu kommen.

 

Kapitel 1 Mysteriöse Zeichen

 

...vor 3000 Jahren, südlich vom Wendekreis des Steinbocks

 

Die fünfzehn Männer hatten schon seit Wochen kein Land mehr gesehen. Das letzte Mal war es zwei Tage vor Vollmond gewesen. Da brachen sie endgültig mit einem hochseetüchtigen Doppelrumpfboot von ihrer Heimat Samoa aus, in eine ungewisse Zukunft, auf. Mittlerweile wechselte Mahina, der Mond, immerhin komplett zweimal seine Phasen, ohne dass sie in der Ferne Festland gesichtet haben.

Jetzt stand Mahinas schmale Sichel direkt am westlichen Horizont und die ersten Sterne leuchteten bereits über dem Katamaran auf. Ein weiterer ergebnisloser Tag neigte sich dem Ende entgegen und bald würde die Nacht mit einem unbeschreiblichen Sternenhimmel auf die Crew herabsinken.

Die Samoaner mussten mit der Tatsache leben, das Kaleo, ihr Anführer, bei den Frauen und Kindern geblieben war. Früher war er der stärkste und klügste aller Krieger gewesen. Das war allerdings schon mehrere Umläufe der Sonne, die sie Ra’a nannten, her. Er war ein alter Mann, der kraftlos geworden war und dessen Haarschopf mittlerweile vollkommen weiß war. Doch das Oberhaupt des Dorfes ließ sich die Schmerzen, die ihn plagten, kaum anmerken. Dafür war er zu stolz und er wusste, dass ein weiser Führer ein Vorbild für das Volk sein musste. Aber tief innerlich ahnte er bereits, dass es nur noch wenige Phasen des Mahina dauern wird, bis Tangaloa ihn zu sich nimmt. Darüber war die Dorfgemeinschaft manchmal sehr traurig, denn er war ein allseits beliebter und angesehener Mann.

Doch immerhin spürten die mutigen Seefahrer den starken Geist des Dorfältesten, der über ihr Katamaran zu wachen schien. Diesen Beistand hatten sie auch bitter nötig. Schon zwei ihrer Gefährten wurden von der See in den Ozean gespült. Eben noch standen der junge Akoni und der erfahrene Steuermann Ikaia am Ruder, da erhob sich ein riesiger Brecher und überspülte das gesamte Boot. Als das Wasser endlich wieder versickerte, da war ihr Platz leer gewesen. Ihre Freunde waren ohne einen Hilferuf ganz plötzlich von Ihnen gegangen. Wahrscheinlich führte sie ihr Weg direkt in das Totenreich von Tangaloa, das für die Polynesier ein Paradies darstellte. »Mögen ihre Seelen Ruhe finden«, murmelte Kale leise und kehrte mit den Gedanken in die Gegenwart zurück. Prüfend schaute er zum, aus Palmenwendeln hergestellten, Segel hinauf. Ein Lächeln umspielte die Lippen des Samoaners, denn er sah etwas Erfreuliches.

Nun spürte er ebenfalls den schwachen Lufthauch im Gesicht, der fast unmerklich aus westlicher Richtung aufgekommen war und das Palmensegel ein wenig aufblähte.

»Der Wind ist gut«, meinte sein bester Freund Anakoni, der sich neben Kale hinstellte.

Der sah ihn flüchtig an und erwiderte: »Das wurde auch allerhöchste Zeit. Durch die Windstille haben wir bereits einige Tage verloren und unsere Vorräte gehen allmählich zu Neige.«

Der Kamerad nickte schnell, dann holte er ein braunes vertrocknetes Palmenblatt hervor und faltete es vorsichtig auseinander. Im letzten Licht der untergehenden Sonne beugten sich die mutigen Seefahrer über das Blatt. Darauf waren mehrere Umrisse zu erkennen, die Kaleo, kurz vor ihrer Abreise, mit Holzkohle gezeichnet hatte.

»Damit ihr garantiert auch euer Ziel erreicht«, meinte er spitzbübisch lächelnd und überreichte, mit leicht zitternden Hände, Anakoni die Zeichnung.

Schnell orientierten sich die Männer auf der Karte, die einen bestimmten Teil des großen Ozeans zeigten.

»Hier ist Samoa!« Kale tippte mit dem Finger auf einen schwarzen Punkt.

»Richtig«, erwiderte sein Freund. Vorsichtig fuhr dessen Zeigefinger auf einer dünnen Linie entlang. Dabei murmelte er: »Exakt diesen Weg müssen wir nehmen und so gelangen wir auch an unser Ziel!«

Er pochte aufgeregt auf eine Stelle, die sich am oberen Ende des Blattes befand. Dort war eine umrandete Fläche zu erkennen.

»Hm, genau da befindet sich Kainga«, stellte er lächelnd fest.

Sein Gegenüber nickte. »Ein sehr großes Land. Was meinst du? Wie lange wird jetzt noch die Fahrt dauern, bis wir endlich da sind?«

Der Freund überlegte kurz und meinte dann resigniert: »Schwer zu sagen. Ich schätze mindestens vier Phasen des Mahinas werden vergehen, bis wir da sind!«

Kale sah ihn entsetzt an, ehe er niedergeschlagen sagte: »Solange reicht unser Proviant aber nicht. Spätestens zum Ende des dritten Viertels wird der Wasservorrat zu Neige gehen. Vielleicht gibt es eine Insel in der Nähe, die wir ansteuern können?«, fragend schaute er Anakoni an.

Der blickte aufmerksam auf die Karte, und nickte wortlos. Nach einiger Zeit des Suchens zeigte er auf einen Punkt. Er lag am Wendekreis des Steinbocks.

»Wie lange benötigen wir bis dahin?«

Zögernd erwiderte er: »Wenn alles gut läuft, müssten wir während des dritten Aufganges der Ra’a ankommen.«

»Hm, gut. Gibt es sonst noch eine Insel, die näher liegt?«

Wieder kehrte Ruhe ein. Man hörte nur den Mast knarren, da sich das Segel immer mehr aufblähte.

Nach einer Weile schaute Anakoni von der Karte auf und schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe leider kein anderes Festland entdeckt. Wenn wir unsere Vorräte auffüllen wollen, dann müssen wir Kurs auf Rapa Nui nehmen.«

Kale stutzte. »Augenblick mal. Wurde gerade Rapa Nui von dir als Ziel erwähnt? «

»Ja, so heißt das Eiland«, bestätigte er und sah den Kameraden überrascht an. »Wieso, hast du ein Problem damit?«

»Ja, sogar ein sehr Großes!«, mischte sich überraschend Lokua ein, der unbemerkt mit Ilkaika und Akamu hinzugekommen war.

»Und welches?«

»Rapa Nui ist der Sitz der Götter und deshalb ist sie heilig!«

»Ja, das stimmt. Das ist sie in der Tat und das schon seit Beginn der Zeit«, ergänzte der hagere Akamu.

»Jetzt erinnere ich mich an das letzte Gespräch, dass ich mit Ariki geführt habe!« Kale nickte den Gefährten aufmunternd zu. »Er sagte zu mir. Auf der fernen Insel wohnen alle unsere Gottheiten und sie wollen auf gar keinen Fall gestört werden. Schließlich kehrt von dort ihr Geist zurück in den Rangi. Betretet niemals das göttliche Land. Das wird euer Untergang sein!«

»Ach, Unsinn!«, mischte sich Lokua, der stämmige Steuermann, ein. Erregt ballte er die rechte Hand zur Faust. »Das ist doch nur Aberglaube. Die Götter hat auf dem Eiland noch niemand gesehen. Aber wenn ich euch vorhin richtig verstanden habe, benötigen wir Wasser, Kokosnüsse und Fleisch. Ohne Nahrung werden wir es vermutlich nicht bis zu unserem Ziel schaffen!«

Keiner der Männer erwiderte etwa. Sie schauten sich nur nachdenklich an.

Nur das Plätschern des Ozeans, dessen Wellen an den Schiffskörper schlugen, unterbrach die Stille.

Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, beendete ihr Anführer das Schweigen und sagte: »Die Entscheidung fällt mir ehrlich gesagt schwer. Ich möchte die Gottheiten keineswegs erzürnen und sterben. Dann wäre die gesamte Reise völlig sinnlos.«

»Das wollen wir auch nicht. Der Tod kommt noch früh genug«, murmelte einer der Gefährten.

»Du bist der Kapitän, es ist deine Aufgabe einen Entschluss zu treffen!«, ergänzte Ilkaika mit rotem Kopf.

Ihr Anführer kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Also gut, vertrauen wir einfach auf das Wohlwollen der Götter, die Verständnis für unsere Situation haben. Wir werden nach Rapa Nui segeln!«, mit diesen Worten winkte er die übrigen Männer heran.

*

Die Nacht brach endgültig herein. Direkt über dem Mast leuchtet das Kreuz des Südens und wies ihnen den Weg, zur geheimnisvollen Insel.

Kale hatte sich in die kleine Hütte des Schiffes zurückgezogen und dämmerte im Halbschlaf vor sich hin: Er dachte zurück an den Abschied im Heimatdorf.

Obwohl es bereits Wochen her war, erinnerte er sich noch gut an die letzten Worte seiner hübschen Frau Mele, die ihm leise zuraunte: »Tofa soifua! Ou te alofa ia te oe!«

»Ich liebe dich auch!«, flüsterte er und lächelte.

Jäh wurde er aus den Gedanken gerissen.

Anakoni riss mit einem Ruck die Kokosmatte, die den Eingang der Hütte verdeckte, zur Seite. Erregt gestikulierend rief er: »Kale, du musst sofort kommen. Direkt vor uns passiert etwas Seltsames!«

Mit einem Satz sprang der Angesprochene auf und folgte neugierig dem Gefährten. Draußen empfing ihn die laue Luft, die seinen Körper sacht umschmeichelte.

»Was ist los?«, fragte er die Kameraden, die dichtgedrängt am Bug des Schiffes standen.

Aber keiner antwortete ihm.

Ihr Anführer hatte Mühe, sich bis in die vorderste Reihe zu quetschen: »Was ist los?«, wiederholte er gereizt die Frage.

»Siehst du, da vorne passiert etwas!« Mit zitternder Hand wies Ikaika, das jüngste Besatzungsmitglied, in Richtung der Fahrtroute.

Jetzt sah er es auch und zuckte zusammen.

Der Horizont war blutrot erleuchtet.

»Wahrscheinlich ist es nur ein Vulkanausbruch.« Kale versuchte die anderen Männer zu beruhigen.

Die schauten ihn skeptisch an.

Mit ängstlicher Stimme erwiderte Ilkaika: »Das ist bestimmt keine Vulkaneruption! Direkt vor uns liegt Rapa Nui, die Insel der Götter!«

»Wir haben sie erzürnt!«, riefen einige erregt. »Wir müssen umdrehen!«

Mit schreckensweiten Augen lauschten sie einem dumpfen Grollen, der immer lauter wurde. Auch das merkwürdige Leuchten hatte sich verstärkt und umfasste jetzt den gesamten Horizont.

Ohne Vorwarnung stiegen plötzlich sieben wunderschöne gelbe Lichter auf, die sich rasend schnell mit einem ohrenbetäubenden Lärm senkrecht in die Luft erhoben.

Kale warf sich auf den Boden und seine Männer taten es ihm nach.

Entsetzt streckte er die Hände in den hell erleuchteten Himmel und rief lauthals: »Oh, zürne uns nicht, Tangaloa! Ich weiß, wir haben das Verbot von Kaleo ignoriert. Das war falsch, bitte bestrafe uns nicht! Das wird nie wieder geschehen, dass wir eine Warnung ignorieren. Ich verspreche dir, wir kehren auf der Stelle um!«, und mit lauter Stimme, das Getöse übertönend, schrie er mit zitternden Knien: »Männer, wir fahren zurück. Setzt das Segel Kurs Südost.«

Schwerfällig drehte sich das Schiff um 110 Grad, ehe es endlich langsam weg von der Insel segelte.

Glücklicherweise schien Kales Beteuerung von den Göttern erhört worden zu sein.

Schlagartig ließ der ohrenbetäubende Lärm nach. Die gelben Lichter stiegen immer noch höher, wurden kleiner, bis sie im sternenübersäten Nachthimmel endgültig verschwanden. Dann kehrte wieder Ruhe ein.

Nur langsam beruhigten sich die Männer. Aufgeregt erzählten alle durcheinander.

»Seid doch mal still. Da stimmt etwas nicht!«, schrie Lokua, ihr Steuermann, ärgerlich und blickte angestrengt nach vorne.

Sofort verstummten die erhitzten Dispute.

»Ich höre es auch!«, riefen Einige fast gleichzeitig.

Zuerst war das Rauschen kaum zu vernehmen. Aber schnell kam das bedrohliche Geräusch näher.

Mit schreckensweiten Augen blickten sie zum Heck des Schiffes. Dort war eine Wasserwand, mit einer mächtigen Schaumkrone, zu sehen, die rasch auf sie zukam.

Doch sie hatten Glück.

Obwohl sich das Meer über zehn Meter hinter ihnen aufbaute, gelang es dem Katamaran, gleich einem stolzen Schwan, den Gipfel der Welle zu erklimmen. Zwar wurde das Deck tonnenweise von Wasser überspült, alle sahen wie begossene Pudel aus, aber es gab glücklicherweise keine Schäden.

So schnell, wie die Flut gekommen war, so raste sie in südlicher Richtung davon. Die weiß schäumende Linie wurde immer kleiner, bis sie endgültig, am dunklen Horizont verschwand.

Die Männer atmeten auf.

»Was für eine Fügung des Himmels. Ich glaube, du hast den Schöpfer- und Himmelsgott beruhigt!« Anerkennend klopfte Anakoni seinem Freund auf die Schulter.

Der nickte nur. Dann richtete er sich langsam auf und sagte laut: »Das war wohl die letzte Warnung an uns! Wir werden niemals wieder Tangaloa zürnen!« Nachdem er dieses Versprechen verkündet hatte, griff er ein Tuch, um das nasse Haar trocken zu reiben.

Die Männer verstanden seine Worte und so schnell wie der Wind das Schiff trug, verließen sie den unheimlichen Ort.

*

Es sollten noch 31 Tage vergehen, ehe sie ihr eigentliches Ziel endlich erreichten. Das war nur möglich gewesen, weil die täglichen Proviantrationen und das Trinkwasser für die Besatzung radikal gekürzt wurden.

Ganz genau strandeten sie an die Küste von Chile, in der Nähe der heutigen Stadt Conception.

Das war das Ende der Reise, aber die Samoaner hatten den Bewohnern Südamerikas eine Menge zu erzählen. ...

*

Die Jahrhunderte kamen und gingen. Viele Jahre nach den mysteriösen Ereignissen, fassten sich einige Polynesier ein Herz und erkundeten mutig, wieder mit handgefertigten Katamaranen, die heilige Insel. Die Seefahrer waren vermutlich von dem, was sie sahen, ein wenig überrascht.

Sie entdeckten ein, von Palmen und Farnen bedecktes, Eiland. Solche tropischen Inseln gab es Tausende im Pazifik.

Götter oder ihre Spuren fanden sie überraschenderweise dort keine. Sie schienen tatsächlich, in grauer Vorzeit, Rapa Nui verlassen zu haben und für immer in den Himmel zurückgekehrt zu sein. So hatten es die eigenen Vorfahren auch mündlich und schriftlich an die nachfolgende Generation weitergegeben.

Trotzdem war ihnen die Insel nicht ganz geheuer. Deshalb sollten noch zwei weitere Jahrhunderte vergehen, bis die kleine Vulkaninsel endgültig von Polynesiern besiedelt wurde.

Danach dauerte es nicht mehr lange und die Ureinwohner vergaßen die Legenden, die sich um das geheimnisvolle Eiland rankten. ...

 

31. Juli 1976

 

Viele Tage war die amerikanische Sonde Viking 1 bereits im Sonnensystem unterwegs.

Endlich schwenkte sie in eine stabile Umlaufbahn um den Mars ein. Nach mehreren komplizierten Bahnkorrekturen begann der Satellit, in einer Höhe von 2200 Kilometer, die Marsoberfläche zu fotografieren. Jedes Bild wurde in einzelne Bildpunkte zerlegt und zur Erde gefunkt.

Im National Space Science Data Center in Greenbelt, einer Stadt im Bundesstaat Maryland, wurden die Pixel auf eine Vielzahl von Computerbändern gespeichert. Das Zusammensetzen der Aufnahmen war in jenen Tagen technisch aufwendig und obendrein sehr kostspielig.

Die NASA musste damals an allen Ecken und Kanten sparen. Die Schuld an der Misere lag an den enormen Ausgaben des hochgezüchteten Apollo-Programms. Zwar brachte man letztlich amerikanische Astronauten, als erste Menschen, auf den Mond, aber der Wettlauf hatte Kürzungen bei diesem und anderen Raumfahrtprogrammen zur Folge. Das führte so weit, dass die letzten beiden geplanten Mondflüge ersatzlos gestrichen wurden.

Die Raumfahrtbehörde schlitterte so allmählich in eine tiefe Krise und sogar ihre Existenz stand zeitweilig auf dem Spiel.

 

1 Jahr später

 

Auch die Marsmission litt unter dem permanenten Geldmangel der NASA. Deshalb blieb der Agentur im Hochsommer 1980 nichts weiter übrig, als in einer Pressekonferenz Rede und Antwort zu stehen.

Dort gaben die anwesenden Spitzenmanager kleinlaut zu, dass von den 300000 Aufnahmen, die Viking 1 zur Erde gefunkt hatte, erst 60000 komplett entwickelt waren. So hieß es zumindest in der offiziellen Version des Managements.

Aber selbst auf den Fluren der Raumfahrtbehörde machten schnell Gerüchte die Runde, dass die Zahl der Fotos in Wirklichkeit wesentlich höher lag. Die Kritiker fragten sich zu Recht, warum ein Teil der Bilder zurückgehalten wurde. Eine Antwort auf diesbezügliche Anfragen bekamen sie nie.

*

Doch dann passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte.

Vincent DiPietro, ein begnadeter Computerspezialist, erhielt von einer anonymen Quelle, einige entwickelte Aufnahmen der Marsoberfläche. Ziemlich überrascht stellte er fest, dass die Qualität und Bildauflösung der Fotos für die damalige Zeit sehr hoch war. Das hatte er so nicht erwartet. Wahrscheinlich hatte die Sonde eine Kamera an Bord, die den neuesten Stand der Technik präsentierte. So konnte man auf den Fotografien Einzelheiten bis zu einer minimalen Größe von 50 Metern deutlich erkennen.

Es dauerte nicht lange, dann stieß DiPietro bei der Recherche, auf ein unscheinbares Foto. Es handelte sich um die Nummer 35A72. Das schwarz/weiß Bild trug den lapidaren Untertitel »Kopf«. Neugierig schaute der Forscher sich die Aufnahme näher an. Er war überrascht, was er dort erblickte.

Einmal sagte er zu Journalisten, die ihn zu seiner Entdeckung befragten, den berühmten und später häufig zitierten Satz: »Ich sah das erhabene Abbild eines menschenähnlichen Antlitzes gegen den Hintergrund der Marslandschaft«,

Der steinerne Kopf, er sollte unter dem Namen Pagenkopf weltberühmt werden, hatte einen Durchmesser von 1500 Metern. Die Sonde Viking 1 hatte das Artefakt in der Cydonia Region des Roten Planeten mehr zufällig aufgenommen.

Aber die Geschichte rund um diese Aufnahme begann bereits einige Zeit früher.

Da ahnte Vincent noch gar nicht, was für eine Sensation er bald in den Händen halten würde.

 

Die Vorgeschichte, 14 Tage vor der Entdeckung

 

In der Nähe von Chicago befindet sich eines der berühmtesten und auch geheimnisvollsten Laboratorien der Vereinigten Staaten. Diese Forschungseinrichtung wird ausschließlich vom schwarzen Budget finanziert, dass weder vom Senat, noch Kongress oder dem Präsidenten der USA genehmigt werden musste. Die Begründung war relativ einfach. Die betreffenden politischen Institutionen hatten eine viel zu niedrige Sicherheitseinstufung und damit war ihnen jegliche Einsichtnahme von vornherein verwehrt.

Im Kellergeschoss des weitläufigen Hauptgebäudes saß, 2 Wochen vor dem Fund DiPietros, ein junger Mann, ganz alleine, in einem winzigen fensterlosen Raum.

Nachdenklich hielt er ein Foto in der Hand und betrachtete es aufmerksam. Robert Mansfield, so der Name, wusste nicht, was er mit der zufälligen Entdeckung anfangen sollte. Sein Gefühl sagte ihm, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Verstand andererseits warnte ihn eindringlich vor diesem Schritt.

Warum fragte er sich immer wieder, war das eigentümliche Bild bei der Auswertung nicht aufgefallen?

Für ihn war sofort offensichtlich, dass die Aufnahme etwas Besonderes, Außergewöhnliches und Einmaliges auf der Marsober-fläche zeigte. Das mussten die Mitarbeiter des Labors, die das Foto gesehen hatten, doch auch festgestellt haben.

Aber war es vielleicht Absicht, die merkwürdige Formation zu ignorieren?

Das würde wenigstens erklären, warum das Bild in der hintersten Ecke des Archivs versteckt war.

Er rieb sich vor Aufregung die schweißnassen Hände.

Gab es Wissenschaftler, die verhindern wollen, dass die Aufnahme veröffentlicht wird?

Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. Dann drehte Robert Mansfield die Fotografie um, in der Hoffnung auf der Rückseite weitere Informationen zu finden. Aber er wurde enttäuscht.

Nur am unteren Bildrand hatte ein Entwickler mit Kugelschreiber, den Tag, als die Sonde das Bild von der Oberfläche geschossen hatte, hingekritzelt. Die Schrift war kaum noch lesbar. Erst als sich der junge Mann das Foto direkt vor das Gesicht hielt, konnte er das Datum entziffern. Es war der 31. Juli 1976.

Robert Mansfield holte tief Luft. Dann stand er auf und steckte den Zufallsfund in eine schwarze Collegemappe. Die Entscheidung war gefallen, wem er die Information zukommen ließ.

Bei einem Cocktail-Empfang hatte er den Computerspezialisten Vincent DiPietro kennen gelernt. Der erfahrene Wissenschaftler hatte im Gespräch ein großes Interesse an den Ergebnissen der Viking- Mission gezeigt.

Zum Glück hatte Mansfield eine hohe Sicherheitsfreigabe für das Archiv. Dank dieser Geheimhaltungsstufe konnte er dem Bekannten nun etwas Faszinierendes präsentieren.

Er ahnte, dass der Mann garantiert einen Freudensprung machen würde. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

 

... nach der Pressekonferenz von Vincent DiPietro

 

Alle Fragesteller aus dem Auditorium hatten ihre Fragen ausführlich vom IT-Experten beantwortet bekommen. Als es keine Wortmeldung mehr gab, wurde die höchst interessante Zusammenkunft endgültig beendet.

Die Journalisten und Kamerateams packten ihre Sachen zusammen und verließen eilig den Saal. Jeder wollte der Erste sein, um die Nachricht über den entdeckten »Pagenkopf« auf dem Mars, weltweit zu veröffentlichen.

Als einer der letzten Teilnehmer erhob sich ein unauffälliger Mann von einem Stuhl, der sich in der hintersten Reihe des Raumes befand. Er gehörte zu den Wenigen, die bei der Pressekonferenz keine einzige Frage an die Wissenschaftler, die vorne dichtgedrängt auf dem Podium saßen, gestellt hatte. Nachdenklich schaute er zu DiPietro der, in einem Gespräch vertieft, Unterlagen, in eine Aktentasche stopfte. Er zögerte kurz und strich sich gedankenvoll über seinen Stoppelbart am Kinn. Aber zu guter Letzt traf er eine brisante Entscheidung. Es wurde Zeit, ein wichtiges Telefonat zu führen.

*

Das Telefon klingelte schon eine Ewigkeit. Endlich waren Schritte zu vernehmen, die langsam eine Treppe herunterkamen.

Ein großgewachsener Mann mittleren Alters, bekleidet mit einem eilig übergeworfenen Bademantel griff mit einem leisen Seufzer zum Telefonhörer und nahm ihn ab. Gereizt sprach in die Sprechmuschel: »Ja!«

Am anderen Ende der Leitung flüsterte eine tiefe männliche Stimme, ohne sich vorzustellen: »Es wurde etwas gefunden?«

Er war ziemlich überrascht. »Ich hoffe nicht die Bilder?«

»Ja, genau von denen spreche ich!«

»Das ist doch faktisch ausgeschlossen. Wie konnte das passieren?«

Der Unbekannte räusperte sich. Dann meinte er heiser: »Irgendjemand aus dem Labor hatte Langeweile und im Archiv herum geschnüffelt. Dabei hat er vermutlich Aufnahmen gefunden, die niemals dort sein sollten.«

»Kennen Sie den Namen des Mannes?«

»Ein gewisser Vincent DiPietro hat die Sache heute publik gemacht«, einschränkend fügte er hinzu: »Aber er hat die Bilder nicht selbst entdeckt, sondern ein Mitarbeiter des Auswertungsteams!«

»Und wie heißt nun der Informant?«, fragte er ungeduldig.

»Er hat leider die Identität nicht verraten. Dazu hat er geschwiegen, wie ein Grab.«

»Das bekommen wir schon heraus. Sie liquidieren unverzüglich DiPietro!«, befahl er, ohne die Stimme zu erheben.

Am anderen Ende der Leitung blieb es still.

Verwundert rief er: »Hallo, sind Sie noch da?«

»Ja, das bin ich.«

»Haben Sie die Anweisung verstanden!«

»Sie meinen, ihn ins Jenseits zu befördern?«

»Genau das wurde doch gerade von mir befohlen oder nicht? «

»Dafür ist es leider zu spät, Boss!«, kam es leise zurück.

»Was wollen Sie damit sagen? Der Mann ist zu exekutieren!« Die Stimme des Chefs klang sehr gereizt.

Trotzdem war sein Gesprächspartner in keiner Weise beeindruckt. Ziemlich ungerührt meinte er: »Wie ich vorhin schon sagte, ist DiPietro mit der Entdeckung bereits an die Öffentlichkeit gegangen. Es kam gerade auf allen Hauptkanälen und das zur besten Sendezeit. Nun weiß es die ganze Welt. Es ist nach meiner Meinung taktisch unklug, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.«

»Da haben Sie wohl Recht. Aber akzeptieren kann ich es nicht.«

»Sie sagen es. Was wollen wir jetzt tun?«

Der Boss überlegte einen Augenblick. Endlich hatte er einen Entschluss gefasst. »Wir müssen ein Exempel statuieren, damit die übrigen Geheimnisse auch tatsächlich Top Secret bleiben!«

»Wie soll das konkret aussehen?«, fragte der Andere gelassen.

»Wie heißt der Leiter des Auswertungsteams?«

»Warten Sie!« Er hörte, wie sein Gesprächspartner das Telefon ablegte und in den Unterlagen kramte.

Kurze Zeit später war er wieder am Apparat und meinte: »So, hier haben wir ihn ja. Der Name ist Jonathan Frey.«

Die Stimme des Auftraggebers klang kalt, als er anwies: »Finden Sie ihn und Sie wissen ja, was Sie zu tun haben. Auf Wiedersehen!«

»Ja!«, sagte der Gesprächspartner schnell. Dann klickte es in der Leitung. Sein Gegenüber hatte aufgelegt.

Auch der Boss, wie er heimlich genannt wurde, legte ebenfalls den Hörer zurück.

Nachdenklich verharrte er noch einen Augenblick auf der Stelle. Die gesamte Sache gefiel ihm überhaupt nicht. Viel zu früh war das Marsgesicht in der Öffentlichkeit publik gemacht worden. Jetzt hieß es mit Desinformationen und Einschüchterungen den Schaden, der bereits entstanden war, so gering wie möglich zu halten. Ja und es mussten zur Abschreckung auf jeden Fall Köpfe rollen. Hoffentlich wird auf diese Weise wieder Ruhe einkehren und man konnte im Hintergrund die eigentlichen Ziele weiter verfolgen.

Er dachte den Gedanken nicht zu Ende, sondern reckte und streckte seinen muskulösen Körper. Erst dann ging der groß gewachsene Mann mit langsamen Schritten zum Kühlschrank, um sich ein Sandwich zuzubereiten.

 

September 1980

 

Jonathan Frey war in der Tat zu beneiden. Er zählte zu den wenigen Menschen, die anscheinend alles im Leben richtig gemacht haben.

Er war seit 40 Jahren glücklich verheiratet, dazu kamen gut geratene Kinder und sogar drei süße Enkel. Was will ein stolzer Vater und Großvater mehr.

Während zwei Töchter schon längst eigene Familien gegründet hatten, lebte das Nesthäkchen noch bei den Eltern.

Zum Glück des Familienoberhauptes gehörte ein gut dotierter Job in einem der besten Forschungslabors der USA. Die Anlage befand sich in der Nähe der Großen Seen im nördlichen Amerika. Das üppige Gehalt erlaubte es, dass er für seine Lieben, ein Wassergrundstück am Lake Michigan in der Umgebung des Städtchens Manistee erwerben konnte. Auf dem Areal errichtete ein Bauunternehmen ein geräumiges und gemütliches Holzhaus, das typisch für die Gegend war. Ein hölzerner Bootssteg führte direkt vom Haus in den See. Am Ende des Stegs schaukelte träge, der ganze Stolz der Sippe. Eine edle Rennjacht, die 1935 in Schweden gebaut wurde. Den Oldtimer hatte Frey, auf einer Europareise, in einem winzigen Hafen in Dänemark entdeckt. Mit dem damaligen Besitzer wurde er schnell handelseinig. Nachdem das Geschäft endgültig unter Dach und Fach war, begann für das Schiff der lange Weg in die Staaten. Zuerst brachte eine gecharterte Crew das Boot nach Kopenhagen. Hier wurde es mit Hilfe eines mächtigen Kranes in den Bauch eines modernen Frachters gehoben. Von der dänischen Hauptstadt aus startete dann auch die mehrtägige Reise quer über den Atlantik. Die Fahrt endete schließlich im kanadischen Quebec. Hier wurde die schöne Yacht wieder zu Wasser gelassen und Jonathan Frey übernahm das Schiff endlich als Skipper. Mit tatkräftiger Unterstützung der beiden Schwiegersöhne segelte er den St. Lorenz Strom stromaufwärts und legte nach nervenaufreibenden Tagen glücklich und wohlbehalten an seinem Bootssteg an. Er hatte den Kauf des Segelschiffes niemals bereut. Es war ein Genuss mit dem Boot durch die Großen Seen zu reisen. Das gewaltige Segel trieb es ungestüm vorwärts. Mit Leichtigkeit flog sie deshalb bei Wettfahrten den anderen Seglern davon.

Aber seit einiger Zeit lag es nun fest vertäut am Steg und schaukelte einsam in den kleinen Wellen, die der westliche Wind heranbrachte.

Jonathan Frey verschwendete derzeit keine Gedanken an sein geliebtes Hobby. Er hatte enorme Probleme, die ihn vor Angst kaum schlafen ließen.

