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Hate at First Sight

 

 

Genervt wischte ich die letzten Reste eines Hamburgers von dem großen Tisch und schmiss dann den Lappen in einen Eimer voll Wasser, dessen Farbe undefinierbar zwischen grau und braun lag.

Das hier war wahrlich kein Traumjob, aber immerhin verdiente ich mir etwas dazu, hatte ab und zu etwas Spaß und die besten Kollegen der Welt.

 

„Na, was macht denn mein Lieblingsbrownie heute so?“, begrüße mich Liz – eigentlich Elizabeth, aber wehe dem, der sie so nannte.

„Auch endlich da“, erwiderte ich, „Ich wäre fast gestorben vor Langeweile.“

„Sorry, Süße. Ich hab die Bahn verpasst.“

Das ließ mich grinsen. Wenn Liz so weitermachte, dann würde sie ihren Rekord von vor 5 Monaten schlagen. Damals war sie zu 16 von 20 Schichten zu spät gekommen.

Sollte das noch mal passieren, würde sie uns allen ein Eis ausgeben müssen.

‚Uns allen’ hieß Javier, Tommy und mir, den Kellnern/Putzen/Köchen der kleinen Pommesbude hier.

„Javier freut sich schon auf seinen Schoko-Kirsch-Becher“, neckte ich sie.

„Tzzz…ich hab noch dreimal. Hast du denn gar kein Vertrauen in mich?“

„Was das angeht…NEIN. Und der halbe Monat steht dir noch bevor, als sind unsere Chancen auf ein Eis perfekt.“

Sie seufzte: „Ich konnte nichts dafür, wirklich nicht. Erst beim letzten Blick in den Spiegel ist mir aufgefallen, dass mein Nagellack nicht zu meinem T-Shirt passt.“

Todernst blickte sie mich an, bis wir beide auf einmal anfingen loszulachen.

„Außerdem ist das doch nicht so schlimm. Wimmelt ja nicht gerade von Gästen hier.“

Da musste ich ihr Recht geben, aber trotzdem kam sie nicht so einfach davon.

„Du übernimmst das Spülen!“

Liz verzog kurz das Gesicht, fügte sich aber anstandslos.

 

Das Klingeln der Türglocke kündigte neue Gäste an. Als ich mich umdrehte, sah ich eine große Jungengruppe laut grölend hereinstürmen.

Oh super. Vielleicht wäre Spülen das kleinere Übel gewesen.

Das unwohle Gefühl im Magen unterdrückend, atmete ich kurz durch und machte mich dann auf den Weg zu ihnen.

„Was kann ich euch bringen?“, ich bemühte mich um ein freundliches Lächeln.

Sieben Augenpaare schwanzgesteuerter Primaten – auch Jungs genannt – richteten sich auf mich. Boden tu dich auf!

„Ich nehme eine Cola, einen Hamburger plus Pommes Spezial.“

„Mach zwei Colas draus. Einen Cheeseburger und Pommes mit Ketchup.“

„Currywurst, Apfelschorle.“

Angestrengt kritzelte ich alles mit, froh darüber, nicht mehr diesen Haufen geballten Testosterons angucken zu müssen.

„Kann man dich auch bestellen?“, ertönte es da plötzlich.

Innerlich stöhnte ich auf. Irgendwie war es klar gewesen, dass noch so ein Spruch kommen musste. Jetzt nur nicht rot werden! Nur nicht rot werden!

Trotzdem spürte ich, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Naja, zum Glück sah man das bei meiner Hautfarbe ja nicht so.

„Dein Ernst, Ian? Bist du jetzt schon so notgeil, dass du Schwarze nimmst?“

 

Mit einem Schlag wandelte sich meine Verlegenheit in Wut um.

Als ich aufblickte, sah ich einen blonden Jungen, der mich abschätzig musterte. Seine strahlend blauen Augen wirkten schon fast unnormal, allerdings hatten sie so etwas herablassendes in sich, dass beim besten Willen nicht als schön bezeichnen konnte.

„Guckt euch nur mal ihren Monster-Arsch an.“

Der braungebrannte Junge, der neben ihm saß, stieß ihm einen Ellenbogen in die Seite, aber der Schaden war schon angerichtet.

 

Früher hätte mich sein Kommentar zum Weinen gebracht. Mittlerweile war ich allerdings so abgehärtet, dass ich den schmerzhaften Stich ignorieren konnte.

 

„Immerhin habe ich wohl im Gegensatz zu dir eine gute Kinderstube genießen dürfen“, erwiderte ich nur möglichst neutral, auch wenn ich diesem widerlichen Rassisten am liebsten eins auf seine hübsche Nase gegeben hätte.

Aber er war zahlender Kunde und einen solchen zu verlieren konnten wir uns beim besten Willen nicht erlauben.

 

„Ignorier ihn einfach. Er hat heute einen Scheißtag. Hat seinen ersten Korb bekommen“, grinste mich der gebräunte Junge entschuldigend an.

„Ach, und das rechtfertigt so einen Kommentar?“

Sein Grinsen verschwand und wurde durch einen betretenen Gesichtsausdruck abgelöst.

„Nein, natürlich nicht. Sorry“, Murmelte er.

 

„Kann ich jetzt sonst noch etwas bringen, oder war’s das?“

Anscheinend hatte ich so böse geklungen, dass sich niemand mehr traute, noch etwas zu sagen, also tat ich es ihnen gleich und verschwand in der Küche.

 

Als ich die Tür hinter mir zuknallte, schreckte Liz hoch.

„Mein Gott, Brownie! Was ist denn los?“

„Ein kleines Rassistenschwein draußen am Tisch. Verdirbt einem die Laune. Später mehr.“

Während sie die Burger zubereitete, brachte ich die Getränke hinaus.

 

„Gott, Darian. Du bist so ein Idiot!“

„Was denn? Stimmt doch, dass sie einen Monsterarsch hat“, hörte ich da die Stimmen der Jungs.

So ein ungezogener, weißer Bengel, der meinte, etwas Besseres zu sein.

Ich konnte schließlich auch nichts für meine breiten Hüften und den ausgeprägten Steiß, eine Gen, das in meiner Familie nun mal weitergegeben wurde.

Und ehrlich gesagt gab es schlimmere Dinge.

 

Mit Schwung knallte ich das Tablett vor ihnen auf den Tisch.

„Bitteschön“, schnauzte ich sie an.

Meine Stimmung war am absoluten Nullpunkt. Normalerweise hatte ich mich ganz gut im Griff und war ziemlich belastbar – was in dem Job auch dringend nötig war -, aber meine Hautfarbe war mein wunder Punkt.

 

So schnell wie möglich verschwand ich wieder in die Küche.

„Ich bin fast fertig. Was hat denn der Idiot bestellt? Soll ich da vorher noch mal reinspucken?“, empfing mich Liz ernst.

Och sie war einfach die Beste!

„Klingt verlockend, aber wir wollen und ja nicht auf sein Niveau herablassen.“

„Schade. Hätte mir ziemliche Genugtuung bereitet“, wir grinsten uns an.

„Naja, aber wahrscheinlich hast du Recht. Soll ich die Sachen raus bringen?“

„Wäre super Liz.“

„Kein Problem, Brownie. Welcher ist der Idiot?“

„Blonde Haare, blaue Augen. Arrogantes Gesicht.“

 

Damit widmete ich mich dem Spülzeug und ließ meine Gedanken schweifen.

Natürlich blieb ich an dem Gespräch mit dem blonden Trottel draußen hängen und wurde wieder wütend.

Ich war in diesem Land geboren, aufgewachsen. Hatte meine gesamten 17 Jahre hier verbracht und trotzdem gab es immer noch Leute, die mich nicht akzeptierten wegen meiner Hautfarbe.

Das brachte mich zugleich auf dir Palme und machte mich unendlich traurig.

Warum konnten diese Leute nicht akzeptieren, dass mich bis auf mein Aussehen nichts von ihnen unterschied?

 

„Wow, dieser Idiot sieht aber ziemlich gut aus“, Liz kam atemlos herein.

„Mag sein. Trotzdem ist er ein Arschloch.“

Schnell pflichtete sie mir bei.

„Hatte ich schon erwähnt, dass ich heute früher gehe? Um genau zu sein in fünf Minuten“, weihte ich sie ein.

„Was? Du lässt mich hier alleine?!“

„Natürlich nicht. Javier müsste jeden Moment hier sein.“

Herr Liebig, der Besitzer dieser Pommesbude, ließ uns ziemlich freie Hand, was das Arbeiten anging und wir hatten sein Vertrauen noch nie ausgenutzt, alles lief wie am Schnürchen.

„Ich zieh mich schon mal um. Er kommt sicher gleich.“

 

Auf der kleinen Toilette für die Angestellten streifte ich meine Schürze ab und pellte mich aus meinem senfgelben – Tommy bezeichnete die Farbe lieber als rotzgelb, wo ich ihm insgeheim beipflichten musste – Oberteil.

Bei der Farbwahl ließ Herr Liebig nicht mit sich reden. Man würde die Fettflecken darauf nicht sehen, war dabei sein schlagendes Argument. Da mochte er auch Recht haben, aber leider sah man von Ketchup bis Cola alles andere umso deutlicher darauf.

 

Ich streifte mein neongrünes Oberteil über und verabschiedete mich von Liz.

„Denk an den Mädelsabend Freitag“, rief sie mir noch hinterher, bevor ich aus der Küche verschwand.

„Brownie!“, ertönte es da auch schon und plötzlich befand ich mich in zwei starken Armen und wurde herumgewirbelt.

„Javier!“, ich lachte glücklich.

Seit er mich vor drei Jahren kennengelernt hatte, begrüßte er mich auf diese Weise.

„Na, wie geht’s meiner Süßen heute?“, er strahlte mich an.

„Ganz gut.“

Ich blickte über seine Schulter und sah, wie die Jungs uns anstarrten.

Sollten sie doch gaffen!

„Das hörte sich aber nicht so überzeugend an“, forschend musterte er mich.

„Ach, nichts dramatisches. Nur wieder ein Idiot, der ein Problem mit meiner Hautfarbe hat.“

 Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn.

„Idiot. Mach dir nichts draus.“

„Außerdem hat er meinen Hintern ‚Monsterarsch’ genannt.“

„Na da hast du doch den Beweis. Ein echter Idiot. Dein Arsch ist ein Traum. Wärst du nicht wie eine Schwester für mich, dann hätte ich schon längst…“

„Javier!“, unterbrach ich ihn und wurde ganz verlegen.

Das brachte mir nur ein 5* Grinsen und einen Klaps auf den Hintern ein.

 

„Vergiss ihn! Du bist eine heiße Schnecke und jeder der etwas anderes behauptet ist entweder schwul oder blind.“ Damit nahm er mich ein letztes Mal in den Arm. „Grüß Jerome von mir.“

„Mach ich. Viel Spaß.“

 

Schon etwas besser gelaunt machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich musste auf meinen kleinen Bruder Jerome aufpassen, da Mum eine extra Schicht absolvieren musste.

 

„Ich bin da“, rief ich, als ich die schäbige Tür zu unserer kleinen Wohnung aufschloss.

„Saira. Zum Glück. Ich muss dringend los. Also gegessen haben wir schon. Jerome muss dringend noch Deutschhausaufgaben machen und Englischvokabeln lernen.“

 

Ich seufzte. Das würde wieder einen Kampf geben, denn mein kleines Brüderlein sah überhaupt nicht ein, warum er in die Schule musste, wenn er doch später eh Fußballstar bei Real Madrid werden würde.

 

„Ok, geh jetzt, sonst kommst du zu spät.“

Meine Mutter eilte mir entgegen und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Ich bin so froh, dass ich dich habe. Ich liebe dich.“

„Ich dich auch, Mama. Bis später.“

 

Damit machte ich mich auf, den kleinen Satansbraten zu finden. Er hockte – wie nicht anders zu erwarten war – vor unserem vorsinnflutartigem Computer und sah sich ein Video an.

„Guck mal, Sai. Ist das nicht mega krass? Wie der spielt ist so hamma geil!“

Bei seiner Sprache zuckte ich zusammen.

„Wer ist das denn?“, ich blickte über seine Schulter und beobachtete, wie ein ziemlich gut aussehender Typ den Ball elegant in der Luft hielt, ohne dass er auch nur ein Mal den Boden berührte.

Nachdem ich einen entsetzten Blick von ihm geerntet hatte, klärte er mich fachmännisch auf, dass das der beste Fußballer der Welt und sein großes Idol sei. Cristiano Ronaldo.

„Ach ja. Hab schon mal von ihm gehört.“

Etwas besänftigt richtete er seine Augen wieder auf das total verpixelte Video.

 

„Wie sieht’s denn aus mit deinen Deutsch Hausaufgaben, CR Junior?“, wagte ich zu fragen.

„Oh man, Schwester! Ich bin beschäftigt! Und danach wollte ich noch eine Runde kicken gehen, also keine Zeit für Deutsch.“

„Dann sieht es so aus, als müsstest du Zeit dafür machen.“

„Du nervst. Fast so schlimm wie Mama.“

„Machen wir einen Kompromiss: Du guckst das Video noch zu Ende, dann machen wir Deutsch und danach gehen wir noch in den Park. Da kannst du dann ‚kicken’, während ich dich Englisch abfrage.“

Er starrte zu mir, dann auf den Bildschirm und schließlich wieder zu mir.

„Na gut. Ich hab ja eh keine Wahl.“

Ich musste grinsen. Schlaues Kerlchen.

„ABER“, setzte er an, „du musst mit mir spielen.“

Gequält verzog ich mein Gesicht. Ich hasste Ballsport, denn leider schien mein Gesicht Bälle magisch anzuziehen.

Aber was tat man nicht alles für die kleinen Geschwister.

Kick it like...Jerome

 

Eine halbe Stunde später passte ich meinem Bruder dann den Ball zu.

„Hund?“

„Dog.“

Der Ball kam zurück.

„Katze?“

„Cat.“

Ich spielte zu ihm zurück.

„Ich heiße…“

„My name is. Sai, ich möchte lieber Tore schießen. Das Passen wird langweilig.“

„Nope. Ich stell mich bestimmt nicht zwischen zwei Pfosten und lass mich abschießen.“

„Och Sai, da passiert schon nichts.“

„Keine Chance, Kleiner. Überleg dir was anderes!“

Murrend gab er nach und bald musste ich versuchen, ihm den Ball wegzunehmen und zu verteidigen. In der prallen Sonne!

Wie nicht anders erwartet, klappte das natürlich nicht wirklich gut.

„Man Sai! Gib dir mal etwas mehr Mühe!“

Erschöpft sank ich ihm Schatten eines Baumes zu Boden.

„Sorry Jer, aber ich kann nicht mehr.“

Nun baute sich der kleine Quälgeist vor mir auf und stemmte seine Hände in die Hüften.

„Du bist so unsportlich, Schwester. Du solltest echt mehr trainieren.“

Na super, jetzt wies mich schon mein 11-jähriger Bruder darauf hin.

„Wir haben doch schon einen Spitzensportler in der Familie. Da reicht es doch, wenn ich die Intellektuelle bin.“

Zweifelnd blickte mich der Knirps an, sagte aber nichts mehr. Guter Junge!

 

„Was hältst du davon, wenn du noch ein bisschen auf den Bolzplatz gehst und ich dich in einer dreiviertel Stunde abholen komme?“, schlug ich schließlich vor.

„Oh ja! Aber was machst du denn in der Zeit?“

„Ich bleibe hier auf der Wiese und genieße den Tag.“

„Faule Socke.“

„Na geh schon du undankbarer Zwerg“, neckte ich ihn.

„Selber Zwerg.“

Damit verschwand er durch die Büsche.

 

Pf! Ich war kein Zwerg. Immerhin lag ich mit meinen 1,65m im Durchschnitt.

Ich raffte mich auf und suchte mir ein paar Meter weiter ein sonniges Plätzchen, auf das ich mich sinken ließ.

Der Himmel über mir war strahlend blau und die Frühlingssonne angenehm warm.

 

Meine Gedanken wanderten zu den Geschehnissen heute Nachmittag und blieben schließlich an dem blonden Idioten hängen.

Wie konnte es sein, dass es in einer aufgeklärten Gesellschaft immer noch solche Rassisten gab? Ich meine, ich sah anders aus, als die Mehrheit dieses Landes, aber eine dunkle Hautfarbe war doch schon seit Jahrzehnten keine Seltenheit mehr.

Und sie sagte absolut nichts über mich aus!

Ich glaube, dass störte mich letztlich am meisten, dass der blonde Kerl mich direkt in der Schublade ‚schwarz = minderwertig’ hatte verschwinden lassen.

 

Das sagte ihm nicht, dass ich Musik liebte, Bücher verschlang und geschichtsbegeistert war. Es sagte ihm auch nicht, dass ich eine begnadete Bäckerin war, gerne Mathe machte oder regelmäßige Abende mit meinen Freunden.

Genau so, wie viele weiße Mädchen auch.

 

Ich schloss meine Augen und versuchte die Bilder von seinem engelsgleichen Zügen und dem kalten Blick aus dem Kopf zu bekommen.

 

„Sai, Sai!“

Ich schreckte und blickte in das besorgte Gesicht meines Bruders.

„Jer, was ist los?“

„Du wolltest mich schon vor über einer Stunde abholen, bist aber nicht gekommen. Ich hab mir Sorgen gemacht!“

„Oh Jer, es tut mir so leid. Ich bin wohl eingeschlafen.“

Ich realisierte, dass es schon dämmerte.

„Ist doch nicht schlimm. So hatten wir mehr Zeit zu trainieren, oder Kleiner?“

 

Erst jetzt bemerkte ich, dass wir nicht alleine waren. Ein großer Junge – mindestens so alt wie ich – stand neben ihm und hatte sich einen Fußball unter den Arm geklemmt.

Schnell rappelte ich mich auf uns klopfte das Gras von meiner Hose.

Ups war das peinlich! Ich war in einem öffentlichen Park eingeschlafen und dann hatte mich auch noch mein Bruder mit einem völlig Fremden dabei überrascht.

 

„Das ist Marco. Er spielt super und hat gesagt, dass er jetzt öfter mit mir trainiert.“

„Ähm hi“, etwas überfordert reichte ich ihm die Hand.

Die ergriff er dann auch, nur um mir einen sanften Kuss auf meinen Handrücken zu geben. Erschrocken zog ich meinen Arm zurück, was mir ein breites Grinsen einbrachte.

„Wer bist du denn?“

„Ähm…Saira, nenn mich Sai. Jer, wir gehen jetzt besser. Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast.“

Wieder einmal war ich froh über meine dunkle Hautfarbe, denn da sah man meine Röte nicht.

„Kein Problem. So ein Talent muss man fördern“, er zwinkerte meinem Bruder zu „Wir sehen uns, Kleiner. Und wir ja vielleicht auch“, seine braunen Augen bohrten sich in meine und ich wurde nervös. Flirtete er etwa gerade mit mir?

Sein warmer Blick schien mich herauszufordern, aber ich war so irritiert, dass ich nichts heraus bekam, sondern nur eine unspezifische Kopfbewegung zu Stande brachte.

„Ciao, Marco. Bis bald“, strahlte mein kleiner Bruder den Älteren an.

Mit Mühe löste ich schließlich den Blick von ihm und wandte mich zum Gehen.

 

Energisch verbannte ich die neue Begegnung aus dem Kopf, als wir unsere Wohnung erreichten. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es fast 20.00 Uhr war. Zum Glück arbeitete Mama heute lange, sonst wäre sie krank vor Sorge, wo wir nur blieben.

