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Leseprobe Kap. 1-3

Prolog

 

- Franklin -

 

Ich dachte im Leben so gut wie alles erreicht zu haben. Denn ich war dort, wo ich immer sein wollte, zumindest jobtechnisch. Mit dreiunddreißig Jahren war ich Flight Sergeant bei der Royal Air Force. Verwirklichte so meinen Traum vom Fliegen und konnte auf diese Weise gleich noch meinem Land dienen. Nebenher übernahm ich die eine oder andere Aufgabe für den MI5, dem ich bereits angehören würde, wenn es nach Darcy Conley gegangen wäre.

Anfangs hatte ich keinen Schimmer, welche Position sie auf der Air Force Base in Valley innehat. Ich nahm an, sie wäre eine schrullige, aber liebenswürdige Krankenschwester, die sich im ansässigen Militärkrankenhaus um verletzte Kameraden kümmerte. Später stellte sich heraus, sie war viel mehr als das.

Unser letzter Einsatz – die Bewachung zweier Londoner Kerle, die untergetaucht waren – liegt knapp ein Dreivierteljahr zurück. Hierbei handelte es sich allerdings um einen inoffiziellen Auftrag. Das jetzt genauer auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Unterm Strich hatte ich Spaß dabei und ich lernte dadurch ein paar wirklich nette Menschen kennen. Dennoch war es nicht das, wofür ich zur Air Force gegangen bin.

Direkt nach Beendigung unserer Mission suchte ich das Gespräch mit Darcy. Wir fuhren von Edinburgh zurück nach Valley und hatten somit alle Zeit der Welt, da wir außerdem einen Abstecher in Ashbourne einlegten, um den derzeitigen Nissan X-Trail gegen ihren altersschwachen Ford Escort einzutauschen. Wir waren einige Wochen zuvor gezwungen gewesen, die Autos zu wechseln, da uns auf dem Weg von Valley nach London ein Killer an den Hacken hing. Aber wie schon erwähnt, Details hierzu würden zu weit führen.

Also nutzte ich die Gunst der Stunde. Früher oder später musste ich es ihr sowieso sagen und wollte es nicht weiter vor mir herschieben. Als ich ihr erklärte, ich ziehe nicht nur in Betracht, die Agenten-Laufbahn abzulehnen, sondern obendrein meine Karriere bei der Air Force an den Nagel zu hängen, war sie vollends geschockt. So hatte ich sie noch nie erlebt. Prompt bekam ich ein schlechtes Gewissen.

Aber es half nichts. Ich wusste, meine Mama wollte nach über drei Jahrzehnten zurück nach Hause. Zumal mein Vater, ihre große Liebe und der Mann, für den sie damals Louisiana verließ, vor mehr als zwei Jahren gestorben war. Ja, sie hatte Freunde hier. Dennoch fehlte ihr der Rest ihrer Familie, die sie vehement bekniete, sie solle ihre sieben Sachen zusammenraffen und endlich heimkommen.

Bisher tat sie es nicht, da sie mich nicht zurücklassen wollte. Ich spürte jedoch, wie sie von Monat zu Monat unglücklicher wurde.

 

Ich traf die einzig richtige Entscheidung, schnappte meine Mama und kehrte Wales den Rücken. So ließ ich alles zurück und zog nach Catahoula im Bundesstaat Louisiana, um dort neu anzufangen und eine Familie kennenzulernen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Telefonate und Briefe kann man nicht wirklich als Kennenlernen zählen. Globetrotter sind sie ebenfalls nicht. Selbst wenn, hätten sie aus finanziellen Gründen nicht die Möglichkeit gehabt, uns in Wales zu besuchen.

Meine Mutter allein gehen zu lassen, war für mich keine Option. Ich liebe sie über alles und konnte mir nicht vorstellen, tausende Kilometer von ihr getrennt zu leben. Also gab ich meinen Traum von der Royal Air Force auf und ging mit ihr, ohne eine Ahnung zu haben, was mich da drüben in der Neuen Welt erwartete.

Wo sollte ich zukünftig wohnen? Wie würde ich meinen Lebensunterhalt verdienen? Mit Onkel Eugène Alligatoren jagen ist nicht so wirklich mein Ding, auch wenn es nur saisonal wäre.

Tja, und dann stellte sich die Frage, ob ich jemals einen Partner fände, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen könnte. Ein Thema, das ich bisher zugunsten meiner Karriere ausblendete. Jetzt, als schwuler Mann im Hinterland von Louisiana? Ich hatte keine Ahnung, wie die rar gesäte und alteingesessene Bevölkerung damit zurechtkäme. Was meine Familie angeht … Ich glaube, dass Mama nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass ihr Sohn schwul ist, und jedem den Kopf von den Schultern reißen würde, sollte man mich auch nur schräg ansehen. Andererseits, Catahoula ist nicht das Schwulenmekka schlechthin. Dort jemanden zu finden, wird sicher nicht einfach. Wenn ich Glück habe, macht mich eine lüsterne Kroko-Handtasche auf vier Beinen an. Mehr werde ich wohl nicht erwarten dürfen. Wenigstens liegt New Orleans nicht allzu weit entfernt, um hin und wieder einen Abstecher dorthin zu unternehmen und ein bisschen auf den Putz zu hauen.

 

Ein neuer Job

 

- Franklin -

 

Ich bin kein Hinterwäldler, auch wenn man mir das gerne nachsagt, da ich ursprünglich aus Valley stamme – ein Nest in Wales, das gefühlt auf einem anderen Planeten liegt. Mir war klar, dass das Klima in Louisiana subtropisch und somit mörderisch ist. Aber es ist eine gewaltige Umstellung, es selbst erleben zu dürfen. Die bleierne Hitze bringt mich schier um.

Wie schrieb der Autor Tom Robbins doch gleich in seinem Roman Jitterbug Perfume? Louisiana im September ist wie ein obszöner anonymer Anruf der Natur. Die Luft – feucht, schwül, geheimnisvoll und alles andere als frisch – fühlt sich an, als würde einem jemand ins Gesicht stöhnen – so ungefähr jedenfalls. Besser kann man es einfach nicht beschreiben. Von dem Getier, das hier kreucht und fleucht, will ich gar nicht erst anfangen.

»Junge, du musst mehr trinken!« Mama wieder. Sie surrt schon den ganzen Tag um mich herum. Es wird Zeit, dass ich einen Job finde, sonst drehe ich noch durch.

»Mama, ich mache nichts anderes, seit ich meinen Fuß auf Cajun-Land gesetzt habe. Wenn du mir nicht glaubst, frag Eugène, wie oft ich heute auf dem Klo war.«

»Der Bengel macht einen auf Durchlauferhitzer, Liebes. Also ja, an zu wenig Flüssigkeit kann es nicht liegen, dass er so scheiße aussieht«, bemerkt mein Onkel im typischen Fringlish – eine lässige Mischung aus breitestem Südstaatenakzent und französischen Spurenelementen –, während er eine riesige Portion Gumbo in sich hineinschaufelt. Er ist spindeldürr und reicht mir gerade bis zur Schulter. Ich frage mich, wo er all das hin isst. Die klaffenden Zahnlücken und sein wettergegerbtes Gesicht, das so ledrig wie die Hülle seiner Beute scheint, lassen ihn viel älter wirken. Mit seinen fünfundsechzig Jahren ist er jedoch mopsfidel und geht regelmäßig auf Alligatoren-Jagd. Ein weiteres Standbein der Tibideaux-Familie. Jagdsaison ist zwar nur im September, allerdings glaube ich nicht, dass sich Eugène wirklich daran hält. Wenn es nach ihm ginge, würde er mich gern zu seinem Nachfolger ausbilden.

