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Titel

 

Immer wieder Loch Ness

 

Urban Fantasy Roman

 

Klaus D. Gehrke

 

 

 

 

 

 

 

Texte: © 2019 Copyright by Klaus D. Gehrke
Umschlag: Rewind auf Pixabay

 

Nicht kommerzielle Privat Ausgabe

 

Digitale Kopien, Abschriften, Verbreitungen im Internet, oder in Druckform, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

Kapitel 1

 

 

 

 

Zwei Tage durfte Piet Ellmert allgemeinen Stationsdienst absolvieren. Am dritten Tag bat der Chefarzt ihn zu einer Unterredung. Das Büro hätte auch in jede andere Firma gepasst, denn es gab nichts zusehen, was mit Medizin zu tun hätte. Einzig die Ledercouch wäre unpassend, hier allerdings nicht, denn Dr. Doodle war Psychiater und Neurologe.

 

Ohne Umschweife kam er gleich zur Sache. „Wie ich aus dem Empfehlungsschreiben entnehmen kann, sind Sie Rettungssanitäter. Hatten Sie eine psychologische Ausbildung gehabt?“

 

 

„Ja sie war Grundlage der gesamten Ausbildung.“

 

„Fein. Dann sind Sie der richtige Mann für die kommende Aufgabe. Wir haben eine junge Patientin. Sie ist 26 Jahre alt und wurde das dritte Mal vom Rettungsdienst bei uns eingeliefert. Sie soll nach Augenzeugenberichten, auf dem Telford Roundabout in Inverness, Sodomie mit einem Hund betrieben haben. Die Rettungskräfte konnten dies allerdings nicht bestätigen. Einzig das die Patientin entblößt auf dem Pflaster saß, neben ihr ein großer Hund mit zotteligem Fell. Der Hund lief weg, als die Männer vom Rettungsdienst sich ihr näherten. Beim zweiten Mal geschah das gleiche auf dem Harbour Road Roundabout und das erste Mal auf dem Grundstück einer Kirche. Jedes Mal war dieser Hund zugegen und lief weg.

 

 

Unser Problem ist folgendes. Wir kommen an die Patientin nicht heran. Alles was nach Arzt aussieht, wehrt sie rigoros ab. Einzig das sie die Medikamente nimmt, keine Psychopharmaka, sondern rein pflanzliche Mittel zur Nervenberuhigung. Auch erweist sie sich als recht störrisch und einmal hat sie zwei kräftige Pfleger wie Spielzeugpuppen durch den Raum geworfen. Wir vermuten eine Schizophrenie, die jedoch nicht nachgewiesen werden kann, weil diese Patientin jegliche therapeutische Zusammenarbeit ablehnt. Einmal hat sie einen Pfleger vergewaltigt. Sie warf ihn auf das Bett und verging sich an ihm. Der Pfleger kam danach in psychologische Behandlung und hat inzwischen den Dienst quittiert.

 

 

Das zweite Problem ist, dass die Krankenkasse nicht mehr mitspielen will, wenn wir nicht konkrete Ergebnisse liefern können. Es täte mir leid um diesen Menschen, denn sie würde nach Glasgow in die Geschlossene kommen. Und von dort aus gibt es keine Wiederkehr. Ihre Aufgabe Herr Ellmert ist folgende: Versuchen sie ihr Vertrauen zu gewinnen und mehr von ihr zu erfahren.“

 

 

„Ich bin kein Therapeut.“, warf Piet ein. „Eben, weil sie keiner sind, sehe ich die Chance darin. Denn die Patientin hat ein untrügliches Gespür für Ärzte und Therapeuten, die sie rigoros ablehnt. Ich habe mir folgendes gedacht.“

 

 

Eingeweiht wurde nur die Stationsschwester. Das übrige Personal bekam eine erfundene Geschichte aufgetischt, deren Rolle Piet nach einigen Proben gut beherrschte. Vier Tage später trat er seinen neuen Dienst an. Bewaffnet mit Eimer, Schrubber und Scheuerlappen, betrat er das Einbett Krankenzimmer. Auf der breiten Fensterbank hockte eine hübsche junge Frau, bekleidet mit einem weißen T-Shirt, dazu ein dunkler Minirock. Die mittelblonden Haare fielen auf die Schultern, die Stirn verdeckt von einem Pony - Haarschnitt, blickte sie ihm mit einem Lächeln entgegen.

 

 

„Guten Morgen. Ich heiße Piet und soll hier den Boden wischen.“, sagte er in lockerer Manier, stellte den Eimer ab, tauchte den Scheuerlappen ein, als ein scharfer Zuruf ihn in seiner Tätigkeit unterbrach.

„Hier muss nicht gewischt werden! Wurde erst gestern gemacht!“

Diese kernige Stimmlage wollte überhaupt nicht zu dieser äußeren Erscheinung passen. Eine liebliche Stimme, leicht verführerisch wäre passender. Die Frau rutschte von der Fensterbank herunter, betrachtete Piet genauer und blieb mit den Augen an der Hochwasserhose und den gelben Socken hängen.

 

 

„Wo hat man dich denn losgelassen?“, fragte sie mit dunkler Stimmlage etwas freundlicher.

 

Piet blickte an sich herunter und zeigte ein unbekümmertes Grinsen. „Die hatten meine Größe nicht da gehabt. Wenn die Hose oben passt ist sie zu kurz und wenn die Beinlänge stimmt, dann ist sie oben zu weit. Aber ist ja auch egal. Ich reiße meine Stunden hier herunter, danach die Sintflut.“

 

 

Die Frau legte den Kopf ein wenig schräg. „Wie darf ich das verstehen? Bist du kein Pfleger?“

 

„Nee. Damit habe ich nichts am Hut. Muss sechs Monate Sozialdienst ableisten.“

 

„Sozialdienst? Hast du was ausgefressen?“, fragte sie.

 

„Wie man´s nimmt. Bei einer Sache haben sie mich erwischt. Ladendiebstahl. Na ja und statt Knast, eben sechs Monate hier auf Bewährung.“

 

„Warum hast du gestohlen?“

 

Piet griente, zuckte mit den Schultern. „Einfach so. Mich hat der Nervenkitzel gereizt. Hatte davor auch immer funktioniert, bis auf das letzte Mal.“

 

„Aber damit hast du dir deine ganze Zukunft versaut. Denn du wirst immer ein Vorbestrafter bleiben.“

 

„Das war eben das Risiko. Aber was soll´s. Wenn ich das hier herum habe, gehe ich zur Armee.“

 

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Vorbestrafte nehmen die nicht.“

 

„Die französische Fremdenlegion fragt danach nicht. Fünf Jahre Mindestverpflichtung, danach auf Wunsch Verlängerung. So aber jetzt muss ich diesen Job erledigen, sonst wird nichts daraus.“

 

 

Er tauchte den Scheuerlappen ins Wasser, holte ihn heraus, als abermals der scharfe Ton ihn aufhielt. Verwundert blickte er zu der jungen Frau, fragte sich, wie es möglich war, dass sie in zwei unterschiedlichen Stimmlagen sprechen konnte.

 

„Das brauchst du nicht machen. Es wurde gestern aufgewischt.“

 

„Tut mir leid, aber ich habe strikte Order. Wenn ich es nicht tue dann ...“ Weiter kam er nicht mit der Ausführung, denn die Tür wurde aufgerissen und die Stationsschwester trat ein.

 

 

„Was ist denn hier los!? Sie haben ja noch nicht mal angefangen! Herr Ellmert Sie sind nicht zur Unterhaltung der Patienten da, sondern um meinen Anordnungen Folge zu leisten.“

 

„Ich habe es ihm verboten!“, sagte die junge Frau angriffslustig.

 

 

„Du hast hier überhaupt nichts zu melden!“, widersprach die Stationsschwester. Und Sie Herr Ellmert haben die Wahl. Entweder Sie tun das was ich Ihnen sage, oder sie können ins Gefängnis gehen!“

 

„Das lasse ich nicht zu! Er untersteht meinem Schutz!“, rief die junge Frau aufgebracht und kam drohend auf die Stationsschwester zu. Schnell trat Piet dazwischen, legte den nassen Scheuerlappen auf den Fußboden, schlug ihn um den Schrubber herum und begann aufzuwischen. Die Stationsschwester sagte etwas von zehn Minuten und verließ das Zimmer.

 

 

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Piet während er den Lappen Bahn um Bahn über den Boden zog. Die junge Frau ging zur Fensterbank zurück.

 

„Hat man dir das nicht gesagt?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage.

 

Piet schüttelte den Kopf. „Ich erfahre überhaupt nichts, was mit den Patienten zu tun hat. Bodenwischen, Müll raus bringen, Materialien heranschaffen. Das ist mein Job. Aber wenn du nicht willst, musst es es ja nicht sagen.“

 

 

Sie schwieg, beobachtete stattdessen sein Tun. Noch zweimal Lappen auswringen und fertig war der Auftrag.

 

„Ja dann bis zum nächsten Mal und gute Besserung.“, sagte Piet beim öffnen der Tür, als sie hinterherrief: „Gael. Ich heiße Gael.“

 

 

Der Chefarzt staunte über das schnelle Anfangsergebnis. Noch nie hat sie einem von uns ihren Namen gesagt. Wir kennen ihn nur aus ihren Personalpapieren. Und dass sie für Sie Partei ergriffen hat, soll schon was heißen. Jetzt müssen wir dran bleiben. Vielleicht kommt sie von allein aus ihrem Zimmer. Sie halten sich auf der Station auf, helfen bei der Essensausgabe. Und sobald sich eine Gelegenheit bietet, nehmen Sie wieder Kontakt zu ihr auf. Ich instruiere die Stationsschwester.“

 

 

Die Gelegenheit sollte schneller kommen, als gedacht. Die Stationsschwester teilte ihn zur Essensausgabe mit ein. Bis dahin durfte er frische Bettwäsche holen, was ihn einige Male an Gaels Tür vorbeiführte. Womöglich spürte sie seine Nähe, denn als er wieder vorbeikam, stand sie draußen. Sie blickte ihm entgegen und erst jetzt wurde Piet sich ihrer tollen Figur gewahr.

 

 

„Kann ich dich einen Moment sprechen.“, fragte sie als er bei ihr angelangt war.

 

„Ja natürlich Gael.“, erwiderte er freudig.

 

 

Sie musterte ihn kurz und sagte dann mit einer erotischen Stimmlage: „Gael ist nicht da. Ich bin Nathaira.“

 

 

Piet stutzte, blickte sie irritiert an. Da griff sie auch schon nach seiner Hand und zog ihn ins Zimmer hinein, schloss die Tür und strebte mit ihm zum Bett, wo sie Piet einfach auf die Matratze drückte. Sie stand vor ihm, während seine Augen an dem Saum des Minirocks haften blieben. Mann sind das tolle Beine, von denen er gerne mehr sehen würde. Er streckte eine Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück.

 

 

„Bevor wir weitermachen Piet, möchte ich mich vergewissern, dass du die Wahrheit sagst. Bist du wirklich hier, weil du Ladendiebstahl getan hast?“

 

Das war jetzt eine brisante Situation, die über alles weitere entschied. Die Frau schien über einen sechsten Sinn zu verfügen. Oder er hatte die Story nicht glaubhaft gespielt. Allerdings zweifelte niemand vom übrigen Personal an dieser Geschichte. Er könnte seine Tarnung so drehen, dass sowohl die Wahrheit, als auch die Tarnung weiterhin bestand. Er entschied sich für diese Variante.

 

 

„Versprichst du mir, alles was ich jetzt dazu sage, dass es unter uns bleibt. Das niemand vom Personal etwas darüber in Erfahrung bringen wird?“

 

„Ja das verspreche ich.“, sagte sie gurrend.

 

„Ich bin kein Ladendieb, sondern komme aus der Armee und bin zur Aushilfe hier. Aber das darf vom Personal niemand wissen. Denn ich habe zwar eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, was aber nicht gleichbedeutend mit der Ausbildung zum Krankenpfleger ist. Aus diesem Grund wurde die Story vom Ableisten eines Sozialdienstes erfunden.“

 

 

Sie nickte. „Ich habe es gespürt. Und ich spüre immer noch, das dies nicht die volle Wahrheit ist. Ich gebe dir eine letzte Gelegenheit, die volle Wahrheit zu sagen.“

 

 

„Ok. Ich sage sie dir, wenn du mir deine Wahrheit erzählst. Wieso hast du zwei Namen?“

 

„Das ist einfach. Ich und Gael teilen uns diesen Körper. Gael ist ein Mensch und ich bin die Drachenprinzessin. Und jetzt bist du dran!“

 

 

„Diese Story um den Ladendiebstahl wurde vom Chefarzt erfunden, damit ich an dich herankommen kann, ohne das du Verdacht schöpfst, ich könnte ein Arzt oder Therapeut sein, was ich ja auch nicht bin. Das Stationspersonal wurde nicht eingeweiht. Für die bin ich jemand, der seine Sozialstunden hier ableistet.“

 

 

„Ich verstehe Piet. Weil die Ärzte meinen, ich wäre verrückt. Aber das ist nicht an dem. Weder ich noch Gael sind geistig krank. Einzig das wir uns diesen Körper teilen, bis ich wieder zurück kann.“

 

 

„Wohin zurück?“, fragte Piet.

 

„In mein Reich. Hierzu muss ich zum Loch Ness kommen, was bis dahin immer vereitelt wurde.“

„Wie bist du denn in Gael hineingekommen?“, fragte Piet ehrlich interessiert. Er hatte schon einiges über Besessenheit gelesen, aber noch nie einen echten Fall erlebt.

 

 

„Gael fuhr mit einem Elektro-Motorboot auf dem Loch Ness, als ich mit meinem Lieblingsdrachen auftauchte. Dadurch entstanden große Wellen, die das Boot ins Schaukeln brachten und Gael über Bord fiel. Sie tauchte unter Wasser, kam wieder hoch und tauchte wieder unter. Da erkannte ich, dass sie nicht schwimmen konnte. Ich sprang vom Drachen herunter um ihr zu helfen. Hierbei geschah es, dass ich mich plötzlich in ihrem Körper befand. Das Motorboot fuhr führerlos weiter, während ich schwimmend das nächstgelegene Ufer erreichte. Somit war Gael gerettet. Dennoch hatte sie fürchterliche Angst und auch mich überkam Panik, weil ich nicht mehr aus ihrem Körper heraustreten konnte. Der Drache folgte uns zum Ufer, aber auch er vermochte mich nicht herauszuholen. Er versprach einen Boten zu schicken und verschwand.“

 

 

Piet nickte. Kann Gael unsere Unterhaltung hören?“

 

„Ja und sie wird jetzt weiter berichten.“, sagte Nathaira.

 

Kaum ausgesprochen, vernahm Piet die Stimme von Gael. „Nathaira sprach in Gedanken zu mir, versicherte mir, dass ich nichts zu befürchten habe und erzählte mir von der Rettung. Denn ich kann wirklich nicht schwimmen, wähnte mich aber auf dem Boot sicher. Ich liebe es auf dem See zu fahren. Die Berge und Wälder erscheinen hierdurch wie aus einer anderen Welt.

 

Nathaira erklärte mir wer sie sei und wie sie mich wieder verlassen könnte, wenn ich mitmachen täte. Ich versprach es, als einige Tage später, ich war wieder in Inverness, ein großer Hund unbestimmter Rasse, vor meiner Wohnungstür stand. Er war ein getarnter Landdrache. In ihn sollte Nathaira überwechseln. Aber es funktionierte nicht, weil zu wenig elektromagnetische Energie vorhanden war. Daraufhin lief der Hund weg, kam wenig später wieder und ich folgte ihm zu einem Kirchhof. In der Nähe einer Laterne musste ich mich völlig ausziehen, der Hund umklammerte mich von hinten, als plötzlich laute empörte Stimmen zu uns herüber klangen. Kurz darauf erschien ein Rettungsdienst und brachte mich in diese Klinik.

 

 

Für einige Wochen blieb ich hier, dann entließ man mich. Einige Tage später erschien wieder der Hund. Er hatte eine bessere Energiequelle ausgemacht. Sie lag in der Mitte einer Kreisverkehrsinsel, unter der viele Stromkabel verborgen lagen. Aber auch hier wurde ich vom Rettungsdienst abgeholt, was auch für den letzten Versuch galt. Ich weiß was die Leute dachten, ich hätte mit einem Hund Geschlechtsverkehr getrieben. Aber das stimmt nicht.“

 

 

Piet war sehr beeindruckt von diesem Bericht und er fragte sich, ob diese Geschichte einem kranken Gehirn entsprungen ist, oder der Wahrheit entsprach.

 

„Mir wurde berichtet, dass du oder ihr beide, einen Pfleger vergewaltigt habt. Stimmt das?“

 

 

Nathaira ergriff das Wort. „Andersherum wird ein Schuh daraus. Dieser Pfleger dachte, leichtes Spiel mit einer wehrlosen Frau zu haben. Wer würde ihr schon glauben, wenn sie vorgab von ihm missbraucht worden zu sein. Wir konnten es zwar nicht völlig verhindern, aber dank meiner besonderen Fähigkeiten, gab ich ihm ein Horrorszenarium in den Kopf ein, worauf er schreiend mit nacktem Unterleib das Zimmer verließ.“

 

„Habt ihr psychischen Schaden davon getragen?“, fragte Piet besorgt.

 

„Nein. Ich konnte Gael vor dem Schock bewahren, indem ich mich in den Vordergrund schob. Mir selbst hat es nichts getan. Und körperlich ist auch kein Schaden entstanden.

 

Und nun zu dir Piet. Währst du bereit mit uns zu schlafen?“

 

 

Er zögerte mit der Antwort, obwohl Gael zum Anbeißen aussah. „Einfach nur so?“, fragte er.

 

Gael betrachtete ihn, wobei ihr Blick auch zu seinen Lenden abglitt. „Was meinst du mit deiner Frage? Wenn du aus der Armee gekommen bist, hast du doch bestimmt lange keine Frau mehr gehabt.“

 

 

„Das ist richtig. Dennoch einfach nur so, ohne uns besser zu kennen. Ich weiß nicht ob das richtig wäre.“

 

„Ich will dich Piet. Ich will dich mit all meinen Sinnen spüren Piet.“

 

 

„Wer hat das eben gesagt? Gael oder Nathaira?“, fragte er rasch.

 

Gael antwortete: „Wir beide wollen dich. Und wie steht es mit dir? Oder spricht dich der Körper nicht an?“

 

 

„Doch sehr sogar. Aber Körper ist nicht alles. Es muss auch der Geist mit dabei sein. Noch besser aber das Herz.“

 

„Da kannst du dir gewiss sein Piet, dass wir sowohl mit Geist, als auch mit Herz dabei sind. Und mal ehrlich, zwei Frauen zur gleichen Zeit körperlich zu lieben, hast du hiervon schon einmal gehört?“

 

 

„Nein, denn für gewöhnlich ist das anatomisch nicht möglich. Es sei denn, es wären siamesische Zwillinge, die einen Körper sich teilen, aber zwei Köpfe haben. Aber wie steht es mit der Zuneigung?“

 

 

Die Antwort mussten sie ihm schuldig bleiben, denn ein Pfleger betrat das Zimmer, forderte Piet auf mitzugehen. Einesteils war Piet recht froh über diese Unterbrechung. Anderenteils bedauerte er es auch, denn er hätte zu gern gewusst, ob Gael – Nathaira wirklich ihrem Wunsch nachgekommen wären. Dafür stand er jetzt vor einer schweren Entscheidung. Stattete er dem Chefarzt Bericht ab, denn er hatte das Gespräch mit dem Handy aufgezeichnet, oder behielt er es vorläufig für sich. Immerhin bestand der Verdacht auf multiple Persönlichkeitsstörung. Hingegen Besessenheit, fand keinen Zugang in die psychologischen Therapien, das war Sache der Kirche. Aber es gab auch eine dritte Möglichkeit. Nämlich das die Geschichte um die Drachenprinzessin stimmte.

 

 

„Hey Ellmert! Stehe nicht so herum. Du bist hier nicht auf Urlaub!“, rief ein Pfleger ihm zu und schob den Essenswagen ein Stück weiter. Piet nickte ging zum Essenswagen und fragte, was hiervon für Gael wäre.

 

„Die Tussi bekommt nichts hiervon. Für die wird extra was vorbereitet, mit Medikamente drin.“

 

 

„Das lasse ich nicht zu.“, widersprach Piet.

 

Der Pfleger hielt mitten in der Bewegung inne, drehte sich langsam zu Piet um. „Wie war das eben? Ich glaube ich habe mich verhört! Das hast du nicht zu bestimmen. Und wenn du weiterhin querschießt, dann bist du schneller im Knast, als es dir lieb sein wird. Und jetzt fasse mit an.“

 

 

Doch Piet rührte sich nicht von der Stelle. „Wer hat das angeordnet, mit den Medikamenten im Essen?“

 

 

Der Pfleger blickte ihn kopfschüttelnd an. „Natürlich der Stationsarzt, wer sonst.“

 

„Dann hebe ich mit sofortiger Wirkung, dessen Anordnung auf.“, sagte Piet jetzt im scharfen Tonfall.“ , Und bevor der andere etwas entgegnen konnte, war Piet am Wagen dran, schnappte ein Tablett, stellte ein Menü zusammen, wollte damit losgehen, als der Pfleger mit zwei langen Schritten bei ihm war und ihm das Tablet aus den Händen schlug. Das Geschirr fiel auf den Fußboden, doch es zerbrach nicht.

 

Zum Wundern blieb Piet keine Zeit, denn die Stationsschwester kam hinzu, blickte kurz auf das Malheur und sagte zu Piet: „Der Chef möchte Sie sprechen Herr Ellmert, sofort!“

 

 

Hämisch grinsend blickte der Pfleger ihm nach. Er konnte solche Typen nicht ab. Sozialdienst hatte noch nie irgendwelche Täter zu besseren Menschen gemacht. Wegsperren musste man die und den Zellenschlüssel weit wegwerfen.

 

 

Mit gemischten Gefühlen betrat Piet das Büro des Chefarztes. Der bot ihm den Stuhl vor dem Schreibtisch an und blickte prüfend zu Piet.

 

„Nun was haben Sie noch herausgefunden Herr Ellmert?“

 

„Es wäre zu früh darüber zu sprechen. Leider wurde ich in einer wichtigen Phase unterbrochen.“, versuchte Piet abzulenken.

 

„Sie glauben doch nicht etwa das Märchen von der Drachenprinzessin?“, sagte der Arzt spontan, worauf Piet leicht zusammenzuckte.

 

„Woher wissen Sie?“

 

 

Dr. Doodle lächelte wissend. „In diesem Krankenzimmer sind Mikrofone installiert. Sämtliche Gespräche werden von einem Computer aufgenommen. Ich muss sagen, es war recht riskant von Ihnen die Tarnung aufzudecken.“

„Fand ich nicht.“, widersprach Piet. „Denn sie hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte. Nur dadurch war sie bereit über die Vorkommnisse zu reden.“

 

„Na ja, der Erfolg spricht für sich. Ich weiß jetzt, wo der Hebel bei ihr anzusetzen ist. Diese Drachenprinzessin existiert natürlich nicht wirklich. Es ist eine moralische Stütze, die scheinbar ein Eigenleben führt. Was aber nicht stimmt. In Wirklichkeit drückt sie durch verstellte Stimme nur das aus, was sie als Person Gael nicht wagen würde.

 

Ich will es nicht von der Hand weisen, dass sie tatsächlich ins Wasser gefallen ist. Und sofern niemand in der Nähe war, um sie zu retten, gehe ich davon aus, dass es sich um flaches Wasser gehandelt haben muss. Auch hierbei kann man Wasser schlucken und in Panik geraten.“

 

 

„Und wie erklären Sie den Hund Dr. Doodle?“

 

„Zufall. Wahrscheinlich ein streuendes Tier, das ihr nur nachlief, aber die Flucht ergreift wenn andere Menschen hinzukommen. Alles nichts Neues, hatten wir schon.“

 

 

„Dann gehen Sie also von einer multiplen Persönlichkeitsstörung aus?“, fragte Piet.

 

„Durchaus. Alles spricht dafür. Und damit können wir der Krankenkasse eine handfeste Diagnose liefern. Mit etwas Glück, könnte die Frau in einem Jahr, als teilweise geheilt entlassen werden. Danach muss sie die ambulante Therapie fortsetzen. Und wenn sie gut mitmacht, kann sie in zwei Jahren völlig gesundet sein.

 

Tja Herr Ellmert. Sie haben uns einen großen Dienst erwiesen. Alles weitere übernehmen wir. Ich werde mich bei ihrem Stabs-Offizier lobend über Sie auslassen.“

 

„Das heißt, ich werde hier nicht weiter gebraucht? Und wenn Sie sich nun irren und die Story stimmt? Immerhin gäbe es dann eine Erklärung für Nessi.“

 

 

Der Arzt winkte lachend ab. „Da hatten wir schon ganz andere Kandidaten hier gehabt, die uns dergleichen glaubhaft machen wollten. Nein Sie können darauf vertrauen, allein an dem Stimmmuster und in welcher Art Gael mit Ihnen sprach, stachen eindeutige Muster hervor.

 

Für den restlichen Tag haben Sie frei Herr Ellmert. Kommen Sie morgen um neun Uhr zu mir. Ich gebe Ihnen dann die Papiere. Kenne Ihren Stabsarzt sehr gut.“

 

 

Damit war Piet entlassen, was ihm überhaupt nicht schmecken wollte. Er verließ das Gebäude, ging zu den Personalbungalows hinüber, von denen er einen bewohnte. Beim Einpacken seiner Sachen in die große Armee-Reisetasche, hörte er das aufgezeichnete Gespräch vom Handy ab. Auch wenn er nicht die therapeutische Ausbildung hatte, so zeigten dennoch einige Merkmale, in eine krankheitsbedingte Richtung. Er wünschte es wäre anders und die Geschichte täte den Tatsachen entsprechen. Zu was brauchte es elektromagnetische Strahlung, um den Körper von Gael zu verlassen?

 

Immerhin ist sie von dem Drachen aus ins Wasser gesprungen, um Gael vor dem Ertrinken zu retten. Hierbei hat sie das E – Magnetfeld des Drachen verlassen. Aber das würde ja bedeuten, dass sie gar keinen stofflichen Leib besitzt. Nein aufhören, dass ist zu verrückt. Es gäbe noch eine andere Variante, nämlich das Gael schwimmen kann, sich dessen aber nicht bewusst ist. Folglich muss es ihrer Meinung nach eine Person geben, die sie gerettet hat. Und damit käme man wieder an dem Punkt der Störung an.

 

 

Doch was nützten diese Erkenntnisse, denn Gael – Nathaira wird sich gegen jedwede Behandlung sträuben. Dieses hatte der Chefarzt übersehen. Und noch etwas wurde nicht berücksichtigt. Wenn man sie auf diese Themen anspricht, wird sie sich durch Piet verraten fühlen. Wer weiß was dann passiert. Er musste noch mal auf die Station zurück, um Gael – Nathaira darüber aufzuklären. Und mit dem Chefarzt müsste er auch nochmal reden. Aber er wird nicht auf ihn hören, dass fühlte Piet. Was er jetzt brauchte war Rückendeckung. Der Stabsarzt wird nicht darauf eingehen. Aber der Psychiater auf der Militärbasis könnte eine Option sein. Bei ihm hatte er gelernt, auch was die Abzweigung von der Schulpsychologie anbelangte. Piet suchte die Telefonnummer im Handy heraus, drückte auf Verbindung.

 

 

Zuerst hatte er das Hauptquartier am Ohr, wurde weiter verbunden zum medizinischen Dienst, der wiederum eine Weiterleitung tätigte, um schließlich im Vorzimmer des Psychiaters zu landen. Hier erfuhr er, das die Durchwahl sich geändert habe. Ihm wurde zwar die neue Rufnummer mitgeteilt, doch ein Durchstellen zum Psychiater wollte man nicht tun. Stattdessen bot man ihm einen Untersuchungstermin an. Erst als Piet klarmachte, er wäre im psychologischen Außeneinsatz, schwenkte man um. Dennoch musste er zehn Minuten warten, bis er die Stimme des Arztes hören konnte. In Stichpunkten erklärte er sein Anliegen und berichtete ebenfalls in Kurzform von Gael – Nathaira.

 

Versprechen konnte der Psychiater nichts, weil kein militärischer Grund vorlag. Es sei denn, diese zweite Persönlichkeit wäre einem Alien zu zuordnen, was Piet nicht bestätigen konnte. Dennoch sollte er vorerst in der Nähe der Klinik verbleiben. Der entsprechende Auftrag würde ihm per E-Mail und Telefonat zugestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Piet noch nicht, was er mit diesem Anruf losgetreten hatte.

 

 

Auf Zivilkleidung verzichtete Piet und zog stattdessen den leichten Kampfanzug an. Auf dem Weg zum Klinikgebäude, glaubte er für einen Moment, einen großen Hund an einem Gebüsch zu sehen. Doch als er genauer hinsah, gab es keine Spur von einem Tier. Sein erster Weg führte ihn zur Kleiderausgabe, bei der er die zu kurze Hose und den Kittel abgab. Danach steuerte er die Station Drei an und hatte Glück, denn auf dem Gang war niemand vom Personal zugegen.

 

 

Vor der Tür zu Gaels Zimmer blieb er stehen, sicherte nach allen Seite, zog die Tür auf und schlüpfte schnell in das Zimmer. Gael saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett, ihr Blick in eine weite Ferne gerichtet. Sie reagierte nicht auf ihn, auch nicht, als er nahe an sie herantrat und sie flüsternd ansprach.

 

Von wegen harmlose Medikamente. Man hatte sie mit einer starken Droge ruhig gestellt. Auf dem Tisch stand noch der Teller vom Mittagessen. Speisereste waren vorhanden, in denen ein stumpfer Plastiklöffel steckte. Piet zog aus einer Seitentasche des Kampfanzugs einen größeren Klarsichtbeutel hervor, schob den Teller samt Löffel hinein, verschloss den Beutel mit einem Klipp. Aus einer anderen Seitentasche holte er ein Kunststoffröhrchen hervor, schraubte es auf, an dessen Deckel ein Wattestäbchen saß. Piet setzte sich zu Gael auf das Bett, beugte sich zu ihr und sprach sie flüsternd an, in der Hoffnung, das die installierten Mikrofone nicht hochempfindlich waren.

 

 

„Habe keine Angst Gael – Nathaira. Ich brauche von dir eine Speichelprobe. Das tut nicht weh. Zuvor muss ich dir aber noch etwas wichtiges mitteilen. Unser Gespräch wurde von versteckten Mikrofonen aufgenommen. Ich wusste nichts davon und habe es erst später erfahren. Der Chefarzt glaubt du seist verrückt. Ich setze alles daran dich hier herauszuholen. Kannst du mich verstehen, dann bewege bitte die Hand.“

 

Es erfolgte keine Reaktion, was nichts heißen musste. Wahrscheinlich blockierte die Droge die Muskeln. Piet drückte bei ihr mit Zeigefinger und Daumen an den Mundwinkeln, worauf ihr Mund sich leicht öffnete. Schnell schob er das Wattestäbchen hinein, tupfte auf die Zunge, strich auch über die Schleimhäute, zog das Stäbchen heraus und steckte es in das Plastikröhrchen, welches er in die Seitentasche verbarg. Auf dem Nachttisch fand er ein unbenutztes Papiertaschentuch, tränkte es mit Mineralwasser und betupfte damit Gaels trockene Lippen.

 

 

„Ich komme wieder, das verspreche ich dir. Halte durch.“, flüsterte er ihr ins Ohr. Er nahm den Plastikbeutel mit dem Teller und ging zur Tür. Hier drehte er sich noch mal zu ihr um, aber sie reagierte nicht. Unbemerkt verließ er die Station, eilte zum Personalbungalow, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Blitzschnell wandte er den Kopf und sah einen großen Hund mit ungepflegten langem Fell, der kurz zu ihm hinsah, um dann schnell in den Grünanlagen unterzutauchen.

 

 

Das konnte kein Zufall sein. Dann ist also doch etwas an der Geschichte von Gael dran. Kaum im Bungalow angekommen, klingelte das Handy. Eine E-Mail war angekommen. Piet las sie und staunte nicht schlecht darüber, dass er ab sofort einer militärischen Forschungsabteilung zugeteilt war. Zehn Minuten später erfolgte die fernmündliche Bestätigung. Hierbei erfuhr er auch, das um Null Achthundert eine Fahrzeugübergabe an der Bushaltestelle Leachkin Road stattfinden sollte. Alles weitere würde er dann erfahren.

 

 

Kapitel 2

 

 

 

Drei Kastenwagen mit dunkel getönten Scheiben, bogen von der General Booth Road in die Leachkin Road ein. Bis zur Klinik waren es nur noch wenige Fahrminuten, die der Commander Dr. Vahran nutzte um mehr über den Soldaten herauszufinden.

 

„Welchen Dienstgrad bekleidet dieser Ellmert?“, fragte er einen Offizier, der vor einem Laptop saß.

 

„Darüber ist nichts bekannt Sir.“

 

„Wie? Ist er etwa Zivilist?“, fragte der Commander erstaunt.

 

 

„Nach Aktenlage ist er Armeemitglied. Ausbildung Fallschirmjäger, Rettungssanitäter. Zusatzausbildung in Psychologie, Sir.“

 

„Und dennoch kein Dienstgrad? Dann müsste er durch sämtliche Prüfungen durchgefallen sein. Und so einen schickt man in eine Außenmission? Da kann was nicht stimmen. Wieso ist er denn überhaupt in dieser Klinik tätig? Gibt es da eine Verbindung zur Armee?“

 

 

„Offiziell nicht Sir. Der Chefarzt der Psychiatrie, kennt einen Stabsarzt. Ihn bat er um einen Mitarbeiter, der psychologische Grundlagen aufweisen kann, aber kein Therapeut ist. Der Grund hierfür liegt bei einer Patientin, die keinen Arzt an sich heran lässt. Dem Ellmert ist es gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen und die folgenden Informationen zu erhalten, über die wir von dem Stabs Psychiater unterrichtet wurden Sir.“

 

Ein anderer Offizier meldete sich zu Wort. „Ich habe hier etwas gefunden Sir. Es gab einst ein Sonderkommando, welches zwischen einem und fünf Mann bestand. Deren Mitglieder hatten keine militärischen Ränge und trugen auch andere Namen. Möglich dass dieser Ellmert dazu gehörte, Sir.“

 

„Und existiert dieses Kommando noch?“, fragte der Commander.

 

„Darüber gibt es keine Informationen. Auch ist nicht gesichert, ob es dieses Sonderkommando jemals gegeben hat, Sir.“

 

 

Dr. Vahran nickte. „Bei den Amerikanern nennt man diese Spezialeinheit Seals. Weshalb sollte es bei uns nicht auch so etwas geben.“

 

„Oder er ist vom MI6, Sir.“, Warf einer der Offiziere ein.

 

 

„Malen Sie nicht den Teufel an die Wand. Wir hatten unlängst einen Zusammenstoß mit dem Geheimdienst gehabt. Die nahmen uns sämtliche Untersuchungsergebnisse weg und wir standen wie die dummen Jungs da. Was deutet denn daraufhin, dass es in unser Gebiet fällt?“

 

 

„Es ist nur eine vage Vermutung vom Stabs-Psychiater. Weil dieses zweite Ich der Patientin, ein elektromagnetisches Feld braucht, um deren Körper wieder zu verlassen, Sir.“

 

„Halten Sie mal an!“, sagte der Commander zum Fahrer. „Und wieso rücken wir dann mit großem Bahnhof an? Das ist nicht unser Gebiet. Es sei denn, dieses zweite Ich wäre ein Alien. Aber sofern es überhaupt existiert, ist das eher ein Fall für einen Psychologen. Was hat denn der Psychiater genau gefordert?“

 

 

„Er bat um ein getarntes Fahrzeug, mit Wohnmobilausstattung, technischen Gerätschaften, Waffen und Minilabor. Ferner die Möglichkeit, die Patientin aus der Klinik herauszuholen. Im Schlusssatz steht das mit dem elektromagnetischen Feld, Sir.“

„Machen Sie mal eine Verbindung zum Hauptquartier. Ich möchte ganz sicher gehen, dass man wirklich uns gemeint hat.“

 

 

Das Telefonat dauerte nur zwei Minuten. „Abbruch meine Herren! Dieser Ellmert erhält nur das Fahrzeug. Alles andere geht uns nichts an. Das riecht verdammt nach MI6.“

 

„Oder Spezialeinheit.“, warf der Offizier am Laptop ein.“

 

„Was auf das Gleiche hinausläuft. Dieser Ellmert operiert alleine. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht sein richtiger Name, was gleichbedeutend für dessen Akte gilt. Fahren Sie bis zur besagten Bushaltestelle.“, sagte der Commander und nahm das Funkgerät in die Hand.

 

„Hier spricht Commander Dr. Vahran. Sie übergeben der Zielperson den Wagen und den versiegelten Umschlag. Danach kommen Sie sofort zu Wagen Eins. Lassen Sie sich auf kein Gespräch mit der Zielperson ein. Ende!“

 

 

War Piet schon erstaunt darüber, einer Forschungsabteilung anzugehören, so erstaunte es ihn nicht minder, als dieser Auftrag zurückgezogen wurde. In der E-Mail stand klar und deutlich, dass seine reguläre Dienstzeit in der Armee in einem Monat endet. Eine Fortsetzung bliebe vorerst offen. Konkrete Ergebnisse seien an den Stabs-Psychiater zu entrichten. Ansonsten operiere er in eigener Verantwortung. Wenige Minuten nach der E-Mail, erfolgte ein bestätigender Telefonanruf.

 

Und wenn es auch nicht direkt gesagt wurde, so ging doch deutlich daraus hervor, dass sein Vorhaben einer heißen Kartoffel glich, an die sich die Armee nicht die Finger verbrennen wollte, falls es ein Flop wird. Womit die erhoffte militärische Rückendeckung wegfiel. Das erinnerte ihn an seinen letzten Auslandseinsatz. Da hieß es, dass der Einsatz unter strengster Geheimhaltung stehe und das Militär keinerlei Kenntnisse darüber habe. Der Einsatz wurde ein Erfolg, doch von offizieller Seite her, gab es keinerlei Anmerkungen dazu.

 

 

Das erschwerte jetzt sein Vorhaben, zumal auch kein Einverständnis von seitens der Patientin vorlag. Wahrscheinlich würde man die Polizei einschalten, wenn die Patientin aus der Klinik verschwunden wäre. Also doch ein vertrauliches Gespräch mit dem Chefarzt. Und falls der nicht einverstanden ist, bliebe nur die direkte Aktion. Piet schloss den Bungalow ab und ging gemächlich Richtung Geländeausgang.

 

 

Wagen Drei hielt an der Bushaltestelle. Die anderen beiden Fahrzeuge parkten 10 Yard dahinter. Gespannt blickte der Commander aus dem Fenster. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, dennoch konnte er deutlich den Mann erkennen, wie er auf das Fahrzeug zu ging.

 

 

„Er trägt einen schwarzen Kampfanzug!“, stieß er hervor. „Das sagt alles. Hier findet eine geheime Operation statt. Nur gut das man uns da heraushält.“

 

„Wieso müssen wir eigentlich das Fahrzeug stellen. Haben die keinen eigenen Fuhrpark?“, fragte einer der Offiziere.

 

„Das will ich Ihnen sagen. Deren Abteilung ist so geheim, dass die offiziell nicht existieren. Genaugenommen trifft das für unsere Abteilung auch zu. Es gibt zwar die militärische Forschungseinrichtung, aber nach Außen hin, befassen wir uns nicht mit Alien. Deshalb wurden auch die sogenannten Ufo – Akten öffentlich gemacht. Damit jeder sehen kann, dass es so etwas wie Außerirdische nicht gibt. Auf Ihre Frage zurück zu kommen, alles was dieses Sonderkommando benötigt, wird über verschlungene Kanäle offeriert. Somit würde eine eventuelle Nachforschung im Sande verlaufen.“

 

Ein Soldat in Arbeitsuniform erwartete Piet bereits. „Hiermit übergebe ich Ihnen offiziell den angeforderten Wagen Sir.“

 

Er reichte Piet die Wagenschlüssel und einen geschlossenen Briefumschlag, salutierte kurz und ging raschen Schrittes zu den anderen Fahrzeugen. Kaum das er eingestiegen war, fuhren die auch schon los.

 

 

Piet umrundete das Fahrzeug vom Typ Cliff 600, stieg ein und startete den Motor. Er fuhr auf das Klinikgelände und parkte auf dem Rasen, direkt vor dem Bungalow. Jetzt erfolgte die Inspizierung der Inneneinrichtung. Zwei Schlafplätze, Küchenzeile, Innendusche, Tisch mit zwei Sitzen. Soweit war es ein gewöhnliches Campingmobil der gehobenen Klasse. Als nächstes öffnete er sämtliche Klappen und Behältnisse und fand alles zu seiner Zufriedenheit vor. Das Minilabor hatte alles, was er für die Analyse benötigte. Unter der Bodenklappe gab es ein Waffenlager, von dem er eine kleine CO2 Pistole entnahm. Sie verschoss nadelfeine kristalline Geschosse mit Nervengift, die sich im organischen Körper rückstandslos auflösten. Die technischen Geräte bestanden aus Notebook, Tablet, Sprechfunkgeräte, Maschinen- Morsesender, Abhörwanzen mit Videofunktion, Kamera, Geigerzähler sowie EMF Scanner und Kurzwellenempfänger. Zu den weiteren Ausrüstungsgegenständen gehörte auch ein Gleitschirm, Taucherausrüstung, Seile und Haken.

 

 

Als nächstes öffnete er den versiegelten Briefumschlag und zog diverse Dokumente heraus. Bis auf die Wagenpapiere, einem Sonderdienstausweis, sowie einer einstweiligen Verfügung, ausgestellt von einem Gericht in Inverness, lagen die zwei letzten Papiere chiffriert vor. Er holte das Codebüchlein aus einer Innentasche hervor, welches für einen Laien wie ein Gedichtband wirkte. Nach kurzen Durchblättern fand er den Anker und begann sofort mit der Dechiffrierung.

 

 

Allzu rosig sah seine Position nicht aus. Die einstweilige Verfügung stand auf tönernen Füßen und würde einer amtlichen Überprüfung nicht standhalten. Aus diesem Grund sollte sie nur eingesetzt werden, wenn es nicht anders ginge. Auf keinen Fall durfte sie aus der Hand gegeben, oder kopiert werden. Für alles weitere gewährte man ihm freie Hand. Es folgte eine Auflistung von Kontaktdaten, von denen er nur zwei auswählte. Zum Abschluss kam der Hinweis, dass die Armee von dieser Aktion keinerlei Kenntnisse habe.

 

 

Piet verbrannte die chiffrierten und dechiffrierten Dokumente, holte aus dem Bungalow die Reisetasche, sowie den Teller mit den Speiseresten und begann mit der chemischen Analyse. Nach zwei Stunden stand das Ergebnis fest. Man hatte eine hohe Dosis Haloperidol ins Essen gemischt. Nach der Konzentration zu urteilen, müsste gegen Mitternacht die Wirkung nachlassen.

 

Das war eine Riesensauerei und obendrein strafbar. Medikamente durften nicht ohne Wissen des Patienten verabreicht werden. Ausnahmen bestanden nur bei Komapatienten und Patienten mit eingeschränkten Bewusstsein. Und damit wurde eine Hintertür geöffnet. Denn es würde schwer sein von außen zu beweisen, dass der Patient nicht in diesem Zustand war.

 

 

Piet schaute auf die Uhr. In einer halben Stunde müsste die Wirkung nachlassen. Er verließ den Wagen, schloss ihn und den Bungalow ab und ging zum Klinikgebäude herüber. Ungesehen kam er auf der Station Drei an. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Nur die Tür zum Dienstzimmer stand offen. Leise schlich Piet heran und hörte soeben, wie eine Männerstimme sagte: „Die Kleine würde ich gerne mal durchvögeln.“

 

Worauf eine andere Männerstimme sagte: „Die ist nicht mein Typ. Aber wenn du unbedingt willst, dann mache es.“

 

„Meinst du das jetzt im Ernst?“, fragte die andere Männerstimme.

 

„Na klar doch. Zu Mittag hatte sie eine Ladung Haloperidol bekommen. Die Wirkung müsste langsam nachlassen, dadurch wird sie beweglicher, kann sich aber noch nicht wehren.“

 

 

„Mann! Und wenn die hinterher mich anzeigt?“, fragte die Stimme.

 

„Der andere lachte auf. „Die hat doch Halluzinationen, meint eine Stimme zu hören. Der glaubt man nicht. Und wenn nicht anders, dann verpasst du ihr danach eine Spritze Träume. Hier nimm zwei Kondome mit. Dann kannst du sie auch in den Arsch ficken. Los mach schon, ich halte die Stellung hier.“

 

 

Piet musste sich zusammenreißen, um nicht ins Dienstzimmer zu springen. Er schaute kurz hinein, die beiden Pfleger standen mit dem Rücken zu ihm. Schnell lief er an der offenen Tür vorbei, erreichte das Zimmer von Gael, öffnete die Tür und huschte hinein. Der Raum lag im Dunkeln. Er blieb stehen, bis seine Augen sich daran gewöhnt hatten. Durch die zwei Fenster fiel ausreichend Nachtlicht herein, sodass er die Konturen von Tisch, Sessel und Bett erkennen konnte. Gael lag auf der Seite mit angezogenen Beinen. Unhörbar schlich er zu ihr, ging in die Hocke.

 

 

„Gael – Nathaira. Ich bin es, Piet. Wache bitte auf.“, flüsterte er.

 

Doch sie reagierte nicht. Da fasste er sie an die Schulter, rüttelte vorsichtig und sprach sie hierbei fortlaufend an. Ein leises Seufzen kam über ihre Lippen.

 

„Erschrecke nicht Gael – Nathaira. Ich bin Piet. Du musst wach werden.“

 

Schlaftrunken murmelte sie: „Piet hilf mir.“

 

„Keine Angst, ich bleibe bei dir und passe auf.“

 

Sie versuchte eine Hand zu bewegen, aber es zuckten nur die Finger. „Höre zu Gael – Nathaira. Man hat dir eine Droge verabreicht, deren Wirkung jetzt nachlässt. Einer der Pfleger wird gleich hereinkommen. Fürchte dich nicht vor ihm. Ich bin unter deinem Bett und werde ihn ausschalten. Hast du das verstanden?“

 

 

„Ja Piet. Gehe nicht mehr weg von mir.“

 

„Ich bin nicht weg, sondern unter deinem Bett. Es wird dir nichts geschehen.“

 

 

Kaum ausgesprochen, ging auch schon die Tür auf. Der Pfleger knipste eine Taschenlampe mit Rotfilter an, schloss rasch die Tür hinter sich und kam auf das Bett zu. Sein Grinsen wirkte im Rotlicht wie eine Fratze.

 

 

„So du Bitch, jetzt erhältst du von mir eine ganz besondere Spritze.“

 

Er trat an das Bett heran, blickte auf die junge Frau, die sich immer noch nicht von allein bewegen konnte. Er streifte seine Hose herunter und zeigte auf sein erigiertes Glied.

 

„Na du geile Sau, hast du so etwas schon mal gesehen. Ich werde dir jetzt die Beine spreizen und dich so richtig durchvögeln. Kannst ruhig schreien, dich hört niemand. Und anzeigen kannst du auch vergessen, dir glaubt sowieso niemand, denn du bist verrückt!“

 

 

Piet hatte seine Worte mit dem Handy aufgenommen und hoffte, das die versteckten Mikrofone angeschaltet waren. Er zielte mit der speziellen Pistole auf das Bein des Pflegers und drückte ab. Es gab nur ein leises zischendes Geräusch und ein kurzes Zusammenzucken des Mannes, als er auch schon nach hinten überfiel, auf den Tisch krachte, ihn mit umriss und bewegungslos am Boden liegen blieb.

 

Piet kam unter dem Bett hervor, setzte sich zu Gael, strich ihr sanft über den Kopf und schaltete die Nachttischlampe ein.

 

 

„Keine Angst, der wird dir nie mehr etwas tun.“, sagte Piet, holte das Handy hervor und machte einige Fotos von dem halbnackten Mann. Sollte er eine gute Kondition haben, würde er erwachen. Anderenfalls hätte er Pech gehabt, dachte Piet mitleidlos und wandte sich wieder Gael – Nathaira zu.

 

 

„Ich will euch hier herausbringen. Seid ihr damit einverstanden?“

 

Über ihren Augen lag noch der Schimmer der Droge, als sie ihn anblickte. Ihre Finger zuckten unkontrolliert und ihre Lippen zitterten leicht. Dennoch war ihr „Ja“ zu verstehen.

