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„Geh nicht nur die glatten Straßen. Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub."

A. Saint-Exupéry



Astrid


„Hey, Fetti, kannst du dich nicht auf dem Klo umziehen?“
Die unangenehme Stimme von Sarah durchschnitt das Gemurmel und Gekicher in der Mädchenumkleide.
Jaquelines feiste Wangen erröteten. Sie senkte den Kopf, das lange Haar verdeckte ihr Gesicht, als sie nach ihrer Jogginghose griff.
„Fetti, ich red´ mit dir!“
Die Stimme des Alphamädchens der Klasse klang jetzt noch schneidender und alle wurden still und beobachteten, was passierte.
„Oder sind deine Ohren vom Speck verstopft? Wir wollen deinen Schwabbelkörper hier nicht sehen!“
Das war nicht das erste Mal, dass Jaqueline von Sarah und ihrer Clique gemobbt wurde. Meistens traf es sie, die Außenseiterin, oft aber auch den stotternden Tobias und andere unbeliebte Kinder der Klasse oder auf dem Schulhof. Es schien so, als würde die eingebildete Sarah nur Freude verspüren, wenn sie anderen weh tun konnte.
Resignierend griff Jaqueline nach ihren Sportsachen und schlurfte auf die Toilette zu, als sie ein Schuh am Hinterkopf traf. Schreck und Schmerz ließen sie gleichermaßen zusammenfahren, einige Mädchen lachten, doch sie wandte sich nicht um.
„Lass das!“, brüllte Astrid da, die Hände an den Hüften zu Fäusten geballt, das Gesicht zornesrot.
„Lasst sie doch endlich in Ruhe!“, sagte sie dann etwas leiser, doch noch immer vor Wut bebend, während Jaqueline in der Toilette verschwand und die Tür zuzog.
Alle wandten ihre Köpfe dem kurzhaarigen Mädchen zu, das eher wie ein Junge aussah und sie nun mit ihren tiefbraunen Augen anfunkelte. Das Gelächter verstummte und eine gefährliche Stille legte sich über den Raum.
Auch Astrid war eine Art Außenseiterin. Doch war sie trotz ihrer Schlankheit körperlich kräftig, konnte sich wehren und hatte bisher alle Mobbingversuche an sich abprallen lassen.
Allerdings hatte sie häufig Stress mit Lehrern oder auf dem Schulhof, weil sie einfach nie ihre Klappe halten konnte, sich mit jedem anlegte und immer schnell hochging – so wie jetzt.
„Was geht dich das an?“ Sarah, die bereits in ihrer teuren Sportbekleidung steckte, bewegte sich katzengleich auf Astrid zu. Ein hinterhältiger Zug lag um ihren Mund, der die vermeintliche Sanftheit ihres Engelsgesichts Lügen strafte. „Halt dich da raus, Arschtritt !“
Wie auf Knopfdruck begannen ihre Freundinnen wieder zu lachen. Erneut brandete eine Welle der Wut in Astrid auf, doch sie biss die Zähne fest zusammen.
Oh, wie sie ihren Namen hasste, der schon so oft diese „tolle“ Vorlage für eine Beleidigung geliefert hatte.
Am liebsten wollte sie Sarah das überlegene Grinsen aus dem Gesicht prügeln.
Schon trat sie einen Schritt auf die Gegnerin zu, das Kinn in die Höhe gereckt, als Bianca, Sarahs „Adjutant“, Astrids Turnschuhe schnappte und in den Mülleimer warf.
Da öffnete sich die Tür und Frau Meyer streckte den Kopf herein. „Los, Mädels, wo bleibt ihr?“
Die Sportlehrerin tippte mit dem Finger auf ihre Uhr. Die meisten Mädchen schwärmten sofort wie eine folgsame Schar aus der Umkleide und Sarah setzte ein honigsüßes Lächeln auf: „Tut uns leid, Frau Meyer, wir wollten Astrid dazu bringen, sich endlich umzuziehen. Sie will mal wieder keinen Sport machen.“
Die Lehrerin musterte die immer noch vor Zorn verkrampfte Astrid, die in Unterwäsche mitten im Raum stand und schüttelte den Kopf, dann folgte sie den Schülerinnen über den Flur.
Sarahs widerliches Grienen kehrte in ihr Gesicht zurück und als sie an Astrid vorbeischlenderte, rempelte sie diese mit der Schulter an.
„Halt dich da raus, Arschtritt, sonst bist du die nächste!“, zischte sie, bevor auch sie die Umkleide verließ, in der Astrid nun allein war.
Na klasse! Was für eine ungerechte Scheiße, dachte das Mädchen, während sie ihre Turnschuhe aus dem Mülleimer fischte und rasch in ihre Sportklamotten schlüpfte.
Durch die Klotür drang dumpf ein Schluchzen, sie hörte die dicke Jaqueline weinen.
Einen Moment zögerte sie, hob bereits die Hand, um anzuklopfen, irgendetwas zu ihr zu sagen, doch dann verwarf sie den Gedanken. Jaqueline war und blieb ein „Opfer“, wehrte sich nie und würde ihr nicht die Tür öffnen, geschweige denn der Lehrerin etwas erzählen, das wusste sie. Einige Male hatte sie versucht, ihre Hilfe anzubieten. Aber es war so, als ob Jaqueline Freund und Feind nicht mehr unterscheiden konnte.
Bitterkeit brannte wie Säure in Astrids Kehle und sie trat so fest gegen eine Holzbank, dass ihr Fuß schmerzte, bevor auch sie zur Turnhalle eilte.