Ernsthaft, ich bin nicht feige und hin und wieder ist es sicher eine nette Abwechslung, mit ihm durch den Bayou zu schippern. Aber das war es dann auch schon. Ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, nachts und allein in die Sümpfe zu fahren, um mich als Häppchen für zwischendurch anzubieten.

Ich schiebe mir den nächsten Berg Fleischeintopf in den Mund, als die Tür auffliegt, meine Cousine Helen hereinplatzt und aufgeregt vermeldet: »Habt ihr das gehört?« Sie setzt sich direkt neben mich und klaut sich meinen Löffel. »Gott, ich sterbe vor Hunger.«

»Kind, was sollen wir gehört haben?«, fragt Mama, als sie ihr einen gut gefüllten Teller vor die Nase stellt und sauberes Besteck in die Hand drückt.

Helen zwinkert mir zu, reicht mir den angeschlabberten Löffel und murmelt: »Danke.« Dann wendet sie sich an ihre Tante. »Sie wollen den Lebensmittelladen schließen.«

Ich beäuge den Löffel und verziehe angewidert das Gesicht, ehe ich seufzend hinter mich greife und mir aus der Schublade einen neuen besorge.

»Aber warum denn?«, will Eugène wissen.

»Sie finden keinen Nachfolger, der ihn übernimmt.«

»Oh, Schatz, wäre das nichts für dich?«, fragt mich meine Mutter doch allen Ernstes.

»Himmel, Luci, lass den armen Kerl in Ruhe. Ich denke nicht, dass sich hinter den Ladentisch stellen etwas ist, das dein Sohn für sein Leben geplant hatte.«

Richtig. Ich war bei der Air Force glücklich. Aber das war einmal. Und ich weiß, für wen ich das aufgegeben habe.

»Handtaschen jagen ist allerdings auch nichts für ihn«, schießt meine Mutter schnippisch zurück.

»Hey!«, begehrt Eugène auf.

Bevor die zwei sich an die Kehle gehen, gebe ich leise von mir: »Ich bin morgen in Lafayette, um mich nach einem Job umzusehen.« Nach drei Monaten wird es Zeit, in die Hufe zu kommen und etwas zu finden. Bisher war ich mit Arbeiten am Haus beschäftigt. Hier ein paar Holzbohlen austauschen. Dort das Dach reparieren. Meinen Trailer auf Vordermann bringen, in dem ich einquartiert wurde und der mir ein gewisses Maß an Privatsphäre verschafft, wenn mir die Familie mal wieder zu viel wird. So wie jetzt. Ich würde mir liebend gern den Teller schnappen und mich verdrücken.

»Was hast du dir denn vorgestellt?«, fragt Helen mit vollem Mund.

Ich zucke mit den Schultern. »Bin nicht sicher. Wäre halt schön, wenn ich etwas fände, wo ich fliegen kann. Keine Ahnung. Vielleicht fahre ich zum Flughafen raus und schau mal, ob sie da jemanden suchen. Ich wäre schon froh, wenn ich irgendetwas dort machen könnte, selbst wenn das bedeuten würde, beim Bodenpersonal zu landen.« Hauptsache, der Geruch von Kerosin weht mir um die Nase.

Eugène tätschelt mir den Rücken. »Das wird, wirst sehen. Nur nicht aufgeben. Und wenn du nichts findest … Weißt ja, Alligatoren gibt es genug da draußen.«

Mamas bekümmerter Blick trifft mich.

Ich winke ab. »Mach dir keine Sorgen.«

Nachdem Eugène seinen Teller geleert hat, ruft er seinen alten Beagle-Freund, der seine Schnauze auf den Pfoten geparkt gelangweilt in der Ecke liegt und uns die ganze Zeit beobachtet. »Murphy, du fauler Sack, komm, wir gehen die Nachbarn erschrecken.«

Eigentlich wird Beagle ja nachgesagt, sie wären pfiffige, quirlige Wesen. Also gut, pfiffig ist Murphy sicher. An der Quirligkeit hapert es jedoch ein wenig. Was womöglich an seinem stattlichen Alter von zwölf Jahren liegt. Seinen Namen hat er allerdings nicht ohne Grund, wie mir mein Onkel erzählte. Ich sage nur Murphys Gesetz: „Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonst wie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“ – in diesem Fall Murphy. Wobei ich sehr lachen musste, denn ich dachte sofort an Agnes Murphy – eine alte Tratschtante aus Valley.

Und was unseren vierbeinigen Murphy angeht, er tut grundsätzlich das, was er nicht soll. So wie jetzt. Er hebt nur träge seinen Kopf und blinzelt.

»Hiev deinen Hintern hoch, du faule Ratte!«, brummt Eugène.

Murphy schnaubt verdrossen, trottet seinem Herrchen dann doch noch lustlos hinterher und zur Tür hinaus.

 

*

 

Lafayette liegt keine halbe Autostunde von Catahoula entfernt, ist ohne fahrbaren Untersatz jedoch schwierig zu erreichen. Weshalb mir Eugène seinen uralten Ford Pick-up leiht. Den F 100 als Rostlaube zu bezeichnen, wäre die Untertreibung schlechthin. In den letzten Monaten habe ich neben einigen Reparaturen auf dem Grundstück versucht, dem altersschwachen Gefährt aus dem Jahr 1957 ein wenig Leben einzuhauchen. Jetzt sieht er zwar immer noch räudig aus und man muss befürchten, Ladeklappe oder Fahrertür unterwegs verlustig zu werden, aber er fährt zumindest, ohne an der nächsten Kreuzung den Verteiler raushusten zu wollen.

Also biege ich gegen acht Uhr auf dem großzügigen Parkplatz von Paxton Aviation ein und suche mir einen abgelegenen Platz, um das schrottige Ungetüm so gut es geht zu verstecken. Anschließend bleibe ich noch einen kleinen Moment sitzen und werfe einen Blick auf das Gebäude der Charterfirma. Warum ich so früh hier aufschlage? Ich gebe zu, nervös zu sein, und wollte die drohende Absage nicht länger vor mir herschieben. Denn mal im Ernst, niemand rechnet damit, bei der erstbesten Firma genommen zu werden, egal für welchen Job man sich bewirbt.

Catahoula ist wie schon erwähnt absolutes Hinterland, aber selbst da hat das Internet Einzug gehalten. Auch wenn es nicht das schnellste ist und ich von England anderes gewöhnt bin, hatte ich zumindest die Möglichkeit, mich vorab ein wenig schlauzumachen. Auf Paxtons Webseite fand ich eine kleine Anmerkung, dass Jobsuchende doch einfach mal vorbeikommen sollten. Was das nun schlussendlich heißt? Keine Ahnung. Sie könnten von Reinigungskraft bis hin zum Piloten alles meinen.

Ich atme einmal tief durch, schnappe mir mein Handy und die Mappe mit meinem Bewerbungsschreiben, Lebenslauf und einer Kopie meiner Fluglizenz und steige aus, um mich wem oder was auch immer zu stellen.

Als ich durch die sich automatisch öffnende gläserne Schiebetür in das flache Gebäude eintrete, lande ich keine fünf Schritte später direkt vor einem Tresen, hinter dem eine junge Frau im eleganten Hosenanzug ein scheinbar unschönes Telefonat führt. Aufgelöst läuft sie auf und ab und nimmt mich gar nicht wahr, während sie flehentlich sagt: »Mr. Sutton, es tut mir wirklich leid. Aber ich kann niemanden nach New York schicken. – Doch, natürlich steht die Piper bei uns. Das ist auch nicht das Problem. Nur hat sich heute früh überraschend unser Pilot krankgemeldet.« Sie dreht sich zu mir um und blickt mich mit riesigen Augen an.