*

Alles begann vor ein paar Tagen mit einem merkwürdigen Gespräch. Das würde ihm schon bald schlaflose Nächte bereiten.

Der Leiter der Forschungseinrichtung, Dr. Frederic Jörgensen, hatte ihn überraschend zu sich zitiert. Dazu kam, dass diese Unterhaltung in einem abhörsicheren Beratungsraum stattfinden sollte. Der Ort für das Zusammentreffen bedeutete nichts anderes, dass möglicherweise hochgeheime Dinge besprochen wurden. Der erfahrene Abteilungsleiter hatte ein beklemmendes Gefühl, als er sich auf den Weg zu seinem Chef machte. Es war lange her, dass er mit ihm gesprochen hatte.

»Setzen Sie sich doch bitte, Jonathan!« Jörgensen wies galant auf einen der gewaltigen braunen Ledersessel, die rings um einen kleinen Glastisch standen.

Nachdem dieser sich hingesetzt hatte, nahm er direkt gegenüber Platz.

Lächelnd schaute er seinen Mitarbeiter an und fragte interessiert: »Wie geht’s der Familie, lieber Freund?«

Frey hatte ein ungutes Gefühl. Wenn der Chef um den heißen Brei herum redete, bedeutete das nichts Gutes.

Dann erwiderte er ein wenig verlegen: »Alles bestens, Frederic. Nächsten Monat beginnt nun auch die jüngste Tochter in Harvard zu studieren und Lucie hat mit der Organisation von Wohltätigkeitsveranstaltungen immer genug um die Ohren!«

Der Institutsleiter hatte, wie es schien, interessiert zugehört. Fast flüsternd bemerkte er: »Ja, ja mein Freund, wir werden alt. Die Kinder gehen aus dem Haus, die Ehefrau führt ihr eigenes Leben und man selbst hat Probleme, so dynamisch, wie in der Jugend zu sein.«

Frey nickte ihm schweigend zu.

Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck von Jörgensen. Mit ernster Miene wechselte er abrupt das Thema. »Aber natürlich sind Sie keinesfalls wegen irgendwelcher Familienangelegenheiten von mir zu einem Gespräch eingeladen worden. Vor einiger Zeit ist in Ihrer Abteilung etwas vorgefallen, über das wir miteinander sprechen müssen!«

Frey schaute den Chef überrascht an und aufregt, meinte er: »Von einem Vorfall habe ich derzeit keinerlei Kenntnis, Frederic. Die letzten Monate verliefen ganz normal, ohne jegliche Vorkommnisse. Sofern es welche gegeben hätte, Sie wären selbstverständlich unverzüglich darüber informiert worden.«

»Ich weiß Jonathan!« Jörgensen bemühte sich, seinen Mitarbeiter zu beruhigen. »Wir arbeiten ja schon seit langem zusammen. Wenn ich mich nicht alles täuscht, sind es in Kürze bereits 30 Jahre.«

»Sie haben Recht!«

»Die Geschäftsleitung war mit Ihrer bisherigen Tätigkeit auch immer zufrieden!« Er sah sich angespannt um und fügte leise hinzu: »Es hat allerdings ein wenig Ärger gegeben!«

Frey wurde allmählich unruhig. Er blickte zu seinem nervösen Chef hinüber und leicht gereizt entgegnete er: »Frederic, nun mal heraus mit der Sprache. Sie wissen, dass ich Kritik vertragen kann!«

Einen Moment war es still, dann beugte sich Jörgensen vor und flüsterte: »Sagt Ihnen vielleicht der Name Robert Mansfield etwas?«

Frey lehnte sich entspannt zurück und erwiderte laut: »Natürlich kenne ich den jungen Mann. Immerhin arbeitet er in meiner Abteilung. Übrigens, ein ziemlich talentierter und zuverlässiger Mitarbeiter!«

Der Laborchef schaute ihn zweifelnd an und ironisch meinte er: »So, so. Das glauben Sie tatsächlich?«

»Ja, ich lege für ihn die Hand ins Feuer.«

»Das würde ich mir an Ihrer Stelle gut überlegen, Sie könnten sich verbrennen.«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

»Nun, Ihr tüchtiger Mann hat uns gerade eine böse Suppe eingebrockt. Kennen Sie das eigentlich schon?« Er entnahm einer Aktentasche eine Zeitung und schob sie sofort zum Abteilungsleiter hinüber.

Der ergriff sie irritiert und erkannte sogleich, dass es sich um die seriöse »Chicago Times« handelte.

Neugierig schlug er sie auf. Dann fiel sein Blick auf die Bilder und die dazugehörigen Schlagzeilen.

Frey erstarrte förmlich und seufzte laut auf: »Oh, mein Gott!« Er ließ das Blatt sinken und schaute konsterniert den Chef an.

Der schüttelte den Kopf und sagte frustriert: »Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, dass unsere Auftraggeber nicht gerade glücklich über diese Veröffentlichung sind.«

Der Mitarbeiter zuckte hilflos mit den Schultern. »Das kann ich gut verstehen, Frederic. Ich selbst bin darüber genauso schockiert.«

Jörgensen hörte ungerührt zu, dann meinte er kurz angebunden: »Wie hat es Mansfield überhaupt geschafft, an die geheimen Fotografien heranzukommen?«

Jonathan Frey überlegte eine Weile, ehe er schließlich erklärte: »Ich stehe vor einem Rätsel.«

»Nicht nur Sie, lieber Freund. Man erwartet Antworten von uns, und zwar schnellstens.«

»Warten Sie, mir ist etwas Wichtiges eingefallen, was den Fund erklären könnte!«

»Ich bin ganz Ohr!«

»Mansfield war vor einigen Tagen in das Archiv gegangen, um nach bestimmten Aufnahmen von der Apollo 16 Mission zu suchen«.

»Er suchte irgendwelche Bilder von einer Mondmission?« Sein Vorgesetzter schaute ihn missbilligend an. »Davon weiß ich ja gar nichts!«

»Es war keine wilde Sache, Sir!« Frey winkte ab und fügte erklärend hinzu: »Die beiden Astronauten fuhren mit dem Lunar Rover auf der Mondoberfläche umher. Ihre Expeditionen führten sie bis zu den Stone Mountain, sowie zum North Ray Krater. Dort haben sie phantastische Fotos aufgenommen und die wollte sich mein Mitarbeiter genauer ansehen. Ja und dann ...«

Jörgensen unterbrach ihn abrupt und ungehalten meinte er: »Ja, ja das ist mir alles bekannt, Frederic. Aber stattdessen fand er das hier!« Mit dem Finger wies er auf die beiden Aufnahmen, die fast die gesamte erste Seite der Zeitung ausfüllten.

»Sie haben Recht, Sir. Er hat unverantwortlich gehandelt!«, gab Frey zerknirscht zu.

»Ja, so ist es. Doch das Schlimmste dabei ist, dass er die Bilder ohne Genehmigung an DiPietro weiter gab!« Wütend blickte er den Mitarbeiter an und gereizt fragte er: »Was haben die Aufnahmen in einem frei zugänglichen Archiv zu suchen?«

Sein Gegenüber schüttelte ratlos den Kopf und erwiderte kaum vernehmbar: »Das ist mir ein Rätsel, Frederic. Die Originalaufnahmen befinden sich in einem Tresor der höchsten Sicherheitsstufe unter Verschluss. Es wurde gerade gestern alles sorgsam kontrolliert.«

»Von Ihnen höchstpersönlich?« Der Vorgesetzte sah den Mitarbeiter zweifelnd an.

Frey nickte niedergeschlagen. »Ja, von mir ganz alleine. Deshalb lege ich meine Hand ins Feuer, das die Aufnahmen, sowie die dazugehörigen Negative an Ort und Stelle waren, und zwar vollzählig.«

»Wie erklären Sie sich das Desaster, Jonathan? «

Der Angesprochene schluckte. »Ich kann nur vermuten, dass bei der Filmentwicklung versehentlich zusätzliche Kopien vom Artefakt erstellt worden sind.«

»So etwas darf überhaupt nicht passieren. Wir sind doch keine Imbissbude, wo irgendwelche Rechnungen für die Steuerbehörde gespeichert werden!« Der Chef schaute ihn wütend an.

Frey wich seinem Blick aus, ehe er leise sagte: »Die Bilder wurden wahrscheinlich nach der Registrierung normal archiviert. Nur so ist es zu erklären, dass sie auch für Mitarbeiter mit niedrigen Sicherheitseinstufungen zugänglich waren«. Er hob bedauernd die Schulter und flüsterte deprimiert: »Das tut mir leid, aber rückgängig ist die Sache nun nicht mehr zu machen.«

Jörgensen beobachtete ihn einen kurzen Moment, ehe er mit ernster Stimme meinte: »Sie wissen, dass das ein eklatanter Verstoß gegen die Nationalen Sicherheit ist. Diese Aufnahmen wurden vom Sicherheitsrat weit über Top Secret klassifiziert. Die dürfen nur eine Handvoll von Leuten, uns beide eingeschlossen, überhaupt sehen!«

Frey senkte schuldbewusst den Kopf.

Sein Chef redete sich wieder in Rage: »Mensch Jonathan, wie konnte Ihnen nur so ein Lapsus passieren. Sie sind doch schon lange genug im Geschäft!«, wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch.

Nachdem er ein paar Mal tief Luft geholt hatte, spielte er mit einem Kugelschreiber und schien nachzudenken.

Plötzlich beugte er sich abrupt vor, ergriff Freys Arm und zog ihn zu sich heran. Mit leiser Stimme flüsterte er ihm ins Ohr: »Ich glaube, Sie haben null Ahnung, mit welchen Leuten wir es hier zu tun haben. Die sind skrupellos, die dulden keine Fehler, und wenn es darauf ankommt, gehen die über Leichen. Das Schlimmste ist, sie haben schon des Öfteren bewiesen, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist. Unsere gute Bezahlung kommt nicht von ungefähr.«

Frey schaute ziemlich bedröppelt drein. Es dauerte einige Augenblicke, bevor er fragte: »Was soll ich jetzt tun, Frederic?«

Sein Gegenüber erwiderte seufzend: »Unverzüglich Ordnung in Ihren Laden bringen. Sie überprüfen umgehend, ob noch weitere Aufnahmen existieren. Wenn ja, werden diese sofort vernichtet. In zwei Stunden will ich von Ihnen die Rückmeldung haben, dass sämtliche Schnitzer beseitigt worden sind. Haben wir uns verstanden, Jonathan!«

Frey nickte wortlos dem Boss zu.

»Okay, das war erst einmal alles! Sie können gehen!« Mit einer Handbewegung entließ er den völlig aufgelösten Abteilungsleiter.

Als er schon an der Tür war, hielt der Kritisierte plötzlich inne und drehte sich um. Dann wandte er sich nochmals an seinen Chef. »Was passiert jetzt eigentlich mit Robert Mansfield?«

Jörgensen schaute ihn überrascht an: Die Frage schien ihn zu verblüffen. Er zögerte kurz, ehe er mit vorwurfsvoller Stimme erwiderte: »Jonathan, ich bin ziemlich fassungslos. Ihre Nerven möchte ich haben, sich auch noch für den zu interessieren. Haben Sie nicht schon genug eigene Probleme am Hals?«

Sein Mitarbeiter ließ sich nicht provozieren, sondern wartete einfach ab.

Der Institutsleiter erkannte, dass es zwecklos war, ihm die Antwort vorzuenthalten. Trotzdem fragte er den Gescholtenen: »Aber Sie geben wahrscheinlich so lange keine Ruhe, bevor Sie es wissen, oder sehe ich das falsch?«

Frey schüttelte schweigend den Kopf.

Jörgensen seufzte leise, dann meinte er: »Er erhält umgehend seine fristlose Kündigung. In zwei Stunden findet hier im Institut eine Pressekonferenz statt, die landesweit übertragen wird. Auf der wird die Institutsleitung die Existenz dieser Aufnahmen mit einer eidesstattlichen Erklärung dementieren. Im gleichen Atemzug legen wir Beweise vor, die zeigen, dass Mansfield die Bilder wissentlich gefälscht hat. Heute Morgen wurde bereits durch unsere Anwälte Strafanzeige gegen ihn wegen Einbruch und Diebstahl von Institutseigentum bei der Polizei gestellt. Ein Strafprozess ist ihm hundertprozentig sicher!« Er ballte wütend die Faust und zornig rief er: »Wir werden ihn fertig machen. Der wird nie wieder auf die Beine kommen.«

Frey hatte mit einem flauen Gefühl die Äußerungen des Institutsleiters verfolgt. Als er gerade die Tür vom abhörsicheren Raum öffnen wollte, hielt ihn Jörgensen am Arm fest.

Überrascht drehte er sich um und blickte in die ernsten Augen seines Chefs. »Darf ich Ihnen, als Freund, noch einen wertvollen Rat mit auf den Weg geben, Jonathan?«

Der Angesprochene nickte erstaunt. »Gerne.«

»Passen Sie in der nächsten Zeit gut auf sich auf!«

Irritiert fragte Frey: »Warum?«

Aber sein Gegenüber schüttelte nur den Kopf und meinte mit trauriger Stimme: »Ich sage nichts weiter, denken Sie nur an meine Worte.«

Dann öffnete er die Tür vom Raum und überließ höflich dem Mitarbeiter den Vortritt.

*

Seit jenem Gespräch hatte Frey Angst. Die Warnung von Jörgensen war eindeutig gewesen. Auch sein Gefühl sagte ihm, dass er ziemlich in der Klemme steckte.

Das Klima am Institut hatte sich nach dem Vorkommnis mit Mansfield erheblich verschlechtert. Der frühere Zusammenhalt der Kollegen untereinander, war nicht mehr gegeben. Die Mitarbeiter gingen einander aus dem Weg, und wenn ein Aufeinandertreffen unvermeidbar war, wurden nur noch dienstliche Belange besprochen.

Obendrein durchsuchte ein Spezialteam alle Räume des Labors. Fast zur selben Zeit fanden für die gesamte Belegschaft Befragungen durch Verhörspezialisten des FBI und NSA statt. Nach diesen Einzelgesprächen erschienen 36 Beschäftigte, von einem auf den anderen Tag, nicht mehr zur Arbeit. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten die Mitarbeiter über die vermutlichen Gründe des plötzlichen Verschwindens eines Teils der Angestellten. Eines der Gerüchte besagte, dass die Kollegen fristlos entlassen worden waren, bei gleichzeitiger Aberkennung der hohen Sicherheitseinstufung. Mit der Entscheidung wurde ihnen eine Beschäftigung in sicherheitsrelevanten Bereichen der amerikanischen Behörden für immer verwehrt. Warum diese Maßnahme stattgefunden hatte, darüber hüllten sich die Verantwortlichen in Schweigen.

Zu guter Letzt mussten die übriggebliebenen Mitarbeiter eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben. In der Belehrung wurde den Beschäftigten, unter Androhung von mindesten 20 Jahre Gefängnis, untersagt, über ihre Tätigkeit in der Familie und Öffentlichkeit zu sprechen.

Frey war deprimiert. Zum ersten Mal in all den Dienstjahren am Institut spielte er mit dem Gedanken, zu kündigen. Aber dafür war es schon längst zu spät. Er war ein Mitwisser mit einer hohen Sicherheitsfreistellung und so einen lässt man nicht so einfach gehen.

Der Institutsleiter Frederic Jörgensen ging ihm seit der Unterredung absichtlich aus dem Weg. Trafen die Männer tatsächlich einmal aufeinander, wollte kein Gespräch in Gang kommen. Der Chef verhielt sich merkwürdig reserviert.

Dass Jonathan Frey immer trübsinniger wurde, blieb den Angehörigen nicht verborgen. Sie versuchten ihn, aufzumuntern und überlegten, wie sie ihn auf andere Gedanken bringen konnten. So flogen sie gemeinsam nach Florida ins Disneyland. Dann besuchte die Familie die Niagarafälle und mietete für eine Woche, ein einsames Blockhaus in der Nähe des Gouin Stausees in Kanada. Die Tage in der Wildnis taten dem Familienvater gut und er schaltete endlich einmal richtig ab.

Gutgelaunt trafen sie an einem warmen Samstagnachmittag wieder zu Hause ein.

Kaum hatten sie die Koffer im Flur abgestellt, da meinte Frey, ohne Vorwarnung zu seiner Frau: »Eigentlich müsste ich mal mit dem Boot auf den See hinausfahren. Das habe ich vor einigen Monaten das letzte Mal gemacht.«

Als sie ihn überrascht ansah, schmunzelte er spitzbübisch und ergänzte: »Sonst wird das Holz morsch und der Segler fällt eines Tages von selbst auseinander.«

Lucie hatte überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Insgeheim fand sie die Idee des geliebten Ehemannes, sich ein wenig den Wind, um die Nase wehen zu lassen, gut. So konnte sie in aller Ruhe die Koffer auspacken, ohne dass ihr Schatz im Wege stand. Deshalb stimmte sie ihm leichten Herzens zu. »Mach das und fahre ein Stündchen hinaus, Jonathan. Ich bereite nachher gleich das Abendbrot. Joe grillt uns schnell ein paar Steaks und wenn du wieder da bist, essen wir.«

Er nickte glücklich und streichelte dankbar ihren Arm.

Wenige Minuten später hatte Frey sich umgezogen. Als er schon fast am Bootssteg angelangt war, hörte er eilige Schritte hinter sich. Verwundert drehte er sich um und erblickte seine jüngste Tochter Janet, die direkt auf ihn zugelaufen kam.

Völlig außer Atem rief sie ihm zu: »Warte bitte, Dad!«

Er blieb stehen, bis sie ihn erreicht hatte. »Was gibt es denn, mein Schatz?«

Sie schaute ihn mit ihren braunen Augen bettelnd an. »Kann ich mitkommen?«

Er blickte sie nachdenklich an, überlegte kurz und schüttelte den Kopf. Fast entschuldigend meinte er: »Heute nicht, Janet. Vielleicht an anderes Mal. Ich fahre ja nur für eine Stunde hinaus. Zum Abendbrot bin ich wieder da.«

Das Mädchen sah ihn traurig an. »Schade Dad, ich hätte mich so darüber gefreut.«

Er nahm sie tröstend in den Arm. »Ich verspreche dir, das nächste Mal kommst du mit. Dann segeln wir direkt bis Chicago und ich lade dich zu einem ausgedehnten Stadtbummel ein?«

Man sah es ihrer Miene an, sie konnte ihr Glück kaum fassen.

Er nickte ihr wortlos zu.

»Danke, Dad!« Sie umarmte ihn freudestrahlend, bevor sie ihm einen dicken Kuss auf die Wange drückte.

Etwas verlegen entzog er sich der Umarmung. »So mein Mädel, jetzt muss ich aber wirklich los, sonst bin ich nicht pünktlich zum Abendbrot zurück.«

Sie hatte natürlich dafür Verständnis und ließ ihn los.

Frey winkte ihr zum Abschied kurz zu, ehe er sich umdrehte und mit schnellen Schritten den Bootssteg betrat.

Wenige Augenblicke später hatte er das Boot seeklar gemacht und die beiden Tauenden von den Pollern des Steges gelöst. Unter Zuhilfenahme einer kleinen Kurbel zog er das großflächige Segel am Hauptmast empor. Ein leichter östlicher Wind erfasste das graue Leinentuch. Elegant legte die schnittige Rennjacht vom angestammten Platz ab und segelte in Richtung der Seemitte.

Inzwischen befand sich Frey hinten am Heck und korrigierte mit Hilfe der Ruderanlage die Fahrtrichtung des Schiffes. Rasch vergrößerte sich der Abstand zum Ufer. Das prächtige Landhaus der Familie wurde immer kleiner. Dafür wurde jetzt die, mit zahlreichen Büschen und Bäumen bewachsene, Uferlandschaft auf beiden Seiten des Anwesens sichtbar. Jonathan stand aufrecht neben dem Ruder. Er hielt den hölzernen Griff mit der rechten Hand fest und beobachtete den Kreiselkompass. Dann schaute er zum bewaldeten Horizont, der langsam näher kam, lächelte instinktiv und genoss die Ausfahrt in vollen Zügen.

Genau in diesem Augenblick zerriss eine mächtige Explosion das stolze Schiff.

Dort wo eben noch die Yacht mit ihrem imposanten Segel eilig in Richtung Seemitte strebte, stieg nun eine riesige schwarze Wolke in die Höhe. An ihrem unteren Rand loderte eine meterhohe Stichflamme auf. Auf dem Gipfel des Explosionspilzes tanzten, gut erkennbar, zerborstene Wrackteile des Bootes. Als sie ihre maximale Ausdehnung erreicht hatte, fielen zuerst die großen und wenig später die kleineren Teile, auf die Wasseroberfläche zurück. Sie verteilten sich rund um den Ort der Katastrophe.

Jetzt erst hörte man das ferne Donnergrollen der gewaltigen Explosion am Uferbereich. Die Bewohner, aufgeschreckt durch das unheimliche Geräusch, liefen aus dem Haus und sahen mit Entsetzen dem grausigen Finale des Infernos zu. Ohnmächtig mussten sie zusehen, wie die Überreste der einst stolzen Yacht im See versanken.

Nun erkannte Lucie das gesamte Ausmaß dieser menschlichen Tragödie.

»Oh, mein Gott. Hilfe!«, schrie sie mit schreckensweiten Augen.

Ohne nach links und rechts zu schauen, rannte sie zum See. Erst als sie bereits mit der Hüfte im kalten Wasser stand und im Begriff war in Richtung des Katastrophenortes zu schwimmen, holte sie ihr Schwiegersohn ein und nahm sie in den Arm. Sie klammerte sich verzweifelt an ihn und mit tränenüberströmtem Gesicht rief sie: »Jonathan, ist auf dem Schiff. Wir müssen ihn retten!«

Aber Joe schüttelte traurig den Kopf. »Nein, Mum, wir können ihm nicht mehr helfen!« Er hielt seine Schwiegermutter fest umschlungen und geleitete sie langsam zurück zum Ufer.

Aus der Ferne waren Sirenen zu hören, die rasch näher kamen. Einige Polizeiautos bogen, gefolgt von einem Notarztwagen und einem Leiterwagen der Feuerwehr, auf den schmalen Weg, der zum Haus führte ein. Wenige Augenblicke später stoppten die Fahrzeuge mit quietschenden Bremsen direkt vor der großen Holzveranda.

*

Zur gleichen Zeit stand ein junger hochgewachsener Mann, kaum einen Kilometer vom Anwesen entfernt, inmitten eines breiten Schilfgürtels. Mit einem Fernglas beobachtete er aufmerksam die gespenstische Szenerie auf dem See. Nachdem er in den Überresten der Yacht, die noch auf dem Wasser schwammen, keinerlei Lebenszeichen ausmachen konnte, huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht. Dann hörte auch er die schnell näherkommenden Polizeisirenen. Mit paar Handgriffen verpackte er den Feldstecher und verließ langsamen Schrittes den Beobachtungsstandort.

Wenige Minuten später erreichte er das Auto, einen 76’er Chevrolet. Den hatte er versteckt unter einem Baum, neben einer schmalen Straße, geparkt. Rasch stieg der unauffällige Mann ein, startete das Fahrzeug und fuhr gemächlich los. Zwei Stunden traf er, ohne Zwischenfälle, am Grenzübergang Port Huron im Bundesstaat Michigan ein. Danach verliert sich seine Spur in den Weiten Kanadas.

 

8 Stunden später

 

Es war wohl schon nach 3.00 Uhr in der Nacht, da begann das Telefon neben seinem Bett zu klingeln. Unsanft wurde er aus dem Schlaf gerissen. Einen lauten Fluch ausstoßend, richtete sich der großgewachsene Mann schlaftrunken auf. Er knipste die kleine Nachttischlampe an und angelte sich mit der Hand den Telefonhörer.

Mürrisch rief er in die Sprechmuschel: »Ja.«

Am anderen Ende der Leitung flüsterte eine tiefe, ihm wohlbekannte, männliche Stimme: »Jonathan Frey wird Ihnen keine Probleme mehr machen!«

Ungerührt erwiderte er: »Das hoffe ich für Sie. Es hat ja auch lange genug gedauert, bis meine Anweisung erledigt wurde.«

Die Antwort kam leise: »Es gab Schwierigkeiten. Der Mann hatte seine Yacht wochenlang nicht benutzt.«

Er schnitt dem Anrufer das Wort ab und rief erbost: »Ihre Probleme interessieren mich nicht. Wenn Sie einen Befehl erhalten, ist dieser unverzüglich zu erledigen. Ist das klar!«

Einen Moment war am anderen Ende nur das Atmen zu hören, dann murmelte der Gegenüber, dass es kaum zu verstehen war: »Ja, ich habe verstanden. Es wird nie wieder vorkommen.«

Sein Chef nahm das wohlwollend auf. »Das ist gut und auch besser für Sie. Wie weit sind Sie mit Mansfield?«

Der Gesprächspartner räusperte sich, ehe er stolz berichtete: »Der Typ wurde vor 2 Tagen durch ein Geschworenengericht in Grand Rapids schuldig gesprochen.«

»Das hört sich gut an. Was waren die Anklagepunkte?«

»Er wurde wegen Einbruchs und erwiesener Übergabe von gefälschtem Material an die Medien verantwortlich gemacht. Der Richter hat ihn zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.«

Ein Lächeln überzog sein Gesicht. »Phantastisch. Sorgen Sie dafür, dass der Mann diesen Aufenthalt im Staatsgefängnis nicht überlebt.«

»Wird umgehend erledigt.«

Er nickte und versöhnlich meinte er: »Gut. Gibt es sonst noch etwas?«

Der Gesprächspartner hustete kurz, dann fragte mit gedämpfter Stimme. »Was soll mit Vincent DiPietro passieren?«

»Nichts!«

Der andere Herr war erstaunt. »Aha, warum das denn? Er ist doch gestern schon wieder mit einigen Bildern der Viking Sonde an die Öffentlichkeit gegangen. Der Mann kann ziemlich gefährlich für uns werden, wenn er so weiter macht!«

Unwirsch erwiderte er: »Sie stellen zu viele Fragen. Ich warne Sie, das wird irgendwann ihr eigenes Verhängnis sein!«, und mit konzilianter Stimme fuhr er fort: »DiPietro stellt für die Organisation derzeit keinerlei Bedrohung da. Wir wollten, dass er die Aufnahmen findet und veröffentlicht. Auf denen ist sehr wenig zu erkennen, so dass sie absolut nichts beweisen können. Außerdem ist geplant, dass die Verschwörungstheorien des Mannes bald von einigen, angesehenen Wissenschaftlern in der Luft zerrissen werden. Kein wissenschaftliches Institut wird es danach wagen, sich auf die Seite DiPietros zu stellen. Wer will schon ohne Gefahr laufen, jegliche staatliche und wirtschaftliche Förderung zu verlieren.«

Emotionslos fragte der Mitarbeiter nach: »Ich bin trotzdem überrascht, dass er so weitermachen kann, wie bisher. Einen kleinen Denkanstoß hätte er mehr als verdient!«

Gönnerhaft widersprach er dem Wunsch: »Auf gar keinen Fall. Lassen Sie den Mann einfach leben und seine Entdeckung genießen.«

»Gut. Wann möchten Sie wieder von mir hören?«

Der Boss dachte rasch nach, bevor er meinte: »Gar nicht. Wenn es erforderlich ist, kontaktiere ich Sie über die bekannten Kanäle!« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er den Telefonhörer auf.

Längere Zeit blieb er noch aufrecht sitzen und reflektierte nochmals das Gesagte. Dann gab er sich einen Ruck und schaute nachdenklich auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Wenig später knipste er das Licht aus, kuschelte sich unter die Decke. Kurz darauf war wieder eingeschlafen, so als ob nie etwas passiert war. Das nannte man wohl, den Schlaf des Gerechten. Manchmal hatte die Bibel auch mal Recht.

 

September/Oktober 1980

 

Robert Mansfield wurde zur Verbüßung seiner Gefängnisstrafe ins Michigan Staatsgefängnis eingeliefert. Er hatte nur noch 6 Wochen zu leben. Während einer inszenierten Auseinandersetzung wurde der junge Mann durch einen Mithäftling mit einem angespitzten Schraubenzieher schwer verletzt. Er starb nur wenige Stunden später auf der Krankenstation der Haftanstalt.

Die Leiche von Jonathan Frey wurde nie gefunden. Sie war durch die Explosion in kleinste Stücke zerrissen worden und somit blieb sein Grab auch leer.

Eine genaue Ursache für das tragische Unglück konnte nie ermittelt werden. Der Abschlussbericht der Polizei gab als Hauptgrund, einen schadhaften Gummischlauch an, der das Gas von der Druckflasche zum Herd leitete. Nicht beantwortet wurde die Frage, ob die Leitung mutwillig beschädigt wurde oder einfach nur spröde war.

Der Witwe jedenfalls wurde der überraschende Tod des Ehemannes finanziell versüßt. Sie erhielt über 4 Millionen Dollar von der Lebensversicherung des verstorbenen Gatten ausbezahlt. Dazu kamen noch 3000 Dollar monatliche Sofortrente, die sie vom Institut bis zum Lebensende überwiesen bekam. Kurze Zeit später veräußerte sie ihren Grundbesitz in Michigan und zog ins sonnige Florida. Hier kaufte sich die begüterte Frau eine schicke Strandvilla in der Nähe von Fort Lauderdale. Am Strand von West Palm Beach lernte sie ihren zukünftigen Partner kennen, einen bekannten Immobilienmakler.

Da sie den mysteriösen Unfalltod des nun Ex-Mannes ohne weitere Nachforschungen akzeptierte, konnte sie ihr verbleibendes Leben in vollen Zügen genießen und im Jahre 2004 eines natürlichen Todes sterben. Und wie erging es Vincent DiPietro?

Nach der Veröffentlichung des berühmten Bildes mit der Nummer 35A72 erhielt er von unerwarteter Seite Hilfe.

Der Computerspezialist Gregory Molenaar sah zufällig die Fotografie mit dem Kopf. Er war so begeistert, dass er spontan seine Mithilfe anbot.

Gemeinsam entwickelten die beiden Männer das Analyseverfahren Starbust pixel interleaving techniqe - kurz SPIT genannt. Damit wurde die Bildauflösung und Qualität der Aufnahme erheblich verbessert. Jetzt konnten die Wissenschaftler wesentlich mehr Einzelheiten auf dem Foto erkennen.

Als das bearbeitete Bild schließlich veröffentlicht wurde, meldeten sich sofort die Kritiker zu Wort. Sie sprachen von einer optischen Täuschung, hervorgerufen durch Sonnenlicht- und Schattenzonen auf der Felsformation. Alle Bedenken ließen sich natürlich nicht so einfach entkräften, obwohl sie größtenteils haltlos waren. Jeder Amateur konnte das bestätigen. Wer diese Aufnahme näher heranzoomte, sah schnell sehr deutlich, dass weder Augenhöhle, Nasen, Mund noch weitere markante Punkte der Formation auf ein zufälliges Licht- und Schattenspiel zurückzuführen sind.

