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Buchtitel

Dani Brown

 

 

 

 

 

 

 

Apocalypse

 

 

 

Der Untergang der menschlichen Zivilisation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicht alle im Roman vorkommenden Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten, mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Menschen, sind nicht immer rein zufällig und vom Autor beabsichtigt.

 

Prolog – Der Mann, der zu viel wusste

Der Astrophysiker Lucas White von der University of Central Lancashire blickte mit nachdenklicher Miene auf das Diagramm, das soeben auf dem Display seines Laptops erschien und die Entwicklung der letzten 24 Stunden eindeutig widerspiegelte. Was er sah, beunruhigte ihn zutiefst und zeigte deutlich, dass die umfassenden Veränderungen keinesfalls nur ein bestimmtes Areal betrafen, sondern sich auf der gesamten Oberfläche des Sterns verteilten, mit einer Geschwindigkeit, die auf eine beginnende Katastrophe hindeutete.

Um diesen Verdacht zu erhärten, gab er rasch die nächsten Daten über die Tastatur ein und tippte auf die Eingabetaste. Während der Computer die Informationen verarbeitete, lehnte sich der erfahrene Wissenschaftler zurück und überlegte, wie er sich weiter verhalten sollte.

Erst vor wenigen Tagen hatte er sich mit einigen Kollegen, die weltweit ähnliche Forschungen betrieben, ausgetauscht und nebenbei herausgefunden, dass er nicht der Einzigen war, der ungewöhnliche Aktivitäten im Innern des Heimatsterns festgestellt hatte. Vorerst war vereinbart worden, mit dem beunruhigenden Sachverhalt nicht an die Öffentlichkeit zu gehen.

Doch war diese Entscheidung überhaupt noch zeitgemäß? White war verunsichert und er konnte sich vorstellen, dass es den anderen Wissenschaftlern genauso erging.

Jetzt endlich erschien auf dem Bildschirm, die Prognose für die nächsten Jahre und der Astrophysiker traute seinen Augen nicht. Was er sah, war eine Katastrophe unermesslichen Ausmaßes und betraf letztlich jedes Lebewesen auf der Erde gleichermaßen. Sicherheits-halber wiederholte er danach akribisch die durch-geführte Messreihe. Doch das Ergebnis blieb immer dasselbe. Wie Lucas White es auch drehte und wendete, mit einer weiteren Heimlichtuerei wird keinem geholfen. Vielleicht gab es sogar Möglichkeiten, das Desaster in irgendeiner Form abzumildern. Auf welche Art und Weise, war ihm derzeit zwar völlig unklar. Aber je länger die Entdeckung nicht veröffentlicht wird, umso mehr verkürzte sich gleichzeitig die Zeitspanne, um überhaupt reagieren zu können.

Nervös kaute der Astrophysiker auf einem Kugelschreiber herum und rang sich zu einem Kompromiss durch. Bevor er die amerikanische Öffentlichkeit informierte, wollte er die Meinung der Kollegen zur soeben getroffenen Entscheidung anhören. Das war ihm persönlich wichtig.

Rasch hatte er die Nachricht im Mailprogramm verfasst und schickte sie anschließend mit einem leisen Seufzen ab. Zufrieden lehnte er sich wieder zurück. Der erste Schritt war getan. White erwartete, dass er in spätestens 2 Tagen schlauer sein wird, wie die anderen Astronomen seine Entscheidung aufnahmen. Hoffentlich schlossen sie sich dem Vorschlag an und informierten ebenfalls die zuständigen Behörden und die Öffentlichkeit in ihren Ländern.

Er rief ein weiteres Computerprogramm auf und bereitete sich auf die bevorstehende Beobachtungszeit vor, für die er Kapazitäten des Solar & Heliospheric Observatory (SOHO), vor Monaten, gebucht hatte. Darauf wollte er auf keinen Fall verzichten.

 

4 Stunden später

 

Hochkonzentriert überflog Lucas White die letzte Zahlenreihe, die auf dem Display übersichtlich in einer Tabelle dargestellt war. Wissenschaftlich und rechnerisch stimmten sie mit der zuvor erstellten Wahrscheinlichkeitsberechnung überein. Das war allerdings das einzig Positive am heutigen Tag, denn die aktuelle Prognose bestätigte, die bekannten beunruhigenden Ergebnisse, das etwas Unheimliches im Gange und vermutlich unumkehrbar war.

»Verdammter Mist«, murmelte der Astrophysiker frustriert und klopfte mit dem Schreiber, den er in der Hand hielt, gedankenversunken auf der Tischplatte herum. Schließlich warf er ihn ärgerlich mit Schwung auf die Seite, so dass er auf der Oberfläche entlang schlitterte und letzten Endes herunterfiel und im Papierkorb verschwand. Nachdem White ihn wieder aus dem Abfalleimer herausgeholt hatte, blickte er kurz auf die Armbanduhr. Erfreut stellte er fest, dass soeben der Feierabend begann. Doch bevor es endgültig heimwärts ging, checkte er noch die eingegangenen Mails. Erfreulicherweise befanden sich bereits einige Antworten der Kollegen im Postfach. Neugierig geworden, rief er jede Einzelne auf und las sie sich aufmerksam durch. Aber die Nachrichten enthielten nicht eine Zustimmung zum vorgestellten Entschluss, sondern genau das Gegenteil. Das irritierte ihn ein wenig, denn dass er nur kritische Rückmeldungen erhielt, hatte er keinesfalls erwartet.

»Dann eben nicht!«, brüllte er wütend und fuhr den Computer herunter. »Ob ihr das wahrhaben wollt oder nicht, spätestens übermorgen gehe ich an die Öffentlichkeit.«

Mit grimmigem Gesichtsausdruck verließ er kurz darauf das Institut in Richtung Mitarbeiterparkplatz. Trotz der vorgerückten Stunde war es noch immer außergewöhnlich warm.

*

Die beiden unauffälligen Männer warteten bereits seit einiger Zeit in ihrem schwarz lackierten Ford Explorer. Doch die Geduld des Observierungsteams für spezielle Aufgabe wurde, wie so häufig in der Vergangenheit, auf eine harte Probe gestellt. Der entscheidende Anruf des Teamleiters vom Secret Service erreichte sie in dem Moment, als ihr Feierabend bevorstand und sie das Fahrzeug in der Garage der amerikanischen Botschaft einparkten. Etwas frustriert hörten sie den Instruktionen zu, die zum wiederholten Male in dieser Woche einige Überstunden mehr und gleichzeitig weniger Freizeit bedeutete. Aus den Worten des Leiters war deutlich herauszuhören, dass die höchsten Vorgesetzten des Dienstes nervös auf eine Mail eines englischen Astrophysikers reagiert hatten, die, nach ihrer Meinung, umgehend Aktivitäten von einem Spezialteam erforderte. Was man damit konkret meinte, war allen Involvierten klar, obwohl es niemand offen aussprach. Aber mit dieser Methode konnte später keiner der Bosse für die nachfolgenden Aktionen verantwortlich gemacht werden. Letztlich traf es wieder einmal die kleinen Mitarbeiter und zum Glück für die Vorgesetzten hatte sie keinerlei Einblick, was im Hintergrund ablief.

»Wie lange braucht denn der Typ noch? Die Schicht ist doch seit einer viertel Stunde zu Ende!«, murmelte Dave, der als Fahrer fungierte, verärgert.

Matthew, sein Kompagnon regulierte die Klimaanlage einige Grad herunter, eher er erklärte: »Nun bleibe mal locker, Kollege. Er ist ein Wissenschaftler und kein Bürokrat, der Punkt 17.00 Uhr den Stift fallen lässt und umgehend in den Feierabend geht. Möglicherweise hat er eine wichtige Entdeckung gemacht und diese erfordert kurzfristig weitere Untersuchungen.«

»Natürlich hat er das. Deswegen sollen wir ihn doch interviewen oder etwa nicht?«

»Davon gehe ich aus«, begann Matthew leise, ehe er etwas lauter fortfuhr, »allerdings kam der Auftrag diesmal ohne jegliche Ankündigung. Der Boss erzählte mir, dass man unseren Einsatz in der Führungsebene innerhalb weniger Minuten beschlossen hatte.«

»Oh, wenn man vom Teufel spricht, dann ist er auch schon da«, unterbrach ihn Dave unvermittelt und griff nach einem Bild, das einen kahlköpfigen weißhäutigen Mann mittleren Alters zeigte, der einen auffällig gepflegten Schnurrbart trug, der an den Enden hochgezwirbelt war. »Ja, er ist es. Mal sehen, was er vorhat?«

Zwei Augenpaare beobachteten aufmerksam, wie der Wissenschaftler rasch die Straße überquerte und in Richtung des Parkplatzes ging.

