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Leseprobe

Free at last - verirrt

Annie Stone

Inhalt

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Danksagung

Impressum

Für dich

1

Als wir im Marine Corps Recruit Depot San Diego aus dem Bus steigen, werden wir angewiesen, auf die gelben Fußspuren zu treten, um uns in die Grundstellung des Formaldienstes zu bringen. Bereits im Bus haben sie angefangen, uns an das Leben als Marines zu gewöhnen, wobei das Wort zu schwach ist, denn nichts hier ist in irgendeiner Weise sanft.

Wir dürfen unsere Angehörigen über die sichere Ankunft informieren, aber ich rufe nicht an. Ich kann das Risiko nicht eingehen, Mac zu erreichen. Ihre Stimme zu hören, würde mich umbringen. Wenn sie traurig wäre, würde ich nach Hause eilen, obwohl ich dann ein Deserteur wäre. Wenn sie glücklich wäre, würde mein Herz zu Staub zerfallen.

Nach den Telefonaten bekommen wir Uniformen und einen High and Tight, den typischen, sehr heißen Haarschnitt der Marines. Ich trage meine Haare sowieso schon kurz, aber danach bin ich praktisch kahl.

Wir müssen Papierkram ausfüllen, bekommen Impfungen und werden untersucht, kriegen unsere erste Waffe. Drei Tage lang sind wir auf den Beinen ohne Schlaf und am Ende müssen wir den IST bestehen, der uns zeigt, ob wir fit genug sind, ein Marine zu werden.

Wir müssen Situps machen, mindestens fünfundvierzig in zwei Minuten. Ich bin froh, dass ich durch das Footballspielen und Shanes Training fit bin. Manch andere schaffen es nicht, obwohl ich keine Zeit habe, mir anzusehen, wie meine Kameraden sich machen. Bisher habe ich noch nicht wirklich mit irgendeinem von ihnen gesprochen. Aber nach drei Tagen ohne Schlaf ist es auch ein Wunder, wenn man überhaupt was machen kann.

Als nächstes kommen Pullups. Mindestens drei müssen wir machen, was mir lächerlich vorkommt. Ich kann weit mehr, aber ich beschließe, nicht alle meine Karten offenzulegen. Abschließend kommt noch ein anderthalb Meilen-Lauf, der in höchstens dreizehneinhalb Minuten zu absolvieren ist. Auch das ist kein großes Problem. Selbst unausgeschlafen und groggy. Aber hier trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Ich würde mich schämen, schon am Anfang aufzugeben, aber es gibt tatsächlich die ersten, die den Anforderungen an einen Marine nicht gewachsen sind.

Ich war noch nie im Leben so fertig. Kennt ihr das, wenn man so lange wach war, eigentlich hundemüde sein sollte und dann über den toten Punkt hinauskommt? Nein? Ich auch nicht. Ich würde im Stehen einschlafen, wenn man mir die Möglichkeit geben würde. Aber wir werden so durch die Gegend gescheucht, dass an ruhige Minuten nicht zu denken ist. Das einzig Gute? Man kommt auch nicht zum Denken.

An meine Grenzen stoße ich beim Black Friday. Wir treffen unseren Drill Instructor, der uns anschreit und einschüchtert, uns an unsere physischen, mentalen und psychologischen Grenzen bringt. Shane hatte mir das alles schon erzählt, auch, dass in dieser Vorphase des Bootcamps alles so konfus und chaotisch sein soll wie möglich, um uns klarzumachen, dass unser ziviles Leben nun vorbei ist und das Leben eines Marines ein ganz anderes ist.

Aber es ist schwer. Ich komme nicht aus einer Familie, in der viel geschrien wird. Dad hat letzte Woche das erste Mal seit bestimmt fünf Jahren geschrien. Und dann steht da so jemand, schreit dir direkt ins Ohr, behandelt dich nicht mit dem Respekt, den du gewöhnt bist, der dir laut Erziehung deines Vaters eigentlich zusteht, und du sollst das einfach so hinnehmen.

Es ist mir klar, dass sie absoluten Gehorsam fordern, damit wir auch in Extremsituationen funktionieren, aber wenn man im liberalen Kalifornien aufgewachsen ist, ist das nicht einfach zu ertragen. Aber ich tue es. Ich will das hier.

Und das war nur die Ankunftsphase. Sobald wir in Phase Eins sind, wünsche ich mir die ersten Tage zurück oder einfach ganz andere Tage, egal welche. Vier Wochen dauert diese Stufe des Trainings. Es geht nicht nur um physische Herausforderungen. Das wirklich Schlimme ist, dass sie einen psychologisch demontieren, einen brechen, um jedes bisschen zivile Verhaltensweise aus uns herauszubekommen. Wir sind keine Zivilisten mehr, sondern Marine-Anwärter. Alles, was wir in unserem vorherigen Leben gemacht haben, ist falsch und schadet uns nur, wenn wir richtige Soldaten werden wollen.