Um die Kritiker von der Richtigkeit ihrem Standpunkt zu überzeugen, dass ein künstliches Artefakt aufgespürt wurde, fahndeten die Forscher nach anderen Fotos.

Überraschenderweise brauchten die Beiden nicht lange zu suchen. Sie entdeckten im Archiv die Aufnahme 70A13. Das Bild war 35 Tage danach von der Marssonde aufgenommen worden. Bei dieser Fotografie hatten sich die Bedingungen, im Vergleich zum ersten Schnappschuss, grundlegend geändert. Zum einen war die Umlaufbahn von Viking wesentlich niedriger, aber auch der Kamerawinkel, sowie der Sonnenstand waren völlig anders.

Wer jetzt von den Skeptikern hoffte, dass sich das Marsgesicht, wie von ihnen vorausgesagt, in eine natürliche Steinformation verwandelte, wurde bitter enttäuscht.

Stattdessen zeigte die Aufnahme deutlich mehr Einzelheiten des Gesichtes. So wurde eine zweite Augenhöhle erkennbar und der Haaransatz, Pagenfrisur genannt, umrahmte ebenfalls die andere Gesichtshälfte. Sogar eine Kinnlinie war ganz schwach zu erkennen.

Die größte Überraschung bildeten allerdings einige Pyramiden, die sie in 15 km Entfernung entdecken. Sie bemerkten, dass die Außenkanten und Ecken der gefundenen Artefakte auf den Fotos ausnahmslos vollkommen symmetrisch abgebildet sind.

Alles nur Zufall und eine Laune der Natur? Die zwei Lager standen sich in dieser Frage weiterhin unversöhnlich gegenüber.

Um endgültig Gewissheit zu erhalten, wurden die Aufnahmen per Falschfarbencodierung analysiert. Das Resultat war eine Sensation. Das Gesicht war auf beiden Bildern absolut identisch. Die Augenhöhlen bargen zusätzlich Augäpfel inklusive Pupillen, der Haaransatz und der Mund kamen noch wesentlich besser zu Geltung. Obendrein entdeckten die Wissenschaftler eine Träne aus Stein auf der, vom Sonnenlicht, beleuchteten Wange.

Ihre neue Entdeckung kommentierten DiPietro und Molenaar dann auch in einem Interview: »Wenn die vielen frappierenden Einzelheiten dieses steinernen Kopfes sich natürlich formiert haben, muss die Natur selbst ein hochgradig intelligentes Wesen sein.«

Trotzdem glaubten ihnen die Kritiker kein Wort. In wissenschaftlichen Gremien und ausführlichen Abhandlungen in diversen Zeitschriften wurden ihre Ansichten zerrissen und lächerlich gemacht. Die Meinung der meisten Wissenschaftler stand von vornherein und unwiederbringlich fest – das Gesicht und die sogenannten Pyramiden auf dem Mars sind natürliche Geländeerhebungen und sehen nur zufällig künstlichen Gebilden ähnlich.

So schwelte der Meinungsstreit jahrelang und es schien so, als ob die Skeptiker sich durchsetzen würden-wenigstens in der Öffentlichkeit. Genau das aber passte ins Kalkül einer mächtigen Gruppe, die im Hintergrund agierte.

 

Kapitel 2 Apollo 23

 

Januar 1982

 

Auch Anfang der 1980er Jahre hatte die amerikanische Weltraumorganisation NASA weiterhin mit vielen Problemen zu kämpfen. Ihr Hauptproblem war und blieb die finanzielle Ausstattung ihrer geplanten unbemannten Expeditionen. Dabei riefen die aufgenommenen Bilder regelrecht dazu auf, einen neuen Satelliten zum Roten Planeten zu schicken.

Aber zur Überraschung von Kritikern und Befürwortern, passierte lange Zeit in dieser Richtung überhaupt nichts.

Zu mindestens offiziell wurden auch keine weiteren Sonden zur näheren Erkundung der Formation zum Mars geschickt.

Doch im Geheimen war die berühmte Weltraumorganisation in den letzten Jahren keinesfalls untätig gewesen.

Mit Unterstützung des schwarzen Programmes, das mehrere Milliarden Dollar zur Verfügung stellte, konnte ein neues, diesmal militärisches, Projekt in Angriff genommen werden.

Anfang 1982 war es soweit. Als sich ein Startfenster Richtung Mars öffnete, brachte eine Saturn V die bemannte Mission Apollo 23 auf den Weg. Die Aufgabe der drei Astronauten an Bord war klar. Landung in der Nähe des Artefaktes und dessen Erforschung.

*

Rund 6 Monate dauerte die hoch riskante Reise, als sie endlich in eine Umlaufbahn um den kleinen Mars einschwenkten.

In den nächsten Tagen verringerte das Raumschiff, mit jedem Umlauf um den Planeten, kontinuierlich den Abstand zur Oberfläche. Schließlich betrug die Höhe nur noch 80 km. Eine Woche später bestiegen David Miller und John Schweitzer die Landefähre mit der Bezeichnung »Cydonia«. Sie sollte die Beiden genau dorthin bringen, zur sturmumtosten Hochebene gleichen Namens.

An Bord befand sich eine umfangreiche Ausrüstung. Immerhin mussten die Männer einige Monate auf der Oberfläche verbringen, ehe sie wieder zur Erde zurückkehren konnten. Das Fahrzeug, war, im Vergleich zu den anderen Apollo Missionen, sehr geräumig. Insgesamt bestand das Innere aus drei Räumen, ein Schlafbereich, der Wohnbereich und natürlich, ein außerordentlich gut ausgestattetes Labor. Weiterhin führten die Astronauten einen Container, aus widerstandsfähigem Kunststoff, mit. Dieser sollte in der Nähe der Fähre aufgestellt und für die Außenexperimente und die Auswertung genutzt werden.

Obwohl erwähnte Expedition, infolge der kurzen Vorbereitungszeit, mit der sprichwörtlichen heißen Nadel gestrickt war, konnte man der NASA nicht vorwerfen, dass Apollo 23 völlig unvorbereitet zum Mars geschickt worden war. Genau das Gegenteil war der Fall.

Nun kam es auf die drei Männer dieser Mission an, dass die gesteckten Ziele auch erreicht wurden.

Zwei Stunden später setzte die Fähre weich auf der weitläufigen Ebene auf. Es herrschte, für Marsverhältnisse, traumhaftes Wetter. Es war windstill und die Temperaturen lagen mit -1°C nicht übermäßig niedrig, sondern eher schon frühlingshaft.

Nachdem David und John die Raumanzüge angelegt hatten, machten sie sich für den Ausstieg fertig.

 

Juli 1982 – Beginn einer neuen Ära und kaum einer bemerkte es

 

Am 21. des Monats betrat John Schweitzer als erster Mensch den Mars.

Er verzichtete auf heroische Worte, sondern schaute sich stattdessen neugierig um. Am Horizont der sonnenüberfluteten Wüste sah er die Umrisse der mysteriösen Formation. Das war das Ziel ihrer Expedition. Der durchtrainierte Soldat konnte es kaum erwarten, sich auf den Weg dorthin zu machen. Aber alles zu seiner Zeit. Noch war Geduld angesagt und genau das beherrschte er perfekt.

Stattdessen aktivierte er die Sprechverbindung am Helm und sprach den Kameraden, der aus Sicherheitsgründen erst einmal in der Fähre geblieben war, direkt an: »David, die Luft ist rein. Du kannst herauskommen.«

»Witzig!«, kam es zurück. Aber schneller als gedacht, steckte Miller sein Haupt aus der Tür und schaute sich interessiert um. »Sieht ja hier ganz schön eintönig aus«, stellte er nüchtern fest, »nur roter Sand und ein paar Felsen. Also hier möchte ich keinesfalls sterben.«

»Ich glaube, darüber brauchst Du Dir den Kopf nicht zu zerbrechen. Allerdings wirst Du es jetzt hier mit mir einige Monate aushalten müssen!«

In der Tat war ihr Standort nahezu in der Mitte dieses Hochlandes, das den vollständigen Namen Cydonia Mansea trug. Der rötlich gefärbte Boden war fast eben, nur hin und wieder ragten Felsformationen aus der Einöde hervor. Sie verteilten sich in unregelmäßigen Abstand über die gesamte Fläche.

Schweitzer zeigte in Richtung der dunklen Formation. »Das Artefakt ist noch ganz schön weit weg.«

»Ich schätze, das sind 5 Kilometer. Ich vermesse das nachher exakt, wenn ich den Laser aufgebaut habe. Aber jetzt stellen wir erstmal die Außenstation auf.«

Der Kamerad nickte und gemeinsam begannen sie die einzelnen Teile des Containers aus der Fähre zu entladen.

Knapp eine Stunde später konnten sie bereits die Apparaturen im Innern des überraschend großen Behälters aufbauen. Dann stellte David direkt davor den transportablen Laser auf. Der gleiche Typ wird verwendet, um von der Erde aus, ständig die Entfernung zum Mond zu kontrollieren. Mit Hilfe einer Fernbedienung richtete er das Gerät aus, bis es genau in Richtung des mysteriösen Artefaktes zeigte. Anschließend drückte er einen roten Knopf. Es ertönte ein leises Summen, das nach einem Piep Ton verstummte. Beide Astronauten beugten sich über die Digitalanzeige.

David Miller klopfte dem Freund etwas schwerfällig auf die Schulter. Anders ging das mit dem aufgeblähten Raumanzug nicht. »Da hast Du gut geschätzt, John. Es sind genau 5,154 km.«

»Aber für uns wird das eine ganz schöne Tortur sein, den Weg dorthin mit diesen Schutzanzügen zurückzulegen.«

»Das sehe ich auch so. Wir werden wohl ziemlich ins Schwitzen kommen.«

Während der letzten Stunden hatte sich der Sonnenstand merklich verändert. Sie stand bereits tief am Horizont und der sonst rostig orange Himmel wich einer wunderschönen blauen Färbung. Fasziniert schauten die Männer dem Spektakel zu.

Als die kleine Scheibe fast verschwunden war, riss sich John Schweitzer vom Anblick los. »Lass uns Feierabend machen. Es wird hier ganz schnell dunkel werden, « meinte er zu seinem Gefährten.

Der gab ihm Recht. »Wir brauchen jetzt unbedingt eine Ruhepause. Morgen liegt ein beschwerlicher Marsch vor uns. Außerdem musst Du noch beim Kommandanten Bericht erstatten!« Er zeigte lachend nach oben, wo nicht erkennbar, über der dünnen Atmosphäre, Apollo 23 kreiste.

Sein Kamerad zuckte zusammen. »Oh weia, das hätte ich fast vergessen. Also lass uns schnell einsteigen.«

»Ja, gute Idee. Außerdem habe ich einen Riesenhunger und ich möchte endlich aus dem verdammten Anzug raus!«

Mit diesen Worten stapften Miller und Schweitzer zur Landefähre, die ganz in der Nähe stand, und stiegen nacheinander langsam ein.

Währenddessen senkte sich rasch die Nacht über sie herab. Immer mehr Sterne erschienen am Firmament und die von der Erde bekannten Sternbilder suchte man vergebens.

Zwei Stunden später gingen auch im Innern von »Cydonia« die Lichter aus und nur das Blinken des Lasers im Außenbereich zeigte, dass die Sandwüste nicht menschenleer war, wie es auf den ersten Blick schien.

 

3. August 1982

 

Der Sturm wirbelte rötliche Staubwolken auf und trieb sie, in langen Schwaden, über die Hochebene. Die Temperatur lag bei -10°C, Tendenz fallend. Der Grund für diese Kälte war, dass die Sonne immer wieder hinter dem orange- gelblichen Dunstschleier verschwand. Dabei hatte sie es schon so schwer, die dünne Atmosphäre zu erwärmen. Durch die enorme Entfernung war die Scheibe des Heimatsterns nur 62,5% so groß, wie sein Anblick auf der Erde.

David Miller und John Schweitzer standen in der Landefähre und halfen sich gegenseitig, den Raumanzug anzulegen. Aufgrund des schlechten Wetters verspürten sie wenig Lust, zum Artefakt aufzubrechen.

Aber der Befehl, direkt von der Kommandozentrale, war eindeutig. Sofort zum mysteriösen Gesicht aufbrechen und versuchen, den entdeckten Eingang aufzusprengen.

Trotz mehrerer anstrengender Expeditionen dorthin hatten die beiden Astronauten bisher erfolglos nach einem Öffnungsmechanismus gesucht.

Dabei war der Begriff sofort relativ, denn ein Funkspruch vom Heimatplaneten benötigte bei der gegenwärtigen Entfernung rund 14 Minuten und das, obwohl der Befehl mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs war.

Doch das interessierte die Männer derzeit überhaupt nicht. Vor ihnen lag ein beschwerlicher Weg, immer gegen den starken Wind und zu allem Überfluss auch noch bei schlechter Sicht. Ihre Laune war dementsprechend äußerst mies. Aber die Anweisung war unmissverständlich und sie letztlich nur Befehlsempfänger.

Zu guter Letzt schnallte sich Miller einen weißen Tornister um. Die in seinem Innern transportierte Menge Plastiksprengstoff war wichtig, um den Eingang des Artefaktes gewaltsam öffnen zu können. Die chemische Zusammensetzung des eingesetzten Materials war deutlich anders, als auf der Erde. Das lag einfach daran, dass die Marsoberfläche kaum Sauerstoff für die notwendige Verbrennung enthielt. Aufwendige Tests in einem NASA Labor, in dem, die gleicher Atmosphäre erzeugt worden war, bewies eindeutig, dass die geänderten Zusätze, eine zerstörerische Wirkung entfalteten. Nun war der Zeitpunkt gekommen, zu beweisen, ob es tatsächlich so funktioniert.

»Na, dann mal los!« Der Kamerad forderte ihn zum Gehen auf.

Kurz zuvor hatten sie sich bei Ethan Franklin, dem Kommandanten ihrer Apollo Mission, abgemeldet. Dieser umkreiste mit dem Raumschiff in knapp 50 Minuten einmal den Planeten. Auch seine Sicht auf die Landestelle und das Artefakt war, aufgrund der Wetterbedingungen, stark eingeschränkt.

Als sie endlich die Landefähre verließen, wurden sie fast von den ersten Windböen umgeworfen. Aber die Astronauten gaben nicht auf und setzten sich langsam einen Schritt vor den anderen setzend in Richtung des Zieles in Bewegung. Das war allerdings, wegen der aufgewirbelten Sandwolken, nur zu erahnen.

Kurze Zeit darauf waren die immer kleiner werdenden Silhouetten der Männer im rötlich orangenen Dunst verschwunden.

Es sollte ihr letzter Gang werden.

 

3. August 1982, 4 Stunden später

 

Colonel Ethan Franklin, ein stämmiger Schwarzer mit kurzgeschorenen lockigen Haaren, war der Kommandant der Mission.

Als ihm seine Vorgesetzten diesen Posten übertrugen, war er keineswegs begeistert. Die Position des Piloten der Landefähre Cydonia hätte ihm wesentlich besser gefallen, denn eine Landung auf dem Mars war schon ein Kindheitstraum von ihm. Aber Träume sind bekanntlich häufig Schäume und gehen nicht immer in Erfüllung. Stattdessen musste er jetzt in langweiligen und öden Runden den Planeten umkreisen.

Ziemlich genau erinnerte er sich noch an das allererste Gespräch mit General James Stevenson, als hätte es erst gestern stattgefunden.

Zu jener Unterredung wurde er überraschend nach Chantilly in Virginia abkommandiert, in das Hauptquartier des national Reconnaissance Office kurz NRO. Für diesen Militärnachrichtendienst, der als Bundesbehörde der USA fungierte und zumindest offiziell dem Verteidigungsministerium unterstellt war, arbeiteten einige tausend Mitarbeitern der CIA und des Militärs eng zusammen.

Der General stellte sich als Leiter einer hochgeheimen Operation vor und versuchte alles, ihm einen außergewöhnlichen Job schmackhaft zu machen. »Colonel, Sie sind förmlich prädestiniert für Aufgaben bei der NRO!«

»Warum ich, Sir? Es gibt doch bestimmt bessere Leute.«

Der Vorgesetzte schüttelte entschieden den Kopf. »Das war jetzt ein Witz oder Franklin?«

»Nein, Sir. Aber ...«, wollte der Angesprochene gerade erwidern.

Der General schnitt ihm das Wort ab. »Als langjähriger Kommandeur der Wright Patterson Air Base, wissen Sie ganz genau, was es heißt im, Verborgenen zu arbeiten. Des Weiteren sind Sie über 5000 Flugstunden mit verschiedenen Kampfjets geflogen. Außerdem haben Sie als erster Testpilot, die F117A auf der Area 51 auf Herz und Nieren überprüft. Ist das richtig so, Colonel?«

Der Angesprochene nickte schnell. »Das ist korrekt, Sir!«

»Gut, Ethan. Sie sind unser Mann!«

»Wenn Sie meinen Sir! Um was geht es überhaupt, falls die Frage gestattet ist?«

Stevenson lachte kurz auf. »Selbstverständlich ist es erlaubt. Sie fliegen zum Mars!«

»Zum Roten Planeten, General? Das ist reichlich weit weg!«

Schmunzelnd schlug ihm der Vorgesetzte auf die Schultern. »Um genau zu sein, zwischen 50 und knapp 400 Millionen km«, und mit ernster Miene fuhr er fort, »Sie haben sicherlich schon einmal vom Marsgesicht gehört.«

»Ja, das ist korrekt, Sir. Aber hat die NASA nicht erklärt, dass es nur eine Felsformation ist?«

»In der Tat, das hat sie. Jedoch nur für die Medien und die Öffentlichkeit. Und jetzt, mein Lieber, kommen wir ins Spiel.«

Der Colonel schaute ihn neugierig an. »Wollen Sie damit sagen, dass dieses Artefakt tatsächlich existiert und kein Hirngespinst ist, Sir?«

»Genau das habe ich mit der Antwort bezweckt, Franklin. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine künstliche Struktur.«

»Außerirdische, General?«

Der Angesprochene sah ihn nachdenklich an. »Das wissen wir derzeit nicht mit Bestimmtheit. Das sollen Sie und Ihre Besatzung herausfinden!«

»Was ist meine Aufgabe, Sir?« Franklin schaute seinen Vorgesetzten fragend an.

»Sie sind der Kommandant der Mission und das heißt, Sie fliegen mit zwei weiteren Kameraden zum Mars. Dort steigen die anderen Beide in eine Landefähre um, landen auf dem Planeten und erkunden das Artefakt.«

Dem Colonel sah man die Enttäuschung förmlich an. »Wenn ich schon so lange im Sonnensystem unterwegs bin, dann möchte ich auch gerne die Oberfläche betreten, Sir.«

Der Vorgesetzte hob bedauernd die Schultern. »Das kann ich zwar gut verstehen, aber als Kommandant ist Ihr Platz in der Umlaufbahn. Sie fungieren als wichtige Relaisstation und sind Hauptansprechpartner im Funkverkehr zwischen uns und den Astronauten auf dem Mars. Außerdem tragen sie die alleinige Verantwortung für das Gelingen der gesamten Expedition.«

»Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, dass ich als Pilot der Landefähre eingesetzt werde?« Franklin versuchte alles, dass sein Traum vielleicht doch noch Wirklichkeit wird.

Stevenson ließ diesen Wunsch platzen. »Keine Chance, Ethan. Erstens sind die einzelnen Positionen schon vergeben und zweitens sind Sie der Ranghöchste. Damit ist Ihr Amtssitz das Raumschiff. Wie ich finde, eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe.«

Die eindeutige Anweisung hatte gesessen und der Colonel musste das Gehörte erstmal sacken lassen. Deshalb dauerte es einen Augenblick, ehe er die Sprache wiederfand. »Wann geht es eigentlich los, Sir?«

»In rund 2 Jahren öffnet sich ein Startfenster zum Mars, weil der Planet dann der Erde sehr nahe kommt. Bis dahin haben Sie eine umfangreiche Ausbildung bei der NASA. Sie unterliegen aber weiterhin der höchsten Geheimhaltungsstufe. Was das für Sie bedeutet, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen, Colonel. Sie haben bereits eine hohe Sicherheitsfreistellung, die mit dieser Mission sogar noch erweitert wird!«, der Vorgesetzte hielt kurz inne und schaute den Unterstellten nachdenklich an, ehe er mit leise Stimme abschloss: »Bis hierher irgendwelche Fragen, Franklin?«

Der Angesprochene nahm Haltung an, ehe er zackig antwortete: »Zurzeit keine, General. Vielleicht später.«

Stevenson hatte nichts anderes erwartet. »Gut. Dann entlasse ich Sie jetzt. Mein Büro wird sich um alles Weitere kümmern. Die Mitarbeiter werden kurzfristig an Sie herantreten und das übrige Prozedere abstimmen.«

Statt zu antworten, nickte Franklin nur und gab so zu verstehen, dass er verstanden hatte.

Auch der General merkte, dass sämtliche Dinge angesprochen und geklärt waren. Deshalb streckte er zum Abschied die Hand aus, die sein Gegenüber sofort ergriff.

Während die Männer, sich wie zwei Freunde verabschiedeten, meinte er: »Willkommen im Team, Colonel. Und machen Sie uns keinen Ärger!«

»Sie können sich auf mich verlassen, Sir!«

*

Dieses, letztlich entscheidende, Gespräch war jetzt 2 Jahre her. Es hatte das Leben von Ethan Franklin komplett auf den Kopf gestellt. Kurze Zeit später begann die harte Astronautenausbildung bei der NASA, die er nach knapp 15 Monaten erfolgreich abschloss. Dann musste die dreiköpfige Crew wochenlang warten, bis sich endlich das Startfenster zum Mars öffnete und der gefährliche Flug zum Roten Planeten beginnen konnte. Glücklicherweise verlief die Reise dorthin ohne nennenswerte Vorkommnisse. ...

Nur langsam kehrten seine Gedanken in die Realität zurück und die hieß Apollo 23.

Franklin gab sich einen Ruck und beobachtete konzentriert die Instrumententafel, die vor ihm angebracht war. In unterschiedlichen Farben leuchteten mehrere Lämpchen auf. Aber trotz dieses bunten Durcheinanders gab es keinen Grund zur Sorge. Aufmerksam schaute der Astronaut auf die Digitalanzeige, die direkt über ihn, die Zeit anzeigte. Er hatte noch einige Augenblicke Ruhe.

Erst in genau zehn Minuten wird die Kapsel den Funkschatten des Planeten verlassen und er konnte an die Kommandozentrale den täglichen Bericht übermitteln. Aber dann veränderte sich plötzlich alles.

 

Inferno

 

Als Apollo 23 direkt über dem Landeplatz der Fähre hinweg flog, leuchtete ein greller Blitz im gelb orangenen Dunst auf.

Franklin wusste natürlich, was das bedeutete. Die Kameraden hatte das Eingangsportal gesprengt.

Aber was war das?

Ziemlich verwundert beobachtete der Kommandant, dass die Flammen der Explosion, keinesfalls, wie geplant, erloschen, sondern sich rasend schnell kreisförmig ausbreiteten.

Hilflos musste er mit ansehen, dass die Flammenfront, das gesamte Artefakt erfasste und gleichzeitig sehr zügig in Richtung des Landeplatzes der Fähre unterwegs war. Er hoffte inständig, dass sie vorher ausging. Aber alle seine Stoßgebete nutzten nichts.

Zwei Minuten später trat die Katastrophe ein. Ein tiefrot leuchtender Explosionspilz stieg auf und erlosch ziemlich schnell. Stattdessen quollen schwarze Rauchwolken auf und wurden durch den anhaltenden Orkan mitgerissen. Die Landefähre war detoniert.

Geschockt klammerte sich Ethan Franklin an die Armatur. Er konnte das hautnah Miterlebte nicht verstehen. Was war schief gelaufen?

Mit einem Satz war er am Funkgerät und versuchte, eine Verbindung zum Außenteam herzustellen. Aber so oft er auch die Kameraden rief, es kam keine Antwort. Nur ein Rauschen, Fiepen und Knattern war im Lautsprecher zu hören.

Allmählich begann der Colonel zu ahnen, dass die Mission zu einem Desaster geworden war, die zwei Todesopfer gefordert hatte.

Doch, wie soll es jetzt weitergehen?

Er rief sich innerlich zur Ruhe, atmete mehrmals tief durch.

Schließlich hatte er sich so weit gefangen, dass er das Hauptquartier in Chantilly per Funk von der Katastrophe unterrichten konnte.

Die Anlage, die er nutzte, verfügte über eine Richtantenne mit einem Durchmesser von 4 Metern. Sie war so aufgebaut, dass sie automatisch oder manuell per Hand direkt auf die Position der Erde einzustellen war. Dabei erfolgte die Übertragung im X-Band auf einer Frequenz von 8 GHz, mit einer Leistung von 500 Watt.

Natürlich war diese Verbindung verschlüsselt. Den dazu verwendeten Algorithmus hatte, nicht überraschend, die NSA zu der Geheimmission beigesteuert. Die Verantwortlichen waren davon überzeugt, dass der Code auf gar keinen Fall zu knacken war.

Mit noch etwas zitternden Händen tippte Franklin die richtige Wellenlänge ein.

Dann konzentrierte er sich, platzierte das Mikrofon direkt vor dem Mund und informierte die Agentur kurz und knapp über die Katastrophe.

Als er das erledigt hatte, stellte er das Gerät auf Empfang und schaute aus dem seitlichen Fenster. Die rötliche, von einigen Meteoriten-kratern, übersäte Oberfläche, zog langsam vorbei.

Plötzlich stöhnte er, wie vom Blitz, getroffen auf. Jetzt erst realisierte der Colonel, dass er die Mitteilung umsonst gesendet hatte. Apollo 23 war bereits wieder in den Funkschatten vom Mars eingetreten. Nun musste er noch 45 Minuten warten, ehe er einen neuen Versuch zur Kontaktaufnahme starten konnte.

 

23. August 1982

 

Der Befehl von General James Stevenson, den Ethan Franklin gerade erhalten hatte, war eindeutig.

Apollo 23 sollte nach weiteren acht Umläufen den Orbit verlassen und zur Erde zurückkehren. Der neue Kurs war von Experten der NRO und NASA berechnet worden. Es war geplant, die Flugroute, in der darauffolgenden Stunde, automatisch in den Bordcomputer zu überspielen.

Der Kommandant hatte danach nur noch zwei Handgriffe, den Autopiloten einzuschalten und das Triebwerk zu starten.

Um die Umlaufbahn des Mars verlassen zu können, musste eine Geschwindigkeit von 5,02 km/s überboten werden. Zu diesem Zweck war vorgesehen, dass die Kapsel insgesamt 3 Minuten lang beschleunigt wird. Erst dann hatte sie ihre endgültige Reise-geschwindigkeit von 10,83 km/s erreicht.

Der Colonel hatte Bedenken geäußert, dass der Treibstoff eventuell nicht reichen würde. Als Begründung führte er an, dass sich der Abstand zur Erde mittlerweile auf 180 Millionen Kilometer vergrößert hatte.

Der Vorgesetzte konnte ihn beruhigen. »Selbstverständlich wird die Rückreise, wegen der größeren Entfernung, länger dauern. Aber Sie können unbesorgt sein. Die noch vorhandene Treibstoffreserve ist ausreichend, knapp zwar, doch ich kann versprechen, sie wird reichen.«

»Wie viele Tage wird sich der Rückflug unterm Strich hinziehen, Sir?«, fragte Franklin interessiert. Er dachte mit Grauen daran, dass er jetzt etliche Monate zum Nichtstun verurteilt war und hoffte, dass ihm nicht zu viel Reisezeit zusätzlich aufgebürdet wurde.

Obwohl er ungeduldig war, musste er auf eine Antwort warten. Erst 11 Minuten später kam eine weitere Information per Funk herein.

Im Knattern und Pfeifen der Störungen war General Stevenson trotzdem gut zu verstehen. »Das Raumschiff wird mit insgesamt 39000 km pro Stunde unterwegs sein und der Erde hinterherfliegen. Dadurch verlängert sich der Reiseweg auf 200 Millionen km. Das heißt, wenn alles planmäßig verläuft, erreichen Sie in 214 Tagen die Erdumlaufbahn. Nach sechs Umläufen werden Sie dann im Pazifik in der Nähe von Hawaii eine hoffentlich perfekte Notwasserung hinlegen.«

»Ich gebe mir die größte Mühe, Sir. Darauf können Sie sich verlassen!«, war seine knappe Antwort.

Kurze Zeit später trat die Kapsel wieder in den Funkschatten des Planeten ein und die Funkverbindung wurde unterbrochen. Aber es war auch alles gesagt.

 

23. August 1982, 13.38 Uhr Marszeit

 

Der Computer zählte mit blecherner Stimme den Countdown herunter:

»10, 9«

Colonel Ethan Franklin, der seinen Raumanzug angelegt hatte, lag festgeschnallt im Kommandantensessel. Wenn er nach links schaute, konnte er aus dem Fenster schauen. Noch glitt die rötliche Oberfläche des Mars langsam an ihm vorüber. Aber er war froh, dass es jetzt endlich losging.

»8, 7, 6«

In diesem Augenblick kam er am Ort der Katastrophe vorbei. Trotz des wochenlangen Sandsturmes war das verbrannte schwarze Areal noch immer zu sehen. Doch der einzige Überlebende der gescheiterten Mission wusste, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis alles wieder so aussah, als hätte es nie ein Feuerinferno in der trostlosen Hochebene gegeben.

Das rätselhafte Gesicht wurde sichtbar. Allerdings war das Artefakt kaum als solches zu erkennen, weil die gesamte Fläche zusammengebrochen und unter einer dicken Sandschicht verborgen war.

Zum x-ten Mal fragte sich der Colonel: »Was war auf der Oberfläche geschehen?«

Aber er fand keine befriedigende Antwort.

»5, 4, 3«

Auch die Operationszentrale auf der Erde konnte sich die, außer Kontrolle geratene, Explosion nicht erklären. Dass es am eingesetzten Sprengstoff gelegen hatte, wurde entschieden verneint.

Immer wieder hatte Franklin das Gebiet mit verschiedenen Filtern fotografiert und die Bilder zur Auswertung direkt zur NRO geschickt. Aber nie kam eine Rückantwort, die Licht ins Dunkle brachte. Entweder die Experten fanden keinen zufriedenstellenden Grund für das Desaster oder man wollte ihn nicht beunruhigen.

»2, 1«

Franklins Gedanken schweiften ab. Vielleicht gab es einen Sicherheitsmechanismus unmittelbar am Artefakt. Der wurde ausgelöst, als die Kameraden versuchten, das Eingangsportal aufzusprengen?

Er nickte bei dieser Erkenntnis. Das könnte die Lösung sein. Er schüttelte instinktiv den Kopf und korrigierte die bittere Wahrheit, als er leise murmelte: »Nein, das ist sie.«

Die Kollegen waren die Ursache für die Katastrophe. Das musste er jetzt erst einmal verdauen.

»Start!«

Abrupt wurde er aus den Gedanken gerissen. Ein leichter Ruck ging durch das Raumschiff. Das Triebwerk hatte gezündet. Bedächtig drehte sich Apollo 23 mit der Spitze voran, von der Oberfläche weg.