»Okay, dann mal los!« Matthew ergriff sofort die Initiative, woraufhin der Kollege den Motor startete. Der schwere SUV rollte langsam los und nahm umgehend die Verfolgung auf.

Wenig später erreichte der Observierte einen dunkelblau lackierten Chevrolet Spark und stieg ein. Umständlich legte er sich den Haltegurt an und wollte losfahren. Doch kurz zuvor stellte sich der Ford Explorer direkt davor und versperrte den Weg. Schnell sprangen die beiden Beamten heraus und liefen zur Fahrertür und öffneten sie.

Der Mann schien völlig überrumpelt zu sein, denn er sah sie verwundert mit großen Augen an und rief verärgert: »Was wollen Sie?«

»Sind Sie Dr. Lucas White, Sir?«

»Ja, der bin ich und wer sind Sie?«

Matthew hielt die rechte Hand drohend am Halfter der Dienstwaffe und erklärte: »Wir sind vom Secret Service der Vereinigten Staaten, Sir. Bitte verlassen Sie Ihr Fahrzeug und kommen Sie umgehend mit uns.«

»Bin ich jetzt verhafte oder wie soll ich Ihren Überfall verstehen?«

»Nein, das sind Sie keinesfalls und es liegt auch kein Haftbefehl vor.«

Der Wissenschaftler lachte laut auf. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, meinte er spöttisch: »Okay, dann haben Sie keinerlei Handhabe, mich zu irgendetwas zu zwingen!«

Dave mischte sich in den Disput ein und drohte mit leiser Stimme: »Möchten Sie etwa, dass wir Gewalt gegen Sie anwenden, Sir oder steigen Sie endlich aus.«

White blickte die beiden Männer nacheinander an, ehe er wütend erklärte: »Ich folge Ihren Anweisungen nur unter Protest und Sie können sich auf strafrechtliche Konsequenzen einstellen, meine Herren.«

»Zur Kenntnis genommen, Sir. Jetzt kommen Sie aber bitte«, erwiderte Matthew mit abgeklärter Stimme.

Schweigend stieg der Astronom schließlich aus, verschloss die Fahrertür sorgfältig und folgten den Beamten zu ihrem Fahrzeug. Wenig später setzte sich der Ford Explorer in Bewegung und verließ in zügiger Fahrt das Institutsgelände.

 

2.45 Uhr, Sandweg in einem Waldgebiet in Wales

 

Der schwere SUV hatte erhebliche Mühe in den tiefen ausgefahrenen Fahrspuren auf dem schmalen Weg zu bleiben und nicht in einen der Gräben zu rutschen, der auf beiden Seiten immer wieder im Scheinwerferlicht auftauchten. Der Urwald, durch den sie derzeit fuhren, bestand hauptsächlich aus Nadelbäumen und Sträuchern unterschiedlicher Höhe. Nachdem sie einige Kilometer holpernd und schlingernd gefahren waren, meinte Matthew plötzlich: »Da vorne links ist eine kleine Einbuchtung. Da halten wir an und schauen mal nach dem Rechten!«

»Aye, aye Käpt´n«, erwiderte Dave lächelnd und steuerte das Fahrzeug vorsichtig in die Bucht. Dann stellte er den Motor ab und die beiden Männer stiegen aus. Konzentriert lauschten sie daraufhin für mehrere Augenblicke in die Dunkelheit. Doch außer dem Rauschen der Baumwipfel im lauen Nachtwind, über die sich ein grandioser wolkenloser Sternenhimmel hinzog, war kein menschlicher Laut zu hören.

Schließlich meinte Matthew leise: »Leuchte mal in den Wald hinein!«

Der Kollege schaltete seine Taschenlampe ein, die er aus dem Auto mitgenommen hatte, und der helle Lichtstrahl wanderte den Waldrand auf und ab. Plötzlich blieb der Strahl auf einer Stelle stehen und Dave flüsterte: »Da vorne ist eine kleine Lücke im Dickicht!«

»Ja, ich sehe sie. Wir nehmen die Schaufeln mit und schauen mal nach.«

Wenig später verschwanden die beiden Männer im Gebüsch und nur das immer schwächer werdende Licht der Taschenlampe zeigte ihre Position an. Schließlich verharrte der Lichtschein für längere Zeit an einem Ort, bevor die zwei Mitarbeiter des Secret Service langsam wieder zurückkamen. Mit schweißbedeckten Gesichtern standen sie kurz darauf vor ihrem Dienstfahrzeug und ruhten sich einen Moment aus.

Nach einer Weile meinte Dave zum Kollegen: »Hätte nicht erwartet, dass der Boden so hart ist!«

»Ja, stimmt, es waren eine Menge Ton- und Lehmanteile dabei. Aber die Stelle ist gut gewählt. Und jetzt schreiten wir zum letzten Akt der Aktion und haben dann endlich Feierabend!«

»Du bist Optimist!«

Matthew schüttelte im hellen Lampenlicht den Kopf. »Nein, ich habe am Abend noch mit dem Boss gesprochen. Wir haben heute definitiv frei und müssen uns erst am Donnerstag wieder zum Dienst melden!«

»Das klingt gut. Dann lass uns die Sache hier schnell beenden«, meinte flüsternd Dave und öffnete die Heckklappe des Fords Explorer. Anschließend leuchtete er mit der Taschenlampe hinein. Der helle Lichtstrahl erfasste den Körper eines Menschen, der auf einer blutdurchtränkten beigen Decke lag und kein Lebenszeichen von sich gab. Ächzend drehte der Fahrer die Leiche herum, so dass ein schmerzverzerrtes Gesicht zu sehen war. In der blutigen Stirn wurden zwei tiefe Löcher sichtbar, die von einer Schusswaffe zu stammen schienen. Darüber hinaus war die linke Gesichtshälfte völlig blau angelaufen und dick angeschwollen, ein Anzeichen dafür, dass auf das Opfer brutal eingeprügelt worden war. Vermutlich bedeckten zahllose Hämatome ebenfalls den restlichen Körper. Doch das konnte man beim spärlichen Licht der Taschenlampe nicht erkennen. Außerdem trug der Mann auch noch Hemd, Hose und einen Schuh, während der andere Fuß nur in einer halbausgezogenen Socke steckte.

Matthew blickte schweigend auf den Toten, ehe er schließlich meinte: »Okay, dann wollen wir mal Dr. White zu seinem Grab bringen und danach geht es ab nach Hause.«

Gemeinsam wickelten sie die Leiche in die Decke und schleppten sie in der beginnenden Morgendämmerung, in das nachtdunkle Unterholz. Dabei stellten sie rasch außer Atem fest, dass der getötete Astrophysiker bedeutend schwerer war, als sie angenommen hatten.

1. Kapitel Sonnenschein

13. Juni, 14.30 Uhr, Auditorium der Harvard University, Cambridge Massachusetts

 

Die Aufführung, die ein Beamer auf eine Projektionsfläche warf, die fast die gesamte vordere Wandfläche des Hörsaals einnahm, hatte mit Verspätung begonnen. Aber Professor Dr. James Mason wartete geduldig, bis endlich auch der letzte Kollege von den anderen naturwissenschaftlichen Fachbereichen ihren Platz im halbrunden Saal, der einem Amphitheater ähnelte, eingenommen hatte. Erst dann gab er dem Filmvorführer ein kurzes Handzeichen, worauf dieser sofort das Gerät einschaltete. Ab jetzt war von den Anwesenden, außer einem gelegentlichen Hüsteln, nichts mehr zu hören. Stattdessen schauten die Wissenschaftler gebannt auf den Film, der auf der Leinwand ohne Ton abgespielt wurde. Doch auch so sprachen die Bilder für sich. Sie sahen den riesigen Gasball der Sonne, der gelb strahlend in der Mitte der Projektionsfläche schwebte, während alle übrigen Himmelskörper des Solarsystems gemächlich um ihn kreisten. Am unteren Bildrand erschien eine Zeitanzeige, die sofort zu laufen anfing, als der Film begann. Die Zeit verging und die Helligkeit des Sterns nahm sukzessive zu. Jedoch schien die Veränderung keinerlei Auswirkungen auf das Sonnensystem zu haben. Doch das täuschte, denn kurz darauf zoomte die Animation direkt auf die Erdoberfläche, die sich in ihrem Aussehen dramatisch verändert hatte. Endlose Wüstenlandschaften zogen sich über alle Kontinente hinweg und boten ein trostloses Bild.

