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Leseprobe

Ich bin Seraphine

Annie Stone

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

1

Seraphine

Ich schaue auf die beiden Karten in meiner Hand, die ich ein wenig auseinanderziehe, um noch einmal zu checken, ob die untere Karte wirklich eine Pik-Neun ist. Erleichterung durchflutet mich, als ich sie sehe. Mein Blick schweift zum Tisch, auf dem Pik-Dame, Pik-Bube und Pik-Zehn liegen, und noch zwei rote Karten, die keine Rolle spielen, zumindest nicht für mich.

Ich greife nach meinen Chips, überlege kurz und schiebe sie dann alle in die Mitte des Tisches. Leises Raunen kommt von meinen Mitspielern.

»All in«, erkläre ich unnötigerweise, obwohl sie es alle gesehen haben.

Links neben mir stiehlt sich ein kleines Lächeln auf einen Mund. »Call.« Auch er schiebt seinen Chipsberg in die Mitte.

»Fold.« Der nächste Mitspieler steigt aus, und ich schaue zu den zwei übrig gebliebenen. Einer steigt aus, einer geht mit. Sind wir also nur noch drei.

Jetzt muss ich aufdecken. Der Effekt wäre besser, wenn ich nicht vorlegen müsste, aber man kann nicht alles haben.

Ich lege meine Pik-Neun hin, gefolgt von der Pik-Acht. Straight Flush. Nur jemand mit König und As könnte mir den Sieg noch streitig machen.

Der Mann neben mir, der gerade noch siegesgewiss gelächelt hat, knurrt: »Fuck!«, und wirft seine Karten hin. Ich blicke zum letzten verbliebenen Mitspieler, der erst die Stirn runzelt, bevor er den Pik-König aufdeckt. Mein Magen zieht sich nervös zusammen. Oh, nein. Ich hatte den Sieg doch schon in den Händen. Bitte, nicht auch noch das As. Bitte nicht.

Ich schließe die Augen, als er genau dieses aufdeckt. Das darf nicht wahr sein. Mein ganzes Geld verspielt. Mit nur einer unbesonnenen Tat. Aber ich hatte einen Straight Flush! Ich hätte gar nichts anders machen können. Da steigt man doch nicht aus. Und wie groß war die Chance, dass er ausgerechnet König und As haben würde? Sie war gering. Verschwindend gering.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich in das grinsende Gesicht mir gegenüber. »Tja, kleine Mädchen sollten eben nicht mit Männern spielen.« Dann lässt er sich von den anderen die Hände schütteln und auf den Rücken klopfen, weil sie mich sowieso nur geduldet haben, denn eigentlich hatte niemand mit mir spielen wollen.

Ich stehe auf, beuge mich vor und reiche ihm ebenfalls die Hand. »Herzlichen Glückwunsch.«

Seine Mimik wirkt zu gleichen Teilen grausam und schleimig, als er sagt: »Was denn? Du willst keine Chance, dein Geld zurückzugewinnen?«

»Ein anderes Mal.«

Sein dröhnendes Gelächter folgt mir, als ich den Raum verlasse. Klar, jetzt haben diese misogynen Ärsche wieder Oberhand, können sich loben, weil sie die einzige Frau aus dem Rennen geworfen haben. Vielleicht bin ich auch nur eine schlechte Verliererin. Aber diese Niederlage ist bitter, so richtig bitter. Ich trete aus dem Gebäude, schaue in den Londoner Nieselregen, und habe noch schlechtere Laune. Die Stadt hat diese Wirkung auf mich. An den Tagen, an denen ich brillanter als die Sonne scheine, verstärkt sie das Gefühl noch. An den Tagen, an denen ich mich halb zerbrochen fühle, tritt sie noch mal nach.

Ich ziehe den Kragen hoch, marschiere durch das unermüdliche Nass zur nächsten U-Bahn-Station. Wenn ich zu Hause bin, brauche ich ein langes Schaumbad, eine Flasche Wein und einen Riesen-Eisbecher. Was anderes hilft da nicht.

Dylan

»Ihr könnt mich mal!«, rufe ich aufgebracht und knalle die Tür hinter mir ins Schloss.

»Solche Wichser«, murmele ich vor mich hin, als ich die Bar verlasse. Am Abend zuvor bin ich hier aufgetreten, und nun wollen sie mir mein Geld nicht geben! Das ist doch einfach unverschämt!

Ich hätte nur fünfundzwanzig Minuten auf der Bühne gestanden, nicht dreißig, wie vereinbart, daher würden sie nun nichts zahlen. Dass ich aber von einem ihrer Stammgäste von der Bühne gepöbelt wurde, das ist ihnen egal. Wie kann das sein?

Es ist einfach unfair. Aber ohne Geld, ohne Beziehungen und ohne Label hat man es in der Music City nicht besonders leicht. An jeder Ecke lauert jemand, der einen übervorteilt, und mit der Menge an jungen Künstlern, die tagtäglich nach Nashville kommen, haben sie die freie Auswahl an Talenten.

Was soll ich jetzt machen? Ich hatte fest mit den Einnahmen gerechnet. Das war die Miete für diese Woche.

Ich setze mich in mein schrottreifes Auto, bete für ein Wunder, als es beim Anlassen wie jedes Mal stottert, und schicke ein Danke gen Himmel, als es doch anspringt. Dann fahre ich zu dem Café, in dem ich arbeite, wenn ich nicht Musik mache, und in dem ich wohl um Überstunden werde betteln müssen.

»Du kommst zu spät«, ruft mir Sheila zu, als ich eintrete.

»Ich weiß. Es tut mir total leid.«

»Lass mich raten. Dein Goldfisch ist gestorben?« Neben dem Wort Sarkasmus im Wörterbuch klebt eindeutig Sheilas Gesicht.

»Ich hab keinen Kopf für Witze.« Ich stürme in den kleinen Raum, der den Angestellten als Garderobe dient.