 

„Ich kann doch morgen wieder in den Park, oder?“

„Wenn du vorher deine Hausaufgaben alle machst, sicher.“

„Aber ich will möglichst viel mit Marco trainieren. Er spielt soooo gut!“

„Jer, Marco hat bestimmt auch noch etwas zu tun, bevor er in den Park kommen kann. Wenn du direkt nach der Schule isst, dann helf’ ich dir mir den Aufgaben und bringe dich zum Bolzplatz, bevor ich arbeiten gehe. Mum holt dich dann abends ab, ok?“

„Danke, Sai. Das wird so cool morgen!“

Ich strubbelte ihm durch die Haare.

„Übrigens soll ich dir schöne Grüße von Javier ausrichten.“

Wenn das überhaupt noch möglich war, wurde das Strahlen auf seinem Gesicht noch größer.

„Echt? Meinst du er würde auch mal mit Fußball spielen? Mit Marco und mir?“

 

Hatte die kleine Nervensäge eigentlich auch noch etwas anderes als Fußball im Kopf?

 

„Ich kann ihn ja mal fragen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.“

Begeistert nickte der Kleine.

„Los komm. Einen Schritt schneller, CR Junior. Ich bin müde.“

 

Um nicht zu sagen total kaputt.

Schule, lernen, arbeiten und auf den kleinen Fußballgott aufpassen schlauchte ziemlich. Deshalb war ich auch froh, als ich endlich ins Bett fiel und einschlief, bevor ich Jeromes leises Schnarchen hören konnte.

 

Das schrille Piepen des Weckers riss mich aus dem Schlaf und ich seufzte. War es wirklich schon Morgen? Ein Blick auf die Uhr bestätigte das. 6:30 Uhr.

Im Bett gegenüber von meinem schlief mein Bruder seelenruhig weiter. Den Glücklichen störte das Geräusch des Weckers nicht im Geringsten.

Ich raffte mich auf und ging kurz duschen. Dann schlich ich zurück ins Zimmer und rüttelte Jer vorsichtig an der Schulter.

 

Die einzige Reaktion, die darauf folgte war, dass er sich in Richtung Wand rollte und selig weiterschlief.

„Steh auf, Champion. Heute ist das großes Match!“, rief ich da.

Wie immer funktionierte es perfekt: Er saß kerzengrade im Bett und rieb sich die Augen.

„Was? Wann? Wo?...“

Ob seiner aufgeregten Miene musste ich loslachen, was mir einen finsteren Blick einbrachte.

„Du bist blöd, Sai.“

„Ich weiß, jetzt mach dich fertig! Ich schmier’ dir ein Brot.“

„Mit Salami?“

Er blickte mich hoffnungsvoll an.

„Wenn noch welche da ist, sicher, Champion. Jetzt beeil dich, aber sei leise, Mum schläft wahrscheinlich noch.“

 

Stöhnend schmiss ich meine knallorangefarbene Tasche in die Ecke.

„Was ist los, Brownie?“

„Weißt du eigentlich, wie ätzend Bio ist?“

„Natürlich, deshalb hab ich’s in der 10. abgewählt.“

„Du Glücklicher.“

„Kannst du noch einmal über die Tische wischen, bevor wir aufmachen?“

Tommies sommerbesprosster Kopf tauchte hinter der Theke auf.

„Sicher. Gib mir mal einen Lappen, bitte.“

Keine zehn Sekunden später traf mich etwas Nasses im Nacken.

„Igitt, du Ferkel!“

Schnell klaubte ich den Küchenlappen von meinem Nacken und warf meinem Kollegen einen bösen Blick zu.

Das entwaffnende Lächeln was ich daraufhin allerdings erhielt, verbat es mir dann aber, ihm böse zu sein. Zusammen mit seinem orangenen Haarschopf und seinen Segelohren sah er so süß aus, dass man ihm einfach nichts übel nehmen konnte.

Außerdem war ich eigentlich an seine alberne Art gewöhnt.

 

„Bleibst du heute bis zum Ende hier?“, fragte er mich.

„Jop, du hoffentlich auch!“

„Sicher. Ach, Liz hat mir übrigens von dem Idioten gestern erzählt“, das schalkhafte Funkeln in seinen Augen verschwand, „Nimm's dir nicht zu Herzen. Du bist unsere Vollmilchschoki-Schnecke und jeder, der ein Problem damit hat, soll von hier verschwinden.“

„Och, ihr seid so süß. Aber keine Sorge, den Typen hab ich schon so gut wie vergessen.“

Naja, zumindest arbeitete ich dran.

 

Ich öffnete die Tür und drehte das Schild auf ‚Open’.

Dann warf ich Tommy den Lappen zu und verschwand nach hinten.

„Ich fang an mit Innendienst. Muss mich noch umziehen.“

„Ok, Brownie. Aber wenn die uns die Bude hier einrennen, musst du mir helfen.“

Ich rollte mit den Augen. Tommy konnte verdammt ungeschickt sein, vor allem, wenn es darum ging, mehrere Teller heil nach draußen zu transportieren.

Aber da wir uns über Überfüllung nur selten beklagen konnten, machte ich mir nicht allzu große Sorgen.

Nachdem ich mich auf der Toilette in meine senffarbene Uniform gequetscht hatte und meine widerspenstigen Haare so gut es ging gebändigt hatte, stellte ich mich an den Herd und fing an, die Buletten zu braten.

 

„Uh Brownie, guck mal!“

Tommy kam ganz aufgeregt herein. War er etwas rot um die Nase?

Da musste ich mich täuschen. Er hatte das Schamgefühl eines Strippers.

„Was ist denn mit dir los?“

„Da knutscht ein Paar draußen rum.“

Er klang so entsetzt, dass ich lachen musste.

„Ja und? Seit wann stört dich das denn?“

„Na, die sind nicht ganz normal“, druckste er herum.

„Oh nein, bitte sag mir nicht, dass das so ein pädophiler Opa mit seiner jugendlichen Freundin ist.“

„Nein, das wär' doch nicht so schlimm!“

Ich zog die Brauen hoch.

Also etwas Schlimmeres gab es für mich nicht und meine Toleranzgrenze lag ziemlich hoch.

 

„Da knutschen zwei Jungs.“

Tolerance? Yes!

 

 

Endlich hatte er es rausgebracht.

„Nicht dein Ernst!“

Ich stürzte an das Fenster, das den Übergang zum Tresen bildete und spähte zu den Tischen.

Tatsächlich saßen in der hintersten Ecke zwei Jungen, die Händchen hielten und angeregt miteinander sprachen.

„Die knutschen ja gar nicht!“

„Haben sie aber eben.“

„Tja, jetzt anscheinend nicht mehr. Was wollen die zwei Süßen denn haben?“

„Keine Ahnung. Hab mich noch nicht getraut hinzugehen“, verschämt starrte er mich an.

Das brachte mich nun wirklich zum Lachen.

„Oh man Tommy. Jetzt sei ein echter Mann und geh da raus!“

Er seufzte und ging in Richtung der Tür, während ich die gefrorenen Kartoffelstreifen in die Friteuse warf.

 

Plötzlich hörte ich das Klappern der Schwingtür zur Küche und drehte mich um.

Ein tomatenroter Tommy stand dort und schüttelte den Kopf.

„Sie… sie knutschen schon wieder.“

„Seit wann bist du denn so ein Spießer?“

„Das ist einfach komisch. Ich kann da nicht noch mal raus. Bitte übernimm du den Außendienst.“

Mit Vergnügen! Dann konnte ich mein erstes homosexuelles Pärchen persönlich kennen lernen.

 

Mit einem breiten Grinsen trat ich in den Gästebereich und wurde tatsächlich vom Anblick zweier küssender Jungs begrüßt.

Wow! Die einzigen Küsse unter Männern, die ich bisher gesehen hatte, waren die aus ‚Brokeback Mountain’.

Aber so real war es noch viel spannender.

Langsam schlenderte ich auf sie zu und zog meinen Notizblock hervor.

Als ich an ihrem Tisch angekommen war, lösten sie sich von einander. Der eine blickte mich an. Er hatte schwarze Haare, ein Lippenpiercing und dunkle Augen, in denen ein verschmitztes Funkeln lag.

Sein blonder Freund starrte auf den Tisch und wurde sogar leicht rot. Wie süß!

 

„Hey, was kann ich euch bringen?“

„Zwei mal Cola, einen Hamburger und eine Currywurst, beides mit Pommes“, antwortete der Schwarzhaarige und zwinkerte mir zu.

Zusammen mit seinem Auftreten und dem Funkeln in den Augen strahlte er irgendetwas Faszinierendes aus. Schade, dass er so offensichtlich schwul und vergeben war.

„Ketchup oder Mayonnaise?“

„Beides bitte. Und ist mit deinem Kollegen alles ok“, er warf einen Blick auf meine Brust – nein, auf das Namensschild auf meiner Brust -, „Saira? Ein schöner Name übrigens.“

Flirtete er etwa mit mir?

Er zog kokett die Augenbraue hoch.

Ui, war wohl einfach seine Art.

„Dem geht’s gut. Ist nur etwas verklemmt, der Arme“, ich grinste ihn an.

„Soll mir Recht sein, wenn wir dann solch ein süßes Mädchen als Ersatz bekommen.“

„Sag mal, bist du nicht schwul?“, rutschte es mir heraus und sein Grinsen wurde noch breiter.

„Doch, Schätzchen. Stockschwul.“

Er machte ein paar tuntige Handbewegungen.

„Mach dir nichts draus. Er steht drauf, andere zu necken“, kam es da leise von seinem Freund. Den Blonden hatte ich ganz vergessen, aber jetzt nahm ich ihn genauer in Augenschein.

Blonde Haare, blaue Augen und ein schüchterner Blick. Niedliches Kerlchen.

„Och, verdirb mir doch nicht den Spaß, Schatz“, mischte sich da der dominante Part der beiden wieder ein und schlang einen Arm um den Kleineren.

„Ich mag es einfach, hübsche Mädchen anzugucken. Aber eine Chance bei mir haben nur Jungs. Und im Moment sowieso nur ein bestimmter.“

Er beugte sich zu dem Blonden herunter und gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund. Das war dann wohl mein Zeichen zu verschwinden.

„Ich bring euch die Sachen gleich.“

 

Als ich in die Küche kam, wurde ich schon ungeduldig erwartet.

„Oh man. Was hast du denn so lange mit denen da draußen gemacht?“

„Eine heiße Bi-Nummer geschoben“, ich grinste ihm zu und er verdrehte die Augen.

„Eine Currywurst und einen Hamburger mit Fritten.“

Während ich die Getränke vorbereitete, machte Tommy schweigend das Essen.

„Jetzt bekomm dich mal wieder ein. Die sind echt nett.“

Er seufzte: „Glaub ich dir ja, aber trotzdem werde ich die Bilder von zwei knutschenden Jungs nie wieder aus dem Kopf bekommen.“

„Jetzt stell dich nicht so an. Säßen da draußen zwei heiße Lesben, hättest du da nicht im Geringsten etwas gegen.“

Endlich grinste der Rotschopf wieder. Wurde aber auch Zeit, ich hatte mir schon Sorgen gemacht.

„Da hast du völlig Recht, im Gegenteil…“

„Ja ja, behalt deine schmutzigen Fantasien für dich.“

Gespielt beleidigt blickte er mich an.

„Tzzz… dann geh mal wieder zu deinen neuen Lieblingsmännern raus.“

„Du weißt doch, Jer, Javier und du ihr werdet immer meine Nummer Einsen bleiben.“

„Na dann bin ich ja beruhigt.“

 

„Bitteschön“, ich stellte das Tablett vor ihnen auf den Tisch.

„Dankeschön, attraktive Dame“, zwinkerte mir der Schwarzhaarige zu. Meine Güte, was für ein Charmbolzen.

Als ich mich umdrehte, um zur Theke zu gehen, hörte ich die Eingangstür klappern.

Ich drehte mich um und erstarrte, als ich sah, wer da gerade den Laden betrat.

 

Oh nein.

 

Die Clique von gestern, inklusive des rassistischen Idioten. Was wollten die denn schon wieder hier? Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht damit gerechnet, sie noch einmal wieder zu sehen – erst Recht nicht so bald!

Schnell huschte ich in den Schutz der Küche.

„Was ist los, Brownie? Nehmen sich die schwulen Jungs gerade auf dem Tisch oder wieso siehst du so fertig aus?“

„Ach quatsch. Der Idiot von gestern ist wieder hier. Kannst du den Außendienst übernehmen?“

Tommy ließ den Pfannenwender ins Spülwasser fallen und kam zu mir.

„Brownie“, er legte die Arme um mich und blickte mich ernst an, „du bist das stärkste Mädchen, was ich kenne. Du wirst dich doch nicht von einem Nichts-Nutz wie ihm so in die Enge drängen lassen! Du gehst jetzt da raus und zeigst dem Typen mal, was eine taffe Vollmilchschoko-Schnecke so alles drauf hat, klar?“

Das brachte mich zum Grinsen.

„Du bist so süß!“

 

„Ich will euch ja nur ungern unterbrechen, aber wir wollen bestellen, also pronto!“

Ich fuhr herum und sah den blonden Rassisten an der Tür lehnen und uns abschätzig mustern.

„Zutritt nur für Mitarbeiter. Ich komme gleich“, fauchte ich ihn an.

Na der konnte was erleben.

„Mach ihn platt, Süße“, flüsterte Tommy mir noch ins Ohr, bevor er an den Herd zurückkehrte.

 

Bauch rein, Brust raus, einmal tief durchatmen.

So marschierte ich zur Tür heraus zu den pöbelnden Jungs.

„Hey, was kann ich euch bringen?“

„Deine Nummer.“

Ich verdrehte die Augen. Schien so, als wäre dieser Ian auch wieder dabei.

„Glaub mir, Ian. Die vögelt mit dem gesamten Team hier. Eben hat sie in der Küche mit so ’nem irischen Kobold rumgemacht. Da hast selbst du mehr Niveau!“, mischte sich da auch schon wieder mein neuer Freund ein.

Perfekte Steilvorlage. Danke mein lieber!

Mit einem breiten Lächeln wandte ich mich an ihn.

 

„Weißt du, dieser irische Kobold ist einfach so unglaublich gut im Bett…und auf dem Herd, und auf dem Tresen und… Moment mal, haben wir es nicht gerade heute Mittag noch auf dem Tisch hier getrieben?“

Ich beugte mich vor und inspizierte ihn.

„Ja, ich glaube, das war er. Da ist diese Kerbe…“

„Ok, ok. Jetzt ist gut ihr beiden. Ich habe noch vor, hier zu essen“, unterbrach Ian mich und warf seinem Kumpel einen beschwichtigenden Blick zu.

Ich wandte mich ihm zu: „Gerne. Was darf ich denn bringen?“

Die Jungs starrten mich ungläubig an. Na bitte, so machte mein Job Spaß.

 

Als ich alles notiert hatte, verschwand ich mit einem fetten Grinsen in der Küche.

„Was ist los, Brownie? Du siehst aus, als wären heute Weihnachten und dein Geburtstag zusammen.“

„Besser, Tommy, besser. Ich habe heute mein erstes Schwulenpaar kennen gelernt und sogar knutschen sehen, einem Rassisten eine Abreibung verpasst und dich hypothetisch auf dem Herd, der Theke und dem Tisch draußen durchgevögelt.“

„Woah, woah, woah. Du hast was?“

„Zwei Schwule knut-“

„Nein, das Letzte!“

„Oh, wir haben es wild getrieben. An allen möglichen Orten in der Kaschemme hier.“

Fassungslos starrte er mich an.

„Hast du was geraucht?“

„Nein, damit hab ich aufgehört seit ich acht geworden bin.“

Wir grinsten uns an.

„So liebe ich dich, Brownie. Jetzt bist du in Höchstform. Also, was soll ich machen?“

 

Ich gab ihm die Liste mit den Bestellungen und brachte dann die Getränke raus.

Wow, kein einziger dummer Kommentar kam.

Na bitte.

Persistent Troublemaker


        

Jetzt würde ich noch mal bei meinen schwulen Ehrengästen vorbeischauen und dann wäre alles super.

Auf dem Weg zu ihnen wurde ich allerdings unsanft angerempelt.

„Hey!“

Der blonde Idiot schon wieder.

„Entschuldigung“, sagte er eher spöttisch als reuig.

„Ich muss mal aufs Klo. Ich fürchte meinem Magen ist die Vorstellung von einer Schwarzen und dem Kobold nicht bekommen.“

Oh man, er konnte es anscheinend nicht sein lassen. Zeit für Runde zwei.

„Dann benutz am besten die Toilette ganz links. Auf der anderen habe ich es schon mit Javier getrieben. Die linke wollten wir erst heute Abend entjungfern.“

Angeekelt  starrte er mich an, bevor er endlich verschwand.

 

„Woah, du hast ja richtig Pfeffer, Kleine“, grinste da der dunkelhaarige Schwule, „Ich glaube, wir kommen jetzt öfter her. Ich bin Chris und das ist Maxi“, er deutete auf seinen blonden Freund.

„Freut mich zu hören. Ihr könnt mich Sai nennen. Kann ich euch noch was bringen?“

„Ich nehme noch eine Cola.“

„Ich auch“, kam er da leise von Maxi.

„Gerne, Jungs.“

 

Als ich mit der Bestellung wieder zu ihrem Tisch kam, stand dort der blonde Idiot und funkelte Chris wütend an. Dieser war aufgestanden und hatte sich schützend vor Maxi gestellt. Kannten die sich etwa?

„…komm endlich drüber weg. Lana stand einfach nicht auf dich.“

Anscheinend…

„Und das sagt mir wer? Eine Schwuchtel! Guck doch deinen kleinen Freund an. Der sieht aus, wie eine schlechte Kopie von mir“, erwiderte der Blonde boshaft.

Unwillkürlich verglich ich die beiden Jungs. Maxi war noch etwas zierlicher als der Idiot, hatte ebenfalls blonde Haare, die aber einige Nuancen dunkler waren und schon eher in Richtung Hellbraun gingen, und blaue Augen, welche allerdings weniger farbintensiv waren als die des anderen.

Der blonde Trottel schnitt im rein äußerlichen Vergleich definitiv besser ab, aber sein katastrophales Benehmen und den miesen Charakter machte das definitiv nicht wett.

Aber er hatte anscheinend einen wunden Punkt bei Chris getroffen.

„Lass Maxi da raus. Mit ihm hat das nichts zu tun.“

„Ach ja, ich glaube eher, dass er dein Ersatz für mich ist. Ich kann kaum glauben, dass du dir wirklich mal Hoffnungen gemacht hast, ich würde mit dir ausgehen. Das ist lächerlich. Es ekelt mich schon an, euch zuzusehen, und das beim Essen! Ein Wunder, dass ihr hier überhaupt rein dürft. Obwohl… bei dem Drecksladen hier, da passt das Schwuchtelpaar doch dann perfekt zu der schwarzen Schlampe“, er blickte in meine Richtung, „mit den dauerbreiten Beinen.“

 

Der Kunde war zwar König, aber irgendwann war Schluss. Das musste ich mir nicht bieten lassen. Wütend funkelte ich ihn an und wies zur Tür.

„Raus hier. Sofort!“

„Du schmeißt mich raus?“

„Exakt. Und zwar jetzt, also verschwinde von hier.“

„Bist du dir sicher, dass du weit gehen willst“, er verzog das Gesicht, „Süße?“

„Todsicher. Raus!“

Lässig schlenderte er zur Tür, ließ es sich aber nicht nehmen, mich dabei kurz zu streifen. Entschlossen blieb ich wie ein Stein stehen und ließ mich nicht zurückdrängen.

„Das wird noch ein Nachspiel haben, Schlampe“, flüsterte er mir zu. Sein kalter Tonfall, dem jetzt jegliche spielerisch überhebliche Nuance fehlte, ließ mich zusammenzucken, aber ich biss die Zähne zusammen, blicke ihm fest in die Augen und zeigte weiterhin auf die Tür.