 

 

„Es wird noch gut eine Stunde dauern, bis die Wirkung der Droge ganz verschwunden ist. Möchtest du was trinken Gael?“

 

„Es geh nich.“, sagte sie undeutlich. Piet nickte. „Die Schluckbeschwerden werden auch vergehen.“

 

 

Er nahm ein frisches Papiertaschentuch, tränkte es mit Mineralwasser aus der Flasche und betupfte Gaels trockene Lippen. Dankbar blickte sie ihn an, was in tief berührte und zugleich auch mit Gewissensbisse plagte. Er hätte es verhindern können, dass sie die Droge zu sich nahm. Denn dieser Pfleger aus dem Frühdienst war kein Gegner für ihn, was für das übrige Personal ebenfalls galt. Kaum gedacht ging die Tür auf und Piet rutschte blitzschnell von der Bettkante auf den Fußboden.

 

Beim Eintreten sagte der Pfleger: „Wie viel Nummern schiebst du denn mit dieser Schlampe?“

 

Er blickte erst zu Gael, bevor er seinen Kollegen auf dem Boden liegen sah. „Ach du Scheiße!“, rief er erschrocken aus und war mit ein paar Schritten bei ihm, fühlte dessen Puls an der Halsschlagader und drehte sich halb zu Gael um. „Du Miststück! Das wirst du büßen!“, schrie er sie an, als wie aus dem Nichts plötzlich Piet vor ihm auftauchte. Mit zwei Griffen drehte er den verblüfften Mann die Arme auf den Rücken, stieß ihn gegen die Wand und bevor der andere auch nur wusste was mit ihm geschah, klickten auch schon die Handschellen um seine Handgelenke.

 

 

„Auf dich habe ich gewartet!“, zischte er ihn an, trat ihm hierbei in die Kniekehlen, worauf der Mann aufschrie und zu Boden ging. „Wage ja nicht aufzustehen, sonst ergeht es dir, wie dem da.“, drohte Piet.

 

Gael begann zu zittern, doch Piet setzte sich sogleich auf die Bettkante, streichelte Gaels Hand. „Habe keine Angst, diese beiden können dir nichts mehr tun. Und jetzt zu Ihnen! Das habt ihr euch schön ausgedacht. Nur damit ist jetzt Schluss. Ich werde dafür sorgen, dass ihr nie mehr wieder eine Frau anfasst.“

 

 

„Wer sind Sie denn!? Ich habe nichts gemacht. Und mein Kollege braucht ärztliche Hilfe, sonst stirbt er!“, stieß der Pfleger hervor.

 

 

Piet lachte verächtlich auf. „Schon seltsam. Wenn es euch an den Kragen geht, dann jammert und bettelt ihr. Aber eine wehrlose Frau unter Drogen setzen und sie sexuell zu missbrauchen, das scheint für euch in Ordnung zu sein.“

 

„Damit habe ich nichts zu tun!“, sagte der Mann abweisend und blickte hierbei zu dem am Boden liegenden Kollegen. Das war seine Idee!“

 

„Die Sie ihm nicht ausgeredet haben, sondern ihn auch noch ermunterten. Gaben Sie ihm nicht die zwei Kondome? Na das lässt sich schnell feststellen, wenn ich Ihre Fingerabdrücke darauf finde. Und jetzt genug gequatscht. Haben Sie ein Handy dabei?“

 

Der Mann nickte. „In der Kitteltasche.“

 

Piet ging neben ihm in die Hocke, zog aus einer Seitentasche seines Kampfanzugs zwei Gummihandschuhe hervor, zog sie an und entnahm das Handy von dem Pfleger.

 

„Sie werden jetzt den Chefarzt Dr. Doodle anrufen und ihn hierher zitieren. Seine Telefonnummer für den Notfall, ist doch in Ihrem Handy gespeichert?“

 

 

„Nein, die hab ich nicht.“, wehrte der Mann ab.

 

Piet zuckte mit den Schultern. „Pech für Sie. Ich wollte Ihnen eine Chance lassen. Na vielleicht auch besser so. Das verkürzt den Vorgang.“, sagte er teilnahmslos und hatte plötzlich die kleine Pistole in der Hand, die er auf den Mann richtete.

 

„Nicht!“, schrie der auf. „Es ist der zweite Eintrag in der Liste!“

 

„Na warum nicht gleich so. Ich habe den Eindruck, Sie verkennen Ihre Situation. Sollten Sie es nicht schaffen, dass der Chefarzt herkommt, mache ich Sie kalt.“

 

 

Piet öffnete im Handy das Telefonverzeichnis, markierte den zweiten Eintrag, tippte ihn mit dem Finger an, aktivierte die Freisprecheinrichtung und hielt das Handy dem Pfleger vor den Mund. Laut war das Rufzeichen zu hören, als Piet noch etwas hinzufügte. „Sagen Sie ihm die Wahrheit.“

 

 

Dem Mann brach der Schweiß aus und obwohl der Lichtkreis der Nachttischlampe nicht bis zu ihm reichte, war dennoch sein kalkweißes Gesicht zu erkennen.

Nach scheinbar endlosen Tuten, nahm endlich jemand ab. Der Pfleger nannte seinen Namen sowie die Station und bekam es kaum über die Lippen, von der versuchten Vergewaltigung zu sprechen. Der Chefarzt fragte deshalb nach, weil er glaubte sich verhört zu haben und erhielt nochmals die Bestätigung. Zum Schluss rief der Pfleger, das er und sein Kollege von einem fremden Mann festgehalten werden.

 

 

„Der Chef wird die Polizei rufen!“, stieß er Piet entgegen.

 

„Na das will ich doch hoffen. Sonst müsste ich es tun.“, erwiderte Piet gelassen.

 

 

Er wandte sich wieder Gael zu, die ihn mit großen Kulleraugen anblickte. „Habe keine Angst, dir wird nichts geschehen. Ist, du weißt schon wen ich meine. Ist sie ansprechbar?“

 

Gael nickte leicht mit dem Kopf. Und Piet fragte: „Hat sie alles mitbekommen?“

 

Wieder nickte Gael mit dem Kopf. „Ok. Sollte es zu einer Befragung kommen, dann spricht nur einer.“

 

 

„Sie wissen überhaupt nicht in welcher Gefahr Sie sich befinden. Diese Frau ist äußerst gefährlich.“, sagte der Pfleger.

 

 

„Das bin ich auch.“, erwiderte Piet leise mit rasiermesserscharfen Klang, was den Pfleger zusammenzucken ließ. Piet setzte sich zu Gael, streichelte über ihre Hände. Das Sprechen fiel ihr noch schwer, weshalb Piet abermals ihre Lippen mit dem getränkten Taschentuch benetzte. Bald würde sich zeigen, welchen Wert der Sonderausweis hatte. Sollte nicht das erwünschte Ergebnis eintreten, dann blieb nur eine Option übrig.

 

Der halbnackte Pfleger regte sich, schlug die Augen auf, wollte sich aufrichten, als Piet ihn anfuhr: „Liegen bleiben!“

 

Der Kollege drehte den Kopf zu ihm. „Befolge die Anweisungen, sonst macht der uns kalt.“

 

 

Gael berührte Piets Unterarm. Piet blickte sie kurz an, neigte das Ohr zu ihrem Mund, ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen. Nathaira flüsterte: „Es wird keine Polizei kommen. Und der Chefarzt wird den Vorfall verschleiern und herunterspielen. Da nützt es auch nichts, wenn du die Polizei rufst. Sie werden letztendlich dem Gutachten des Chefarztes glauben schenken. Ich werde den beiden Tätern etwas eingeben.“

 

 

Piet hob wieder den Kopf, nickte stumm sein Einverständnis. Die Wirkung setzte auch nach wenigen Minuten ein, indem beide Männer plötzlich zu wimmern anfingen. Der am Boden Liegende legte die Hände um seinen Schädel, der andere konnte es nicht und kippte in eine Seitenlage. „Nein! Nein! Nein!“, riefen sie panisch im Chor. In diesem Moment ging die Tür auf und der Chefarzt trat ein, dicht gefolgt von zwei recht kräftigen Männern.

 

 

„Sie Herr Ellmert!?“, stieß der Chefarzt überrascht hervor.

 

„Ja ich Dr. Doodle. Wie ich sehe, verzichten Sie auf die Polizei, was ich als Eingeständnis bewerte, dass Ihnen dergleichen Vorkommnisse nicht fremd sind.“

 

„Unsinn! Die Polizei wird gleich hier sein. Was haben Sie mit den Pflegern gemacht!?“, sagte er barsch.

 

„Nun ich habe sie daran gehindert, ihre sexuellen Gelüste an dieser Patientin auszuleben. Oder besser ausgedrückt. Ich verhinderte eine Vergewaltigung. Und wie Sie unschwer erkennen können, hat dieser Pfleger bereits die Hosen herunter.“

„Und wieso ist der andere gefesselt?“. Fragte der Chefarzt aufgebracht.

 

„Damit er nicht fliehen kann. So und jetzt genug damit. Ich werde Ihnen allen eine Audioaufnahme vorspielen.“

 

 

Piet holte das Handy hervor und ließ die Tondatei abspielen. Deutlich waren die Worte von dem Täter zu verstehen. Die zweite Aufnahme gab die Worte des gefesselten Kollegen wider. Seltsamerweise schien das den Chefarzt nicht sonderlich zu beeindrucken. Denn er fragte die Pfleger, ob sie unter Zwang diese Worte gesagt haben, was beide bestätigten.

 

„Sie sehen Herr Ellmert, Ihre Aufnahmen sind völlig wertlos. Kein Gericht wird das als Beweismittel anerkennen.“

 

„Da muss ich Sie enttäuschen Dr. Doodle. Mir wird man glauben. Dann werde ich jetzt die Polizei benachrichtigen.“

 

 

Kaum ausgesprochen, wurden die beiden Muskelmänner aktiv. Der eine sprang auf Gael zu, stoppte mitten in der Bewegung, drehte sich um die eigene Achse und krachte zu Boden, während der andere nur einen Schritt weit kam, bevor auch er den Fußboden küsste. Piet schwenkte die Pistole zum Chefarzt hin.

 

 

„Wie Sie sehen, meine ich es ernst. Sie haben die Wahl Dr. Doodle. Entweder leiten Sie eine polizeiliche Untersuchung ein, oder ich werde es tun, während sie ihren Schlägern Gesellschaft leisten können.“

 

 

„Langsam Herr Ellmert. Ich fürchte hier liegt ein Missverständnis vor. Diese Patientin ist äußerst gefährlich. Deshalb wurden besondere Maßnahmen notwendig. Sie Herr Ellmert sind Laie und können dies nicht erkennen.“

 

„Ach meinen Sie. Und gehört zu diesen Maßnahmen auch Haloperidol, welches man ihr mit einer Zehner Dosis ins Essen gemischt hat?“

 

„Das können Sie nicht beurteilen Herr Ellmert.

 

„Sie irren wieder Dr. Doodle. Unsere Laboruntersuchung hat dieses Ergebnis zu Tage gefördert. Und jetzt werde ich Ihnen folgendes sagen. Sie werden diese Patientin, noch zu dieser Stunde offiziell entlassen. Von mir aus schreiben Sie, gegen ärztlichen Rat.“

 

 

„Und wenn nicht? Wollen Sie mich auch umlegen? Weit kommen Sie nicht Herr Ellmert, denn selbstverständlich habe ich die Polizei benachrichtigt, die jeden Augenblick hier sein muss. Und dann werden Sie es sein, der mitgenommen wird. Da nützt Ihnen ihre kleine Pistole überhaupt nichts.“

 

„Warten wir es ab Dr. Doodle. Nur eines sollten Sie sich schon vormerken, uns ist noch niemand entkommen.“

 

 

Was Piet zu denken gab, wieso der Arzt sich so selbstsicher verhielt. War das eine psychologische Taktik, oder hatte er noch etwas in der Hinterhand, was diese ganze Aktion gefährden konnte. Gael zupfte an seinem Unterarm, doch in dieser Situation konnte er sich nicht zu ihr herunterbeugen. Dafür fingen die beiden Pfleger wieder mit der Jammerei an, was den Arzt für einen Moment ablenkte. Gael richtete den Oberkörper etwas auf und flüsterte Piet zu, dass sie ihre Gliedmaßen wieder frei bewegen könne.

 

 

„Was ist denn nun mit der Polizei Dr. Doodle? Sie wird nicht kommen, weil sie nicht gerufen wurde. Dann möchte ich Sie bitten, die persönlichen Sachen von ...“ , Gael flüsterte ihm ihren Namen ins Ohr. „Von Frau Macmoore herauszugeben. Hierzu zählt auch der Personalausweis. Und natürlich ein offizieller Entlassungsschein.“

 

„Das werde ich nicht tun. Aber ich werde Ihren vorgesetzten Offizier anrufen. Der soll die Militärpolizei schicken.“

 

„Bitte Doktor, wenn Sie sich noch mehr Scherereien einhandeln wollen, dann tun Sie es. Währenddessen werde ich Frau Macmoore vor Ihnen in Sicherheit bringen. Komm stehe auf, wir gehen.“

 

 

Gael verließ das Bett, stellte sich auf die Füße, schwankte leicht. Piet stützte sie ab, als der Arzt umschwenkte.

 

 

„Also gut Herr Ellmert. Ich füge mich der Gewalt und werde den Entlassungsschein ausfüllen. Aber nur unter Protest. Sie allein tragen die Verantwortung für Frau Macmoore. Auch weigere ich mich, sie ein weiteres Mal in dieser Klinik aufzunehmen.“

 

 

Dieser plötzliche Gesinnungswandel machte Piet stutzig. Doch in Anbetracht der prekären Situation, hatte die Sicherheit für Gael oberste Priorität. Piet nahm dem anderen Pfleger die Handschellen ab, verstaute sie in seinem Kampfanzug und folgte mit Gael dem Arzt in das Dienstzimmer. Aus einen Schrank entnahm der Chefarzt flache Schuhe, einen Schlüsselbund sowie einen Personalausweis und reichte die Sachen Piet.

 

 

„Mehr hatte sie nicht dabei, als sie bei uns eingeliefert wurde. Und natürlich das was sie auf dem Leib trägt.“, sagte er ruhig und entnahm aus einem anderen Schrank ein Formular. Er füllte es aus, setzte einen Stempel darunter, über den er seine Unterschrift schrieb und Piet den Entlassungsschein aushändigte.

 

 

„Eines möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben Herr Ellmert. Ich weiß nicht, ob diese Aktion im Einklang mit Ihrer militärischen Dienststelle steht. Das wird sich später herausstellen. Aber Frau Macmoore ist gefährlich. Sie kann Menschen manipulieren. Und das gilt sowohl für die beiden Pfleger, als auch für Sie Herr Ellmert. Ich hingegen bin immun, was das anbelangt. Kommen Sie hinterher nicht an und jammern. Ich habe Sie gewarnt.“

 

 

Auf dem Weg zum Ausgang, musste Gael noch eine Toilette aufsuchen. Piet ging ungeniert mit, wartete vor der geschlossenen Kabinentür. Danach setzten sie den Weg fort und erreichten unangefochten den schwarzen Cliff 600 vor dem Bungalow. Piet entriegelte den Wagen, öffnete die Seitentür und half Gael beim Einsteigen.

 

 

„Setzte dich an den Tisch und schnalle dich an. Dort im Kühlschrank findest du Mineralwasser und Esswaren. Mein Vorschlag: Wir fahren erst zu deiner Wohnung, damit du Duschen und etwas anderes anziehen kannst. Danach geht es direkt zum Loch Ness.“

 

 

„Ja Piet. Wir danken dir.“

 

„Na dann los. Und keine Angst Gael – Nathaira, der Wagen ist Kugel- und Bombensicher.“

 

 

Gael nannte ihre Adresse, die Piet in das Spezial-Navi eingab. Nach dreißig Minuten erreichten sie ihr erstes Ziel.

 

 

Kapitel 3

 

 

 

 

Stabsarzt Dr. Jones kniff unwillkürlich die Lippen zusammen, als sein Freund und Kollege Dr. Doodle von den seltsamen Vorfällen berichtete. Er war gleich nach dessen Anruf in die Klinik gefahren, denn es war gefährlich, dergleichen Dinge am Telefon zu besprechen.

 

 

„Und es soll noch merkwürdiger werden.“, holte Dr. Doodle aus. Die Blutuntersuchungen von den niedergeschossenen Männern, ergab nichts. Kein Gift, keine Droge rein gar nichts, was für ihr Knockout in frage käme. Es ist mir ein Rätsel. Ebenso das Verhalten der Männer. Denn sie leiden alle unter Horror Halluzinationen, die immer dann auftreten, wenn sie eine Frau sehen. Die gleichen Symptome hatte auch ein anderer Pfleger, der von der besagten Patientin vergewaltigt wurde. Diesem Piet Ellmert gegenüber, hat sie das Gegenteil behauptet. Der Pfleger hätte sie versucht zu vergewaltigen. Und in der letzten Nacht soll es wieder zu dergleichen Übergriff gekommen sein, den aber dieser Piet Ellmert verhindert hat.

 

Und damit komme ich zu der nächsten Frage. Ist dir bei diesem Ellmert was ungewöhnliches aufgefallen?“

 

 

Dr. Jones hob abwehrend die Hände. „Um eines klarzustellen, diesen Piet Ellmert gibt es nicht. Zumindest ist er in keiner Militärakte aufgeführt.“

 

 

„Wie? Aber du hast ihn doch zu mir geschickt. Oder etwa nicht?“, und erschrocken fügte er hinzu: „Der ist doch nicht etwa ein Terrorist!?“

„Beruhige dich. Du hast alles richtig gemacht, auch das mit der Entlassung der Patientin. Etwas würde ich gerne wissen. Hattest du Angst, als der Ellmert dich mit der Pistole bedrohte?“

 

 

„Das kannst du wohl annehmen. Doch ich war bemüht es nicht zu zeigen. Ich gab nur deshalb nach, weil ich die Entschlossenheit von diesem Ellmert bemerkte. Der hätte nicht mit der Wimper gezuckt, mich auch umzulegen.“

 

 

Dr. Jones wiegte den Kopf. „Er hat doch niemand getötet. Was für eine Waffe benutzte er?“

 

„Damit kenne ich mich nicht aus. Sie war relativ klein, noch nicht mal eine Handspanne lang.“

 

„Als er abdrückte, hat das einen Knall gegeben, oder einen dumpfes Plopp?“

 

„Nein. Ich glaube es war lautlos.“

 

 

„Verstehe. Dergleichen Waffen benutzt nicht die Armee.“

 

„Also ist er doch ein Terrorist!“, stieß der Chefarzt hervor. „Und den hast du zu mir geschickt?“

 

 

„Langsam.“, widersprach Dr. Jones. „Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass er nicht in den Akten geführt wird. Da in meinem Stab niemand eine psychologische Ausbildung hatte, fragte ich beim Psychiater nach. Der wollte genau wissen um was es ginge und ich erzählte ihm, was du mir gesagt hattest. Daraufhin meinte er, er wird versuchen einen Spezialisten zu kriegen. Zwei Tage später meldete sich dieser Ellmert bei mir. Den Rest kennst du.“

 

 

„In was soll er denn spezialisiert sein?“, fragte Dr. Doodle und nickte plötzlich mit dem Kopf. „Jetzt begreife ich. Der hat nur so getan, als könne er psychologisch nicht bis drei zählen. Deshalb bekam er so schnell die Zunge von der Patientin gelöst. Und das sogar mit Aufdeckung seiner Tarnung ihr gegenüber. Was mich allerdings verwunderte, dass er es für möglich hielt, dass die zweite Stimme wirklich einer Wesenheit angehörte. Der ist doch nicht etwa so ein Parapsychologe?“

 

 

„Ich dürfte es dir eigentlich gar nicht sagen. Aber es gibt in der Armee eine Forschungsabteilung, die sich mit Aliens befassen. Die Geheimdienste hängen da auch irgendwie mit drinnen.“

 

„Du meinst, dieser Ellmert ist einer von den Letztgenannten? Das würde diese merkwürdige Waffe erklären.“

 

Dr. Jones winkte ab. „Wieso hattest du die Polizei nicht gerufen?“

 

 

„Wenn ich jedes Mal die Polizei rufen täte, dann könnten die hier eine Zweigstelle aufmachen. Ich wollte erst mal den Sachverhalt klären. Habe deshalb zwei kräftige Pfleger von der Geschlossenen mitgenommen. Aber etwas ist seltsam. Als der Ellmert sagte, er rufe die Polizei an, stürmten die beiden Pfleger auf ihn los und er legte sie mit dieser Waffe flach.“

 

Der Chefarzt schüttelte den Kopf. „Ich hatte immer den Eindruck, das diese Patientin irgendwie Menschen manipulieren kann. Das sie etwas machten, was sie sonst nicht tun würden. Da gab es einige Vorfälle. Zwar alle harmloser Natur, dennoch merkwürdig.“

 

 

Dr. Jones hob mahnend die Hand. „Vorsicht mein Freund. Lass das niemanden hören, sonst wimmelt es hier bald von Alien-Jäger. Ich möchte vorschlagen, falls du noch etwas Schriftliches von diesem Ellmert hast, ab damit in den Schredder. Und die Krankenakte von dieser Patientin, ins hinterste Eck des Archivs und die Audioaufzeichnung rigoros löschen.“

 

 

„Du meinst, es könnte eine Untersuchung erfolgen?“, fragte der Chefarzt.

 

„Wenn es zutrifft, das dieser Ellmert zu den Geheimen zählt, dann wäre das durchaus denkbar. Wo aber nichts ist, kann auch nichts bewiesen werden.

 

Manchmal frage ich mich, ob wir mit unseren psychologischen Diagnosen nicht auf dem Holzweg sind. Nehmen wir die multiple Persönlichkeitsstörung. Hört sich schon mal wichtig an. Die Gehirnforschung weiß über Botenstoffe im Gehirn, die Pharmazie braut Mittelchen zusammen, die diese Botenstoffe umlenken oder lahmlegen. Der Patient hört keine Stimmen mehr und ist geheilt. In kirchlichen Kreisen werden diese Symptome mit Besessenheit gleichgesetzt. Erfolgsrezept Exorzismus. Die Parapsychologen gehen fast auf der gleichen Linie und wägen ab, zwischen Fremdeinwirkung und übersinnlichen Fähigkeiten. Und Zuguterletzt kommen Astrophysiker, Astronomen, Raumfahrtingenieure und Geheimdienste hinzu, die in den besagten Symptomen den Einfluss von Außerirdischen sehen. Und da man wahrscheinlich noch keinen direkten Kontakt hatte und somit nicht weiß, was diese Aliens von uns wollen, wird das Militär involviert.

 

Was glaubst du, wer von denen, kommt der Wahrheit am nächsten?“

 

 

Der Chefarzt nickte. „Eine gefährliche Frage. Denn ungeachtet dessen, eines darf nicht übersehen werden, dass die betroffenen Menschen darunter leiden. Und da spielt es keine Rolle, wer oder was für diese Stimmen verantwortlich ist, sondern das sie nachhaltig verstummen.“

 

 

„Da stimme ich dir vollkommen zu.“, bestätigte Dr. Jones. „Nur was ich damit sagen will, wir bekämpfen immer nur die Wirkungen, aber nicht deren Ursache. Wäre es da nicht leichter für uns zu wissen, da benutzt ein Außerirdischer den Menschen als Sprachrohr. Folglich verstopfen wir die Kanäle und der Außerirdische zieht von dannen.“

 

 

„Sag mal, arbeitest du etwa auch in dieser Alien Abteilung?“, fragte der Chefarzt halb scherzhaft. „Dann könnte man nämlich auch auf die Aussagen der Bibel zurückgreifen, wo alle Krankheiten ihre Ursache durch Dämonen haben. Nein mein lieber Freund, wenn es so einfach wäre, dann bräuchten wir diese ganze Forschung nicht. Mag sein, dass es wirklich Aliens gibt. Mag sein, dass Feengeschichten ebenfalls ihren Ursprung darin haben. Nur was nützt uns dieses Wissen? Nichts. Wir müssen zusehen, dass der Mensch Beschwerdefrei ist und bleibt. Und eines dürfen wir ebenfalls nicht vergessen, nämlich die Psyche. Egal was die Seele in Aufruhr gebracht hat, wenn sie erst mal aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann muss sie wieder zur Ruhe gebracht werden.

 

Sollte es diesem Ellmert gelingen, diese angebliche Drachenprinzessin aus dem Körper der Patientin herauszuholen, dann ist zwar die Ursache beseitigt, aber bei dieser Frau wird die Seele schief hängen. Und ich glaube nicht, das dieser Ellmert kompetent genug ist, die Psyche wieder in den harmonischen Einklang zu bringen.“

 

 

„Mag sein. Aber dafür gibt es Spezialisten. Sollte mich nicht wundern, wenn er sie zu einer geheimen Klinik bringt.“, sagte Dr. Jones überzeugt.

 

 

Die beiden Ärzte führten noch weitere Argumente ins Diskussionsfeld, doch wie sie es auch drehten und wendeten, sie kamen keinen Schritt näher, was es mit diesem Piet Ellmert und dieser Frau Macmoore auf sich hatte.

 

 

Kapitel 4

 

 

 

 

Gael – Nathaira hockte auf den Knien, betrachtete die ausgestreckte Gestalt von diesem Mann. Vier Stunden lag er schon auf dem Rücken, ohne sich zu bewegen. Gael – Nathaira hatte versucht, dem Schlafenden die Kleidung auszuziehen, was ihr nicht gelungen war. Denn es gab weder Knöpfe, Klettverschlüsse oder Reißverschluss. Auch schien es keine Taschen zugeben. Diese schwarze Montur saß wie eine zweite Haut und fühlte sich auch seltsam kühl und glatt an.

 

 

>Wollen wir ihn wecken?<, fragte Nathaira in Gedanken.

 

>Nein. Er sagte doch, er brauche ausreichend Schlaf. Meinst du er schafft es, dich raus zu holen?“, fragte Gael ebenfalls in Gedanken.

 

>Ich weiß es nicht. Es müssen die Bedingungen stimmen. Lass uns mal aus dem Fenster schauen, vielleicht sehen wir den Boten.<

 

>Du meinst den Hund?<, fragte Gael.

 

>Ja. Aber es ist kein Hund.<, erwiderte Nathaira.

 

 

„Da ist etwas!“, stieß Gael laut hervor. >Das sind Autoscheinwerfer. Sie kommen näher und jetzt halten sie an.< , fügte sie in Gedanken ängstlich hinzu.

 

>Keine Sorge. Piet hat doch gesagt, dass niemand hier herein kommen kann.<

 

>Vielleicht suchen die bereits nach uns. Die Entlassung aus der Klinik geschah doch unter Zwang.< , gab Gael zu bedenken und fügte hinzu: >Zu blöd aber auch, dass du keinen eigenen Körper besitzt.<

 

 

>Das stimmt nicht. Ich habe einen Körper. Nur kann der von euch nicht direkt wahrgenommen werden.<

 

>Und wo ist dann dein Körper jetzt?<, fragte Gael.

 

>Eigentlich müsste er mit in deinem Körper sein. Oder er sitzt noch auf dem Drachen. Ich verstehe das ja selbst nicht, denn dergleichen ist mir noch nie passiert.<

 

 

„Wieso muss ich eigentlich nackt sein, wenn der Bote dich aufnimmt?“, fragte Gael laut.

 

>Weil kein isolierendes Material dazwischen sein darf.<, sagte Nathaira gedanklich.

 

 

>Das verstehe ich nicht ganz Nathaira. Denn als du mich gerettet hattest, war ich doch auch bekleidet, nur das eben die Sachen nass waren. Und trotzdem bist du in mich hineingekommen. Dann müsste es doch auf gleichem Weg wieder hinausgehen.<

 

>Ja ich weiß, aber es hatte doch nicht geklappt. Vielleicht kennt Piet die Lösung. Hast du gesehen was der alles an technische Geräte hier hat. Du kennst dich bestimmt damit besser aus Gael. Sind alle Soldaten so ausgerüstet?<

 

 

>Ich denke nicht. Ich weiß überhaupt nicht, ob Piet wirklich ein Soldat ist. Irgendetwas verheimlicht er uns. Vielleicht will er dich gefangennehmen, wenn du bei mir raus bist.<

 

>Wenn er aufwacht, dann werde ich ihn direkt danach fragen. Schau, das Auto fährt weiter.<

 

„Ich will mal was im Internet nachsehen.“, sagte Gael flüsternd und stieg über Piet vorsichtig hinweg um das Bett zu verlassen. Auf dem Tisch stand ein Notebook. Sie klappte es auf, drückte auf Start, doch es rührte sich nichts.

 

„Mist! Wahrscheinlich muss ein Startpasswort erfolgen. Was ich dich fragen wollte Nathaira, willst du immer noch Sex mit Piet haben?“

 

 

>Es macht mich neugierig. Obwohl du mir das bildhaft erklärt hast, finde ich es merkwürdig, dass diese paar Inch, die bei dir eingeführt werden, zur Glückseligkeit führen sollen.<

 

>Na ja, dies alleine macht es noch nicht. Es gehört auch das Streicheln dazu, das Küssen, eben all das was ich dir bereits beschrieben habe. Allerdings nützt es nichts, wenn der Mann nicht ebenso in dieser zärtlichen Phase ist. Deshalb ist ja Sex mit Gewalt so schlimm. Da geht in der Seele etwas kaputt. Wie läuft das denn bei euch ab?<

 

 

>Unsere Körper verschmelzen ineinander. Am besten gelingt es, wenn Frau und Mann jeweils auf einem Drachen sitzen und nebeneinander schwimmen. Dann entsteht ein Kraftfeld zwischen den beiden Drachen, in das wir uns hineinfallen lassen und miteinander verschmelzen.<

 

„Ach ist das romantisch.“, flüsterte Gael verträumt.

 

 

„Darf ich erfahren von was ihr sprecht?“, unterbrach die Stimme von Piet ihr Luftschloss.

 

Erschrocken fuhr Gael herum. Piet saß auf der Bettkante, blickte schelmisch zu ihr herüber.

 

„Es ging um romantischen Sex.“, sagte Nathaira schnell, weil sie spürte wie Gael nach einer Ausrede suchte.

 

 

„Tja, ob es so etwas noch gibt, in unserer schnelllebigen Zeit?“, sagte er mit verklärtem Blick.

 

>Ich verzichte zu deinen Gunsten Gael. Siehe ihn nur an. Mit ihm kannst du das erleben.<

 

„Aber verschmelzen wie bei euch, wird sich da nichts.“, stieß Gael hervor und blickte zugleich erschrocken drein, weil sie es laut ausgesprochen hatte.

 

 

Piet hob sogleich den Kopf. „Erkläre mir das bitte genauer. Was meinst du mit Verschmelzen?“

 

 

Und bevor Gael etwas sagen konnte, kam ihr Nathaira zuvor und erzählte Piet, wie Sex in ihrer Welt ablief. Kaum das sie geendet hatte, sprang Piet auf. „Das ist es!“, rief er begeistert aus, worauf Gael einen Schritt zurückwich.

 

„Nathaira, würdest du die Stelle im See wiederfinden, an der du zu Gael ins Wasser gesprungen bist?“

 

„Ja, kein Problem. Wieso?“

 

„Das will ich euch erklären. Wenn ein Energiefeld vom Drachen ausgeht, dann könnte es doch sein, das ein zweites Energiefeld vorhanden war. Entweder durch eine Erdmagnetader, oder ein zweiter Drache schwamm parallel zu euch. Gael befand sich genau im Focus des Magnetfeldes und als du zu ihr ins Wasser gesprungen bist, kam es zu einer Verschmelzung mit Gael. Du übernahmst den Körper von ihr und brachtest ihn schwimmend ans Ufer. Da aber dort kein weiteres Magnetfeld vorhanden war, konntest du Gael nicht mehr verlassen. Folglich ist die Aktion mit dem Hund zum Scheitern verurteilt. Denn das was stromführende Erdkabel an Elektromagnetfelder erzeugen, ist viel zu gering, zu dem von dem Hund. Nebenbeigesagt, ich hatte einen großen Hund mit zotteligem Fell, kurz auf dem Klinikgelände gesehen. Er lief aber sogleich weg.“

 

 

Nathaira schob sich in den Vordergrund. Ihre Stimme war um einiges tiefer, als die von Gael. „Bevor wir deine Idee testen, möchten wir Klarheit über dich erlangen Piet. Du hast uns zwar geholfen aus der Klinik zu entkommen, aber uns ist noch nicht das Motiv hierzu ganz klar. Machst du das aus Hilfsbereitschaft, oder steckt ein anderer Grund dahinter. Denn was wir hier in diesem Wohnmobil sehen, gehört bestimmt nicht zu der Ausstattung eines Campingfahrzeugs. Und was dich persönlich anbelangt, ein einfacher Soldat bist du nicht. Oder?“

 

 

Piet nickte leicht mit dem Kopf. Er hatte bereits mit dieser Frage gerechnet und vorab nach einer plausiblen Antwort gesucht, ohne die wahre Mission zu nennen. Doch den Hinweis vom Chefarzt, sie könne Menschen manipulieren, hatte er nicht als lapidar abgetan. Um jemanden geistig zu steuern, braucht es auch Zugang zu dessen Geist. Und einen verärgerten Alien, konnte er sich nicht leisten.

 

 

„Deine Vermutung ist richtig. Natürlich war ich Anfangs ein ganz normaler Soldat. Später kamen Fortbildungen hinzu und danach Versetzungen in verschiedene Abteilungen. Um es kurz zu machen, ich gehöre einer kleinen Sondereinheit an. Die spezialisiert ist, Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen.“

 

 

Gael nickte nun ihrerseits mit dem Kopf, dennoch sprach Nathaira aus ihrem Mund. „Was ist mit Außerirdisch gemeint?“

 

 

„Nun intelligente Lebewesen, die nicht von diesem Planeten Erde stammen, sondern ihre Heimat irgendwo im All haben.“

„Das trifft für mich dann nicht zu Piet. Meine Heimat ist Loch Ness und Umgebung.“

 

 

„Und wieso weiß niemand von euch?“, setzte Piet nach.

 

„Weil wir anders sind als ihr. Ihr könnt uns nicht direkt sehen. Dennoch leben wir hier.“

 

„Kleinen Moment Nathaira.“, sagte Piet, stand vom Bett auf, ging zum Notebook, drückte seinen Daumen auf ein Feld, worauf der Computer startete. Währenddessen sagte Gael gedanklich: >Ach so funktioniert das. Es braucht seinen Fingerabdruck.<

 

Piet aktivierte eine Satellitenansicht von Loch Ness und vergrößerte sie so weit, dass man die umlaufende Uferstraße und einige Häuser erkennen konnte.

 

„Schau her Nathaira. Sieht es bei euch so aus?“

 

 

Nathaira schüttelte den Kopf. „Das soll Loch Ness sein? Ich habe es noch nie von oben gesehen, denn bei uns gibt es keine Flugdrachen. Früher soll es die mal gegeben haben, aber das ist schon sehr lange her.“

 

„Verstehe.“, sagte Piet und zeigte auf die Straße und Häuser. „Erkennst du das?“

 

Abermals schüttelte Nathaira mit dem Kopf. „Das passt alles nicht. Auch fehlen die beiden Vulkane. Beim See hingegen, könnte es hinkommen.“

 

 

„Gut Nathaira. Als du mit Gael nach Inverness gefahren bist, hast du dich da nicht über die Straßen und Fahrzeuge gewundert?“

 

 

„Nein. Denn das kenne ich doch vom Sehen her.“

 

 

„Moment. Das muss du mir jetzt genauer erklären. Dort wo du herkommst, sieht es anders aus. Trotzdem ist dir unsere Welt vertraut. Wie funktioniert das?“

 

„Na wenn ich mit dem Drachen durch den See schwimme, dann kann ich das manchmal am Ufer sehen. Auch die Motor- und Segelboote.“

 

 

Piet nickte. „Ich möchte jetzt Gael sprechen. Als du auf dem Motorboot warst, ist dir da etwas ungewöhnliches aufgefallen?“

 

 

Sie zuckte mit den Schultern. „Nein. Außer eben die plötzlich auftretenden hohen Wellen.“

 

 

„Loch Ness ist bekannt dafür, dass es immer mal wieder zu ungewöhnlichem Wellengang kommt. Das hängt mit seiner Geographie zusammen, wodurch Passatwinde entstehen.“

 

„Ich weiß Piet. Aber diese Wellen waren viel höher, so wie auf dem Meer.“

 

„Mhm. Nathaira, hatte jemand von deinem Volk schon mal direkten Kontakt mit den Menschen gehabt, so wie du jetzt?“

 

 

„Nein, darüber ist mir nichts bekannt. Und wir wollen auch keinen weiteren Kontakt haben. Ich bin froh wenn ich wieder hier heraus bin. Doch bevor das geschieht, kann ich mich darauf verlassen, von dir nicht gefangengenommen zu werden?“

 

 

„Selbstverständlich. Wir wollen niemanden fangen, sondern suchen den friedlichen diplomatischen Kontakt. Ok, da ihr diesen Wunsch nicht habt, wird es bei dieser einmaligen Begegnung bleiben. Das muss ich akzeptieren.“

 

 

>Emotional ist er schwer einzuschätzen.<, sagte Nathaira gedanklich zu Gael.

 

>Vielleicht haben die ihm das in der Armee alles weg trainiert. Damit er wie eine Maschine Befehle ausführt.<, erwiderte Gael und setzte nach kurzem Zögern hinzu: >Ich vermisse dich jetzt schon Nathaira. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine enge Freundin gehabt wie dich. Der man alles erzählen kann und die all das auch versteht und mitfühlt.<

 

 

> Ich will dich nicht enttäuschen Gael, aber mir blieb nichts anderes übrig. Dennoch habe ich dich gefährlichen Situationen ausgesetzt. So war mir nicht bewusst, das Nacktheit in der Öffentlichkeit strafbar ist und man deswegen gleich in eine Klinik gesperrt wird.<

 

 

>Ich hätte es ja nicht machen brauchen. Aber ich dachte, für den kurzen Moment wird es gehen. Jetzt wissen wir es. Aber ich verstehe auch dich Nathaira, dass du wieder frei sein willst. Ich danke dir, dass du mir die Lenkung des Körpers gelassen hast. Und nun lass uns zur Tat schreiten. Kannst du den Drachen rufen?<

 

 

>Nur den Wasserdrachen. Die Landdrachen hören nicht auf den Ruf.<

 

>Ich dachte du bist die Drachenprinzessin und das alle Drachen auf dich hören?<

 

 

>Nein so läuft das nicht. Die Drachen wählen jedes Jahr ein Mädchen aus unserem Volk, zur Drachenprinzessin aus. Je nach Gattung, also Wasserdrache oder Landdrache, muss die Prinzessin sämtliche Aufgaben gelöst und bestanden haben. Erst danach wird sie im Hof der Drachenkönigin aufgenommen. Dort muss sie viel lernen und wenn sie diese Aufgaben alle besteht, wird sie zur Kronprinzessin ernannt und wird eines Tages, den Thron der Drachenkönigin besteigen. Bis jetzt ist es allerdings noch keiner Prinzessin gelungen, sämtliche Aufgaben zu erfüllen.<

 

 

„Wie nennt ihr euch. Ich meine wie lautet der Name des Volkes von dem du abstammst?“

 

 

Gael machte große Augen und Nathaira sprach es aus: „Wie kommst du auf diese Frage Piet. Hast du etwa unser Gespräch belauscht?“

 

 

Er blickte sie irritiert an und Nathaira erkannte, dass seine Frage einen anderen Grund hatte. Wenn schon kein Kontakt, dann wollte er soviel Informationen sammeln wie möglich.

 

„Lass es bei dem bewenden, wie es ist Piet. Wir wollen keinen Kontakt zu eurer Armee oder Regierung. Und je weniger du weißt, umso sicherer sind wir vor euch.“

 

„Na gut. Eine letzte Frage Nathaira. Schwimmt ihr mit den Drachen immer im Loch Ness herum?“, er winkte sogleich mit der Hand ab. Vergiss die Frage. Lass uns das Frühstück einnehmen. Wenn du Duschen willst, dann bitte.“

 

 

Sie verzichtete auf das Duschen, was für ihn auch galt. Er nahm das Notebook vom Tisch, stellte Tassen und Teller drauf, holte aus dem Kühlschrank Esswaren. Schweigend aßen sie, während in Piet der Verstand auf Hochtouren lief. Nach allem was er zu hören bekommen hatte, reichte es nicht für den Verdacht aus, dass Nathaira ein Alien wäre. Vielmehr drängte sich der Gedanke durch, dass Gael doch an einer multiplen Persönlichkeitsstörung litt. Und er stellte sich die Frage, wenn ihm das vorher zur Gewissheit geworden wäre, ob er sie dann ebenfalls aus der Klinik befreit hätte?

 

 

Gael beobachtete ihn, sah wie seine Kaubewegungen verlangsamten und schließlich ganz zum Erliegen kamen, ohne das eine Schluckbewegung erfolgte. Nathaira hatte sich indessen zurückgezogen, benutzte nicht die Sinnesorgane von Gael, sondern streckte ihre eigenen Antennen aus. Und das was sie von Piet empfing, machte sie traurig.

 

 

Die Antwort lautete Nein und sie schmerzte zugleich. Dann würde Gael nämlich Opfer einer Vergewaltigung geworden sein. Und man würde ihr nicht glauben, wenn sie Anzeige erstatten wollte. Man würde sie weiterhin mit Psychopharmaka ruhig stellen und sich weiterhin an ihr sexuell vergehen.

 

Abrupt erhob er sich, entsperrte die Tür, zog sie mit einem Ruck auf und spuckte das Durchgekaute in hohem Bogen aus. Er spürte das leichte Zittern am Solarplexus, ein sicheres Zeichen, dass er emotional noch nicht abgestorben war. Für Gael war er ein reiner Glücksfall und der wollte er für sie auch weiterhin bleiben.

 

 

„Warum lügst du uns an Piet?“, hörte er hinter sich die Stimme von Nathaira. Er drehte sich um, blickte Gael verwundert an. „Ich belüge euch doch nicht.“

 

„Doch das tust du. In einem fort lügst du.“, beharrte Nathaira.

 

 

Piet widersprach, doch Nathaira blieb dabei. Gael hingegen wusste nicht was das sollte, doch Nathaira forderte sie auf nichts zu sagen. Nach einigen Minuten der Beschuldigung, wurde Piet zornig. Es war nur ein kleiner emotionaler Ausrutscher, doch es war einer zu viel, was ihn ärgerte.

 

„Wie fühlt man sich Piet, wenn man für etwas beschuldigt wird, was man nicht getan hat?“, fragte Nathaira.

 

 

Misstrauisch blickte er sie an. „Es ist kein schönes Gefühl. Es bringt Aufruhr.“, gab er zu.

 

„Siehst du Piet und genauso ergeht es Gael, beschuldigt zu werden verrückt zu sein.“

 

„Das habe ich nicht gesagt.“, begehrte Piet auf.

 

„Nein, aber beim Essen hast du es gedacht. Nur weil du keine wissenschaftliche Beweise für meine Existenz findest, verfällst du dem primitiven Denken, dann muss Gael krank sein. Schäme dich!“

 

 

Er hatte sie unterschätzt und nicht nur sie, sondern auch Gael und die ganze Situation. Doch diese Nathaira hatte wesentlich mehr auf der Pfanne, als sie gewillt war zu zeigen. Er betrat wieder den Wagen und entschuldigte sich bei Gael und Nathaira für seine Gedanken. Und weil sie beide daraufhin schwiegen, nahm er den EMF Scanner heraus und erklärte, dass er das elektromagnetische Feld von Gael messen wolle. Um einen Startwert zu erhalten, nahm er draußen die Messung bei sich selbst vor. Sie war so gering, das kaum der Zeiger ausschlug. Daher setzte er eine untere Frequenz ein, wodurch immerhin eine 0,1 herauskam.

 

Gael musste ebenfalls das Fahrzeug verlassen, damit es zu keiner Fehlmessung durch die Geräte kam. Bei der unteren Frequenz schlug der Zeiger bis zum Anschlag aus und die nächst höhere Frequenz, reichte auch noch nicht aus. Schließlich landete er in einem Bereich, der bereits zum sichtbaren Licht gehörte, sofern man das entsprechende Gerät benutzte. Ultraviolett!

 

 

Kapitel 5

 

 

 

 

Nach weiteren zwei Stunden elektromagnetischer Messungen, wobei Piet feststellte, dass bei Gael – Nathaira das Ultraviolette am Anfang dieses Spektrums stand, unterbrach Nathaira seine Tätigkeit.

 

 

„Hast du jetzt nicht schon genug Beweise über mich gesammelt? Ich bin es leid Gael und mich als wissenschaftliches Objekt zu wissen. Ich will nach Hause! Und du hattest die Idee mit dem See gehabt. Lass uns ein Boot mieten und zu dieser Stelle fahren. Bitte!“

 

 

„Wirst du diese Messergebnisse an deine Forschungsabteilung weiterleiten?“, fragte Gael.

 

 

Piet blickte sie einige Sekunden lang an, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Außer uns wird niemand darüber etwas erfahren. Gut dann steig ein, wir fahren zu einem Bootsverleih.“

 

 

Gael saß diesmal mit vorne. Es wunderte sie, dass man trotz der fast schwarzen Färbung der Windschutzscheibe, klar und deutlich alles sehen konnte. Piet erklärte ihr, das die Färbung nur als Sichtschutz diene, damit man von außen nicht ins Wageninnere blicken kann. Auch dann nicht, wenn man ganz nahe heran geht, oder mit einer Taschenlampe hineinleuchtet.

 

Danach schwiegen sie eine Weile und als Piet kurz mal zu ihr hinschaute, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Er verkniff sich die Frage, wer von beiden weinte. Das spezielle Navi zeigte zwei Meilen voraus einen Bootsverleih an. Und als sie kurz davor waren, sagte Gael: „Da bitte nicht. Bei denen hatte ich das Motorboot geliehen. Ich weiß nicht was aus dem Boot geworden ist. Womöglich ist es kaputt.“

 

 

Piet nickte, drückte eine Taste auf dem Navi. Der nächste Bootsverleih lag fünf Meilen weiter. Allerdings gäbe es dort nur geführte Fahrten mit Kapitän. Das galt auch für weitere Bootsverleiher.

 

 

„Tut mir leid Gael. Der hier scheint der einzige zu sein, der Boote an Selbstfahrer vermietet. Mache dir keine Sorgen, ich regel das.“

 

 

Er fuhr auf das Gelände, hielt am Parkplatz. Gael war gerade im Begriff auszusteigen, da sagte Piet: „Schnell, gehe nach hinten, da kommt eine Polizeistreife. Die müssen dich nicht unbedingt sehen.“

 

Er hatte das Polizeifahrzeug bereits auf der Straße im Außenspiegel gesehen und gehofft sie würden weiterfahren. Aber diesen Gefallen taten sie ihm nicht. Sie stellten ihren Wagen quer zum Cliff 600 und stiegen aus. Piet blieb ruhig sitzen, beobachtete aber jede ihrer Bewegungen. Auch Gael tat dies und erschrak, als einer von denen sein Gesicht dicht an die Seitenscheibe drückte.

 

Bis jetzt sah Piet noch keinen Grund sich bemerkbar zu machen. Das änderte sich allerdings, als die beiden Konstabler den Wagen umrundeten und die schwarze Frontscheibe entdeckten. Der eine von ihnen trat an die Fahrerseite, klopfte mit der Hand gegen die dunkle Seitenscheibe. Piet öffnete die Tür einen Spaltbreit.

 

 

„Was gibt es?“, fragte er ruhig.

 

 

„Steigen Sie bitte aus dem Wagen aus.“, forderte der Konstabler.

 

Piet öffnete die Tür weiter, blieb aber sitzen. „Um was geht es?“, fragte er noch einmal.

 

„Steigen Sie bitte aus.“, forderte der Polizist und wurde aschfahl im Gesicht, als er in den Lauf einer Maschinenpistole blickte. „Zeigen Sie mir ihre Dienstausweise. Aber bitte keine hastigen Bewegungen.“, sagte Piet diesmal leise, dennoch mit scharfem Unterton.

 

Die Polizisten kamen der Aufforderung nach, gaben Piet ihre Dienstausweise, die er an Gael weiterreichte. „Überprüfe das bitte.“

 

Gael nahm sie zwar in die Hand, doch Nathaira sagte in Gedanken: >Tue so als ob. Ich weiß was Piet vor hat.<

 

 

So ließ Gael zwei Minuten verstreichen und reichte die Ausweise wieder Piet, der sie an den Polizisten weiter gab. „Die Dokumente sind in Ordnung. Und hier ist mein Dienstausweis.“, sagte er ruhig und hielt ihnen den Sonderausweis hin. Ob sie wirklich alles lasen, war nicht ersichtlich, denn automatisch standen sie stramm, legten die Hand an ihre Mützen. „Verzeihen Sie Sir. Das konnten wir nicht wissen. Verzeihen Sie!“

 

Piet nickte und die beiden Konstabler flitzten zu ihrem Wagen, stiegen ein und fuhren rasch vom Parkplatz. Piet atmete erleichtert auf. Das war die Feuertaufe mit diesem Sonderausweis.