Sie folgt mir auf dem Fuße. »Was ist passiert?«

Ich setze mich auf die Bank, lasse die Ellenbogen auf die Knie sinken und vergrabe mein Gesicht in den Händen. »Wird es irgendwann leichter?«

»Was denn?«

»Kann man es irgendwann besser ertragen, wenn Männer denken, dass sie alles mit einem tun können, nur weil sie einen Schwanz haben?«

Sheila kniet sich neben mich, legt eine Hand auf mein Bein. »Du musst zur Polizei gehen.«

Einen Augenblick schaue ich sie verständnislos an, bevor mir aufgeht, was sie verstanden hat. »Nein, das meine ich nicht. Ich bin gestern in dieser Bar aufgetreten und sie haben sich geweigert, mich dafür zu bezahlen.«

»Ach, Schätzchen. Es wird nicht leichter. Man lernt damit zu leben, aber es wird immer diesen Teil in dir geben, der dagegen rebelliert, der niemals Ruhe geben wird, gegen diese Ungerechtigkeit anzukämpfen. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Abschwächen kann man die Stimme nur mit Xanax.«

»Es ist einfach so unfair.«

»Ich weiß.«

»Und man kann nichts dagegen tun.«

»Es tut mir so leid, dass es Frauen heute noch immer so ergeht, wie es uns vor dreißig Jahren ergangen ist.«

»Es wird sich nie ändern.«

»Das Musikbusiness wird von Männern beherrscht. So ist es nun mal. Ist es richtig? Nein. Aber so lange die Kasse klingelt, wird daran auch niemand etwas ändern.«

»Und was soll ich machen?«

»Was wir alle machen. Dich irgendwie arrangieren.«

Ich stehe auf, was sie mir nachtut. Sie ist einen ganzen Kopf kleiner als ich, würde mit ihren fünfzig Jahren immer noch gut aussehen, wenn ihr das Leben nicht so übel mitgespielt hätte. »Und wenn ich das nicht kann?«

»Dann wirst du keinen Platz in der Country Music finden.«

Ich trete an meinen Spind, verstaue meine Tasche darin und hole die Schürze heraus. »Kann ich ein paar Überstunden machen?«

»Klar. Michaela hat sich krank gemeldet. Du kannst ihre Schicht übernehmen.«

»Danke.« Ich drehe mich um, schaue sie an. Ich bin ihr wirklich dankbar für alles, was sie in den letzten Jahren für mich getan hat.

»Ich wünschte, ich könnte mehr tun.«

»Ich weiß.«

Nach meiner Schicht fahre ich nach Hause. Es ist eine winzige Wohnung über einer Garage, die Freunden von Sheila gehört. Aber es ist mein Heim, daher kann ich nicht meckern. Ich schaue in den Küchenschrank und finde in der hintersten Ecke noch eine Dose Ravioli, die ich mir aufwärme. Einkaufen sollte ich auch mal wieder gehen.

Mit meinem luxuriösen Mahl setze ich mich vor den Fernseher, suche nach einem Programm, das nicht Trump zeigt, und bleibe schließlich bei Hallmark hängen. Ein wenig Schnulze in meinem Leben kann ich eindeutig gebrauchen.

Seraphine

»Wenn das nicht meine geliebte Schwester Seraphine ist«, flötet mein Bruder Kyle, der irgendwann als Kind mal auf den Kopf gefallen sein muss, mir entgegen.

Seine Frau Aubrey schüttelt schmunzelnd den Kopf, bevor sie sagt: »Wartet! Ich hol Popcorn.«

»Sara.«

»Steht in deinem Führerschein Sara?«

Ich seufze. »Nein.«

»Steht auf deiner Geburtsurkunde Sara?«

»Nein«, gebe ich zu.

»Dann ist es auch nicht dein Name.«

»Aber wenn ich doch so genannt werden möchte?«

»Da könnte ja jeder kommen.«

»Du bist unmöglich.«

»Danke.«

»Das war echt kein Kompliment.«

Kyle küsst mich auf die Wange. »Doch, war es. Du weißt es nur nicht.«

»Geh weg.«

Aubrey kommt mit einer Schüssel Popcorn wieder. »Hab ich es verpasst?«

Kyle lacht. »Ich bin mir sicher, innerhalb von fünf Minuten startet Runde zwei.« Man muss einfach nur die Menschen finden, die die gleiche Art von Verrücktheit haben wie man selbst.

»Dann setz ich mich hierher und warte.«

Ich mag Aubrey, wirklich. Aber in diesem Moment wünsche ich mir, dass sie nicht hier wäre. Weil ich meinen Bruder um Geld bitten muss. Und ich möchte nicht vor meiner Schwägerin als Versagerin dastehen.

»Und wie geht’s dir so?«, frage ich schließlich, weil mir nichts anderes einfällt.

»Gut, und selbst?«

»Auch gut.«

Und dann schweigen wir uns an. Er abwartend und ich auf Zeit spielend.

»Was hast du in den letzten Tagen so gemacht?«, versuche ich es noch einmal, als die Stille unerträglich wird.

»Training, ein paar Pressetermine. Und du?«

»Dies und das.«

Und wieder Schweigen. Eigentlich verstehen wir uns sehr gut, doch er weiß, dass ich irgendwas will, aber nicht mit der Sprache herausrücke. Das sehe ich ihm an der Nasenspitze an. Er kennt mich einfach zu gut.

»Was macht das Training?«

»Gut. Was macht das Leben?«

»Gut.«

Aubrey wirft frustriert die Hände in die Luft. »Normalerweise seid ihr beide spannender. Aber jetzt hab ich das Gefühl, als wäre meine Zeit beim Schlafen besser aufgehoben. Also, gute Nacht. Und schämt euch. All das schöne Popcorn umsonst.«

Sie stellt die Schüssel auf den Tisch und verlässt den Raum.

Kyle nimmt sich Popcorn und beginnt, es sich in den Mund zu werfen. »Also? Was gibt es?«

»Ich habe Scheiße gebaut.«

»Das liegt an den Genen.«

»Ich weiß, aber es ändert nichts. Ich brauche deine Hilfe.«

»Jederzeit. Das weißt du doch.«

»Kannst du mir Geld leihen?« Diese Worte bleiben mir beinahe im Hals stecken. Sie fühlen sich an, als hätte ich versagt, und das habe ich auch. Ich bin erwachsen. Ich sollte für mein eigenes Leben verantwortlich sein, stattdessen muss ich meinen Bruder anpumpen.

