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Allicanto
-
Goldvogel

 

 

 

 

 

 

M.S. Kelts

 

Gay Fantasy

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M.S. Kelts
2015

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Email: Mail@ms-kelts.de

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Twitter: M.S. Kelts

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Bildrechte: © Colourbox.de

Coverdesign:
Irene Repp
http://daylinart.webnode.com/

 

 

Text: M.S. Kelts

Klappentext: M.S. Kelts

 

 

Korrektur und Lektorat: Susanne Scholze, Ramona Gutbrod

 

 

 

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten sind rein zufällig.


Es handelt sich um eine Fantasystory, das sollte beim Lesen bedacht werden.


Im wahren Leben: Bitte safer Sex!


Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und andere Verwendung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Text

 

1.

 

Ich biege in den Forstweg ein und lenke meinen Jeep vorsichtig um einen Holzstapel herum, der am Fahrbahnrand fahrlässig weit in den Weg hineinragt. Noch immer regnet es heftig, es brechen aber bereits vereinzelte Sonnenstrahlen durch die dichte Wolkendecke und lassen das Ende des Gewitters erahnen.
Es ist Juli, Hochsommer, und endlich auch hier, in Süddeutschland, richtig heiß. Ich mag diese drückenden Sommertage und vor allem die klebrige Schwüle, die nach so einem ordentlichen Guss zu erwarten ist. Lachend trete ich auf die Bremse und der Wagen kommt schlingernd zum Stehen. Okay, die tiefschwarze Wolke direkt über mir ist wohl doch noch nicht ganz leer. Meine Scheibenwischer kommen kaum gegen den erneuten Guss an und ich will nicht blind bis zu meinem anvisierten Parkplatz mitten im Wald fahren. Ich habe ja Zeit, es ist gerade mal kurz vor elf Uhr an einem Sonntagmittag. Niemand wartet auf mich, also kann ich den kräftigen Schauer gut hier aussitzen, da ich ohnehin kaum mehr als einen Meter weit sehen kann.
Im Grunde wollte ich heute eigentlich ganz woanders hin, aber ein innerer Drang führte mich hierher. Ein durchaus vertrautes Terrain. Ich bin Naturfotograf und treibe mich oft, mit der Erlaubnis der Waldpächter natürlich, in den unbefestigten Waldgebieten meiner Heimat herum, dort wo es kein ausgebautes Wegenetz gibt und man keine Angst haben muss, dass einem Mountainbiker über die Zehen fahren.
Ich will das Ursprüngliche, das Wilde einfangen, das es hier, trotz der Zivilisation, noch reichlich gibt. Für mich müssen es auch nicht immer spektakuläre Aufnahmen sein, wie ein Rudel Rehe, oder ein Wasserfall, der tosend in die Tiefe stürzt. Das nehme ich natürlich mit, aber für mich sind es oft Kleinigkeiten, die meine Bilder ausmachen. Tropfen auf einem sonnenbeschienenen Blatt, Moos, das den Jahreszeiten trotzt, ein schillernder Käfer - die unbekannten Bewohner unserer Wälder, die aber die größte Summe ausmachen.
Deshalb wollte ich ursprünglich auch weiterhin einer Fuchsfamilie folgen, die im Wald nahe meines Hofes lebt. Die Welpen sind nun zwei Monate alt, freche Jungfüchse, voller Elan und Neugierde. Aber ... mein Herz lenkte mich hier her.
Dieser Wald hat wirklich etwas von einem Dschungel. Der Waldpächter, ein sehr engagierter junger Mann mit ausgeprägtem Hang zu Neuem, beteiligt sich seit drei Jahren an einer Studie, die erforscht, wie sich das Gelände renaturiert, wenn der Mensch nicht eingreift.
Es ist faszinierend, wie schnell sich die Natur verändert, wenn man sie machen lässt. Dieser Teil hier grenzt an einen versteckten, unzugänglichen Waldsee. Er ist für Badende völlig uninteressant, weil er gänzlich von Schilf umwachsen und bis auf eine Seite, komplett versumpft ist. Näher als fünf Meter kann man nicht an das Ufer gelangen, ein Paradies für Wasservögel aller Art.
Mein Ziel ist ein Hang an der schmalen Seeseite. Von dort aus hat man einen recht guten Blick auf das Wasser. Auch der Wald rundum ist beeindruckend. Direkt am sumpfigen Ufer wachsen mächtige Grauerlen, die mit dem sauerstoffarmen Boden gut klarkommen. Sie stehen an einer Stelle in einem fast perfekten Kreis, erinnern an einen alten, geheimen Kultort unserer keltischen Vorfahren. Oft, wenn ich dort stundenlang sitze und darauf warte, dass die Bewohner des Waldes meine Anwesenheit akzeptieren, komme ich ins Träumen. Dann stelle ich mir vor, wie einst ein großes Feuer zwischen den mächtigen Stämmen brannte, Priester in langen, erdbraunen Kutten ihre magischen Rituale vollzogen, gefürchtet und verehrt von den abergläubischen Menschen in den verstreut liegenden Dörfern.
Ja, ich liebe meine Arbeit, die damit verbundene Einsamkeit, die Ruhe und das Gefühl ein Teil des Waldes zu sein. Und heute, nach dem reinigenden Regen, wird es wieder völlig anders sein, als sonst.
Wenn der Regen denn mal aufhören würde. Ich spähe durch die Windschutzscheibe nach oben und erhasche einen Blick auf deutlich gewachsene, blaue Flecken, die die grauen Wolken verdrängen. Hmmm, lange sollte es echt nicht mehr dauern. Und tatsächlich, nur Sekunden später wird aus dem lauten Prasseln ein leises Tröpfeln und mein, auf Hochtouren laufender Scheibenwischer quietscht über das fast trockene Glas.
Fenster runter. Ich lasse die frische, mit den Gerüchen von Erde, Holz und Regen getränkte Luft herein. Ah, ich liebe es. Draußen ist es noch völlig still, als hole der Wald Atem, wappne sich für einen neuen Sommertag. Zufrieden lasse ich den Motor an und setze meine Fahrt fort. Es geht noch gut einen Kilometer auf dem einigermaßen befestigten Weg geradeaus, dann biege ich rechts ab, öffne mit einem Schlüssel die provisorische Schranke, die ich hinter mir wieder verschließe.
Bernd, der Waldpächter, hat ihn mir vor Monaten anvertraut. Das erleichtert meine Arbeit ungemein, auch wenn ich mich jedes Mal etwas schäme, sobald ich es passiere. Er hat sich für diesen „Freundschaftsdienst“ sicher mehr erhofft, als hin und wieder ein Treffen im Wirtshaus. Aber leider ist er überhaupt nicht mein Typ. Nett, sehr intelligent und genauso begeisterungsfähig für unsere Heimat wie ich, ja, aber mehr auch nicht. Er ist ein eher grobschlächtiger Mann, einer, der gern zupackt, hart arbeitet und trotz aller Widrigkeiten schon lange geoutet ist. Eigentlich perfekt, aber, wie sagt man so schön? Bei mir ist einfach der Funke nicht übergesprungen.
Leider.
So, die Schranke ist zu und vor mir liegen noch gute 500 Meter, bis ich an die Stelle komme, an der ich mein Auto stehen lassen muss. Ich glaube, mein Wagen ist so ziemlich der einzige, der den fast zugewachsenen, alten Forstweg noch nutzt. Klar, vorne an der Sperre steht ja auch der eindeutige Hinweis, dass das Areal nicht betreten werden darf. Und wozu auch? Die meisten Touristen oder Sportler würden sich hier nur die Klamotten und Schuhe einsauen. Selbst ich, mit meiner Funktionskleidung, muss mir regelmäßig, vor allem im Sommer, den Weg durch wuchernde Brombeeren bahnen und Umwege in Kauf nehmen, um an einen geeigneten Aussichtspunkt zu kommen. Und wenn ich mich treiben lasse, so wie es heute wohl sein wird, gibt es gar nichts, außer dem Kompass in meiner Tasche, das mich lenkt.
Ich bin wirklich gespannt, wo mich mein Gefühl heute hinführen wird. Ich spähe nach draußen und seufze angesichts des Lichtspiels zwischen den tropfenden Bäumen, es dürfte interessant werden.
Licht und Schatten, die Nässe des Regens ... ein wundervolles Zusammenspiel von Natur und Elementen.

