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Eine Überraschung am Ostersonntag

Rrrrrrriiiiinnnnggggg! Verschlafen stellte Emily ihren Wecker aus, dass sie ausgerechnet um acht Uhr aufstand hatte einen Grund: Heute Morgen war sie mit ihrem Vater zum Brunch verabredet. Seitdem ihre Eltern getrennt waren, hatte sich Emilys Leben komplett verändert. Sie sah ihn nur noch am Wochenende. Einerseits liebte sie ihn, aber andererseits hasste sie ihn dafür, dass er sie und ihre Mutter verließ. Seitdem er ausgezogen war, fehlte Jemand und die Drei-Zimmerwohnung kam ihr beinahe schon leer vor. Wenn ihre Mutter von morgens bis abends arbeitete, war sie ganz alleine zuhause. Zum Glück gab es noch ihre Katze Enya, die ihr nach der Schule immer Gesellschaft leistete. Emily stand auf und zog die roten Gardinen zur Seite. Die Sonne schien in ihr helles und freundliches Zimmer, welches sie über alles liebte. Es war ihr Reich: hell, modern, groß und gemütlich! An den Wänden hingen Poster von Schauspielern, Popstars und Pferden. Über der Tür hing ein goldenes Hufeisen. Ihr Bett stand unter Dachschräge, ihr Schreibtisch am Fenster und an der gegenüberliegenden Seite war ein großes gemütliches Sofa mit einem Couchtisch. Schnell zog Emily sich an, bürstete ihre dicken braunen Haare und überprüfte ihr Aussehen im Spiegel. Für ihren Vater wollte sie sich nicht extra schön machen und verzichtete deshalb ganz auf Schminke.

 

 Emily fuhr gemütlich die Straße vor ihrem Haus entlang, die fast ausgestorben war und bog in den Stadtpark ein. Um halb neun war fast kein Mensch auf den Beinen, ihr kam nur ein Hundebesitzer mit seinem Terrier entgegen. Auf der Parkbank saß eine ältere Frau, die die Enten mit trockenem Brot fütterte. Als Emily an ihr vorbei fuhr, grüßt sie freundlich. Emily sog die warme Frühlingsluft tief ein, genoss das Zwitschern der Vögel, beobachte ein hoppelndes Kaninchen und ließ sich die Sonne auf ihren Rücken scheinen.

„Könnte jeder Tag so doch schön sein!“, dachte sie und fuhr weiter. Den Stadtpark ließ sie hinter sich und wenig später stellte sie ihr Rad vor dem Café ab. Ihr Vater wartete schon auf sie, zum Glück war seine rothaarige Flamme nicht dabei. Emily mochte die neue Freundin von ihrem Vater nicht besonders. „Hallo Lilly Liebling“, rief er laut und nahm seine Tochter in den Arm, „Frohe Ostern!“ „Danke Paps, dir auch frohe Ostern“, antwortete Emily außer Atem. „Wie ist es letztens in der Schule gelaufen?“, erkundigte er sich. „Schule halt, da ist nie etwas Besonderes“, sagte Emily achselzuckend, „Ich habe höchstens die Mathe- und die Englischarbeit verhauen“

 

Emily und ihr Vater gingen zum Büfett und gingen mit vollen Tellern zu ihrem Platz. „Wo ist Patricia geblieben?“, fragte Emily, nicht dass sie unbedingt gewollt hätte, dass mitkam. Doch sie wollte nur höflich sein. „Sie löst mit zwei Freundinnen ihren Welnessgutschein ein, den sie von mir bekommen hat“, sagte er und widmete sich seinem Rührei. Emily hatte sich nur ein Brötchen, ein Glas Orangensaft und ein Schälchen Müsli mit Obst genommen. In letzter Zeit hatte sie wieder drei Kilo zugenommen, weil sie den Scheidungsschmerz mit Süßigkeiten und Fastfood vernichten wollte. „Du kannst doch ruhig ein bisschen mehr essen“, meinte ihr Vater. „Ich habe vor ein paar Kilo abzunehmen“, meinte sie, „Es ist total schlimm, wie ungesund ich in letzter Zeit gegessen habe. Dauernd war ich bei McDonalds oder habe Schokolade gefuttert“ „Aber nicht jedes Mädchen muss so schlank sein wie ein Topmodel“, entgegnete er ihr. „Aber ich will im Sommer unbedingt meinen Lieblingsbikini tragen“, sagte Emily, „Aber so kann ich mich nicht mal im Badeanzug blicken lassen“

 

Zum Glück wechselten sie schnell das Thema. Ihr Vater fragte sie nach ihren Freundinnen und ihrer Bande. „Wie läuft es eigentlich in eurer Bande, Lilly?“ „Seit der Klassenfahrt haben wir uns nur noch zweimal getroffen, weil wir nicht wissen, wo wir uns treffen können. Sonst sehen wir uns jedes Mal in der Schule und freitags in der Reitstunde“ „Ihr habt kein Bandenquartier?“ Emily schüttelte den Kopf, „Leider nicht“ „Wo habt ihr euch denn dann getroffen?“ „Einmal haben wir in der Stadt zusammen Eis gegessen, zuvor auf der Kirmes und beim dritten Mal waren wir bei Carlotta zuhause, ihre Mutter hat bei sieben Mädchen fast einen Nervenzusammenbruch gekriegt“ „Ich habe eine große Überraschung für dich und deine Freundinnen“ „Was für eine Überraschung?“ „Das zeige ich dir nachher“ „Das kannst mir auch jetzt sagen“ „Warte nur ab, du wirst es gleich sehen“

 

Ihr Vater schüttelte den Kopf. Vor Neugier wurden ihre Augen größer und größer. Wann hatte ihr Vater zum Letzten Mal eine Überraschung in Petto gehabt? Das war schon lange her. Dieses Mal war garantiert nichts anderes, als dass Patricia schwanger war. Emily und ihr Vater sahen sich schweigend an. Ihr Handy vibrierte. Wer von ihren Freundinnen mochte es wohl sein oder war es ihre Mutter. Sie fischte es aus ihrer Jackentasche. „Eine Nachricht von Micky“, stand auf dem Display. „Frohe Ostern, kommst du nachher auch zum Osterfeuer?“, schrieb ihre beste Freundin Annemieke. Schnell simste sie ihr zurück und ließ ihr Handy wieder verschwinden. „Wie geht es deiner Mutter?“, fragte ihr Vater. „Es geht so“, sagte Emily, „Heute Abend geht sie mit drei oder vier Freunden aus“ Bewusst verschwieg sie, dass ihre Mutter immer noch an Liebeskummer litt und Emilys Vater enorm hasste. Außerdem redete sie selber überhaupt nicht gerne über dieses heikle Thema. „Ich gehe mit Patricia zuerst ins Kino und dann essen wir bei unserem Stammitaliener“, erzählte ihr Vater. 

 

Um halb eins fuhren Emily und ihr Vater durch einen Schrebergartenverein. „Was willst du mir im Schrebergarten zeigen“, rief Emily und fuhr ihrem Vater hinterher. „Warte nur ab“, antwortete er ihr. Sie kamen an mehreren hübschen Gärtchen vorbei, in denen Blumen blühten und Gartenzwerge ihnen zuwinkten. Ihr Vater klingte und hielt an. „Da sind wir!“, rief er. Beide stellten ihre Fahrräder neben einer Dornenhecke ab. „Ich habe dir vorhin etwas versprochen“, erinnerte sie ihr Vater. „Du willst mir“, begann Emily stockend und brach den Satz ab. „Willst du mir einen total verwilderten Garten schenken?“, versuchte sie es erneut. „Warte es doch erst einmal ab“, sagte ihr Vater, „Du hast bis jetzt nur die Hecken gesehen“ Ihr Vater legte den Arm um ihre Schulter und öffnete das verrostete Gartentor. „Ein Wohnwagen!“, rief Emily überrascht. Mitten auf der Rasenfläche des verwilderten Gärtchens stand ein Wohnwagen, den ihr Vater rot angestrichen hatte. Auf der Wohnwagentür prangte eine große schwarze Sieben. „Danke, Papa!“, rief Emily außer sich und fiel ihm in die Arme. „Der Wohnwagen gehörte ursprünglich meinem Bruder, aber er hat sich vor kurzem einen größeren Wohnwagen gekauft und wollte den alten Wohnwagen zuerst verkaufen. Als ich mich bei ihm gemeldet habe, hat er gesagt, dass er mir den Wohnwagen schenkt und jetzt schenke ich ihn dir“, erzählte ihr Vater. Bevor sie den Wohnwagen besichtigten, zeigte er seiner Tochter den Garten. Es gab ein Gemüsebeet, einen Apfelbaum und zwei Kirschbäume. Ganz hinten standen zwei hohe Tannen und rechts begrenzte ein Zaun den Garten. „Warum steht dahinten ein roter Holzstall?“, fragte Emily und deutete mit ihrer Hand Richtung Zaun. „Ich habe mir gedacht, dass ihr euch vielleicht ein lebendiges Bandenmaskottchen haltet könnt“, sagte ihr Vater, „Das könnten Kaninchen oder Meerschweinchen sein“ „Meerschweinchen sind mir nicht robust genug“, meinte Emily, „Kaninchen sind für die Außenhaltung besser geeignet“ „Besprich das besser mit deinen Freundinnen“, meinte ihr Vater. Schließlich besichtigten sie den Wahnwagen. „Ganz schön muffig hier drin“, meinte Emily und bekam so viel Staub in die Nase, sodass sie niesen musste. „Ich glaube, ihr habt in den nächsten Tagen noch einiges zu tun“, sagte ihr Vater und machte das Fenster neben der Spüle auf. Neben fünf Schlafkojen im hinteren Zimmer, gab es ein winziges Badezimmer und einen großen Wohnraum. „Können hier auch sieben Personen übernachten?“, fragte Emily ihren Vater. „Das müsste möglich sein“, meinte ihr Vater, „Im Wohnraum könnten zwei Personen auf Luftmatratzen schlafen“ „Dann können wir im Sommer unsere eigenen Übernachtungsparties feiern“, jubelte Emily, „Draußen könnten wir grillen und chillen“

 Nachmittags war Emily zuhause gewesen und hat mit ihrer Mutter „Fluch der Karibik“ geschaut. Ein schlechtes Gewissen hatte sie schon, denn als sie nach Hause kam, saß ihre Mutter mit geröteten Augen vor dem Fernseher. „Was hast du, Mama?“, fragte Emily besorgt und ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder. „Liebeskummer“, schniefte sie, „Es ist ein widerliches Gefühl verlassen zu werden“ Plötzlich tat es Emily furchtbar leid, dass sie sich den halben Tag mit ihrem Vater amüsiert hatte. „Es tut mir Leid“, begann Emily reuevoll. „Ach, dir braucht es nicht leid tun“, sagte ihre Mutter mit belegter Stimme, „Deinem Vater muss es leid tun, schließlich hat er sich nicht ein einziges Mal mehr bei mir gemeldet“ „Aber er hat sich heute morgen nach dir erkundigt“ „Dieser Feigling traut sich gar nicht mehr sich bei mir zu melden“ „Du glaubst mir gar nicht, was für ein tolles Geschenk er mir gemacht hat“ „Seit wann macht er seiner Tochter Geschenke?“ „Er hat mir einen roten Wohnwagen geschenkt, der in einem Schrebergarten steht“

„Wofür brauchst du einen verdammten Wohnwagen!“, regte sich ihre Mutter auf und putzte sich erneut geräuschvoll ihre Nase. „Es ist das neue Bandenquartier für mich und meine Freundinnen“, versuchte sie ihrer Mutter zu erklären. „Ausgerechnet mit Geschenken versucht er es wieder gut zu machen“, rief sie mit Tränen in den Augen, „Weißt du gar nicht, was er uns angetan hat!“ Plötzlich hatte Emily keine Lust mehr nachher zum Osterfeuer zu gehen und ihre Freundinnen dort zu treffen. „Mama, ich bleibe heute Abend hier“, sagte sie, „Ich will nicht, dass du den ganzen Abend alleine bist“ „Du brauchst wegen mir nicht zuhause bleiben“, entgegnete ihre Mutter, „Ich gehe nachher sowieso mit ein paar Freunden essen. Mach dir auch einen netten Abend mit deinen Freundinnen. Ich gebe dir Geld mit, damit du dir etwas zu Essen und zu Trinken kaufen kannst“ Emily legte die DVD von „Fluch der Karibik“ ein und schon war der Liebeskummer ihrer Mutter wie weggeblasen. Ihre Mutter stellte Chips und Salzstangen auf den Couchtisch, aber davon wollte Emily nichts. 

Kurz bevor es dunkel wurde, schwang Emily sich auf ihr Fahrrad. Der Reitverein, wo das Osterfeuer statt fand, war nicht weit weg. Sie musste nur zweimal abbiegen und die gesamte Bochumer Straße entlang fahren. Bald kamen die ersten Felder und Wiesen in Sicht und in der Ferne stieg eine Rauchsäule auf. Vorfreude in ihr machte sich breit und Emily trat noch schneller in die Pedale. Vor der Scheune stellte sie ihr Fahrrad ab und folgte dem Bratwurstgeruch, der Musik und dem lauten Reden der Besucher. Kurz bevor sie die große Wiese betrat, kamen ihr Jannis, Sven und Lennart von den Piranhas entgegen. Sie feixten, als sie Emily sahen. „Schaut mal her, da kommt unsere Biogurke auf zwei Beinen!“, sagte Jannis halb laut. Seine Freunde fingen an zu lachen. „Dauernd versucht sie Diäten zu machen, aber nachher ist sie genauso dick wie vorher“, flüsterte Lennart Jannis ins Ohr. Wütend schluckte sie eine passende Bemerkung runter und zeigte den Piranhas die kalte Schulter. „Von diesen Fischköpfen lasse ich mich nicht mehr auf die Palme bringen“, schwor sie sich selbst und suchte die Wiese nach ihren Freundinnen ab. Das war schwieriger als sie dachte, zudem wurde es von Minute zu Minute dunkler. Ein kleiner Junge plärrte ohrenbetäubend laut, weil seine Eltern ihm verboten, Steine und Stöcke in das Osterfeuer zu werfen. „Ich will aber“, heulte er und versuchte sich von seiner Mutter loszureißen. „Benni, du weißt doch, dass es gefährlich ist, zu nah an das Feuer heran zu gehen“, rief seine Mutter.

 Nach einer Weile bekam Emily riesigen Durst, deshalb stellte sich am Bierwagen an. „Hallo, was möchtest du trinken?“, fragte ein junger Mann. „Ich hätte gerne eine Fanta“, antwortete Emily und reichte ihm ein Zweieurostück. Mit fast einem Zug lehrte sie das ganze Glas. Als sich umdrehte, sah sie ein Mädchen mit einer blauen Strickmütze, deren hellen Locken darunter hervorlugten. „Frohe Ostern, Micky!“, rief Emily glücklich und umarmte ihre beste Freundin erleichtert. „Danke, ich wünsche dir ebenfalls frohe Ostern“, erwiderte Annemieke und gab mehrere leere Gläser am Tresen ab.

„Bist du alleine da?“, fragte Annemieke. „Ja, meine Mutter geht mit Freunden essen und mein Vater geht mit seiner neuen Flamme ins Kino. Mit wem bist du heute da?“„Ich bin mit meiner ganzen Familie da, aber meine Eltern stehen mit unseren Nachbarn am Eingang des Festzeltes“

„Wo ist der Rest der Roten Sieben?“, fragte Emily und trank schnell ihr Glas leer. „Sie stehen dahinten am Feuer“, sagte Annemieke und deutete mit ihrer Hand in die Richtung. „Ich muss dir etwas erzählen“, begann Emily aufgeregt, aber sie wusste wie sie anfangen sollte. Die ganzen Ereignisse des Tages schwammen plötzlich in einem großen Durcheinander in ihrem Kopf hin und her. „Warte doch, bis wir bei unseren Freundinnen sind. Dann brauchst du es nur einmal erzählen“, meinte Annemieke und hakte sich bei Emily unter. Aus zehn Meter Entfernung sahen sie eine Gruppe von vier Mädchen, die ziemlich eng zusammen standen. Annemieke winkte und jetzt erkannte Emily, dass Kiki und Mathilda zurückwinkten. „Aylin und Lotta sind eben auf der Toilette, aber sie kommen sofort wieder“, rief ihnen Mathilda entgegen.

 „Mein Vater und ich waren zum Frühstücken im Stadtcafe, wir haben uns über die Schule und über unsere Bande unterhalten. Auf einmal sagte er mir, dass er eine Überraschung für mich hätte. Aber er wollte mir nichts Genaueres darüber sagen. Ich bin vor Neugier beinahe geplatzt und bekam keinen Bissen mehr runter. Nach dem Frühstück fuhr ich meinem Vater auf dem Fahrrad hinterher und ich wusste nicht, wieso wir in der Schrebergartensiedlung unsere Räder abstellten. Aber dann zeigte er mir seine Überraschung, Mädels ihr werdet es mir nicht glauben! Es ist ein roter Wohnwagen in einem kleinen Schrebergarten“, erzählte Emily voller Elan. Ihre Freundinnen jubelten und sprangen umher wie neugeborene Osterlämmchen. „Endlich ein Bandenquartier!“, jubelte Kiki und fasst Emily an den Händen. Beiden tanzten vor Freude Ringelreihen. „Gott sei Dank“, mischte sich Lotta erleichtert ein, „Meine Mutter wird nie wieder einen Herzinfarkt kriegen, weil sechs meiner Freundinnen in ihr Wohnzimmer einfallen“ „Was hat deine zimperliche Mutter gegen Gesellschaft!“, rief Mathilda gespielt empört, „Hat sie Angst, dass wir eine ihrer teuren Keramikvasen umwerfen oder einen ihrer orientalischen Teppiche voll krümeln“ „Das musst du mich nicht fragen“, erwiderte Lotta achselzuckend. „Lasst uns dieses Ereignis mit Pommes und Bratwurst feiern!“, rief Fianna, „Ihr könnt ruhig sitzen bleiben, Matti und ich gehen schon“ „Warum denn ich?“, brummte Mathilda und lief ihrer Freundin nach. „Wir sind gleich wieder da!“, rief Fianna und verschwand mit Mathilda in den Menschenmassen. Die restlichen Mitglieder der Roten Sieben setzten sich auf ein paar Strohballen und warteten auf das Essen. Mit Klatschspielen vertreiben. „Euer Pommesservice ist da!“, rief Mathilda laut, sodass Annemieke und Emily erschrocken erstarrten. „Meine Güte war da eine lange Schlange“, keuchte Fianna, „Bitte nehmt mir die Pommes ab, sonst lasse ich gleich alle Pommesrutschen in den Dreck fallen“ Beim Essen spürte Emily, wie hungrig sie inzwischen wieder war, seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen.

„Wie läuft deine Diät, Emily?“, fragte Mathilda mampfend. Wieder bekam Emily ein schlechtes Gewissen, sie hätte lieber Vollkornbrot mit Frischkäse essen sollen und dazu einen Erdbeerjoghurt. Aber Pommes und Bratwurst galten in jeder Modezeitschrift als Schlanksheitskiller Nummer Eins. „Was macht deine Diät, Matti?“, fragte Annemieke, der nicht entgangen war, dass Emily sich wegen dieser Frage unwohl fühlte. „Welche Diät?“, erwiderte Mathilda und tat so als verstünde sie nur Bahnhof. „Mathilda wollte ursprünglich auch ein paar Kilos abnehmen, da sie Angst hat, dass im Sommer nicht mehr in ihren Lieblingsbikini passt“, offenbarte Annemieke vor ihren Freundinnen. „Blöde Kuh!“, schnaubte Mathilda und verpasste ihrer Schwester einen Rippenstoß. „Jedenfalls geht sie jeden dritten Tag mit unserem Vater joggen. Ich habe mich ihnen angeschlossen, dass sie mich überredet hat“, fuhr Annemieke fort. Emily verstand überhaupt nicht, warum die Zwillinge plötzlich auch auf dem Abnehmetripp waren, beide hatten eine etwas kräftigere Figur, aber keine von ihnen war annähernd zu dick.

 „Wollen wir uns morgen unser neues Bandenquartier anschauen“, schlug Kiki vor, als sie sich am Feuer wärmten. Die Zwillinge schüttelten die Köpfe, „Das geht nicht. Wir fahren morgen nach Enschede, weil unsere Großeltern uns eingeladen haben und dort bei ihr übernachten“ „Es ist irgendwie unfair, wenn die Zwillinge nicht bei der Einweihung unseres neuen Bandenquartiers dabei sind“, fand Aylin, „Lass uns den Wohnwagen Mittwoch einweihen“ Den Vorschlag. Einen Moment später kamen die Eltern der Zwillinge. „So Mädels, wir gehen jetzt nach Hause“, sagte Herr ter Steegen zu seinen Töchtern. „Manno, schon so früh!“, nörgelte Mathilda, „Es ist erst halb zehn“ „Wir fahren morgen sehr früh los“, erwiderte ihre Mutter, „Deshalb sollt ihr ausgeschlafen sein“ Die Zwillinge winkten ihnen hinterher und stiegen mit ihren Eltern ins Auto. Wenig später mussten auch Fianna und Aylin nach Hause gehen, deshalb war Emily nur noch mit Kiki und Lotta alleine. „Du kannst mir morgen schon ruhig den Wohnwagen zeigen“, sagte Lotta zu Emily, „Einweihen tuhen wir ihn nicht, bloß weil ich ihn schon gesehen habe“ „Gleiche Rechte für Alle!“, mischte sich Kiki ein, „Entweder Alle oder keine“

 

 

Eine Einweihung mit bitterem Nachgeschmack

Gleich in der ersten Stunde am Mittwoch hatten sie Englisch bei Herrn Heinen. „Good morning, children!“, begann er mit seiner lauten Stimme, sodass er auch die lautesten Junges einschüchterte. „Good morning, Mr. Heinen“, antwortete ihm ein Chor von fast dreißig Schülern. Emily rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie fühlte sich überhaupt nicht wohl in ihrer Haut. „Wir kriegen garantiert die Englischarbeit zurück!“, flüsterte sie ihrer Tischnachbarin Annemieke ins Ohr. Ihre Freundin nickte gequält. „I give you your exams back“, sagte der Lehrer, „In my eyes your results are a disaster“

Emily spürte, dass nichts Gutes auf sie zukam. Herr Heinen schrieb den Notenspiegel an die Tafel. „Oh nein, es gibt keine Eins und auch keine Zwei“, wisperte Jolanda, die vor ihr saß, entsetzt. „Ja, eure Ergebnisse haben mich wirklich sehr enttäuscht“, meinte Herr Heinen, „Wir werden in den nächsten Stunden mehr Grammatik machen müssen“ Ein paar Schüler stöhnten, darunter auch Jannis und Sven. „Was hilft es!“, rechtfertigte sich der junge Lehrer, „Ich sag nur: Learning by doing!“ Er ging von Tisch zu Tisch und verteilte die Hefte. Mit zittrigen Fingern öffnete Emily ihr Heft, mehr als die Hälfte war mit Rot unterstrichen. Eine dicke rote Fünf minus prangte unter ihrer Arbeit. „Verdammter Mist!“, fluchte Emily innerlich, „Mom wird überhaupt nicht begeistert sein, sie wird mir einen Nachhilfelehrer besorgen“ Annmieke hatte die beste Arbeit der Klasse wieder bekommen. „Mir fehlt nur noch ein Punkt zur Zwei minus“, sagte sie enttäuscht. „Wenigstens bist du um einiges besser als ich“, knurrte Emily und legte ihr Heft zur Seite. „Ich bin gespannt, was Matti hat“, sagte Annemieke und ging nicht weiter auf Emilys Bemerkung ein. Mathilda saß zwischen Thomas und Saskia am anderen Ende des Klassenraums, deshalb konnte Annemieke ihre Schwester nicht fragen.

 

 Nach einer Doppelstunde Grammatik brummte Emilys Schädels und die unterschiedlichen Zeiten schwirrten unsortiert in ihrem Kopf herum. „Ich werde niemals wissen wann ich das Simple Past und wann ich das Past Perfect anwenden muss“, sagte sie zu Annemieke, die mit einer der Besten in Englisch war. Endlich klingelte es zur großen Pause, fluchtartig stürmten die Schüler aus dem Klassenraum. „Hey, bleibt sitzen“, rief ihnen Herr Heinen hinterher, „Es gibt noch reichlich Hausaufgaben für euch“ Doch es war zu spät, die Schüler waren alle schon draußen. Die Rote Sieben traf sich vor der großen Mauer. Beinahe alle Mädchen machten ein langes Gesicht. „War die Englischarbeit wenigstens bei euch okay?“, fragte Lotta, „Meine Mutter wird mich wegen der Vier minus zur Nachhilfe schleifen“ „Ich habe sogar eine Fünf“, gab Mathilda zu. „Warum hast du für diese Arbeit nicht gelernt?“, fragte ihre Zwillingsschwester und senkte ihren Blick. „Ich habe es doch versucht“, klagte Mathilda, „Aber diese verdammten Zeiten bleiben einfach nicht in meinem Gedächtnis haften. Ich hätte viel lieber Niederländisch an der Stelle von Englisch, das fällt mir viel leichter“ „Meine Verwandten in Irland werden sich schlapp lachen, wenn ich ihnen gestehen, dass ich eine Vier geschrieben habe“, meinte Fianna, „Mein Vater spricht ab und zu Englisch mit mir und Tom“ „Mensch, müssen wir die ganze Zeit über unsere verkorkste Englischarbeit reden. Mein Ergebnis ist nicht besser als euers!“, rief Kiki ärgerlich, „Das verdirbt mir richtig die Laune. Lass uns lieber über unser Bandentreffen treffen reden“

Aylin nickte zustimmend, „Ich finde wir sollen Tee und Kekse mitnehmen, damit wir unsere Einweihung feiern können“ „Ich bringe einen Teekocher mit“, rief Annemieke begeistert. „Ich schaue nach, ob wir zuhause Kekse und Süßigkeiten haben“, fügte Fianna hinzu. „Bringt einfach alles mit, was ihr zuhause finden könnt“, schlug Kiki vor, „Wir treffen uns um drei Uhr hier auf dem Schulhof und wichtig ist, dass ihr alle eure Fahrräder dabei habt“ Lotta stellte sicher, dass niemand sie ausspionierte. „Die Piranhas spielen am anderen Ende des Schulhofes Fußball, sie bekommen nicht mit, was wir planen“, sagte sie zu ihren Freundinnen. Wenig später klingelte es zum Pausenschluss.

 Obwohl sie heute nur sechs Stunden hatten, zog sich der Schultag wie ein Kaugummi in die Länge. In der dritten und vierten Stunde hatten sie Biologie bei Frau Schliehe. „Ich will nicht schon wieder eine Fünf kassieren!“, flehte Emily leise und kritzelte eine Rose auf ihre Mappe. „Pah, das ist doch nur ein kleiner Test gewesen“, sagte Mathilda neben ihr. Erleichtert atmete Emily auf, als sie auf den Bogen schaute. Immerhin noch eine Drei minus. Mathilda hatte eine Drei plus. „Hätte ich mir den Sehvorgang noch genauer angeschaut, hätte ich noch eine Zwei gehabt“, murmelte sie. Es stimmte, Mathilda hatte zwar ein helles Köpfchen, aber dennoch war sie ziemlich faul. Würde sie genauso viel für die Schule lernen wie ihre Schwester, wäre sie mit einer der besten Schüler in der Klasse. Ihre Schwester hatte natürlich mit Pauline zusammen den besten Test der Klasse.

Vor der Mathearbeit hatte Emily ebenfalls Angst, Annemieke versuchte sie vergeblich aufzumuntern. „Kopf hoch, Emily!“, meinte sie, „So schlimm kann es doch nicht gewesen sein“ „Annemieke hat immer gut Reden“, dachte Emily bei sich, „Sie ist so fleißig, dass sie immer gute Noten schreibt. „Die Arbeit ist eher mittelmäßig ausgefallen“, kündigte Frau Schellhardt an, während sie den Notenspiegel anschrieb. „Dennoch ist mir aufgefallen, dass einige von euch richtig gut sind, während wiederum andere Schüler enorm Probleme haben“, fügte sie hinzu und fing an die Hefte auszuteilen. Annemieke jubelte leise. „Was hast du?“, flüsterte Emily. „Eine Zwei plus!“, erwiderte ihre Freundin und fragte, „Willst du gar nicht in deine Arbeit hineinschauen?“ Emily schüttelte den Kopf und schob Annemieke ihr Heft hin, „Bitte schau du nach“ „Wenigstens keine Fünf und keine Sechs“, meinte Annemieke, „Es ist eine Vier minus“ Wieder seufzte Emily, „Meine Mutter wird mich mit Nachhilfe eindecken, wenn sie meine Arbeiten sieht“ „Liegt es nicht eher daran, dass sich deine Eltern getrennt haben?“, fragte ihre Freundin, „Das muss wohl ganz schön schlimm für dich und deine Mutter sein. Ich bin mir sicher, dass du ihn bestimmt sehr vermisst“ Damit hatte Annemieke wieder voll ins Schwarze getroffen.

