Cover

Titel

 

 

*Storys, die das Jahr

so schrieb*

 

 

Erinnerungen

Teil 1

 

 

 

 

 

Gitta Rübsaat (Hrsg.)

Autoren – Anthologie

 

zum Buch

Die Genehmigung der Autoren zur Verwendung ihrer Werke

für diese gemeinnützige Anthologie liegt vor!

 

 

Gemeinsam für caritative Projekte

Die Autoren verzichten auf jegliches Honorar,

der Nettoerlös geht also vollständig

an die ARCA-Tierrettung e.V.

Allen BookRix Autoren ein herzliches Dankeschön

und unser besonderer Dank gilt Heike Helfen,

die und das von ihr entworfene und gemalte Coverbild

ebenfalls kostenlos zur Verfügung gestellt hat. 

 

 

Die Originalausgabe erschien im Juni 2018

bei BookRix GmbH & Co.KG

als e-book 

 

 Copyright © 2018 Gitta Rübsaat (Hrsg. und Mitautor)

Alle Rechte liegen bei den Autoren

Cover Illustration: ©Heike Helfen

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung der Autoren zulässig.

Das gilt vor allem für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

so wie das Speichern und Verarbeiten in elektronischen Systemen.

Inhaltsverzeichnis

 

 - Vorwort - Gitta Rübsaat

 

 Januar

  1. Nie wieder … - Roland Schilling
  2. Balu - Alisa M. Hasse
  3. Als viel Schnee fiel - Matthias März
  4. Januar Ereignisse - Angela Ewert
  5. Januar in Quarantäne - Gitta Rübsaat
  6. Der Ahornbaum - Doris Frese

7. Sydney in Shorts und T-Shirt - Rebekka Weber

 

Februar

  1. Unbedingt - Alisa M. Hasse
  2. Jeck mit Kamillentee - Sophie Lange
  3. Ganz in Weiß - Gitta Rübsaat
  4. Wir waren Cowboys und Indianer - Roland Schilling
  5. Umzug im Februar - Angela Ewert
  6. Als meine Oma starb - Doris Frese
  7. Sturmflut und Liebe - Marianne Kleinert
  8. Altweiber und Japaner - Rebekka Weber

 

März

  1. Der LKW-Schein - Margo Wolf
  2. Otello hatte Grippe - Angela Ewert
  3. Lauf, Willi, lauf! - Roland Schilling
  4. März 1958 - Klaus-Rainer Martin
  5. Ein Fischlein im März - Gitta Rübsaat
  6. Völlig unbekümmert - Matthias März

7. Augen wie Pizzableche - Ina Baumgarten

 

April 

  1. Der Kaminspiegel - Roland Schilling
  2. Papa und der Osterhase - Matthias März
  3. Die Widder sind los - Angela Ewert
  4. Der Aprilscherz - Lena Müller
  5. Die Osterüberraschung - Gitta Rübsaat

 

Mai

  1. Bock auf Maibock - Matthias März
  2. Mai 1945-Kriegsende - Doris Frese
  3. Endlich geschafft - Manuela Schauten
  4. Das Kammerkonzert - Gitta Rübsaat
  5. Monsun… über uns der Tropensturm - Rebekka Weber

6. Maikäfer flieg … - Sophie Lange

 

Juni

  1. Nasse Füße in Perleberg - Gitta Rübsaat
  2. Mozartfestzeit - Angela Ewert
  3. Navi oder Gedächtnis? - Manuela Schauten
  4. Der Reinfall mit der Ente - Matthias März
  5. Immer wieder im Juni - Doris Frese
  6. Endlich nach sechs Jahren - Michaela Haidenthaller

7. Das Geschenk, geliebt zu werden - Ina Baumgarten

8. Farbwechsel - Rebekka Weber

9. Willkommen, kleine Emilia - Margo Wolf

Anhang: Unsere Spenden-Anthologien

 

 

 

 

Vorwort - Gitta Rübsaat

 

Weißt Du noch … ?

Ja, ich erinnere mich … !

 

Wie gerne schwelgt man in seinen mentalen Erinnerungen, bildhaften Szenen, angenehmen, schönen und fröhlichen Ereignissen, die einem bei irgendeiner Gelegenheit wieder einfallen.

Meist reichen Stichworte, Fotos, Geräusche, Gerüche oder Situationen – und schon läuft der innere Film aus unserem Gedächtnis ab.

Irgendjemand erzählt etwas über sein erstes Fahrrad – und schon sind die eigenen Gedanken da, sieht sich selbst und vielleicht die zunächst oft noch ungelenken Versuche, das Rad zu beherrschen.