 

 


2.


So, mein Wagen steht. Ich mache mir nicht die Mühe ihn abzuschließen und verstecke stattdessen den Schlüssel im Fond unter der Fußmatte. Mein Rucksack liegt gepackt im Kofferraum, ebenso meine Kamera. Ich brauche heute nicht viel, nur etwas zu trinken und ein Handtuch, es dürfte eine schweißtreibende Angelegenheit werden. Das perfekte Wetter für mich. Als ich aufsehe, entdecke ich die ersten Mückenschwärme, die in den schräg einfallenden Sonnenstrahlen tanzen. Ich benütze keinen Schutz gegen sie, weil ich den Geruch des chemischen Zeugs verabscheue und mich diese lecker duftenden Citruscremes schon von weitem den Wildtieren verraten. Lange Kleidung muss einfach reichen, sowie ein Hut und ein Handtuch, um meinen Nacken zu schützen.
Auf geht’s. Ich klappe den Kofferraum leise zu und sehe mich um. Dieses Aroma! Schwer, grün, lebendig. Der Dampf, der vom Waldboden aufsteigt, bildet dünne Schwaden und treibt wie Feenstaub zwischen den Bäumen umher. Langsam stimmen die Vögel ihren Gesang wieder an, kommen aus ihren Verstecken. Amseln und Buchfinken, das kurze Piepsen der Meisen, rechterhand nimmt ein Specht, vielleicht ein Grünspecht, seine Arbeit auf. Irgendwo keckert ein Eichelhäher und warnt die Waldbewohner vor einer Gefahr. Keine Alltagsgeräusche sind zu vernehmen, was ich unglaublich schön finde. Für Sekunden habe ich das Gefühl völlig allein auf der Welt zu sein, nur ich, der Wald und die Tiere.
Ich spüre ein Lächeln auf meinem Gesicht und in mir drin. Eine tiefe Zufriedenheit. Jetzt bin ich völlig in meinem Element, nur die Natur, keine Menschen. Ich weiß, ich bin ein Eigenbrötler, aber was soll‘s. Werden wir nicht alle oft genug enttäuscht? Irgendwann habe ich beschlossen einfach alleine zu bleiben, meine Familie ist in alle Winde verstreut, meine Eltern sind tot. Und mit 32 brauche ich niemanden mehr.
Seltsame Gedanken heute. Normalerweise mache ich mir nicht so einen Kopf über mein Leben und lebe es einfach. Zweifel oder Sehnsüchte halten sich in Grenzen, ich bin zu ehrlich zu mir. Sicher gibt es hin und wieder den Gedanken, wie es wäre, zu lieben, zu jemandem zu gehören, aber ich verdränge das schnell. Das hier ist mir wichtig. Die Schönheit unserer Heimat in Bildern festzuhalten, auf Papier zu bannen.
Meine Schuhe versinken im moosüberwachsenen Boden. Er ist vollgesogen mit Wasser. Rechts gibt es kleine Tümpel zwischen den Bäumen, abgestorbene Äste liegen kreuz und quer im Wasser. Kröten in allen Größen hüpfen davon, als sie die Erschütterung meiner Schritte spüren. Putzige, winzige Dinger, nicht größer als die Kuppe meines kleinen Fingers.
Automatisch klettere ich über die zugewachsenen, alten Stämme, berühre die seidige Oberfläche der Baumschwämme, die in Massen auf dem Totholz wachsen. Zunder, der sich gut zum Feuer machen verwenden lässt und ein schwach wirkendes Antibiotikum ist.
In Gedanken versunken, bemerke ich etwa hundert Meter weiter, dass ich vom Weg abgekommen bin. Nicht weiter tragisch, aber eigenartig. Der Hang, den ich als Beobachtungsposten beziehen wollte, liegt links, leicht hinter mir. Soll ich zurück? Alles in mir sträubt sich dagegen.
Nein.
Mein Gefühl treibt mich weiter, in Richtung des Baumkreises. Ich will den Hang hinab klettern, aber wieder ist das nicht stimmig.
Hinter mir ist der Wald beinahe undurchdringlich und gut zwei Kilometer breit, ehe er an einer bewirtschafteten Wiese endet. Die Sonne findet vereinzelt ihren Weg bis auf den dick mit Tannennadeln bedeckten Boden, wo keine Pflanzen wachsen, weil es zu dunkel ist.
Dort hin? Okay.
Ich rücke meinen Rucksack zurecht und stutze abermals.
Was war das?
Ich kenne die Vogelstimmen alle, aber für einen Moment war mir so, als hätte sich ein gänzlich fremdartiger Gesang dazu gemischt. Anders, melodiöser, sanfter ... lockender.
Seltsam.
Ein Schritt in diese Richtung und ich verharre erneut.
Weit entfernt, jenseits des Tannengürtels, in dem Bereich, wo sich zwischen die Nadelbäume wieder alte Eichen und Erlen mischen, glitzert etwas unnatürlich hell. Die Sonne? Aber es gibt dort kein Wasser, das sie so reflektieren könnte.
Da!
Wieder!
Der sanfte Wind versetzt das Laub in Bewegung, der Einfallswinkel des Lichtes ändert sich und erneut sehe ich es hell aufblitzen.
Jetzt kenne ich mein Ziel! Den Ort nicht aus den Augen lassend, mache ich mich auf den Weg. Neugierde treibt mich an, hinein in die Dunkelheit der Tannen ...