Strikte Disziplin, endloses Training und immer und immer wieder dieselbe Routine, das sind die Bausteine der ersten Wochen. Das Training fällt mir leicht. Okay, das ist übertrieben, aber ich habe damit gerechnet, dass es schlimm werden würde. Ich hatte mich darauf vorbereitet, um einen guten Start zu haben. Es ist auszuhalten. Schlimm finde ich all die Dinge, die sie tun, um uns unserer Individualität zu berauben. Da wird einem sein ganzes Leben lang erzählt, dass es okay sei, seinen eigenen Weg zu gehen, dass man nicht wie ein Schaf allen anderen folgen müsse, und hier kommt dann genau das Gegenteil zum Tragen.

Wir sollen keine einzelnen Personen sein, sondern nur noch ein Team. Und es macht Sinn. Schließlich müssen wir uns aufeinander verlassen können, werden Missionen nicht erfolgreich abschließen können, wenn wir keine Einheit sind, aber es ist trotzdem hart. Wir sprechen alle nur noch in der dritten Person von uns. Dieser Rekrut hat verstanden, Sir. Es widerstrebt allem in mir, aber ich weiß, dass es dazu gehört.

Nachts liege ich in meinem Bett und versuche nicht an Mac zu denken. Sie ist gleichzeitig meine Stärke und meine größte Schwäche. Ich will sie stolz machen, will ihr zeigen, welche Art Mann ich bin. Aber jeder Gedanke an sie öffnet auch die Wunden in mir. Es ist schwer, zu lieben und nicht zurückgeliebt zu werden.

Die umfassende körperliche und geistige Erschöpfung macht es jedoch unmöglich, in Gänze über alles nachzudenken. Es mag komisch klingen, aber ich umarme die Strenge. Ich will nicht die ganze Zeit nur an alles denken, was in meinem Leben gerade falsch läuft, sondern mich nur darauf konzentrieren, das hier zu überleben. Als wüssten die Drill Sergeants das, sorgen sie dafür, dass wir nur noch schlafen wollen, wenn wir mal dürfen.

Wir lernen jede Menge zur Geschichte der Marines, welche Ränge es gibt, wie wir erste Hilfe leisten. Wir lernen die Formationen, lernen, welche Uniformen es gibt. Wir lernen, mit unserer Waffe umzugehen, sie zu reinigen, sie immer bei uns zu haben. Wir beginnen mit der Nahkampfausbildung. Ohne Waffen, mit umfunktionierten Waffen und mit unserem Gewehr, das uns das ganze Bootcamp über begleitet.

Wir reden nicht viel mit anderen, meist sind wir halb tot, wenn uns niemand mehr in die Ohren schreit. Aber es bilden sich doch erste Freundschaften. Killian Hastings ist mein Bettnachbar. Cooler Typ. Er ist der geborene Soldat, der geborene Marine. Er marschiert durch jede Prüfung, als wäre er nur dafür gemacht, sie zu bestehen. Ich würde ihn hassen, wenn er nicht cool wäre. Er ist ein Teamplayer, denkt immer zuerst an andere. Er ist kein Führer, wird er auch nie sein, aber er ist der Kleber, den man braucht, um ein Team zu bilden.

Joey Montana ist der zweite Kamerad, den ich als Freund bezeichnen würde. Er ist ein Joker, immer für einen Spruch zu haben. Und ich kann euch sagen, den braucht man hier auch, vor allem als wir in der dritten Woche mit dem Schwimm- und Überlebenstraining im Wasser beginnen. Der Druck erhöht sich, denn hier können wir zum ersten Mal aus dem Bootcamp fliegen. Zweimal versagen und man kann vergessen, ein Marine zu werden.

Da kann man schon mal verzweifeln. Aber auch dafür haben wir gar keine Zeit. Sie nehmen die Idee, dass man nicht mehr denken soll, wirklich ernst. Und sie sind erfolgreich damit.

Tagtäglich wird das Training schwerer. Je stärker wir werden, desto härter nehmen sie uns ran. Je mehr sich unsere Körper an den Stress gewöhnen, desto schlimmer wird er. Wir müssen alles ständig wiederholen, um alles im Muskelgedächtnis zu speichern und jede kleine Übung im Schlaf zu können. Es ist ermüdend. Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass das Bootcamp ein Zuckerschlecken wird.