Die Sportstunde wurde ein Desaster. Frau Meyer ließ die Siebtklässler Handball spielen.
Die „Bienenkönigin“, wie Astrid Sarah in Gedanken nannte, brauchte ihre „Arbeiterinnen“ nicht mal zu mobilisieren. Sie wussten auch so, was sie zu tun hatten. Ungesehene Fouls an Jaqueline und Astrid, dramatisches Hinsinken und Aufjaulen, wenn letztere sich in der Nähe befand, Beschuldigungen und Beschwerden, sie wäre zu ruppig.
Als Bianca sie in einem von Frau Meyer unbeobachteten Moment in die Nieren kniff, setzte etwas bei Astrid aus. Sie schlug zu und erwischte Bianca am Ohr, die sofort laut zu heulen begann.
Die Lehrerin baute sich vor den beiden auf.
„Jetzt reicht`s aber! Astrid, Auszeit für dich!“
Die Gescholtene ließ sich wortlos auf die Bank fallen, ihre ganze Haltung drückte Trotz aus.
„Was ist nur los mit dir, Mädchen. Muss deine Klassenlehrerin heute schon wieder bei deiner Mutter anrufen? Das gibt einen Verweis!“
Während Frau Meyers Tirade blickte Astrid an dieser vorbei. Einige Mädchen zeigten ihr grinsend den Stinkefinger und Sarah warf ihr hohnlächelnd eine Kusshand zu.