Meine Schritte sind kaum zu hören, es knistert lediglich leise, da ich mir langsam und bedächtig den Weg suche und es vermeide, auf trockene Äste zu treten. Nach kurzer Zeit erreiche ich den Rand des Tanns und orientiere mich erneut. Der helle Fleck ist gerade nicht zu sehen, aber ich habe mir einen Wegweiser gemerkt. Ein junger Baum, dessen Stamm einen unnatürlichen Bogen macht. Wahrscheinlich ist die Pflanze nicht stark genug, um gegen die umliegenden, älteren Bäume zu bestehen und wird bald umstürzen.
Das kommt mir gerade sehr gelegen. Ich muss einen Umweg in Kauf nehmen, weil der Boden durch den anhaltenden Regen so matschig ist, dass ich wohl bis zu den Knöcheln versinken würde. Das muss nun auch nicht wirklich sein. Immer wieder sehe ich auf und hoffe, dass sich das gleißende Licht noch mal zeigt, aber ich werde enttäuscht.
Habe ich mich geirrt? War es nur ein Trugschluss? Mein Gefühl sagt vehement nein und treibt mich weiter.
Plötzlich fällt mir die Stille ringsherum auf. Ich verharre und lausche gespannt. Nein, keine Vögel, kein Geraschel im Unterholz, gar nichts. Unwillkürlich stellen sich meine Haare auf und eine Gänsehaut rast unangenehm über meinen Rücken. Aber ... nicht so, als stünde eine unmittelbare Gefahr bevor, sondern, als würde mich das Schicksal in diese Richtung schubsen und sich genüsslich die Hände reiben.
Für eine Sekunde überlege ich ernsthaft umzukehren, aber mein Körper hält dagegen und fesselt mich regelrecht an den Ort. Nein, jetzt nicht kneifen. Ich will wissen, was dort drüben ist, auch wenn es sich nur um eine verirrte Plastiktüre handelt, oder ein ähnlich profanes Ding.
Ich gehe weiter. Noch immer umgibt mich absolute Ruhe, selbst der Wind hat sich gelegt, was dazu führt, dass es drückend heiß wird. Schweiß rinnt meinen Rücken hinab, verstärkt das eigenartige Gefühl.
Da!
Ich halte die Luft an, es rauscht in meinen Ohren. Die Sonne hat den Gegenstand erneut getroffen und ich kann meinen Weg korrigieren. Neugierde treibt mich voran. Ich platsche laut in eine wassergefüllte Vertiefung, die unter dichten Grasbüscheln verborgen liegt.
Egal. Ich will es jetzt wissen.
Ich bin fast da. Ein dichter Holunderbusch, durch das kalte Frühjahr noch über und über mit weißen, betörend duftenden Blütenrispen bedeckt, verhindert, dass ich einen Blick auf die sonnenbeschienene, winzige Lichtung werfen kann.
Eine Wolke zieht vor die Sonne, verdunkelt schlagartig den Himmel und für Sekunden wird es deutlich kühler.
Mist.
Der Holderstrauch ist nicht zu verachten, ich muss zwei Meter nach rechts ausweichen und dabei durch fast kniehohe Brombeeren stapfen. Was meine Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nimmt, weil ich keine Lust habe in den langen Auslegern hängen zu bleiben und mit dem Gesicht voran in den haarfeinen Dornen zu landen.
Dann ist es geschafft. Der Holderbusch liegt hinter mir, die Brombeeren ebenfalls. Am Rande meines oberen Sichtfeldes erkenne ich einen Fleck des buschigen Grases und goldene Flecken.
Hmmm.
Ich quetsche mich um eine mächtige Eiche herum und bin endlich am Ziel.
Und erstarre sprachlos.
Mein Rucksack fällt zu Boden, ebenso meine Kamera, die Gottseidank auf meinem Gepäckstück landet.
Was zur Hölle ...?
Meine Kehle wird trocken, während ich am Stamm hinabrutsche und versuche, den Anblick irgendwie zu realisieren.
Ich kneife mehrmals die Augen zusammen, reiße sie wieder auf und starre auf das sich mir bietende Bild.
Nein, offensichtlich träume, oder halluziniere ich nicht. Der Anblick verschwindet nicht, ändert sich nicht. Im Gegenteil, meine Kehle wird eng. Was ich sehe ist ... exquisit, völlig verrückt, aber von solcher Schönheit, dass ich total vergesse, normal und angebracht zu handeln.
Immerhin liegt vor mir auf der kleinen Grasfläche ein nackter, offensichtlich bewusstloser Mann.
Nicht nur das. Das unwirkliche Bild wird von abertausenden, goldfarbenen Federn verstärkt, die wirr rund um ihn herum auf dem Boden liegen. Der Flaum der zarten Gebilde vibriert sachte im wieder aufgefrischten Wind.
Er selbst - ich schlucke den Klos in meinem Hals hinunter - liegt hingegossen da, wie ein altgriechischer Gott. So absonderlich seine Anwesenheit auch ist, er ist kein Störfaktor, sondern fügt sich in die umliegende Natur perfekt ein. Wie soll ich es beschreiben? Er ist ein Teil davon. Mein Gefühl bestätigt sich, als unvermittelt die Vögel ihren Gesang aufnehmen und näher kommen.
Ein winziger, unverfrorener Zaunkönig schnappt sich keine fünf Zentimeter von der kräftigen Hand des Bewusstlosen entfernt eine Flaumfeder und hüpft seelenruhig auf die Schulter des Mannes. Als wäre er einer der ihren.
Ich schüttle den Kopf und wische mir den Schweiß von der Stirn. Langsam spinne ich echt. Einen Sonnenstich kann ich ausschließen, so lange bin ich noch nicht unterwegs. Seltsamerweise spüre ich, dass ich mich kaum traue ihn anzusehen, geschweige denn zu berühren. Was ich allerdings tun sollte, da ich ihn wohl kaum hier liegen lassen kann. Einen Rettungswagen zu holen steht außer Frage, weil der a: nie bis hier rein käme und b: ich gar nicht wüsste, wie ich den Weg beschreiben soll. Und ... es erscheint mir wie ein Frevel, diesen Frieden hier zu stören.
Ich atme tief durch, stehe auf und nähere mich ihm. Meine Bewegung wirbelt die Federn auf. Zweifellos haben sie das Sonnenlicht reflektiert. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wahnsinn! Sie wirken wie aus massivem Gold gegossen, dennoch so leicht und filigran. Ihr Glanz ist fremdartig und blendet mich. Eigentlich können sie nur künstlich sein, da so etwas selbst die Natur nicht zustande bekommt.
Ich seufze abermals und gehe in die Knie. Der Mann liegt halb auf dem Rücken, halb auf der linken Seite. Sein Kopf ruht auf dem linken Arm, der ausgestreckt fast bis an die stacheligen Brombeerbüsche reicht.