Oder wir sehen in einem Film eine Szene, die uns an eine eigene Geschichte erinnert, hören ein Lied oder auch nur die Klangfarbe einer Stimme …

Nicht immer gelingt es uns, alle Erinnerungen wieder auszugraben. Ja, da war doch mal was, aber was? Wann, wo, mit wem und warum – dann war es vielleicht nicht so wichtig oder  … zu unangenehm. Dann haben wir irgendein Ereignis verdrängt und das Einzige, was wir dann wissen, ist, dass wir es nicht erinnern wollen oder sollen.

Nicht wollen? Ja, da haben wir dann wohl selber einmal nicht korrekt gehandelt oder so richtig Mist gebaut und innerlich beschlossen, es ganz schnell wieder zu vergessen.

Nicht sollen? Auch das gibt es! Wenn wir hoch und heilig versprechen mußten, nichts zu verraten oder nichts weiter zu erzählen. Das sind meist keine angenehmen Erlebnisse.

 

Wenn es aber mit der Erinnerung auf Anhieb klappt, dann scheint es oft wie ein Wunder, was dann passiert! Wir können sehen, hören, schmecken, fühlen und erleben all das aus unserer Vergangenheit fast so realistisch, als würde die Szene jetzt in diesem Moment gedreht. 

Wir können regelrecht wieder in ein Geschehen eintauchen, das wir vor Tagen, Wochen, Monaten oder sogar vielen Jahren erlebt haben.

Nicht jede Erinnerung gefällt uns. Und wenn doch mal eine der negativen Elebnisse nach oben drängt, würden wir sie am liebsten gleich wieder vergessen und so tief als möglich begraben. 

Dafür erinnern wir uns mit Freude und meist mit einem Lächeln an die lustigen, schönen und angenehmen Erlebnisse und Zeiten.

***

Alte Sprüche - Januar

 

 

Januar muss krachen,

soll der Frühling lachen.

 

 

Im Januar viel Regen,

gibt keinen Erntesegen.

  

 

Wirft der Maulwurf im Januar,

dauert der Winter bis Mai sogar.

  

 

Kommt der Frost im Januar nicht,

zeigt er im Frühjahr sein Gesicht.

Nie wieder - Roland Schilling

  1. Januar

Ich schleppe mich die Treppe hoch. Das erste Silvester, nach dem ich 18 geworden bin, hab ich hinter mir. Das erste Mal legal einen hinter die Binde gießen. Das erste mal legal so ein richtig mega krasses Feuerwerk zünden.

 

Schon mittags hatten wir versucht, verschiedene Getränke zu mixen und probiert, um sie dann auf der Party abends an zu bieten. Außerdem gab es Erdbeerbowle, Wein, Bier, und natürlich Sekt.

 

Gut, dass die Party in unserem Haus stattgefunden hat. Ich brauch mich nur die Treppe hoch zuschleppen, ins Bett fallen und gut ist.

Denkste. Nichts ist gut.

 

Ich hab mich zu heftig ins Bett fallen lassen. Spüre einen gewaltigen Druck im Magen, der sich gar nicht gut anfühlt. O.K. Vom Bett ins Bad ist es nicht weit. Nur aus der Tür raus und rechts um die Ecke.

 

Fehlalarm. Ich darf alles in mir behalten, was ich so in mich rein geschüttet habe. Noch. Denn gerade führen die Erdbeeren mit dem Bier und dem Wein einen erbitterten Streit in meiner Magengrube. Jungs, gebt Ruhe, das bringt doch nichts. Die geben aber keine Ruhe, weshalb ich auf dem Absatz kehrt mache, zurück ins Bad und mich da von den Streithanseln verabschiede.

 

Ich schleppe mich zurück ins Bett, geplagt von einem nervigen Schluckauf. Neben dem Bett hab ich immer eine Flasche Wasser stehen, aus der ich nun einen kräftigen Schluck nehme. Gleich besser.

 

Endlich liege ich, obwohl die Party in meinem Magen immer noch weitergeht. Und auch in meinem Kopf.

 

Ich schau auf die Uhr. 3:25, leuchten mir die giftgrünen, etwas verschwommenen Zahlen entgegen, die im Rhythmus der Bässe in meinem Kopf zu hüpfen scheinen.

 

Ich möchte schlafen und drehe mich auf die rechte Seite. Blöde Idee. Der Druck im Magen verstärkt sich dadurch wieder. Ich wälze mich also nach links. Liege zwar jetzt auf meinem linken Arm, der einzuschlafen droht, aber dem Magen gefällt das besser.