»Klar. Wie viel brauchst du?«

Ich wische mir über die Augen, befürchte, dass ich anfangen werde zu weinen, wenn ich seinen Respekt verliere. »Ich habe gestern alles verloren.«

»Alles? Was heißt alles?«

»Zwanzigtausend Pfund.«

»Sara! Dein Ernst? Wie konnte das passieren? Und seit wann spielst du um hohe Einsätze?« Kyle lässt vor Schreck das Popcorn fallen.

»Niemand macht mir mehr Vorwürfe als ich selbst.«

»Du hast ja meine noch nicht gehört.«

Ich hebe beide Hände und springe vom Sessel auf. »Hör auf, okay? Hör auf. Ich weiß, dass ich ein Loser bin, dass es vollkommen unverantwortlich war. Dass du dich für mich schämst, dass ich doch endlich mein Leben mal in den Griff kriegen sollte.«

Kyle steht auf, zieht mich in die Arme, was ich zuerst widerwillig über mich ergehen lasse, nur um mich dann in seine Umarmung zu flüchten. »Erstens würde ich mich niemals für dich schämen. Du kannst nichts machen, um meine gute Meinung von dir zu verlieren. Gar nichts. Du bist meine Schwester und nach Aubrey mein Lieblingsmensch.«

Und dann weine ich wirklich, schluchze an seiner Brust, während er mich hält, nicht zulässt, dass ich zerbreche. »Es tut mir so leid.«

»Nichts braucht dir leid zu tun. Du redest immerhin mit mir. Ich bin eine wandelnde Katastrophe und der erste, der jede Chance, die sich ihm auftut, wieder zerstört.«

»Aber man sollte doch irgendwann sein Leben in den Griff kriegen.«

»Im Grunde ist doch nur wichtig, dass du glücklich bist. Das ist die einzige Frage, die zählt. Bist du es?«

Ich schüttele den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben machen soll.«

Kyle küsst mich auf den Kopf. »Dann ist es an der Zeit, das herauszufinden.«

»Und wenn ich in nichts gut bin?«

»Dann kannst du immer noch Prostituierte werden.«

»Sehr witzig.«

»So bin ich.«

Als ich mich nach ein paar Minuten von ihm löse, geht es mir wieder besser. Kyle ist eine Nervensäge, aber er schafft es auch immer, mich aufzumuntern.

»Ich kann dir keine zwanzigtausend geben.«

»Das habe ich auch nicht erwartet, wirklich nicht. Vielleicht genug für die Miete und ein bisschen extra?« Ich schäme mich so sehr für diese Worte. Welche erwachsene Frau fleht denn ihren Bruder um Geld an?

Pathetisch, ich bin absolut pathetisch.

Kyle holt sein Handy, tippt darauf herum, und sagt dann: »Erledigt. Aber tu mir einen Gefallen, Sara, werde glücklich. Ich kann es nicht ertragen, dich weinen zu sehen.«

Später liege ich auf meinem Bett, habe das Handy auf der Bettdecke vor mir liegen und scrolle durch Facebook. Langweilig. Langweilig. Oh, Jane hat ein Kind bekommen. Vielleicht sollte ich ihr mal Glückwünsche schicken. Langweilig. Langweilig. Was ist das?

Ich richte mich ein wenig auf und klicke auf den Link mit den Worten »Boudoir-Fotografie für Anfänger«. Der Text ist lang, ich überfliege ihn nur und bleibe dann an der Galerie hängen. Die Bilder zeigen Frauen in Unterwäsche, teilweise auch unbekleidet, oder nur in Perlen gehüllt. Klar, ich stehe auf Frauen, aber diese Bilder sind nicht nur sexy, sie sind … sinnlich. Sie strahlen Stärke und gleichzeitig auch eine gewisse Verletzlichkeit aus, die mich emotional berührt. Egal in welcher Größe, welcher Hautfarbe und in welchem Alter, sie sind alle wunderschön.

Ich reibe mir über die Brust über meinem Herzen.

Das ist es. Das will ich machen.

Was man dafür wohl braucht? Noch einmal lese ich den Text, diesmal aufmerksamer. Es ist ein viertägiger Intensivkurs in Nashville, der verspricht, einem die Grundlagen dieser speziellen Art der Fotografie beizubringen.

Gut so weit.

Jetzt muss ich nur noch lernen, eine Kamera zu bedienen.

Ich stehe auf, öffne meinen Kleiderschrank und suche in der Vielzahl an Kartons, die dort ihr Dasein fristen, nach der alten Spiegelreflexkamera, die ich mal auf dem Flohmarkt für einen Apfel und ein Ei gekauft habe, weil ich fotografieren lernen wollte. Fünf Jahre später ist das immer noch nicht passiert. Aber jetzt habe ich ja einen Grund.

Ah, da ist sie. Ich ziehe sie heraus, betrachte sie. Es ist noch eine Filmkamera, weil ich mir eine digitale nicht leisten konnte und ich diesen Alte-Welt-Charme von Papierfotos liebe.

Was ist das eigentlich für ein Modell?

Eine Minolta XG-2. Wahrscheinlich nichts Tolles, aber für den Anfang reicht es, denke ich. Schließlich wird man beim Reiten auch nicht sofort auf ein Rennpferd gesetzt, sondern erst mal auf den langsamsten Zossen. Ich öffne die Rückseite. Kein Film drin. Das wundert mich nicht, vielleicht wäre der auch längst abgelaufen. Können Filme ablaufen, ihre Haltbarkeit verlieren? Ich habe keine Ahnung.

Ich nehme die Kamera, bringe sie in die Küche und entstaube sie mit einem Tuch. Ich erinnere mich, dass mir der Verkäufer damals gesagt hat, bloß niemals auf den Spiegel und die Mattscheibe in der Kamera zu fassen. Gut, dann lasse ich das besser. Ich schaue probehalber durch den Sucher, sehe lauter Flecken, und alles ist verschwommen. Da gibt es am Objektiv doch einen Drehring. Ich benutze diesen und langsam wird das Bild scharf, bevor es sich wieder ins Gegenteil verkehrt. Also ein bisschen zurück. Trotz der Flecken sehe ich jetzt alles klar vor mir.