Ich bedeute ihr, nicht stören zu wollen, und wende mich suchend um. Wie schon von außen strahlt die Firma Paxton Aviation ebenso innen puren Luxus aus. Spiegelglatte Marmorböden, elegante Stühle, die Anmeldung aus antik anmutendem Mahagoni mit Intarsien und geschnörkelten Elementen. Eine Mischung aus aristokratisch und en vogue. Ein seltsamer Kontrast, denke ich, als ich mir einen Platz suche und mich etwas nervös hinsetze. Natürlich habe ich mich dem Anlass entsprechend gekleidet, dennoch fühle ich mich mit meiner luftigen Stoffhose und dem Leinenhemd irgendwie underdressed. Zu allem Übel mag der Empfangsbereich einerseits prunkvoll-neumodisch wirken, andererseits ist er so klein, dass ich gezwungenermaßen jedes Wort mithöre.

»Wie schon gesagt, wenn ich könnte, würde ich selbst rauffliegen. Aber …« Seufzend sinkt die Lady auf ihren Stuhl und zaust sich das raspelkurze Haar. Sie wirkt ernsthaft verzweifelt. »Ich kann Ihren Unmut verstehen, Mr. Sutton. – Ja, wir tun, was wir können und ich gebe Ihnen Bescheid, sobald sich etwas ergibt. Natürlich werden wir Sie für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschädigen.« So geht es in einem fort weiter, bis sie das Telefonat beendet und den Hörer quer über die Anmeldung feuert.

Holla, die Dame hat Temperament.

Es vergehen ein paar Sekunden, bis sie sich beruhigt und mich anspricht. »Entschuldigen Sie bitte. Was kann ich für Sie tun?«

Ich trete zu ihr und lächle sie aufmunternd an, während ich auf den Telefonhörer deute. »Schwieriger Kunde?«

Ein Seufzen. »Hören Sie bloß auf. Manchmal habe ich das Gefühl, da oben sitzt jemand und amüsiert sich auf meine Kosten. Ausgerechnet heute sind so gut wie all unsere Flugzeuge ausgebucht. Bis auf die Piper ist kein Flieger mehr verfügbar.« Sie zuckt resigniert die Schultern. »Und just meldet sich auch noch ihr Pilot krank.« Mit einem verkniffenen Lächeln fragt sie hoffnungsvoll: »Sie sind nicht zufällig einer?« Sie winkt lachend ab. »Nein, das wäre dann doch zu einfach. Also, was kann ich für Sie tun? Und ich möchte mich nochmals entschuldigen. Bitte glauben Sie nicht, es würde hier immer so unhöflich zugehen.«

»Kein Problem. Und die Frage ist, was ich für Sie tun kann. Denn ich bin tatsächlich Pilot.«

Ihr klappt der Unterkiefer runter. »Sie wollen mich verscheißern, oder?« Daraufhin schlägt sie sich die Hand vor dem Mund und sieht mich entsetzt an. Was mir ein fettes Grinsen ins Gesicht zaubert. Ich mag sie.

»Zoe, Schatz, kannst du mir … Oh, hallo«, höre ich hinter mir eine tiefe Männerstimme sagen. Ich drehe mich um und sehe einen korpulenten, grauhaarigen Mann im Türrahmen stehen, der mir bekannt vorkommt, da ich sein Konterfei bereits auf der Homepage gesehen hatte. Das ist also Dillon Paxton, der Inhaber von Paxton Aviation. Und die Dame ist dann? Ich hoffe, nicht seine Frau. Ich schätze sie keinen Tag älter als Anfang, Mitte dreißig.

»Dad, das ist …« Sie blickt mich Hilfe suchend an.

Ah, die Tochter. »Franklin Tibideaux.« Immer noch meine Unterlagen unter dem Arm, gehe ich auf Mr. Paxton zu. Wir schütteln uns die Hände, ehe sein verwunderter Blick über meine Schulter hinweg zu seiner Tochter wandert.

»Er ist Pilot.« Sie klingt, als wäre ich der Heiland.

»Ach, das ist ja toll.« Paxtons Blick gleitet musternd über meine Statur. »Army?«

»Royal Air Force, Sir.« Wie kommt er nur drauf? Ist ja nicht so, als stünde es mir auf die Stirn tätowiert. Und was meine Haare angeht, die trage ich mittlerweile etwas länger, zumindest obenrum.

Eine seiner Augenbrauen zuckt in die Höhe. »Dillon Paxton«, stellt er sich vor und deutet auf die junge Frau. »Zoe Paxton, mein Goldstück. Ohne sie wäre ich verloren. Sie sind also tatsächlich Pilot? Sie schickt der Himmel.« Paxton legt mir väterlich seine Hand auf die Schulter. »Kommen Sie, wir trinken einen Kaffee und unterhalten uns. Schätzchen, kannst du …«

»Sicher, Dad. Bin gleich bei euch. Oh, und nur zur Info, Sutton hat gerade einen Zwergenaufstand geprobt.«

Paxton schnaubt. »Wann tut er das nicht?« Er zwinkert mir zu. »Ich liebe meinen Job, aber hin und wieder würde ich gern einigen Leuten meine Meinung geigen, vorzugshalber drei Kilometer über dem Erdboden, mit offener Tür und ohne Fallschirm, falls Sie verstehen, was ich meine.«

Ich muss lachen. »Ja, Sir. Ich habe eine gewisse Ahnung.«

»Das Dumme ist nur, dass ich meine Fluglizenz aus gesundheitlichen Gründen nicht erneuern kann.« Es schwingt eine Menge Wehmut in seinen Worten mit. Mir ginge es sicher nicht anders. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich nicht mehr fliegen dürfte.

»Aber vielleicht könnten Sie mich das nächste Mal chauffieren, während ich mich um unliebsame Gäste kümmere?« Das meint er natürlich im Spaß. Und wieder muss ich gestehen, er ist mir so sympathisch wie seine Tochter. Wer hätte das gedacht? Die Homepage und der erste optische Eindruck der Firma deuteten nicht auf so viel Gelassenheit hin.

Paxton schiebt mich in sein Büro und in eine gemütliche Sitzecke, bestehend aus wuchtigen Ledersesseln und einem Mahagonitisch. Hier fehlt es am modernen Einfluss – vom Computer auf seinem Schreibtisch mal abgesehen. Das scheint sein Reich zu sein. Das ganze Ambiente zeugt von aristokratischem Wohlstand und will ein eindeutiges Statement abgeben: Wir bedienen nur gut betuchte Kunden. Abermals eine seltsame Konstellation. Denn ich kann mir das für England vorstellen, hierher passte es irgendwie so gar nicht. Wobei der Südstaatencharme ebenfalls Einfluss ausübt. Aber vor allem ist es Dillon Paxton, der überhaupt nicht snobistisch rüberkommt, womit ich wiederum gerechnet hätte, seinem Bild nach zu urteilen. Na, was weiß ich schon. Laut der Webseite gibt es Paxton Aviation seit über vierzig Jahren. Sie müssen es richtig machen, sonst wären sie längst in der Versenkung verschwunden. Vielleicht mag ja der reiche Klüngel Amerikas diesen aristokratischen Touch. Mir soll’s recht sein.

Mr. Paxton nickt zu einem der Sessel. »Setzen Sie sich doch, Mr. Tibideaux.« Daraufhin streckt er mir seine offene Handfläche entgegen. »Darf ich sehen? Ich nehme an, das sind Ihre Papiere?«

Wieder fühle ich mich ein wenig überfahren und frage: »Woher wollen Sie wissen, dass ich wegen eines Jobs hier bin?«

»Ach, sind Sie nicht?«

»Doch schon, aber …«

»Na, dann ist doch alles bestens.« Er sinkt mir gegenüber schnaufend in einen Sessel. »Lassen Sie mal sehen.«

»Dad, der Kaffee«, erklärt Zoe leichthin und bewirkt damit, dass ihr Vater wortlos die Unterlagen aufnimmt und Platz für das Tablett macht, das sie in den Händen hält.

