Cover

Erstes Morgenlicht rieselte durch Nebelgeister, die sich gemächlich der Schwerkraft entzogen und unschlüssig ins Nichts wechselten. Heller liebte diese Zeit des Tages, dem die Unruhe der kommenden Stunden ihren Stempel noch nicht aufgedrückt hatte. Die hüfthohen Mauern aus lehmverputzten Schieferplatten, bewohnt von tiefgrünem Moos umschloss das, was bis vor wenigen Wochen noch der verträumte und beinahe vergessene Friedhof der Gemeinde Drussheim gewesen war. Schrägstehende Grabsteine mit unleserlichen Namen hinter verwilderten Ruhestätten. Gemeinsam, mit den von modrigem Laub bedeckten Wegen, standen sie dem feucht glänzenden Fuhrpark hungriger Baumaschinen, wie trotzige Relikte einer längst vergangenen Zeit gegenüber. Die letzten Beerdigungen hatten vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden und vereinzelt ausgehobene Gruben zeigten, dass der ein oder andere Tote auf den neuen Friedhof umgebettet worden war. Aus dem Gottesacker war eine Baustelle geworden, aus den Verbliebenen endgültig Vergessene. Heller hoffte, dass der Ort, den er aufsuchen wollte, der unabwendbaren Plünderung bis jetzt entgangen war. Mit kurzen unsicheren Schritten erkämpfte er sich Meter um Meter. Das Gehen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer. Seine knotigen Gelenke waren von Arthrose nahezu unbeweglich geworden. Schon bis hierher zu gelangen, war eine Strapaze gewesen.

Bis zum alten Friedhof fuhr keine Buslinie mehr und zu Fuß, vom Ort aus, war er für ihn unerreichbar. Heller hatte ein Taxi nehmen müssen und einen Betrag beglichen, der seine letzten Ersparnisse aufgebraucht hatte. Von welchem Geld er zurück zum Bahnhof und dann zu seiner Einzimmerwohnung in Wiesbaden zurückkehren sollte, wusste er nicht. Vorbei an Baumstümpfen, auf deren frischen gelbroten Schnittflächen kleine Perlen aus Morgentau glänzten, führte der Weg in einen abgelegenen Teil des Friedhofes, der sich bis heute den Motorsägen, Seilwinden und Pflügen widersetzt hatte. In der Nacht war ausgiebig Regen gefallen. Nässe hatte mittlerweile den Weg in Hellers abgetretene Schuhe gefunden und begleitete jeden Schritt mit einem schmatzenden Geräusch. Unter einer Trauerweide blieb er stehen. Ein einzelner Tropfen löste sich von einem gebeugten Ast und fiel Heller in den hochgestellten Mantelkragen. Ein wehmütiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er das kleine Rondell am südlichen Ende betrachtete, das sich trotzig den sonst geometrisch korrekten Umrissen des Friedhofes entzogen hatte. Ein Wirrwarr von niederem Buschwerk und tief hängenden Ästen, noch voll von braunem Herbstlaub, ließen Teile der grauen Außenfassade mehr erahnen als erkennen. Erst nachdem er sich die Hände an den Ranken der Brombeersträucher aufgerissen hatte, konnte Heller seine Hand auf die schmutzig graue Oberfläche des Mausoleums legen. Überrascht von der Wärme des