„Wir sehen uns später, Jungs“, rief er seinen Freunden noch zu, bevor er endlich aus dem Laden verschwand.

 

„Alles ok, Brownie?“

„Alles super, Tommy. Kümmre du dich einfach weiter ums Essen“, wies ich ihn an, ohne mich umzudrehen.

Dann wandte ich mich an meine derzeitigen Lieblingskunden, die mittlerweile wieder am Tisch saßen. Chris wirkte furchtbar wütend und blieb anscheinend nur durch Maxis Hand, die seine fest umklammert hielt, einigermaßen ruhig auf seinem Platz. Der kleinere war etwas weiß um die Nase, sah aber ansonsten ganz kontrolliert aus.

„Es tut mir wirklich leid, dass es so eine Szene gegeben hat. Ich hätte ihn eher rauswerfen sollen.“

„Quatsch, Sai. Für sein Verhalten kannst du ja nichts und dass du ihn überhaupt vor die Tür gesetzt hast, war schon ziemlich mutig. Mit Darian lässt sich nicht spaßen“, ernst blickte er mich an.

Das trug jetzt nicht wirklich zu meiner Beruhigung bei.

 

„Hier eure Getränke.“

Ich nahm mir einen Augenblick, um mich zu sammeln, bevor ich zu dem Jungstisch hinüberging.

Dort erwartete man mich bereits mit teils neugierigen, teils mitfühlenden Blicken.

„Euer Freund ist ein Idiot“, platzte es aus mir heraus, „Bitte seht davon ab, ihn noch mal mitzubringen.“

Der braungebrannte Typ vom letzten Mal seufzte: „Tut uns leid, chica. Darian ist manchmal ein bisschen daneben.“

Ein bisschen war da ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Aber trotzdem“, fuhr er fort, „leg dich nicht mit ihm an. Auch wenn du ein wirklich taffes Mädel bist, er ist ne Nummer zu groß für dich.“

 

Na super. Noch jemand, der mich warnte.

„Kein Problem. Solange er diesen Laden nie wieder betritt, habe ich nicht die geringste Absicht, je wieder mit ihm zu reden.“

„Wir sorgen dafür“, versicherte mir Ian jetzt. Damit ließ ich sie alleine, um mich um das Essen zu kümmern.

 

„Was genau ist da draußen eben abgegangen?“, horchte Tommy vorsichtig, aber bestimmt nach, als ich die Küche betrat.

„Der Idiot, ich korrigieren, Vollidiot von gestern hat eindeutig die Grenze überschritten und ich hab ihn rausgeworfen.“

Er nickte und beließ es dabei.

 

Kluger Junge. Ich war jetzt absolut nicht in der Stimmung zu reden. Außer vielleicht mit Javier, aber da der leider nicht hier war, beließ ich es beim Schweigen.

Zu sehr hatten mich Darians – so hieß der Mistkerl ja anscheinend – Worte aufgewühlt und verärgert.

Er hatte mich eine Schlampe genannte. So war ich noch nie bezeichnet worden und ich hatte mir schon eine Menge verschiedene Namen anhören müssen. Sowohl nette, als auch weniger angenehme.

Aber Schlampe? Nein, den verdiente ich definitiv nicht!

 

Zum Glück verlief der Tag ansonsten ruhig. Keine nervigen Kunden und die restlichen Jungs machten ohne Darian auch keine Probleme mehr. Sogar Ian verkniff es sich angesichts meiner miesen Laune, weiter nach meiner Nummer zu fragen.

 

Zu Hause erzählte mir mein kleiner Bruder eine Story nach der anderen über sein neues Idol Marco.

Schien so, als wäre Cristiano Ronaldo jetzt out.

How to Deal with Lovesickness

 

 

 

 

Meine nächste Schichthatte ich Donnerstag und als ich ankam, wurde ich schon von Liz erwartet. Nanu? Was war denn mit ihr los, dass sie nicht nur pünktlich, sondern zu früh da war?
„Hey Süße, wie geht’s dir?“, trotz ihres breiten Lächelns konnte ich Sorge in ihren Augen erkennen, „Tommy hat mir erzählt, was Dienstag bei euch abgegangen ist. Echt heftig!“
Na das erklärte alles. Ich seufzte. Natürlich hatte er es den Anderen erzählt. Schließlich teilten wir normalerweise alle Stories miteinander, aber dieses Mal, wollte ich den Idioten einfach aus dem Kopf bekommen und das ging nicht, wenn ich ständig an ihn erinnert wurde.
„Alles ok. Das ist schon so gut wie vergessen. Lass uns nicht davon reden, ich will nicht mehr darüber nachdenken.“
„Na gut. Aber ich will, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin. Also wenn du mal das Gefühl hast, ein offenes Ohr zu brauchen…“
Ich hatte wirklich Glück mit meinen Freunden. Schnell umarmte ich sie: „Das weiß ich doch, Süße. Jetzt aber los, die Hamburger machen sich nicht von alleine.“

Liz preisverdächtige Pünktlichkeit sollte jedoch nicht die einzige freudige Überraschung bleiben. Schien so als wäre heute mein Glückstag, denn am späten Nachmittag betrat Chris mit seinem Freund und einem rothaarigen Mädchen den Laden und winkte mir zu.
Innerlich ein bisschen aufgeregt, ging ich direkt zu ihnen: „Na ihr drei, was kann ich euch bringen?“
„Ach, immer direkt das Geschäftliche“, Chris verdrehte die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, „Das ist meine bezaubernde beste Freundin Lana. Lana, das ist Sai. Die, die Darian rausgeschmissen hat.“
Das Mädchen lächelte mich freundlich an und ich konnte nicht anders, als sie eingehend von oben bis unten zu mustern. Sie trug ausschließlich schwarz. Schwere Boots, eine schlichte lange Hose und eine ziemlich freizügige, schwarze Bluse. Obwohl die Farbe nichtso meins war – erst Recht nicht im Sommer bei 25°C – stand sie ihr wirklich gut. Ihren etwas düsteren Style unterstrichen ein tolles Tattoo an ihrem Dekolleté, das die Bluse unbedeckt ließ, und die dunkelroten Haare. Ihr individueller Style passte irgendwie zu meinem Schwulenpärchen…eben auch anders, etwas Besonderes.
„Freut mich, dich kennenzulernen. Echt coole Aktion. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Der Junge kann gar nicht genug Abreibungen bekommen“, sie zwinkerte mir zu.
Da kam mir ein Gedanke. Der braungebrannte Junge hatte doch da beim ersten Mal etwas gesagt…
„Bist du etwa das Mädchen, was ihm einen Korb gegeben hat?“
Etwas überrascht starrte sie mich an, bevor sich ein triumphierendes Grinsen auf ihr Gesicht schlich: „Bin ich jetzt etwa schon eine Berühmtheit?“
„Auf jeden Fall!“

Nachdem sie bestellt hatten, kehrte ich zu Liz in die Küche zurück.
„Du denkst doch an unseren Mädelabend morgen?“, hakte sie nach.
„Na klar.“ Ups, da war ja noch etwas gewesen. „Ich komme zu dir, oder?“
„Ja, ist wahrscheinlich besser. Bringst du was zu knabbern mit? Ich habe noch Schoki und Gummibärchen zu Hause.“
„Klar mach ich. Dann bin ich so gegen 19 Uhr bei dir, ok?“
Sie nickte und widmete sich weiter dem Abwasch.

Als ich zurück zu meinen Lieblingsgästen kam, lächelte mir Lana schon entgegen.
„Hey, sag mal, hast du Lust, zu der Party von einem Freund zu kommen? Ich weiß, wir kennen unsnoch nicht, aber du bist mir“, mit einem Blick auf ihre Freunde korrigierte sie sich, „ – uns total sympathisch und die Leute, die kommen, sind wirklich nett!“
Ich war gelinde gesagt überrascht. Aber wieso eigentlich nicht?
Neue Leute kennenzulernen machte mir Spaß und wenn sie auch nur halb so cool waren, wie die drei vor mir, dann würde es bestimmt ein toller Abend werden. Also erwiderte ich ihr Lächeln und nickte.
„Sehr gerne. Das Kompliment kann ich übrigens nur erwidern. Wann und wo soll ich denn Samstag hinkommen?“
Das rothaarige Mädchen kramte einen Stift aus ihrer Tasche und kritzelte etwas auf eine Serviette, welche sie mir dann reichte.
„Freut mich, dass du kommst! Wir sehen uns ja dann. Ich hab mal meine Handynummer drunter geschrieben, falls was dazwischen kommt oder so…“
„Bis dann, schönen Tag wünsche ich euch noch.“
Von Chris bekam ich ein Augenzwinkern zum Abschied, Maxi lächelte mir schüchtern zu.

Abends telefonierte ich dann noch mal mit Liz und auch wenn wir uns praktisch den ganzen Nachmittag gesehen hatten, schafften wir es, fast zwei Stunden zu quatschen.
Ursprünglich wollte ich ihr nur mitteilen, dass wir uns doch bei mir treffen mussten, weil ich den Fußballgott hüten sollte. Mum musste mal wieder eine Sonderschicht arbeiten und Dad war immer noch unterwegs. Als Lkw-Fahrer tourte er schon seit einer Woche durch Osteuropa und so langsam vermisste ich ihn.
Liz kannte unsere Situation zu Hause schon und lenkte sofort ein: „Klar, ich komm rüber. Hab den Kleinen ja auch lange nicht mehr gesehen. Soll ich denn noch eine DVD mitbringen?“
„Mach das. Du bist die Beste, Liz. Ach und du musst mir unbedingt helfen, passende Klamotten rauszusuchen.“
„Ui Brownie! Hast du etwa ein Date?“, stichelte Liz, aber ich konnte die Aufregung aus ihrer Stimme heraushören.
Tja, da musste ich die Liebe wohl enttäuschen.
„Nicht ganz. Ich wurde zu einer Party eingeladen. Erzähl ich dir morgen.“
So langsam wollte ich ins Bett, schließlich hatte ich einen ziemlich anstrengenden Tag hinter mir gehabt und morgen früh musste ich natürlich in die Schule.
„Och Brownie. Das kannst du mir nicht antun! Ich will Details. Ganz viele. Halt mich nicht so hin…“
„Oh man Liz“, du Klatschtante, „morgen, okay? Ich muss früh raus!“
Sie murmelte etwas Unverständliches und ich musste grinsen.
„Wie war das, Liz?“
„Nichts, nichts. Ich hab dich lieb, Brownie.“
„Ich dich auch. Bis morgen Abend. Komm pünktlich!“

Das tat sie natürlich nicht, aber wie hieß es so schön: Regelmäßiges Versagen ist auch eine Form der Zuverlässigkeit.
Die 30 Minuten, die sie zu spät kam, hatte ich also schon mit eingeplant und war nicht sonderlich überrascht über ihre Ausrede – dieses Mal hatte sie ihre Zahnbürste angeblich nicht mehr gefunden.

Kurz darauf standen wir vor meinem Kleiderschrank. Jer hatten wir ins Wohnzimmer vor die Glotze ausquartiert. Wie gut, dass heute Fußball lief.
„Also Brownie, was wird das für ne Party? So ein schickimicki Ding oder einfach ein netter Abend mit ein paar Freunden? Oder“, ihre Augen blitzten auf, „gibt es ein Motto? Oh bitte sag mir, dass es ein Motto gibt.“
„Ähm…Tut mir leid, ich glaube da muss ich dich enttäuschen… wenn es ein Motto gibt, hat mir zumindest niemand was davon gesagt.“
„Hmm…schade.“
„Und mit schickimicki Klamotten kann ich leider nicht dienen, also wird es auf lässig hinauslaufen.“
„Gut, das passt eh am besten zu deinem Typ.“
Was auch immer meine liebste Modeberaterin damit meinte…
Wie tollwütig stürzte sie sich auf meine Klamotten und betrachtete kritisch mein Hab und Gut.
Da Liz anscheinend ganz gut ohne mich klarkam, ließ ich mich im Schneidersitz auf meinem Bett nieder und entfernte die knatschgelben Nagellackreste von meinen Fingernägeln.

„Brownie? Was hältst du hiervon?“
Sie zog ein quietschgrünes Shirt mit Fledermausärmeln aus dem Kleiderberg und warf es mir zu. Da es eines meiner Lieblingsteile war, fiel mir die Entscheidung nichts sonderlich schwer.
„Ok, was noch?“
„Hast du mir nicht letztens von deiner selbst modifizierten Hose erzählt? Zeig mal her!“
Jetzt war ich auch Feuer und Flamme. Ab und zu überfiel mich ein kreativer Erguss und ich begann, meine eigene Kleidung zu designen.
Und diese Hose war meine neuste Kreation.
Als ich sie aus dem obersten Fach des Schranks zog, wartete ich gespannt auf Liz’ Urteil, sie war schließlich die Fachfrau hier.

„Wow Brownie wow!“
Sie nahm mir die schwarze Leggins aus den Händen.
„Das sieht super aus. Und total einzigartig. Einfach perfekt für dich! Los zieh’ sie mal an!“
Kurze Zeit später musterte ich mich vor dem Spiegel.
Ja, Liz hatte Recht. Das Outfit passte zu mir.
Das knallige Grün meines Oberteils betonte meine Hautfarbe und die schwarze Hose, die ich mit bunten Sicherheitsnadeln gespickt hatte, passte perfekt dazu.
„Das Outfit betont deinen geilen Hintern.“
Ich sah im Spiegel, wie Liz mich angrinste. Sie stand hinter mir und musterte mich über meine Schulter hinweg.
Mich im Kreis drehend versuchte ich, einen Blick auf meine Rückenansicht zu erhaschen. Vergeblich.
Unsicher blickte ich sie an.
„Aber er wirkt nicht fett, oder?“
Entsetzt verzog das blonde Mädchen ihr Gesicht, bevor sie mich strafend anblickte.
„Brownie! Dein Hintern sieht fantastisch aus. Da wird dich jedes einzelne Mädchen auf dieser Party drum beneiden, also hör auf, dir da was einzureden!“
Sie war so überzeugend, dass ich mich etwas beruhigte. Schließlich bedeutete es mir ja auch nichts, dass dieser Idiot meinen Hintern Monsterarsch genannt hatte…eigentlich.

„So, jetzt wo wir dein Outfit haben, lass uns anstoßen!“
Sie griff in ihre schwarze Nietentasche und zauberte eine Flasche Sekt hervor.
„Oh nein, Liz! Nicht schon wieder“, ungläubig starrte ich sie an.
Meine beste Freundin nickte bedrückt: „Hat irgendwie nicht gepasst.“
„Das hast du bei den letzten drei Typen auch schon gesagt“, ich seufzte, „Also los, lass uns was trinken!“
Wenn Liz eines noch besser konnte, als zu spät kommen, dann war es, sich mit den falschen Typen einzulassen. Anscheinend war Dexter – so hieß ihr aktueller Freund – wohl heute auch auf die Liste der Verflossenen gesetzt worden, denn bei jeder Trennung stieß Liz mit mir auf einen neuen Anfang an.
Es war ihre äußerst effektive Art, über die Typen hinwegzukommen. Leider funktionierte diese Methode nicht bei mir.

Als mein erster und einziger Freund vor über einem Jahr mit mir Schluss gemacht hatte, war ich wochenlang total mies drauf gewesen. Liz hatte mich damals mit viel Geduld, gutem Zureden und Nerven aus Stahl aus meinem Loch geholt, genau, wie ich ihr immer bei der Kummerbewältigung geholfen hatte – die zum Glück längst nicht so dramatisch war.

Nachdem wir beide das erste Glas intus hatten, hocken wir uns auf mein Bett und Liz legte ihren Kopf auf meinen Schoß.
„Brownie, manchmal habe ich Angst, dass ich nie den Richtigen finde.“
„Süße, du bist erst 18 Jahre alt und ein tolles Mädchen. Mr Right Guy wird kommen, ganz sicher.“
„Aber ich hatte schon so viele unterschiedliche Typen und alle waren…nicht genug. Verdammt! Meine längste Beziehung hat anderthalb Monate gedauert und das auch nur, weil ich so Mitleid mit dem armen Tropf hatte, dass ich nicht früher Schluss machen konnte.“
Da musste ich ihr Recht geben. In den drei Jahren die wir uns jetzt kannten, hatte Liz schon über 10 Freunde gehabt und im Durchschnitt dauerten ihre Beziehungen – wenn man sie überhaupt so nennen durfte – ungefähr einen Monat bis Liz einen Schlussstrich zog und den Typen in die Wüste schickte.
„Aber was soll’s? Wenn ich alt und alleine sterbe, kann ich wenigstens sagen, dass ich Spaß mit ihnen hatte. Also cheers! Möge ein Besserer dem Alten folgen!“
Damit kippten wir beide unser mittlerweile drittes Gläschen.

 

 

 

Ladykiller on the Prowl

 

 

„Mama, ich möchte heute Abend auf eine Party. Ist das ok?“
„Wo ist die denn?“
Ich nannte ihr die Adresse von der Serviette und sie runzelte die Stirn.
„Weißt du denn schon, wie du dahin kommst? Das liegt ziemlich abseits.“
Meine Mutter musterte mich besorgt.
„Da fährt irgendein Bus, aber ich muss noch mal genau gucken, wann er kommt.“

Ich sah, wie sie tief durchatmete, bevor sie schließlich nickte.
„Aber Sai, bis 12 Uhr. Wenn du später kommst, sag mir Bescheid, sonst werde ich krank vor Sorge. Geht Liz auch dahin?“
„Mach ich, Mum, und nein, Liz ist nicht dabei.“
Ihr Gesicht verdunkelte sich. Sie mochte es nicht, wenn ich alleine unterwegs war und Liz hatte sie sowieso schon in unsere kleine Familie aufgenommen - als große Schwester, die auf mich aufpasst.

Abends zog ich das Outfit an, was wir gestern rausgesucht hatten. Meine krause Mähne ließ ich offen – ich mochte meine Haare so wild -, aber mit meinem Gesicht gab ich mir mehr Mühe.
Ein intensiver, pinkfarbener Lidstrich betonte mein knalliges Outfit und mit ein ganz klein wenig Rouge zauberte ich auch etwas Farbe auf meine Wangen. Make-up hatte ich keins für meine Hautfarbe, aber eigentlich brauchte ich es auch nicht.
Schließlich schlüpfte ich in meine flachen Schläppchen mit Blumenmuster und ergriff meine Tasche, bevor ich das Haus verließ.

40 Minuten später stand ich vor einem kleinen Haus und war zugegeben, etwas unsicher. Ich wusste noch nicht einmal, wer der Gastgeber war. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn ich Lana noch einmal angerufen hätte, um mich vorher irgendwie mit ihnen zu treffen.
Nun ja, dazu war es nun zu spät.

Um mich selbst zu beruhigen, atmete ich tief durch und klopfte schnell, bevor mich der Mut verließ.
Keine 20 Sekunden später wurde die Tür schwungvoll geöffnet und ich blickte in ein bekanntes Paar brauner Augen.
„Du?“, rutschte es mir überrascht raus.
Vor mir stand das neue Idol meines Bruders und musterte mich ebenso überrascht, lächelte dabei jedoch äußerst charmant.
„Was für eine schöne Überraschung, Saira – war doch richtig, oder?“
Ich nickte und starrte auf meine Hände.

Was macht er denn hier? Dabei habe ich ihn doch gerade erst aus dem Kopf bekommen, was sicherlich nicht einfach war, wenn der kleine Bruder 24 Stunden von ihm schwärmte.