 

Langsam dämmere ich hinüber ins Traumland, als mich ein gewaltiger Knall schlagartig hoch schrecken lässt. Ein verspäteter Böller, der draußen gezündet wurde um ... ich versuche die tanzenden, grünen Ziffern der Uhr zu entziffern … 4:35.

Der Rest meines Mageninhaltes hat sich wahrscheinlich genauso erschreckt wie ich und will die Flucht ergreifen. Ich also wieder zum Klo. Aber dort angekommen haben sich die Erdbeeren, das Bier und der Willi (Willams Birne) wieder beruhigt und ziehen es vor, doch da zu bleiben, wo sie sind.

 

Zurück ins Bett, ich bin hundemüde. Ja, ich. Aber weder mein Hirn, noch mein Magen.

 

Unruhig wälze ich mich hin und her, wie Nürnberger Bratwürste in der Pfanne. Wieso ausgerechnet Nürnberger Bratwürste? Viel zu fett. Man soll nicht so fett denken, wenn der Magen sowieso rebelliert.

 

Endlich hab ich meine richtige Position gefunden und auch besänftigendere Gedanken. Ein letzter Blick auf die Uhr, deren Ziffern jetzt mit einer mystischen Aura umgeben sind. Eigentlich sind es drei verschwommene Flecken, die durch mehrmaliges intensives Fokussieren zu Zahlen werden. 6:25.

 

Langsam werden meine Augenlider schwer und senken sich und ich denke: „Nie wieder. Nie mehr wieder.“

 

***

Balu - Alisa M. Hasse

Es war der Neunte.

Ein Dienstag, im Januar dieses Jahres.

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages wachte ich auf, wie jeden Tag. Und wie immer suchte meine Hand als erstes mein Handy, das direkt neben dem Bett auf dem kleinen Nachttisch lag.

Es folgte das tägliche Checken der Nachrichten und Mails – immer noch in den Federn, versteht sich. Verschlafen raffte ich mich dann irgendwann dazu auf, mich endlich nach unten zu begeben.

Das Gefühl, das heute ein guter Tag werden könnte, überkam mich plötzlich und bestätigte sich damit, dass nicht mal eine Stunde später der Postbote vor der Tür stand.

Das neue Handy war da. Ein paar Tage zuvor hatte ich beschlossen, nach dem Kauf und selbstständigen Zusammenbauen meines PC's, mich nun gänzlich von Apple zu verabschieden und mal ein Android-Gerät auszuprobieren - mein MacBook war Geschichte und so sollte ihm das iPhone folgen.

Ja, dachte ich mir, heute ist ein guter Tag.

Bis in die späten Abendstunden war ich so damit beschäftigt, alles einzurichten und runterzuladen, was ich so brauchte. Auch wenn es nur noch eine Stunde dauerte, bis dieser neunte Januar vorbei war – es waren immerhin noch 60 Minuten übrig, die alles hätten ändern können.

Und das hatte ich in meinem Glück wohl vergessen.

Beim Zähneputzen ging ich noch schnell meine imaginäre Liste durch, die ich abzuarbeiten hatte, bis ich es mir wieder vor meinem PC bequem machen konnte und ein paar Runden mein momentanes Lieblingsvideospiel „League of Legends“ zu spielen.

Davor noch Zimmer aufräumen, Heizung ausmachen nicht vergessen und dann natürlich noch unsere Chinchillas, Balu und Idefix, füttern.

Gedacht, getan. In genau dieser Reihenfolge ging ich vor. Beim Öffnen des Käfigs hätte mir was auffallen müssen. Aber ich war gedanklich schon im Spiel. Schnell füllte ich den Napf von Idefix, ärgerte mich darüber, dass Balu wieder halb auf seiner Schüssel lag.

Und da merkte ich, dass irgendwas anders war als sonst. Vor meinen inneren Augen liefen die letzten paar Sekunden noch einmal ab. Idefix hüpfte unruhig umher, immer darauf bedacht, dass er auf seinen obersten Brettern saß. Und das Fressen rührte er erstmals nicht an.

Ich sah ihn stirnrunzelnd an. Dann sah ich wieder zu Balu. Er blickte an die Käfigwand und schien sehr desinteressiert an seinem frischen Futter zu sein. Nichts Besonderes. Er brauchte oft seine Zeit bis er verstand, was ich gerade gemacht habe.

Immerhin war er schon über zwanzig Jahre alt und damit deutlich älter als ich. Für so ein kleines Nagetier schon ein beachtliches Alter. Auf einmal spürte ich mein Herz seltsam schnell schlagen.

Ich spürte es in meinem ganzen Körper. Ein leichtes Zittern machte meine Hände unsicher. Warum liegt er so komisch da? So komisch … unnatürlich?