 

„Komm Gael, lass uns zum Verleiher gehen. Und keine Angst, wenn er dich wiedererkennt und etwas wegen dem Boot sagt, dann lass mich das regeln.“

 

 

Der Mann mit dem grauen Backenbart schien ein gutes Personengedächtnis zu haben, denn kaum das sie den Laden betraten, in dem neben Bootszubehör auch Anglerausrüstungen angeboten wurden, zeigte er mit ausgestreckten Arm auf Gael.

 

„Sie!“, stieß er sogleich aufgebracht hervor. „Das Sie es überhaupt noch wagen her zu kommen!“

 

„Dann kann ich ja wieder gehen!“, konterte Gael, doch in Wirklichkeit hatte Nathaira gesprochen.

 

„Nichts da, hier geblieben! Sie werden mir den Schaden für das Boot ersetzen! Springt einfach ins Wasser und lässt das Boot mit laufenden Motor führerlos weiterfahren. Aber das sage ich Ihnen, dass kommt Sie teuer zu stehen! Jefferson komm doch mal!“

 

 

Aus dem hinteren Bereich des Ladens, tauchte ein kräftiger Mann auf, der Piet an die Muskelmänner der Klinik erinnerte. Der Bärtige setzte ihn in Kenntnis der Lage und zeigte auf Gael. „Halte sie fest, damit sie ja nicht entkommt. Ich rufe die Polizei an!“

 

 

Der Muskelmann trabte auf Gael zu, als Piet sich ihm in den Weg stellte und ihm einen Ausweis unter die Nase hielt. „Keinen Schritt weiter, sonst muss ich Sie sofort festnehmen.“

 

Der Muskelmann starrte auf den Ausweis, wie jemand der des Lesens unkundig ist. Dennoch blieb er stehen und blickte zu dem Bärtigen. Piet ließ den Männern keine Zeit für weitere Aktionen. Er wandte sich dem Bärtigen zu.

 

„Gehe ich in der Annahme richtig, dass Ihre Boote versichert sind?“, fragte Piet.

 

Der Bärtige nickte stumm. Und Piet setzte fort: „Dann ist der Schaden bestimmt von der Versicherung gedeckt worden. Weshalb die Forderung an meine Mitarbeiterin nicht rechtsgültig ist und einem Betrugsversuch gleich kommt. Was haben Sie dazu zusagen!“

 

 

„Ja schon, aber der Geschäftsverlust wurde nicht von der Versicherung getragen. Immerhin hat die Reparatur des Rumpfes vier Wochen in Anspruch genommen.“

 

 

„Ich verstehe Sie. Dennoch ist die Art wie Sie meiner Mitarbeiterin gegenübertreten, als Bedrohung einzustufen. Womit meine Behörde Sie zur Rechenschaft ziehen wird. Bedrohung einer Amtsperson, Behinderung im Dienst, das macht nach bisherigen Erfahrungen, eine hohe Geldstraße und einige Monate Gefängnis. Und nur mal so zur Information, meine Kollegin ist nicht ins Wasser gesprungen, sondern durch Wellengang vom Boot gefallen. Somit ist es ein Unfall und keine mutwillige Aktion gewesen. Zeigen Sie mir dieses Boot!“

 

 

>Das wird hier nichts.< , sagte Nathaira gedanklich zu Gael.

 

 

Sie folgten dem Bärtigen zu den Anlegestegen, an denen offene Boote mit Elektromotor vertäut lagen. Der Bärtige zeigte auf eines dieser Boote, woraufhin Piet sagte: „Kein Wunder bei diesen Nussschalen. Wenn da nur kleine Wellen aufkommen, kann man schon über Bord gehen. Zeigen Sie mir die Technische Überwachungspolice. Sie haben doch dergleichen?“

 

 

Es ging wieder in den Laden zurück, der Bärtige holte einen Aktenordner und entnahm ihm ein Dokument. Piet überflog es und tippte mit dem Finger auf eine Klausel. „Hier steht klar und deutlich, dass diese Boote nur bei ruhigem Wetter verliehen werden dürfen. Anderenfalls machen Sie sich als Bootsverleiher strafbar. Es sei denn, der Kunde unterschreibt einen Zusatzvertrag, indem er trotz Mahnung des Vertreibers, auf eigene Gefahr, mit dem Boot auf den See fährt.

 

Als meine Kollegin das Boot bei Ihnen mietete, herrschte nachweislich windiges Wetter und entsprechender Wellengang vor. Hat sie diesen Zusatzvertrag bei Ihnen abgeschlossen?“

 

Der Bärtige inzwischen blass im Gesicht, schüttelte den Kopf. Worauf Piet nachlegte: „Wir werden uns überlegen, ob gegen Sie ein Strafverfahren eingeleitet wird. Sie hören von uns. Guten Tag!“

 

 

Zurück im Wagen, platzte Gael heraus: „Was hast du dem denn für einen Ausweis gezeigt?“

 

„Einen von der Gewerbeaufsichtsbehörde.“, sagte Piet locker.

 

„Aber du gehörst doch nicht dieser Behörde an. Hast du noch mehr Ausweise?“, fragte Gael.

 

„Ja noch so einige. Aber das ist jetzt unwichtig, wir müssen einen anderen Bootsverleih ausfindig machen.“

 

 

„Nein!“, sagte Nathaira mit tieferer Stimme. „Erst möchte ich Klarheit über dich haben Piet. Du verfügst über einige Behördenausweise, obwohl du nicht dort tätig bist. Kann es sein, dass dein Name auch nicht stimmt. Das du ein ganz anderer bist? Denn bei dem was ich hier alles gesehen habe, kommen Zweifel in mir auf, dass es nur um einen friedlichen Kontakt geht. Zu was braucht es dann Waffen?“

 

 

Piet spürte körperlich das Misstrauen. Und ebenfalls spürte er, wie Gael sich zurückzog. Er war zu leichtsinnig bei diesem Auftrag vorgegangen. Allerdings war es auch das erste Mal, mit einem echten Alien in Kontakt zu stehen. Es sei denn, Nathaira war doch nur eine Persönlichkeitsspaltung. Verflixt noch mal, diese Ungewissheit zerrte an seinen Nerven. Denn noch nie wurden Patienten mit EMF vermessen. Was ist, wenn alle Patienten mit dieser Persönlichkeitsstörung, im UV Licht strahlten?

 

 

„Mein Name ist echt. Und was die Waffen und alles andere betreffen, es gehört zur Standardausrüstung. Um für alle erdenklichen Gegebenheiten gewappnet zu sein.“

„Mein Austritt wird ohne dich erfolgen Piet!“, sagte Nathaira hart.

 

 

„Das geht nicht. Ich habe Gael versprochen auf sie aufzupassen. Sollte außerdem der Austritt im Wasser erfolgen, bedenke bitte, Gael kann nicht schwimmen. Aber selbst ein geübter Schwimmer, bekommt bei diesen niedrigen Wassertemperaturen Schwierigkeiten. Zur Zeit hat der See eine Wassertemperatur von 48,2 Grad Fahrenheit. In Celsius wären das 9 Grad. Ohne Warmtaucheranzug ist da nichts zu machen.“

 

 

Gael blickte ihn musternd an und Piet wich ihrem Blick nicht aus. Sie sah verdammt süß und sexy aus, mit diesem hellen Minikleid und den Wadenstiefeln. Und er wünschte, ihrer Begegnung läge ein anderer Grund vor.

 

 

„Bist du dir eigentlich bewusst, dass ich dich blockieren kann?“, Sagte Nathaira drohend.

 

„Ich verstehe dass du Angst hast Nathaira. Aber ich bin nicht dein Feind. Ich will dir helfen. Aber dazu musst du mich auch machen lassen. Apropos Blockieren! Wieso konntest du den Pfleger in der Klinik nicht blockieren?“

 

„Weil der Körper von Gael nicht mehr richtig funktionierte. Schon vergessen, ich sitze mit drinnen. Wäre ich nur von außen angehaftet, hätten die in der Klinik keine Gewalt über Gael gehabt.“

 

 

„Verstanden. Und wie geht es jetzt weiter?“

 

„Es darf kein anderer Mensch zugegen sein. Ich willige deine Hilfe ein. Aber es dürfen keine Waffen, keine Kameras und keine Messgeräte mitgenommen werden. Und bitte versuche nicht zu schummeln, ich merke dies.“

 

„Ok versprochen. Dann setz dich auf den Sitz neben mich. Ich werde ein Schlauchboot mit Motor kaufen. Danach wird Gael einen Warmtaucheranzug anziehen und eine Schwimmweste anlegen. Brauchst keine Angst haben Gael. Falls der Austritt im Wasser erfolgen muss, werde ich mit im Wasser sein. Dir geschieht nichts.“

 

 

Er fuhr los und hielt auf den nächsten größeren Bootsverleih zu. Vielleicht war ein Kauf gar nicht nötig. Noch besser wäre natürlich ein Kajütboot. Dort könnten die Messgeräte? Verdammt!, fluchte er innerlich. Er hatte dem nur zugestimmt, um Gael nicht zu gefährden.

 

„Auf den EMF Scanner kann ich nicht verzichten. Wie soll ich denn in Erfahrung bringen, ob es dort eine unterirdische elektromagnetische Quelle gibt?“

 

 

„Gib dir keine Mühe Piet, ich bleibe dabei, keine Messgeräte.“, antwortete Nathaira mit Nachdruck.

 

 

Innerlich grummelnd, schwieg Piet. Mit Nathaira war eine Veränderung vorgegangen. Sie wirkte aggressiver. Er musste vorsichtiger werden. Nicht dass sie Gael noch etwas antat. Wie wird es überhaupt sein, wenn sie nicht mehr in dem Körper sitzt. Wird Gael sich erinnern, oder vielleicht sogar ins Koma fallen? Danach fragen brachte nichts. Zum einen könnte Gael in Panik verfallen, zum anderen wird es Nathaira selbst nicht wissen. Schließlich war es für sie auch das erste Mal, in einem bewohnten Körper einzutauchen.

 

 

Sea Cruisers 1 Meile, stand auf einer großen Werbetafel. Er blickte zu Gael, die starr nach vorn schaute.

 

„Nathaira. Kannst du von hier aus erkennen, wo ungefähr die Position liegt?“, fragte Piet.

 

„Nein, das geht nur vom Wasser aus.“

Er hatte mit dieser Antwort gerechnet. „Dann werden wir mit einem Schlauchboot nicht weit kommen. Immerhin ist der See an die 60 Kilometer lang, oder 37 Meilen.“

 

 

„Na gut Piet, dann besorge ein größeres Boot.“, willigte Nathaira ein.

 

„Bist du sauer auf mich?“

 

>Was meint er damit?<, fragte Nathaira in Gedanken.

 

>Ob du ihm böse bist.< , antwortete Gael.

 

>Sag ihm folgendes:<

 

„Sie ist traurig, weil sie sich an mich und auch an dich gewöhnt hat. Anderenteils freut sie sich wieder selbst zu sein. Mir geht es ebenso. Schade das es danach keinen Kontakt mehr geben wird.“, sagte Gael und konnte das Aufschluchzen nicht verhindern.

 

 

Das Unternehmen Sea Cruisers, bot große und kleinere Boote an, wobei bei den größeren auch ein Steuermann gebucht werden konnte. Piet entschied sich für die Isle of Skye Klasse für 2 Personen. Die Sache hatte allerdings einen kleinen Haken, die Buchung erfolgte generell über Reservierung. Spontane Kurztrips wären nicht möglich.

 

 

„Gael du bist von dem anderen Bootsverleiher mit dem Elektroboot gefahren. Kannst du dich erinnern, ob du bis hierher gekommen bist, oder sogar weiter? Bitte denke nach.“

 

„Ich weiß nicht mehr.“, sagte sie und brach unverhofft in Tränen aus. Piet nahm sie in den Arm. „Ruhig Gael, ganz ruhig, wir schaffen das noch heute.“

 

Die Angestellte vom Service blickte ratlos drein und Piet setzte alles auf eine Karte.

„Ich möchte jemanden von der Geschäftsleitung sprechen. Ist das möglich?“

 

Die Angestellte blieb freundlich. „Da wird man Ihnen auch keine andere Auskunft geben können. Diese Bootsklasse ist reserviert und die Kunden kommen bereits morgen.“

 

 

„Na dann gibt es doch kein Problem. Hören Sie, ich brauche das Boot höchstens für vier Stunden. Wahrscheinlich wird es weniger Zeit sein. Wie viel wollen Sie dafür haben, 2.000 Pfund, 3.000 Pfund? Nennen Sie mir Ihren Preis und sie erhalten ihn.“

 

 

Nun wurde die Angestellte unsicher. „Kleinen Moment, ich komme gleich wieder, muss nachfragen.“, sagte sie und verschwand hinter einem Vorhang.

 

Gael hatte sich wieder beruhigt und Nathaira fragte: „Warum zeigst du nicht einen deiner Ausweise?“

 

„Weil wir in einer geheimen Mission unterwegs sind. Was glaubst du was passiert, wenn ich mich mit meiner wahren Identität ausweise. Da wird man sofort eine Sensation wittern und wir wären nicht mehr allein auf dem Wasser.“

 

„Oh, daran habe ich nicht gedacht. Gael hat mir von diesem Ungeheuer von Loch Ness erzählt. Meint man damit etwa meine Wasserdrachen?“

 

Piet zuckte mit den Schultern. „Wenn man sie sehen kann, könnte es gut möglich sein.“

 

 

„Nein wirklich sehen könnt ihr die Drachen nicht. Ebenso wenig mich. Aber es wäre gut möglich, dass man die Wellen sieht.“

 

„Die so hoch sind wie auf dem Meer.“, ergänzte Gael.

„Hört zu. Wenn das hier nicht klappt, dann order ich über Funk ein Schlauchboot mit Motor. Man wird es mit einem Helikopter bringen. Allerdings ist dann die geheime Mission geplatzt. Wir müssen dann nur schneller sein, bevor die sensationslüsterne Meute uns einholt.“

 

 

>Muss das denn heute sein Nathaira?< , fragte Gael in Gedanken.

 

>Nach Möglichkeit ja. Denn es fällt mir bereits schwer meine Fähigkeiten zurückzuhalten. Ich möchte nicht, das dein Körper dadurch Schaden nimmt.<

 

Gael erzählte es Piet. „Ja ich habe so etwas ähnliches befürchtet. Nicht aus Wissen, sondern aus einem Bauchgefühl heraus.“

 

„Dann kannst du ja doch Emotionen haben?“, staunte Gael.

 

„Ja natürlich. Wieso, dachtest du ich hätte keine? Ich bin nur darauf trainiert, ihnen nicht die Vorherrschaft zu überlassen, wenn Vernunft gefordert ist.“

 

 

Ein Mann mit gebräuntem Gesicht kam hinter dem Vorhang hervor. Er stellte sich als stellvertretender Geschäftsführer vor. Piet machte sogleich sein Angebot, doch der Mann lehnte mit dem Argument ab, dass eine anschließende Neureinigung des Bootes viel Zeit in Anspruch nehmen täte, die man nicht habe. Plötzlich krümmte Gael sich zusammen. Sofort war Piet bei ihr.

 

„Hast du Schmerzen?“

 

„Nein. Sie spürt das sie da sind und nach ihr suchen.“

 

„Ok! Sie wollen es nicht anders.“, sagte Piet, holte den Sonderausweis hervor und hielt ihm dem Mann vor das Gesicht. „Hiermit ist das Boot mit der Nummer sieben konfisziert! Händigen Sie mir den Schlüssel aus!“

 

Der Mann trat einen Schritt zurück, wedelte abwehrend mit den Händen. „Ich denke gar nicht daran! Was soll das denn heißen, wer sind Sie überhaupt?“

 

„Steht alles auf dem Dienstausweis. Machen Sie keine Schwierigkeiten, es handelt sich um einen Notfall! Und nun her mit den Schlüsseln!“

 

„Da kann ja jeder kommen und behaupten, er wäre vom militärischen Geheimdienst.“, wehrte der Mann ab.

 

 

„Nicht Nathaira!“, rief Piet, denn er spürte eine Energiewelle von Gael ausgehen. Doch es war schon zu spät. Der Mann taumelte plötzlich, zeigte hierbei auf das Schlüsselbrett, drehte sich um und verschwand hinter dem Vorhang.

 

Piet flankte über den Tresen, nahm den Schlüssel Nummer sieben vom Schlüsselbrett, sprang auf gleiche Weise zurück, griff Gael bei der Hand und verließ mit ihr eiligst den Serviceraum.

 

 

„Jetzt muss es schnell gehen. Nathaira reiß dich zusammen!“, rief er ihr zu und zottelte sie hinter sich her. Am Wagen angekommen, öffnete er mit einem Ruck die Seitentür, stieg mit Gael ein. Aus einem Fach entnahm er zwei schwarze Bündel, drückte sie Gael in die Hand. Aus einem anderen Fach holte er eine Schwimmweste, öffnete danach eine Bodenklappe und holte eine Sauerstoffflasche mit Atemgerät heraus. Zum Schluss griff er nach dem Satellitentelefon, schob Gael aus dem Wagen, zog die Tür zu, sicherte sie mit dem Daumenabdruck und trieb zur Eile an.

 

 

Gehetzt erreichten sie die Bootsstege, an denen vor jedem Boot ein Nummernschild angebracht war. Nummer Sieben lag ganz am Ende. „Kannst du Kontakt aufnehmen?“, fragte er Nathaira.

 

„Ja!“, kam es aus dem Mund von Gael.

„Dann sage den Drachen, es sollen zwei parallel schwimmen, mit ausreichendem Abstand für das Boot.“

 

Sie erreichten Nummer sieben, Piet half Gael beim Einsteigen, folgte ihr, legte die Sauerstoffflasche ab, stieg wieder aus, löste die Taue, stieß das Boot ab und sprang mit einem Satz an Bord. Der Ruderstand befand sich Innen. Piet steckte den Zündschlüssel ein, zog an einem Hebel und der Motor sprang an. Sofort drehte er am Ruderrad und gab langsam Gas. Kaum das er den kleinen Hafen verlassen hatte, sagte Nathaira: „Nach rechts, du musst nach rechts in die Mitte fahren!“

 

 

Piet tat es, hielt mit einer Hand das Ruder und drehte sich zu Gael um. Ziehe diesen Taucheranzug an. Er ist wie ein Overall. Und mir reichst du bitte den anderen Taucheranzug.“

 

Mit einer Hand das Ruder haltend, zog Piet seinen Taucheranzug an, ließ das Ruder los, um die Verschlüsse zu schließen. Danach griff er wieder zum Ruder, korrigierte die Richtung, ließ abermals los und verschloss den Taucheranzug von Gael. Danach legte er ihr die Schwimmweste mit der Halswulst um, zog die Halterungen fest.

 

 

„Du brauchst keine Angst zu haben. Die Schwimmweste hält dich über Wasser.“

 

Abermals korrigierte er die Richtung, ließ das Ruder wieder los und schnallte die Sauerstoffflasche auf den Rücken. Die Atemeinheit baumelte vor seiner Brust. Schwimmflossen brauchte es nicht, denn die gab es an den Fußteilen der Taucheranzüge. Sie waren kürzer als normale Schwimmflossen und hatten auch eine andere Form.

 

 

Gael saß auf einer Bank, blickte ihn mit großen Kulleraugen an. Sie konnte es nicht fassen, wie schnell das alles gegangen war. „Halte weiter auf die Mitte zu Piet.“, sprach Nathaira aus Gaels Mund.

 

Kleine Wellen kräuselten auf der ansonsten ruhigen Wasseroberfläche. Piet lenkte das Boot in die angegebene Richtung.

 

 

„Jetzt müssen wir Abschied von einander nehmen.“, begann Nathaira. „Ich danke dir Gael, für die wundersamen Erfahrungen in deiner Welt. Ich danke auch dir Piet für deine Hilfe.“

 

„Und ich verdanke dir mein Leben Nathaira. Denn ohne dich wäre ich bereits tot. Danke, ich habe dich lieb.“

 

 

Was Nathaira darauf erwiderte, entzog sich Piet. Aber nach dem Gesichtsausdruck von Gael zu urteilen, musste es etwas sehr schönes sein. Danach sprach nur noch Gael. „Wenn es soweit ist, versucht Nathaira direkt herauszugehen. Sollte es nicht klappen, dann muss ich ins Wasser. Aber sie versicherte mir, dass sie dann noch in mir ist und meinen Körper steuern wird. Du sollst dann nachkommen, aber nicht mit mir zusammen ins Wasser springen.“

 

 

„Ja, alles klar.“, sagte Piet. Nach außen hin wirkte er ruhig, doch innerlich waren seinen Nerven zum Zerreißen gespannt. Denn bei allem Ungewöhnlichen, von dem er schon so einiges erlebt hatte, bevor er Gael begegnete, blieb ein kleiner Restzweifel übrig, der mit einem Gefühl einherging, etwas Wichtiges zu übersehen. Doch die Ereignisse ließen ihm keine Zeit, weiter darüber nachzugrübeln.

 

 

Denn plötzlich erhob sich Backbord ein Wellenberg und Steuerbord ebenfalls, die fast die Höhe des Bootes erreichten. Sogleich kam der Gedanke an einen Buckelwal auf, doch kein Tierleib durchbrach die Wassermassen. Die Wellenberge zeigten eine scharfe Begrenzung zum übrigen Wasser, ohne ihre Fließeigenschaften zu verlieren. Piet drosselte den Motor, als sich voraus ein Wellental bildete, von dem das Boot unweigerlich herabgezogen wurde. Piet stellte den Motor aus, hielt das Ruderrad mit beiden Händen fest umklammert, als Gael sich auf den Boden warf, unartikulierte Laute von sich gab und hierbei mit den Armen und Beinen um sich schlug.

 

 

Piet ließ das Steuer los, wollte Gael zur Hilfe kommen, denn in diesem Moment wusste er, was dieses unbestimmte Gefühl bedeuten könnte. Er kannte es zwar nur aus Büchern, aber was er hier sah, entsprach genau den Beschreibungen, wenn ein Dämon sich weigert aus einem fremden Körper auszutreten. Er zerrt dann den Wirtskörper hin und her.

 

Ebenso gut konnte es aber auch ein epileptischer Anfall sein. Denn die Symptome von beiden Ereignissen waren fließend und schwer zu unterscheiden. Piet kniete neben Gael, hielt mit einer Hand ihr Bein fest, als ihn plötzlich ein heftiger Fausthieb an der Brust traf, der ihn bis zum Ruderrad zurückschleuderte. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg und farbige Ringe tanzten vor seinen Augen. Instinktiv stemmte er sich gegen diese Benommenheit, und als er wieder klar sehen konnte, war Gael verschwunden.

 

 

Der erste Schreck darüber, ging mit einer Panikwelle einher, wie er sie so noch nie erlebt hatte. Verstand, Vernunft und logisches Handeln, taten sich schwer dagegen anzukämpfen. Wertvolle Sekunden gingen verloren, bis er in der Lage war, die Taucherbrille aufzusetzen, die über eine Minivideokamera verfügte. Geduckt lief er zum Heck, ging auf die Knie, klammerte sich an der Reling fest. Das Boot schwankte auf und nieder, neigte sich auch gefährlich zur Seite. Für dergleichen Seegang, war dieses Fahrzeug nicht geschaffen. Suchend blickte er über das aufgewühlte Wasser, konnte aber nirgends die signalrote Schwimmweste entdecken.

 

 

Auf Knien rutschend, hangelte er sich an der Reling zum Bug hin. Immer wieder neigte das Boot sich auf die Seite, drohte zu kentern. Seine Armmuskeln schmerzten bereits, als plötzlich alles wie in Zeitlupe ablief. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er den Bug erblickte. Dort stand Gael aufrecht mit leicht gegrätschten Beinen, ohne auch nur einen Inch zu wanken. Soeben legte sie die Schwimmweste ab, hob beide Arme nach oben. Ihr blondes Haar flatterte wie eine Fahne im Wind und Piet hörte sich selbst schreien: „Niiicht Gaeel!“

 

 

Die beiden Wasserberge strömten voraus, als plötzlich ein dritter Wasserberg direkt vor dem Bug auftauchte. Gael drehte sich halb zu Piet herum. In ihren Augen lag ein schimmernder Glanz. „Ich komme wieder!“, rief sie ihm zu, setzte einen Fuß auf die Reling, stieß sich ab und sprang auf den Wasserberg, in den sie augenblicklich eintauchte.

 

Piet brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich begriff und über Bord sprang. Die Sicht unter Wasser war miserabel, dennoch meinte er voraus einen länglichen Schatten zu erkennen. Mit kräftigen Paddelbewegungen hielt er darauf zu, doch der Schatten verschwand in unerreichbare Tiefe.

 

 

Piet tauchte auf, in der Hoffnung Gael treiben zu sehen. Doch bis auf kleinere Wellenbewegungen, war nichts von einem menschlichen Körper zu entdecken. Abermals tauchte er ab und wieder auf und das in einem fort, bis die Sauerstoffflasche leer war. Das Boot war indessen an die fünfzig Yard abgetrieben, dümpelte im leichten Wellengang. Mit ruhigen Schwimmbewegungen erreichte er es nach einigen Minuten, zog sich am Heck auf die untere Plattform hinauf, blieb mit den Beinen im Wasser baumelnd erschöpft sitzen.

 

 

Nach einer Weile raffte er sich auf, stieg aufs Deck, schnallte die Sauerstoffflasche ab, ging zum Ruderstand, startete den Motor und fuhr kreuzend die nähere Umgebung ab. Hierzu gehörte auch der Uferbereich, der zwar von der Kontaktposition recht weit entfernt lag, zudem aber Nathaira, im Körper Gael geschwommen war. Aber auch hier gab es keine Anzeichen oder Spuren zu entdecken. Kurz vor der Abenddämmerung kehrte Piet zum Bootsverleiher zurück, wo er bereits von der Polizei erwartet wurde.

Diesmal schien der Sonderausweis nicht mehr richtig zu wirken, denn die Polizei wollte ihn festnehmen. Der Geschäftsführer hatte Anzeige wegen Diebstahl, Nötigung und Geschäftsschädigung gestellt. Piet erklärte den Beamten, dass ein Notfall vorlag, der nur so zu lösen ging. Selbstverständlich komme er für jeglichen finanziellen Verlust auf. Der Geschäftsführer lenkte daraufhin ein, was für die Polizeibeamten noch kein Grund war abzuziehen. Sie bestanden darauf, das Innere des Cliff 600 zusehen, dem Piet stattgab.

 

 

Er entriegelte per Daumenabdruck die Seitentür, zog sie auf und die Innenbeleuchtung schaltet sich ein. Er ließ die beiden Beamten eintreten, folgte ihnen und stutzte. Gael hatte eine hellblaue Reisetasche dabei gehabt, die vor dem Bett stand. Nur war sie jetzt nicht mehr dort.

 

Einer der Polizisten öffnete eine Klappe und staunte nicht schlecht was er dort sah. Man öffnete stichprobenartig noch andere Fächer und fand unter anderem auch zwei Schusswaffen.

 

 

„Im Vereinigten Königreich sind Schusswaffen für Zivilpersonen verboten. Sie dürfen weder solche besitzen, noch in der Öffentlichkeit mitgeführt werden.“, leierte er den Gesetzestext herunter.

 

 

„Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Nur bin ich keine Zivilperson. Und wenn Sie meinen Dienstausweis genauer ansehen würden, dann könnten wir uns dieses ganze Theater ersparen.“, sagte Piet unterschwellig genervt.

 

Doch die beiden Beamte schien das nicht zu beeindrucken. Sie hatten einen Grund gefunden in festzunehmen und gedachten dies auch zu tun. Deshalb zog Piet eine Schublade auf, entnahm ihr einen etwas dickeren Kugelschreiber, drückte zwei Mal auf einen Sensor und trug danach die erschlafften Körper der Männer zu ihrem Polizeiwagen, setzte sie hinein und wünschte ihnen angenehme Träume.

 

Der Auftrag war gerade mal 24 Stunden alt und hatte bereits zu viel Staub aufgewirbelt. Deshalb war es an der Zeit das Feld zu räumen. Piet ging in den Serviceraum des Bootsverleiher, traf dort auf den Geschäftsführer, der inzwischen eine Rechnung zusammengestellt hatte. Sie betrug 22.000 Pfund, fein säuberlich aufgelistet in einzelne Posten. Wahrscheinlich war das weit überzogen, aber Piet akzeptierte es, bezahlte mit Visa Karte.

 

 

Danach ging er zum Wagen zurück, stieg ein und fuhr vom Gelände. Erst als Loch Ness weit hinter ihm lag, hielt er an einem Waldweg an. Er fühlte sich Müde und zerschlagen, was nicht nur das körperliche anbelangte. Er aß eine Kleinigkeit, sicherte danach den Wagen von innen und bevor er sich auf das Bett ausstreckte, aktivierte er noch den automatischen Kennzeichenwechsel für die Nummernschilder.

 

 

Am nächsten Morgen erwachte er um 08:30 Uhr. Falls er etwas geträumt haben sollte, konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Nach dem Duschen zog er Zivilsachen an, nahm ein Frühstück ein und räumte danach im Wagen auf. Hierbei schaute er auch in sämtliche Behältnisse, aber die blaue Reisetasche von Gael blieb unauffindbar.

 

 

So ließ er den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Nachdem er mit Gael in ihrer Wohnung in Inverness war, hatte sie eine blaue Reisetasche bei sich. Das nächste gehörte den Messungen mit dem EMF Scanner an. Er nahm ihn aus einer Schublade, aktivierte den Speicher und er war leer. Nichts Gutes ahnend, entnahm er der Taucherbrille, die Mikrospeicherkarte, steckte sie in ein Lesegerät und sah erst mal einen schwarzen Bildschirm. Er wollte schon abschalten, als wellenartige Linien erschienen, denen Videoaufnahmen von einer bewegten Wasserfläche folgten. Die Tauchgänge waren alle aufgezeichnet. Nur die Aufnahmen von Gael am Bug fehlten.

 

 

Von technischem Versagen, konnte nicht mehr gesprochen werden. Hier wurde eindeutig manipuliert und Spuren verwischt. Das Dumme daran war nur, dass er die Erlebnisse mit Gael mit nichts beweisen konnte. Und zu allem Überfluss, war diese Person nun auch noch verschwunden. Aber wer hatte dann die blaue Reisetasche aus dem Wagen geholt? Die Türsicherungen sind auf seinen Daumen geeicht. Sollte Gael etwa mit einer Folie, eine Abdruckkopie angefertigt haben?

 

Das würde dann bedeuten, dass sie ans Ufer geschwommen ist und von dort aus zum Wagen lief. Aber dieser Gedanke hinkte. Denn das besagte Ufer lag auf der anderen Seite vom Loch. Ohne Fahrzeug, wäre die halbe Umrundung bis zum Bootsverleih nicht zu schaffen. Folglich musste es ein Fahrzeug geben. Sie nahm die Reisetasche aus dem Cliff 600 heraus und fuhr mit einem anderen Fahrzeug davon. Aber warum!?

 

 

Nein, dieser Gedanke war blanker Unsinn. Oder etwa doch nicht? Nathaira verbot sämtliche technischen Geräte. Und sie mahnte, er möge nicht schummeln, sie bemerke es. Folglich wusste sie von der Videokamera in der Taucherbrille und löschte mit ihren Fähigkeiten die Aufzeichnung.

 

Und noch etwas stieß Piet jetzt auf. Wieso hatte der Geschäftsführer mit keiner Silbe der Polizei gegenüber Gael erwähnt? Piet nickte verstehend. Weil Nathaira dem Geschäftsführer die Erinnerungen an sie, aus dem Gedächtnis gelöscht hatte. Es gab also keinen Zeugen, der Gael in seiner Begleitung gesehen hatte. Halt das stimmte nicht. Der andere Bootsverleiher könnte es bestätigen. Aber wahrscheinlich auch nicht. Verdammt noch eins, er kam mit leeren Händen zurück.

 

 

Es gibt aber den Entlassungsschein. Piet sprang vom Sitz auf, verhielt kurz und setzte sich wieder. Den Schein hatte Gael an sich genommen. Aber der Chefarzt in der Klinik könnte es bestätigen. Mit diesem Lichtblick setzte Piet die Fahrt fort.

 

Vor dem Haupteingang zur Psychiatrie, stellte er den Wagen ab. Es war zwar verboten, mit Privatfahrzeuge ins Gelände zu fahren, aber das war ihm egal.

 

Auf direkten Weg ging er zur Station Drei und lief dem Pfleger in die Arme, der ihm das Tablett aus der Hand geschlagen hatte.

 

 

„Ah Ellmert! Sie haben Nerven hier noch mal aufzukreuzen!“, sagte er ihm frech ins Gesicht.

 

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“, erwiderte Piet.

 

„Na das wird Ihnen der Sicherheitsdienst gleich erklären.“, sagte er hämisch grinsend und lief weiter.

 

 

Piet ging zum Stationszimmer, fand es jedoch verschlossen vor. Er lief weiter, bis zu dem Krankenzimmer in dem Gael einst untergebracht war. Ohne anzuklopfen zog er die Tür auf und fand das Zimmer leer vor. Weder Tisch noch Stuhl oder Bett waren vorhanden. Eine junge Krankenschwester kam vorbei. Piet fragte wo denn die Patientin Macmoore geblieben sei und erhielt die Auskunft, sie wäre vor zwei Tagen entlassen worden.

 

Mit dieser Aussage hatte er die Bestätigung erhalten, dass es Gael wirklich gegeben hatte. Doch wirklich froh machte ihn das nicht. Es wäre ihm lieber gewesen, sie würde hier noch verweilen und er hätte sich das alles nur eingebildet. Kurz vor dem Ausgang, flitzten zwei Sicherheitsleute an ihm vorbei. Grinsend blickte er ihnen nach. Na dann sucht mal schön.

 

 

An für sich gab es jetzt nichts weiter mehr zu tun, als ins Hauptquartier zu fahren. In Gedanken ging Piet noch mal alle Eckpunkte durch, um nichts übersehen zu haben. Und es gab noch einen Punkt, der vielleicht Aufschluss geben könnte. Er tippte das Navi an, und sagte: „Zeige mir alle neuen Einträge an.“

Auf dem Display erschien die Meldung: Keine Einträge vorhanden. Wunderbar. Soviel Zufälle konnte es nicht geben. Nicht nur das die Adresse von Gael verschwunden war, was noch logisch wäre, nein auch die Ziele für den Bootsverleih waren verschwunden. Und das bedeutete, es musste jemand im Wagen gewesen sein. Zum Glück konnte er sich auch ohne Navi Wegstrecken merken.

 

 

Zwanzig Minuten später parkte er vor dem Haus, in dem Gael eine Apartmentwohnung besaß. Die Haustür war verschlossen, was aber kein Problem darstellte. Mit einer Plastikkarte war sie schnell geöffnet. Bei der Wohnungstür sah es schon etwas anders aus. Hierfür gab es extra Werkzeuge, in Fachkreisen Besteck genannt. Bevor Piet sich an dem Türschloss heranmachte, klingelte er vorsichtshalber einige Male. Doch wie erwartet rührte sich nichts. Gerade im Begriff das Besteck-Etui aus der Jacke zu ziehen, wurde die gegenüberliegende Tür geöffnet. Eine ältere Frau in geblümter Kittelschürze, trat heraus und fragte neugierig: „Wollen Sie zu Frau Macmoore? Die ist nicht da. Ist heute früh mit ihrem zottigen Hund abgefahren.“

 

 

„Abgefahren?“, fragte Piet, wobei er das Erstaunen nicht schauspielern musste. „Ich verstehe nicht ganz. Ich hatte ihr doch den Termin geschickt.“, fügte er rasch hinzu, weil ihm eine plausible Identität eingefallen war.

 

 

Die Frau griff in ihre Kittelschürze und es sah so aus, als wollte sie dort etwas herausholen, beließ aber die Hand darinnen. „Sind Sie von der Polizei?“, fragte sie unvermittelt.

 

„Nein. Ich komme von einem Inkassobüro.“

 

„Ach, da hat sie wieder Schulden gemacht! Kein Wunder bei der. Immer die neuste Mode und natürlich Auto, aber keinen Job. Und dann dieser große Vieh, was sie als Hund bezeichnet. Der ist groß wie eine Dogge, hat aber ungepflegtes langes zottiges Fell. Und dann diese Schnauze von dem, gar nicht wie ein richtiger Hund.“

„Tja die Tiergeschmäcker sind verschieden. Aber ich bin ja nicht wegen dem Tier gekommen. Wissen Sie zufällig wo Frau Macmoore hin wollte und wann sie ungefähr zurückkommt?“

 

 

Die Frau schüttelte den Kopf. „Manchmal bleibt sie Tagelang weg. Dann nur wieder für ein paar Stunden.“

 

 

„Na gut, ich danke Ihnen für Ihre Auskunft. Werde im Auto ein wenig warten, vielleicht kommt sie ja bald . Wäre schade, wenn sie den Termin verpasst. Dann wird es für sie noch teurer, als es schon ist.“

 

 

Er wandte sich der Treppe zu, stockte und drehte sich zu der Frau um. „Ach sagen Sie, wie sieht denn Frau Macmoore aus? Ich kenne sie ja nicht persönlich.“

 

Die neugierige Nachbarin winkte mit der Hand ab. „Die ist leicht zuerkennen. Ungefähr so groß wie ich, na ja vielleicht etwas größer wenn sie hochhackige Schuhe trägt. Entweder mit einem Minirock, oder einem Minikleid bekleidet, was schon von der Länge hergesehen an Pornografie grenzt. Dazu lange blonde Haare. Manchmal färbt sie die auch mittelblond mit Pony-Haarschnitt. Ich denke eher, das blonde ist ihre Naturfarbe und das andere eine Perücke. Wie gesagt nicht zu verfehlen. Und dazu dieses Untier.“

 

 

Piet nickte. „Und wann hat sie heute das Haus verlassen?“

 

 

Die Frau zog nachdenkend die Stirn kraus. „Amalie ließ ich nach unten und sie kam kurz vor 8 Uhr früh wieder nach oben. Sie müssen wissen, Amalie ist meine Katze. Und ja wenige Minuten später ist Frau Macmoore mit ihrem Vieh raus gekommen. Glaube nicht dass sie so bald wiederkommt, denn sie hatte ihre obligatorische blaue Reisetasche mit. Immer wenn sie die mitnimmt, bleibt sie tagelang weg. Ach ja, da fällt mir noch ein, dass gestern, nein das war vorgestern Nacht, oder es war früher, aber schon ziemlich spät, da kam sie mit einem Mann herauf. Hatte das zufällig durch den Türspion gesehen. Es hat nicht lange gedauert, als sie wieder herauskamen. Da hatte sie auch diese blaue Reisetasche bei gehabt. Nur der Hund fehlte. Na ja, jedenfalls wundert es mich nicht, dass sie Schulden hat.“

 

 

Piet bedankte sich nochmals für die Auskunft, wünschte einen angenehmen Tag und lief die Stufen nach unten. Diese Mission wurde immer mysteriöser. Das mit vorgestern Abend war er gewesen, als er mit Gael aus der Klinik kam. Gestern sprang Gael in den Wellenberg und heute früh geht sie aus der Wohnung mit einem großen Hund? Etwa der getarnte Landdrache? Oh Mann! Diese Story glaubt mir doch kein Mensch.

 

 

Viel Hoffnung hatte er nicht, das Gael zurück käme. Dennoch blieb er im Cliff 600 sitzen und nutzte die Zeit um den Bericht ins Notebook einzutippen. Nach vier Stunden, mit Essenspause, gab er auf. Womöglich war sie schon an ihm vorbeigefahren, hatte den Wagen mit den getönten Scheiben gesehen und wusste was die Glocke geschlagen hat.

 

Er las den Bericht nochmals durch, korrigierte Tippfehler, speicherte ab, schloss das Notebook an den Drucker an und druckte vier Exemplare davon aus. Diese tat er in eine Mappe und steckte sie in seine Militärreisetasche. Das einzige Positive an dem ganzen Fall war, das Gael noch lebte. Alles andere hörte sich so fantastisch und zugleich auch wieder dermaßen naiv an, dass man meinen könnte, mit dem Verfasser sei die Fantasie durchgegangen.

 

Er setzte sich hinter das Steuer, startete den Motor, als ihn ein Gedanke durchzuckte. Könnte es möglich sein, dass hier etwas fingiert wurde, um seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen?

 

Kapitel 6

 

 

 

Zwei Tage später stand Piet Ellmert Rede und Antwort einem Untersuchungsausschuss. Man hatte seinen Bericht gelesen, darüber diskutiert, Psychologen hinzugezogen, abgewogen und war zu einem einstimmigen Ergebnis gekommen. Und das hieß: Piet wurde Opfer einer raffinierten Inszenierung, die nur ein Ziel kannte, dass Frau Gael Macmoore, offiziell aus der Klinik entlassen wird. Alles was danach geschah, gehörte zum zweiten Teil der Inszenierung, nämlich seine Glaubwürdigkeit bis zum Nullpunkt herabzusetzen, sodass kein weiteres Interesse mehr an ihrer Person vorliegt.

 

 

Doch Piet widersprach diesem Ergebnis und trug seine Version vor. In einigen Punkten stimmten sie mit denen der anderen sogar überein.

 

„Der entscheidende Faktor ist doch der, dass wir kein weiteres Interesse an dieser Drachenprinzessin hegen sollen. Und warum nicht? Weil sie echt ist. Sie hat mir klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass ein Kontakt mit uns, von ihrer Seite nicht erwünscht ist. Entweder kommt sie aus einer Parallelwelt und taucht des öfteren ungewollt in Loch Ness auf, oder sie ist ein Alien und die sogenannten Drachen sind Technologien, die unserer Technologie um ein vielfaches voraus sind.

 

 

Da wäre zum Beispiel: Wie konnte sie ans andere Ufer gelangen? Frau Gael Macmoore kann nicht schwimmen. Deshalb habe ich ihr die Schwimmweste umgebunden, die sogar mit einem Peilsender versehen ist. Die Drachenprinzessin hingegen ist des Schwimmens mächtig. Gael springt in den Wellenberg hinein. Wie bitte kann sie dann zum Cliff 600 gelangen, der gut eine Meile Wasserweg entfernt steht? Sie kann es nicht. Es sei denn, sie kann doch schwimmen. Aber ich gehe davon aus, dass sie Nichtschwimmer ist. Während ich nach ihr im Wasser suchte, wird sie per Tauchboot oder was auch immer, zum gegenüberliegenden Ufer gebracht. Dort geht sie zum Cliff 600 und entriegelt die Tür, die nur mit meinem Daumenabdruck zu öffnen geht. Wie also hat sie die Tür aufbekommen? Ein Frequenzscanner fällt weg. Bleibt nur eine Folie, an der mein Daumenabdruck haftet. Den zu beschaffen ist nicht schwer. Aber jetzt kommt der entscheidende Teil. Wo hat sie die Folie aufbewahrt? Denn Gael kam aus dem Wasser. Und wie wir alle wissen, darf diese Folie nicht Nass sein, oder den kleinsten Knick aufweisen.“

 

 

Ein Offizier wollte etwas einwenden, doch Piet stoppte ihn. „Bitte, ich bin noch nicht fertig. Sie können gleich Ihre Frage stellen. Jedenfalls ist sie in das Fahrzeug hineingekommen, hat sich umgezogen, den Taucheranzug in ihre blaue Reisetasche getan und wie ist sie dann nach Inverness gekommen? Stand dort ihr Wagen, wo sie doch zuvor in der Klinik lag? Es kommt aber noch besser. Sie löscht jegliche Messergebnisse und alles weitere was mit ihr zu tun hat, von Geräten, die durch Codierung gesichert sind. Man könnte annehmen, sie verwendete einen starken Magneten. Wäre denkbar, aber die Messgeräte sind gegen Magnetstrahlung abgeschirmt. Dann frage ich jetzt die Experten, wie konnte sie die Videoaufzeichnung in meiner Taucherbrille verhindern, die mit ihr zu tun hatte, während alles andere, die Tauchgänge aufgezeichnet sind. Und Zuguterletzt, wie können diese Wellenberge entstehen? Jetzt sind Sie dran.“

 

 

Ein Wissenschaftler ergriff das Wort, erklärte die Wellenberge für eine typische Anomalie, wie sie oft im Loch Ness beobachtet wurde. Wind und das hochschaukeln kleinerer Wellen, ergibt Wellenberge. Das könne alles voraus berechnet werden.

 

 

Der Offizier hingegen wartete mit einem Geheimnis auf, was die Türöffnung anbelangte. Es brauchte dazu bloß ein kurzer Lichtstrahl auf den Sensor fallen, da an ihm der Daumenabdruck als Fingerprint haftet und schon entriegelt die Tür. Diese Schwachstelle ist bekannt und man arbeitet an einer Verbesserung. Und für das Löschen der Datenspeicher gab es auch eine Erklärung. Sämtliche Gerätschaften stammen noch aus der ersten Generation und sind nicht gegen magnetische Einflüsse gesichert.

 

 

Ein anderer Offizier klärte Piet darüber auf, dass es eine reguläre Buslinie von Inverness zum Loch Ness gibt. Hinzukommen Taxen und private Shuttledienste. Das Schlusswort übernahm der Psychiater, bei dem Piet einst gelernt hatte.

 

 

„Durch Offenlegung der Diagnose über Frau Gael Macmoore, die uns vom Chefarzt der Psychiatrie, für interne Begutachtung vorgelegt wurde, ist es unumstößlich bewiesen, dass diese Frau an einer Persönlichkeitsspaltung leidet. Ihr Vorname Gael bedeutet im Gälischen, die Fremde, die nicht Durchschaubare. Gut dafür kann sie nichts, dass hatten einst ihre Eltern so festgelegt. Interessant wird es mit dem Pseudonym des zweiten Ichs, nämlich Nathaira. Dieser Name bedeutet im Gälischen die Schlange!

 

Es ist Ansichtssache ob die Schlange nach christlichem Muster das Böse symbolisiert, oder nach der griechischen Antike für Weisheit und Heilung steht. Dennoch hat Frau Macmoore diesen Namen nicht wahllos gewählt. Denn in ihm steckt ein Hilferuf. Zum einen die perverse Neigung, mit einem Hund Verkehr zu betreiben, dieses ist das Böse, welches sie loswerden möchte, nämlich durch Heilung.

 

 

Kommen wir zum Stimmenmuster. Gael hat eine hellere Stimmlage, Nathaira hingegen eine dunklere, ins Strenge übergehende Stimme. Beide Stimmlagen werden von einem und dem selbem Instrument erzeugt, nämlich den Stimmbändern. Selbst wenn ein Alien von der Person Besitz ergriffen hätte, könnte er keine anderen Töne erzeugen, als zu was die Stimmbänder fähig sind.

 

 

Man darf nicht dem Irrtum verfallen, Menschen mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung wären einfältig. Ganz im Gegenteil. Sie weisen oftmals eine höhere Intelligenz auf, als der Durchschnittsmensch. Dennoch lässt sich Frau Macmoore drei Mal in der Öffentlichkeit, sexuell mit einem Hund ein. Ich muss nicht betonen, das dies strafbar ist und auch ein öffentliches Ärgernis darstellt, dem die Staatsanwaltschaft nachgehen muss. Den einzigen Schutz vor Strafverfolgung bietet die Therapie.

 

 

Frau Macmoore verweigerte aber jegliche Zusammenarbeit, um dadurch eine Entlassung zu erwirken, was zwei Mal auch stattgefunden hatte. Bei der dritten Einlieferung wurde ihr klar gemacht, wenn sie jetzt nicht mitarbeitet, dann landet sie in der geschlossenen Anstalt in Glasgow, zur Sicherungsverwahrung. Frau Macmoore musste also etwas erfinden, was sie davor bewahrte und zugleich eine erneute Entlassung bewirkte. Menschen mit diesem Krankheitsbild sind oftmals in der Lage, andere Menschen mental zu beeinflussen und zu manipulieren. So spitzte sie die männlichen Pfleger an, bis diese nur noch eines im Sinn hatten, mit dieser Frau Sex zu haben. Daraus ergäbe sich eine Vergewaltigung und das Recht seitens der Patientin, aus dieser unsicheren Einrichtung entlassen zu werden.

 

 

Und da kamen Sie Herr Ellmert gerade recht. Ohne das Sie es bemerkten, manipulierte die Patientin sie zu ihrem Retter. Wie wir wissen, hat das auch bestens funktioniert. Nebenbeigesagt sieht der Chefarzt von einem Strafantrag gegen Sie ab. Und was die weiteren Aktionen von Ihnen anbelangen, sieht auch die Armee von einer Untersuchung ab. Das betrifft auch die 22.000 Pfund Spesen, die von der Armeekasse getragen wird.