Er warf einen nachdenklichen Blick auf den Roten Planeten, der langsam aus dem Gesichtsfeld verschwand. Dann war auch der letzte Zipfel des Mars aus dem Fenster verschwunden. Stattdessen erschienen bereits die ersten Sterne. Sie würden ihn begleiten, auf seinen einsamen Flug zurück zur Erde.

 

104 Tage nach dem Abflug, an Bord von Apollo 23

 

97.344 Millionen Kilometer hatte das Raumschiff nach seinem Abschied vom Mars schon zurückgelegt.

Für Ethan Franklin waren es größtenteils langweilige Tage gewesen. Stunden verbrachte er mit der eintönigen Bordroutine. Zwischendurch meldete er sich in regelmäßigen Abständen bei der Operations-zentrale. Aber es gab dabei nicht viel Neues zu berichten. Immerhin verkürzte sich der Zeitraum zwischen den einzelnen Nachrichten bereits auf 5 Minuten und 41 Sekunden. Natürlich kam trotzdem keine flüssige Unterhaltung zustande, weil man doch länger auf eine Antwort des Anderen warten musste.

Alle Systeme arbeiteten normal und der programmierte Kurs zur Erde wurde eingehalten.

Manchmal, wenn es seine Zeit erlaubte, beobachtete er mit einem fest montierten Teleskop, den ständig kleiner werdenden Mars. Wegen der geringen 28fachen Vergrößerung konnte der Colonel immer weniger Einzelheiten auf der Oberfläche erkennen. Deutlich sichtbar waren nur die beiden Polkappen, einige besonders mächtige Einschlagskrater und der Vulkan Olympus Mons. Speziell die vereisten Polen faszinierten ihn. Sie bestanden zur Hälfte aus Wassereis, und aus kondensierendem Kohlendioxid. Durch die Jahreszeiten bedingt, veränderte sich die Vereisung beträchtlich, wobei sie im Sommer die geringste Ausdehnung hatte.

Manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß wurde, schaute er auf die näher kommende Erde. Die blaue Färbung des Planeten sah schon jetzt phantastisch aus. Franklin konnte es kaum erwarten, wieder seinen Fuß auf die wunderschöne Heimatwelt zu setzen. Aber noch musste er Geduld haben, obwohl ihm das immer schwerer fiel, je länger die Reise dauerte.

Mit einem Seufzen löste er sich vom Anblick und schwebte mit einem leichten Schwung zu einem kleinen Schrank. Dem entnahm er einen Trainingsanzug und zog ihn schnell an. Wie üblich, »durfte« er jetzt 90 Minuten Sport treiben und das täglich. Das Trainingsprogramm war wichtig, damit sich die Muskeln, in der ständigen Schwerelosigkeit, nicht zu stark zurückbildeten. Große Lust zur Körperertüchtigung hatte er nicht. Aber er hatte keine andere Wahl.

Im nächsten Raum war ein Hometrainer auf dem Boden befestigt. Auf diesen setzte er sich, und stülpte einen Kopfhörer über. Es war immer besser, bei der anstrengenden Tätigkeit, ein wenig Musik zu hören. So verging die Trainingszeit auch wesentlich schneller. Dann begann er langsam die Pedale zu bewegen, beschleunigte rasch, bis er ab einer bestimmten Geschwindigkeit gleichmäßig trat. Jetzt hatte er noch 89 Minuten schweißtreibende Arbeit zu bewältigen.

 

... zur gleichen Stunde im NRO Hauptquartier in Chantill

 

General James Stevenson saß in seinem Dienstzimmer und spielte gedankenverloren mit einem Bleistift. Er war ziemlich unzufrieden mit der derzeitigen Situation. Die Katastrophe auf dem Mars hatte alle Pläne der Organisation über den Haufen geworfen. Sehr häufig spürte er die Blicke der Mitarbeiter, die zu fragen schienen. Wie geht es jetzt weiter?

Aber er hatte nicht eine tröstende Antwort parat. Er musste sich selbst ehrlich eingestehen, dass die Mission wohl doch zu überstürzt geplant war und sie das Raumschiff, ohne wichtige Tests, »auf Teufel komm raus« losgeschickt haben. Die Risiken des Fluges wurden anscheinend völlig falsch eingeschätzt. Das Schlimmste an der ganzen Sache war, es gab keinen Plan B. Dies war für den selbstbewussten Offizier eine ziemlich bittere und schmerzliche Erkenntnis.

Denn weder NRO, noch die NASA hatten eine weitere Apollo Kapsel in Reserve, die umgehend, als Rettungsmission, in Marsch gesetzt werden konnte. Es gab nur den einen Versuch und der war gründlich gescheitert.

Aus Angst vor einer Entdeckung der Marsmission hörten die Geheimdienste, seit dem Beginn der Mission, den Funk-und Telefonverkehr der anderen Weltraumnationen ab. Ihr spezielles Interesse richtete sich auf die Sowjetunion. Mit diesem kommunistischen Land befanden sich die USA in einem ständigen Wettstreit im Weltraum.

Den Wettlauf zum Mond hatte sie klar vor den Russen gewonnen. Ob das erstmalige Betreten des Mars durch zwei Amerikaner allerdings ein Erfolg war, musste im Nachhinein stark bezweifelt werden.

Aus Angst vor Entdeckung war der Kontakt zum Raumschiff auf das Mindeste beschränkt und gleichzeitig verschlüsselt worden. Trotzdem konnten Spezialisten die gesendeten Nachrichten natürlich auch dechiffrieren, wenn sie die richtige Ausrüstung zur Verfügung hatten.

Der General überflog den Text der täglichen Sicherheitslage, die direkt vor ihm auf seinem Schreibtisch lag. Aber im Geheimbericht stand, dass es keinerlei Veränderungen im Brief, Funk-und Telefonverkehr der betreffenden Länder gab.

Stevenson atmete hörbar auf. Das war immerhin eine gute Nachricht.

»Jetzt müssen wir nur noch Colonel Franklin wieder gesund und unbemerkt nach Hause bekommen!«, sagte er leise zu sich.

Wie das funktionieren sollte, war derzeit völlig unklar. Der Luftraum der Erde wurde von den einzelnen Atommächten, aus Angst vor einem überraschenden Angriff, sehr streng überwacht. Die in die Atmosphäre eintretende Apollo Kapsel würde mit größter Wahrscheinlichkeit registriert und die Landung aufgezeichnet werden und das hätte diplomatische Folgen.

Vermutlich muss dann der US-Präsident vor der UNO Rede und Antwort stehen und öffentlich versprechen, dass die USA nicht gegen den ausgehandelten Atomwaffensperrvertrag verstoßen hat.

Der Clou dabei war, dass der wichtigste amerikanische Repräsentant überhaupt nicht über die Mission informiert worden war. Das hielten die verantwortlichen Kreise für nicht erforderlich. Ein Präsident war nur maximal 8 Jahre im Amt und für diese kurze Zeit erhielt er nicht die höchste Sicherheitseinstufung des Landes.

Das war letztlich einer der Gründe, warum hochrangige Politiker bestimmte Bereiche der Wright Patterson Air Force Base und andere geheime militärische Installationen niemals betreten durften.

Die Gedanken des Generals kehrten zum eigentlichen Thema zurück. Wie bekommen wir eine sichere Rückkehr von Franklin auf die Erde hin? So sehr er auch grübelte, er fand darauf keine Antwort – vorerst.

Frustriert zerbrach er den Bleistift, den er noch in der Hand hielt, in zwei Teile und warf die Stücke auf den Schreibtisch.

In diesem Moment klingelte sein Telefonapparat. Aber es war nicht das, was er für normale Dienstgespräche nutzte. Es handelte sich um das sogenannte »rote« Telefon, das ihn mit den hochgeheimen Kreisen verband, die weit über dem Präsidenten standen. Sie sind es, die letztlich die Entwicklung des Landes bestimmten und regelten. Der Apparat hatte bisher erst einmal geklingelt und das war schon eine Weile her.

Überrascht nahm er ab und meldete sich: »Ja, hier Stevenson.«

»Hallo, General. Wie geht es Ihnen?«

Die Stimme war ihm wohlbekannt, obwohl er mit diesem Mann seit Langem nicht mehr gesprochen hatte.

»Sehr gut, Sir und Ihnen?«

Sein Gegenüber lachte kurz auf. »Danke der Nachfrage. Alles bestens!« Dann wechselte er abrupt das Thema. »Sprechen wir über eine gesicherte Leitung?«

»Selbstverständlich, Sir!«

»Ausgezeichnet. Kommen wir mal zum eigentlichen Problem. Wie ist der letzte Stand der Mission?«

Stevenson holte tief Luft, ehe er antwortete: »Colonel Franklin befindet sich seit 104 Tagen auf dem Rückflug. Sämtliche Bordsysteme arbeiten normal und die körperliche Verfassung des Astronauten ist mehr als zufriedenstellend.«

»Schön zu wissen, General. Dann verläuft ja alles in geregelten Bahnen!«, kam es heiser aus dem Hörer.

»Kann man so sagen!«, erwiderte der Offizier zurückhaltend. Er grübelte seit geraumer Zeit, was der eigentliche Zweck des Anrufes war. Das sollte er jetzt endlich erfahren.

»Wie viele Kilometer ist das Raumschiff, mit Franklin an Bord, noch von der Erde entfernt?«

Nervös kramte Stevenson in seinen Unterlagen. Er wollte sich nicht blamieren. Schließlich hatte er das Betreffende gefunden. »Es sind mit heutigem Stand circa 103 Millionen km bis nach Hause, Sir.«

»Das hört sich gut an.«

Etwas irritiert fragte er: »Warum, wenn ich fragen darf?«

»Nun«, begann der geheimnisvolle Unbekannte, »die Entfernung ist perfekt. Apollo ist glücklicherweise sehr weit von der Erde entfernt und wird hoffentlich auch nicht entdeckt werden. Was sagt die NSA, General? Haben unsere Gegner bereits Lunte gerochen?«

Stevenson konnte den Gesprächspartner beruhigen. »Nein, Sir. Still ruht der See. Weder die Sowjets, noch die Europäer, Chinesen und die anderen Länder haben bisher diese Mission aufgespürt!«

»Gut, gut und so soll es auch bleiben, nicht wahr?«, kam es gelassen zurück.

Der General nutzte die Gelegenheit, um seine Sorgen mitzuteilen. »Die Heimkehr des Raumschiffes macht mit Bauchschmerzen, Sir.«

»Nicht nur Ihnen, uns ebenso!«

»Haben Sie vielleicht eine Idee, damit alles unbemerkt über die Bühne gehen kann, Sir?«

Der mysteriöse Gesprächspartner schwieg einen kurzen Moment. Dann hörte der Leiter der Operationszentrale wieder seine ruhige Stimme: »Ja, wir werden dagegen einiges tun.«

»Und was wollen Sie unternehmen, Sir?«, der General war neugierig.

»Haben Sie etwas zu schreiben da?«

»Selbstverständlich!« Er nahm einen leeren Block und schlug die erste Seite auf. »Bin bereit, Sir!«

»Sehr gut. Notieren Sie sich bitte folgende Zahlen inklusive Bindestriche. 50231-69034-03681-04563-36839. Haben Sie alle Ziffern?«, fragte er, als er die gesamte Zahlenfolge durchgegeben hatte.

»Ja und was solle ich jetzt damit machen, Sir?« Stevenson hatte ein beklemmendes Gefühl. Er wusste nicht warum. Allerdings spürte er, dass hier etwas grundlegend anders lief, wie er es persönlich wollte. Jedoch waren derzeit die Rollen ungleich verteilt. Er ist in diesem Moment nur der Befehlsempfänger und hatte den Anweisungen Folge zu leisten. Ohne Wenn und Aber. Das kam außerordentlich selten vor.

»Ganz einfach, General. In exakt vier Stunden übermitteln Sie den genannten Code direkt an den Bordcomputer von Apollo.«

»Jawohl, Sir! Soll Colonel Franklin über die Einspeisung der Daten informiert werden?«

»Nein, das ist nicht nötig!«, kam umgehend die Anweisung, die keinen Widerspruch duldete.

»Darf ich eine Frage stellen, Sir?«

»Natürlich, fragen Sie ruhig!«, ermunterte ihn sein Gegenüber.

»Was möchten Sie mit dieser Datenübertragung eigentlich bezwecken?«

Für einen kurzen Moment war es still, ehe die Stimme mit einem drohenden Unterton flüsterte: »Tut mir leid. Sie bekommen von mir keine konkrete Antwort. Machen Sie nur ihren Job und übermitteln Sie die Daten. Tja, und dann warten Sie ab!«

Stevenson gefiel die gesamte Sache überhaupt nicht. Aber er musste sich zähneknirschend fügen. »Ich habe verstanden, Sir. Was kann ich sonst für Sie tun«, beeilte er sich, zu fragen.

»Das wäre alles, General. Führen Sie einfach die Instruktionen aus. Wir werden uns später wieder bei Ihnen melden. Schönen Tag noch.«

Ehe er reagieren konnte, hatte der mysteriöse Anrufer bereits aufgelegt. Leicht verunsichert schaute er auf den Hörer in der Hand. Dann legte er den Telefonhörer nachdenklich auf die Gabel zurück und stand auf. Langsam ging er zu seiner Bar und schenkte sich aus einer Kristallkaraffe einen Whisky ein. Er roch kurz an der goldfarbenen Flüssigkeit und stürzte den seltenen Single Malt in einem Schluck hinunter.

Den hatte er nach diesem Gespräch bitter nötig. Als er das Glas geleert hatte, warf er den Tumbler wütend an die Wand, wo er in viele Einzelteile zersplitterte.

Den Pakt mit dem Teufel fand Stevens einfach nur frustrierend. Aber wie wird man die Geister los, die man irgendwann gerufen hatte? Darauf gab es keine befriedigende Antwort. Der Spruch »Mitgehangen, mitgefangen« war für den altgedienten Offizier aktueller denn je.

 

102 Millionen km von der Erde entfernt, an Bord von Apollo 23

 

Ethan hatte das Trainingsprogramm auf dem Hometrainer absolviert. Er konnte beruhigt feststellen, dass seine Kondition, trotz des langen Aufenthaltes in der Schwerelosigkeit, außerordentlich gut war. Auch der Blutdruck bewegte sich im normalen Rahmen.

Nachdem er den Trainingsanzug ausgezogen hatte, wischte sich der nun nackte Mann mit einigen Feuchttüchern den Schweiß vom Körper. Erst dann zog er saubere Kleidung an und zog abschließend den Reißverschluss der Jacke bis knapp unter das Kinn.

Plötzlich begann sein Magen zu knurren und erinnerte daran, dass es Zeit für das Mittagessen war. Oh, das hätte er fast vergessen. Aber durch Wissenschaftler wurde bereits nachgewiesen, dass Astronauten in der Schwerelosigkeit viel weniger Hunger verspürten, als auf der Erde. Dem Colonel ging es da kaum anders.

Mit einem leisen Seufzen öffnete er eine Klappe an der Seitenverkleidung des Raumschiffes. Dahinter befanden sich, ordentlich gestapelt und festgezurrt, dutzende Behälter. Sie enthielten Trockennahrung unterschiedlichen Couleurs und Geschmacks-richtung.

Mit etwas Wasser vermengt und gut durchgeschüttelt ergab das eine leidliche Astronautennahrung, die nicht an eine drei Sterne Küche erinnerte. Aber der Hunger zwang das Essen halt rein.

Er entschied sich für einen Eintopf. Als das Trockenkonzentrat mit der Flüssigkeit vermischt und kräftig geschüttelt war, drückte der Astronaut den Brei langsam durch eine kleine Öffnung in den Mund.

»Was war daran Gulaschsuppe?«, fragte er leicht angeekelt, nachdem er den ersten Bissen heruntergeschluckt hatte. Es schmeckte eher wie Pappe oder Tapetenkleister.

Nach dem »üppigen« Festtagsmahl ruhte er sich, angeschnallt, auf einer Hängematte aus.

Unterdessen raste Apollo 23 mit 39000 km/h der Erde entgegen. Aber diese Geschwindigkeit war im Weltall ehe ein Schneckentempo und man musste schon genau hinsehen, um in der Umgebung Veränderungen wahrzunehmen.

Nachdem der stämmige Mann eine Weile vor sich hingedöst hatte, beschloss er aufzustehen.

Franklin checkte den Bordcomputer, ob neue Daten von der Operationszentrale überspielt worden waren. Aber es gab nicht eine einzige Modifikation, alles war in bester Ordnung.

Jetzt war auch die Zeit gekommen, um wieder Kontakt zur Heimat auf zunehmen.

Er stellte die vereinbarte Frequenz ein und ergriff das Mikrofon. »Hallo Erde, hier ist Apollo 23. Es gibt keine besonderen Vorkommnisse. Berechneter Kurs wird exakt eingehalten. Derzeitige Entfernung bis zum Einschwenkpunkt in die Erdumlaufbahn 102 Millionen km. Erwarte die nächsten Instruktionen. Over!« Nachdem er den Bericht durchgegeben hatte, betätigte einen Kippschalter und ging auf Empfang.

Nun hieß es knapp 5 Minuten und 30 Sekunden warten, bis endlich eine Rückmeldung kommen würde.

Die Zeit verging ziemlich schnell. Kurz bevor der Frist abgelaufen war, schob er den Regler der Lautsprecher hoch. Ein kosmisches Knattern und Rauschen erfüllte den Raum. Sonst war nichts zu hören. Geduldig wartete er weitere drei Minuten, aber eine Antwort blieb aus.

»Was war los?«, fragte sich Ethan Franklin. Gab es irgendwelche Probleme? Die gab es bis jetzt noch nie, denn bisher hatte jede Kontaktaufnahme geklappt.

Nervös geworden, wechselte er auf die Notfrequenz. Doch auch hier konnte er nur die Störgeräusche aus dem Weltall vernehmen.

Zehn Minuten später wiederholte er seine Nachricht. Diesmal zur Sicherheit auf beiden Frequenzen.

Nach schier endlosen weiteren Minuten entschloss er sich, einfach erst einmal abzuwarten. Vielleicht gab es ja Probleme mit der Verschlüsselung. Während der Colonel noch darüber nachdachte, warum der Kontakt gescheitert war, passierte plötzlich doch etwas.

Der Bordcomputer begann zu arbeiten. Wahrscheinlich erhielt er endlich eine Nachricht von der Erde. Ein wenig überrascht drehte er sich um. Franklin sah mit einem Blick, dass die blaue Digitalanzeige eingeschaltet war und wie von Zauberhand geschrieben, eine Zahlenkolonne aufleuchtete:

50231

»Was ist das denn?«, murmelte er leise. Diesen Code kannte er überhaupt nicht. Wahrscheinlich hatte er die Kennung oder was es auch immer war, im Verzeichnis einfach übersehen? Während er noch grübelte, erschienen weitere Ziffern. Als das Display mehrere Zeichenfolgen anzeigte, endete die Datenübermittlung abrupt.

Neugierig betrachtete der Astronaut die Zahlen, die vor ihm aufleuchteten.

50231-69034-03681-04563-36839

Er konnte überhaupt nichts mit ihnen anfangen. Rasch nahm er das dicke Verzeichnis in die Hand und blätterte wahllos darin herum. Aber so sehr er auch suchte, er fand keinen Hinweis oder Vergleichbares.

»Was soll das?« Frustriert wollte er den Wälzer auf den Fußboden werfen. Doch das funktionierte in der Schwerelosigkeit natürlich nicht. Stattdessen schwebte das Buch einige Zentimeter über dem Tisch. Mit einem Schubs schob er den Leitfaden zur Seite und beobachtete unruhig das Display.

Wenige Augenblicke später verschwand die geheimnisvolle Zahlenreihe, so plötzlich, wie sie gekommen war.

Franklin wollte schon aufatmen, aber überrascht hörte er, wie der Rechner anfing zu arbeiten. Diesmal leuchteten, neben den Ziffern, immer neue Buchstabenkombinationen auf. So ging das einige Momente hin und her. Dann kehrte schlagartig wieder Ruhe ein. Er sah auf das Display, erschrak und schaute nochmals. Er wollte nicht glauben, was er dort sah. Der Computer hatte einen eindeutigen Befehl erhalten:

»Countdown in 1 Minute, 59 Sekunden, 58, 57 ...«

Er drehte sich hektisch um und riss das Mikrofon aus der Verankerung. Mit flehender Stimme rief er: »Hallo Erde, hier ist Apollo 23. Der Bordcomputer führt irgendeine fehlerhafte Anweisung von euch aus und zählt plötzlich die Zeit herunter. Bitte sofort stoppen. Helft mir. Over!«

Kraftlos ließ er die Schultern sinken. Der Colonel hatte erkannt, dass seine Nachricht die Operationszentrale erst dann erreichen wird, wenn der Countdown längst abgelaufen war.

Er betrachtete hilflos die Anzeige.

»15, 14, 13, 12, 11 ...«

Jetzt wurde ihm alles klar. Er gehörte einer Geheimmission an und zwei Kameraden waren bereits tot. Er allein hatte überlebt und damit gleichzeitig einziger Zeuge des Desasters. Das gefiel vermutlich einigen mächtigen Leuten nicht. Also musste er verschwinden und was bot sich da besser an, als das Weltall, Millionen Kilometer von der Erde entfernt.

Zornig schüttelte er seine Faust und schrie: »Ihr Schweine, ihr wollt mich umbringen!«

Ab niemand hörte den cholerischen Ausbruch. Gnadenlos zählte der Computer die Zahlen herunter.

»3, 2, 1, 0 ...«

In diesem Moment ging ein Ruck durch das Raumschiff. Ethan Franklin presste das Gesicht ans Fenster, um mehr zu sehen. Dort wo sonst die Triebwerksdüse war, explodierte gerade der Tank mit dem verbliebenen Treibstoff in einer gelblich schimmernden Explosionswolke. Das Feuer erlosch, wegen des Sauerstoffmangels, sehr schnell. Aber das war erst der Beginn der Katastrophe. Die erzeugte Druckwelle erfasste Apollo 23 von hinten und riss die Kapsel förmlich auseinander. Inmitten der Trümmer wurde der Colonel aus dem Raumschiff gerissen. Sofort durchdrang ihn die tödliche Kälte des luftleeren Raumes und ihm Bruchteil einer Sekunde vereiste sein gesamter Körper.

Auch der letzte Gedanke des sterbenden Astronauten blieb unbeantwortet. »Sollte er überhaupt wieder zur Erde zurückkehren?«

Ganz schnell erloschen die Lebenszeichen. Dann trieb der steife Leichnam Franklins, gemeinsam mit vielen anderen Trümmerstücken, in Richtung Asteroidengürtel davon.

 

1 Stunde später im NRO Hauptquartier in Chantill

 

Die letzte Frage von Ethan Franklin konnte ihm General James Stevenson auch nicht korrekt beantworten. Er hatte zwar eine Vermutung. Aber die behielt er lieber für sich. Die Zerstörung von Apollo 23 hatte ihn vorerst ebenfalls arbeitslos gemacht. Es gab nichts mehr zu befehlen und zu organisieren. Die gesamte Mission war gescheitert und es wurde gerade der Mantel des Schweigens darüber gebreitet.

Während er in seinem Büro untätig herumsaß, waren dutzende Mitarbeiter damit beschäftigt, die Daten der Geheimaktion zu löschen oder für das Geheimarchiv zu klassifizieren. Deshalb konnten später nur Personen auf die Informationen zurückgreifen, die eine ungewöhnlich hohe Sicherheitsfreigabe besaßen. Nicht einmal ein aktiver US Präsiden hatte je so eine Einstufung. Da sah allerdings nach dem Ende der politischen Karriere ganz anders aus.

Nachdenklich spielte der erfahrene Offizier mit einem Kugelschreiber. Er wartete angespannt auf einen Rückruf und seine Geduld wurde auf eine lange Probe gestellt. Erst als er dabei war, die Unterlagen zusammen zu packen, um endgültig das Feld zu räumen, klingelt unvermittelt doch noch das Telefon.

»Hier Stevenson!«, stellte er sich vor.

»Guten Abend General«, kam es von einer wohlbekannten Stimme zurück, »ich hoffe, unsere Instruktionen sind erfolgreich ausgeführt worden?«

»Ja, alles hat zur vollsten Zufriedenheit geklappt, Sir!«

»Gut, gut und wie ist nun das konkrete Ergebnis? Ich gehe davon aus, dass es kein Problem mehr gibt oder?«

Stevenson hatte einen Kloß im Hals und etwas heiser erstattete er Bericht: »Apollo 23 wurde zerstört und ist in viele Einzelteile auseinandergerissen worden. Das hing sicherlich mit Ihrem Code zusammen, der durch uns in den Bordcomputer eingespielt wurde«, meinte er vorwurfsvoll.

Sein Gegenüber hüstelte leise. »Ja, genau das war das geplante Ziel der Operation. In welcher Entfernung ist das Raumschiff explodiert?«

»Der Abstand zur Erde betrug knapp 102 Millionen km, Sir.«

»Hat die Konkurrenz etwas mitbekommen?«, fragte neugierig der Gesprächspartner.

Der General schüttelte instinktiv den Kopf. »Nein, Sir. Die NSA hat bis jetzt keine verdächtigen Aktivitäten festgestellt.«

»Ich bin begeistert, James. Sie sind sicherlich gerade dabei, die Operationszentrale aufzulösen, oder irre ich mich?«

»Sie haben völlig recht, Sir. Wir klassifizieren derzeit alle vorliegenden Dokumente und übergeben die betreffenden Schriftstücke dann dem Geheimarchiv von Majestic.«

Einen Augenblick vernahm Stevenson nur ruhige Atemzüge. Sein Gegenüber schien nachzudenken, schließlich fragte die Stimme lauernd: »Und Sie können sich 100%ig auf Ihre Leute verlassen?«

»Sie meinen, was die Geheimhaltung angeht, Sir?«

»Ja, was denn sonst?«, kam es drohend zurück.

Der altgediente Soldat zog seine Uniform straff, nahm den Hörer in die andere Hand und erklärte stolz: »Zu den eingesetzten Männer habe ich vollstes Vertrauen, Sir. Sie sind seit Langem in hochgeheimen Projekten involviert und es gab bisher keinen einzigen Ausfall in dieser Richtung. Außerdem stehen alle Mitarbeiter, unter Eid und mussten, betreffende Geheimhaltungsrichtlinien unterschreiben. Wer will schon als Verräter gelten und obendrein die üppige Pension verlieren.«

»Und nicht zu vergessen, dann noch 25 Jahre Gefängnis obenauf. Das Risiko einer Illoyalität ist in der Tat sehr gering, General. Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu!«

»Danke, Sir. Darf ich eine Frage stellen?«

»Selbstverständlich. Ich bin ganz Ohr!«, erwiderte der Andere lachend.

»Warum musste Colonel Ethan Franklin sterben? Ich hätte für ihn genauso die Hand ins Feuer gelegt!«, meinte Stevenson etwas vorwurfsvoll.

Sein Gegenüber schien sich die Antwort gründlich zu überlegen, denn man hörte ihn im Hintergrund mit irgendwelchen Papieren rascheln. Aber dann sagte er mit ernster Stimme: »Die Entscheidung, ihn aus dem Verkehr, zu ziehen ist uns tatsächlich nicht leicht gefallen, James. Es gab Leute, die genau, wie Sie, die Position vertraten, dass er loyal und verschwiegen bleibt, wenn er zur Erde zurückkehrt. Letztlich hat jedoch die Mehrheit entschieden, dass es nach der gescheiterten Mission keinen Überlebenden mehr geben sollte. Franklin war hochgradig nervlich angeschlagen und es gab Bedenken, dass er aus Gewissensgründen vielleicht doch irgendwann plaudern würde.«

»Sie meinen, wie die Beteiligten beim Roswell Zwischenfall, Sir?«

»Ja, ein gutes Beispiel. Zurzeit sprechen diverse Teilnehmer der damaligen Militäraktion ungeniert mit den Medien. Das Schlimme dabei ist, jeder Zeuge hat auch ein Geheimhaltungsagreement unterschrieben.«

»Das ist ja ziemlich ärgerlich, Sir. Jetzt ist Ihre Reaktion für mich schon um einiges verständlicher. Sie wollen nur allem Übel aus dem Weg gehen.«

»Gut erkannt, General. Ich sehe, wir verstehen uns.«

»Gab es noch einen weiteren Grund die Mission so zu beenden?«, fragte Stevenson interessiert.

Sein Gegenüber lachte. »Neugierig sind Sie gar nicht, James. Aber Sie sollen es erfahren. Wir hatten auch Bedenken, dass die Landung von Apollo 23 auf der Erde zu viel Aufmerksamkeit bei der Konkurrenz erregt. Da wäre manche peinliche Frage im UN Sicherheitsrat auf die Politiker zugekommen. Na und wie Sie ja wissen, haben die mal überhaupt keine Kenntnis von diesem Flug zum Mars.«

»Ich verstehe, Sir.«

»Schön, General. Wie lange benötigen Sie noch, um die Mission abzuwickeln?«

Stevenson überdachte kurz die Situation. »Wir werden es bis morgen Abend schaffen, Sir. Dann wird alles versiegelt und das Material im Geheimarchiv deponiert sein. Meine Mitarbeiter haben bereits ihre Marschbefehle erhalten. Spätestens am Wochenende kehren die Letzten zu ihren Einheiten zurück.«

»Sehr erfreulich, Sie sind ja voll im Plan!« Der Gesprächspartner schien zufrieden zu sein.

»Ja, Sir.«

»Gut. Wir werden ab sofort eine Weile nichts mehr voneinander hören. Die misslungene Mission hat extrem viel Geld gekostet. Wir müssen erst einmal alle vorliegenden Daten und Aufnahmen auswerten. Er danach wird mit der Planung eines neuen Projektes begonnen.«

»Ich erwarte Ihren Anruf, Sir!« General Stevenson nahm unwillkürlich Haltung an.

»Das freut mich zu hören. Mir jedenfalls hat unsere Zusammenarbeit gut gefallen. Jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Abend, James!« Der mysteriöse Mann beendete abrupt das Gespräch.

»Danke gleichfalls, Sir!«, erwiderte er leise und legte auf.

Der großgewachsene Offizier zog nochmals seine Uniform straff. Dann ging er langsam zum großen Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Nachdenklich schaute er auf den hellerleuchteten Gebäudekomplex, der direkt gegenüber lag. Dort waren die Mitarbeiter noch immer beschäftigt, die Spuren dieser Mission zu beseitigen. Wahrscheinlich würden sie die Nacht durcharbeiten.

Nach einigen Augenblicken der Besinnung gab er sich einen Ruck und zog die Gardine wieder zu. Dann ging er zum Schreibtisch zurück, nahm seine Tasche und verließ das Büro mit schnellen Schritten.

General James Stevenson hatte ein schlechtes Gewissen. Aber über das Warum schwieg er lieber, und zwar für alle Zeiten.

*

Niemand, außer einem kleinen Kreis von Eingeweihten, erfuhr von der fehlgeschlagenen Apollo 23 Mission. Sie verschwand für immer in den Geheimarchiven.