„Ähm, also Lana hat mich eingeladen und äh…ich kann auch wieder gehen.“
Ich traute mich, zu ihm hoch zu blicken: er schüttelte verdutzt den Kopf.
„Nein, wieso das denn? Jetzt komm rein, dann bring ich dich zu den Anderen.“

Er trat beiseite und ich schlüpfte an ihm vorbei.
Mit zu den Anderen meinte er hoffentlich Chris, seinen niedlichen Freund und Lana.
Er warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu und legte einen Arm um meine Taille. Sofort verkrampfte ich mich noch mehr, biss mir dann aber auf die Zunge und zwang meine Muskeln, sich zu entspannen.

Zusammen gingen wir die Treppe hinunter und Musik schallte uns entgegen.
Marco führte mich zu ein paar Sofas weiter hinten im Raum.
„Willst du was trinken?“, Marco suchte einen intensiven Blickkontakt, den ich so gut es ging erwiderte.
„Gerne. Wodka-Lemon?“
„Kommt sofort. Guck mal, da ist Lana“, er wies auf ein Sofa an der Wand, „Geh doch schon mal zu ihr, ich komme gleich.“

Ich drehte mich um und sah Lana auf dem Schoß eines blonden Jungen sitzen. Sie unterhielten sich angeregt und nur ein Blinder hätte die liebevollen Blicke, die sie sich zuwarfen, nicht gesehen.
Der Typ betete sie regelrecht an mit seinen grünen Augen und das rothaarige Mädchen schenkte ihm ein strahlendes Lächeln dafür. Na da hatten sich zwei gefunden.
Mich durchzuckte ein Stich der Eifersucht. Ich wünschte, ich hätte jemanden, mit dem ich so etwas Besonderes teilen könnte.
Als ich mich näherte, blickte Lana hoch und winkte mich heran. Sie sah so aufgeregt aus, dass ich lächeln musste. Sie war echt süß.
„Hey Sai. Schön, dass du gekommen bist!“
Sie wollte gerade vom Schoß des Blonden runterklettern, als ich sie aufhielt.
„Bleib ruhig sitzen.“
„Dann setz du dich auch. Hast du Marco schon kennen gelernt?“

Ich ließ mich auf eine Couch daneben sinken und nickte.
„Ja, er holt mir gerade was zu trinken.“
„Da meine bezaubernde Freundin mich hier anscheinend vergessen hat, muss ich mich wohl selbst vorstellen“, der Blonde schenkte mir ein nettes Lächeln, „Ich bin Alec und du bist Saira?“
„Genau. Freut mich, dich kennen zu lernen.“
„Dann bist du auch das Mädchen, das Darian so angepampt hat“, stellte er ernst fest, den mahnenden Blick seiner Freundin ignorierend.
„Hätte nicht gedacht, dass sich das so schnell rum spricht.“
Er zuckte mit den Schultern und schlang einen Arm um das Mädchen auf seinem Schoß.
„Sei nur vorsichtig. Er kann ziemlich fies werden. Wenn du ein Problem hast, dann komm einfach zu uns.“
Na super. Die wievielte Warnung war das jetzt?! Mir wurde etwas mulmig, aber ich verbat mir jeglichen weiteren Gedanken an den Jungen. Den Abend wollte ich mir nicht versauen lassen.

„Wo ist Chris eigentlich?“, fragte ich.
„Hmm…“, Lana blickte sich suchend um, „Maxi und er müssten gleich wiederkommen, sie wollte sich nur etwas zu trinken holen. Geile Hose übrigens! Wo hast du die her?“
„Danke, ist selbst gemacht.“
Bewundernd musterte sie meine Hose.
„Sehr cool.“
„Wie geht’s denn meinen zwei Lieblingsmädchen. Habt ihr Spaß?“
Marco ließ sich neben mir aufs Sofa fallen und schenkte uns ein breites Lächeln.
Ich bemerkte, wie Alec ihm einen finsteren Blick zuwarf und seine Freundin noch näher an seine Brust zog.
Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und strich beruhigend über seine Wange, bevor sie sich uns wieder zuwandte.
Sie Geste wirkte so privat, dass ich mich schon fast wie ein Eindringling fühlte.
Schnell drehte ich mich zu Marco, der mir erwartungsvoll ein Glas reichte.
„Danke“, ich erwiderte sein Lächeln.
„Alles für ein schönes Mädchen“, er senkte seine Stimme und blickte mich eindringlich an. Ein bisschen zu eindringlich für meinen Geschmack.
Ich lehnte mich zurück und nahm erstmal einen kräftigen Schluck.
„Wie geht’s deinem kleinen Bruder?“
Nachdem ich kurz meine Gedanken gesammelt hatte, drehte ich mich wieder zu ihm.
„Ziemlich gut. Vielen Dank, dass du mit ihm ‚trainierst’“, ich deutete Gänsefüsschen in der Luft an, „er redet von nichts anderem mehr.“
Marco zwinkerte mir zu: „Na das hört man gerne. Er ist ja auch wirklich knuffig.“
Da konnte ich ihm nur zustimmen, denn auch wenn Jer nur Fußball im Kopf hatte, war er der beste kleine Bruder, den man sich wünschen konnte.

„Woher kennst du denn jetzt eigentlich Lana und Chris?“, neugierig musterte mich der große, braunhaarige Junge.
„Aus der Pommesbude.“
Marco lachte: „Wie originell.“
„Ich bin da die Kellnerin, Putze und Köchin in einem.“
„Wow“, fasziniert blickte er mich an, „Ich stehe auf selbstständige Mädchen.“
In seinem Blick lag eine Herausforderung.
Okeeeey. Das war eindeutig.
So offensive Jungs war ich nicht mehr gewohnt und ehrlich gesagt wusste ich nicht, ob ich überhaupt etwas mit ihm haben wollte. Ich war nicht so der Typ für die spontanen Dinge, erst Recht nicht, wenn es um Jungs ging.
Andererseits fand ich ihn ja schon ganz interessant und Himmel, wenn so ein attraktiver Junge etwas von mir wollte, konnte ich eigentlich nicht nein sagen.
Als er nun die Hand auf mein Bein legte, steckte ich in der Zwickmühle.
Das war eine Premiere. Ich wusste eigentlich immer, was ich wollte.

Da kam plötzlich die Rettung in Gestalt eines schwarzhaarigen, wie immer in Lederjacke gekleideten Jungens.
„Marco, benimm dich! Wir wollen Saira doch nicht gleich vergraulen.“
Gespielt entrüstet blickte Marco ihn an: „Was soll das denn jetzt heißen?“
Chris grinste uns nur an und Marco rutschte tatsächlich wieder ein Stück weg.

Die nächste Zeit saß ich mit den Anderen da, unterhielt mich einfach und lachte so viel, dass mir irgendwann die Lachtränen aus den Augen rannen.
Marco machte noch einige Annäherungsversuche – unter dem wachsamen Blick von Chris, allerdings weitaus vorsichtiger -, die ich jedoch ignorierte.
Schließlich tauchte ein schwarzhaariges Mädchen bei uns auf, die den Schwerenöter zum Tanzen drängte und so verschwand er mit einem letzten Blick auf mich in Richtung der lauten Musik.

Das gab mir wieder Raum, mich zu entspannen und ich hatte sogar noch mehr Spaß als vorher. Im Verlauf des Gesprächs erfuhr ich einige interessante Details über die Anderen, z.B., dass Lana und ihr Freund Stiefgeschwister waren und sich wohl anfangs nicht so gut verstanden hatten, während Chris wohl ihr bester Freund war, obwohl sie sich erst seit drei Monaten kannten.
Die Chemie zwischen ihnen stimmte einfach und vor allem Lana und Alec zu betrachten war sowohl faszinierend als auch deprimierend.
Sie knutschten nicht wild miteinander rum oder redeten die ganze Zeit, aber es gab viele unauffällige, aber dafür umso liebevollere Gesten. Ein kurzer Seitenblick hier, eine wie beiläufig erscheinende Berührung da und besonders die zärtlichen Blickkontakte, die die beiden ständig austauschten, hatten etwas äußerst Intimes.

Sie wirkten so vertraut, so eingespielt, dass ich beinahe melancholisch wurde. Warum war es mit Max nicht so gewesen? Nicht einmal annähernd?
Wieso war damals alles so anders verlaufen?
Ich wusste keine Antwort.

Ich trennte mich von den vieren um kurz auf Toilette zu gehen und mich ein wenig umzusehen. Auf der Tanzfläche konnte ich Marco und das Mädchen von eben ausmachen, die fest umschlungen tanzten.
Gerade als ich zur Bar wollte, berührte mich jemand an der Schulter.
„Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen.“

 

There are still Gentlemen

 

 

Als ich herumfuhr, blickte ich in ein Paar, blaugrauer Augen, die mich freudig anfunkelten. „Ähm…Ian?“, ich musterte ihn überrascht. Ja, das war eindeutig der Typ aus der Pommesbude.
„Du kannst dich an meinen Namen erinnern!“, er strahlte mich an.
„Allerdings“, gab ich weniger euphorisch zurück. Anscheinend war er nicht so schlimm wie der blonde Idiot, aber die Tatsache, dass er mit ihm befreundet war, veranlasste mich dazu, ihm gegenüber eher skeptisch zu sein. Außerdem schien er ziemlich hartnäckig an meine Nummer kommen zu wollen… nun ja, wir würden sehen.
Meine Ablehnung störte ihn allerdings herzlich wenig.
„Du wolltest zur Bar, oder? Kann ich dir etwas zu trinken machen?“
Schien so, als würde ich ihn erstmal nicht loswerden. Also willigte ich ein und setzte mich auf einen Hocker, während ich auf meinen Drink wartete.

Ian ließ sich neben mir auf einem Stuhl nieder und begann sofort ein Gespräch: „Dein Name ist Saira, oder?“
Ich nahm einen Schluck von meinem Wodka - Lemon und nickte.
„Was für ein wunderschöner Name für ein wunderschönes Mädchen“, er lächelte mir zu und es wirkte so liebevoll und echt, dass ich es unwillkürlich erwiderte.
„Er bedeutet die Reisende, das passt super zu mir.“
Oh man, wieso fing ich jetzt an, belangloses Zeug zu reden?
Aber Ian schien das nicht zu stören. Im Gegenteil, er legte interessiert den Kopf schief und hakte nach: „Wieso das?“
„Nun ja“, ich fuhr verlegen durch meine Haare, „ich liebe es zu reisen – nicht, dass ich oft die Gelegenheit dazu hätte, aber trotzdem. Sobald ich mit der Schule fertig bin, möchte ich die Welt entdecken und andere Kulturen kennen lernen.“
Wenn ich das nötige Geld verdienen würde, aber träumen durfte man ja.
„Wieso hast du denn jetztkeine Gelegenheit?“
Musste er ausgerechnet diese Frage stellen? Normalerweise hatte ich kein Problem, darüber zu sprechen, aber bei ihm war das irgendwie etwas anderes. Vielleicht war es mir peinlich, weil seine Clique und vor allem dieser eine Junge praktisch nach Geld stanken.
„Weißt du“, ich straffte die Schultern und holte kurz Luft – Verdammt, ich brauchte mich nicht zu schämen! -, „meine Familie ist nicht wirklich reich. Da bleibt nichts über zum reisen.“

Ich wusste nicht genau, welche Reaktion ich von ihm erwarten sollte und so war ich hin und her gerissen zwischen Verlegenheit und Neugierde auf sein Verhalten.
Schließlich siegte letzteres und ich blickte ihm möglichst selbstbewusst ins Gesicht.

Dort las ich weder Überheblichkeit noch Mitleid, sondern nur Faszination und das Interesse von vorher. Erleichtert atmete ich auf. Auf meiner Ansehensskala stieg er beträchtlich.
„Das ist natürlich schade, aber wenn du es wirklich willst, bin ich mir sicher, dass du dir später deinen Traum erfüllst“, das sagte er mit solcher Endgültigkeit, dass ich ihm einfach glauben musste.
Wieso auch nicht? Irgendwie würde es schon hinhauen und eine solche Ermutigung war genau das Richtige.
Ich konnte nicht anders, als ihn sympathisch zu finden.
„Hast du Lust zu tanzen?“, fragte ich möglichst neutral, ich wollte ihn näher kennen lernen, ihm aber auch keine falschen Hoffnungen machen.
Zu meiner Verwunderung zögerte er zunächst, bevor er schließlich aufstand und mirgentlemanlike die Hand anbot.
„Gerne, aber erwarte nichts Großartiges von mir. Ich bin ein miserabler Tänzer.“
Daraus machte ich mir nicht wirklich viel, immerhin hörte man das zur Genüge von Jungs.
Ein paar Minuten später musste ich ihm jedoch Recht geben.
„Du hast vergessen zu erwähnen, dass ich mich in Lebensgefahr begebe, wenn ich mit dir tanze“, stöhnte ich, als er mir zum dritten Mal auf den Fuß trat.

Seine Unbeholfenheit machte ihn jedoch noch sympathischer und vor allem das entschuldigende Lächeln, was auf jedesseiner Ungeschicke folgte, war echt niedlich.
Es ließ sein Gesicht strahlen und die Grübchen, die sich dabei bildeten, verliehen dem sonst eher unauffälligen Jungen einen gewissen Reiz.

„Vielleicht sollten wir es deiner Gesundheit zu Liebe besser sein lassen“, seufzte er irgendwann und sein frustrierter Gesichtsausdruck brachte mich zum Lachen.
„Nein, warte mal“, ich dirigierte ihn an die Wand am Rande der Tanzfläche, „Ich helfe dir mal ein bisschen. Das ist ja kein anspruchsvolles Tanzen hier, aber du musst auf den Rhythmus der Musik achten.“
Ich stand vor ihm und begann meine Hüften im Takt zu wiegen. Dann legte ich meine Hände an seine Seite und drückte ihn sanft mit der Bewegung.
Dabei war er steif wie ein Brett.
Oh man. Ian hatte wirklich das Rhythmusgefühl eines Steins.
„Jetzt mach dich mal locker!“, befahl ich schließlich, „und leg deine Hände an meine Taille oder so. Du fühlst dich an, als hättest du einen Stock verschluckt.“
„Ich werd’ das nie lernen“, er wollte aufgeben, aber das wusste ich zu verhindern.
„Nichts da. Übung Macht den Meister, also los, gib dir Mühe!“

Die nächste Zeit tanzten wir schweigend weiter. Er war angestrengt, meinen Weisungen zu folgen und ich bemühte mich, meine Füße so gut es eben ging von ihm fern zu halten.
Irgendwann klappte es tatsächlich besser und er entspannte sich etwas, was ihm ein aufmunterndes Lächeln einbrachte. Ich mochte Leute, die nicht direkt aufgaben.
„Na siehst du. Wenn du das öfter machst, wirst du noch ein ganz passabler Tänzer.“
Er grinste: „Dazu müsste ich erstmal eine Tanzpartnerin finden, die mich öfter als einmal aushält.“
„Mal sehen…“
Gegen ein bisschen Tanzen hatte ich nichts einzuwenden, aber ich würde ihn noch ein bisschen zappeln lassen.
Schließlich wurde er selbstbewusster und als ein ruhigerer Song gespielt wurde, zog er mich dichter an sich.
Ich war gefesselt von seinen blauen Augen, die gar nicht wirklich blau waren, sondern auch grüne und graue Sprenkel enthielten. So merkte ich auch zunächst nicht, wie er sich näher beugte.
Erst als seine Lippen beinahe meine berührten, wurde mir klar, was er hier im Begriff war zu tun und schnell drehte ich meinen Kopf zur Seite.
Seine warmen Lippen berührten kurz meine Wange, bevor er irritiert zurückwich.

Wieder merkte ich, wie mir das Blut ins Gesicht stieg.
„Ähm sorry, es ist nur so ich…also…so etwas mache ich eigentlich nicht.“
Ich traute mich kaum ihn angesichts der peinlichen Situation anzugucken und wäre am liebsten im Boden versunken.
Wieso habe ich ihn nicht einfach gelassen?, schoss es mir durch den Kopf.
Weil ich das wirklich nicht bin!
„Weißt du, ich äh…brauche immer etwas Zeit mit Jungs“, versuchte ich, ihm zu erklären und wagte es endlich, ihm ins Gesicht zu blicken.
Sein Ausdruck wandelte sich von Irritation und einem Hauch Enttäuschung, zu Verständnis. Dann verzog sich sein Mund in dieses magische Lächeln und brach die komische Stimmung: „Mir tut es Leid. Ich hätte wissen müssen, dass du nicht so ein Mädchen bist“, er blickte mich reuig an und ich konnte nicht anders, als zu nicken.
„Tanzt du trotzdem mit mir?“
„Natürlich!“
Seine dummen Anmachen vom Anfang waren vergessen, sein Benehmen war traumhaft!

Wir tanzten noch eine ganze Zeit und insgeheim hatte ich mit weiteren Annäherungsversuchen Ians gerechnet, aber nichts kam. Damit hatte er mich wirklich positiv überrascht.
„Wollen wir noch mal zu Lana und Alec? Ich hab dich eben bei ihnen gesehen.“
Ich nickte und ließ mich von ihm durch die erhitzte Masse ziehen. Mittlerweile war es auch etwas stickig geworden und über etwas frische Luft hätte ich mich nicht beschwert.

Wir erblickten die zwei nun doch wild knutschend auf dem gleichen Sofa von eben, nur von Chris und Maxi fehlte jede Spur.
„Vielleicht sollten wir die zwei nicht stören“, schlug ich meinem Begleiter peinlich berührt vor, doch Ian tat das mit einem Kopfschütteln ab.
Er ließ sich auf das Sofa gegenüber der zwei Turteltäubchen fallen und zog mich neben sich.
„Hey, Erde an die frisch Verliebten.“
Widerwillig löste sich Alec von seiner rothaarigen Freundin.
„Du störst, Alter“, knurrte er und wollte sich wieder dem Mädchen auf seinem Schoß widmen, doch die hatte die kurze Zeit genutzt, sich etwas zu sortieren und lächelte mir jetzt eine Spur verlegen zu: „Hey, alles ok?“
Ich nickte.
„Oh. Hi Ian“, erst jetzt schien Lana den Jungen neben mir erst wahrgenommen zu haben.
„Hallo Hitzkopf. Bei mir ist sie in besten Händen“, sein Ton war locker, aber eine Spur Ernsthaftigkeit ließ mich aufhorchen.
„Also seid ihr ihm nicht begegnet?“, hakte Alec nach.
„Wer ist er?“
„Darian“, bemerkte Ian angespannt, „Aber ich denke, er hat uns nicht gesehen, sonst hätte es schon eine Szene gegeben.“
„Moment mal, dieser blonde Rassist ist hier?“
Hatte man denn nirgendwo seine Ruhe vor ihm?!
„Nun ja, als Rassisten würde ich ihn nicht bezeichnen“, begann Alec vorsichtig und fuhr auf meinen ungläubigen Blick hastig fort, „Ich denke, er hat nur seine Wut an dir ausgelassen und da kam ihm deine Hautfarbe gerade recht. Weißt du, Darian tickt ein bisschen anders und gelegentlich sucht er sich vermeintliche Schwächen heraus, um andere zu schikanieren.“
„Vermeintliche Schwächen?“
„Also wärst du dick gewesen, hätte er dich wahrscheinlich Fettklops oder so genannt, hättest du unreine Haut gehabt Pickelfresse…aber so war das einzige, was ihm eingefallen ist deine Hautfarbe.“
Fassungslos starrte ich in die Runde. Versuchte man mir gerade zu verklickern, dass dieser Idiot andere Leute zur Aggressionsbewältigung beleidigte und fertigmachte?