Sie hatte ein gutes Gespür dafür, wie es ihren Freundinnen ging, während ihre Zwillingsschwester eher ein ungestümer Wildfang war. Sie mochte die Zwillinge beide sehr gerne, Annemieke mochte sie dennoch ein wenig lieber. „Yeah, ich habe auch eine Zwei geschrieben“, rief Mathilda ihrer Schwester zu. „Manchmal gibt es auch Noten im Zwillingspack“, lachte Emily und Annemieke fing an zu kichern. „Erst besprechen wir die Arbeit“, sagte die Klassenlehrerin, „In der sechsten Stunde können wir uns die Bilder von der Klassenfahrt anschauen“ Pauline, die die beste Arbeit der Klasse geschrieben hat, wurde an die Tafel gebeten und stellte ihre Ergebnisse vor. Angestrengt versuchte Emily ihr zu folgen, obwohl ihr es schwer fiel, sich zu konzentrieren. Ständig versuchte sie den drehenden Zahlenstrudel zu stoppen und die Zahlen neu zu ordnen, aber es wollte ihr gerade gar nicht gelingen. Erst als Lotta eine Aufgabe an der Tafel vorstellte, war ihr Verstand wieder so scharf wie der eines Fuchses. In der letzten Stunde konnte sich die Rote Sieben beim Bildergucken zurücklehnen und über ein paar lustige Photos der Piranhas lachen.

 Kurz vor drei traf Emily etwas zu früh am Treffpunkt ein, der Schulhof war wie leer geputzt. Nur der Hausmeister ging mit einer Zange über den Schulhof und sammelte den von Schülern weggeworfenen Müll ein. Emily setzte sich auf eine Bank und ließ die Sonne in ihr Gesicht scheinen. Gerade als sie in Träume versank, begann hinter ihr ein Fahrradklingelkonzert. Emily drehte sich erschrocken um und entdeckte Kiki, Fianna und die Zwillinge auf ihren Fahrrädern. „Aylin kommt zehn Minuten später, ihre Mutter hat sie vorhin beauftragt, einkaufen zu gehen“, sagte Fianna außer Atem. „und Lotta muss auf ihren Bruder aufpassen, bis ihr Vater wiederkommt“, fügte Kiki hinzu. Irgendwie war Emily froh, dass sie keine kleinen Geschwister hatte und ihre Mutter sie nicht mit Aufgaben bombardieren konnte, da sie bis halb sechs auf der Arbeit war und anschließend selber zum Einkaufen fuhr. Fianna und Kiki setzten sich neben sie, während die Zwillinge ein Wettrennen gegeneinander veranstalteten. „Gewonnen!“, schrie Mathilda ihrer Schwester entgegen. „Nein, du hast eine Abkürzung genommen“, entgegnete Annemieke, „Also ein neues Rennen!“ Diesmal kamen beide gleichzeitig über die Ziellinie, keuchend stützten sie sich gegenseitig und setzten sich neben ihren Freundinnen auf die Bank. Viertel nach drei kamen Aylin auf ihrem rosa Mädchenfahrrad und Lotta auf ihrem Mountainbike um die Ecke. „Es tut mir leid, aber ich konnte meinen kleinen Bruder nicht alleine zuhause lassen“, japste Lotta und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus ihrem Gesicht, „Dafür habe ich gerade noch einen Schokoladenkuchen gekauft. Nehmt ihr das als Entschuldigung an?“ „Klar, das ist kein Thema“, meinte Kiki und stieg auf ihr Fahrrad. Emily fuhr ihren Freundinnen vorweg und zeigte ihnen den Weg zu ihrem neuen Bandenquartier. Mit ihrem Schlüssel öffnete Emily das leicht verrostete Schloss der Gartentür. „Tata!“, stolz zeigte sie mit ihren rechten Arm auf den roten Wohnwagen. Ihre Freundinnen bekamen große Augen und schwärmten in alle Richtungen aus, um den Garten zu erkunden. „Warum steht da ein leerer Holzkäfig am Zaun?“, fragte Lotta. „Papa hat gemeint, wir könnten darin unser eigenes lebendiges Bandenmaskottchen halten“, meinte Emily. „Au fein!“, rief Mathilda begeistert. „Super, wir haben anscheinend unser eigenes Gemüsebeet“, meinte Annemieke, „Aber wir müssen es unbedingt pflegen und täglich bewässern sonst vertrocknen die Tomaten“ „Ich finde die Obstbäume viel besser!“, rief Fianna und kletterte auf den Apfelbaum. „Wollen wir nicht lieber in den Wohnwagen gehen und gemütlich Tee trinken“, schlug Kiki vor, „Arbeiten können wir später immer noch“ Die Freundinnen folgten ihr und Emily in den Wohnwagen. „Hier muss dringend geputzt werden!“, stellte Aylin fest und schnappte sich einen Stofflappen. „Halt Aylin, putzen können wir später“, rief Kiki, aber Aylin ließ nicht beirren und putzte weiter den Boden und die Spüle. „Ein bisschen Sauberkeit muss sein“, bestand sie darauf. Lotta stellte ihren Kuchen auf den Tisch. „Lotta, nimm deinen Kuchen wieder runter“, rief Aylin, „Erst wird der Tisch geputzt und dann kann gegessen werden“ „Ich finde schon wichtig, dass wenigstens der Tisch sauber sein muss“, stärkte Annemieke Aylin den Rücken. Annemieke setzte heißes Wasser für den Tee auf. „Welchen Tee wollt ihr trinken?“, fragte sie. „Ostfriesentee, Dschungelfeuer, Early Gray, Erdbeertraum“, riefen die Mädchen durcheinander, bis sie sich auf einen Früchtetee einigen konnten. Nachdem der Tisch, die Bänke und die Stühle sauber genug waren breiteten die Mädchen ihre Leckereien aus. Die Zwillinge hatten einen Teekocher, Stroopwaffeln und einen Honigkuchen mitgebracht, während Aylin ein türkisches Gebäck ihrer Mutter anpries. „Wir kriegen niemals im Leben alles auf“, meinte Kiki und biss erneut von ihrem Butterkuchen ab. „Wenn wir so weiter fressen, werden wir so rund, dass wir nach Hause rollen können“, scherzte Mathilda.  

Während sie über wichtige Bandenthemen sprachen, knüpften sie sich gegenseitig Freundschaftsbänder, die in Zukunft ihr Bandenzeichen sein sollten. Jedes Freundschaftsband sah anders aus, da jedes der Mädchen ganz unterschiedlich war. Emilys Freundschaftsband war rot und blau, während Aylin nur rote und violette Fäden verwendete. Zum Schluss bekam jedes Freundschaftsband zwei kleine Anhänger: einen gelben Smiley und einen Anhänger in Form einer Sieben, der mit roten Strasssteinen besetzt war. 

„Ich finde, wir sollen eine Bandenkasse einführen“, schlug Lotta vor, „Dann können wir gemeinsame Grillabende, Ausflüge und Kinonachmittage finanzieren“ „Das machen wir“, sagte Kiki begeistert, „Jeder zahlt pro Bandentreffen zwei Euro“ „Das ist viel zu umständlich, Kiki!“, mischte sich Mathilda ein, „Es ist besser, jeder zahlt pro Monat einen bestimmten Beitrag“ „Ich könnte pro Monat 15-20 Euro zahlen“, meinte Lotta, „Ich kriege pro Monat alleine schon 50 Euro Taschengeld“ „Das ist viel zu viel!“, protestierte Aylin, „Hör mal, meine Familie ist nicht so reich wie deine Familie, Lotta“ „Seid ihr zufrieden, wenn ihr fünf Euro pro Monat zahlt?“, fragte Kiki, „Das Geld ist wirklich dazu da, dass wir uns etwas anschaffen können oder wir die Möglichkeit haben eine Bandenparty zu feiern“ Die Mädchen nickten diesmal einstimmig. Lotta holte ein großes Sparschwein aus ihrer teuren Umhängetasche. „Wer hat heute alles sein Geld schon dabei?“, fragte sie. Kiki holte ihr Portemonnaie aus ihrer Jackentasche und steckte einen Fünfeuroschein in den Schlitz. Lotta und Emily steckten ebenfalls ihr Geld in den Schlitz. „Davon könnten wir uns beinahe schon ein Kaninchen oder ein Meerschwein kaufen“, meinte Emily, „Wer ist für Meerschweinchen und wer will lieber Kaninchen?“ Außer Annemieke und Fianna meldeten sich alle für ein Kaninchen. „Es ist besser wir kaufen zwei Kaninchen, als eins“, warf Lotta ein, „Kaninchen sollten mindestens zu zweit gehalten werden“ „Wir müssen mindestens 100 Euro zusammen bekommen“, rief Kiki, „Wir müssen auch noch die ganze Ausrüstung kaufen“ „Ich stecke 25 Euro extra ins Sparschwein“, meinte Lotta. „Lotta, willst du nicht unsere Bandenkasse verwalten?“, fragte Kiki, „Ich bin die Anführerin und Aylin ist die Hüterin unseres Bandenbuches“ „Außerdem bin ich gerne eure Putzfrau“, meldete sich Aylin freiwillig. „Ich will gerne eure Gärtnerin sein“, rief Annemieke mit leuchtenden Augen. „Und ich werde mich freiwillig um unsere Kaninchen kümmern“, warf Fianna ein. „Hey, das wollte ich machen!“, rief Mathilda protestierend. „Um die Kaninchen werden wir uns alle kümmern“, sagte Kiki bestimmt, „Weil sie uns allen gleich viel gehören werden“

„Was wollt ihr machen?“, fragte Kiki und sah Mathilda, Fianna und Emily an. „Ich weiß es doch auch nicht!“, rief Mathilda gereizt, „Ich wollte mich eigentlich um die Kaninchen kümmern, aber das tun wir jetzt doch alle“ „Wir könnten noch einen professionellen Spion gebrauchen“, schlug Lotta vor, „Der die Piranhas und sonstige Feinde ausspioniert“ Fiannas grünen Augen fingen an zu leuchten, „Das ist die perfekte Aufgabe für mich“

„Ich habe auch eine Idee“, meldete sich Emily zu Wort, „Ich würde gerne so eine Art Streitschlichter oder Vertrauensperson sein, ich meine, wenn es mal Streit gibt oder Jemand ein persönliches Problem hat“ „Keine schlechte Idee, eine Vertrauensperson brauchen wir unbedingt“, sagte Kiki, „Dennoch finde ich, dass ihr beide, Lilly und Micky, ihr solltet tauschen“ „Heißt es, dass ich die Vertrauensperson bin und Emily die Gärtnerin“, fragte Annemieke. Kiki nickte, „Seid ihr einverstanden, dass ihr tauscht“ Emily und Annemieke nickten. „Matti hat noch keine Aufgabe“, rief Aylin. „Ich habe überhaupt keine Idee, was ich tun könnte“, maulte Mathilda und zuckte mit den Schultern. „Du sorgst dafür, dass immer genug Essen und Trinken im Wohnwagen ist“, bestimmte Kiki. „Okay“, nickte Mathilda.

Aylin schrieb in das Bandenbuch:

 

Aufgaben der Roten Sieben

Anführerin: Kiki

Schriftführerin und Putzfrau: Aylin

Gartenpflege: Emily

Kassenwart: Lotta

Essen und Trinken: Mathilda

Vertrauensperson: Annemieke

Spion: Fianna

Kaninchen: Alle

 

 Plötzlich klopfte es an die Wohnwagentür, sodass die Mädchen erschraken. Voller Angst griff Aylin nach Fiannas Arm. „Hoffentlich, sind das nicht die Piranhas!“, stammelte Fianna. „Aufmachen, aber sofort!“, rief eine laute Männerstimme. Mit klopfenden Herzen schlich Emily zur Tür und öffnete sie einen Spalt. „Hallo, Was wollen Sie hier?“, sagte Emily schüchtern und starrte den dicken grauhaarigen Mann mit den buschigen Augenbrauen an. „Räumt sofort eure Fahrräder aus dem Weg!“, sagte er unfreundlich, „Sonst entsorge ich sie eigenhändig auf dem Schrottplatz“ „Warten Sie kurz, wir machen das gleich“, mischte sich Kiki ein, „Wir essen eben zu ende und dann machen wir das schon“

 Die dunklen Augen des Mannes verengten sich zu zwei engen Schlitzen. „Nein, das macht ihr auf der Stelle, sonst könnt ihr eure Fahrräder auf dem Schrottplatz suchen gehen!“, donnerte der Mann. Die Mädchen erstarrten. „Wie sollen andere Leute noch durchkommen, wenn eure Fahrräder den Weg blockieren“, schimpfte er. Die Freundinnen folgten dem Mann und rollten ihre Fahrräder in den Garten. Der Mann verschwand wieder ohne sich zu bedanken und sich zu verabschieden. Schweigend gingen sie wieder in den Wohnwagen zurück. „Das war der alte Griesgram“, sagte Mathilda leise. „Oh je mine“, seufzte ihre Schwester, „Er hat mir echt noch gefehlt“ „Woher kennt ihr ihn?“, fragte Kiki. „Er wohnt bei uns in der Straße“, erzählte Mathilda, „Jedes Mal wenn Kinder an seinem Haus vorbei gehen oder spielen, dann öffnet er ein Fenster und schreit, dass sie auf der Stelle verschwinden und ihre Klappe halten sollen“ „Heißt der Griesgram wirklich so?“, fragte Lotta. Annemieke schüttelte den Kopf, „Nein, er heißt eigentlich Herbert Jäger, aber alle Kinder nennen ihn bloß Griesgram“ „Letztens hat er einen Nachbarjungen geohrfeigt, weil er einen Ball in seinen Garten geschossen hat und ihn wieder holen wollte“, erzählte ihre Schwester. „Ganz wohl ist mir bei diesem Nachbarn wirklich nicht“, stöhnte Emily.

„Er wird sicherlich nicht immer da sein, wenn wir auch da sind“, versuchte Fianna sie aufzumuntern. „Ich gebe euch einen Tipp“, sagte Mathilda warnend, „Betretet niemals seinen Garten oder seid zu leid, er kann noch lauter werden als gerade eben“ „Wenn das so ist, habe ich keine Lust mehr auf den Garten und auf den Wohnwagen“, sagte Emily. „Was bist du für eine Bangebüchs!“, rief Kiki verächtlich, „Wir lassen uns nicht von einem grauhaarigen Griesgram den Spaß verderben“ „Punktgenau!“, riefen ihre anderen Freundinnen und streckten kämpferisch ihre Arme nach oben.

 

„Hey, da wäre noch was“, kam Kiki auf und lief zum kleinen Kühlschrank neben der Spüle. „Was hast du vor?“, sah Lotta sie überrascht an. „Warte es eben ab“, kam Kiki mit einer Flasche Apfelsaft wieder. „Also jetzt will ich es auch wissen“, reckte Fianna neugierig den Kopf nach vorne. „Ich habe Apfelsaft und Mineralwasser“, begann die Bandenanführerin, „Und noch ein bisschen eingefroren Waldmeister“ „Oh schön, willst du eine Waldmeisterbrause machen?“, klang Annmieke begeistert. „Doch nicht einfach eine popelige Waldmeisterbrause“, lachte Kiki kurz auf, „Jetzt brauche ich eure Mithilfe“ „Wozu denn?“, begann sich nun auch Mathilda zu wundern. „Wir mischen uns einen Zaubertrank, damit wir für ewig Kinder bleiben und die Rote Sieben für immer bestehen bleibt“ „Au ja!“, jubelten die Zwillinge. „Dann mal an die Arbeit“, zwinkerte Kiki ihren Freundinnen zu, „Im Garten haben wir Kräuter wie zum Beispiel Zitronenmelisse und Minze“ „Aber ich kenne mich nicht mit diesen Pflanzen aus“, klang Aylin etwas verunsichert. „Nicht wild, frag Micky oder Lily, die wissen was man pflücken kann oder auch nicht“, meinte Kiki. Die Freundinnen pflückten eifrig Kräuter, die zu ihrem Trunk passen könnten. „Jetzt haben wir auch wirklich genug“, stellte Emily fest. „Dann können wir mit dem Ansetzen der Brause beginnen“, sagte Lotta zufrieden. „Du meinst wohl Zaubertrank“, verbesserte Kiki sie. „Hurra, für immer jung!“, machte Mathilda zusammen mit ihrer Schwester einen übermütigen Luftsprung. „Glaubt ihr wirklich daran?“, gab Lotta einen leicht hämischen Kommentar von sich. „Immerhin ist es schön daran zu glauben“, schmunzelte Emily.

 

Der Zaubertrunk musste eine Stunde lang ziehen und Kiki bestand darauf, dass er im dunklen Kühlschrank stehen musste, damit sich die magischen Kräfte entwickeln konnten. „Jetzt kommt der Moment!“, trommelte Mathilda mit ihren Fingern auf die Tischplatte. „Mal gucken wie unsere wilde Brause schmeckt“, war Fianna ganz neugierig. Kiki goss jeder Freundin etwas aus der gläsernen Kanne ein. „Mit diesem Trunk schwöre ich auf ewige Kindheit und unsere nimmer endende Freundschaft. Auf dass wir immer jung bleiben!“, erhob sie ihr Glas. Gut gelaunt prosteten sich die Freundinnen zu. „Schmeckt in der Tat sehr erfrischend“, nahm Lotta noch mal nach. „Ich fühle mich schon um ein paar Jahre jünger“, strahlte Annemieke. „Nicht nur du!“, fand ihre Zwillingsschwester. „Als ob ihr mit euren zwölf Jahren so alt wie Omas wärt!“, giggelte Emily. „Immerhin werden wir so niemals erwachsen!“, klang Kiki siegesgewiss. „und wir werden die Piranhas ewig hassen“, schwor Mathilda. „Und nie im Leben unsere Freundschaft mit irgendwelchen Jungs rumknutschen“, fügte Annemieke hinzu. „Ich sehe uns schon in zwanzig Jahren, wie wir hier sitzen und wir noch kein Stück älter geworden sind“, exte Fianna ein ganzes Glas auf einmal und musste rülpsen, worauf die anderen Mädchen zu kichern begannen. „Wenn das in Erfüllung geht, melde ich unseren Trank als Patent an“, scherzte Lotta. „Oh ja, das werden sicherlich viele Kinder kaufen“, spann Aylin den Faden weiter. „Und wir machen ordentlich Kohle damit“, ergänzte Emily.

 

Als Emily am Abend wieder nach Hause kam, erstarrte sie für einen Augenblick zur Salzsäule. Ihr Vater war aus heiterem Himmel gekommen und wahrscheinlich war er kommen, um irgendwas mitzunehmen, was ihm gehörte. Emilys Herz pochte, als sie mitbekam, wie sich ihre Eltern in der Küche angifteten. „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, dass ich hier ausgezogen bin. Mit dir hält man es wirklich nicht unter einem Dach aus!“, brüllte ihr Vater. „Du bist ein mieses Arschloch, das die ganze Familie zerstört hat. Ist dir gar nicht bewusst, wie sehr du mich und Emily verletzt hast? Mach, dass du raus kommst!“, bebte die Stimme ihrer Mutter vor Zorn. Es war Gewohnheit, dass die Fetzen flogen, sobald sie sich sahen. Rasch verzog sich Emily in ihr Zimmer und machte sofort laut Musik an, damit sie das Geschrei von draußen nicht weiter ertragen musste. Zitternd saß sie auf ihrem Bett und kämpfte die aufsteigenden Tränen an. „Ich hasse Trennungen!“, sagte sie leise zu sich selbst und begann in diesem Augenblick zu weinen. Ihre gute Laune, die sie aus dem Wohnwagen mitgebracht hatte, war mit einem Mal verpufft. Am liebsten hätte sie in diesem Augenblick ihre beste Freundin Annemieke angerufen, aber sie hatte keine Lust sich mit tränenerstickter Stimme zu melden. Einen Moment später fiel die Wohnungstür krachend ins Schloss. Erleichtert atmete Emily auf. Ihr Vater musste gerade gegangen sein. Endlich konnte sie die Musik wieder viel leiser drehen. Trotzdem fühlte sich immer noch sehr bedrückt. Nichts half besser als eine Tafel Nussschokolade, die sie in ihrem Nachtschrank als Notfallmedizin gegen Kummer verstaut hatte. Entschlossen schob sie die Schubblade auf und griff nach der Tafel. Genüsslich schob sie das erste Stück in den Mund, nachdem sie das Papier entfernt hatte. Mmhhh, tat das gut. Erst als nur noch die Hälfte übrig war, fühlte sich Emily wieder ein wenig besser. Ein paar Gewissensbisse machten sich dann doch wieder in ihr breit, als ihr einfiel, dass sie eigentlich auf Diät war und ihr einfiel, dass sie wieder anderthalb Kilo zugenommen hatte.

 

Hanni und Nanni bekommen ein neues Zuhause

Direkt nach der Reitstunde am Freitagnachmittag fuhren die Freundinnen zum Zoogeschäft. „Kann ich euch weiterhelfen?“, fragte eine kleine Frau. „Wir würden uns gerne die Kaninchen anschauen“, sagte Kiki freundlich. „Moment, ich zeige sie ihnen euch“, sagte die Frau und forderte die Mädchen auf, ihr zu folgen. Hinten im Laden stand ein großer Käfig mit Meerschweinchen und Kaninchen. „Wollt ihr Weibchen oder Männchen?“, fragte die Verkäuferin. „Weibchen“, sagte Lotta, „Man kann sie einfach besser zusammenhalten, als zwei Männchen“ „Schaut mal, das Kaninchen mit den Schlappohren ist total süß“, rief Fianna, „Das möchte ich unbedingt haben“ „Ich finde das schwarze Kaninchen noch niedlicher“, meinte Emily. Die Mädchen konnten sich kaum entscheiden, jede von ihnen hatte bereits sein Lieblingskaninchen gefunden. „Langhaarige Kaninchen sind schwerer zu pflegen“, gab ihnen die Verkäuferin den Tipp. „Wir nehmen auf jeden Fall ein normales Kaninchen“, bestimmte Kiki, „Ein normales Kaninchen kostet nur 26 Euro, während ein Schlappohrkaninchen 38 Euro kostet und ein Langhaariges schon 44 Euro kostet“ „Das ist ja voll mies!“, rief Fianna empört, „Ich habe zuerst gesagt, welches Kaninchen ich haben möchte“ „Hast du vergessen das wir eine Bande sind!“, sagte Kiki leise, „Wir entscheiden zusammen, aber nicht jeder alleine. Wir sind zu siebt und wir sind uns natürlich nicht immer einer Meinung“ „Können wir nicht einmal eine Ausnahme machen“, bettelte Fianna, „Wir können dieses Schlappohrkaninchen mitnehmen und eines mit kurzem Fell. Das ist nur ein Unterschied von zwölf Euro“ „Nein, das können wir nicht. Es ist zu teuer“, fiel ihr Kiki rigoros ins Wort. „Bitte, ich habe mich sofort in dieses kleine niedliche Ding verliebt“, flehte Fianna und Tränen brannten ihr in den Augen. „Wollen wir nicht lieber das schwarz weiß gescheckte Kaninchen mitnehmen“, schlug Mathilda vor, „Das ist genauso süß wie deins“ „Was habt ihr?“, rief Fianna irritiert, „Ich habe mich immer fair verhalten, meine Versprechen gehalten und habe euch noch nie im Stich gelassen. Darüber hinaus habe ich meine eigenen Interessen immer schön zurückgehalten“ „Ich weiß“, seufzte Kiki genervt, „Aber jetzt suchen wir die Kaninchen gemeinsam aus“

 Wütend bis sich Fianna auf die Lippe und funkelte ihre Freundinnen wütend an. „Ich habe nur einmal einen Wunsch und ihr gönnt mir wirklich gar nichts!“, zischte sie und blinzelte eine Träne weg, „Kaum habe ich einen eigenen Willen, werde ich von euch fertig gemacht“ „Nein, das wollen wir nicht!“, rief Annemieke beschwichtigend, „Es darf bloß nicht zu teuer werden. Wir müssen Stroh, Heu, die Tränke und das Futter auch noch bezahlen und das wird ziemlich teuer“ Fianna versetzte Annemieke einen Stoß, sodass sie fast ihr Gleichgewicht verlor und sich an einem Regal fest hielt. „Bist du noch ganz bei Trost!“, schimpfte Annemieke. „Halt deine Schnauze, Annemieke!“, rief Fianna. „Pass auf was du sagst, Fianna O’Hara“, rief Kiki wütend, „Bist du in einer Bande oder nicht?“ „Mir doch egal!“, zischte Fianna wütend, „Jetzt sieht es aus, als ob du alles bestimmst und deine blöden Gänse dir hinterher laufen, Kristina Morawski!“ „Jetzt übertreibst du es ganz gewaltig, Fianna! Langsam geht dein kindisches Gehabe uns allen ganz gewaltig auf die Nerven“, verteidigte Mathilda ihre beste Freundin. Fianna fing an zu zittern. „Muss ich mir gefallen lassen, wie ihr mich behandelt!“, blaffte Fianna die Mädchen an, „Ich habe gedacht, ihr seid meine Freundinnen. Doch gerade spüre ich davon überhaupt nichts mehr! Ich spüre gerade eure giftigen Blicke gegen mich“ „Weißt du wir sehr dein Egoismus mir auf die Nerven geht!“, schrie Kiki ihre Freundin an, „Wenn du weiterhin meinst, dich wie ein Kleinkind zu verhalten, geh doch in den Kindergarten und spiele mit den Schnullerkindern im Sandkasten“

„Ihr könnt mich mal! Ich habe sowieso keinen Bock mehr auf eure affige Bande. Sucht euch eine neue Ziege, damit ihr euch wieder die Rote Sieben nennen könnt. Ich wünsche euch noch ganz viel Spaß mit euren hässlichen Kaninchen!“, schrie Fianna zurück und Tränen mischten sich unter ihre Stimme. Hastig rannte sie aus dem Laden. „Fianna, warte auf mich!“, rief Aylin den Tränen nahe und rannte ihrer Freundin hinterher. „Könnt ihr nicht leiser sein!“, ermahnte ein junger Verkäufer sie, „Die Tiere mögen es nicht, wenn Jemand laut schreit und Unruhe stiftet. Geht nach Draußen, wenn ihr euch streiten wollt“

 Die übrigen Mitglieder der Roten Sieben schüttelten die Köpfe über Fiannas Verhalten. „Absolut, kindisch!“, zischte Mathilda verächtlich. Kiki wusste nicht, was sie sagen sollte. „Wollen wir bis Weihnachten warten, bis wir unsere Kaninchen ausgesucht haben!“, rief Lotta ungeduldig. Sie entscheiden sich für das gescheckte und das schwarze Kaninchen. Schließlich besorgten sie das Streu, das Futter, eine Tränke, einen Futternapf und ein Häuschen. „Ob sich Fianna schon beruhigt hat?“, fragte Annemieke an der Kasse und sah besorgt aus. „Mach dir darüber keine Gedanken, Micky! Den Streit hat die blöde Kuh selber verbockt“, sagte ihre Schwester und legte ihr den Arm um die Schulter. „Es hat zusammen 78 Euro gekostet und wir hatten nur 85 Euro dabei“, sagte Kiki und zeigte ihren Freundinnen den Bon. „Fiannas Wusch hätten wir eh nicht erfüllen können“, meinte Emily. „Zudem sind wir jetzt auch noch pleite“, fügte Lotta hinzu. „Aber das macht das nichts“, meinte Kiki, „Wir haben erst einmal genug Heu und Futter für die Kaninchen“

Wo war eigentlich Fianna? Die Freundinnen hielten nach ihr Ausschau, aber sie war nirgends zu sehen. Nur Aylin kam ihnen niedergeschlagen entgegen. „Warum hättet ihr euch so streiten müssen?“, rief Aylin vorwurfsvoll und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Keine der Freundinnen antwortete. „Ihr habt Fianna provoziert und nun ist mit ihrem Fahrrad davon gefahren“, schluchzte Aylin, „Gerade du, Kiki! Du hättest ihr nicht so fiese Sachen an den Kopf werfen dürfen“ „Ich habe ihr nur meine Meinung gesagt“, verteidigte sich Kiki. „Wisst ihr, wir sind jetzt ein Mitglied weniger. Wir sind nur noch die Rote Sechs“, schniefte Aylin und hielt ihren Freundinnen Fiannas Freundschaftsband hin. „Was ist sie völlig eingeschnappt!“, rief Lotta geschockt, „Ich werde ihr heute nicht nachgehen. Ich fand es unmöglich, wie sie Micky gegen das Regal geschubst hat“ „Ich bringe mit Kiki und Lotta die Kaninchen zum Schrebergarten. Ich will ihnen endlich ihr tolles Zuhause zeigen“, sagte Mathilda und hakte sich bei Kiki und Lotta ein. Die drei Freundinnen gingen zu ihren Fahrrädern. Annemieke, Aylin und Emily blieben alleine zurück. „Ich muss mit Fianna sprechen und zwar sofort“, sagte Aylin aufgewühlt. „Ruf sie doch an!“, schlug Annemieke vor. Aylin wählte ihre Nummer. „Mist, sie geht nicht an ihr Handy!“, fluchte sie. „Es hilft nichts, wir müssen zu ihr nach Hause fahren“, sagte Emily, „Micky, du musst auch mit, du bist schließlich unsere Vertrauensperson“ Annemieke und Emily fuhren Aylin hinterher, denn sie war die Einzige, die genau wusste, wo Fianna wohnte. Aylin hielt vor einer Doppelhaushälfte und stellte ihr Fahrrad ab. „Hier wohnt sie“, sagte sie. Die drei Freundinnen klingelten an der Haustür. Fiannas Mutter öffnete die Haustür. „Hallo, wollt ihr etwas von Fianna?“, fragte sie und ließ die Mädchen herein. „Ich muss mit ihr sprechen“, sagte Aylin. „Fianna kam gerade weinend nach Hause, ich weiß nicht, was passiert ist“, sagte ihre Mutter, „Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen“ „Wir müssen trotzdem zu ihr“, sagte Annemieke, „Wir müssen uns wegen einem Referat am Montag absprechen“ Aylin und ihre beiden Freundinnen gingen die Treppe hinauf zu Fiannas Zimmer. Vorsichtig klopfte Aylin an ihre Tür. „Wer ist da?“, rief Fianna. „Hier ist Aylin“, antwortete ihre beste Freundin. Im nächsten Moment hörten sie, wie der Schlüssel sich im Schloss drehte.