Für manche Wissenschaftler, speziell Astronomen, Astrophysikern und Sonnenforschern, waren die Aufnahmen ein alter Hut. Aber nicht für sie wurde diese Vorführung veranstaltet, sondern für die übrigen Kollegen aus den anderen naturwissenschaftlichen Fachbereichen, denn bald mussten sie gemeinsam eine Entscheidung treffen.

Inzwischen lief die Zeit ununterbrochen weiter und wer genau hinsah, bemerkte schnell, dass mittlerweile Milliarden Jahre in der Zukunft vergangen waren. Die Sonne strahlte kontinuierlich immer heller. Plötzlich, wie aus dem Nichts, begann das Wasser der Ozeane zu kochen. Gewaltige Dampfwolken stiegen auf und verwehrten den Blick auf die Erdoberfläche. Als sie sich wenig später verzogen hatten, gab es keine Meere mehr. Eine trostlose Stein-und Sandwüste, unterbrochen von kilometertiefen Senken und Gebirgszügen, zog sich über die gesamte Planetenoberfläche, die völlig tot erschien.

Mittlerweile waren laut Zeitanzeige 6,3 Milliarden Jahre vergangen. Der Heimatstern fiel nun in sich zusammen, ehe er begann, sich sofort wieder auszudehnen. Rasch erreichten seine äußeren Gasschichten die Umlaufbahnen vom Merkur und wenig später von der Venus. Beide Planeten bremsten abrupt ab und stürzten innerhalb kurzer Zeit, wie Steine, in die Sonnenoberfläche hinein.

Doch das Drama ging unaufhaltsam weiter, denn zügig näherte sich der aufgeblähte, nunmehr rötlich leuchtende, Gasball der Erde. Das wurde von den Anwesenden mit einem leisen Raunen begleitet. Allerdings fragten sich zahlreiche Wissenschaftler gleichzeitig, warum die Astrophysiker kurzfristig zu dieser Veranstaltung eingeladen hatten. Zwar war die Animation spektakulär, aber das Ereignis fand erst in ferner Zukunft statt. Doch Zeit zum Nachdenken blieb nicht, denn der Film lief unaufhörlich weiter.

Anstatt ihr Heimatplanet, wie seine Vorgänger, in die Sonne hineinstürzte, wurde er in den interplanetaren Raum hinausgeschoben, bis er mit dem Mars fast ein Zwillingssystem bildete. Das war aber nicht das Ende der Apokalypse. Plötzlich explodierte der Stern, man konnte deutlich sehen, dass er die äußeren Schichten abstieß, so dass zum Schluss nur ein winziger Kern von der Größe der Erde übrigblieb, der in einem kalten schneeweißen Licht strahlte.

Doch je mehr Zeit verging, umso dunkler wurde das Objekt, bis schließlich nur noch ein einsamer schwarzer Körper in der Mitte der Projektionsfläche schwebte, der vor dem Hintergrund des Universums kaum zu erkennen war. In diesem Augenblick stoppte die Uhrzeit bei exakt 10 Milliarden Jahre, die Animation verschwand und in gelber Schrift erschienen zwei Wörter, die das gesehene Szenario nicht besser beschließen konnten: »The End«.

Nur kurz war es danach ruhig im Saal, doch schließlich begannen sich die Anwesenden erregt miteinander zu unterhalten. Es war deutlich herauszuhören, dass vielen Wissenschaftlern nicht klar war, warum man sie zu der eilig einberufenen Veranstaltung eingeladen hatte. Das gezeigte Ereignis lag so weit in der Zukunft, dass es sich überhaupt nicht lohnte, darüber groß nachzudenken. Nachdem das Stimmengewirr nach Minuten immer noch nicht abebbte, stand Professor Mason schließlich auf und ging zu einem Pult, das sich an der linken Seite der Projektionswand befand. Dann schaltete er das Mikrofon ein und sprach laut hinein: »Ein, zwei, drei. Bin ich zu verstehen?«

Die vor ihm sitzenden Wissenschaftler und Angestellten von Harvard bestätigten das mit einem kurzen Kopfnicken.

Daraufhin begann er mit sachlicher Stimme zu erzählen: »Ich habe Sie selbstverständlich nicht aus Langeweile von Ihrer Arbeit abgehalten und hierher eingeladen. Was Sie soeben gesehen haben, war die im Zeitraffer dargestellte Entwicklung unserer Sonne in den nächsten 10 Milliarden Jahren. Das eben abgespielte Szenario ist logischerweise keinem Kollegen fremd, der sich intensiv mit Astrophysik und Astronomie berufs- oder hobbymäßig beschäftigt. Einige Details können sich im Laufe des Prozesses naturgemäß in eine andere Richtung entwickeln. Beispielsweise kann die Erde ebenfalls in den Gasball stürzen, wenn sich die äußeren Schichten über Erdumlaufbahn hinaus ausdehnen. Genauso besteht eine gewisse Chance, dass die Venus, als Planet, überlebt, falls sich die Sonne nur moderat aufbläht. Für beide Varianten haben wir inzwischen viele Beispiele im Universum entdeckt. Es ist somit nicht gesagt, dass sich jeder Hauptreihenstern im Hertzsprung-Russel Diagramm, zu einem Roten Riesen entwickelt. Doch das ist mittlerweile Elementarwissen in der astrophysikalischen Forschung, beim Studium und im Astronomieunterricht in den High Schools des Landes. Aber von welcher Seite man letztlich die weitere Entwicklung unseres Heimatsterns beurteilen mag, sie führt unweigerlich nur eine Richtung, und zwar in den eigenen Tod. Da beißt die Maus keinen Faden ab!« Er schwieg und ließ den Blick durch das Auditorium gleiten.

Diese Situation nutzte der Universitätspräsident, der in der ersten Reihe saß, aus und erhob sich schnell. Mason sah ihn überrascht an. Man merkte es, weil er flüchtig die rechte Augenbraue hochzog, als gefiel es ihm nicht, dass Parker, vermutlich etwas sagen wollte. Trotzdem gab er sein Einverständnis und nickte dem Präsidenten zu.

Der Verwaltungsmann erzählte gleich los: »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Ausführungen kurz einmal stören muss, James.«

»Kein Problem, Tim!«

»Danke. Also, ich spreche garantiert nicht nur für mich alleine, wenn ich zugebe, dass ich derzeit ein wenig irritiert bin.«

»So, warum denn?« Der Astrophysiker schien erstaunt zu sein.

»Das kann ich Ihnen genau sagen. Der Film, den Sie uns gezeigt haben, war herausragend und eindrucksvoll. Allerdings handelt es sich ja um eine Entwicklung, die sich noch Milliarden Jahre hinziehen wird. Das ist eine Zeitspanne, die für mich persönlich unermesslich lang ist. Entweder die menschliche Zivilisation hat bis dahin aufgehört zu existieren oder sie hat die Erde und das Sonnensystem bereits verlassen, um sich irgendwo anders im Weltall anzusiedeln. Die letzte Zeitangabe war 10 Milliarden Jahre?«

»Sie haben Recht, Tim.«

»Gut. Direkte Frage an Sie, um das hier ein wenig abzukürzen. Was für ein konkretes Problem gibt es, dass Sie uns Hals über Kopf hierher zitieren mussten?« Er sah Mason mit skeptischer Miene an.

»Mit der Zeit, Tim.«

»Hm, bitte etwas Ausführlicher! Wir können ja leider nicht Ihre Gedanken lesen, James!«

Der Angesprochene blickte den Präsidenten flüchtig an, ehe er leise und trotzdem gut hörbar ins Mikrofon sagte: »Die zeitliche Abfolge der Ereignisse ist korrekt, doch der Zeitrahmen scheint sich radikal verändert zu haben!«

»Okay. Vermutlich reden wir jetzt statt über 10 Milliarden Jahre, nur noch von 8, bevor die Sonne endgültig sterben wird.«

»Das stimmt so leider nicht!«, antwortete James so leise, dass es kaum zu hören war.