Himmel, ist er eine Schönheit. Genauso unwirklich wie die Federn. Hellblondes Haar fällt in ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem wunderschön geschwungenen Mund, der leicht offen steht. Seine Nase hat einen kleinen Höcker, vielleicht hat er sie sich gebrochen. Ein Windstoß bringt die umliegenden Federn zum Tanzen und bläst die Haarsträhne über seinen Augen fort. Sie sind geschlossen und von unverschämt langen, hellblonden Wimpern umrahmt. Sie sind so dicht, das sich darunter leichte Schatten bilden. Eine Träne rinnt über seine Wange und ich kann gerade noch widerstehen, sie wegzuwischen. Sein Anblick ist hypnotisch, etwas, das man immer und immer wieder betrachten will, weil die Perfektion ein irrsinniges Glücksgefühl in einem auslöst.
Aber ich muss ihn hier wegbringen, so viel steht fest. Mein Blick gleitet über den wohlproportionierten Körper. Mein Mund wird plötzlich wieder trocken und ich kämpfe unvermittelt gegen gänzlich unangebrachte Lust.
Er dürfte circa einen Meter achtzig sein, also etwa so groß wie ich, er ist muskulös - an genau den richtigen Stellen - aber dennoch schlank ... und völlig unbehaart. Mein Blick bleibt auf seinem Unterleib hängen.
Nicht gut. Gar nicht gut. Das Gegenstück in meiner Hose regt sich. So ein Mist.
Weiter.
Er scheint unverletzt. Zumindest sehe ich nirgends Blut, keine Wunden oder grotesk abstehende Gliedmaßen, die auf Knochenbrüche schließen lassen. Einfach nur bewusstlos. Vielleicht hat er am Rücken irgendwelche Verletzungen?
Himmel, dazu müsste ich ihn anfassen.
Ich bin ein solcher Idiot. Wenn ich ihn hier raus trage muss ich ihn ja auch anfassen.
Ich atme mehrfach tief durch, schinde damit Zeit, um ihn noch weiter anschauen zu können. Ich checke ihn ab – so viel ist klar.
Kräftige Oberschenkel und Waden. Seine Füße sind völlig sauber, so wie der ganze Mann, außer dort, wo er den Boden berührt. Wie geht das? Er kann doch nicht ...
Ein leises Stöhnen jagt mich auf die Beine. Sein Gesicht verkrampft sich für eine Millisekunde, eine Gänsehaut überzieht seinen Leib und lässt mich ebenfalls schaudern. Wacht er auf? Atemlos starre ich ihn an, aber nichts weiter passiert. Ein Schatten zieht über sein Gesicht, ein Hauch von Schmerz oder Angst, dann wird er wieder ruhig.
Sein Atem ist völlig gleichmäßig, seine Brust hebt und senkt sich in einem kraftvollen Rhythmus. Und was das für eine Brust ist. Mich juckt es in den Fingern diese unverschämt seidig wirkende Haut zu berühren. Seine Brustwarzen sind bronzefarben und leicht erhaben, der Hof gekräuselt, als wäre er erregt.
Mühsam reiße ich mich von seiner Front los und umrunde ihn, um an seinem Rücken eventuell irgendwelche Verletzungen feststellen zu können.
Tja ... Was soll ich sagen? Es wird nicht besser. Tatsächlich macht mich das fast noch mehr an, vor allem die kleine Tätowierung auf dem Übergang zwischen seinem Rücken und dem wohlgerundeten Hintern. Eine tiefgoldene Feder, sie gleicht denen, die rund um ihn herum verstreut liegen.
Sexy.
Punkt!
Auch dort keine Schrammen oder ähnliches.
Ich kann jetzt hier stehen bleiben und mir stundenlang den Kopf darüber zerbrechen, wie zum Henker er hier her gekommen ist, oder ich beschäftige mich mit seiner Rettung.
Letzteres ist wohl sinnvoller, eine Erklärung kann er mir geben, sobald er wieder bei Bewusstsein ist.
Obwohl ... auf die bin ich echt gespannt. Nirgends der Hauch von Kleidung, geschweige denn Gepäck oder so was in der Art.
Als wäre er vom Himmel gefallen ...
Unwillkürlich gleitet mein Blick nach oben und sucht das Blau ab. Schwebt da irgendwo ein Ballon, oder hängt vielleicht das Geschirr eines Fallschirms in den Bäumen? Alles Blödsinn, ich weiß, aber mein Gehirn sucht krampfhaft nach irgendetwas, was wenigstens halbwegs Sinn macht.
Es findet sich aber rein gar nichts. Der blonde Adonis liegt hier wie hergebeamt, wunderschön, anmutig, rein, wie frisch geschlüpft - Toller Vergleich, passt zu den Federn.
Ein Windstoß wirbelt durch die Blätter der dicht stehenden Bäume. Eine Rotbuche, noch mit dem glänzend, hellgrünem Blätterkleid des Frühlings streckt ihre Äste über die Lichtung. Auf den Blättern haben sich Regentropfen gesammelt, die nun als leichter Schauer auf den Mann hinab regnen und die Sonnenstrahlen in allen Regenbogenfarben widerspiegeln.
Atemlos betrachte ich, wie sie auf seine helle, zarte Haut prallen, sich zu perfekten kleinen Kugeln zusammenziehen, ehe einige über seinen Rücken rinnen.
Himmel, ist das erotisch! Dieses Glitzern, die feuchte Bahn des Regenwassers, wie es langsam, beinahe einer Liebkosung gleich, über seine Haut fließt … Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Mein Atem beschleunigt sich unvermittelt. Die Vorstellung, wie es wäre, dieses Bächlein aufzunehmen, wie meine Zunge über seinen Körper gleitet, ich ihn lecke ... Wenn es statt Wasser seine Tränen wären, weil ihn seine Lust so verletzlich und weich macht, Lust die ich ihm bereite ...
Großer Gott! Wo sind meine Gedanken? Ehe ich zurückweichen kann, steigt mir ein fremdartiger Duft in die Nase. Wow! Was ist das nun wieder? Unwillkürlich beuge ich mich über den Mann und sauge die Luft tief in meine Lungen. Dort wo seine Haut feucht geworden ist, entsteigt ihr ein süßes Aroma. Eine Mischung aus ... Kakao, Ananas und Vanille.
Ich knurre und beiße die Zähne zusammen. Als ob er nicht so schon zum Anbeißen wäre.
Auf einmal wird es dunkel und die Sonne verschwindet hinter einer Wolke.
Oh. Mein Blick nach oben treibt mich zur Eile an. Aus der Richtung, in der in mein Auto steht, zieht eine tiefgraue Wolkenbank heran. Anscheinend hat der Wettergott entschieden, dass es doch genug Sonne für heute war.
Hin und her gerissen stehe ich mit ausgestreckten Armen über dem Mann und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Okay, zuerst Mal packe ich meine Kamera in den Rucksack und schultere ihn dann. Sollte es regnen, muss ich danach wenigstens nicht meine Ausrüstung entsorgen.
Ich zurre den Bauchgurt des Trekkingrucksacks fest und betrachte den Mann erneut, um abzuwägen, wie ich ihn am besten zu meinem Auto schaffe. Er dürfte nicht ganz leicht sein, aber ich bin recht kräftig, weil ich körperliche Arbeit genieße und auf meinem kleinen Biohof genügend davon habe. Außerdem bin ich bei der örtlichen freiwilligen Feuerwehr und in erster Hilfe ausgebildet.