 „Ich war einfach so wütend auf Kiki, wie sie mich behandelt hat“, schluchzte Fianna und putzte sich die Nase. Aylin nahm ihre Freundin in den Arm. „Ich weiß, Kiki war auch nicht sehr freundlich zu dir“, tröstete Aylin. „Kann ich mich überhaupt noch bei euch sehen lassen?“, heulte Fianna. „Genau, deshalb sind wir gekommen“, begann Annemieke ruhig, „Das war ein doofer Streit und im Endeffekt haben wir alle Schuld daran, dass es so heftig eskaliert ist“

Fianna lächelte auf einmal und hörte auf zu weinen. „Ich wollte euch sagen, wie peinlich ich mich verhalten habe und dafür will ich mich bei euch entschuldigen“, sagte sie ruhig und putzte sich noch mal ihre Nase. „Selbstverständlich bist du unsere Freundin“, sagte Emily und legte ihre Hand auf Fiannas Schulter, „Wir haben nur 85 Euro mitgehabt vorhin und der gesamte Einkauf hat bereits 78 Euro gekostet. Dein Wunschkaninchen wäre zu teuer gewesen“ „Ach so, jetzt verstehe ich, wieso Kiki dieses Kaninchen nicht haben wollte“, sagte Fianna erleichtert. „Vergesse diesen blöden Streit“, munterte Annemieke Fianna auf, „Selbst ich streite mich manchmal ziemlich heftig mit meiner eigenen Schwester, aber danach vertragen wir uns meist schnell. Hier ist dein Freundschaftsband, binde es dir schnell wieder um, sonst verlierst du es noch“ Fianna strahlte wieder und umarmte ihre Freundinnen. „Wir können jetzt zum Wohnwagen fahren und uns die Kaninchen anschauen“, meinte Emily. „Ich würde gerne mitkommen, aber zuerst muss ich meine Mutter fragen“, rief Fianna, „Mama, darf ich eben mit meinen Freundinnen weggehen?“ „Fianna, es gibt gleich Abendbrot!“, rief ihre Mutter aus der Küche. „Es dauert auch nicht lange“, rief Fianna, „Außerdem kann ich später essen“ „Bitte sei wieder um halb Neun wieder zurück!“, rief ihr ihre Mutter nach.

Schnell schwangen sich die vier Freundinnen auf ihre Fahrräder und rasten los. Sie fuhren über eine Kreuzung, an ihrer Schule vorbei, rasten durch den Stadtpark und bogen in den Schrebergarten ein. „Mit euch habe ich gar nicht mehr gerechnet“, rief Mathilda, „Ist die Sünderin auch dabei?“ „Hör auf, so von Fianna zu reden!“, verteidigten Annemieke und Aylin ihre Freundin. Mathilda verschlug es die Sprache. „Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe“, sagte Fianna und gab Matilda zur Versöhnung die Hand. „Kommt rein!“, rief Kiki freundlich. Fianna ging direkt auf Kiki zu und entschuldigte sich bei ihr. „Beruhig dich, Carrot“, meinte Kiki gelassen, „Ich habe den Streit schon längst wieder vergessen und mach dir keine Gedanken mehr darüber, wir sind wieder zu siebt“ Beinahe wäre Fianna erneut in Tränen ausgebrochen, aber dieses Mal vor Erleichterung. „Ich will euch die Kaninchen zeigen“, rief Lotta und kam ihnen entgegen, „Seht nur, wie wohl sie sich in ihrem Stall fühlen“ Fianna pflückte Löwenzahn und steckte ihn durch das Käfiggitter. „Oh sie sind doch ganz niedlich!“, meinte Fianna, „Haben sie auch schon einen Namen“ „Hanni und Nanni“, antworteten die Mädchen im Chor.  

Wenig später saßen die Mädchen im Wohnwagen, tranken Tee, aßen den restlichen Kuchen von Mittwoch auf und unterhielten sich über die Reitstunde. „Ich finde Fianna und Aylin machen echt gute Fortschritte im Sattel“, meinte Kiki anerkennend. „Ich habe heute erst zum dritten Mal auf dem Pferd gesessen“, sagte Aylin, „Das nächste Mal versuche ich eine ganze Runde zu traben und irgendwann werde ich auch alleine reiten können, so wie ihr“ „Kiki und Emily können bald sowieso Springstunden nehmen“, meinte Mathilda, „Aber Micky und ich könnten es in Prinzip auf, aber wir müssten mehr üben“ „Fianna ist im Reiten ein richtiges Naturtalent“, fand Kiki, „Mich wundert es, dass sie nie zuvor geritten ist“

Fianna saß freudestrahlend zwischen Lotta und Kiki auf der Bank und war so froh, wie nie zuvor. „Echte Freundinnen kann man wirklich nicht schnell verlieren“, dachte sie, „Selbst Kiki und Mathilda sind gute Freundinnen, da sie immer offen die Wahrheit sagen und mir die Augen geöffnet haben“ Plötzlich läutete ihr Handy. „Ich muss nach Hause, meine Mutter hat gerade angerufen“, rief sie und verabschiedete sich. „Wer kümmert sich am Wochenende um die Kaninchen?“, fragte Kiki. „Ich mache es freiwillig“, meldete sich Emily, „Meine Mutter will morgen Vormittag mit ihrer besten Freundin ins Schwimmbad und da möchte ich nicht unbedingt mit“

 

Verflixt und zugenäht!

Als Emily am Montagabend von einem Bandentreffen wieder kam, saß ihre Mutter schon am gedeckten Wohnzimmertisch und wartete auf ihre Tochter. „Hallo, Mama!“, rief Emily, schloss die Wohnungstür hinter sich und zog ihre Schuhe aus. „Hallo, Lilly! Wie war dein Tag?“, begrüßte ihre Mutter sie. „Soweit ganz gut“, antworte sie und fragte, „Hast du was zu Essen gemacht? Ich habe einen tierischen Hunger“ „Nein, ich habe gerade etwas Leckeres vom Italiener kommen lassen“, meinte ihre Mutter, „Salat, Pizzabrot, Tortellini Auflauf mit Schinken und Panna Cotta zum Nachtisch“ Emily setzte sich an den Tisch, goss sich Wasser ein und nahm ein Stück Pizzabrot. „Vorhin hat Frau Schellhardt bei mir angerufen, wegen deiner Schulnoten“, erzählte ihre Mutter beim Essen, „Sie hat mir geraten dich bei der Nachhilfe anzumelden, du hast in der letzten Englisch- und auch in der Physikarbeit eine Fünf geschrieben“ „Ich weiß“, seufzte Emily, „In Mathe war ich auch nicht viel besser“

 

„Du wiederholst gerade die sechste Klasse“, sagte ihre Mutter eindringlich, „Noch einmal wiederholen kannst du nicht. Schaffst du dieses Schuljahr nicht, müssen wir dich auf einer Realschule anmelden“ „Um Himmels willen! Das will ich auf keinen Fall!“, rief Emily geschockt, „Ich fühle mich in der Klasse so wohl, weil ich dort so gute Freundinnen gefunden habe. Ich will auf gar keinen Fall nach den Sommerferien auf eine Realschule gehen und dort schon wieder neue Freunde suchen müssen“ „Frau Schellhardt hat mir erzählt, dass die Nachhilfestunden im Lerninstitut von jeweils drei Uhr bis halb fünf stattfinden“, fuhr ihre Mutter fort. „Freitags geht nicht!“, rief Emily entschlossen, „Du weißt ganz genau, dass Freitag um halb vier der Reitunterricht stattfindet und danach haben wir immer Bandennachmittag“ Ihre Mutter zuckte mit den Schultern, „Tja, manchmal muss man für die Schule leiden“ „Hast du mich schon beim Lerninstitut angemeldet?“, fragte Emily eindringlich. „Noch nicht, aber ich werde es in den nächsten Tagen machen“, erwiderte ihre Mutter. „Ich gehe von Montag bis Donnerstag freiwillig zum Lerninstitut, aber Freitag ist Bandentag und dabei bleibt es!“, rief Emily.

 

Emily und ihre Mutter diskutierten so heftig, dass langsam das Essen kalt wurde. „Ich gebe nicht so einfach nach, wie du denkst“, rief Emily sauer. „Sei doch endlich vernünftig!“, regte sich ihre Mutter auf, „Du willst doch später Tierärztin werden und dafür brauchst du ein Abitur, damit du studieren kannst. Wirst du nicht in die siebte Klasse versetzt, besuchst ab Herbst eine Realschule und deine Freundinnen kannst du nicht mehr regelmäßig sehen“

„Annemieke kann mir genauso gut Nachhilfe geben, sie ist in fast allen Fächern ziemlich gut“ „Daran zweifle ich, wenn sie da ist, quatscht ihr hauptsächlich“ „Da unterschätzt du sie, sie kann sehr gut erklären“ „Ein professioneller Nachhilfelehrer ist besser für dich“ „Für mich nicht unbedingt!“ Beide sahen sich minutenlang schweigend an.

„Ich habe keinen Hunger mehr!“, sagte Emily, schob ihren Teller weg und rannte in ihr Zimmer. Sie fuhr ihren Computer hoch und loggte sich unter ihrem Nickname „Black Beauty“ in den Chat ein. Erst vor kurzem hatte Kiki einen Gruppenchat für die Rote Sieben eingerichtet, bis jetzt hatte Emily noch nichts in diesem Chat geschrieben.

 

Black Beauty: Hi, wer ist gerade on?

Rote Zora 2000: Hey, ich bin online!

Black Beauty: Bist du Fianna?

Rote Zora 2000: Klar, wer hat sonst rote Haare von uns? Soll ich dir die Nicknames der Anderen nennen

Black Beauty: Danke, das wäre nett. Ich bin schreibe heute zum ersten Mal im Chat ;)

Rote Zora 2000: Kiki = Adler Auge, Aylin = Sweet Bear, Lotta = Tigermaus-1999,  Tomboy_1999 = Mathilda und kleine Elfe = Annemieke

Black Beauty: Thanks!

Adler Auge: Hallo allerseits!

Black Beauty: Kiki, ich habe ein großes Problem: Mom will mich freitags zur Nachhilfe schicken!

Adler Auge: Wie bitte! Das geht gar nicht! Freitags ist fester Bandentag!

Black Beauty: Mom besteht darauf, kann leider nichts machen :’(

Rote Zora 2000: Da werden wir garantiert eine Lösung finden

Sweet Bear: Kann nicht Annemieke dir Nachhilfe geben, Lilly?

Black Beauty: Mom will das nicht, sie glaubt, wir würden eh nur tratschen!

Kleine Elfe: Das stimmt nicht! Wir können super zusammenarbeiten. Nicht wahr, Lilly? J

Black Beauty: Davon musst du erst meine Mutter überzeugen, Micky!

Tomboy_1999: Niemand kann besser erklären, als meine Schwester!!!

Black Beauty: Das Problem ist, dass Frau Schellhardt meine Mutter angerufen hat und ihr empfahl, dass sie mich beim Lerninstitut anmelden soll

Tomboy_1999: Was!!!!!

Adler Auge: Das geht schon mal gar nicht, wenn der Termin auf unseren heiligen Bandentag fällt und du nicht mehr kommen kannst! L

Tigermaus: Entweder alle oder keine!!!

Rote Zora 2000: Genau =)

Sweet Bear: und was jetzt? Müssen wir unseren Bandentag an einen anderen Tag verlegen?

Tomboy_1999: Das ist schwierig! Dienstags sind Micky und ich in der Musikschule und mittwochs haben wir haben wir beide Hockeytraining.

Rote Zora 2000: Dienstags spiele ich Tennis und donnerstags bin ich beim Ballett ;)

Tigermaus: und ich schwimme montags und donnerstags im Verein

Adler Auge: Ich werde bald einen Kletterkurs belegen, der dienstags stattfindet

Sweet Bear: Montags bin ich immer beim Bauchtanz

Kleine Elfe: Da haben wir ein Problem!!!

Tomboy_1999: Unser Bandentag ist und bleibt der Freitag!

Adler Auge: Auf alle Fälle!!!!!!

Tigermaus: Wenn du Probleme in Mathe, Chemie und Biologie hast, komm zu mir J

Black Beauty: Danke, das ist echt lieb von dir <3

Tigermaus: Kein Ding J

Adler Auge: Der Freitag bleibt unser Bandentag

Rote Zora 2000: Wer ist morgen mit den Kaninchen dran?

Black Beauty: Dientags ist Aylin dran

Sweet Bear: Oh, ich weiß nicht, ob ich das schaffe! Ich muss mein Referat in Erdkunde fertig stellen und noch ein Geschenk für meine Schwester kaufen, sie hat bald Geburtstag

Tigermaus: Ich kann morgen nach der Schule die Kaninchen versorgen!

Sweet Bear: Okay J

Kleine Elfe: Ich glaube, ich gehe off. Ich muss noch ein Plakat für Geschichte machen. Gute Nacht J

Tomboy_1999: Du kleine Streberin xD Es ist erst 20:34!

Black Beauty: Mist, ich habe vergessen meine Hausaufgabe in Deutsch zu machen. Tschüss, ich gehe ebenfalls off. Ciao J

Tigermaus: Gute Nacht J

Tomboy_1999: Bis morgen in der Schule =)

Adler Auge: Wir reden morgen darüber! Bye J

 

Emily loggte sich aus und begann Deutsch zu machen. Zum Glück war das eines ihrer stärksten Fächer und Gedichte mochte sie auf gerne. Auf einen Zettel schrieb sie alle Wörter, die ihr für ihr Gedicht einfielen: Freundschaft, nah, sah, Zeit, Streit, Hand, Band, Sterne, Ferne, teilen, feilen, lachen, entfachen, vertrauen und bauen. Mit einem dunkelblauen Filzstift schrieb sie Freundschaft auf ein sauberes Blatt Papier. Sofort begannen die Ideen in ihr lebendig zu werden und ihre Ideen strömten aus ihrem Gehirn, in ihren Stift und landeten auf dem Papier. „Das muss ich unbedingt in der Klasse vorlesen“, dachte sie stolz, „Ich habe wirklich die besten Freundinnen, die man sich wünschen kann. Ich will mit ihnen auch nach den Sommerferien in eine Klasse gehen“ Plötzlich erinnerte sie sich an ihre alte Klasse, in der sie zwei Jahre lang von ihren Mitschülern geärgert, beschimpft und ausgegrenzt wurde. Damals hatte sie kaum Freunde und fühlte sich meistens miserabel. Doch als sie vor fast einem Jahr in Kikis Klasse kam, änderte sich ihre Situation sofort und sie freundete sich sofort sehr eng mit Kiki und den Zwillingen an. Ihre alten Klassenkameraden ließen sie endlich in Ruhe. Seit der Klassenfahrt gehörten auch Fianna, Aylin und Lotta zu ihren Freundinnen. Zusammen waren sie die Rote Sieben und unschlagbar!

 

 

Freundschaft

Schon als ich Dich das erste Mal sah

Fühlte ich mich Dir sehr nah

Schnell fing ich an dir zu vertrauen

Denn ich kann immer auf dich bauen

 

Zusammen können wir wunderbar lachen

Und ein Freudenfeuer entfachen

Manches Mal haben wir leider Eiszeit

Sehr oft nach einem bösen Streit

 

Trotzdem will ich dich nicht lange vermissen

Der Streit macht uns beiden ein schlechtes Gewissen

Deswegen wollen wir uns schnell vertragen

Das ist viel besser, als eine Last auf den Schultern zu tragen

 

Gemeinsam gehen wir Hand in Hand

Und somit knüpfen wir unser Freundschaftsband

Auch wenn du nicht bei mir bist, seh ich in die Ferne

Beste Freunde sind wie Sterne

 

Hätt ich dich nicht, wär ich nicht ganz

Da fehlte mir mein wichtigster Glanz

Du bist mir immer wichtig

Zusammen liegen wir immer richtig

 

„Bravo, dein Gedicht ist der Hammer“, meinte Annemieke, nachdem Emily ihr Gedicht vor der ganzen Klasse vorgetragen hat. „Wollen wir das Gedicht nicht im Wohnwagen aufhängen?“, flüsterte Aylin, die eine Reihe hinter Emily saß. Auch Frau Brand fand das Gedicht super. „Emily, willst du dein Gedicht nicht auf dem kommenden Schulfest vortragen?“, fragte sie. „Das musst du machen. Unbedingt!“, versuchte Annemieke ihre Freundin zu überreden. „Annemieke, dich habe ich nicht gefragt“, sagte die Deutschlehrerin streng. „Okay, wenn ihr mein Gedicht so toll findet, werde ich es vorlesen“, sagte Emily zögernd. In der Pause bekam Emily überraschend einen Anruf von ihrer Mutter. „Ja, Mom, was ist los?“, fragte Emily. „Ich habe es mir doch anders überlegt“, sagte ihre Mutter, „ Und zwar habe ich mit meiner Arbeitskollegin gesprochen und sie meinte, dass ihr Sohn, der gerade Englisch und Mathe auf Lehramt studiert, dir Nachhilfe geben kann. Das wäre viel günstiger als das Lerninstitut“ „Am welchen Tag ist das?“, fragte sie. „Er kann nur mittwochs und donnerstags“, erwiderte ihre Mutter. „Das ist gut“, sagte Emily, „Ich muss jetzt auflegen, es klingelt zur dritten Stunde, Tschüss“ „Wer war das?“, fragte Lotta neugierig. „Meine Mutter, sie hat es sich doch anders überlegt“, jubelte Emily, „Ich habe freitags wieder frei“ „Au fein! Der Bandentag ist gerettet“, rief Kiki, „Schlagt alle ein“ „Der Bandentag ist gerettet!“, grölte Jannis hämisch und zog eine Fratze. „Halt deine Klappe! Du stinkst aus deinem Mund nach Fisch!“, riefen die Mädchen dem Piranha-Boss hinterher. „Kaum zu glauben, dass sieben unterschiedliche Mädchen wie ihr eine Bande seid“, rief Sven. „Ihr werdet bald euer blaues Wunder erleben, ihr Fischköpfe!“, rief Kiki ihm lautstark hinterher.

 

Das blaue Wunder erlebten allerdings die Mädchen nach der Sportstunde. Emily und ihre Freundinnen verließen als Letzte die Umkleidekabine und gingen zum Fahrradparkplatz. „Bah, wer hat Schuhcreme an den Lenker meines Fahrrads geschmiert?“, schimpfte Fianna und wischte ihre dreckige Hand an einem Taschentuch ab. Außerdem wurde aus allen Fahrrädern die Luft herausgelassen. „Damit kann ich niemals nach Hause fahren!“, empörte sich Lotta. „Das können nur die Fischköpfe gewesen sein“, schnaubte Mathilda und putzte ihr Fahrrad mit einem Taschentuch sauber. „Mein Fahrradkorb fehlt!“, rief Aylin entsetzt. „Schau mal in den Busch, was da liegt“, rief Emily und holte Aylins Fahrradkorb hervor. Plötzlich stellte Annemieke fest, dass die Bremse ihres Fahrrads nicht mehr funktionierte. „Diese Bastards haben die Bremszüge meines Rades durchgeschnitten, damit ich wohlmöglich einen gefährlichen Unfall baue“, rief sie verärgert, „Sowas ist total gefährlich!“ „Hier liegt ein Schlüsselbund“, rief Fianna, „Wer kann ihn verloren haben?“ Ihre Freundinnen schüttelten alle die Köpfe. „Wir geben den Schlüssel einfach bei Frau Schellhardt ab“, meinte Lotta. Die Mädchen gingen wieder in das Schulgebäude und klopften am Lehrerzimmer. „Können Sie diesen Schlüssel bei Frau Schellhardt ins Fach legen?“, fragte Fianna. „Wie ist dein Name?“, der Lehrer. „Fianna O’Hara“, antwortete sie. „Okay, ich sage ihr, dass du den Schlüssel gefunden hast“, sagte der Lehrer. „Wenn es wirklich die Fischköpfe gewesen sind, wir es eine dicke Rache geben“, meinte Kiki, als sie wieder draußen waren. „Wir müssen unsere Räder schnellst möglich in Reparatur geben“, meinte Fianna, „Wie sollen wir sonst zur Schule, zum Wohnwagen und zum Reitunterricht kommen“

Nicht alles läuft rund, was rund laufen sollte

Solange ihr Fahrrad in der Werkstatt war, musste Emily mit dem Bus zur Schule fahren, aber zum Schrebergarten konnte sie trotzdem zu Fuß gehen. Donnerstags war ein spontanes Bandentreffen von Kiki angesetzt, da sie sich eine Rache für ihre kaputten Fahrräder überlegen wollten. Allerdings fand das Treffen ohne Lotta und Fianna statt. Emily pflegte das Gemüsebeet, rupfte Unkraut und goss die Rosen, während Aylin im Wohnwagen Staub wischte und die Fenster putzte. Kiki war sauer auf Mathilda, die Kaninchen saßen in einem dreckigen Käfig und hatten kein Wasser mehr. „Matti, warst du nicht vorgestern und gestern mit der Pflege der Kaninchen dran“, sagte Kiki streng. „Kann sein“, murmelte Mathilda bedrückt, „Dienstags habe ich total lange an den Hausaufgaben gesessen und musste Mama dabei helfen ein Bücherregal zusammen zu bauen. Gestern war ich bis acht Uhr abends beim Hockeytraining und war so müde, dass ich sofort danach ins Bett ging“ „Das kann keine Ausrede sein, du bist genauso für Hanni und Nanni verantwortlich wie wir“, erwiderte Kiki und ihre dunklen Augen verengten sich zu engen Schlitzen. „Aber ich hatte wirklich keine Zeit“, entschuldige sich Mathilda, „Sonst wäre ich auf jeden Fall abends gekommen und hätte die Kaninchen gefüttert“ „Warum sagst du niemanden Bescheid! Die armen Tiere haben wegen dir zwei Tage nichts zu essen bekommen“, warf Kiki ihr vor. „Ach, ich habe es einfach vergessen“, jammerte Mathilda. „Das darf dir nicht noch einmal passieren“, drohte ihre beste Freundin. Mathilda machte ein langes Gesicht und lehnte sich gegen den Holzzaun. Plötzlich schoss Aylin wie von der Tarantel gestochen aus dem Wohnwagen. „Wir haben Kellerasseln in der Spüle, Igitt!“, schrie sie. „Na, super“, stöhnte Kiki, „Ich komme und beseitige sie“

 

Die Stimmung wurde auch nicht besser, als sie im Wohnwagen am Tisch saßen. Es waren keine Kekse, keine Süßigkeiten und keine Getränke mehr da. Die Mädchen brauchten den restlichen Tee auf, aber sie konnten nicht einmal süßen, da kein Zucker da war. „Mathilda, du hättest schon längst dafür sorgen müssen, dass genügend Vorräte im Wohnwagen sind“, meckerte Kiki. „Das finde ich auch!“, mischte sich Aylin ein, „Wir machen unsere Aufgabe und du lässt uns einfach hängen, Mathilda. Das finden wir nicht in Ordnung!“ „Ich habe euch nicht hängen lassen. Ich habe zurzeit viel um die Ohren und kann mich nicht um Gott und die Welt kümmern. Hört auf mich Vorwürfen zu bombardieren, das finde ich nicht fair!“, wurde Mathilda laut und schlug mit ihrer Faust auf den Tisch. „Hör mal zu!“, knöpfte sich Kiki Mathilda wie ein kleines Kind vor, „Wir sind eine Bande, hast du das schon vergessen? Jeder hat seine Pflichten und trägt somit seine eigene Verantwortung für alle Anderen“ „Ja, ich habe es verstanden“, murrte Mathilda, „Aber hör auf mich, wie ein Kleinkind zu behandeln. Schließlich bin ich zwölf!“ „Du hättest wenigstens heute ein paar Kekse mitbringen können, Matti“, mischte sich Emily ein. „Wie ich sehe, denkst du kein bisschen mit“, hackte Kiki weiter auf Mathilda rum, „Ist dir die Bande noch wichtig oder hast du andere Hobbies?“ „Beides“, sagte Mathilda und biss sich auf die Lippe, „Ich habe meine Bande und mein eigenes Leben, falls euch das interessiert, ihr Bandenkühe!“ „Schön für dich!“, sagte Aylin schnippisch, „Wir erledigen auch unseren Arbeiten, obwohl wir unser eigenes Leben haben“ „Du hast in deinem zwölfjährigen Leben noch nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Du kleine Egoistin glaubst, die Welt dreht sich nur noch um dich“, zischte Kiki. Mathilda wurde vor Zorn rot im Gesicht und hielt einen Moment die Luft an. Ihre Zwillingsschwester saß sprachlos zwischen den Freundinnen, einerseits war sie auch von der Vergesslichkeit ihrer Schwester genervt, aber andererseits regte sie Kikis Tonfall derbe auf. Die Luft im Wohnwagen wurde zunehmend schwüler und stickiger. Ein Gewitter lag in der Luft, aber kein kleines Gewitter. Kiki und Mathilda waren beide kein bisschen zimperlich und konnten sich kaum beherrschen, wenn sie wütend waren. „Jetzt kommt noch eine fiese Bemerkung und das Fass läuft über“, dachte Annemieke besorgt und beobachtete, wie ihre Schwester und Kiki sich böse anfunkelten. Beide saßen sich wie zwei Raubkatzen gegenüber und verharrten einen Moment. „Bevor du dich nicht richtig einfügst, kann unsere Bande nicht richtig funktionieren“, raunte Kiki und sah Mathilda fest in die Augen, „Denk daran, du bist unsere Beta und gleichzeitig das schlampigste Mitglied der Roten Sieben“ „Weißt du das was, Kristina Morawski? Weißt du was du bist? Eine blöde Ziege und ein abscheulicher Feldwebel, der alle anderen herum kommandiert. Mit so Jemand will ich nicht länger befreundet sein“, schrie Mathilda außer sich, sprang auf und warf ihren Stuhl um. „Tschüss, habt einen schönen Abend ohne mich und mein Freundschaftsband könnt ihr gerne behalten!" Sie öffnete den Knoten ihres organgeroten Freundschaftsbandes und warf es Kiki ins Gesicht.