 

„Balu?“, flüsterte ich. Idefix hatte sich versteckt. „Baluuuuuu?“

Ich tippte ihn vorsichtig an. Hin und wieder brauchte er einen kleinen Stups, um wieder auf die Beine zu kommen oder einfach, um daran erinnert zu werden, dass es Zeit zum Essen war.

Nichts. Keine Reaktion.

Ich suchte eine andere Stelle in seinem alten, struppigen und filzigen Fell, an der ich ihn vorsichtig anstupsen könnte.

„Hallo?“

War da was? Bilde ich mir das ein oder hat sich das Fell gerade bewegt?

Ich atmete auf und schloss die Käfigtür.

Siehst du? Alles gut. 

Idefix kam angesprungen, nahm sich etwas zu fressen und sprang direkt wieder weg. Und dieses Gefühl, dass irgendwas falsch läuft, ging trotzdem nicht weg. Wirklich merklich bewegt hat Balu sich immer noch nicht. Ich versuchte irgendwie Lärm zu machen, dass er merkt, dass um ihn herum gerade etwas passiert. Aber nichts.

Das Herzklopfen war wieder da. Du weißt, dass er alt ist. Sehr alt. Vielleicht etwas zu alt…?

Aber nein. Das konnte ja nicht sein. Was, wenn doch? Nein. Eindeutig nein. Unsicher stand ich auf einmal schon wieder vor diesem Käfig. Und ich wartete und wartete und wartete. Ich konnte nicht anders, ich starrte Balu die ganze Zeit einfach nur an und redete mir ein, dass ich es einfach nicht richtig erkennen konnte, weil ich keine Brille auf der Nase hatte.

Ich redete mir ein, dass ich es wegen meines Zitterns irgendwie übersehen hatte. Und ich redete mir ein, dass sowas schon Mal passiert ist. Aber eigentlich wusste ich es schon die ganze Zeit. Mein Körper hat es schließlich verraten. Und trotzdem stand ich da, versuchte abermals Balu anzutippen.

 

Guck einfach ob er kalt ist. Das Fell war, obwohl er sich nicht mehr putzen konnte, immer noch irgendwie weich. Eisig war es nicht, warm auch nicht. Wie fühlt es sich denn an, wenn alles normal ist?

Und dann konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es war als würde mein Kopf einfach abstürzen wie ein in die Jahre gekommener, virenverseuchter Computer.

Ich fing an, durchs Zimmer zu laufen. Was mach ich jetzt? Scheiße, was jetzt? Fuck, ach man, fuck.

 

Du musst runter, sagte mir was. Wahrscheinlich meine Vernunft. Ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell. Auch wenn es mir trotzdem wie eine Ewigkeit vorgekommen ist, die ich vor diesem Käfig gezittert und gebangt hatte. Irgendwie wollte ich auch warten.

Ich hoffte innerlich immer noch, dass morgen alles gut ist.

Und dann rannte ich nach unten, weckte meine Eltern, während meine schwankende Stimme alles durcheinander plapperte, wiederholt und stockend.

 

Immer wieder ging mir ein 'Nein, das kann doch nicht sein, sag mir bitte, dass das stimmt wahr ist' durch den Kopf. 

Natürlich ist es schon gelaufen. Ich bin zu spät gekommen.

Meine Eltern konnten auch nichts mehr machen als nachts, kurz vor Mitternacht, vor dem Käfig zu stehen.

Mein Vater sprach dann das aus, was keiner hören wollte. Aber ich bekam das alles gar nicht mehr mit. Wie in Trance kramte ich auf Anweisung meines Vaters (der einzige, der in der Situation anscheinend noch klar denken konnte) einen Karton hervor, in dem einst mein CPU-Kühler und ein paar Badekugeln drin waren.

Betäubt sah ich zu wie er Balu aus dem Streu holte und vorsichtig hinein legte.

„Und du bist dir auch wirklich, ganz wirklich sicher?“, zweifelte meine Mutter, gefühlt zum tausendsten Mal.

„Ja“, war die Antwort. „Er ist ganz kalt und starr.“

Alles drehte sich. Plötzlich waren meine Eltern weg. Und Balu mit ihnen. Ich blickte Idefix an. Idefix sah zurück.

„Scheiße, man“, fluchte ich. Jetzt brauch ich erst mal League.

Zitternd und total schlecht spielte ich mich durch die Runde. Aber irgendwie konnte mich das nicht wirklich aufmuntern. Viel zu schockiert und abwesend starrte ich auf den flimmernden Bildschirm.

Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, mich unter meiner Decke zu verstecken. Irgendwann hieß in diesem Fall lange nach zwei Uhr nachts. Nein, das ist nicht passiert.