rauen Basaltsteines blieb er einige Sekunden mit geschlossenen Augen stehen und ließ die auftauchenden Bilder seiner Erinnerungen auf sich wirken. „Was suche ich hier eigentlich?", fragte er sich wiederholt. „Was glaube ich zusammen mit dem alten Friedhof zu verlieren?" Im Bewusstsein den Jahreswechsel vielleicht nicht mehr erleben zu dürfen, hatte es ihn magisch hierher gezogen. Nur zögernd löste Heller den Kontakt. Schmucklos und nackt erinnerte der kuppelartige Bau an ein halbiertes, überdimensionales Ei. Keine verspielten Stuckarbeiten oder tempelartigen Eingangssäulen lenkten von der kühlen, einfachen Klarheit des Baues ab. Nur der rechteckige Eingang ins Innere zerstörte die perfekte Symmetrie. Acht von Unrat bedeckte Stufen endeten vor einem rostigen Eisentor. Mit dem Nagel seines Daumens fuhr Heller am oberen Scharnier entlang, bis er eine tiefe Kerbe erspürte. Hier hatte Udo mit der Feile seines Schweizer Messers versucht die Konstruktion zu schwächen. Ob Udos Grab noch existierte? Waren seine Überreste auf den neuen Friedhof überführt worden? Nur kurz schweiften seine Gedanken ab. Drei Freunde - ein Geheimnis. Was aus Heiner geworden war und ob er noch lebte, wusste Heller nicht. Udo war - kaum achtzehn - mit seinem neuen Motorrad gegen einen Baum gerast und noch an der Unfallstelle gestorben. Wieder und wieder hatten sie sich am Mausoleum verabredet um sein Geheimnis zu lüften.

Und nun, mit beinahe achtzig war er hergekommen, um es zu ergründen. Er kam sich vor wie ein alter Narr, unfähig loszulassen. Die Zeiten des Schweizer Messers waren endgültig vorbei. Aus der Umhängetasche zog Heller eine Stahlsäge deren Blatt aus einer Speziallegierung bestand, das jeder Art von Eisen überlegen war. In dem Moment als er die Säge ansetzte, stachen ihm die in einem eleganten Bogen über dem Eingang in den Stein gemeißelten Buchstaben ins Auge.

Nosce te ipsum



Einen Atemzug hielt Heller inne. „Erkenne Dich selbst“, übersetzten seine Lippen lautlos. Kein weiterer Hinweis, kein Name, keine Jahreszahl, nichts. Heller wusste nicht einmal ob und wenn, wer hier seine letzte Ruhe gefunden hatte. Möglicherweise war das Mausoleum völlig leer. In Auftrag gegeben, gebaut, vergessen. Ein Fond war vor vielen Jahren angelegt worden, jedes Jahr floss eine bestimmte Summe auf das Konto der Friedhofsverwaltung. Mehr wusste Heller nicht, mehr wusste niemand. Und niemand fragte. Erst jetzt bemerkte er überrascht, dass der gehärtete Stahlbügel des schweren Vorhängeschlosses nicht mehr in seiner Verriegelung steckte. Jemand war ihm zuvor gekommen. Vielleicht war der hier zur Ruhe gebettete Körper längst auf den neuen Friedhof überführt worden. Enttäuschung nahm den Platz ein, wo eben noch gespannte Erwartung geherrscht hatte.

Resigniert steckte er die Säge zurück in die Tasche, entfernte das Schloss und versuchte die Tür zu öffnen. Sie schien schon Jahre nicht mehr bewegt worden zu sein und erst nach einem kräftigen Ruck gab sie ihren Widerstand auf, wobei das obere Scharnier mit einem lauten Knacken abbrach. Mit letzter Kraft gelang es ihm zur Seite zu springen und das Gleichgewicht zu halten, als die schwere Tür neben ihm auf den Boden aufschlug. Nach einigen schweren Atemzügen beruhigte sich Heller und er betrachtete den Gang der etwa eineinhalb Meter weit ins Innere des Gebäudes führte. Die Sicht wurde durch eine Querwand begrenzt, vor der nach links ein Zugang ins Mausoleum abzweigte. Unmöglich von dieser Position aus ins Innere zu sehen. Der Lichtkegel der mitgebrachten Taschenlampe erhellte die Mauer und auf ihr, in kleinen, aber gut erkennbaren Buchstaben, wieder diese seltsamen Worte.