Auf dem Heimweg ärgerte sich Astrid über sich selbst. Stumm trottete sie neben Maike her, die wie sie etwas außerhalb des Ortes wohnte und wohl am ehesten so etwas wie eine Freundin war. Aber heute wollte sich Astrid nicht mit ihr unterhalten. Stattdessen kreisten ihre Gedanken immerfort um dasselbe Thema.
Warum ließ sie sich nur immer wieder dazu hinreißen, ihren Mund aufzumachen. Sie konnte ihr Temperament einfach nicht im Zaum halten. Jetzt stand sie selbst im Fokus der ätzenden Clique.
Zum wiederholten Male würde Frau Meyer ihre Klassenlehrerin – und diese ihre Mutter - über Astrids „Aufsässigkeit und Gewalttätigkeit“ und den Verweis informieren, und gebracht hatte ihr Ausbruch rein gar nichts. Im Gegenteil, sie spielte den Mobbern in die Hände.
Sie sei wie ihr Vater, hatte ihre Mutter ihr im Streit einmal an den Kopf geworfen. Nicht nur das Aussehen, auch das aufbrausende Temperament habe sie von ihm, und dass sie sich überall einmischen musste und aneckte. Den Ärger buchstäblich anzog...
Aber Astrid wollte nicht an ihren Vater denken, das tat zu weh.
Bevor er vor zwei Jahren fortgegangen war, sie verlassen hatte, um sich als Cellist in Amsterdam ein neues Leben aufzubauen, hatte Mama nie schlecht von ihm gesprochen. Jetzt hatte sie jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Nur Astrid telefonierte manchmal mit ihm, er schrieb ihr Karten aus den Städten, in denen er mit seinem Orchester auftrat und wenn sie älter wäre, solle sie ihn besuchen kommen. Doch das war alles. Sie vermisste ihn so sehr...
Astrid beschleunigte ihre Schritte, als ob sie die unangenehmen Gedanken dadurch abschütteln konnte und Maike versuchte, das Tempo mitzuhalten.
Sie kamen an dem alten Zollhaus vorbei, das einsam an der Landstraße stand. Schwarz und lauernd schienen die Fenster sie anzustarren, die Tür sah aus wie ein riesiges Maul. Noch nie hatten Maike und sie jemanden dort gesehen. Im Herbst und im Winter, wenn es morgens dunkel war, und sie auf dem Weg zur Schule das Haus passierten, sah es besonders unheimlich aus. Wie ein Spukhaus.
Auch jetzt, an diesem frühen Nachmittag, wirkte es unbelebt und verlassen, wie ein Fremdkörper ragte es vor dem Hintergrund der hügeligen, grünen Natur aus dem Boden empor.
Da blieb Astrid abrupt stehen und hob den Kopf. Was war das?
Sie glaubte ein Heulen oder Jaulen zu vernehmen.
Maike, die ein Stück weitergelaufen war, wandte sich zu ihr um. „Was ist los?“
„Hörst du das?", fragte Astrid.
„Was denn?", antwortete die Nachbarstochter.
„Na, horch doch mal." Astrid konzentrierte sich noch intensiver darauf, die vermeintlichen Laute einzufangen. Hatte sie sich getäuscht?
„Da ist nichts. Komm, weiter", gab Maike zurück und setzte sich wieder in Bewegung.
Einen Moment noch blieb Astrid stehen, ihr Herz klopfte, sie war sich so sicher gewesen...
Doch dann folgte sie Maike und hatte wenige Augenblicke später den Vorfall vergessen.

Jetzt hatten die beiden die kleine Straße erreicht, in der sie wohnten. Nur fünf Häuser standen darin, eines war das von Astrids Mutter.
„Holst du mich nachher ab?“, fragte Maike und Astrid nickte.
Beide besuchten sie mittwochnachmittags den Geigenunterricht, der in der Schule angeboten wurde.
„Bis dann“, sagte Astrid und schloss die Haustür auf.
Mama war schon von der Arbeit zurück, das sah sie. Ihre Handtasche stand auf der Kommode im Flur und es roch nach Essen.
„Ich bin wieder da“, rief das Mädchen in Richtung Küche, während sie ihre Stiefel auszog.
Ihre Mutter trat in den Flur und stützte die Hände in die Hüften. „Frau Claasen hat angerufen“, sagte sie nur.
Trotz der Emotionslosigkeit ihres Tonfalls schwang eine ganze Armada von Vorwürfen in den vier Worten und Astrid wurde ganz flau im Magen. Die Klassenlehrerin hatte sich nicht viel Zeit gelassen, ihre Mutter über den neuerlichen Verweis zu informieren.
„Und, was hast du dazu zu sagen?“, fragte diese nun und blickte Astrid streng an.
Die zuckte nur mit den Schultern. Es brachte nichts, sich zu verteidigen, das hatte sie aus früheren Gesprächen zu diesem Thema gelernt. Sie war schuld. Immer.
Jetzt ließ ihre Mutter die Arme sinken. Es sah irgendwie hilflos aus und machte die Tochter trauriger als die ihr entgegen prallende Wut zuvor.
„Ach, Astrid. Was ist nur los mit dir? Warum kannst du nicht ein ganz normales Mädchen sein? Dich für Klamotten, Tanzen und Schminke interessieren, dich verabreden und…“
Astrid ließ sie nicht ausreden. Wieder begann es in ihrer Kehle und ihren Augen zu brennen. Grob schob sie sich an ihrer Mutter vorbei, verschwand in ihrem Zimmer, knallte die Tür zu und schloss ab.
Ein normales Mädchen sein. Sich verabreden. Hatte ihre Mutter überhaupt eine Ahnung, wie die vermeintlich normalen Mädchen in ihrer Klasse, in diesem Kaff, tickten? Diese falschen Schlangen...
Sie ließ sich auf ihr Bett fallen, drückte ihr Gesicht ins Kissen und weinte lautlose Tränen.