Tim Parker stutzte kurz, ehe er den Astrophysiker mit einem Gesichtsausdruck anblickte, als verstand er plötzlich die schreckliche Wahrheit, die hinter der Aussage von Mason steckte.

 

2. Kapitel Sonnenkorona

Eine Woche zuvor, Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics

 

Das Solar and Heliospheric Observatory, kurz SOHO, ist ein altehrwürdiges Sonnenobservatorium, das seit Mitte der 1990er Jahre im Auftrag von ESA und NASA in ständigen Einsatz ist. Es befindet sich in einem sogenannten Halo-Bahnorbit circa 1,5 Millionen Kilometern von der Erde entfernt. Die Position hat einerseits den Vorteil, dass SOHO infolge der Erdanziehung die gleiche Umlaufzeit wie der Heimatplanet um die Sonne hat und andererseits kann sich die Forschungssonde dort ohne Energieaufwand zeitlich lange halten. Für einen Erdbeobachter steht die Sonde immer in unmittelbarer Nähe des Heimatsterns. Doch das ist eine optische Täuschung, denn sie hat jederzeit einen ausreichenden Abstand, damit der Funkverkehr zur Erde nicht durch die gleichzeitige Sonnenstrahlung gestört wird. SOHO erstellt täglich ein Bild von unserem Zentralgestirn, das Astronomie Begeisterte auf der Internetseite der NASA betrachten und in verschiedene Wellenlängen zerlegen können.

Das Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics (CfA), ein Joint Venture bestehend aus Smithsonian Institution und der Harvard Universität, beteiligte sich ebenfalls an der Mission und steuerte das UVCS (Ultraviolet Coronagraph Spectrometer), ein Gerät zur Untersuchung der Korona, mit bei.

Die Erforschung der Sonnenkorona ist für die Wissenschaftler deshalb so wichtig, weil sich in dieser, viele Millionen Kilometer in den interplanetaren Raum reichenden, Hülle nicht nur ein heißes Gasgemisch befindet, sondern gleichzeitig entscheidende Prozesse der Sonnenphysik ablaufen. Genau hier liegt der Ausgangspunkt des Sonnenwinds und somit der gefährlichen Sonnenstürme, gewaltige Ausbrüche von Plasma und Strahlung, die auch in Richtung Erde geschleudert werden und dort immensen Schäden anrichten können.

Die verantwortliche Astronomin des CfA für die Erforschung der Sonne ist Dr. Sophia Martin. Die Mittfünfzigerin mit kurzen hellblonden Haaren, die so herrlich lachen kann, hatte die Position just an dem Tag übernommen, als SOHO am 2. Dezember 1995 von Cape Canaveral mit einer Atlas-II-AS-Rakete ins All startete. In dieser langen Zeit hatte die Sonde so viel Datenmaterial vom Heimatstern gesammelt, dass ein Wissenschaftlerleben alleine nicht ausreichen wird, um sämtliche Informationen befriedigend auszuwerten.

Aber irgendetwas schien der schlanken Frau zu missfallen. Mehrfach hatte sie bereits auf ihrem 32 Zoll Computerdisplay die aktuellen Messwerte, die vor wenigen Stunden von SOHO eingetroffen waren, mit verschiedene älteren Daten verglichen und danach einige Male verwundert den Kopf geschüttelt. Dazu zog sie ärgerlich ihre Stirn kraus und begann das gleiche Prozedere mit anderen Messdaten wieder von vorne.

»Das kann so nicht stimmen!«, murmelte sie, während sie konzentriert die Zahlen überflog, die übersichtlich mit Datum versehen in einer Tabelle auf dem Bildschirm angeordnet waren.

Die Wissenschaftlerin kratzte sich erneut nachdenklich am Hinterkopf. Schließlich stand sie auf, ging zum Fenster des Büros und öffnete es weit. Sofort strömte kühle Außenluft hinein, kein Wunder, es regnete und gleichzeitig wehte ein frischer Wind aus Nordwest. Sie zog fröstelnd die Schultern hoch, holte einige Male tief Luft und schien zu überlegen, wie sie sich verhalten sollte. So sah sie minutenlang, wie erstarrt, hinaus, während die Kälte langsam an ihrem Körper hochkroch. Wenige Augenblicke später reichte ihr die Sauerstoffzufuhr endgültig. Sie schloss rasch den Fensterflügel, ging danach die Hände einander reibend zu ihrem Schreibtisch zurück und setzte sich wieder auf den bequemen Chefsessel. Ihr Computer hatte mittlerweile ebenfalls eine Pause eingelegt, aber mit einem Klick auf die Eingabetaste wurde der LCD Monitor sofort hell und sie blickte erneut auf die aufgerufene Tabelle mit den Messwerten. Sie räusperte sich leise und begann die Daten nochmals zu kontrollieren, ob vielleicht doch ein Rechenfehler vorlag. Jedoch sooft sie die Werte von heute mit den Zahlen der vergangenen Tage und Wochen verglich, das Ergebnis blieb gleich und genau das war beunruhigend. Was sollte sie tun? Alarm schlagen?

Kurzzeitig spielten sie mit dem Gedanken James Mason, ihren Boss, anzurufen. Schließlich verwarf sie die Idee – vorerst. Sie wollte zwei weitere Tage abwarten, ob sich die, von SOHO gesendeten, Daten wieder auf die Normalwerte einpegelten. Wenn nicht, war immer noch Zeit, den Chef zu informieren. Sophia schaute ein letztes Mal auf den Bildschirm, anschließend fuhr sie den Computer herunter und schaltete ihn aus.

30 Minuten später machte sie endgültig Feierabend. Ein abschließender Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass der Regen sogar heftiger geworden war. Das fand sie äußerst frustrierend, denn die Sonne hatte sich seit einigen Tagen hinter den dichten Wolken versteckt. Ein Sommer sah für sie anders aus.

 

Sonnenkorona, 2 Stunden später

 

Der 11-jährige Sonnenfleckenzyklus erreichte zu seinem Ende einen absoluten Höhepunkt. 4 Fleckengruppen mit insgesamt 18 Einzelflecken konnten derzeit auf der gelblichen Sonnenscheibe beobachtet werden. Sie waren nicht gleichmäßig auf der Oberfläche verteilt, sondern lagen ungewöhnlich nahe beieinander.

Schon seit einigen Wochen blockierten magnetische Felder, die sich direkt über den einzelnen Gruppen aufgebaut hatten, den Aufstieg von weiterem heißem Material aus den tieferen Schichten der Sonne. Dazu passierte vor wenigen Tagen etwas Außergewöhnliches. Alle vier Magnetfelder verbanden sich überraschend zu einem Einzigen. Die großflächigere Barriere erreichte selbst für Sonnenverhältnisse eine erhebliche Größenordnung, während gleichzeitig der Druck durch nachströmende Materie ständig zunahm.

Doch das sollte sich katastrophal ändern, denn plötzlich überwand das heiße Material das Hindernis und entlud sich ähnlich explosionsartig, wie es häufig bei einer Vulkaneruption zu beobachten ist. Rasch bildete sich ein gigantischer Plasmaschlauch. Der schleuderte einerseits die überhitzte Partikel in den Weltraum hinaus und beschleunigte andererseits die Elementarteilchen Protonen und Elektronen auf fast Lichtgeschwindigkeit.

Dieser sogenannte Sonnensturm setzte sich jetzt unglücklicherweise in Richtung Erde in Bewegung und der Weg dorthin war nicht allzu weit.

 

zur gleichen Zeit in der Sonora Wüste/ Arizona

 

Auf dem Gipfel des 2095 m hohen Kitt Peak in der Nähe von Tucson befindet sich das berühmte Kitt-Peak-Nationalobservatorium. Zahlreiche Spiegelteleskope von 0,9 bis 4 m Durchmesser haben hier ihren Standort, aber auch zwei Sonnenteleskope. Das McMath Pierce Solar Telescope mit einem 1,61 m großen Spiegel ist das Größte seiner Art auf der Erde und ständig ausgebucht.