„Also ist er wirklich hier?“
Lana warf mir einen bedauernden Blick zu: „Ja, leider. Er kennt Marco noch von früher; die beiden verstehen sich echt gut.“
Das ließ das Idol meines Bruders auf meiner Skala aber ordentlich abrutschen, auch wenn ich es seltsam fand, dass ein eigentlich ganz netter Kerl – zumindest war das mein erster Eindruck von ihm – etwas mit so einem Trottel anfangen konnte.
Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es schon viertel vor zwölf war.
Mist! Pünktlich würde ich es nicht mehr nach Hause schaffen. Trotzdem wollte ich mich auf den Weg machen, nachdem ich mich von den anderen verabschiedet hatte.
„Wo sind Chris und Maxi?“
„Chris bringt ihn vorbildlich nach Hause“, grinste Alec spöttisch, was ihm einen Knuff seiner Freundin einbrachte.
„Er verhält sich nur wie ein Gentleman!“
„Ich bringe dich auch immer sicher nach Hause“, verteidigte sich Alec und Lana rollte mit den Augen: „Ja, wir wohnenauchunter einem Dach.“
„Ich würde es auch machen, wenn das nicht der Fall wäre“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Langsam rappelte ich mich auf: „Ich verabschiede mich jetzt auch, Leute. Es war ein schöner Abend“, ich warf Ian einen Seitenblick zu.
„Och, du gehst schon? Wie kommst du denn nach Hause?“, fragte Lana besorgt.
„Mit Bus und Bahn. Ich muss jetzt los, sonst komme ich noch später als geplant. Hat vielleicht kurz noch jemand ein Handy für mich?“
Sofort kramten drei Leute in ihren Taschen und ich musste lachen.

„Ich bring dich nach Hause“, sagte der Junge neben mir plötzlich bestimmt und hielt mir sein Smartphone hin. Dann stand er ebenfalls auf, umarmte Lana kurz und schlug bei Alec ein.
„Musst du doch nicht. Ich wohn’ am anderen Ende der Stadt!“
„Noch ein Grund mehr, dich nicht alleine gehen zu lassen“, er klang so entschlossen, dass ich nichts mehr sagte, auch wenn es mir schon irgendwie unangenehm war, dass er extra für mich mitten in der Nacht quer durch die Stadt wollte.
Ich verbat mir das Gefühl – schließlich war es seine freie Entscheidung – und wandte mich an das andere Mädchen, das ebenfalls aufgestanden war und mich lächelnd umarmte.
„Wir müssen uns noch mal treffen. Heute konnten wir ja nicht so viel quatschen, aber ehrlich gesagt fehlt mir ein wenig weiblicher Kontakt, also wenn du magst…“
Ich erwiderte die Umarmung.
„Gerne.“
Sie schien eine interessante Persönlichkeit zu sein und ich war sehr gespannt, mehr von ihr zu erfahren.

Bei Alec beließ ich es bei einem höflichen Nicken, was er freundlich erwiderte, und drehte mich zu Ian.
„Also noch mal, du musst nicht mit. Ich komme auch alleine nach Hause.“
Doch der Junge schüttelte nur seinen Kopf und schob mich in Richtung Tür.
„Keine Widerrede. Komm, hier ist das Handy.“
Er gab es mir und ich blieb unschlüssig stehen: „Sollten wir nicht noch Marco tschüss sagen?“
Ian grinste sehr dreckig: „Also wenn dir die Nummer mit Alec und Lana gerade schon peinlich war, kann ich dir nur wärmstens empfehlen, Marco jetzt nicht zu stören.“
„Oh ok“, verlegen starrte ich auf das Smartphone in meinen Händen.
„Also komm.“

Damit zog er mich endgültig nach draußen und als wir der lauten Musik entkommen waren, rief ich meine Mutter an, um Bescheid zu sagen, dass ich jetzt erst losging.
Zusammen liefen wir zur Bahn, weil ich 40 Minuten auf meinen Bus hätte warten müssen.
Da ich es überhaupt nicht mochte, im Dunkeln durch die gespenstig stille Stadt zu laufen, hatte ich mich bei Ian eingehakt und löcherte ihn mit Fragen, um mich abzulenken.
„Also du machst jetzt Abi? Was möchtest du denn danach machen.“
„Ja, genau“, er seufzte, „Ich werde BWL studieren. Das ist so vielfältig, dass ich mir mit einer Berufswahl noch Zeit lassen kann. Meinem Vater wäre es am liebsten, ich würde Jura studieren und seine Kanzlei übernehmen, aber das ist glaube ich nichts für mich“, er zwinkerte mir zu, als wir in die Bahn stiegen.

Eine halbe Stunde später stand ich vor unserer Haustür und blickte Ian in die Augen.
„Sai, ich würde dich gerne wieder sehen.“
Ich musste schlucken: „Ähm…so als Date?“
Der Junge vor mir lächelte mich vorsichtig an und im fahlen Licht der Laterne blitzten seine Zähne auf.
„Ja, du bist ein unglaublich faszinierendes Mädchen und ich würde dich gerne ausführen, um dich genauer kennenzulernen“, antwortete er förmlich.
Meine Beine wurden ganz weich. Seit Max hatte mich kein Junge mehr nach einem Date gefragt. Max…aber nein, Ian war anders!
Es würde nicht in einem solchen Desaster enden. Hoffentlich…
„Gerne.“
„Gibst du mir deine Handynummer?“
Ups, das war schlecht.
„Sorry, aber ich habe kein Handy.“
Einen Moment starrte er mich entsetzt an, bevor er seine Fassung wieder erlangte.
„Faszinierend“, hörte ich ihn leise murmeln, dann schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder mir zu.
„Facebook, Email, Telefon?“
„Nein, ja, ja. Gib mir mal deinen Arm.“

Aus den Tiefen meiner Handtasche – eigentlich klein, aber wenn man mal etwas darin suchte, mutierte das Ding plötzlich zum Koffer – zog ich einen Stift hervor und kritzelte meine Daten auf seine Haut.
„Äh…du hättest es auch in mein Handy tippen können.“
„Ich weiß, aber dafür hätte ich wahrscheinlich ewig gebraucht.“
Und außerdem hatte es so viel mehr Style!
Ian schenkte mir noch eins seiner tollen Lächeln, die seine Grübchen so schön zur Geltung brachten und beugte sich zu mir herunter.
Ich rechnete mit einem Kuss und schloss automatisch die Augen, aber plötzlich fühlte ich seine weichen Lippen an meiner Wange.
„Ich melde mich, vielen Dank für den schönen Abend, Saira.“
Perplex riss ich meine Augen wieder auf und starrte ihn an.
Er hätte mich küssen können – ich hätte mich nicht noch mal entzogen, denn irgendwie erschien er mir nach diesem einen Abend schon so vertraut -, aber er hatte es nicht getan.
Zunächst war ich ein wenig unsicher, ob er mich vielleicht nicht mehr wollte, aber immerhin hatte er mich nach einem Date gefragt…also konnte das ja eigentlich nicht sein. Nunja, vielleicht waren die Gentlemen ja wirklich noch nicht ausgestorben.

„Gute Nacht“, flüsterte ich und drehte mich zur Haustür um.
Meine Hand fuhr automatisch zu meiner Wange, wo ich noch immer das Kribbeln seiner Berührung spürte und ichkonnte nichts gegen das breite Grinsen tun, was sich auf meinem Gesicht ausbreitete.

Wow, schien so, als hätte ich wieder einen besonderen Jungen in meinem Leben.

8. Indecent Proposal

 

~ Darian Pov~

 

Ich beobachtete, wie die dunkelhäutige Kellnerin mit Ian den Kellerraum verließ. Also hatte mich mein Instinkt nicht getäuscht: eine Schlampe.

Gleiches Kaliber wie die blonde Tussi, die gerade mit ihren Händen über meinen Oberkörper, gefährlich nah anmeinem Hosenbund entlangstrich.

Aber für den Moment war mir das egal.

Schon seit ich die Schwarze Marcos Party hatte betreten sehen, war sie Ziel meiner gesamten Aufmerksamkeit gewesen.

Während ich den ganzen Abend lang beobachtet hatte, wie sie sich mit dem Verräter Alec und seiner Freundin unterhielt, formte sich ein Plan in meinem Kopf.

Ein Racheplan.

Wie ich es Elana heimzahlen könnte. Für ihre Zurückweisung. Dafür, dass sie Alec, mir vorzog.

Bei dem Gedanken an das rothaarige Miststück biss ich die Zähne zusammen. Seit Monaten bekam ich sie nicht aus dem Kopf. Jedes Mal wenn ich sie sah, verkrampfte sich etwas in mir.

Verdammt! Ich war mir nicht sicher, was sie mit mir gemacht hatte, aber was auch immer es war… jetzt würde ich die Zügel wieder in die Hand nehmen und die dunkelhäutige Schlampe würde mir dabei helfen.

Ob sie wollte oder nicht.

Temperamentvoll war die Kleine ja und ich hatte nie etwas dagegen, wenn das Kätzchen die Krallen ausfuhr.

 

Außerdem wäre es kein großes Opfer, sie zu haben. Eine Schwarze fehlte noch in meiner Sammlung und so wie sie sich an Ian rangeschmissen hatte und ihren Körper bewegte, wusste sie wohl, was sie tat.

 

Der Plan stand; jetzt musste ich nur noch an ein paar Details feilen und einige Fäden ziehen.

Ein selbstgefälliges Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich die ernsten Gedanken erstmal zur Seite schob.

Zeit meine Freiheit noch ein bisschen zu genießen.

Ich packte die Hand der Blondine vor mir, die schon bis zu meinem Hosenknopf vorgedrungen war und zog sie energisch die Treppe hoch ins Gästezimmer.

 

 

~Saira Pov~

 

Ich wischte mir seufzend über die schweißnasse Stirn. Es war schweinewarm und ich stand am Herd, bereitete die Burger zu, mein Rücken wehrte sich schmerzhaft gegen jede Bewegung und ich war so müde, dass ich im Stehen einschlafen könnte.

Javier trat hinter mich: „Was ist los, Brownie?“

Fürsorglich streichelte er über meinen Rücken und unwillkürlich lehnte ich michgegen die Berührung.

„Hatte einfach eine harte Woche, ich musste viel lernen“, und auf meinen Bruder aufpassen und den Haushalt machen.

„Du Arme. Wenn draußen nicht die Leute säßen und mit knurrenden Mägen auf ihre Burger warteten, würde ich dir den Rücken massieren…“

Was für eine traumhafte Vorstellung, aber ich verstand den Wink mit dem Zaunpfahl, biss die Zähne zusammen und machte die Bestellungen fertig.

 

Morgen würde Papa wiederkommen, endlich!

Dann  war Familientag angesagt, das erste Mal wieder seit Langem.

Mum hatte sich extra freigenommen, ich hatte meine Schicht mit Liz getauscht und mein kleiner Bruder hatte großzügig angekündigt, sein Training mit Marco ausnahmsweise ausfallen zu lassen.

So sehr ich mich auf ihn freute, hoffte ich jedoch, dass er etwas später kam, damit ich ausschlafen konnte, um endlich mal wieder topfit zu sein.

So in Gedanken versunken spülte ich den letzten Teller für heute und zog meine Schürze aus.

„Soll ich dich gleich noch nach Hause bringen?“, Javier steckte seinen Kopf durch das Fenster in der Küche.

„Nein, geh du ruhig schon“, er traf sich gleich noch mit seinen Jungs und ich wollte ihn nicht aufhalten, „ich laufe und nutze die Gelegenheit, noch ein bisschen frische Luft zu schnappen und den Kopf frei zu bekommen.“

Das musste ich wirklich. So viel Bio, Ernährungslehre und Latein hatte ich schon ewig nicht mehr gebüffelt, aber diese Klausuren waren jetzt zum Glück vorüber.

„Bist du dir sicher?“, besorgt musterte Javier mich.

Ich wusste, dass sein ausgeprägter Beschützerinstinkt, ihm ein schlechtes Gewissen bereitete und warf lachend den nassen Spüllappen nach ihm.

„Ab jetzt. Ich finde den Weg nach Hause schon. Bis nächste Woche!“

Mit einem letzten Blick auf mich murmelte er noch etwas Unverständliches und verschwand dann.

 

Auf der Toilette spritzte ich mir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht und zog meine normalen Klamotten an. Danach checkte ich nochmal, ob alle Lichter aus waren, bevor ich an die, zum Glück schon kühlere Abendluft trat. Es begann bereits zu dämmern – schließlich war es schon kurz nach 10 -, doch es war noch hell genug, um unbesorgt nach Hause zu kommen.

Als ich die Tür zu schloss, hörte ich Schritte hinter mir, die plötzlich verstummten.

Ich wandte mich um und blickte in ein bekanntes Paar meerblauerAugen.

Oh nein.

Unsicher blickte ich Darian an, der mich mit einem überlegenen Grinsen musterte.

Was will er hier?

 

Er machte sich nicht einmal die Mühe, etwas zu sagen, sondern starrte mich nur in Grund und Boden, was leider ziemlich gut funktionierte.

Ich hatte blaue Augen immer für schön gehalten, aber wenn sie eine solche Intensität besaßen wie die seinen, und mich so anstarrten, fand ich sie eher gruselig.

 

Dass ich nicht die Stärke von neulich aufbringen konnte, schob ich auf meine körperliche Auslaugung, aber irgendwie erschien er mir auch eindrucksvoller, beängstigender. Vielleicht, weil ich ganz allein war, mit ihm?

 

„Saira.“

Ich zuckte zusammen, als ich meinen Namen von seinen Lippen hörte.

Reiß dich zusammen!

Wie hieß es doch so schön? Vor dem Feind sollte man keine Schwäche zeigen.

„Was willst du?“, ich erschrak beinahe selbst über die Feindseligkeit in meiner Stimme, aber er schüttelte nur tadelnd den Kopf und fuhr, mit vor Süße nur so triefender Stimme fort: „Na na, so spricht man doch nicht mit seinem Freund.“

 

Hatte ich mich gerade etwa verhört?

„Was?!“, platzte es aus mir heraus.

Wieder erntete ich nur ein Kopfschütteln, bevor er mir wie in alten Filmen gentlemanlike den Arm darbot.

Worauf will er hinaus?

Was auch immer es war, ich hatte das ungute Gefühl, dass es mir nicht gefallen würde.

Rasch schob ich mich an ihm vorbei und machte mich schnellen Schrittes auf den Weg nach Hause. Fast erwartete ich seine Berührung, die mich aufhielt, aber er wählte eine deutlich effektivere Methode.

„Du willst doch deinen Job nicht verlieren, oder?“

 

Wie angewurzelt blieb ich stehen. Was hatte er da gerade gesagt?

Ich fuhr zu ihm herum: „Was hat meine Arbeit damit zu tun?“

„Das werde ich dir während eines kleinen Spaziergangs darlegen.“

Am liebsten hätte ich ihm dieses überhebliche Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, aber das wäre wahrscheinlich weniger klug gewesen.

 

Langsam näherte er sich wieder und bot mir erneut seinen Arm an.

Idiot. Trotzig verschränkte ich meine Arme vor der Brust. Er konnte mich mal. Aber Kreuzweise!

In sein Grinsen mischte sich etwas Raubtierhaftes, Gefährliches und automatisch wich ich noch ein paar Schritte zurück.

 

„Temperamentvoll, allerdings“, hörte ich ihn leise murmeln und ich konnte nicht verhindern, dass mir ein Schauer den Rücken hinunter lief.

Die ganze Situation war unheimlich und ich wollte nur noch nach Hause ins Bett und vergessen, dass ich ihm jemals begegnet war.

Doch daraus wurde leider nichts.

„Komm jetzt. Ich werde dir ein paar Dinge erklären“, Endgültigkeit klang aus seiner Stimme.

Anscheinend hatte er jetzt genug mit mir gespielt; sollte mir Recht sein.

Dann schlang er jedoch einen Arm um meine Hüfte und als ich mich ihm entwinden wollte, packte seine Hand fast schmerzhaft meine Seite und dirigierte mich neben sich.

 

Wir liefen einige Minuten schweigend und als ich keine Versuche mehr machte, seiner Berührung zu entkommen lockerte er auch seinen Griff wieder etwas, so dass nun seine Hand, sanft auf meiner Hüfte ruhte. Allerdings hatte ich keinen Zweifel daran, dass er jederzeit wieder gewalttätig werden würde, sollte ich Anstalten machen, mich zu wehren.

Eine solche Kraft hätte ich ehrlich gesagt gar nicht von ihm erwartet.

Der blonde Junge war nicht so groß. Nur rund einen halben Kopf überragte er mich und seinen ganzen Körperbau konnte man eher als zierlich beschreiben; aber anscheinend war er nicht zu unterschätzen.

 

„Also, meine Liebe“, er benutzte die Koseform eher wie eine Beleidigung.

„Wir sind ab heute zusammen.“

„Ganz bestimmt nicht!“, fuhr ich dazwischen und prompt packte seine Hand wieder etwas fester zu. Ich schwieg und er fuhr fort, meinen Einwand gänzlich ignorierend: „Du wirst meine Freundin sein, bis ich dich entlasse.“

Entlasse. Mein Gott, er lebte echt in irgendeiner kranken Parallelwelt. Er behandelte mich, als wäre ich irgendeine Bedienstete.

„Warum?“

„Das hat verschiedene Gründe, die allerdings unwichtig für dich sind. Jetzt gib mir deine Handynummer.“

„Ich habe kein Handy“, gab ich ehrlich zurück und freute mich wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben über diese Tatsache.

„Ich sagte: gib mir deine Handynummer“, diesmal klang ganz klar Wut in seiner Stimme mit.

„Und ich sagte: ich habe keins!“

„Willst du mich verarschen?“

„Nein.“

 

Bevor ich irgendwie reagieren konnte, wurde ich gegen die Mauer der alten Fabrik neben uns gedrückt, meine Arme rechts und links neben mir zwischen seinen Fingern gefangen.

Darian beugte sich eindeutig zu nah übermich und seine gruseligen Augen spießten mich praktisch an die massive Wand hinter mir.

„Ich mag es nicht, wenn man mit mir spielt, also frage ich jetzt noch ein letztes Mal nach deiner Handynummer.“

Mein Körper zitterte. Jetzt machte er mir wirklich Angst.

Aber was sollte ich tun?

„Bitte glaub mir, ich besitze wirklich kein Handy. Wir haben kein Geld dafür.“

Da er ja so auf die materiellenWerte fixiert zu sein schien – jedenfalls ließ seine Kleidung darauf schließen -, hoffte ich, damit zu ihm durchzudringen.

Und tatsächlich, mein Plan ging auf, denn er lehnte sich ein Stück zurück und mir entfuhr ein erleichterter Seufzer.

„So, so. Arm also noch dazu. Aber eigentlich passt das perfekt ins Bild. Nun ja, dann muss ich dich erst so besuchen kommen, bis ich etwas arrangiert habe.“

Er schlang erneut einen Arm um meine Hüfte und zog mich weiter.

 

„Also…wo war ich stehen geblieben? Ach genau. Ich erwarte von dir, dass du dich benimmst, als wären wir frisch verliebt. Du wirst mich zu Partys begleiten oder wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Sobald ich dir ein Handy besorgt habe, verlange ich außerdem, dass du ständig erreichbar bist, klar?“

 

War das hier ein schlechter Traum, aus dem ich gleich aufwachen würde?

Oder war es die Realität mit einem scheinbar ernsthaft psychisch gestörten Jungen?

Letzte Woche hatte er mich noch aufs übelste beleidigt und aus seiner Abneigung keinen Hehl gemacht und jetzt glaubte er, ich würde seine Freundin spielen?

Auf Grund seiner offensichtlichen psychischen Störung, bemühte ich mich, meine Antwort möglichst diplomatisch zu formulieren.

