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Arael

 

Ich war zurück … endlich zurück! Nach einem Jahr voller Blut und Kampf war ich an den Ort zurückgekehrt, an dem ich sein wollte!

Erlaubt war es uns nur ein einziges Mal im Jahr … am Weihnachtsabend. Für diesen einen Tag lebten wir, kämpften wir, bluteten wir. Doch was war schon Zeit, wenn einem die Ewigkeit gehörte … so wie mir?

Wichtig war nur, dass ich immer wieder hierher zurückkehren konnte … zwar war nichts an dieser Welt perfekt … doch was bedeutete schon Perfektion? Ich suchte meinen Trost lieber in der Welt der Menschen.

„Hast du Pläne für diese Nacht?“

Sariel, der neben mir stand, grinste mich an. In seinen Augen stand pure Vorfreude.

„Ich mag keine Pläne … ich lasse mich lieber treiben.“

Er schüttelte den Kopf. „Wir haben nur diese eine Nacht im Jahr. Jede Minute davon ist zu kostbar, um sie mit Suchen oder Warten zu vergeuden. Ich weiß schon, wohin ich gehe. Im letzten Jahr war ich in diesem Club. Schöne Frauen, die das Fest der Liebe wörtlich nehmen. Ich will heute Nacht mindestens drei von ihnen.“

Sein Grinsen wurde breiter, und es stand außer Zweifel, dass Sariel bekommen würde, was er wollte. Wir alle bekamen in der Regel, was wir wollten. Perfektion … so waren wir erschaffen worden … groß und muskulös mit symmetrischen Gesichtern. Frauen waren fasziniert von uns. Aber Perfektion kann auf Dauer langweilig sein – das dachte wohl auch der, der uns geschaffen hat; vielleicht mag er sie deshalb so gerne … die Menschen – weil sie uns ähnlich sind, aber mit ihren Fehlern, Zweifeln und Schwächen so viel interessanter als wir.

Ich zuckte die Schultern, während Sariel sich abwandte und in der Nacht verschwand. Seine Schritte hinterließen Spuren im frisch gefallenen Schnee. Leider nahmen nicht alle von uns es hin, dass unser Vater seine sehr viel schwächere Schöpfung uns vorzog. Deshalb gab es diesen Krieg, der bereits seit Jahrtausenden tobte und in dem wir bluteten … Bruder gegen Bruder …

Plötzlich drang ein Geräusch an mein Ohr, und ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meiner Umgebung zu. Es hatte sich angehört wie ein erstickter Schrei. Ich wurde neugierig.

Langsam ging ich die Straße entlang. Der Schnee glitzerte im matten Licht der Laternen, aber bis auf die still fallenden Flocken war ich allein. Die Fenster der Häuser waren fast alle erleuchtet. Ich mochte den Sinn für romantischen Kitsch, den die Menschen mit Weihnachten verbanden. Die blinkenden Lichter in den Fenstern, die Sterne aus Stroh, die Tannenzweige, die Kerzen … was ich weniger mochte, waren die Engelsfiguren. Sie wurden uns nicht im geringsten gerecht. Niemand von uns wäre jemals in weißen Hemdchen herumgelaufen, und pauswangige blonde Kinder gab es bei uns schon gar nicht. Was dieser Lichterkranz über den Köpfen der etwas zu gut genährten Kinderengel bedeutete, war mir auch ein Rätsel, das ich bisher nicht hatte lösen können. In der einen Nacht, die mir einmal im Jahr vergönnt war, hatte ich Besseres zu tun, als die Rätsel des Weihnachtsfestes zu lösen.

Unsere wahre Leidenschaft galt nicht den kitschigen Vorstellungen der Menschen, sondern etwas ganz anderem … ihren Frauen! Ich liebte sie … jeder von uns liebte Frauen. Es gab sie mit roten Haaren, mit braunen, mit blonden, große und kleine Frauen … braune, blaue und grüne Augen … und sie alle waren so unterschiedlich und aufregend. Kein Wunder, dass Sariel sich vorgenommen hatte, mindestens drei von ihnen in dieser Nacht zu beglücken.

Ich war anders gepolt als viele meiner Brüder. Nicht, dass ich nicht standhaft genug gewesen wäre, aber ich mochte es einfach, meine Wahl dem Zufall zu überlassen.

Letztes Jahr hatte ich eine hübsche Studentin direkt vor einer Kirche getroffen … und was wir danach bei ihr zu Hause getan hatten, war alles andere als kirchlich. Ich war schon immer der Meinung, dass sich die besten Gelegenheiten ergaben, wenn man nicht nach ihnen suchte.

Wieder lenkte ein Geräusch mich ab und nun erkannte ich auch, was es war - ein ängstliches weibliches Schluchzen, nicht weit entfernt. Kurz darauf folgte ein Lachen … zweifelsfrei ein männliches.

Alles in mir spannte sich an, und ich ging schneller, bog um die nächste Häuserecke – dann sah ich die Frau und die drei Typen.

Sie kniete im Schnee, ihre Jeans waren bereits nass, und sie zitterte – ich weiß nicht, ob vor Kälte oder vor Angst. „Bitte ...“, sagte sie leise, ohne die Typen anzusehen, die sie eingekreist hatten und ihre Handtasche durchwühlten. Sie trugen Kapuzenpullis, und es war klar, dass sie das hier geplant hatten.

„Selbst Schuld, Schlampe … warum bleibst du auch nicht zu Hause und stopfst deine Weihnachtsgans!“

Sie antwortete nicht, und der Inhalt ihrer Handtasche landete vor ihren durchnässten Beinen auf dem Boden. Sie hatte nicht viel bei sich, aber einer der Typen schnappte sich zielsicher die Geldbörse und schnaubte verächtlich, als er den Inhalt herauszog. „Verdammt … ein beschissener Zwanziger? Mehr hast du nicht dabei?“

Sie schüttelte den Kopf, noch immer ohne ihn anzusehen.

„Shit ...“, fluchte der Zweite. „Was jetzt?“

„Wenn sie schon keine Kohle hat, kann sie uns wenigstens noch ein kleines Weihnachtsgeschenk machen.“ Er lachte bösartig, und die anderen beiden fielen in das Lachen ein. „Finde ich auch. Wer will sie zuerst?“

Sie begann noch stärker zu zittern, und hob das erste

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Alexa Kim al-kim@web.de
Bildmaterialien: jdesign.at
Tag der Veröffentlichung: 23.06.2016
ISBN: 978-3-7396-6186-5

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