Aber es hilft beim Liebeskummer. Je härter ich arbeite, desto weniger kann ich an Mac denken, einfach weil meine Gehirnkapazität nicht mehr ausreicht, um für etwas anderes Platz zu haben, als zu überleben.

Und dann kommt der Teil in dieser ersten Stufe, vor dem ich mich am meisten fürchte. Die Gaskammer. Ich will da nicht rein. Aber wir haben keine Chance. Wenn wir rausgehen, werden wir zurückgeschickt, wenn wir nicht gehorchen, fliegen wir.

Ich stehe mit meiner Gasmaske da und muss Aufgaben erledigen. Als ich die Maske abnehmen muss, spüre ich Panik in mir hochsteigen. Ich kann das nicht, ist der einzige Gedanke in meinem Kopf. Ich kann das nicht, aber ich habe keine Wahl. Ich kann nicht aufgeben, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Ich kann nicht zurück nach Hause, nicht zurück in die Situation mit Mac. Es mag feige sein, aber mir wird Tag für Tag ein ums andere Mal das Herz rausgerissen. Jedes Mal, wenn Dad sie küsst, will ich ihn wegreißen, ihm in die Fresse schlagen, weil er mein Mädchen küsst. Aber irgendwie denke ich, dass solche Neandertalermethoden bei ihr nicht gut ankommen. Ich muss durchhalten. Es geht nicht anders.

Da kommt das Kommando, die Masken wieder aufzusetzen, und ich tue es. Überstanden. Keine Panik bekommen. Der Gedanke an Mac hat mich gerettet, auch wenn es mir lieber gewesen wäre, wenn es positive Gedanken gewesen wären.

Vor dem Schlafengehen haben wir eine Stunde Freizeit, nicht jeden Abend, nur wenn unser DI es erlaubt. Wir müssen unsere Ausrüstung in Schuss halten, dürfen weder duschen noch schlafen, aber rasieren dürfen wir uns, und das fühlt sich gut an. Wir können Briefe schreiben und lesen. Ich bekomme ständig welche von Carey, aber ich lese sie weder, noch schreibe ich zurück. Ich kann einfach nicht. Es macht mich traurig und dann kann ich mich vor lauter Schuldgefühlen nicht mehr retten, weil ich ihn alleine gelassen habe. Nur der Gedanke, dass ich ihn bei Mac gelassen habe, versöhnt mich halbwegs.

»Hey, Mann«, sagt Joey und setzt sich zu mir. »Da ist diese Kleine, die ich ganz gut finde. Sie hat mir geschrieben und ich will ihr zurückschreiben, aber alles, was mir einfällt, ist, dass ich meinen Schwanz in sie stecken will.«

Ich grinse.

»Und irgendwie habe ich nicht das Gefühl, als wäre das eine so gute Idee. Hilf mir.«

»Kommt drauf an, wie weit ihr seid. Hattest du deinen Schwanz schon in ihr?«, frage ich nach.

Er grinst. »Überall.«

Killian lacht laut auf. »Ich glaube dir kein Wort. Wenn du tatsächlich schon in ihrem Arsch warst, wüsstest du, was du schreiben sollst.«

»Ein Sonnet an ihren saftigen Arsch?«, fragt Joey lachend.

»Ich sehe ihren knackigen Hintern, da will ich überwintern«, scherzt Killian.

»Oh, man, war das schlecht!«, lache ich und wische mir Tränen aus dem Augenwinkel.

»Ich sehe ihren knackigen Arsch und hoffe, sie bläst mir den Marsch«, wirft jemand anderes ein.

»Ich bin da mit wenigen Schritten und lutsche an ihren heißen Titten!«, ruft es von der anderen Seite des Schlafsaals.

Ich lache, weil es gut tut, einfach einen Moment albern und jung zu sein.

»Ich ficke ihre Fotze und sie spürt meine Rotze.«

»Sie lutscht meinen Pimmel und ich bin im Himmel.«

»Wie gut, dass ihr alle bereits einen Karriereweg eingeschlagen habt. Poet ist es ganz sicher nicht, ihr Wichser«, ruft Joey gespielt empört. »Ich mag die Kleine wirklich.«

»Wenn sie dich auch mag, muss sie es beweisen und deinen Glibber verspeisen.«

»Die Kleine will nicht schlucken, da wirst du dumm gucken.«

Das Gelächter ist groß, bis ... »Was gibt es zu lachen? Freizeit ist vorbei, hundertzwanzig Sekunden zum Duschen. LOS!«

Hundertzwanzig Sekunden sind wirklich nicht lang, aber man lernt schnell, nur die wichtigen Stellen zu waschen. Normalerweise würde das meinen Schwanz umfassen, damit er gelutscht wird, aber es ist ja niemand da, der das tun soll. Und dann habe ich da ja auch noch quasi geschworen, dass nur Mac ihn lutschen soll. Fuck. Das war nicht durchdacht.

