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Mein Mittwochabend

Es ist Mittwochabend zehn nach acht. Gespannt sitze ich vor dem Flatscreen in der Wohnung meines Freundes. Vor mir eine Auswahl
Kartoffelchips, gesalzene Erdnüsse, Käsedip und zwei Scheiben Brot mit jeweils anderthalb Zentimeter Frischkäse drauf. Die Bikinifigur kann ich dieses Jahr ohnehin vergessen.
Draußen ist traumhaftes Wetter und der Balkon ruft laut meinen Namen. Ich ignoriere es gekonnt. Gespannt starre ich auf mein Handy, das neben mir auf der Couch liegt. Der Timer tickt langsam runter. Noch bevor meine Stoppuhr die Null abzeigt, stolziert SIE in ihrem traumhaften Kleid am Pool entlang. Mich überkommen Beklemmungen, das Gefühl für immer ein dicker, fetter, einsamer Rollmops zu bleiben nimmt mir den Atem. Ich stopfe mir noch eine Hand voll Erdnüsse mit mehr Käsedip als nötig in den Mund. Dip tropft auf meine wuchtigen Waden. Ich kümmer mich nicht drum.
Auf dem Bildschirm, gutaussehende Typen scharen sich um eine noch besser aussehende Frau. Das ist das wahre Leben! Mich überkommen noch mehr Beklemmungen. Das Klingeln einer Eieruhr. Meine Pizza ist fertig.
Werbepause. Eine Frau mit superglänzendem Haar wirbt für Superglanzshampoo. Dadurch werden ihre Haare noch glänzender. Ich betrachte betrübt meine splissigen Spitzen. Danach: Eine schlanke, lächelnde Frau sitzt mit einem heißen Typen vor einem Springbrunnen und isst dampfende Pizza. Das ist das wahre Leben! Tomatensoße tropft auf mein augebeultes T-shirt.
Ein Spot weiter: Ein schlanker, muskulöser Herr Soost wirbt für sein Tanzfitnessprogramm. Beklemmungen überkommen mich. Nächster Spot: Ein schlanker, muskulöser Herr Aminati wirbt für ein Fitnessprogramm. Ich schiebe mir das letzte Stück Pizza in den Mund und greife dann zu meinem Handy. Ich entscheide mich für das Programm des Herrn Aminati, denn der hat mehr Haare auf dem Kopf und melde mich an.
Es geht weiter. SIE nimmt fünf Typen mit zu einem Einzeldate. Ich bin neidisch, hatte ich doch noch nie ein Date mit fünf Typen. Das ist das wahre Leben!
Die Zeit plätschert so dahin. Mein Magen rumort, ich schaufel mir Chips in den Mund und den Ausschnitt.
Mittlerweile ist es zehn. Mein Freund liegt schnarchend im Bett. Er hat mich schon beim zweiten Werbeblock verlassen. Meine Fressvorräte sind alle. SIE steht vor einer Wand mit Bildern. Darauf zu sehen sind Typen, deren Namen ich mir nicht merken kann. Das Spektakel, auf das ich seit etwa zwei Stunden warte, beginnt. SIE verteilt rote Rosen an zufällig ausgewählte Typen. Es folgt eine Vorschau für die folgende Woche.
Aus die Maus.
Mir ist schlecht. Wegen dem gerade Gesehenen oder wegen der Chips, Erdnüsse, Käsedip, Pizza weiß ich nicht. Ich geh ins Bett. Mein Leben geht weiter.


Wäre unser Leben nicht furchtbar öde ohne Scripted Reality, Kochsendungen, Spielshows und dämlichen Sitcoms?

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 05.07.2017

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Gewidmet all denen, die heimlich das Dschungelcamp schauen

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