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"Das Urteil können sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern."

Johann Wolfgang von Goethe

(1749 - 1832) 

Wie ich ans Schreiben kam


Wie viele, die gerne lesen und schreiben, habe auch ich beides bereits als Schülerin gerne getan. Eigentlich schon vorher, als Kindergartenkind, wollte ich es unbedingt lernen, löcherte meinen älteren Bruder, es mir beizubringen, wozu dieser aber nur selten Lust hatte. Kritzelte eifrig Namen und Buchstaben und las meinem Vater mit fünf Jahren eines Tages eine Schlagzeile aus der Zeitung vor. 
Meine Grundschullehrerin lobte meine phantasievollen Aufsätze und trug sie der Klasse vor, was mich einerseits mit Freude, andererseits mit Verdruss erfüllte, denn nach dem Unterricht wurde ich deswegen oft gehänselt mit Sätzen wie „Die scheint Dich am liebsten zu mögen, immer nur Du!“ 
In meiner Freizeit machte ich natürlich auch viel anderes, war eigentlich den ganzen Tag draußen mit Freunden, aber an Schlechtwettertagen zog ich Schreiben dem Fernsehen oft vor. 
Ich schrieb Geschichten, kleine Gedichte, jeden Abend Tagebuch (von 1983 bis 1999, es sind fast 40 Chinakladden), gestaltete eine Zeitung, dachte mir Witze und kleine Theaterstücke aus. 
Leider existieren heute kaum noch Zeugnisse meiner ersten Schreibversuche. 

Nach der zehnten Klasse stand ein Schulwechsel an, das Abitur musste ich in einem anderen Stadtteil  machen.
Ich wählte u.a. Deutsch-Leistungskurs und mochte unseren Lehrer Herrn N. gerne, wählte ihn sogar als Tutor. Er war freundlich und zugewandt, nicht so streng wie manch andere Lehrkraft an dieser Schule, manchmal etwas versponnen, wollte sich einen verrückten, auch kumpelhaften Touch geben. Er schien mich zu schätzen. 
Ich stürzte mich in das Fach, arbeitete die vorgegebenen Themen und die Literatur, Klassiker wie „Bahnwärter Thiel“, „Minna von Barnhelm“ und „Faust“ ab, nahm rege am Unterricht teil.  Neben Philosophie war Deutsch mein Lieblingsfach.
Herr N. sprach mich eines Tages an, ihm gefiele meine Art zu schreiben, ob ich es neben der Schule auch gerne tun würde. Ich bejahte. Er wurde ganz aufgeregt. Er schreibe selbst, sagte er, sei neugierig, und bot sich an, meine Texte zu lesen und mir eine Einschätzung zu geben. 
Ich zauderte, denn die Texte waren stellenweise sehr persönlich, doch dann gab ich mir einen Ruck und ihm die Mappe mit. 
Er mag mich, er schreibt selbst gerne, dachte ich, vielleicht hat er gute Tipps für mich. 
Eine Woche später erhielt ich meine Gedichte und Geschichten zurück und war gespannt, ob und was für Anmerkungen er dazu geschrieben hatte. Als ich die Mappe aufklappte, erschlug mich gleich auf der ersten Seite sein rotes, winzigkleines Gekritzel, mit dem er direkt in meine Texte hinein gemalt oder ganze Passagen dick durchgestrichen hatte. Erschüttert blätterte ich die Mappe durch. Gnadenlos ging die vernichtende Kritik weiter. Ich muss dazu sagen, dass ich noch keinen PC besaß und die Geschichten und Gedichte mit der Schreibmaschine getippt hatte, es waren alles Originale und er hatte mehr Anmerkungen zwischen meine Zeilen gekriggelt als ich an Text verfasst hatte. 
Da standen Sätze wie: „Ansatz recht gut, aber…“ „Uschi, das ist nichts, gar nichts! Das kann man viel besser, treffender formulieren…“ „Dilettantisch!", „Na,ja, mit etwas Übung wird Dein Schreibstil vielleicht noch etwas reifer…“ 
Das Fazit stand unten drunter: Ein Goethe bzw. wirklich guter Schreiber wird nie aus Dir. Ich hatte größere Hoffnung auf Dich gesetzt. Schade. Aber als Hobby für Dich ist es bestimmt nett. Vielleicht kannst Du in etwas anderem mehr glänzen.
Ich war am Boden zerstört, zutiefst traurig, beschämt - und wütend auf  mich selbst. 
Wie dumm ich gewesen war, einem Lehrer meine geheimsten und persönlichsten  Gedanken in Lyrik und Prosa anzuvertrauen. Und wie peinlich, es selbst zuvor auch noch für lesenswert befunden zu haben.
Doch es kam noch schlimmer. Zeitgleich ging eine Veränderung mit Herrn N. vor. Plötzlich ignorierte er mich im Unterricht, meine Aufsätze und Tests wurden schlechter bewertet als zuvor. Als ich mich beschwerte, dass er mich doch drannehmen könne, wenn niemand anderes aufzeige, fuhr er mich an, das wäre seine Sache, er würde schon wahrnehmen, dass ich mich melde. 
Da er ja auch noch mein Tutor war, bat ich ihn um ein persönliches Gespräch. Zuerst wollte er mich abwimmeln, er hätte zuviel zu tun. Aber ich blieb hartnäckig und so gewährte er mit zehn Minuten nach dem Unterricht. 
Eigentlich hatte ich ihn neben seinem veränderten Verhalten mir gegenüber auch nach einer Begründung für seine harsche Kritik an meinen Texten fragen wollen, aber dann traute ich mich nicht, befürchtete, mir noch eine Klatsche einzufangen. 
Letztendlich zog ich aber aus diesem Gespräch das Resümee, dass Herr N. total gefrustet war, weil ihn in seinem Deutsch-Leistungskurs kaum einer richtig ernst nahm oder wirklich mitmachte – außer mir. Er wollte die anderen, ihm abgewandten Schüler erreichen, die sich mit ihm anlegten, das war ihm nicht gelungen. Und das hatte ihn seltsamerweise wütend auf mich gemacht. 