Es wird tatsächlich leichter. Man gewöhnt sich an alles. Das schwere Training wird zur zweiten Natur, es fällt mir leichter, mich dem ganzen Drill anzupassen. Die zweite Stufe des Bootcamps beschäftigt sich hauptsächlich mit Waffentraining und wir werden für drei Wochen zur Edson Range auf die Marinebasis Pendleton geschickt. Hier findet das Waffentraining statt. Wir müssen verschiedene Prüfungen bestehen, aber wir wurden gut vorbereitet. Und man muss es einfach so sagen. Wir haben bereits Schlimmeres erlebt.

Ich weiß nicht, ob es ist, weil wir dieselben Erfahrungen machen oder man sich in Krisenzeiten schneller aneinander gewöhnt, aber Killian und Joey fühlen sich an wie Brüder. Ich will Carey nicht herabsetzen, nicht in irgendeiner Weise, aber ich würde den beiden mein Leben anvertrauen und sie mir ihres.

Mir wird auch klar, warum es das Buddysystem gibt. Es ist so viel einfacher, Dinge durchzuhalten, wenn man moralischen Support hat. Wir feuern uns an, wenn wir nicht zu müde sind, um den Mund aufzumachen. Wir verstehen die Situation, da wir alles gemeinsam durchmachen. Ohne die beiden wäre es ungleich schwerer, aber wir schaffen es. Wir bekommen unsere ersten Abzeichen für unsere Schussfähigkeit und irgendwie fühlt es sich gut an, etwas zu erreichen, ein Kästchen abzuhaken.

Killian kommt aus Texas, sieht aus wie der All-American-Boy. Normalerweise. Von seinen blonden Haaren ist kaum noch was übrig, aber seine blauen Augen blitzen auch nach harten Tagen immer noch. Er ist groß, nicht so groß wie ich, aber das sind die wenigsten. Dazu kommt sein sonniges Gemüt. Man kann ihn nicht ärgern. Er bleibt cool, reagiert nicht auf Hänseleien. Nicht dass er viele ertragen muss. Wenn man so aussieht, ist man immer der King.

Joey ist klein. Manchmal frage ich mich, wie er die Mindestvoraussetzungen was Größe und Gewicht angeht, geschafft hat. Aber das sage ich ihm nur ins Gesicht, um ihn zu ärgern. So klein ist er auch wieder nicht. Aber er hat Kraft und Ausdauer. Während Killian und ich uns manchmal doch recht schwer tun, kann er sich überall durchwuseln. Nicht, dass ich neidisch wäre.

Am Ende unseres Schusstrainings treten die Platoons gegeneinander an und das Jubeln ist laut, als wir gewinnen. Das hebt die Moral der Truppe ganz gewaltig. Außerdem bekommen wir einen Bonus. Wir dürfen telefonieren. Ich lasse meine Minuten verfallen ...

Und dann kommt eine Woche, die fast schon Urlaub ist. Uns werden unsere Galauniformen angepasst, wenn es medizinische Problemchen gab, können sie nun behandelt werden.

Nur noch vier Wochen. Dann haben wir es geschafft. Die letzte Stufe dient dazu, alles zu kombinieren, was wir gelernt haben und uns den letzten Schliff zu geben. Wir schreiben das Examen, legen den letzten Leistungstest ab, den ich mit Bravour bestehe.

Ich bin stärker als vor ein paar Wochen. Nicht nur physisch, auch mental. Es sind keine Zweifel mehr in mir. Ich weiß nun, wie mein Leben aussehen wird, und habe mich damit arrangiert. Körperlich merke ich, dass ich breiter geworden bin, ich habe mehr Muskeln als vorher. Ich fühle mich auch wohler in meinem Körper. Wenn man so groß ist, macht man sich unwillkürlich immer kleiner, um nicht herauszustechen. Und obwohl ich immer schon ein gesundes Selbstvertrauen hatte, musste ich mich doch zu allen hinunterbeugen. Das verschlechtert die Haltung und psychologisch macht es was mit einem, wenn man immer mit gebeugtem Rücken durchs Leben geht.

Jetzt aber hat sich alles für mich geändert. Das Training hat mir eine neue Art von Selbstbewusstsein gegeben, die nur durch das Wissen kommt, dass man sich in jeder Lebenslage verteidigen kann, egal ob mit Worten, mit Waffen oder mit den bloßen Händen.