Zwei Stunden später zog sich Astrid ihre Jacke und ihre Stiefel an und griff nach dem Geigenkasten.
Sie warf einen Blick ins Wohnzimmer. Ihre Mutter lag ihr zugewandt auf dem Sofa, hatte eine Decke über sich gezogen und schlief, wie so oft nachmittags. Ihr Gesicht sah blass und erschöpft aus, selbst im Schlaf sprach Sorge aus ihren Zügen, und das versetzte der Tochter einen Stich.
Sie wandte sich um und verließ leise das Haus.
Gemeinsam mit Maike wanderte sie die Straße hinab.
Der Wind rauschte durch die Kronen der Bäume am Straßenrand, wirbelte Blätter vom Boden auf, der Himmel hatte sich zugezogen. Es sah nach einem Gewitter aus, deshalb schritten die Mädchen zügiger.
Auf der Hälfte des Weges näherten sie sich wieder dem alten Fachwerkhaus, als der erste Blitz die dunkelgrauen Wolken durchzuckte. Ein grollender Donner folgte. Die Windböen hatten sich verstärkt.
Trotzdem glaubte Astrid, abermals ein Heulen zu vernehmen, als sie am Zollhaus vorübergingen und erinnerte sich an ihre Eindrücke vom Mittag. Wieder blieb sie stehen.
„Maike, da ist irgendetwas in dem Haus!“
„Was?“, fragte die Nachbarstochter zurück. Sie musste ihre Stimme leicht gegen das Tosen des Windes erheben.
„Da! Hör doch!“
Jetzt war sich Astrid ganz sicher, dass ein Jaulen aus dem Haus kam und ging auf die große, hölzerne Tür zu. „Mensch, Astrid. Was soll das! Wir kommen zu spät. Da drin ist keiner!“, moserte Maike.
Doch Astrid ließ sich nicht beirren. Jemand oder etwas brauchte Hilfe! Vielleicht war ein Tier im Haus gefangen? Nirgendwo war eine Klingel zu entdecken, auch kein Türklopfer. Sie wandte sich nach links und strebte dem Butzenfenster zu, das sich an der Seite des Hauses befand, während die ersten Regentropfen auf sie herab klatschten.
Wieder zuckte ein greller Blitz über den inzwischen fast schwarzen Himmel, das Rauschen des Laubes über ihren Köpfen klang bedrohlich.
„Nun komm endlich!“ Maikes Stimme, vom Wind verzerrt, klang fast flehend, doch Astrid schien sie nicht zu hören. Sie wischte mit dem Ärmel über die Scheiben, beschirmte ihr Gesicht mit den Händen und blickte in das düstere Haus. Sie konnte nichts sehen. Allerdings vernahm sie durch die einfach verglasten Fensterscheiben nun ganz deutlich das Heulen. Das musste ein Hund sein!
Sie klopfte an die Scheibe, nichts passierte. Rannte wieder zur Haustür und hämmerte dagegen.
„Ich gehe jetzt!“, rief Maike durch den Regen, der nun auf sie niederprasselte, während Astrid nach einem Feldstein griff.
„Was hast du vor?“, fragte die Nachbarstochter misstrauisch, als die Angesprochene gleichzeitig den Stein in die seitliche Fensterscheibe krachen ließ.
„Du bist doch verrückt! Total durch geknallt!“, kreischte Maike und entfernte sich rückwärts vom Ort des Geschehens. „Du musst dich gar nicht wundern, dass du ständig Ärger hast!“, setzte sie noch hinzu, bevor sie sich umdrehte und zur Schule davon rannte.
Astrid griff durch die kaputte Scheibe und entriegelte das Fenster, stieß es auf. Das Adrenalin raste durch ihren Körper. Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust. Eine zaghafte innere Stimme mahnte sie, den Rückzug anzutreten.  Du hast bereits genug Ärger am Hals!
Doch sie ignorierte diese genauso wie Maikes Zetern zuvor.
Stattdessen schwang sie ein Bein über das Fenstersims und kletterte in den finsteren Raum. Regentropfen begleiteten sie und prasselten auf den Boden.
„Hallo?", rief sie und bewegte sich langsam vorwärts. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Wieder jaulte es, ganz deutlich konnte sie es aus dem Nebenraum hören.
„Hallo? Ist da jemand?", fragte sie erneut, als sie ihn betrat.
Eine kleine Tischlampe tauchte das Zimmer in schummeriges Licht und da sah sie die beiden. Scharf sog sie den Atem ein. Ein großer, schwarzer Hund saß neben einer reglos auf dem Boden liegenden Gestalt. Er begann leise zu winseln, als Astrid neben der Person niederkniete, es war eine alte Frau. Wie leblos lag sie in seltsam verrenkter Haltung auf dem Parkett.
Trotz des spärlichen Lichts konnte Astrid sehen, dass ihr Gesicht totenbleich war und die blassen Lippen leicht offen standen. Oh Gott! War sie tot??
Das Mädchen zwang sich, nicht in Panik zu geraten, hielt dem Hund die Hand entgegen, damit er sie beschnüffeln konnte. Als sie merkte, dass er friedlich war, rüttelte sie die alte Dame sachte an der Schulter. „He, können Sie mich hören?" 
Da sie keine Reaktion erhielt, presste sie ihre Finger auf das kühle Handgelenk der Bewusstlosen und hielt ihr Ohr an deren Mund. Sie atmete noch, schwach konnte sie den Puls spüren. Erleichterung durchflutete Astrid.
Aber jetzt war keine Zeit zu verlieren! Sie zog ihr Handy hervor und wählte den Notruf. 
Nachdem sie diesen abgesetzt hatte, füllte sie den Napf des Hundes mit Wasser, auf das er sich regelrecht stürzte und zu schlabbern begann. Dann setzte er sich zurück neben seine Herrin, um wieder ununterbrochen sein trauriges Fiepen ertönen zu lassen.
Astrid streichelte gleichzeitig das Tier und die Hand der Frau, sprach in beruhigendem Tonfall irgendwelche Belanglosigkeiten zu ihnen und wartete.