 

 Mathilda knallte die Wohnwagentür hinter sich und rannte davon, so schnell sie konnte. „Warte auf mich!“, schrie Annemieke, so laut sie konnte und Aylin hielt sich vor Schreck die Ohren zu. Geschockt saß Kiki zwischen Aylin und Emily. „Ich habe einen entsetzlichen Fehler gemacht“, begann Kiki stockend, aber weiter kam sie nicht, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt. Plötzlich traten dicke Tränen in ihre schwarzen Augen. Emily hatte bis jetzt noch nie gesehen, dass Kiki Tränen in den Augen hatte oder offen weinte. Bis jetzt hatte sie jeder ihrer Freundinnen mindestens einmal weinen gesehen, gerade bei Aylin kam das manchmal vor. Kiki und weinen? Keine der Freundinnen hätte jemals gedacht, dass das möglich war. Doch gerade passierte es, Kiki schluchzte leise und versteckte ihr Gesicht in den Händen. Emily reichte ihr ein Taschentuch. „Nein, lasst mich einfach in Ruhe“, schniefte Kiki, „Lasst mich in Ruhe und geht lieber, ich will ein paar Minuten alleine sein“

 

Schweigend gingen Emily und Aylin den Weg entlang, während Annemieke ihre Schwester suchen ging. „Mathilda“, rief sie mehrmals, aber niemand antwortete ihr und deshalb ging sie alleine weiter. „Wäre dieser fürchterliche Streit nicht gewesen“, dachte sie bedrückt. Es war der zweite heftigere Streit in einer Woche, erst letzte Woche waren Kiki und Fianna im Tiergeschäft heftig aneinander geraten. Niedergeschlagen ging Annemieke weiter, bis plötzlich eine kleine Gestalt im Halbdunklen auftauchte, die einsam auf einer Bank saß und den Kopf hingen ließ. Erst beim näher kommen erkannte sie, dass ihre eigene Schwester war. Ihre hellen Locken waren unverwechselbar, genauso wie ihre eigenen. Leise lief sie auf Mathilda zu, sie wollte auf gar keinen Fall, dass ihre Schwester aufsprang und vor ihr davon rannte. „Bestimmt weint sie bitterlich“, dachte Annemieke und ihr wurde bei diesem Gedanken unwohl. Sie wusste, dass ihre Schwester nicht oft weinte, aber wenn sie einmal weinte, konnte sie sehr lange und heftig weinen. „Matti, weinst du etwa?“, flüsterte Annemieke leise. Mathilda schaute auf, ihr Gesicht war immer noch tomatenrot. „Nein, nein! Ich weine überhaupt nicht“, sagte sie ernsthaft. „Dieser Streit war total unnötig“, meinte Annemieke und seufzte tief. „Nimm es mir nicht übel, aber ich habe keine Lust auf diese Bande und trete aus“, begann Mathilda und senkte ihre Stimme, „Ich bin es leid von Kiki wie ein Hund herumkommandiert zu werden. Ich bin in der Lage, selber zu denken und stattdessen muss ich mir die unglaublichsten Vorwürfe von ihr, sogar Aylin hat Kiki die ganze Zeit unterstützt. Du glaubst gar nicht, dass mich das tief verletzt hat“ „Wegen einem Streit, brauchst du nicht gleich aus der Bande auszutreten“, rief Annemieke entsetzt und krallte sich am Arm ihrer Schwester fest. „Aua, lass dass!“, rief Mathilda ärgerlich, „Ich bin zwar deine Zwillingsschwester, aber wir sind seit mehr als zwölf  Jahren zwei völlig verschiedene Menschen“ „Na gut, wenn du alleine sein willst, dann sei gefälligst alleine“, warf ihr Annemieke an den Kopf. „Ich habe in der Hockeymannschaft immerhin noch Janet und Kim“, rief Mathilda, „Du kannst nicht sagen, dass ich außerhalb dieser Bande keine Freunde hätte, mit denen ich gut zurecht käme“ 

Annemieke schlug die Augen nieder und seufzte mehrmals. Ihre Schwester konnte manchmal der größte Sturkopf der Welt sein. Plötzlich stürzte sie sich auf Mathilda und kitzelte sie von oben bis unten durch. „Lass das!“, rief sie laut lachend. „Nicht solange, bis du dich ergeben hast“, erwiderte ihre Schwester und kitzelte sie noch heftiger. Mathilda quietschte und bekam vor Lachen kaum noch Luft. Sie rollte auf den Boden und Annemieke warf sich erneut auf sie drauf. Mathilda warf ihr ein Büschel Gras ins Gesicht. „Das zahle ich dir heim!“, rief Annemieke lachend und riss ein Büschel Gras aus. „Bäh, ich habe einen Käfer im Mund“, schrie Mathilda und spukte das kleine Tier wieder aus. Ihre Schwester bekam eine neue Ladung Gras von ihr ins Gesicht.

Wenig lagen beide keuchend neben einander im Gras. „Schwesterherz, du bist die Beste!“, lobte Mathilda und wischte sich über ihre verschwitzte Stirn. „Du aber auch“, meinte ihre Schwester, „Ich kenne keine Person, mit der man mehr Spaß haben könnte, als mit dir“ „Ich überlege mir bis morgen, ob ich wieder eine Rote Sieben werde“, meinte Mathilda, „Ich muss eine Nacht darüber schlafen“ „Es steht dir frei, wie du dich entscheidest“, sagte Annemieke, „Du bist alt genug, um selbst zu denken“ „Jetzt fängst du an, wie die Erwachsenen zu reden“, lachte ihre Schwester und griff nach Annemiekes Hand. Hand in Hand gingen die Zwillinge nach Hause. 

Eine Rache planen ist nicht immer einfach

Am Freitagmorgen warteten die Schüler der 6a vor dem Musikraum, bevor die erste Stunde begann. Kiki, Lotta und Emily waren von der Roten Sieben zuerst da und setzten sich auf einen Tisch. Während Kiki Lotta von dem fürchterlichen Streit erzählte, hörte Emily nur mit einem halben Ohr zu. Sie beobachtete, wer als Nächstes die Treppen hinauf kam. „Hoffentlich werden Kiki und Mathilda sich wieder vertragen“, dachte sie und im nächsten Moment standen die Zwillinge auch schon vor ihnen. „Mathilda hat sich anders entschieden“, sagte Annemieke zu Kiki, „Sie hat eine Nacht darüber geschlafen und jetzt ist sie wieder eine von uns“ „Ich habe noch etwas für dich“, sagte Kiki und lächelte plötzlich, „Du hast dein Freundschaftsband vergessen“ Lächelnd nahm Mathilda das Bändchen entgegen und lies es sich von Kiki wieder um ihr Handgelenk binden. „Danke“, murmelte sie, „Entschuldigung! Es war echt peinlich, wie ich gestern ausgerastet bin“ „Nein, es muss mir leid tun“, widersprach ihr Kiki, „Schließlich habe ich dauernd auf dir herumgehackt und dich dabei ziemlich verletzt. Ich habe mehr von dir erwartet, da du unsere Beta bist, aber ich mag dich trotzdem total gerne“ Beide Mädchen umarmten sich zur Versöhnung. „Sind die größten Streithennen wieder best friends?“, fragte Aylin, die gerade die Treppe hinauf kam. Ihre Freundinnen nickten. Obwohl ein großer Streit aus dem Weg geräumt war, gab es eine andere Sache, die die Rote Sieben bedrückte und zwar der Schaden an ihren Fahrrädern. Inzwischen hatte Frau Schellhardt Lennart den verlorenen Schlüssel wieder gegeben und somit war für die Mädchen eindeutig, dass die Piranhas für ihre kaputten Fahrräder verantwortlich waren. Die Rote Sieben plante eine dicke Rache, aber das war gar nicht so leicht. Zwar kamen ein paar der Jungs mit ihren Fahrrädern zur Schule, aber Max und Ömer gingen immer zu Fuß. Außerdem fanden die Mädchen es ziemlich einfältig den gleichen Streich noch einmal zu spielen.

 

 Nachmittags traf Emily früher beim Reitstall ein als sonst und zog sich in der Umkleidekabine alleine um. Im Spiegel kontrollierte sie flüchtig, ob ihr Reithelm und ihre neue Reithose richtig saßen. Schließlich schloss sie ihre Schuhe und Wertsachen in einen Spind und ging zur Tür. Auf dem Stallgang traf sie ihre Tante Rachel. „Hallo Emily, Wie geht es dir?“, begrüßte sie ihre Nichte, „Kannst mir helfen Smilla aus der Box zu holen und sie zu striegeln? Ich habe alle Hände voll zu tun, da Sarah und zwei Freundinnen auch in dieser Stunde mit reiten wollen“ Sarah war Emilys erst achtjährige Cousine, die ihr ganz schön auf die Nerven gehen konnte. Als Emily nach hinten schaute, kam Sarah mit ihrem Pony auf sie zu. „Bringst heute auch deine ganze Horde von Freundinnen mit, die teilweise noch nicht richtig sattelfest sind?“, fragte Sarah frech und grinste Emily an.

„Ja, aber was geht dich das an?“, sagte Emily zerknirscht. Plötzlich tauchten zwei weitere Mädchen neben ihrer kleinen Cousine auf. „Das sind meine beiden Freundinnen Jenny und Kim“, stellte Sarah die Mädchen vor, „Zusammen sind wir auch eine Bande“ „Ihr macht uns bloß nach“, erwiderte Emily genervt, „Kaum habe ich etwas, was du nicht hast und schon willst du es auch haben“ „Dazu habe ich mein Recht“, rief Sarah selbstbewusst, „Außerdem freue ich mich schon darauf zu sehen, wie einige deiner Freundinnen wie nasse Säcke vom Sattel hängen werden“ „Halt die Klappe!“, zischte Emily und holte Diego aus seiner Box. Sorgfältig kratzte sie seine Hufen aus und striegelte sein Fell, bis es glänzte. Inzwischen teilte Rachel die Pferde unter den Reitern auf. „Darf ich Katinka reiten?“, bettelte Kim. „Frag am besten Annemieke“, sagte Rachel und fuhr fort, „Carlotta reitet Caruso und Kimberly bekommt Diego“ Emily ärgerte sich, dass sie für die kleinen frechen Gören die Pferde satteln musste. Auf der anderen Seite des Ganges hörte sie viele Stimmen, das waren ihre Freundinnen. „Annemieke, darf ich heute Katinka reiten?“, rief Kim und rannte auf sie zu. „Wie wäre es, wenn du etwas höflicher zu uns bist?“, antwortete Kiki barsch. „Hallo Annemieke, dürfte ich heute bitte Katinka reiten?“, begann Kim erneut, aber Annemieke nickte nur und wandte sich wieder ihrer Schwester zu. „Annemieke, du bekommst in dieser Stunde Anton, wenn dir das Recht ist“, sagte die Reitlehrerin. „Das macht mir nichts aus“, meinte Annemieke. Tante Rachel führte Tybalt, einen großen braunen Wallach in die Halle und machte ihn an einer Longe fest. Aylin, Fianna und Jenny bekamen heute eine weitere Longenstunde, da sie erst Reitanfängerinnen waren und noch nicht alleine reiten durften. Annika, Sarahs große fünfzehnjährige Schwester und Emilys ältere Cousine, machte mit den fortgeschritteneren Reiterinnen den Unterricht. Emily führte die Abteilung an, da sie die erfahrenste Reiterin von allen war. Hinter ihr kam Annemieke mit Anton, dieses Mal hatte sie Probleme, da er dauernd an den Zügeln riss. „Annemieke, lass die Zügel ruhig etwas lockerer“, gab ihr Annika den Tipp. Während die Abteilung ihr Tempo verlangsamte, trieb Sarah ihr Pony energisch an und ritt zu auf Mathildas Pferd Lanzelot auf. Vor Schreck begann Lanzelot zu scheuen. „Spinnst du, du kannst doch nicht so dicht aufreiten!“, empörte sich Mathilda, „Ich wäre gefallen, wenn ich nicht rechtzeitig reagiert hätte!“ Sarah war leicht eingeschnappt und streckte dem Mädchen mit den hellblonden Locken unauffällig die Zunge raus. „Beruhigt euch, Mädels!“, rief Annika, „Konzentriert euch lieber auf das Reiten und das gilt ganz besonders für dich Sarah!“

 

Auf der anderen Seite der Halle ließ Rachel Tybalt antraben. „Aylin, du brauchst dich nicht so krampfhaft festzuhalten“, riet ihr die Reitlehrerin, „Du musst einfach mit den Bewegungen des Pferdes mitgehen“ Aylin wurde zwar immer noch auf dem Pferderücken hin und her geschüttelt, aber sie bemühte sich nicht mehr so verkrampft zu sein. Fianna hingegen war ein richtiges Naturtalent, Rachel forderte sie zum Leichttraben auf und gab den Takt vor. „Willst du eine Runde galoppieren?“, fragte die Reitlehrerin und ließ Tybalt schneller werden. Fianna nickte begeistert und Tybalt galoppierte an. „Super, machst du das!“, lobte Rachel, „Ich glaube, du brauchst nicht viel länger Longenstunden. Ab nächster Woche kannst du in der Abteilung mit reiten“ Fianna strahlte über das ganze Gesicht und ließ sich langsam aus dem Sattel gleiten. Nun war Jenny an der Reihe. „Soll ich Tybalt angaloppieren lassen?“, fragte die Reitlehrerin. „Ich weiß nicht“, murmelte das kleine Mädchen ängstlich.

 

„Versuchen kannst du es doch“, ermunterte Rachel Jenny, „Man lernt nur, wenn man sich etwas Neues zutraut“ Die Reitlehrerin trieb Tybalt mit der Peitsche an, sofort fing Jenny an wie am Spieß zu schreien. „Was ist denn hier los?“, fragte sich Lotta irritiert. „Es hört sich so an, als hätte Tybalt einen dieser kleinen Quälgeister abgeworfen“, sagte Emily zu ihrer Freundin hinter ihr. „Jennifer, ist alles in Ordnung mit dir?“, rief Rachel besorgt und half dem Mädchen aus dem Sattel. Selbst als Jenny auf dem Boden saß, zitterte sie immer noch. „Fianna, kannst du eben Jennifer zur Bank bringen“, fragte Rachel. „Ich hatte so eine große Angst, dass ich fast runter gefallen bin“, jammerte Jenny und Fianna stützte das kleine Mädchen. „Bist du heute zum ersten Mal geritten?“, fragte sie Jenny. „Wenn ich ehrlich bin ja“, sagte das kleine Mädchen mit den langen rotbraunen Haaren, „Ich habe nur einmal zuvor auf einem Pferd gesessen und das war auf einem Jahrmarkt“ „So lange reite ich auch noch nicht“, erzählte Fianna, „Ich hatte Anfang März meine erste Reitstunde, nachdem meine Freundinnen mich überredet haben, Reitstunden zu nehmen. Ganz ehrlich, ich war anfangs sehr skeptisch, was das Reiten betrifft. Doch jetzt macht es mir großen Spaß“

„Ihr seid eine richtige Bande?“, fragte Kim nach der Reitstunde, als sich die Mädchen in der Umkleidekabine umzogen und baute sich vor Kiki auf. „Geht es überhaupt nichts an“, entgegnete ihr Kiki. „Neuerdings sind wir auch eine Bande!“, rief Sarah und legte ihre Arme um ihre beiden Freundinnen. „Du hast Anna-Lena vergessen!“, rief Jenny, „Wir sind sogar zu viert, aber Anna-Lena konnte heute leider nicht kommen“ „Habt ihr überhaupt einen Bandennamen?“, fragte Lotta, „Das gehört zu einer Bande unbedingt dazu“ Die drei kleinen Mädchen sahen sich gegenseitig an. „Bis jetzt haben wir keinen richtigen Namen“, gab Kim zu. „Wie wäre es, wenn wir uns die Horse-Girls nennen?“, schlug Sarah vor. „Das klingt total albern!“, rief Emily und tippte sich gegen die Stirn. „Ihr wollt wohl nicht eure Bande vor unseren Augen gründen“, meinte Lotta verächtlich, „Eine Bande wird im Geheimen gegründet. Offensichtlich habt ihr überhaupt keine Ahnung, was eine Bande ist“ Sarah streckte den großen Mädchen frech die Zunge raus.

 

 Nach der Reitstunde ging das Bandentreffen im Wohnwagen weiter. Annemieke machte einen grünen Tee und ihre Schwester hatte heute daran gedacht, Kuchen und Schokolade mitzubringen. „Heute müssen wir: Die Kaninchen versorgen, das Beet gießen, den Rasen mähen und uns eine Rache für die kaputten Fahrräder überlegen“, las Kiki den Tagesplan vor. Eine gelungene Rache zu planen war nicht gerade einfach, fast eine halbe Stunde verging, ohne dass sie sich auf einen Streich einigen konnten, den sie den Piranhas spielen wollten. „Wisst ihr, ob die Piranhas ein Bandenquartier haben?“, fragte Aylin.

„Ich meine, ich habe einmal zufällig mitgekriegt, dass sie ein Baumhaus in Jannis Garten haben“, antwortete Kiki. „Ich werde sie Montag ausspionieren“, rief Fianna und trommelte vor Begeisterung auf den Tisch. „Super Idee!“, rief Emily triumphierend, „Wir werden ihr Revier richtig auf den Kopf stellen“

„Seid erstmal ganz ruhig“, bremste Annemieke den Elan ihrer Freundinnen, „Wir müssen erst heraus finden, wo sie sich überhaupt treffen“ „Lasst uns mit der Gartenarbeit beginnen!“, schlug Kiki vor, „Den Streich heben wir uns für später auf“ Kaum waren die Mädchen im Garten beschäftigt, sprangen drei kleine Mädchen über den Zaun und fingen an schreien. Erschrocken ließ Annemieke ihre Schaufel auf ihren Fuß fallen und verzog vor Schmerzen das Gesicht.

„Sarah, was hast du hier verloren?“, rief Emily böse und packte ihre Cousine an den Schultern. „Wir wollten uns nur ein paar Bandentipps von euch holen“, sagte Sarah unschuldig und ihre Freundinnen grinsten unbeholfen. „Habt ihr uns nachspioniert?“, rief Mathilda zornig, „So etwas ist abartig!“ „Es wird Zeit, dass ihr verschwindet“, sagte Emily bestimmt, „Soll ich deine Mutter anrufen und ihr sagen, dass sie kommen soll und dich nach Hause bringen soll, Sarah“ „Ich zähle bis zehn“, raunte Kiki drohend leise, „Seid ihr immer noch nicht verschwunden, erlebt ihr euer blaues Wunder“ „Wir lassen uns von sieben albernen Ziegen, die nur ein paar Jahre älter sind als wir, nichts sagen!“, rief Sarah laut und trotzig. „Willst du im Komposthaufen baden, du kleines Blag?“, drohte Matilda und packte das kleine Mädchen. Sarah fing an zu schreien und trat um sich. Sie hatte gegen die große und kräftige Mathilda keine Chance, die ihr ihre Hände fest hielt.

 

„Ruhe, ihr Blagen!“, brüllte Jemand wütend. Am Zaun stand der alte Griesgram. „Seid leise oder ich werde die Polizei wegen Ruhestörung benachrichtigen“, rief er böse. Sarah riss sich von Mathilda los und verschwand mit ihren beiden Freundinnen hinter der nächsten Ecke. „Griesgrams lautes Organ hat gewirkt“, flüsterte Annemieke Emily ins Ohr. Der alte Griesgram machte sich wieder an die Arbeit, als der Tumult beendet war. „Wir scheinen immer mehr Quälgeister zu haben!“, jammerte Fianna, „Die Piranhas, der alte Griesgram, das Tussenkomitee und jetzt auch noch Sarah und ihre Freundinnen“ „Meine kleine Cousine war schon immer rotzfrech. Ich weiß noch, dass sie einmal zwei Ferienkinder mehrmals um die Scheune gejagt hat, weil sie Sarahs Pony gefüttert haben“, schnaubte Emily.

 

„Ich finde ein paar Feinde gar nicht schlecht“, sagte Mathilda mit vollem Mund, „So wird uns nie langweilig, wir werden immer auf Trab gehalten und können ihnen die lustigsten Streiche spielen“ „Aber auf den alten Griesgram könnten wir trotzdem verzichten“, meinte ihre Schwester, „Ich habe ehrlich ein wenig Angst vor ihm“ Aylin setzte neuen Ostfriesentee auf und füllte die Zuckerdose wieder auf. Lotta nahm sich ihr zweites Stück Kuchen und legte es sich auf ihren Teller. Im nächsten Moment, als die Mädchen aus dem Fenster schauten, hoppelte ein schwarzes Kaninchen über den Rasen. „Das ist Hanni“, schrie Fianna aufgeregt und berührte mit ihrem Zeigefinger die Fensterscheibe. „Wer hat den Stall nicht richtig zu gemacht?“, rief Annemieke. Mathilda sprang auf und stürzte in den Garten hinaus und ihre Freundinnen folgten ihr. Annemieke versuchte das Kaninchen mit Löwenzahn anzulocken und schnalzte mit der Zunge. „Ein Kaninchen ist leider kein Pferd“, bemerkte Lotta, „Wir müssen es richtig einfangen“ Lotta, Fianna und Emily kesselten das Kaninchen ein und versuchten es zu packen, aber entwich Hanni aus Aylins Händen. „Verflixt, es ist in Griesgrams Garten gehoppelt“, fluchte Kiki leise, „Mathilda und ich gehen eben in den Nachbargarten hinüber“

 „Hast du es gesehen?“, flüsterte Kiki. „Es hockt unter der Hecke“, wisperte Mathilda. Beide Mädchen schlichen sich unauffällig an das Kaninchen heran und Mathilda packte zu. Hanni fing an zu zappeln, aber Mathilda ließ nicht locker. Ein dunkler Schatten bedeckte die beiden Mädchen. In Mathilda brach Panik aus, es war der alte Griesgram. Er baute sich bedrohlich vor den beiden verängstigten Mädchen auf und schaute wütend auf sie hinab. „Verschwindet sofort aus meinem Garten!“, schrie er die Mädchen an. „Wir haben nur unser Kaninchen gesucht“, erklärte Mathilda stotternd. „Mathilda, ich kenne deine Eltern nur zu gut“, rief der Griesgram zornig, „Ich werde ihnen nachher sagen, dass du mein Beet zertrampelt hast“

 

„Das haben wir nicht mit Absicht gemacht“, verteidigte Kiki ihre Freundin. „Spart euch eure dummen Ausreden“, fuhr der alte Mann sie an, „Sonst könnt was erleben! Ich gebe euch eine Minute Zeit und wenn ihr immer noch hier rumlungert, versohle ich euch den Hintern“ Schweigend gingen die beiden Mädchen in ihren eigenen Garten zurück und setzten das Kaninchen in den Stall. Niedergeschlagen betrachtete Mathilda die blutigen Kratzer auf ihren Unterarmen. „Das Vieh hat mich ziemlich zerkratzt!“, jammerte sie. „Das ist nicht so schlimm!“, tröstete sie ihre Zwillingsschwester, „Dank dir haben wir jetzt Hanni wieder“

Emily blieb länger im Wohnwagen als ihre Freundinnen und räumte auf. Ihr Vater hatte versprochen, heute Abend kurz bei ihnen vorbei zu kommen, um seine Computerzeitschriften zu holen, die er vergessen hatte. Emily wollte auf keinen Fall mitbekommen, wie sich ihre Mutter und ihr Vater wieder zofften. Vorsichtshalber rief sie zuhause an. „Hi Schatz, was gibt es?“, fragte ihre Mutter. „Ich wollte nur wissen, ob Papa schon bei uns war“, sagte Emily. „Er war gerade für fünf Minuten hier, da er seine Zeitschriften holen wollte und danach habe ich ihn wieder rausgeschmissen“, erwiderte ihre Mutter, „Wollen wir heute Abend nicht beim Chinesen essen gehen?“ „Keine schlechte Idee. Ich komme sofort!“, rief Emily begeistert.

 

Ein großer Schock für Emily

Am Samstagmorgen fuhr Emily schon relativ früh zum Schrebergarten, um die Kaninchen zu füttern und ein paar Blumen zu pflanzen. Sie hatte extra ein paar Möhren und ein großes Salatblatt für Hanni und Nanni in ihre Jackentasche gesteckt. Der Himmel war mit dicken grauen Wolken bedeckt, die so schwer wie Blei waren und ein leichter Sprühregen wehte ihr ins Gesicht. Kein besonders angenehmes Wetter! Um diese Uhrzeit war noch kein Mensch draußen und die Straßen waren noch ziemlich, nur ein alter Mann kam ihr auf seinem Fahrrad entgegen.

Als Emily ihren Garten betrat, traf sie der Blitz. Wie angewurzelt blieb sie stehen und schnappte entsetzt nach Luft. Was war hier um Himmels Willen geschehen? Das Blumenbeet glich einem Schlachtfeld, die meisten Tulpen, die Annemieke gepflanzt hatte, waren entweder aus der Erde heraus gerissen oder umgeknickt. Emilys Gemüsebeet sah auch nicht viel besser aus, es war das reinste Chaos. Die Fußabdrücke waren der Beweis, dass vor kurzem jemand auf dem Beet herumgetrampelt ist. „Das sind sicher Fußabdrücke von Sport- oder Fußballschuhen“, war sie sich sicher. Noch gestern, war die Welt in Ordnung gewesen, als sich Emily und ihre Freundinnen zum Letzten Mal getroffen hatten. Zwar war ihnen ein Kaninchen kurz ausgebüchst, aber Kiki und Mathilda konnten es im Garten des Griesgrams wieder einfangen. „Der Täter muss wohl in spätabends oder in der Nacht gekommen sein“, dachte Emily zornig.

 

 Im nächsten Moment blieb ihr wirklich kurz das Herz stehen, die Tür vom Kaninchenstall stand weit offen. „Hanni und Nanni, seid ihr noch da?“, flüsterte Emily heiser und ging auf den Stall zu. Panisch durchwühlte sie das Stroh, aber es war immer noch gähnende Leere. Der Futternapf und das Häuschen standen an ihrer alten Stelle, aber wo waren die Kaninchen? Mit klopfenden Herzen suchte sie den ganzen Garten ab und spähte in Griesgrams Garten, aber dort war auch Fehlanzeige. Emily schaute sogar unter der Tanne, zerstach sich ihre Finger am Brombeerbusch, schaute in der Regentonne nach und kroch schließlich unter den Wohnwagen. Hanni und Nanni waren immer noch wie vom Erdboden verschluckt. Vor Wut und Verzweiflung schossen ihr Tränen in die Augen. „Was soll ich tun? Meine Freundinnen verdächtigen mich eventuell, das getan zu haben“, jammerte sie und begann leise zu weinen. Im ersten Moment dachte sie daran ihre Freundinnen anzurufen, aber ausgerechnet jetzt hatte sie ihr Handy zuhause vergessen. Niederschlagen setzte sie sich auf die Stufen des Wohnwagens und ließ vor Hoffnungslosigkeit den Kopf hängen. „Guten Morgen, ist das dein Kaninchen?“, fragte eine ältere Frau, die am Gartentor stand und ein Kaninchen auf dem Arm hielt, es war Nanni. Emilys Herz machte einen Sprung, aber diesmal vor Erleichterung. Schnell wischte sie ihre Tränen weg und öffnete der fremden Frau das Tor zu ihrem Garten. „Vielen Dank!“, rief Emily erleichtert, „Wo haben Sie das Kaninchen entdeckt?“ „Es saß in meinem Gemüsebeet“, erzählte die Frau, „Plötzlich entdeckte ich zwei Kaninchen, eins konnte ich fangen, aber das andere entwich mir und hoppelte in den Nachbargarten“ Sie überreichte Nanni an Emily, die das Kaninchen in seinen Stall zurücksetzte und dieses Mal sehr darauf achtete, dass die Tür richtig geschlossen war. „Jetzt fehlt mir noch ein Kaninchen“, sagte Emily zu der Frau, „Können Sie mir zeigen, wo Sie es zuletzt gesehen haben“ „Ich helfe dir gerne dabei dein Kaninchen zu suchen“, sagte die Frau und nahm Emily mit in ihren eigenen Garten. „Hier haben die kleinen Racker gesessen, aber das schwarze Kaninchen ist leider in den Garten von Herrn Radke gehüpft“, die Frau deutete auf einen angeknabberten Salatkopf. Herr Radke, ein kleiner dürrer Mann mit grauen Haaren, erlaubte Emily und der alten Frau, das Kaninchen in seinem Garten zu suchen. „Vorhin hat ein schwarz-weißes Kaninchen in meinem Buchsbaum gesessen“, sagte der Mann, „Ob es da noch sitzt, weiß ich nicht“ Emily und die Frau gingen sofort nachschauen, aber von einem Kaninchen war Fehlanzeige. Sie suchten weiter, Herr Radke half ihnen sogar dabei. Plötzlich erkannte Herr Radke Spuren. „Könnten das Spuren von einem Kaninchen sein?“, fragte er. „Auf alle Fälle“, sagte die alte Frau mit leuchtenden Augen, „Das Kaninchen sitzt jetzt bestimmt in Herrn Schmitz Garten“ Zu dritt kletterten sie über den Zaun zu dem Nachbargarten, allerdings war Herr Schmitz nicht da. Seelenruhig graste Hanni auf dem Rasen und ließ sich nicht stören. „Das ist es!“, rief Emily aufgeregt. „Nur mit der Ruhe“, meinte die alte Frau gelassen, „Kaninchen fängt man Ruhe und Geduld, aber nicht mit Hast“ In Zeitlupentempo schlich sie sich an, sie berührte das Kaninchen sanft und hob es hoch. „Wie machen Sie das?“, rief Emily begeistert. „Man muss nur eine gewisse Geduld haben und Ruhe ausstrahlen, dann fangen die Tiere an dir zu vertrauen“, sagte sie und lächelte. Sie gab Emily das Kaninchen. „Bald wird es spüren, dass du ihm nichts Böses willst und dann wird es von selbst zahm“, meinte die Frau.