 

 

Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass wir trotz Fehlschläge nicht von unserem Konzept abweichen, friedlichen Kontakt zu Alien aufzunehmen. Deshalb werden wir auch künftig jedem kleinsten Hinweis nachgehen.

 

Ihre Dienstzeit Herr Ellmert endet in 27 Tagen. Bis dahin sind Sie vom regulären Dienst befreit. Nutzen Sie die Zeit, um eine Wohnung zu finden, denn der Wohnsitz in der Armee, endet ebenfalls zu diesem Zeitpunkt. Hiermit ist die Untersuchung geschlossen.“

 

 

Piet hätte noch so einiges ins Feld führen können, doch er schwieg. Die Armee und die geheime Forschungsabteilung, hegten kein Interesse mehr an Gael und an ihm auch nicht. Und das war auch gut so, denn er war jetzt mehr, als zuvor davon überzeugt, dass Nathaira keine Einbildung oder Abspaltung ist, sondern tatsächlich existierte.

 

 

****

 

Von der Fahrbereitschaft erhielt er einen PKW, mit der er verschiedene Adressen abklapperte, zwecks Wohnungsangebote. Nach vier Tagen erfolgloser Bewerbungen, konzentrierte er sich auf möblierte Zimmer. Zwölf Jahre hatte er in Kasernen gelebt, manchmal mit Kameraden das Zimmer geteilt und in den letzten zwei Jahren eine Einzelstube gehabt, wie es nur Offizieren zustand. Aufgrund einer Spezialausbildung fiel bei ihm der Dienstgrad weg. Auch wurde er offiziell nicht mehr in der Armee geführt, als er zur geheimen Forschungseinrichtung wechselte. Dennoch stand sein Sold, dem eines höheren Offiziers gleich. Und weil das meiste zum Lebensunterhalt von der Armee herkam, hatte sich ein hübsches Sümmchen auf seinem Konto angesammelt.

 

 

In den vier Tagen, schaute er auch immer bei Gael vorbei, aber er traf sie nicht an. Womöglich ist sie zu Nathaira gefahren. Obwohl das nicht möglich sein sollte. Aber zu was dann dieser Pseudohund. Sie wird doch wohl nicht etwa? Verdammt noch mal. Seine Ausbildung und Erfahrungen hatten ihn gelehrt, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Auch dann, wenn sie ihm persönlich missfielen. Und der Gedanke, die Diagnose der Psychiater könnte doch stimmen, schmeckte ihm überhaupt nicht.

Sie sagte, sie komme wieder, bevor sie in den Wellenberg sprang. Wer hatte das gesagt, Gael oder Nathaira?

 

 

Eine weitere Woche war vergangen, ohne das er bei der Zimmersuche einen Erfolg verbuchen konnte. Seltsamerweise stimmte ihn das nicht betrübt, denn allein der Gedanke, für lange Zeit an einem Ort, in der Bude zu hocken, machte ihn bereits kribblig. Außerdem musste es nicht unbedingt Inverness sein. Es könnte auch seine Heimatstadt Aberdeen werden, oder ganz woanders. Was er vorerst brauchte, war ein Zuhause auf Rädern. Und wenn einer wusste, wo es dergleichen günstig zu holen gab, dann war es der Sergeant vom Fuhrpark.

 

 

Jeden Tag fuhr Piet zu unterschiedlichen Zeiten zu Gaels Wohnung, doch er traf sie nie an. So schrieb er ihr eine Mitteilung, steckte sie in den Briefkasten. Ob der je geleert wurde, war von außen nicht ersichtlich. Zumindest gab es keine hervorquellende Werbepost. Von der neugierigen Nachbarin erfuhr er auch nichts Neues. Sie habe Frau Macmoore, seit diesem besagten Morgen nicht mehr gesehen.

 

 

Ebenso rar machten sich auch der Stabs-Psychiater und ein Verbindungsoffizier. Piet wusste was das zu bedeuten hatte. Er war ausgemustert worden und existierte offiziell nicht mehr. Einen Tag vor seiner endgültigen Entlassung, präsentierte der Sergeant ihm das neue Zuhause auf Rädern. Es war ein silbergrauer Sunlight Camper Cliff 600, der sich von außen, als auch von Innen in nichts zu den Fahrzeugen unterschied, die es beim Autohändler zu erwerben gab. Der Unterschied lag im Detail. Die Klarsichtscheiben waren Kugelsicher, was auch für die gesamte Karosserie galt. Der Unterboden war glatt und schloss den Motorraum mit ein, sodass von unten kein Wasser oder Schmutz eindringen konnte. Außerdem war er Bombensicher bis zu einer Sprengladung von 4 TNT, was die Wirkung von vier schweren Tellerminen entsprach. Der Motor war stärker ausgelegt. Die Feinheiten beliefen sich im Inneren. Die Fenster konnten mit Innenrollos verdunkelt werden, die aus einem Material bestanden, wie sie für Schusswesten verwendet wurden. Das galt auch für den Vorhang zwischen Fahrerkabine und Wohnraum. Des weiteren gab es ein Minilabor und einige Messinstrumente, zu denen auch der spezielle EMF Scanner zählte. Diese Geräte wurden mit dem obligatorischen Schrottschein ausgegeben. Damit waren sie legal von der Armee erworben. Hinzu kam noch ein Notebook, Scanner und Drucker. Genau betrachtet, wies der Cliff 600 alles das auf, was das andere Dienstfahrzeug ebenfalls an Bord hatte. Einzig das es keine Schusswaffen gab, wenn man mal von dem Kugelschreiber ähnlichen Gerät absah, zu dem eine Schachtel Treibgaspatronen und eine Schachtel Kristallnadeln dazugehörten. Wer dieses veranlasst hatte, war nicht ersichtlich. Einzig dass es einen Schrottschein für ein manuelles Schreibgerät hierfür gab. Über dies hinaus, war der Wagen Winterfest bis zu 15 Grad Minus.

 

 

Die Zentralverriegelung lief auf einer Frequenz ab, die es im Zivilbereich nicht gab. Zusätzlich konnten die Türen über eine Zahlencode geöffnet und verriegelt werden. Ein Test mit einem Scanner, ergab zwar eine Ziffer, doch mit der funktionierte die Entriegelung nicht. Es war simpel und dennoch effektiv aufgebaut. Es mussten alle Ziffern einzeln mit dem Pluszeichen gedrückt werden. Danach durch 9 teilen und die Endsumme mit einer zusätzlichen Null eingeben. Es gab kein Display zur Kontrolle. Man musste mitrechnen. Einmal vertippen und man durfte wieder von vorn beginnen. Und sollte einmal die Stromzufuhr unterbrochen sein, so konnte die Zentralverriegelung auch manuell geöffnet werden. Hierzu musste man unter den Wagen kriechen, wo es eine kleine Klappe in der Nähe eines Radkasten gab. Diese öffnen, einen Drehring herunterklappen und ihn gegen den Uhrzeigersinn drehen. Zum Verriegeln, im Uhrzeigersinn.

 

 

Alles zusammen kostete Piet 50.000 Pfund, wovon 40.000 Pfund die Armee kassierte und 10.000 Pfund in Bar an den Sergeant gingen. Piet stellte seine neue Reisetasche in den Wagen, in der sein gesamtes Hab und Gut platz fand. Er fuhr mit dem Cliff 600 zum Verwaltungstrakt. Dort musste er Verzichtserklärungen unterschreiben, jemals Schadenersatzansprüche an die Armee zu stellen. Als nächstes kam die Verschwiegenheitserklärung und zum Schluss die Zahlung der vereinbarten Abfindung, die auf sein Bankkonto überwiesen wurde. Eine Zusatzzahlung wie erhofft, blieb aus. Die Armee hatte bereits die Zulassung des Wagens, auf seinen Namen veranlasst. Steuer ID, sowie Versicherungskarte lagen vor. An Ausbildungsdokumente gab es nur die vom Rettungssanitäter und Fallschirmjäger. Für die militärischen und psychologischen Zusatzausbildungen, wurden keine Nachweise ausgestellt.

 

 

Ihn überkam ein merkwürdiges Gefühl, als er von der Kaserne aus auf die Straße fuhr. Zwölf lange Jahre war die Armee seine Heimat gewesen und jetzt durfte er nicht mehr zurückkehren. Es mochte viele Kameraden geben, die diesen Tag sehnlichst herbeisehnten, doch Piet fühlte sich in diesem Moment wie im freien Fall, ohne irgendwo anzukommen.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 7






Immer wieder kursierten Meldungen von Nessi, die man an verschiedenen Positionen gesehen haben wollte. Eine Live Cam zeigte eine undeutliche dunkle Linie, andere Bildmaterialien zeugten von merkwürdigen Wellen.


Die Wellenbilder weckten bei Piet das Interesse. Leider waren diese Fotos ebenfalls recht undeutlich. Er selbst benutzte nicht die Kamera vom Smartphone, sondern eine kleine Kompaktkamera, die eine wesentlich bessere Auflösung lieferte. Zusätzlich gab es noch eine digitale Vollformatkamera mit einem lichtstarken 1000 mm Teleobjektiv.



Vier Mal hatte Piet Loch Ness umrundet, wobei die A82 auf der westlichen Seite, recht nahe am Wasser lag, während die B852 auf der Ostseite, nur Teilweise am Wasser entlangführte. Der Uferbereich war mit Vegetation zugewachsen, sodass man während der Fahrt nur wenig vom See erblicken konnte. In gewissen Abständen gab es zur Seeseite hin Parkplätze, auf die höchsten vier Fahrzeuge passten. Meist führte ein Trampelpfad zum Uferbereich herunter, um einen kleinen Ausschnitt vom Loch zu sehen.



Um das Loch herum gab es einige Campingplätze, auf denen Wohnmobile in Reih und Glied standen. Aber das war nicht sein Ziel. Auf einer ausgedruckten Karte, hatte er die Position eingezeichnet, die der Kompass des Bootes anzeigte, als die ersten beiden Wellenberge auftauchten. Um diesen Abschnitt von der Landseite einzusehen, brauchte es eine Stelle auf der östlichen Seite. Und die schien es nicht zu geben. Außerdem war es nicht gewiss, dass Nathaira dort wieder auftauchte. Es konnte Zufall gewesen sein, als Gael gerade dort mit dem Boot unterwegs war. Dennoch war es der einzige Anhaltspunkt der ihm verblieb.



Bei seiner Umrundungen des Lochs, hatte er auch bei dem bärtigen Bootsverleiher angehalten. Seltsamerweise erkannte der Mann ihn nicht mehr, obwohl er damals Gael sofort wiedererkannte. Es lag nahe, dass Nathaira irgendetwas mit ihm gemacht haben musste. So gesehen kam Piet dessen Erinnerungslücke ganz recht, denn er wollte sich diesen Bootsverleih warm halten, auch wenn dessen Boote wirklich nur für windstilles Schönwetter geeignet waren.



Besser wären dann schon die Boote von dem Sea Cruisers. Aber der wird ihm was husten. Dennoch wollte er nichts unversucht lassen und stattete diesem Bootsverleih ebenfalls einen Besuch ab. Ab hier begann eine Kette von Überraschungen, die seine Expedition in Frage stellte. Piet erkannte die junge Frau sofort wieder, was aber nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Von ihr erhielt er die gleiche Auskunft, die sie ihm vor rund einem Monat erteilt hatte. Und als Piet auf Drängen den Geschäftsführer sprechen wollte, erkannte der ihn ebenfalls nicht. Es sollte aber noch heftiger werden. Als er nämlich zum Cliff 600 zurückging, fuhr gerade ein Polizeiwagen auf den Parkplatz und hielt neben dem Cliff. Zwei Polizisten stiegen aus, die Piet damals per Nadel-Kugelschreiber schlafen gelegt hatte. Doch die beiden kümmerten sich nicht um ihn, sondern strebten der Cafeteria zu.



Polizisten haben an für sich ein gutes Personengedächtnis. Und der Geschäftsführer hätte ihn ebenfalls erkennen müssen. Denn schließlich war etwas vorgefallen, was nicht alle Tage geschieht. Grübelnd stieg Piet in den Wagen ein. Was war damals geschehen, nachdem er von hier weggefahren war? Sollte Nathaira ihm etwa gefolgt sein und hat bei den Leuten die Erinnerungen an ihn und sie gelöscht?


Oder war das etwa Gael? Hatte sie von Nathaira Fähigkeiten erhalten, oder waren Fähigkeiten von Nathaira in ihr haften geblieben?


Das Smartphone klingelte, was Piet erschrocken zusammenzucken ließ. Auf dem Display erschien die Meldung, Teilnehmer hat die Nummer unterdrückt. Wer konnte das denn sein?, dachte er noch und nahm den Anruf entgegen.


„Ellmert.“, sagte er und im nächsten Augenblick wurde ihm ganz heiß.


„Hier spricht Macmoore.“


„Gael, bist du es?“, wollte er sich vergewissern.


„Ja Piet. Was gibt es denn?“



Was sollte diese Frage? Nach allem was geschehen war, zumal sie nach dem Sprung ins Wasser nicht mehr auftauchte, war es doch wohl selbstverständlich dass …


„Ich bin froh deine Stimme zu hören. Hatte schon das Schlimmste angenommen.“



„Entschuldige Piet, aber da komme ich jetzt nicht ganz mit. Von was sprichst du?“


„Na von der Bootsfahrt und den Wellen.“, deutete er an.


„Bootsfahrt? Ich bin mit keinem Boot gefahren. Ist mit dir alles in Ordnung Piet? Bist du noch in der Armee?“



„Nein. Ich bin entlassen.“


„Oh, doch nicht etwa wegen mir? Ich konnte mich noch gar nicht richtig bei dir bedanken, dass du mich aus der Klinik herausgeholt hattest. Weil du so schnell weg musstest.“


Litt sie unter Amnesie oder wurden bei ihr ebenfalls die Erinnerungen gelöscht?, fragte sich Piet.



„Ich war der Meinung, nachdem ich dich nach Hause gefahren hatte, dass du mit mir zum Loch Ness gefahren bist. Und nein, mit dir hat das nichts zu tun. Meine vereinbarte Dienstzeit ist abgelaufen.“



„Wie lange warst du in der Armee?“


„Zwölf Jahre.“


„Verstehe. Und jetzt fühlst du dich Haltlos. Wenn du reden möchtest, dann komm doch vorbei. Wo bist du denn jetzt?“



Piet umklammerte mit einer Hand das Lenkrad. Was ging hier vor?


„Ich stehe mit dem Campingmobil auf dem Parkplatz von Sea Cruisers. Das ist ein Bootsverleih am Loch Ness.“



„Oh schön. Ich liebe diese Landschaft. Leider fehlt mir die Zeit, öfters mal dort hinzufahren, obwohl es von mir nur fünfundvierzig Autominuten entfernt liegt. Machst du da jetzt Urlaub.“


„Gewissermaßen. Wäre schön wenn du auch hier wärst.“



„Jetzt verstehe ich Piet. Ich erinnere mich wieder. Du schwärmtest von der Landschaft und wolltest einen Kurztrip mit mir dort hin machen. Aber ich lehnte ab, denn das ging mir alles zu schnell. Musste erst die Sache mit der Klinik verdauen. Nebenbeigesagt Piet, mein Anwalt würde dich gern als Zeuge hören. Denn ich verklage diese Klinik wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und versuchter Vergewaltigung. Es kann doch wohl nicht angehen, dass man Menschen einfach so von der Straße wegfängt, die gerade mit ihrem Hund spielen und behauptet wird, man hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Du bist mein wahres Glück gewesen. Denn die anderen Pflegekräfte haben mir nicht geglaubt.“



Piet schluckte. Was geschah hier? Sollte die Diagnose der Psychiater doch stimmen? Aber dann müsste er derjenige sein, der nicht mehr alle Latten am Zaun hat.



„Du besitzt einen Hund? Den habe ich gar nicht gesehen, als ich dich nach Hause brachte.“


„Nein, der Hund gehört einer Freundin. Sie muss öfters beruflich für einige Tage wegfahren und ich hatte ihn in Pflege. Und als die mich wegfingen, ist er weggerannt und streunte durch die Gegend. Zum Glück fand er das Haus von meiner Freundin und wartete dort bis sie wiederkam.“


„Das ist ja furchtbar.“, lenkte Piet ein und dachte zugleich an den Leitspruch der Psychologie, Kranken nicht zu widersprechen.



„Ich war in den letzten vier Wochen einige Male in dem Haus, traf dich aber nie an. Deshalb die Nachricht von mir. Eine Nachbarin meinte, du wärst mit einer Reisetasche und einem Ungeheuer von Hund mit zottigem Fell weggefahren.“



„Ach die alte Millerthon. Alles was größer ist als ihre Katze, ist ein Ungeheuer. Mit dem Fell hat sie allerdings recht. Es ist ein irischer Wolfshund, dessen Fell recht widerspenstig ist, wenn man es glatt bürsten will. Ich fahre mit ihm drei Mal die Woche zum Hundetraining. Meine Freundin hat das veranlasst. Der Hund soll lernen mich zu beschützen. Damit mir dergleichen nicht noch einmal widerfährt. Außerdem werden dadurch auch Männer vertrieben, die in mir nur ein Lustobjekt sehen. Ich liebe es nun mal kurze Kleider zu tragen.“

Mit dieser Aussage hatte sie ihm allen Wind aus den Segeln genommen, zumal sich das auch noch plausible anhörte. Nur was hatte er dann erlebt?



„Was machst du eigentlich beruflich?“, fragte er und war gespannt auf die Antwort.


„Ich schreibe und lektoriere Kinderbücher für einen Verlag.“


„Das hört sich gut an. Und davon kannst du deinen Lebensunterhalt bestreiten?“


„Ich habe Anglistik und Literaturwissenschaft studiert. Ohne dem hätte man keine Chance in diesem Beruf. So Piet, ich möchte dich nicht abwürgen, aber der Hund muss seine Runde machen. Also wenn du möchtest, dann komme her. Ich bin so in einer Stunde wieder zurück.“


„Ja gerne.“


„Fein. Dann bis nachher.“



Alles erschien anders, nichts stimmte mehr mit dem, was er erlebt hatte. Wirklich nicht? Mag sein das Nathaira die paar Menschen hier am Loch beeinflussen konnte. Und Gael natürlich auch. Aber es gab noch einen Ort, der auch ihr Grenzen setzte. Er startete den Motor, rangierte rückwärts aus dem Halteplatz und bog wenig später auf die A82 Richtung Inverness ein.



Unterwegs versuchte er das Emotionale beiseite zu drücken, um wieder kühl mit Logik und Verstand zu denken, was ihm nicht ganz gelingen wollte. Konnte es möglich sein, das diese antrainierte Eigenschaft, in der Kaserne zurückgeblieben ist? Denn jetzt war er kein Soldat mehr, der in geheimer Mission unterwegs war, sondern ein stinknormaler Zivilist, auf dem besten Weg ein Verschwörungstheoretiker zu werden.


In einschlägigen Internetforen, in denen es um Ufo Sichtungen ging, hatte er so einige Beiträge gesichtet, in denen Feindbilder forciert wurden, obwohl überhaupt keine Bedrohung auszumachen waren. Dem wollte er keineswegs verfallen. Deshalb malte er sich eine Szene aus, in der er auf einem fremden Planeten verweilte. Die Hauptdirektive besagte, keinen Kontakt zu den dort Lebenden aufnehmen, damit deren Entwicklung nicht gestört wird. Ungewollt kam es dann zu einer Begegnung. Und er setzte ein technisches Gerät ein, um diesem Bewohner die Erinnerung an ihm zu nehmen.



Und genau das geschah hier auch. Nathaira verwischte ihre Spuren. Erleichtert atmete Piet aus, um im nächsten Moment wieder in Zweifel zu geraten. Wieso konnte er sich dann an alles erinnern? Stand da eine Absicht dahinter, oder war er gegen ihre Einflüsse immun?



Die Abzweigung zur Kilvin Road kam in Sicht. In wenigen Minuten würde er mehr wissen. Der Gebäudekomplex der Klinik war weithin sichtbar. Diesmal verzichtete er auf das Gelände zu fahren, sondern parkte auf der Leachkin Road. Es musste nicht jeder sehen, mit welchem Fahrzeug er unterwegs ist. Zu Fuß brauchte er an die zehn Minuten, bis er den Haupteingang der Psychiatrie erreichte. Er betrat das Gebäude und damit endete sein Vorhaben beim Pförtner. Der verlangte nämlich den Personalausweis, um einen Passierschein auszustellen, den Piet nicht erhielt. Dafür tauchten zwei Security Mitarbeiter auf und erklärten ihm unmissverständlich, dass er Hausverbot habe.



So ein raffiniertes Aas!, dachte Piet grummelnd auf dem Rückweg. Das gesamte Personal von der Station Drei konnte sie nicht beeinflussen. Aber den Pförtner schon. Allerdings könnte diese Anweisung auch vom Chefarzt ausgegangen sein. Grund genug hätte er dafür.


Es blieb eine verfahrene Kiste, die ihn eigentlich überhaupt nichts mehr anging. Die Armee hatte seinen Bericht und damit war die Mission abgeschlossen. Was die daraus machten, ob sie überhaupt etwas in dieser Richtung taten, ging ihn nichts mehr an. Und von diesem Standpunkt aus betrachtet, wäre es womöglich ein Fehler, zu Gael zu fahren. Sie hatte ihre Freiheit wieder und …? Fragte sich nur wie lange diese Freiheit währte. Sollte nämlich die geheime Forschungsabteilung doch aktiv werden, dann würde Gael nicht in dieser Psychiatrie landen, sondern in einer geheimen Klinik. Das es diese gab, hatte Piet mal durch Zufall erfahren.



Verdammt! Und er trug hierfür die Verantwortung. Denn entgegen seines Versprechens, nichts über die Ereignisse zu berichten, hatte er es doch getan. Somit bestand für Gael eine realistische Gefahr, entführt zu werden.



Die Straße in der Gael wohnte, bot für ein 6,56 Yard langes Fahrzeug keinen Parkplatz. Erst an der nächsten Querstraße, konnte er den Cliff 600 kurz vor der Kreuzung abstellen. Er wollte gerade aussteigen, als er sie auf der anderen Straßenseite mit einem Hund erblickte. Blondes Haar bis zu den Brüsten, helles Minikleid das knapp über die Hüften reichte, dazu schwarze Wadenstiefel, die dazu aufforderten, den langen Beinen nach oben zu folgen.



Piet spürte seinen Puls pochen und noch etwas anderes in der Hose. Dieses Gefühl war für ihn neu, denn wenn es zum Einsatz kam, musste er Medikamente einnehmen, die die Libido unterdrückte, damit er sich voll auf die Mission konzentrieren konnte. Und das fiel jetzt weg. Der Hund passte zur Beschreibung und hatte eine recht hohe Schulterhöhe. Sollte das wirklich ein getarnter Landdrache sein?


Er wartete ab bis Gael weitergegangen war, stieg aus, sicherte das Fahrzeug und lief in langsamen Schritten ihr nach. Soeben hielt sie vor dem Haus, schloss die Haustür auf und ging hinein. Piet blieb stehen, wartete noch zwei Minuten bis er weiterging. Und jetzt erinnerte er sich, das Gael damals im Cliff auch blondes Haar hatte. Seltsam.



Gleich nach dem ersten Klingeln, summte der Türöffner. Mit klopfenden Herzen stieg Piet die Stufen nach oben, wo er von Gael an der offenen Wohnungstür erwartet wurde.



„Hallo Piet. Fein das du kommen konntest.“, begrüßte sie ihn, während er sie verblüfft anblickte. Denn sie sah genauso aus, wie er sie auf der Straße gesehen hatte.



„Hallo Gael.“, quetschte er hervor.


„Komme herein. Bin gespannt was du zu berichten weißt.“



Er folgte ihr in einen Korridor, von dem fünf Türen abgingen. Seltsam dachte Piet. Ihm war nämlich so, als wäre es eine Einzimmerwohnung, was nicht zutraf. Geradezu ging es ins Wohnzimmer, welches mit einer BIG – Couch glänzte. Dazu niedriger Tisch, Bücherregal, Pflanzenständer, Kommode und auf dem Boden ein dicker weißer Flokati Teppich.


Gael forderte ihn auf sich zu setzen, nahm von der Kommode eine Karaffe mit Orangensaft, goss zwei Gläser ein und stellte eines vor Piet ab. Sie setzte sich ebenfalls auf die Couch, prostete ihm zu und nahm selbst einen langen Schluck davon. Zögernd folgte Piet ihrem Beispiel.



„Wo ist denn der Hund?“, fragte er, weil ihm nichts besseres einfiel.


„Neben an im Schlafzimmer, mit meiner Freundin. Es ist so mit dem Hund, er spürt ob jemand es gut meint, oder böse Absichten hegt. Und da du Soldat bist, weiß ich nicht genau wie er reagieren wird.“



„Verstehe. Du misstraust mir.“, sagte er glatt heraus.


„Nein Piet. Wäre es so, dann wärst du jetzt nicht hier. Aber auch wenn du entlassen bist, so ist doch dein Wesen immer noch militärisch gefärbt. Aber gut, lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“, sagte Gael und stand auf.


„Beißt er denn?“, fragte Piet unsicher geworden.


„Nein. Nur wenn ich oder meine Freundin angegriffen werden. Ansonsten knurrt er, oder auch nicht. Das werden wir gleich erfahren.“



Sie verließ das Zimmer, Piet blickte ihr sinnierend nach. Sie gab sich so völlig natürlich, als wenn nichts geschehen wäre. Unwillkürlich musste er an den Tauchgang denken, als er diesen schwarzen Schatten sah, der in die Tiefe absank. War das ein U-Boot oder sogar ein Raumschiff gewesen, welches unter dem Wellenberg verborgen lag und Gael aufnahm, als sie vom Boot sprang?



Irgendwie musste er seinen Bericht revidieren, damit niemand auf die Idee kam Gael nachzustellen. Nur wie? Vom Korridor klangen zwei Stimmen herein. Piet konnte nicht die Worte verstehen, aber er meinte die dunklere Stimme von Nathaira erkannt zu haben, was ihn ehrlich erschreckte. Dann war sie immer noch in ihr. Und die Aktion am Loch Ness? Zu was diente sie? Blendwerk oder war da etwas schief gegangen? Oder hatte das alles nur in einer Halluzination stattgefunden?


Unruhe überkam ihn. Er stand auf, machte einen Schritt in Richtung Tür, verhielt jedoch. Keine Emotionen, jetzt bloß kein emotionales Denken. Kühlen Kopf bewahren, Verstand und Logik einsetzen. Und der Verstand brachte ihn zu einem Thema, welches er geflissentlich verdrängt hatte. Doch nun stand es vor seinem geistigen Auge und wollte nicht mehr weichen.



Zu seiner psychologischen Ausbildung, gehörte auch die Grenzwissenschaft. Offiziell verpönt und oftmals ins Lächerliche gezogen, war dieser Wissenszweig fester Bestandteil für die Operation, friedlicher Kontakt zu Alien. Und alles was er bisher mit Gael erlebt hatte, passte in das theoretische Muster. Aber das war noch nicht alles, was ihm jetzt bewusst wurde. Die Befürchtung, man könnte Gael nachstellen, sie womöglich in Gewahrsam nehmen, war unbegründet. Denn es gab bereits jemanden, der kurz vor der Tuchfühlung mit ihr stand. Nämlich er selbst. Er war der Alien Hunter.



Welchem Soldaten, dessen vertragliche Dienstzeit abgelaufen ist, gestattet die Armee, sich technisch aus ihrem Fundus aufzurüsten, um damit ins zivile Leben überzugehen? Niemanden. Es konnten zwar Fahrzeuge, die keinem militärischen Zweck entsprachen, günstig erworben werden, was eigentlich nur über eine Versteigerung ablief, aber hierzu zählten nicht die Spezialfahrzeuge der Geheimdienste. Aber genau solch ein Fahrzeug war in seinen Besitz übergegangen. Nicht zu vergessen, die getarnte Nadelwaffe.



Offiziell konnte man nach seinem Bericht hin, nicht mehr operieren. Denn auch Geheimdienste mussten der Regierung gegenüber Rechenschaft ablegen. Aber wenn ein einzelner, der der Firma nicht mehr angehörte, sich diesem Thema widmete und womöglich Erfolg hatte, dann musste man dem wieder nachgehen.


Der Stabs-Psychiater, der Verbindungsoffizier und all die anderen im Hintergrund, kannten Piet und wussten, dass er die Sache weiterhin verfolgen würde. Denn dazu hatten sie ihn ausgebildet und gedrillt. Da aber ein offizieller Kontakt zu ihnen nicht mehr möglich war, denn laut eidesstattlicher Vereinbarung, durfte er das Armeegelände für die nächsten zwei Jahre nicht mehr betreten, musste eine andere Verbindung vorhanden sein. Und das konnte nur der Cliff 600 sein. Piet hatte zwar routinemäßig das Fahrzeug nach Wanzen gescannt und nichts gefunden, aber das besagte gar nichts. Wahrscheinlich wurden Antennen im Rahmen verbaut, wodurch über Satellitenortung man immer wusste, wo er sich aufhielt. Und die Hochleistungskameras dieser Satelliten, erzeugten Bilder von hoher Auflösung. Es gab nur eine Möglichkeit dem ein vorzeitiges Ende zusetzen, nämlich das Fahrzeug zu verschrotten. Und dazu war Piet nicht bereit.



Gael kam zurück, in Begleitung eines großen Hundes, dessen Schulterhöhe ihr bis zu den Hüften reichte. Sein graubraunes Fell wirkte struppig und die Augen ähnelten eher dem eines Reptils, als eines Hundes. Kaum das er Piet gesichtig wurde, begann er zu Knurren. Erst leise, dann intensiver. Piet sagte keinen Ton, dafür waren seine Muskeln angespannt. Abermals erfolgte das Knurren und Piet wusste jetzt, wo er diese Laute schon einmal gehört hatte. Das war im Zoo bei den Krokodilen. Bis dahin hatte sein Verstand sich dagegen gewährt, es könnte ein getarnter Drache sein. Doch die Knurrlaute und die Augen, belehrten ihn eines Besseren.



„Ist er als Drache genauso groß?“, fragte Piet und beobachtete Gael genau.


Falls sie über seine Worte erschrocken wäre, hatte sie sich gut in der Gewalt. Denn ihr Blick zeigte Unverständnis.


„Was redest du denn da Piet. Das ist ein irischer Wolfshund. Wie kommst du denn auf Drache?“


„Mir war so, als hättest du mal geäußert, dass ein Landdrache sich als Hund tarnt.“, erwiderte er.


„Kleinen Moment Piet. Ich bringe ihn ins Schlafzimmer zurück. Sonst hört er mit dem Knurren nicht auf.“, wich sie aus. Doch Piet setzte sofort nach. „Warum kommt denn deine Freundin nicht zu uns. Sie ist doch da, oder etwa nicht?“

Ohne eine Antwort zu geben, zog Gael am Halsband des Hundes und verschwand mit ihm. Piet ging rasch hinterher und sah noch, wie der Hund in einer Tür verschwand. Piet wollte folgen, als Gael schon wieder heraus kam.


„Die Toilette ist dort, die zweite Tür von links.“, sagte sie unbekümmert.


Piet nickte und betrat das stille Örtchen, welches sich als gut ausgestattetes Badezimmer entpuppte. Er wartete drei Minuten, betätigte die Toilettenspülung, hielt die Hände kurz im Waschbecken unter Wasser und trocknete sie am Gästehandtuch ab. Bevor er das Badezimmer verließ, legte er geistig bestimmte Parameter zurecht. Gleich würde es sich zeigen, ob sein Verdacht Bestätigung fand.


Er ging zum Wohnzimmer und prallte regelrecht an der Tür zurück, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Auf der BIG - Couch räkelte sich Gael in verführerischer Pose.



„Komme ruhig herein Piet und setz dich zu mir.“, sagte sie mit dunklerer Stimme.


„Nathaira!“, stieß Piet erschrocken hervor.


„Überrascht? Och Piet, du enttäuscht mich. Wo du doch der große Alien Hunter sein möchtest. Nun komm endlich her!“, fügte sie strenger hinzu.


Er zögerte, dennoch bewegten sich seine Beine wie von selbst zu der Couch. Nathaira griff nach seiner Hand und zog ihn mit einem Ruck zu sich herunter. Etwas ungelenk kam er neben ihr zu liegen. Und bevor er auch nur eine Gegenwehr machen konnte, knöpfte sie ihm bereits die Hose auf.



„Ich habe lange genug darauf gewartet. Jetzt entkommst du mir nicht mehr Piet. Eigentlich müsste ich dich bestrafen, denn du hast uns verraten, obwohl du versprochen hattest, dass niemand von den Ereignissen erfährt. Aber in Gael hast du eine Fürsprecherin gefunden. Sie möchte sich auf diese Weise für deine Hilfe bedanken. Also zier dich jetzt nicht, oder komme auf dumme Gedanken, sonst werde ich richtig sauer!“



Sie zerrte seine Hose von den Beinen, streifte danach seine Unterhose herunter und setzte sich rittlings auf seine Beine. Mit der Hand massierte sie den Halbmast, der langsam an Länge und Volumen zulegte.


Gael saß im Schlafzimmer auf dem Bett, vor ihr am Boden lag der enttarnte Landdrache. Sein grünlich schimmernder geschuppter Körper erinnerte an ein Krokodil. Doch der Kopf war rundlicher und die Schnauzte ähnelte der eines Hundes. Die Beine hingegen glichen dem eines Waran, nur das der auslaufende Schwanz kürzer war. Leise Knurrlaute kamen aus seiner Schnauze, die nicht Gael galten, sondern dem fremden Mann im Nebenzimmer.



„Was sollen wir denn mit ihm machen? Immerhin hat er uns aus der Klinik befreit.“, sprach sie zu dem Landdrachen.


Das Knurren verstummte, der Drache hob den Kopf, blickte Gael an und seine lange Zunge schnellte aus seinem Maul, strich über Gaels Hand. Sie wusste was er damit ausdrücken wollte. Dennoch war sie sich nicht sicher, ob sie Piet umdrehen könnten. Denn solange in ihm das Soldatenwesen vorherrschte, war er eine Gefahr für sie alle.



Bevor Piet in ihr Leben trat, hatte Nathaira es bei anderen Krankenpflegern versucht, sie zur ihrer beider Rettung zu bewegen. Einige reagierten überhaupt nicht und zwei andere sahen in ihr nur ein willkommenes Lustobjekt.


Daher war Piet mit seiner gedrillten Selbstbeherrschung, genau der richtige Kandidat. Nathaira testete ihn, als sie anbot mit ihnen beiden Sex zu haben. Und er bestand den Test, durch seine bedenkliche Ablehnung. Dass er dennoch nicht gänzlich dem abgeneigt war, hatten sie von ihm gespürt. Der eine Teil von ihm wollte es und der andere Teil in ihm verbot es.



Eigentlich war Piet derjenige, der eine Persönlichkeitsspaltung hatte. Vorhin als er allein im Wohnzimmer verweilte, hatte Nathaira seine Gedanken gelesen. Es fand ein regelrechter Kampf statt, zwischen seinem wahren Selbst und dem vom Militär herangezüchteten zweiten Ich. Leider gewann der militärische Teil.


Aus diesem Grund entschied Nathaira eine Planänderung. Sie wollte ihn außer Gefecht setzen und zugleich selbst erfahren, wie Sex auf der menschlichen Ebene sich anfühlt. Sobald sie mit ihm fertig ist, wird sie die Wohnung verlassen und sich Piets Fahrzeug widmen. In dieser Zeit soll Gael dann mit ihm weitermachen.



Ein wenig schlechtes Gewissen hatte Gael schon. Denn immerhin hatte Piet sie nicht nur aus der Klinik befreit, sondern aufgrund seines technischen Wissens, auch die Lösung für ihr Problem gefunden, wie Nathaira wieder aus ihrem Körper entweichen konnte. Das es dann schließlich noch völlig anders verlief, konnten niemand ahnen.


Bevor sie vom Bug sprang, rief Nathaira ihm noch zu, sie käme wieder. Damit meinte sie, er solle warten. Leider hatte er das als solches nicht verstanden. Kaum das sie in den Wellenberg eingetaucht war, umschloss Gael eine große Luftblase. Sie konnte frei atmen und auch alles sehen, was außerhalb vor sich ging. Sie saß auf einer Wasserwoge, ohne einzutauchen oder herunterzufallen, während plötzlich auf der Wasserwoge neben ihr, sie selbst auch saß. Allerdings vollkommen nackt. Dieses Selbst blickte völlig verdattert zu ihr und sie blickte zu dem anderen Ich. Da hörte sie ganz deutlich Nathaira sagen: >Ich habe den selben Körper wie du Gael.<



Für lange Erklärungen blieb keine Zeit. Die beiden Wasserwogen brachten sie beide zum gegenüberliegenden Ufer, nahe dem Bootsverleih. Hierbei katapultierte die Wasserwoge Gael samt Luftblase auf das Ufer, während Nathaira von ihrer Wasserwoge wie von einem Boot, an Land ging.



Die Luftblase um Gael, zerplatzte gleich einer Seifenblase, Nathaira nahm Gael an die Hand und rannte mit ihr schnell zum Parkplatz des Bootsverleih, wo sie von dem getarnten Landdrachen bereits erwartet wurden. Zum Glück war zu diesem Zeitpunkt niemand in der Nähe. Nathaira legte ihre flache Hand auf das Türschloss und schon entriegelte die Seitentür. Sie stiegen ein, Gael zog rasch den Taucheranzug aus, unter dem ihre Bekleidung zum Vorschein kam, während Nathaira aus der blauen Reisetasche ein Minikleid und Halbschuhe fischte, die sie anzog. Gael verstaute den Taucheranzug in die Reisetasche, blickte sich suchend im Wagen um, ob noch etwas von ihr herumlag, während Nathaira mit Gaels Smartphone ein Taxi bestellte.


Sie verließen den Wagen, Nathaira schob die Seitentür zu und verriegelte sie mit der flachen Hand. Sie gingen mit dem Hund ein Stück Richtung Ausfahrt, als auch schon das Taxi herangefahren kam. Der Taxifahrer meinte, sie hätten Glück, er hatte kurz davor einen Fahrgast hergefahren. Als er jedoch den großen Hund sah, wollte er sie nicht mitnehmen. Nathaira blickte ihn an und plötzlich fand er den Hund ganz süß.


Fünfzig Minuten später hielt das Taxi an einer Straßenecke in Inverness. Gael bezahlte und Nathaira machte etwas mit ihren Händen. Danach erklärte sie, der Taxifahrer wird sich nicht mehr an sie erinnern können.



Weiter kam Gael mit ihrer Betrachtung der Vergangenheit nicht, denn Nathaira rauschte soeben ins Schlafzimmer hinein.


„Los, jetzt bist du dran Gael. Ich habe ihn leicht betäubt.“

„Wie war es denn für dich?“, fragte Gael neugierig.


„Irgendwie seltsam. Erzähle ich dir nachher. Ich muss jetzt schnell zu seinem Wagen, nachsehen ob es wirklich solche Antennen dort gibt und sie gegebenenfalls zerstören. Der Drache bleibt bei dir.“



Piet lag mit entblößten Unterkörper auf der BIG – Couch, die Augen geschlossen. Doch seine Hände fuhren suchend in der Luft herum. Gael zog das Minikleid und den Stringtanga aus, setzte sich rittlings auf ihn, begann mit der Massage für die zweite Runde, während eine Hand von ihm ihre Brust erreichte.



Kapitel 8





Zur gleichen Zeit fand in der geheimen Forschungsabteilung eine Besprechung statt. Es wurde noch einmal der Bericht von dem Ellmert vorgenommen und letztendlich für unglaubwürdig erklärt.


Aus einer Observierung ging hervor, dass die besagte Frau Gael Macmoore, sich bester Gesundheit erfreue. Sie habe einen Hund, mit dem sie viel unterwegs ist. Damit erlosch endgültig das Interesse an ihr.



Das letzte psychologische Gutachten von dem Piet Ellmert, angefertigt nach einem Einsatz in der Nordsee, gab Aufschluss über seinen Zustand. Dort hieß es wörtlich, dass er unter geistiger Labilität leide und eine Zwangsneurose, endlich den Beweis von Aliens zu erbringen, nicht ausgeschlossen werden kann. Weshalb er vom Außendienst ausgenommen wurde. Bis zu seiner regulären Entlassung, sollte er im Militärkrankenhaus Dienst verrichten.


Der nächste Bericht handelte von der Abkommandierung in die Psychiatrie, um dort zur Aushilfe Stationsdienst abzuleisten. Danach erfolgte der Bericht von ihm.



Nach eingehender Beratung, zu dem auch ein General des Militärs zugegen war, kam man zum einstimmigen Ergebnis, es habe diesen Piet Ellmert niemals in der geheimen Forschungsabteilung gegeben. Er war ein Soldat auf Zeit und verrichtete seinen Dienst als Rettungssanitäter. Punkt Schluss und Ende!


Auf einem Tisch im Besprechungsraum, lag ein Stapel Aktenordner, der im Beisein der Anwesenden dem Schredder übergeben wurde. Die Schnipsel hiervon wurden unter Zeugen, in eine Verbrennungsanlage gebracht und danach noch mal die Asche untersucht, damit ja nichts kenntliches übrig blieb.




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Seit Nathaira einen menschlichen Körper besaß, kam es zu einer Steigerung ihrer Fähigkeiten. Nach eingehender Untersuchung des Fahrzeugs von Außen, kam der innere Bereich dran. Die Seitentür war zwar mit einem Zahlenschloss gesichert, doch ihr stand nicht der Sinn nach Rätselraten. Die altbewährte Methode mit der flachen Hand, war immer noch die zuverlässigste.



Die Inneneinrichtung unterschied sich in nichts von dem Wagen, den Piet zuvor hatte. Auch schien er ebenfalls gepanzert zu sein, wie sie mit ihrem Sonar-Sinn erfassen konnte. Das machte Piet nicht weniger verdächtig. Und es sollte noch eine Steigerung ihres Misstrauen geben, als sie die vielen Messgeräte in den Fächern entdeckte. Auch gab es das Minilabor und in einer Schublade ein merkwürdiges Gerät. Für einen Kugelschreiber zu dick und für eine Taschenlampe zu dünn. Sicherheitshalber legte sie dieses Gerät zum Mitnehmen bereit. Als nächstes öffnete Nathaira die Bodenklappe. Zu ihrer Überraschung gab es keine Schuss- und Stechwaffen. Dafür einen flachen Koffer, der ihre Neugier anstachelte. Er war mit einem Zahlenschloss gesichert, welches kein Hindernis darstellte. In dem Koffer lagen Dokumente von dem Wagen und Bescheinigungen der Armee. Er war tatsächlich entlassen worden. Somit bestätigten diese Papiere seine Gedanken, die sie belauscht hatte. Hingegen einen schriftlichen Auftrag fand sie nicht. Und eine Rahmenantenne, oder sonstige Antennen, die mit einem Satelliten Verbindung aufnehmen konnten, gab es ebenfalls nicht. Woher kam dann der Verdacht bei ihm, auf sie angesetzt zu sein?



Enttäuscht gab Gael auf, zog ihr Höschen und Minikleid wieder an. Piet lag immer noch mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht, was auch für seine Hände und dem anderen galt. Nathaira betrat das Wohnzimmer, blickte erstaunt auf Gael.



„Was hast du?“


„Sie zuckte mit den Schultern. „Nichts. Du musst ihn leergepumpt haben. Er wacht überhaupt nicht mehr auf.“



Nathaira schürzte kurz die Lippen. „Merkwürdig, es war doch nur eine kleine Betäubung. Die hätte doch nach wenigen Minuten wieder verschwinden müssen.“


„Wie du siehst hat sie es nicht getan. Dann erzähl mal, wie war es mit ihm?“


„Nur kurz. Ich bekam ihn kaum rein, da erschlaffte er auch schon. Ich weiß nicht, soll das alles sein?“



Gael blickte nachdenklich drein. „Mir ist es überhaupt nicht gelungen, ihn soweit zu bekommen. Einmal hat er mit der Hand meine Brust berührt. Danach fiel sein Arm schlaff herunter und das andere blieb so wie jetzt. Vielleicht ist er Impotent.“



„Was bedeutet das?“, fragte Nathaira erstaunt.


„Ich hatte dir doch am Computer gezeigt, wie das beim Mann aussieht, wenn er richtig scharf ist. Na ja und bei Piet ist es eben das Gegenteil.“


„Verstehe. Dann kann er nie bei uns eindringen?“


„So ist es.“, erwiderte Gael zerknirscht.

„Komm hilf mir Gael. Wir ziehen ihn wieder an.“


„Und was ist mit seinem Wagen?“, fragte Gael. Nathaira berichtete was sie alles gesehen hatte. „Ach, jetzt habe ich vergessen dieses Gerät mit zunehmen. Ich gehe schnell noch mal runter.“



„Warte Nathaira. Nimm es nicht. Piet soll nicht wissen, dass Verriegelungen für dich kein Hindernis sind.“


„Dann muss ich trotzdem noch mal zum Wagen, um es in die Schublade zurück zulegen.“


„Ja gut. Aber ich habe mich durchgerungen. Ich denke es ist besser, wenn Piet nichts mehr von dir weiß. Ich meine wer du wirklich bist. Kannst du diese Erinnerungen ihm löschen?“



Nathaira blickte sie mit großen Augen an. „Ob das selektiv geht, weiß ich nicht. Bei den anderen ist alles gelöscht worden was mit dir, Piet und mit mir zu tun hatte. Willst du das denn wirklich? Immerhin verdanken wir ihm unsere Rettung. Andererseits steckt noch der Soldat in ihm und damit ist er ein Sicherheitsrisiko. Pass auf, ich flitzte schnell zum Wagen. Löschen kann ich ihn immer noch, das geschieht in Sekunden.“



Piet war wieder angekleidet, blieb jedoch weiterhin unbeweglich liegen. Nur seine regelmäßigen Atemzüge verrieten, dass er tief und fest schlief. Gael ging ins Schlafzimmer, wo der Landdrache am Boden lag, er wedelte mit dem Schwanz, als Gael ihm zärtlich über den Kopf strich.


„Ich weiß nicht was ich machen soll? Wenn wir ihm bestätigen, alles habe sich so zugetragen, wie er es in Erinnerung hat, was wird er mit diesem Wissen anfangen? Ständig in dieser Ungewissheit leben, bei jedem Klingeln an der Tür zusammenzucken und draußen nie wissen ob man verfolgt wird. Du hast es gut. Du kannst dich tarnen. Ich wünschte ich könnte das auch.“



Der Drache richtete den Körper auf, ließ seine lange Zunge aus der Schnauze schnellen, leckte mit ihr über Gaels Hand. Unbemerkt war Nathaira zurückgekehrt, hatte die Worte von Gael vernommen. Sie trat ins Schlafzimmer, nahm Gael in die Arme.



„Ich weiß meine Kleine. Wir stehen vor einer schweren Entscheidung. Andererseits könnte Piet dein Beschützer sein. Auch wenn er keine Waffen hat, so verfügt er doch über körperliche Fähigkeiten, die dem gleich kommen.“


„Mag sein. Nur was das bestimmte Männliche anbelangt, da ist tote Hose bei ihm.“


„Hast du dich in ihn verliebt?“, fragte Nathaira erstaunt.



Gael schüttelte den Kopf. „Nein. Aber es wäre schön, Spaß mit ihm zu haben. Wenn er mal auch so geneigt wäre. Aber ich kann mir schon vorstellen wie das bei ihm abgelaufen ist. Hatte mal eine Freundin, die ging mit einem amerikanischen GI. Wochenlang sahen sie sich nicht und wenn er dann kam, dann ging es ihm nur um das eine. Kaum Zärtlichkeiten, sondern gleich zur Sache gekommen und fertig. Mir ist schon klar, dass die Soldaten im Hormonstau stecken. Deshalb gehen ja auch viele von ihnen zu Prostituierte. Aber das alleine, das kann es doch nicht sein.“



„Mitreden kann ich da nicht Gael. Das bisschen Reinstecken, hatte bei mir eigentlich gar nichts ausgelöst. Wenn ich da an unsere Verschmelzungen denke. Tja und weil ich gerade davon spreche Gael, ich muss mich auch wieder in meinem Reich blicken lassen. Was auch für den Landdrachen gilt.“


„Och nö!“, stieß Gael hervor. „Kann ich mitkommen?“



Nathaira schüttelte den Kopf. „Dafür ist dein Körper nicht geschaffen Kleine.“


„Aber du hast doch den selben Körper wie ich.“, widersprach Gael.


„Das ist schon richtig.“, erwiderte Nathaira nachdenklich. „Wir haben bis jetzt nicht herausgefunden, warum das so ist.“



„Wie siehst du denn im Original aus?“, fragte Gael.