Kurze Zeit später war der Krankenwagen da und Astrid öffnete den Sanitätern die Tür, die sich der alten Dame annahmen, sie stabilisierten.
Auch ein Streifenwagen traf ein und einer der Polizisten befragte das Mädchen, während die Sanitäter die immer noch bewusstlose Frau auf einer Liege aus dem Haus trugen.
Die Schülerin antwortete mit knappen Worten. Immer wieder zog sich ihr Magen zusammen, da sie befürchtete, Ärger dafür bekommen, das Fenster eingeschlagen zu haben.
Doch der Beamte legte ihr eine Hand auf die Schulter und sah freundlich auf sie herab.
„Du hast der Frau wahrscheinlich das Leben gerettet, Kind. Sie war gestürzt und hat sich Handgelenk und Fuß gebrochen. Wer weiß, wie lange sie da schon gelegen hat und was noch Schlimmeres passiert wäre, wenn du nicht gehandelt hättest."
Erleichterung breitete sich in Astrid aus. 
In diesem Moment wurde ihre Aufmerksamkeit auf den an der Heizung angebundenen Hund gelenkt, der mit auf der Fensterbank aufgestellten Vorderläufen heftig an der Leine zog und winselnd hinausblickte.
Die Lichter des Krankenwagens blinkten bis in das kleine Wohnzimmer hinein.
„Was geschieht mit dem Hund, wenn sein Frauchen im Krankenhaus ist?", fragte sie.
„Nun, er kommt wohl so lange ins Tierheim, denke ich", antwortete der Polizist. „Wir fahren dich jetzt nach Hause."
„Einen Moment!" Das Mädchen band den Hund los und sprach beruhigend auf ihn ein, so dass er ihr folgte. Das Tier war total verstört. Es jetzt im Heim abzuliefern, kam ihr nicht richtig vor.
„Ich möchte ihn mitnehmen. Wenn meine Mutter es erlaubt, kann er bei uns bleiben, bis die Frau wieder gesund ist."
Vor dem Haus hob Astrid gerade ihren Geigenkasten auf, als eine junge Frau in einem schicken Hosenanzug auf sie zueilte. Sie hielt einen Block und einen Stift in den Händen.
„Hallo, mein Name ist Natalie Gruber, vom Feldmarker Kurier. Bist du das Mädchen, das die Schriftstellerin gerettet hat? Darf ich dir ein paar Fragen dazu stellen?"
Das Gesicht, das Astrid unter dem strubbeligen, blonden Haar anstrahlte, sah sympathisch aus.
Doch der Polizeibeamte ging sofort dazwischen und ergriff Astrids Arm.
„Wir fahren sie jetzt nach Hause." Zu Astrid gewandt sagte er: „Wenn du ein Interview geben möchtest, tu es morgen, im Beisein deiner Mutter".
Irgendwie war das alles zu viel für Astrid. Jetzt erst machte sich der Schock bemerkbar, ihre Knie wurden ganz weich. So viel positive Aufmerksamkeit war sie nicht gewöhnt.
Sie nannte der abwartenden Reporterin ihren Namen und ihre Adresse und vereinbarte einen Termin für den morgigen Nachmittag, bevor sie mit dem Hund in den Streifenwagen kletterte.