Trotzdem zögere ich. Trödle rum, lasse meine Blicke verstohlen über ihn gleiten. Irgendwann muss ich mir eingestehen, dass die Vorstellung ihn zu berühren und auf so intime Weise nackt zu tragen, mein Problem ist, beziehungsweise das, was es auslöst: Verlangen.
Er ist wie eine verbotene Süßigkeit, von der man weiß, sie wird einem nach dem Genuss schwer im Magen liegen. Was bei ihm noch dazu kommt: er dürfte nicht nur schwer verdaulich sein, sondern mir auch ein blaues Auge verpassen, sollte ich meinen Gelüsten nachgeben.
Hilft aber alles nichts. Ich habe keine Wechselkleidung für ihn im Auto und der Hin - und Rückweg würde auch viel zu lange dauern.
Unwillkürlich muss ich lachen. Das Geräusch scheucht die Vögel auf, die frech die seltsamen Federn klauen. Ich könnte ihn mir ja über die Schulter werfen. Diese Art des Tragens ist ja lange nicht so, wie soll ich sagen, vertraulich, aber die Vorstellung seinen entzückenden Hintern direkt neben meinem Gesicht zu haben, ist alles andere als hilfreich.
Mein Kichern wird leicht hysterisch. Ihn wie ein Höhlenmensch an den Haaren aus dem Wald zerren? Jup! Und dann wie eine Beute vernaschen. Ich beiße in meine Fingerknöchel, weil mich der Gedanke kindisch losprusten lässt. Ich Tarzan, du Jane ...
Großer Gott, was stimmt mit mir eigentlich nicht? Da liegt ein, wahrscheinlich verletzter, Mann und ich reagiere wie ein schwanzgesteuerter, notgeiler Vollidiot. Ich presse die Fäuste auf meine Augen und atme bewusst tief durch. Was blöd ist, da mich sein Aroma aus exotischen Früchten und stimulierendem Kakao fast umhaut.
Verdammter Mist!
Jetzt stell dich doch nicht so bescheuert an, spreche ich mir selbst Mut zu und trete fest entschlossen näher an ihn heran. Er ist so, so ... wunder, wunderschön.
Blödmann! Auf jetzt.
Ich umrunde ihn und seufze vernehmlich. Das wird einer der schwersten Gänge meines Lebens, ich weiß es. Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass er bitte, bitte so lange bewusstlos bleibt, bis ich ihn in meinem Bett - was schon wieder unwillkommene Bilder provoziert - habe und ich dann Abkühlung im Regenwasserpool in meinem Garten finde. In jeglicher Hinsicht. Der ist eiskalt, sei angemerkt.
Ich schlucke, reibe nervös meine Hände. Ganz behutsam versuche ich ihn erstmal auf den Rücken zu drehen, um ihn besser aufrichten zu können. Kaum liegt er gerade, stöhnt er erneut und verzieht schmerzhaft das Gesicht. Dort hat es ihn wohl irgendwo erwischt.
Als ich ihn endlich in halbwegs sitzender Position habe, sehe ich den Schlamassel und weiß jetzt, wo die Schmerzen herkommen. Keine offenen Wunden, aber unterhalb seiner Schulterblätter bilden sich riesige Hämatome, als hätte man mit einem Gegenstand von der Größe eines Esstellers auf ihn eingeprügelt. Das dürfte den Transport nicht wirklich angenehmer für ihn machen, aber ich kann ihn unmöglich tragen, ohne diese Stellen zu berühren.
Da muss er jetzt einfach durch ... genauso wie ich.
Ich lege seinen rechten Arm um meinen Nacken, umfasse seinen Rücken und greife mit meiner rechten Hand unter seine Knie. Als ich mich schwankend aufrichte, stöhnt er erneut erbärmlich, erwacht aber gnädigerweise nicht.
Hmmm, er ist leichter als erwartet. Wundert mich jetzt etwas, weil er ja kein kleiner Junge mehr ist. Egal, das macht es für uns beide angenehmer.
Während ich leise flüstere und beruhigende Worte murmele, die gleichermaßen mir wie ihm gelten, suche ich einen leicht zu bewältigenden Weg zurück zu meinem Auto.
Nach ein paar Metern bemerke ich, dass uns die Vögel begleiten. Irritiert registriere ich Amseln, Finken, Meisen und sogar ein paar kräftige Greifvögel, die eigentlich nur zum Ruhen in den dichten Wald fliegen.
Noch eine Kuriosität. Dieser Mann ist ein Geheimnis, was ihn umso anziehender für mich macht.
Ich erreiche meinen Wagen schneller als gedacht. Über uns donnert es vernehmlich. Der Wind frischt deutlich auf, und auch ohne den Verletzten würde ich mich, angesichts der schwarzen Wolken, auf den Heimweg begeben.
Jetzt stehe ich mit ihm auf dem Arm da, und überlege, wie ich mein Auto aufbekomme. Es erscheint mir wie ein Frevel, ihn einfach wie eine Einkaufstasche auf dem Boden abzulegen, aber mit einer Hand bekomme ich den Kofferraum nicht auf. So ein Mist aber auch.
Schließlich ringe ich mich zu einem Kompromiss durch, knie mich mit ihm hin und bette seinen Oberkörper weiter an meiner Brust, damit ich seinem Rücken wenigstens den unebenen Untergrund erspare.
Es klappt, wenn auch mühsam. Mit viel Anstrengung kann ich die Klappe nach oben drücken und mich mit meiner Last wieder erheben. Da ich ein leichter Ordnungsfanatiker bin, herrscht in meinem Auto Sauberkeit und Leere, so dass ich ihn vorsichtig auf die mit Teppich ausgekleidete Ladefläche betten kann. Sachte lege ich ihn nieder, krame eine Decke hervor und breite sie über ihm aus. Sofort wird sein typischer Eigengeruch milder und ich kann wieder besser atmen. Nicht, dass er mir nicht gefällt, nein. Eher deshalb, weil ein anderer, momentan völlig lästiger Körperteil so darauf anspringt und mich mit seiner Aufmerksamkeit a: ablenkt und b: im Weg ist, sprich stört.
Seufzend richte ich mich auf und betrachte ihn mitfühlend. Der Mann leidet. Aber ich bin wohl nur am Rande schuld daran. Inzwischen geht sein Atem stoßweise und Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. Er scheint wirklich starke Schmerzen zu haben. Trotzdem ... ich weiß nicht was es ist, aber, obwohl alles dafür spricht ihn umgehend zu einem Arzt zu bringen, widerstrebt mir das. Zur Not, sollte er wirklich nicht aufwachen, oder sich sein Allgemeinzustand rapide verschlechtern, hole ich meinen Hausarzt. Gut, wenn man einen hat, der noch immer Hausbesuche macht.
Es kracht über mir und innerhalb von Sekunden wird es stockdunkel. Okay ... ich sollte schauen, dass ich hier weg komme.