Ständig fragten sich viele Wissenschaftler und die breite amerikanische Öffentlichkeit, warum, nach der Entdeckung des Kopfes, nicht sofort eine Sonde zum Mars geschickt wurde. Hatte die NASA, gemeinsam mit der Regierung, ein Geheimnis, was sie mit der Bevölkerung keinesfalls teilen wollte? Aber diese Frage wurde nie beantwortet. Jedoch auch Schweigen kann mitunter eine Antwort sein.

So gingen die Jahre ins Land und das mysteriöse Marsgesicht geriet immer mehr in Vergessenheit. Wahrscheinlich mit Absicht.

Endlich, nach einer Ewigkeit des Hoffens und Wartens, entschied sich das Management der NASA, eine neue Mission zum Mars zu schicken. Dieses Projekt sollte nur für die rein zivile Nutzung eingesetzt werden. Das wurde explizit bei der Vorstellung mit entsprechendem Pathos betont.

Es schien so, als dass es Kräfte im innersten Führungszirkel der Weltraumbehörde und der US Regierung gab, die sich vom Militär und den Geheimdiensten nicht mehr ständig in die Missionen reinreden lassen wollten.

1992 war es dann soweit. Am 25. September des Jahres hob eine Trägerrakete mit dem Mars Observer erfolgreich ab. Nur wenig später begann die Sonde ihren einsamen Flug zum Roten Planeten. Der Orbiter hatte eine hochauflösende Kamera an Bord und sollte den geologischen Aufbau und das Klima auf dem Himmelskörper erkunden.

Aber würde er das Rätsel lösen?

 

Kapitel 3 Gefährliche Zeiten

 

Frühjahr 1993

 

Der 1992 gestartete Mars Observer erreichte ein Jahr später den Roten Planeten. Nach dem Einschwenken in eine Umlaufbahn sollte die Sonde auch direkt über die Colonia Region fliegen. Die Wissenschaftler hofften, dass sie mit Hilfe der hochauflösenden Kameras an Bord, endgültig das Geheimnis des Marsgesichtes und der mysteriösen Pyramiden in seiner Nähe lösen konnten. Sie ahnten in keiner Weise, dass sich vor einem Jahrzehnt auf der trostlosen Hochebene, eine menschliche Katastrophe ereignet hatte. Das primäre Artefakt war dabei, zu mindestens äußerlich, schwer beschädigt worden und jetzt unter einer rötlichen Sandschicht kaum mehr als solches zu erkennen. Trotzdem wurde das bevorstehende Ereignis mit Argwohn beobachtet und eine hochgeheime Organisation beschloss zu handeln.

*

Etwa um die gleiche Zeit machten sich einige Männer auf den langen und beschwerlichen Weg zu einem abgelegenen Hotel. Dieses befand mitten in der Wildnis von Montana, in der Nähe des Städtchens Anakonda.

Aus Sicherheitsgründen kamen sie nicht gemeinsam an, sondern trafen einzeln im Laufe des Tages mit dem Mietwagen oder dem Privatfahrzeug ein. Dem neugierigen Hotelbesitzer stellten sie sich als Außendienstmitarbeiter eines weltweit tätigen Versicherungsunternehmens vor. Sie erklärten ihm glaubhaft, dass sie in der wunderschönen Umgebung der Rocky Mountains, ihre Verkaufsstrategie beraten und neu festlegen wollten.

Der Wirt hatte von Jugend an, eine tiefe Abneigung vor Vertretern aller Art. Er hatte Angst, dass sie ihm einen teuren und sinnlosen Versicherungsvertrag aufschwatzen würden. Deshalb ließ er sie von jetzt ab in Ruhe und bedrängte sie auf gar keinen Fall mit neugierigen Fragen.

Damit ihre Mitarbeiter tatsächlich ganz unter sich blieben, hatte ihre Organisation bestens vorgesorgt und schon vor Monaten das gesamte Hotel für das Wochenende gemietet. Das war auch gut so, denn die zu besprechenden Themen waren geheim, äußerst brisant und nicht für jedermanns Ohren bestimmt.

Am Abend fand sich die illustre Gesellschaft, nach einem ausgiebigen Essen, zu einem gemütlichen Herrenabend im Kaminzimmer ein.

Leise knisterte das Feuer im offenen Kamin. Die sechs Männer hatten ihre Sessel im weiten Halbkreis um den Ofen geschoben. Da saßen sie nun, ein Glas Whiskey in der Hand und blickten nachdenklich in die flackernden Flammen.

Ihr Wortführer, ein großgewachsener Typ mittleren Alters, trank einen Schluck aus seinem Tumbler. Dann meinte er, mit ruhiger Stimme, an die Runde gerichtet: »Wann trifft die Sonde endgültig am Mars ein?«, während er sprach, bewegte er leicht den goldgelben Bourbon, so dass die Eiswürfel in der Flüssigkeit leise klimperten.

Ein kleiner dicklicher Mann, der eine Halbglatze hatte, antwortete sofort: »Wenn alles normal verläuft, schwenkt sie in wenigen Tagen in eine Umlaufbahn um den Planeten ein. Anschließend müssen von der Flugzentrale routinemäßig einige Bahnkorrekturen vorgenommen werden, so dass sie in spätestens 6 Wochen ihre Arbeit aufnehmen wird.«

»Die NASA plant auch immer noch einen Überflug über die Cydonia Region?«, fragte er interessiert nach. Der Dicke nickte. »Ja, bisher ist es weiterhin von der Missionsleitung geplant. Alle Systeme der Sonde funktionieren normal und die Kameras sind ebenfalls voll einsatzfähig.«

Der großgewachsene Leiter schüttelte nachdenklich den Kopf und mehr zu sich selbst meinte er. »Das ist nicht gut, denn das wird unsere Auftraggeber keineswegs erfreuen.«

Der Älteste unter ihnen, ein hochdekorierter 70-jähriger Wissenschaftler mit ergrautem Vollbart, meldete sich zu Wort. »Das wissen wir, dass das der geplante Überflug nicht gerade erfreulich ist. Wir können der NASA ja keine Botschaft, wie im Film 2010-Odyssee im Weltraum mit der Bitte zukommen lassen, die Region weiträumig zu meiden.«

Lautes Gelächter unterbrach seinen Beitrag. Aber schnell beruhigten sie alle wieder, denn das zu besprechende Thema, war viel zu ernst, um ins Lächerliche gezogen zu werden.

Nach wenigen Augenblicken sprach der Alte weiter und meinte fast vorwurfsvoll zum Diskussionsleiter: »Sie hätten verhindern müssen, dass dieser Flug überhaupt stattfindet. Ich habe Sie immer gewarnt, dass es innerhalb der NASA Kräfte gibt, die sich von uns in keiner Weise beeinflussen lassen. Die sind wirklich davon überzeugt, dass die Weltraumorganisation nur zum Wohle der Wissenschaft da ist. Deshalb sehen führende Leute es als ihre Pflicht an, alle neuen Erkenntnisse umgehend an die Öffentlichkeit und die Medien weiter zu geben. Wenn die Sonde tatsächlich, das betreffende Gebiet überfliegt, dann ist der Ärger vorprogrammiert, meine Herren. Spätestens wenige Stunden später, sieht die Allgemeinheit im Fernsehen, was wir ihr seit Jahrzehnten verheimlichen!« Mit ernstem Blick schaute er in die Runde und erregt schrie er fast die nächsten Worte: »Dieses Szenario wird uns Kopf und Kragen kosten und die Auftraggeber werden sich auf ihre Weise bei uns bedanken«.

Die übrigen Mitglieder sahen ihn wortlos an und um zu zeigen, was er meinte, fuhr er mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang. Das war eine sehr bedrohliche und eindeutige Geste. Aber die anderen Fünf hatten verstanden, worauf er anspielte und nickten ihm schweigend zu.

Ein blonder junger Mann räusperte sich kurz, bevor er mit ruhiger Stimme sagte: »Deshalb sind wir ja hier, Professor. Wir werden schon eine akzeptable Lösung finden, um diese nicht gerade angenehme Situation gemeinsam zu meistern.«

Ihr Sprecher stimmte ihm sofort zu und erklärte an den Alten gewandt: »Wir konnten mit Hilfe unserer Auftraggeber über 16 Jahren lang jeden geplanten Flug zum Planeten verhindern. Natürlich abgesehen von der eigenen Apollo 23 Mission. Die jetzige Reise zum Mars wurde nur genehmigt, da die Verantwortlichen fest zusagten, das betreffende Gebiet auf keinen Fall zu überfliegen. Aber leider gab es vor einigen Wochen eine personelle Änderung mit gravierenden Folgen.«

Ein hagerer Mann, der am äußeren Ende der Runde saß und sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte, rief entrüstet: »Diese Strukturveränderung wurde getroffen, ohne uns zu fragen? Das ist für mich völlig inakzeptabel.«

Der Diskussionsleiter nickte. »Sie haben vollkommen Recht. Aber uns waren die Hände gebunden, denn die Personalentscheidung kam direkt vom Weißen Haus!«

Der Dicke fragte ihn interessiert: »Wer wurde überhaupt ausgetauscht?«

»Fred Miller, der Leiter des Teams wurde durch Frank Baron ersetzt.«

Der Professor schaute ihn überrascht an. »Oh, den kenne ich. Der Typ ist ein guter Freund des Vizepräsidenten und ein harter Hund dazu. Wenn der sich etwas in den Kopf setzt, dann wird es unter seiner Leitung auch so gemacht. Da kennt er kein Pardon!«

Ihr Anführer nahm ein Schluck aus dem Whiskeyglas, ehe er ungerührt entgegnete: »Der alte Wissenschaftler hat selbstverständlich Recht. Genau dieser Mann ist unser Problem. Mit Hilfe der einflussreichen Freunde im Weißen Haus hat er die Mission so verändert, dass die Sonde in jedem Fall das betreffende Gebiet überfliegen wird. Das muss natürlich verhindert werden.«

»Nur, wie?«, fragte der Dicke mit verzweifeltem Blick.

Der einzige Schwarze in ihrer Runde hatte der Unterhaltung zwar aufmerksam zugehört, aber bisher geschwiegen. Jetzt ergriff er das Wort. »Ich schlage vor, dass wir uns mit dem Vorgesetzten von Baron in Verbindung setzen. Ich bin zuversichtlich, dass er den erforderlichen Druck auf den Angestellten ausüben wird.«

Der Wortführer schaute ein wenig skeptisch. »Kann man dem denn vertrauen? Ich kenne ihn leider nicht.«

Der Schwarze nickte. »Justin Meyers ist schon seit vielen Jahren NASA Direktor. Der weiß, wie der Hase in diesem Geschäft läuft. Außerdem steht er kurz vor seiner Pensionierung. Die möchte er ganz bestimmt noch erleben! Wir werden den Manager überzeugen!«, versicherte er.

Die anderen Fünf hörten sehr wohlwollend zu.

Neugierig fragte einer von ihnen: »Wer ist wir?«

Schweigend zeigte der Schwarze auf sich und den blonden jungen Mann.

»Gut!« Der großgewachsene Leiter war zufrieden..

»Und wenn es nicht klappt und Baron den Orbiter, wie geplant, weiterfliegen lässt?« Der Professor sah ihn skeptisch an.

Ihr Sprecher schaute ihn ungerührt an. Dann wandte er sich an alle Anwesenden und meinte mit kalter Stimme: »In dem Fall werde ich mich persönlich um ihn kümmern. Die Auftraggeber verlangen, dass die Sonde ihr Ziel nicht erreicht!«, mit entschlossenem Blick fuhr er fort: »Das heißt, wir müssen genau dieses Scheitern organisieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Mittel und Wege haben, die in uns gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Oder, meine Herren?« Er schaute herausfordernd in die Runde. Aber zu seiner Beruhigung sah er nur zustimmende Gesichter.

Der junge Mann meldete sich noch einmal zu Wort. »Ist eigentlich von uns zurzeit eine Mission zum Artefakt geplant?«

Der Leiter schmunzelte. »Sie meinen so etwas Ähnliches, wie Apollo 24?«

»Ja, kann man so sagen!«, erwiderte dieser.

»Tut mir leid, ich habe keinerlei Kenntnis darüber, dass ein Flug in naher Zukunft stattfinden wird!« Musste er ihn enttäuschen.

»Aber wäre es nicht an der Zeit zu erkunden, was damals schief gelaufen ist?«, ließ sein Gesprächspartner keinesfalls locker.

»Selbstverständlich ist geplant, zum richtigen Zeitpunkt, eine bemannte Mission zum Mars zu schicken. Allerdings«, schränkte er ein, »steht das zurzeit nicht auf der aktuellen Agenda. Diese Vorhaben kosten, wie Sie alle wissen, eine Menge Geld. Die finanzielle Ausstattung des schwarzen Programmes ist zwar gut. Jedoch müssen die Mittel derzeit für irdische Projekte eingesetzt werden, die in der Priorität höher eingestuft sind.«

»Sie meinen vermutlich Aurora oder?«

»Ja genau, der Höhenaufklärer gehört beispielsweise seit einigen Jahren ebenfalls dazu. Aber ich hoffe auf Ihr Verständnis, das ich auf diese ungelegten Eier nicht näher eingehen möchte. Wie heißt es so schön. Kommt Zeit, kommt Rat. Wir haben auch ein wichtiges Ziel, das unbedingt erreicht werden muss!« Der großgewachsene Mann schaute herausfordernd in die kleine Runde.

Erfreulicherweise sah er in den Mienen seiner Mitstreiter nur Zustimmung. Es war alles gesagt und der richtige Zeitpunkt, um das Thema zu wechseln.

Wenige Stunden später beendeten sie ihre Zusammenkunft und begaben sich auf ihre Zimmer.

Nach einem reichhaltigen Frühstück verließ die Gesellschaft am Vormittag wieder das gebuchte Hotel so unauffällig, wie sie gekommen sind. Die Zeit drängte, sie hatten viel zu tun.

 

Sommer 1993

 

Das Team der Mission, dass unter der Leitung von Frank Baron, den gesamten Flug des Mars Observer von Pasadena aus leitete, leistete schon seit Monaten perfekte Arbeit.

Ein Programmierfehler in der Software des Bordcomputers, der ständig Fehlfunktionen hervorrief, verursachte zwar einige Kopfzerbrechen. Letztlich gelang es den Experten, dieses Problem vollständig zu beseitigen.

Deshalb arbeiteten, ab Oktober 1992, alle Systeme der Sonde ohne jegliche Beanstandungen.

Richtig spannend wurde es, als ein kleiner Meteoritenstrom den Weg vom Mars Observer kreuzte. Aber das Team war nicht unvorbereitet.

Durch vorab durchgeführte Bahnkorrekturen wurde der Kurs des Orbiters so geändert, dass der Meteorstrom in einer Entfernung von 500 km gefahrlos an der Marssonde vorbeiflog. Das war ein perfektes Timing und wurde auch ausgiebig gefeiert.

Jetzt war es bereits Mitte August 1993. Der Rote Planet, anfangs nur ein winziger rötlicher Punkt im Fokus der Bordkamera, rückte immer dichter heran. Verschiedene Einzelheiten konnte man schon ausmachen. So entdeckten die Wissenschaftler bei der Auswertung der ersten Bilder, einen kleinen regionalen Sandsturm, der in der Nähe des Südpols tobte.

Die Sonde war auf direktem Kurs. Nichts schien sie mehr aufzuhalten. Sollten die Berechnungen der Techniker stimmen, dann musste sie planmäßig am 24.8.1993 in ihre endgültige Umlaufbahn einschwenken. Danach erfolgten einigen minimale Bahnkorrekturen, die von der Erde aus durchgeführt wurden. Spätestens 6 Wochen später war es schließlich soweit. Der Mars Observer konnte endlich seine Arbeit zur Erforschung des Planeten aufnehmen.

Doch es gab ein Problem, dass jetzt unbedingt geklärt werden sollte. Dass es das überhaupt gab, davon ahnte die Crew noch nichts und auch ihr Leiter hatte keinen blassen Schimmer. Zurzeit überwog die Freude über die erfolgreiche Mission. Jedoch die Zeit lief gegen sie und ihr phantastisches Projekt.

*

Frank Baron war ein Arbeitstier. Das hatte für die Mitarbeiter und natürlich ebenfalls für die eigenen Angehörigen weitreichende Folgen. Für das Team hieß das, ein Tagespensum von mindestens 12 Stunden täglich, ohne zu klagen, zu absolvieren.

Die Familie war nicht mit nach Pasadena gezogen, sondern lebte noch immer an der Westküste in Seattle. Deshalb sah er seine Frau und die beiden Jungs im Alter von 3 und 6 Jahren nur alle paar Wochen und dann nur über das Wochenende.

Dem Chef, nur mittelgroß, aber von kräftiger Statur, entging nicht das Geringste. Auch der kleinste Fehler konnte für die Mitglieder des Teams weitreichende Folgen haben- die bis zur fristlosen Kündigung gingen. Da kannte der Teamleiter kein Erbarmen.

Wie sagte er einmal, kurz nachdem er seine Position übernommen hatte, zu den Mitarbeitern: »Wir stehen hier an vorderster Front bei der Erforschung des Sonnensystems. Nur ein überzeugendes Ergebnis dieser Mission bringt für die Wissenschaft neue und vielleicht auch völlig unbekannte Kenntnisse und Erfahrungen. Jede Art von Schlamperei und Unkonzentriertheit, die den Erfolg des Vorhabens in Frage stellt, werde ich auf gar keinen Fall dulden! Ist das klar, meine Damen und Herren?«

Als ihm niemand widersprach, blickte er aufmerksam in die Runde und fuhr mit gedämpfter Stimme er fort: »Eine ganze Nation schaut auf die Mission. Seit etlichen Jahren gibt es unglaublich viele Misserfolge und Rückschläge für die NASA und letztlich für Amerika. Mit einem Triumph der Marsmission würden das Selbstbewusstsein der Bevölkerung und das Ansehen der Weltraumorganisation endlich wieder steigen. Ich hoffe, Sie sind sich dieser Verantwortung an jedem Tag ihrer Tätigkeit hier in unserem Team bewusst. Hier geht es nicht nur darum, ein paar Dollars zu verdienen, sondern um wesentlich mehr. Wer dafür kein Verständnis hat, sollte am besten gleich die Crew verlassen und in einer Frittenbude Hamburger verkaufen!«, die kleine Rede schien zu beeindrucken.

Wohlwollend registrierte Baron, dass niemand nach den harten, aber ehrlichen Worten aufstand und den Raum verließ.

Dabei war er nicht von Anfang an, als Leiter, für diese Mission vorgesehen gewesen. Sein herrischer Leitungsstil und die unverblümte Art, Probleme anzusprechen, kamen in der Chefetage der NASA keineswegs immer gut an. Sie waren eher äußerst umstritten. Die fachlichen Qualitäten wiederum wurden von allen Seiten hoch anerkannt. Dazu gab es häufig Reibereien zwischen ihm und den direkten Vorgesetzten, weil er sich oft über ihre Anweisungen hinwegsetzte oder sie einfach schlicht ignorierte. Um Auseinandersetzungen von vornherein aus dem Weg zu gehen, wurde deshalb der erfahrenen Spitzenmanager Fred Miller mit der Gesamtleitung der Mission betraut und Baron sicherheitshalber in die zweite Reihe versetzt.

Aber da hatte man die Rechnung ohne den cleveren Manager gemacht. Er fühlte sich bei der Wahl übergangen und ließ seine weitreichenden Beziehungen spielen. Es passierte genau das, was er gehofft hatte. Das Weiße Haus äußerte laute Zweifel an der fachlichen Qualifikation von Fred Miller und schlug im gleichen Atemzug Frank Baron als neuen Missionsleiter vor. Das Management der Weltraumbehörde ignorierte zunächst die »gutgemeinten« Ratschläge der Politiker. Als man jedoch drohte, die Mittel für das Weltraumprogramm rigoros zu streichen, gaben die Verantwortlichen zähneknirschend nach. Wenige Tage später war der Wechsel vollzogen und des Vizepräsidenten liebstes Kind begann den ersten Arbeitstag mit einem Paukenschlag.

Er teilte den versammelten Spitzenmanager während seiner Amtseinführung mit, dass die Umlaufbahn der Sonde verändert wird. So überflog sie jetzt direkt die geheimnisvolle Cydonia Region. Die Vorgesetzten waren entsetzt über diese eigensinnige und selbstherrliche Entscheidung. Aber niemand traute sich, offen Kritik zu üben oder den einsam gefassten Beschluss rückgängig zu machen. Die Angst vor den einflussreichen Freunden Barons hielt die Manager letztlich zurück.

Er selbst begründete seinen Entschluss damit, dass die Menschheit ein Recht darauf hat, endlich zu erfahren, ob es den entdeckten mysteriösen Kopf und die Pyramiden tatsächlich gab. Möglicherweise handelte es sich auch nur um eine Laune der Natur.

Dass er mit der geplanten Bahnkorrektur in ein Wespennest stach, konnte der Missionsleiter zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Bei ihm überwog die Freude, dass der Flug bisher völlig planmäßig verlief. Und wer weiß, vielleicht gab es ja bald eine spektakuläre Entdeckung zu vermelden.

Aber am Horizont tauchten die ersten dunklen Wolken auf.

 

17. August 1993

 

Leise klopfte es an der Tür zum Büro von NASA Direktor Justin Meyers.

Dieser, gerade mit dem Lesen einer umfangreichen Dokumentation beschäftigt, hob missmutig den Kopf. Aber noch ehe er antworteten konnte, öffnete sich vorsichtig die Tür und ein schwarzer Schopf wurde sichtbar.

Als der Besucher den Spitzenmanager hinter dem wuchtigen Schreibtisch sah, schob er seinen kräftigen Körper hinein und schloss die Tür. Dann drehte er sich um und mit einem freundlichen Lächeln begrüßte er den Direktor: »Hallo Justin, kann ich Sie einmal kurz sprechen?«

Der Angesprochene, der den großgewachsenen Mann sofort erkannt hatte, erhob sich langsam und nickte gleichzeitig mit dem Kopf. »Selbstverständlich Steven. Bitte setzen Sie sie sich doch!« Er wies auf die beiden Sessel, die vor dem Schreibtisch standen.

Sein Gast nahm schweigend Platz.

Auch Meyers hatte sich wieder hinter dem Möbelstück zurückgezogen und sah ihn misstrauisch an.

Der Gast blickte dem NASA-Direktor direkt in die Augen und mit leiser angenehmer Stimme fragte er ihn: »Haben Sie sich eigentlich schon mit ihm über unser gemeinsames Problem unterhalten, Justin?«

Umgehend bestätigte der alte Manager: »Selbstverständlich, Steven, wie wir es abgesprochen hatten!«

»Das ist gut«, murmelte sein Gegenüber zufrieden, um sofort neugierig zu nachzufragen, »und was ist dabei herausgekommen?«

Meyers trauriger Gesichtsausdruck sprach Bände. Frustriert musste zugeben. »Ich konnte bei ihm leider überhaupt nichts erreichen.«

Steven schaute ihn scharf an, dann entgegnete er spöttisch: »Jetzt bin ich aber ziemlich überrascht. Wer ist denn hier der Direktor, Sie oder der aufgeblasene Hampelmann? Als ich hier noch tätig war, hätte es so etwas auf gar keinen Fall gegeben. Das Wort eines Managers war Gesetz und wer weiter sein privates Süppchen kochen wollte, der wurde einfach gefeuert!«

Kleinlaut erwiderte Meyers: »Baron ist hier auch eine Ausnahme, das können Sie mir glauben. Einen anderen Mitarbeiter hätten wir schon lange abgelöst. Aber der Mann wird bedauerlicherweise geschützt und hat Gönner in den höchsten politischen Kreisen. Zurzeit kommen wir an ihn absolut nicht heran. Es tut mir wirklich leid, Steven!« Er hob entschuldigend die Schulter.

Sein ungeliebter Gast schaute ihn empört an und fauchte: »Dieses Versagen wird für Sie noch einmal ein böses Ende finden, Meyers.«

Der NASA Manager flüsterte leise: »Ich bin auch unglücklich über die derzeitige Situation.«

Der Schwarze holte ein paarmal tief Luft und beruhigte sich wieder schnell. Dann überlegte er eine Weile, bevor er mit sanfter Stimme fortfuhr: »Sie sind doch in ihrem Bereich unter anderem für Personalentscheidungen zuständig?«

»Ja, sämtliche Entscheidungen landen direkt auf meinen Tisch!«, erwiderte sein Gegenüber mit hochrotem Kopf.

Der Schwarze schaute ihn nachdenklich an, ehe er süffisant lächelte. »Was für ein Glück für Sie, Justin. Dann werden wir uns in Kürze nochmals unterhalten und Sie haben die Chance ihren Fehler wettzumachen.«

Ohne den Manager eines weiteren Blickes zu würdigen, erhob sich Steven und ging mit schnellen Schritten zur Tür. Ehe der überraschte Direktor überhaupt reagieren konnte, war sie bereits wieder geschlossen und er war allein. Langsam wich die Anspannung vom alten Mann, der in seinem Job, in all den Jahrzehnten, schon viel erlebt hatte. Jedoch so etwas noch nie. Er wurde eindeutig erpresst und er hatte nicht die Spur einer Chance aus dem ausgeworfenen Netz zu entkommen. Meyers ahnte, dass es Zeit wurde die Karriere zu beenden. Je früher umso besser.

 

18. August 1993

 

Am Morgen jenes Sommertages wurde Frank Baron früher als sonst wach. Nachdem er mehrmals vergeblich versucht hatte, wieder einzuschlafen, hatte er um 6.00 Uhr endgültig entschieden aufzustehen.

Langsam hatte er sich vom Bett erhoben und war gähnend zum Fenster gegangen. Dann hatte er das Band der Jalousie ergriffen und mit wenigen Handgriffen diese nach oben gezogen. Die Morgensonne flutete hinein und blendete sein Antlitz. Fluchend hielt er sich die Hand vor das Gesicht und öffnete die Balkontür.

Erst da bemerkte er, dass er keine Hausschuhe anhatte. Missmutig begann er im gesamten Zimmer zu suchen, bis er sie endlich unter dem Bett entdeckte. Nachdem er sie angezogen hatte, zog er einen Bademantel an und trat auf den Balkon hinaus. Die Aussicht über den Golf von Mexiko war einfach phantastisch. Jeden Tag genoss er, diesen einmaligen Blick aus dem 6. Stock des Hauses. Er hatte nach langer Recherche die kleine 2-Raum Wohnung gefunden und sofort gemietet. Gut gelaunt schlenderte er in die Küche, setzte Kaffee auf und stellte den Toaster an. Eilig lief er ins Bad, um kalt zu duschen. Das brauchte er immer als persönliche Abhärtung.

Leise pfeifend stand er kurze Zeit später vor dem Spiegel und rasierte seinen Dreitagebart ab. Erst danach zog er sich vollständig an und ging in die Küche. Angekommen, schmierte er schnell einige Sandwiches, die er im Stehen aß. Während er noch kaute, nahm er die Kaffeekanne aus der Maschine und goss sich einen Becher Kaffee ein. Mit dem Gefäß in der Hand betrat er das weiträumige Wohnzimmer. Dort gab es ebenfalls einen Zugang zum Balkon, sowie ein großflächiges Panoramafenster. An jenes trat er, trank einen Schluck der heißen Flüssigkeit und beobachtete er fasziniert, wie ein großes Segelschiff am Horizont vorbeifuhr. Der NASA Manager genoss diese ruhigen Augenblicke in vollen Zügen.

Aber dann rief die Arbeit. Wenige Minuten später saß er bereits auf der gemütlichen Couch und überflog die Dokumente, die wild durcheinander auf dem niedrigen Glastisch lagen. Mehrmals hielt er inne und dachte angestrengt nach. Sehr zufrieden musste Frank Baron feststellen, dass sein Team wieder einmal einen guten Job gemacht hatte. Der Flug, der in einigen Tagen in die entscheidende Phase trat, wird ein Erfolg werden. Davon war er jetzt absolut überzeugt. Mit einem Lächeln auf den Lippen raffte er schnell die Unterlagen zusammen und stopfte sie unordentlich in eine braune Aktentasche. Dann nahm er noch einen Schluck Kaffee und ließ den Becher halbvoll auf dem Tisch stehen.

Mit einem Blick auf die Armbanduhr stellte er fest, dass es Zeit war, nach Houston zu fahren. Bedächtig zog er ein Jackett über, ergriff die Tasche und verließ ohne Eile die Wohnung. Zur Sicherheit schloss er die Wohnungstür zweimal ab und begab sich zum Fahrstuhl. Wenige Augenblicke später erreichte er die geräumige Tiefgarage und bestieg seinen BMW. Er startete den Motor, der mit einem lauten Brummen ansprang und als er Gas gab, schoss das Auto mit quietschenden Reifen in Richtung Ausgang davon.

Obwohl es bis zur Flugleitzentrale in Houston nur ein Katzensprung war, brauchte er bis zur Dienststelle eine gute Stunde. Die Highways waren wieder einmal völlig verstopft. Endlich erreichte Baron, die scharf bewachte Einfahrt zum NASA-Areal. Als die Wachen ihn erblickten, salutierten sie und winkten ihn, ohne Kontrolle, durch die Sperre. Er war zu bekannt, dass man ihm eine unangenehme Überprüfung zumuten wollte. Außerdem genoss er, wenigstens nach außen hin, das uneingeschränkte Vertrauen des Managements.

Mit überhöhter Geschwindigkeit raste er zu seinem Parkplatz, der sich ganz in der Nähe des Haupteinganges befand. Als er gerade scharf bremsend dort anhielt, löste sich aus dem Schatten eines Vordaches eine Person. Ein junger Mann mit blonden Haaren trat ins grelle Sonnenlicht und ging mit schnellen Schritten auf den Manager zu. Der war bereits ausgestiegen und wollte die Fahrzeugtür abschließen. Da hörte er, direkt hinter sich, eine dunkle Stimme sagen: »Sie sind doch Frank Baron, nicht wahr?«

Überrascht drehte er sich um. Erst jetzt bemerkte er den unauffälligen Typen, der dicht vor ihm stand. Missmutig zog er eine Augenbraue hoch und erwiderte: »Ja.«

Der Fremde war ebenfalls ein NASA Mitarbeiter, denn er trug an seinem Jackett die vorgeschriebene Plakette. Diese mussten die Belegschaft und auch die Gäste auf dem Areal zur Identifizierung tragen.

Freundlich fragte der Unbekannte den hochrangigen Manager: »Kann ich Sie bitte einen Augenblick sprechen, Mister Baron.«

Der Angesprochene blickte erst nachdenklich auf seine Uhr, ehe er nickte. »Einverstanden, aber höchstens 5 Minuten und die Zeit läuft ab jetzt!«

Der schmächtige Mann hatte verstanden und kam auch gleich zur Sache. »Ich möchte mich mit Ihnen nur kurz über Ihre eigenmächtig veranlasste Kurskorrektur der Marssonde unterhalten.«

Baron schaute ihn verdutzt an und dann fing er laut an zu lachen. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, meinte er: »Entschuldigen Sie«, er beugte sich vor, um die Bezeichnung auf der Plakette zu lesen. »Mister Smith. So ist doch Ihr Name oder? «

»Völlig richtig, Sir!«

»Okay. Hat mein persönlicher Freund Meyers Sie zufällig zu mir geschickt?«

Der Angesprochene sah ihn verwundert an und schüttelte sprachlos den Kopf.

