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Samuels Rettung

In de Boost, einer Straße an der Elbchaussee, herrschte inzwischen Ausnahmezustand. Menschen standen am Straßenrand, wild gestikulierend, andere liefen durch die Vorgärten, ihre Blicke auf den Boden gerichtet. In ihren Gesichtern spiegelte sich neben Angst auch Ratlosigkeit. Odalys schlug gerade die Hände über dem Kopf zusammen, als schließlich auch ein Streifenwagen der Hamburger Polizei vor der Villa Säuerling hielt.

Zwei Beamten stiegen aus und kamen entschlossen den Hof hinauf. Odalys lächelte peinlich berührt, als sie den Beamten entgegentrat, bereit, um dieses Chaos zu erklären.
„Frau Säuerling?“
Sie nickte.

„Können sie uns erklären, was hier los ist? Jemand hat uns gerufen mit der Begründung, dass hier mit Giftpfeilen geschossen wird!“ Es dauerte einige Sekunden, bis Odalys die Worte des Beamten verstanden und registriert hatte – die stille Post machte wohl auch vor Notrufen keinen Halt. Aber sie ersparte sich die Frage, wer aus der Nachbarschaft die Polizei angerufen hatte.

Die Antwort lag genau so nahe, wie der Anrufer selbst. Sie warf einen finsteren Blick zum Haus gegenüber. Wie zwei Scheinheilige standen die Fischers vor der Haustür und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung.

In ihren Gedanken konnte sie Franz Fischer zum Telefonhörer greifen sehen, während Brigitte alles vom Küchenfenster aus kommentierte. So hatten sie es schon einmal getan. Als Manfred seinen Wagen mit dem Gartenschlauch abspritzte und daraufhin einen Bußgeldbescheid im Briefkasten fand.

Und sie taten es auch, als die Gartenparty zu seinem 50. Geburtstag länger dauerte als 22.00 Uhr. Die Beamten drückten damals ein Auge zu und beließen es bei der Bitte, die Musikanlage leiser zu drehen, damit Herr und Frau Fischer nicht weiter in ihrer Nachtruhe gestört würden.

Doch dieses Mal hatte Brigitte nur die halbe Information durch das Fenster mitbekommen und die Rufe und das Gerede über zwei abhanden gekommene Pfeilgiftfrösche in eine Giftpfeil-schießerei umgewandelt.
„Nein Herr Kommissar“, sagte sie. „Hier gibt es keine Giftpfeile. Uns sind zwei Pfeilgiftfrösche abhanden gekommen.“
„Ich bin Oberwachtmeister, junge Frau“, lächelte der Beamte. „Kein Kommissar. Winter, mein Name. Was haben sie gesagt? Es geht hier lediglich um zwei Frösche?“ Sie nickte.
„Soll das ein Scherz sein?“

Odalys schüttelte den Kopf. „Pfeilgiftfrösche sind mitunter die giftigsten Tiere auf der Erde“, sagte sie kleinlaut. Die Beamten warfen sich einen Blick zu, den sie zunächst nicht richtig deuten konnte. Offenbar glaubten sie ihr kein Wort. „Mein Sohn hat sie aus dem Labor seines Vaters genommen und sie irgendwo bei uns im Garten verloren. Wir müssen die Tiere finden.“

„Was genau macht sie so gefährlich?“, fragte der Beamte vorsichtig. „Allein die Berührung kann tödlich sein...“, sagte Odalys mit zittriger Stimme.
„Wo ist ihr Sohn? Geht es ihm gut?“
Odalys nickte. „Er hat scheinbar die Tiere nicht angefasst oder ein Schutzengel muss über ihn wachen. Ihm geht es gut, er steht dort vorne an der Laterne, ich habe gerade versucht, mich zu beruhigen.“

Der zweite Beamte zückte sein Funkgerät und rief die Zentrale, während Winter seinen Notizblock wieder einsteckte und sich umsah.
„Verzeihen sie meine Unkenntnis, aber können sie mir sagen, wie die Frösche aussehen?“

„Diese hier sind grün und sind etwa so groß.“ Ihre Größenangabe zwischen Daumen und Zeigefinger begann etwas zu wanken, als plötzlich ein Wagen mit quietschenden Reifen um die Kurve flog. Der schwarze Mercedes raste die Booststraße herunter und kam schließlich, Stoßstange an Stoßstange mit dem Streifenwagen, zum Stehen.