Nosce te ipsum



Die schnörkellose Einfachheit der Buchstaben mit ihrer seltsamen Botschaft faszinierte ihn ebenso, wie das absurde Gefühl, dass sie nur für ihn in den Stein gemeißelt worden waren. Vor der Wand blieb er stehen und jetzt fiel ihm auf, dass sie nicht so homogen war wie es auf den ersten Blick schien.


Mit einem Taschentuch wischte Heller unterhalb der Schrift Schmutz beiseite und ein kleines Stück poliertes Metall wurde sichtbar, das wie ein Spiegel wirkte.
In den letzten Jahren hatte er es mehr und mehr vermieden sein von Falten zerfurchtes Gesicht zu betrachten. Jeder Zentimeter der Haut zeugte von den Wunden seines freudlosen Lebens, dem Verlust geliebter Menschen, den Krankheiten, der Einsamkeit. Nun stand er da und fühlte, wie er eine Spur von Mitgefühl dem Menschen entgegenbrachte zu dem er geworden war. Musste er erst bis hierher kommen um sich selbst mit Nachsicht zu begegnen? Heller riss sich los, trat in die Kammer ein und sah sich um. Ein kreisrunder Raum erwartete ihn. Bis auf einen rechteckigen Sockel auf dem ein steinerner Sarg ruhte, war der Raum vollkommen leer. Er hatte Laub und kleine Äste oder zumindest Staub oder Feuchtigkeit erwartet, aber die Kuppel und selbst der Boden erschienen ihm wie eben noch gereinigt. Neugierig richtete er die Lampe auf die Grabplatte und entdeckte wieder die schon vertrauten Worte. Doch dieses Mal begleitet von einem Symbol, das unterhalb der Schrift eingraviert war. Zwei stilisierte Flügel standen sich spiegelverkehrt gegenüber. Seine sonst so tauben Finger glitten suchend über die Oberfläche des Steines und Heller empfand eine unerklärliche Vertrautheit. Erst jetzt entdeckte er die Kerze, die in einer unscheinbaren Wandnische am Kopfende des Sarges stand. Er hatte das Rauchen längst aufgegeben, aber aus Gewohnheit trug er immer noch ein Feuerzeug bei sich.


Warme, gleichmäßige Helligkeit füllte die Kuppel aus und beinahe schien es, dass die umgebende Wand selbst die Quelle des Lichts war. Seine Entdeckungsreise schien ihr vorzeitiges Ende gefunden zu haben. Niemals würde er die massive Steinabdeckung auch nur einen Zentimeter verschieben können um zu sehen, welches Geheimnis sich unter ihr verbarg. „Guten Tag, Thomas!" Eher verwirrt als erschreckt drehte er sich um und entdeckte einen vielleicht zehnjährigen Jungen, der mit kurzen Hosen und einem Baumwollhemd bekleidet, die Beine an sich gezogen hinter ihm auf dem Boden saß. „Wie bist du hereingekommen ohne dass ich es bemerkt habe?", fragte Heller überrascht. „Wir haben uns schon langer Zeit hier verabredet." „Die Stimme", dachte Heller verwundert. Er trat ein Stück zur Seite, da sein Schatten, den er auf den Jungen warf, dessen Gesicht verdunkelt hatte. Erst glaubte er an eine Sinnestäuschung, aber die Ähnlichkeit war zu eindeutig. Dunkle lockige Haare, leicht schräge Nase, ein schmallippiger Mund und unverwechselbar die schlecht verheilte Narbe über der rechten Augenbraue. Der Schlag seines betrunkenen Vaters mit dem Aschenbecher „Hast du mich jetzt erkannt, Thomas? Hast du dich erkannt?" Heller dachte nach. Dann begriff er. Sekunden vergingen ohne Worte. „Ist das der berühmte Anfang des Filmes, der mir vor meinem Tod nochmals Stationen meines Daseins zeigt? Endet hier mein Leben?", fragte er gefasst.