Dr. Mia Bishop, eine dunkelhäutige Astrophysikerin von der University of Denver, saß im Beobachtungsraum, wohin das Sonnenlicht durch das Teleskop immer hingeleitet wird und blickte verwundert auf den Bildschirm, auf dem die Sonnenscheibe zu sehen war. Dann pfiff sie überrascht durch die Zähne und rief: »Komm mal bitte schnell, Fred. Das musst du dir anschauen!«

»Was gibt es denn so Wichtiges. Ich bin gerade dabei, meine Testreihe abzuschließen und zu bewerten«, brummte der altgediente Astronom nicht eben begeistert. Schließlich ging er trotzdem zu seiner Kollegin hinüber und setzte sich neben ihr. Anschließend drohte er ihr lächelnd mit dem Zeigefinger. »Wehe, ich bin umsonst hergekommen!«

»Ich bin mir unsicher«, meinte sie zurückhaltend.

»Wo drückt denn der Schuh?«

»Schaue es dir lieber persönlich an und anschließend kannst du mir ja deine Eindrücke mitteilen.«

»Okay, dann zeige mir mal das Problem.«

Mia hatte inzwischen das aufgenommene Video zurückgespult und ließ es jetzt von vorne abspielen. Zu sehen war ein stark vergrößertes Gebiet der Sonne mit 4 großen Fleckengruppen, die sich dunkel von der übrigen Fläche abhoben. Plötzlich verschwanden die insgesamt 18 Flecke hinter einem dichten Schleier aufgewirbelten Materials, das über dem gesamten Areal hochgeschleudert wurde und sich gleichzeitig in alle Richtungen ausdehnte. Das Ereignis dauerte nur knapp 10 Sekunden und die erfahrenen Wissenschaftler wussten längst, was soeben passiert war.

Trotzdem pfiff Fred Edison überrascht durch die Zähne und meinte nur: »Wow!«

»Und weiter?« Sie sah ihn lächelnd an.

»Ich habe ja schon zahlreiche Sonnenstürme beobachtet, aber der hier toppt sie alle. In dieser Heftigkeit und Ausmaß konnte ich so etwas noch nie beobachten!«

Seine Kollegin nickte. »Sehe ich genauso, Fred. Wir sollten schnellstens feststellen, ob irgendeine Gefahr für die Erde und die Satelliten droht. Denn das war eben ein Sturm der X-Klasse oder was meinst du?«

»Wie gesagt, das ist der Massivste, den ich je verfolgt habe. Hoffen wir mal nicht, dass er uns trifft, dann der wird immense Schäden anrichten. Hast du überhaupt schon die Zugrichtung berechnet, Mia?« Er sah die Astrophysikerin nachdenklich an.

»Bin gerade dabei die Daten einzugeben«, erwiderte sie schnell, während ihre Finger auf der Tastatur eines Laptops umher klimperten.

Inzwischen verkürzte sich Edison die Wartezeit und schaute sich die Entstehung des Sonnensturmes noch einmal von vorne an. Anschließend meinte er zu Bishop: »Der Prozess fand nahe der Sonnenmitte statt. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen.«

»Das werden wir gleich erfahren«, erwiderte seine Kollegin leise, die mittlerweile die Dateneingabe beendet hatte und auf die Enter Taste drückte.

Eine Animation erschien auf dem Display. In der Mitte war die Sonne zu erkennen, während die 4 innersten Planeten des Sonnensystems auf ihren Umlaufbahnen langsam um sie kreisten. In diesem Moment wurde aus der Korona eine große Menge Materie viele Millionen Kilometer weit in den interplanetaren Raum geschleudert. Rasch konnten sie beobachten, dass sich der Sonnenwind mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Erde bewegte. Sie erkannten schnell, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden wird, ob der Partikelstrom ihren Heimatplaneten trifft oder knapp verfehlt.

»Das wird eine enge Kiste!«, flüsterte Fred aufgeregt.

Während die Zeitanzeige in der linken oberen Ecke der Darstellung kontinuierlich weiterlief, kam der Sonnensturm der Erde immer näher, derweil die blaue Kugel sich nur langsam aus der errechneten Zugrichtung entfernte.

Wenig später war es soweit, die beiden Wissenschaftler hielten den Atem an, überquerte der Sturm die Erdumlaufbahn und raste in Richtung Mars weiter.

»Puh, das war knapp. Aber ich glaube, wir wurden nur gestreift.«

»Wann exakt kam es zum Aufeinandertreffen?«

»Warte, ich spule noch einmal zurück!«, meinte Mia schnell.

Kurz darauf wurde es endgültig zur Gewissheit. Fred Edison war mehr als überrascht. »Der Sonnensturm trifft nach 13 Stunden und 12 Minuten bei der Erde ein. In einer kleineren Zeitspanne gab es so etwas bisher nicht. Wir sollten unbedingt rasch herausfinden, woran es gelegen hat, dass der Sturm mit so einer hohen Geschwindigkeit unterwegs ist. Dafür muss es einen Grund geben und den werden wir vermutlich in der Korona finden.«

»Ich sehe das genauso, Fred!«, pflichtete ihm die Astrophysikerin bei. »Außerdem wird nur ein winziger Bereich der Erde gestreift.«

»Wo genau befindet der sich?«, fragte er neugierig.

Sie winkte ab und murmelte: »Irgendwo in den Weiten des Pazifiks.«

»Gott sei Dank. Wir sollten die betroffenen Länder und Weltraumorganisationen trotzdem informieren, dass ein Sonnensturm der X-Klasse unterwegs ist, denn es befinden sich zahlreiche Satelliten über dem gefährdeten Gebiet. Der Sturm ist so stark, dass es garantiert zu zeitweiligen und vermutlich auch kompletten Ausfällen kommen wird.«

Mia nickte. »Sehe ich genauso, Fred. Die Warnung geht in den nächsten Minuten an die Behörden und Medien raus. Glücklicherweise haben die Verantwortlichen noch ein gewisses Zeitfenster zur Verfügung, ehe der Sonnensturm eintrifft.«

 

13 Stunden später, Tahiti/Französisch-Polynesien

 

Papeete ist die Hauptstadt dieses Archipels, dass zu den Gesellschaftsinseln gehört. Wer für Palmen, Korallen, schneeweiße Strände und azurblaues Wasser ein Faible hat, der befindet sich hier in einem Paradies. Unglücklicherweise liegen die wunderschönen Inseln inmitten des Pazifischen Ozeans und europäische Touristen benötigen mindestens 24 Flugstunden bis sie endlich das Traumziel erreichen.

Das Unternehmen Electricité de Tahiti (EDT) ist für die Stromerzeugung und die gleichzeitige Verteilung auf der gesamten Insel verantwortlich. Ein Teil des Energiebedarfes wird mit Hilfe von einigen Wasserkraftwerken und großflächige Solaranlagen gewonnen, aber den größten Anteil erzeugen mehrere thermische Kraftwerke. Eines befindet sich in einem Gewerbegebiet im Punaruu Tal und versorgt die Hauptstadt mit der lebensnotwendigen Energie. Um eine Umspannung in die Niederspannung für die normalen Haushalte der Stadt zu gewährleisten, liegt am Stadtrand eine kleine Transformatorenstation. Bisher gab es nur kurzzeitige Störungen in der Stromverteilung, häufig hervorgerufen von Wirbelstürmen, die über die Insel hinwegzogen. Im Jahre 2010 richtete beispielsweise der Zyklon »Oli« beträchtliche Schäden an und sorgte dafür, dass erhebliche Teile des Stromnetzes tagelang ausfielen.

Doch derzeit deutete nichts auf ein Unwetter hin. Deshalb waren die beiden Mitarbeiter, die in der Spätschicht, die vor ihnen stehenden Bildschirme in der kleinen Schaltzentrale aufmerksam beobachteten, ziemlich relaxt. Es schien eine äußerst langweilige Schicht zu werden. Teiki Etaeta konnte damit außer-ordentlich gut leben, denn er hatte mit seiner Verlobten und einigen Freunden in einer Bar die Nacht zum Tag gemacht. Dazu gesellten sich diverse Cocktails mit dem unvermeidlichen Rum, die ihm nach dem Aufstehen einen fürchterlichen Kater bescherten. So saß er nun im Dienst mit einem Brummschädel und überblickte die vier, vor ihm stehenden Displays. Aber derzeit gab es keinerlei Störungen, und deshalb schaute er kurz zum Fernseher, der in einer Ecke des Raumes stand und live die Inselmeisterschaften im Va’a zeigte. Bei dem berühmten Nationalsport handelte es sich um einen Wettkampf mit Auslegerkanus. Er fieberte mit seinem besten Freund mit, der im Vorjahr den dritten Platz belegt hatte. In diesem Moment wurde der Finallauf über 5 km gestartet und die zehn Paddler legten los. Rasch verlor der Kumpel eine Bootslänge zum derzeitigen Spitzenreiter, doch das spielte im Anfangsstadium des Wettrennens keinerlei Rolle. Häufig ging zahlreichen Führenden kurz vor dem Ziel die Luft aus und sie fielen im Klassement weit zurück. Nur wer sich geschickt die Kräfte einteilte und auf den letzten 100 Metern zulegen konnte, der hatte die Chance das Rennen zu gewinnen. Heute waren die Bedingungen nicht optimal, da der Wind seitlich von vorne wehte und dabei einen nicht zu unterschätzen-den Wellengang erzeugte.