Doch. Nein. Doch. Er kann doch nicht einfach so weg sein? Doch. Und dann flossen die Tränen.

Ich dachte daran, dass Balu schon lange vor mir, meiner Geburt, bei meinen Eltern war. Dass er für mich eben schon immer da war, schon mein ganzes Leben lang stand ich vor dem Käfig, jeden Tag, und seit einigen Jahren kümmerte ich mich auch um das Fressen und das Saubermachen des Käfigs.

Ich erinnerte mich an meine erste Kamera und wie ich stundenlang versucht habe, irgendwie schöne Bilder von ihm zu machen.

Wie ich mich immer gefreut habe, wenn wir die Chinchillas mal aus dem Käfig gelassen haben und sie dann auf uns herum geklettert sind. Von alten Fotos, wie Balu auf meinem Schoß hockte als ich noch ein Kleinkind war – mein kindliches Grinsen dabei.

Habe ich jetzt etwa ein schlechtes Gewissen, weil ich, nachdem Idefix zu uns gekommen ist, ihn ein wenig bevorzugt hatte? Wahrscheinlich schon. Balu wurde alt und noch viel ruhiger als er ohnehin schon wegen seines Wesens war.

Idefix war ein junger, quirliger Chinchilla, der immer alles erkunden wollte – für ein selbst noch kleines Kind wie mich damals war das einfach interessanter und aufregender.

Mit den Jahren habe ich aber verstanden, warum er in meinen jüngeren Augen weniger spannend wirkte und seitdem schätzte ich es sehr an ihm. Er war so ein liebes und friedfertiges Tier. Er begleitete mich schon mein ganzes Leben lang. Und jetzt ist es wohl an der Zeit, etwas zurückzugeben.

Vielleicht denkt sich der ein oder andere, dass es immerhin kein Hund oder keine Katze war und dass solch ein Verlust viel schlimmer ist – schließlich sitzt ein Chinchilla zu 90% im Käfig.

Aber trotzdem fühlt es sich so unendlich schrecklich an, egal wer oder was dieses Leben verlassen muss. Da spielen die Größe des Tieres und sein Aufenthaltsort einfach keine Rolle, es geht immer noch um die emotionale Bindung, die man mit ihm über die Jahre eingegangen ist.

 

Wir haben Balu bestattet – im eigenen Garten, unter dem Baum, auf dem im Sommer immer die Vögel singen. Jeder von uns hat ihm eine Rose beigelegt und ein hübscher Stein schmückt die Stelle, wo er jetzt liegt. Dass wir es nie vergessen. Dass wir ihn nie vergessen.

 

Wenn ich im Frühjahr wieder draußen in der Hängematte Gedichte schreiben, Musik hören und über Gott und die Welt nachdenken werde, dann muss ich nur den Kopf heben und über den Rand des Stoffes blicken, dann werde ich daran erinnert, dass Balu immer noch da ist. Also doch gar nicht einfach so weg. Solange ich an ihn denke und in Erinnerung halte, wird er nie wirklich fort sein.

Mit trauerndem Herzen und einem traurigen Lächeln werde ich an dich denken und hoffe für dich, dass du an einem besseren Ort bist als in diesem rosenverzierten Erdloch, in das wir dich gelegt haben.

Ruhe in Frieden, mein kleiner Flauschball.

 

***

Als viel Schnee fiel - Matthias März

 Schneereiche Winter …sind hierzulande selten geworden, das war früher anders. 1978/79 war so ein Winter, und auch vier Jahre später, in den Jahren 1982/83. Ich war zu dieser Zeit bei der  Bundeswehr und stationiert war ich in Munster in der Lüneburger Heide, hatte also während meiner Grundwehrdienstzeit solche Schneemassen erlebt. Zwar war ich einer Kampfeinheit zugeteilt, allerdings als „Waffenkammer-Fuddel“.

Dieser Posten war sehr verantwortungsvoll, hatte aber den großen Vorteil, dass ich nur selten „raus“ musste. Während die Kameraden Manöver oder Schießübungen zu absolvieren hatten, saß ich „gemütlich“ in meiner warmen Waffenkammer.

 

Aber manchmal musste auch ich „an die Front“, z.B. um die anderen Soldaten mit warmen Essen zu versorgen. Das geschah natürlich nicht zu Fuß. Ich durfte als Beifahrer in einem 7,5 Tonner mitfahren. Einen Führerschein hatte ich seinerzeit noch nicht, aber es war vorgeschrieben, dass der LKW-Fahrer nicht alleine fahren durfte. Nicht immer war ich es, der das Vergnügen hatte, diese Pflicht zu erfüllen. An diesem Tag im Januar 1983 war es aber mal wieder so weit. Es hatte Tage zuvor stark geschneit. Eigentlich ein prachtvolles Bild, aber leider auch mit Tücken behaftet, wie sich später herausstellen sollte. Aber der Reihe nach.