„Das ist ja das Groteske. Ich sehe genauso aus wie du. Nur das der Körper fließt, ohne seine Konturen zu verlieren. Womöglich ist unsere Begegnung gar kein Zufall.“



„Wie meinst du das?“, fragte Gael hoffnungsvoll.



„Also doch!“, ertönte es in diesem Moment von der Tür her.



Erschrocken fuhren die beiden Frauen herum und auch der Drache war über das plötzlich Auftauchen des Mannes erschrocken. Aber er fing sich schnell und ging sofort zum Angriff über. Piet machte einen Satz nach hinten, prallte mit dem Rücken gegen die Wand, als Nathaira auch schon den Schwanz des Drachen gepackt hatte und laut „Nein!“, rief. Mit grollendem Knurren ließ der Drache vom Angriff ab.



Piet blieb an der Wand stehen, schätzte blitzschnell seine Chancen gegen das Ungeheuer ab. Wenn der erste Schlag auf dessen Schädel nicht richtig saß, würde er zu keiner zweiter Aktion kommen. Er musste die Situation entschärfen.

„Dann stimmt das doch alles, was ich im Loch Ness mit dir erlebt habe Nathaira. Und wieso wolltest du mir weiß machen Gael, dergleichen wäre nie geschehen!?“, grollte er und sein Unmut darüber war echt.


Gael schwieg, weil sie nicht wusste wie sie das sagen sollte. Dafür sprang Nathaira ein. „Weil du ein Sicherheitsrisiko darstellst Piet. Deshalb hat Gael es geleugnet.“



Piet lachte humorlos auf. „Wie ich festgestellt habe, konnte sich niemand an mich erinnern. Ich gehe mal davon aus, dass du da deine Finger im Spiel hattest. Warum hast du es bei mir nicht auch getan? Ich werde es dir sagen, weil ich gegen deine parapsychologischen Tricks immun bin.“



„Siehst du Gael, genau das meinte ich, der Soldat in ihm agiert. Das hast du richtig erkannt Piet. Nur mit dem Unterschied, dass ich nur dann die Erinnerungen löschen kann, wenn ich an den Menschen herankomme. Was bei dir nicht der Fall war, weil du in der Kaserne dich aufhieltest. Und das du uns hier nicht angetroffen hattest, lag ganz einfach daran, dass wir zu deren Zeitpunkten nicht hier waren. Ich weiß zwar nicht, was du mit diesem Parapsychologischen meinst, aber ich bin sehr wohl in der Lage dein Gedächtnis zu löschen. Und solltest du auf dumme Gedanken kommen, die ich sehr wohl mithören kann, dann nehme ich dir alles weg und stufe dich ins Säuglingsalter zurück. Also Vorsicht Piet! Reize mich nicht!“



Diese Ansage hatte gesessen und Piet erkannte schnell, dass er schon wieder den Fehler begangen hatte, Nathaira zu unterschätzen. Sie konnte kein Wesen von dieser Welt sein.


„Aber vor eigener Gewalt schreckst du nicht zurück. Oder was sollte das vorhin auf der Couch gewesen sein? Vergewaltigung nennt man so etwas!“, stieß er ungehalten hervor.


„Mach dich nicht lächerlich Piet. Wie kann eine Frau einen Mann vergewaltigen, wenn da von seiner Seite nichts ist!“



Gael flüsterte Nathaira ins Ohr: „Das ginge schon, Wenn man ihn zum Lecken zwingt.“


„Na schön, dann ...“, sie unterbrach sich und flüsterte zu Gael: „Was meinst du mit Lecken?“


„Erkläre ich dir später.“, sagte Gael verschmitzt.



„Außerdem warst du selbst ganz wild, es mit mir zu machen. Meinst du ich hatte nicht mitbekommen, als du auf der Straße hinter mir liefst, wo meine Beine wohl enden mögen. Ich habe lediglich den Anfang auf der Couch gemacht. Aber wie gesagt, darüber hinaus ging es nicht.“



„Das liegt an den Medikamenten. Wahrscheinlich wirken sie immer noch. Die mussten alle Soldaten einnehmen, bevor sie in den Außeneinsatz gingen. Damit sie durch die Libido nicht abgelenkt werden.“



„Oh!“, machten beide Frauen zeitgleich und schwiegen betroffen.



Piet hingegen sprach weiter. „Wie ich die Lage einschätze, hast du mich nur deshalb angerufen, weil ihr nicht wisst, warum Nathaira den selben Körper hat wie du. Nun ich will mich nicht in einem wissenschaftlichen Vortrag verlieren, daher mache ich es kurz. Beim Austritt ist eine DNA-Kopie von Gael mitgegangen, wodurch dein eigentlicher Körper, den von Gael angenommen hat. Damit bist du in der Lage, in dieser Welt dich frei zu bewegen.



Und was mich anbelangt, ja ich hatte mir Sorgen um Gael gemacht, man könnte Interesse an ihr haben und sie entführen. Außerdem wollte ich wissen, was nach dem Sprung vom Schiffsbug geschah.


Ist vielleicht nicht mehr so wichtig. Ihr beide seid wohlbehalten und munter. Das ich mich als Alien Hunter wähnte, lag darin begründet, dass ich nicht sicher bin, in wieweit noch Interesse von der Armee besteht. Offiziell wurde die Akte geschlossen und mit wurde angedichtet, Opfer einer mentalen Manipulation geworden zu sein. Stimmt es, dann werde ich sofort von hier verschwinden. Anderenfalls fordere ich Aufklärung.“



Nathaira schüttelte die Hände aus, der Drache nahm schnell die Tarnung des Hundes an und Piet blickte sie verwundert an.



„Seid ihr Schwestern?“, fragte er erstaunt.


„Um es genauer zu sagen, eineiige Zwillingsschwestern.“, erwiderte Nathaira. „Ich möchte mich nochmals bei Ihnen bedanken Herr Ellmert, dass Sie meine Schwester aus der Klinik befreit haben. Das wird für die Klinik noch ein juristisches Nachspiel haben. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt auf Geschäftsreise, sonst wäre dies alles nicht geschehen.



Ich weiß nicht, ob meine Schwester Ihnen erzählt hat, dass sie Kinderbücher lektoriert. Jedenfalls läuft das bei ihr so ab, dass sie sich ganz in die jeweilige Geschichte hineindenkt und diese auch manchmal wie ein Schauspieler nachspielt, um mögliche Fehlerquellen im logischen Aufbau zu entdecken.


Und dieses Nachspielen, wurde in der Klinik als Persönlichkeitsstörung interpretiert. Einzig Sie Herr Ellmert, haben den wahren Sachverhalt erkannt und dementsprechend richtig reagiert. Ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie sie. Kann ich irgendetwas für Sie tun Herr Ellmert?“

Piet schüttelte den Kopf. „Nein nicht nötig. Ich wollte mich nur vergewissern, ob es Ihrer Schwester gut geht. Ich fahre heute noch nach Aberdeen, das ist meine Heimatstadt.“



Sogleich erfolgte die Verabschiedung. Nathaira brachte Piet zur Tür, ließ ihn aus der Wohnung hinaus. Er lief erleichtert die Stufen nach unten, verließ das Haus und ging direkt zu dem Wohnmobil, ohne sich noch einmal umzudrehen.



„Es ist so besser Gael.“, sagte Nathaira und nahm Gael in die Arme. Eine Aufgabe steht aber noch an. Ich muss in die Klinik, um auch dort etwas zu korrigieren.“


„Aber wenn sie dich erwischen. Die wissen doch nicht, das du nicht ich bist.“, sagte Gael erschrocken.


„Keine Sorge Kleine, die Leute dort sind mir nicht gewachsen. Wollen wir vorher noch was Essen, oder fahren wir gleich hin?“



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Gael fuhr mit ihrem Renault auf den Parkplatz der Klinik, hielt an. Sie stiegen aus, der getarnte Drache blieb dicht bei Gael. Besorgt blickte Gael Nathaira an.



„Muss das denn sein? Nicht das die dich da festhalten.“


„Habe keine Angst Kleine. Es dauert nur wenige Minuten, dann bin ich wieder hier.“


„Wie viel Minuten?“, fragte Gael ängstlich.


„Nicht länger als eine halbe Stunde. Der Drache passt auf dich auf.“


Rasch lief Nathaira los, bevor Gael noch mehr Argumente ins Feld führen konnte. Gael blickte ihr nach und dachte bei sich, so sehe ich also von hinten aus. Kein Wunder das manche Männer mir hinterher pfeifen.



Zielstrebig betrat Nathaira das Gebäude, als der Pförtner sie heranwinkte und ihren Personalausweis verlangte. Nathaira wedelte kurz mit einer Hand und ging einfach weiter. Vor einem Treppenaufgang lief ihr ein Pfleger über den Weg. Sie fragte ihn wo das Büro vom Chefarzt wäre und erhielt nach kurzen abschätzenden Blick, die Auskunft. Als er von ihr wegging, wedelte Nathaira wieder kurz mit der Hand und setzte ihren Weg fort.



An für sich hatte Nathaira vorgehabt, dem Chefarzt ordentlich die Meinung ins Gesicht zu sagen, doch als sie dessen Büro betrat, änderte sie ihren Plan. Warum lange Palavern, es würde an dessen Meinung, Kranken gegenüber doch nichts ändern. Er saß am Schreibtisch, hob verwundert den Kopf und das war das Letzte, an was er sich erinnern konnte.


Gemeinsam gingen sie durch den Verwaltungstrakt. Vor einer Tür mit der Aufschrift Archiv blieb der Chefarzt stehen, zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche, sperrte die Tür auf und knipste das Licht an. Ohne ein Wort zu sagen, lief er an den hohen Regalen entlang, bis zum Ende. Dort zog er eine Pappschachtel hervor, öffnete sie und entnahm drei Schnellhefter, die er Nathaira in die Hand drückte. Auf dem Rückweg rollte sie die Hefter zusammen, damit nicht jeder sah was sie in der Hand hielt. Sie begleitete den Chefarzt in sein Büro zurück und während er sich hinter den Schreibtisch setzte, verließ sie den Raum. Der Chefarzt blickte verwundert auf, schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seiner Arbeit zu.



Gael lief unruhig vor dem Auto hin und her während der getarnte Drache auf einem Fleck sitzen blieb. Immer wieder schaute Gael auf die Uhr, als der Hund einen kurzes Fiepen von sich gab. Und da kam auch schon Nathaira den Weg entlang. Gael lief ihr mit Tränen in den Augen entgegen.



„Beruhige dich Kleine. Es ist alles in Ordnung. Hier habe ich die gesamte Krankenakte von uns. Angefangen von der ersten Einlieferung, bis hin zur letzten Entlassung. Niemand wird jemals beweisen können, dass wir hier einst eingesperrt waren.“



Gael nickte schniefend. „Und was machen wir damit?“


„Wir verbrennen sie. Aber nicht hier, sondern unten am Fluss.“, sagte Nathaira und schob Gael sanft zum Auto hin, wo sie von dem getarnten Drachen freudig empfangen wurden.



Unterwegs hatte Gael an einer Tankstelle ein Feuerzeug gekauft. Nun standen sie beide auf dem schmalen Uferpfad und blickten auf den langsam fließenden Fluss. Nathaira nahm die Papiere aus den Kunststoffhüllen, knüllte sie leicht zusammen, legte sie auf den Boden und zündete sie mit dem Feuerzeug an. So verbrannte ein Papierblatt nach dem anderen, bis nur noch unkenntliche Asche übrig blieb. Nathaira schob sie auf eine der Hüllen, ging damit die leicht abschüssige Uferböschung hinunter und ließ die Asche in den Fluss fallen. Sofort bildete sich weißer Schaum, der zusammen mit der Asche unterging.


Mit den leeren Kunststoffhüllen verfuhr sie eben so. Kurz angezündet, verbrannte sie zu schwarzen Klumpen. Auch die brachte Nathaira zum Fluss, warf sie hinein und wurden sofort von weißem Schaum umhüllt und in die Tiefe gezogen.



Ist das nicht Umweltverschmutzung?“, sagte Gael, die bis dahin kein Ton gesagt hatte.


„Nein, nicht wenn ich es tue. Vom Feuer verzehrt, vom Wasser gereinigt.“, sagte Nathaira feierlich.



Als sie am Auto ankamen, sagte Nathaira: „Was hältst du davon, wenn du dir einen echten Hund zulegst. Vielleicht sogar einen irischen Wolfshund?“


„Warum sagst du so etwas. Du musst gehen, stimmt´s?“



„Ja Gael. Es ist kein Zwang in dem Sinne, aber man macht sich bestimmt auch Sorgen um mich. Die Drachen haben zwar meine Botschaft überbracht, aber ich konnte nicht wissen, dass ich solange fort bleibe.“


Gael nickte stumm, setzte sich ins Auto, legte die Hände auf das Lenkrad. „Und es gibt keine Möglichkeit, dass ich mit könnte?“


„Nein Gael. Ich kann noch nicht mal von hier etwas mitnehmen.“


„Aber was geschieht dann mit dem Körper, dem Kleid und den Stiefeln?“


„Die Sachen muss ich vorher ausziehen und hier lassen. Tja und der Körper, wir werden sehen.“



„Du sagtest, dass unsere Begegnung vielleicht kein Zufall war. Und das du genauso aussiehst wie ich. Was meintest du damit?“, fragte Gael.


„Um das herauszufinden muss ich zurück. Jetzt kann ich dir keine Antwort darauf geben, weil ich die Antwort nicht kenne.“



„Was mich verwundert, dass dir noch nie aufgefallen ist, dass du in der Menschenwelt bist. Ich meine damit Loch Ness. Auf dem Loch fahren doch auch Boote.“



„In meinem Reich fahren auch Boote auf dem See.“


„Ja aber wo ist dann dein Reich. Mir ist jedenfalls nicht bekannt … Ach ich weiß auch nicht. Will das auch gar nicht wissen. Ich bin traurig.“


„Meine Kleine. Wie würdest du dich denn in einer fremden Welt fühlen, wo es nicht das Gewohnte gibt? Bei uns könntest du keine Bücher schreiben und lektorieren, weil es keine Computer gibt. Handy gibt es auch nicht. Wenn eine Nachricht verschickt werden muss, dann übernehmen das die Wasserdrachen. Manchmal auch die Landdrachen.


Das ich mich so schnell an eurer Technik orientieren konnte, lag allein daran, weil ich mit in deinem Körper saß. Da ging es automatisch zu mir hinüber. Hätte ich das alles mit eigenem Körper lernen müssen, würde ich mich nicht trauen in ein Auto einzusteigen.“



„Das ist es! Ich schlüpfe in deinen Körper und zusammen bringen uns die Drachen in dein Reich.“, rief Gael begeistert aus.“


„Meine Kleine, das funktioniert nicht. Bitte mache mir den Abschied nicht so schwer. Ich komme auch wieder.“



„Wann!?“, stieß Gael hervor.


„Das weiß ich noch nicht. Hängt von vielen Umständen ab. Aber ich melde mich dann.“


„Und wie bitteschön?“


„Ja du hast recht. Daran habe ich nicht gedacht. Bin schon das mit dem Handy gewohnt.“



„Ich habe eine Idee!“, rief Gael aus. „Ich kaufe einen luftdichten Alukoffer. Dort tun wir warme Sachen hinein, ein ausgeschaltetes Handy mit vollgeladenem Akku. Zusätzlich noch 50 Pfund Bargeld und verstecken den Koffer in Ufernähe, wo kein Mensch etwas vermuten würde. Wenn du dann ankommst, kannst du dich umziehen und mich anrufen. Ich komme alle zwei Wochen und tausche den Akku gegen einen frisch aufgeladenen aus. Was hältst du davon?!“



„Du bist süß Gael. Aber das wäre eine reale Möglichkeit. Dann lass uns das gleich in die Tat umsetzen.“


Während der Fahrt fragte Nathaira, was es mit diesem Lecken auf sich habe und Gael erklärte ihr die oralen Techniken. Eine Weile schwieg Nathaira dazu, versuchte sich das vorzustellen.


„Das wäre nichts für mich. Bei euch Menschen muss hier gedrückt, da gestreichelt, dies und das getan werden, bis alles auf Touren kommt und dann braucht es nur eine kleine Störung, wie bei Piet und schon bricht alles wieder zusammen. Da lobe ich mir doch unsere Verschmelzung. Da ist alles mit einem Schlag vorhanden.“


„Och ihr habt´s gut.“, maulte Gael und malte sich diese Art von Sex im Geiste aus.



Kapitel 9

 

 

 

 

Der Tag des Abschieds war gekommen. Gael hatte an einigen Uferstellen am Loch Ness angehalten, doch es war wie verhext, denn es gab keine großen Steine, unter die der Koffer gepasst hätte. Vorsorglich hatte Gael einen Spaten gekauft. Doch damit konnte sie dem felsigen Untergrund nicht beikommen. Nathaira stand nah an der Uferkante, blickte über das Wasser.

 

 

„Wenn mich nicht alles täuscht, dann müsste dort drüben der Tunnel sein.“

 

„Tunnel? Was für ein Tunnel?“, fragte Gael erstaunt.

 

„Na wir gelangen durch ein Tunnelsystem hierher. So genau kenne ich mich auch nicht aus, aber die Drachen umso besser.“

 

 

Gael machte ein nachdenkliches Gesicht. „Dann könnten doch deine Wasserdrachen, die Urheber um die Legende von Nessi sein.“

 

„Schon möglich. Manchmal tauchen sie auch auf. Meist sind es die kleinen, weil sie neugierig sind. Hingegen die großen sieht man nicht. Nur deren Wasserwelle, wenn sie nahe zur Oberfläche kommen.“

 

„Gut. Dann lass uns dort drüben hinfahren. Wir könnten ja auch den Koffer an ein Seil binden und ihn ins Wasser lassen.“

 

„Nein Gael, das geht nicht. Der Nahbereich fällt gleich 50 Yard tief ab. Und das ist die seichte Stelle. Außerdem könnte jemand anderes den Koffer am Seil hochholen. Mir ist sowieso nicht wohl dabei, wenn du zu nahe an die Wasserkante kommst. Ein Fehltritt und du fällst hinein und schaffst es nicht mehr heraus.“

 

 

Das wäre doch eine lohnende Aufgabe für Piet. Der könnte sich mit seinem Wohnmobil hier hinstellen und wenn du dann ankommst … Aber nein, er muss ja den Macho-Soldaten heraushängen lassen!“, grummelte Gael.

 

 

Nathaira legte einen Arm um Gaels Schulter. „Sei nicht ungerecht. Zwölf Jahre Soldat sein, legt man nicht so einfach wie ein Kleidungsstück ab. Es braucht seine Zeit, bis er sich wie ein Zivilist fühlt. Mit 18 Jahre ist er in die Armee gegangen. Warum wohl so früh und warum für so lange? Das werden wir nie erfahren. Komm lass uns zur anderen Seite fahren. Ich habe da eine Idee.“

 

 

Sie fuhren auf der B852, die an der Ostseite des Lochs entlangführte. Nathaira wies mit der Hand voraus. „Halte dort bitte an.“

 

Auf diesem Uferbereich wuchsen Birken, dazwischen lagen moosbewachsene Steine und das Gefälle zum Wasser verlief sanfter. Der Erddrache verzichtete auf die Tarnung und wuselte sogleich los. An einem Stein begann er mit den Vorderbeinen zu graben und schuf trotz kleinerer Steine eine ausreichend tiefe Mulde, in die der Koffer hineinpasste.

 

Während Gael den Koffer in das Loch legte, kam der Drache mit einem Flachstein in der Schnauze zurück, legte ihn vor Gael ab.

 

„Der schließt die Grube gut ab.“, sagte Nathaira.

 

„Woher weiß er darum?“, fragte Gael.

 

„Das gehört zu seinem Naturell. Die Erdrachen graben oftmals Mulden und Löcher, legen sich hinein und tarnen sich als Stein, oder liegenden Baumstamm. Die haben mich schon einige Male damit erschreckt.“

 

Gael holte das Smartphone aus dem Auto und notierte die GPS Position. Danach schob sie mit dem Spaten noch etwas Erdreich und Blätter über die Steinplatte.

 

 

„Wirst du es wiederfinden?“, fragte Gael. Worauf Nathaira mit dem Kopf nickte.

 

„Sie kommen.“, sagte sie.

 

„Sind die Drachen die ganze Zeit über hier im Loch gewesen?“

 

„Nein Gael. Zwei lauern am Tunnel. Sie spüren wenn ich mich dem See nähere. Aber jetzt habe ich sie gerufen. Sie werden gleich hier auftauchen.“

 

 

Gael wurde es schwer ums Herz, als sie mit Nathaira zur Uferkante ging. „Hier bleibst du stehen Gael.“

 

„Aber das sind doch noch gut drei Yards bis zum Wasser.“, maulte Gael, doch Nathaira blieb unnachgiebig.

 

 

Auf dem Wasser entstanden kleine Strudel, die jäh auseinander drifteten, als ein Wellenberg sich erhob. Der Landdrache fuhr mit seiner langen Zunge über Gaels Hand. Sie bückte sich zu ihm herunter, streichelte über seinen schuppigen Kopf.

 

„Komme gut an. Und danke für deine Hilfe.“

 

Der Landdrache gab ein fiependes Geräusch von sich und lief mit flinken Beinen auf das Wasser zu. Mit einem Satz sprang er auf den Wellenberg und wurde sogleich von einer ausreichend großen Luftblase umschlossen. Der Wellenberg flachte an, die Luftblase mit dem Landdrachen tauchte unter und zurück blieb nur ein kleiner Wasserstrudel, der sich schnell verlief.

 

 

Nathaira kam auf Gael zu, umarmte sie. „Ich versuche wiederzukommen. Aber ich kann nicht sagen, wann es sein wird. Und ob man mich nochmal gehen lässt. Nicht traurig sein Gael. Wir hatten eine wundersame Zeit miteinander, die wir im Herzen behalten wollen.“

 

 

Gael liefen die Tränen aus den Augen, behinderten das klare Sehen. Nathaira zog das Minikleid, die Unterwäsche und die Stiefel aus. Nackt stand sie vor Gael, reichte ihr zum Abschied die Hand, als eine hohe Wasserwoge emporwuchs. Gael wischte sich die Tränen aus den Augen und Nathaira stieg vom Ufer auf diese Wasserwoge, setzte sich rittlings auf sie, als wäre es ein Pferd. Kaum das sie saß, geschah etwas seltsames. Ihr menschlicher Zwillingskörper veränderte sich. Er begann zu fließen, ohne das die Konturen verwischten. Die Haut nahm einen transparenten grünlichen Schimmer an, der wie fließendes Wasser in ihr entlanglief. Das Blond ihrer Haare verblasste und ging in die Färbung von grünblauen Seetang über.

 

 

So sah also der Originalkörper von Nathaira aus. Einzig dessen Konturen und Proportionen, entsprachen denen von Gael. Nathaira winkte ihr zu, ihr Mund bewegte sich, aber kam kein Laut aus ihm hervor. Die Wasserwoge flachte ab und jetzt zerfloss der Körper von Nathaira, wurde eins mit der flacher werdenden Welle. Ein starkes Strudel bildete sich an dieser Stelle, drehte einige Male sich im Kreis und verlief langsam.

 

 

Gael stand noch eine Weile dort, bis sie fröstelnd die Schultern hoch zog, denn ein kalter Wind peitschte über das Loch, erzeugte Schaumkronen auf den Wellen. Sie nahm die abgelegte Bekleidung auf, ging zum Versteck zurück, nahm den Spaten und brachte alles zum Wagen, wo sie es im Kofferraum verstaute. Schweren Herzens stieg sie ein und fuhr los.

Eine Woche brauchte sie, um in die Normalität des Daseins zurückzufinden. Der Verlag hatte ihr ein neues Buch-Manuskript zugesandt, welches derzeit an die 500 Buchdruckseiten umspannte. Das bedeutete eine Menge konzentrierter Arbeit.

 

 

Eine weitere Woche war vergangen und Gael kam der Alu Koffer in den Sinn. Es wäre an der Zeit einen neuen Akku hinzubringen. Doch irgendwie fehlte ihr die Motivation hierfür. Sie hatte sich gerade mal in das Manuskript eingelesen. Eine Unterbrechung durch andere Sinneseindrücke wären jetzt nicht vorteilhaft. Andererseits hatte sie es versprochen. Nathaira verließ sich darauf, wie auch Gael sich auf ihr Versprechen verließ, dass sie wiederkäme. Schließlich überwand sie den inneren Schweinehund und fuhr zum Loch Ness.

 

 

Sie fand alles so vor, wie sie es verlassen hatte. Sie schaltete das einfache Tastenhandy an, um den Akkustand zu kontrollieren. Er war noch fast voll. Dennoch legte sie den neuen Akku ein und legte das Handy in den Koffer zurück. Zusätzlich schrieb sie auf einen Zettel, wie man eine SMS Nachricht schreiben und versenden könne.

 

 

Einige Tage vergingen, aber es erfolgte kein Anruf und auch keine SMS. Gael arbeitete an dem Manuskript weiter, doch die Konzentration fiel ihr schwer. Schließlich legte sie die Arbeit beiseite, machte ein Lunchpaket, schnappte die Autoschlüssel und verließ die Wohnung.

 

 

Je näher sie Loch Ness kam, umso unfreundlicher wurde das Wetter. Immer wieder peitschte Regen gegen die Windschutzscheibe, einige Male sogar vermischt mit Graupel. Das waren die ersten Anzeichen für den Herbst, obwohl es erst Ende August war. Die B852 wirkte wie ein kaltes graues Band, vergessen von der Zivilisation, denn nicht ein einziges Fahrzeug fuhr hinter ihr oder kam entgegen. Sie erreichte die besagte Stelle, ohne auf die GPS Position zu schauen. Den Wagen parkte sie so, dass er fast schon auf dem grasbewachsenen Nebenstreifen stand.

 

 

Gael zog eine Regenjacke mit Kapuze über, wechselte die flachen Schuhe gegen Gummistiefel und stieg aus. Der moosbewachsene Stein schien unversehrt zu sein, was auch für den Flachstein galt. Gael hob ihn hoch, der Koffer war noch vorhanden. Sie stellte die Ziffernfolge am Zahlenschloss ein, klappte die Verschlüsse auf, schob den Mittelriegel beiseite und öffnete den Deckel. Der Zettel lag umgedreht auf der Seite neben dem Handy. Dies könnte durch einen Luftzug beim Schließen geschehen sein. Gael fasste unter die Bekleidung, ertastete den Umschlag, zog ihn hervor. Die 50 Pfund in kleinen Scheinen waren noch vorhanden. Sie tat ihn wieder zurück, schaltete das Tastenhandy ein, der Akku war noch voll.

 

 

Macht das alles noch Sinn hier?, überlegte Gael. Da hörte sie von der Wasserseite her ein Gurgeln. Sie drehte sich um, aber es plätscherten nur kleine Wellen gegen das steile Ufer. Sie ging einige Schritte auf die Uferkante zu, als plötzlich hinter ihr eine Stimme ertönte.

 

 

„Stopp! Gehe nicht weiter!“

 

 

Erstarrt blieb sie stehen. Da sagte die Stimme hinter ihr: „Gehe langsam rückwärts vom Ufer weg.“

 

Das Herz pochte ihr bis zum Hals hoch. Zu wem gehörte diese harte Stimme? Es ist ein Mann, durchfuhr es sie. Und er will … Sie dachte diesen erschreckenden Gedanken nicht zu Ende, sondern drehte sich halb herum. Da stand eine Gestalt, ganz in schwarz gekleidet bis über den Kopf. Und das Gesicht wurde von einem schwarzen Helm verdeckt. In der Hand hielt er einen langen Stock, dessen Spitze schräg zum Boden zeigte. Gael blickte schnell zum Wasser hin, aber dort gab es keine Fluchtmöglichkeit.

 

„Gehe rückwärts vom Ufer weg.“, forderte die Stimme wieder.

 

Sie wollte Schreien, doch die Panik schnürte ihr die Kehle zu. Da erklang ein drittes Mal die Stimme: „Wenn du überleben willst, dann gehe rückwärts von der Uferkante weg.“

 

 

Jemand will mich töten. Wollte er sie töten? Wollte er ihr den Stock in den Rücken rammen? Langsam drehte sie sich um, da sagte die Stimme in knallhartem Tonfall: „Du sollst rückwärts von der Kante weggehen! Bist du denn zu blöd dafür!“

 

Nein nicht blöd, sondern Angst. Ich habe Angst! Raste der Gedanke in ihr. Plötzlich hörte sie eine andere Stimme. Sie klang sanfter und freundlich. >Höre nicht auf den Mann. Komme nahe zur Wasserkante. Ich fange dich auf.<

 

 

Gehetzt blickte Gael zum Wasser, aber außer den Wellen war da nichts anders zu sehen. Sie schaute wieder zu der schwarzen Gestalt, die unbeweglich dort am Stein stand, unter dem der geöffnete Koffer lag.

 

>Du kannst mich nicht sehen, aber ich bin da. Komme zum Wasser und lass dich fallen. Ich fange dich auf.<, hörte sie die Stimme in ihrem Kopf.

 

 

„Willst du leben, oder sterben!?“, erklang die harte Stimme hinter ihr. „Wenn du leben willst, dann gehe rückwärts vom Wasser weg.“

 

>Höre nicht auf ihn. Ich bin deine Rettung. Mache noch zwei Schritte zum Wasser. Zwei Schritte.<, klang es in ihrem Kopf.

 

 

Sie ballte die Hände zu Fäuste. Der Aufschrei steckte ihr in der Kehle, doch sie biss in die Faust, spürte zugleich ein Zittern in den Beinen. Ohne sich dessen bewusst zu werden, tat sie die Schritte nach vorn zum Wasser hin.

 

„Neeein!“, ertönte es laut hinter ihr, als vor ihr ein Wellenberg aus dem unruhigen Wasser emporwuchs. Gael meinte zu schweben, als sie vorn über, in die Fluten kippte.

 

 

Hilflos musste die schwarze Gestalt mit ansehen, wie der Körper der jungen Frau in die Tiefe gezogen wurde.

 

Den Stock in Richtung Wasser haltend, schritt die Gestalt langsam zur Uferkante hin. Kleinere Wellen platschten dagegen, etwas weiter weg, gurgelte ein kleinerer Strudel. Dieser Punkt ging an dieses Wesen. Aber noch war der Krieg nicht verloren. Es erforderte nur Geduld, bis sie wieder in ihre Gefilde zurückkehren musste.

 

 

Die schwarze Gestalt entfernte sich rückwärtsgehend von der Uferkante, bis hin zum Stein, unter dem der geöffnete Alu-Koffer lag. Zwischen dem Moos auf dem Stein, platzierte die Gestalt eine kleine runde Scheibe. Danach ging sie zu dem Renault, zog ein flaches Gerät hervor, deaktivierte die Zentralverriegelung, öffnete die Fahrertür und verbarg unter den Armaturen eine andere flache Scheibe. Die Tür wurde leise zugedrückt und die Verriegelung aktiviert.

 

 

Wie ein Schatten verschwand die Gestalt zwischen den Birken, lief schnellen Schrittes 400 Yards zu einem größeren Fahrzeug, welches Quer auf der Fahrbahn stand und den nachfolgenden Verkehr blockierte. Zum Glück gab es keine wütende Autofahrer. Falls jemand bis zum Hindernis gekommen war, hatte er wohl gewendet. Die schwarze Gestalt stieg in das Fahrzeug und fuhr in Richtung parkenden Renault. Noch war nichts von dem Wesen zu sehen. Doch das würde sich bald ändern, sofern die Berechnungen aufgingen. Zweihundert Yard weiter, hielt er an. Die Gestalt ging in den hinteren Teil des Fahrzeugs, öffnete die Dachluke, schob eine Kugeldrohne auf das Dach, setzte sich vor Messinstrumente, behielt auch hierbei den Helm auf und beobachtete die Anzeigen.

 

 

Die Minuten tröpfelten dahin, ohne das sich etwas tat. Nach den Berechnungen, müsste in den nächsten fünf Minuten etwas geschehen. Die Zeiger zuckten mit kleinen Ausschlägen, als einer von denen ein großen Ausschlag tat. Die Gestalt griff nach einer Steuereinheit, betätigte einen Hebel, worauf die Drohne lautlos abhob.

 

 

Bibbernd und durchnässt stieg Gael auf das Ufer, dicht gefolgt von einer nackten Nathaira. Vor dem Alu-Koffer blieben sie stehen, Nathaira griff hinein zog ein Höschen an, darüber ein Minikleid und an die Füße flache Schuhe.

 

 

„Sind deine Sachen im Auto?“, fragte Nathaira.

 

Gael schüttelte den Kopf. „Die habe ich an.“, sagte sie bibbernd.

 

„Das verstehe ich nicht Gael. So holst du dir den Tod. Wieso hast du keine trockenen Sachen mitgebracht?“

 

„Woher sollte ich denn wissen, dass es so ausgeht?“

 

„Habe ich dir doch geschrieben.“, verteidigte sich Nathaira.

 

 

„Geschrieben? Ich habe nichts erhalten. Womit willst du denn geschrieben haben?“

 

„Na mit dem Handy. Ich habe alles eingetippt und dann auf die grüne Taste gedrückt. Ist das bei deinem Smartphone nicht angekommen?“

 

 

„Nein.“

 

„Hast du eine Decke im Auto?“, fragte Nathaira.

 

Gael nickte. „Auf der Rückbank.“

 

„Dann lass uns schnell hingehen. Du ziehst dich aus, ich rubbel dich mit der Decke trocken und dann ziehst du meine Sachen an.“

 

„Und du?“

 

„Ich nehme die Decke. Los Beeilung!“

 

Sie klappte den Koffer zu und nahm ihn in die Hand, während Gael zum Auto voraus lief.

 

 

Ungeachtet ob jemand vorbeikommen könnte, zog Gael die nassen Sachen aus. Nathaira legte ihr die Decke um und begann sie trocken zu reiben.

 

„Kann es sein, dass es Zufall ist, dass du heute hergekommen bist?“, fragte Nathaira.

 

Gael berichtete ihr und fügte hinzu: „Muss das immer so ablaufen? Reicht es nicht, wenn ich in einem Boot sitze und du berührst mich.“

 

 

„Nein Gael. Ich kann nur im freien Wasser in dich hineingelangen. Wobei mein ganzer Körper mit eingezogen wird. Der einzige Unterschied zum ersten Mal ist der, dass die beiden Drachen sofort in die parallel Position gehen können, sodass der Dritte Drache dich mit der Luftblase einfängt, ich hierbei aus dir herausgeschleudert werde und mein Körper den menschlichen Teil annimmt. Du darfst nicht vergessen, ich bin ebenso wie die Wasserdrachen ein Kind des Wassers. Auch wenn im Laufe der Evolution wir an Land leben, die Wasserdrachen auch an Land kommen, um auf den Wiesen Gras und Kräuter zu essen, so bleibt das Element Wasser doch unser Lebenselixier. Und selbst die menschliche Hülle von mir, braucht mehr äußeres Wasser, als es bei dir der Fall ist. Deshalb dusche ich auch so oft.“

Gael nickte. „Verstehe. Dann könnte ich bei euch überhaupt nicht existieren, weil alles aus Wasser besteht? Ich habe deinen Originalkörper gesehen.

 

„Tut mir leid meine Kleine. Bei den Drachen fließt es ebenso im Körper. Einzig die Landdrachen sind hiervon ausgenommen. Das ist ja merkwürdig! Das ist mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen. Sollte es doch möglich sein?“

 

 

Hoffnungsvoll blickte Gael sie an. „Wieso hast du den Landdrachen nicht mitgebracht?“

 

„Weil er nicht notwendig ist. Er war doch nur deshalb hier, weil wir annahmen, er könnte mich aus deinem Körper herausholen. Weil dass nicht ging, übernahm er später die Schutzfunktion. Die ist jetzt nicht mehr erforderlich, weil ich für unseren Schutz sorge.“

 

 

Klar und deutlich klang das Gesprochene aus dem Lautsprecher. Auch die Videoübertragung liefert hervorragendes Bildmaterial. Hiermit war endlich der Beweis erbracht, das dieses Wesen ein Alien ist. Die beiden Frauen stiegen in den Renault ein, der Wagen wendete und fuhr Richtung Inverness davon. Die Kugelsonde flog zum Überwachungswagen zurück, die Gestalt holte sie durch die Dachluke herein. Die Übertragung aus dem Inneren des Renault lief weiter. Die Gestalt setzte sich hinter das Steuer, wendete das Fahrzeug, was aufgrund der schmalen Straße, zu einigen Vor- und Rückwärtsfahren Manövern gereichte und folgte dem Renault außerhalb der Sichtweite.

 

 

„Eines verstehe ich nicht Nathaira. Wieso hast du mich nicht angerufen? Das wäre doch einfacher gewesen, als eine SMS zu schreiben.“

 

„Weil ich mit meinem Originalkörper in dieser Welt nicht sprechen kann. Das heißt, ich spreche schon, nur läuft das nicht über die äußere Akustik ab, sondern über die Innere.“

„Du meinst telepathisch?“

 

„Was bedeutet dieser Begriff?“, fragte Nathaira.

 

„Damit ist eine geistige Kommunikation gemeint. Als du in mir warst, hatte ich dich deutlich vernommen. Aber nicht über die äußeren Ohren, sondern im Kopf. Das gleiche geschah, als dieser schwarze Mann mich aufforderte Rückwärtszugehen. Da habe ich deine Stimme im Kopf gehört. Wer war überhaupt dieser Mann? Ich hatte fürchterliche Angst gehabt, er könnte mich vergewaltigen und ermorden.“

 

„Verstehe. Nur was diesen Mann anbelangt, ich weiß es nicht. Ich hatte ihn auch nicht akustisch gehört, sondern innerlich. Er muss dir gefolgt sein. Und es gibt eigentlich nur einen Menschen, der von meiner Existenz weiß. Nämlich Piet!“

 

 

„Aber du hast doch seine Erinnerungen gelöscht!“, warf Gael aufgeregt ein.

 

„Das stimmt schon. Womöglich war es nicht stark genug, oder er konnte sich vor diesem Einfluss schützen.“

 

Gael wollte etwas erwidern, als Nathaira ihr schnell die Hand auf den Mund legte und bei sich selbst den Zeigefinger vor die Lippen hielt. Gael verstand, blickte dennoch erstaunt drein, als Nathaira begann mit den Händen die Armaturen abzutasten. Ihre Finger rutschten auch unter die Konsole, verhielten dort einen Moment und zogen eine kleine silberne Scheibe hervor, nicht größer als eine Münze, in gleicher Dicke. Nathaira machte mit der Hand eine Kurbelbewegung, worauf Gael das Seitenfenster herunterließ und Nathaira die silberne Scheibe hinauswarf.

 

>Wenn du mich im Kopf hörst, dann sage nichts, sondern nicke nur.<

 

Gael nickte bejahend mit dem Kopf. Worauf Nathaira telepathisch fortfuhr: >Das war ein Gerät zum Abhören. Ich weiß nicht, ob noch mehr im Wagen versteckt sind. Deshalb halte bei nächst bester Gelegenheit an. Eine Ortschaft mit Parkplatz wäre ideal. Ich will den Wagen nach weiteren Geräten untersuchen. Bis dahin reden wir nicht mehr akustisch. Ich stelle mich auf inneren Empfang ein. Alles was du aussprechen willst, denke nur. Vielleicht klappt es mit dieser Form der Kommunikation, auch wenn ich nicht in dir bin.<

 

 

Im Lautsprecher gab es ein krachendes Geräusch, danach trat Stille ein. Auf einem Monitor, wanderte ein roter Punkt langsam über die eingeblendete Straßenkarte. Bei der Ortschaft Dores verharrte der Punkt. Die schwarze Gestalt hielt nach 100 Yard das Fahrzeug an und wartete, bis der Punkt sich wieder weiterbewegte. Es wurde eine lange Geduldsprobe von einer Stunde, bis der rote Punkt weiter rutschte. In dieser Zeit gab es keinen Ton mehr zu hören, was auf zwei Ursachen schließen ließ. Entweder die Wanze hatte einen Defekt, oder sie wurde entdeckt.

 

 

Das Zielfahrzeug bog auf die B8082 ab, was den Verfolger etwas verwunderte. Dennoch blieb er außerhalb der Sichtweite. Nach dreißig Minuten wanderte der rote Punkt auf die A9, Richtung Aviemore. Wo wollten die denn hin?“, fragte sich der Verfolger und fuhr jetzt schneller. Bald schon fing der rote Punkt auf dem Monitor zu blinken an, ein sicheres Zeichen dafür, dass Zielfahrzeug optisch zu erfassen. Aber es war kein Renault voraus auszumachen. Neben anderen PKW Fabrikaten, gab es nur noch einen Sattelschlepper. Der Verfolger fuhr näher an den LKW heran und nun ertönte auch ein akustisches Signal.

 

Gelinkt! Sie hatten ihn gelinkt! Sie hatten nicht nur die Abhörwanze gefunden, sondern auch den Peilsender. Und diesen mit der Magnethalterung an den LKW angebracht.

 

 

„Verdammt noch eins!“, fuhr es unter dem Helm hervor.

 

 

Kapitel10

 

 

 

 

Sämtliche Abhörwanzen in der Wohnung der Zielperson, funktionierten nicht mehr. Und das hochempfindliche Richtmikrofon, empfing nur Vogelgezwitscher. Dennoch wollte der Überwacher nicht aufgeben, denn er hatte ausreichend Material gesammelt, welches selbst Skeptiker überzeugen würde. Doch bevor er den alles entscheidenden Anruf tätigte, wollte er noch einmal die Audio und Videoaufzeichnungen kontrollieren. Er öffnete die Bodenklappe, nahm aus dem Schacht eine kleine Schachtel heraus, klappte den Deckel auf und sie war leer.

 

Der Schreck darüber dauerte einige Sekunden, bevor die Reaktion einsetzte. „Scheiße!“, brüllte er einige Male, bis er sich wieder fing. Denn dunkel war ihm in Erinnerung, dass er gestern Abend die Aufzeichnungen kontrolliert hatte. Sofort schaute er in dem Audio- und Videoabspielgerät nach und stieß erleichtert die Luft aus. Beide Speicherkarten steckten im Kartenschacht. Ja er war gestern schon übermüdet und hatte sie in den Geräten belassen. Er drückte bei Audio auf Wiedergabe, doch es kam nur Rauschen aus dem Lautsprecher. Sofort betätigte er den Schalter vom Video, doch der Bildschirm blieb dunkel. Vor Aufregung zitterten ihm die Finger, als er beide Karten herausnahm und die Speicherkarte mit den Videos in das Notebook steckte. Im Datenmenü war das Datum und die Uhrzeit der letzten Sichtung zu sehen. Und darunter der Eintrag: Gelöscht. Rasch nahm er die Karte heraus und steckte die andere mit den Audioaufnahmen hinein. Auch hier erschien der Eintrag vom letzten Abspielen und darunter Gelöscht.

 

War jemand im Wagen gewesen? Langsam schüttelte er den Kopf, stand auf und kontrollierte sämtliche Türen. Sie waren fest verschlossen und die mechanischen Innenriegel saßen alle in der richtigen Position. Das Löschen von Dateien ging nur, wenn das Passwort vorher eingegeben wurde. Und das galt für jeden einzelnen Löschvorgang. Er tippte das Passwort ein, öffnete einen versteckten Ordner, gab ein anderes Passwort ein und gelangte ins Löschprotokoll. Deutlich war dort der Löschvorgang von zwei Speicherkarten protokolliert, Dahinter stand in Klammern, Nach letzter Sichtung der Dateien, dahinter stand Datum und Uhrzeit, genehmigt durch Setzen des Passwort, für externen Löschvorgang, im Speicherkarten Slot.

 

 

Es konnte niemand anderes diesen Vorgang in Gang gesetzt haben. Auch nicht auf einem anderen Gerät. Denn es wurde immer das Passwort abgefragt, welches nirgends notiert war, weil er es in seinem Gedächtnis aufbewahrte. Es sei denn, dieser Jemand konnte Gedankenlesen. Oder dieser Jemand hatte ihn ferngesteuert und dadurch die Löschung veranlasst. Nathaira!

 

 

Sie war wesentlich gefährlicher geworden als angenommen. Da nützte die Schutzkleidung und der Helm überhaupt nichts, denn den hatte er gestern Abend noch an gehabt und ihn auch nicht zum Schlafen abgelegt. Scheiße! Und Gael war sich dieser Gefahr überhaupt nicht bewusst. Sie diente mit ihrem Körper als Transformator. Nur wie lange noch? Denn die Messungen über die Sonde, ergaben bei Gael einen Energieabfall. Lange wird sie das nicht mehr durchstehen, dann werden Kreislaufprobleme auftreten.

 

 

Auf Hilfe von seitens der Armee, brauchte er nicht mehr zu hoffen. Für die war er ein Spinner. Nur mit diesen Daten hätte er sie überzeugen können. Dann bleibt nur noch der direkte Angriff. Allerdings bezweifelte er, dass der Wunderstab Wirkung zeigte. In ihm steckte ein Frequenzwandler, der den Fluss der ultravioletten Frequenz bei Nathaira unterbrechen sollte. Getestet an einem Simulator, hatte es funktioniert. Nur ob das in der realen Praxis auch so verlief, blieb ungewiss. Und wenn Nathaira Gedankenlesen kann, dann war das Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Genaugenommen, beträfe das jede Aktion gegen sie.

 

Eine Möglichkeit gab es noch. Er musste Gedankenkontrolle ausüben. Vordergründig an etwas anderes denken, ohne die Gedanken an die eigentliche Tat preiszugeben. Damals in der Parapsychologischen Ausbildung, stellte er sich bildhaft Apfelscheiben vor, während der Gedankenleser von seiner wahren Absicht nichts mehr erkennen konnte. In diesem Fall musste es etwas anderes sein, etwas was glaubhaft war. Erotische Gedanken kämen gut hin. Die wären logisch und würden keinen Verdacht aufkommen lassen.

 

 

>Piet! Warum trachtest du mir nach dem Leben? Was habe ich dir getan?<

 

Erschrocken sprang er auf, blickte aus den Fenstern, aber Nathaira stand nicht auf der Straße vor dem Wagen.

 

 

>Meinst du wir wissen nicht, dass du mit dem Wohnmobil an der Ecke stehst. Lass dir eines gesagt sein Piet, tust du mir etwas an, tust du es auch Gael an. Wir beide sind untrennbar miteinander verbunden. Willst du wirklich einen Doppelmord auf dich nehmen?<

 

 

„Wo bist du! Wieso kann ich dich hören!?“, rief Piet laut.

 

>Du armer Narr. Denkst selbst über Telepathie nach und weißt nichts über die wirkliche Praxis.<

 

 

Telepathie! Jetzt verstehe ich. Jetzt weiß ich wie die Löschung der Dateien zustande gekommen ist, dachte er.

 

 

>Nichts weißt du Piet. Ich habe damit nichts zu tun. Du selbst hast die Löschung vorgenommen. Du als der wirkliche Piet. Doch der Soldat in dir, der trachtet nach unserem Leben. Du hast uns zwar gerettet, aber nicht zu dem Preis, hinterher Opfer eines Soldaten-Machos zu werden. Darum höre jetzt genau zu Piet. Begebe dich freiwillig in eine Therapie, damit das Soldatentrauma in dir verarbeitet werden kann.<

 

 

„Hah! Von wegen. Du willst doch bloß von dir ablenken. Aber ich habe herausgefunden, dass du Gael energetisch schwächst. Es wird zu Kreislaufprobleme bei ihr führen. Wenn hier einer geht, dann bist du es. Oder bist du der Meinung das geistige Besessenheitszustände keine Schäden am Wirtskörper hinterlassen!“

 

 

>Piet! Kannst du mich hören?<, erklang plötzlich die Stimme von Gael.

 

„Ja!“, rief er laut. „Wie ist das möglich. Wieso kannst du mich hören, wenn ich laut spreche? Ah ich verstehe. Ihr habt eine Wanze hier im Wagen deponiert und auch ein Empfangsgerät.“

 

>Piet du siehst alles nur von der technischen Seite her. Aber so läuft das nicht. Du bist die Empfangsstation und der Sender. Was du aussprichst, denkst du zuvor. Und das hören wir.

 

Und jetzt zu deiner Annahme. Nein ich fühle mich nicht krank und schwach, ganz im Gegenteil. Und geistig besessen war ich auch nie von Gael. Wir haben inzwischen herausgefunden, dass sie über mir war und ich in ihr steckte. Denn sie ist nicht als Geist in mich gefahren, sondern ihr ganzer Körper hat sich um mich herum gelegt. Nur deshalb konnte ich nicht ertrinken und auch schwimmen. Was ich jetzt, wo sie ihren eigenen Körper hat, nicht mehr kann. Begreifst du denn nicht! Es ist wie ein Taucheranzug den ich anziehe. Da stecke ich ja auch in ihm und er bedeckt mich äußerlich.<

 

 

„Und wieso hat sie jetzt einen menschlichen Körper? Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu.“, sagte Piet gewohnt laut.