3.


Zwanzig Minuten später erreiche ich meinen kleinen Hof. Wobei Hof etwas verwirrend klingt. Ich besitze keine Tiere, da ich als Fotograf oft im Ausland unterwegs bin. Stattdessen habe ich den angrenzenden Stall an eine junge Familie aus dem Nachbardorf verpachtet, die ihre Kaninchen und Zierhühner dort hält. Die umliegenden Wiesen werden von den Bauern der Umgebung bewirtschaftet. So habe ich hier meistens meine Ruhe. Mein einziges Faible sind exotische Pflanzen und Gemüse. Im ehemaligen Bauerngarten wachsen Blumen aus aller Herren Länder und hinter dem Haus, auf einer Wiese, die ich behalten habe, stehen zwei große Gewächshäuser für die empfindlicheren Mitbringsel und Orchideen.

Ich wende auf dem kleinen Vorplatz und fahre mit dem Heck so nah wie möglich an die Haustüre heran. Leider regnet es wie aus Kübeln und ich werde ihn kaum ganz trocken hinein bringen können.
Zehn Minuten später ist auch das geschafft. Er liegt auf dem Bett, und ich kann seinen ansehnlichen Körper mit einer warmen Wolldecke verhüllen.
Um ihm ein wenig Ruhe zu gönnen parke ich dann mein Auto in der Garage und räume meine Ausrüstung weg, wobei ich gleich kontrolliere, ob sie bei dem Abenteuer etwas abbekommen hat.
Schon wieder schinde ich Zeit. Ich fürchte mich regelrecht, das Zimmer wieder zu betreten. Warum? Ist meine Faszination für ihn wirklich der einzige Grund? Oder eher die Tatsache, dass alles, was mit ihm zusammenhängt, irgendwie nicht in die Realität passt? Der Fund und der Mann haben etwas märchenhaftes, magisches an sich.
Hmmm, das würde schon besser passen. Ich mag es gern einfach und überschaubar, plane mein Leben recht minutiös, was auf andere schon mal exzentrisch oder gar leicht wahnhaft wirkt. Und mal ehrlich, dieser Mann samt seinen goldenen Federn, dem exquisiten Geruch und einem Körper, nach dem sich jeder die Finger ablecken würde, kann nur eines bedeuten: Schwierigkeiten.
Aber es hilft nichts. Ich habe meine Komfortzone in dem Moment verlassen, als ich beschloss, meinem Herzen zu folgen und in den Wald gefahren bin. Jetzt ist er hier und ich muss mit den Konsequenzen leben.
Ich seufze einmal laut und vernehmlich, koste es aus, mich so richtig in Selbstmitleid zu suhlen, ehe ich mit festen Schritten und neuer Entschlossenheit ins Bad gehe und eine Schüssel mit warmem Wasser fülle.

Als ich in mein Schlafzimmer komme, rieche ich ihn sofort wieder. Seltsamerweise beruhigt mich sein ungewöhnlicher Duft, macht diese ganze Sache realer und weniger verrückt. Er hat sich in Embryonalhaltung zusammengerollt und liegt auf der rechten, mir abgewandten Seite. Sein Rücken ist inzwischen tiefblau mit einem violetten Einschlag. Eigentlich eine hübsche Farbe.
Endlich kommt meine professionelle Seite zum Vorschein und ich tue, was ich tun muss. Die gewohnten, oft geübten Handgriffe geben mir Sicherheit und lassen mein Verlangen nach ihm in den Hintergrund weichen. Vorsichtig säubere ich seine Haut dort, wo er vorhin auf dem Waldboden gelegen hat. Die Bewusstlosigkeit ist so tief, dass er davon offensichtlich überhaupt nichts mitbekommt. Auch als ich ihn notgedrungen auf den Rücken drehe und mein Werk vollende, stöhnt er nur gedämpft, wehrt sich aber nicht.
Nach einer halben Stunde bin ich zufrieden und bette ihn wieder auf die rechte Seite. Dort fällt mehr Licht in den Raum. Ich will so vermeiden, dass er in Panik gerät, weil er nicht weiß, wo er sich befindet.
Rund um den ersten Stock des Hauses verläuft ein Balkon und auf dieser Seite ist die Glastür. Sollte er erwachen hat er einen ungehinderten Blick auf eine weitläufige Wiese und den angrenzenden Wald.
Ehe ich ihn ganz zudecke, reibe ich seinen Rücken behutsam mit einer selbst gemachten Salbe aus Arnika und Ringelblumen ein. Egal, wie vorsichtig ich auch bin, er wimmert leise und zuckt zusammen. Oh Mann, er muss echt Schmerzen haben, ich hoffe das wird nicht noch schlimmer.
Schließlich ist mein Werk vollbracht. Er liegt jetzt völlig entspannt da, seine Atemzüge zeigen mir, dass er wohl in einen tiefen Schlaf gefallen ist. Vorsichtig decke ich ihn ganz zu und verlasse das Zimmer, um die Schüssel zu leeren.
Als ich wiederkomme, betrachte ich den friedlich schlafenden Mann ein paar Minuten nachdenklich. Seine Schönheit hat sich irgendwie ... vertieft. Als käme sie jetzt erst richtig zum Vorschein, nachdem er in Sicherheit ist.
Ich kaue auf meiner Backeninnenseite und mir wird eines klar: Ob bewusst, oder unbewusst, dieser Mann wird mir das Herz brechen und zwar mit Anlauf.

Stunden vergehen. Ich tigere rastlos durch das Haus, versuche meine Arbeit zu erledigen und kehre dabei in regelmäßigen Abständen in das Schlafzimmer zurück. Seine reglose Anwesenheit macht mich unruhig, gleichzeitig erfüllt seine Präsenz den Raum mit Tiefe und nicht greifbarer Wärme. Als wäre er etwas Altes, ein Wesen, das eine nicht greifbare Macht inne hat ...
Ich sehe schon, mein Verstand verabschiedet sich langsam, aber sicher. Nüchtern betrachtet liegt er genauso reglos im Bett, wie ich ihn vorhin gelagert habe. Zumindest zeigt er nach wie vor keine Anzeichen von Verschlechterung. Sein Rücken verändert sich allerdings auf erschreckende Weise: Die Blutergüsse vergrößern sich und bedecken inzwischen seine ganzen Schultern bis hinab auf gut die Hälfte seines Rückens. Würde mich echt interessieren, wie man dazu kommt. Vor allem, da der ansehnliche Rest seines Leibes völlig unversehrt ist und bleibt.
Egal. Ich kann nichts anderes tun, als meine Visiten weiterzuführen und darauf hoffen, dass er irgendwann zu sich kommt.