 

  Anschließend wurde Emily von der Frau zu einer Tasse Tee eingeladen. „Ich heiße übrigens Josephine Vilnius“, stellte sich die alte Frau vor, „Du kannst mich aber Josie nennen“ „Ich heiße Emily Heuberger, bin dreizehn Jahre alt und gehe in die sechste Klasse des Altstädtischen Gymnasiums“, stellte sich Emily ebenfalls vor. „Früher war ich ebenfalls auf dem Altstädtischen Gymnasium“, erzählte Josephine begeistert, „Mir hat die Schulzeit da sehr gut gefallen, besonders Französisch, Turnen und Literatur mochte ich sehr gerne und zudem hatte ich dort sehr nette Lehrer“ Emily ließ den Honig in Zeitlupe von ihrem Löffel in den Tee tropfen. „Bist du nicht immer mit deinen Freundinnen hier?“, fragte Josephine. „Nicht immer, nur wenn wir uns verabredet haben“, meinte Emily, „Es kommt täglich Jemand und schaut nach den Kaninchen“ „Ein Glück, dass wir die kleinen Ausreißer wieder haben“, sagte Josephine schmunzelnd. „Die Kaninchen können nicht ausgerissen sein“, überlegte Emily laut, „Wir haben gestern die Tür vom Kaninchenstall ganz fest zu gemacht und heute morgen stand sie offen“ „Ich habe gestern Abend drei Jungen gesehen, die gestern vor deinem Garten standen. Da es halbdunkel war konnte ich sie nicht genau sehen. Ich meine, einer hatte rote Haare und trug ein Baseballkappy, aber die anderen beiden Jungen habe nicht so deutlich sehen können“ „Piranhas!“, zischte Emily. „Piranhas? Ich habe noch nie Piranhas an Land gesehen“, lachte Josephine. „Nein, das ist eine Gruppe von Jungs, die uns seit Jahren ärgert“, erklärte Emily ihrer neuen Freundin, „Vor wenigen Monaten haben wir mit ein paar Freundinnen eine Gegenbande gegründet, um den Jungs ihre Grenzen aufzuzeigen“ „Wie viele Mitglieder seid ihr?“, fragte Josephine neugierig, „Ihr scheint wohl eine ziemlich große Bande zu sein“

„Momentan sind wir zu siebt“, erwiderte Emily. Josephine nickte und goss sich erneut Tee ein. „Ich kenne Banden noch zu gut aus meiner eigenen Kindheit“, begann sie zu erzählen, „Damals waren die Jungs auch schon ziemlich frech und haben uns Mädchen Streiche gespielt. Meine Freundinnen Anne, Jaqueline, Gisela, Frieda, Hanna und ich haben den Jungen ebenfalls tolle Streiche gespielt. Aber ab einem bestimmten Alter hört das auf, dann fangen sich Mädchen an für die Jungen zu interessieren, das war bei uns auch so und so verliebte ich mich in den größten Angeber überhaupt. Das war damals Friedrich, der von seinen Freunden nur Fritz genannt wurde“ „Ich würde sagen, die Jungen und wir sind eher Gegner als Freunde“, sagte Emily. „Aber nicht mehr lange, bis der Funken der Liebe überspringt“, prophezeite ihr Josephine und Emily zuckte nur nichts wissend mit den Achseln.

 

 Zuhause fuhr Emily ihren Rechner hoch und loggte sich in den Chat ein. Um viertel nach zehn war noch kein einziger online. „Schlafen sie alle so lange“, dachte Emily genervt. Groß und deutlich schrieb sie „Bandenalarm!!!“, aber es antwortete ihr sehr lange niemand. Zwischendurch las Emily in einem Buch weiter und knabberte ein paar Salzstangen. Plötzlich hörte sie den Signalton des Chats, es muss ihr jemand geantwortet haben.

 

Tomboy_1999: Bandenalarm, was ist passiert???

Black Beauty: Heute Morgen waren die Kaninchen verschwunden, weil die Tür vom Stall offen stand und unsere Beete wurden verwüstet. Mit einer älteren Frau, die Josephine heißt, habe ich Hanni eingefangen. Zuvor hatte sie Nanni gefangen und zu mir gebracht. Außerdem hat sie mir erzählt, dass sie am Vorabend drei Jungen gesehen hat, einer von ihnen hatte rote Haare und trug ein Kappy

Tomboy_1999: Das kann nur Jannis gewesen sein und ihm traue ich sowas zu. Die Fischköppe können sich auf etwas gefasst machen!!! Wie haben sie herausgefunden, wo unser Wohnwagen? Das schockiert mich richtig!!! :O

Black Beauty: Keine Ahnung! Ich weiß es auch nicht? Gestern hat uns meine Cousine nachspioniert, aber ich glaube nicht, dass sie Piranhas kennt. Daher wird sie niemals im Leben den Jungs verraten haben, wo unser Bandenquartier ist. Wollen wir uns nachher im Wohnwagen treffen?

Tomboy_1999: Sry, das geht nicht L

Black Beauty: Wieso nicht?

Tomboy: Meine Schwester und ich haben einen Auftritt mit dem Kinderorchester in der Musikschule und danach gehen wir mit unseren Großeltern essen

Black Beauty: Schade L

Tomboy: Mach dir nichts draus, wir sehen uns Montag in der Schule und dann können wir Rachepläne schmieden J

Rote Zora 2000: Eine Rache wird es definitiv geben! Zum Glück sind die Kaninchen wieder da J

Tomboy_1999: Mir fallen spontan einige lustige Streiche ein

Rote Zora 2000: Halt! Wir müssen erst herausfinden, wo die Jungs ihr Bandenquartier haben

Black Beauty: Wir werden die Jungs aushorchen müssen

Tomboy_1999: Aber wenn wir alle zusammen den Jungs hinterher spionieren fällt es zu sehr auf

Rote Zora: Ich tue es freiwillig alleine!

Adler Auge: Super, Carrot ist unsere Spionin vom Dienst J

Tigermaus: Wenn ihr eine Rache plant, bin ich dabei J

Tomboy_1999: Ich muss jetzt off gehen, das Konzert findet um halb zwölf statt

Tigermaus: Dann wünsche ich euch viel Glück für das Konzert

Tomboy_1999: Vielen Dank <3 Ich habe trotzdem etwas Angst, dass ich meinen Part nicht hinkriege. Seitdem wir die Bande haben, übe ich nicht mehr so viel Querflöte

Adler Auge: Du wirst das schaffen! Viel Glück, Matti!

Tomboy_1999: Bedankt! Tot ziens J

Adler Auge: Ich habe zuhause noch eine Stinkbombe gefunden!

Tigermaus: Super, Ich werde ein paar Farbbomben machen

Rote Zora 2000: Viel lustiger finde ich es, wenn wir die Tür von ihren Bandenquartier pink anmalen :D

Adler Auge: Seit nicht zu voreilig, wir müssen erst ihr richtiges Bandenquartier herausfinden und dann planen wir alles gemeinsam, aber meine Stinkbombe setzen wir 100% ein. Hahaha, das wird ein Spaß xD

Tigermaus: Ich muss weg, Mama hat mich gerufen. Ciao, macht euch noch einen schönen Samstag

Rote Zora 2000: Bye, ich muss los, ich habe mich mit Aylin zum Bummeln in der Stadt verabredet

Black Beauty: Richte ihr aus, was heute Morgen passiert ist!

Rote Zora 2000: Klar tue ich das J

Adler Auge: Ich gehe jetzt auch, ich habe noch gar nichts gegessen und jetzt kriege ich gerade richtig Hunger

Black Beauty: Ciao

 

 

Die Rote Sieben lässt sich etwas einfallen

Emily, Lotta, Kiki und Aylin lehnten sich gegen eine Mauer auf dem Schulhof und schauten den Jungs zu, wie sie entweder Fußball oder Basketball spielten. Nur die beiden Zwillinge und Fianna fehlten. „Ich bin gespannt, ob Fianna uns nachher etwas zu erzählen hat“, sagte Aylin und biss von ihrem Brötchen ab. „Sie muss unbedingt bald Neuigkeiten bringen“, meinte Kiki, „Sie spioniert schon seit Tagen den Jungen hinterher und bis jetzt hat sie keine interessanten Details über ihr Bandenquartier erfahren“ „Die Rache wird langsam dringend“, sagte Lotta und kniff ihre Augen zusammen, „Ich hätte schon ein paar Ideen, was für mit ihrem Bandenquartier anstellen können“ „Psst!“, machten ihre Freundinnen nur, „Das regeln wir nach der Schule und nicht mitten auf dem Schulhof“ Fianna schlich unauffällig Jannis, Sven und Lennart hinterher. „Jungs, nach dem Training treffen wir uns bei mir in der Garage, dort wollen wir unser eigenes Bandequartier einrichten“, sagte Sven zu seinen Kumpels. „Ich komme später“, meinte Jannis, „Ich muss meine kleine Schwester Kim zu ihrer Freundin Sarah bringen“ „Kannst du nicht deinen älteren Bruder fragen, ob er ausnahmsweise auf sie aufpasst“, fragte Sven leicht genervt. Jannis schüttelte den Kopf, „Das geht nicht, er hat heute Nachmittag Probetraining bei einer Auswahlmannschaft im Basketball“ 

 

In Fiannas Kopf machte es klick. Aha, es war wohl Kim, die das Bandenquartier verraten hat! Wer sollte es sonst gewesen sein, der den Jungs das hätte sagen können. Zumindest hatte sie einige interessante Neuigkeiten, die sie gleich ihren Freundinnen erzählen konnte.

 Aufgeregt rannte sie zu ihrer Bande zurück. Doch bevor alle Neuigkeiten aus ihr heraussprudeln wollten, bremste sie Kiki. „Halt, bewahre es erstmal für dich. Wir wissen nicht, ob jemand mithört. Du weißt, der Schulhof hat viele Ohren. Schreibe es nachher in den Chat, okay?!“, hielt sie Fianna zurück. „Die Jungs können uns aber nicht hören!“, meinte Emily, „Sie stehen am anderen Ende des Schulhofes. Wir müssten ziemlich laut schreien, damit sie uns hören“ „Schau mal, wer gerade nah an uns vorbei läuft“, wisperte Lotta und zeigte auf Ömer, der unauffällig alleine an den Freundinnen vorbei lief. Emily schwieg wieder. „Sie haben wohl auch einen Spion“, flüsterte Aylin Fianna ins Ohr. Nach der Schule setzte sich Emily an ihren PC und loggte sich in den Chat ein. Dort war schon eine wilde Diskussion im Gange.

 

Black Beauty: Was ist hier los?

Adler Auge: Fianna hat uns gerade mitgeteilt, dass die Piranhas haben ihr Bandenquartier in Svens Garage haben. Jetzt wissen wir wo wir den Anschlag verüben müssen!!!

Black Beauty: Juhuu jetzt gibt es für sie eins auf die Mütze

Rote Zora 2000: Lotta ist gerade dabei Farbbomben zu bauen!

Adler Auge: Alle mal aufgepasst! Morgen ist Freitag, dort treffen wir uns nach dem Reiten bei mir und nicht im Wohnwagen. Wir werden bei mir übernachten und um Mitternacht den Plan in die Tat umsetzen. Sven wohnt ein paar Minuten von mir entfernt, dort kommen wir sehr schnell hin!

Black Beauty: Super, ich komme auf alle Fälle J

Rote Zora 2000: Schade, wir fahren über das Wochenende weg L

Sweet Bear: Meine Eltern verbieten es mir, dass ich bei Kiki übernachten darf, das ist richtig mies :’(

Adler Auge: Das tut mir leid für dich L

Kleine Elfe: Ich wünsche euch viel Glück, leider haben Mathilda und ich seit Montag einen schweren grippalen Infekt und müssen im Bett bleiben. Langsam regt das total auf, aber meine Schwester hustet noch viel doller als ich und hatte heute Morgen fast 40 Grad Fieber. Schade, dass wir nicht dabei sein können :( LG Micky

Adler Auge: Schade ist es wirklich, dass ihr beide nicht mitmachen könnt, wobei deine Schwester doch so viele gute Ideen hat.

Rote Zora 2000: Ist deine Schwester auch online?

Kleine Elfe: Nein, sie schläft gerade und ich gleich gehe ich auch wieder ins Bett. Ich fühle mich total schlecht und mir ist schwindelig. Hoffentlich können wir montags wieder zur Schule gehen.

Adler Auge: Ich wünsche euch gute Besserung

Rote Zora 2000: Ich auch!

Black Beauty: Von mir auch gute Besserung <3 Werdet schnell gesund, ich vermisse euch schon

Kleine Elfe: Thanks <3 Ciao

Tigermaus: Kiki, ich darf morgen zu dir kommen, ich habe gerade meine Mutter gefragt. Sollen wir um 18.00 Uhr bei dir sein? J

Adler Auge: Okay, dann können wir vorher Abendbrot essen. Lotta hast du deine Farbbomben fertig?

Tigermaus: Ay Ay Käpt’n, ich habe alles soweit vorbereitet.

Adler Auge: Gut, ich bringe ein paar Mehlwürmer und eine Stinkbombe mit. Abgemacht, Mädels?

Tigermaus: Abgemacht!

Black Beauty: Abgemacht!

 

Am Freitagabend saßen die Mädchen in Kikis Zimmer, futterten Knabberzeug in sich rein und versuchten mit Fernsehgucken die Zeit zu vertreiben. Plötzlich klopfte Kikis Mutter an die Tür. „Wollt ihr noch etwas zu essen haben?“, fragte sie. „Nein, Danke! Wir haben vorhin genug zum Abendbrot gegessen“, lehnte Kiki ab. „Gute Nacht!“, wünschte Kikis Mutter den Freundinnen und schloss die Tür hinter sich. Es war mittlerweile fünf Minuten vor elf. „Wir müssen sehr leise sein, wenn wir nach draußen gehen“, flüsterte Kiki, „In unserer Wohnung hört man beinahe alles und meine große Schwester bekommt sowieso alles mit“ Emily und Lotta nickten. „Wann könnten wir überhaupt nach draußen gehen?“, fragte Lotta. „Warte ab, bis Mitternacht vorbei ist“, wisperte Kiki.

Bis Mitternacht schlugen die Mädchen mit Kartenspielen die Zeit tot. Aber sie hörten immer noch den Fernseher aus Mirjas Zimmer. „Meine blöde Schwester soll nicht so lange Fernsehen gucken“, zischte Kiki, „Sonst können wir nicht los gehen“ „Das ist unsere Chance!“, wisperte Lotta, „Wenn ihr Fernseher so laut ist, hört sie uns nicht, wie wir das Haus verlassen“ „Genau, guter Einfall, Lotta!“, raunte Emily.

 

Zehn Minuten nach Mitternacht schlichen sich die drei Freundinnen aus dem Haus. Draußen war es im Vergleich zum Tag ziemlich kalt. Lotta zog ihre Jacke enger und trippelte auf der Stelle. „Dahinten ist das Haus, indem Sven wohnt“, flüsterte Kiki und zeigte in die Richtung. Der Fußweg dauerte höchstens nur fünf Minuten. Vorsichtshalber schauten die Mädchen, ob in Svens Haus noch Licht brannte und versteckten sich in einem Busch. Erst als der Mond hinter einer Wolke verschwand und Kiki ihnen ein Zeichen gab, kamen sie leise hervor und schlichen zur Garage. Ein jämmerliches Schild, auf dem in schwarz „Die Piranhas“ stand, hing über dem Garagentor. Voller Wucht warf Lotta ihre erste Farbbombe gegen das Tor und dann noch eine zweite. Rosa und rote Farbe lief am Tor herunter. Kiki und Emily schlichen um die Ecke. Emily zeigte auf ein kleines Fenster, welches auf kipp stand. Langsam holte Kiki ihre Stinkbombe hervor. „Das wird ein tolles Dufterlebnis für die Idioten“, wisperte sie und warf die Stinkbombe durch das offene Fenster. Schnell verbreitete sich der Geruch von verfaulten Eiern, bei dem auch Kiki und Emily übel wurde. Kiki warf zudem eine handvoll Mehlwürmer durch das Fenster in den Clubraum und winkte Lotta zu sich hinüber. „Gib mir eine Farbbombe“, zischte sie. Lotta kam wie eine Katze um die Ecke geschlichen. „Was ist los?“, flüsterte sie ängstlich. „Ich brauche eine deiner tollen Farbbomben!“, raunte sie. Wenig später zerplatzte eine pinke Farbbombe am Fenster. „Die Fischköpfe werden sich richtig über ihr neues Bandenquartier freuen!“, grinste Emily. Die Mädchen mussten ihr Lachen unterdrücken, schnell machten sie sich davon. Erst als sie weit genug entfernt waren, trauten sie sich richtig zu lachen. „Geschafft!“, Kiki hielt ihren Freundinnen ihre Hand zum Einschlagen hin.

 

Zuhause loggte sich Kiki in den Chat ein, um so schnell wie möglich mitzuteilen, dass ihr Racheplan in Erfüllung gegen ist, außer Aylin war niemand online. „Wisst ihr, ich finde es doch ganz gut, dass wir nur zu dritt waren“, sagte Lotta plötzlich, „So sind wir wenigstens unauffällig geblieben, zu siebt wären wir bestimmt mehr aufgefallen“ „Wahrscheinlich hätten Annemieke und Matilda einen ihrer berühmten Lachanfälle gekriegt“, meinte Emily, „Und Aylin hätte in der Dunkelheit panische Angst gehabt“, fügte Kiki hinzu, „Außerdem bin ich gespannt, was die Fischköppe Montag erzählen werden“ Emily gähnte lange und schlief wenig später in ihren normalen Klamotten im Sessel ein.

 

Rache hoch zwei

Die Piranhas witterten einen Verdacht, wer ihr Bandenquartier verwüstet haben könnte. „Das waren garantiert die Schnitten“, sagte Jannis zu seinen Freunden, der die Mädchen neuerdings so nannte. „Das wird die Rote Sieben gewesen sein!“, vermutete Lennart, „Ich kenne niemanden, der mit uns so auf Kriegsfuß steht wie sie“ „Wir werden ihnen keine Sekunde Ruhe mehr gönnen, wenn wir in der Schule sind. Wer unser Bandenquartier zerstört, muss strafen!“, erzürnte sich Ömer. „Ich freue mich wenn ihre Gesichter vor Wut rot werden, genauso wie ihre Bandenfarbe“, fügte Sven mit einem sarkastischen Unterton hinzu. „Wir werden sie so lange triezen, bis sie zugeben haben, dass sie es waren. Erst wenn sie nach Vergebung flehen, lassen wir sie in Ruhe“, meinte Max.

 Den ganzen Montagvormittag ließen die Piranhas kein gutes Haar an den Mädchen. Max schnitt im Kunstunterricht ein kleines Stück von Mathildas Locken ab, dafür goss sie ihm ihren Tee über den Pullover. Die Kunstlehrerin gab beiden eine saftige Strafarbeit auf. „Die Jungs sind so schlimm wie nie!“, beschwerte sich Aylin. „Urwaldzwerg, Urwaldzwerg, Urwaldzwerg!“, riefen Ömer und Lennart abwechselnd und streckten ihr frech die Zunge raus. „Warum bist du aus deinem Zwergenland ausgebüchst? Ich fürchte, wir müssen dich dorthin zurückbringen, weil du dahin gehörst“, spottete Michael. Tränen begannen der sensiblen Aylin über das Gesicht zu laufen. Emily und Annemieke legten ihr die Arme um die Schultern. „Mach dir nichts aus diesen Fischköppen!“, riet ihr Mathilda. „Aber ich hasse es trotzdem, wenn ich wegen meiner Größe verspottet werde“, schniefte Aylin. Fianna wirbelte ihre Jacke über ihren Kopf und stülpte sie Michael von hinten über den Kopf. „Hurra, ich habe einen stinkenden Fischkopp im Netz“, rief sie ihren Freundinnen zu. „Bravo! Du zeigst endlich, wie man Fischköppe fängt, Carrot!“, triumphierte Lotta. Wütend befreite sich Michael aus Fiannas Jacke und schlug in ihre Richtung, aber das rothaarige Mädchen wich ihm schnell aus.

 

 In Religion saß Emily ausgerechnet neben Jannis. Leider war keine ihrer Freundinnen in diesem Kurs, da sie parallel entweder Werte und Normen, Philosophie oder Evangelische Religion hatten. So saß Emily mit ein paar Piranhas alleine in Katholischer Religion. „Fette Kuh! In deinen ollen Pferdepullis siehst du abartig hässlich aus!“, flüsterte er mehrmals unauffällig in ihre Richtung. Hinter ihr begannen Jolanda und Saskia zu kichern. Offenbar fanden die beiden Klassenzicken es sehr lustig, dass Jannis am laufenden Band beleidigte. Jolanda wieherte und wieder begannen Saskia, Jannis und Lennart zu lachen. „Pferdetussi! Sag mal, hast du dir heute als Verpflegung Pferdeäpfel mitgebracht?“, raunte Jannis. In Emily sträubte es sich, als sie den Finger heben wollte, um sich bei Frau Maris zu beschweren und ließ es bleiben. Jannis konnte sie so viel ärgern wie er wollte, aber Petzen war nun mal das Allerletzte. Lieber vermied sie es in seine Richtung und ganz besonders in seine fiesen grünen Augen zu schauen. „Jannis, sagst du noch ein einziges Wort, stehst du vor der Tür und kannst eine Strafarbeit machen!“, ermahnte ihn Frau Maris. „Ich habe doch gar nichts gemacht!“, unschuldig riss er die Augen weit auf. „Das war’s jetzt! Pack deine Sachen und setz dich draußen an den Tisch. Dort erarbeitest du dir ein kleines Referat zum Thema Hinduismus“, schimpfte die Religionslehrerin und ließ ihre Faust auf den Tisch sausen. Es hatte gewirkt, nun hatte Emily wieder ihre Ruhe und konnte zugleich ein Grinsen nicht unterdrücken. „Der Kerl hat es echt verdient aus dem Unterricht zu fliegen“, meinte Veronika aus der 6b, die links neben ihr saß. Emily nickte nur und richtete ihre Augen auf den Text im Schulbuch. Die Doppelstunde konnte nicht schnell genug vorbei gehen und sie sehnte ihre Freundinnen herbei, ohne die sie sich niemals so hilflos und verlassen fühlte.

 

„Voll gemein, dass die dich wegen deines Pferdeticks lustig machen! Dabei sind Pferde toll und ich selbst voltigiere und reite auch seit Jahren. Diese blöden Jungs und Zicken haben gar keine Ahnung“, sagte Veronika kurz nachdem es zur Pause geklingelte hatte. „Guck mal, ich zeige dir ein paar Fotos!“, holte sie ihr IPhone aus ihrer Jackentasche. Das Mädchen mit den taillenlangen blonden Haaren redete ununterbrochen weiter. „Wo reitest du eigentlich?“, schaffte es Emily sie in einer kurzen Redepause zu fragen. „Beim Freudenburger Reitclub“, erwiderte Veronika und schilderte darauf, wie schön es dort sei. Emily war der Freudenburger Reitclub nur eher mittelmäßig sympathisch, da der Reitstall hypermodern war, den Reitsport dominierte und in gewisser Weise auch in Konkurrenz zu dem Hof von ihrer Tante stand. Außerdem waren viele der Reiter ziemlich arrogant und hielten sich für etwas Besseres. Leicht genervt blieb Emily stehen. „Komm schon, was ist denn? Lass uns in die Cafeteria gehen. Ich gebe dir auch eine Milchschnitte aus oder auch zwei wenn du magst. Weißt du, ich finde dich wirklich mega nett und wir beiden könnten auch echt gut befreundet sein“, hakte sich Veronika bei ihr unter. Wieder nickte Emily, obwohl ihr Veronikas Aufdringlichkeit ihr gerade zuwider war. „Einmal vier Milchschnitten bitte“, bestellte Veronika, als sie an der Reihe waren. „Hier, da hast du zwei!“, drückte sie Emily zwei Milchschnitten in die Hand. „Nein danke, eine reicht mir! Ich versuche gerade ein paar Kilo abzunehmen“, erwiderte Emily und gab ihr eine Milchschnitte wieder.

 

„Aber wirklich dick bist du nicht dick“, fand Veronika. „Du musst dir auch nicht ständig irgendwelche Schmähungen anhören“, entgegnete ihr Emily. „Weißt du, ich finde es fies, dass es einige Jungs und Mädchen gibt, die dich hänseln. Dabei bist du doch voll okay und mega nett“, sagte ihre Kurskameradin. „Ich weiß“, nickte Emily. „Sag mal, erzähl doch auch etwas aus deinem Reitstall!“, stieß Veronika sie an. Die beiden Mädchen unterhielten sich über das Reiten und ihre Lieblingspferde, ehe Veronika aufsah und ihre beiden Klassenkameraden Maja und Carolin begrüßte. Nun kam Kiki in die Cafeteria gelaufen. „Wo warst du, Lily?“, fragte sie leicht außer Puste. „Ich bin nur kurz mit Veronika in die Cafeteria gegangen“, antwortete sie. „Komm!“, zog Kiki sie vom Stuhl hoch und verließ mit ihr die Cafeteria. „Ihr wisst doch, dass wir uns immer jede Pause an der alten Eiche draußen treffen“, raunte Kiki leicht gereizt und fuhr fort, „Sag mal, diese merkwürdige Veronika ist wirklich eine lästige Klette oder? Ich habe schon mehrmals gesehen, wie die einfach nicht von dir ablassen konnte. Mir würde es stinken, wenn mich jemand so zutextet“ „Ja, sie ist eine Quasselstrippe, aber eigentlich ganz nett“, meinte Emily. „Findest du nicht, dass sie ein bisschen zu sehr Schickimicki rum läuft? Sie trägt richtig teuere Marken. Bestimmt ist sie so eine oberflächliche Modetussi“, merkte Kiki an. „Soweit ich weiß, ist ihr Vater Arzt und ihre Mutter arbeitet bei einem Magazin. Bestimmt haben sie viel Geld“, sagte Emily. „Hm, Leute mit Geld beeindrucken mich nicht wirklich. Mich nervt eher ihre Arroganz“, verdrehte Kiki die Augen. „Aber Lottas Eltern scheinen auch gut Geld zu haben“, hielt ihr Emily dagegen. „Aber Lotta lässt sich das nicht so anmerken und außerdem bezahlt sie Aylins Reitstunden von ihrem sehr üppigen Taschengeld“, meinte ihre Freundin.

 

 „Diesen Idioten, sie haben meinen Block unter den Wasserhahn gehalten!“, mit einem hochroten Kopf stürmte Lotta auf die beiden Freundinnen zu. „Hä, wer?“, horchte Emily auf. „Na, Max und Sven gerade kurz nach dem Ende der Religionsstunde“, schnaubte Lotta. „Langsam nehmen Angriffe echt überhand“, gab Kiki einen bissigen Kommentar ab, „Entweder sind wir eine echte Bande und wehren uns oder wir sind Weicheier und gehen petzen“ „Oh nein, ich fasse es nicht“, fassungslos gesellte sich Fianna dazu, „Die Jungs machen gemeinsam Jagd auf unsere Zwillinge!“ „Was?“, fragten Kiki und Lotta aus einem Mund. „Seht doch!“, Fianna zeigte in die Richtung des Cafeteriaeinganges. „Kaasköppe, Kaasköppe, Kaasköppe! Kaasköppe stinken nach Schimmelkäse!“, grölten die Piranhas und schubsten die Zwillinge vor sich her. „Klappe halten, ihr Fischköppe!“, Annemieke drehte sich zornig zu ihren Verfolgern um. „Was sind Holländer mit einem Spieß im Rücken?“, lachte Jannis. „Ein Käsehäppchen!“, grölte Sven. „Wie viele Holländer braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?“, setzte Lennart einen Witz oben drauf. „Sechs, einen der die Glühbirne hält und fünf Personen, die den Wohnwagen drehen“, rief Sven. „Haha, eure Witze über Holländer sind so witzig, dass ich mich eigenhändig auf den Mond schießen kann“, genervt verdrehte Mathilda die Augen. „Wie nennt man bei der Oranje Elfmeterschießen? Vorbei schießen!“, spottete Jannis ungerührt weiter. „Halt die Klappe, bei der letzten WM sind die Niederlande weiter gekommen als Deutschland“, wehrte sich Mathilda. Erst als die Pausenaufsicht kam, verzogen sich die Jungs wieder und ließen die Zwillinge in Ruhe.