 

>Du selbst hast doch den Hinweis mit dem DNA Muster gegeben. Ob es wirklich so ist, wissen wir nicht. Nur eines wissen wir inzwischen, dass unsere Begegnung kein Zufall war. Der optische Kontakt wäre auch dann eingetreten, wenn ich nicht ins Wasser gefallen wäre. Und bevor du dich jetzt weiter in Ungereimtheiten verstrickst, sie ist meine Schwester. Meine Zwillingsschwester. Warum lässt du uns nicht in Ruhe?

 

Ok, wir haben einen Fehler begangen, als wir Sex mit dir machen wollten. Wir haben deine erotischen Gedanken fehlinterpretiert. Dafür entschuldigen wir uns. Wir werden dir nie mehr wieder zu nahe kommen.<

 

 

„Ach so einfach ist das! Nein! Ich werde alles daran setzen, dich von Nathaira zu befreien!“

 

 

>So siehst du das Piet. Du entscheidest also, was für mich gut ist und was nicht. Und ich habe überhaupt keine eigene Meinung und Willen zu haben. Dann hättest du uns auch in der Klinik belassen können. Denn da wurde auch über meinen Kopf hinweg entschieden, was angeblich gut für mich ist. Du bist nicht besser als die da!<

 

 

>Und das verstehst du unter friedlichen Kontakt mit Alien!?<, sagte Nathaira.

 

>Du bist ein Wolf im Schafspelz und obendrein ein gemeiner Lügner! Du hast mit deinem Mummenschanz Gael am Loch Ness zu Tode erschreckt. Wieso hast du dich ihr gegenüber nicht zu erkennen gegeben? Soll ich dir das auch noch sagen? Weil dieser Macho-Soldat seinen großen Auftritt vom geheimnisvollen Unbekannten, nicht aufgeben wollte.

 

Weißt du Piet, als du damals den Entschluss fasstest uns zu befreien, das war dein wirkliches Ich. Der zivile Piet, der auch echte Gefühle des Helfen hatte. Und der Soldaten Piet in dir, half dabei. Warum will dieser Teil in dir jetzt uns vernichten? Auch das werde ich dir sagen. Solange du Angehöriger der Armee warst, fühlte sich der Soldatenteil gut aufgehoben. Da spielte es keine Rolle, ob Außeneinsatz oder Krankenhausdienst. Doch jetzt wo du nicht mehr zur Armee gehörst, fühlt sich der Soldat in dir von der Armee verraten. Und er setzt alles daran, denen zu beweisen, dass ich ein gefährlicher Alien bin, den der Soldaten-Macho zur Strecke gebracht hat.

 

Nicht Gael ist es, die krank ist, sondern du Piet! Du bist krank, du hast eine Persönlichkeitsspaltung! Und die ist sogar äußerst gefährlich!

 

 

Was willst du tun, wenn du uns auf der Straße begegnest, oder womöglich in die Wohnung gewaltsam eindringst? Willst du uns mit diesem Nadelschussgerät außer Gefecht setzen, wie du es bei den Pflegern in der Klinik getan hast. Willst du uns danach ermorden!?

 

Dann lasse dir eines gesagt sein Piet. Unsere Dankbarkeit hat ihre Grenze erreicht. Und in einem Punkt gebe ich dir sogar recht. Ich verfüge über eine Macht, der du und andere Menschen nichts entgegenzusetzen habt. Aber ich bin nicht durch Gael mächtiger geworden, sondern ich war es schon vorher. Dafür wird Gael nicht mehr schutzlos vor solchen Individuen sein, wie du sie verkörperst. Wir wünschen dir eine gute und erfolgreiche Genesung.<

 

 

„Jetzt hast du dich verraten Dämon! Ich werde … Ahhhh - Neeein!“, schrie er plötzlich auf, hielt seine Hände an den Kopf und schrie weiter. Feuerspeiende Drachen stürzten auf ihn herab, versenkten seine Kleidung. Frauen mit schreckgeweiteten Augen schrien ihn an. „Aufhören! Aufhören! Nein!“, schrie er. Kinderleichen erhoben sich aus dem Staub, klagten ihn des Mordes an. Er riss die Schiebetür auf, taumelte schreiend auf die Straße, schlug mit dem Kopf gegen das Blech des Fahrzeugs. Blut spritzte aus einer Platzwunde hervor.

 

 

Passanten blieben erschrocken stehen. Jemand rief mit dem Handy den Rettungsdienst an. Bis zum Eintreffen von Polizei und Notarzt, tobte Piet weiter. Er trat mit den Füßen gegen das Fahrzeug, schlug mit Fäusten auf das stabile Blech ein, bis aus seinen Händen ebenfalls das Blut hervor spritzte. Hierbei schrie er aus Leibeskräften unartikulierte Laute.

 

 

Polizei und Notarzt trafen ein. Den Sanitätern gelang es nicht Piet ruhig zu stellen. Da holte einer der Polizisten eine Taser Waffe, drückte ein Mal ab, worauf Piet sofort zu Boden ging. Die Sanitäter legten ihm eine Zwangsjacke an, danach kam er auf die Trage und wurde in den Rettungswagen geschoben, der gleich darauf mit Sirenengeheul abfuhr. Die Polizei hingegen befragte Zeugen und untersuchten auch das Wohnmobil. Eine Stunde später wurde das Fahrzeug abgeschleppt.

 

 

****

 

 

Gael blickte Nathaira an. „Wird er diese Horrorszenen immer behalten?“

 

„Nein Kleine. Sie wirkten nur als Auslöser für seinen wahren Konflikt. Und keine Bange Gael, sollte er gegen uns etwas planen, erfahre ich dies rechtzeitig.“

 

„Es sei denn, er lernt eine Gedankensperre aufzubauen.“, warf Gael ein. Nathaira blickte sie fragend an und Gael fuhr fort: „Nach dem du ihm die Erinnerung gelöscht hattest, war er doch ganz erstaunt über dich. Auch hatte er gesagt, er fahre nach Aberdeen in seine Heimatstadt. Wie wir nun erfahren haben, tat er es nicht, sondern beobachtete uns mit Technik. Folglich hatte er die Abhörwanzen bereits versteckt, als er in der Wohnung war. Und wenn du die nicht gefunden hättest, nicht auszudenken. Was ich damit sagen will ist, das die Löschung deshalb nicht funktioniert hat, weil eine Gedankensperre aufgebaut hatte, aber er so tat als ob, um uns in Sicherheit zu wiegen. Aus diesem Verhalten sehe ich, dass er bereits etwas gegen uns plante.

 

Er ist der einzige Mensch, der um uns Bescheid weiß. Bestimmt haben sie ihn in die Psychiatrie gebracht. Was wird dort geschehen?“

 

 

„Es gibt keine Krankenakte von uns Gael, die beweisen kann, dass wir jemals dort waren. Auch beim Chefarzt habe ich eine Löschung vorgenommen. Selbst wenn Piet von uns erzählen wird, gibt es keine Bestätigung das seine Geschichte der Wahrheit entspricht. Ich könnte natürlich ihm eine Blockade senden, was uns betrifft. Nur dann wird er nie geheilt werden können. Denn sein wirkliches Problem ist doch der Konflikt zwischen Zivil- und Militärperson.“

 

 

Der aber durch uns mitausgelöst wurde.“, ergänzte Gael.

 

Nathaira nickte zustimmend mit dem Kopf. „Eine verfahrende Geschichte. Zu dumm aber auch, dass der Sex nicht mit ihm funktioniert hatte. Dann wäre seine Gesinnung mir gegenüber positiver. Lag das wirklich an diesen Medikamenten, oder hatte er das bewusst gesteuert?“

 

 

„Ich habe den Eindruck gewonnen, dass bei Männern zwischen erotischer Fantasie und diesbezüglicher Tat, ein himmelweiter Unterschied besteht. Nicht jetzt allein durch Piet, sondern ähnliches hatte ich mal mit einem anderen Mann erlebt.“

 

 

„Woher wusstest du von dessen Fantasie. Hatte er darüber mit dir gesprochen?“, fragte Nathaira hellhörig geworden.

 

Gael schürzte kurz die Lippen, machte einen nachdenkliches Gesicht. „Jetzt wo du das so sagst, nein. Ich hatte ihn darauf angesprochen, warum er nicht das tut was er vorhatte. Woraufhin er verlegen wurde und als ich ins Detail ging, sprang er er aus dem Bett. Er meinte einen wichtigen Termin zu haben, zog sich in aller Eile an und stürmte aus der Wohnung. Habe ihn nie wieder gesehen. Das heißt, gesehen habe ich ihn schon, in einer Discothek, aber er ging mir aus dem Weg.“

 

 

„Dann konntest du es schon vorher Gael. Du hast die Gabe der Gedanklichen Kommunikation. Sonst könntest du weder mit mir, noch mit Piet gedanklich sprechen.“

 

 

Gael bekam ganz große Augen. „Hui!“, stieß sie hervor.

 

 

„Dann habe ich eine Frage an dich Kleine. Du weißt dass du nicht schwimmen kannst. Trotzdem bist du öfters mit diesem kleinen Boot auf den See hinausgefahren und das ohne Sicherheit wie Schwimmweste. Wieso?“

 

Sie zuckte mit den Schultern. „Weil die Landschaft vom Wasser aus, ganz anders aussieht. Ja ich weiß, ich bin eine Träumerin. Aber manchmal meinte ich etwas Geheimnisvolles zu spüren.“

 

 

„Ja Kleine. Du hast uns gespürt. Die Wasserdrachen und wahrscheinlich auch die Drachenprinzessin die vor mir gewesen war. Gibt es einen See mit wärmeren Wasser?“

 

 

„Nein. Warmes Wasser haben nur die Schwimmhallenbäder. Wieso?“

 

„Weil ich dir das Schwimmen beibringen möchte. Hättest du Lust dazu?“

 

„Wenn du auf mich aufpasst, dann würde ich es wagen wollen.“, sagte sie zaghaft.

 

 

Gaels Bedenken, Nathaira könnte im Wasser ihren Originalkörper annehmen, zerstreute sie schnell. Dieses geschehe nur in Direktverbindung mit einem Wasserdrachen. Woraus für Gael die Frage erwuchs, wie sie denn an Land aussehe, wenn sie den Drachen verließe. Die Antwort überraschte sie.

 

„Ja aber dann, dann verstehe ich nicht, warum wir diesen Wasserritus machen müssen. Dann brauchtest du doch nur vom Drachen an Land zu gehen.“

 

„Vom Prinzip her ist das richtig. Da diese Welt aber nicht die meine ist, benötige ich ein Muster. Und durch dich erhalte ich dieses Körpermuster. Denke ich jedenfalls. Wenn ich wieder zurück kehre, werde ich danach fragen.“

 

 

Gael bekam sofort einen traurigen Gesichtsausdruck. Nathaira nahm sie in den Arm. „Noch bleibe ich doch Kleine.“

 

 

Die Aktion Schwimmunterricht begann mit der Beschaffung von zwei einteilige Badeanzüge. Nathaira plädierte für einen knappen Bikini, doch Gael konnte ihr diesen Wunsch ausreden, in dem sie ihr erklärte, welche Wirkung ein Bikini auf Männer habe. Wahrscheinlich hätten sie auch einen Kartoffelsack überziehen können, die Wirkung blieb die gleiche. Obwohl es ganz einfache Badeanzüge waren, die keine Raffinessen aufwiesen, richteten sich alle Augen auf sie, als sie die Schwimmhalle betraten.

 

Die Augen der Männer wanderten über jeder ihrer Kurven, während die Blickpalette der Frauen von abschätzend, über herablassend, bis hin zu betonter Geringschätzigkeit reichte.

 

 

Gael war das ein wenig unangenehm, was sie auch gedanklich Nathaira mitteilte. Doch sie beruhigte sie. >Die Männer wähnen sich schon in unseren Armen und einige der Frauen würden uns am liebsten hinausjagen. Aber eine Macmoore lässt sich davon nicht einschüchtern. Und erst recht nicht zwei!<, betonte Nathaira.

 

Es gab drei Becken in der großen Halle. Ein Kinderbecken, das Nichtschwimmerbecken in dem man noch stehen konnte und das lange Becken mit einem zehn Yard Sprungturm. Nathaira schlug die Richtung zum Nichtschwimmerbecken ein, als zwei junge Männer ihnen den Weg versperrten.

 

 

„Na Mädels, heute schon gemännert!“, sagte der eine anzüglich grinsend und blickte sich sogleich Beifallheischend um.

 

„Dazu müsste es erst mal Männer geben. Und siehst du hier welche? Ich nicht.“, erwiderte Nathaira schlagfertig.

 

 

Das Grinsen des Mannes entgleiste, da sprang der andere für ihn ein, tat bereits den Mund auf, als Gael ihm zuvor kam. „Was besseres fällt dir nicht ein, als Titten grapschen!? Armselig!“

 

Der Mann lief im Gesicht rot an, trat unwillkürlich einen Schritt beiseite. Der andere folgte seinem Beispiel, sagte jedoch: „Die scheinen was Besseres zu sein. Na wir werden noch sehen.“

 

 

>Die sind wir noch nicht los Nathaira. Wir haben sie in ihrer Männlichkeit getroffen. Das lassen die nicht auf sich sitzen.<, sagte Gael gedanklich.

 

>Fürchte ich auch. Das muss ich noch lernen. Unsere Männer verhalten sich generell respektvoll gegenüber Frauen. Und umgekehrt ebenso.<

 

>Kein Wunder, wo ihr euch gegenseitig die Gedanken lesen könnt.<

 

>Oh nein so ist das nicht. Wir können auch blockieren. Oder geben nur das preis, was wir wollen.<

 

>Ach so funktioniert das. Mir fällt dazu gerade ein, dass wir bei Piet einen großen Fehler gemacht haben. Wir haben ihn in seinem männlichen Ego getroffen, als wir ihm das sexuelle Versagen zum Vorwurf machten, statt auf ihn einzugehen. Ich glaube das ist der ausschlaggebende Grund, warum er sich gegen dich gewendet hat.<

 

 

>Verstehe Gael. Wir haben bei Piet vieles falsch gemacht. Wir hätten ihn nie völlig einweihen dürfen. Als er den entscheidenden Tipp mit den Polaritäten gab, ab da hätten wir allein agieren müssen. Aber es ist nun mal geschehen und nicht mehr zu korrigieren.<

 

 

>Weil du gerade die Polaritäten ansprichst. Du sagtest doch, wenn ihr Sex macht, dann schwimmen zwei Drachen parallel zueinander. Ihr lasst euch dann in die Mitte fallen und verschmelzt miteinander. Berührt ihr hierbei das Wasser, oder schwebt ihr in der Luft?<

 

>Sowohl als auch. Es kommt beides zum Tragen. Wieso?<

 

>Wenn du mich ummantelst, dann sind wir doch im Prinzip auch miteinander verschmolzen. Doch sobald wir zwischen den Drachen sind, kannst du dich von mir trennen und hast den Körper wie jetzt. Was ich damit sagen will, es geschieht genau das Gegenteil. Was wäre denn, wenn du einen Mann retten müsstest?<

 

 

>Das siehst du falsch Gael. Die Drachen erzeugen das jeweilige Energiefeld. In unserem Fall gibt es ein, wie soll ich das beschreiben? Also ein Abstoßen. Wenn wir aber in meiner Welt Sex machen, dann erzeugen die Drachen ein anziehendes Energiefeld. So zumindest habe ich das verstanden. Müsste ein Menschenmann gerettet werden, dann täten das die Drachen.

 

In unserer Geschichte steht geschrieben, vor langer Zeit hat ein Jungdrache einen Mann retten wollen. Hierzu schob er den Kopf und Hals unter den Mann und hob ihn aus dem Wasser heraus. Da kam vom Ufer her ein anderer Mann, zog mit der Hand seltsame Zeichen in die Luft und schrie den Drachen an, er möge verschwinden und nie mehr wieder herkommen. Der Drache hatte sich dermaßen darüber erschrocken, dass er tatsächlich in die Tiefen des Sees geflohen ist.<

 

 

>Ist ja Irre! Das passt genau zu der ersten Sichtung, von dem Ungeheuer von Loch Ness. Da soll ein heiliger Mönch unter Anrufung von Gott, ein Untier im See vertrieben haben. Allerdings steht in der Niederschrift des Mönchs, dass das Ungeheuer den Pikten, also den Mann fressen wollte.<

 

 

>Was ist ein Pikte?<, fragte Nathaira.

 

>Das sind die Vorfahren der heutigen Schotten. Das Land hier heißt Schottland. Dann sind es doch eure Drachen, die als Nessi gesichtet wurden.<

 

>Aber unsere Drachen essen kein Fleisch sondern Gras. Und das seit Urzeiten. Dann hat dieser Mönch gelogen!<

 

 

Gael nickte. >Wahrscheinlich deshalb, weil alles Fremde als gefährlich eingestuft wird und vernichtet werden muss.<

 

>Dieses Verhalten hat sich bei euch Menschen bis heute nicht verändert. Von wegen friedlicher Kontakt zu Alien. Weißt du was ich glaube Gael, dass das Motiv von Piet uns zu helfen, genau auf dieser Grundlage bestand. Er wollte beweisen das ich ein Alien bin und sah zugleich in mir eine Gefahr, die unschädlich gemacht werden muss. Dann wäre er der Held gewesen. Denn ich hatte in seinen Gedanken etwas erfasst, was darauf hindeutete. Sein letzter Einsatz hatte damit zu tun und er konnte nicht beweisen, dass er einem Alien nachgejagt war. Und das machte ihm schwer zu schaffen.<

 

>Mag schon sein Nathaira. Aber ohne ihn wären wir noch in der Klinik gefangen. Oder hätte es eine Alternative gegeben?“

 

 

>Der Landdrache war bereits auf dem Gelände. Ich konnte ihn kurz kontaktieren. Wenn Piet nicht gekommen wäre, dann hätte der Landdrache uns herausgeholt. Du weißt noch nicht viel über ihn. Er kann nämlich noch mehr, als nur sich tarnen. Ob uns dann allerdings die Idee mit den beiden Drachen eingefallen wäre, weiß ich nicht.<

 

 

>Womöglich wärst du mit mir zusammen in deine Welt geschwommen.<, sagte Gael.

 

>Komm Gael, lass uns nach Hause fahren. Das wird heute hier nichts. Die beiden Männer haben bereits Verstärkung erhalten. Ich möchte nicht das es eskaliert. Denn auch ich kann noch einiges mehr, von dem du nichts weißt.<

 

>Einverstanden.<, erwiderte Gael gedanklich und war über den Rückzug erleichtert. Nathaira hatte es mitbekommen, sagte aber nichts dazu.

 

 

Damit endete vorerst der Schwimmunterricht. Doch Nathaira ließ Gael nicht vom Haken. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so viele Leute im Schwimmbad gab, vor allem auch Männer, die nur das eine im Kopf hatten.

 

 

„Wir brauchen ein ruhiges Gewässer Gael. Und deshalb schlage ich vor, du kaufst einen Warm-Neoprenanzug. Mit dem kannst du auch in kaltes Wasser hineingehen.“

 

Der Vorschlag wurde in die Tat umgesetzt, zu dem noch eine kleine Taucherausrüstung hinzu kam.

 

 

Kapitel 11

 

 

 

 

Die Tage der Gummizelle, wie der gepolsterte Raum bezeichnet wurde, waren vorbei. Piet erhielt ein Einzelzimmer und eine intensive Betreuung durch den Oberarzt. Ihm hatte Piet sich anvertraut und die ganze Geschichte um Gael und Nathaira erzählt. Er war sich durchaus bewusst, dass es für einen Außenstehenden fantastisch klingen mochte. Doch der Arzt widersprach ihm nicht und damit erhielt Piet den Beweis, dass ihm kein Glauben geschenkt wurde. Denn der ersten Lehrsatz der praktischen Psychologie lautete: Widerspreche niemals dem Patienten.

 

Deshalb ersann er einen Fluchtplan, der bereits in der Theorie scheiterte, denn ohne den Cliff 600 war er aufgeschmissen. Auf Nachfrage wo denn sein Wohnmobil wäre, erhielt er die Auskunft, der Wagen wäre von der Polizei abgeschleppt worden und könne dort abgeholt werden. Hierzu bedurfte es aber einen offiziellen Entlassungsschein der Klinik.

 

 

Und während Piet darüber nachsann, wie er an den Entlassungsschein herankäme, berichtete der Oberarzt dem Chefarzt Dr. Doodle von dem recht seltsamen Fall. Kaum das der Chefarzt den Namen Ellmert vernahm, wurde er unruhig. Er ordnete an, keinerlei Psychopharmaka zu verabreichen und ihn so zu behandeln, als wäre er kein Fall für die Psychiatrie. Der Oberarzt wollte den Grund hierfür erfahren, doch der Chefarzt hüllte sich in Schweigen.

 

 

Kaum das der Oberarzt das Büro verlassen hatte, griff er zum Telefon und rief seinen Freund den Stabsarzt an. In knappen Worten schilderte er die Neuigkeit.

 

„Da mache dir keinen Kopf. Die Akten von der Patientin hast du doch gut verwahrt?“

 

 

„Das ist es ja gerade. Sie sind verschwunden. Vor einigen Tagen meinte ich, die besagte Patientin in meinem Büro gesehen zu haben. Nur das sie blonde Haare hatte. Doch als ich genauer hinsah, gab es da niemanden. Ich schob das auf Überarbeitung zu, als mich der Drang überkam ins Archiv zu gehen. Ich hatte die besagte Akte so gut versteckt, dass niemand vom Personal sie hätte finden können. Als ich in der Schachtel nachsah, waren sie verschwunden.“

 

 

„Das ist doch wunderbar! Wo nichts ist, kann auch nichts nachgeforscht werden. Allerdings ist der Ellmert nicht mehr in der Armee. Seine Dienstzeit ist abgelaufen. Entweder stellt er private Nachforschungen an, oder er ist zum Geheimdienst über gewechselt. Schmeiß ihn als geheilt raus.“

 

 

„So einfach ist das nicht. Er wurde vom Notarzt eingeliefert und die Polizei ist auch involviert. Nicht das es hinterher heißt, Psychiatrie entlässt gemeingefährlichen Irren.“, gab der Chefarzt zu bedenken.

 

„Doch der Stabsarzt wusste ihn zu beruhigen. Das riecht nach einem geheimen Plan. Ich werde die zuständige Abteilung darüber in Kenntnis setzen. Mache dir keine Sorgen. Wenn die erfahren das ihr Agent aufgeflogen ist, ziehen sie den ganz schnell ab.“

 

 

Erstaunt nahm Piet vom Oberarzt zur Kenntnis, dass er ab sofort das Zimmer verlassen und sich frei auf der Station bewegen dürfe. Das kam seinem Vorhaben sehr gelegen. Er wusste vom letzten Mal noch, wo im Dienstzimmer die Entlassungsscheine lagen. Es brauchte bloß etwas Beobachtung und eine günstige Gelegenheit.

 

In der Frühschicht gab es das meiste Personal. Die Spätschicht war besser für sein Vorhaben geeignet. Keine Stationsschwester und nur drei Pfleger. Die Nachtschicht hingegen hatte zwar nur zwei Leute, aber die Polizei würde Verdacht schöpfen, wenn er am späten Abend den Cliff abholen wollte.

 

 

So wandelte er in den Aufenthaltsraum, blickte durch die Fensterscheiben auf das Klinikgelände. Der Fluchtplan war sinnlos. Bis er zu Polizei hinkam, würde sein Fehlen bemerkt worden sein. Und als erstes würde man die Polizei darüber unterrichten. Zu blöd aber auch, dass alle wichtigen Dokumente im Cliff lagen und wahrscheinlich bei einer Durchsuchung bereits gefunden waren. Verdammt, wenn sie den Nadler entdeckt hatten, wäre der nicht nur weg, sondern es würde auch juristische Folgen haben.

 

Es war ein Fehler noch mal zurückzukehren. Wahrscheinlich stimmt sogar die Diagnose, dass Gael – Nathaira ihn mental beeinflusst hatte, ihr zur Flucht zu verhelfen. Doch der größte Fehler der ihm unterlief, war den Bericht darüber zu verfassen und an die Armee weiterzuleiten. Und diesen Fehler hatte er gleich zwei Mal getan, indem er dem Oberarzt ebenfalls die Story erzählte. Auch wenn der ihm nicht glaubte, so könnte ihm doch etwas davon herausrutschten, deren Folgen nicht absehbar sind. Nathaira ist äußerst gefährlich, dies hatte er nun am eigenen Leib zu spüren gekommen. Und das war nur ein Schuss vor den Bug.

 

 

Und womöglich stimmte auch ihre Einschätzung, was den Soldaten in ihm anging. Nur würde eine Therapie nichts daran ändern. Man kann nicht 12 Jahre Armee weg therapieren. Was aber möglich ist, nämlich die jetzige Situation zu entschärfen, sodass ein weiterer stationärer Aufenthalt, von ärztlicher Seite nicht notwendig erscheint. Und das konnte nur gelingen, wenn er das Wissen vom Studium der Psychologie anwendete.

 

 

Zwei Tage waren nach dem Anruf beim Stabsarzt vergangen und noch immer rührte sich nichts, was diesen Ellmert anging. Dann fiel wohl die Annahme weg, er wäre ein Agent des Geheimdienstes, überlegte der Chefarzt, was nicht gerade zur Beruhigung beitrug. Denn er wusste zu gut, wie gefährlich dieser Mann werden konnte. Und nach dem Einlieferungsbericht des Notarztes zu urteilen, hatte dieser Ellmert einen Ausraster gehabt, für den es eine Ursache geben musste. Das hieße im Umkehrschluss, er musste ihn solange hierbehalten und einer Therapie unterziehen, bist die Ursache bekannt und beseitigt ist. Und das gefiel ihm überhaupt nicht. Denn dieser Ellmert kannte sich zu gut im Medizinischen und Psychologischen aus, als das man ihm ein X vor dem U machen könnte.

 

 

Es sei denn, es läge doch ein geheimer Plan vor. In denen die Rettungskräfte wissentlich nicht mit einbezogen waren. Damit die Einlieferung glaubhaft wurde. Und ebenso gut könnte er doch ein Agent sein. Womöglich im Auftrag der Krankenkassenvereinigung? Es wäre nicht das erste Mal, dass nach diesem Muster vorgegangen wurde. Der Chefarzt brauchte Gewissheit und griff zum Telefon.

 

 

Gegen 15 Uhr traf Dr. Jones vor einem nicht bewohnten Personalbungalow ein. Dr. Doodle öffnete die Tür, bat den Gast einzutreten.

 

„Und was hast du erreicht?“, fragte der Chefarzt.

 

„Das ist eine ganz merkwürdige Sache. Die vom Geheimdienst kennen keinen Piet Ellmert, ebenso wenig die von der regulären Armee. Andererseits heißt es im Entlassungsbüro, ein Piet Ellmert hat 12 Jahre als Rettungssanitäter gearbeitet. Das müsste mir bekannt sein, denn solche Leute unterstehen meinem Stab. Aber in keiner Akte taucht dieser Name auf. Und persönlich ist er mir auch unbekannt. Um es kurz zu machen, dieser Ellmert ist ein Phantom.“

 

 

„Und was heißt das nun genau?“, fragte der Chefarzt.

 

Dr. Jones lächelte. „Dieser Name ist ein Pseudonym. Im Geheimdienst läuft das so ab, dass vor jedem neuen Einsatz, der Agent einen neuen Lebenslauf und Namen erhält. Ist der Einsatz beendet, verfällt der Name und Lebenslauf, samt Ausweise und landet im Schredder. Bestimmte Agenten erhalten mehrere Lebensläufe, Namen und Papiere, zur freien Auswahl. Je nach Situation wechseln die ihre Identität. Und genau dies scheint auf diesen Ellmert zu zutreffen. Offiziell ist er von der Armee entlassen. Was aber nicht auf den Geheimdienst bezogen sein muss. Siehe mal hier, dass hat man mir in die Hand gedrückt zur informativen Weiterleitung.“

 

 

Dr. Jones zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Jackentasche hervor, klappte es auseinander, und reichte es dem Chefarzt. In großen Buchstaben stand dort gedruckt, Das Ungeheuer von Loch Ness, genannt Nessi, steht unter Naturschutz.

 

„Na das ist doch bekannt! Obwohl es schon ein wenig schizophren ist, ein Tier unter Schutz zu stellen welches nicht existiert.“, sagte der Chefarzt.

 

„Lies mal weiter. Das Interessante kommt noch.“, sagte Dr. Jones.

 

 

Wer Nessi und Personen, die im engen Zusammenhang zu Nessi stehen, Schaden zufügt, sie gefangen nimmt, oder ihnen Sender zur Verfolgung anheftet, wird nach der königlichen Verordnung, mit Freiheitsentzug bis zu 10 Jahre Gefängnis bestraft.

 

London Institut für physikalische Phänomene. Edinburgh Castle Telefonnummer …

 

Verblüfft blickte der Chefarzt auf. „Was hat denn dieses Institut mit dem Naturschutz zu tun. Das ergibt doch alles keinen Sinn. Und was sollen die Buchstaben und Ziffern unten bedeuten?“

 

 

Dr. Jones grinste breit. „Wenn du dieses Informationsblatt dem Ellmert zukommen lässt, dann wird es bei ihm zu einer Wunderheilung führen. Ich bin mir sicher, dass ist eine codierte Nachricht an ihn.“

 

„Schön und gut. Aber weswegen ist er denn hier? Er hatte einen Ausraster gehabt. Nach Meinung des Oberarztes, sieht es nach einem Stress-Stau aus. Jetzt fällt mir ein, dass der Ellmert dem Oberarzt eine wilde Story von Loch Ness erzählt hat, in der auch die Patientin mit drin vorkam.“

 

 

Dr. Jones hob sogleich den Kopf. „Hat der Oberarzt diese Story niedergeschrieben oder aufgezeichnet?“

 

„Nein nichts von beidem. Das machen wir generell nicht beim Erstgespräch. Aber dann hängt diese Info und dessen Story irgendwie zusammen. Wieso ist der Ellmert wirklich hier?“

 

 

„Da habe ich eine Vermutung. Nachdem er dich gezwungen hatte die Patientin zu entlassen, ist die ihm irgendwie durch die Lappen gegangen. Was er jetzt braucht, sind Daten von ihr. Und wo findet er die, in der besagten Krankenakte.“

 

„Aber die Akte ist doch verschwunden!“, warf der Chefarzt aufgeregt ein.

 

„Das schon, aber das weiß der Ellmert noch nicht. Da ist ihm einer zuvor gekommen. Und deshalb dieses kuriose Informationsblatt. Verstehst du! Dieser Ellmert ist ein Alien Hunter!“

 

„Dann gibt es wirklich Außerirdische? Womöglich trifft das doch auf die zweite Stimme der Patientin zu?“

 

 

„Das werden wir nie erfahren mein Freund. Dennoch sollten wir bei Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen auch das mit berücksichtigen. Ich weiß, die Schulmedizin und Schulpsychologie lehren dergleichen nicht. Doch irgendwann wird man sich vor diesen Erkenntnissen nicht mehr drücken können. Und das verändert das gesamte wissenschaftliche Bild.

 

Ich bin mir sicher, sobald der Ellmert dieses Infoblatt gelesen hat, wird er darum bitten, ein Telefonat zu führen. Danach kannst du ruhigen Gewissens den Entlassungsschein ausfüllen.“

 

 

Der Chefarzt blickte seinen Freund lauernd an. „Kann es sein, dass du mehr weißt, als du mir erzählst?“

 

Dr. Jones machte ein unbekümmertes Gesicht. „Ich sage nur soviel, dieses Gespräch hat nie stattgefunden.“

 

„Ich verstehe. Danke.“, sagte der Chefarzt erleichtert.

 

 

 

****

 

 

Pünktlich zu 17 Uhr wurde Tee und Gebäck serviert. Piet nahm das Tablett entgegen, stellte es auf dem Tisch ab. Unter dem Teller mit dem Gebäck, lag ein zusammengefaltetes Stück Papier. Piet faltete es auseinander und las.

 

Es kam nicht oft vor, dass Emotionen ihn überwältigten. Doch diese Nachricht ließ seine Augen feucht werden. Sie hatten ihn nicht fallen gelassen, sondern gingen einen anderen Weg der Zusammenarbeit. Allerdings musste er aus der Schusslinie verschwinden. Und ihm wurde auch das Warum klar. Nathaira würde nichts unternehmen, solange er wie ein Schatten an ihr hing. Andere hatten jetzt den Job übernommen, die Nathaira nicht kannte.

 

 

Piet verließ sein Zimmer, ging zum Dienstzimmer, in dem derzeit das Personal der Spätschicht saß. Er bat darum telefonieren zu dürfen, was ihm vorbehaltlos gestattet wurde. Er nahm das schnurlose Telefon auf den Gang hinaus, wählte die Telefonnummer und hörte kurz darauf eine Bandansage.

 

Der Chefarzt lauerte indessen im Waschraum, lugte durch einen Türspalt hinaus und sah Piet telefonieren. Es traf alles so ein, wie sein Freund der Stabsarzt es vorhergesagt hatte.

 

 

Piet beendete das Telefonat und wählte eine zweite Telefonnummer, die in der Ansage genannt wurde. Hier hörte er eine Computerstimme, die ihn aufforderte die Kennung zu sagen. Piet las die Buchstaben und Ziffern von dem Blatt Papier ab. Die Computerstimme bat um etwas Geduld, eine Endlosmelodie ertönte zwei Minuten lang. Danach sagte die Computerstimme „In Einer Stunde auf dem Parkplatz der Klinik.“

 

 

Piet brachte das Telefon ins Dienstzimmer zurück, bedankte sich und verließ es wieder. Alles was in seinem Besitz war, trug er am Leib. Dazu gehörte auch die Armbanduhr, das Portemonnaie mit Kreditkarten, Personalausweis und Führerschein. Einzig das die Bekleidung etwas müffelte, obwohl er jeden Tag duschte. Jetzt brauchte es nur noch eine offizielle Entlassung. Und falls nicht, würde er trotzdem die Klinik verlassen.

 

 

Der Chefarzt bat per Telefon den Oberarzt ins Büro. „Der Patient Piet Ellmert wird heute noch entlassen. Ich habe bereits den Entlassungsschein ausgefüllt und unterschrieben. Bringen Sie bitte dem Patienten diesen Schein und lassen Sie ihn hier unten, wo das Kreuz ist unterschreiben. Den Durchschlag behalten wir.

 

Der Oberarzt blickte verständnislos seinen Chef an. „Aber wir haben doch noch gar keine Therapie mit ihm begonnen.“

 

„Ist auch nicht notwendig. Dieser Mann ist kein gewöhnlicher Patient. Habe einen heißen Tipp erhalten. Sage nur, Krankenkassenvereinigung.“

 

„Oh!“, entfuhr es dem Oberarzt.

„Aber kein Wort zu diesem Ellmert darüber. Er soll ruhig glauben wir hätten keine Ahnung Und nun bringen Sie es ihm. Ich möchte den Mann so schnell wie möglich aus dem Haus wissen.“

 

 

Wirklich erstaunt war Piet nicht, als der Oberarzt ihm erklärte, er könne nach Hause gehen. Falls er es wünsche, dürfe er jederzeit die ambulante Therapie in Anspruch nehmen. Piet unterschrieb, erhielt das Original des Entlassungsscheins. Er verabschiedete sich beim Stationspersonal und stand wenige Minuten später draußen vor dem Gebäude. Bis zum Ablauf der besagten Stunde, blieb ihm noch etwas Zeit, die er mit einem langsamen Spaziergang durch das Klinikgelände verbrachte.

 

Zehn Minuten vor der vollen Stunde, erreichte er den Parkplatz und sah bereits von Weitem einen silbergrauen Cliff 600 stehen. Sein Herz schlug schneller, als er auf den Wagen zu ging. Er hoffte das es seiner ist, denn diese Lackierung entsprach dem gängigen Serienmodel.

 

Der erste Blick galt dem Nummernschild und ihm fiel ein Stein vom Herzen. Es war nicht nur sein Wagen, sondern auch sein rollendes Zuhause. Er umrundete einmal das Fahrzeug, schaute nach den Reifen sowie Radmuttern und blieb an der Seitenschiebetür stehen. Er wollte den Autoschlüssel aus der Hosentasche ziehen, doch seine Hand suchte vergebens dort. So kam nun das erste Mal der Ziffernblock zum Einsatz, der unter einer Klappe verborgen lag. Gleich nach Übernahme des Wagens, hatte er die Code programmiert und nirgends aufgeschrieben. Der erste Versuch führte auch sogleich zum Erfolg. Hörbar entriegelten die Türen. Piet zog sie auf und stieg in den Wagen. Auf der ersten Ablage lagen die Autoschlüssel. Daneben ein dickerer Stapel bedrucktes Papier, zu einem Block zusammengeheftet.

 

Auf der ersten Seite stand eine Kontaktadresse in Edinburgh. Die zweite Seite umriss seine neue Aufgabe. Herauszufinden ob der Spuk auf Edinburgh Castle Paranormalen Ursprungs ist, oder seine Ursache im Physikalischen habe.

Das ist die richtige Nachtlektüre, dachte Piet und begann mit der Kontrolle. Er öffnete jede Klappe, Schublade, schaute auch in einige Hohlräume hinein und war zufrieden mit dem Ergebnis. Nichts fehlte, was auch für das Nadelschussgerät galt. Einzig einige Lebensmittel im Kühlschrank, bedurften ausgetauscht zu werden. Dies wollte er noch heute erledigen. Doch jetzt galt es weg von diesem Gelände zu kommen und auch weg von Inverness. Er setzte sich hinter das Lenkrad, steckte den Zündschlüssel ins Zündschloss, startete den Motor und dachte kurz an Gael und Nathaira. Ich verlasse euch für immer. Nach mir werden andere kommen. Passt auf euch auf. Adieu!

 

 

 

 

Kapitel 12

 

 

 

Der Schwimmunterricht machte Fortschritte. Allerdings wurden die ersten Versuche doch ins Schwimmbad verlegt. Gleich morgens, wenn geöffnet wurde, zählten Gael und Nathaira mit zu den ersten Gästen. Meist waren es ältere Leute, von denen kein Stress ausging.

 

Die zweite Phase fand im Fluss mit Neoprenanzug statt. Es war zwar verboten dort zu schwimmen, wegen dem Motorbootsverkehr, doch Nathaira fand immer die richtigen Zeiten, in denen keine Boote fuhren.

 

Bei der dritten Phase ging es ins Meer. Gerüstet mit Neoprenanzug, und Schwimmflossen, dazu Taucherbrille, erhielt Gael die ersten Eindrücke der Unterwasserwelt. Ganz zum Schluss der täglichen Übungen, kam der Einsatz mit Taucherflasche dran. Es ging Nathaira darum, dass Gael bei Bedarf Luft einatmen konnte und weniger um das echte Flaschentauchen.

 

 

Der Tag der großen Abschlussprüfung rückte näher. Zuvor statten die beiden Frauen einem Musikclub einen Besuch ab. Gael hatte nicht nur das Schwimmer erlernt, sondern auch die Variationen der Telepathie. So konnte sie nicht nur die vordergründigen Gedanken ihrer Mitmenschen erfassen und dementsprechend reagieren, sondern sie war auch in der Lage, bei besonders aufdringlichen Männern, deren Vorhaben gedanklich zu stoppen. Hierzu verwendete sie Gedankenbilder, die ihr Erscheinungsbild soweit herabsetzte, dass bei den Probanden kein erotisches Interesse mehr vorlag. Auf diese Weise hielten Gael und Nathaira sich dergleichen Männer vom Hals, ohne das ihr eigener Spaß gemindert wurde.

 

 

Abends lagen sie eng aneinander gekuschelt im Bett, ließen die wunderbaren Tage Revue passieren. Gael wünschte, es würde immer so bleiben. Aber sie spürte bereits, dass es bald zu einem Abschied kommen wird. Deshalb versuchte sie gedanklich bei Nathaira darüber etwas zu erfahren, doch es gab da nur die Leere der Gedankenblockade. Sie selbst konnte diese Mauer auch ziehen, aber sie war bei weitem nicht so stabil wie bei Nathaira.

 

 

„Ich habe soeben etwas von Piet empfangen.“, sagte Nathaira ungewohnt akustisch. „Er ist aus der Klinik entlassen worden und hat einen neuen Auftrag erhalten, der ihn nach Edinburgh führt. Wir sollen auf uns aufpassen, denn andere übernehmen seinen Job an uns.“

 

 

„Hört denn das nie auf.“, grummelte Gael. „Was wollen die denn von uns? Sollen sich lieber um echte Gefahren kümmern, als zwei harmlosen Frauen nachzusteigen.“

 

 

„Tja Kleine, das haben wir Piets Bericht zu verdanken. Und womöglich auch meine Abwehr-Aktion gegen ihn. Da ist man wohl doch aufmerksam geworden.“

 

„Das ist ja blöd! Als Piet hinter uns her war, da wussten wir wenigstens um ihn. Aber jetzt kann es jeder sein.“, maulte Gael.

 

 

„So hilflos wie du glaubst Kleine, sind wir nicht. Wir brauchen bloß die nähere Umgebung gedanklich zu scannen. Und das machen wir sofort.“

 

„Wie denn?“, fragte Gael.

 

„Öffne dich einfach. Und sobald dein Name auftaucht, oder Gedankenbilder die mit uns zu tun haben, konzentriere dich auf die Sendequelle. Und so finden wir heraus wer und vor allem wie viele es sind. Und bevor wir morgen losfahren, werde ich das Auto nach Peilsendern und Wanzen checken.

 

 

Gael war viel zu aufgeregt, als dass sie auch nur einen Piep wahrnahm. Vielmehr rauschten ihre eigenen Gedanken dazwischen. Nathaira bekam es mit und lächelte darüber, während ihr Scann eindeutige Ergebnisse lieferte.

 

 

>Es sind drei Männer, die in einem Kastenwagen sitzen, ähnlich dem von Piet. Es gibt Messinstrumente und eine Antenne ist auf deine Wohnung ausgerichtet. Womöglich können sie damit unsere Gespräche belauschen, wenn wir akustisch sprechen. Hinter dem Kastenwagen stehen zwei PKWs die ebenfalls Messgeräte haben. Zwei von den Männern schlafen zur Zeit, der dritte ist wach. Da wir uns in Sicherheit vor Piet wähnten, werde ich jetzt die Wohnung nach Abhörwanzen untersuchen. Sprechen tun wir nur mit Gedanken.<

 

 

Die Durchsuchung der Wohnung ergab nichts. Keine fremde Elektronik oder sonst etwas, was nicht in die Wohnung gehörte. Dennoch blieb Nathaira bei der gedanklichen Kommunikation.

 

 

>So wie ich das einschätze, sind die heute ganz neu hier. Folglich müssen die erst heute den Posten bezogen haben, weil Piet nicht mehr da ist.<

 

 

>Ich denke Piet war aus der Armee entlassen?“, wunderte sich Gael.

 

>Was ja nicht bedeuten muss, dass es für den Geheimdienst auch zutrifft. Sonst hätte er wohl kaum einen neuen Auftrag erhalten. Ist jetzt auch egal. Wichtig für uns ist, dass wir um die wissen. Würdest du auch woanders hinziehen Kleine?<

 

>Wohin denn?<

>Zum Loch Ness.<

 

>Oh je, da müsste ich erst im Lotto gewinnen. Diese Miete hier ist schon recht hoch. Aber am Loch Ness muss man schon halber Millionär sein. Außerdem gibt es da keine Wohnhäuser wie dieses hier. Das sind alles Einfamilienhäuser, ausgenommen die Hotels.<

 

 

>Es gibt dort eine Frau, die früher zu uns Kontakt hatte. Ich habe die Adresse von ihr. Wir könnten doch mal hinfahren und nachfragen. Was hältst du davon?<

 

>Ja, warum nicht. Aber unsere Verfolger werden das mitbekommen. Was nützt das dann?<

 

>Du hast mir erzählt, dass es keine Meldepflicht gibt. Und um die Verfolger mache dir keine Sorgen, die hänge ich ab.<

 

 

Gael fragte nicht, wie sie das machen wollte. Sie vertraute ihr einfach. Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis die Müdigkeit sie übermannte und sie in den Schlaf hinüberglitten.

 

 

 

Am Nächsten Morgen erwachte Gael als Erste. Sie richtete sich auf und betrachtete die schlafende Nathaira, die bis auf die blonden Haare genauso aussah wie sie selbst. Es juckte ihr in den Fingern sie zu berühren und schließlich gab sie dem Drang nach. Zuerst waren es nur die nackten Arme. Bald schon landeten ihre Hände an den Brüsten. Ihre Finger spielten mit den Brustwarzen, doch irgendwie reagierten die nicht wie erhofft. Deshalb ging es abwärts zum Bauch und schnell zum Venushügel, der ebenso glatt rasiert war, wie der eigene. Gael verhielt an dieser Position. Wieso musste Nathaira die Schamhaare nicht rasieren, während Gael es bereits zwei Mal vorgenommen hatte. Hatte Nathaira etwa keinen Haarwuchs? Ihre Finger rutschten tiefer, ertasteten die kleine Perle, als in diesem Moment Nathaira sagte: „Gib dir keine Mühe, so wird das nichts.“

Erschrocken, als habe sie etwas in den Finger gebissen, zog sie die Hand zurück, stieß hierbei „Auweia!“ aus. Nathaira blickte sie lächelnd an. „Bist wohl rollig!“

 

Gael presste die Lippen zusammen und spürte zugleich wie sie im Gesicht rot wurde. Nathaira lachte herzlich und richtete sich ebenfalls auf.

 

 

„Du siehst süß aus Kleine. Aber ich will dich nicht in Unkenntnis lassen. Es geht deswegen nicht, weil wir die gleiche Polarität haben.“

 

„Heißt das etwa, ihr Mädels macht nicht miteinander herum?“

 

„Genau das heißt es Kleine. Gleichgeschlechtliche können nicht miteinander verschmelzen. Nur gegengeschlechtliche vermögen dies. Und nur die können dadurch ein enormes Energiefeld erzeugen, welches zu gleichen Teilen in ihren Körpern haften bleibt.

 

Für dich wäre dies heute nicht von Vorteil, denn die Prüfung steht an. Und dazu brauchst du all deine Energien.“

 

 

„Und wo nimmst du deine Energie her. Oder Verschmilzt du jedes Mal, bevor du in unsere Welt kommst?“

 

Nathaira lachte amüsiert auf. „Drachenprinzessinnen erhalten die notwendige Energie von den Drachen. Aber nicht durch Verschmelzung, denn das geht nicht, sondern durch das bloße drauf sitzen auf ihnen. Sie hält recht lange an, dennoch muss ich sie immer wieder mal erneuern. Das geht aber nur mit meinem Originalkörper.“

 

 

Gael nickte ernüchtert. „Das wollte ich überhaupt schon mal fragen. Wenn du um mich herum bist, bevor du dich von mir ablöst, wo bleiben dann deine Innenorgane?“

 

 

„Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt und bisher noch keine Antwort erhalten. Vielleicht schrumpfen sie zusammen, oder werden ganz platt. Oder ich habe das immer noch nicht verstanden, was da zwischen uns geschieht. Jedenfalls ist jetzt mein richtiger Körper unter dieser Hülle, die wie du aussieht. Es geht nur um das äußere Muster von dir, welches von meinem Körper nachgebildet wird.

 

Vielleicht bin ich auch gar nicht vollständig um dich herum. Du, ich blicke da auch nicht durch. Denn als ich in dir war, da gab es keinen Körper von mir, sondern nur deinen. Und als ich durch die Polarität der Drachen von dir hinausging, hatte ich plötzlich meinen Körper wieder, der äußerlich deinem entsprach, sobald ich an Land ging. Ich verstehe das selbst nicht.“

 

 

„Hast du denn mal nachgefragt, als du in deinem Land warst?“, wollte Gael wissen.

 

„Selbstverständlich. Aber selbst unsere weisen Frauen wussten darauf keine Antwort. Einzig dass man mir riet, den Status der Drachenprinzessin abzulegen. Doch dagegen protestierten die Wasserdrachen.“

 

 

Gael senkte den Blick, fragte leise: „Kann es sein, dass du nicht mehr wiederkommen darfst, wenn du zurückkehrst?“

 

„Davon haben die weisen Frauen nicht gesprochen. Außerdem würde ich allein gar nicht her finden. Nur die Drachen kennen sich in dem Tunnelsystem aus. Auch darf der enorme Wasserdruck nicht außer acht gelassen werden. Denn der Tunnel zum Loch Ness, liegt an tiefster Stelle. Ohne das schützende Energiefeld der Drachen, könnte ich nicht so tief tauchen, ohne zerquetscht zu werden. Die Entscheidung liegt also ganz allein bei den Drachen.“

 

 

Bereits bei der Morgenwäsche und dem anschließenden Frühstück, umwehte die Frauen eine bedrückende Atmosphäre, die noch verstärkt wurde, als Nathaira Loch Ness für die Abschlussprüfung nannte. Gael packte alles zusammen, was sie dafür brauchte. Und dann war es soweit, Nathaira Pfiff zum Aufbruch. Sie trug den Badeanzug unter dem Minikleid, während Gael bereits im Neoprenanzug steckte. Darunter trug sie leichte Leggings und T-Shirt. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass kein Wasser eindrang und somit die Sachen trocken blieben.