Der Nachmittag geht in den Abend über. Meine Pflanzen sind versorgt und der Gemüsegarten hat das Unwetter ohne gravierende Schäden überstanden. So langsam plagt mich Hunger, auch wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, da mein Gast keine Anstalten macht zu erwachen.
Vorsorglich habe ich neben seinem Bett eine Flasche Wasser und ein paar Kekse hingestellt, sollte sich das in meiner Abwesenheit ändern.
Nach einem neuerlichen Besuch an seinem Bett bemerke ich zumindest eine winzige Veränderung. Er hat sich im Schlaf etwas gedreht. Seine Hände bettet er nun unter seinem Kopf und das Kissen ist zusammengeschoben.
Wie jung er wirkt, verletzlich und dabei so erotisch wie ein Granatapfel. Dabei dürfte er in meinem Alter sein, schätze ich zumindest. Eine blonde Strähne hängt über seine Augen, scheint ihn zu kitzeln, weil er auf hinreißende Weise seine Nase rümpft. Kurz flattern seine hellen Wimpern und ich halte unwillkürlich den Atem an.
Aber nichts geschieht.
In mir wird es warm, dieses sanfte, plüschige Gefühl von Fürsorge nimmt in meinem Herzen weiteren Raum ein und veranlasst mich, mit einem Finger vorsichtig das Haar beiseite zu schieben. Weich wie der Flaum dieser seltsamen, goldenen Federn ...
Seine Anziehungskraft ist gefährlich. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück und balle die Fäuste.
Nicht anfassen! Ein blöder Gedanke kommt mir in den Sinn. Wenn sein Geruch schon meine Sinne trübt, dann geht sicherlich ein exotisches Gift bei jeder Berührung auf mich über, dessen Ziel ein ganz bestimmtes Körperteil ist: Mein Herz!
Wenn ich ihn das nächste Mal verarzte, sollte ich eventuell diese gruseligen, blauen Latexhandschuhe tragen, die ich verwende, wenn ich mit giftigen Pflanzen hantiere. Würde Sinn machen, aber es erscheint mir wie eine Gotteslästerung diesen Mann damit zu berühren. Und außerdem ... spätestens, wenn er erwacht, hat sich das mit der körperlichen Nähe ohnehin erledigt.
Griesgrämig verlasse ich das Zimmer und kümmere mich um mein Abendessen. Eine Gemüsepfanne aus gelben und grünen Zucchini, Hähnchenfleisch und Reis. Ich mag das einfache Essen und da es aus dem eigenen Garten kommt, ist es gleich noch besser.
Mit einem vollen Teller beladen gehe ich eine dreiviertel Stunde später wieder nach oben. Aber selbst, als ich ihm den Duft zufächle, reagiert er nicht.
Gut, dann eben nicht.

Gegen Mitternacht bin ich so müde, dass ich beschließe, ebenfalls eine Runde zu schlafen. Vorher lüfte ich das Krankenzimmer noch ausgiebig. Währenddessen trinke ein letztes Glas Rotwein auf dem Liegestuhl neben der Balkontüre. Da der Balkon nach hinten raus geht, kann man gut die nächtlichen Bewegungen der Wildtiere beobachten. So wie jetzt auch. Ein Fuchs schnürt über die Wiese, verharrt und macht diesen typischen Hüpfer, als er eine Scheermaus aufscheucht. Mit der fetten Beute im Maul, die er ein paar Minuten lang ausgiebig schüttelt, macht er sich auf den Rückweg in den Wald.
Weiter oben, gut 300 Meter entfernt, äst das ansässige Rehrudel, drei ausgewachsene Rehkühe und das diesjährige Kitz. Inzwischen ist es aus dem Gröbsten raus und tollt auf der Wiese umher.
Ich bin froh, dass das Jungtier heuer kein Opfer des Mähwerkes geworden ist. Letztes Jahr hat das Kitz leider nicht überlebt obwohl der Bauer das Feld vor dem Mähen abging. Ich hörte ihn fluchen, als er es überfuhr und weiß, dass es ihn wahnsinnig grämt.

Dank des wolkenlosen Himmels und fehlenden künstlichen Lichtquellen im näheren Umkreis, erkenne ich all diese wunderbaren Dinge hier draußen. Ich lehne den Kopf zurück und genieße mit allen Sinnen die Nacht. In der Luft hängt der schwere Duft von Erde und der würzige Geruch des Heus, das einen Kilometer entfernt auf dem Feld liegt und trocknet. Grillen zirpen laut und irgendwo in den Ästen der Bäume ruft ein Kauz.
Friede.
So wie bei meinem Patienten hinter mir.
Irgendwann ist mein Glas leer und mir fallen die Augen zu. Etwas wehmütig betrachte ich beim Hineingehen mein Bett. Aber ich kann mich ja schlecht zu ihm legen.
Mist ... Die Bilder, die der Gedanke auslöst, sind nicht wirklich dazu geeignet, schnell einschlafen zu können.
Mit einem bedauernden Lächeln im Gesicht verlasse ich ihn und gehe ins Wohnzimmer zurück. Noch ein paar Handgriffe in der Küche, das Glas in die Spülmaschine geräumt und ich bin bettfertig. Aus Gewohnheit werfe ich noch einen letzten Blick zur Vordertüre hinaus. Auch dort ist alles in Ordnung, zumindest auf den ersten Blick.
Eine Bewegung rechts von mir lässt mich stutzen und genauer hinsehen. Am Rande der Wiese steht ein Metallgerüst, wo man früher Teppiche ausgeklopft hat und Wäsche aufhängte. Inzwischen dient es als Kletterranke für eine alte Rose. Und darauf sitzen sage und schreibe sechs Greifvögel, wahrscheinlich Weihen und Milane!
Ich bin wie erstarrt. Normalerweise sind das Einzelgänger und sie nächtigen ganz sicher nicht in unmittelbarer Nähe eines Hauses.
Irgendetwas sagt mit, dass ihre unheimliche Zutraulichkeit etwas mit meinem Gast zu tun hat.

 


4.