Nach etwa der Hälfte der Rennstrecke öffnete sich die Tür der Zentrale und Pierre Moreau kam herein. Sein Kollege blickte kurz zur Tür, ehe er sich wieder dem spannenden Wettrennen widmete. Nebenbei fragte er: »Und liegt etwas Wichtiges an?«

Der Angesprochene nickte und reichte Teiki einen Zettel. Der nahm ihn verwundert in die Hand. »Was ist das?«

»Die Mitteilung kam soeben per Mail. Ein Sonnensturm ist im Anmarsch!«, meinte der gebürtige Franzose aus Nizza, der erst seit wenigen Monaten, der Liebe wegen, auf der Insel lebte.

»Aha«, sagte der erfahrene Tahitianer nur und überflog rasch den Text. Anschließend gab er ihn mit den Worten zurück: »Kein Grund zur Panik, Pierre. So welche Nachrichten bekommen wir regelmäßig. Letztlich ist es nur eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn glücklicher-weise sind wir bisher verschont geblieben.«

»Nimmst du die Warnung nicht ein klein wenig auf die leichte Schulter?« Er sah den Kollegen verwundert an.

Der schüttelte nur den Kopf und ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, meinte er: »Wir haben sowieso keine Chance irgendetwas dagegen zu tun. Es sind halt Naturgesetze, gegen die wir machtlos sind.«

Das sah Moreau scheinbar anders. »Ich schlage vor, wir nehmen, als Vorsichtsmaßnahme, die Transformatorenstation vom Netz!«

Sein Kollege schaute ihn an, als ob er gerade Harakiri vorgeschlagen hat, und rief ärgerlich: »Spinnst du! Was glaubst du, was für ein Chaos in der Stadt ausbrechen wird?«

»Woher willst du das denn so genau wissen?«

Teiki lachte höhnisch auf, ehe er wütend erwiderte: »Das kann ich dir erklären, mein Freund. Als ein Zyklon 2010 über die Insel hinweggezogen war, fiel der Strom tagelang aus. Hier brach die absolute Anarchie aus. Es funktionierten weder Klimaanlagen, noch Kühlschränke, Telefone, Internet und Beleuchtung. Alles war lahmgelegt. Die Leute sind fast verrückt geworden und wir mussten Doppelschichten schieben, um die Schäden am Stromnetz in relativ kurzer Zeit zu beheben. Vergiss deinen Vorschlag bitte schnell wieder, okay!« Kopfschüttelnd drehte er sich erneut zum Fernseher um, um die Endphase des Rennens nicht zu verpassen. Erfreulicherweise hatte der Freund mittlerweile den Rückstand vom Start nahezu aufgeholt. In 300 m Entfernung konnte man schon das Ziel sehen, dass mit zwei orangen Bojen markiert war.

Pierre stand etwas unschlüssig im Raum herum, schließlich machte er eine resignierende Handbewegung und ging zum eigenen Arbeitsplatz. Nachdem er auf dem Drehstuhl Platz genommen hatte, aktivierte er nacheinander die, vor ihm auf dem Schreibtisch stehenden, Displays. Prüfend überflog er die endlosen Zahlen-und Buchstabenkolonnen, die angezeigt wurden. Kurz darauf huschte ein flüchtiges Lächeln über das Gesicht des hellhäutigen Franzosen. Erfreulicherweise leuchteten sämtliche Angaben in einem dunklen Grün. Das bedeutete, dass sich die Messwerte in normalen Parametern bewegten und derzeit keinerlei Störungen vorlagen. Die wichtige Transformatorenstation bildete glücklicherweise keine Ausnahme. Aufatmend lehnte er sich zurück und blickte rasch zum Kollegen hinüber, der immer noch das Rennen im Fernsehen verfolgte.

Langsam wurde es ernst. Die Kanuten mobilisierten ihre letzten Kräfte. Doch nicht allen gelang das. Der lange Zeit Führende schien sich zu früh verausgabt zu haben und konnte dem hohen Tempo der Gegner nicht mehr folgen. Erst allmählich, dann wesentlich schneller schob sich das Kanu von Teikis Freund vorbei und hatte Sekunden später eine Bootslänge Vorsprung. 150m bis zum Ziel. Mittlerweile hatte der Wind erheblich zugenommen, und die Gischt der Wellen, die Schaumkronen trugen, schwappte in die Kanus und machte sie beträchtlich schwerer. Die nächsten drei Kanuten zollten der hohen Geschwindigkeit Tribut und blieben rasch zurück. Nur sechs Männer kämpften weiter verbissen um den Sieg. Die Kameraeinstellung zeigte deutlich, dass alle am Ende ihrer Kräfte waren. Ihre, vor Schmerz verzerrten, Gesichter sprachen Bände. In diesem Moment erhöhte der Freund nochmals die Schlagzahl und schob sich knapp eine halbe Bootslänge vor die Konkurrenz. Würde das zum 1. Platz reichen? Das Ziel kam immer näher. Nur noch 50 m. Keikis klatschte begeistert in die Hände und brüllte siegesgewiss: »Klasse, du schaffst es!«

Doch zwei Kanuten gaben sich längst nicht geschlagen und hatten ihren Rückstand fast aufgeholt. Die letzten 30 m bis zum Sieg wurden zu einer endlosen Qual.

Der Tahitianer sprang auf und schrie: »Durchhalten, Hiro. Du bist gleich da!«

Das Ziel war nur noch wenige Paddelschläge entfernt und es sah so aus, als ob es zu einem Herzschlagfinale kommen wird. Nur wer wird letztlich der glückliche Champion? Plötzlich überzogen helle Streifen das Livebild, bevor es komplett zusammenbrach. Kurz danach fiel der Ton ebenfalls aus.

»Verdammter Mist!«, rief Teiki wütend und setzte sich. »Muss der Bildausfall gerade jetzt passieren, wo es so spannend ist.«

»Vielleicht hängt es ja mit dem Sonnensturm zusammen«, meinte Pierre spöttisch aus dem Hintergrund.

Der Kollege winkte frustriert ab und entgegnete aufgebracht: »Du und dein Sturm. Wie kommst du nur darauf?«

»Ganz einfach, weil er um diese Uhrzeit angekündigt wurde und als erstes Satelliten funktionsunfähig macht, die nicht ausreichend geschützt werden.«

»Aha, du scheinst wohl ein Experte auf dem Gebiet zu sein!«

»Normalerweise nicht. Aber du weißt ja, Lesen bildet!« Das klang ironisch und war auch so gemeint.

Doch Teiki schien es nicht mitbekommen zu haben und meinte nur leise: »Mhm, wenn du es sagst.«

»Vermutlich haben Teilchen des Sonnensturmes freie Ladungen in den elektronischen Bauteilen des Bordcomputers erzeugt, so dass es zum Absturz der Software gekommen ist. Wenn die Satellitentechniker Glück haben, reicht ein Neustart des Computers aus und alles funktioniert wieder.«

»Und falls nicht?«, unterbrach ihn der dunkelhäutige Tahitianer.

Pierre machte eine bedauernde Handbewegung. »Tja, dann kreist ein weiterer Haufen Schrott um die Erde herum.«

»Hoffentlich nicht«, murmelte der Kollege, der sich mittlerweile beruhigt hatte. Er kramte sein Handy aus der Hosentasche hervor und meinte: »Die Kanufahrer müssten ja längst im Ziel sein. Im Internet steht garantiert schon, wer gewonnen hat. Ich hoffe, dass es diesmal Hiro ist. Der hat es sich redlich verdient und außerdem kann er dann ordentlich einen ausgeben.« Er lachte laut auf, während er auf dem Handydisplay die Va’a App öffnete.