„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mit dir los ist, aber ich habe keine Lust, deine Freundin zu spielen; also nein danke.“

Als ich neben mir ein leises Lachen hörte, drehte ich mich das erste Mal freiwillig zu ihm.

„Ach, Schatz. Ich wusste  ja, dass du es mir nicht leicht machen würdest, aber das war keine Frage.“

 

Anscheinend verstand der Kerl nett, ebensowenig, wie böse…nur das Letzteres mir persönlich viel besser gefiel.

„Du bist ein totales Arschloch mit absolut keinem Benehmen und null Respekt für deine Mitmenschen. Ich weiß nicht, wie ich es dir noch klar machen soll, aber ich werde nie, niemals mit dir zusammen sein.“

Damit schlug ich seine Hand von meiner Hüfte und beschleunigte meine Schritte, alle Muskeln angespannt auf seine Reaktion wartend.

Obwohl er diese Worte vor einigen Minuten schon einmal gesagt hatte, erwischten sie mich wieder eiskalt und bremsten mich effektiv aus.

„Ich meinte es ernst mit deinem Job.“

 

„Was meinst du damit?“, widerwillig musste ich feststellen, dass meine Stimme zitterte. Ich biss mir ärgerlich auf die Lippe, bevor ich mich zu ihm umdrehte und sein überlegenes Grinsen ertragen musste.

„Nun, meine Familie ist ziemlich reich“, äußerte er betont langsam, als spräche er mit einem Kleinkind. Ich ignorierte es und schließlich fuhr er fort, „Und deshalb haben wir einen gewissen Einfluss auf andere. Angenommen ich beschwere mich jetzt bei deinem Chef über die unfähige, schwarze Bedienung und fordereihren Rausschmiss…was meinst du tut er dann?“

Ich starrte ihn an. Meine Fassungslosigkeit wich langsam einer brennenden Wut.

Was glaubte er eigentlich, wer er war?

Seine Arroganz, Dreistigkeit, Unverschämtheit machten mich beinahe sprachlos. Beinahe.

„Herr Liebig würde mich nie entlassen!“, da war ich mir ziemlich sicher. Er kannte mich schon seit anderthalb Jahren und wusste, dass ich absolut zuverlässig und kompetent war.

„Ach ja?“, sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter, „Und was ist, wenn er gar keine andere Wahl hätte?“

 

„Du kannst mich mal.“

Nun war es endgültig vorbei mit meiner Fassung.

„Du kleiner, hinterlistiger Möchtegern, ich lass mich von dir, doch nicht erpressen!“

Wut verzerrte meine Stimme so, dass ich sie beinahe selbst nicht mehr erkannte. Ohne ihn weiter zu beachten, drehte ich mich wieder um – diesmal endgültig – und rannte beinahe in Richtung unseres Viertels.

„Wir werden ja sehen“, waren die letzten Worte, die ich noch von ihm hörte, bevor ich auf Durchzug schaltete und meine Umgebung völlig ignorierend nach Hause stürmte.

 

Careless Whisper

 

 

Zu Hause angekommen, warf ich mich auf mein Bett und schrie vor Wut ins Kissen. Als ich mich schließlich aufrichtete, bemerkte ich, wie meine Hände zitterten.

Ich war so furchtbar aufgebracht, besorgt und am allerschlimmsten so hilflos!

Diesem Idioten hätte ich am liebsten eine gewaltige Abreibung verpasst, aber es war unter meinem Niveau, handgreiflich zu werden.

Mein fester Grundsatz war, dass Gewalt einen nicht weiter brachte… und trotzdem produzierte mein Hirn lauter äußerst befriedigende Bilder eines blonden Jungen am Boden mit blutender Nase oder einem schillernden Veilchen.



Aber das brachte mich jetzt leider auch nicht weiter. Ich zermarterte mir den Kopf, was ich nun tun könnte und kam zu dem verdrießlichen Ergebnis, dass es da rein gar nichts zu machen gab. Allerdings bezweifelte der rationale Teil meines Verstandes auch schwer, dass wirklich etwas passieren würde. Der kleine Möchtegern sollte nur reden und mit Mami und Papi drohen, sehr wahrscheinlich spuckte er nur große Töne.

Herr Liebig wusste doch, dass ich eine gute Bedienung war. Bisher hatte es noch nie Klagen gegeben, ich war zuverlässig und eigentlich hatten mir auch anspruchsvollere Kunden nie Probleme bereitet. Bis jetzt.

Was würde er dazu sagen?

Mich feuern bestimmt nicht und sicher könnte ich ihm die Situation erklären – Tommy war ja schließlich Zeuge – aber ein gewisses Misstrauen blieb bestimmt.

„Saira“, ertönte da plötzlich die Stimme meiner Mutter und riss mich aus meinem Brüten.



Die Zimmertür öffnete sich und sie blickte mich neugierig an, das Telefon in der Hand.

„Da ist ein Junge dran, der dich sprechen will“, sie reichte mir den Hörer und grinste, „Er ist sehr nett.“

Ich hoffte, dass, wer immer mich da sprechen wollte, sie nicht gehört hatte, und bedeutete ihr mit der Hand, das Zimmer zu verlassen. Zum Glück war Jer im Wohnzimmer, so hatte ich den Raum für mich.

„Hallo?“, fragte ich vorsichtig.

„Sai. Hier ist Ian. Du weißt noch, von der Party?“

Ich konnte nicht verhindern, dass sich ein fettes Lächeln auf mein Gesicht stahl.

„Klar, sehr gut sogar.“„Ich bin froh, dich endlich am Telefon zu haben. Irgendwie ist es schwierig, bei euch jemanden zu erreichen.“

Nun, das lag daran, dass wir alle ziemlich viel arbeiteten, aber was soll’s, jetzt sprachen wir ja mit einander.

„Was machst du gerade?“, begann ich den Small Talk.

„Ich erinner‘ mich gerade an das wunderschöne Mädchen von der Party zurück, das versucht hat, mir das Tanzen beizubringen und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich unbedingt noch mehr Tanzunterricht brauche.“

Oh, er kam also direkt zur Sache.

„Ich denke, dass ließe sich arrangieren.“

„Wann passt es dir denn?“

Im Kopf ging ich meinen Terminplan durch. Morgen war Familientag, aber Sonntag war frei.

„Sonntag könnte ich. Zumindest nachmittags.“

Ich hörte die Freude aus seiner Stimme heraus, als er mir antwortete: „Super, das ist schön. Darf ich dich bekochen?“

Hatte er das gerade tatsächlich vorgeschlagen?! Konnte es noch besser kommen?

„Auf jeden Fall! Wo soll ich hinkommen und wann soll ich da sein?“

Er lachte. Ein äußerst angenehmes, warmes Lachen.

„Passt dir 14Uhr? Charlottenstraße 14. Das ist…“

„Ich weiß wo?“ In der Nachbarschaft hatte ich vor einigen Jahren mal gebabysittet.

„Ok. Hast du irgendwelche Vorlieben oder Abneigungen?“



Oh, da gab es eine ganze Menge, aber ich wollte den Armen ja nicht überfordern.

„Fisch, Pilze, Auberginen und Zucchini gehen gar nicht, Nudeln aller Art immer.“

„Na dann hab ich schon eine Idee, was ich für dich mache. Aber jetzt erzähl, wie war dein Tag?“

Beschissen. Sollte ich Darian erwähnen?

Ich schweig einen Augenblick und überlegte, doch irgendetwas hielt mich schließlich davon ab.

„Anstrengend…“



Am nächsten Morgen konnte ich dann tatsächlich ausschlafen, denn Papa kam erst um halb zwölf. Nachdem wir uns alle lange in den Armen gelegen hatten – sogar einige Tränen waren bei Mama und mir geflossen -, gingen wir essen, ein Luxus, den wir uns nur extrem selten gönnten.

Der Tag verging wie im Flug während wir uns Papas Geschichten über die Menschen und Sitten im Ausland anhörten, über dies und jenes quatschten und dabei eine Menge lachten.

Als ich abends im Bett lag und Jers leisem Schnarchen lauschte, wurde mir das erste Mal seit längerer Zeit mal wieder bewusst, wie viel Glück ich mit meiner Familie hatte und das man sich einen solchen Spaß und Zusammenhalt wie wir ihn zum Beispiel heute erlebt hatten nicht erkaufen konnte.

Ausnahmsweise störte mich auch das gleichmäßige Sägen des kleinen Giftzwergs nicht mehr und ich war nur noch froh, dass ich ihn hatte.



Als ich am Sonntag vor dem Schrank stand, sah ich mich in einer ernsthaften Krisensituation.

Was sollte ich anziehen?

Ich wollte mich schon etwas schick machen, aber meine Auswahl war begrenzt – oder eher nicht vorhanden.

Mein einziges formelles Teil war eine weiße Bluse, die ich allerdings zu übertrieben fand. Eigentlich trug ich sie nur an Heiligabend in der Kirche auf Geheiß meiner Mutter.

Der restliche Teil meines Schrankes bestand aus knallbunten Anziehsachen in lässigen Schnitten. Normalerweise fühlte ich mich als Paradiesvogel, wie Liz mich getauft hatte, wohl, aber jetzt wünschte ich mir irgendwie etwas Schlichteres.



Auf einmal fiel mein Blick auf eine zartrosa Bluse. Die war perfekt, also zog ich sie aus dem Durcheinander undbetrachtete sie.

Die Bluse war ziemlich einfach, einzig und alleine eine Raffung unter der Brust machte sie interessant. Ich hatte schon fast vergessen, dass ich sie besaß. Wie lange hatte ich sie schon nicht mehr getragen?

Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob ich sie überhaupt jemals angehabt hatte.

Ich streifte sie über…das hieß: ich versuchte es.

Nachdem ich mich endlich hineingezwängt hatte, musterte ich mich halb amüsiert, halb frustriert im Spiegel.

So konnte ich auf keinen Fall vor die Tür gehen.

Sie spannte an den Schultern, saß an den Hüften für meinen Geschmack eine Nummer zu straff und ließ einen Streifen Haut über der Hose frei. Das sah leider nicht verführerisch aus wie in manchen Modezeitschriften, sondern eher, sondern eher, als hätte ich mit einer Kanone in das arme Teil hineingeschossen werden müssen.



Jetzt lass den Quatsch und sei einfach du selbst und wenn Ian ein Problem damit haben sollte, passt er eh nicht zu dir, meldete sich mein Selbstbewusstsein und ich musste ihm Recht geben.

Trotzdem machte ich mich ein bisschen schick.

Einen gelben Rock mit weißen Punkten darauf, dazu ein normales weißes Top und mein Lieblingsaccessoire: ein breiter roter Lackgürtel um die Taille mit einer fetten Schleife vorne.

Das war zwar nicht dezent, aber stand mir.

Nun schlüpfte ich nur noch in meine Converse und machte mich auf den Weg.



Je näher ich seiner Adresse kam, desto nervöser wurde ich. Leider half es auch nichts, mir einzureden, dass es nur Ian war, ein bodenständiger Junge, der total nett, romantisch und wohlerzogen war – im Gegensatz zu manch anderem, schoss es mir durch den Kopf, bevor ich jegliche Gedanken an diesen gewissen Blonden verbannte.

Während ich vor Ians Tür wartete, tippte mein Fuß ungeduldig auf den Boden. Ich versuchte mich irgendwie abzulenken und musterte angestrengt das Blumenbeet mit den vielen bunten Blüten im Nachbargarten. Als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, zuckte ich dann vor Schreck zusammen.

„Hallo, du bist bestimmt Sara oder so?“

Vor mir stand ein kleiner Junge – na ja, nicht so klein – vielleicht in Jers Alter mit kurzem Strubbelhaar und braunen Augen, der mich breit angrinste.

Seine Grübchen ließen mich vermuten, dass er Ians kleiner Bruder war.

„Nicht ganz. Saira, aber nenn mich Sai. Und mit wem hab ich hier die Ehre?“

Er straffte die Schultern und streckte seine Hand aus: „Ben, freut mich, dich kennenzulernen.“

Ich schüttelte sie: „Ebenfalls.“

„Mein großer Bruder ist noch in der Küche. Er meinte, ich solle dich schon einmal zum Tisch bringen, er käme gleich.“



Also kochte er tatsächlich selbst. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er etwas bestellen würde oder so.

Nachdem mich Ben durch einige Gänge geführt hatte, betraten wir einen für meine Verhältnisse großen Raum mit einem schönen Steinkamin, dunklem Holzboden und einem kleinen Tisch am Fenster. Dann verschwand der Wirbelwind wieder und ich ließ mich auf einen der Stühle sinken.

Im Winter musste es hier unheimlich gemütlich mit dem Karmin und den warmen Tönen der Einrichtung sein. Aber auch mit dem sanften Sommerlicht versprühte der Raum seinen Charme.

Ian hatte an alles Gedacht. Neben den Gedecken stand noch eine Kerze auf dem Tisch und meinen Teller schmückte eine einzelne rosa Rose.

Ich begann schon zu bereuen, dass ich nicht doch meine weiße Bluse und eine schwarze Hose angezogen hatte, aber dann öffnete sich die Tür und Ian balancierte zwei Teller hinein.

Er trug auch „nur“ eine Jeans und ein T-Shirt, also war lässig wohl  vollkommen in Ordnung.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und ich kam nicht umher, seine Grübchen anzustarren. Sie veränderten sein Gesicht so eindrucksvoll, ließen es offener werden, attraktiver und weckten das Verlagen ihn ebenfalls anzulächeln.



„Hey, schön, dass du gekommen bist. Ich hoffe es schmeckt dir.“

Ian stellte einen dampfenden Teller vor mich und ich spähte hinein.

„Spaghetti mit Erbsencarbonara, mein Leibgericht“, erklärte er, „Magst du Rotwein?“

Wow… er hatte wirklich an alles gedacht.

„Gerne.“

Elegant goss er mir ein Glas ein und nahm dann gegenüber von mir Platz.

„Na dann. Prost“, er blickte mir tief in die Augen.



Während des Essens unterhielten wir uns über Freunde, meinen Job und seine Zukunftspläne, bis wir schließlich bei der Musik landeten. Ich gestand ihm meine Schwäche für George Michael und sofort sprang er auf und hantierte an der Musikanlage im Regal.

Kurz darauf hallten die ersten Saxophonklänge von Careless Whisper durch den Raum.

„Darf ich bitten?“, er hielt mir seine Hand hin und ich ergriff sie.

Dann zog er mich auf den Teppich vor dem Kamin und legte die Arme um meine Taille.

Jetzt ergab sich die gleiche Situation wie auf der Party…nur mit ruhigerer Musik und ohne die vielen Leute.

Wortlos wiegten wir uns eine Weile im Takt und ich genoss die Wärme seiner Arme, die mich sanft umschlungen hielten und lauschte der leidenschaftlichen Stimme meines Lieblingssängers. Die ganze Situation kam mir beinahe unwirklich vor, lullte mich ein in ihre Perfektion und ich konnte gar nicht mehr klar denken.

Sein Duft – irgendein Männerparfüm – trug auch nicht dazu bei, meinen Verstand frei zu bekommen und so gab ich irgendwann auf und ließ meinen Kopf an seine Brust sinken, jegliches Zeitgefühl verlierend.

Irgendwann spürte ich, wie sich sein Griff verstärkte und spürte seinen Atem an meinem Ohr: „Du bist ein tolles Mädchen, Sai. Ich würde dich gerne öfter sehen. Was hältst du davon?“„Sehr gerne. Danke für das tolle Essen“, murmelte ich an seiner Brust.

„Hm?“, fragte er nach.

Ich hob meinen Kopf, um die Worte zu wiederholen, aber er hob eine Hand an meine Wange und umschloss diese zärtlich.

Seine wild gesprenkelten Augen bohrten sich in meine und ich wusste, was kommen würde.

Unsicher starrte ich zurück. Es war so lange her gewesen und ich wollte nichts falsch machen.

„Ian, warte ich…“



Plötzlich knallte etwas und wir drehten beide den Kopf in Richtung des Geräusches. In der Tür stand Ben und hinter ihm fünf mehr oder weniger bekannte Gestalten. Ich konnte mich jedoch nur auf ein bestimmtes Augenpaar konzentrieren, die blauen Tiefen durchbohrten mich, machten mich handlungsunfähig.

„Ganz schlechtes Timing, Jungs“, seufzte Ian, der mich noch immer im Arm hielt.

„Ach, im Gegenteil. Ich finde der Zeitpunkt war ziemlich perfekt“, ertönte da die weiche Stimme des blonden Idioten.



Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken, aber leider ging das ja nicht so einfach.

„Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen“, murmelte ich dem Jungen neben mir zu.

„Sai, nein, du brauchst nicht-“, mit einem Blick auf seine Freunde schwieg er.

Sie gafften uns immer noch an, als hätten sie gerade das achte Weltwunder zu Gesicht bekommen.

„Ich bringe dich zur Tür“, ich konnte die Enttäuschung aus Ians Stimme heraushören.



Mit seinem schützenden Arm um meine Schultern drängte ich mich durch die Horde glupschender Störenfriede, die sich zum Glück in einer Art Schockstarre zu befinden schienen, so dass uns keiner folgte.



„Es tut mir Leid, ich wusste nicht, dass sie kommen“, der braunhaarige Junge blickte mich geknickt an.

„Nicht so schlimm.“

Doch eigentlich schon, vor allem, dass der blonde Rassist uns so gesehen hat, aber ich konnte Ian keinen Vorwurf machen.

„Es war ein schöner Tag, danke für das Essen.“

Das entlockte ihm endlich wieder ein kleines Lächeln.

„Kein Problem. Dich würde ich jeder Zeit wieder bekochen.“

Er zog mich näher zu sich

„Hmm…das ist gut zu wissen.“

Gerade als er sich herunter beugte, fiel mein Blick über seine Schulter direkt in zwei stechend blaue Augen. Seine Haltung, lässig an den Türrahmen gelegt, uns kühl musternd jagte mir Schauer über den Rücken und ich wurde stocksteif.

Ian hatte wohl gemerkt, dass etwas nicht stimmte, und wandte den Kopf in Richtung Darian.

„Ich komme gleich“, sein Ton klang äußerst nachdrücklich, was seinen Gegenüber jedoch wenig zu beeindrucken schien.

Er beobachtete uns immer weiter und sein berechnender Blick schien mich herauszufordern.

Leider verlor ich dieses Spiel, denn er schaffte es mich so zu verunsichern, dass ich mich immer unwohler in meiner Haut fühlte.



Mit einem Seufzen wandte sich mein Date wieder zu mir und versuchte mich so gut es ging von dem intensiven Blick abzuschirmen. Allerdings war die Stimmung kaputt, denn wir waren uns beide nur zu Gut der Anwesenheit des Blonden Jungens bewusst.

So strich Ian mir nur sanft über eine Wange, auch wenn seine Augen verrieten, dass er lieber etwas ganz anderes gemacht hätte, wenn wir alleine gewesen wären.

„Ich melde mich wieder, bald. Versprochen.“



Er hielt sein Wort und rief mich noch am selben Abend an, um sich nochmal zu bedanken und gefühlte hundert Mal zu entschuldigen. Da ich noch nicht genau wusste, wann ich wieder arbeitete, musste ich ihn darauf vertrösten, dass ich mich bei ihm melden würde, wenn ich Zeit hätte.



Dienstag quetschte Liz mich über alle Details aus, während wir zusammen bedienten und konnte gar nicht mehr genug bekommen.

„Ja, sicher bist du die erste, die erfährt, wenn mehr passiert“, versicherte ich ihr, denn sie sprang wie ein Mix aus Honigkuchenpferd und HB-Männchen um mich herum.



Als ich abends nach Hause kam, wartete Mama schon auf mich.

