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Praktikantin von Abteilung zu Abteilung

Zur Vorbereitung auf meine zukünftigen Büropflichten in der Industrievertretung meines ebenfalls zukünftigen Ehemannes, sollte ich mit den Grundkenntnissen vertraut gemacht werden. Hajo hatte mir dafür ab Mai 1963 einen Praktikumsplatz in einer seiner großen Schraubenfabriken, die er vertrat, in Wuppertal-Cronenberg beschafft.

 

Logis gab es in Sudberg, das in dem Städtedreieck Wuppertal, Solingen und Remscheid liegt. Ein kleines, nettes Zimmerchen in einem Landgasthof in malerischer Umgebung, mit direkter Sicht auf die Müngstener Brücke wurde für mich angemietet.

Vom Gasthof kam man nur durch einen recht langen Hohlweg zur Straßenbahnstation, die mich dann jeden Morgen kurz nach sieben Uhr nach Cronenberg zur Schraubenfabrik C. Bauer beförderte.

Im Lager dieser Fabrik startete ich, per Laufzettel kamen die Anforderungen für die Packstation und zugleich musste der Fertigung ein Auftrag für Ersatz gemeldet werden. Im Jahre 1963 ging da noch nichts automatisch.

In riesigen Regalen lagerten Schrauben aller Art, die großen netterweise unten, die kleinen weiter oben, die man allenfalls mit einer Leiter erreichen konnte. Also mit heißen Röckchen war man hier vielleicht gerne gesehen, aber nicht unbedingt vorteilhaft angezogen. Zumal hier natürlich fast nur Männer arbeiteten.

Aber Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft unter allen Mitarbeitern wurde hier groß geschrieben und so verging der Monat Mai in Nullkommanix.

Und ich erhielt meine allererste Lohntüte! Welch ein Erlebnis, mein erstes selbstverdientes Geld: Einhundertfünfzig Mark. Dieses unbeschreibliche Gefühl werde ich nie vergessen.

Der Juni bescherte mir die Packstation. Das war Knochenarbeit und ich wurde für den Rest meines Lebens fit gemacht, Päckchen und Pakete in atemberaubender Geschwindigkeit zu packen. Jede Frau arbeitete an bestimmten Abschnitten sozusagen am Band, am laufenden Band natürlich.

Während ich verbissen und schweigend versuchte, die richtigen Schrauben nach den Anweisungen sach- und fachgerecht in diesen Paketmonstern versandfertig zu machen, unterhielten sich die anderen Frauen dabei über ihre Abende und vor allem über ihre Nächte. Ja, da konnte ich wirklich noch was lernen, vor allem montags, da ging echt die Post ab, wenn die süffisanten Erlebnisse vom Wochenenden ausgetauscht wurden.

Da ich zu dem täglichen Austausch nichts beitragen konnte, fiel ich da irgendwie durchs Raster, mich nahm keine wahr und somit konnte ich nahezu ungestört zuhören. Auf die Idee, mich nach meinem Liebesleben zu fragen, kam glücklicherweise nicht eine einzige.

Dafür wollte man aber eine genaue Schilderung über den Besuch Kennedys Ende Juni in Berlin von mir hören. Immer wieder musste ich seine legendären Worte: „Ich bin ein Berliner“ wiederholen, obwohl es ja die meisten von ihnen zuvor im Fernsehen oder Radio schon gesehen und gehört hatten. Nun, damit konnte ich dienen. Endlich kam auch mal was von mir!

In die Fertigung und weitere Bearbeitung in der Galvanik bekam ich nur einen kurzen Einblick, denn im Juli stand nun erst mal unsere standesamtliche Hochzeit in Berlin an. Und der August war für unsere Hochzeitsreise 'einmal rund um Skaninavien' verplant.

September bis Mitte Oktober verbrachte ich in verschiedenen Bereichen, in denen ich nur Zaungast war und selber nicht mit anpacken konnte, wie zum Beispiel im Schreibsaal und in der Konstruktion in der Projekte entworfen und gezeichnet wurden.

Ereignisreicher Endspurt

Dann landete ich endlich in einer Abteilung, in der ich mich wirklich von Beginn an wohl fühlte: in der Lohnbuchhaltung. Obwohl ich das Schulfach 'Mathematik' hasste wie die Pest, in der Höheren Handelsschule, die ich ebenfalls als Vorbereitung für mein zukünftiges Leben als Ehefrau und Bürohilfe eines Industrievertreters zu absolvieren hatte, war Buchhaltung eines meiner Lieblingsfächer.

Wir saßen zu dritt in einem Zimmerchen unterm Dach. Mein Platz direkt am Fenster mit einem herrlichen Blick über das hügelige Land. Die Arbeit machte Spaß und wir drei verstanden uns prima. Edmund war 24 und erst drei Jahre in der Firma und Helmut mit 43 „schon solange wie ich denken kann“, so seine Worte. In der Mittagspause packten die beiden Herren dann ihren Henkelmann aus, eine Kantine gab es damals noch nicht.