Obergefreiter Baumann und ich hatten die Essenskübel schon auf der Ladefläche verstaut, als uns noch einfiel, dass wir etwas Wichtiges vergessen hatten: den Nachtisch. Heute gab es Äpfel, die meisten Kameraden hätten wohl diesen Orangenpudding bevorzugt, den ich widerlich fand. Tapetenkleister war da schmackhafter.

Also gingen wir zur Kantine zurück. Der Hintereingang war über eine kleine Rampe zugänglich, die mir kurz darauf zum Verhängnis werden sollte. Sie war zwar nicht besonders steil, aber – bedingt durch die Außentemperaturen – ziemlich glatt, da dort nicht gestreut war. Es kam wie es kommen musste: ich rutschte beim Verlassen der Kantine aus, fiel auf dem Allerwertesten und das Obst verteilte sich über den ganzen Weg.

Rainer, der Fahrer lachte und sagte: „Gut, dass das nicht mit den Rouladen passiert ist!“.

Ich grinste nur, klopfte mir den Schnee von meinem olivgrünen Kampfanzug und sammelte mit meinem Kameraden die Äpfel wieder ein.

„Wo geht es heute überhaupt hin?“, wollte ich wissen, als wir wieder in dem LKW saßen.

„Das ist ein Gelände, das ich auch noch nicht kenne, ziemlich weit weg, fast schon in Faßberg“, antwortete er und holte sein Maßband hervor.

„Sechsundsiebzig“, rief er stolz.

Dazu muss man erklären, dass es bei den Soldaten, die kurz vor der Entlassung standen, üblich war, die Tage bis zum letzten Tag des Wehrdienstes mittels eines handelsüblichen Maßbandes zu demonstrieren. Man schnitt dann jeden Tag nach Dienstschluss einen Zentimeter ab.

„Sechsundsiebzig“ bedeutete also, dass Rainer Ende März dieses Jahres entlassen wurde.

Mit ordentlichem Tempo ging es über die Panzerringstraße zu unserem Ziel. „Ich habe heute übrigens nur Benzin getankt“, erklärte der Gefreite Baumann und wies darauf hin, dass der Motor seines Tonners „alles“ tanken könne, außer Himbeersaft.

Das war bei den vorherrschenden Außentemperaturen auch sinnvoll. Diesel wäre ausgeflockt. Solche speziellen Motoren waren für die großen LKW damals bei der Bundeswehr Standard, ob es sie heutzutage immer noch gibt, weiß ich nicht.

 

Nach circa zwanzig Minuten hatten wir unser Ziel erreicht, es war halb zwölf. Die Kameraden waren noch bei ihrer Übung, Essen sollte es um 12.00 Uhr geben. Rainer und ich öffneten die Luke am hinteren Ende des Tonners und luden die Essenkübel ab. Es waren drei: ein großer für die Rouladen und zwei kleinere für die Kartoffeln und den Rotkohl, alle Behälter in olivgrün. Im Normalfall prima getarnt, aber angesichts der weißen Landschaft an diesem Tag prima zu erkennen, auch für den „Feind“.

 

Der große Kübel war circa 80 Zentimeter hoch und hatte die Form einer Tonne. An den Seiten waren Tragegriffe, damit man ihn besser transportieren konnte.

„Lass uns das da hinten aufbauen, auf der großen freien Fläche“, schlug der Obergefreite vor und deutete nach rechts.

Ich nickte und gemeinsam schleppten wir alles dahin und warteten. „Ich rauche erst mal eine“, sagte Rainer und ergänzte: „Hol noch mal die Äpfel, aber fall nicht wieder“.

Fünfzehn Minuten später hatte Rainer das Lungenbrötchen und ein weiteres längst intus, als mir etwas auffiel.

„Du, der große Kübel ist aber ganz schön in den Schnee eingesunken“, bemerkte ich. Mein Kamerad zuckte mit den Schultern und antwortete: „Das ist völlig normal.“

Kurz darauf sahen wir von Weitem, dass sich die hungrigen Kameraden näherten. Einer von ihnen schien besonders ausgehungert zu sein, denn mit beachtlichem Tempo stürmte er auf uns zu.

„Das ist Oberfeldwebel Weber“, stellte Rainer fest und öffnete die Bügel des Rouladen-Kübels.

Der Oberfeldwebel rief aufgeregt: „Seid Ihr wahnsinnig geworden? Wisst Ihr, wo Ihr Euch da aufgebaut habt?“

Rainer und ich schüttelten mit dem Kopf und sollten gleich darauf die Antwort erhalten.