Sein Kollege erwiderte nichts, sondern drehte sich mit dem Stuhl wieder zu den eigenen Monitoren um. Sofort stellte er fest, dass sich bei den Anzeigen inzwischen eine Menge geändert hatte. Zwar war ein kleinerer Teil der Buchstaben-und Zahlenkolonnen weiterhin in grüner Schrift sichtbar. Aber der große Rest leuchtete in oranger und roter Farbe und das war ein äußerst schlechtes Zeichen.

»Wir haben ein Problem«, meinte er zu Etaeta, der augenblicklich das Handy aus der Hand legte und ebenfalls auf seine Displays blickte.

Aufgeregt rief er dem Franzosen zu: »Das Stromnetz ist völlig überlastet. Wir müssen den Transformator sofort vom Netz nehmen, sonst fliegt er uns um die Ohren!«

Die Finger von Pierre glitten rasend schnell über die Tastatur, um die drohende Gefahr abzuwenden. Während er per Mausklick zusätzliche Programme öffnete, meinte er zu Teiki: »Der Sturm hat vermutlich das Erdmagnetfeld so verändert, das er in der Lage ist, Strom in die überirdischen Hochspannungsleitungen zu induzieren.«

»Verdammter Mist, das wird doch zu einer Überspannung führen!«

»Ja und auf meinem Monitor leuchten sämtliche Messwerte in Richtung der Transformatorenstation in tiefsten Rot.«

»Wie viele Minuten haben wir, um die Katastrophe zu verhindern?«, fragte der Tahitianer verzweifelt, während er ebenfalls versuchte, die Stromverbindungen zum Transformator zu deaktivieren.

»So viel Zeit haben wir nicht mehr, höchstens Sekunden«, brüllte Moreau zurück, der erst jetzt mitbekam, dass seine Stirn schweißbedeckt war. Kurz darauf gab er auf und nahm frustriert die Finger von der Tastatur.

Der Kollege bemerkte es und schrie ihn an: »Was ist los, Pierre? Los, mach weiter. Wir schaffen es!«

Doch der Franzose schüttelte deprimiert den Kopf. »Es ist zu spät, die gesamte Station ist bereits betroffen.«

In diesem Moment flackerten sämtliche Bildschirme für Sekundenbruchteile auf, während sofort mehrere Dieselgeneratoren zur Stromerzeugung auf dem Hof ansprangen. Die beiden Männer wussten genau, was das bedeutete.

Wenig später war von draußen eine gedämpfte Explosion zu hören. Pierre und Teiki erhoben sich fast gleichzeitig von ihren Stühlen und gingen zum Fenster. Sie sahen in einiger Entfernung eine tiefschwarze Rauchwolke aufsteigen. Es war deutlich, zu erkennen, dass der Transformator explodiert und danach in Flammen aufgegangen war. Dass bereits das Sirenengeheul der anrückenden Feuerwehr zu vernehmen war, spielte überhaupt keine Rolle mehr.

»Wo bekommen wir nur so schnell einen Neuen her«, jammerte der Tahitianer, dem klar war, dass er die Warnung des Kollegen fälschlicherweise ignoriert hatte. Jetzt war guter Rat teuer.

Pierres Antwort klang nicht optimistisch. »Das wird schwierig. Es gibt nur wenige Unternehmen weltweit, die diese Hochleistungstransformatoren produzieren. Vielleicht haben wir ja Glück und wir sind die Einzigen, die einen Ersatz benötigen.«

»Wieso bist du so pessimistisch? Das dürfte doch kein Problem sein, so ein Gerät zu lagern, bis es gebraucht wird.«

Der Franzose lächelte traurig. »Nein, so einfach ist das leider nicht. Jeder Transformator ist eine Spezialanfertigung, die für das jeweilige Stromnetz einzeln produziert wird. Die Wartezeit beträgt derzeit drei Jahre.«

»Was? So lange können wir aber nicht warten. 70% des Stroms für die Insel liefern wir. Die Leute reißen uns den Kopf ab.«

Der Kollege zuckte entschuldigend mit der Schulter. »Auch wenn wir vorrangig beliefert werden, wird es etliche Monate dauern, denn die Produktionskapazität bei Transformatoren liegt nur bei 100 Stück jährlich.«

Der Tahitianer merkte, dass es keinen Ausweg gab. Er nahm sein Handy vom Schreibtisch und tippte die Nummer des Vorgesetzten ein. Er hatte ihm eine Menge zu erklären. Als schwacher Trost funktionierte wenigstens das Mobilfunknetz. Nach dem dritten Klingeln war am anderen Ende endlich eine vertraute Stimme zu hören. Teiki holte tief Luft und begann dann zu berichten. Es wurde das schlimmste Telefongespräch, was er je geführt hatte.

*

Obwohl der Sonnensturm die Erde letztlich nur gestreift hatte, richtete er trotzdem erhebliche Schäden an. Bei insgesamt 10 Kommunikations- und Nachrichtensatelliten mussten die gestörten Bordcomputer herunter und dann wieder neu gestartet werden. Bei drei Satelliten gelang das leider nicht. Sie wurden als Schrott deklariert und zum sogenannten »Friedhofsorbit« gesteuert. Dort verblieben sie so lange, bis sie kontrolliert, über unbewohntem Gebiet abstürzten und in den dichteren Schichten der Erdatmosphäre verglühten.

In der vom Sonnensturm getroffenen Südsee meldeten zahlreiche Inseln Schäden am Stromnetz. Insgesamt zerstörte der Sturm 4 Transformatoren. Neben Tahiti waren Bora Bora, Samoa und Tonga betroffen. Nur mit Hilfe von Dieselgeneratoren konnte die Stromversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden. Trotzdem war die Erde glimpflich davongekommen. Doch das wird zukünftig nicht der Fall sein.

 

 

 

13 Stunden später, Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics

 

Sophia Martin, die verantwortliche Astronomin des CfA, war äußerst beunruhigt, als sie die heutigen Daten des Sonnenobservatorium SOHO ausgewertet hatte. Ihre Hoffnung, dass die Messdaten wieder in den normalen Parametern lagen, löste sich soeben förmlich in Luft auf. Irgendetwas lief seit vorgestern auf der Sonnenoberfläche völlig aus dem Ruder und wenn, das so weiterging, steuerte die Erde geradewegs auf eine Katastrophe zu. Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, sondern überlegte, wie sie sich weiter verhalten sollte?

Vorhin hatte sie sich mit mehreren Kollegen in Europa und Hawaii ausgetauscht und der Tenor war überall der Gleiche. Der Verlauf der Kernfusion im Sonnenkern veränderte sich rapide, und zwar in einer Geschwindigkeit, dass innerhalb von wenigen Stunden Prozesse im Innern des Heimatsterns stattfanden, die normalerweise erst in einigen Milliarden Jahren auf der Tagesordnung stehen sollten.

Haben wir uns alle geirrt und das Hertzsprung-Russel-Diagramm, kurz HRD genannt, dass die Sternentwicklung anschaulich in Diagrammform zeigte, entpuppte sich letztlich als Makulatur und war nicht mehr anwendbar? Oder spielte die Sonne, die als Hauptreihenstern nur ein gelber Zwerg war, nur im Alleingang verrückt? Vielleicht passte sie als einziger Stern im Universum nicht in das gängige Modell? Doch recht überzeugt klangen diese Erklärungen nicht. Wenig später rief sie ihr selbst entwickeltes Programm auf, mit dem sie die weitere Entwicklung in der Zukunft simulieren konnte. Mehrmals änderte sie verschiedene Parameter der Software, das Ergebnis blieb trotzdem immer das Gleiche. Kurz darauf fasste sie einen Entschluss. Sie griff sich den Telefonhörer und tippte eine Nummer ein. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn erst nach dem siebten Klingeln nahm ihr Boss endlich am anderen Ende ab. »Mason!«

»Hallo, hier ist Sophia. Wir müssen uns dringend unterhalten, James!«

Er lachte laut auf und meinte gut gelaunt: »Sie klingen ja, wie ein Überfallkommando. Aber heute ist es schlecht. Ich habe nachher eine Beratung mit einigen hochrangigen NASA Managern. Es geht um die Beteiligung bei der geplanten Pluto Mission. Sie wissen ja, das Institut soll für das ambitionierte Projekt eine Menge Geld und technisches Know-how bereitstellen und über den tatsächlichen Umfang muss knallhart verhandelt werden.«

Die Astronomin zog enttäuscht die Augenbrauen hoch und sagte fast flehend: »Vielleicht können wir uns danach treffen. Es ist wirklich sehr wichtig.«

Der Astrophysiker nahm ihr jede Hoffnung. »Die Veranstaltung ist mit open end angesetzt. Ich weiß nicht einmal, ob ich heute überhaupt noch ins Bett komme. Ich schlage vor, dass Sie morgen Vormittag gegen 10.00 Uhr bei mir vorbeischauen. Dann nehme ich mir Zeit für Sie. Versprochen, Sophia.«

Etwas unwillig akzeptierte sie den Vorschlag. »Okay, mir bleibt ja nichts weiter übrig, als den Termin akzeptieren!«

»Tut mir leid, wegen der Verschiebung. Die Welt wird schon nicht bis dahin untergehen«, meinte er aufmunternd.