 

Gael nahm die Sauerstoffflasche, Atemgerät und Brille, Nathaira einen Korb mit Ersatzbekleidung, Mineralwasser und ein Picknick, von dem Gael nichts wusste. Auf der Straße gab es nichts ungewöhnliches zu sehen, wenn man mal von dem schwarzen Kastenwagen an der Ecke absah. Während Gael die Sachen im Kofferraum verstaute, inspizierte Nathaira den Wagen nach fremder Technik und wurde auch fündig. Zwei Peilsender, einer hinten, der andere vorne unter der Stoßstange und zwei flache Metallscheiben im Wageninneren, die Nathaira von Piet her kannte. Telepathisch teilte Nathaira Gael mit, dass sie die fremde Elektronik unterwegs entsorgen werde. Sie wolle erst mal sehen, wie man sie verfolgte.

 

 

Sie stiegen ein, Gael startete den Motor, fuhr aber noch nicht los. >Nathaira wie kommt es, dass du solange unter Wasser bleiben kannst, ohne zwischendurch Luft zu holen?<

 

>Ich kann eine Weile die Luft anhalten. Meistens atme ich aber.<

 

<Bitte!<, schallte es bei Nathaira im Kopf. Dennoch lächelte sie, schob ihr Haar nach hinten und klappte das Ohr nach vorn. >Damit atme ich.<

 

>Was ist das denn? Sind das etwa Kiemen?< , rief Gael telepathisch aus.

 

>Du hast es erfasst Kleine.<

 

>Och das ist unfair. Du hast alles so was und ich nicht.< , maulte sie, gab Gas und fuhr los.

Nathaira beobachtete im Außenspiegel den Fahrzeugverkehr hinter ihnen. Da es aber mehre Autos waren, konnte sie optisch die Verfolger noch nicht lokalisieren. Und das änderte sich auch nicht, als sie auf die B852 fuhren. Obwohl das Wetter nicht gerade einladend wirkte, strömten die Touristen trotzdem in Richtung Loch Ness.

 

 

>In Dores halten wir, fahren in irgendeine der Gassen und schauen dann mal, wer hinter uns hinterherfährt.< , machte Nathaira den Vorschlag.

 

 

Gael nickte nur stumm mit dem Kopf, doch Nathaira bemerkte ihre Traurigkeit. Und selbst hatte sie auch ein ganz merkwürdiges Gefühl, als wenn das heute ihr letztes Zusammensein ist. Dabei hatte sie nicht vor zu gehen, jedenfalls nicht heute oder morgen.

 

Die kleine Ortschaft kam in Sicht, als Nathaira sagte: >Das lassen wir. Denn wirklich entkommen können wir denen nicht. Es ist nun mal eine Straße die um den See herumführt. Halte dort, wo neulich der Lastwagen stand.<

 

 

Gael hielt an dem Platz an, auf dem sie die einzigen waren. Alle Autos die hinter ihnen waren, fuhren vorbei. Nathaira stieg aus, rupfte die Peilsender unter den Stoßstangen ab und brachte sie zu einem metallenen Papierkorb, warf sie hinein. Die beiden Metallscheiben hingegen, legte sie auf ein Rasenstück. Danach fuhren sie weiter und erreichten bald ihr erstes Ziel, den Bootsverleih mit den kleinen Booten.

 

Der Bärtige erkannte sie nicht wieder, verwies aber auf das windige Wetter und das nur auf eigene Gefahr ein Boot zu mieten sei, Hierfür musste Gael ein Extra Formular unterschreiben, auf dem die Belehrung noch mal gedruckt stand. Nach dem die Formalitäten erledigt waren und Gael mit Bargeld bezahlte, ging der Bärtige mit ihnen zum schwimmenden Bootssteg, gab ihnen das Boot mit der Nummer fünf.

Als er wenig später sah, dass Gael eine Taucherausrüstung aus dem Kofferraum holte, wurde er doch neugierig.

 

 

„Haben Sie etwa vor in dem eiskalten Wasser zu tauchen?“

 

„Sicher doch. So kalt ist es ja nun auch wieder nicht.“

 

„Sagen Sie, wollen Sie etwa nach Nessi tauchen?“

 

Gael blickte ihn amüsiert an. „Das mit Nessi ist doch Quatsch! Wir trainieren für einen Extremsport-Wettkampf. Meine Freundin wird heute zur anderen Uferseite schwimmen, ich übe mich im Tauchen.“

 

Warum sie das mit der Uferseite gesagt hatte, wusste sie selbst nicht. Es war einfach nur so eine Idee. Dachte sie zumindest. Da hörte sie Nathaira telepathisch sagen: >Es geht nicht Gael. Vier Fahrzeuge habe ich ausgemacht. Die haben damit gerechnet, dass wir die Peilsender finden. Ich sagte doch, auf dieser Straße rund um den See können wir ihnen nicht entkommen. Wir brechen ab.<

 

>Und wie weiter?< , fragte Gael irritiert.

 

>Wir trennen uns hier. Ich gehe die Straße zu Fuß weiter und werde bei einer günstigen Gelegenheit ins Wasser gehen. Die Drachen erwarten mich bereits. Würden wir beide mit dem Boot raus fahren und du kämst allein zurück, wird man dich mitnehmen und verhören. Es tut mir leid Kleine, aber ich darf mich den Drachen nicht widersetzen.<

 

 

„Nein das werde ich nicht!“, sagte Nathaira akustisch. „Du hast einen Neoprenanzug an, ich nur einen Badeanzug. Ich will mir nicht den Tod holen.“

 

„Aber aber ich verstehe nicht.“, stammelte Gael.

 

>Tut mir leid Kleine. Ich spiele nur Theater vor, damit die Verfolger glauben, wir wären zerstritten. Du bleibst auf jeden Fall hier. Durch die Verfolger und den Bärtigen hast du ein Alibi. Wenn du die große Welle siehst, dann weißt du das ich auf dem Drachen sitze. Ich versuche wieder zu kommen. Aber ich kann nicht sagen wann. Irgend etwas steht an, denn die Drachen sind so ernst. Ich melde mich auf der Gedankenwelle. Danke für alles meine Kleine. Ich habe dich lieb. Ach und noch eines Kleine. Ziehe immer die Schwimmweste an, wenn du mit dem Boot raus fährst. Versprich mir dies!“

 

 

Gael schluchzte auf. >Ich verspreche es. Dann haben wir es heute Morgen beide gespürt. Komme gut heim. Ich habe dich lieb Drachenprinzessin.<

 

„Mach was du willst, ich gehe zur nächsten Bushaltestelle.“, sagte Nathaira laut und lief einfach los.

 

 

Am liebsten wäre Gael ihr gefolgt. Tränen verschmierten ihr die Sicht. Dennoch konnte sie erkennen, wie zwei PKWs im Schritttempo Nathaira folgten. Zwei andere Pkws standen auf dem kleinen Parkplatz. Aus einem wurde ein Objektiv auf sie gerichtet.

 

 

Der Bärtige wusste nicht was er davon halten sollte. Gael brachte die Taucherausrüstung zu ihrem Renault zurück, lud sie in den Kofferraum. Stand unschlüssig herum. Der Bärtige trat zu ihr. „Dann brauchen Sie das Boot doch nicht?“

 

 

„Nein. Das heißt doch.“, denn plötzlich hatte sie der Ehrgeiz gepackt. Es sollte ihre Prüfung werden und die wollte sie nun absolvieren. Außerdem würde Verdacht aufkommen, wenn sie einfach nur so herumstand. Der Geheimdienst durfte keinen Hinweis erhalten, wer Nathaira wirklich ist.

 

Sie öffnete den Kofferraum und holte die Taucherausrüstung wieder heraus, klappte den Deckel zu und ging damit zu Boot Nummer fünf.

 

>Ich fahre auf den See hinaus, nicht weit, so dass die mich noch sehen können.< , sagte sie telepathisch, erhielt aber keine Antwort, was ihr wieder ein Schluchzen entlockte.

 

Bevor sie ins Boot stieg, schnallte sie die Pressluftflasche um, kontrollierte das Atemgerät, setzte die Taucherbrille auf, schob sie nach oben auf den Kopf. Das kleine Boot dümpelte recht stark und Gael dachte beim Einsteigen, jetzt bloß nicht ins Wasser fallen. Sie löste die beiden Leinen, stellte den Hebel des Elektromotors auf an und drehte am Geschwindigkeitsregler. Leise surrend fuhr das Boot vom schwimmenden Steg in den offenen See hinaus.

 

 

 

Nathaira lief nicht an der Uferseite entlang, sondern auf der gegenüberliegen Straßenseite an der Böschung. Ohne sich umzudrehen spürte sie ihre Verfolger und bei einem kurzen Gedankenscann, erfuhr sie was sie vorhatten. Zum einen sollten sie Fakten bringen und falls das nicht ausreichte, sie gefangennehmen. Oh Piet, was hast du nur angerichtet!

 

 

Und was haben sie mit Gael vor? Diesmal ging sie tief in die Gedankenwelt der Verfolger hinein. Sie werden Gael trotzdem verhören. Dem ist die Kleine nicht gewachsen. Sie wird Panik bekommen und womöglich das Mentale anwenden, was sie ihr beigebracht hatte. Nathaira hätte sich Ohrfeigen können, dass sie Piet ausgeschaltet hatte. Er war nur allein, sie hätte ihn an der langen Leine hinhalten müssen.

 

 

Voraus sah sie einen Ginsterbusch, an dem eine Lücke die Böschung hinauf führte. Blitzschnell lief sie ins Unterholz, duckte sich hinter einem Gebüsch. Die beiden Fahrzeuge blieben prompt stehen. Ein Mann stieg aus, versuchte in dem Gestrüpp etwas zu erkennen. Ein anderer rief ihm zu: „Vielleicht muss sie mal pinkeln. Weit kommt die da nicht!“

 

 

Dann muss es eben sein, dachte Nathaira, als sie plötzlich Gael vernahm. Oh nein, nicht auch das noch. Sie konnte ihr Handeln verstehen, auch wenn es töricht war. Doch Nathaira konnte ihr jetzt keine Antwort geben, denn das was sie vorhatte, kostete viel Energie, von der sie nur noch wenig zur Verfügung hatte. Als erstes rief sie die Drachen. Einer sollte auf Gael aufpassen, die anderen zu dieser Stelle im See kommen. Danach folgte die Aktion.

 

 

Ein schwarzer Jaguar F- Type fuhr an den stehenden Autos vorbei, bremste plötzlich mit quietschenden Reifen, die Beifahrertür schwang auf, als auch schon eine blonde Frau im Minikleid, aus der Böschung herunterlief, in das Fahrzeug einstieg und der Wagen mit quietschenden Reifen davon brauste.

 

 

„Los steig ein!“, rief einer der Männer dem Kollegen zu und griff sofort zum Funkgerät. „Die Blonde wurde von einem schwarzen Jaguar F- Type abgeholt. Wir nehmen die Verfolgung auf. Lasst die andere nicht entkommen!“

 

Die beiden Verfolgerfahrzeuge fuhren ebenfalls mit durchdrehenden Reifen los. Mit hoher Geschwindigkeit folgten sie dem Jaguar, der immer schneller wurde. Der Mann am Funkgerät gab Meldung an die mobile Straßensperre durch. Mit allen Mitteln das Fahrzeug aufhalten. Fährt mit hoher Geschwindigkeit!“

 

 

Nathaira wartete, bis die Fahrzeuge außer Sichtweite waren, kletterte die Böschung herunter, lief rasch über die Fahrbahn hinüber zur Uferböschung, an der schiefe Birken wuchsen. Sie lief bis zur Uferkante und sprang mit einem Hechtsprung ins Wasser. Ohne aufzutauchen schwamm sie weiter, als sie die sanfte Berührung ihres Lieblingsdrachen am Bauch spürte. Sie zog die Beine an, ließ sich zu seinem Halsansatz herabsinken, setzte sich dort rittlings auf ihn.

 

Die Kleidung verschwand von ihrem Körper und mit ihr auch das menschliche Muster. In ihrem richtigen Körper begann es wieder zu fließen, die Haut nahm den transparenten grünlichen Schimmer an und die blonden Haare wandelten sich in grünblau. Kaum das dieser Prozess abgeschlossen war, spürte Nathaira frische Energie durch ihren Körper pulsieren. So gern sie auch mit Gael zusammen war, hier im kühlen Wasser, zusammen mit ihren Drachenfreunden, fühlte sie sich in ihrem Element.

 

 

Zwei Männer stiegen aus einer schwarzen Limousine. Der eine hielt ein Langlaufgewehr in der Hand, setzte den Schaft an die Schulter, blickte durch das Zielfernrohr auf das Boot mit der Taucherin. Sie saß auf dem Bootsrand, mit dem Rücken zum Wasser. Das Boot machte keine Fahrt mehr, dümpelte in den Wellen. Sie legte das Atemgerät an, zog die Taucherbrille vor die Augen, als der Finger des Schützen den Abzugshahn durchzog. Zischend verließ das Projektil den Lauf.

 

 

Der Bärtige wurde Zeuge des Vorfalls, als er durch ein Fenster nach draußen blickte. Er konnte zwar nicht sehen was das Ziel war, aber instinktiv wusste er, dass es der Taucherin gegolten hatte. Sofort rief er die Polizei an, schilderte den Vorfall und bat auch um einen Rettungswagen. Danach rief er seinen Sohn, instruierte ihn mit knappen Worten, worauf der in einen Neoprenanzug schlüpfte, eine Pressluftflasche umschnallte, Taucherbrille aufsetzte und nach draußen hastete. Der Bärtige folgte ihm und rief den Männern zu, dass die Polizei und der Rettungsdienst unterwegs sei.

 

 

Es war nur ein feiner Nadelstich, den Gael am Arm spürte, als ihr auch schon schwarz vor den Augen wurde. Sie spürte nicht mehr, wie sie hintenüber ins Wasser fiel und vom Gewicht der Pressluftflasche nach unten gezogen wurde.

Der Sohn des Bärtigen, sprang in ein größeres Schlauchboot, startete den Benzinmotor, löste die Leinen und fuhr mit schäumender Bugwelle zu dem leeren Boot hin.

 

Mit unbeweglichen Gesicht, verfolgte der Mann mit dem Gewehr, durch das Zielfernrohr die Rettungsaktion. Der Bärtige hingegen sah eine Gefahr für seinen Sohn, rannte in den Laden und kam kurz darauf mir einer gespannten Harpune wieder heraus.

 

 

„Hey Mister! Legen Sie ganz langsam das Gewehr auf den Boden, sonst jage ich Ihnen den Pfeil in den Hals!“

 

Der andere Mann hob sogleich abwehrend die Hände, sagte etwas zu dem Schützen, worauf der das Gewehr auf den Boden ablegte. Ein anderer Mann stieg aus der zweiten Limousine, als von weiten Sirenen ertönten, die rasch näher kamen. Der Bärtige zielte immer noch auf den Schützen und gebot ihm sich nicht von der Stelle zu rühren. Blaulicht zuckte durch die Uferböschung, Sirenen heulten auf. Drei Polizeifahrzeuge fuhren auf den Parkplatz, zwei weitere Polizeiwagen blockierten die Zufahrt. Mit gezogenen Waffen stiegen die Polizisten aus, der Bärtige rief sofort: „Der da!“, und zeigte auf den Schützen, „Hat auf eine Taucherin geschossen. Mein Sohn ist jetzt draußen und versucht sie zu retten!“

 

 

Der Schütze legte freiwillig seine Hände auf den Rücken, Handschellen klickten und widerstandslos ließ er sich abführen. Auch die anderen Männer bekamen sicherheitshalber Handschellen verpasst. Der Rettungswagen traf ein. Ein Arzt mit Koffer stieg aus, zwei Sanitäter folgten. Der Bärtige machte den Vorschlag, dass sie mit einem Boot zu den anderen Booten fahren sollten, um zu helfen.

 

 

Nathaira stockte der Atem, als sie Gael in der energetischen Luftblase eines Drachens liegen sah. Sie wollte von ihrem Drachen zu Gael springen, als dieser ihr das untersagte. >Lebt sie noch?<, fragte sie bangend.

Der Drache mit Gael auf dem Rücken antwortete telepathisch: >In ihrem Körper fließt ein starkes Gift. Ihre Atmung ist flach.<

 

Ich bin schuld! Ich hätte die zweite Begegnung nie machen dürfen.

 

>Können wir sie mitnehmen?<

 

>Nein Prinzessin. Niemand aus der Menschenwelt darf das Drachenreich betreten.<

 

>Aber sie braucht Hilfe, sonst stirbt sie.<

 

Der Drache mit Gael versprach, das Gift in ihr zu neutralisieren. Untätig musste Nathaira zusehen. Liebend gerne hätte sie Gael in die Arme genommen, aber das Verbot des Drachens machte Sinn. Weil dann der ganze Umwandlungsprozess wieder von vor beginnen täte.

 

 

>Soll ich ihre Erinnerungen an mich löschen?<

 

> Nein Prinzessin. Sie ist mental zu weit fortgeschritten.<

 

>Sie werden ihr wehtun, sie verhören, vielleicht auch foltern. Ich muss mit ihr wieder zurückgehen.<

 

>Nein Prinzessin. Wenn du sie gut gelehrt hast, wird sie sich allein helfen können. Du musst mit uns ins Reich zurückkehren. Aufgaben warten auf dich, die gelöst sein wollen.<

 

 

>Ich pfeife auf diese Aufgaben! Gael braucht mich viel dringender!<

 

>Du bist jetzt emotional erregt Prinzessin. Wenn du zur Ruhe gekommen bist, wirst du die Weisheit erkennen.<

 

 

>Da oben kommt einer!< , rief ein anderer Drache.

 

Nathaira scannte ihn sogleich und erkannte ihn als den Sohn vom Bärtigen.

 

>Er ist auf der Suche nach Gael. Er will sie vor dem Ertrinken retten.< , rief Nathaira. >Wie weit bist du?< , fragte sie den Drachen mit Gael.

 

>Es ist gleich soweit. Eine feine Nadel ist in ihren rechten Arm eingedrungen, sie enthielt das Gift.<

 

 

Der Geheimdienst! , schoss es Nathaira durch den Kopf. >Ich muss mit ihr zurück. Die wollten sie umbringen! Diese Nadeln benutzt der Geheimdienst zur Betäubung. Doch wenn der betäubte Mensch ins Wasser fällt, dann ertrinkt er. Und dieses Gift ist im Körper nicht nachweisbar. Es würde wie ein ganz gewöhnlicher Taucherunfall aussehen. Wenn sie wieder nach oben kommt, werden die es wieder versuchen. Ich muss mit, oder sie kommt zu uns.<

 

 

>Nein Prinzessin. Verabschiede dich von dieser Welt. Sie ist grausam und feindselig. Wir wollen keinen Kontakt zu denen.<

 

Der Drache spannte um Nathaira eine Energiefeld und sank mit ihr unaufhaltsam tiefer. Nathaira vergoss Tränen der Verzweiflung, aber der Drache blieb unnachgiebig. Andere Drachen folgten ihr und zum Schluss folgte der Drache, der Gael auf dem Rücken getragen hatte. >Sie ist von dem Menschen gerettet worden.< , sagte er und schwamm weiter in die Tiefe.

 

 

Auf einmal war sie hellwach, sah Strudel um sich herumwirbeln, als zwei kräftige Hände sie unter den Achseln packten und nach oben zogen. Ihr Kopf durchstieß die Wasseroberfläche, ein Boot kam herangefahren, Hände reckten sich ihr entgegen, zogen sie ins Boot hinein. Jemand nahm ihr das Mundstück ab, worauf Gael tief die würzige Luft einsog.

 

Kapitel 13

 

 

 

Zwei Stunden später waren die festgenommenen Männer wieder auf freien Fuß. Keiner von ihnen hatte sich mittels Sonderausweis zu erkennen gegeben. Der Tatbestand, auf die Taucherin geschossen zu haben, erwies sich als falsch. Bei der Taucherin wurde keine Schussverletzung festgestellt. Der Tatverdächtige habe lediglich durch das Zielfernrohr die Taucherin beobachtet. Er besaß sogar eine Lizenz für das Druckluftgewehr, ausgestellt von einem renommierten königlichen Schützenverein. Die Polizei nahm von den Männern die Personalien auf, ein Rechtsanwalt traf ein und begleitete die Männer aus dem Polizeigewahrsam hinaus.

 

 

Eine Stunde nach der Freilassung, landeten die Identitäten der Männer im Schredder. Vier Tage danach, fand eine Besprechung statt. Es wurden noch einmal sämtliche Fakten aufgelistet, darunter auch der Ellmert Bericht. Einer der Anwesenden fragte, was mit Ellmert gemeint sei, worauf die Antwort lautete, es wäre eine gelöschte Identität.

 

Ein Redner fasste das Ergebnis zusammen. „Um eines gleich vorweg zunehmen, wir haben den gleichen Fehler begangen, wie die Leute vom SETI – Programm. Nämlich nur in eine Richtung zu schauen. Lichtkugeln, fliegende Scheiben über der Nordsee, Zigarrenförmige Flugobjekte, Kornkreise und so weiter. All diese Sichtungen, lenkten unsere Aufmerksamkeit vom wesentlichen ab.

 

Und da kommt ein Mitarbeiter mit einem Bericht daher, der so etwas von unglaubwürdig klingt, dass es schon wieder wahr sein könnte. Leider nahm man das Letztere, zu diesem Zeitpunkt nicht an. Dieser Mitarbeiter wird aus dem Dienst entlassen und ermittelt privat weiter. Hierbei kommt er dem Alien wohl zu nahe, der fühlt sich bedroht und greift diesen Mitarbeiter an, sodass er ins Krankenhaus eingeliefert wird und zwar auf die Psychiatrie. Es ist nur einem aktiven Mitarbeiter zu verdanken, der von einem Informanten Kenntnisse über diesen Fall erhielt, dass wir wieder mit im Spiel sind. Ich gebe jetzt eine Zusammenfassung.

 

 

Ein Alien taucht bei uns auf, ist über unsere Welt irritiert, Zahlungsmittel digitale Verbindungen und vieles andere. Aus einem uns unbekannten Grund, kann er unsere Welt nicht mehr verlassen. Nehmen wir mal eine technische Panne an. Er nimmt Kontakt zu seiner Heimatwelt auf, die versprechen ihm eine andere Technologie zu schicken, doch bis dahin muss er irgendwo untertauchen und abwarten.

 

 

Was böte sich da besser an, als bei einem Menschen unter zu schlüpfen, dem niemand glaubt. Weil dieser Mensch eine Psychose hat. In dem Fall spreche ich von dieser Frau Macmoore, die laut Diagnose unter einer multiplen Persönlichkeitsspaltung leidet. Sie spricht in zwei Stimmlagen und die zweite Stimme behauptet jemand anderes zu sein.“

 

 

„Herr Kollege!“, ruft einer aus der Runde. „Das kennen wir bereits alles aus dem Ellmert Bericht. Was wollen Sie konkret damit sagen?“

 

 

„Na gut, wenn alle über die Hintergründe informiert sind, dann komme ich zum Fazit. All diese bekannten Vorgänge waren Täuschungsmanöver, um vom eigentlichen abzulenken, nämlich einer Zeitmaschine, getarnt als Jaguar F-Type.

 

Der Alien lenkte unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf Loch Ness. Warum? Hatte er Kenntnisse über Nessi? Oder wusste er, dass der See so tief ist, dass wir annehmen müssten dort unten liegt ein Raumschiff? Ich will Ihnen sagen, warum ausgerechnet Loch Ness ausgewählt wurde, weil er vormals dort landete und nur von dort wieder weg konnte.“

 

„Herr Kollege.“, unterbrach ihn ein anderer. „Wäre es tatsächlich an dem, dann wäre es mehr als dämlich, uns immer wieder dorthin zu locken. Ich werde Ihnen sagen wie es wirklich war. Diese Frau Macmoore spielt eine Schlüsselposition. Nicht nur das der Alien wie diese Frau aussieht, sondern das er auch bei ihr mit in der Wohnung lebt. Das mit Loch Ness hatte einen ganz anderen Hintergrund. Nämlich mit Frau Macmoore einen Tauchgang zu machen. Doch der Alien bemerkte die Beschattung von uns und musste umdisponieren.

 

Auf seiner Flucht kam diese Zeitmaschine angefahren, er stieg ein und weg war er. Hätten wir nur einen schriftlichen Bericht darüber, würde ich den auch anzweifeln. Aber die Dashcam hat dies einwandfrei aufgezeichnet. Wenn ich bitten dürfte.“

 

 

Auf dem Wandbildschirm wurde ein Video abgespielt. Die Verfolger taten sich schwer, diesem Sportwagen zu folgen, als dieser plötzlich transparent wurde und verschwand.

 

„Mentale Beeinflussung kann mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden. Ebenso Halluzination. Eine Kamera reagiert auf dergleichen Einflüsse nicht. Es gab mal vor einigen Jahrzehnten einen Sience Fiktion Film, in dem ein Auto mit einer Zeitmaschine ausgestattet war. Dieses Auto brauchte eine bestimmte Geschwindigkeit, um die Zeitmauer zu durchbrechen. Damals war es nur das Fantasieprodukt eines Drehbuchautors. Vor ein paar Tagen haben wir es in der Wirklichkeit erlebt.“

 

 

„Und genau deshalb sollten wir diese Frau Macmoore weiterhin observieren. Womöglich taucht der Alien bei ihr wieder auf. Denn sie ist, wie bereits vom Kollegen gesagt, die perfekte Tarnung.“

 

„Sie verkennen da etwas Herr Kollege.“, warf der erste Redner ein. „Der Alien wusste um die Beschattung der Wohnung und griff deshalb den ehemaligen Mitarbeiter an. Sofern er wirklich zurückkommt, wird er garantiert nicht bei dieser Frau wieder aufkreuzen. Wir müssen uns damit abfinden, dass die Mission friedlicher Kontakt zu Alien, ein Schlag ins Wasser ist.“

 

 

„Es sei denn, diese Frau Macmoore weiß mehr.“, warf ein jüngerer Mitarbeiter ein.

 

„Die weiß gar nichts.“, antwortete ein älterer Mann. „Zwei unserer Ärzte haben diese Frau nach dem Taucherunfall befragt. Sie wurde auch an einen Lügendetektor angeschlossen, getarnt als EEG Untersuchung. Frau Macmoore hat den Alien im Schwimmbad kennengelernt. Bedrängt von zwei jungen Männern, ging der Alien dazwischen. Wir haben das nachgeprüft, es stimmt. Der Alien stellte sich mit dem Namen Angelic vor, erzählte sie sei Sporttaucherin und wäre extra nach Inverness gekommen, um im Loch Ness zu tauchen. Zur Zeit habe sie ein kleines Zimmer gemietet, welches recht teuer ist. Frau Macmoore machte ihr den Vorschlag bei ihr zu wohnen und zusammen den Tauchgang zu machen.“

 

 

„Aber das stimmt doch nicht mit dem Ellmert Bericht überein!“, warf ein anderer Mann ein.

 

„Das haben Sie richtig erkannt Herr Kollege. Aber wir können nur von dem ausgehen was wir haben. Und der Lügendetektor zeigte keinerlei Ausschläge an, dass die Aussage von Frau Macmoore nicht der Wahrheit entsprach. Das bedeutet, der Alien hat bei dieser Frau alle vorangegangenen Ereignisse, die mit ihm zu tun hatten gelöscht. Und wir wissen aus Erfahrung, Gehirnwäsche ist gründlich. Da bleibt nichts mehr hängen. Deshalb wäre es nur Zeitverschwendung, diese Frau weiterhin zu beschatten.“

 

Es wurde noch weiter diskutiert, das Für und Wider abgewogen, um schließlich auch diese Akte zu schließen.

 

****

 

 

Ob der Plan aufgegangen war, wusste Gael nicht. Doch von einer Beschattung bemerkte sie nichts. Täglich scannte sie die nähere Umgebung ab, wie Nathaira es ihr beigebracht hatte. Aber es gab nicht das geringste Gedankenmuster, was mit ihr zu tun hatte. Einzig die neugierige Nachbarin mit ihrer Katze, hegte hin und wieder nicht gerade schmeichelhafte Gedanken über sie. Doch darüber sah Gael amüsiert hinweg.

 

 

Im Krankenhaus hatte sie erfahren, dass der Sohn des Bärtigen sie gerettet haben sollte. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, durfte sie bei der Polizei ihren Renault abholen. Tags darauf kaufte sie einen großen Präsentkorb und fuhr zum Bootsverleiher, bedankte sich damit für die Rettung. Hier erfuhr sie, was wirklich passiert war und es fiel ihr nur eines dazu ein, das Nadelschussgerät.

 

 

Auf dem Rückweg hielt sie an der Uferstelle, wo einst der Aluminiumkoffer deponiert lag. Melancholie überkam sie, als sie zum Rand des Ufers ging. Hier fand die zweite Fusion mit Nathaira statt. Warum musste Piet sich auch einmischen? Es hätte alles so schön friedlich verlaufen können. Gael trat von der Uferkante zurück. An der tiefsten Stelle des Lochs, sollte der Tunnel liegen, vielleicht sogar unter ihren Füßen. Nathaira hatte ihr das Leben gerettet und beim zweiten Mal der Sohn vom Bärtigen. Aber was geschah zwischen ihrem Hineinfallen ins Wasser und dem Wiederauftauchen?

 

 

Piet hatte damals den einen Krankenpfleger mit einer Nadelpistole betäubt. Und es dauerte ziemlich lange, bevor der wieder zu Bewusstsein kam. Gael überlegte. Sie saß auf dem Rand des Bootes, war bereit für den Tauchgang, als plötzlich alles schwarz wurde. Und kurz danach sah sie den Strudel und jemand holte sie ins Boot. Selbst wenn der Bärtige schnell gewesen war, vergingen einige Minuten, die sie ohnmächtig unter Wasser verbrachte. Jemand anderes musste ihr geholfen haben. Nicht ein Mensch, sondern Nathaira. Nein das konnte nicht stimmen. Eine Berührung von ihr und sie wären wieder zusammen in einem Körper gewesen. Dann blieb nur noch der Drache übrig. Vielleicht auch ein anderer Drache. Für gewöhnlich war immer eine kleine Herde unterwegs. Einer dieser Drachen musste etwas getan haben, dass sie schneller das Bewusstsein erlangte.

 

Und wäre der Sohn des Bärtigen nicht dort gewesen, oder die anderen, hätte sie es auch aus eigener Kraft geschafft ins Boot zu klettern. Also verdankte sie die eigentliche Rettung wieder Nathaira aus der anderen Welt. Danke, meine beste Freundin!

 

 

Und eine Frage geisterte ihr im Kopf herum, wird Nathaira wiederkommen dürfen?

 

Diese Frage stellte Gael jeden Tag, ohne das ein gedankliches Signal sie erreichte. Und um nicht weiterhin der Sehnsucht zu verfallen, kniete sie sich in das fremde Manuskript hinein, an dem sie nur wenig gearbeitet hatte, als Nathaira bei ihr logierte.

 

 

So verging eine Woche nach der anderen, bis es fertig und zum Verlag zurückging. Mit der Honorarüberweisung erfolgte eine weitere Zusendung von einem Buchmanuskript. Zwischendurch besuchte Gael das Schwimmbad, denn sie wollte nicht, das diese neue Fortbewegung im Wasser einschlief. Durch all das, was Nathaira ihr beigebracht hatte, wuchs ein stabiles Selbstbewusstsein in ihr auf, wie es vorher nicht vorhanden war. Allerdings musste sie auch kleine Nachteile mit in kauf nehmen. Zu denen gehörten, dass sie bei Männern immer deren wahre Absichten erfahren konnte. Gael war kein Kind von Traurigkeit, wenn es um gemeinsamen Spaß ging, der auch mal auf der Matratze stattfinden durfte, doch die Gedanken dieser Männer, gefielen ihr überhaupt nicht. Denen ging es nicht um ihre Person, sondern nur um vor anderen anzugeben, wieder eine Braut flach gelegt zu haben.

 

 

Und da dies jedes Mal so ablief, wenn sie in den Musikclub ging, mied sie ihn fortan. Es gab andere Möglichkeiten. Pubs mit Live Musik, Bars und vieles davon auf Touristen zugeschnitten. Nach dem Gael einen Querschnitt durch das Nachtleben von Inverness gezogen hatte, kam sie zu einem ernüchternden Ergebnis. Erstens macht es auf Dauer keinen Spaß, immer allein unterwegs zu sein und zweitens schien es fast unmöglich zu sein, Männer ohne egoistische Motive zu finden.

 

Nein das stimmte nicht ganz. Es gab sogar zwei flüchtige Männerbegegnungen, bei denen die Hintergrundgedanken stimmten. Leider waren es Touristen, die in wenigen Tagen wieder abreisten.

 

 

Bevor Nathaira in ihr Leben trat, belief sich ihr Bekanntenkreis auf vier Frauen in ihrem Alter. Man traf sich hin und wieder in einem Pub, sprach über dies und das, aber zum richtigen Tiefgang, oder gar persönlicher wurde es nie. Wenn die anderen von Partys berichteten, konnte Gael nicht mitreden, denn sie wurde nie von ihnen zu Partys eingeladen. Und wenn sie über Literatur sprach, blockten die anderen ab. So belesen schienen sie also nicht zu sein. Über diese Themen konnte sie sich nur im Literaturforum austauschen. Was zwar besser war als nichts, aber dennoch den persönlichen Kontakt vermissen ließ.

 

Um nicht gänzlich zu versauern, angelte sie sich den einen oder anderen Mann aus dem Musikclub, immer mit der Hoffnung, dass es denen nicht nur um Sex ging. Inzwischen wusste sie es besser.

 

 

Und obwohl für Nathaira diese Welt Neuland war, verfügte sie über eine enorm schnelle Auffassungsgabe. Mit ihr konnte sie über alles reden, denn sie hatte für alles Interesse. Jetzt im Nachhinein fiel Gael allerdings etwas auf. Nathaira hatte wenig über ihre Heimatwelt gesprochen. Ab und an ein paar Hinweise, dass die Landdrachen im Wald lebten und die Wasserdrachen im Wasser und nur zur Nahrungsaufnahme an Land kämen. Doch nie hatte sie über ihr Volk gesprochen. Wie das soziale Miteinander ablief, mal abgesehen vom Sex. Gab es dort Häuser, oder lebten sie im Wasser? Einzig das es eine Königin gab und Prinzessinnen Anwärterinnen für den Thron, ausgewählt von den Wasserdrachen. Somit hatten die Wasserdrachen das große Sagen.

 

 

Eines Nachts wachte Gael mit einer großen Frage auf. Hatte sie das mit Nathaira wirklich alles erlebt, oder fand das nur in ihrem Kopf statt?

 

Denn es gab nichts in der Wohnung, was auf ihre einstmalige Anwesenheit hindeutete. Die Bekleidung stammte von ihr selbst, weil Nathaira den selben Körperbau hatte. Sie hatte auch nichts mitgebracht, denn sie war nackt.

 

 

Und was den Klinikaufenthalt anbelangte, darüber gab es keinen schriftlichen Beweis. Es gab auch keine Person mehr, die sie fragen könnte. Und was ist mit dem Schwimmen und dieser Gedankensprache? Konnte sie das etwa schon vorher und wurden diese Fähigkeiten durch einen Schock geweckt? Hatte sie selbst sich damals ans Ufer retten können, ohne das es ihr bewusst wurde, dass sie schwimmen kann? Denn so unvernünftig kann man doch nicht sein, als Nichtschwimmer in ein wackliges Boot zu steigen. Steckte da etwa Todessehnsucht dahinter?

 

 

Mit einem Satz sprang Gael aus dem Bett, lief rasch ins Wohnzimmer zum Schreibtisch und begann sämtliche Schubladen zu durchwühlen, bis ihr der Entlassungsschein vom Krankenhaus in die Finger fiel. Doch das Einlieferungsdatum entsprach dem Tag des Tauchgangs im Loch Ness. Einen anderen Entlassungsschein gab es nicht. Und den konnte es auch nicht geben, denn den hatte Piet eingesteckt.

 

 

Piet! Ebenfalls ein Fantasieprodukt? Sollte etwa ihr Unterbewusstsein sie darauf hinweisen, dass sie im Oberstübchen nicht richtig tickte? Das sie wirklich an einer Persönlichkeitsspaltung litt, weil sie eine zweite Stimme in sich wahrnahm? Wo war die Stimme jetzt abgeblieben? Es gab sie nicht mehr, weil sie etwa im Loch Ness abgesoffen ist? Bedeutet dies, ich bin geheilt!?

 

 

Gael ballte die Hände zu Fäuste und schlug mit ihnen einige Male auf die Schreibtischplatte, bis die Hände schmerzten. Sie brauchte einen Beweis, dass dies alles keine Einbildung gewesen war. Und noch etwas brauchte sie, denn ihren Nerven waren überstrapaziert.

 

 

Sie ging ins Schlafzimmer zurück, nahm aus der Schublade den Dildo, legte sich auf das Bett, schaltete ihn an und führte ihn an zum Schoß. Surrend verrichtete er teilnahmslos seinen Dienst, doch die herbeigesehnte Wirkung blieb aus. Mit Schwung warf sie das Gerät in die Ecke, denn dieses Geräusch ging ihr mächtig auf den Sender. So blieb nur die altbewährte Fingermethode übrig. Aber nach wenigen Minuten wusste sie, dies reichte ihr nicht. Sie gehörte zu den Frauen, die sowohl von Außen, als auch von Innen stimuliert werden konnten, wobei das Innere wesentlich intensiver war. Und dazu reichte der eigene dünne Finger nicht aus. Sie brauchte jetzt einen richtigen harten Männerschwanz und vor allem auch den Körper von ihm, ihn als Ganzes zu spüren, ihn auch anfassen und küssen zu können.

 

 

Ein Blick auf die Uhr verriet, dass zu dieser Stunde der Musikclub nicht mehr geöffnet hatte. Da musste sie bis zum Nachmittag warten. Und es war ihr jetzt auch egal, ob der Mann in ihr nur eine Trophäe sah, Hauptsache er besorgte es ihr ordentlich. Und mit etwas Glück könnte sie den Spieß umdrehen und ihm das Gehirn aus dem Kopf vögeln.

 

Nur was bis dahin tun? Automatisch glitten ihre Finger zur Perle zurück, umkreisten sie, drückte sie sanft und Gedankenbilder an Piet formten sich. Er war genau ihre Kragenweite, sein muskulöser Körper, kein Gramm Fett zu viel. Wieso war eigentlich Nathaira so scharf auf Sex gewesen? Weil sich ihre eigene Geilheit auf Nathaira übertrug? Oder weil Nathaira in Wirklichkeit die andere Seite von ihrem eigenen Ich ist.

 

Auf der einen Seite die verträumte Gael, die an Märchen, Feen und Zauberwelt glaubte und die andere Seite, eine fordernde Vollfrau. Das mit Piet konnte nur ein Traum gewesen sein. Von wegen Medikamente drückten seine Libido herunter. Denn bei all ihren erotischen Träumen, kam immer etwas dazwischen, was das Finale verhinderte.

 

 

Und was war mit der erotischen Annäherung an Nathaira? Sie mochte es anscheinend nicht. Was doch nur aussagte, dass sie keine lesbische Neigung hatte. Nein sie war eine vollwertige heterosexuelle Frau! Gael hörte auf an sich herumzuspielen, verließ das Bett und ging zum Bücherregal. Nach einigem Suchen fand sie ein Buch über Symboldeutung.

 

Sie schlug nach Wellen, Woge sowie Drache nach, klappte das Buch geräuschvoll zu und stellte es ins Regal zurück. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Alles psychologische Deutungen, die von Unterbewusstsein, Sehnsüchte und Sex sprachen.

 

 

Unschlüssig stand sie da, wusste nicht was sie machen sollte. Schlafen konnte sie nicht mehr. Aber am Manuskript arbeiten auch nicht. Vielleicht sollte ich erotische Geschichten schreiben, kam es ihr in den Sinn, was sie sofort in die Tat umsetzte. Ihre Finger flogen regelrecht über die Tastatur und schnell war eine Seite geschrieben, als Gael abbrach. Sie beherrschte das zehn Finger Schreibsystem und Tippfehler kamen eher selten vor. Doch was sie hier auf dem Bildschirm sah, konnte nicht von ihr sein. Buchstabendreher, fehlende Buchstaben, Interpunktion an falscher Stelle, ganz zu schweigen vom Inhalt.

 

Ein Klick auf das Kreuz und die Seite war gelöscht. Grummelnd stand Gael vom Stuhl auf und trampelte plötzlich mit den Füßen auf dem Fußboden herum, wozu sie gequetschte Unmutslaute von sich gab. Kurz darauf bummerte es an der Zimmerdecke und jemand rief: „Ruhe da unten!“

 

„Fick dich!“, brüllte Gael zurück und hielt sogleich erschrocken die Hand vor den Mund.

 

Es war nicht ihre Art vulgäre Kraftausdrücke zu gebrauchen. Noch nicht einmal, wenn sie in höchster Ekstase schwelgte.

 

 

Schluss jetzt Mädel! So kommst du nicht weiter. Nimm dich zusammen, es wird eine Lösung geben. Und die fiel ihr auch wenig später ein. Nur war es noch zu früh dort anzurufen. Aber immerhin war diese Idee ein Lichtstreifen am Horizont. Und es gab noch einen Hinweis, dem sie nachgehen wollte. Doch zuvor winkte die Dusche, damit auch wirklich alle Lebensgeister aufwachten.

 

 

Draußen wurde es bereits hell, Gael trank die zweite Tasse Kaffee, denn ganz so munter fühlte sie sich nun doch nicht mehr. Aber sie brauchte erst Gewissheit. Heute nicht im Mini, sondern im Sportanzug, schnappte sie die Auto- und Haustürschlüssel, verließ die Wohnung, flitzte die Treppen nach unten. Der Renault stand direkt vor dem Haus. Nach der Zentralentriegelung öffnete sie den Kofferraum, als ihr schimmliger Geruch entgegenwehte.

 

Verwundert trat sie einen Schritt zurück, wedelte mit der Hand in der Luft, doch der Geruch wollte nicht weichen. Gael hielt die Luft an, angelte den Alukoffer heraus. Sie öffnete ihn und er war leer. Jetzt erinnerte sie sich. Nach der zweiten Körpertrennung hatte sie den Alukoffer in den Kofferraum getan, nachdem Nathaira die Sachen daraus angezogen hatte. Das Handy legte sie ins Handschuhfach. Sogleich sah Gael nach und fand das Handy dort. War das nicht schon Beweis genug?

 

Sie wandte sich wieder dem Kofferraum zu und nahm jetzt erst den Korb wahr. Aber natürlich, Nathaira hatte ihn heruntergetragen. In ihm waren warme Sachen für sie enthalten und zwei Flaschen Mineralwasser. Aber das konnte doch nicht schimmeln. Gael nahm die Bekleidungsstücke heraus und stutzte. Was war das denn? Eine Alufolie bedeckte da etwas. Sie nahm die Folie fort und bekam große Augen. Kleine Törtchen belegt mit Waldbeeren, auf denen der Schimmelpilz wucherte. Daneben eine Karte, beschrieben mit eckigen Buchstaben. Nathaira kannte keine Rundungen in der Schrift. Manchmal wirkten ihre Buchstaben wie Keilschrift. Gael klappte den Mund auf, aber es drang kein Ton aus ihrer Kehle. Erst als die Augen sich mit Tränen füllten, folgte ein Stoß weinerlicher Laute. Nathaira hatte ihr auf dieser Karte zur bestandenen Schwimmprüfung gratuliert und sie zu einem Picknick eingeladen.

 

 

Gael merkte nicht, wie sie auf die Knie sank und sich mit den Händen am Kofferraumrand festklammerte. Sturzbäche flossen über ihre Wangen, tropften wie schillernde Perlen auf den Asphalt. Der ganze Druck der Ungewissheit, floss aus ihr heraus. Es war keine Einbildung, keine Halluzination, keine Traumwelt und erst recht keine Persönlichkeitsspaltung. All das was sie mit Nathaira erlebt hatte, fand tatsächlich in der Realität statt. Und diese Karte mit ihrer Schrift, war ein Zeugnis, dass es Nathaira gegeben hatte.

 

 

Der Tränenfluss versiegte, letzte Schluchzer holperten aus ihrer Kehle. Gael stemmte sich auf die Füße, nahm die Hände vom Auto. Sie fühlte eine tiefe Erleichterung in sich, aber auch Traurigkeit. Denn aufgrund der Vorkommnisse, würden die Drachen Nathaira nicht mehr in diese Welt lassen. Dieser verfluchte Geheimdienst! Was verstanden die unter friedliche Kontaktaufnahme? Wie sah dann eine feindliche bei denen aus?

 

 

Gael nahm den Korb aus dem Kofferraum, klappte den Deckel zu, sicherte die Zentralverriegelung. Am liebsten würde sie die schimmligen Törtchen aufheben, aber das wäre nicht nur unvernünftig, sondern auch für die Gesundheit gefährlich. In die andere Hand nahm sie den Alukoffer und ging erst mal zu den Mülltonnen. Mit Wehmut warf sie den Korb samt Bekleidung in die Tonne. Denn die Pilzsporen hatten bestimmt schon das Gewebe erobert. Der Alukoffer konnte mit Essigwasser gereinigt werden und von der Karte konnte man bestimmt auch Schimmelspuren entfernen.

 

 

Zurück in der Wohnung setzte sie sich erst mal hin. An für sich hatte sich mit dieser Entdeckung der Anruf erübrigt. Aber sie wollte eine Bestätigung hören, griff zum Smartphone und gab den Namen in die Suchfunktion ein. Eine Liste mit Bootsverleihern erschien, aber der gesuchte Name stand nicht dabei. Vielleicht wurde der Betrieb anders genannt. Es hatte keinen Zweck, denn ihre Aufmerksamkeit ließ bereits merklich nach. Nach ein paar Stunden Schlaf, sah die Welt bestimmt besser aus.

 

 

Statt Mittagessen, wurde es ein Frühstück, denn solange hatte Gael geschlafen. Beim Aufwachen überkam sie eine Idee, die sie sofort in die Tat umsetzte. Nachdem alles erledigt war, schnappte sie den Aluminiumkoffer, verließ die Wohnung und fuhr mit dem Auto zu einem Geschäft für Taucherbedarf und Eisenwarenhandel. Von dort aus ging es ohne Umwege nach Loch Ness.

 

 

Das erste Ziel galt dem bärtigen Bootsverleiher, den sie tatsächlich noch dort antraf, obwohl ein früher Winter mit Regen und Schneeflocken sich bereits ankündigte. Erstaunt hob er die buschigen Augenbrauen und fragte sogleich: „Sie wollen doch nicht etwa auf den See hinaus?“

 

Gael winkte gleich mit der Hand ab. „Nein ganz so verrückt sind wir Extremsportler nun auch nicht. Ich hätte da noch eine Frage. Ist meine Freundin an diesem besagten Tag noch mal zurückgekommen?“

 

Sie hatte die Frage mit fester Stimme gestellt. Und doch hielt sie jetzt unwillkürlich die Luft an, weil der Bärtige zu überlegen schien.

 

 

„Ich weiß jetzt nicht.“, begann er und machte eine Sprechpause, um dann fortzusetzen: „Ach Sie meinen die Blonde! Nein tut mir leid, zumindest habe ich sie nicht noch einmal gesehen.“

 

Gael stieß hörbar die Luft aus. Das war der endgültige Beweis, für Nathairas reale Existenz.

 

Sie bedankte sich für die Auskunft, während der Bärtige es bedauerte, diesbezüglich keine bessere Nachricht geben zu können. Es erfolgte noch etwas Smalltalk, Gael verabschiedete sich und fuhr zum zweiten Ziel.

 

 

Auf Anhieb fand sie die Uferstelle auf der B852, wo einst der Koffer versteckt lag, als würde dort ein Hinweisschild stehen. Bekleidet mit Regenjacke und Gummistiefel, nahm sie den Aluminiumkoffer, an dem eine Eisenkette mit einem Eisengewicht hing. Sie hatte mit einer wasserfesten selbstleuchtenden Farbe außen drauf geschrieben, diesen Behälter Nathaira zu überbringen. Im Koffer lag ein Brief, eingeschweißt in Klarsichtfolie.