Wenige Sekunden später sprang ein sichtlich nervöser Manfred Säuerling aus dem Wagen und kam im Laufschritt auf Odalys und die Polizisten zu. "Wo ist Samuel?", war seine erste Frage. "Ist er okay?", seine zweite.
"Samuel steht dort hinten am Straßenrand“, sagte Odalys verdächtig ruhig und sah ihn dann an.

Ihr rechtes Auge begann leicht zu zucken und er dachte zunächst, dass sie mit den Tränen kämpfte. Er warf einen Blick über die Schulter und sah seinen Sohn, der verloren am Straßenrand stand und auf den Boden starrte. "Ist alles in Ordnung?", fragte er wieder.

Doch er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, als Odalys ihn mit funkelnden Augen anfuhr: „La madre que te parió! Ja, es geht ihm gut! Er hat die Frösche anscheinend nicht angefasst und er wird sie auch nicht mehr anfassen! So viel Glück kann unser Sohn nur haben, wenn es einen Gott gibt, der die Hand schützend über ihn legt, wenn ein verantwortungsloser Vater mal wieder nachlässig war!“

Säuerling starrte seine Frau erschrocken an. So wütend hatte er sie noch nie erlebt. Selbst nicht, als er ihren ersten Hochzeitstag vergessen hatte. Und es war für sie auch kein Grund, wütend zu werden, als er die darauffolgenden drei Hochzeitstage ebenfalls vergaß. Odalys wurde nie richtig wütend. Vielleicht einer der vielen Gründe, warum er sie so sehr liebte?

„Bitte beruhige dich, Liebling!“, sagte er und berührte ihre Schultern. Sie entzog sich ihm mit einem Ruck. „Manfred, er hätte sterben können! Warum war die Türe zum Labor nicht abgeschlossen? Warum hast du dich nicht um eine zusätzliche Sicherung für die Anlage bemüht, worum ich dich gebeten hatte?

Interessiert es dich überhaupt noch, was ich sage?“
„Der Junge hat sie gefunden!“, rief jemand aufgeregt. „Nicht anfassen, Samuel, die Viecher töten ein Pferd“, sagte jemand anderes. „Nicht anfassen“, rief auch Winter, doch Samuel reagierte nicht. Er hockte auf der Straße und beugte sich über zwei helle Punkte und streckte langsam seine Hand nach ihnen aus.“ Manfred hielt dem Atem an und begann zu beten.

Er wusste, dass Pfeilgiftfrösche nach langer Zeit in Gefangenschaft und durch Umstellung der Ernährung kein Giftsekret mehr produzieren, aber er wollte es auf gar keinen Fall auf den Versuch ankommen lassen. Ohne auch nur eine einzige Sekunde unnötig zu verschwenden, lief er los. Die Polizisten folgten ihm prompt.

"Fass sie nicht an!", brüllte Manfred Säuerling in einem Ton, den Samuel zwar unterschwellig wahrnahm, aber aus dem er nicht so richtig deuten konnte, ob sein Vater ihn nun jetzt erwürgen oder nur anflehen wollte. "Samuel! Beweg dich nicht! Keine Panik, ich bin gleich bei dir, nur um Gottes Willen fass die Tiere nicht an!"