„Das ist ein See, ein verdammter See. Noch ein paar Minuten und der Kübel wäre durch das Eis gebrochen. Habt Ihr das nicht bemerkt?“

Das hatten wir wirklich nicht. Die Lüneburger Heide ist nun einmal recht spärlich bewachsen, Bäume und Sträucher sind selten. Die übliche Vegetation war vom Schnee bedeckt, ebenso wie die Fläche des Sees und somit nicht, oder kaum, vom Land zu unterscheiden, bis auf die spärlichen Schilfpflanzen, die sich in einigen Metern Entfernung von uns erstreckten.

Unterdessen waren auch die anderen Soldaten bei uns angekommen. Offenbar hatten sie alles mit angehört und lachten lauthals.

„Das wäre aber eine sehr komische Verlustmeldung geworden, wenn der Kübel versunken wäre“, äußerte sich der Versorgungs-Unteroffizier Meyer und grinste. Er war in unserer Kompanie für solche Dinge zuständig. Wann immer ein Soldat einen Ausrüstungsgegenstand verloren oder beschädigt hatte, musste dieser ein doppelseitiges Formular ausfüllen und den Vorgang schildern. Dann wurde entschieden, ob der Verursacher haftbar gemacht wurde oder nicht.

Ein Essenskübel ist in der Geschichte der Bundeswehr sicherlich höchst selten abhanden gekommen. Die Rouladen wären von dieser Meldung übrigens nicht betroffen gewesen, da das Verbrauchsgegenstände waren. Die hungrigen Kameraden hätten sich aber mit den Kartoffeln und dem Kohl, sowie den Äpfeln begnügen müssen und hätten gemäß dem Motto „Ohne Mampf kein Kampf“ äußerst schlechte Laune gehabt.

 

Rainer und ich schleppten mit hochrotem Kopf die Essenskübel an Land und begannen mit der Essensausgabe, die von zahlreichen komischen Bemerkungen der Kameraden begleitet war. Noch monatelang blieb das Geschehnis im Gedächtnis der Mannschaft haften und wurde mir noch lange nachgetragen.

 

***

Januarereignisse - Angela Ewert

Früher war …

eigentlich nichts im Januar - außer Kälte und vielleicht ekliger Schneematsch. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass im Januar mal irgendetwas Besonderes passiert wäre.

Das änderte sich, als ich Ende 1968 – mit zwanzig Jahren - meinen zukünftigen Mann kennenlernte. Der hat nämlich am zweiten Januar Geburtstag und war gerade achtzehn! Und nicht nur er, auch eine seiner Schwestern hat im Januar Geburtstag, die ich zwangsläufig durch unsere wachsende Verbindung auch kennen und schätzen lernte.

Später kamen noch ein Schwippschwager und die Lebensabschnittsgefährten meiner Schwestern mit Januargeburtstagen dazu sowie eine weitere Schwägerin. So füllte sich langsam aber sicher auch dieser sonst ereignislose Monat mit kleinen und größeren Festen.

Nach etwa einem Monat hatte Hellmut es eilig, sich mit mir zu verloben. Er hat mir keinen Antrag gemacht. Er sagte nur, wir sollten uns am Samstagvormittag in der Stadt treffen, um im Kaufhaus ein Paar Ringe zu kaufen. Das war für uns beide ein kleines Abenteuer, denn wir machten das heimlich und ohne Ankündigung in der Familie.

Goldene Ringe gab es nicht einfach so zu kaufen, nur gegen Abgabe von Gold. Es gab nur sogenannte Goldmantelringe. Und die konnte man im Kaufhaus erwerben.

Die richtigen ließen wir uns erst später machen, als wir genug Gold zusammen hatten.

 

Unsere Verlobungszeit dauerte etwa ein Jahr, nachdem die Heimlichkeit durch meine jüngeren Geschwister bald aufgeflogen war.

Im November stellte ich fest, dass ich schwanger war. Das war erstmal ein Schreck, aber dann doch sehr willkommen. Ich wusste nicht, wie ich es meinen Eltern beibringen sollte. Das war aber auch gar nicht nötig. Meine Mutter sah es mir bald an der Nasenspitze an. Es war gar keine Frage, nun „musste“ geheiratet werden.

Mein Vater nutzte sofort seine Beziehungen, um einen schnellen Hochzeitstermin für uns auszumachen. So kam es, dass wir Silvester 1970 ganz allein mit der Straßenbahn zum Standesamt fuhren und uns „zusammenschreiben“ ließen.