Die Kamera lege ich erst mal beiseite, greife nach meiner Tasche und mache mich auf den Weg in ein Fotogeschäft. Ich brauche ein paar Filme zum Üben. Da ich keine Ahnung habe, hoffe ich, dort ein paar Antworten zu bekommen.

Die Türklingel bimmelt, als ich die Ladentür aufstoße. Ein Lächeln erscheint auf meinem Gesicht, weil das so wunderbar oldschool ist. Ich sehe mich in dem Laden um, sehe die Holzregale mit verschiedenen Kameragehäusen und Objektiven. Fotos, die schon ein klein wenig vergilbt sind, zieren die Wände. Es ist ein wenig düster, so als wäre alles mit einer Staubschicht überzogen, die man erst mal wegpusten muss, um die Schätze zu finden, die unter ihr verborgen sind.

»Kann ich etwas für Sie tun?«, kommt die Stimme einer Frau aus der Tiefe des Ladens.

»Ja! Bitte!«, rufe ich und mache mich auf die Suche nach ihr.

»Ich bin hier hinten, Schätzchen.«

Der Kosename bringt mich zum Lächeln, und ich schiebe einen Vorhang zur Seite, bevor ich sie sehe. Sie beugt sich mit einer Lupe über einen Bogen Papier. Als ich mich räuspere, sieht sie auf.

»Was brauchen Sie, Schätzchen?« Sie lächelt, wobei sich auf ihrem Gesicht eine Vielzahl an Falten bildet. Sympathisch.

»Ja, also, ich habe überhaupt keine Ahnung von Fotografie, aber ich habe da so eine alte Spiegelreflexkamera, die schon seit ein paar Jahren verstaubt, und ich habe plötzlich das Bedürfnis, diese auszuprobieren. Aber weil ich keine Ahnung habe, wie gesagt, weiß ich nicht mal, was für einen Film ich brauche oder wo ich anfange.«

»Was ist es denn für eine Kamera?«

»Eine Minolta XG-2.«

»Da gehört ein 35mm-Film rein. Welche Empfindlichkeit möchten Sie?«

Ich zucke mit den Schultern, weiß nicht, was sie wissen will. Aber ich denke, ihr zu sagen, dass ich nicht sonderlich empfindlich bin, ist die falsche Antwort.

»Ich verstehe, wenn Sie sagen, Sie haben keine Ahnung, dann haben Sie auch keine.« Ihr Lächeln ist so nett, ich würde es am liebsten einpacken. »Also, die Empfindlichkeit von Filmen gibt an, wie viel Licht für die richtige Belichtung gebraucht wird. Eine kleine Zahl wie 100 oder 200 gibt an, dass die Empfindlichkeit gering ist, es braucht also viel Licht. Daher kann man diese Filme nur draußen bei Tageslicht verwenden. Eine große Zahl gibt eine hohe Empfindlichkeit an, man kann also die Objekte noch einfangen, wenn die Lichtsituation schwierig ist.«

»Also, wenn ich draußen bei Tag fotografiere, reicht 100 oder 200? Was bräuchte ich denn für die Wohnung?«

»Ja, dann reicht eine geringe Empfindlichkeit. Für die Wohnung kommt es auf die Lichtverhältnisse an. Wenn sie hell ist, könnte man es mit 400 versuchen, sonst würde ich aber eher 800 empfehlen.«

»Okay, dann nehme ich ein paar 200er und ein paar 800er.« Ob das jetzt eine gute Idee ist oder nicht, weiß ich nicht, aber ich muss ja irgendwie anfangen, mich ausprobieren und dann kann ich immer noch schauen, ob ich etwas daran ändere.

»Alles klar. Zwei oder drei?«

»Fünf von beiden.«

»Okay. Möchten Sie Menschen oder Objekte fotografieren?«

»Erst mal Objekte, denke ich. Ich kann vorerst keine Verantwortung für lebendige Dinge übernehmen.«

Ihr Lachen klingt durch den Raum, ein wenig wie das von einer guten Fee im Märchen. Es ist auch passend, denn schließlich ist sie meine gute Fee. »Gut, dann empfehle ich diese hier.« Sie reicht mir zwei Pakete, bevor sie zu einem Regal mit Büchern geht. »Und außerdem das hier.« Sie holt eines hervor. »Sie können alles im Internet finden, aber gerade für Anfänger würde ich dieses Buch hier empfehlen.«

»Dann nehme ich das auch.«

Sie tippt die Zahlen in ihre altmodische Kasse, und ich bezahle sie, bevor ich nach meinen Schätzen greife. »Falls Sie Fragen haben, kommen Sie einfach wieder vorbei. Ich helfe gerne.«

»Das werden Sie wahrscheinlich noch bereuen, aber vielen Dank!«

Sie lächelt. »Es war ernst gemeint.«

2

Seraphine

Es ist gar nicht so leicht, einen Film einzulegen. Ich schaue jede Menge Videos an, bevor ich mir zutraue, es ebenfalls zu tun. Was, wenn man den Film zu weit aus der Patrone herauszieht? Hat man dann schon versagt, bevor man überhaupt angefangen hat?

Ich blättere in dem Buch, lese über Blenden und Verschlusszeiten, und mir brummt nach wenigen Minuten der Kopf. Wie soll man das alles lernen? Vor allem mit einem so wenig Technik verstehenden Hirn wie meinem. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich all dieses Wissen in meinen Kopf hineinbekommen soll, vor allem, da sich das alles für mich wie Kauderwelsch anhört. Als würde Kyle mal wieder versuchen, irgendwelche Akzente nachzumachen. Er denkt, er wäre gut darin, aber das ist er ganz gewiss nicht.

Ich beschließe, eine Belichtungsreihe anzulegen. Wenn ich mir die Bilder dann nach dem Entwickeln ansehe, kann ich vielleicht den Zusammenhang zwischen Blende, Zeit und Empfindlichkeit begreifen.