„Sai, Herr Liebig hat angerufen. Du sollst dich möglichst bald bei ihm melden.“

In anderthalb Jahren hatte er sich erst einmal bei uns gemeldet…um mir mitzuteilen, dass ich den Job hatte.  Ein mulmiges Gefühl überkam mich. Am liebsten hätte ich mich um einen Rückruf herumgedrückt, aber dann würde ich die ganz Nacht nicht schlafen können. Also griff ich schweren Herzens zum Hörer und wählte mit zitternden Fingern.

„Liebig.“

„Guten Abend, Herr Liebig, hier ist Saira.“

„Hallo Saira, ich muss dringend mit dir sprechen.“

Sein ernster Tonfall ließ mein Herz einen Schlag aussetzen.

No Choice

 

 

„Ja?“, meine Stimme zitterte.

„Ich habe eine Beschwerde erhalten.“

Da, raus war es.

Dieses blonde Arschloch hatte es tatsächlich getan. Wut keimte in mir auf, wurde jedoch augenblicklich von meiner Furcht erstickt.

„W-Was?“

„Das ist noch nie vorgekommen, Saira, ich weiß. Aber Herr Delore hat sich über dein Verhalten beschwert.“

Über mein Verhalten? Dieser heuchlerische Schweinehund.

„Darian? Ist das sein Vorname?“

„Ja, ich glaube so heißt er. Was ist passiert, Saira? Ich will deine Version des Ganzen.“

„Er hat meine Hautfarbe beleidigt.“

„So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht“, ich hörte ihn seufzen, „Saira, es tut mir Leid, aber ich muss dich warnen, bei der nächsten Beschwerde werde ich dazu gezwungen sein, dich zu entlassen.“

Nein, das kann er nicht.

„Bitte Herr Liebig. Ich-“

„Saira, es tut mir Leid.“

„Aber ich habe mich nur gewehrt, nichts schlimmes. Wirklich. Ich bin immer verlässlich, das wissen Sie.“

Ich war kurz davor loszuheulen.

„Saira“, seine Stimme klang bedauernd, „ich kann nichts anderes machen. Er hat ausdrücklich deinen Entlass gefordert. Weißt du, wer er ist? Die Familie zieht Fäden in der ganzen Stadt. Sein Vater ist Vorsitzender der Bank, er kann mein ganzes Geschäft ruinieren.“

Ich ließ meinen Kopf hängen. Er war genauso machtlos wie ich.

„Okay.“

„Kopf hoch, Mädchen. Pass einfach auf, dann wird das schon. Ich würde dich niemals freiwillig gehen lassen.“

Das war tröstlich zu wissen, änderte jedoch nichts an meiner Lage.

„Schönen Abend noch Herr Liebig.“

„Danke, dir auch Saira.“

 

Wie in Trance legte ich den Hörer auf die Station. Ich konnte nicht fassen, was da gerade passiert war.

„Sai?“, meine Mutter erschein im Türrahmen unseres Wohnzimmers, „Ist alles in Ordnung?“

„Ja klar. Alles gut.“

„Du kannst über alles mit mir reden, Sai, das weißt du.“

„Ja Mama“, aber ich wollte sie nicht noch damit belasten, sie hatte schon genügend Probleme.

Wortlos ließ sie die Sache auf sich beruhen, schloss mich aber fest in die Arme. Dankbar erwiderte ich ihre Liebkosung, denn die Wärme beruhigte mich etwas.

 

Leider nicht lange, denn als ich kurze Zeit darauf im Bett lag, war es nicht Jers leises Schnarchen, was mich am Schlaf hinderte, sondern die Flut der Gedanken in meinem Kopf.

 

Dies änderte sich auch im Laufe der nächsten Tage nicht und als ich Donnerstag die Tür zum Imbiss aufschloss, war ich so nervös wie zuletzt vor meiner ersten Schicht.

Zum Glück verbrachte ich meinen Dienst mit Tommy, der mich tatkräftig ablenkte und mit seiner unbedarften Art sogar zum Lächeln brachte. Als wir den Laden am Abend endlich schlossen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich weiß nicht genau, womit ich gerechnet hatte, aber irgendwie war ich davon ausgegangen, dass Darian eine riesige Szene machen würde.

Nichts war passiert.

Nur die üblichen Gäste hatten uns beehrt: ein paar kleine Jungs, die sich mit Pommes und Burgern voll stopften; eine Gruppe Mädels in meinem Alter, die Salat dem fettigen Zeug vorzogen und einige Arbeiter, die ihre Pause bei uns verbrachten.

Vor der Tür umarmte ich den rothaarigen Jungen, der jetzt noch zu seinem zweiten Job als Barkeeper in einen Club musste.

„Machs gut, Brownie. Bis nächste Woche.“

„Bis dann. Viel Spaß heute Abend.“

 

Kaum war Tommy verschwunden, spürte ich eine neue Präsenz neben mir.

„Wa-“

„Also immer noch der Kobold? Und Ian?“

Nein, das darf doch nicht sein.

„Was willst du von mir?“

„Ich denke, das weißt du.“

Der blonde Junge schlang einen Arm um meine Hüften und zog mich übertrieben nahe. Am liebsten hätte ich mich losgerissen, aber hatte mich buchstäblich in der Hand.

„Ich will dich nach Hause begleiten, Schatz.“

Aus dem Augenwinkel sah ich sein überlegenes Grinsen. Arschloch!

Aber was sollte ich tun?

„Ich komme auch gut alleine nach Hause.“

„Nun, ich bestehe aber darauf, dich zu begleiten.“

Anscheinend würde ich ihn nicht so schnell loswerden. Aber das wäre ja auch zu schön gewesen.

Allerdings konnte ich es ihm so schwer wie möglich machen. Also schwieg ich und blieb stocksteif in seiner Umarmung.

„Ich glaube wir haben noch ein paar Details zu klären“, jeglicher spielerischer Ton verschwand aus seiner Stimme, „Ich habe dir ja schon beim letzten mal klargemacht, was ich von dir erwarte. Benimm dich einfach wie eine frisch verliebte Freundin. Das bedeutet natürlich auch, dass du dich von anderen Jungs fern hältst.“

Ian. Wie sollte ich ihm das erklären? Nein, so konnte das nicht laufen?

„Bitte mach das nicht. Ich will nicht deine Freundin sein.“

„Nun“, er klang genauso kalt wie zuvor, „das ist nicht mein Problem.“

Arschloch, Idiot, Scheißkerl.

Aber leider saß er am längeren Hebel; nun, vielleicht konnte ich ja auch noch ein paar Sachen klären.

„Ich will, dass du aufhörst, mich in irgendeiner Form rassistisch zu beleidigen. Das gehört sich schließlich nicht für eine Freund“, zischte ich ihn wütend an.

„Da hast du natürlich Recht, Liebes.“, spöttischer hatte er kaum klingen können.

„Ich meine es Ernst.“

Er grinste mich an, „Natürlich, Darling. Ich sagte doch, wir spielen ein reales Liebespaar. In Gegenwart anderer werde ich der perfekte Gentleman sein. Versprochen“, zwischen den Zeilen schien mit Edding geschrieben zu stehen: aber wenn wir alleine sind, bin ich der Scheißkerl, wie du ihn kennst.

„Und nur damit du nachher nicht sagst, ich hätte dich nicht gewarnt“, sprach er fast sanft, „wenn du nicht glaubhaft genug bist, sorge ich für deinen Rauswurf; wenn du nicht tust, was ich dir sage, sorge ich für deinen Rauswurf und wenn du etwas mit einem anderen Jungen hast, sorge ich für deinen Rauswurf.“

„Was, eifersüchtig?“, rutschte es mir heraus.

Blaue Augen musterten mich beinahe amüsiert, doch aus seiner Stimme klang eine noch eindeutigere Warnung: „Träum weiter, Süße. Du würdest mich damit allerdings bloßstellen und glaub mir, wenn das geschieht, mache ich dein Leben zur Hölle.“

Als ob er das nicht ohnehin schon tat. Diesen Kommentar schluckte ich jedoch herunter und schwieg lieber. Kurz bevor wir den Hochhauskomplex erreichten, den ich mein Zuhause nennen konnte, blieb er stehen und hielt mich ebenfalls zurück.

Dann holte er ein kleines Objekt aus der Tasche und hielt es mir hin.

„Bitteschön“, er zwinkerte mir zu, „meine Nummer ist schon eingespeichert.“

Leider konnte ich nicht anders, als ihn dämlich anzustarren. Und das eine ganze Zeit lang.

„Ich weiß, dass ich großartig aussehe. Du wirst in den nächsten Woche noch genügend Zeit haben, mich zu bewundern“, grinste er schelmisch.

 

Bitte was?

Diese Stimmungsschwankungen waren doch nicht mehr normal.

Eben noch war seine Stimme hart wie Stahl gewesen und jetzt flirtete er mit mir?

Ich war gelinde gesagt verwirrt, doch da blieb mein Blick an seinen Augen hängen.

Widerwillig verweilte er dort, wurde gefangen von dem tiefen Blau. Deshalb vermied ich stets Blickkontakt mit ihm, aber vielleicht sollte ich in Zukunft doch öfter mal in seine ozeanblauen Irden blicken… sie gaben so viel mehr Auskunft über seine wahren Intentionen, als sein Verhalten. Denn trotz des Charmes, den er gerade zu versprühen suchte, blieben sie eiskalt und berechnend. Also hatte Darian sein Spiel wieder begonnen…ein Schauer lief mir über den Rücken. Er spielte perfekt.

Am Ende konnte ich nur die Verliererin sein, aber was sollte ich machen?

Er ließ mir keine Wahl…

 

„Na nimm schon.“

Leicht berührte mich etwas am Arm und ich konnte mich endlich dem bann seiner Augen entreißen. Als ich auf seine feingliedrigen Hände blickte, hielt ich die Luft an. Dort lag ein nigelnagel neues Handy. Und er hielt es mir hin. Dieses Traumteil. Nur für mich.

Aber ich…konnte ich?

Ehrfürchtig griff ich danach und in diesem Moment war es mir auch egal, dass sein durchdringlicher Blick jede meiner Bewegungen aufzuzeichnen schien. Nachdem ich das Gerät einen Moment gemustert hatte, bewundert wie sich die Sonne auf dem Display spiegelte, kam ich wieder zu Sinnen. Was genau meinen Aussetzer provoziert hatte, wusste ich nicht – vielleicht sie Tatsache, dass ich noch nie ein eigenes Handy besessen hatte -, aber ich schämte mich dafür. Es würde mich noch abhängiger von ihm machen.

Schweren Herzens streckte ich die Hand mit dem Objekt meiner Begierde aus und hielt es ihm hin.

„Nein danke.“

Interessiert musterte er mich.

„Das war ein Angebot“, dann grinste er hämisch, „und ganz unter uns…wir wissen beide, dass du es willst.“

 

Zähneknirschend starrte ich auf den Boden. Natürlich hatte er Recht. Arschloch! Ich steckte es in die Tasche und drehte mich um.

„Tschüss.“

„Nun warte doch mal. Du möchtest doch den Rest des Zubehörs auch noch haben, oder?“

Er joggte an mir vorbei und drückte mir ein schwarzes Päckchen in die Hand. Die Verpackung.

„Pass gut darauf auf. Es kostet mehr als du in einem halben Jahr verdienst. Und wenn du sehr zuvorkommend bist zu mir, lasse ich es dich vielleicht behalten, wenn ich Schluss mache.“

Arschloch, Wixxer…

„Natürlich“, gab ich bemüht süß zurück, doch leider waren meine Schauspielkünste nicht halb so gut wie seine.

„Denk daran. Wann ich will und wo ich will. Immer erreichbar sein.“

Er beugte sich nah zu mir und obwohl ich nicht wusste, was er wollte, war ich mir sicher, dass es nichts Gutes war. Also wich ich zurück und nickte.

Er kann mir mal im Mondschein begegnen.

 

Angespannt ging ich die letzten Meter bis zum Haus. Ich traute ihm kein bisschen und erst als sich meine Zimmertür hinter mir schloss, fiel die Nervosität von mir ab.

Wo war ich da bloß reingeraten?

Ich verfluchte den Tag, an dem ich ihn kennengelernt hatte.

Zum Teufel mit seinem Geld – oder dem seiner Eltern? -, seiner unverschämten Art und zum Teufel mit seinen scheißblauen Augen.

Im Bett schwante es mir schon, dass es eine äußerst lange Nacht werden würde und ich wahrscheinlich auch in der nächsten zeit häufiger schlaflos bleiben würde.

 

Plötzlich vibrierte etwas. Mein Blick fiel auf den schmalen Nachttisch und tatsächlich leuchtete dort das unter meiner Schullektüre versteckte Handy.

Vorsichtig griff ich danach und entdeckte auf dem Bildschirm das SMS-Symbol. Mit einem Blick ins Nachbarbett versicherte ich mich, dass mein Bruder schlief, bevor ich genauer hinsah.

SMS von Schatz stand da.

Mir verging die Freude, aber die Neugierde blieb. Langsam entriegelte ich es und blickte auf den Text, der sich mir eröffnete.

 

Guten Abend Liebes,

hoffe mal, dir gefällt das neue Spielzeug?

Kuss D.

 

Ich drückte auf löschen.

 

Zehn Minuten später vibrierte das Teil erneut und diesmal hörte es nicht auf. Verdammt. Ich blickte darauf und sah, dass Schatz mich anrief. Danach entdeckte ich die taste zum Wegdrücken und machte augenblicklich Gebrauch davon.

Für ungefähr 10 Sekunden herrschte Ruhe, dann wiederholte sich das ganze Spektakel.

Im Bett neben mir bekam Jer zum Glück nichts mit. Gott sei Dank für seinen tiefen Schlaf.

Trotzig drückte ich ihn wieder weg. Und noch einmal und noch einmal. So langsam fand ich Gefallen daran, mich ihm zu widersetzen. Doch dann kam noch eine SMS, die das Spiel beendete.

 

Ich warne dich.

 

Irgendwie war es die Schlichtheit, die mir Angst machte. Der Spielemaster hatte das Spiel unterbrochen, ich musste mich fügen. Also drückte ich auf den grünen Hörer, als er das nächste Mal anrief.

„Guten Abend, meine Liebe.“

Ich kroch gänzlich unter die Bettdecke und flüsterte: „Was willst du?“

„Tz, tz, tz. Ich habe dir doch schon mal gesagt, dass man so nicht mit seinem Freund spricht.“

Ich schwieg.

„Nun, wie dem auch sei…wir sehen uns morgen.“

„Ich muss arbeiten“, schoss es sofort aus mir heraus.

Das musste ich wirklich. Ich war eingesprungen für Javier, der erst ab halb fünf konnte.

„Ach, das verstehe ich natürlich. Wann bist du fertig?“

Widerwillig nannte ich ihm die Uhrzeit.

„Perfekt, ich hole dich ab.“

„Nein, lass nur. Sag mir einfach, wo ich hinkomm-“

„Ich sagte, ich hole dich ab.“

Das war endgültig. Seufzend gab ich mich geschlagen.

„War’s das?“

Wieder ertönte sein tz, was ich jedoch ignorierte.

„Ich wünsche dir noch eine wunderbare Nacht, angenehmen Schlaf und süße Träume“, säuselte er und wir wussten beide, dass ich nichts davon haben würde.

 

Dementsprechend sah ich am nächsten Morgen auch abgekämpft aus, so dass ich mich dazu hinreißen ließ, meine Augen stärker zu schminken, um vom Rest abzulenken. Trotzdem entging es meiner Mutter nicht und ich spürte ihre besorgten Blicke auf mir, während ich mein Frühstück hinunterschlang. Immer wenn ich gestresst war, entwickelte ich einen Mordshunger, anstatt wie andere nichts mehr zu essen. Sehr zum Leidwesen meiner Figur, die jedoch gerade das Geringste meiner Probleme war.

„Ich weiß noch nicht, wann ich heute wiederkomme. Erst bin ich arbeiten, dann treffe ich mich mit…Freunden.“

 

In der Schule lief es ganz gut. Ich bekam eine zwei in Mathe wieder und zum Glück nicht allzu viele Hausaufgaben. Leider beruhigte mich das nicht vor nachher. Mir war schlecht vor Sorge, was Darian wollte.

 

So kam es auch, dass mir tatsächlich einige Buletten anbrannten, ein Anfängerfehler, der mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert war. Als Liz der üble Geruch von Verbranntem in die Nase stieg, tauschte sie mit mir und ich bediente. In einer halben Stunde war halb fünf. Mein Puls schlug gefühlte 200 und mein Herz drohte aus dem Brustkorb zu springen.

 

Und Natürlich kam es noch schlimmer.

Um kurz nach vier kam die ganze Truppe meiner neuen Freunde zur Tür herein. Chris mit Maxi, Lana mit Alec, Marco und Ian. Als ich letzteren sah, rutschte mir das Herz in die Hose.

Oh nein.

Warum ausgerechnet heute?

 

So gut es ging erwiderte ich seine strahlende Begrüßung, aber merkte wohl, dass mit mir etwas nicht stimmte, denn er musterte mich ebenso besorgt wie eine Mutter.

Aber ich konnte mir nicht mehr Mühe geben. Es würde gleich ein Desaster geben und ich hatte keine Ahnung, wie ich es verhindern konnte. Am liebsten wäre ich zu Hause unter meiner Bettdecke gekrochen, hätte geheult und wäre solange nicht mehr hervor gekommen, bis dieser ganze Mist ein Ende hatte.

Leider war das nicht möglich und ich musste auf ein Wunder hoffen…

 

…das natürlich nicht passierte. Um Punkt halb fünf trat ein blonder Haarschopf durch die Tür. Mein Untergang. Der Teufel mit dem engelsgleichen Aussehen.

Grinsend steuerte er auf mich zu, meinen flehenden Blick ignorierend.

 

Ich wandte mich zum Tisch der anderen und sah, dass sie ihn auch bemerkt hatten. Ian sprang gerade auf, als Darians Stimme ertönte: „Hallo Süße, bist du fertig?“

Mein Körper schien in einer Schockstarre gefangen zu sein und ich tat nichts als er näher kam, mich in die Arme schloss und seine Lippen auf meine legte.

Rude Bastard

 

 

Die Welt schien still zu stehen, als sein Mund meinen berührte. Kein Geräusch war zu hören, niemand tat etwas. Nein, das war nicht ganz richtig…ich spürte eine Zunge an meinen Lippen und öffnete automatisch den Mund.

Oh Gott!

Wie lang war es her gewesen, dass ich mit einem Jungen geknutscht hatte? Eine Ewigkeit. Seit Max mit niemandem mehr. Und das, was hier gerade passierte, war etwas ganz anderes. Während Darian sie Arme um meine Taille legte und mit seiner Zunge meine vorsichtig anstupste, blieb ich völlig reglos.

Davon mal abgesehen, dass ich ihn nicht küssen wollte, konnte ich es auch gar nicht, denn irgendwie befand sich mein Hirn in Schockstarre und war nicht fähig irgendeine Bewegung zu koordinieren. Das einzige was es mir lieferte waren ein Haufen Bilder und Erinnerungen… vor allem von dem einen Jungen, der gerade wenige Meter entfernt stand und das Szenario beobachtete. Derjenige, der sich so viel Mühe mit unserem Date gegeben hatte; der, von dem ich gehofft hatte, er würde mich Max vergessen lassen.

 

Anscheinend merkte mein Freund, dass er nichts mehr erreichen würde und gab seine Bemühungen auf. Allerdings nicht, ohne mir noch einmal sanft ins Ohr zu flüstern, was für eine schlechte Schauspielerin ich sei und mir unseren Deal in Erinnerung zu rufen.