 

 Dienstag in der Sportstunde platzte die Bombe, Herr Loh ließ die Klasse Fußball spielen. „Fußball ist Sport und Sport ist Mord. Das heißt, Fußball ist auch Mord“, ächzte Emily. „Ich laufe keinen Schritt extra, um mir wegen so einem blöden Ball die Zunge aus dem Leib zu rennen“, stur blieb Aylin in der Mitte der Halle stehen, während sich die Teams aufstellten. Auch die anderen Bandenmitglieder waren nicht sehr begeistert, dass sie mit den Jungs Fußball spielen sollten. Die Zwillinge rührten sich nur, wenn der Ball ihnen vor die Füße fiel und Lotta postierte sich direkt vor das gegnerische Tor. Nur Fianna spielte richtig aktiv mit, sie jagte den Jungs öfter den Ball ab und schoss das erste Tor. „Bravo, Fianna!“, jubelten ihre Freundinnen. Ömer, Sven und Jannis, die in der gegnerischen Mannschaft spielten warfen sich gegenseitig böse Blicke zu. „Ömer, du Schnecke, du darfst doch den Karottenkopf nicht einfach so bis zum Tor durchlassen!“, regte sich Jannis auf. Ömer schnaubte und konzentrierte sich wieder auf das Spiel. Schon wieder tauchte Fianna wieder vor ihm auf, von dieser rothaarigen Bestie wollte er sich nicht noch einmal blamieren. Er setzte zu einer Grätsche an, aber Fianna gab den Ball schnell an Mathilda ab. Sie gewann einen Zweikampf gegen Sven und passte zu ihrer Schwester. „Micky, schieß den dicken Michi ab!“, sagte sie zu ihr. Ömer sah das Unheil auf sich zukommen, er sprintete in den Strafraum. „Diese Göre darf kein Tor schießen!“, sagte er leise zu sich selber. Annemieke ließ Emily und Sina stehen und hatte nur noch den Torwart vor sich. Ömer sah sich gezwungen, sie umzugrätschen.

 

Annemieke fiel hin, aber sie versuchte sich mit schmerzverzehrten Gesicht wieder aufzustehen. Noch bevor das passieren konnte, trat er ihr heftig auf ihre linke Hand. „Aaahh!“, ein spitzer Schrei des Mädchens hallte durch die gesamte Turnhalle. „Spinnst du? Wie kannst du nur sowas mit meiner Schwester machen?“, brüllte Mathilda und rannte rot vor Wut auf Ömer zu. Sie holte aus und verpasste ihm eine heftige Ohrfeige. Ömer ließ sich die Ohrfeige nicht gefallen und stürzte sich auf seine Feindin. Herr Loh blies energisch in seine Trillerpfeife. „Aufhören und zwar sofort!“, rief er und rannte zu den beiden Streithähnen hin. „Mathilda und Ömer, ihr geht euch beide umziehen und setzt euch für den Rest der Stunde auf die Bank“, bestimmte er. „Haben Sie nicht gesehen, dass Ömer Annemieke absichtlich auf die Hand getreten ist?“, mischte sich Emily ein. „Ich habe nur gesehen, wie sich Mathilda und Ömer geprügelt haben“, wiederholte Herr Loh. „Ich habe nur meine Schwester verteidigen wollen, nachdem Ömer ihr auf die Hand getreten ist“, versuchte Mathilda dem Sportlehrer mit Wuttränen in den Augen zu erklären. „Mitschüler zu ohrfeigen ist auch keine Lösung“, sagte Herr Loh„Ömer, ich werde diesen Vorfall dem Schulleiter und eurer Klassenlehrerin melden“

 Lotta und Emily kümmerten sich um die am Boden liegende Annemieke. „So eine Frechheit von Ömer!“, schimpfte Emily. „Kannst du deine Hand noch bewegen, Micky?“, fragte Lotta. Annemieke biss sich auf ihre Lippe und versuchte jeden einzelnen Finger zu bewegen. „Ja, aber ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie weh das tut“, schluchzte sie. Nachdem Herr Loh Mathilda und Ömer zum Umziehen geschickt hatte, kümmerte er sich um Annemieke. „Annemieke, bist du ernsthaft verletzt?“, fragte er und versuchte ihr aufzuhelfen. „Es geht so“, sagte sie mit erstickter Stimme und schniefte. „Ich sehe, dass deine linke Hand angeschwollen ist, halte sie am besten einige Minuten unter kühles Wasser“, sagte er, „Falls du noch mehr Schmerzen haben solltest, sagst du bescheid“ Annemieke nickte und wurde von Emily in die Umkleidekabine begleitet.

 

Sie hielt fünf Minuten lang die Hand unter kaltes Wasser. „Tut es immer noch so weh?“, Mathilda kam hineingestürmt. „Ja und es wird nicht besser“, wimmerte Annemieke. „Ich gehe Herrn Loh bescheid sagen“, antwortete ihre Schwester. Emily legte ihrer Freundin tröstend die Hand auf die Schulter. Sie war ebenfalls wütend und entsetzt. „Wäre Ömer vierzehn, könnte man ihn wegen Körperverletzung anzeigen. Leider wird er erst nächstes Jahr, sagte sie. Wenig später kam Mathilda zurück. „Herr Loh sagt, dass du mit deiner Verletzung zum Arzt gehen sollst und ich habe gerade Papa angerufen. Er kommt gleich und wird dich zum Arzt fahren“ „Oh Matti, ich finde es so schlimm, dass du auch einen Klassenbucheintrag bekommen hast, dabei wolltest du mich bloß verteidigen“, schniefte Annemieke und wischte sich mit deinem Taschentuch über die feuchten Augen. „Ich habe wohl etwas zu heftig reagiert und mir ist die Hand ausgerutscht. Leider!“, meinte ihre Schwester, „Ich muss jetzt gehen, Herr Loh hat mich und Ömer ins Klassenzimmer geschickt, damit wir den Streit in allen Details aufschreiben. Gute Besserung, Schwestermaus!“ Annemieke schaffte es einen kurzen Moment zu lächeln, obwohl die Schmerzen immer noch ziemlich heftig waren. „Ich hoffe, deine Hand ist nicht gebrochen“, sagte Emily und half ihrer besten Freundin beim Umziehen.  

 

 Am Donnerstag sollte ein Talentspäher beim Fußballtraining erscheinen, die Piranhas waren schon sehr aufgeregt. „Ich habe gehört, der Talentscout sucht sich ca. drei bis fünf Spieler von uns für die U14-Stadtauswahl“, sagte Max, während er und seine Freunde in der ersten großen Pause neue Fußballtricks übten. „Ich werde auf jeden Fall dabei sein“, stolz klopfte sich Jannis auf die Brust. „Das meinst du!“, Sven kniff die Augen zusammen. Wenn es darum ging wer besser Fußball spielte, waren Sven und Jannis knallharte Konkurrenten. Einige Meter abseits stand die Rote Sieben, Annemiekes Hand ging es zwar besser, aber trotzdem musste sie einen Streckverband tragen. Zum Glück war es nicht ihre rechte Hand. Emily fing plötzlich spitzbübisch zu grinsen. „Was ist denn? Lily, warum grinst du so?“, fragte Fianna irritiert. „Mir ist gerade eingefallen, dass die Jungs in der siebten Stunde Fußballtraining haben. Nach der sechsten Stunde haben wir sowieso fünfundzwanzig Minuten Mittagspause und da gehen fast alle Schüler in die Cafeteria zum Mittagessen. Das wäre die perfekte Gelegenheit für einen Streich“, schlug Emily vor. „Bravo Lily, seit wann trittst du in Mattis Fußstapfen?“, lobte Kiki. „Wie sieht dein Plan konkret aus?“, fragte Aylin. „Ich weiß, wo die Jungs ihre Fußballsachen haben, in einem Nebenraum der Turnhalle. Wir könnten den Jungs die Schnürsenkel von den Fußballschuhen entfernen“, Emilys Augen funkelten vor Elan. „Nicht nur das, wir müssen ihnen Regenwürmer in die Schuhe legen und die Luft aus den Bällen herauslassen“, Mathilda grinste schelmisch. „Und ihre Shorts müssen geduscht werden, damit sie nicht mehr so stinken“, meldete sich Lotta zu Wort.

 

 Nach der sechsten Stunde schlüpften Emily und ihre Freundinnen schnell aus dem Klassenraum. Sie gingen durch den Hintereingang in die Turnhalle und von dort aus schlichen sie in den Nebenraum, in dem die Sachen der Fußballmannschaft lagen. Aylin und Fianna hielten auf dem Gang Wache, während ihre Freundinnen sich ans Werk machten. Die Zwillinge fädelten zuerst die Schnürsenkel aus den Schuhen der Piranhas und ließen sie in ihren Hosentaschen verschwinden. Lotta und Kiki sammelten die Hosen, Stutzen und Trikot der Piranhas und packten sie unter die Dusche. Emily versuchte aus jedem Ball soviel Luft wie möglich raus zu lassen. Mathilda legte kleine Käfer, die sie vorhin auf dem Schulhof gesammelt hatte, in ihre Schuhe. „Jetzt wird der Spaß perfekt werden“, schmunzelte Annemieke, „Das wird die gerechte Rache sein, für das was sie uns angetan haben“ „Vor allem was sie dir angetan haben, Ömer hätte dir locker die Hand brechen können“, wandte sich Emily an Annemieke. „Psst, schnell! Es kommt jemand!“, Fianna und Aylin kamen aufgeregt in den Raum geschlichen. Leise wie die Indianer huschten die Mädchen durch den Gang nach draußen. „Puh, geschafft!“, erleichtert wischte sich Lotta über die Stirn. „Jetzt müssen wir uns nur noch hinter dem Busch beim Sportplatz verstecken und das Training kann beginnen“, meinte Kiki zufrieden.

 

 Zu siebt hockten sich die Mädchen hinter eine Hecke. Zuerst liefen sich Christian, Paul und Simon auf der Tartanbahn warm. Wenig später kam der Trainer mit dem Talentspäher. Finn, Thomas und Patrick wurden ebenfalls zum Warmlaufen geschickt. Bald war die Mannschaft fast komplett, nur die Piranhas fehlten komplett. „Wo sind Jannis und seine Freunde? Sie sind jetzt schon fast zehn Minuten zu spät“, fragte der Trainer streng, „Nils, geh in die Umkleidekabine zurück und hole diese Jungs, wenn du sie siehst“ Wenig später standen die Piranhas in normaler Straßenkleidung vor ihrem Trainer. „Warum seid ihr nicht umgezogen und habt keine Bälle mitgebracht?“, schimpfte der Trainer mit Jannis, „Heute ist der Talentscout da und nun haben wir schon eine Viertelstunde vertrödelt“ „Sorry, die Bälle waren alle platt und unsere Trikots sind nass“, sagte Jannis kleinlaut, „Außerdem lagen Käfer in unseren Schuhen und wir haben keine Schnürsenkel mehr“ „Papperlapapp, rede nicht so ein dummes Zeug!“, fuhr der Trainer ihm wütend über den Mund. „Kommen Sie doch mit, dann kann ich es Ihnen beweisen“, Jannis kam langsam in Erklärungsnot. Schnaubend folgte der Trainer ihm. Gerade als sie gegangen waren, schleppten Michael und Max zwei volle Ballnetze heran. „Uff, das hat ganz schön lange gedauert, bis wir die Bälle wieder aufgepumpt hatten“, stöhnte Michael. „Es wäre schön, wir euch wenigstens mit den Bällen warm spielen könntet. Jetzt sind inzwischen mehr als zwanzig Minuten vorbei“, meinte der Talentscout. Einige Zeit später erschienen der Trainer und Jannis wieder. „Ich lasse euch in Straßenkleidung nicht mittrainieren, so könnt ihr nach Hause gehen“, stauchte der Trainer die sechs Jungs zusammen, „Das nächste Mal, braucht ihr auch nicht beim Training erscheinen, da wir wegen euch eine halbe Stunde Verspätung haben“ Mit hängenden Köpfen schlichen die Piranhas davon. „Die Talentsichtung ist nun für sie gelaufen“, grinste Mathilda schelmisch und ihre Zwillingsschwester kicherte hinter vorgehaltener Hand. Emily riss eine Tüte Gummibärchen raus und ließ sie einmal rum gehen.

 

 

Eine lästige Klette

„Endlich Pause!“, streckte sich Lotta auf ihrem Stuhl und holte einen Apfel aus ihrer Tasche. „Ich kann mir gar nichts mehr merken. Ich kann das Wort „Römisches Reich“ langsam wirklich nicht mehr hören“, stöhnte Mathilda. „Die letzte Stunde vor der Klassenarbeit ist wirklich voll gestopft bis zum Abwinken und hoffentlich kriegen nach der Arbeit endlich ein neues Thema“, bestätige Annemieke, die eine Butterbrotdose mit zwei Käsebroten öffnete und ein Brot an ihren Zwilling abtrat. „Komm, dann lass uns wenigstens eine Viertelstunde frische Luft tanken!“, blies Kiki zum Aufbruch und hängte sich bei Lotta ein. „Ich muss eben aufs Klo“, rief Emily ihr hinterher. „ Moment, ich komm mit“, folgte Aylin ihr. „Hallo Emily, schön dich zu sehen!“, trafen sie Veronika auf der Mädchentoilette. „Ich warte einen Moment und dann können wir zusammen auf den Schulhof gehen“ „Von mir aus können wir einen kurze Runde drehen, aber wir wollten uns eigentlich mit unseren Freundinnen treffen“, erwiderte Emily nach einem kurzen Moment. Sie war allerdings skeptisch, wie die Anderen reagierten, wenn sie auch noch Veronika im Schlepptau hatten. „Wer bist du noch mal? Ich kenne dich zwar vom Sehen, aber ich weiß nicht, wie du heißt. Ich bin übrigens Veronika aus der 6b“, wandte sich Veronika an Aylin. „Hi, nett dich kennen zu lernen, ich bin Aylin und gehe mit Emily zusammen in die Klasse“, gab Aylin ihr die Hand. „Ja, das weiß ich. Schließlich sehe ich euch mit euren Freundinnen ständig zusammen durch die Schule gehen. Ich warte eben vor der Tür auf euch“, lächelte Veronika freundlich zurück. „Das ist okay, wir kommen gleich“, antwortete ihr Aylin freundlich.

                                       

„Hey, wollt ihr ein paar Schokobons?“, hielt ihnen Veronika die volle Tüte hin. „Vielen Dank!“, lächelte Aylin. „Ach, nimm dir gleich zwei drei oder auch vier“, sagte Veronika, „Und was ist mit dir, Emily?“ „Einen nehme ich mir wohl“, griff Emily in die Tüte. „Aber eigentlich müsste ich es einmal schaffen auf diesen ganzen Süßkram zu verzichten“, dachte sie insgeheim. Auf einmal ertönten bei ihrem und bei Aylins Handy zeitgleich zwei unterschiedliche SMS-Töne. Aylin hatte ihr kleines pinkes Klapphandy schon in der Hand, während Emily ihres noch aus der Schultasche kramte. „Wer war das?“, fragte Veronika neugierig. „Das war nur Kiki, die wissen will, wo wir bleiben“, antwortete Aylin. „Genau, sie hat uns beiden die gleiche Nachricht geschickt“, fügte Emily hinzu. „Diese Kiki kenne ich glaube ich auch oder? Heißt sie nicht eigentlich Kristin, Kristiane oder Kristina? Das ist doch die mit den ellenlangen schwarzen Zöpfen, die immer eine handvoll Freundinnen um sich herum hat“, wollte Veronika wissen. „Ja, das ist Kristina“, nickte Aylin. „Kommt Mädels, wir gehen jetzt zu den Anderen, sonst fängt Kiki gleich an zu meckern“, legte Emily einen Zahn zu. „Gartenzwerg, Gartenzwerg, Gartenzwerg!“, hörten sie hinter sich auf der Treppe jemanden mit fipsiger Stimme singen. „Jannis!“, mit bitterbösem Blick drehte sich Emily um. „Aylin Gartenzwerg, du brauchst mit deinen zwölf Jahren immer noch einen Kindersitz  im Auto oder?“, spottete Max. „Seid doch nicht so gemein!“, sagte Aylin verletzt, der um ein Haar die Tränen in die Augen schossen. „Seid doch nicht so gemein!“, äffte Jannis sie nach. „Jetzt reicht es aber! Denkt ihr, dass ihr cool seid, nur weil ihr andere beleidigt und mobbt?“, knöpfte sich Veronika die beiden Jungs vor. „Genau, unten in der Pausenhalle steht eine Pausenaufsicht“, fügte Emily hinzu. „Ok, wir wollen ja gar nichts gesagt haben“, war sich Jannis offenbar keiner Schuld bewusst. „Feiglinge!“, murmelte Veronika wütend und flüsterte Aylin etwas ins Ohr, die ihr ein dankbares Lächeln zuwarf. „Kommt, wir gehen jetzt nach draußen zu euren Freundinnen“, stieß sie die schwere Glastür auf.

 

Wie immer standen die Bandenmädchen in der Nähe der alten Eiche. Lotta zeigte Annemieke und Fianna ein Handyvideo, während Mathilda und Kiki kichernd einen Fechtkampf mit ihren Plastikflaschen ausfochten. „Meine Güte, ihr habt aber zehn Jahrhunderte gebraucht!“, verharrte Kiki mitten in der Bewegung und kassierte dabei noch einen Schlag auf den Unterarm. „Wir mussten uns auch erst gegen ein paar dumme Jungs aus eurer Klasse verteidigen, die Aylin gehänselt haben“, antwortete Veronika prompt und stellte sich in den Mittelpunkt der Mädchengruppe, als wäre sie schon mehrere Jahre eine von ihnen. „Hey, wer bist du?“, fragte Annemieke überrascht. „Ich bin Veronika aus der 6b und seit kurzem Emilys Freundin“, stellte sie sich vor, „Ihr seid Emilys Freundinnen, wie ich sehe und wie ich weiß reitet ihr auch“ „Ja, das tun wir“, antwortete Lotta leicht reserviert. „Cool, dann werde ich mit euch allen sicherlich prima klarkommen“, fuhr Veronika enthusiastisch fort. „Wir wissen schon eins über dich und zwar dass du pausenlos am plappern bist“, rutschte es prompt aus Mathilda heraus, die nicht davor scheute ihre Meinung lautstark kundzutun. „Na und? Ich gebe zu, dass ich gerne rede. Aber ist das in euren Augen verkehrt?“, klang das Mädchen aus der Parallelklasse leicht beleidigt. „Naja, merkst du vielleicht, dass du gerade das Wort an dich reist?“, räusperte sich Fianna. „Oh, das passiert mir schnell“, entschuldigte sich Veronika, „Bitte macht mich darauf aufmerksam, wenn das zu extrem wird“ „Veronika und ich sitzen in Reli nebeneinander und haben schon öfter miteinander geredet. Sie kann den Fischköppen ziemlich Paroli bieten und gerade hat sie Jannis und Max in die Schranken verwiesen, als sie Aylin geärgert haben“, klärte Emily ihre Freundinnen auf.

 

Veronika erzählte den Mädchen, dass sie eine genauso große Leidenschaft für Pferde hatte wie sie und versuchte in ein Gespräch über das Reiten zu verwickeln. Ohne Vorwarnung hakte sich Kiki bei Fianna und Lotta unter, drehte sich um und zehrte sie weg. Die Zwillinge folgten ihnen händehaltend. „Was ist mit denen los? Wieso hauen die einfach ab und lassen uns einfach so stehen?“, wunderte sich Veronika. „Ich glaube, die Pause ist gleich rum“, sagte Emily. „Okay, dann gehe ich auch! Oh verdammt, wir schreiben gleich eine Klassenarbeit und da darf ich nicht zu spät kommen. Bis bald!“, verabschiedete sie sich von den beiden Mädchen. „Viel Glück!“, wünschte ihr Emily. „Veronika und unsere Freundinnen passen wirklich überhaupt nicht zusammen“, bemerkte Aylin, als sie zu zweit waren. „Hast du gesehen, wie eifersüchtig Kiki reagiert hat? Zwar hat sie keine blöde Bemerkung gemacht, aber ihre Blicke sagten einfach alles“ „Ja, sie sah wirklich nicht begeistert aus“, nickte ihre Freundin, „Und Matti rollte die ganze Zeit mit den Augen“ „Ich finde Veronika eigentlich gar nicht mal so verkehrt, aber sie sollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen“, sagte Emily dazu. „Nett ist sie schon, aber sie drängt sich richtig derbe bei uns auf“, fand Aylin. „Warum schleppst du diese Veronika ausgerechnet zu uns?“, empfing Kiki Emily vor dem Klassenraum mit leicht verärgerter Miene. „Wir konnten nichts tun, sie hängte sich einfach an uns und wir wollten sich auch nicht wegschicken, nach dem Motto: Hau ab!“, entschuldigte sich Emily. „Oh doch, das hätte ich ihr schon gesagt. Dieses komische Mädel ist uns sogar noch ein Stück gefolgt“, erhob Mathilda ihre Stimme, „Wahrscheinlich rennt sie uns absichtlich hinterher“ „Hat sie in ihrer eigenen Klasse keine Freundinnen?“, fragte Annemieke. „Sie hat mindestens drei Mädchen, mit denen sie ab und zu rumhängt“, erwiderte Emily, „Aber ich glaube, dass sie mit denen nicht so ganz dicke ist“

 

Plötzlich traf Lotta ein Papierflieger am Kopf. „Hey, was soll das?“, schimpfte sie. Die Mädchen entdeckten die Piranhas zwischen ihren Mitschülern, die feixend in Deckung gingen. Mathilda bückte sich, hob das Flugobjekt auf und entfaltete den Zettel. „Schaut mal, die Fischköppe wollen uns drohen“, raunte sie leise, als die sieben Freundinnen ihre Köpfe zusammen steckten und las die Botschaft im Flüsterton vor, „Wir wissen ganz genau, wer das mit den nassen Fußballsachen und den widerlichen Insekten war, ihr dummen Ziegen. Sollen wir eure Kaninchen noch einmal freilassen? Dann hoffen wir aber, dass sie dann ihr Leben lang in Freiheit leben“ „Lasst uns die Blödmänner einfach ignorieren. Ich habe noch diesen ganzen Kabbeleien einfach keinen Bock mehr, dass wir uns ständig mit den Hohlköpfen weiter streiten“, zischte Aylin. „Aber wir müssen die Situation schon im Auge behalten und uns verteidigen, wenn wir attackiert werden“, äußerte sich Kiki dazu und sagte, „Gegebenfalls müssen wir eine Überwachungskamera für den Schrebergarten anschaffen“ „Oder uns einen Wachhund zulegen“, kam Fianna die Idee. „Erstmal abwarten, ob das eventuell eine leere Drohung ist“, sagte Emily, „Ich werde Papa beauftragen, dass er uns demnächst einen höheren Zaun setzt, damit die Jungs nicht mehr so einfach drüber klettern können“

 

Am übernächsten Morgen traf Emily Veronika vor dem schwarzen Brett an, als sie einen Blick auf den Vetretungsplan werfen wollte. „Guten Morgen! Alles klar bei dir?“, hielt sie direkt auf Emily zu. „Hi!“, grüßte Emily freundlich zurück. „Voll blöde, dass die erst ganz plötzlich ankündigen, dass die erste Stunde ausfällt! Ich hätte noch länger schlafen können oder wenigstens meine Chemiemappe zum Lernen mitbringen können“, regte sich das Mädchen aus ihrer Parallelklasse auf. „Tja, ist halt blöd gelaufen“, zuckte Emily mit den Achseln. „He Emily!“, plötzlich wurde sie von hinten angetickt. Hinter ihr standen die Zwillinge. „Hey, ihr beiden!“, begrüßte Veronika sie, „Wie heißt ihr noch einmal? Sorry, ich vergesse so schnell die Namen, weil eure Clique so groß ist“ „Hanni und Nanni“, antwortete Mathilda prompt. „Das ist nicht euer Ernst. So heißt ihr nie und nimmer“, schüttelte Veronika den Kopf. „Lass dich nicht veräppeln von den denen, Veronika. Das sind Annemieke und Mathilda“, wandte sich Emily an das Mädchen aus der Parallelklasse. „Genau, ich bin Annemieke“, lächelte Annemieke zuckersüß. „Hä ne, ich bin Annemieke“ – „Ähm ne, das bin immer noch ich“ – „Ja okay, dann bin ich Mathilda“ – „Ne, dann musst du Annemieke sein“ – „War ich nicht Annemieke?“ Kichernd wandten sich die beiden Schwestern von ihr ab. Veronika wusste zuerst nicht, was sie sagen sollte und meinte schließlich, „Ihr glaubt wohl, dass ihr das ganz witzig findet“ „So sind die Zwillinge halt. Sie treiben gerne mit jedermann ihre Scherze“, sagte Emily. „Merkt man“, erwiderte Veronika. „Emily, komm jetzt, es klingelt gleich“, hakte Mathilda sie unter und zog sie in Richtung Treppe. „Hä, es klingelt doch erst in zwölf Minuten!“, wunderte sich Emily.

 

Mitten auf der Treppe holten sie Kiki ein. „Ich habe euch gerade zusammen mit der Nervensäge gesehen“, sagte diese zu ihren Freundinnen. „Ja, die fängt einen regelrecht ab und an Emily klebt sie schon kurz nach den Osterferien. In den letzten drei Pausen drängte sie sich auch konsequent bei uns auf“, beklagte sich Annemieke halb, die ihren Arm unter den von Kiki schob. „Irgendwann müssen wir der zu verstehen geben, dass wir die Schnauze voll haben, dass die uns hinterher dackelt“, drehte sich Mathilda zu ihnen um. „Es ist auch mega respektlos, dass sie sich einfach so zwischen uns drängen will, obwohl sie schon gemerkt haben müsste, dass wir allein wegen ihrer Aufdringlichkeit nicht mit ihr befreundet sein wollen. Eigentlich will ich nicht fies werden, aber auf andere Art und Weise versteht es Veronika nicht“, erzürnte sich Kiki. „Vielleicht gehen wir in der nächsten Pause einfach mal in die Schülerbücherei, bestimmt rechnet Veronika nicht damit, dass wir dort sind“, schlug Annemieke vor. „Eigentlich bin ich lieber draußen, aber es ist trotzdem viel versprechend, wenn man nicht von Veronika oder den Piranhas genervt wird“, nickte Mathilda. „Trotzdem müssen wir auf dem Weg zur Bücherei aufpassen, dass sie uns nicht sieht“, gab Annemieke zu bedenken.

 

 

 

Megazoff und miese Beschimpfungen

Vor ihren Klassenraum trafen sie Lotta und Fianna. „Rate mal, wer uns vorhin angeplappert hat?“, eröffnete Fianna ihren Freundinnen. „Bestimmt Veronika oder? Das ist keine schwere Frage“, verengten sich Kikis dunklen Augen zu einem messerscharfen Blick. „In der Tat, war das eine einfache Frage“, bestätigte Fianna, „Wusstet ihr, dass Veronika seit diesem Halbjahr auch in der Theatergruppe ist und auch schon ziemlich am rumnerven ist. Sie ist zu blöde, um ihre Texte auswendig zu lernen und will nur mitmachen, damit sie am Ende Applaus ernten kann. Zum Glück kenne ich Sophie aus der 5c und mit ihr zusammen gehe ich diesem aufmerksamkeitssüchtigen Geschöpf aus dem Weg“ „Aufmerksamkeitssüchtiges Geschöpf – Du sagst es!“, nickte Annemieke. „Wir müssen der es mal so richtig zeigen und zwar auf direktem Wege!“, schlug sich Mathilda mit der geballten Faust in die Handfläche ihrer anderen Hand. „Es reicht schon, wenn wir sie konsequent ignorieren“, wandte Lotta ein, „So haben meine Clique und ich es an meiner alten Schule auch gemacht. Man geht einfach der Nervensäge aus dem Weg und über kurz oder lang verliert sie das Interesse an uns. „Kommt schon, so schlimm ist sie eigentlich gar nicht!“, mischte sich Aylin ein, „Nur sie passt nicht so richtig zu unserer Bande“ „Du meinst wohl gar nicht!“, zischte Kiki, „Ihr seid immer noch meine Freundinnen und nicht die von Veronika“ „Aber natürlich, Kiki“, umarmte Mathilda ihre beste Freundin innig und zusammen wirbelten sie kurz umher.