Mein Modell ist eine kleine ägyptische Statue, die ich irgendwann mal gekauft habe. Nicht in Ägypten, sondern hier in London. Sie hat mich angesprochen, weil sie so faszinierende Gesichtszüge hat, obwohl sie ein wenig obskur sind.

Ich habe gelesen, dass die Verschlusszeit generell mindestens 1/100 Sekunde betragen sollte, weil sonst das Bild unscharf werden kann, wenn man die Kamera in der Hand hält. Mit einem Stativ sind auch geringere Zeiten möglich.

Langsam probiere ich alle Blenden und Zeiten durch, schreibe sie mir akribisch auf, damit ich nachher beurteilen kann, welches Foto mir am besten gefällt. Als ich die sechsunddreißig Bilder des 800er-Films verbraucht habe, packe ich meine Sachen zusammen, gehe in den Park, um den 200er-Film auf die gleiche Art und Weise zu füllen.

Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, nicht sofort sehen zu können, was auf den Fotos ist. Aber mein Handy wird kaum dafür geeignet sein, wenn ich ernsthaft in die Fotografie einsteigen will. Vor allem, weil es kein besonders neues oder gutes Modell ist. Mit selbigem googele ich, wo ich meine Filme entwickeln lassen kann. Oh, es gibt Geschäfte, bei denen man nach einer Stunde seine Fotos hat. Das sind doch mal gute Neuigkeiten. Und ich muss dafür nicht durch die halbe Stadt. Also doppelt gute Neuigkeiten.

Ich mache mich also auf den Weg, gebe meine beiden Filme ab, laufe eine Runde um den Block, frage nach, ob sie fertig sind und laufe eine weitere Runde um den Block. Dann noch eine und noch eine. Aber endlich sind sie fertig. Ich reiße dem Mann hinter dem Tresen die Bilder beinahe aus der Hand.

Eilig setze ich mich an eine Haltestelle und öffne den Umschlag.

Enttäuschung steigt in mir auf.

Ich bin kein Naturtalent.

Kein einziges Bild ist scharf. Und irgendwie sieht man wenig Unterschied zwischen den Bildern. Sie sehen alle gleich aus. Alle gleich dunkel. Aber ich dachte, wenn ich Blende und Zeit ändere, dann kann ich kontrollieren, wie viel Licht einfällt. Dann müsste man doch einen Unterschied sehen.

Geknickt fahre ich nach Hause, schiebe mir eine Tiefkühlpizza in den Backofen und durchforste das Internet nach einer Erklärung für mein Versagen. Die Pizza duftet und ich hole sie aus dem Ofen. Als ich gerade in ein Stück beiße, mir dabei sowohl Lippen als auch Gaumen verbrenne, stoße ich auf die Lösung. Zeit und Blende stehen in Beziehung zueinander. Wenn ich also Unterschiede auf den Bildern sehen will, darf ich nicht gleichzeitig Zeit und Blende verstellen oder zumindest nicht im gleichen Verhältnis zueinander. Wenn ich die Blende weiter öffne, also mehr Licht hinein lasse, darf ich nicht durch die Zeiteinstellung weniger Licht zuführen.

Wie gut, dass ich mehrere Filme habe.

Es ist draußen immer noch hell, daher beschließe ich, einen weiteren Versuch zu machen. Dieses Mal verstelle ich bei den ersten achtzehn Bildern die Blende und bei den restlichen nur die Zeit. Im Anschluss lasse ich die Fotos entwickeln und fahre zurück nach Hause. Erst hier packe ich meinen Schatz aus, auch wenn es mich schon im Geschäft in den Fingern gejuckt hat, den Umschlag sofort aufzureißen.

Jetzt sehe ich die Unterschiede. Mit einer weit geöffneten Blende kommt jede Menge Licht in das Objektiv, gleichzeitig wird der Hintergrund unscharf. Interessant. Eine geschlossene Blende sorgt dagegen für ein knackig scharfes Bild auf jeder Ebene.

Ich analysiere meine Kunstwerke. Hey, es sind immerhin die ersten Fotos meiner neuen Karriere. Eines finde ich besonders gelungen, obwohl ja nur ein Baum zu sehen ist, daher rahme ich es ein und stelle es auf meinen Beistelltisch. Es fühlt sich irgendwie so an, als würde hier etwas Großes beginnen.

Mit dem Fotobuch kuschele ich mich auf die Couch, lerne alles über Bokeh, die Unschärfe, die entsteht, wenn man mit offener Blende fotografiert, und die oftmals eingesetzt wird, um das Objekt vom Hintergrund zu lösen. Besonders in der Porträtfotografie wird sie gerne genutzt. Also merken. Ich lerne die verschiedenen Objektive und ihre Möglichkeiten kennen, und weiß im Anschluss, dass ich mit meinem einen Objektiv wohl kaum was reißen kann.

Irgendwann schlafe ich ein, weil all diese neuen Infos, die sich mein Kopf merken muss, zu viel sind, und ich eine Pause brauche. Oder auch nur, weil es schon nach Mitternacht ist.

Dylan

Ich klopfe an den Hintereingang des Cafés, in dem ich heute auftreten darf. Viele Country-Legenden hatten ihre ersten Gigs hier, daher bin ich sehr gespannt, wie das Publikum, das sie wahrscheinlich alle gesehen hat, auf mich reagieren wird.

Ein glatzköpfiger Mann öffnet die Tür, betrachtet mich von oben bis unten. »Was willst du?«

»Ich bin Dylan. Ich trete heute hier auf.«

Wieder begutachtet er mich. »An dir ist ja nicht viel dran.«

Wie reagiert man auf so einen Spruch? »An dir dafür umso mehr.« Dabei schaue ich pointiert auf seine Mitte, wo der Bauch über den engen Gürtel seiner Jeans quillt.

Fuck, Dylan! Wieso kannst du nicht einmal deine Klappe halten?

Seine Augen verengen sich, Röte steigt seinen Hals hinauf. »Hier haben Tim McGraw und Keith Urban gespielt. Und du wirst es niemals.« Damit schlägt er mir die Tür direkt vor der Nase zu.