Auf dem Gesicht des Jungen erschien ein beinahe belustigter Ausdruck. „Anfang, Ende - für die Menschen haben diese Begriffe eine zu große Bedeutung." „Ich bin ein Mensch!", warf Heller dem Jungen entgegen. „Ja, du bist ein Mensch, Thomas. Und ich hoffe, dass dir dieser Umstand und die vergangenen achtzig Jahre für immer im Gedächtnis bleiben werden." „Warum sollte ich mich an dieses elende Leben erinnern wollen? Und was soll diese Verkleidung? Wäre ein großer, in Schwarz gekleideter Mann mit einer Sense nicht die bessere Alternative?" „Ach, irritiert dich die Jugend?" Übergangslos verwandelte sich der Junge in einen Mann mittleren Alters. „Fühlst du jetzt mehr Vertrauen zu mir?" Die kurzen Hosen und das Hemd waren eingetauscht gegen einen schwarzen Anzug. Dunkle Ringe unter den Augen sprachen von der Trauer, die er über den Tod seiner Frau empfand. „Was willst du von mir, wenn hier und jetzt mein Tod bestimmte ist? Mach' es schnell, ich brauche keine Auffrischung schmerzlicher Erinnerungen. Ich weiß alles über mich." Die Gestalt wechselte erneut ihr Aussehen und nun stand er sich selbst gegenüber und deutete mit der Hand auf sich. Die Züge des vertrauten Gesichtes wurden weich, als er auf Heller zutrat. Augen voller Wärme betrachteten ihn mitfühlend. Dann strichen Finger sanft über sein Gesicht. Es lag nichts Fremdes in der Berührung.


„Du weißt nichts, Thomas. Komm, ich werde dir zeigen, wer du wirklich bist. Werde wieder eins mit dem, das ein Teil von dir war." Mit diesen Worten ging er zum Steinsarg, fasste unter den Rand der Grabplatte und sah Heller auffordernd an. „Keine Sorge, sie ist nicht so schwer wie es aussieht." Zögernd kam Heller der Aufforderung nach. Erstaunlich leicht hoben sie den massiven Deckel an und legten ihn auf dem Boden ab. „Jetzt sieh hin, Thomas!". Heller war enttäuscht. Im schwachen Kerzenschein war lediglich ein weißes, unregelmäßig geformtes Tuch auf dem Boden zu erkennen. Irritiert betrachtete sein Gegenüber. „Einst gehörtest Du zu uns, aber dein Mitgefühl war dir abhanden gekommen. Du handeltest nur noch aus Pflichtgefühl, ohne Überzeugung. Wir nahmen dir deine Erinnerung. Achtzig Jahre hattest du nun Zeit, um selbst zu erfahren. Den Schmerzen der dir Anvertrauten zu begegnen. Vielen Schmerzen …" „Aber ich verstehe nicht, was du mir sagen willst. Von welcher Zeit, welcher Bestimmung und welchem Menschen sprichst du?" „Ich spreche von dir Thomas. Du warst einmal ein Wächter, ein Begleiter. Gleich wirst du verstehen. Sieh nur genau hin!" Hellers müde Augen hatten sich etwas an die Dunkelheit gewöhnt. Erneut sah er in den Sarkophag. Nichts hatte sich verändert. Vorsichtig fasste er hinein und strich mit den Fingern bedächtig über die seltsam unregelmäßige Oberfläche des Gewebes. Eine Welle von tiefer Zugehörigkeit durchdrang ihn wie ein Schauer.

Aber war es wirklich ein Tuch? Etwas aus dem Gewebe löste sich. Vorsichtig zog er es heraus und hielt es in den Schein der Kerze. „Eine Feder?" Ausdruckslos sah ihn sein Gegenüber an. „Was bedeutet das?" Er hielt ungläubig inne, dann verstand er, und mit der Erkenntnis überkam ihn wie eine Woge die Erinnerung.

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 13.10.2008

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /