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Wer schön sein will...

Ein Freitag im Oktober 2014. Es ist acht Uhr morgens und ich zähle die Minuten bis zum Feierabend. Die Sekunden rinnen so dahin. Im Halbschlaf dann diese eine Idee. Sie nimmt immer weiter Formen an. Ja, genau, das ist eine gute Idee! Und gleich morgen würde ich sie umsetzen. Ich nicke und scheinbar grinse ich recht grenzdebil vor mich hin, denn meine Arbeitskollegin schenkt mir nur einen irritierten Blick.

Die Nacht schlafe ich schlecht. Ich bin sooo aufgeregt. Gott sein Dank hat auch die längste Nacht mal ein Ende. Ich fahre grenzdebil grinsend in die Stadt. So lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Immerhin seit gestern acht Uhr morgens. Ich stehe vor dem Schaufenster. Silberglänzend strahlen sie mir entgegen und bald würde ich auch sowas haben. Mit klopfendem Herzen betrete ich den Laden.

„Was darfs sein“, fragt das Etwas am Empfang. Mir verschlägt es die Sprache. Das Etwas ist groß mit langen Nägeln und viel, sehr viel Schminke im Gesicht. Sie erinnert mich an Cruella De Vil, nur der Dalamatinermantel fehlt. Immer noch sprachlos wegen der Erscheinung mache ich spastische Bewegungen und habe Glück, Cruella versteht was ich von ihr will. Sie führt mich in einen Nebenraum und brüllt dann nach einem Stefan. Ich fühle mich gerade sehr unwohl und bin kurz davor wieder zu gehen. Aber da kommt Cruella mit einem Tablett und sagt ich solle mich auf den Stuhl legen. Der Frau möchte ich nur ungern wiedersprechen.

Ein Mann, der irgendwie wie ein Stefan aussieht, kommt in den Raum. Stefan ist nett. Ich frage mich, ob Stefan noch Single ist. Ich mag Stefan. Dann packt Stefan meine Nase. Stefan steckt mir eine Metallzange in die Nase und drückt dann meine Nasenscheidewand zusammen. Dann sagt Stefan ich solle den Kopf anheben. Ich mach es ohne mich zu beschweren. Schließlich hat er mich an den Eiern… pardon, an der Nasenscheidewand. Mit einer Hand hält Stefan die Zange, mit der anderen kramt er auf dem Tischchen hinter sich. Mittlerweile hasse ich Stefan. Doch dann ein stechender Schmerz. Mir entweicht die Luft. Es hört sich an wie „Fuck“. Während Stefan weiter an dem Ding in meiner Nase rumpopelt, flehe ich ihn an, er möge doch jetzt aufhören, ich hätte doch schon genug gelitten. Doch Stefan grinst nur dreckig. Es scheint ihm Freude zu bereiten. Ich hasse Stefan jetzt abgrundtief.

Als die Folter endlich vorbei ist, läuft meine Nase und meine Augen. Ich verlasse den Laden und denke daran diese Kriminellen anzuzeigen.

Nach dieser Tortur habe ich mir etwas Schönes verdient. Ich gehe in meinen Lieblingsladen. Und verliebe mich sofort. Es ist ein Strickpullover! Mit großen Maschen! Den muss ich sofort anprobieren! Natürlich steht er mir hervorragend. Also schnell ausziehen und dann ab zur Kasse. Ich ziehe meinen neuen Lieblingspullover über meinen Kopf. Mein Aufschrei erschüttert den gesamten Laden. Verzweifelt zerre ich an dem Pullover, der wiederrum an meinem Nasenschmuck zieht. Eine nette Verkäuferin befreit mich mit Schere bewaffnet aus meiner misslichen Lage. Ich hasse diesen Pullover jetzt abgrundtief.

Inzwischen ist es spät geworden. Draußen ist es fast dunkel und kalt. Meine Nase fängt wieder an zu laufen. Ich sehe aus wie Rudolf mit geschwollener Nase und verquollenen, glänzenden Augen. Da ich mir die Nase nicht richtig putzen kann, drehe ich zwei große Knödel aus einem Taschentuchfitzel und steck sie mir in die Nase. Die Leute sehen mich komisch an. Ich setze mein grenzdebiles Lächeln auf und laufe beschwingt an ihnen vorbei. Ich habe gerade Stefans Vorhölle überlebt. Hmm, ob er wohl noch Single ist?

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Tag der Veröffentlichung: 09.07.2017

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