Einen Augenblick stehe ich verdattert da, bevor ich erneut klopfe, aber die Tür bleibt geschlossen. Ich gehe zum Vordereingang, stoße die Tür auf und marschiere durch den noch leeren Raum nach hinten, wo der Glatzkopf hoffentlich noch ist.

»Raus hier!«, brüllt er mir entgegen.

Ich hebe beide Hände. »Es tut mir leid. Wirklich. Ich wollte nicht so unverschämt sein. Bitte, gib mir noch eine Chance.«

Der Qualm, der aus seinen Ohren kam, versiegt, und er winkt mich zu sich. Innerlich bete ich, dass er mich auftreten lässt. Ich brauche diesen Auftritt.

»Bist ja eigentlich ein hübsches Ding«, sagt er und betrachtet mich erneut. »Ein wenig mager.«

Ich beiße mir auf die Zunge, will nicht erneut etwas sagen, was ich dann bereuen werde. Ein paar Schritte vor ihm bleibe ich stehen. »Dann darf ich hier spielen?« Ich lächele ihn so strahlend an, wie es mir möglich ist.

Er kneift die Augen erneut zusammen, aber dieses Mal nicht aus Zorn. Sein Mund verzieht sich zu einem Haifischlächeln. Eine Hand steckt er sich zwischen seine Fettmassen und den Gürtel. Oh, nein.

Er kommt einen Schritt auf mich zu, und bevor ich reagieren kann, hat er seine Hand in meinem Ausschnitt, umfasst meine Brust und nickt dann anerkennend. »Deine Titten haben eine gute Größe.«

Einen Moment lasse ich es geschehen, bevor ich zu Sinnen komme und ihm mein Knie zwischen die Beine ramme. Schreiend lässt er mich los, umklammert jetzt sein Gemächt statt meiner Brust und krümmt sich vor Schmerzen.

»Du beschissenes Arschloch! Wie kannst du es wagen, mich zu betatschen?«, schreie ich ihn an.

Mein Geschrei und sein Geschrei locken einen anderen Mann an. Er schaut sich die Szenerie an und fragt dann: »Was ist passiert?«

»Er hat mich angefasst!« Empörung trieft aus jedem Wort, jeder Silbe, aus jedem einzelnen Buchstaben.

Er schaut kritisch von mir zu ihm und wieder zurück. »Du solltest dir ein dickeres Fell zulegen.«

Fassungslos spucke ich aus: »Wie bitte?«

»Wenn du es in der Country Music zu etwas bringen willst, darfst du nicht so zicken. Und jetzt verschwinde.«

Da dies ganz sicher kein Ort ist, an dem ich sein will, wenn die Männer hier glauben, dass sie mit Frauen alles machen dürfen, was sie wollen, gehe ich.

Schon wieder eine Tür geschlossen. In dem Tempo, in dem ich mir in dieser Stadt Feinde mache, dauert es nicht mehr lange, bis ich gar keine Freunde mehr habe. Um ehrlich zu sein, sind es jetzt schon nicht viele.

Aber es gibt eine Person, auf die ich mich verlassen kann. Ich mache mich auf den Weg zu dem kleinen Plattenstudio, in dem mein Freund Ted arbeitet. Als ich sehe, das gerade aufgenommen wird, setze ich mich auf die Couch im Eingangsbereich, blättere in den Zeitschriften, die auf dem Tischchen liegen, und überbrücke die Zeit.

Etwas später kommen mehrere Leute aus dem Aufnahmebereich, Ted verabschiedet sie, bevor er sich zu mir umdreht.

Ich schaue mit offenem Mund zur Tür, durch die gerade Luke Fender verschwunden ist.

»Was?«, fragt Ted, der wie immer ein zerknittertes Shirt irgendeiner obskuren Band trägt, die außer ihm niemand kennt.

»War das Luke Fender?«

Er grinst. »Genau.«

»Luke Fender nimmt bei dir auf und du hast mir nicht Bescheid gesagt?«

»Der Auftrag ist wichtig, und du kannst dich nicht benehmen.«

»Also, das ist ja wohl eine Frechheit! Natürlich kann ich mich benehmen.«

Er schüttelt den Kopf. »Nein.«

Ted geht in den Regieraum, und ich marschiere hinter ihm her, bereit ihm zu beweisen, dass ich sehr wohl Manieren habe.

»Hier, hör mal.« Er drückt ein paar Knöpfe, schiebt ein paar Regler hin und her.

Als Lukes wunderbare Stimme ertönt, vergesse ich, was ich sagen wollte. Sie ist tief und rauchig, aber irgendwie auch mit Samt belegt. Sie geht einem durch Mark und Bein, wärmt einen von innen, und ich wette, dass sie ihm die Tür zu vielen Schlafzimmern öffnet. Ich wäre auch nicht abgeneigt, muss ich zugeben. Er ist aber auch echt das ganze Paket.

»Wie findest du das?«

»Megaschön.«

»Ich finde, es fehlt noch was.« Er sieht mich nachdenklich an, wobei sich seine dunklen Augenbrauen zusammenziehen.

»Und was?«

Einen Augenblick sieht er so aus, als wollte er nicht mit der Sprache rausrücken, aber dann sagt er: »Der Song wäre stärker, wenn noch eine Frau mitsingen würde.«

»Meinst du? Hat Luke denn was geplant? Vielleicht Melanie? Sie hat eine sehr schöne Stimme, die seine komplementieren könnte.«

»Bevor ich ihm das vorschlage, muss ich erst mal hören, wie das klingen könnte. Würdest du es mal versuchen?«

»Ich?« Mit dem Zeigefinger zeige ich auf meine Brust. »Du meinst wirklich mich?«

»Nur um zu hören, ob das funktioniert. Dann kann Luke sich eine Duettpartnerin besorgen.«

»Melanie wäre echt toll«, schwärme ich, weil Melanie Hudson mein großes Idol ist. Wenn ich mal groß bin, will ich so sein wie sie.