Gefeiert wurde an diesem Tag nicht, nur eine Flasche Wein zum Mittagessen aufgemacht. Weil eine kirchliche Trauung an diesem Tag nicht möglich war, wurde die für den neunten Januar 1971 vereinbart.

 

Meine Eltern haben schon immer gern gefeiert und dies war natürlich ein Grund für ein größeres Fest – die Hochzeit ihrer ältesten Tochter! Sie luden wohl alle Freunde, Bekannte und Verwandte ein, die ihnen einfielen. Wir hatten dazu nicht viel zu melden, nur anwesend zu sein.

Meine Oma ging mit mir zu ihrer Schneiderin und ließ ein Brautkleid im Empirestil für mich nähen. Viel Auswahl an Stoffen gab es nicht.

Ich weiß auch nicht, wo diese grobe Spitze herkam. Mein Geschmack war sie jedenfalls nicht. Ich hatte jedoch keine Wahl. Aber den Schnitt konnte ich mir immerhin aussuchen.

Omas Schneiderin, Frau Drecoll hatte einen sehr speziellen Nähstil. Sie schneiderte nicht nach Maß, sondern direkt auf den Körper. Das Kleid wurde ganz und gar mit schwerer Atlasseide gefüttert.

Ich kenne das eigentlich so, dass beim Rockteil Ober- und Futterstoff getrennt voneinander verarbeitet werden. Frau Drecoll vernähte alles miteinander. Außerdem waren die Abstände der Nähte unterschiedlich und zogen sich irgendwie schräg, was aber nicht weiter auffiel.

Es gab sogar ein Brautmodengeschäft in Rostock. Mit einer Bescheinigung vom Standesamt konnte man dort auch einkaufen, nicht etwa, wenn man nur Lust dazu hatte! Ich bin mir nicht sicher, ob ich dort meine Brautschuhe gekauft habe, wo sonst. An die Schuhe kann ich mich aber nicht erinnern.

Auch einen Brautstrauß bekam man nur, wenn man einen Termin nachweisen konnte. Und da gab es eben, was gerade da war. Bei mir waren es ein paar weiße Nelken mit rosa Rand und ein bisschen Spargelkraut.

Unfassbar, was heute für ein Aufwand für eine Hochzeit betrieben wird! Und wie lange im Voraus alles geplant werden „muss“. Bei uns ging das damals alles innerhalb von vier oder fünf Wochen.

Zum Polterabend kam die halbe Studentengemeinde, dann auch Freunde meiner Eltern, Verwandtschaft und das Haus meiner Eltern wurde da schon ziemlich voll.

Es war damals noch nicht üblich, zum Polterabend gezielt einzuladen. Da konnte kommen, wer wollte und davon wusste.

Weil meine Mutter ja selbst Künstlerin ist und meine Eltern mit fast allen Rostocker Malern und Bildhauern befreundet waren, kamen sie fast alle zum Polterabend und zu unserer Hochzeitsfeier.

Wir haben am Polterabend ein Gästebuch begonnen, das sich zu einer schönen Chronik unseres gemeinsamen Lebens entwickelt hat. Es enthält auch Zeichnungen und Unterschriften vieler leider längst verstorbener Künstler.

Mein Mann hält mir heute noch vor, dass er die Polterscherben mit seiner Schwiegermutter zusammen auffegen musste, weil ich mich zu schwach und müde fühlte. Obwohl ich schwanger war, durfte er vor der kirchlichen Trauung nicht bei mir wohnen – kleine Schikane meiner Mutter.

Rechtzeitig vor der Hochzeit versaute ich meinem Schatz noch die Frisur. Er hatte damals vorn über der Stirn einen Wirbel, mit dem ich nicht klar kam. Als ich ihn kennenlernte, trug er so eine „Schmalztolle“, die ich ihm irgendwann unter dem Einfluss meiner Familie ausgeredet und abgeschnitten hatte. Diesmal war das

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: alle Mitautoren
Cover: Heike Helfen
Lektorat/Korrektorat: Gitta Rübsaat
Tag der Veröffentlichung: 28.06.2018
ISBN: 978-3-7438-7363-6

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Dank an alle Autoren, die sich an dieser Anthologie beteiligt haben und mit ihren Geschichten dazu beitragen, wieder einen Spendenbeitrag für die "Arca Tierrettung e,V. " zu ermöglichen. Alle Autoren: Ina Baumgarten, Angela Ewert, Doris Frese, Michaela Haidenthaller, Alisa M. Hasse, Marianne Kleinert, Sophie Lange, Klaus-Rainer Martin, Matthias März, Lena Müller, Gitta Rübsaat, Manuela Schauten, Roland Schilling, Rebekka Weber, Margo Wolf.

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