 

 

Sie bedankte sich noch einmal für die wunderschöne Zeit mit ihr, berichtete wie es ihr an dem besagten Tag ergangen war und schrieb auch von den Selbstzweifeln, bis hin zum Auffinden der Törtchen. Sie hoffte auf ein Wiedersehen, könne aber auch verstehen, wenn die Drachen aus Sicherheitsgründen sie nicht mehr ins Loch Ness brachten. Sie wünschte ihr alles Gute und viel Erfolg für ihre Prinzessinnen Aufgaben. In drei Tagen werde sie zum Ufer zurückkommen und hoffte auf eine Nachricht von ihr.

 

 

Nathaira sagte damals, das es hier 50 Yard tief herunterginge, der Tunneleingang aber an der tiefsten Stelle sei. Wie breit diese seichte Stelle ist, wusste Gael nicht. Deshalb drehte sie sich mit dem Koffer schnell auf der Stelle, wie es Hammerwerfer taten und schleuderte ihn weit von sich. Er platschte auf das Wasser und ging sofort unter. Jetzt konnte sie nur hoffen, das der Koffer nicht bis zur Unkenntlichkeit vom Wasserdruck zerdrückt wurde und das die Drachen ihn fanden. Ob sie lesen konnten, wusste sie ebenfalls nicht. Aber es war ihr wichtig gewesen, zumindest diesen Kontaktversuch zu unternehmen.

 

 

Kapitel 14

 

 

 

 

Drei Tage später fuhr Gael wieder zu dieser Uferstelle. Der frühe Winter hatte eingesetzt und die Landschaft mit einem weißen Zuckerguss überzogen. Loch Ness lag ruhig mitten darinnen. Es gab kein Wellengang, sondern nur eine glatte Wasseroberfläche, als würde der See schlafen.

 

Mit klopfenden Herzen betrat sie den Uferstreifen und ihr Herz schlug noch schneller, als sie den Alukoffer erblickte. Samt Kette und Gewicht lag er nahe an der Wasserkante, halb von Schnee bedeckt.

 

Gael nahm die Kette und zog den Koffer zu sich heran. Er war ziemlich eingedrückt und der Deckel klaffte an einer Seite ein Stück auf. Das Zahlenschloss reagierte nicht mehr und der Mittelriegel hielt gerade mal so den Deckel fest. Mit klammen Fingern schob sie ihn zur Seite, öffnete den Koffer. Wasser war eingedrungen, in dem der verschweißte Brief von ihr schwamm.

 

Ernüchternde Enttäuschung machte sich in Gael breit. Die Drachen wollten keinen Kontakt. Aber das hieße im Umkehrschluss, dass sie sehr wohl wussten, was es mit diesem Koffer auf sich hatte und das es die Drachen ebenfalls gab. Denn kein Mensch kann so tief tauchen. Doch so schnell wollte Gael nicht aufgeben. Aus dem Auto holte sie einen Strick, band ihn um den Koffer herum, damit der Deckel geschlossen blieb und warf den Koffer wie beim ersten Mal mit Schwung in den See zurück.

 

 

Eine Weile blieb sie noch stehen, doch es tat sich nichts. So fuhr sie nach Hause zurück, um in drei Tagen wiederzukommen.

 

Ihr Leben hatte sich weitgehendst normalisiert. Das Lektorieren fremder Manuskripte, machte ihr nach wie vor Spaß. Zwischendurch machte sie einen Spaziergang am Ufer des Flusses und überlegte hierbei, ob sie nicht doch einen Hund anschaffen sollte und bedauerte zugleich, dass es hier keine getarnten Landdrachen gab.

 

 

Die Frist war herum und abermals fuhr sie zum Loch Ness. Der Winter hatte inzwischen ordentlich zugelegt und Gael war froh darüber, dass sie die Sommerreifen gegen die Winterreifen getauscht hatte. Die besagte Uferstelle war tief verschneit, dennoch war der Aluminiumkoffer nahe am Wasser nicht zu übersehen. Der Strick war noch vorhanden. Sie löste ihn, klappte den Deckel auf. Das Wasser darinnen war halb gefroren und ihr Brief immer noch vorhanden.

 

 

Die stumme Botschaft war eindeutig. Dennoch wollte Gael es nicht auf sich beruhen lassen. Ein letztes Mal warf sie den Alukoffer in den See. Sollte es dann keinen schriftlichen Kontakt geben, war sie gewillt die Entscheidung der Drachen zu akzeptieren.

 

 

Entgegen ihrem einstigen Vorhaben, hatte sie den Musikclub nicht mehr aufgesucht. Dafür frequentierte sie das Hallenbad, gleich nach Öffnung, wo es nur ältere Besucher gab. Denn ihr stand nicht mehr der Sinn nach erotischer Männerbekanntschaft. Dafür kam es mal wieder zu einem Treffen mit den vier weiblichen Bekanntschaften, wie Gael sie für sich bezeichnete. Denn unter dem Begriff Freundin, verstand sie seit Nathaira etwas anderes. Mit ihr war das Geben und Empfangen fließend. Und nicht wie bei diesen hier, denen es nur um persönliche Vorteile ging. Das sie dennoch dem Treffen zustimmte, lag darin begründet, mit ihrer neuen Fähigkeit diesen Damen mal auf den Zahn zu fühlen.

 

 

Die Gespräche beliefen sich wie üblich über Mode, Make Up und natürlich Männer, wobei auch das Thema Party nicht ausgelassen wurde.

„Ich möchte auch mal zu einer Party gehen.“, sagte Gael.

 

„Hast du denn einen Freund?“, fragte die Brünette.

 

„Nein. Deshalb möchte ich ja zur Party gehen, um Männer kennenzulernen.“, erwiderte Gael mit Unschuldsmiene und stellte sogleich den gedanklichen Empfang an.

 

 

Das fehlt ja noch. Die mit ihren Kurven. Möchte überhaupt wissen, wie die ihre Figur hält.

 

Kommt gar nicht in die Tüte. Mein Freund würde sofort auf sie abfahren. Der steht auf solche kurvigen Naivchen. Muss den immer stramm an der Leine halten.

 

Bloß nicht! Jetzt wo es mit Ralph langsam beginnt, kann ich die als Konkurrentin nicht gebrauchen. Das die auch immer im Mini herum rennen muss.

 

Das wir uns überhaupt mit der Abgeben. Immer dieses literarische Gesülze von ihr. Von Männern hat die auch keine Ahnung. Wahrscheinlich reitet sie ein bisschen auf ihnen herum. Und dann diese Bekleidung, wie ein Flittchen.

 

 

Äußerlich ließ Gael sich nichts anmerken. Dennoch war sie von den Gedanken der vier Frauen enttäuscht. Als Single stellte sie also eine Bedrohung dar.

 

„Wir sind alles Paare Gael. Da würdest du dich ausgegrenzt fühlen“, sagte die Brünette mit falscher Freundlichkeit. Aber warum gehst du nicht zu den Single Partys. Da lernst du schnell Männer kennen.“

 

Die allesamt unterbelichtet sind und genau zu dir passen. - fügte sie in Gedanken hinzu.

 

 

Ein weiteres Treffen mit diesen Frauen wird es wohl nicht mehr geben. Anstandshalber blieb Gael noch eine weitere Stunde, bis die Brünette zum Aufbruch blies.

 

 

Am nächsten Tag fuhr Gael wieder zum Loch Ness. Der Winter hatte eine Pause eingelegt und strahlte mit blauen Himmel und weißer Landschaft die Touristen an, die selbst jetzt noch hierher kamen. Wahrscheinlich klebten sie mit ihren Gesichtern an den Fensterscheiben der Hotels mit Seeblick, um doch noch Nessi zu erhaschen.

 

 

Dafür gab es für Gael ebenfalls nichts zu sehen. Es lag kein Koffer am Ufer. Gael wischte mit dem Stiefel den Schnee beiseite, aber von dem Aluminiumkoffer fehlte jede Spur. Sie blickte zum Auto zurück, doch es gab nur ihre Fußspuren im Schnee zu sehen. Das konnte jetzt alles und nichts bedeuten. Entweder waren die Drachen es leid, jedes Mal den Koffer nach oben zu bringen und ließen ihn einfach liegen, oder Nathaira hat ihn empfangen und konnte noch nicht antworten.

 

 

So machte Gael sich wieder auf den Rückweg. Lieber wäre es ihr gewesen, sie hätte den Koffer vorgefunden. Dann wäre alles klar. So aber blieb eine diffuse Hoffnung hängen, die vielleicht nie in Erfüllung ging. Und dieser Gedanke ärgerte sie. Sie hätte beim zweiten Mal aufhören müssen.

 

 

****

 

Im Schatten einer hohen Farne, saß Nathaira und las zum zweiten Mal den Brief von Gael. Es tat gut zu wissen, dass sie ihre Krise überwunden hatte. Aber Nathaira sah auch eine Gefahr auf Gael zukommen, die mit dem Gedankensprechen zu tun hatte. Um ganz sicher zu gehen, lud sie die weisen Frauen und den Drachensprecher zu einem Meeting ein.

 

Bis zu deren Eintreffen, betrachtete sie ihr Spiegelbild im Teich und stellte Vergleiche mit ihrem jetzigen Aussehen und dem in der Menschenwelt an. Ihre Proportionen waren ähnlich denen von Gael, aber nicht exakt gleich. Während ihr Gesicht ganz anders aussah, als das von Gael.

 

Eine feuchte Schnauze stupste sie in den Rücken. Nathaira drehte sich mit einem Lächeln um. Es war ihr Lieblingsdrache, der von der Grasweide zurückkehrte und jetzt schmusen wollte. Nathaira setzte sich unter den großen Farn, der Drache legte sich auf den Bauch und seinen Kopf auf ihren Schoß. Sie kraulte ihn am Kopf und zupfte an seinen Ohren, was ihm besonders gefiel.

 

 

Die weisen Frauen traten hinzu, gefolgt vom Drachensprecher. Sie setzten sich zu Gael in den Schatten, nur reichte der nicht für den Drachensprecher mehr aus. Woraufhin eine der Frauen mit einer Handbewegung die Farnwedel länger und größer machte.

 

 

„Danke.“, sagte der Drachensprecher und wandte sich Nathaira zu. „Was bedrückt dich Prinzessin?“

 

Nathaira nahm den Brief zur Hand und las ihn laut vor. Als sie geendet hatte, sagte der Drachensprecher: „Da kommt Unheil auf Gael zu. Wir müssen bei ihr Korrekturen vornehmen.“

 

 

„Ja aber wie?“, wandte Nathaira ein. „Wenn ich alles was mit mir und den Drachen zu tun hat bei ihr lösche, dann verlischt bei ihr auch das Schwimmen können.“

 

Eine der weisen Frauen übernahm das Wort. „Wir haben inzwischen eine wichtige Feststellung gemacht. Alles was Gael betrifft, befindet sich derzeit noch in der veränderlichen Sphäre.“

 

„Wie jetzt?“, fragte Nathaira irritiert.

 

Der Drachensprecher ergriff das Wort. Hier bei uns unterliegt alles einer veränderlichen Sphäre.“

 

„Das sagte sie bereits. Was meint ihr damit?“, fragte Nathaira weiter.

 

 

„Siehe mal Nathaira.“, begann eine andere Frau. „Für uns ist es selbstverständlich Materie zu verändern. Wie eben den Farn größer werden zu lassen. Er ist aber nicht größer geworden, weil ich an ihm zog, sondern er ist nur schneller gewachsen. Oder deine Hütte. Ich erinnere mich, dass es zuvor keinen Balkon gab. Wo hast du das Baumaterial hergenommen?“

 

 

„Bitte? Ich verstehe nicht. Das Material ist doch bereits in der Hütte vorhanden. Ich habe es nur anders geformt.“

 

Alle blickten zu Nathaira, als ihr plötzlich ein Licht aufging. „Ihr meint, in der Menschenwelt ist dies so nicht möglich?“

 

 

„Richtig erkannt. Wenn dort etwas verändert werden muss, entstehen Bauabfälle, wie überhaupt in der Menschenwelt Abfälle und Müll entsteht, der nur zu einem geringen Teil wieder verwertet werden wird. Wir wollen damit sagen Nathaira, das die Sphäre der Menschenwelt alles sehr verlangsamt. Während unsere Sphäre beschleunigt. Soweit jetzt was Bausubstanzen und Wachstum anbelangen. Wir könnten noch viel mehr anführen, aber das ist nicht das Thema.

Kommen wir zur Verschmelzung.“

 

 

„Was! Sagt bloß ich hatte mit Gael eine Verschmelzung gehabt? Das geht doch gar nicht, sie hat doch die gleiche weibliche Polarität wie ich.“

 

„Das ist schon richtig Nathaira. Aber weil Gael durch das Energiefeld des Drachens mit in unsere Sphäre gezogen wurde, bliebst du an ihr haften. Mit einem von uns ist das nicht möglich. Aber in dünner Schicht, ist die menschliche Sphäre um und in Gael vorhanden. Dies bewirkt, dass du an ihr haften bleibst und erst durch die Polarisierung der beiden Drachen von ihr abgestoßen wirst. Gleiche Pole stoßen sich ab. Das gilt aber nur, solange du im Radius des Drachenenergiefeldes bist. Außerhalb davon geschieht nichts dergleichen.

 

 

Bei diesem Anhaften, hat dein Körper das äußere Körpermuster von Gael angenommen und nach der Abstoßung, sahst du wie ihre Zwillingsschwester aus.“

 

 

„Da habe ich gleich mal eine Frage. Wenn ich an ihr haftete und sogar den Körper mit ihr teilte, wo war dann mein Körper?“

 

„Der war immer vorhanden Nathaira. Nur das du mit deinem Körper, den von Gael durchdrungen hast. Auf der menschlichen Seite kann das optisch nicht wahrgenommen werden. Erst als es zur Körpertrennung kam, wurde dein Körper sichtbar und stofflich. Und Gael hatte ihren Körper wieder für sich allein. Dennoch befindet sich Gael und alles was mit ihr zu tun hat, in der veränderlichen Sphäre und kann somit korrigiert werden..“

 

 

Weißt du noch wie das Boot aussah, aus dem Gael ins Wasser gefallen ist?“

 

„Sicher doch. Und er weiß es auch noch.“, sagte Nathaira und zeigte auf ihren Lieblingsdrachen, der die Augen geschlossen hielt und anscheinend schlief.

 

 

„Gut. Wir werden das Boot nachbilden. Sina wird die Rolle von Gael übernehmen und mit dem Boot auf unserem See fahren. Du wirst mit dem Drachen daneben schwimmen und wir messen hierbei den Radius seines Energiefeldes. Durch Wellengang simulieren wir die Situation, wie sie an dem Tag auf Loch Ness gewesen ist.“

 

Der Drache musste an die 50 Yard von dem Boot entfernt sein, damit sein Energiefeld keinen Einfluss mehr hatte. Er schwamm dicht an der Oberfläche, ohne das sein Körper zu sehen war. Der dadurch erzeugte Wellenberg und die natürliche Wellenbewegung reichten aus, dass das kleine Boot heftig ins Schaukeln geriet. Sina saß beim ersten Durchgang auf der Bank, konnte nicht über Bord gehen. Beim zweiten Durchgang stand sie, konnte sich aber an der niedrigen Reling noch festhalten. Erst beim dritten Durchgang, Sina saß auf dem Bootsrand, das Boot geriet heftig ins Schwanken, fiel sie über Bord. Mit zwei kräftigen Schwimmstößen hatte sie das Boot wieder erreicht und zog sich nach oben.

 

Somit musste Nathaira bereits vorher im Wasser sein. Sie probten den Einsatz einige Male, was Sina viel Freude bereitete zum Ufer abgeschleppt zu werden.

 

 

Zurück unter dem Farn, wurde das Meeting fortgesetzt. Nathaira begann ihre Befürchtungen hinsichtlich der Gedankensprache bei Gael aufzuzählen.

 

„Sie wird keine Sperre nach Außen aufbauen und somit immer mehr empfangen, bis sie es nicht mehr aushält und in der Psychiatrie landet, weil sie Stimmen hört. Denn diesen Teil des Trainings, konnte ich bei ihr nicht abschließen. Auch wird sie andere Menschen immer öfters belauschen und womöglich auch Gedankenbilder einsetzen.

 

 

In einem dicken Buch, was bei Gael auf dem Nachttisch lag, habe ich gelesen, dass es in der Menschenwelt eine Sphäre gibt, genannt die Lüfte, in denen überirdische Wesen wohnen. Diese Wesen sind dem Menschen nicht wohlgesonnen und versuchen und verführen sie über Gedanken, etwas zu tun was ihnen und anderen schadet. Daher ist die Gedankensprache, genannt Telepathie, für die Menschen verboten. Leider habe ich das erst gelesen, nachdem ich das in ihr erweckt hatte. Und so richtig begriffen hatte ich das auch nicht. Inzwischen weiß ich, dass Gael in Gefahr ist. Diesmal nicht durch das Militär und Geheimdienst, sondern ...“

„Durch das Böse!“, ergänzte der Drachensprecher und fügte hinzu: „Aus diesem Grund wollen wir keinen Kontakt zu den Menschen aufnehmen und erst recht nicht, sie in unser Reich hereinlassen. Denn wir können nicht abschätzen, ob sie nicht im Dienst des Bösen stehen. Das muss dem Menschen noch nicht einmal bewusst sein.

 

Du hast es doch erlebt Nathaira, zu was die Menschen alles fähig sind, nur um hinter dein Geheimnis zu kommen. Und wäre es nicht die veränderliche Sphäre, dann hättest du sie nicht mit dem Fluchtauto täuschen können. Weil dergleichen eben nur in der veränderlichen Sphäre möglich ist. Das gilt auch für die Tarnung des Landdrachen.“

 

 

„Moment mal Drachensprecher! Wieso verliere ich jedes Mal meine Bekleidung, wenn ich vom Loch Ness an Land gehe, oder umgekehrt vom Land auf den Drachen steige? Auch soll Gael mich in meinem Originalkörper gesehen haben. Sie meinte, alles fließe in mir wie Wasser und meine Haare wären blaugrün. Ich bitte euch, sehe ich tatsächlich so aus?“

 

 

„Nein Nathaira. Du siehst wie immer aus. Deine hellen Haare, das Blätterkleid, völlig normal.“

 

„Dann begreife ich langsam gar nichts mehr. Und noch etwas. Ihr habt mir doch eine Adresse von einer Menschenfrau gegeben, die am Loch Ness lebt. Ich denke es gibt keinen Kontakt zu den Menschen.“

 

 

Der Drachensprecher verzog seine Schnauze zu einem Lächeln, wodurch er richtig niedlich aussah. „Sie ist kein Mensch, sondern eine von uns. Sie entschied sich vor langer Zeit, unter den Menschen zu leben. Der Grund dafür war ein Menschenmann, mit dem sie die Verschmelzung vollzogen hat. Bei denen nennt man das Heiraten. Es ist nur so, dass sie nie mehr zu uns zurückkehren darf, eben wegen dieser Verunreinigung aus der Sphäre der Lüfte.

 

Diese Wesen haben wohl große Macht und können nur von den Wesen gestoppt werden, die außerhalb von alledem leben. Die Sphäre wird Himmel genannt.“

 

 

„Na schön Drachensprecher. Was aber nicht meine Fragen mit der Bekleidung und dem Aussehen beantwortet. Ist denn die veränderliche Sphäre überall in der Menschenwelt?“

 

 

„Nein Nathaira. Alles geht von Gael aus. Mit allem und mit jedem sie in Berührung kommt, wird in die veränderliche Sphäre hineingezogen. Ich zähle auf. Nach der Rettung warst du mit in ihr. Sie fuhr mit dem Auto nach Hause. Auch das wurde in die veränderliche Sphäre mit hineingezogen. Auch alle anderen Geschehnisse.“

 

 

Nathaira winkte ab. Verstehe. Inzwischen sogar bis Edinburgh und sonst wo. Ich wollte in dieser Phase zu ihr gehen und die Gedankensprache in ihr stoppen. Doch ich fürchte, es wird Überlagerungen geben und es nur noch schlimmer machen.“

 

 

Eine der weisen Frauen sagte, „wenn wir es verändern wollen und somit auch die Sphäre auflösen, dann nur jetzt sofort. Ich glaube zu wissen warum du jedes Mal nackt bist. Zwischen der verlangsamten Menschensphäre und der veränderlichen Sphäre kommt es zu einem physikalischen Konflikt. Ich schlage folgendes vor.“

 

 

Die weise Frau erläuterte den Plan, dem alle zustimmten. Die Vorbereitungen wurden getroffen und diesmal schwammen mehr Drachen mit, zu denen auch Landdrachen zählten, wie es Loch Ness so noch nie erlebt hatte.

 

 

Kapitel 15

 

 

 

 

Das stille Wasser geriet in Unruhe, Wellen liefen in alle Richtungen, schlugen gegen das felsige Ufer, wurden zurückgeworfen und rollten über die ankommenden Wellen darüber hinweg. Schon wenige Minuten später brodelte es regelrecht im Loch Ness. An verschiedenen Positionen tauchten Langhälse mit Hundeähnlichen Köpfen aus dem Wasser. Gewölbte graue Rücken glitten zwischen den hohen Wellen dahin. Der Wind peitschte aus allen Himmelsrichtungen in Loch Ness hinein. Der Schnee an den Ufern und auf den Bergen schmolz in sekundenschnelle. Die Bäume und Sträucher eben noch kahl, bildeten Blattwerk und Blüten. Der Sonnenstand wurde höher, der Himmel klarte auf, der Wind säuselte nur noch, die Lufttemperatur angenehm warm, das Wasser wurde ruhiger. Kleinere Wellen rollten dahin. Boote fuhren im nördlichen Bereich des Sees, Autos und Busse fuhren auf der Uferstraße. Manche hielten an Aussichtspunkten, um Nessi zu entdecken, aber dergleichen gab es nicht zu sehen.

 

 

Nathaira schwamm ein Yard tief unter der Wasseroberfläche, konnte noch ausreichend sehen, ob ein Boot herankam, doch es rührte sich nichts. Die Drachen lagen alle mehrere Yard tief still im Wasser. Nur leichte Paddelbewegungen taten sie, um die Positionen beizubehalten. Ein weißes Segelboot fuhr auf westlicher Seite vorbei. Es war genau das selbe, wie an dem besagten Tag. Alles stimmte haarklein überein. Nur von Gael fehlte jegliche Spur. Nathaira tauchte auf, betrachtete ihren Körper. Der Ganzkörperanzug, ähnlich dem eines Neoprenanzug, nur das er aus Fasern von Seetang gewebt wurde, war noch vorhanden. Nathaira blickte zu dem Ufer, an das sie einst Gael gebracht hatte und sah dort eine weibliche Gestalt stehen. Sie war in ein langes Kleid gehüllt, hatte silberweißes Haar welches bis zu den Hüften reichte.

 

Diese Person passte nicht ins Bild. Die gab es vorher nicht. Nathaira machte über Gedankensprache Meldung. Ihr Lieblingsdrache durchstieß mit dem Kopf knapp die Wasseroberfläche, sodass er sehen konnte und gab dieses Bild an die Kameraden weiter. Wenig später erhielt Nathaira die Antwort. Es ist Meallá, die unter den Menschen lebt. Ihr Name bedeutet Blitz.

 

 

>Soll ich zu ihr schwimmen? Vielleicht hat sie eine Botschaft.<

 

>Ja tue das.<

 

Nathaira tauchte ab, denn sie schwamm unter Wasser wesentlich schneller, als im herkömmlichen Schwimmstil. Nach wenigen Minuten erreichte sie das Ufer, als Meallá einen Arm ausstreckte und ihr zurief: „Stopp! Bleibe im Wasser!“

 

 

Unwillkürlich legte Nathaira ein Schutzfeld um ihren Körper, trat Wasser und blickte zu der Frau hin.

 

„Was ihr vorhabt, wird nicht den gewünschten Erfolg bringen. Die veränderliche Sphäre verhält sich hier anders, als in eurem Reich.“

 

Die letzten vier Silben schmerzten Nathaira. Meallá zählte sich nicht mehr zugehörig, zu ihrer einstigen Heimat.

 

 

„Wie meinst du das?“, fragte Nathaira.

 

Das Gesicht der Frau verriet mit keiner Miene, was sie dachte. Und der kurze Scann von Nathaira, prallte an deren Gedankenmauer ab.

 

„Ich stehe außerhalb eurer Sphäre. Ihr könnt mit ihr nicht die Zeit zurückdrehen. Das was du glaubst zu sehen, ist nur eine Spiegelung des besagten Tag, an dem du diese Frau aus dem Wasser gefischt hast. In Wahrheit ist jetzt Winter.“

 

Misstrauisch blickte Nathaira zu ihr. Das in der Menschensphäre Winter ist, wusste sie auch alleine. Nur woher wusste Meallá von der damaligen Rettungsaktion und über das, was sie jetzt vorhatten.

 

 

In Gedankensprache nahm sie Kontakt mit ihrem Lieblingsdrachen auf. Allerdings in einer Geheimsprache, die nur sie beide verstanden. Bevor der Drache antworten konnte, sagte Meallá: „Solange du dich in der Menschenwelt befandest, warst du von der veränderlichen Sphäre umgeben. Dadurch konntest du nicht von der Luft Sphäre verunreinigt werden. Das gilt auch für die Frau und alle anderen Menschen, mit denen du in Berührung gekommen bist. Somit ist die Frau auch in dieser Sphäre. Aber sie kann die veränderliche Sphäre nicht an andere Menschen weitergeben. Dieses obliegt nur der Drachenprinzessin, in dem Fall dir. Doch du bist nicht die Quelle der veränderlichen Sphäre, sondern dein Drache ist es. Von ihm geht die Sphäre auf dich über und egal wohin du dich in der Menschenwelt hinbegibst, existiert auch die Sphäre um dich herum. Aber sie umfasst nur einen begrenzten Bereich. Du musst dir das als einen Seetang vorstellen, der verschiedene Verzweigungen hat. Verstehst du was ich damit meine?“

 

 

„Ja Meallá. Aber wieso stehst du außerhalb unsere Sphäre? Du musst doch auch von ihr umgeben sein. Und woher weißt du von der Rettungsaktion?“

 

 

„Ich spüre eure Sphäre wenn sie auftaucht. Deshalb konnte ich die Rettung der Frau verfolgen, weil mein Haus dort oben steht, mit Blick auf diesen Teil von Loch Ness. Und als ich in die Menschenwelt überwechselte, löste ich mich von der heimatlichen Sphäre. Hätte ich es nicht getan, wäre mein Mann damit nicht klar gekommen. Hierzu musste ich mich im Wasser, vom Transportdrachen mindestens 50 Yard entfernen. Dadurch riss die Sphäre von mir ab und sobald ich das Ufer betrat wurde mein Körper stofflich und alles was ich am Leib trug ebenfalls.

 

Nebenbei gesagt, würdest du jetzt an Land kommen, würde dein Körper ebenfalls stofflich werden. Nur mit dem Unterschied, dass die veränderliche Sphäre um dich herum ist. Das hättest du bei deinem zweiten Besuch hier so machen können. Ich muss hierzu einflechten, dass nur Drachenprinzessinnen durch die Sphäre geschützt bleiben. Und nur sie allein dürfen diesen See in der Menschenwelt betreten. Auch ich war mal Drachenprinzessin. Allerdings bin ich so an Land gegangen und nicht durch eine Verschmelzung. So habe ich meinen Mann kennengelernt. Wir wollten zusammenbleiben und deshalb habe ich als Drachenprinzessin abgedankt.“

 

 

„Mir wurde deine Adresse mitgegeben. Und ich wollte mit Gael zu dir kommen. Doch dann tauchten die vom Geheimdienst auf und alles wurde anders.“

 

„Wenn du zu uns gekommen wärst, hätte ich dir das gleiche erzählt, was ich jetzt tue. Kennst du die Adresse von dieser Frau?“

 

 

„Die Straße weiß ich nicht genau, weil wir immer mit dem Auto hingefahren sind. Aber ich habe ihre Telefonnummer. Warum?“

 

 

„Nenne mir ihren Namen und die Telefonnummer. Denn sobald ihr die veränderliche Sphäre aufgelöst habt, werde ich Kontakt zu ihr aufnehmen und prüfen inwieweit es Erfolg gebracht hat. Ich schicke euch eine Nachricht darüber. Ach und noch etwas. Ihr könnt nur die veränderliche Sphäre auflösen, wenn die Köpfe der Drachen aus dem Wasser schauen. Sag ihnen, sie sollen ein Schutzfeld aufbauen. So sind sie zwar für menschliche Augen sichtbar, aber weder mit Film noch Digital können sie fotografiert werden.“

 

 

Nathaira nannte den vollständigen Namen von Gael und auch ihre Telefonnummer, die Meallá in ihr Handy tippte. Sie hob die Hand zum Gruß, als Nathaira noch eine Frage auf dem Herzen hatte.

 

„Wie schützt du dich vor den Wesen der Luftsphäre?“

 

„Indem ich auf ihre Einflüsterungen nicht eingehe. Man muss lernen die Geister zu unterscheiden. Sie können den Menschen nicht zwingen etwas Bestimmtes zu tun. Aber sie können versuchen und verführen. Und nun lebe wohl Nathaira .“, sagte sie emotionslos, drehte sich um und verschwand im Unterholz der Uferböschung.

 

 

Nathaira schwamm zum Drachen zurück, setzte sich auf ihn. Er gab an alle anderen die Anweisung mit dem Schutzfeld weiter und tauchte danach mit Nathaira ein Stück tief unter.

 

 

****

 

 

Am Kiesstrand von Dores, stand das kunterbunte Wohnmobil, bewohnt von einem Nessi Jäger, der bereits 25 Jahre hier verbrachte. Teleskope auf Stative standen bereit, dazu Überwachungskameras die jedes Ungewöhnliche aufnahmen. In all den Jahren hatte dieser Mann gelernt, zu unterscheiden was Nessi nicht ist.

 

In einem Zeitungsinterview wurde er mal gefragt, falls er Nessi doch noch entdecken sollte, ob er diese Sichtung publik machen täte. Nach kurzem Nachdenken schüttelte er den Kopf. Er würde das für sich behalten und weiter so leben wie bisher.

 

 

Der Mann saß am Tisch, verzehrte ein Sandwich, als sein Hund zu Fiepen anfing. Das tat er immer dann, wenn sich auf dem See etwas ungewöhnliches ereignete. Manchmal waren es Delphine, die sich über die obere Schleuse in dieses Gewässer verirrten. Aber auch Seevögel kamen hin und wieder vorbei. Diesmal jedoch klang das Fiepen anders. Eindringlicher und der Hund verkroch sich auch unter die Sitzbank.

 

Mit einem Satz sprang der Mann vom Tisch auf, trat hinaus, blickte über das absolut stille Gewässer. Irgendetwas Besonderes lag in der Luft, das Gänsehaut verursachte, obwohl der Himmel klar war und die tiefstehende Sonne mit langen Lichtstrahlen die Berggipfel beschien. Der Mann nahm ein Fernglas, setzte es an die Augen, wanderte mit ihm über die blanke Wasseroberfläche, auf der nicht die kleinste Welle schwappte, so als wäre der See vereist.

 

 

Dergleichen hatte der Nessi Jäger noch nie erlebt. Die Wasserbewegungen waren im Winter immer minimal. Aber im Fernglas konnte man sie schon noch erkennen. Nur diesmal eben nicht. Er nahm das Fernglas herunter, ging rasch in das Wohnmobil, um die hochauflösenden Überwachungskameras zu kontrollieren, als plötzlich auf dem Monitor viele Punkte zu sehen waren. Der Mann rannte nach draußen, griff das Fernglas und traute seinen Augen nicht.

 

 

Langhälse mit seltsam geformten Köpfen, graue gewölbte Leiber, auf den seltsame Blasen saßen, in denen etwas eingeschlossen schien. Der Mann setzte das Fernglas ab, beugte sich über das Okular eines Refraktors, stellte scharf und bekam den Mund nicht mehr zu. Das waren nicht zwei oder drei Tiere, sondern eine ganze Herde, mit großen und kleineren Tieren. Von einer dieser Echsen konnte er den Kopf genauer betrachten und zuckte zusammen. Der sah einem Hund recht ähnlich, nur ohne Behaarung. Von wegen Plesiosaurus, wie Wissenschaftler vermuteten. Solch einen Kopf hatte er schon mal zwischen den Wellen gesehen. Das war noch gar nicht solange her. Da glaubte er, es wäre ein Hund, der von einem Boot gefallen ist.

 

 

Der Mann bohrte regelrecht sein Auge in das Okular. Die 25 Jahre hatten sich allemal gelohnt. Sein Auge begann zu tränen, er nahm es vom Okular weg, rieb mit dem Finger darüber, griff rasch zum Fernglas, setzte es an die Augen und schrie ein langgezogenes „NEIN!“ hinaus.

 

 

Die Herde war weg! Das Wasser lag völlig still da. Nein das war keine Sinnestäuschung. Er hatte sie ganz genau gesehen. Aber wo waren sie hin? Wenn sie abgetaucht wären, müsste an deren Stelle das Wasser unruhig sein. Er konnte den See zwar nicht vollständig überblicken, aber selbst wenn sie weiter geschwommen sind, es waren doch nur wenige Sekunden, müsste man sie noch sehen können!

 

 

Eine Weile blieb er noch stehen, suchte mit dem Fernglas den See ab, bis ihm kalt wurde. Er hatte keine Jacke übergezogen und die Lufttemperatur lag im Frostbereich. Da durchzuckte ihn ein Geistesblitz. Die Überwachungskameras! Auf den Videos wird man sehen können, wohin die Echsen verschwunden waren.

 

 

Fröstelnd ging er ins Wohnmobil, schloss die Tür, setzte sich an den Computer, kopierte die letzte Aufzeichnungen der Kameras auf den Rechner. Der Hund war inzwischen wieder unter der Bank hervor gekommen, blickte zu dem Mann auf, wedelte mit dem Schwanz.

 

 

Auf dem ersten Video waren noch deutlich im Weitwinkel, die dunklen Punkte zuerkennen, nur das sie sich nicht bewegten. Die Kamera hatte automatisch den Zoom aktiviert, doch was war das? Die Wasseroberfläche und das gegenüberliegende Ufer, mit den kahlen Bäumen, waren gut zu erkennen. Doch wo die Echsen sein müssten, gab es nur noch verwaschene Flecken. Der Mann hielt das Video an, machte eine Standbildkopie, betrachtete diese in einem anderen Programm genauer. Langsam setzte er die Vergrößerung hinzu und konnte erkennen, das dieses gräuliche Verwaschene, nur auf eine bestimmte Fläche begrenzt war. Nämlich der von der Echse. Konnte es so etwas wie eine Tarnvorrichtung geben?

 

 

Bei einem anderen Standbild war in der Vergrößerung die Konturen der Echse zu erkennen. Dieses Bild wies große Ähnlichkeit mit den Fotos auf, die früher noch auf Film fotografiert und später als Fälschung deklariert wurden. Nur das an diesem Digitalbild nichts manipuliert war. Sollten etwa diese alten Fotos doch echt sein, weil sie eine Sichttarnung ablichteten?

 

 

Der Mann ließ das Video weiterlaufen, achtete genaustens auf die gräulichen Flecken, als sie plötzlich verschwunden waren. Die Sequenz wurde zurückgesetzt und in Zeitlupe abgespielt. Doch da gab es keine Bewegung in irgendeine Richtung zu sehen, auch nicht ein ins Wasser untertauchen. Sie verschwanden einfach und das zeitgleich.

 

Das Video von der zweiten Kamera zeigte einen anderen Blickwinkel. Dennoch waren auch hier diese Flecken zu erkennen, die ebenfalls ohne Übergang verschwanden.

 

 

Wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, könnte man auf die Idee kommen, Insekten hätten auf der Kameralinse gesessen und wären wieder abgeflogen. Aber im Winter gab es keine Insekten. Und eine Halluzination konnte es auch nicht gewesen sein. Der Hund spürte es ebenfalls. Ja genau. Was spürte der Hund?

 

Die Wissenschaftler hatten ausgerechnet, dass es im Loch Ness zu wenig Futter für solch eine Echse geben täte. Wenn das zutrifft, wovon ernährt sich dann eine ganze Herde? Der Nessi Jäger zählte die verwaschenen Flecken und kam auf zwanzig. Er stützte den Kopf in die Hände. Es war das erste Mal, solange er am Loch Ness lebte, dass ihm Tränen der Verzweiflung aus den Augen tropften.

 

 

****

 

 

Eine Atmosphäre hoher Erotik schlug Nathaira entgegen, als sie mit dem Drachen in ihrem See auftauchten. Ein junges Pärchen gab sich der Verschmelzung hin, getragen von den Energiefeldern zweier parallel schwimmender Jungdrachen. Die nachfolgende Herde machte einen großen Bogen um die Verliebten, um sie nicht zu stören. Nathaira hingegen verhielt einige Momente, um den beiden zu zuschauen. Das war echter Sex und nicht dieser Pippifax mit Piet. Was sollte man denn da schon spüren können. Selbst hatte Nathaira die Verschmelzung auch noch nicht erlebt. Aber immer wenn es andere taten, hielt sie sich neugierig in deren Nähe auf, um die Schwingungen zu spüren.

 

 

Ihr Lieblingsdrache schwamm mit ihr weiter, hin zu der Landzunge, hinter der die Grasweiden lagen. Wie Drachen Sex machten wusste niemand genau zu sagen. Es hieß, sie täten es unter Wasser. Einmal hatte Nathaira eine Drachendame danach gefragt, doch sie wich mit der Antwort geschickt aus. Als Nathaira jedoch nicht locker ließ meinte sie, wenn sie selbst die Verschmelzung erleben wird, dann wird auch diese Frage Antwort finden.

 

 

An jungen Männern gab es keinen Mangel. Und der eine oder andere täte Nathaira schon gefallen. Aber so früh wollte sie sich noch nicht binden, denn sie war ein recht wissbegieriges Mädchen und fürchtete, danach nicht mehr forschen zu können. Außerdem gestattete der Status Drachenprinzessin es nicht, mit einem Mann herum zu machen. Daher hielten die jungen Männer einen gewissen Abstand zu ihr ein.

 

 

In Gedanken ging sie noch mal in die Menschenwelt zurück. Es war schon ein aufregendes Abenteuer gewesen. Vieles war ähnlich und doch anders. Wie wird es wohl Gael jetzt ergehen? So gerne sie mit ihr auch zusammen gewesen war, auf Dauer wäre das nichts für sie. Andererseits ein gelegentlicher Besuch, oder ein Treffen im Loch Ness, dem hätte sie nichts einzuwenden. Nur dann würde die Umhüllung der veränderlichen Sphäre wieder von vorn beginnen. Oder gäbe es da eine andere Möglichkeit? Diese Antwort konnten nur die Altdrachen geben, die auf einer eigenen kleinen Insel lebten. Sobald ihr Lieblingsdrache von der Weide zurück ist, wollte sie mit ihm dorthin schwimmen.

 

Das zweite Manuskript war fertig lektoriert und konnte in den Druck gehen. So gerne Gael auch mit Kinderbüchern arbeitete, von denen sie immer in andere Welten gezogen wurde, brauchte es jetzt mal wieder greifbare Realität. Und die begann damit, dass sie endlich diese leere Pappkarte in den Mülleimer beförderte. Wieso die auf dem Schreibtisch lag, wusste sie selbst nicht zu sagen.

 

 

Auf dem Weg nach unten, klingelte ihr Handy. Es war eine Frau, die sich als Autorin vorstellte und die Telefonnummer vom Verlag bekommen habe. Sie bat um ein persönliches Gespräch. Und da Gael nichts anders vor hatte, willigte sie ein. Treffpunkt in einer Stunde im Literatur Café. Hin und wieder kam es vor, dass Autorinnen den persönlichen Kontakt zur Lektorin suchten. Meist ging es um einen gewissen Schreibstil, der erhalten bleiben sollte.

 

 

****

 

 

Die Führung durch Edinburgh Castle fand ihr Ende. Man sah den meisten Besuchern an, dass sie etwas erlebt hatten, was nicht mit dem Verstand in Einklang stand. Selbst hartgesottene Männer, zeigten eine unnatürliche Blässe im Gesicht. Einzig der Burgführer schien hiervon nicht betroffen zu sein und es gab noch einen Besucher, der nichts von alledem bemerkt hatte. Nachdem die Touristenmenge sich verstreut hatte, trat der Burgführer an diesen Besucher heran.

 

„Sind Sie von der Zeitung?“, fragte er leicht bangend.

 

„Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin im Auftrag des Institut für physikalische Phänomene hier. Mein Name ist Brian Scott.“

 

„Verstehe. Da sind Sie nicht der Erste, der dem Spuk auf den Grund gehen will. Bitte nehmen Sie das jetzt nicht persönlich, aber ich wünsche Ihnen keinen Erfolg. Sonst wäre Edinburgh um eine Attraktion ärmer.“

„Keine Sorge. Wir sind nicht daran interessiert, das Ergebnis öffentlich zu machen. Uns geht es einzig allein darum, zu klären welchen Ursprung der Spuk hat.“

 

 

Der Burgführer atmete erleichtert auf und sicherte dem Wissenschaftler, denn dafür hielt er den Mann, jede erdenkliche Unterstützung zu. Brian Scott bedankte sich und ging über die winkligen Gassen zurück zu seinem Cliff 600, der auf einem Parkplatz stand. Die erste Hürde war genommen, alles weitere würde sich ergeben. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl gewesen, den echten Namen auszusprechen, der für lange Jahre auf Eis lag. Denn in der Armee verkörperte er je nach Auftrag, viele Identitäten. Immerhin hatte er viel gelernt, was ihm für die kommenden Aufgaben zu Gute käme.

 

 

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Bereits als die Frau mit dem langen Kleid und den silberweißen Haaren, die ihr bis zu den Hüften reichten, das Literatur Café betrat, wusste Gael, das diese Person ihre Verabredung ist. Und sie sollte sich nicht getäuscht haben. Zielstrebig steuerte sie auf Gael zu, stellte sich als Meallá MacWindlor vor.

 

„Woher wussten Sie, dass ich es bin?“, fragte Gael.

 

„Weil Sie auf der Verlagsseite, unter der Rubrik Lektoren abgebildet sind.“, erwiderte die Frau.

 

 

Daran hatte Gael gar nicht mehr gedacht. Sie nahmen an einem freien Tisch platz und Gael fragte, um welches Buch es sich handele. Schon bald stellte sich heraus, dass es kein Kinderbuch werden soll. Höflich aber bestimmt lehnte Gael ein Lektorat ab. Der Verlag für den sie arbeite, wäre ein reiner Kinderbuchverlag und verlege keine Erwachsenenbücher. Sonderlich enttäuscht schien die Frau darüber nicht zu sein. Danach folgte noch ein wenig Smalltalk, wobei das Thema Wassersport kurz zur Sprache kam.

 

 

„Können Sie schwimmen?“, fragte Meallá so ganz nebenbei.

 

Gael lächelte. „Ja wie ein Stein! Hatte im letzten Jahr ein denkwürdiges Erlebnis gehabt. Wäre fast aus einem Boot ins Wasser gefallen. Ich mag romantische Bootsfahrten, aber ich werde nie mehr wieder allein mich in ein Boot begeben.“

 

Meallá verwies auf Schwimmwesten, aber diese waren Gael auch zu unsicher. Sie werde in diesem Sommer die Wälder in der Umgebung erkunden.

 

Kaum das die Frau gegangen war, verließ auch Gael das Café. Mit dem Auto fuhr sie zu einer Adresse, die sie in einem Geschäft für Tierbedarf gesehen hatte, bevor sie zum Literatur Café ging. Es war ein Hundezüchter der neben reinrassigen Tieren, auch Mischrassen anbot. Am liebsten hätte sie alle Hunde mitgenommen, aber das ging ja nicht. Und so entschied sie sich für ein kleines Wollknäuel, was später mal eine irische Wolfshündin werden sollte.

 

 

****

 

 

Die Altdrachen empfingen Nathaira mit den Worten: „Wir haben Nachricht von Meallá erhalten. Die Auflösung der veränderlichen Sphäre in der Menschenwelt, hat keinerlei Spuren hinterlassen. Gael weiß nichts von dir und den damit zusammenhängenden Ereignissen. Einzig dass sie von einem Beinaheunfall sprach, als sie mit einem Boot gefahren sei. Auch haben sich alle Gegenstände, die innerhalb der veränderlichen Sphäre angeschafft wurden, mit aufgelöst. Es gibt also keinen Neoprenanzug und auch keine Taucherausrüstung. Gael hat sich kurz nach dem Treffen mit Meallá , einen kleinen Hund gekauft.

 

Beim dem Menschen Piet, der inzwischen seinen richtigen Namen wieder führt, ist auch nichts von den Ereignissen übrig geblieben, was auch für alle anderen Personen gilt, mit denen du in Kontakt kamst.“

 

 

Erleichtert nahm Nathaira die Botschaft entgegen. Einzig das Gael nun nicht mehr schwimmen konnte, betrübte sie. Andererseits muss doch etwas in ihrem Unterbewusstsein hängen geblieben sein, denn sie mied jetzt Boote und hatte den Rat umgesetzt, einen Hund anzuschaffen. Nur woher wusste Meallá von Piet?

 

 

„Ist Meallá nach Edinburgh gefahren?“, fragte sie. Worauf einer der Altdrachen sie verwundert anblickte.

 

„Warum sollte sie?“

 

„Woher weiß sie das denn mit Piet?“

 

Nun schmunzelte der Altdrache. „Ihre angeborenen Fähigkeiten sind doch nicht verloren gegangen, als sie in die Menschenwelt übersiedelte.“

 

 

Ach das ist ja interessant!, dachte Nathaira. Dann kann man auch ohne veränderliche Sphäre etwas bewirken? Dieser Sache wollte sie auf den Grund gehen, doch die nächsten Worte des Altdrachen, schienen ihr Vorhaben zu vereiteln.

 

 

„Wir haben beschlossen, für eine Weile das Gewässer Loch Ness zu meiden. Denn sicherlich haben einige Menschen uns gesehen, als wir die veränderliche Sphäre auflösten. Nun werden noch mehr Menschen zum Loch Ness kommen, sodass ein unbemerktes Schwimmen nicht möglich sein wird.“

 

Mist!, grummelte Nathaira, hinter einer dicken Gedankenmauer.

„Und nun zu dir Nathaira. Die Königin hat wohlwollend deinen Bericht gelesen und ist zu der Auffassung gekommen, weil du dich in der Menschenwelt gut geschlagen hast, dass du zwei Klassen überspringst und ab morgen in den Palast einziehen wirst.“

 

 

„Was!“, entfuhr es Nathaira. Sagt bloß, die Angelegenheit mit Gael war eine Prüfungsaufgabe!?“

 

„Nein Prinzessin, das war sie nicht. Hier spielte der Zufall eine Rolle. Dennoch wie du die Probleme angegangen bist und sie gelöst hast, käme der hohen Prüfung gleich. Und wenn du im Palast die drei Aufgaben löst, dann wirst du die direkte Nachfolgerin der Königin, wenn sie mal abdankt. Und nun gehe und verabschiede dich von deinen Freunden, denn die wirst du eine Zeitlang nicht mehr sehen.“

 

 

„Und was ist, wenn ich auf diese Beförderung verzichte?“

 

„Wie kannst du es wagen Nathaira!“, schlug ihr eine Welle der Empörung entgegen.

 

„Es ist ein Privileg, für den Thron ausgewählt zu werden. Jede Jungfrau würde alles stehen und liegen lassen, um an der Auswahl teil zu haben.“

 

 

„Wieso Jungfrau?“, fragte Nathaira mit Unschuldsmiene.

 

>Sprich es nicht aus Nathaira!< , hörte sie ihren Lieblingsdrachen in der Geheimsprache sagen.

 

>Ich will aber nicht Königin werden, sondern Forschen!< , erwiderte sie.

 

>Das kannst du meine Kleine. Denn die Aufgaben betreffen die Forschung. Und wenn du direkte Thronanwärterin bist, hast du alle Möglichkeiten was die Forschung bietet.<

„Entschuldigt! Ich ziehe die Frage zurück. Bin mit den Eindrücken aus der Menschenwelt durcheinander geraten.“

 

 

Kaum ausgesprochen, umwehte sie eine Welle der Erleichterung. Die Altdrachen waren mit der Antwort zufrieden und wünschten ihr allen Erfolg bei ihren neuen Aufgaben.

 

Am nächsten Tag brach sie mit ihrem Lieblingsdrachen auf, denn der Palast der Königin befand sich in einer anderen Zone des Drachenreichs. Vorerst war der Zugang zum Loch Ness ihr verwehrt. Aber das letzte Wort war darüber noch nicht gesprochen. Denn trotz aller Auflösung der veränderlichen Sphäre in der Menschenwelt, behielt sie eine bestimmte Handynummer im Gedächtnis.

 

 

Ende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Texte: Klaus D. Gehrke
Tag der Veröffentlichung: 13.05.2019

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