Baron fuhr schmunzelnd fort: »Ich dachte nur, weil der Direktor vor ein paar Tagen den gleichen Wunsch geäußert hatte. Aber bedauerlicherweise musste ich die Bitte, aus vielerlei Gründen, leider ablehnen!« Als sein Gegenüber immer noch nichts sagte, hakte er mit ironischem Blick nach: »Und Sie sind tatsächlich sicher, dass Sie keinesfalls Mister Meyers geschickt hat?«

Der junge Mann hatte sich endlich wieder gefangen und erwiderte: »Sir, ich versprechen Ihnen, dass ich keineswegs von ihm komme. Ihre Handlungen werden von höchster Stelle des Staates äußerst skeptisch gesehen. Es ist der Wunsch dieser einflussreichen Repräsentanten, dass Sie umgehend die Kurskorrekturen zurücknehmen. «

Noch während der Fremde sprach, schüttelte Baron entrüstet den Kopf. »Dem muss ich jetzt energisch widersprechen. Ich habe mich erst gestern mit dem Vizepräsidenten über das Projekt unterhalten. Er sicherte mir die volle Unterstützung des Präsidenten zu, der ja wohl in unserem Land die oberste Macht darstellt. Jedenfalls wurde es so in der Schule gelehrt. Folglich kann dieser Wunsch keinesfalls von ihm stammen. Ich hätte das schon längst erfahren, denn ich erfreue mich eines guten Drahtes ins Weiße Haus. Wer hat Sie also geschickt, Smith?« Der wütende Blick des Managers traf wie ein Bannstrahl sein Gegenüber.

Aber der ließ sich diesmal kein bisschen aus dem Konzept bringen und erwiderte: »Sir, die Nationale Sicherheit steht auf dem Spiel. Sie müssen die Kurskorrektur umgehend rückgängig machen!«, mit drohendem Unterton fuhr er fort: »Sollten Sie das nicht sofort veranlassen, werden das Andere für Sie erledigen!«

Baron sah ihn missbilligend an. Schließlich konterte er mit bedrohlich gesenkter Stimme: »Wollen Sie mir etwa drohen, Mister? Das wird in keiner Weise funktionieren. Ich lasse mich von niemand erpressen. Am besten, Sie verschwinden jetzt augenblicklich aus meinen Augen, sonst lernen Sie eine weitere Seite von mir kennen. Dann ist in weniger als einer Stunde Ihre Karriere hier beendet. Versprochen!«

Langsam wich Smith vor dem tobenden Mann zurück. Er schien einzusehen, dass es hoffnungslos war, den Manager umzustimmen. Jedes Gespräch war hier zwecklos.

Ganz anders Frank Baron. Der war jetzt in seinem Element und rief ihm laut hinterher: »Nationale Sicherheit gefährden, dass ich nicht lache. Ich habe das Wort des Präsidenten, dass die Mission, wie von mir geplant, zu Ende geführt wird. Dieses Versprechen zählt und keine Drohungen werden mich von meinem Weg abbringen. Sagen Sie das Ihrem Mister Meyers!«

Aber die letzten Sätze konnte der junge Mann keinesfalls mehr hören, weil er bereits mit eiligen Schritten hinter einer Hausecke verschwunden war. Er wusste, dass er jetzt ein unangenehmes Telefongespräch führen musste. Was mit Baron weiter passieren sollte, war ihm deshalb gerade ziemlich egal.

*

Der Tag in der Flugleitzentrale begann schwierig und kompliziert. Natürlich war doch nicht alles so perfekt gelaufen, wie es die Crew geplant hatte.

Der Bordcomputer machte unverhofft Probleme und sendete stundenlang unverständliche Signale an die Erde zurück. Teilweise unterbrach er für Minuten selbstständig die Verbindung, ohne das er dafür eine Anweisung von der Bodenstation erhalten hatte. Bei den Computerspezialisten herrschte hektische Betriebsamkeit. Aber sie konnten den Fehler nicht finden. Immer wieder stürzte das Programm ab. Frank Baron, wegen der Begegnung auf dem Parkplatz, schon schlecht gelaunt zur Arbeit erschienen, war jetzt endgültig auf 180.

Er schrie die Mitarbeiter an und drohte beim Scheitern der Mission jedem mit fristloser Entlassung. Trotz der Drohungen war bis zum späten Nachmittag eine Behebung der Fehlfunktion nicht in Sicht. Auch der Leiter hatte bereits frustriert aufgegeben und sich seinem Schicksal gefügt.

Aber dann hatte der IT-Manager Dr. Joe Fraser eine Idee. Der Informatiker kratzt sich nachdenklich am Nacken und machte einen verblüffenden Vorschlag. »Fahren wir einfach mal den Bordcomputer komplett herunter und starten ihn neu.«

Frank Baron schaute seinen Mitarbeiter an, als hätte der eben ernsthaft verlangt, dass alle im Raum Harakiri machen sollten. Nach einem Moment des Schweigens knurrte er ihn wütend an: »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, Joe?«

Der Gescholtene nickte und erwiderte: »Nein, Sir, das ist mein vollster Ernst. Aus Jux und Dallerei macht man keinesfalls einen solchen Vorschlag. Er ist mit großen Risiken verbunden und kann auch schief gehen.«

Sein Vorgesetzter holte tief Luft, aber bevor er etwas sagen konnte, kam ihn der Mitarbeiter zuvor.

Fraser erklärte: »Wir haben nur noch zwei Möglichkeiten. Wenn wir den Bordcomputer so weiter laufen lassen wie bisher, dann wird er in 2 Tagen endgültig und für immer ausfallen. Unsere Analyse hat ergeben, dass die Fehlerquote weiterhin kontinuierlich ansteigen wird.«

»Und was bedeutet das konkret für die Mission? Werden Sie deutlicher, Mann!« Sein Chef hyperventilierte fast.

Der Informatiker ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »In wenigen Stunden wird es zu ersten technischen Ausfällen an Bord kommen. Das heißt, in spätestens 2 Tage ist endgültig Schluss und die Sonde rast ohne jeglichen Kontakt mit uns, am Mars vorbei und verglüht irgendwann in der Atmosphäre des Jupiters.«

Baron unterbrach den IT-Manager. »Haben Sie auch versucht, die Software neu zu installieren!«

Der Spezialist nickte. »Haben wir getestet, Sir. Aber leider ist die Installation mehrmals fehlgeschlagen.«

Der Vorgesetzte verstand. »Der Neustart des Computers ist also unsere letzte Chance?«

Fraser bestätigte: »Ja, Frank so ist es. Entweder es klappt oder wir sitzen hier bald im Dunklen?«

»Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert, Joe?«

Der Angesprochene überlegte einige Augenblicke, und meinte schließlich sehr ehrlich: »Maximal 50 zu 50!«

Sein Chef wiegte unentschlossen den Kopf. »Das ist nicht gerade viel Holz!«, murmelte er pessimistisch. Aber dann hatte er sich entschieden. »Ach was. Entweder Top oder Flop. Versuchen wir es, Joe!«

Eine Stunde später war es mucksmäuschenstill in der Flugleitzentrale. Von den Spezialisten war schon der Bordcomputer heruntergefahren worden. Deshalb war auf dem Bildschirm nur noch ein blinkender Cursor zu sehen.

Jetzt kam es endgültig darauf an und es würde sich sehr schnell zeigen, ob diese Expedition eine Zukunft hatte. Fraser blickte fragend zu Frank Baron hinüber. Der zögerte kurz, dann nickte er schweigend.

Sein Mitarbeiter gab den entscheidenden Befehl mit der Tastatur ein und drückte zum Abschluss die Enter-Taste. Danach passierte einige Zeit überhaupt nichts.

Die Anweisung musste mit Lichtgeschwindigkeit zuerst zur Sonde übertragen werden, die bereits viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt war. Deshalb dauerte es auch etliche Minuten, bis das Signal den Orbiter erreichte.

Die Wartezeit verging unendlich langsam. Aber dann erschienen plötzlich am oberen Bildschirmrand die ersten Zahlenkolonnen, die sehr schnell den gesamten Bildschirm bedeckten.

Interessiert beugte sich Baron zu Joe Fraser hinunter und schaute auf dessen Computerbildschirm. Auch dort sah er das gleiche Bild.

Der IT-Spezialist lächelte den Manager erleichtert an. Dann zeigte er auf den Monitor und flüsterte: »Gott sei Dank, es funktioniert. Sehen sie, Sir. Jetzt melden sich die Module einzeln an!«

Minuten später ballte er zufrieden die Faust und rief lauthals in den Saal, so dass es jeder hören konnte: »Leute, es ist alles glattgegangen. Sämtliche Systeme arbeiten wieder fehlerfrei!«

Nach diesen Worten sprangen die Kollegen befreit auf. Sie umarmten sich gegenseitig und klatschten laut Beifall. Die Mission war gerettet. So schien es wenigstens.

*

Es war schon spät am Abend, als Frank Baron endlich Feierabend machte. Nachdem er noch schnell seinem Stellvertreter einige wichtige Hinweise für die Nachtschicht gegeben hatte, warf er abschließend einen Blick auf die Videowand. Beruhigt stellte er fest, dass alle Systeme der Sonde einwandfrei arbeiteten und der Kurs, mit der berechneten Zielangabe, exakt übereinstimmte.

Auf dem Weg zur Tür winkte er zum Abschied den Mitarbeitern freundlich zu und verließ eilig die Flugleitzentrale.

Der Verkehr auf dem Highway in Richtung Pasadena war, trotz der vorgerückten Stunde, immer noch ziemlich dicht. Es dauerte 45 Minuten, da gelangte er endlich wieder an seinem Haus an. Der NASA Manager parkte das Auto zügig auf dem Parkdeck. Dann ging er mit schnellen Schritten zum Lift. Wie gewohnt, musste er ein wenig warten, bis dieser von einem der obersten Stockwerke, nach unten gezuckelt kam. Die Tür öffnete sich, aber in der Kabine war kein Mensch. Frank Baron betrat den Aufzug und drückte mit der rechten Hand auf einen der Knöpfe. Langsam schlossen sich der Aufzugtüren. Daraufhin ruckte der Fahrstuhl an und fuhr mit einem leisen Ächzen und Knarren in die oberen Etagen.

Während der Fahrt schaute der Manager auf seine Uhr. Missmutig stellte er fest, dass es schon ein Uhr nachts war.

»Ich komme jeden Tag später nach Hause!«, murmelte er frustriert.

Aber bevor er sich weiter über die fortgeschrittene Uhrzeit ärgern konnte, war der Fahrstuhl bereits am 8. Stock angelangt. Ein leiser Gong ertönte, die Türen öffneten sich und gaben den Blick auf einen langen, nur schwach beleuchteten, Flur frei. Der gesamte schmale Gang war mit einer grünen Auslegeware bedeckt.

Baron verließ die Kabine und ging noch einige Schritte in den dunklen Hausflur hinein. Endlich erreichte er die eigene Wohnungstür. Er kramte den Schlüssel hervor und schloss sie auf. Der Korridor war stockfinster.

Seine Finger glitten suchend die Wand entlang, bis sie den Lichtschalter fanden. Dann flammte das Oberlicht auf. Mit einem Seufzer stellte er die mitgebrachte Tasche ab, zog das Jackett aus und hängte es an einen Kleiderhaken. Er nahm wieder die Collegemappe in die Hand und ging ins Schlafzimmer. Dort angekommen machte er kein Licht an, sondern warf sie auf das nicht gemachte Bett. Er wusste, dass er vor dem Schlafengehen noch einen Bericht lesen musste, den er von seinem Direktor erhalten hatte.

Jetzt erst bemerkte der Manager, dass der Magen laut knurrte. Ihm fiel ein, dass er zu Mittag das letzte Mal gegessen hatte. Das war schon zig Stunden her. In der Küche angelangt, schaute Baron in den Brotbehälter und entnahm ein halbes Toastbrot. Aber der Blick in den Kühlschrank verhieß nichts Gutes. Er musste ernüchtert feststellen, dass der Wurstaufschnitt gerade so für ein Sandwich reichen würde.

»Das kommt dabei heraus, wenn man sogar das Einkaufen vergisst, Du Idiot!«, rief er laut zu sich selbst. Dann nahm er den restlichen Zipfel Leberwurst und schlug die Tür mit einem unüberhörbaren Knall zu.

Schnell hatte er die Brote beschmiert und noch kauend ging er in das Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an.

»Hallo Frank!«, vernahm er plötzlich eine leise Stimme.

Der Angesprochene hörte auf zu kauen und drehte sich überrascht um.

Nun erst erblickte er zwei, ihm völlig unbekannte, Typen. Sie saßen ziemlich relaxt in seinen bequemen Sesseln und lächelten ihn frech an. Bevor er etwas erwidert, beugte sich der eine von den Beiden nach hinten und schaltete die kleine Fernsehlampe an.

Jetzt endlich konnte Frank Baron die ungebetenen Besucher deutlich erkennen. Die Männer waren weiß, großgewachsen und mit ausgewaschenen Jeans und T-Shirts bekleidet. Er schätzte sie auf Ende Dreißig. Während der eine seinen schwarzen Haarschopf sehr kurz trug, hatte der Andere schulterlanges rötliches Haar und einen Vollbart. Aber ansonsten sahen sie alltäglich aus und der NASA Manager hatte sie tatsächlich noch niemals gesehen.

Nachdem der erste Schreck sich gelegt hatte, meinte er mit entrüsteter Stimme: »Was machen Sie hier?« Die mysteriösen Typen schauten den Gastgeber aufmerksam an, dann erwiderte der Mann mit dem Bürstenschnitt: »Wir wollen Ihnen nur einen kurzen Besuch abstatten, Frank. Ich verspreche auch, wir sind gleich wieder weg, so als wären wir gar nicht da gewesen.«

Baron wurde allmählich wütend. »Ich mag keine unangemeldeten Gäste. Sagen Sie das Ihrem Boss, Direktor Meyers.«

Die beiden Angesprochenen schauten sich, wie es schien, erstaunt an. Erst nach einem knappen Zögern stand der breitschultrige Mann mit den langen Haaren langsam auf. Ziemlich irritiert bemerkte der Manager, dass dieser durchsichtige Gummihandschuhe trug.

»Warum hat er Handschuhe an?«, fragte er sich beklommen und fand noch keine Antwort.

Aber Frank Baron kam nicht weiter, darüber intensiv nachzudenken. Er wurde brutal aus den Gedanken gerissen.

Mit tadelnder Stimme meinte sein Gegenüber, der aufmerksam im Zimmer umhergeschaut hatte: »Ich bin enttäuscht, wie es hier aussieht. Sogar die halbvolle Tasse Kaffee von heute Morgen steht noch auf dem Tisch herum. Hier sieht es ja wie bei einem Messie aus!« Ohne eine Reaktion vom Gastgeber abzuwarten, nahm er den Porzellanbecher und verließ den Raum.

Dann hörte er, wie der merkwürdige Kerl das Geschirr in der Küche ausspülte, abtrocknete und in den Schrank verstaute.

»Was soll das?«, schoss es ihn in den Sinn.

Nach einer Weile kam der Langhaarige wieder in das Wohnzimmer zurück. Er ging direkt auf den nervösen Baron zu und legte dem sprachlosen Manager die rechte, leicht schwitzende, Handfläche auf die Schulter. Nebenbei meinte er vorwurfsvoll: »So viel Zeit muss immer sein, auch an einem stressigen Morgen, Frank. Was denken Sie, wie es sonst hier innerhalb weniger Tage aussehen würde. Ich hasse Unordnung!«, er drohte lächelnd mit dem Finger.

Dem Wohnungseigentümer riss allmählich der Geduldsfaden und schob die Hand des ungebetenen Besuchers wütend weg. Dann blickte er ihm scharf in die Augen und rief empört: »Was soll das? Sie sind doch nicht meine Mutter!« Mit hochrotem Kopf fuhr er etwas leiser fort: »Jetzt reicht es mir aber mit dieser Theatervorstellung, liebe Herrschaften. Ich will schleunigst wissen, was Sie von mir wollen und danach verschwinden Sie hier augenblicklich. Ansonsten rufe ich die Polizei und verklage Sie in puncto Hausfriedensbruch und Einbruch! Sie können wohl auf gar keinen Fall abstreiten, dass Sie hier eingebrochen sind oder?«

Während er erregt sprach, hatte sich auch der andere Unbekannte vom Sessel erhoben und war ganz nahe an ihn herangetreten.

Leise, fast flüsternd, meinte er zum, immer noch wütenden, Gastgeber: »Nun beruhigen Sie sich mal wieder, Frank!« Mit einem kurzen Blick zu seinem Begleiter fügte er mit ruhiger Stimme hinzu: »Heute ist doch Ihr Glückstag, denn jetzt lernen Sie endlich, wie Ikarus, zu fliegen!«

Ehe der NASA Manager überhaupt reagieren konnte, hatten ihn vier kräftige Männerhände ergriffen und schleiften ihn, quer durch das Wohnzimmer bis zur Balkontür. Dort angekommen, öffnete der Langhaarige mit einer Hand die Tür und gemeinsam trugen sie das, sich nun heftig wehrende, Opfer auf den Balkon hinaus.

Mit schreckensweiten Augen schrie Baron: »Was soll das?«

Aber er erhielt keine Antwort mehr, denn die nun schweigenden Männer wuchteten den zappelnden Körper über die Balkonbrüstung. Als genau das geschehen war, ließen sie ihn einfach los.

Mit einem lauten Schrei fiel der arme Frank, direkt an der Hausfassade entlang, in die Tiefe. Nur wenige Sekunden später schlug der Rumpf mit dem Kopf voran, mit einem dumpfen unheimlichen Geräusch auf der Betonfläche auf. Die Augen waren im Todeskampf weit aufgerissen und aus dem halb geöffneten Mund sickerte Blut und tropfte auf den Boden. Das kleine Rinnsal vereinigte sich sehr schnell mit dem Blut, das aus einer großflächigen Wunde aus dem Hinterkopf floss. In kurzer Zeit bildete sich, direkt neben seinem geschundenen Körper, ein großer roter See. Es war doch erstaunlich zu sehen, wie viel Flüssigkeit ein einzelner Mensch besaß. Das dachten die Leute vermutlich auch, die diese sterblichen Überreste am Morgen fanden.

Während das bedauernswerte Opfer noch in den Tod stürzte, hatten die beiden Männer den Balkon bereits verlassen. Sekunden später verließen sie die Wohnung und verschlossen sorgsam die Eingangstür. Zu ihrer eigenen Sicherheit benutzten sie die Nottreppe, um nach unten zu gelangen. Auf dem Parkdeck angekommen, bestiegen sie ihr Auto, einen alten Chevrolet. Erst einige Häuserblocks weiter entledigten sie sich ihrer Handschuhe und warfen diese aus den geöffneten Autofenstern hinaus.

Als das geschafft war, meinte der Langhaarige ironisch zu seinem Begleiter: »Die unhandlichen Dinger sind ja auch nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt.«

Daraufhin brach sie gleichzeitig in lautes Gelächter aus und verließen auf dem schnellsten Weg Pasadena. Kurz nach der Stadtgrenze verlor sich endgültig ihre Spur.

*

Zwei Stunden später, der Morgen graute schon, klingelte auf seinem Nachttisch das Telefon. Der großgewachsene Mann hatte sowieso seit einiger Zeit wach gelegen, denn er hatte diesen Anruf erwartet.

Deshalb griff er bereits nach dem ersten Klingelton zum Telefonhörer und sagte leise: »Ja.«

Eine ihm wohlbekannte Stimme meldet sich: »Der Delinquent hat jetzt das Fliegen gelernt.«

Er atmete innerlich auf und erleichtert fragte er: »Gab es irgendwelche Probleme?«

Der Andere erwiderte sarkastisch: »Bei mir gibt es nie Komplikationen. Die haben danach immer die Opfer. Auf mich ist doch bisher stets Verlass gewesen oder, Sir?«

Er schmunzelte, als er die Antwort vernahm. »Da haben Sie verdammt recht. Wie möchten Sie diesmal Ihre wohlverdiente üppige Bezahlung haben?«

Sein Gegenüber dachte kurz nach und meinte er nur: »Wie üblich.«

»Gut, in einer Woche finden Sie den Betrag auf Ihrem Konto.«

»Das hört sich gut an. Benötigen Sie derzeit noch weiter meine Dienste, Sir?«

Der Mann schüttelte instinktiv den Kopf, ehe er knapp angebunden erwiderte: »Nein, das wäre momentan alles.«

»Okay, Sir. Aber im Notfall können Sie mich, wie immer, jederzeit erreichen. Die betreffende Nummer haben Sie ja.«

»So ist es. Falls erforderlich, hören Sie natürlich umgehend von mir. Es ist schön einen Spezialisten für Drecksarbeit in den eigenen Reihen zu haben.«

»Stets zu Ihren Diensten, Sir!«

Ein leises Klicken war zu vernehmen. Dann war die Leitung tot. Sein Gegenüber hatte aufgelegt.

Auch er legte den Hörer zurück auf die Gabel. Gedankenversunken stand er aus dem Bett auf und ging langsam an das Schlafzimmerfenster. Während der einflussreiche Mann nachdenklich hinaus schaute, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Er wusste nur nicht warum.

 

19. August 1993, später Vormittag

 

Wenige Stunden darauf erhielt NASA Direktor Justin Meyers ungebetenen Besuch.

Angela, seine langjährige Sekretärin, meldete sich über die Wechselsprechanlage: »Sir, Verzeihung, dass ich Sie stören muss. Aber Mister Thomson möchte Sie unbedingt sprechen. Er sagt, es sei dringend und duldet keinen Aufschub.«

Als der altgediente Manager den Namen hörte, zuckte er förmlich zusammen. Leise murmelte er: »Was will der denn schon wieder?«

»Sir, was haben Sie eben gesagt? Ich konnte Sie leider nicht verstehen«, vernahm er die Stimme seiner Vorzimmerdame, die beunruhigend klang.

»Was soll`s, um das unangenehme Gespräch mit dem Typen komme ich sowieso auf gar keinen Fall herum«, dachte Meyers und laut entgegnete er: »Ist gut, Angela. Schicken Sie ihn bitte herein.«

Kaum ausgesprochen, öffnete sich die Tür und Thompson trat ein. Als er den NASA Manager sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Ohne dem Direktor die Hand zu geben, setzte er sich flugs in einen Sessel, der vor dem Schreibtisch stand.

Justin schaute ein wenig überrascht zum ungebetenen Gast hinüber und fragte dann geschäftsmäßig: »Hallo Steven, schön Sie zu sehen. Was kann ich denn heute für Sie tun?«

Der Gegenüber fing lauthals an zu lachen. Als er den irritierten Blick des Gastgebers bemerkte, verstummte er und erwiderte: »Ich weiß zwar nicht, ob mein Besuch so erfreulich für Sie sein wird, Meyers. Trotzdem vielen Dank für die nette Begrüßung. Doch in der Tat, Sie können eine Menge für mich tun!«, während er sprach, griff er in die Brusttasche und holte eine Schachtel TAWA not 2 Silver hervor. Er reichte sie einladend zum Direktor hinüber, aber der schüttelte wortlos den Kopf.

»Dann eben nicht!«, meinte Thompson und steckte sich selbst eine Zigarette an.

Nachdem er einen Zug genommen hatte, beobachtete er den alten Mann einen Augenblick und sagte mit leiser Stimme: »Wie ich soeben erfahren musste, haben Sie einen wichtigen Mitarbeiter verloren.«

»Du weißt das garantiert schon länger«, dachte der Angesprochenen insgeheim, ehe er traurig nickte und laut erwiderte: »Ja, das stimmt. Vor zwei Stunden erhielt ich die Nachricht, dass Frank Baron tot ist.«

Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Schreckliche Sache und das gerade jetzt, wo das Projekt in die entscheidende Phase tritt.«

Steven Thompson blies den Zigarettenrauch an die Zimmerdecke, ehe er aufstand und langsam zum Fenster ging. So nebenbei fragte er: »Wie ist er denn gestorben?«

Meyers erwiderte erschüttert: »Höchstwahrscheinlich ist er vom eigenen Balkon gestürzt!«

Der Schwarze drehte sich abrupt um und fast beiläufig meinte er: »Hat er etwa Selbstmord begangen?«

Sein Gegenüber seufzte, ehe er kurz berichtete: »Die Polizei geht von Suizid oder einem Unfall aus. Jedenfalls deutet nichts auf eine andere Ursache hin! Jedoch dauern die Ermittlungen noch an, um abschließend etwas sagen zu können.«

Thompson musterte ihn aufmerksam. Dann nahm er einen letzten Zug und warf den Rest der Zigarette in einen Aschenbecher.

Justin Meyers schaute ihn strafend an. Er griff nach dem glimmenden Kippen und drückte ihn aus, bis auch die restliche Glut erloschen war. Kopfschüttelnd stand er auf und öffnete das große Fenster ganz weit. Feuchtwarme Luft strömte herein und nachdem er einige tiefe Atemzüge genommen hatte, machte er es wieder zu. Dann setzte er sich mit einem Seufzer in den Bürosessel zurück.

Thompson hatte schweigend den NASA Direktor bei seinem Tun beobachtet.

Schließlich kam er auf das eigentliche Thema des Besuches zu sprechen und sagte: »Das heißt, Sie suchen einen neuen Leiter?«

Der Angesprochene nickte und mit müder Stimme antwortete er: »Ja und wir haben sogar schon einen gefunden!«

Thompson war sichtlich überrascht. »Oh, so schnell und wer wird es, wenn ich mal fragen darf?«

Meyers schüttelte energisch den Kopf und mit ernster Miene meinte er: »Eigentlich ist der Name noch streng geheim, bis der Betreffende in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Aber ich habe wohl keine andere Wahl oder?«

»Das sehen Sie völlig richtig.«

»Also gut!« Er holte tief Luft und erklärte: »Das Management wird sich am Nachmittag zusammensetzen und Bob Collins zum neuen Leiter ernennen!«

»Das ist nicht gut, Justin!«, meinte der ungebetene Besucher mit ernster Miene und schnalzte mit der Zunge.

»Warum?«, erwiderte der NASA-Direktor neugierig.

Thompson dachte kurz nach, dann entgegnete er: »Weil Ihr Kandidat bei uns gnadenlos durchfallen wird. Ihre Wahl ist, um es einmal salopp zu sagen, der berühmte Griff ins Klo. Ist das jetzt eindeutig!«

Meyers wurde blas. Als er das Glas nahm, um zu trinken, zitterten seine Hände. Nervös sagte er: »Wir hatte keine Zeit, einen anderen fähigen Mann für diesen Job zu finden, Steven.«

Thompson schmunzelte, ehe er in die Innentasche des Jacketts fasste und einen Zettel herausholte. Den überreichte er dem Manager mit den Worten: »Das brauchen Sie auch gar nicht. Die Recherche nach einem geeigneten Nachfolgekandidaten für Baron haben wir bereits für Sie erledigt und Sie haben sogar die Qual der Wahl. Suchen Sie sich in aller Ruhe den, nach ihrer Meinung, besten Kandidaten aus der vorliegenden Liste aus.«

Justin Meyers überflog die Zusammenstellung, die insgesamt 6 Namen enthielt.

Plötzlich ließ er das Blatt sinken und schaute Thomson hilflos an. Dann sagte er entrüstet: »Das ist jetzt nicht Ihr Ernst oder?«

»Selbstverständlich, ich meine es todernst!«, erwiderte der Gast ungerührt und er machte den Eindruck, dass er es auch so meinte.

Der Manager schüttelte energisch den Kopf. »Von diesen Leuten bekomme ich nie und nimmer einen als Kandidaten durch?«

Thompson schaute zum völlig aufgelösten Direktor hinüber und ohne Mitleid konterte er spöttisch: »Doch das werden Sie. Davon bin ich überzeugt.«

»Und wenn es nicht klappt?«, fragte Meyers mit zweifelnder Miene.

Der Besucher beugte sich urplötzlich über den Tisch und als er nahe genug am Gesicht des alten Mannes war, sagte er mit einem drohenden Unterton in der Stimme: »Oh, das wird klappen. Da vertraue ich ihn voll und ganz!«

Nachdem er dies gesagt hatte, richtete er seinen Oberkörper wieder auf und ging langsam rückwärts zur Tür. Dabei meinte er süffisant: »Sie wollen doch nicht so enden wie Frank Baron oder sehe ich das falsch, Justin?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um, öffnete die Tür und war so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

Zurück blieb ein sprachloser NASA-Manager, der allmählich begriff, dass er in einem gefährlichen Spiel verwickelt war, aus dem es kein Entrinnen gab. Genau das machte ihm Angst. Er musste handeln, um sein eigenes Leben zu retten. Koste es, was es wolle.

Unterdessen war Steven Thomson im Vorzimmer angekommen und lächelte der Chefsekretärin freundlich zu. Dann sagte er gut gelaunt zu ihr: »Angela. Ich soll ihnen vom Direktor ausrichten, dass er die nächste Stunde nicht gestört werden möchte.«

Als sie ihm bestätigend zunickte, hob er zum Abschied lässig die Hand und ging.

*

Justin Meyers schlimme Vorahnungen sollten sich tatsächlich bewahrheiten. Seine Kandidatenvorschläge für die Neubesetzung des frei gewordenen Postens stießen auf wenig Gegenliebe bei den übrigen Direktoren.

Schon die Personalie Frank Baron, war vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade jubelnd bestätigt worden. Aber der hatte die Unterstützung durch die höchsten politischen Kreise und so musste er zähneknirschend akzeptiert werden.

Jetzt sah die Sache ganz anders. Denn für die neuen Kandidaten fand sich niemand als einflussreicher Fürsprecher.

Deshalb nahmen die anwesenden Manager auch kein Blatt vor dem Mund. Sie kritisierten sehr offen jeden der vorgeschlagenen Leute und brachten eine Vielzahl von Gründen vor, die gegen eine Ernennung sprachen.

Direktor Meyers ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern kämpfte verbissen um seine Vorschläge. Dabei lobte er alle Bewerber über den grünen Klee, was einige Teilnehmer etwas befremdlich fanden.

Endlich mehreren Stunden später, verbunden mit äußerst zähen Verhandlungen, konnte er einen Erfolg verbuchen. Mit knapper Mehrheit wurde Fred Sullivan, die Nummer vier auf der Liste, zum neuen Teamchef der Flugleitzentrale berufen.

Der alte Manager war nach der Wahl sichtlich zufrieden. Aber nicht, wie die anderen Direktoren des Managements meinten, wegen des gerade ernannten Leiters. Justin Meyer hatte eher das Gefühl, dass ihm sein Leben ein zweites Mal geschenkt wurde.

Und damit lag er auf gar keinen Fall falsch.

 

20. August 1993 am frühen Morgen

 

Der neue Tag war gerade zwei Stunden alt, da klingelte das Telefon an seinem Bett.