Ted sucht nach einem Blatt Papier, nimmt einen Stift, macht Kreuze, bevor er es mir reicht. »Spiel die Passagen und sing dazu.«

»Wirklich? Ich darf einen Luke-Fender-Song singen?« Falls meine Augen so groß sind wie Untertassen, würde ich mich nicht wundern.

»Eigentlich ist es ein Peter-Bridle-Song.«

»Wer auch immer das ist.«

»Einer der angesagtesten Songwriter. Wo lebst du? Hinterm Mond?« Bevor ich antworten kann, schiebt er mich in den Aufnahmeraum und schließt die Tür hinter mir. Ich zeige ihm meinen Mittelfinger, was ihn zum Lachen bringt, dann setze ich mich mit meiner Gitarre auf den Hocker, klemme Text und Noten fest und spiele die beiden Passagen erst ein paar Mal, bevor ich mitsinge. Es ist ein melancholischer Song, so ganz anders als Lukes andere Sachen. Vielleicht ist dieser Peter tatsächlich ein grandioser Texter. Jede Note geht unter die Haut, lässt mich das Leid spüren, über das hier gesungen wird. Ted hat Recht, es braucht eine weibliche Stimme, eine andere Facette, um richtig zu wirken.

»Danke, lass es uns noch mal machen«, sagt Ted über die Lautsprecher. Aus braunen Augen sieht er mich aufmunternd an.

Ich schaue auf, mir war gar nicht bewusst, dass er mein Testen bereits aufgenommen hat. Er lächelt, also scheine ich es ganz gut gemacht zu haben, oder vielleicht ist er auch einfach nur mein Freund und will mich bestärken.

Die Musik fließt beinahe aus meinen Fingern, als wäre dieser Song für mich gemacht. Als mein Gesang einsetzt, fühlen sich die Worte so an, als kämen sie tief aus meinem Inneren. Als hätte ich sie selbst geschrieben. Wie kann jemand Fremdes so genau verstehen, wie man sich tief im Inneren fühlt? Das Gefühl zu haben, dass man sich so viel anstrengen kann, wie man will, dass das Schicksal jedoch ständig gegen einen ist.

Als ich geendet habe, spüre ich jeden Ton, jeden Akkord und jede Note durch mich schwingen, als wären sie ein Teil von mir. Sie wärmen mich, geben mir dieses Gefühl, dass gerade etwas Magisches geschehen ist. Und irgendwie wünschte ich, dass es mein Song wäre. Dass ich ihn geschrieben hätte oder dass dieser Peter ihn für mich komponiert hätte. Während meine Finger über die Saiten gleiten, mein Mund diese Worte voll Wunder singt, vergesse ich die Realität, was gerade passiert ist, bin ganz und gar in dieser anderen Welt, einer Welt voll Fantasie und Kreativität, aufgegangen. Jetzt fühle ich mich ein wenig einsam, weil es diese Schöpfung nicht mit der anderen aufnehmen kann. Gegen die Brillanz der Kunst wirkt das alles hier nur wie triste Monotonie und irgendwie kalt.

Ich schaue zu Ted, der mich anstarrt. »War das okay? Soll ich es noch mal singen?«

»Komm mal her.«

Langsam stehe ich auf, noch ein wenig benebelt von dem musikalischen Genie, das diesen Song geschaffen hat. Ich trete durch die Tür.

»Was gibt es?«

Ted drückt auf verschiedene Knöpfe, zieht Regler nach oben. »Das musst du dir anhören.«

Und dann höre ich meine Stimme. Aber nicht nur sie, denn Ted hat sie bereits mit Lukes Bariton gemischt. Gemeinsam ergeben sie ein wunderbares Klangspektrum. Es ist wirklich … atemberaubend.

Ich merke kaum, dass mir eine Träne über die Wange läuft, bis sie auf mein T-Shirt tropft.

»Ich wusste, dass da eine Frauenstimme zugehört«, meint Ted zufrieden und streicht sich die unordentliche Masse an dunklen Haaren aus der Stirn. Er sieht immer etwas chaotisch aus, nicht ungepflegt, nur so, als würde er nichts auf sein Aussehen geben. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass dieser Look genau so von ihm gewollt und gestylt ist.

»Es ist schon beinahe Magie«, sage ich leise, weil ich merke, dass nicht nur irgendeine Frauenstimme gefehlt hat, sondern meine. Dies sollte mein Song sein und es bricht mir beinahe das Herz, dass jemand anderes diese Worte singen soll. Auch wenn es Melanie Hudson sein sollte.

»Wenn du nichts dagegen hast, spiele ich es Luke vor. Vielleicht kann er tatsächlich mit Mel singen.«

»Das wäre großartig.« Plötzlich fühle ich mich vollkommen ausgelaugt. So, als wäre ich einen Marathon gelaufen, oder hätte die Sahara durchquert.

»Wieso bist du eigentlich vorbei gekommen?«, fragt er schließlich.

»Nur so. Hey, ich muss gehen.«

»Alles klar. Ich sag dir Bescheid, was Luke gesagt hat.« Er lächelt mich an, bevor er mich umarmt und mir einen Kuss auf den Scheitel drückt.

Und ich? Ich muss mich bemühen, nicht in Tränen auszubrechen.

Für den Rest des Tages und die Nacht lege ich mich in mein Bett, ziehe die Decke über den Kopf, will nichts und niemanden sehen und hören oder was auch immer. Alleinsein, mit diesem Gefühl der Unzulänglichkeit und des Versagens. Ich weiß nicht, wieso ich mich so fühle, aber ich tue es. Eigentlich habe ich nicht versagt, rational weiß ich das. Aber dieses Lied, diese Melodie war wie für mich gemacht. Ich habe es nicht geschafft, Ted – meinen besten Freund Ted! – davon zu überzeugen, dass ich es sein sollte, die diesen Song aufnimmt. Wie sollte ich da irgendwelchen Fremden begreiflich machen, dass ich eine Chance verdiene?

Im Grunde ist es nicht anders als die letzten Tage, Wochen und Monate, in denen mir eine Tür nach der anderen ins Gesicht geklatscht wurde. Nur dieses Mal zählt es mehr. Zumindest ist es das, was die kleine Stimme in mir behauptet, während sie mich als Versagerin bezeichnet.