Am Ende unseres Bootcamps werden wir in Gruppen eingeteilt und müssen mehr als zwei volle Tage an einer Abschlussprüfung teilnehmen. Es ist eine Gefechtssimulation, während der wir in verschiedenen Stresssituationen getestet werden. Zu wenig Schlaf, zu wenig Essen, Gefahr für Leib und Leben. Es ist hart, aber es ist erstaunlich, wie man in relativ kurzer Zeit ein komplett anderer Mensch werden kann. Vor zwölf Wochen hätte ich nie geglaubt, dass ich das kann, aber jetzt ist es, als wäre auch ich dafür geboren und hätte es schon immer getan. Es ist ein gutes Gefühl. Es zeigt einem, wie weit man gekommen ist, was man alles erreichen kann, wenn man sich dazu entschieden hat, es zu tun. Vieles war physische Leistung, aber die mentale Stärke, die ich gewonnen habe, ist das eigentlich erstaunliche.

Nach zwölf Wochen haben wir es geschafft. Endlich möchte ich sagen, aber es fühlt sich an, als würde ich meine Familie erneut verlassen. Kein gutes Gefühl. Joey plant, zur Infanterie zu gehen. Killian und ich werden das neunundzwanzigtägige Marine Combat Training absolvieren, bevor wir zu unseren jeweiligen Spezialisierungstrainings kommen. Wir wollen beide zu den Kampftauchern. Es fühlt sich gut an, dass ich nicht wieder alle Menschen hinter mir lassen muss, die mir wichtig sind.

Nach der Graduierungszeremonie haben wir zehn Tage Urlaub. Killian hat mich nach Texas eingeladen und ich habe beschlossen, mit ihm zu gehen, weil ich mir immer noch nicht vorstellen kann, nach Hause zu gehen. Und wo soll ich sonst hin?

Die Abschlusszeremonie wird von allen herbeigesehnt. Nicht nur, weil wir es geschafft haben, sondern auch, um der Familie und den Liebsten zu zeigen, was man erreicht hat, dass man nicht aufgegeben hat. Mir ist es egal. Ich habe niemandem gesagt, wann ich hier fertig bin, ich erwarte niemanden.

Wir stehen in unserer Formation, hören den Worten zu, werden entlassen. Als Marines. Überall um mich herum nehmen meine Kameraden ihre Mütter und Schwestern und Freundinnen in den Arm. Überall ist Liebe um mich herum und ich bin allein.

»Hey, Soldat«, höre ich hinter mir. Ich bleibe stehen, denke, dass ich mich verhört haben muss.

Ich drehe mich um und sehe Mac in einem Sommerkleid da stehen, so wunderschön, dass mir der Atem stockt.

»Es heißt Marine«, sage ich und sauge ihren Anblick in mich auf.

Sie lächelt. »Hey, Marine.«

Sie kommt näher, ist ein wenig unsicher, wie sie agieren soll, aber dann wirft sie mir die Arme um den Hals. Ich erwidere die Umarmung, hebe sie hoch, drücke sie fest an mich.

»Ich bin so stolz auf dich«, flüstert sie in mein Ohr und fuck, wenn mich dieser Satz nicht hart macht.

Als ich sie nach einer Ewigkeit wieder absetze, schaue ich in ihre feuchten Augen. »Woher wusstest du es?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ich stalke dich.«

Ich grinse leicht und ich glaube, ich habe noch nie schönere Worte gehört. »Ach ja?«

»Ich wusste, du würdest es mir nicht sagen, aber ich wollte, dass du weißt, dass ich so unglaublich stolz auf dich bin. Ich wusste, du würdest es schaffen.«

Statt zwei Meter fühle ich mich gerade zehn Meter groß. Ach was, ich bin ein Gott! Mein Mädchen ist stolz auf mich. Was gibt es Besseres?

»Carey ist auch da«, sagt sie.

Ich blicke mich um und sehe ihn ein wenig abseits stehen. Er sieht unsicher aus, als wüsste er nicht, ob er willkommen ist. Ich hasse mich, weil ich meinem Bruder das Gefühl gegeben habe, dass er mir nicht wichtig ist. Ich laufe zu ihm und ziehe ihn in meine Arme.

»Ich hab dich vermisst, Bro«, sage ich leise und klopfe auf seinen Rücken.

»Du hast mir nie geschrieben«, sagt er, während sich seine Finger in meiner Uniform festkrallen, als wollte er mich nicht mehr gehen lassen.

»Tut mir leid. Ich konnte nicht. Ich wollte immer, aber ich konnte nicht. Es hätte mir den Fokus geraubt.«

Carey nickt. »Ich dachte ...«

»Es tut mir leid, Mann. Ich will dich immer in meinem Leben haben. Du bist mein Bruder, die einzige Familie, die ich habe.«

»Du hast auch Mac«, sagt er ruhig und ich blicke zu ihr. Sie steht ein paar Schritte entfernt mit feuchten Wangen und schaut uns an.