 

Ich erwache wie gerädert. Die Couch ist eindeutig zu schmal für mich. In der Nacht bin ich mehrfach aufgewacht, weil ich abzustürzen drohte. Und nun plagt mich mein Rücken. Ich bin echt zu alt, für solche Experimente.
Stöhnend strecke ich mich und blinzele in die Sonne, die ungehindert durch ein Fenster hereinscheint. Sieht so aus, als haben sich die Gewitter, die heute Nacht noch ordentlich getobt haben, verzogen. Ich gähne herzhaft und streiche mein dunkles Haar nach hinten.
Vor dem Haus steht eine Bank, ein uriges Ding aus einem halben Baumstamm, wo ich bei so gutem Wetter liebend gern frühstücke, die Ruhe genieße und die Tageszeitung lese.
Frühstück ist ein gutes Stichwort. Da war doch was! Der Grund, warum ich hier nächtige. Ich lege meinen Kopf schief und lausche auf ungewohnte Geräusche innerhalb des Hauses.
Nichts.
Kein Laut deutet auf meinen Besucher hin. Vielleicht habe ich ja doch nur geträumt?
Ja, klar. Und deshalb verbringe ich die Nacht auf der Couch? Ich schüttle über die Glanzleistung meines Gehirns den Kopf und stehe auf. Mit wenigen Schritten bin ich an der Eingangstüre, schließe sie auf und trete vor das Haus. Strahlend blauer Himmel, so weit mein Auge reicht. Es wird heute sehr heiß, bereits jetzt zeigt das Thermometer neben der Türe 22 Grad. Was mir Sorgen bereitet, sind die Dunstschleier über den Allgäuer Alpen, auf die ich von meinem erhöhten Standpunkt freie Sicht habe. Und es ist recht schwül, was ebenfalls darauf hindeutet, dass es heute wieder ordentlich gewittern könnte. Gut, dass der Mann nicht mehr im Wald liegt …
Apropos Mann. Ich klatsche meine Hand an die Stirn und eile nach drinnen zurück. Himmel, wo sind nur meine Gedanken? Barfuß eile ich nach oben, öffne behutsam die Schlafzimmertüre und betrete leise das abgedunkelte Zimmer.
Wow!
Sein anregender Duft liegt schwer im Raum, raubt mir den Atem und lässt mich umgehend hart werden. In Flaschen abgefüllt wäre er sicher der Megaseller in jeder Parfümerie. Ich schüttle meinen Kopf, um diese blödsinnige Idee zu vertreiben.
Schließlich stehe ich am Bett und betrachte meinen Gast. Er scheint noch immer tief und fest zu schlafen. Aber er wirkt dennoch wacher. Ich weiß, ein Widerspruch in sich, aber gestern glich sein Zustand eher einem Koma, heute wirklich nur tiefem Schlaf. Und er hat sich bewegt, definitiv. Er liegt fast komplett auf dem Bauch, die Decke hat er vor sich zusammengerollt und das linke Bein darüber gelegt.
Ehrlich? Das Bild ist so sexy, das ich am liebsten meine Kamera holen würde. Was ist der Kerl aber auch für eine Augenweide. Gut, bis auf die blutunterlaufenen Male auf seinem Rücken. Aber sonst? Das diffuse Licht, das durch die sandfarbenen Vorhänge hereinfällt, zaubert einen Bronzeton auf seinen ganzen Leib, seine hellen Haare wirken wie geschmolzenes Gold. Das Arrangement wirkt, als hätte ihn ein Künstler so arrangiert, um ihn zu malen.
Ich bin echt heiß auf diesen Fremden, kann kaum die Finger bei mir lassen. Fehlt nicht viel und ich würde mir noch Mal an die Stirn klatschen. Ich zwinge mich, meine lüsternen Gedanken zu verdrängen und umrunde das Bett, um nachzusehen, ob er nicht doch wach ist. Nein, ist er definitiv nicht. Sein Gesicht ist vollkommen friedlich und ruhig, die Augen geschlossen und sein Atem geht tief und gleichmäßig. Dieser friedliche Ausdruck auf seiner Miene beruhigt mich etwas und drängt den Gedanken, dass ich einen Arzt holen sollte, in den Hintergrund. Vernünftig wäre es allemal, aber mein Gefühl sagt mir, dass es besser ist, wenn ich ihm noch Zeit gebe. Als meine Entscheidung steht, wende ich mich mühsam von ihm ab und gehe an die Balkontüre. Ich ziehe die Vorhänge auf, öffne die Tür und schrecke mit einem mühsam unterdrückten Schrei zurück.
Unwillkürlich presse ich eine Hand auf mein Herz, das wie wild in meiner Brust klopft. Himmelherrgott! Was ist das denn für ein Chaos?
In dem Moment, als ich die Türe öffne, flattern gefühlte tausend Vögel aller Arten auf und stieben wild kreischend davon. Und ich habe mich noch gewundert, warum es vor dem Haus so still war.
Jetzt weiß ich, warum. Was hat der Kerl hinter mir nur an sich? Als ich mich hektisch nach ihm umdrehe, weil ich befürchte, er könnte aufwachen und sein Gesicht betrachte, scheint er leicht zu lächeln. Ein Anblick, der mich regelrecht dahinschmelzen lässt und mir den Ausdruck ‚süß‘ aufdrängt, was ich in Zusammenhang mit einem Mann sonst tunlichst vermeide.
Der erneute Blick auf meinen Balkon ernüchtert mich dagegen in Sekundenschnelle. Toll! Mein Patient hatte zweifelsfrei ein exquisites Morgenkonzert und ich jetzt den Dreck. Die Vögel scheinen echt jeden Sitzplatz belagert zu haben, denn selbst auf dem kleinen Beistelltisch finden sich ihre Hinterlassenschaften.
Aber das mache ich später. Ich brauche jetzt einen Kaffee und dann werde ich mal die blauen Flecken auf Goldlöckchens Rücken versorgen.

Selbst der starke, anregende Geruch eines frischen Espressos entlockt dem Mann zehn Minuten später keine Reaktion. Dann eben nicht. Ich sinke vorsichtig neben ihn auf die Matratze und verreibe die Salbe zwischen meinen Händen, damit sie nicht so kalt ist. Die Aussicht, ihn wieder berühren zu dürfen, jagt meinen Puls in die Höhe. Wieder mustere ich ihn ungeniert, genieße seinen Anblick und grinse erneut, beim Betrachten der kleinen, verwegenen Tätowierung, direkt über dem Ansatz seines perfekt geformten Hinterns. Da er jetzt nahezu auf dem Bauch liegt, kann ich die hübsche Feder genau erkennen. Tolle Arbeit, unheimlich detailliert. Es sieht so aus, als schwebe das filigrane Gebilde ein kleines Stückchen über der Haut und wirft einen kaum sichtbaren Schatten. Ich habe selten so etwas Erotisches wie das gesehen.
Während ich in sanften, kreisenden Bewegungen die Salbe einmassiere wandert mein Blick immer wieder über den sanften Schwung seines Rückens, den Knick seiner Taille und zu seinem runden, prallen Hintern.
Ehe ich recht weiß, was ich tue, gleiten meine Hände hinab, streichen über seine seidigzarte Haut und entlocken ihm eine Gänsehaut. Es ist schön, seine Wärme zu spüren, die Glätte und Beschaffenheit seines Leibes lässt meine Finger kribbeln und meinen Unterleib zucken. Wie gerne würde ich jetzt meine Lippen auf das tätowierte Stückchen Haut pressen, genau da, wo jetzt meine Fingerspitzen den Umriss nachzeichnen ...
Scheiße!
Was tue ich hier eigentlich?
Mit einem animalischen Knurren, zwinge ich mich, von ihm abzulassen und haste aus dem Zimmer.
Meine Wasserrechnung dürfte die

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 21.06.2015
ISBN: 978-3-7396-2815-8

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