 

„Alberner Hühnerhaufen!“, baute sich Jolanda vor ihnen auf. „Ihr denkt, dass ihr die Größten seid, nur weil ihr andere schlecht macht und über sie lästert?“ „Was geht dich das an? Musst du dich immer in die Angelegenheit anderer einmischen?“, fuhr Annemieke sie an. „Uns ist schon länger aufgefallen, dass ihr andere ausgrenzt“, gesellte sich Tanja zu ihrer Freundin. „Was heißt ausgrenzen?“, erwiderte Lotta, „Wir müssen doch wohl nicht mit jedem befreundet sein oder? Ihr seid doch auch nicht mit jedermann befreundet oder?“ „Sagt mal, wie blöde seid ihr eigentlich, dass ihr nicht versteht, worauf ich hinaus will. Ich will doch nur sagen, dass man wenigstens in der Schule auch mal mit anderen Personen reden kann als mit seinen besten Freunden und sie nicht gleich komplett abweisend behandeln muss. Werdet endlich mal ein bisschen reifer und lernt euch in der Schule zu benehmen“, rollte Tanja mit den Augen. „Nur weil du zwei Jahre älter bist, musst du nicht denken, dass du klüger und reifer bist“, raunzte Kiki sie an. „Eben! Ihr seid doch aber keinen Deut besser“, schritt Mathilda auf sie zu, „Ihr hänselt mich und meine Schwester, weil wir euch nicht stylisch genug gekleidet sind und Aylin, weil sie so klein ist“ „Im Gegensatz zu euch ist Veronika echt nicht verkehrt“, sagte Saskia.

 

„Im Grunde ist sie das auch nicht, immerhin hat sie mich einmal vor Jannis und Max in Schutz genommen“, stellte sich Aylin plötzlich gegen ihre Bande. Nun waren ihre Freundinnen einen Moment lang sprachlos. „Aylin!“, fauchte Kiki ungehalten. „Wieso, ich habe doch nur gesagt was ich denke“, verteidigte sich ihre Freundin. „Ich finde, was ihr hier manchmal treibt, grenzt an Mobbing“, fand Neele. „Ihr mobbt doch selber andere Mitschüler!“, warf Kiki ihr an den Kopf, „Was sich meine Freundinnen anhören mussten von euch ist unter aller Sau! Ihr benehmt euch ständig, wie die schlimmsten Zicken und euch müsste man irgendwo hin abfeuern, wo ihr nicht mehr so schnell wieder kommen könntet, ihr dummen Gänse“ „Man müsste dich auch auf eine einsame Insel schießen, du Zigeunerin!“, rutschte es ungehalten aus Saskia heraus. „Ziiigeeeeuuuurin! Ziiiiiigeeeuuunerin!“, wie aus dem Nichts unterstützten Lennart und Max das Tussenkomitee. „Habt ihr eine eklige und stinkende Zigeunerin gesehen, die sich nie wäscht?“, spottete Jannis, der sich zu seinen Freunden gesellte. „Igitt, die breiten sich wie eine Insektenplage über unseren Kontinent aus!“, rümpfte Jolanda die Nase und Neele machte ein Geräusch, als müsste sie sich übergeben. „Hat wer ein Anti-Insektenspray?“, setzte Jannis scherzend drauf, der den Arm um Jolanda legte. Wütend bahnte sich Kiki den Weg aus der Schülermenge, schubste dabei ein paar Mitschüler zur Seite und sprintete davon. „Saskia, Lennart, Jolanda, Jannis und Max – Eure Namen werde ich dem Schulleiter melden, weil ihr es gewagt habt meine Freundin rassistisch zu beleidigen“, schrie Fianna, deren Gesicht fast so rot war wie ihre Haare. „Was seid ihr nur für Widerlinge, die andere wegen ihrer Herkunft beleidigen“, trat Mathilda vor. „Kiki kann nichts dafür, dass ihr Vater ein Sinti ist“, trat Lotta vor. „Wir haben das nur zu ihr gesagt, weil sie ihre eigene Medizin zu schmecken bekommen soll“, rechtfertigte sich Saskia. „Trotzdem habt ihr sie schwer rassistisch beleidigt und das war schlimmer, als das was sie zu euch gesagt hat“, warf Emily ihr vor. „Warum hat sich Kiki nicht selbst gewehrt?“, fragte Jolanda verwundert. „Vielleicht weil ihre Herkunft ein sehr sensibles Thema für sie ist“, raunzte Annemieke sie an.  

 

Als sich Emily kurz umdrehte, bekam sie einen kleinen Schrecken. Mit einem verheulten Gesicht stand Veronika hinter ihnen. „Bist du uns nachgeschlichen?“, giftete Lotta sie an. Veronika atmete stockend ein, wobei ihr wieder Tränen über das Gesicht liefen. „Ich habe mitgekriegt, wie ihr über mich gelästert habt und das ihr mich mobben wollt, um mich loszuwerden“, schniefte sie. „Du hast unsere Frage nicht beantwortet: Warum stehst du direkt hinter uns?“, fuhr Mathilda sie barsch an. „Mein Klassenzimmer ist auch auf diesem Flur, falls ihr das noch nicht bemerkt haben sollt. Ich wollte schauen, ob ein paar Mitschüler vor dem Raum warten und dann habe ich gehört, wie ihr meinen Namen erwähnt habt und bin ich auf der Stelle stehen geblieben. Es ist schon das zweite Gymnasium, wo mich niemand bei sich in der Clique haben will, weil ich angeblich nerve und arrogant bin“, weinte sie. „Na super, wegen euch Bandenziegen weint sie jetzt. Habt ihr wirklich toll gemacht!“, funkelte Jolanda die Roten Sieberinnen böse an. „Wenn die anderen dich ablehnen, dann komm doch zu uns in der Pause“, nahm Tanja Veronika in den Arm. „Weißt du was, sei doch unsere Freundin“, streichelte ihr Saskia über den Arm. „Ihr Bandengirls könnt euch von Jolanda und co eine Scheibe abschneiden, immerhin sind sie sozial“, sagte Jannis zu den Roten Siebenerinnen. „Wisst ihr, was überhaupt nicht sozial ist, dass niemand nach Kiki geguckt hat“, warf Annemieke ein. „Da hat Micky vollkommen Recht“, pflichtete Emily ihrer besten Freundin bei, „Wir müssen sie jetzt suchen gehen“

 

Emily und die Zwillinge mussten nicht lange suchen, Kiki stand am Waschbecken der Mädchentoilette wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und rubbelte es mit einem Papiertuch trocken. „Kiki!“, tippte Annemieke sie von hinten an. Die drei Mädchen erschraken sich, als sie ihr puterrotes Gesicht und ihre verquollenen Augen sahen. „Sag mal, weinst du etwa?“, fragte Mathilda fassungslos. „Nein und jetzt geht bitte wieder! Ich will in Ruhe gelassen werden, bis ich wieder normal bin“, blaffte Kiki. „Hey, ganz ruhig! Atme fünfmal tief ein und wieder aus“, legte ihr Annemieke sanft die Hand auf den Unterarm. Kiki tat wie ihr gesagt wurde und entspannte sich, wobei sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel löste, die sie schnell wegwischte. „Ja, ich habe geweint“, gab sie zu, „Ich habe sonst ein dickes Fell, aber nicht bei meiner Herkunft, da bin ich wirklich sensibel“ „Das kann ich so gut verstehen“, umarmte Mathilda sie, „Du bist wirklich eine einzigartige und tolle Freundin. Deine Herkunft spielt keine Rolle, was für ein Mensch du bist“ „Und wir haben den Idioten gerade ordentlich die Meinung gegeigt“, fügte Emily hinzu.

 

„Ihr müsst euch vorstellen, dass mein Vater in Rumänien keine Zukunft hatte. Als er nach Deutschland kam, hatte er wenigstens einen Führerschein und konnte als Taxifahrer arbeiten und so hat er auch Mama kennen gelernt. Er hat sich langsam hochgearbeitet und eine Ausbildung zum Elektriker absolviert. Glaubt mir, wie sehr er diskriminiert wurde und wie lange er sich bewerben musste, damit er endlich einen Job fand und das nur wegen seiner Herkunft. Sinti und Roma hatten es noch nie leicht, ganz besonders im dritten Reich, wo sie verfolgt und ermordet wurden. Noch immer werden Sinti und Roma in vielen Ländern an den Rand gedrängt und so behandelt, als wären sie nichts wert. Dabei sind wir doch Menschen, wie wir alle“, geriet Kikis Stimme wieder ins Weinerliche. Rasch drehte sie den Wasserhahn auf und hielt ihr Gesicht drunter. „Komm Kiki, wir müssen jetzt zum Unterricht“, klopfte ihr Mathilda auf die Schulter. „Nein, wartet noch einen Moment und will nicht, dass jeder sieht, dass ich mir wegen einer Beleidigung die Augen aus dem Kopf geheult habe“, wollte Kiki noch einen Moment auf der Mädchentoilette bleiben. „Das war nicht nur irgendeine Beleidigung, das war eine schwere ethnische und menschenverachtende Beleidigung und an deiner Stelle hätte ich auch geheult“, meinte Annemieke. „Genau, ich hätte die Piranhas und die Zicken am liebsten dafür verprügelt“, sagte Mathilda.

 

„Guten Morgen! Setzt euch auf eure Plätze, ich weiß schon, was vorgefallen ist“, begrüßte ihre Deutschlehrerin Emily und ihre Freundinnen, als sie zehn Minuten zu spät zum Unterricht erschienen. Zu Emilys Überraschung saß Veronika auf einem Stuhl neben dem Lehrerpult. „Diejenigen, die Kristina rassistisch beleidigt haben, wurden von mir zum Schulleiter geschickt. Generell sehe ich einen nötigen Grund über Mobbing, Ausgrenzung und auch über Rassismus zu reden. Es kann nicht sein, dass ich hier weinende und total verstörte Schüler antreffe. Die Schule ist ein Ort, wo sich unterschiedlichste Menschen begegnen und natürlich gibt es auch Konflikte. Wegen der hohen Diversität eckt man auch öfter an, das passiert sogar unter uns Lehrern. Aber ist gibt gewisse Regeln der Toleranz und des Respekts. Wir können hier nicht tolerieren, dass Schüler gemobbt, rassistisch beschimpft oder gar Gewalt erleben. Ihr seid nicht nur hier, um Lehrinhalte aus Schulbüchern zu lernen, sondern auch um als Menschen zu reifen und Konflikte angemessen zu lösen“, hielt Frau Brand der Klasse einen Vortrag. Nun richtete sie sich an die Bandenmädchen, „Wisst ihr, wie sehr ihr Veronika mit eurem Verhalten verletzt habt? Ich sehe ebenfalls, dass ihr zu siebt eine enge Freundschaftsgruppe bildet, aber es nicht hinzunehmen, dass ihr andere Mitschüler auf dem Gelände der Schule mobbt und ausgrenzt“ „Frau Brand, Sie wissen gar nicht, wie sehr sie sich aufgedrängt hat“, zeigte Lotta auf. „Nun muss ich mich mal wehren“, hob Veronika an, „Ich habe mich lediglich in der Pause dazugestellt und wollte mich mit euch unterhalten, aber ihr habt mich bereits beim ersten Mal abblitzen lassen“ „Ich habe eurer Klassenlehrerin und der Beratungslehrerin bereits gerade eben bescheid gesagt. Es wird in der siebten und achten Stunde ein Interventionsgespräch mit allen Beteiligten geben“, teilte ihnen Frau Brand mit.

 

Es wurde ein langer Tag, der sich wie ein Kaugummi in die Länge zog. Um drei Uhr war das Interventionsgespräch beendet. „Toll, jetzt können Micky und ich das Hockeytraining sausen lassen, weil es in einer halben Stunde anfängt“, ärgerte sich Mathilda. „Toll, dass Kiki, Emily, Fianna, die Zwillinge und ich zu einer Stunde Hausmeisterdienst verdonnert wurden“, schnaubte Lotta, „Wenigstens haben diejenigen, die Kiki beschimpft haben, einen Tadel bekommen und ihre Eltern wurden informiert und immerhin ist Aylin verschont geblieben, weil Jolanda gerade für sie in die Bresche gesprungen ist“ „Und wir müssen alle einen ein- bis zweiseitigen Bericht dazu schreiben, weil wir angeblich alle eine Person gemobbt haben“, kickte Fianna eine leere Müllermilchflasche beiseite. „In gewisser Weise haben wir das auch, Mädels, und wir dürfen uns das nicht noch einmal zu Schulden kommen lassen“, mahnte Aylin ihre Freundinnen. „Wie sollen wir anderen klarmachen, dass wir eine Bande sind?“, seufzte Kiki, „Stellt euch vor, wir würden noch zehn weitere Mädchen aufnehmen“ „Aber dürfen wir nicht auch außerhalb der Bande Freunde haben?“, wandte Emily ein, „Ich habe noch zwei Freundinnen, die ihr nicht kennt und die wohnen bei meiner Oma in der Straße“ „Na klar, jeder hat doch noch andere Freunde oder?“, warf Lotta in die Runde, worauf alle einstimmig nickten.

 

„Hey, seht mal!“, deutet Lotta auf ein buntes Plakat an der Feuerschutztür, „Bis nächsten Freitag kann man sich für den Talentwettbewerb des Schulfestes anmelden“ „Na und? Ich wüsste nicht, wofür ich mich anmelden sollte“, zuckte Mathilda desinteressiert mit den Schultern. „Aber Aylin kann mitmachen, sie kann grandios gut singen“, schlug Fianna vor. „Ich! Warum ich?“, machte Aylin entsetzt einen Satz nach hinten. „Das ist wirklich keine schlechte Idee. Du kannst wirklich toll singen und wir waren alle hin und weg, als du im Musikunterricht „Moonlightshadows“ gesungen hast“, munterte Kiki sie auf und tätschelte ihre Schulter. „Los trau dich!“, begann Emily sie zu kitzeln. „Ahhhh, ja äh nein“, quietschte Aylin kichernd. „Aber du hast ja noch ein paar Tage Zeit um dich zu entscheiden“, zwinkerte ihr Lotta zu, „Aber ein wenig enttäuscht wären wir, wenn du dem eine Absage erteilst“ „Könnt ihr mich eine Nacht darüber schlafen lassen?“, sah Aylin ihre Freundinnen leicht überrumpelt an und fragte, „Was kriege ich denn von euch, wenn ich mich doch dafür anmelde?“ „Hm, vielleicht meine alte Gerte“, stellte ihr Lotta in Aussicht.

 

 

 

Eine neue Nachricht für Emily und gelungenes Schulfest

„Ihr habt doch sicher schon mitbekommen, dass am siebzehnten Mai unser Schulfest stattfindet“, sagte Herr Heinen zu der Klasse, „Eventuell können wir gemeinsam als Klasse ein englisches Volkslied vortragen“ „Nein, Herr Heinen, das ist viel zu viel“, rief ein Junge, „Ich muss die ganze Zeit einen Stand für die Chemie-AG betreuen“ In der ganzen Klasse brach ein großer Protest los. „Wir haben gleich zwei Tanzauftritte“, mischte sich Jolanda ein, „Das wird einfach zu viel“ „Wir haben zudem eine Stunde lang Schautraining beim Fußball“, meinten einige Jungen, zu denen auch die Piranhas gehörten. „Überlegt es euch noch mal. Wir werden es nächste Woche entscheiden, ob wir ein Lied vortragen oder nicht“, gab sich der junge Englischlehrer beinahe geschlagen. Fianna ärgerte sich, dass das kommende Schulfest ausgerechnet auf ihren Geburtstag fiel. Leider musste sie an diesem Tag anwesend sein, da sie mit der Theater-AG ein paar Sketche aufführte. „Wir haben Donnerstag wegen Christi Himmelfahrt frei“, munterte Lotta sie nach der Englischstunde auf, „Wir können donnerstags feiern“ „Das ist keine schlechte Idee“, rief Kiki begeistert, „Wir könnten grillen und im Wohnwagen übernachten“ „Carrot, bitte mach das“, bettelte Mathilda, „Das wäre so fantastisch!“ „Ich werde erstmal meine Eltern fragen müssen“, sagte Fianna, „Ich weiß nicht, was sie davon halten“ „Bettel so lange, bis sie in Ohnmacht fallen“, rief Mathilda und zog an Fiannas Arm. „Ich weiß es noch nicht! Ich kann es noch nicht sagen und bitte höre auf zu betteln!“, erwiderte Fianna genervt und riss sich von Mathilda los.

 

Während der Rest der Roten Sieben über Fiannas Geburtstag diskutierten, stand Emily abseits von ihnen und las sich die SMS ihres Vaters bereits zum dritten Mal durch. Die Worte brannten sich immer mehr und mehr in ihren Kopf ein.

„Liebe Emily, ich weiß nicht, ob dich diese Nachricht dich eher schockt oder freut. Im Sommer werden Patricia und ich heiraten. Einen genauen Termin haben wir noch nicht, aber die Hochzeit soll stattfinden, wenn du Ferien hast. Demnächst wollen wir in unser neues Haus am Stadtrand ziehen. Pat und ich haben noch viel gemeinsam vor, ideal wären Kinder und ein Hund. Selbstverständlich informiere ich auch deine Mom über die bevorstehende Hochzeit. Wenn sie mag, kann sie ebenfalls kommen, sie ist auch eingeladen. Pat und ich freuen uns sehr, wenn ihr kommt. Wir müssen uns bald wieder treffen! Lg Grüße dein Paps“, schrieb er.

 

Emily wusste nicht, ob sie sich freuen wollte. Vor nicht einmal einem Vierteljahr ließ er Emily und Mutter im Stich. Oft kam er tagelang nicht nach Hause oder meldete sich. Mit Schaudern erinnerte sie sich an die Abende, an denen sie weinend im Bett lag und sich große Sorgen um Vater machte. Zuerst dachten ihre Mutter und sie, dass er verunglückt sei, doch es kam kein Anruf von der Polizei. Als ihre Mutter an einem Abend die Polizei anrief, stand ihr Vater plötzlich in der Wohnung. Anstatt sich zu freuen, fing sie an ihn anzuschreien und mit Vorwürfen zu bombardieren. „Ich habe sowieso eine Neue“, sagte ihr Vater seelenruhig. Emily traf das wie einen Schlag in den Magen, mit tränenüberströmtem Gesicht schloss sie sich in ihrem Zimmer ein und hoffte, dass der nächste Tag ein besserer sein würde. Im Februar als Emily auf Klassenfahrt war, erfuhr sie, dass ihre Eltern sich trennten und ihr Vater zu seiner neuen Flamme zog. Es dauerte fast zwei Monate bis sie ihrem Vater ansatzweise verzeihen konnte, obwohl sie ihm immer noch nicht ganz verziehen hatte. Ihre Mutter litt immer noch am Liebeskummer und heulte sich abends vor dem Fernseher die Augen aus dem Kopf. Emily war sich ziemlich sicher, dass ihre Mutter zu hundert Prozent die Einladung zur Hochzeit ablehnen wird, schließlich musste es ziemlich heftig schmerzen den Ex-Ehemann mit seiner neuen Braut zu sehen. Aus Loyalität zu ihrer Mutter war sich sie nicht sicher, ob sie die Hochzeit doch absagen wollte. „Was ist los mit dir? Du siehst so nachdenklich“, riss Annemieke Emily aus den Gedanken. „Nichts besonderes, nur eine langweilige SMS“, murmelte sie gleichgültig. Zwar war Annemieke ihre beste Freundin, doch im Moment konnte sie nicht einmal mit ihr darüber sprechen. Trotzdem hätte Emily am liebsten aus Dankbarkeit, dass ihre Freundin sich nach ihrer Gefühlslage erkundigte, fest umarmt.

 

Die Wochen bis zum Schulfest gingen schnell rum. Es wurden ziemlich viele Arbeiten geschrieben und viel Zeit für Bandenaktivitäten blieb auch nicht mehr. Schnell hatten die Freundinnen das Gefühl, dass sie über ihren Schularbeiten verrotteten. Selbst Annemieke, die sonst sehr fleißig war und viel arbeitete, stöhnte genervt und legte resigniert ihr Schulbuch zur Seite. Emily wurde von ihrer Deutschlehrerin dazu überredet ihr Gedicht vor der ganzen Schule beim Schulfest vorzutragen. Jeden Abend sagte sie es vor dem Schlafengehen auf. Zusätzlich paukte sie zweimal pro Woche Englisch und Mathe mit ihrem neuen Nachhilfelehrer Malte. Aylin war genauso aufgeregt, sie hatte sich sogar in die Liste des Talentwettbewerbs eingetragen und wollte ihren Lieblingssong auf der Bühne präsentieren. Jede freie Minute, in der sie alleine war, nutzte sie dazu, ihr Lied zu proben. Leider hatte sie immer noch Probleme bestimmte Töne perfekt zu treffen, deshalb vertraute sie sich ihrer Schwester an, die sie immer korrigierte, wenn sie falsch sang.

Die Piranhas und die Mädchen beachteten sich nicht mehr gegenseitig und ließen sich somit in Ruhe. Inzwischen war es richtig Frühling geworden und alle Blumen, die die Freundinnen im Schrebergarten gepflanzt hatten, blühten in voller Pracht. Fianna bekam sogar das Erlaubnis von ihren Eltern ihren Geburtstag mit ihren Freundinnen im Wohnwagen zu feiern und dort zu übernachten. Die Freundinnen sprangen jubelnd umher, nur Aylin war immer noch skeptisch, weil sie wusste, ob ihre Eltern ihr das erlauben würden.

 

Am Tag vor Fiannas Geburtstag ging Aylin mit Emily nach Hause. Emilys Mutter war noch immer auf der Arbeit und hatte für die Mädchen eine Reispfanne auf dem Herd stehen lassen, die nur noch aufgewärmt werden musste. „Ich habe gestern Abend endlich meine Mutter überreden können, dass ich zu Fiannas Geburtstagsparty kommen darf“, erzählte Aylin, „Jetzt muss nur noch meinen Vater zustimmen. Sollte er es mir nicht erlauben, werde ich mich heimlich davon schleichen“ „Warum soll er es dir nicht erlauben? Meine Mutter hat überhaupt kein Problem damit, dass ich eine Nacht woanders schlafe“, erwiderte Emily achselzuckend und rührte die Zutaten für den Teig in einer Schüssel zusammen. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie streng meine Eltern sind“, sagte Aylin schnippisch und band ihre schwarzen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Sie wollte mir sogar zuerst das Reiten verbieten“, fuhr sie fort, „Dabei wissen sie heute immer noch nicht, dass ich reite. Wüssten sie es, würden sie mir Hausarrest geben. Ich sage ihnen immer, dass ich jeden Freitag bei Fianna bin und mit ihr für die Schule lerne“ Erst seit wenigen Monaten nahm Aylin am Reitunterricht teil, allerdings bezahlten ihre Freundinnen ihre Reitstunden und liehen ihr die Reitkleidung. Alleine von Lotta bekam sie die Reitkappe, eine Gerte und die Reithose. „Wären meine Eltern bloß so reich wie Lottas oder Fiannas Eltern! Dann könnten sie die Reitstunden für mich ohne Probleme bezahlen und ich müsste nicht dauernd etwas vor ihnen verschweigen. Seitdem wir unsere Bande haben, verschweige ich dauernd etwas“, seufzte Aylin. „Hör mal, reich sein ist nicht alles!“, widersprach ihr Emily, „Weißt du warum wir sieben beste Freundinnen sind? Garantiert nicht wegen materiellen Dingen, sondern weil wir wie Pech und Schwefel zusammenhalten“ „Du hast Recht“, murmelte Aylin, „Freundschaft ist viel mehr wert als Geld. Weißt du was die Anderen Fianna schenken?“ Emily überlegte einen kurzen Moment lang, „Wir backen ihr einen großen Kuchen, Kiki strickt eine Mütze für sie, die Zwillinge schenken ihr eine Reitgerte und was Lotta ihr schenken wird, weiß ich noch nicht“ Die Mädchen schoben den Kuchen in den Ofen und ließen ihn eine halbe Stunde backen. Anschließend verzierten sie den Kuchen mit Schokoladenguss, Süßigkeiten und zwölf Kerzen. Aylin legte zudem noch eine Flasche Nagellack obendrauf.

 

Vor ihren Auftritten waren Emily und Aylin ziemlich aufgeregt, beide nahmen am Talentwettbewerb teil, der von der Oberstufe organisiert wurde. „Willkommen meine Damen und Herren, Schüler und Schülerinnen“, hielt Regina, die Schulsprecherin die Eröffnungsrede, „Für den heutige Tag haben viele Schüler entweder ein Lied, ein Gedicht oder eine andere Nummer einstudiert, die sie heute mit Begeisterung präsentieren wollen“ Eugenia und Marcel, die Moderatoren des Talentwettbewerbes, übernahmen die Leitung. „Als erstes kommt Emily Heuberger aus der 6a auf die Bühne. Sie wird uns ihr selbst geschriebenes Gedicht präsentieren, für welches sie im Deutschunterricht die Note Eins bekommen hat“, sagte Marcel. Die Eltern, Lehrer, Schüler und übrigen Besucher klatschten eifrig Beifall. Marcel gab Emily sein Mikrofon und der Spot wurde auf sie gerichtet. Plötzlich wurde ihr im Scheinwerferlicht ganz heiß und sie begann etwas zu schwitzen. Mit ihren Augen scannte sie das Publikum. Sie sah alle ihre Freundinnen, die ihr zujubelten und ihren Vater mit Patricia. Emily holte tief Luft und begann langsam mit Gefühl ihr Gedicht vorzutragen. Als sie merkte, dass es gut klappte, fühlte sie sich federleicht. Dennoch hakte es kurz an einer Stelle, wie aus dem nichts kam Aylin auf die Bühne gerannt und hielt ihre Hand. „Gemeinsam gehen wir Hand in Hand und knüpfen somit unser Freundschaftsband“, fuhr Emily fort und konnte den Rest auch noch ohne Probleme aufsagen. „Sehr gut gemacht, Emily“, lobte Eugenia, „Dieses Gedicht hat uns wirklich tief berührt und am liebsten würden wir es veröffentlichen“ Das Publikum klatschte begeistert, während sich Emily und Aylin kurz verbeugten und von der Bühne abtraten. „Danke, Aylin! Du bist genial“, bedankte sich Emily und umarmte ihre Freundin, „Ohne dich, hätte ich mich vor der ganzen Schule blamiert“ „Kein Ding!“, lachte Aylin, „Das gleiche würdest du bestimmt auch bei mir machen“ Gut gelaunt mischten sich die beiden Freundinnen unter die Zuschauer. Nun kam eine Siebtklässlerin an die Reihe, die perfekt turnen konnte. Auf der Bühne schlug sie Purzelbäume, Saltos und Räder hintereinander. Ihren Auftritt krönte sie zum Schluss mit einem Handstand. „Alexandra, du hast uns vom Hocker gerissen“, jubelte Eugenia, die Zuschauer applaudierten und verlangten eine Zugabe. „Ich glaube du hast jetzt schon ernstzunehmende Konkurrenz“, wisperte Aylin und Emily nickte nur. Sie beobachtete wie eine Fünftklässlerin namens Claire verzweifelt ihren Hund zu Kunststücken überwinden wollte. „Nein, Sam!“, rief sie, „Das Leckerli gibt es erst, wenn du den Parcour durchlaufen hast“ Der Hund ging keinen Schritt weiter und das kleine Mädchen zog wütend an seinem Halsband. „Du blöder Hund!“, schimpfte sie und durch die Lautsprecher wurde der Schall über das ganze Schulgelände verbreitet. „Mir tut das kleine Mädchen leid“, bemerkte Emily, „Dieser dämliche Köter ruiniert ihr den ganzen Auftritt“ Mittlerweile hatte Sam die Leckerlis gerochen, die sein Frauchen in der Hosentasche versteckt hatte. „Aaahh, hör auf meinen Arsch abzulecken!“, schrie Claire außer sich und wurde knallrot im Gesicht. Wenig später rannte das Mädchen in Tränen aufgelöst von der Bühne.

 

Bald war Aylin an der Reihe. Emily hüpfte auf und ab, winkte Aylin zu und jubelte laut. Offensichtlich wirkte das auf die anderen Zuschauer ansteckend. Bevor Aylin anfing zu singen, tobte der ganze Schulhof. „Vielleicht haben wir hier den neuen Superstar von morgen“, moderierte Marcel und die Menschenmenge jubelte erneut, „Hier ist Aylin Yilmaz aus der 6a“ Selbstbewusst und locker schritt Aylin auf die Bühne und warf ihre langen Haare über die Schulter. Die Musik ertönte, Aylin wippte gelassen im Takt mit und begann zu singen. Emily tanzte mit und winkte Aylin zu. Wie ein richtiger Superstar tanzte sie und ließ ihre langen Haare fliegen. Sie wirkte längst nicht mehr wie ein kleines schüchterndes Schulmädchen, welches sie sonst immer war. „Bestimmt kann sie sich bald mit Lady Gaga, Beyonce und Katy Perry messen“, dachte Emily begeistert. Als das Lied zu Ende war, schrieen die Menschen vor Begeisterung und der Applaus wollte nicht abbranden. Aylin musste sich mehrmals verbeugen.