Da ich ja seit den schrecklichen Berliner Schulspeisungen irgendwie henkelmanngeschädigt war, hatte ich so was natürlich nicht, sondern kaute an meinen zwei trockenen Brötchen rum, die ich mir morgens vom Bäcker holte.

Das konnten die beiden auf Dauer wohl nicht mit ansehen und bald hatte Edmunds Mutter für das arme hungrige 'Berliner'Kind' noch einen weiteren Blechnapf angehängt, dessen Inhalt ich dann wohl oder übel mittags verspeisen musste. Die heimische Wuppertaler Küche war mir natürlich überhaupt nicht vertraut und ich erlebte so manche Überraschung: zum Beispiel Grünkohl zusammen mit Kartoffeln und Birnenstücken gekocht. Das klang für mich völlig absurd, war auch nicht lecker, die Höflichkeit trieb es halt rein …

Abends aß oder trank ich meist noch eine Kleinigkeit unten im Gastraum meiner Vermieter und konnte dabei die Nachrichten der Tagesschau und auch schon mal die eine oder andere Sendung sehen. Ab dem 24. Oktober schauten wir gebannt an vielen Tagen und Stunden in die Röhre, um die Rettungsarbeiten in der Grube von Lengede zu verfolgen. Erstmals war bei einer solchen Aktion das Fernsehen - NDR und ZDF - live dabei.

Über Tage hatte man die verschütteten Bergleute bereits für tot erklärt, die Trauerfeier war für den 4. November angesetzt; Auch die Bergungskolonnen waren bereits abgerückt. Doch einige der Hauer hofften, dass noch Bergleute am Leben sein könnten - im "Alten Mann". Doch wo genau der "Alte Mann" unter Tage liegt, zeigten die Karten nicht.

Es war also reiner Zufall - und unglaubliches Glück: Am 3. November wurde 200 Meter vom gefluteten Hauptschacht entfernt genau der richtige Punkt getroffen. Und tatsächlich: im "Alten Mann" hörten elf Überlebende plötzlich Bohrgeräusche. Einer hatte ein Taschenmesser dabei und klopfte damit wie wild auf das Metallrohr. Über Tage herrschte Fassungslosigkeit über die Klopfzeichen. Dann Freude! Die Bergungstruppen und die Gerätschaften wurden wieder zurückbeordert.

Doch es dauerte noch mehrere Tage, bis sie geborgen werden konnten. Die Bohrarbeiten mußten sehr vorsichtig vorgenommen werden, damit die Höhle nicht einstürzt. Als am 7. November einer nach dem anderen über die Dahlbuschbombe nach oben gezogen wurde, wurden sie gefeiert wie Helden. Traurige Helden, denn für 29 andere Kumpel gab es kein Wunder.

 

Gut vierzehn Tage später gab es allerdings überhaupt keinen Grund zum Jubeln: der 22. November 1963 wird wohl ewig in meinem Gedächtnis bleiben. Wie in einer Endlosschleife sehe ich noch heute immer wieder die gleichen Bildabläufe vom Attentat auf J.F. Kennedy: die schwarze offene Limousine, eine strahlende Jackie in ihrem pinkfarbenen Kostüm mit Hütchen, der winkende Kennedy und dann die Einschläge der Kugeln, die mit einem Schlag alles, aber auch wirklich alles veränderten.

Es war an einem Freitag und normalerweise wurde ich zum Wochenende von meinem Mann abgeholt, aber an diesem 22. November war er in Berlin und konnte nicht nach Wuppertal kommen. So verbrachte ich die meiste Zeit unten im Gastraum vor dem Fernseher. Es war so grauslich – aber wie hypnotisiert schaute ich immer wieder hin, nochmal und nochmal…

 

Und je öfter ich es mir ansah, um so kälter wurde es in mir und um so größer das Entsetzen.

Irgendwann saß ich alleine vor der sog. "Flimmerkiste", wie sie damals noch oft genannt wurde. Die Gäste, meistens Männer aus dem Dorf, hatten genug gesehen, gingen zur Tagesordnung über: bestellten ein neues Bierchen und spielten Skat oder Doppelkopf.

Amerika?: mein Gott, ist doch sooo weit weg! Houston? – wo ist das denn? Ach so … Texas? Da geht es halt wohl immer etwas rauher zu, weiß man doch, oder?

Ich konnte es nicht fassen und klebte weiter am Fernseher. Aber alle folgenden Informationen nahm ich nur noch lückenhaft wahr, die vergeblichen Versuche, ihn wiederzubeleben, den schnell arrangierten neuen Amtseid von Lyndon B. Johnson an Bord des Flugzeugs und sogar die Festnahme des vermutlichen Attentäters Lee Harvey Oswald, sowie dessen Ermordung zwei Tage später in einer Tiefgarage durch Jack Ruby.