Wieder schenkt sie mir ein Lächeln, diesmal ein wenig entspannter. »Sie klingen, als kämen Sie nicht von hier.«

»Richtig erkannt. Meine Mama ist aus Catahoula, aber ich wurde in Wales geboren und bin dort aufgewachsen.«

Sie nickt. »Das erklärt den englischen Akzent.« Zoe serviert mir eine Tasse Kaffee. »Zucker? Milch?«

»Schwarz wie die Nacht. Danke schön.«

»Catahoula, sagen Sie?«

»Ja, meine Familie lebt dort.«

»Und Sie haben einfach alles hinter sich gelassen und sind hergezogen?«

»Einfach war es sicher nicht. Allerdings wollte ich meine Mutter nicht allein gehen lassen.«

»Ach, das ist ja wirklich rücksichtsvoll. Dann haben Sie Ihre Karriere für sie aufgegeben? Was ist mit Ihrer Frau?« Mrs. Paxton reißt abermals die Augen auf. »Entschuldigen Sie. Ich bin zu neugierig.«

»Schon in Ordnung. Ich bin nicht verheiratet.«

Sie gießt sich Kaffee ein. »Kinder?«

Ich muss mir das Grinsen verkneifen und versuche so ernst wie möglich zu bleiben. »Keine Kinder, keinen Hund.«

Derweil wir Small Talk halten und Mrs. Paxton innerhalb weniger Minuten alles aus mir herausquetscht, was es von mir zu wissen gibt, studiert Paxton meine Unterlagen. Brummt mal hier. Nickt mal dort. Als er fertig ist, klappt er die Mappe zu, nimmt mit einem dankbaren Lächeln an seine Tochter die Tasse auf und nippt genüsslich daran. Dann stellt er sie zurück auf den Unterteller – ja, es gibt hier keine Pötte, sondern teures Porzellan, das mir ein wenig Respekt einflößt, da ich Angst habe, es mit meinen großen Händen zu beschädigen – und fragt: »Wann können Sie anfangen?«

Das beschert mir beinahe einen Herzinfarkt und ich habe alle Hände voll zu tun, den Kaffee in meinem Mund zu behalten und nicht quer über den luxuriösen Mahagonitisch und auf seine teure Seidenkrawatte zu spucken. Ja, ich war wegen eines Jobs hier, bestenfalls als Pilot. Ich habe doch aber nicht in drei kalten Wintern damit gerechnet, einen zu bekommen.

In der Zwischenzeit nippen beide grinsend an ihrem Kaffee. Jeder, der die zwei jetzt hier so distinguiert sitzen sehen würde, käme im Traum nicht auf die Idee, dass sie das ganze Gegenteil sind. Es scheint beinahe so, als schauspielerten sie.

»Im Grunde sofort«, gehe ich nun auf Paxtons Frage ein. Denn ja, verdammt, was Besseres hätte mir heute gar nicht passieren können. »Aber ich denke, es liegen einige bürokratische Hürden vor mir, nicht wahr?«, hake ich nach.

Er winkt ab. »Ach, papperlapapp, Ihre Fluglizenz ist aktuell. Mit Ihrer Erfahrung dürfte die Typenschulung auf der PA-42 ein Kinderspiel werden. Die absolvieren Sie garantiert in null Komma nix. Ich habe da genau den richtigen Lehrer an der Hand, der sicher heute Vormittag noch rüberkommen kann, wenn wir ihn sofort anrufen. Er kümmert sich dann auch gleich um den Papierkram. Sobald das erledigt ist, können wir Sie auf unsere Kunden loslassen.« Er zwinkert mir zu. »Ich verrate Ihnen gern, wem ich einen wirklich holprigen Flug wünsche.«

»Sutton?«, spekuliere ich grinsend. Wer auch immer er ist, sehr beliebt scheint er jedenfalls nicht zu sein.

»Richtig, Harvey Sutton. Investmentbanker und Schnösel vom Dienst.« Er räuspert sich. »Das haben Sie gerade nicht gehört.« Er kichert und ich kann nicht fassen, wie locker dieser Mann ist.

»Sutton wer?«, frage ich dümmlich grinsend.

»Sehr gut. Ich sehe schon, wir werden uns fantastisch verstehen. Aber mal im Ernst, im Großen und Ganzen können wir uns nicht beklagen. Es gibt wohl überall hin und wieder Menschen, die denken, sie wären Gottes Geschenk an die Menschheit, nur weil sie Millionen-Umsätze mit Firmenfusionen generieren. Aber gut, jeder wie ihm beliebt, nicht wahr?« Er wendet sich an seine Tochter. »Zoe, mein Schatz, rufst du bitte Hank an?«

»Klar, Dad, wird sofort erledigt.«

»Sag ihm einen schönen Gruß von mir, es eilt, wie immer.«

Mrs. Paxton trinkt ihren Kaffee aus und schwirrt davon.

»Oh, wie unhöflich von uns. Wir haben Sie noch nicht einmal gefragt, ob Sie überhaupt für uns arbeiten wollen

»Ich muss gestehen, ich fühle mich ein wenig überfahren. Im positiven Sinne. Aber ja, ich würde es gern versuchen.«

»Wunderbar. Dann hoffe ich, Sie haben heute nichts weiter geplant.«

»Wegen der Schulung? Nicht wirklich. Das ist kein Problem, ich bleibe natürlich.«

»Sehr schön. Nur geht es nicht allein darum, muss ich gestehen. Denn wenn Sie mit Hank die Typenschulung erledigt haben, würde ich Sie bitten, heute noch nach New York rüberzufliegen, um morgen früh Mr. Sutton abzuholen. Er muss gegen Mittag hier sein.«

»New York?«

Paxton hebt beschwörend die Hände. »Ich weiß, das ist fürs Erste viel verlangt. Aber so kompliziert Mr. Sutton auch sein mag, ich möchte nicht unseren langjährigen Vertrag mit BlackBurn Inc. riskieren, mittlerweile eine der erfolgreichsten Investmentfirmen überhaupt. Wir arbeiten seit ihrer Gründung vor über zehn Jahren mit ihnen zusammen.« Paxton hält kurz inne. »Und da Sie nun einmal hier sind … Wie gesagt, Sie schickt der Himmel. Wie wäre es, wenn wir diesen Auftrag als Testlauf einstufen? So können wir beide sehen, ob wir miteinander auskommen. Was meinen Sie?«

»Dann sollte ich vorab nach Hause fahren, um ein paar Wechselsachen einzupacken.«

Erleichterung spiegelt sich in Paxtons Miene wider. »Natürlich. Wenn Sie zurück sind, wird Hank bereitstehen und sie zwei können sofort starten. Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, dass Sie sich bereit erklären. Zoe bucht Ihnen ein Zimmer direkt neben LaGuardia im Marriott. Die Übernachtung geht selbstverständlich auf unsere Kosten. Oh …« Paxton mustert mich von oben bis unten. »Ich denke, bis Ihre Uniform eintrifft, die wir natürlich erst anfertigen lassen, nachdem Ihre Maße genommen wurden, müssten wir noch eine auf Lager haben, die Ihnen passen könnte. Am besten fragen Sie Zoe, wenn Sie rausgehen. Sie wird mit Ihnen nach hinten gehen und nachsehen. Wir wollen ja nicht, dass Sie wie ein Buschpilot herumlaufen. Also nix gegen Ihre Kleidung, bitte nicht falsch verstehen.«

»Ich hatte damit gerechnet«, gebe ich lächelnd zurück. »Bekomme ich denn auch Pilotenstreifen?«, flachse ich.