In dem Augenblick berührten die kleinen Finger den warmen Körper des kleinen grünen Frosches und streichelten ihn sanft, während die andere Hand Tränen aus dem Gesicht wischte. Säuerling schrie auf, stolperte über einen Rasenkantenstein und taumelte. „Nein Samuel!“

Es waren nur noch wenige Schritte, die ihn von seinem Sohn trennten. Schritte, die über sein Leben oder sogar über seinen Tod entscheiden konnten. Doch so sehr er sich auch bemühte, nicht den Halt zu verlieren, stürzte er doch unaufhaltsam zu Boden.

Noch im Flug riss er die Arme nach vorne, um seinen Sohn zu erreichen. Er wollte ihn dieser gefährlichen Situation entreißen, ihn retten, die Unverantwortlichkeit wieder gut machen, ihn danach in die Arme nehmen, ihn schütteln und wieder in die Arme nehmen.

Doch er bekam nur den Zipfel seines Pullovers zu fassen, bevor er der Länge nach auf den harten Asphalt knallte. Er nahm den stechenden Schmerz in seiner linken Schulter kaum wahr und kroch hektisch die wenigen Zentimeter zu seinem Sohn, packte ihn schließlich und riss ihn zu sich herum.

„Ich habe gesagt NICHT ANFASSEN!“, fuhr Säuerling ihn an, und umarmte ihn aber im gleichen Atemzug. Dann griff er nach seinen Händen und untersuchte sie nach möglichen Rötungen oder anderen allergischen Reaktionen.

Das giftige Sekret dieser Froschhaut drang durch die Haut, um sich dann systematisch einen Weg in die Blutbahn zu suchen. Doch er konnte nichts Außergewöhnliches an den Fingern seines Sohnes feststellen. „Geht es dir gut? Ist dir schlecht? Hast du Kopfschmerzen, tut dir irgendwas weh?“

Instinktiv fühlte er Samuels Stirn, und erst jetzt registrierte er, dass sein Sohn bitterlich weinte.
„Was meinen Sie, ist alles in Ordnung mit ihm? Oder sollen wir vorsichtshalber den Notarzt rufen“, fragte Winter und sah mitleidig auf den weinenden Jungen herab. Säuerling winkte ab. „Ich denke, es ist alles in Ordnung mit ihm.“

Nun war es Winter, der die Zentrale anfunkte, damit diese die bestellte Verstärkung wieder zurückpfiff. Der Einsatz war erledigt. „Die Rechnung wird per Post geschickt“, sagte der andere Beamte und der Ton in seiner Stimme ließ erahnen, wie viel Wahrheit sich in dieser Aussage befand.

"Sie sind tot!“, weinte Samuel leise und jedes Wort erstickte in einem unkontrollierten Schluchzen. „Chuck und Speedy sind tot!“ „Ja, die sind in der Tat tot“, antwortete Winter und stieß mit dem Fuß leicht gegen das kleine Häufchen grüner Masse auf der Straße.
„Hey, lassen sie das!“, fauchte Samuel. „Sie waren meine Freunde!“

„Deine Freunde?“, Manfred schnappte nach Luft.
„Ja Papa, es waren meine Freunde! Und du hast sie getötet!“
„Ich?“
Samuel deutete auf den schwarzen Mercedes. „Du hast sie einfach überfahren, du Mörder!“ Er schluchzte wieder. „Ich hasse dich!“
Dann war es Odalys, die sich ihres Sohnes annahm, ihm die Hand reichte, damit der aufstand. „Sam, wir gehen jetzt besser rein“, sagte sie ruhig und streichelte ihm liebevoll über den Kopf, dann schob sie ihn an den Beamten und auch an Manfred vorbei ins Haus.

Der schwieg und sah den beiden bedrückt nach.
„Also keinen Rettungswagen?“ Winter sah seinen Kollegen an, doch der zuckte nur ahnungslos mit den Schultern. „Herr Säuerling, Ihre Frau erzählte uns vorhin, dass die Tiere so unglaublich giftig sind?" Winters Stimme hatte plötzlich etwas unterschwellig Überhebliches.