Am nächsten Morgen weckt mich das Klingeln meines Handys, aber ich habe noch keine Kraft für die Realität, weswegen ich es ignoriere. Stattdessen gehe ich in meine kleine Küche, mache die Kaffeemaschine an, stecke zwei Scheiben Toast in den Toaster und streiche Erdnussbutter und Marmelade auf die fertig gerösteten Brotscheiben. Nachdem ich sie herunter geschlungen habe, gehe ich ins Bad, putze mir die Zähne, kämme meine dunkelbraunen, langen Haare, bevor ich sie zu einem Pferdeschwanz binde. Ich muss heute erst mittags arbeiten, daher will ich die Wohnung auf Vordermann bringen. Nötig hat sie es. Man könnte denken, dass die Fenster aus Milchglas bestehen, so schmutzig sind sie.

Mit Eimer und Putzlappen bewaffnet mache ich mich ans Werk, nicht ohne Musik anzumachen, denn schließlich geht dann alles viel schneller von der Hand. Als ich gerade die Fugen der Dusche bearbeite, klopft es an meiner Wohnungstür. Ach was, klopft. Es hämmert. Irritiert gehe ich hin, öffne sie und sehe Ted vor mir stehen. Ich will schon einen schnippischen Kommentar abgeben, als ich sehe, dass er nicht allein gekommen ist. Neben ihm steht Luke Fender.

Seraphine

Ich brauche einen Plan. So geht das nicht weiter. All mein Geld gebe ich für Filme und für das Entwickeln von selbigen aus, aber das ist ja ein Fass ohne Boden. Wer soll sich das leisten können? Dazu kommt noch, dass ich gelesen habe, dass die ersten zehntausend Fotos die schlechtesten sind, die man macht. Das sind also, keine Ahnung, mehr als zweihundertfünfzig Filmrollen, die ich verknipsen muss. Zweihundertfünfzig mal zehn Pfund für den Film und die Entwicklung. Das macht zweieinhalbtausend Pfund. Wo soll ich die hernehmen?

Es bleibt mir eigentlich gar nichts anderes übrig. Ich muss zurück an den Pokertisch. Im Grunde weiß ich natürlich, dass das keine nachhaltige Strategie für mein Leben sein kann. Aber es hat bisher immer geklappt, wenn ich mal schnell Geld brauchte, was eigentlich immer der Fall ist. Wieso sollte es dieses Mal nicht klappen?

Weil du beim letzten Mal zwanzigtausend Pfund verloren hast.

Wie blöd, wenn das eigene Gewissen so viel schlauer ist als man selbst.

Und überhaupt! Woher soll ich den Einsatz nehmen?

In den letzten Jahren habe ich schon alles zu Geld gemacht, was ich hatte. Was ich jetzt noch besitze, würde nicht mal mehr einen Spottpreis auf dem Flohmarkt erzielen. Es ist ein Elend. Wieso bin ich eigentlich nicht mehr zur Uni gegangen? Dann wäre jetzt alles anders.

Vielleicht, aber in diesem Moment der Selbstkasteiung nehme ich es als gegeben hin, dass alles besser wäre, wenn ich nur die Uni beendet hätte. Ich bin einfach eine Versagerin. Selbst Kyle hat die Kurve bekommen. Außerdem hat er sich eine reiche Frau geangelt, etwas, das auch noch auf meiner Wunschliste steht.

Wobei ich natürlich weiß, dass er sie wirklich liebt, und sie nicht wegen ihres Geldes geheiratet hat. Mist.

Also? Könnte die kleine Stimme in mir zur Abwechslung mal mit einem Plan um die Ecke kommen oder ist sie nur für vernichtende Kritik zuständig?

Ich horche in mich hinein, aber natürlich schweigt sie ausgerechnet dann, wenn sie einen konstruktiven Beitrag leisten soll. Typisch. Ich bin mal wieder auf mich allein gestellt.

Auf dem Weg zu meinem Job in einer Bar grübele ich weiter darüber nach. Kyle kann ich nicht schon wieder um Geld bitten. Und Aubrey erst recht nicht. Klar, sie würde es mir ohne Fragen geben, aber sie ist meine Schwägerin. Das geht nicht. Innerlich zähle ich all die Menschen auf, die ich anpumpen könnte, was eine erschreckend kurze Liste ist. Im Grunde kenne ich außer Aubrey nur eine Person mit Geld, meine Freundin Carly, und sie kann ich noch weniger fragen als meine Schwägerin.

Den ganzen Abend bin ich abgelenkt, bringe die falschen Getränke an die Tische, schütte einem Gast ein Glas Bier über die Schulter, stolpere beim Abräumen über ein Stuhlbein und lasse mehrere Gläser in einem Scherbenhaufen explodieren. Heute ist echt nicht mein Tag. Und das Trinkgeld ist nicht der Rede wert. Kein bisschen.

Mein Chef bedenkt mich auch mit dem kritischsten Blick, den er mir je geschenkt hat. »Bring morgen deinen Kopf wieder mit.«

»Sorry.«

Und auch nach all diesen Stunden des Nachdenkens und Grübelns und mit mir selbst Diskutierens habe ich noch keine Lösung.

»Hi«, sagt da plötzlich jemand neben mir.

Ich hüpfe erschreckt einen halben Meter in die Luft, zumindest gefühlt, presse eine Hand gegen mein klopfendes Herz.

Der Mann hebt beide Hände. »Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken.« Dabei schenkt er mir ein charmantes Lächeln.

»Keine Sorge. Ich bin nur … schreckhaft.« Obwohl das eigentlich gar nicht stimmt.

»Was macht so eine hübsche Frau um diese Uhrzeit allein auf der Straße?«

»Ich bin auf dem Heimweg.«

»Darf ich dich ein Stück begleiten?«

Überrascht schaue ich ihn an. So dreist sind die Männer meistens nicht, wenn sie mit mir flirten. Ich bemerke die teuren Schuhe, den feinen Anzug. Er

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 13.09.2019
ISBN: 978-3-7487-1529-0

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