Paxton lacht herzhaft und klatscht enthusiastisch in die Hände. »Wie schon gesagt, wir werden uns großartig verstehen. Und wenn Sie Wert auf Streifen legen, dann zum Henker sollen Sie welche bekommen, mein Junge. So, und bevor ich Sie fahren lasse, unterhalten wir uns kurz über die Modalitäten. Denn schließlich sind Sie ja hier, um Geld zu verdienen. Zoe setzt den vorläufigen Vertrag auf, bis Sie wieder zurück sind. Nicht, dass Sie ohne nach New York fliegen.«

Das fiele mir allein aus versicherungstechnischen Gründen nicht im Traum ein. Aber den Kommentar behalte ich lieber für mich. Wer weiß, wie Paxton ihn auffassen würde. Also unterhalten wir uns ausführlich über die Konditionen, die zu meiner grenzenlosen Überraschung wirklich gut ausfallen, sehr gut sogar.

Was mich vielleicht nicht hätte wundern sollen, nachdem er meinte, sie würden mich im Marriott unterbringen. Ich hätte mit einem billigen Motel gerechnet.

Ich bin mir nicht sicher, womit ich all das verdient habe, doch ich bin ein glücklicher Schweinehund, denn ich darf meinen Traum vom Fliegen weiterleben. Vielleicht nicht in einem Eurofighter, aber das ist mir so was von egal. Hauptsache ist, ich fliege. Und wenn es mit einer Piper sein soll, die verglichen zum Eurofighter eine lahme Schnecke ist, dann juhu, ich freu mich wie ein Schneekönig.

 

*

 

Ich biege kaum vor dem Haus ein, als auch schon die Tür auffliegt und mich drei Augenpaar erwartungsvoll anglotzen. Okay, vier Augenpaare, denn Murphy muss die Neugier gepackt haben, warum alle so dusselig im Türrahmen stehen und nach draußen starren. Sein Kopf lugt zwischen Eugènes Beine hindurch.

Der grollende Ford-Motor erstirbt und ich genieße den Anblick. Innerlich bin ich total aufgewühlt, kann es noch gar nicht fassen, was sich innerhalb der letzten zwei Stunden ereignet hat.

»Willst du da festwachsen, Junge?«, grummelt Eugène, ehe ich das Fenster hochkurble und mich doch aufraffe auszusteigen.

Mit raumgreifenden Schritten überquere ich den Vorplatz, eile auf Mama zu und schließe sie euphorisch in die Arme, um sie einmal im Kreis zu wirbeln.

Sie ist so erschrocken, dass sie laut aufschreit und auf meine Arme eintrommelt. »Himmel, lass mich sofort runter, du verrückter Bengel!«

Ich spüre es regelrecht, wie sich meine Mundwinkel bis zu den Ohren hochschieben.

»Der Kerl hat ’nen Job. Ich fass es nicht«, kommentiert Helen begeistert und grinst mich an.

»Wirklich?«, will Eugène wissen.

»Ja, klar«, posaunt Helen raus. »Glaubst du, er grinst ohne Grund so dämlich?«

»Oh, das ist fantastisch«, flüstert Mama, der Freudentränen in die Augen schießen.

Eugène tätschelt meine Schulter, während Murphy um meine Beine schleicht, vorsichtig mein Hosenbein zwischen die Zähne nimmt und mich schwanzwedelnd ins Haus zieht. Gott, ich kann gar nicht beschreiben, wie wundervoll es ist, dass sie sich alle für mich freuen.

»Das müssen wir feiern«, trällert Helen, als wir in der Küche stehen.

Mama nickt heftig. »Genau, ich sag den anderen Bescheid.«

»Moment, wartet eine Sekunde. Wollt ihr nicht wissen, was für einen Job ich habe?«

Eugène wedelt mit der Hand vor meiner Nase herum. »Na, es muss was mit Flugzeugen sein, sonst würdest du nicht so strahlen.«

»Richtig.« Ich breite die Arme aus. »Ihr seht einen frischgebackenen Berufspiloten vor euch.«

Mama schlägt entzückt die Hände an die Wangen. »Oh mein Gott, das ist wundervoll.«

»Gute Güte, so viel Glück will ich auch mal haben. Aber hey, ich freu mich für dich.« Helen wirkt ein wenig betrübt.

Ich schließe sie in die Arme und drücke ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Du wirst sicher bald was finden.« Dann schiebe ich sie ein Stück von mir, da mir etwas einfällt. »Warum zum Geier übernimmst du nicht den Laden?«

Sie schaut mich perplex an. »Laden?«

»Na, den Lebensmittelladen, von dem du gestern geredet hast. Du weißt schon, der geschlossen werden soll.«

»Bist du jetzt komplett verrückt geworden?«

Eugène drängt sich an uns vorbei und grummelt: »Warum bin ich nicht darauf gekommen?«

Helen schaut ihrem Dad hinterher. »Meint ihr das ernst?«

Mama steht neben uns und blickt von einem zum anderen. »Ja, verdammt, warum eigentlich nicht?«

»Aber …« Aus riesigen braunen Augen starrt mich Helen an und ich sehe, wie es in ihrem hübschen Kopf rattert. Kann es tatsächlich sein, dass sie über diese Option noch nicht mal nachgedacht hat?

»Nix aber«, unterbreche ich sie. »Geh hin und rede mit ihnen.«

»Meint ihr nicht, sie hätten mich längst gefragt, wenn sie sich vorstellen könnten, dass ich dazu fähig wäre?«

»Oh, jetzt hör auf. Mach dich nicht selbst klein. Du bist nicht dumm. Vielleicht haben sie sich nur nicht getraut zu fragen.« Wer weiß denn schon, was im Kopf der alten Herrschaften vor sich geht.

»Frank hat recht. Ich könnte mich treten, dass ich nicht längst drauf gekommen bin.« Eugène seufzt missmutig und sinkt auf einen Stuhl.

Helen beißt sich auf die Unterlippe und flüstert: »Selbst, wenn … Ich habe nicht das Kapital, sie auszubezahlen oder was auch immer nötig ist. Seht ihr, ich habe überhaupt keine Ahnung.«

»Blödsinn. Du hast gesagt, sie würden schließen. Da bekämen sie gleich gar nichts. Vielleicht kommen sie dir auf irgendeine Weise entgegen. Biete ihnen eine Beteiligung an. Aber wir können hier so viel spekulieren, wie wir wollen, du wirst nicht drum rumkommen, mit ihnen zu reden, um mehr zu erfahren.« Eine weitere feste Umarmung, um ihr Mut zu machen, dann trete ich zurück. »Und was das Feiern angeht, das muss ein paar Tage warten. Ich fliege heute nach New York. Vorher sind noch einige Dinge zu erledigen. Also seid mir nicht böse, ich bin eigentlich nur hier, um meine Sachen zu holen. Mr. Paxton wartet bereits auf meine Rückkehr.«

»Paxton?«, schnappt Eugène überrascht.

»Wer oder was ist Paxton?«, will Mama wissen, die mittlerweile Helen von mir übernommen hat und beschützend im Arm hält. Letztere starrt mich an und wispert ehrfurchtsvoll: »Etwa Paxton Aviation?«

»Ja, ich hatte mehr Glück als Verstand. Sie haben mich vom Fleck weg eingestellt. Und ich muss jetzt wirklich los.«

Mama schiebt Helen in Richtung Eugène, der sofort aufsteht und sie ebenfalls an seine Seite zieht. Dann nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände und schaut liebevoll zu mir auf. »Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz. Melde dich nach der Landung, versprich mir das. Wann bist du zurück?«

»Morgen, denke ich. Und ja, ich schick dir ’ne Nachricht.«

»Gut. Und jetzt geh deine Sachen holen. Wir wollen ja nicht, dass du gleich am ersten Tag wegen uns Ärger bekommst.«

Ich deute auf Helen. »Und du versprichst mir, über den Laden nachzudenken. Er wäre perfekt für dich.«

Mit glühenden Wangen strahlt sie mich an und nickt. »Wird gemacht. Grüß mir den Big Apple.«

»Von dem ich nicht viel sehen werde, da ich direkt am Flughafen übernachte und am nächsten Morgen sofort zurückfliege. Aber irgendwann wird sich sicher was ergeben.«

»Meide die Luftlöcher, Junge«, ruft mir Eugène noch hinterher, als ich mich endlich auf den Weg zu meinem Trailer mache.