Dieses Mal hatte er kein Gespräch erwartet und es dauerte einige Sekunden, bevor er die Müdigkeit abschüttelte und den Hörer abnahm. »Ja, bitte.«

Eine aufgeregte Männerstimme meldete sich: »Hallo Joe, sind Sie es?«

Ungehalten fragte er zurück: »Wer ist denn da!«

»Ich bin es Sullivan!«

»Gott sei Dank, der nur«, dachte der großgewachsene Mann und atmete sichtlich auf. Es dauerte trotzdem einen Moment, ehe er mürrisch erwiderte: »Ach, Sie sind es, Fred. Ist es nicht ein bisschen zu spät für einen kleinen Smalltalk?« Tadelnd fügte er hinzu: »Außerdem sollen Sie diese Nummer nur im absoluten Notfall anrufen. Haben Sie das etwa vergessen?«

»Ich weiß Joe!«, unterbrach ihn Sullivan mit aufgeregter Stimme. »Aber es ist eine Notsituation.«

»Das hoffe ich für Sie!«, meinte er kurz angebunden und etwas freundlicher fuhr er fort: »Dann erzählen Sie mal, wo der Schuh drückt.«

Der Andere holte tief Luft und danach sprudelte es nur so aus ihm heraus: »Die Sonde lässt sich in keiner Weise mehr umprogrammieren. Das heißt, sie wird in jedem Fall die von Baron geplante Umlaufbahn um den Mars erreichen. Was das bedeutet, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen!«

»Das ist äußerst schlecht!«

»Was soll ich nur tun, Joe?«, fragte Sullivan völlig aufgelöst.

Sein Gegenüber überlegte einige Augenblicke. Schließlich sagte er: »Ja, Fred, da müssen Sie sich schleunigst etwas einfallen lassen. Die Sonde darf auf gar keinen Fall ihre Umlaufbahn erreichen.«

»Ich kann vielleicht den Orbiter zum Absturz bringen. Was meinen Sie dazu, Sir?«

Joe war nun endgültig wach geworden und dachte über den Vorschlag nach. Er fand, dass die Idee im Grunde genommen gut war. Deshalb fiel es ihm leicht, zu erwidern: »Ja, ich könnte mir gut vorstellen, dass es funktioniert. Ich vertraue da ganz auf Ihre Erfahrungen. Aber Sie müssen das unbedingt hinbekommen, Fred!« Mit drohender Stimme ergänzte er: »Enttäuschen Sie mich bitte nicht! Das führt sonst unweigerlich zu ernsten Konsequenzen!«

Der NASA Manager antworte hastig: »Nein, nein machen Sie sich keine Sorgen, Joe. Ich lasse mir etwas einfallen!«

Der nahm es wohlwollend zur Kenntnis. »Das sollten Sie auch, in Ihrem eigenen Interesse. Wir haben Sie keinesfalls aus Langeweile auf diesen Posten gehoben.«

»Ich bin mir dessen bewusst, Sir!« Sullivans Stimme klang unterwürfig.

Einige Sekunden vergingen dabei mit Schweigen auf beiden Seiten. Dann fiel seinem Gesprächspartner noch etwas ein. »Ach, bevor ich es vergesse. Möchten Sie zum Abschluss einen todsicheren Tipp von mir haben, Fred?«

»Ja, gerne«, hörte Joe den Gesprächsteilnehmer am anderen Ende sagen und es schien so, als ob Sullivan sehr neugierig auf den Ratschlag war.

»Rufen Sie nie wieder hier an!«, warnte er den NASA Manager eindringlich und ehe der irgendetwas erwidern konnte, knallte er den Hörer auf die Gabel.

Mit der Faust schlug er mehrfach auf sein Kopfkissen ein. Joe war wütend auf diesen Mann Wegen so einer Lappalie anzurufen und ihn sogar noch beim Namen zu nennen, grenzte schon fast an Schizophrenie. Er fragte sich ernsthaft, ob der Bursche keinen eigenen Kopf zum Denken hatte. Jeder nutzlose Anruf, der ihn erreichte, gefährdete die gesamte Operation und hinterließ auch verräterische Spuren. Erbost ballte er nochmals die Hand. Aber dann traf er eine Entscheidung, die ihm in diesem Fall sehr leicht fiel. Ziemlich beruhigt ging er jetzt endlich zu Bett und kurze Zeit danach war er bereits eingeschlafen. Es war vorstellbar, dass er von Mitarbeitern träumte, die selbstständig ihren Job erledigten.

 

Einen Tag später

 

Es kam, wie es kommen musste. Für die Eingeweihten war das, was jetzt passierte, keine Überraschung, für die Öffentlichkeit allerdings umso mehr.

Am 21. August wurde durch die NASA eine unangekündigte Pressekonferenz einberufen.

Auf dieser gaben Vertreter des Managements den Verlust ihrer Marssonde Mars Observer bekannt.

Als Ursache wurde mitgeteilt, dass das an Bord befindliche Triebwerk bei Wiederaufnahme seiner Tätigkeit explodiert sei.

Etwas ungläubig wurde der genannte Sachverhalt durch die anwesenden Medienvertreter zur Kenntnis genommen. Die Raumfahrtbehörde war nicht gerade für Ehrlichkeit und Offenheit bekannt.

Trotzdem versuchten die Journalisten mehr, über den Fehlschlag, zu erfahren. Sie nutzten die Gelegenheit und löcherten die Manager mit Fragen.

Aber sie erhielten keine befriedigenden Antworten.

Außer eine kurze Pressemitteilung, verweigerten die Verantwortlichen nähere Informationen zum Desaster. Alle weiterführenden Nachfragen wurden von der Weltraumbehörde, mit Hinweis auf weitere Untersuchungen, zurückgewiesen.

Zum Abschluss teilte der Pressesprecher noch mit, dass der zuständige NASA Direktor, Justin Meyers, und der Leiter der Flugleitzentrale, Fred Sullivan, von ihren Posten zurückgetreten bereits waren. Sie übernahmen somit die Verantwortung für das Unglück.

So endete diese hoffnungsvoll gestartete neue Mission, kurz vor ihrem Ziel, in einer großen Katastrophe.

*

Nur einige Tage später traf sich die mysteriöse Gruppe der Sechs. Auch diesmal wurde das Treffen perfekt organisiert. Aber das war man gewöhnt und somit keine Überraschung mehr.

Einer ihrer Auftraggeber besaß in der Nähe der kanadischen Prinz Edward Insel ein winziges nur knapp 5 km2 großes Eiland. Geologisch gesehen war es nur ein kleiner Gesteinsrücken, der von den Gletschern der Eiszeit, abgehobelt worden war. Deshalb ragte er nur wenige Meter aus dem Meer empor. Die gesamte Fläche war von einem Kiefernwäldchen bedeckt und dessen Bäume standen bis fast an den Rand der felsigen Küste. Nur im südlichen Bereich hatte man einen Holzsteg ziemlich weit ins Wasser hinein gebaut. Somit konnten auch Boote und Wasserflugzeuge bequem und ohne Schwierigkeiten anlegen. Von dort verlief ein schmaler unbefestigter Weg mitten in durch den lichten Kiefernwald und endete nach wenigen Minuten Spaziergang direkt vor einem prächtigen Holzhaus. Genau an diesem idyllischen Ort sollte das wichtige Treffen stattfinden.

Wie schon beim letzten Mal, kamen die Mitglieder der Gesellschaft einzeln per Flugzeug, das nahe des Holzsteges wasserte, oder mit gecharterten Booten auf der Insel an. Schnell bezogen sie, nach einer kurzen Begrüßung, sofort ihre Zimmer, um sich von den Strapazen der Reise zu erholen.

Erst am Abend fand die Beratung statt. Gemeinsam nahmen sie an einem gewaltigen Holztisch, der aus massiven Kiefernholzbrettern zusammengebaut war, Platz.

Der alte Professor schaute interessiert im geräumigen Wohnzimmer umher und meinte mit anerkennendem Blick: »Oh, das ist ja richtig urig hier und schauen Sie sich einmal die vielen Geweihe über dem Kamin an. Da sind prächtige Exemplare darunter. «

Die anderen folgten seiner Hand. Daraufhin fragte der farbige Kollege in die Runde: »Ob der Besitzer, die Elche und Hirsche selbst geschossen hat?«

Ihr Diskussionsleiter zuckte mit den Schultern, bevor er mit ernster Stimme meinte: »Lassen Sie uns erst einmal das Geschäftliche besprechen. Nachher haben wir noch viel Zeit, um uns über die Jagd auszutauschen und uns einen gemütlichen Abend zu machen. Der Eigentümer hat für das Treffen genügend Proviant und Getränke zur Verfügung gestellt!« Dann räusperte er sich und fuhr fort: »Im Namen der Auftraggeber möchte ich mich bei allen Beteiligten für den vollen Erfolg der letzten Operation bedanken. Jeder von ihnen erhält als Anerkennung in den nächsten Tagen einen sechsstelligen Betrag auf seinem Konto gutgeschrieben.«

Der junge Mann mit den blonden Haaren pfiff zustimmend durch die Zähne, während der einzige Schwarze in der Runde freudig meinte: »Noble Geste. Vielen Dank.«

Der großgewachsene Leiter des Teams, seit einem Jahrzehnt einer der Bosse der geheimen Organisation, erwiderte lächelnd: »Gern geschehen. Gute Arbeit wird auch top bezahlt. So einfach ist das.«

Mit ernstem Gesichtsausdruck erzählte er weiter: »Trotzdem sind einige Dinge vorgefallen, über die wir sprechen müssen!«

»Und die wären?«, fragte der Professor sichtlich überrascht.

»Zum Beispiel, dass Fred Sullivan mich bei meinem Vornamen angesprochen hatte, als er bei mir angerufen hat.«

Der Dicke mit der Halbglatze nickte verständnisvoll. »Das ist ein absolutes No-Go. Die NSA schläft nicht und wird die Unterhaltung sicherlich aufgezeichnet haben.«

Ihr Leiter gab ihm Recht. »Ja, das Schlimmste kommt aber noch. Ich habe das Gespräch mit ihm umgehend zurückverfolgen lassen. Dabei wurde festgestellt, dass er mich, trotz eindeutigen Verbotes, von seinem Büro aus angerufen hat. Dass unsere geplante Operation mit der Sonde trotzdem reibungslos geklappt hat, ist das eigentliche Wunder. Weitere Nachforschungen haben gezeigt, dass wir tatsächlich mehrere Schutzengel hatten.«

»Warum?«

»Normalerweise werden alle Telefongespräche, die aus dem geschützten NASA Bereich nach draußen gehen, vom Sicherheitsteam mitgeschnitten.«

Ehe Joe weitersprechen konnte, ergänzte der Schwarze schnell: »Genauso ist es. Meine eigenen Erkundigungen haben ergeben, dass das Gespräch deshalb nicht aufgenommen wurde, weil gerade während des betreffenden Telefonats eine neue Software installiert wurde. Wir haben einfach nur Glück gehabt. Normalerweise wäre Sullivan noch in der gleichen Nacht geschnappt worden. Bei dem schwachen Nervenkostüm, was er immer wieder mal zeigt, hätte der bei der Polizei alles ausgeplaudert.«

Der Professor schaute ihn nachdenklich an. »Was wollen wir nun mit ihm machen? In meinen Augen stellt er ein sehr hohes Sicherheitsrisiko dar.«

Die anderen Männer am Tisch schienen der gleichen Meinung zu sein, denn keiner erwiderte etwas.

Joe, ihr Leiter, war diese Einmütigkeit keinesfalls entgangen und er nahm sie wohlwollend zur Kenntnis. »Das sehe ich genauso, Professor. Sullivan wurde ja die Hauptschuld am Desaster mit der Mars-Sonde zugewiesen. Das stimmt zwar inoffiziell, jedoch wissen wir alle, dass die NASA glücklicherweise nicht die wahren Hintergründe des Ausfalles kennt. Das hätte wahrscheinlich einen gewaltigen Aufschrei gegeben.«

»Ja, in der Behörde wird derzeit mit harten Bandagen gekämpft. Die finanziellen Mittel werden vom Kongress immer mehr zusammengestrichen und jeder Bereich möchte das größte Stück von der Torte abhaben!«, ergänzte der Schwarze mit nachdenklichem Blick.

»Richtig. Die Raumfahrtbehörde ist zum Siegen verdammt. Sie hat deshalb, nach der Zerstörung der Sonde, nur einen weiteren Sündenbock neben Meyers gesucht und ihn letztlich im Leiter der Flugleitzentrale gefunden. Für die NASA war das sehr praktisch. So hofft man, den eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen, indem der Öffentlichkeit gesagt wird, dass menschliches Versagen von einzelnen Personen für das Desaster verantwortlich ist und keinesfalls die Behörde im Ganzen. «

»Was passiert jetzt mit beiden Managern?«, fragte einer aus der Runde.

Joe nahm ein Schluck Wasser, ehe er mit leiser Stimme entgegnete: »Das Problem ist folgendes. Der alte Direktor wurde endgültig in Pension geschickt, aber Sullivan nicht. Der muss nun nach einem neuen Job Ausschau halten. Dabei wird er schnell auf große Schwierigkeiten stoßen.«

»Und warum? Er ist doch ein ausgewiesener Fachmann!« Einer der Männer war ziemlich überrascht.

Er schaute den Fragesteller verwundert an. »Nun ja, können Sie sich das nicht denken? Durch das Fiasko, für das ihn die Hauptverantwortung zugeschoben wurde, steht er bei den Unternehmen auf der schwarzen Liste. Das heißt, in Zukunft kann er vielleicht noch als Küchenhilfe irgendwo einen Job finden, aber auf gar keinen Fall bekommt er seinen Fuß in die Tür der Weltraumbranche.«

Joe schwieg einen Augenblick und schaute aufmerksam einen nach dem anderen an.

Die entstandene Pause nutzte der Farbige aus und fragte laut in die Runde: »Wie wollen wir Sullivan denn helfen? Immerhin ist einer von uns.«

Ihr Boss schüttelte energisch den Kopf und nachdenklich meinte er: »Das ist für mich ein vollkommen falscher Ansatzpunkt. Wir müssen uns eher die Frage stellen. Wie schützen wir uns vor ihm?«

Der junge Mann mit den blonden Haaren ergänzte vielsagend: »Sie meinen, der Kerl weiß einfach zu viel und er wird versuchen, diese Kenntnisse, jederzeit gegen uns zu verwenden.«

»Denken Sie da an etwas Spezielles?« Der Professor sah ihn neugierig an.

»Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass er die Organisation mit seinem Insiderwissen überpresst, um damit ein paar Dollars zu verdienen.«

Joe, der Boss, schaute ihn überrascht an. »Oh, ich bin wirklich begeistert. Sie machen sich, obwohl sie der Jüngste in unserer Runde sind. Jetzt bin ich richtig neugierig, wie Sie mir diese Frage beantworten werden und ich möchte eine ehrliche Antwort. Welche Herangehensweise würden Sie bei Fred Sullivan empfehlen?«

Die folgende Erwiderung des Mannes war kurz und brutal. »Töten!«

Sein Gegenüber nahm es mit einem anerkennenden Nicken zur Kenntnis. An die übrigen Teilnehmer gewandt sagte er: »Wer ebenso der Meinung ist, den NASA Manager zu eliminieren, den bitte ich um das Handzeichen!«

Fünf Finger schnellten sofort hoch, nur der Professor zögerte einige Sekunden. Das war nicht weiter verwunderlich, denn er war bekannt dafür, dass er Gewalt zutiefst verabscheute. Da er jedoch keinen besseren Vorschlag hatte, hob er nur wenig später ebenfalls seine Hand.

Einen Moment herrschte am Tisch eine unheimliche Stille, dann räusperte sich ihr ältestes Mitglied. »Meine Herren wechseln wir einmal das Thema und kommen zu einem anderen Problem. Die NASA, aber auch die Europäer und Russen planen in den nächsten Jahren weitere Missionen zum Mars. Durch die ständigen Rückschläge in der letzten Zeit sind viele Verantwortlichen bei der Weltraumbehörde und in den angeschlossenen wissenschaftlichen Einrichtungen sehr misstrauisch geworden. Unter der Hand wird schon von Sabotage gesprochen. Selbst m Weißen Haus fragt man sich, warum es einerseits möglich ist, problemlos Sonden zum Saturn und Jupiter zu schicken, die sogar bis zum Schluss fehlerfrei arbeiten. Tja, aber andererseits fast jede Mission zum Nachbarplaneten der Erde scheitert. Wir müssen aufpassen, dass wir den Bogen keinesfalls überspannen.«

Alle hatten aufmerksam seinen warnenden Worten gelauscht.

Joe stand schnell auf und klopfte dem alten Mann beruhigend auf die Schulter. Dann meinte er lächelnd: »Lieber Professor, natürlich habe ich für Ihre Bedenken und Befürchtungen vollstes Verständnis. Den Auftraggebern ist es selbstverständlich auch bewusst, dass es so keineswegs weitergehen kann. Die nächsten Expeditionen zum Mars dürfen nicht schief gehen und ich verspreche Ihnen, sie werden gelingen.«

Als er die überraschten Gesichter seiner Leute sah, erklärte er: »Zwei weitere Flüge sind für 1996/1997 vorgesehen. Diese sind zu großen Teilen von unserer Organisation finanziert.«

Der Dicke war begeistert. »Wow, das ist aber clever. Wir sitzen also demnächst in der ersten Reihe und entscheiden, über welche Gebiete die Sonden fliegen dürfen! Was ist überhaupt konkret bei den Missionen geplant?«

Sein schwarzer Nachbar beantwortete die Frage: »Ein Orbiter wird ein Marsmobil auf der Oberfläche absetzen. Dieses Spielzeugauto wird medienwirksam einige Meter umherfahren, um Gesteinsbrocken zu untersuchen. Der zweite Flugkörper wird den Mars in einer nahen Umlaufbahn umkreisen und den gesamten Planeten kartographieren.«

»Damit fliegt die Sonde doch auch über die Cydonia Region!«, stellte der Dicke erstaunt fest.

Der Schwarze bestätigte: »Ja, der Überflug ist für Frühjahr 1998 vorgesehen.«

Ein hagerer Latino, der bisher der Unterhaltung nur schweigend verfolgt hatte, meldete sich zu Wort und meinte nachdenklich: »Aber dann wird unser Artefakt entdeckt werden. Ist das tatsächlich so gewollt?«

Sein Kollege schüttelte den Kopf. »Nein, da kann ich Sie beruhigen. Es wird weiterhin ein Geheimnis bleiben. Letzte Beobachtungen von der Erde aus haben ergeben, dass von der Apollo 23 Katastrophe nichts mehr zu sehen ist. Alles wurde von den Stürmen unter einer dicken Sandschicht begraben. Beim Gesicht muss ich erstmal passen, da es zu klein für eine nähere Überwachung ist. Allerdings wissen wir ja, dass das Artefakt stark beschädigt wurde. Die Experten gehen deshalb einhellig davon aus, dass es auch in den Sandmassen verschwunden ist.«

»Und die Information ist tatsächlich glaubwürdig?«, fragte skeptisch einer der Kollegen.

Der Boss mischte sich jetzt ein und übernahm den Part von seinem Mitarbeiter. »Darf ich mich mal kurz einmischen, liebe Freunde.«

Die Zuhörer nickten ihm interessiert zu.

»Die erwähnte Auskunft kommt direkt von der NRO und ist damit sehr zuverlässig. Über die gesamte Problematik werde ich konkret berichten, wenn die Zeit reif ist. Ich kann nur so viel sagen. Sollten wir tatsächlich etwas Neues entdecken, behalten wir das Wissen darüber für uns und posaunen es nicht in die Welt hinaus. Es geht hier immer noch um die Nationale Sicherheit und ein wenig mehr.«

»Es gibt aber ein Problem!« Der Dicke ergriff wieder das Wort und als die Anderen ihn erstaunt ansahen, fuhr er fort: »Die Europäer planen mit einer russischen Trägerrakete, ihre Sonde Mars 96 zum Roten Planeten zu schicken. Diese Mission verfolgt ähnliche Ziele, wie wir, und sie ist sogar früher im Orbit. Wie kann das verhindert werden?«

Jo schmunzelte und beruhigte ihn: »Das ist richtig und es laufen bereits Vorbereitungen, dass das erwähnte ESA Projekt misslingen wird. Über das Wie hülle ich mich mal in Schweigen.«

»Wie ist eigentlich der aktuelle Stand bei den Ermittlungen zur gescheiterten Apollo 23 Expedition?« Der Latino sah Joe an.

»Darüber gibt es nicht viel Neues zu berichten. Die Auswertung der Aufnahmen, die von der Kommandokapsel übermittelt wurden, ist seit längerem abgeschlossen. Die Resultate zeigen unbestreitbar auf, dass jenes schreckliche Inferno eindeutig vom Artefakt ausging. Wir nehmen an, dass ein Sicherheitsmechanismus das Objekt geschützt hat. Der wurde ausgelöst, als die beiden Astronauten versuchten, durch das Portal gewaltsam einzudringen«, fasste Joe die aktuellen Ergebnisse zusammen.

Der Nebenmann ließ trotzdem nicht locker, sondern entgegnete erregt: »Aber warum brannten dann in der weiteren Umgebung sogar die Sandflächen ab und hinterließen dort eine seltsame schwarze Substanz. Können Sie uns das wenigstens erklären?«

Der Boss hob bedauernd die Schultern. »Was soll ich Ihnen sagen. Die Experten haben darauf ebenfalls keine befriedigende Antwort gefunden. Es müssen vor Ort wohl Temperaturen geherrscht haben, die jegliches Vorstellungsvermögen übersteigen.«

Der alte Professor unterbrach seine Aussage. »Joe, machen wir uns nichts vor. Mit den mickrigen fahrbaren Robotern werden wir dort auch kaum weiterkommen. Ganz einfach, weil ihr Bewegungsradius viel zu klein ist. Wir sollten schnellstens wieder Menschen dorthin schicken.«

»Sie meinen faktisch, eine weitere Expedition zum Mars zu entsenden?« Joe schien überrascht zu sein.

»Ja, ich denke da konkret an Apollo 24, wenn die Bezeichnung erlaubt ist. Dieser Flug muss auf den Erfahrungen der Vorgänger aufgebaut sein und die Besatzung kann dann vor Ort versuchen, auf anderem Weg das Artefakt zu öffnen.«

Der Angesprochene war das erste Mal, während der Beratung, verunsichert und er wand sich wie ein Aal. »Tut mir Leid, Professor. Aber eine neue Mission ist derzeit nicht geplant. Wie ich das bereits einmal gesagt habe, ist das alles eine Kostenfrage.«

»Wenn ich das schon höre«, unterbrach ihn der Wissenschaftler erregt, »beim SDI Programm wurden auch keine Mittel gescheut und letztlich war das ein kompletter Reinfall. Es sind immer noch eine Saturn 5 Rakete und eine Apollo Kapsel eingemottet. Eine, den Bedingungen angepasste, Landefähre zu bauen und das Kommandomodul zu überarbeiten, dürfte ebenfalls keinerlei gewaltige Kostenexplosion verursachen. Außerdem kann man ja im Übrigen auf das Know-how der Vorgängermission zurückgreifen.«

Joe hatte dem alten Mann aufmerksam zugehört. Dessen Argumente waren tatsächlich keinesfalls von der Hand zu weisen. Er war sich bewusst, dass eine Rückkehr zum Artefakt nicht bis in alle Ewigkeit verschoben werden konnte. Sonst bestand die ganz konkrete Gefahr, dass eine konkurrierende Weltraumnation vor der eigenen Mission auf dem Mars landet und das Geheimnis, dann keines mehr war. Er beschloss, die Problematik im engen Führungszirkel zur Sprache zu bringen. Jetzt wollte er jedoch die leidliche Diskussion erst einmal beenden. Deshalb sagte er, an seine Kollegen gewandt: »Gut, ich verspreche Ihnen, dass ich die heute geäußerten Hinweise und Anregungen an meine Vorgesetzten weiterleiten werde. Da es schon spät ist, schlage ich vor, dass wir uns ein anderes Mal über die zukünftigen Herausforderungen und Flüge unterhalten. Liebe Freunde, sind Sie mit dem Vorschlag einverstanden?« Er schaute sich in der Runde um. Aber es gab keine Einwände.

Nach dieser Aussage wurden die weiteren Aufgaben der Gruppe beraten. Dabei erhielt jedes Mitglied spezielle Aufträge, die in einem eng begrenzten Zeitrahmen umgesetzt werden mussten. Die Männer wussten ganz genau, dass die Auftraggeber für Zeitverzögerungen keinerlei Verständnis hatten. Niemand wollte so enden, wie einige ihrer ehemaligen Mitstreiter.

Eine Stunde später blickte der großgewachsene Boss in die Runde und sagte bestimmt: »Gibt es sonst noch Fragen und Probleme?«

Aber die anderen Komplizen schüttelten nur den Kopf. Er nahm es wohlwollend zur Kenntnis und meinte dann mit einem ironischen Lächeln: »Gut, somit können wir ja den offiziellen Teil beenden und uns endlich den angenehmeren Dingen zuwenden.«

Und tatsächlich wurde es schließlich ein gemütlicher Abend vor dem brennenden Kamin. Sie hatten sich noch viel zu erzählen.

*

Als das Wasserflugzeug schon lange auf dem Heimflug war, schaute der einzige Passagier nachdenklich aus dem Fenster. Joe beobachtete die eintönige geschlossene Wolkendecke, über die sie gerade hinwegflogen.

Der Leiter oder Boss, wie ihn die meisten Mitarbeiter nannten, hatte seinen Mitstreitern nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Bereits vor drei Jahren war von der NRO im Rahmen einer Geheimmission eine Sonde mit dem nichtssagenden Namen NROL 3 zum Mars geschickt worden. Nach zehn monatigen Hinflug schwenkte der Orbiter auf eine sehr niedrige Umlaufbahn ein und begann dann mit der eigentlichen Tätigkeit. An Bord befand sich eine Hochleistungskamera, die noch Einzelheiten von der Größe einer Dollarmünze erkennen konnte. Insgesamt umkreiste NROL 3 den roten Planeten 103-mal. Die Aufnahmen wurden durch eine neue Verschlüsselungstechnologie, die den quasistellaren Radioquellen ähnlich war, direkt zum NRO Hauptquartier gesendet. Nachdem seine Mission erfüllt war, zündete letztmalig für drei Minuten das Triebwerk der Sonde. Daraufhin verließ sie ihre Umlaufbahn und flog mit 43000 km/h in Richtung des Asteroidengürtels davon. Es war geplant, dass sie nach einigen Jahren das Sonnensystem verlässt und sich dann geradewegs zur Andromeda Galaxie aufmachen wird. Ob NROL 3 dieses Sternensystem jemals erreichen würde, war sehr zweifelhaft. Sollten außerirdische Zivilisationen das Fluggerät finden, hatte er eine ziemlich aussagefähige Plakette an Bord. Sie gab Auskunft, woher die Sonde kam und wer sie geschickt hatte.

Die Aufnahmen des Orbiters beruhigten die Experten. Von der Katastrophe, die Apollo 23 ereilt hatte, war nichts mehr zu erkennen. Auch das Marsgesicht machte jetzt eher den Eindruck eines kleinen Bergmassives, als das eines Antlitzes.

Ein Schmunzeln überflog das Gesicht von Joe. Das war eigentlich die beste Information des Geheimfluges gewesen. So wird das Geheimnis, besonders für die anderen Raumfahrtnationen, glücklicherweise eines bleiben. Wer interessierte sich schon für einen Sandhaufen inmitten einer eintönigen Sand-und Geröllwüste? Die Antwort fiel ihm leicht- natürlich Niemanden.

Jetzt konnte endlich damit begonnen werden, die nächste bemannte Mission zum Mars in das schwarze Programm aufzunehmen. Er wusste, die Umsetzung durfte leider noch einige Jahre dauern. Auch viele andere Geheimprojekte wurden ebenfalls durch dieses Budget finanziert. Speziell der Stratosphärenjet mit dem Tarnnamen »Aurora« verschlang ungeheure Mittel und ein Ende seiner Entwicklung war längst nicht in Sicht.

Er kehrte mit den Gedanken zurück in die Gegenwart und machte es sich im breiten Ledersessel bequem. Die Entscheidung war gefallen.

Nach Rücksprache mit dem inneren Führungszirkel wird er die ihm unterstellten Mitstreiter erst dann über die neue Mission informieren, wenn die Finanzierung endgültig gesichert war.

 

Herbst 1993

 

Fred Sullivan war in der Tat zu bedauern. Vor wenigem Tage, als er zum Missionsleiter ernannt wurde, stand er auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Aber wer hoch fällt, der kann bekanntlich auch tief fallen. Genau das war ihm passiert. Als die Mission scheiterte, musste er die volle Verantwortung übernehmen. Doch das er sofort des Postens enthoben wurde, das war ein harter Schock für ihn. Zwar hatte das Management der Weltraumbehörde keinerlei Beweise gegen ihn in der Hand. Trotzdem war er als Leiter der Flugleitzentrale natürlich der ideale Sündenbock, dem man das Misslingen des Auftrages bequem in die Schuhe schieben konnte.

Diese Vorgehensweise hatte er, wenn auch, zähneknirschend akzeptiert. Aber als er wenig später sogar noch die fristlose Kündigung erhielt, war er total am Boden zerstört. Kurz hatte der pflichtbewusste Mann daran gedacht, sich an die Medien zu wenden. Doch sehr schnell erkannte er, dass man ihm kein einziges Wort glauben würde. Außerdem war er von der NASA zur Geheimhaltung gezwungen worden. Die Lage schien hoffnungslos zu sein.

So ruhte die ganze berufliche Zukunft von ihm auf den Schultern eines mysteriösen Typs namens Joe. Der hatte ihn vor einigen Monaten in einer Bar überraschend angesprochen und für die geheime Organisation rekrutiert.

Schon mehrfach hatte Sullivan in den letzten Tagen versucht, ihn über die verabredete Geheimnummer zu erreichen. Aber die Leitung war seltsamerweise immer tot gewesen.

Dem ehemaligen NASA Mitarbeiter beschlich das seltsame Gefühl, dass er wohl das Bauernopfer in einem großen Spiel war. Zum ersten Mal bereute er, überhaupt mitgemacht zu haben. Jedoch wusste er auch, dass es zum Aussteigen längst zu spät war. Er schüttelte die trübsinnigen Gedanken weg und stellte frustriert das ausgetrunkene Bierglas auf den Küchentisch zurück.