Das, was ich aus dieser Zeit mitnahm, war der Glaube, dass ich zwar gerne schrieb, es aber nicht konnte.
Keinerlei Talent besaß. Nicht gut genug war, als dass jemand gerne etwas von mir lesen würde.
Das schmerzte, blockierte mich auch. Zuvor hatte ich mich immer, wenn es mir schlecht ging – ich bin in einem zerrütteten Elternhaus aufgewachsen und meine erste Beziehung war eine Katastrophe – hingesetzt und mein Leid oder meine Wut in Zeilen verarbeitet. Jetzt tat ich es nur noch selten. Auf die Idee, meine literarischen Gedanken mit anderen zu teilen, kam ich nicht mehr.
Erst vor kurzer Zeit habe ich eine Mappe aus dem Jahr 1989 wiedergefunden. Ich entdeckte darin auch ein Gedicht, das ich neu abgetippt hatte, weil mein Lehrer es damals komplett durchgestrichen hatte. Heute bin ich froh, die Texte nicht weggeworfen zu haben.

Dann kam das Studium, außer Gedichten für Geburtstage schrieb ich nichts Persönliches mehr, da es genug offiziellen Schreibkram gab, zu guter Letzt die Examensarbeit. Im Referendariat war es genauso. 
Es war, als hätte ich das private Schreiben, das Vergnügen und die Erleichterung, die es bereitet, vergessen. Es war versunken, verschüttet, tief in mir verborgen. 
Meine Arbeit als Grundschullehrerin nahm mich gefangen, vor allem das Darstellende Spiel. Hier schrieb ich, aber wieder für andere, nicht für mich, nicht aus mir heraus. 
2002 lernte ich meinen jetzigen Mann kennen, ein wahrer Glücksgriff, bekam meine Kinder. 
Und dann, vor etwa einem Jahr, am 12.4.2012, stolperte ich im Internet zufällig während der Suche nach etwas ganz anderem über einen Schreibwettbewerb, hier auf Bookrix. Es sollte etwas zum Thema  „Drachen“ geschrieben werden. 
Plötzlich war ich wie elektrisiert, setzte mich hin und begann zu schreiben, immer weiter und weiter, es floss einfach so aus meinen Fingern. Als ich auf die Uhr sah, waren Stunden vergangen, aber ich fühlte mich gelöst, irgendwie glücklich, ganz frei. Ich hatte etwas Kostbares, unbewusst so lang Vermisstes zurückerlangt. 
Endlich fiel mir auf, wie ruhelos ich trotz Familie und Beruf zuvor gewesen war, etwas hatte gefehlt. 
Ich schätzte mich glücklich, liebe meinen Mann und meine zwei Kinder, doch ohne es zu ahnen war ich auf der Suche gewesen. Malen, Nähen, allgemein Basteln, Garten, Sport – all das hatte und habe ich gerne gemacht, aber nichts kommt für mich dem Schreiben gleich. 
Am Anfang musste ich mich auf BX erst mal zurechtfinden, kannte kaum jemanden. Doch dann, der Austausch mit Gleichgesinnten wurde mehr, hatte ich plötzlich „Schreibfreunde“, erhielt Anerkennung für meine Geschichten, konstruktive Kritik, Lob, gewann sogar Wettbewerbe. 

Am liebsten würde ich das dem Ekelpaket von Deutschlehrer, der mir damals jegliches Talent absprach, mir die Illusion und mein Selbstwertgefühl nahm, um die Ohren schlagen. Sieh her, ich kann wohl schreiben! 
Ich bin bestimmt kein Goethe, aber es gibt Menschen, die haben Freude daran, meine Geschichten zu lesen. Nie wieder will ich es missen, auch wenn ich mich manchmal am Riemen reißen muss, nicht zu viel Zeit in meine Passion zu investieren, dann schimpft meine Familie, wenn ich versinke... 
Doch wenn mich eine gute Idee mitreißt, fällt es mir schwer, mich von den Tasten zu lösen. Manchmal stehe ich morgens um 5 Uhr auf, um vor der Schule schnell zu schreiben. 
Ich glaube, seit einem Jahr sind nur eine Handvoll Tage vergangen, an denen ich nicht geschrieben habe. Und es macht mich glücklich!

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Tag der Veröffentlichung: 30.05.2013

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