Ein Blick auf die Uhr. Scheiße, zu viel Zeit vertrödelt.

 

Mit einer Reisetasche bewaffnet bin ich innerhalb weniger Minuten zurück am Auto. Schande, wird der Ford eventuell gebraucht? Ich wende mich dem Haus zu und wieder stehen drei Gestalten in Hundebegleitung im Türrahmen. Mein Gott, es ist wie bei den Waltons, denke ich grinsend. »Braucht ihr das Auto?«, rufe ich ihnen zu.

Eugène winkt ab. »Heut nicht. Und wenn doch, frage ich die alte Schachtel von nebenan.«

Mama schlägt ihm voller Entrüstung auf den Arm und schimpft. »Rede nicht immer so unhöflich über Ethel!«

Helen geht in Deckung und ruft mir zu: »Mach, dass du wegkommst, ich kümmere mich um die Streithähne.« Meine Cousine verfügt definitiv über mehr Erfahrung, ihren Dad zur Räson zu bringen.

Ich werfe ihr einen Handkuss zu und steige ein, während meine Mutter zetert: »Wenn du etwas netter zu Ethel wärst, hätte sie sicher kein Problem damit, mal mit dir auszugehen.«

»Bist du jetzt vollends übergeschnappt? Wer will denn mit so einer Zimtzicke ausgehen?« Aus dem Augenwinkel, und bevor ich den Wagen starte, sehe und höre ich noch, wie Eugène auf sich deutet und völlig überzeugt sagt: »Ich ganz sicher nicht.«

Ja, wer’s glaubt, denke ich, während ich auf die holprige Straße einbiege und mich seelisch und moralisch auf die bevorstehende Typenschulung vorbereite.

Erwähnte ich, dass das Leben schön ist?

 

Klare Worte

 

- Harvey -

 

Es ist gegen zwei Uhr nachmittags, als ich aus dem Vorstandsmeeting komme und mir mein Handy einen Anruf aus Lafayette signalisiert, den ich augenblicklich entgegennehme. »Ich hatte gehofft, Sie würden sich heute noch mal melden, Mrs. Paxton.«

»Wir konnten kurzfristig einen Piloten organisieren. Ihrem morgigen Flug steht also nichts mehr im Weg. Ich hoffe, Sie haben nicht schon umdisponiert.«

Innerlich seufze ich auf. Es behagt mir nicht, Reisepläne wegen Kleinigkeiten über den Haufen zu werfen. Zumal ich bereits alles für Destiny arrangiert habe und ungern Cecilia, unserer Babysitterin, absage, nur um dann doch noch Moms Angebot annehmen zu müssen, meine Tochter für die nächsten vier Tage zu sich zu holen. Ich hasse es, wenn ich wirke, als hätte ich nichts im Griff.

»Das hört sich gut an. Ich werde wie vereinbart um sieben auf dem Flughafen eintreffen. Geben Sie bitte dem Piloten Bescheid, er möchte dafür sorgen, dass es keine Verzögerungen gibt.«

»Selbstverständlich, Mr. Sutton. Und vielen Dank für Ihr Verständnis.«

»Sicher.«

Ich lege auf, betrete mein Büro und schließe die Tür hinter mir. Daraufhin sinke ich auf meinen Stuhl und atme tief durch. Mein Blick wandert zum Fenster, das mir einen fantastischen Blick auf New York bietet. Innerlich wiederhole ich immer und immer wieder: Du bist genau da, wohin du wolltest. Alles wird gut. Nur noch ein halbes Jahr, dann kannst du kürzertreten.

Es sind dieselben Worte, die ich Summer jahrelang vorgebetet habe; die sie sogar für sich in Anspruch nahm, wenn die Familie einmal mehr wissen wollte, wann wir denn endlich heiraten und Kinder kriegen würden. Ich dachte wirklich, wir wären uns einig. »Und doch hat sie dich Hals über Kopf sitzen lassen«, murmle ich leise vor mich hin. Es ging so schnell, ich hatte nicht die geringste Chance, den Grund zu hinterfragen. Ja, verdammt, ich wollte diesen Job, mehr als alles andere auf der Welt.

Heute an der Vorstandssitzung teilnehmen zu dürfen, war ein großes Privileg und deutet darauf hin, dass eine baldige Beförderung ins Haus steht. Wird auch Zeit. Immerhin reiße ich mir seit einer Ewigkeit den Arsch für BlackBurn Inc. auf. Die Firma hat mehr als einmal von meinem Verhandlungsgeschick bei Firmenfusionen profitiert. Dass sie mich das Projekt in Louisiana allein durchziehen lassen, ist ebenfalls ein gutes Zeichen.

Es darf einfach nichts schiefgehen. Ich wäre nicht der erste Investmentbanker, der sich, anstatt die Karriereleiter aufzusteigen, plötzlich einige Etagen weiter unten wiederfindet, um dort den Posteingang zu sortieren.

Bisher hatte ich dummerweise außer Acht gelassen, dass mir etwas … nein, jemand dazwischenkommen könnte. Und ich rede nicht von Summer. Okay, wir waren vier Jahre zusammen. Es war toll. Sie war … ähm, ist hübsch – wo auch immer sie jetzt sein mag. Wir hatten unseren Spaß. Jeder ging seinen beruflichen Weg. Eine optimale Konstellation. Falsch gedacht. Denn seit geraumer Zeit bin ich zwar nicht verheiratet, aber dennoch Vater – alleinerziehender Vater. Um genau zu sein, seit etwa drei Monaten. Single bin ich übrigens schon länger. Sage und schreibe ein Dreivierteljahr.

Richtig gerechnet. Summer, das Miststück, hat mich verlassen, als sie im dritten Monat schwanger war. Was ich erst erfuhr – also, dass sie die Mutter meiner Tochter ist –, als sie vor drei Monaten wie aus dem Nichts bei mir auftauchte, mir ein schreiendes Bündel in die Hand drückte und sich innerhalb weniger Sekunden wieder vom Acker machte.

Da stand ich nun mit einem Baby, das mit seinen knubbeligen Fingern meinen Daumen fest umschloss und brabbelnd Spuckebläschen von sich gab. Summer hinterließ mir nur eine Tasche mit Wechselsachen, Windeln und Nahrung für Neugeborene. Wahrscheinlich sollte ich ihr auch noch dankbar dafür sein.

Nachdem ich die Kleine auf der Couch, eingerahmt von allen Kissen, die ich finden konnte, zwischenparkte, wühlte ich die Reisetasche nach Papieren durch. Nichts. Keine Geburtsurkunde oder irgendetwas, das die Existenz dieses kleinen Wesens ansatzweise dokumentierte.

Jeder Versuch, Summer zu kontaktieren, lief ins Leere. Natürlich rief ich meine Ex-Schwiegereltern an. Sie wollten jedoch von alldem nichts wissen und legten mit den Worten »Diese Katastrophe ist einzig und allein deine Schuld. Jetzt kannst du dich auch darum kümmern« auf.