In diesem Augenblick klingelte sein Telefon. Schwerfällig stand er auf und ging mit langsamen Schritten zum Apparat, der im Flur an einer Wand hing. Zögernd nahm er den Hörer ab und meldete sich: »Ja?«

Die Stimme eines Mannes war zu vernehmen: »Hallo, spreche ich mit Fred Sullivan?«

Er erwiderte mürrisch: »Ja, der bin ich und wer sind Sie zum Teufel? Doch hoffentlich kein Journalist. Dann ist das Gespräch hiermit beendet!«

Der Kerl am anderen Ende lachte leise auf, ehe er freundlich meinte: »Entschuldigen Sie bitte, ich bin wirklich unhöflich. Ich bin der persönliche Assistent von Joe. Er lässt Sie herzlich grüßen und bedauert sehr, dass er sich derzeit mit Ihnen leider nicht verabreden kann.«

Ziemlich unwirsch erwiderte Sullivan: »Es wurde auch endlich Zeit, dass ich von Joe etwas höre. Immerhin ist er mir noch einen Gefallen schuldig!«

Der Mann am anderen Ende stimmte ihm sofort zu. »Da haben Sie natürlich Recht, Fred. Sie haben eine Menge für uns getan. Wir sind selbstverständlich ebenfalls der Meinung, dass wir Ihnen jetzt unbedingt unter die Arme greifen müssen!«

Er wurde hellhörig. »Das klingt gut. Nach meinem beruflichen Absturz ins Bodenlose könnte ich tatsächlich etwas Hilfe brauchen.«

»Seien sie nicht so bescheiden, Fred. Das haben Sie sich verdient. Joe hat angewiesen, dass sie 500000 Dollar erhalten sollen. Dieses Geld steht gerade in einer schwarzen Aktentasche neben mir und wartet auf seinen neuen Besitzer.«

»Das klingt gut und weiter?«

»Wir müssen uns treffen, Sir.«

Der Angesprochene blieb noch skeptisch. »Damit eines von vornherein gleich klar ist. Einsame Treffpunkte mitten im Wald, wo Sie mir dann unbemerkt den Schädel einschlagen, lehne ich ab. Also, keine falschen Tricks. Wenn Sie mich über das Ohr hauen, gehe ich an die Presse und verrate alles. Darauf können Sie und Joe den Arsch drauf verwetten. Haben wir uns verstanden, junger Mann?«

Der Assistent ließ sich von diesem Gefühlsausbruch keineswegs aus der Ruhe bringen und erwiderte mit leiser Stimme: »Was denken Sie denn von uns, Fred? Seien Sie doch nicht so misstrauisch. Am besten Sie schlagen einen Treffpunkt vor. Dort treffen wir uns dann abends. Sie erhalten ihr wohlverdientes Geld und ich verschwinde wieder. So einfach ist das Prozedere.«

Der ehemalige Manager überlegte kurz, ehe er äußerte: »Das ist ein Wort. In der Lincoln Street gibt es eine kleine Bar mit dem Namen Inca Queen. Da erwarte ich Sie direkt am Tresen um Punkt 21.00 Uhr und ich trage nicht eine Blume im Haar.«

Der Gesprächspartner lachte auf, ehe er bestätigte: »Sie sind für mich leicht zu erkennen. Ihr Bild war ja in den letzten Wochen dauernd in der Presse. Die Bar ist mir zwar unbekannt, aber ich schaue nachher mal auf dem Stadtplan nach, wie ich am besten dort hinkomme. «

Sullivan erwiderte mit drohender Stimme: »Seien Sie unbedingt zur vereinbarten Zeit da. Ich werde nicht ewig warten!«

»Machen Sie sich bitte keine Sorgen, Fred. Ich war bisher immer pünktlich und Sie können davon ausgehen, das wird auch am heutigen Abend klappen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf.

Der NASA Manager zuckte sichtlich zusammen, als er plötzlich das Besetztzeichen hörte. Eigentlich hatte er noch eine Frage auf den Lippen. Schnell hatte er sich jedoch wieder gefangen. Vielleicht gab es ja eine Gelegenheit, diese bei der Geldübergabe zu stellen.

Die Stunden bis zum Treffen vergingen für Sullivan nur unerträglich langsam. Ruhelos wanderte er in der winzigen Wohnung auf und ab. Die Aussicht bald viele Dollars zu besitzen, euphorisierte ihn, aber er hatte auch Angst in einen Hinterhalt zu geraten. Das Letztere schob er dann jedoch weit von sich. Der Anrufer hatte in keiner Weise auf einem bestimmten Treffpunkt bestanden, sondern ihn selbst den Ort der Geldübergabe bestimmen lassen. Diese Einsicht beruhigte ihn etwas. Trotzdem beschloss er, nicht unbewaffnet zur Übergabe zu gehen. Er suchte ziemlich lange, bis er den kleinen 22er Colt Pacemaker endlich unter einem Stapel alter Wäsche gefunden hatte. Nachdenklich überprüfte er die sechs Patronenkammern. Erleichtert sah er, dass alle gefüllt waren.

Nervös schaute er wieder zur Uhr und in diesem Moment zeigte sie schon 20.30 Uhr an. Jetzt musste er sich beeilen, sonst kam er unpünktlich zum Treffen und das durfte keinesfalls sein. Rasch wusch er das Gesicht und putzte die Zähne. Dann zog er ein frisches Oberhemd an und steckte den Colt hinter den Hosengürtel der neu gekauften Jeanshose. Abschließend zog er noch eine braune Lederjacke über und zog den Reißverschluss hoch. Mit einem Blick in den Spiegel stellte er beruhigt fest, dass von der Waffe nichts zu sehen war. Schließlich verließ er die Wohnung, schloss zweimal ab und lief, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinunter.

Wenige Augenblicke später betrat er bereits den Bürgersteig. Rasch nach links und rechts schauend überquerte er die Straße und bog in eine kleine Gasse ein. Hier hatte er gestern sein Auto geparkt, einen Ford Escort.

Aufmerksam überprüfte er das Fahrzeug von jeder Seite. Er kroch mit den neuen Klamotten sogar unter die Limousine. Aber er konnte nichts Auffälliges entdecken. Alles war in bester Ordnung.

Er atmete erleichtert auf, dann entsperrte er die Autotür und setzte sich auf den Fahrersitz. Nachdem er die Stellung des Rückspiegels verändert hatte, steckte er den Schlüssel in das Zündschloss und drehte ihn langsam nach rechts. Mit einer gewaltigen Detonation explodierte in diesem Augenblick der Motor seines Autos.

Die Motorhaube wurde durch die Wucht aus ihrer Verankerung gerissen und flog in hohem Bogen davon. Währenddessen wurde die Frontscheibe ins Fahrzeuginnere gedrückt. Eine meterhohe Stichflamme schoss aus dem Motorraum hervor und steckte, in Sekundenbruchteilen, den gesamten Innenraum des Fords in Brand.

Fred Sullivan riss die Schockwelle abrupt nach hinten. Durch den enormen Druck, der auf seinen Körper einwirkte, brach er sich sofort das Genick, ehe der Rumpf einschließlich Kopf vollständig von den gelblichen Flammen erfasst wurde.

Schon wenige Augenblicke später griff das Feuer auf die Holzfassade des angrenzenden Gebäudes über.

Als die Feuerwehr endlich mit mehreren Löschzügen am Einsatzort eintraf, brannten bereits zwei Häuser in voller Ausdehnung. Die sofort aufgenommenen Löscharbeiten dauerten die gesamte Nacht. Einige Stunden vorher, waren die verkohlten Überreste der Fassade auf das ausgeglühte Auto gestürzt und hatte es unter sich begraben. Es sollte ziemlich lange dauern, bis der verbrannte Torso des Opfers gefunden wurde.

*

Der Anruf erfolgte bereits kurz vor Mitternacht. Der großgewachsene Mann saß schon seit einiger Zeit in einem großen Ohrensessel. Er hielt eine Flasche Bier in der Hand. Aus der nippte er hin und wieder und schaute den regionalen Nachrichtensender an. Was dort seither über den Bildschirm flimmerte, erregte sein Missfallen und er musste sehr häufig verärgert den Kopf schütteln.

Als er das Klingeln vernahm, erschien ihm das wie eine Erlösung. Deshalb nahm der Typ namens Joe sofort den Telefonhörer ab: »Ja, bitte«.

Eine ihm wohlbekannte Stimme meinte ironisch: »Ihr Mann befindet sich gerade auf einer heißen Grillparty?«

Seinem Gegenüber war in keiner Weise zum Scherzen zumute und mit drohendem Tonfall erwiderte er: »Das sehe ich, und zwar schon seit Stunden live auf allen Hauptkanälen der Region. Mussten Sie so übertreiben? Ging es nicht eine Nummer kleiner?«

Dem Mann am anderen Ende war das Lachen mittlerweile wohl auch vergangen. Etwas kleinlaut versuchte er das Vorgehen, zu erklären: »Tut mir aufrichtig Leid, Sir. Ganz ehrlich, wir hatten es keinesfalls so geplant. Ursprünglich wollten wir uns mit ihm außerhalb der Stadt treffen. Jedoch muss Sullivan irgendetwas geahnt haben, denn er war sehr misstrauisch. Er ließ sich nur auf eine Verabredung ein, nachdem er den Treffpunkt selbst bestimmen durfte. Dieser war aber eine winzige Bar, mitten in der City!«

»Ach so ist das«, meinte er mit versöhnlicher Stimme, »und dann haben Sie an ihm einfach mal die feurige Variante ausprobiert.«

Der mysteriöse Mitarbeiter lachte kurz auf, bevor er erwiderte: »Uns blieb leider keine andere Wahl, als zu improvisieren. Jedenfalls wird es bestimmt einige Stunden dauern, bis sie ihn gefunden haben.«

Der Auftraggeber nickte. »Hm, wenigstens sind wir ihn los und das ist das Wichtigste.«

Sein Gesprächspartner räusperte sich, dann meinte er ungeduldig: »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Sir? Wenn nicht, möchte ich die Stadt, so schnell wie möglich, verlassen.«

Joe schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, Sie können ruhig fahren. Sollte ich Sie wieder einmal benötigen, werde ich mich melden!«, ohne eine Antwort abzuwarten, legte er den Hörer auf.

Er trank den letzten Schluck Bier in einem Zug aus und stellte die leere Flasche auf den Tisch. Dann erhob er sich gähnend, ergriff die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Mit müden Schritten verließ er das Wohnzimmer und ging zu Bett.

Kurz vor dem Einschlafen, während er von einer Seite zur anderen wälzte, musste Joe mit einem unguten Gefühl feststellen, dass die Liste der Opfer immer länger wurde. Das gefiel ihm überhaupt nicht und hatte auch kaum noch etwas mit irgendwelchen Geheimoperationen zu tun.

»Hoffentlich ist die Sache, tatsächlich den ganzen Aufwand wert«, murmelte er schließlich. Aber letztendlich schloss er mit dem unerfreulichen Thema ab. Er arbeitete halt in einer Branche, wo Verluste auf der Tagesordnung stehen. Wer weiß, wann es ihn treffen wird. Hauptsache, dann schmerzlos. Mit diesem Gedanken schlief der mächtige Mann endlich ein.

*

Der Mörder irrte sich in einem Punkt gewaltig.

Die Aufräumungsarbeiten nach dem Großbrand gingen über eine Woche. Erst am sechsten Tag entdeckten Arbeiter in dem verglühten Autowrack, eine total verkohlte Leiche. Da der Tote nicht vermisst wurde und die DNA Analyse noch in den Kinderschuhen steckte, dauerte es nochmals 6 Monate, bevor Fred Sullivan identifiziert war.

Die genaue Brandursache allerdings konnte nie ermittelt werden. Die eingesetzten Brandermittler der Feuerwehr vermuteten als Ursache für die Katastrophe eine schadhafte Gasleitung. Diese führte direkt an der Holzfassade zu einem China-Restaurant, das in einem der ausgebrannten Häuser untergebracht war.

 

Kapitel 4 Eine Wahrheit, die keine ist

 

12. September 1997

 

Nach einem 750 Millionen Kilometer langen Flug hatte die 1062 kg schwere Sonde »Mars-Global-Surveyor« kurz MGS genannt, endlich ihr Ziel erreicht. An jenem Tag schwenkte sie in den Orbit um den Roten Planeten ein. Es waren mehrere Kurskorrekturen erforderlich, dann hatte sie schließlich die ideale ellipsenförmige Umlaufbahn gefunden. Der höchste Punkt der Marssonde befand sich jetzt in 378 Kilometer über der Oberfläche, während die minimalste Annäherung bei 56 Kilometer lag. Somit konnten erfreulicherweise, auch kleinste Details aufgenommen werden. Mit diesen Parametern dauerte eine Umrundung gerade einmal 118 Minuten.
Kurze Zeit später begann MGS mit seinen hochauflösenden Kameras den Mars komplett zu kartographieren. Aber es sollten noch Monate vergehen, bevor der richtungsweisende Überflug der Sonde in Angriff genommen wurde. ...

 

Frühjahr 1998

 

Der 5 April des Jahres war ein kühler Morgen auf dem Mars. An diesem Tag entschied sich das Schicksal des Marsgesichtes.

Wahrheit oder Täuschung? Künstliche oder natürliche Formation?

MGS wandelte auf den Spuren der beiden Viking Sonden und überflog direkt die Cydonia Region.

Die Aufnahmen, die zur Erde geschickt wurden, waren sehr detailreich und außergewöhnlich scharf.

Nach der Begutachtung der gesendeten Bilder durch erfahrene Experten und Wissenschaftler, passierte genau das, was die Kritiker der Marskopf-Theorie schon immer gepredigt und die Befürworter befürchtet hatten.

Die, veröffentlichen, Fotografien zeigten eine Bergformation, die sich mit ihren sandigen Flanken deutlich von der umgebenden Hochebene abhob. Weit und breit war kein "Pagenkopf" zu entdecken. Mit Bedauern nahmen das die Verfechter der Kopf-Hypothese zur Kenntnis und gaben offen ihr Unrecht zu. Das wurde in den Wissenschaftskreisen, speziell bei den Dogmatikern, wohlwollend aufgenommen. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein. Das war ihr Credo und sie sonnten sich stolz in der Annahme, sie hätten Recht.

Aber zeigte MGS tatsächlich nur eine natürliche Formation oder steckte viel mehr dahinter?

 

1998, irgendwann in einer lauen Sommernacht

 

Joe wälzte sich schon seiteinige Stunden unruhig von einer Seite auf die andere. Schuld daran war die schwüle feuchtwarme Luft in seinem Schlafzimmer. Obwohl das Fenster halb offen stand, brachte der nächtliche Wind, der schwach in das Zimmer hinein wehte, kaum Abkühlung.

Das Klingeln des Telefons auf dem kleinen Nachttisch riss ihn abrupt aus dem Dämmerzustand. Nun endgültig wach, schlug er die Augen auf und tastete mit der linken Hand nach dem Hörer. »Hallo?«

»Ich bin’s«, meldete sich eine krächzende Stimme.

»Guten Morgen Professor. Gibt es irgendwelche Probleme?«, fragte er überrascht.

»Nein, keine Sorge, Joe«, meinte der alte Wissenschaftler schnell.

»Ist es bei Ihnen auch so schwül?«, stöhnte der Boss laut auf.

»Oh ja, aber ich höre in der Ferne ein Gewitter grollen. Vielleicht kommt nachher noch eine ordentliche Abkühlung«, sagte er hoffnungsvoll.

Dann räusperte er sich leise und fragte seinem Gegenüber: »Wie ist denn die letzte Sitzung unseres Gremiums verlaufen, Joe? Ich konnte ja leider nicht teilnehmen, da ich zu einem Kongress nach Europa fliegen musste.«

Der Angesprochene nickte kurz, bevor er erwiderte: »Haben Sie die aktuellen Fotos vom Mars gesehen?«

»Oh, ja!«, ertönte eine spöttische Stimme aus dem Hörer. »Deshalb rufe ich unter anderem an. Die Bilder sind phantastisch geworden. Ich frage mich natürlich nun, wie Sie die Aufnahmen so perfekt hinbekommen haben?«

Joe lachte kurz auf, bevor er bescheiden meinte: »Oh, da muss ich Sie enttäuschen, Professor.«

»Warum? Also, ich gehe davon aus, dass die Fotografien, vor der Veröffentlichung, sicherlich bearbeitet wurden oder liege ich völlig falsch?«

»Was soll ich um den heißen Brei herumreden, lieber Freund. Aber Ihr Verdacht ist nicht richtig«, kam es entschieden zurück.

Der alte Mann schien verblüfft zu sein. »Dann verraten Sie mir doch bitte, weshalb kein Marsgesicht zu sehen ist?«

»Erinnern Sie sich noch an die Beratung in Kanada und was dort über diese Region gesagt worden ist?«

»Natürlich!«, meinte er. »Es wurde festgestellt, dass das gesamte Katastrophengebiet unter der rötlichen Sandschicht verschwunden war. Aber ob ähnliches auch mit dem Artefakt passiert ist, konnte nicht verifiziert werden. Da galt das Prinzip Hoffnung.«

Dann war es für einen Moment still, ehe es flehentlich aus dem Hörer kam: »Joe, wo ist der Fehler. Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge!«

Der Angesprochene lachte laut auf. »Professor, nun beruhigen Sie sich mal. Die Sache ist unspektakulärer, als Sie denken. Das Gesicht sieht tatsächlich so aus, wie auf den veröffentlichten Bildern. Da war keine Bildbearbeitung nötig.«

»Aha. Haben Sie das gewusst, dass es so kommen würde?«, fragte der Wissenschaftler neugierig.

»Sagen wir mal so. Ich bin seit langem gut informiert.«

»So, so und deshalb stellte dieser Überflug der Sonde für Sie keinerlei Gefahr mehr da oder?«

»Vollkommen richtig, Professor.«

»Haben Sie das bereits unseren Kollegen mitgeteilt?«

»Nein, und es ist derzeit auch nicht geplant.«

»Oh, und was ist der Grund für die Geheimniskrämerei?«

»Es müssen noch einige wichtige Dinge geklärt werden. Danach bekommen Sie und das restliche Team selbstverständlich umfassenden Informationen, so dass keine Fragen offenbleiben.«

Die Antwort schien den alten Mann kaum zu befriedigenden. Vorwurfsvoll meinte er nur: »Joe, Sie haben Geheimnisse? Das finde ich persönlich keinesfalls in Ordnung. Immerhin haben wir anderen auch die höchste Sicherheitseinstufung.«

»Da muss ich Sie enttäuschen, das ist so nicht ganz richtig.«

»Wollen Sie damit sagen, dass es noch eine höhere Stufe gibt, Joe?« Die Stimme des hochdekorierten Wissenschaftlers klang ziemlich aufgeregt.

Sein Leiter versuchte, ihn zu beruhigen. »Professor, ich verspreche Ihnen, das Sie schnellstmöglich informiert werden. Es wird immer Dinge geben, die weit über Ihrer und sogar meiner Geheimhaltungsstufe liegen. Ob es uns gefällt oder nicht. Wie sagt man so schön, kommt Zeit, kommt Rat. Das ist zwar kein Trost, aber eine Tatsache, die es bereits sehr lange gibt.«

»Wahrscheinlich seit Roswell!«, meinte er sofort.

»Das ist korrekt. Damals wurde ja auch Majestic ins Leben gerufen!«, gab Joe ihm Recht.

»Gut, das muss ich wohl so akzeptieren!«, erwiderte der Professor. Trotzdem fragte er skeptisch nach: »Aber das Marsgesicht existiert noch oder?«

»Natürlich, das Artefakt ist nur etwas verschüttet. Gott sei Dank, wissen nur wir, was tatsächlich unter den Sandmassen ist.«

»Dann bin ich ja beruhigt!«, meinte sein Gegenüber lachend. Mit ernster Stimme fuhr er fort: »Vermutlich bleibt es auch dabei, dass die Öffentlichkeit auf gar keinen Fall über die Entdeckung informiert wird.«

»Völlig richtig. Das ist derzeit nicht geplant, Professor.«

»Da freut mich, Joe. Ich persönlich finde, dass die große Mehrheit der Bevölkerung in keinerlei Weise reif für die Wahrheit ist!«

»Das sehe ich genauso. Eine Veröffentlichung des außerirdischen Artefaktes ist gegenwärtig absolut undenkbar. In der heutigen Zeit könnte das bisherige Weltbild von Milliarden von Menschen, von heute auf morgen, infrage gestellt werden. Ganz zu schweigen von der Hysterie und Panik, die Viele erfassen würde. Das darf auf gar keinen Fall passieren. Sollen die Leute ruhig weiter von ihren Göttern träumen und sie anbeten. Das ist der Organisation völlig egal.«

»Liege ich richtig in der Annahme, dass wir mittlerweile die NASA, ziemlich sicher im Griff haben?«, meinte der Professor leise.

»Ja, davon gehe ich aus!«, ergänzte Joe. »Alle wichtigen Positionen konnten im Laufe der letzten Monate durch Männer unseres Vertrauens besetzt werden. Ich kann Ihnen versichern, dass damit sichergestellt ist, dass die Weltraumbehörde keinerlei unliebsamen Statements an die Öffentlichkeit herausgeben wird. Auch der Präsident ist glücklicherweise viel ruhiger geworden und nervt mit keinen dummen Fragen und Vorschlägen mehr. Der versucht die Problematik namens Mars weiträumig zu umschiffen!« Joe lachte kurz auf.

»Schön zu hören!«, erwiderte der Wissenschaftler zufrieden. Dann wechselte er abrupt das Thema. »Aber deshalb habe ich Sie nicht angerufen, Joe!«

»Ach, warum denn sonst, Professor?«, fragte der Boss erstaunt und fuhr fort: »Ich dachte, Sie sind neugierig auf die übermittelten Bilder.«

»Ja das natürlich auch, Joe. Doch eigentlich wollte ich nur wissen, ob der Termin unseres nächsten Treffens bereits feststeht.«

»Ja, die Einladungen gehen übermorgen raus«, war seine kurze Antwort.

»Ich freue mich«, kam es kaum verständlich zurück, dass von einem lauten Knacken in der Leitung übertönt wurde.

Erschrocken hielt der Boss inne. Was war das? Hörte etwa einer mit? Aber das Telefon ist doch eigentlich abhörsicher. Das hatte ihm die NSA fest versprochen. Joe kroch es kalt den Rücken hinunter. Vielleicht horchte genau dieser Nachrichtendienst gerade mit?

Der Professor schien die Bedenken nicht zu teilen und beruhigte ihn mit seiner unbekümmerten Art. »Kein Grund zur Aufregung, Joe. Das war eben nur das Gewitter bei mir. Es kommt immer näher und die Blitzanschläge auch. Also die Sorge, dass Abhörspezialisten der NSA, CIA oder KGB, in der Leitung umherspuken, ist völlig unbegründet.«

Fast gleichzeitig lachten die beiden Männer befreit auf, ehe der alte Wissenschaftler meinte: »Aufgrund des Wetters sollten wir lieber das Gespräch beenden, sonst schlägt tatsächlich noch der Blitz ein. Wir sehen uns ja bald wieder. Bis dann, Joe!«

»Worauf Sie sich verlassen können!«, erwiderte Joe leise.

Aber der Professor hatte schon aufgelegt.

Für einen kurzen Moment betrachtet der hochgewachsene Mann nachdenklich den Hörer, ehe er ihn vorsichtig auf die Gabel zurücklegte. Ein Lächeln umspielte sein Gesicht. Er war mit sich und der Welt zufrieden. Das konnte er auch, denn das Geheimnis wird ein Mysterium für viele Menschen bleiben, für jetzt und alle Zeit. Nachdem er noch ein kaltes Bier getrunken hatte, nahm er schnell eine Schlaftablette. Das sollte man zwar nach Alkoholgenuss nicht, aber das war ihm egal. Anschließend ging er wieder zu Bett und wenige Augenblicke später war er bereits eingeschlafen.

 

Sommer 2003 Vandenberg Air Force Base

 

Am 23. Juli startete von der Militärbasis eine Delta II Rakete in das All. An Bord befand sich die Sonde NROL 14, die im Auftrag des hochgeheimen National Reconnaissance Office (NRO), eine wichtige Mission zu erfüllen hatte.

Nach einem zehn Monate dauernden Flug war das Ziel endlich erreicht. Der knapp 1000 kg schwere Satellit schwenkte in eine nahe Umlaufbahn um den Mars ein. Dies erfolgte vollkommen autark, also automatisch, denn aus Gründen der Geheimhaltung wurde schon auf dem Hinflug auf einen Funkkontakt verzichtet. Das war natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, da bei technischen Problemen nicht eingegriffen werden konnte. Deshalb war auch ein Selbstvernichtungsmechanismus hinterlegt, der bei Schwierigkeiten selbstständig ausgelöst wurde. Lieber büßte das Management das Fluggerät ein, als das es in die Hände der Gegner und Konkurrenz der USA fiel.

NROL 14 wurde mit der unmissverständlichen Anweisung losgeschickt, sich erst dann mit der Flugzentrale in Verbindung zu setzen, wenn etwas Ungewöhnliches, das nicht den normalen Parameter entsprach, entdeckt wurde. Was das sein sollte, hatten IT Spezialisten in einer aufwendigen Programmierung im Bordcomputer hinterlegt.

Die Hauptaufgabe dieser 2 Milliarden Dollar teuren Mission lag in der Erstellung von hochauflösender Fotos für die Vermessung und Kartierung der Topografie der Cydonia Region. Speziell die Gegend rund um das mysteriöse Artefakt galt die besondere Aufmerksamkeit.

Des Weiteren sollte mit Hilfe eines drei Meter großen Radioteleskopes nach Signalen gesucht werden, die eventuell vom künstlichen Objekt ausgestrahlt wurden.

Von der Erde aus wurde das, mit hochfeinen Instrumenten, schon ergebnislos versucht. Den Misserfolg begründete man damit, dass die akustischen Zeichen entweder sehr schwach waren oder eine unbekannte Frequenz nutzten.

Nun begann das Warten. Wochen vergingen, Monate und keine Nachrichten kamen aus Richtung des Roten Planeten.

Aber NROL 14 blieb natürlich nicht untätig. Er hatte noch ganz andere Forschungsaufträge zu erledigen.

Auf seiner 10 Terabyte großen internen Festplatte konnten mehr als 25000 Aufnahmen in unterschiedlichen Spektren gespeichert werden. Es wurde winzige Details sichtbar, weil die Auflösung unter 30cm pro Pixel lag.

Einige Wochen lang tobte über die Hochebene ein gewaltiger Sturm und wirbelte die roten Staubwolken bis zu 5 Kilometer hoch in die dünne Atmosphäre. Mit Hilfe des Bordradars konnten die Spezialisten, ähnlich wie auf der Venus, die Oberfläche des Planeten weiter erforschen. Sehr schnell erkannten die Wissenschaftler, dass der Ort der Katastrophe komplett verschüttet war. Auch das Marsgesicht war nicht mehr als solches zu erkennen.

Da letztlich weder die Radarmessungen, noch die Spektralanalyse neue, bisher unbekannte Erkenntnisse lieferten, schaltete das System bei der 300. Umrundung automatisch auf den sogenannten Plan B um. Dieser beinhaltete die Beobachtung des gesamten Wetters inklusive Wolkenbildung, die Suche nach Wassereis und das Kartographieren von unerforschten Gebieten auf der Oberfläche. Auch die erwähnten Messwerte und Details landeten im internen Speicher der Sonde.

Die NRO plante die Daten, im Rhythmus von 100 Tagen, per Funkbefehl abzufordern. Um die Festplatte danach wieder neu bespielen zu können, sollte sie automatisch defragmentiert werden.

Die gesammelten Informationen wurden natürlich nur verschlüsselt übermittelt. Der Algorithmus war von Spezialisten der NSA entwickelt worden. Es war geplant, alle Werte und Bilder, in einzelnen, gleich großen, Paketen nacheinander zur Erde übertragen.

Ob das, ohne Datenverlust, funktioniert, hing auch von der Übertragungsqualität ab.

Es gab also einige Unsicherheitsfaktoren. Aber die NRO war es gewohnt, auf höchstem Level top Qualität abzuliefern.

*

Mittlerweile war der 95. Marstag von NROL 14 angebrochen.

Die Sonde befand sich noch 500 km vom eigentlichen Artefakt entfernt.

Da empfing das Radioteleskop auf 1420,034 MHz ein schwaches Signal. Automatisch begann das System nach Elementen des Periodensystems zu suchen, die auf dieser Frequenz sendeten.

Schnell stand für den Bordcomputer fest, dass der Hyperfeinstruktur-Übergang des neutralen Wasserstoffs ihm ziemlich nahe kam. Der wurde im Universum auf der Frequenz 1420, 405 MHz erzeugt. Aber der Unterschied zwischen den beiden Wellenlängen war eindeutig.

Langsam steuerte der Parabolspiegel in Richtung des Signals. Immer besser konnte es aus dem Hintergrundrauschen herausgefiltert werden.

Als der Satellit direkt das Artefakt überflog, war der Höhepunkt der Übertragung erreicht. Sehr laut und eindringlich war die Nachricht zu vernehmen und wurde auch so aufgezeichnet. Als sich die Sonde vom künstlichen Objekt entfernte, nahm die Signalstärke äußerst schnell ab. In 700km Entfernung war es dann endgültig vorbei. Nur noch das typische Pfeifen und Knattern des Universums begleitete die Marssonde auf ihrem einsamen Weg um den Planeten herum.

Der Algorithmus des Orbiters war so angelegt, dass jede ungewöhnliche Entdeckung mehrfach überprüft wurde. Erst danach sollte die relevante Botschaft zur Erde übermittelt werden.

Somit begann das Prozedere nach einer weiteren Umrundung von Neuen. Wieder war der mysteriöse Ton zu hören, am deutlichsten direkt über dem Gesicht, dann nahm die Stärke abermals ab, bis nur noch das kosmische Hintergrundrauschen zu vernehmen war.

Als die entscheidende dritte Umkreisung geschafft war, gab es eine unwillkommene Überraschung. Das Signal war plötzlich verstummt.

Sooft die Marssonde in den nächsten Stunden, die Cydonia Region überflog, es wurde nichts mehr Empfangen. Zur Sicherheit überprüfte der Satellit weitere Frequenzen in der Nähe. Aber auch auf den Wellenlängen blieb alles stumm.

Der Computer hatte währenddessen seine Routine abgearbeitet und war zu einem Ergebnis gelangt.

Als NROL 14 aus dem Funkschatten des Mars heraustrat, richtete die Sonde den Parabolspiegel direkt in Richtung der Erde aus. Dann begann der Bordcomputer die gespeicherten Daten zu übermitteln. Die Übertragung dauerte insgesamt zehn Minuten. Während der Nachrichtenübermittlung wurde die Antenne laufend nachjustiert, damit die Botschaft in höchster Qualität gesendet werden konnte. Als das geschafft war, setzte der künstliche Himmelskörper seine einsame Reise um den kleinen Planeten fort, so als ob nichts Außergewöhnliches passiert war.

 

14 Minuten später im NRO Hauptquartier in Chantill/Virginia

 

Der ständige Schichtdienst in der Flugleitzentrale der Geheimmission NROL 14 war langweilig. Durch die verordnete Funkstille und der nachfolgenden Nachrichtensperre gab es absolut nichts zu tun. Der Computer, der die verschlüsselten Signale empfangen sollte, war seit

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Dani Edward Brown
Bildmaterialien: Dani Edward Brown
Cover: Dani Edward Brown
Tag der Veröffentlichung: 24.07.2018
ISBN: 978-3-7438-7586-9

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für meine tapfere Prinzessin Julia

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