Und das alles, ohne einmal sein strahlendes Lächeln zu verlieren…

 

„Kommst du, Süße?“, fragend blickte Darian mich an.

Seine Worte rissen mich aus meinem tranceartigen Zustand.

„Ja. Ähm…ich muss nur kurz nochmal nach hinten…meine Sachen holen.“

„Sicher“, er lächelte mich liebevoll an – die Warnung stets in seinen Augen, „Ich gehe solange mal rüber zu den anderen.“

Damit schlenderte er in Richtung des Tisches und ich brachte nicht den Mumm auf, in diese Richtung zu blicken.

Was mussten sie von mir denken? Was musste Ian von mir denken?

 

Schnell stürzte ich durch die Küchentür und wurde dort von einer beinahe sprachlosen Liz erwartet: „Wow Brownie…das war…äh…“

Noch nicht einmal meiner besten Freundin konnte ich in die Augen blicken und so riss ich mir die Schürze vom Leib und schloss mich in dem kleinen WC ein, um mich umzuziehen. Das gestaltete sich etwas schwierig, denn meine Hände zitterten wie verrückt und ich konnte kaum etwas festhalten. Ein Blick in den fleckenüberzogenen Spiegel sagte mir, dass ich beinahe blass war und meine Augen aufgerissen waren, wie die eines verschreckten Tieres. So ungefähr fühlte ich mich auch gerade…

Ich ließ mich auf den Toilettendeckel sinken und atmete tief durch. Einmal, zweimal und immer wieder bis schließlich die Spannung von mir abfiel. Das hatte nun aber den Nachtteil, dass die emotionale Reaktion meines Körpers eintrat: Tränen traten mir in die Augen und ich konnte nur mit Mühe ein Schluchzen unterdrücken.

Klock, Klock.

Schnell wischte ich mit den Händen über mein Gesicht und biss mir auf die Zunge. Ich würde das schaffen!

„Ja?“, verdammt, meine Stimme klang zittrig.

„Alles ok, Süße?“

Ich zuckte zusammen bei dem Kosenamen, obwohl es nur Liz war. Warum konnte sie mich nicht Brownie nennen wie immer?

So erinnerte sie mich nur an den blauäugigen Unglückengel da draußen, der in der Zwischenzeit sonst was meinen neugewonnenen Freunden erzählte.

„Alles gut. Ich komme jetzt.“

Ein letztes Mal den Spiegel musternd, zwang ich ein Lächeln auf mein Gesicht und trat hinaus.

 

„Bist du sicher? Was war das gerade?“, ich spürte den besorgten Blick meiner besten Freundin auf mir und ließ mein Lächeln noch eine Spur breiter werden, in die Augen blicken konnte ich ihr immer noch nicht.

„Ich muss jetzt weg, aber ich erzähl dir alles. Später, ok?“, im Vorbeigehen griff ich meine Tasche, „Javier müsste jeden Moment kommen.“, bitte erst dann, wenn ich weg bin, „Wir telefonieren. Bis dann.“

Damit rauschte ich an ihr vorbei, die Gewissensbisse ignorierend.

 

Draußen erwartete mich Darian, der seelenruhig vor einem aufgebrachten Ian stand, welcher anscheinend nur von Marco daran gehindert wurde, dem blonden Gegenüber an die Gurgel zu gehen.

„Ah da bist du ja, Schatz“, besagter Junge schlang einen Arm um meine Taille.

Ich wollte eigentlich nur möglichst schnell hier raus.

„Sai?“, wandte sich Ian an mich und ich hätte mich am liebsten irgendwo verkrochen, „Was hat das zu bedeuten?“

Verwirrung klang aus seiner Stimme, ebenso wie unterdrückte Wut und Trauer.

„I-ich…“, mehr brachte ich nicht heraus. Feigling, schalt ich mich selbst.

„Sie wollte es dir schon früher sagen, aber du weißt ja, wie Saira ist“, der Junge neben mir warf mir einen scheinbar liebevollen Blick zu, „sie kann anderen Leuten einfach nicht vor den Kopf stoßen und hatte am Sonntag einfach nicht den Mut, es dir zu sagen.“

Sein Ton klang so mitfühlend, dass selbst ich verleitet war, ihm zu glauben und ich wusste ja, was für ein perfides Spiel er trieb.

„Du…ihr seid zusammen? Schon am Sonntag?“, stammelte Ian und ich brachte es wieder nicht fertig, etwas zu sagen.

„Ja, tut mir wirklich Leid, Kumpel“, übernahm Darian wieder, „aber sie ist jetzt glücklich vergeben. Mach dir nichts draus, für dich wird auch noch die Richtige kommen.“

„Sai, sag, dass das nicht stimmt!“, ignorierte Ian meinen Freund.

Darians Finger krallten sich warnend in meine Seite und ich hätte beinahe aufgekeucht. Meine ganze Courage zusammenklaubend, schaffte ich es endlich, meinen Kopf zu heben und dem braunhaarigen Jungen in die Augen zu blicken. Was ich dort las, brach mir das Herz und ich hasste den Jungen neben mir mehr, als ich jemals zuvor jemanden verabscheut hatte.

„Ja, Darian hat Recht. Es tut mir Leid.“

Für mehr reichte es nicht, aber es war genug, um den kleinen Funken Hoffnung, den ich zwischen Zorn, Kummer und Fassungslosigkeit gesehen hatte, zum Erlischen zu bringen. Stattdessen blickten mich nun Augen voller Schmerz an, für den ich die Ursache war. Und ich konnte ihn so gut verstehen und musste an mir halten, um die ganze Farce nicht auf der Stelle zu beenden.

Bevor ich hier selbst noch einen Zusammenbruch erlitt, dirigierte mein Freund – der Keim allen Übels – mich an Ian vorbei durch die Tür, hinaus aus der lähmenden Stille.

 

Unvergossene Tränen sammelten sich in meinen Augen, aber ich würde nicht vor ihm weinen. Nein! Deshalb hielt ich die salzigen Tropfen mit aller Macht zurück und obwohl meine Sicht immer mehr verschwamm, hielt ich tapfer durch, während Darian mich schweigend durch die Straßen führte. So angestrengt damit beschäftigt, nicht loszuheulen, achtete ich gar nicht wirklich auf meine Umgebung, bis er schließlich anhielt und seine Hand meine Taille verließ.

Mit widerwilliger Neugierde beobachtete ich, wie er seinen Zeigefinger auf ein Pad legte, wartete bis das Ding piepste und dann auf die eiserne Wand vor uns zutrat, die sich langsam öffnete. Sie gab den Blick auf einen schneeweißen Kiesweg frei, der durch eine beinahe unnatürlich grüne Rasenfläche führte.

Konnte man darüber gehen?

Die kleinen Steinchen glänzten so, als seien sie noch nie von einer dreckigen Sohle berührt worden und irgendwie hemmte mich das.

Zögerlich folgte ich Darian, der anscheinend kein Problem damit hatte darüberzulaufen und auf das Gebäude zusteuerte. Sprachlos blieb ich vor der Tür stehen. Das Haus – oder eher Schloss – bewies, dass man sich mit Geld nicht alles kaufen konnte…Geschmack beispielsweise.

Jedes Detail – von den Kugeln auf den Zinnen der Zwiebeltürmchen über die vergoldeten Schnörkel bis hin zu den schwarz lackierten Fensterläden – schrie praktisch nach zu viel. Hier war einfach maßlos übertrieben worden, aber jedem das seine.

An der Tür wurde Darian Finger erneut gescannt und wir gelangten in einen foyerartigen Vorraum.

„Deine…Schuhe“, abschätzig musterte er die bekritzelten, ausgelatschten Converse na meinen Füßen, „kannst du da in den Schrank stellen.“

Ich tat wie geheißen und reihte sie in die Reihe blankgeputzter Lederschuhe ein. Der Anblick wäre ein Foto wert gewesen. Als ich fertig war, wartete Darian bereits ungeduldig an einer der Türen.

 

Wir betraten ein Zimmer, das einem Möbelkatalog entsprungen zu sein schien. Schwarz und weiß dominierten den Raum, so wie alles Mögliche an technischem Kram, von dem ich nur die Hälfte kannte. Die Krönung war jedoch der riesige Flachbildfernseher, der wie ein mächtiger Koloss an der einen Zimmerwand hing; perfekt um vom schwarzen Sofa aus darauf zu blicken.

Der Raum erfüllte wirklich jede Erwartung, die ich an ein Zimmer hatte, was Darian gehörte und ich fühlte mich verdammt fehl am Platz. Alles war sauber und ordentlich, so…kalt. Passend zu seinem Charakter.

„Deine Schauspielkünste lassen wirklich zu wünschen übrig. Ebenso was deine Fähigkeiten beim Küssen angeht übrigens.“

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er an mir vorbei gegangen war und es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte.

„Woher sollte ich wissen, dass du so eine Show abziehst!“, fauchte ich ihn an, „Musste das wirklich sein?“

„Was?“, ein fieses Grinsen stahl sich auf seine Lippen, „Ians Reaktion war doch die Show wert.“

Sadistisches Arschloch. Wie konnte er an so etwas Gefallen finden?

„Ich dachte er wäre dein Freund.“

„Ich hab bessere“, gab er fast gelangweilt zurück, „Und um noch mal auf dich zurückzukommen. Du musst überzeugender werden. Ich bin nicht immer da, um dir den Arsch zu retten und wir wollen doch nicht, dass die anderen noch skeptischer werden, als sie ohnehin schon sind.“

„Die ganze Situation ist einfach unrealistisch. Kein Wunder, das niemand die Farce glaubt“, verteidigte ich mich.

Nachdem er mich wie der letzte Dreck behandelt hatte, würden die anderen uns niemals abnehmen, dass wir zusammen waren.

„Quatsch. Mädchen stehen doch auf so was. Ich meine dir ist es gelungen mich zu bändigen“, er grinste spöttisch, „Herzlichen Glückwunsch.“

„Und jetzt?“, ich stand immer noch planlos in der Türe, während er es sich gemütlich gemacht hatte.

„Du könntest ruhig versuchen, ein bisschen…entgegenkommender zu sein.“

„Soll heißen?“

„Ich weiß ja nicht, was du sonst mit deinem Freund machst, aber etwas mehr Körperkontakt wäre nett.“

Unwillkürlich schauderte ich. Perversling.

„Wir sind unter uns, hier muss ich niemandem etwas beweisen.“

„Du könntest mich etwas gnädiger stimmen.“

„Nein danke“, ich legte so viel Abscheu wie möglich in meinen Ton, „Ich verzichte.“

„Komm her!“

Das klang nicht mehr nach einem spielerischen Vorschlag, sondern einem Befehl. Widerwillig näherte ich mich, bis ich schließlich vor ihm stand und obwohl ich ihn überragte schaffte er es, dass ich mich unterlegen fühlte.

Schneller als ich zurückzucken konnte, griff er meinen Arm, zog mich nach vorne und mit einem Aufkeuchen landete sich auf seinem Schoß. Ich wollte aufspringen, weg von ihm, aber da schlossen sich Darians Arme fest um mich und seine Lippen legten sich zum zweiten Mal an diesem Tag auf meine.

Zunächst wehrte ich mich, aber als seine Zunge gegen meine Lippen stieß und Einlass forderte, gab ich auf. Seine ganze Art stieß mich ab, das arrogante Auftreten, der Ton, den er anderen gegenüber anschlug; aber körperlich war er verdammt anziehend. Sein Duft, sein Aussehen und leider auch sein Kussvermögen.

Gerade als mir so wirklich warm wurde, löste er sich von mir und der Bann war gebrochen.

„Das müssen wir aber wirklich noch üben“, mit gehobenen Augenbrauen starrte er mich an.

„Was?“

„Knutschen. Ehrlich gesagt hatte ich mehr von dir erwartet.“

Was sollte das denn jetzt heißen?
„Du findest meine Küsse schlecht?“, irgendwie war mein Ego angeschlagen.

„Sie sind…ausbaufähig. Ich frage mich, wie du Ian so rumbekommen hast.“

„Wir haben uns nicht geküsst.“

„Aja, das erklärt einiges“, erwiderte er spöttisch, „Keine Sorge, ich bin ein ausgezeichneter Küsser, ich hoffe du lernst schnell.“

Zum Teufel mit ihm und seinem Ego. Ich rutschte von seinem Schoß aufs Sofa, zog die Beine an und legte den Kopf auf die Knie. Ich wollte das alles nicht. Warum konnte ich nicht einfach mein Leben weiterleben, im Imbiss mit meinen tollen Kollegen arbeiten und vielleicht Ian ein bisschen näher kommen?

 

Abends brachte Darian mich nach Hause. Nachdem wir uns weitere zwei Stunden angeschwiegen hatten, reichte ihm meine Gesellschaft wohl. Ehrlich gesagt ärgerte ich mich über die verschwendete Zeit. In den 120 Minuten hätte ich auch gut noch Hausaufgaben machen und mit Jer lernen können.

Das Einzige, was er mir noch kurz angebunden mitgeteilt hatte, war, dass er mich wohl von der Schule abholen würde.

 

Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen wann, denn am nächsten Tag, als ich mit zwei Kurskameraden in der Pause auf den Schultreppen stand, erblickte ich plötzlich drei Jungs am Schultor, die eindeutig nicht zu uns gehörten.

Sie kamen auf uns zu und ich konnte den vordersten schließlich als den blonden Idioten ausmachen. Er trug helle ausgewaschene Jeans, ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte, die lose um seinen Hals baumelte. Sein Markenzeichen – das selbstsichere Grinsen aufs Gesicht gekleistert -, sagte er irgendetwas zu seinen Freunden, die daraufhin anfingen zu lachen. Warum hatte ich das miese Gefühl, dass das auf meine Kosten ging?

„Wow, was für Traumtypen“, murmelte Mellie neben mir und als sie auf uns zusteuerten, blickte sie mich verwundert an, „Kennst du die etwa?“

Darians nächste Satz klärte ihre Frage: „Hallo Süße. Ich habe Marek und James gerade von deinem fantastischen Arsch erzählt.“

Nicht viel fehlte und ich hätte ihm den Orangensaft, den ich gerade trank, vor die Füße gespuckt. Mein Gott, musste er so unverhohlen sein?

Ich wusste mal wieder nicht, was ich tun oder sagen sollte. Schauspielern und improvisieren beherrschte ich einfach nicht, ganz im Gegensatz zu ihm, denn seine Lippen lagen prompt auf meinen.

Wütend grub ich meine Zähne in seine Unterlippe, doch er schreckte nicht zurück wie geplant, sondern lächelte nur und löste sich vorsichtig von mir.

„Dass du auf die harte Tour stehst, hättest du mir nur vorher sagen müssen.“

Blut schoss mir in den Kopf und Sina, die neben mir stand, kicherte, was auch nicht zu meiner Entspannung beitrug.

 

„Kommst du mit?“ Darian sah mich erwartungsvoll an.

„Ich hab Schule!“

„Na und?“

War das jetzt sein Ernst? Verlangte er wirklich, dass ich für ihn schwänzte?

„Müsstest du nicht auch in der Schule sein?“, hakte ich nach und kassierte ein Achselzucken.

„Nö, keine Lust. Gibt bessere Wege, seine Zeit zu verbringen.“

„Aber nicht mit mir. Nach der Schule komme ich gerne mit zu dir…“

„Och komm schon“, eindringlich sah er mich an und ergriff meine Hand. Der Wink mit dem Zaunpfahl: er würde kein „Nein“ akzeptieren.

Zähneknirschend wandte ich mich an meine Schulkameraden: „Könnt ihr bitte Frau Schalte ausrichten, mir sei plötzlich schlecht geworden und ich befände mich deshalb auf dem Weg nach Hause?“

Mit offenem Mund starrten Sina und Mellie mich an. Ich konnte sie verstehen, denn ich war eine absolut vorbildliche Schülerin und schwänzte nie, niemals die Schule. Darian hingegen wirkte äußerst zufrieden mit sich und bot mir den Arm dar. Seufzend hakte ich mich unter und wir verschwanden vom Schulhof in Richtung Reichenviertel.

 

Dort betraten wir einen kleinen Wald, von dem ich noch nicht mal gewusst hatte, dass er existierte und erreichten schließlich eine kleine Lichtung, die den Kids der reichen Snobs anscheinend als Treffpunkt diente und so gar nicht in das Bild der Villengegend passte: Der Boden war übersät mit leeren Flaschen, Zigarettenstummeln und undefinierbarem Zeug. Ekel durchfuhr mich, als die Jungs durch die Müllhalde auf eine Sitzgruppe aus Parkbänken zusteuerten und dabei durch den Abfall stapften, als wäre er gar nicht vorhanden.

„Was ist das hier?“, selbst ich konnte das Entsetzen in meiner Stimme hören.

Einer von Darians Freunden antwortete: „Nichts besonderes, hier feiern wir abends  manchmal ein bisschen.“

„Ans Aufräumen denkt hinterher aber anscheinend niemand“, entfuhr es mir; für Umweltverschmutzer hatte ich kein Verständnis.

„Im Dunkeln sieht man das nicht. Ich nehm dich bald auch mal mit“, erklärte mein Freund.

Der andere Typ lachte auf: „Dafür muss sie aber erstmal lockerer werden.“

„Ich arbeite dran“, stimmte Darian zu.

„Was soll das denn heißen?“

Eine Antwort bekam ich nicht.

 

Die anderen quetschten sich zu dritt auf eine Bank und ließen mich dumm davor stehen. Ich hasste diese unangenehmen Situationen, in denen ich nicht wusste, was ich tun sollte. Seit ich denken konnte, war ich gezwungen gewesen, viel selbstständig zu handeln und es passte mir gar nicht, nun so hilflos zu sein. Erst recht, weil ich dadurch dem blonden Idioten die Gelegenheit gab, noch öfter die Zügel in die Hand zu nehmen. Wie auch jetzt: er klopfte auf seinen Schoß und zupfte an meiner Strickjacke, also setzte ich mich steif wie ein Brett auf seine Beine.

„Das meinte ich eben“, meldete der Typ links von mir sich zu Wort.

„Hm?“, fragend blickte ich auf seinen betonfest gegelten Schopf.

Aber ich bekam keine verbale Reaktion, sondern wurde mit einem Ruck an Darians Brust gezogen. Sofort wollte ich aufstehen, aber er flüsterte mir ins Ohr: „Mach dich locker“, und fügte dann noch gut hörbar hinzu, „Ich beiße nicht…außer natürlich du willst es.“

Der Spruch war so flach, dass ich die Augen verdrehte und mich meinem Schicksal ergab. Eine Weile lauschte ich ihrem sinnfreien Gebrabbel über Leute, die ich eh nicht kannte, und Probleme, die ich liebend gerne gegen meine eintauschen würde, bevor ich abschaltete und meine Gedanken der Biostunde zuwandte, die ich gerade verpasste.

 

Erst als ich sanft an der Schulter angestoßen wurde, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meine männliche Begleitung.

„Ich müsste einmal“, Darian drückte mich nach vorne und ich wollte von seinem Schoß rutschen, als er mich zurückhielt, „Danke, das reicht schon.“

In der Hand hielt er eine Packung Zigaretten, die er jetzt rumreichte. Super, konnte es noch schlimmer kommen?

Ich lehnte ab, als er mir einen der Glimmstängel hinhielt und zu meiner Erleichterung akzeptierte er das kommentarlos. Ich beobachtete, wie einer nach dem anderen die Zigarette entzündete und wie Darian einen tiefen Zug nahm und dabei genießerisch die Augen schloss.

Auf das, was dann allerdings folgte, war ich nicht vorbereitet: er sah mir tief in die Augen und hauchte mir eine Wolke des übel riechenden Rauchs ins Gesicht.

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 04.09.2013

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Cover by Julia_Lin, vielen Dank!

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