Nun gut, wir pflegten nie ein herzliches Verhältnis. Woran das lag, kann ich nur raten. Vielleicht mochten sie mich einfach nicht. Mir war es egal. Eine Baustelle weniger, um die ich mich sorgen musste. Allerdings machte es mich wütend, dass sie ihr Enkelkind als Katastrophe bezeichneten. Ich dachte, Eltern wären froh, wenn ihre Sprösslinge Nachwuchs bekämen.

Meine hingegen reagierten, wie man es landläufig von frischgebackenen Großeltern erwartet. Mom war außer sich vor Freude und Dad blinzelte die Kleine ungläubig an, ehe er sie wie ein rohes Ei auf den Arm nahm und mit Baby-Blabla volltextete. Wenn die zwei nicht gewesen wären, hätte ich nicht gewusst, wo ich anfangen sollte.

Ich war so durch den Wind, mir fiel erst nach Moms Frage, wie sie denn heißen würde, auf, dass meine Tochter keinen Namen hatte. Dad lief mit ihr auf dem Arm an uns vorbei und nuschelte was von Schicksal, als Mom mich anstrahlte und auf meinen Vater deutete. »Da hast du einen Namen für dein Kind.«

Offenbar musste ich ein ziemlich dummes Gesicht gezogen haben, da Mom seufzte und mir den Arm tätschelte, ehe sie mir einen Kuss auf die Wange gab und flüsterte: »Sie ist dein Schicksal, also nenn sie Destiny.« Es machte auf eine schräge Art Sinn.

Die ersten Wochen waren gelinde gesagt holprig. Um ehrlich zu sein, hatte ich Destiny gegenüber sogar ein schlechtes Gewissen, als ich einen Vaterschaftstest machen ließ. Der Zwerg konnte doch nun wirklich für nichts und ich hatte das Gefühl, sie zu hintergehen. Übrigens bestätigte dieser Test, dass ich tatsächlich Destinys leiblicher Vater bin. Verdammt, selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, sie war von der ersten Sekunde an meine Tochter. Punkt.

Ich hatte nicht die Zeit und die Lust, Summer hinterherzujagen. Nachdem ich bei ihren Eltern abgeblitzt bin, engagierte ich einen Privatdetektiv, um sie ausfindig zu machen. Wenn ich schon nicht erfuhr, was in ihrem Kopf vorging, wollte ich zumindest Gewissheit darüber, dass sie nicht irgendwann bei uns auf der Türschwelle auftauchte, um mir mein Kind wegzunehmen.

Es dauert nicht lange und ich bekam eine bitterböse Mail von Summer. »Pfeif deine Hunde zurück und lass mich gefälligst in Ruhe. Ich will mit deinen Perversitäten nichts zu tun haben und werde sicher nicht meine Karriere für jemanden wie dich riskieren. Im Anhang findest du die Kontaktdaten meines Anwalts. Bei ihm liegt meine Verzichtserklärung auf das Sorgerecht für dein Kind und die Geburtsurkunde. Ich denke, damit ist alles geklärt. Und komm nicht auf die Idee, mich zu kontaktieren. Ich lege keinen Wert auf irgendwie gearteten Kontakt mit dir und deiner Tochter.«

Selbstredend kontaktierte ich sofort ihren Anwalt, der mir besagte Unterlagen aushändigte. Bis heute begreife ich Summers Begründung nicht. Wenn sie einen anderen Mann kennengelernt hat, hätte ich mich sicher nicht gefreut, allerdings hätte ich es verstanden. Einfach zu verschwinden, die Art und Weise, wie sie nun mit mir kommuniziert und die Tatsache, dass sie mit ihrer leiblichen Tochter nichts zu tun haben will, deutete darauf hin, dass irgendetwas vorgefallen ist. Aber verdammt noch mal, was sollte das gewesen sein? Ich bin mir keiner Schuld bewusst.

 

»Hast du schon gepackt?«

Ich zucke ertappt zusammen und drehe mich zur Tür um. »Hi, Vic. Solltest du nicht in Vancouver sein?«

Victor stößt sich schulterzuckend vom Türrahmen ab. »Es wurde umdisponiert. Aber das ist ja nichts Neues. Henry ist mit Mann und Tochter übers Wochenende nach Revelstoke geflogen.«

Ich lächle in mich hinein, denn ich ahne, was als Nächstes kommt.

Vic schließt die Tür hinter sich und sinkt seufzend auf den Besucherstuhl vor meinem Schreibtisch. »Ich weiß gar nicht, was ich überhaupt dort soll. Der Kerl hat eine Arschruhe, wenn es um seine Firma geht. Versteh mich nicht falsch, du weißt, ich habe kein Problem damit, dass manche Leute lieber auf Familie machen als andere. Aber dann sollten sie das Geschäft denjenigen überlassen, die … Ach Scheiße!«, flucht mein Kollege und Beinahefreund.

Vics Meinung über Henry Tremblay, den CEO von Tremblay Timber Trading Inc., ist mir durchaus bekannt. Der Mann verlor vor einigen Jahren seine Frau bei einem schweren Unfall. Daraufhin zog er seine Tochter allein groß und wuppte auch noch die Sache als CEO. Bis plötzlich Carter Davis in seinem Leben auftauchte, den er dann heiratete. Glückwunsch, kann ich nur sagen.

Wie erwähnt, Vics Ansichten sind nichts Neues, dennoch schwingt heute etwas mit, das mich stutzen lässt.

»Was ist los, Vic? Ich weiß, du magst Henry und Carter. Nicht umsonst bist du alle paar Monate grundlos bei ihnen auf Vancouver Island.«

Vic atmet tief durch und nickt andeutungsweise. »Hast wie immer recht. Ich weiß auch nicht. Im Moment geht mir irgendwie alles gegen den Strich.«

Ich beuge mich vor und stütze einen Ellenbogen auf den Tisch, um mein Kinn auf den Handballen zu legen und ihn eindringlich anzusehen.

»Ach, jetzt guck nicht so.«

»Na komm schon, sag’s mir.«

Vic schaut sich um, als würde er befürchten, jemand hätte sich unbemerkt reingeschlichen. Sein Blick trifft meinen und ich ziehe nur eine Augenbraue hoch. Was hat er nur? Ich meine, der Mann müsste doch zufrieden sein. Mit seinen fünfundvierzig Jahren hat er es fast bis an die Spitze geschafft. Er scheffelt Geld wie Heu und könnte sich im Grunde zur Ruhe setzen, ohne jemals Geldsorgen zu haben. Was er jedoch nie tun wird. Ihm liegt das Geschäft im Blut. Er würde wahrscheinlich wie eine Blume ohne Wasser innerhalb kürzester Zeit verwelken. Er ist ein Workaholic, wie er im Buche steht, und dennoch liegen ihm die Damen zu Füßen. Er könnte an jeder Hand zehn haben. Durchaus verständlich, denn Vic ist ein wirklich netter Kerl, der obendrein gut aussieht. Und ja, ich darf mir ein Urteil erlauben. Denn ich habe mich nie festgelegt, ob ich mit Mann oder Frau Sex habe oder zusammenlebe. Das war nie relevant. Ich muss meinen Partner mögen. Okay, nicht nur das. Ich sollte mich auch körperlich von der Person angezogen fühlen. Ich machte nie ein Geheimnis darum und meine bisherigen Partner wussten es. Ebenso wie Summer. Nun gut, anfangs kämpfte ich mit den üblichen Vorurteilen. Aber nur weil ich bi bin, bin ich noch lange nicht untreu. Das kam für mich nie infrage.

»Was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben«, holt mich Vic aus meinen Gedanken.