Ich nicke. »Ich hab auch Mac, aber nicht, wie ich sie haben will.« Das ist einfach nur so rausgerutscht, eigentlich wollte ich Carey nichts von meinen Gefühlen sagen.

»Ich weiß.«

Ich schaue ihn überrascht an. »Du weißt es?«

»Ich bin nicht blind. Dein Abschiedskuss war schon recht eindeutig«, sagt er. »Taub bin ich auch nicht. Du bist konstanter Streitpunkt zwischen Dad und Mac.«

»Schlimm?«, frage ich.

»Geht«, sagt er schulterzuckend.

Mac kommt näher. »Alles okay, Jungs?«

Ich nicke und lege ihr den Arm um die Schulter, um sie noch einmal an mich zu ziehen. Ich drücke ihr einen Kuss auf den Kopf.

»Ey, Tilman!«, ruft Joey und kommt zu uns. »Du hast nichts von ’ner Braut gesagt.«

Er lächelt Mac gewinnend an und sie tritt näher an mich ran.

»Hände weg«, sage ich scherzend, bevor ich ihn vorstelle. Er gibt Mac einen Handkuss und grinst Carey an.

»Meine Eltern wollen essen gehen. Sie wollen meine Freunde einladen. Kommst du?«, fragt er.

Ich schaue auf Mac und Carey.

»Sie können mitkommen«, schaltet Joey schnell.

Mac schüttelt den Kopf. »Danke für die Einladung, aber ich muss wieder los.« Sie meidet meinen Blick und ich weiß, dass sie an Dad denkt.

Ich bemühe mich, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, und sage zu Joey: »Carey und ich kommen gleich.«

»Es tut mir leid«, flüstert Mac.

»Schon okay«, antworte ich, obwohl gar nichts okay ist. Sie wird Dad nie für mich verlassen, wird mir klar. Ich muss einen Schlussstrich ziehen, anders kann ich nicht überleben.

»Wie lange hast du Urlaub?«, fragt sie.

»Zehn Tage.«

»Kommst du nach Hause?«

»Zuhause ... Schönes Wort, aber ich habe kein Zuhause mehr«, sage ich und bin erschrocken über die Bitterkeit in meiner Stimme.

Sie nickt und ihr laufen Tränen die Wangen runter. »Ich ...«

»Lass es, Mac. Lass es.«

Sie drückt sich kurz an mich und läuft dann fort, ohne sich umzudrehen. Ich schaue ihr hinterher.

»Hunt ...«

»Sie wird ihn nie verlassen, oder?«

Carey zuckt zweifelnd mit den Schultern. »Keine Ahnung, Alter. Aber ich würd nicht drauf warten.

2

Ich habe mich den Rest des Tages im Fitnessstudio vergraben. Ich wäre gerne mit zum Essen gegangen, aber Carter ist eifersüchtig auf seinen Sohn und glaubt meinen Beteuerungen nicht, dass ich keine Gefühle für ihn habe, zumindest keine, die über Freundschaft hinausgehen. Ich mag Hunter, er ist ein guter Mann. Ich bin stolz auf ihn, weil er das Bootcamp überlebt hat. Ich weiß, dass er noch weitere harte Aufgaben vor sich hat, wenn er tatsächlich zur Spezialeinheit der Marines gehen will.

Aber ich liebe ihn nicht, glaub ich. Ich hatte damals nicht gelogen, als ich sagte, dass ich ihn lieben könnte, wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten. Aber das heißt ja nicht, dass es auch tatsächlich so gekommen wäre, nur dass die Möglichkeit besteht. Es ist allerdings müßig, darüber nachzudenken, denn es ist nun einmal, wie es ist.

Ich hatte Carter nicht für den eifersüchtigen Typ gehalten. In den mehr als zwei Jahren, die wir zusammen sind, hat er sich nie über andere Männer beschwert. Weder über Arbeitskollegen noch über irgendwelche Fremden, die mir auf der Straße hinterherpfeifen oder so was. Obwohl das nicht oft vorkommt, immerhin sehe ich nicht aus wie ein Supermodel. Ich bin kurvig, nicht dick, zumindest würde ich mich nicht als dick bezeichnen, aber ich bin eben auch nicht schlank.

Naja, ist ja auch egal. Jedenfalls hat Carter nie erkennen lassen, dass es ihn in irgendeiner Weise stört, aber Hunter ist eine ganz andere Geschichte.