All das rutschte bei mir irgendwie durch, aber die Bildfolge über dass schreckliche Attentat, die von einem Amateurfilmer aufgenommen wurde, ist nach wie vor unvergessen.

Besonders groß war die Trauer in West-Berlin und die Berliner, vor allem die Jugendlichen, versammelten sich spontan am Schöneberger Rathaus zu einem stillen Gedenken an ihn, den Hoffnungsträger für ein freies Berlin, der in unserem Denken und Hoffen und Fühlen der einzige war, dem wir zutrauten, Ost und West wieder zu vereinen und der russischen Willkür die Grenzen aufzuzeigen.

Und am 25. November strömten zum Abschied 250.000 Menschen zum Rathaus Schöneberg, wieder auf den Platz, auf dem Kennedy wenige Monate zuvor seine große Rede gehalten hatte – endend mit den bejubelten Schlussworten: "Ich bin ein Berliner!".

 

Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt sagte in seiner Traueransprache:

 

„Eine Flamme ist erloschen für alle Menschen, die auf einen gerechten Frieden und auf ein besseres Leben hoffen. Die Welt ist an diesem Abend sehr viel ärmer geworden.“

Nachtrag:

 

Nachtrag:

 

 

Kennedy selbst sah schon einige Zeit zuvor, die Gefahr eines Anschlags, blieb aber gelassen. Sein Assistent Kenneth O’Donnell erinnerte sich später an seine fatalistischen Worte:

 

„Wenn jemand wirklich den Präsidenten der Vereinigten Staaten erschießen wollte, wäre das keine schwierige Arbeit: Man müsste nur eines Tages mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf ein hohes Gebäude hinauf, niemand könnte etwas gegen einen solchen Anschlag unternehmen.“

   

Offizielle Version

 

Das Attentat auf den Präsidenten

 

Mit Kennedy im Wagen saßen seine Frau Jackie, Gouverneur John Connally, dessen Frau Nellie Connally sowie der Fahrer William Greer und ein Leibwächter, beide vom Secret Service.

Als die Autokolonne nur noch knapp vier Kilometer vom Veranstaltungsort entfernt war, fuhr sie auf der Houston Street, die den Gebäudekomplex der Dealey Plaza nach Westen begrenzt, auf das Schulbuchdepot des Staates Texas zu. Hier bogen die Wagen in einer 120°-Kurve in westlicher Richtung in die Elm Street ein. Etwa auf halber Höhe zwischen dem Schulbuchdepot und einem hinter einem Bretterzaun gelegenen Grashügel stand ein Amateurfilmer und filmte den vorbeifahrenden Wagen des Präsidenten auf Normal-8-mm-Farbfilm.

 

Kurz vor dem Attentat hatte sich die Frau von Gouverneur Connally angesichts der vielen freundlich winkenden Menschen am Straßenrand an den hinter ihr sitzenden Präsidenten mit den Worten gewandt:

„Mr. President, man kann nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt“, und Kennedy hatte zugestimmt: „Nein, das kann man ganz sicher nicht sagen.

Kurz darauf fielen um 12:30 Uhr drei Gewehrschüsse. Nach der später so genannten Single-Bullet-Theorie der Warren-Kommission ging der erste fehl, die zweite Kugel durchschlug Kennedys Hals, Connallys Brust und Handgelenk und verletzte ihn am Oberschenkel. Connally sank auf den Schoß seiner neben ihm sitzenden Frau, die ihn an sich drückte und so den Kollaps seiner Lunge verhinderte.

Da Kennedy aus gesundheitlichen Gründen ein Korsett trug, blieb er aufrecht sitzen, sodass der dritte Schuss ihn in den Kopf traf, dessen rechte Hälfte aufplatzte. Jackie Kennedy kletterte auf das Heck der Limousine und sammelte etwas von der Hirnmasse ihres Mannes auf, die dorthin gespritzt war. Der Secret-Service-Mann Clint Hill, der inzwischen auf den Wagen aufgesprungen war, drängte sie in ihren Sitz zurück. Der Fahrer, der nach dem zweiten Schuss abgebremst hatte um sich nach dem Präsidenten umzusehen, beschleunigte nun den Wagen zur Flucht. Mehrere Augenzeugen sahen den Gewehrlauf aus einem Fenster des fünften Stocks des Schulbuchlagers ragen..

(Wiki)

Fahrtroute

 

Eine etwas andere Version

 

 

Der Platz, auf dem John F. Kennedy starb

 

Dealey Plaza, Dallas, Texas.

 

Eine Tatortbegehung.von Florian Ernst Kirner 

Foto: NEstudio/Shutterstock.com

 

 

 

 

https://www.rubikon.news/artikel/der-platz-auf-dem-john-f-kennedy-starb

 

 

 

Impressum

Texte: Gittarina
Bildmaterialien: NEstudio/Shutterstock.com (Fahrtroute)
Cover: Von Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4068330
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2018

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