„Was hast du nur wieder angestellt! Das ganze Dorf spricht über dich!“
Ihre Mutter war in heller Aufregung, als sie Astrid und dem Polizisten die Tür öffnete.
Mehrfach hatte Frau Helms versucht ihre Tochter anzurufen, nachdem sich die Geschichte von der mutwillig eingeschlagenen Fensterscheibe wie ein Lauffeuer im kleinen Ort verbreitet hatte. Astrid hatte das Klingeln ihres Handys gar nicht gehört, weil sie es nach dem Notruf in die Jacke gesteckt und diese auf ein Sofa gelegt hatte. Doch der Polizeibeamte konnte Astrids Mutter beruhigen, indem er die Fakten schnell gerade rückte.
Über die Anwesenheit des Hundes war sie anfangs nicht begeistert, gab letztendlich aber ihr Einverständnis, ihn für die Genesungszeit der alten Dame aufzunehmen.
An diesem Abend schlief Astrid erst sehr spät ein. Noch immer war sie ganz aufgewühlt von den Erlebnissen und Eindrücken.
Wie es der alten Frau jetzt wohl ging? Ob sie wieder aufgewacht war?
Endlich nickte sie erschöpft ein, doch ein ums andere Mal schreckte sie nachts aus dem Schlaf, wenn der Hund auf der Suche nach seinem Frauchen durch ihr Zimmer taperte und leise zu winseln begann.

Am nächsten Morgen spürte Astrid viele Blicke auf sich, als sie über den Schulkorridor lief. Die Kinder tuschelten, wenn sie vorüberging, in manchen Gesichtern glaubte sie sogar so etwas wie Bewunderung zu sehen. Als sie den Klassenraum betrat, sah es einen Moment so aus, als wolle Sarah einen Spruch machen. Schon öffnete sie den Mund, ihre auf Astrid gehefteten Augen zu hasserfüllten Schlitzen verzogen.
Jedoch kam ihr Justin, der umschwärmteste Junge der Klasse, zuvor. „Coole Aktion, Astrid!", rief er und zeigte dem Mädchen den erhobenen Daumen.
Da klappte Sarahs Mund wieder zu und sie wandte sich mit betont gelangweilter Miene ab. Ihr „Hofstaat" tat es ihr gleich.
´Tja, Bienenkönigin´, dachte Astrid, nach Justins Kompliment leicht errötet, und konnte ein verschmitztes Grinsen nicht unterdrücken. ´Jetzt hat es dir endlich einmal die Sprache verschlagen.´