»Sicher. Du weißt, dass ich dichthalten kann.«

»Gut. Ich bin am Überlegen, ob ich alle Brücken hinter mir abbreche und weggehe.«

Ruckartig setze ich mich aufrecht hin. »Du willst was?!«

»Psst. Nicht so laut, verdammt!«

Im gedämpften Tonfall wiederhole ich: »Du willst was? Vic, mach keinen Scheiß. Warum zum Henker willst du aufgeben, wofür du seit Jahren hart arbeitest?«

»Keine Ahnung, vielleicht liegt es an Henry und Carter. Du hast schon recht, ich bin sehr oft bei ihnen. Und ja, ich wäre nicht dort, wenn ich sie nicht mögen würde. Aber weißt du was? Ich habe die drei zusammen erlebt. Also Henry, Carter und ihre Tochter Avery.« Er beugt sich weiter vor und flüstert: »Mir ist klar geworden, dass ich das auch will.«

»Was, mit einem Mann zusammenleben?«, schlüpft es mir ungläubig heraus. »Ich wusste nicht …«

»Blödsinn! Ich rede nicht davon. Was ich meine ist, was die drei miteinander haben.«

Und dann regt er sich über Henry auf? »Das kommt plötzlich«, murmle ich und lehne mich erstaunt zurück.

»Für dich. Ich grüble schon seit Monaten darüber rum. Ich werde nicht jünger. Und Geld ist schließlich nicht alles.«

Ich grinse ihn an. »Was für ein Statement. Vor allem, wenn man genug hat.«

»Sei kein Arsch. Du weißt, was ich meine.«

»Weiß ich das?«

Vic mustert mich einen langen, unangenehmen Moment. »Wie geht es Destiny?«

»Das ist unfair.« Vic ist der Einzige, dem ich von ihr erzählt habe.

»Wieso?«

»Du kennst die Geschichte. Ich liebe meine Tochter, aber wenn es nach mir gegangen wäre …«

»Weißt du eigentlich, was für ein Glück du hast?«

»Willst du mich verarschen? Was heißt hier Glück?«

»Menschenskind, Harvey! Du bist ein kluger Mann, sonst würdest du hier nicht sitzen. Also stell dich nicht dumm. Ja, mag ja sein, dass es anders gelaufen ist, als du geplant hast.« Ein weiteres unangenehmes Starren. »Hast du überhaupt je darüber nachgedacht, eine Familie zu gründen?«

»Sicher. Nur eben nicht sofort. Summer und ich waren uns da einig. Dann haut sie, ohne mir auch nur den Hauch einer Erklärung zu geben, von heute auf morgen ab, um mir Monate später ohne Vorwarnung mein Kind in die Hand zu drücken.« Allein daran zurückzudenken, macht mich stinkwütend. »Okay, Paare trennen sich, so spielt das Leben. Doch ich hätte verdammt noch mal ein Recht darauf gehabt zu erfahren, dass sie schwanger ist.«

»Und was dann? Was hättest du ihr gesagt? Hey, Liebling, dumm gelaufen, aber ich will es nicht?« Vic wedelt demonstrativ mit der Hand. »Geh und kümmer dich um das Problem?«

Ich sinke in mich zusammen und gebe leise zu: »Möglich.«

Stille.

Langsam blicke ich auf und schaue in Vics fassungsloses Gesicht.

»Was?«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Wir werden es wohl nie erfahren, nicht wahr? Denn ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich hatte keine Chance, eine wie auch immer geartete Entscheidung zu treffen.« Mich wundert, dass Summer sich nicht für diesen Weg entschieden hat. Denn es ist doch offensichtlich, dass sie ihr Baby nicht wollte. Sie hätte eine Abtreibung durchführen lassen können, ohne mir je was davon zu sagen. Warum hat sie es nicht getan? Himmel, allein der Gedanke, sie hätte sich gegen Destiny entscheiden können, beschert mir Übelkeit.

»Du kannst Destiny immer noch zur Adoption freigeben.«

»Niemals!«, brumme ich.

Vic lächelt wissend. »Das meine ich.«

»Du sprichst in Rätseln.«

Er deutet auf mich. »Du tust nach außen so hart und … sorry, wenn ich das sage, aber du wirkst auf jeden arrogant, der dich nicht kennt. Dabei bist du innen drin ein geborener Softi.«

»Was wird das hier? Analysierst du mich gerade? Lass das! Du kennst mich nicht.«

»Genau das meine ich. Und doch, ich kenne dich.«

»Vergiss es.«

»Du hast mir noch nicht geantwortet.«

»Ob ich schon gepackt habe?«

Vic schüttelt gutmütig den Kopf.

Ich seufze. »Destiny geht’s gut. Ich wünschte, ich könnte sie mitnehmen. Vier Tage sind eine Ewigkeit.«

»Wer oder was hindert dich daran?«

»Ist das eine ernst gemeinte Frage?«

»Sicher. Die Kleine ist wie alt? Drei Monate? Ihr ist egal, wo sie schläft und wer ihr die vollgeschissenen Windeln wechselt, solange eine gut gefüllte Flasche in der Nähe ist. Du kannst ihre Nanny mitnehmen. Und nein, erzähl mir nicht, es läge am Geld.«

»Du weißt, wie das läuft. Ich werde keine Zeit für Destiny haben. Da ist es mir lieber, sie bleibt in ihrer vertrauten Umgebung.«

Ein harsches Lachen. »Du, mein Freund, hättest niemals gegen dieses Kind gestimmt. Gib zu, du hast sie vom ersten Moment an geliebt. Oh, ich sehe es bereits vor mir, wie du dich haareraufend durch ihre Pubertät kämpfst und jeden dahergelaufenen Kerl allein durch Blicke tötest.«

»Scheiße, natürlich liebe ich meinen Engel. Sie ist aber die Leidtragende in der ganzen Geschichte. Wie soll ich ihr später erklären, dass ihre Mutter sich einen feuchten Kehricht um sie gekümmert hat? Mein Baby hat verdient, geliebt zu werden. Und wenn ich den Job für zwei Elternteile übernehmen muss, dann werde ich das verdammt noch mal tun.« Wenn ich rausfinde, wie ich das schaffen soll.

»Hey, Kumpel, beruhige dich! Ich bin hier nicht der Feind. Ich bewundere dich für das, was du tust. Habe ich dir das eigentlich schon mal gesagt?«

»Nein. Aber danke.«

»Gut, wo wir das nun geklärt haben. Hast du nun gepackt?«

»Gott, wer bist du? Meine Mutter?«, gebe ich mit einem Zwinkern zurück. »Ja, ich habe gepackt. Morgen früh um sieben geht’s los.«

»Aufgeregt?«

Ich straffe meinen Rücken. »Ich doch nicht.«

Vic grinst mich an. »Gut gespielt. Aber du packst das. Da hab ich keine Bedenken. Sollte dennoch etwas ein, kannst du mich jederzeit anrufen.«

»Das weiß ich zu schätzen.«

Wir nicken uns gegenseitig zu, bevor Vic aufsteht und zur Tür schlendert.

»Ach, und was die Sache mit der Abrissbirne angeht …«

Er hält mit der Hand auf der Türklinke inne. »Was genau meinst du?«

»Es wäre schön, wenn du keine Nacht-und-Nebel-Aktion daraus machst, solltest du wirklich weggehen.«

»Du bist der Erste, der davon erfährt. Versprochen.«

Vic zieht die Tür hinter sich zu und ich lasse meinen Blick abermals zum Fenster hinausschweifen, während ich mir Gedanken darüber mache, ob es tatsächlich eine gute Idee von mir war, das Projekt allein durchziehen zu wollen.

 

Ende der Leseprobe

Impressum

Texte: Nele Betra
Bildmaterialien: Depositphotos
Cover: Nele Betra
Lektorat/Korrektorat: Brigitte Melchers / Bernd Frielingsdorf
Satz: Nele Betra
Tag der Veröffentlichung: 22.12.2018

Alle Rechte vorbehalten

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