Als ich abends nach Hause komme, sitzt er auf der Couch. Ich höre Musik von oben, daher gehe ich davon aus, dass Carey ebenfalls da ist.

»Wo warst du?«, fragt Carter und faltet seine Zeitung.

»Im Fitnessstudio.«

»Und davor?« Er weiß es also.

»Bei Hunters Abschlusszeremonie«, antworte ich. Kein Grund drum herum zu reden.

»Und wann wolltest du mir das sagen?«, fragt er und seine Stimme hat einen leicht sauren Klang.

Ich setze mich auf den Sessel. »Gar nicht.«

»Gar nicht?«

»Ich wusste, dass du sauer werden würdest, aber ich wollte Hunter zeigen, dass ich stolz auf ihn bin.«

Er lacht bitter. »Was ist da bitte stolz zu sein? Das ist Selbstmord.«

»Carter, er ist erwachsen. Er trifft seine eigenen Entscheidungen, das ist sein eigenes Leben. Er muss damit zufrieden sein. Aber er braucht seine Familie.«

Er zieht die Augenbraue hoch. »Ach, und du bist also seine Familie?«

Es ist wie ein Dolchstoß ins Herz. »Er ist dein Sohn. Ich bin deine Freundin. Das ist Familie.«

Er schnaubt. »Ich bin seine Familie. Du bist nicht mit ihm verwandt.«

»Okay, aber Familie ist nicht nur durch dasselbe Blut gekennzeichnet.«

Er lacht spöttisch. »Das stimmt, süße Mackenzie. Man kann auch durch andere Dinge Familie werden, etwas durch Sex.«

Es ist, als hätte er mir eine runtergehauen. »Wie bitte?«

»Du hast mich verstanden. Hast du mit Hunter geschlafen?«

»Nein, natürlich nicht! Ich würde dich nie betrügen. Und ich habe dir schon mehr als einmal gesagt, dass ich nicht in ihn verliebt bin.«

»Aber er ist in dich verliebt!«

»Das ändert aber doch nichts an meinen Gefühlen, Carter! Ich liebe dich.«

Er lehnt den Kopf in die Hände. Ich setze mich neben ihn, lege ihm die Hand auf den Rücken. »Carter, bitte. Ich weiß, dass das keine einfache Situation ist, aber du musst mir vertrauen. Ich liebe nur dich.«

Er setzt sich langsam wieder auf und schaut mir in die Augen. »Ich frage mich, was so ein hübsches Mädchen in mir sieht.«

»Du bist heiß und nett und du behandelst mich gut. Du bist so gut im Bett«, füge ich ein wenig verführerisch hinzu. »Du bist intelligent, ich kann mit dir reden und lachen. Und wenn du dich ausziehst, werd ich ganz feucht.«

»Wirklich?«, fragt er lasziv.

Ich lehne mich gegen ihn, drücke meinen Busen gegen seinen Arm, lecke mit der Zungenspitze an seinem Ohr entlang. »Wirklich. Und es funktioniert auch, wenn du angezogen bist.«

»Ach, echt?«

Ich nicke und knabber an seinem Ohrläppchen. »Ja. Aber weißt du, wann ich am feuchtesten bin?«

»Sag es mir.«

»Wenn ich deinen Schwanz anfasse oder lecke oder küsse oder dran lutsche.«

Er schluckt leicht, bevor er sagt: »Dann sollten wir das mal in die Praxis umsetzen.«

Ich drücke ihn auf die Couch und lege mich auf ihn. Meine Lippen streichen sanft über seine. Seine Hände schließen sich um meinen Hintern.

Hinter uns räuspert sich jemand. »Entschuldigt, Leute, aber Katie und ich wollen was zu essen bestellen. Wollt ihr auch was?«, fragt Carey.

Carter stöhnt genervt. »Du hast ein Scheißtiming, mein Sohn.«

Carey lacht. »Das befürchte ich mittlerweile auch.«

Wir bestellen Chinesisch und schauen zusammen einen Film an. Aber für mich fehlt jemand und ich weiß, dass es Carey auch so geht. Manchmal kann er seinen traurigen Blick nicht verbergen.

Ich frag mich, wie Carter es aushält, böse auf Hunter zu sein. Er liebt ihn, er ist stolz auf ihn, er will nur sein Bestes. Warum ist er dann so stur und reicht seinem Sohn nicht die Hand? Ich kann es nicht begreifen. Es zerfrisst mich, dass ich der Grund bin, warum sie keinen Kontakt haben. Denn nur die Berufswahl kann es nicht sein. Das ist zu drastisch für Carter. Er ist ein toller Vater. Er ist auch ein toller Freund, auch wenn er momentan ein wenig komisch ist.