Nachmittags setzte ihre Mutter Kaffee auf, deckte den Esszimmertisch und stellte Plätzchen dazu.
Jeden Augenblick würde Natalie Gruber, die Reporterin, eintreffen.
Astrid spielte währenddessen mit dem Labrador. Sie saß auf dem Teppich und rollte immer wieder einen Ball durch das Wohnzimmer, den der Hund apportierte. 
Es läutete und Frau Helms eilte zur Tür. Astrid konnte die laute und fröhliche Stimme der Reporterin hören, die sich der Mutter vorstellte. Wenige Augenblicke später betraten die beiden Frauen das Wohnzimmer.
Natalie Gruber trug ein maigrünes Kostüm und verströmte neben ihrer Lebendigkeit ein blumiges Parfüm, das an Frühling erinnerte.
„Hallo, Astrid." Sie gab ihr die Hand.  „Schön, dass ihr Zeit für mich habt.“
Sie setzten sich und Astrids Mutter schenkte Kaffee ein, während die Besucherin Block und Stift zückte.
„Der alten Dame geht`s übrigens schon ein wenig besser. Sie heißt Luise Odenthal und ist in ihren Fachkreisen eine berühmte Schriftstellerin. Sie hat sich für einige Zeit in dem einsamen Haus eingemietet, um ihr neuestes Buch fertig zu stellen. Ihr Agent wäre aber erst nächste Woche vorbeigekommen. Du hast ihr wahrscheinlich wirklich das Leben gerettet!“
Sie lächelte Astrid aufmunternd zu. „Aber jetzt berichte doch mal, wie das gestern nachmittag abgelaufen ist."
Das Gesicht von Natalie Gruber war sehr offen und anziehend und ihre Saphiraugen strahlten das Mädchen derart freundlich an, dass die Worte wie von selbst aus seinem Mund sprudelten. Seltsamerweise kam es Astrid vor, als ob sie die Frau, die eine gute Zuhörerin war, schon lange kennen würde.
Während sie an einigen Stellen nachhakte, machte sich die Reporterin immer wieder Notizen.
„Und jetzt erzähl` mir was über dich. Wer ist diese mutige Astrid Helms? Was macht sie so, wenn sie nicht gerade alte Damen rettet?“
Die Frau zwinkerte ihr zu, doch über Astrids Züge legte sich ein Schatten und sie schwieg. Ihr vorheriges Hochgefühl war plötzlich wie weggewischt. Und als sie in das ausdruckslose Gesicht ihrer Mutter sah, schien die Raumtemperatur um gefühlte zehn Grad zu sinken.
Die Reporterin ließ ihren Blick zwischen den beiden hin und her schweifen, spürte die Spannung, die in der Luft lag.
„Na, ich will ja hier keine dunklen Geheimnisse aufdecken…“, versuchte sie zu necken, aber die Mienen von Mutter und Tochter blieben angespannt.
„Ich meine, was machst du denn so in deiner Freizeit? Mit deinen Freundinnen?“
Das Mädchen presste die Lippen zusammen und starrte auf die Tischplatte. Doch dann hob sie den Kopf und sah Natalie Gruber fest an.
„Ich prügel´ mich oft und kann meinen Mund nicht halten. Ich habe ständig Ärger, kassiere einen Verweis nach dem nächsten und habe keine Freunde. Ich interessiere mich nicht für Tanzen, Tratschen und Schminke und die anderen Mädchen schließen mich aus, zicken mich an und nennen mich Arschtritt. Ich hasse meinen Namen!“ Während sie die Worte immer schneller hervorstieß, liefen Tränen über Astrids Wangen, sie konnte nichts dagegen tun. Auch, weil sie sah, wie sich die Augen ihrer Mutter bei ihrem Ausbruch entsetzt weiteten.
Einen Moment schien die Reporterin etwas irritiert zu sein, doch war sie professionell genug, die entgleitende Lage herumzureißen.
„Oh, oh, das hört sich nicht gut an. Aber - soll ich dir jetzt mal was sagen? Ich kenne dich zwar nicht, aber ich habe viel Erfahrung mit Menschen gesammelt und halte dich für ein sehr mitfühlendes, lebendiges und starkes Mädchen, das sich für andere einsetzt. Oder?“
Sie sah Astrid tief in die Augen, bis diese zaghaft nickte. Dann fuhr sie fort: „Außerdem hast du einen wundervollen Namen! Meine kleine Schwester heißt auch Astrid. Du erinnerst mich sogar ein wenig an sie. Willensstark, manchmal vielleicht ein wenig ruppig oder aufbrausend. Aber unter der coolen Schale steckt das goldenste und weiteste Herz, das man sich vorstellen kann. Auch sie mochte ihren Namen nicht, beneidete mich um meinen. Bis ich ihr verriet, was er bedeutet.“
Nun lächelte Natalie Gruber sie entwaffnend an. „Kennst du die Bedeutung deines Namens?“