»Wenn du wüsstest!« Schoss es Dr. Martin sofort durch den Kopf, aber laut erwiderte sie nur: »Da haben Sie natürlich recht, James!«

»Ich freue mich auf die morgige Unterhaltung. Bye, bye«, meinte Mason eilig und unterbrach die Verbindung.

Die Astronomin hingegen behielt den Hörer in der Hand und war mit sich unzufrieden. Wütend flüsterte sie: »Du und deine Gutmütigkeit! Anstatt mit der Faust auf den Tisch zu hauen, habe ich mich wieder einmal vertrösten lassen.« Frustriert knallte sie das Telefon auf die Gabel.

In diesem Moment hörte sie, dass in ihrer Mailbox eine Nachricht eingegangen war. Rasch rief sie das betreffende Mailprogramm auf und überflog die wenigen Zeilen, die reichlich Sprengstoff enthielten. Das ließ sie förmlich erstarren.

Dr. Fred Edison vom Kitt-Peak-Nationalobservatorium teilte in dürren Worten mit, dass ein neuer Sonnensturm zur Erde unterwegs ist, den Planeten aber glücklicherweise nahezu vollständig verfehlen wird. Er klassifizierte die Stärke auf X. Darüber hinaus beobachteten die Wissenschaftler des berühmten Observatoriums drei weitere Stürme der höchsten Klasse, die keine Gefahr darstellen und weitab, die Erdumlaufbahn in Richtung Jupiter passieren werden.

Sophia schloss betroffen ihr Mailprogramm. Insgesamt 4 koronale Massenauswürfe hatten sich im Verlauf weniger Stunden ereignet. So viele gab es innerhalb kurzer Zeit noch nie.

Für die erfahrene Astronomin war das der nächste Hinweis darauf, dass im Innern der Sonne großräumige Veränderungen stattfanden, die ein immer beunruhigendes Ausmaß annahmen. Dr. Martin seufzte leise auf, dann rief sie eine spezielle NASA Seite auf. Hier konnte sie die aktuellsten Messwerte und Bilder von SOHO abrufen, was sie wenig später tat. Doch die Auswertung der neuen Daten beruhigten sie keinesfalls.

3. Kapitel Das Orion-Projekt

Nach der Entdeckung der Kernspaltung fanden führende Wissenschaftler des berühmt berüchtigten Forschungszentrums in Los Alamos in den 1950er Jahren heraus, dass mehrere hintereinander erzeugte Atomexplosionen in der Lage sind, ein Raumschiff anzutreiben. Diese spektakuläre Idee wurde im „Projekt Orion“ intensiv untersucht. Doch man ließ das Konzept wenig später fallen, weil es vielen daran beteiligten Fachleuten angeblich zu futuristisch war. Das war allerdings nur die eine Seite der Medaille. Ein Grund des Scheiterns hing vermutlich mit einem, von den USA ebenfalls, unterschriebener Vertrag zusammen, der ein ausdrückliches Verbot von Nuklearwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser beinhaltete und 1963 weltweit in Kraft trat. Das hatte letztlich zur Folge, dass das wegweisende Projekt 1965 offiziell beendet wurde.

Doch wie sollte dieser Antrieb in der Praxis überhaupt funktionieren?

Es handelt sich um ein völlig neuartiges Raketentriebwerk, das auf »thermonuklearen Mikroexplosionen« basierte. Damit konnten so hohe Reisegeschwindigkeiten erreicht werden, dass interstellare Reisen, zumindest zu den nahestehenden Sternensystemen, in den Bereich des Machbaren rückten. Was wie Science Fiction klang, schien plötzlich einen realen Hintergrund zu haben.

Allerdings gab es bei der Konstruktion des neuartigen Antriebes ingenieurtechnisch einige Schwierigkeiten zu überwinden. Im Gegensatz zu herkömmlichen chemischen Triebwerken erforderte die Kernfusion eine Temperatur von 140 Millionen Grad. Diese kommt in der Natur nur im Innern von Sternen vor, wie beispielsweise im Kern der Sonne.

Beim Kernfusionsantrieb erhält das Raumschiff durch die Kernverschmelzung einen hohen Impuls von 100000 s. Wesentlich ungünstiger sieht es im direkten Vergleich bei den anderen Raketentriebwerken aus. Nur maximal 450 s sind es bei einem chemischen Triebwerk und 1000 s bei einem Atomantrieb. Die Unterschiede bei den drei Antriebsmöglichkeiten sind gravierend.

Auf eine einfache Formel gebracht heißt das letztlich, je heißer das Gas, das während der Verbrennung des Treibstoffs entsteht, umso schneller ist die Bewegung der Gasmoleküle und desto höher die Ausströmungsgeschwindigkeit, sowie der Wirkungsgrad des Antriebs.

Das klingt alles zu schön, um wahr zu sein. Doch mit welchen Mitteln wird der spektakuläre Prozess der Kernfusion durchgehend am Laufen gehalten?

Hier fanden die Wissenschaftler eine elegante Lösung. Gezündet sollten die sogenannten »thermonukleare Mikroexplosionen« durch den kontinuierlichen Beschuss mit Laser- oder Ionenstrahlen. Die auf diese Weise ausgelösten Explosionen erfolgen immer im Brennpunkt eines konkaven magnetischen Spiegels, dessen Feld von supraleitenden Spulenwicklungen erzeugt wird. Der künstlich gebildete Feuerball wird dabei komplett vom Triebwerk weg reflektiert und ebenjener Rückstoß treibt das Raumfahrzeug ausschließlich vorwärts.

Die Temperaturen, die bei dem thermonuklearen Prozess entstehen, sind enorm hoch und das entstandene Feuer darf auf keinen Fall mit dem Raumschiff in Berührung kommen. Deshalb wird es ständig durch ein starkes Magnetfeld abgeschirmt, das von supraleitenden Magneten produziert wird.

Damit diese ebenfalls ohne Komplikationen funktionieren, müssen sie kontinuierlich mit flüssigem Helium gekühlt werden.

Soweit die Theorie. Wie aber sah es in der Praxis aus?

Zwar war das ehrgeizige Projekt offiziell zu den Akten gelegt worden, doch trotzdem gingen die Forschungen weiter.

 

 

 

9. Juni, 11.00 Uhr, militärisches und ziviles Raketentestgelände

 

Das John C. Stennis Space Center (SSC) ist eine Raketentestanlage der NASA und befindet sich im Hancock County in Mississippi, direkt am Ufer des Pearl River, nahe der Grenze zu Louisiana. Über 30 Unternehmen und Agenturen nutzen regelmäßig die Testanlagen auf dem weitläufigen Gelände.

In der nordwestlichen Ecke des Areals liegt ein Gebiet, das vom restlichen Testgelände mit einem hohen elektrischen Stacheldrahtzaun abgegrenzt ist. Darüber hinaus wird das gesamte Sperrgebiet komplett videoüberwacht und Wachen in dunklen Ford Ranger überwachen den Grenzzaun, um unbefugtes Eindringen zu verhindern. Es gibt nur einen einzigen Zugang, der genauso scharf bewacht wird, wie die übrigen Bereiche der gesperrten Zone. Der Zutritt ist nur gestattet, wenn derjenige dort arbeitet beziehungsweise mit einer Ausnahmegenehmigung, die von der NASA, NRO, US-Navy oder vom Verteidigungsministerium ausgestellt wurde. Aber warum gab es diese Heimlichtuerei? Viel zu sehen gab es auf dem

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Dani Edward Brown
Bildmaterialien: Dani Edward Brown
Cover: Dani Edward Brown
Tag der Veröffentlichung: 14.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5039-2

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Julia

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