Wie beinahe jeden Abend liege ich noch lange wach, während Carter schon friedlich schläft. Es ist ruhig im Haus, aber meine Gedanken quälen mich. Ich will ihnen helfen, aber ich weiß nicht wie. Die einzige Lösung, die mir einfällt, ist zu gehen, aber das will ich nicht. Ich will Carter nicht verlieren und Carey schon mal gar nicht. Und die Idee, Hunter nicht mehr wiederzusehen, mag ich auch nicht.

3

Ich wusste ja, dass Killian aus Texas kommt, aber dass er auch noch vom Arsch der Welt kommt, wusste ich nicht. Der Flug von San Diego nach Lubbock dauert mehr als vier Stunden. Keine Ahnung, wo Lubbock liegt? Ich sag’s euch. Mitten im vierten Höllenkreis. Es ist scheißheiß, furztrocken und jeder glaubt, mit Geld kann man alles kaufen.

Killians Bruder holt uns vom Flughafen ab. Die beiden sehen sich so ähnlich, dass sich meine leichte Angst vor Zwillingen meldet. Ehrlich, wenn zwei Menschen so gleich aussehen, ist das doch creepy. Und sie sind nicht mal Zwillinge, was es nicht besser macht.

Wir fahren anderthalb Stunden und als wir dann vor ihrem Elternhaus stehen, krieg ich den Mund nicht mehr zu. Fuck, das sieht aus wie aus so ’nem beschissenen Südstaaten-Epos. Vom Winde verweht oder Kerzen im Wind oder wie die Sachen auch alle heißen. Mac hat uns an einem Abend gezwungen, das anzusehen. Was ein Scheiß.

Aber genauso sieht es hier aus. Riesiges weißes Haus, Säulen. Kein Plan, ob dorisch, ionisch oder korinthisch – oder wie die auch immer heißen –, aber Säulen halt.

Ich mein, ich bin Reichtum gewöhnt, aber das hier ... Normalerweise bekommt man einen Titel mit so einem Anwesen. Nicht in Amerika natürlich.

»Das ist unser bescheidenes Zuhause«, spottet Killian.

»Bescheiden, klar«, antworte ich.

Er haut mir lachend auf den Rücken. »Das hat man davon, wenn man den größten Baumwollbetrieb der Welt hat. Noch dazu im größten, zusammenhängenden Anbaugebiet, South Plains.«

»Fuck, Mann. Ich wusste nicht, dass du so ein Plantagenbesitzer bist. Wo ist Onkel Toms Hütte?«

Er streicht sich über die raspelkurzen Haare. »Das da hinten waren die Sklavenquartiere.« Er zeigt auf ein Gebäude, das wie Stallungen aussieht. »Also, nicht das Haus, aber der Ort. Die eigentlichen Quartiere sind verrottet und irgendwann wurde das Wirtschaftsgebäude an die Stelle gesetzt.«

»Fuck, damit hab ich nicht gerechnet. Sorry.«

Er zuckt mit den Schultern. »Die Vergangenheit des Südens ist unentschuldbar. Aber selbst Kalifornien als freier Staat hat sich an die Spielregeln der Sklavenstaaten gehalten, indem es auch einen Pro-Sklaverei-Senator entsandte, um den Ausgleich nicht zu gefährden.«

»Ja, alles abgefuckt.«

»Du sagst es.« Er schaut sich um, während wir über den trockenen Boden laufen. »Meine Ur-Ur-Urgroßmutter Augusta – keine Ahnung, ob das genug Urs waren oder vielleicht zu wenig – war eine Verfechterin des Abolitionismus’ und hat Sklaven zur Flucht verholfen.«

»Cool.«

»Was weißt du über den Teil der Geschichte?«

Ich zucke mit den Schultern. »Schulwissen.«

Er kickt ein paar Steinchen vor sich her. »Nach dem Unabhängigkeitskrieg wurden die Nordstaaten sklavenfrei und der Georgia Trade setzte ein. Dabei wurden Hunderttausende Sklaven aus dem Oberen in den Tiefen Süden gebracht, auch nach Texas. Wie du sehen kannst, ist es hier eigentlich viel zu trocken für Baumwolle und nur durch extensive Bewässerung und den Einsatz von Sklaven konnte die Region mithalten. Augusta hatte schon als junges Mädchen mit ansehen müssen, wie Sklaven ausgepeitscht und misshandelt wurden. Naja, ich denke, das macht was mit dir. Keine Ahnung, warum es

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Annie Stone
Bildmaterialien: shutterstock.com/ Forewer
Lektorat/Korrektorat: ScriptLounge
Tag der Veröffentlichung: 12.10.2016
ISBN: 978-3-7396-7830-6

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für dich

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