Zum ersten Mal ergriff Frau Helms wieder das Wort, räusperte sich und sagte mit leiser Stimme: „Mein Mann hat den Namen damals ausgesucht. Auf Armenisch bedeutet er ,Sternenseglerin´.“
Die Reporterin nickte. „Das ist richtig. Aber der Name hat noch mehr wundervolle Bedeutungen. Die ,göttliche Schöne´ und – was meiner kleinen Schwester am besten gefiel - ,Reiterin der Götter´. Du bist ihre Kriegerin, ihre Botin. Und ich finde-“ Jetzt fing die Frau Astrids Blick ein und strahlte sie voller Wärme an. „dass wahrscheinlich kein Mädchen in diesem Ort diesen Namen mehr verdient als du. “
Frau Helms schluchzte unterdrückt auf und presste einen Moment die Augen zu und auch Astrid spürte einen Kloß in ihrem Hals, den sie nicht hinunterschlucken konnte.
Plötzlich stand ihre Mutter auf und verließ das Zimmer. Natalie Gruber sah ihr überrascht nach, dann drückte sie die Hand des Mädchens, das vor ihr saß.
„Ich glaube, ich gehe jetzt besser. Ihr scheint Gesprächsbedarf zu haben."
Sie erhob sich mit einer raschen Bewegung und griff nach ihrer Tasche.
„Aber ich habe schon einen tollen Artikel im Kopf, morgen kommt er raus. Darf ich noch ein Foto von dir mit dem Hund machen?"
Nachdem sie das erledigt hatten, brachte Astrid die Reporterin zur Tür.
„Und, kleine Reiterin der Götter: Lass dich von den Zicken nicht unterkriegen! Es wird in deinem Leben auch noch viele Menschen geben, die dich und dein großes Herz zu schätzen wissen."
Sie reichten sich die Hände und Natalie Gruber flüsterte schelmisch: „Schick alle, die dich ärgern, ins geistige Walhalla, dort gehören sie hin!"
Astrid ein letztes Lächeln schenkend rauschte sie durch die Tür und ließ das Mädchen in einer Wolke ihres frischen Parfüms im Flur zurück.
Dort stand sie und hörte ein gedämpftes Weinen in der Küche.
Mit klopfendem Herzen und zugeschnürter Kehle näherte sich die Tochter der Tür und zog sie auf. Ihre Mutter saß am Tisch, hatte den Kopf auf ihre Unterarme gelegt, ihr ganzer Körper bebte.
„Mama“, sagte Astrid leise.
Mit tränennassen Augen blickte ihre Mutter auf. „Ach, Maus.“
So hatte sie ihr Kind schon lange nicht mehr genannt.
„Es tut mir so leid. Ich bin dumm, und ich war so ungerecht zu dir, habe dir nicht mehr richtig zugehört.“
Sie wischte sich über die Augen, schniefte und Astrid setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm. Ihre Mutter drückte sie fest an sich und küsste sie auf den Kopf.
„Ach, Astrid, du bist wirklich wie dein Papa. Aber nicht nur aufbrausend, sondern vor allem auch so freigeistig und gerecht, mit einem großen Herzen. Er fehlt mir so!“
Wieder begann die Mutter zu weinen und danach erzählte sie der Tochter, was sie bisher verschwiegen hatte.
Astrids Vater hatte nie Fuß im Dorf fassen können. Die eingefahrenen Strukturen hatten ihm die Luft zum Atmen genommen. Er war unglücklich gewesen, überall angeeckt. Die Dorfgemeinschaft hatte ihn nicht richtig akzeptiert, von ihm als „dem versponnenen Musikus“ gesprochen, bis er es nicht mehr ausgehalten hatte.
„Er wollte mich überreden, dass wir beide mit ihm kommen. Immer wieder versuchte er es, auch, als er schon in Amsterdam war. Doch ich war zu feige. Hatte zu viel Angst, hier wegzugehen. Und jetzt habe ich ihn verloren. Bestimmt hat er längst eine neue Liebe gefunden.“
Nein, dachte Astrid und verstärkte die Umarmung. Das hat er nicht.
Das wusste sie.
Aber dass Mama Papa noch liebte, das hatte sie nicht gewusst. Das änderte so vieles …
Wärme und Hoffnung stiegen gleichzeitig in ihr auf, vereinigten sich zu einem brennenden Wunsch, und sie reckte das Kinn, und ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben. Ein Plan begann in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen. Ich bin die Reiterin der Götter, ihre Botin, ich kann es schaffen …

 

Impressum

Texte: Rechte am Text liegen allein bei Ursula Kollasch, Urheberrecht notariell geschuetzt
Bildmaterialien: Hintergrund: U. Kollasch/ Haus: Monirapunzel, bearbeitet von susymah
Tag der Veröffentlichung: 12.02.2013

Alle Rechte vorbehalten

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