 

„Super Aylin, du hast die ganze Schule gerockt!“, lautete Eugenias Statement und wieder brandete Beifall auf. Direkt nach Aylins Auftritt kam Elias, ein Jongleur aus der achten Klasse, an die Reihe. „Er wird sicher eine ernstzunehmende Konkurrenz für mich und Aylin sein“, dachte Emily und steuerte lächelnd mit Aylin auf ihre Freundinnen zu. „Ihr seid klasse gewesen!“, rief Kiki begeistert und fiel beiden Freundinnen gleichzeitig um den Hals. „Aylin, du kannst die Schule ruhig noch einmal rocken“, jubelte Lotta, „Hast du gesehen, wie wir zu deinem Song getanzt haben!“ „Na klar!“, nickte Aylin, „Ich habe auf der Bühne gestanden und gesungen, aber trotzdem hatte ich euch gut im Blick“ „Du musst heute unbedingt noch mal singen“, meinte Annemieke, „Du hast so eine schöne Stimme“ „Lilly, schau mal, wer hinter dir steht“, zupfte Mathilda Emily am Ärmel, „Ist das nicht dein Vater?“ Emily drehte sich um. „Hallo Liebling!“, rief ihr Vater und umarmte sie, „Dein Gedicht war einfach weltklasse!“ „Danke!“, murmelte Emily. „Da kann ich deinem Vater nur zustimmen. Das Gedicht hat mir auch sehr gut gefallen“, meldete sich Patricia zu Wort, „Könnte ich dein Gedicht haben? Ich bin nämlich Deutschlehrerin an der Wirtschaftsschule im Nachbarort“ Es war das allererste Mal, dass Patricia persönlich mit ihr sprach. „Meinetwegen, können Sie es gerne haben“, erwiderte Emily überrascht, „Ich habe sogar eine Kopie, die ich Ihnen geben kann“ „Vielen Dank! Du brauchst mich nicht siezen, sag ruhig Patricia zu mir“, sagte die Freundin ihres Vaters und lächelte freundlich. Plötzlich spürte Emily, dass sie Patricia doch mochte. Papas neue Freundin mochte zwar der Grund gewesen sein, weshalb Papa sie und ihre Mutter verlassen hat, aber trotzdem war sie freundlich und angenehm. Sie unterhielt sich einen weiteren Moment mit Patricia, bis sie in die Aula gingen, um Fiannas Auftritt mit ihrer Theater-AG zu sehen. „Du hast wirklich die Freundin deines Vaters richtig gehasst?“, fragte Annemieke im Treppenhaus ungläubig. „Ja, das habe ich schon“, gab Emily zu, „Aber ich habe sie zuvor nur aus der Ferne gesehen und noch nie mit ihr geredet“ „Sie scheint ganz nett zu sein“, war Annemieke der Meinung.

 

Fianna freute sich ihre Freundinnen zu sehen. „Ich habe schon gedacht, ich müsste ohne euch spielen“, sagte sie erleichtert. „Aber dafür hast du die tollen Auftritte von Aylin und Emily verpasst“, rief Mathilda. „Das macht nichts!“, warf Lotta ein, „Ich habe beide Auftritte mit meinem Smartphone gefilmt“ „Da bin ich aber erleichtert!“, rief Fianna, „Ich muss hinter die Kulisse, wir sehen uns nachher! Unser Auftritt fängt in wenigen Minuten an“ Fianna verschwand hinter der Bühne. Die Theater-AG zeigte einen bekannten Sketch, in dem Fianna einen traurigen Clown spielte, der seinen unsichtbaren Hund suchte. „Carrot hat echt Talent“, fand Aylin lachend, „Sie sollte später Komikerin werden und im Fernsehen auftreten“ „Wollen wir nicht nächstes Jahr auch in die Theater-AG eintreten, wenn sie so tolle Sachen machen?“, schlug Annmieke mit leuchtenden Augen vor. „Hm… Theater und ich? Da treffen zwei Welten aufeinander“, meinte ihre Zwillingsschwester, „Aber Emily sollte unbedingt der Theater-AG beitreten, sie kann echt gut frei sprechen“ „Ich werde bestimmt auch beitreten“, meinte Lotta, „Schließlich habe ich in meiner alten Schule Theater gespielt“ „Du wärst echt eine gute Verstärkung“, fand Fianna, „Wir brauchen noch unbedingt ein paar Schauspieler, wir sind gerade mal fünf Leute und das ist echt zu wenig“ „Hey, Leute warum wartet ihr solange?“, fragte Mathilda ungeduldig, „Die Siegerehrung für den Talentwettbewerb fängt gleich an“

 

Hastig eilten die sieben Freundinnen auf den Schulhof, sie waren sogar wenige Minuten zu spät. „Ihr wollt doch sicher wissen, wer unseren Talentwettbewerb gewonnen hat?“, rief Marcel in sein Mikrofon. Die Zuschauer jubelten und klatschten. „Wir beginnen mit Platz fünf“, fuhr Eugenia fort, „Den fünften Platz hat Ismael Petrov aus der Klasse 10a belegt“ Ein großer kräftiger Junge kam auf die Bühne und bekam eine Urkunde überreicht. „Der vierte Platz geht an Elias Heinemann aus der Klasse 8c“, verkündete Marcel und gab dem Jungen eine Urkunde. „Jetzt wird es spannend“, sagte Eugenia und machte eine kleine Pause, „Wer kommt von euch auf die ersten drei Ränge?“ „Alexandra, Alexandra, Alexandra!“, schrie der sechste Jahrgang. „Dritte ist Emily Heuberger aus der 6a und somit hat sie die Bronzemedaille gewonnen“, rief Marcel.

Emilys Freundinnen fingen an zu jubeln und umarmten sie. „Wir können gleich weiter feiern“, sagte Emily zu ihren Freundinnen, „Ich muss eben auf die Bühne“ Sie drängelte sich durch die Menschenmassen und trat neben Eugenia auf die Bühne. Marcel hängte ihr die Bronzemedaille um den Hals. „Die Silbermedaille geht an Alexandra Meinert aus der 6b“, verkündete Eugenia. „Die Siegerin und die Goldmedaillengewinnerin ist Aylin Yilmaz aus der 6a“, rief Marcel. Das Publikum tobte und klatschte pausenlos Beifall. „Willst du deinen Song noch einmal präsentieren, Aylin?“, fragte Eugenia und Aylin nickte. Die Musik ertönte und Aylin sang ihren Song noch einmal. „Zugabe, Zugabe, Zugabe, Zugabe, Zugabe!“, rief das Publikum. Aylin verbeugte sich ziemlich oft, aber trotzdem klatschten die Menschen lange weiter.

 

„Du hast zurecht den Wettbewerb gewonnen, Aylin. Ich kann lange nicht so gut und betont singen wie du“, sagte Fianna begeistert, „Du musst diesen Song auf meiner Geburtstagsfeier noch einmal singen!“ „Das werde ich auf jeden Fall tun“, nickte Aylin, „Versprochen ist versprochen“

„Wer will diesen Doppeltriumph mit einer großen Eiswaffel feiern?“, fragte Mathilda gutgelaunt in die Runde. „Das haben wir uns jetzt alle verdient, obwohl ich immer noch auf Diät bin“, fand Emily. „Ich glaube, du kannst deine Diät für heute vergessen, Lilly!“, sagte Annemieke kichernd, „Später auf Fiannas Geburtstagsparty wird es sowieso noch ordentlich zu essen geben“  Die Zwillinge hakten sich bei Emily und Aylin unter. Lotta, Kiki und Fianna taten es ihnen gleich. Gemeinsam schlenderten sie zum Eisstand und bestellten sich dreimal ein großes Schokoladeneis und vier Vanilleeise. Hinter ihnen stand Veronika zusammen mit Jolanda, Saskia und einem Mädchen aus der Parallelklasse an, dessen Namen Emily entfallen war. Als Veronika die Bandenmädchen bemerkte, warf sie ihnen einen abschätzigen Blick zu, aber sagte sonst nichts. „Lasst uns auf den Doppelsieg anstoßen!“, triumphierte Kiki und als die Mädchen mit ihren Eiswaffeln anstießen wurde gekichert, da es ziemlich ulkig aussah.  Emily war kein bisschen enttäuscht, dass sie nicht gewonnen hatte, sondern sie war sehr stolz auf Aylin und konnte sich selber über ihren dritten Platz freuen.

 

 

 

Eine tolle Geburtstagsparty

Emily war nicht die erste, die ihr Fahrrad hinter dem Gartentor abgestellt hatte. Es standen mindestens ein Dutzend Fahrräder neben der Dornenhecke und schon vom weitem war die Musik zu hören. Nach dem Schulfest war sie schnell nach Hause geradelt, um ihre Zahnputzsachen, ihren Pyjama, ein Kissen und einen Schlafsack mitzunehmen. Nun war sie etwas zu spät, obwohl sie sich auf ihrem Fahrrad gesputet hatte. Der Geruch von Holzkohle stieg in ihre Nase und sie hörte die Stimmen ihrer Freundinnen, allerdings erkannte sie auch vier Jungs. „Der letzte Gast ist da, die Party kann beginnen!“, rief Mathilda laut und rannte einmal quer durch den Garten. „Wer sind die Jungs?“, fragte Emily verwirrt. „Ich habe meinem Bruder und seinen Freunden versprochen, dass sie an der Party teilnehmen dürfen“, meinte Fianna und begann die Jungs vorzustellen, „Das ist mein Zwillingsbruder Tom. Der große Junge mit der Brille ist Moritz, daneben steht Paul und der Junge mit den hellblonden Haaren heißt Jannik“ Tom hatte kein bisschen Ähnlichkeit mit seiner Schwester, er ein Stück größer als sie und hatte keine roten, sondern dunkelblonde Haare. „Wir sind zwei zweieiige Zwillinge, wie ihr euch denken könnt“, erklärte Tom seinen Freunden. „Die Würstchen sind fertig“, riefen Paul und Moritz, „Ihr könnt euch hinsetzen“ Die Kinder setzten sich auf zwei große Picknickdecken, da es nicht genügend Stühle für Alle gab. „So ein schöner Abend könnte eigentlich jeder Tag sein“, sagte Fianna glücklich und schaute in den wolkenlosen Himmel. Es war noch immer ziemlich warm, die Partygäste liefen immer noch in T-Shirts und kurzen Hosen durch die Gegend.

 

 „Kann ich bitte die Cola haben?“, fragte Lotta beim Essen. „Bitteschön!“, grinste Mathilda. Lotta kam eine Colafontäne entgegen als sie die Flasche öffnete. „Aaahh, wer hat die Cola geschüttelt!“, kreischte Lotta und tupfte sich mit einer Servierte trocken. „Ich jedenfalls nicht“, erwiderte Mathilda mit engelssanfter Stimme. „Soll ich dir das wirklich glauben?!“, fragte Lotta leise und bedrohlich. „Nein, glaub ihr das nicht“, mischte sich Annemieke ein, „Sie hat schon einen ganzen Augenblick darauf gewartet, bis sie ein Opfer findet“ Für diese Bemerkung bekam sie von ihrer Schwester so einen heftigen Rippenstoß, dass sie ihre Bratwurst in ihr Getränk fallen ließ. „Mathilda, du bist der größte Honk, den ich kenne“, schimpfte Annemieke und fischte die Bratwurst aus ihrer Fanta. „Seid ihr eigentlich alle so frech und habt so eine große Klappe?“, fragte Jannik. „Pass auf, was du sagst!“, knurrten Kiki und Mathilda gleichzeitig. „Nein, nein! Er wollte euch nicht provozieren“, beschwichtigte Paul die Mädchen, „Wie ich sehe, seid ihr eine echt lebhafte und coole Mädchenbande. Habt ihr schon richtige Abenteuer erlebt?“ „Auf unserer Klassenfahrt im Februar sind Mathilda und Lotta bei einem Ausflug, in eine Felsspalte gefallen. Zuerst hat sich Mathilda unerlaubterweise von der Gruppe entfernt und ist dabei in eine Felsspalte gefallen. Schließlich bekam Lotta Platzangst und ist in die Richtung gelaufen, aus der wir kamen. Ich bin ihr gefolgt, weil ich nicht wollte, dass sie sich alleine verirrt. Plötzlich hörten wir eine Person verzweifelt nach Hilfe schreien. Auf einmal rutschte Lotte aus und fiel in die Tiefe, in der gleichen Höhle saß auch Mathilda. Beide hatten panische Angst und ich wusste zuerst nicht, wie ich ihnen helfen sollte. Ich habe selber laut nach Hilfe gerufen, bis ich unseren Sportlehrer Herr Loh gefunden habe. Er hat mit ein paar Jungs unsere beiden Freundinnen gerettet“, erzählte Kiki mit leuchtenden Augen. „Du hast noch gar nichts von der Fehde zwischen uns und den Piranhas erzählt“, warf Fianna ein, „Wir mögen diese Jungs nun mal gar nicht und deshalb spielen wir ihnen gerne Streiche. Doch leider ärgern sie uns auch gerne, vor kurzem haben sie unsere Kaninchen freigelassen“ „Das traue ich den Spackos zu“, rief Moritz. „Jannis ist sowieso der größte Angeber auf der Welt“, meinte Tom, „Letztens haben wir gegen seine Mannschaft gewonnen, wobei er prophezeit hat, dass sein Team haushoch gewinnt“ „Alleine ich habe gegen diese Idioten zwei Tore geschossen und insgesamt haben für sieben Treffer erzielt“, erzählte Jannik, „Dieser Michael, der bei denen im Tor steht, ist so fett, dass rein gar nichts hält. Wenn er mal einen Schuss hält, prallt er entweder von seinem Pferdehintern oder seiner dicken Wampe ab“ Die Mädchen fingen an zu lachen. „Du findest genau die richtigen Worte, um Michael zu beschreiben“, kicherte Lotta. „Max ist das neuste Mitglied bei denen“, fiel Kiki ein, „Er ist zwar groß und stark, aber hat dafür keinen Funken Verstand“ 

 

Nach dem Essen überreichten die Freundinnen Fianna ihre Geschenke, die das Geburtstagskind mit leuchtenden Augen auspackte. Lottas Geschenk packte sie als letztes aus. „Wow, sieben Tischsets mit unseren Gesichtern drauf! Cool, es hat jetzt jeder ein eigenes Set“, rief Fianna begeistert. „Das ist ja mein Set!“, bemerkte Mathilda, „Es steht mein Name drauf, allerdings sehe ich auf diesem Photo ziemlich blöd aus, ich grinse so schief“ „Was ist mit uns?“, fragte Tom mit großen Augen, „Gehen wir leer aus?“ „Na, du hast deine Geschenke schon gehabt!“, knuffte ihn seine Schwester in die Seite. Langsam wurde es dunkel und der Mond ging auf. Kiki und Tom zündeten ein paar Fackeln und mehrere Lampions, die an einer Schnur hingen, an. Der Garten sah im Fackelschein ganz anders aus als sonst. Fianna fand, dass der Garten viel gemütlicher und abenteuerlicher aussah, als bei Tag und außerdem passte das Zirpen der Grillen perfekt zu dieser frühsommerlichen Nacht. „Wollt ihr noch eine Runde tanzen?“, rief Paul und drehte die Musik lauter. „Jaaaa!“, riefen die Partygäste begeistert und begannen wild zu tanzen. „Machen wir nicht zu viel Lärm?“, fragte Aylin besorgt. „Mach dir mal keine Sorge“, meinte Kiki, „Es ist sowieso außer uns niemand anwesend und deshalb dürfen wir richtig die Sau raus lassen“ Jannik merkte nicht, dass er auf einem der Beete tanzte. „Vorsichtig, du läufst gerade durch unser Gemüsebeet!“, rief Annemieke warnend. „Sorry, das wollte ich echt nicht“, entschuldigte sich Jannik ehrlich, „Ich habe in der Dunkelheit nicht gesehen, dass hier das Gemüsebeet ist“ „Das macht nichts“, wandte Emily ein, „Die Piranhas haben dieses Beet schon viel schlimmer verwüstet und um die paar Pflänzchen, die du zertreten hast, ist es auch nicht schade“ „Da bin ich aber beruhigt“, sagte Jannik erleichtert.

 

„Es ist kurz vor Mitternacht“, bemerkte Kiki plötzlich, „Wer geht mit mir auf Geisterjagd?“ Sofort meldeten sich Lotta, Emily, Annemieke und Fianna. Auch Paul und Jannik wollten mitmachen, aber Aylin und Moritz hatten keine große Lust dazu. „Wo ist meine Schwester geblieben?“, fragte Annemieke etwas besorgt, „Hoffentlich ist sie nicht auf die blöde Idee gekommen, alleine durch die finstere Schrebergartensiedlung zu irren“ „Ich kann es dir leider nicht sagen“, zuckte Lotta mit den Achseln. In der Dunkelheit fiel niemanden auf, dass sich zwei der Kinder sich in den Wohnwagen zurückgezogen hatten. Kiki führte ihre Freunde aus dem Garten hinaus und ging mit ihnen den Weg auf und ab. „Nur noch eine Minute“, flüsterte Kiki, „und die Geister kommen. Macht euch auf etwas gefasst“ „Ich kann ihnen meinen Flummi an den Kopf werfen“, meinte Paul. „Haha, davor hat doch kein Gespenst Angst“, spottete Jannik. „Psst! Seid leise!“, flüsterte Kiki und legte den Zeigefinger auf ihren Mund. „Achtung, da kommen sie!“, wisperte Lotta, „Macht euch zum Angriff bereit“ Emily leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf zwei Gestalten, die in weißen Gewändern eingehüllt waren und schaurig heulten. Im ersten Moment lief Emily ein kalter Schauer über den Rücken, die Geister sahen in der Dunkelheit täuschend echt aus. „Die Geisterjagd ist eröffnet“, rief Kiki laut und ihre Freunde stürzten sich auf die beiden Gestalten. „Macht sie kalt!“, feuerte Emily ihre Freunde an und betrachtete das Geschehen aus der Entfernung. Schnell rissen die Kinder den Geistern die Gewänder vom Leib und hielten sie fest. Paul, Jannik und Fianna hielten Paul als ersten Geist fest. Lotta, Annemieke und Kiki rissen mit aller Macht dem zweiten Geist das Gewand herunter. Plötzlich begann Annemieke laut zu lachen, „Ach, du warst das Gespenst, Schwesterherz! Ich habe gedacht, du erkundest auf eigene Faust die Schrebergartensiedlung“ „Ne, im Dunkeln kann ich darauf verzichten“, meinte Mathilda, „Dafür habe ich mich nett mit Tom unterhalten, er ist ein total netter Junge“ „Wann findest du mal einen Jungen nett?“, fragte Kiki spitz. „Öhm…Ich weiß es selber nicht“, überlegte Mathilda und war froh darüber, dass keiner es in der Dunkelheit sah, wie sie sie rot wurde.

 

 Nach der Geisterjagd verabschiedeten die Mädchen Tom und seine Freunde. Lotta und Kiki löschten alle Fackeln und Kerzen, die noch brannten. „Wer will eure sensationellen Auftritte sehen?“, fragte Lotta, „Ich habe auf dem Schulfest die Auftritte von Aylin und Emily gefilmt“ Sofort beugten sich sieben Köpfe über das Smartphone.  „Sie hat zurecht den ersten Platz beim Talentwettbewerb gemacht“, sagte Mathilda, „Wenn ich bloß halb so gut singen könnte!“ „Du und singen? Ich kriege schon Ohrenkrebs, wenn ich dich unter der Dusche singen höre“, neckte Annemieke ihre Schwester. Mathilda war zu müde, um ihrer Schwester eine passende Bemerkung an den Kopf zu werfen. „Ich glaube, wir sollen lieber ins Bett gehen“, gähnte Fianna, „Mir fallen jetzt schon die Augen zu“ „Ich will unbedingt rein, hier draußen ist es ganz schön kalt geworden“, murmelte Lotta zitternd. Schnell zogen die Freundinnen ihre Pyjamas an und legten sich zum Schlafen hin. Es war allerdings sehr eng und stickig in dem kleinen Schlafraum, sodass die Mädchen das Fenster aufreißen mussten, damit sie überhaupt atmen konnten. Emily war froh, dass sie sich mit Lotta eine breite Luftmatratze im Wohnwagen teilte, dort war es nicht so eng wie in dem Schlafzimmer, in dem es fünf Schlafkojen gab. Die Tür zwischen Schlaf- und Wohnraum war einen Spalt breit geöffnet, damit sich die Freundinnen ohne Probleme unterhalten konnten. „Wenn mich eins stört, dann ist es die harte Matratze und die schlechte Luft hier drinnen“, klagte Aylin, „Ich weiß nicht, ob ich hier ein Auge zu bekomme“ „Ich finde es jedenfalls gemütlich“, murmelte Kiki zufrieden. „Mädels, könnt bitte etwas lauter reden!“, rief Lotta, „Ich verstehe kein einziges Wort, was ihr sagt und fühlen uns dadurch ausgeschlossen“ „Ja!“, schrie Mathilda, sodass die Mädchen erschrocken zusammenzuckten. „Schrei, nicht so laut, sonst falle ich noch aus dem Bett“, hörte Emily Annemieke sagen. Die Freundinnen unterhielten sich noch lange, bis sie eine Kirchturmuhr in der Ferne drei Uhr schlagen hörten. Emily rollte sich zusammen und kuschelte sich in ihren Schlafsack, aber einschlafen konnte sie trotzdem nicht. Immer wieder versuchte sie es mit Schäfchenzählen und Zehengymnastik, aber davon wurde sie auch nicht müde. Lotta lag fest schlafend neben ihr und atmete regelmäßig. 

 

Plötzlich lief Jemand durch den Wohnraum. Emily erkannte, dass es Fianna war. „Wohin gehst du?“, flüsterte Emily. „Ich kann nicht einschlafen“, wisperte Fianna, „Wir haben eine Mücke im Schlafzimmer, die immer um meinen Kopf kreist“ „Ich kann auch nicht schlafen“, flüsterte Emily, „Ich finde es hier irgendwie viel zu eng“ Emily und Fianna gingen nach draußen und unterhielten sich leise. „Ich bin überglücklich, dass ich endlich so viele tolle Freundinnen gefunden habe“, sagte Fianna zu Emily, „Zuvor hatte ich eigentlich nur Aylin als richtige Freundin und habe dafür viel mehr mit Tom und seinen Jungs gemacht. Zugegeben mochte ich Kiki früher nicht besonders, sie ging mir immer auf die Nerven, weil sie immer das letzte Wort hatte. Mathilda war mir immer etwas zu vorlaut, genauso wie ihre Schwester manchmal auch. Mittlerweile mag ich sie trotzdem sehr gerne. Lotta mochte ich schon von Anfang an, aber bei dir hätte ich nie gedacht, dass du so viele Ideen hast“ „Dass ausgerechnet wir eine Bande gründen, hätte ich nie im Leben gedacht“, flüsterte Emily, „Wir sieben total verschiedene Mädchen, sogar die Zwillinge sind sehr unterschiedlich“ „Bloß weil man Zwilling ist, muss man nicht gleich sein“, erwiderte Fianna, „Mein Bruder und ich sind auch total unterschiedlich. Mich hat es sogar aufgeregt, wenn uns die Lehrer in der Grundschule uns nur die Zwillinge genannt haben, aber später bin ich auf das Gymnasium gegangen und mein Bruder eine Realschule, ab da hat sich das geändert“ Nach dem sich die beiden Mädchen eine Weile unterhalten haben, gingen sie wieder rein. Diesmal schlief Emily ziemlich schnell ein und träumte von neuen Abenteuern der Roten Sieben.

 

Extra: Tagebucheintrag von Emily

Eintrag vom 27. Juni: Bald gibt es Zeugnisse!

Erst seit gestern weiß ich, dass ich in die siebte Klasse versetzt werde. Juhuu, ich kann weiterhin mit meinen besten Freundinnen die Schule besuchen und ich werde mich nächstes Schuljahr ziemlich reinhängen. Schließlich will ich später mit Kiki und den Zwillingen zur Uni. Zwar werde ich in Mathe, Physik, Englisch und Geographie eine Vier kriegen, aber das ist nicht so schlimm, da ich in den anderen Fächern Zweien und Dreien habe. In Kunst und Religion habe ich sogar eine Eins und daher wird mein Zeugnis doch nicht ganz so schlecht. Ich bin richtig erleichtert, dass ich es geschafft habe, in der letzten Zeit hatte ich immer wieder mit meinen ganzen Problemen zu kämpfen: die Trennung von meinen Eltern, schlechte Noten und geringes Selbstwertgefühl wegen meiner überflüssigen Pfunde. Ich wurde in meiner alten Klasse ziemlich gehänselt, weil ich pummelig und schüchtern war, deswegen hatte ich für eine bestimmte Zeit keine Freunde. Erst als ich in diese Klasse kam, fand ich endlich gute Freundinnen und fühlte mich pudelwohl. Auf keinen Fall würde ich diese Klasse freiwillig verlassen und auf eine Realschule gehen. Dort müsste ich neu anfangen und neue Freunde finden, ob die mich dort akzeptieren, ist halt so eine Frage. Gott sei Dank, ich bin immer noch da, wo ich hingehöre!

Hätte ich nicht meine Mutter, meine Katze Enya und meine besten Freundinnen gehabt, wüsste ich nicht, ob ich die Versetzung geschafft hätte und jemals einigermaßen glücklich geworden wäre. Die Trennung meiner Eltern und mein geringes Selbstwertgefühl haben mir doch ziemlich zugesetzt. Meine allerbeste Freundin ist aber immer noch Annemieke, da sie die beste Zuhörerin der Welt ist und man ihr jedes Geheimnis anvertrauen kann, ohne dass sie es gleich weiter erzähltsuprr. Nur ihr habe ich erzählt, dass mein Papa und Patricia heiraten werden. In den Sommerferien fahre ich alleine mit meinem Vater für eine Woche nach Ameland, dort wollen wir eine Inselrundfahrt mit dem Fahrrad machen. Ich hoffe, dass ich dort meinen neuen supercoolen Bikini einweihen kann. Gestern war ich mit Aylin und Lotta in der Stadt und dort habe ich ihn mir gekauft, vor allem auf Lottas stylistische Beratung kann man sich echt gut verlassen. Ich habe in den letzten Monaten einige Kilos verloren und bin nur zwei Kilo über dem Normalgewicht. Die Sommersaison kann ruhig eröffnet werden!

 

 

Rezept: Kikis Zaubertrank (Waldmeister-Kräuter-Limonade)

 Zutatenliste:

  • 1 Liter Apfelsaft
  • Mineralwasser mit Kohlensäure
  • 1 Büschel Waldmeister (gepflückt) => Hinweis unten
  • 1-3 Zitronenscheiben oder Zitronen-/Limettensaft
  • Selbstgepflückte Kräuter wie z.B. Zitronenmelisse und Minze => Hinweis unten
  • ein Schuss Holunderblütensirup

 

So geht’s

Zuerst mischt ihr den Apfelsaft mit dem Mineralwasser, zu empfehlen ist ein Mischverhältnis 1:1. Dann gibt ihr entweder die Zitronenscheiben oder ein paar Spritzer Zitronensaft hinzu. Beim Waldmeister die Stiele entfernen und genauso wie die gepflückten Kräuter vorher unter fließendem Wasser kurz abwaschen. Die Waldmeisterblätter und die Kräuter in ein Teesieb (oder Filter) geben, dieses wird in die Kanne mit der Apfelsaftschorle gehängt. Wer mag, kann noch einen Schuss Holunderblütensirup hinzugeben. Nun muss der Zaubertrank ca. 1-2 Stunden (am besten im Kühlschrank) ziehen, damit dieser seine volle Wirkung entfalten kann.

Auf ewige Jugend, Prost!

 

Hinweis: Der Waldmeister muss gepflückt werden, bevor er blüht, da sich nach der Blüte schwache Giftstoffe entwickeln. Ihr könnt den Waldmeister im Frühjahr (ca. Ende Februar bis März) pflücken und danach einfrieren, sodass ihr den Zaubertrank auch im Sommer ansetzen könnt.

Wichtig ist es, dass sich einer von euch gut mit Pflanzen und Kräutern auskennt, wenn ihr die Kräuter pflückt. Manchmal sind einige Kräuter nur schwer von giftigen Pflanzen zu unterscheiden. Wenn ihr euch nicht sicher seid, kauft euch einen Topf mit Pfefferminze, Salbei oder Zitronenmelisse. Diese gibt es in Gartencentern, einigen Super- und Baumärkten.

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 26.05.2013

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