„Wieso erfreut sich ihr Sohn dann bester Gesundheit – zum Glück, selbstverständlich!“ Säuerling seufzte, stand auf und erklärte: „Offenbar hat die Wirkung des Giftes in der Zeit der Gefangenschaft nachgelassen oder es sind gar keine Toxide mehr vorhanden. Er hat unglaubliches Glück gehabt.“

„Unglaubliches Glück haben Sie gehabt, Herr Säuerling. Ihre Frau hat mir genauestens berichtet, wie es überhaupt zu diesem Vorfall kommen konnte. Sie halten in ihrem Labor - das sich auch noch inmitten ihres Wohnhauses befindet - tödlich giftige Tiere und sind nicht in der Lage, dafür zu sorgen, dass der Bereich auch so abgesichert ist, dass Kinder keinen Zutritt haben.

Hier reicht nicht das übliche Schild an der Türe BETRETEN VERBOTEN ELTERN HAFTEN FÜR IHRE KINDER! Aber wem sage ich das. Sie sind der Wissenschaftler und wie es sich bei meinen Erkundigungen herausgestellt hat, ein sehr namhafter – jedenfalls hier in Hamburg.

Arbeiten Sie nicht auch hin und wieder im Auftrag der Regierung? Und gehen Sie mit diesen Arbeiten auch so unvorsichtig um? Herr Säuerling, ich muss ihnen leider mitteilen, das diese Sache wohl noch ein Nachspiel haben wird. Ich weiß nicht, in wieweit die Ermittlungen gehen werden, offenbar liegt hier eine Form von Fahrlässigkeit vor.

Und dass es Ihrem Sohn gut geht, wissen Sie ganz sicher?“ Säuerling nickte und sah zu Boden. Er hatte Mühe, den Worten des Polizisten zu folgen. Er war vielmehr noch in dem Gedankensumpf gefangen, der ihm ununterbrochen die Was-Wäre-Wenn-Frage im Kinoformat und in Dolby Surround lieferte. Und diese Gedanken würden ihn auch noch viele Tage begleiten und auch in den folgenden Nächten ihr Unwesen in seinem Kopfe treiben.



Experiment Electrophorus - Kurzbeschreibung

Manfred Säuerling und Georg Rosenrunge, zwei Männer mit unterschiedlicher Hautfarbe, zwei Wissenschaftler auf zwei unterschiedlichen Gebieten, zwei Freunde mit unterschiedlichen Interessen, zwei Welten, die aufeinander treffen. Und doch haben die beiden etwas gemeinsam: die Vorliebe für das Abenteuerliche und die Faszination der Natur.

. Während einer Forschungsreise durch den tropischen Regenwald machen er und Rosenrunge schließlich eine bahnbrechende Entdeckung: biologische Energieressourcen, das Tier als Kraftwerk – die Operation Electrophorus beginnt. Aus der Entdeckung wird erst eine utopische Idee, dann eine Vision und schließlich gelingt es den beiden – ganz nach Alexander von Humboldts Theorien und einer Menge Experimente später – genau diese ungeahnte Stromquelle massen- und auch netztauglich zu machen.

Eine ganze neue Ära der Energiegewinnung beginnt und bedeutet somit das Aus für monopolisierte Preistreiberei herkömmlicher Energieerzeuger. Doch diese weltbewegende Entdeckung bringt nicht nur weitere Nominierungen für den Nobelpreis, sondern auch Schattenseiten – der Kampf der Giganten beginnt.


Impressum

Tag der Veröffentlichung: 02.01.2010

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Samuel hat die giftigsten Tiere, ohne es zu wissen, seinem Vater aus dem Terrariom entwendet und hat versucht sie mit in die Schule zu nehmen. Eine direkte Berührung kann tödlich sein.

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