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Über die Fortsetzung des Traumes

Ich bot meinem Traum die Stirn und ging, in ihm, durch den finsteren Wald, zu dem Friedhof.

Dort fand eine Beerdigung statt. Ein junger Mann war an einem Lungenleiden gestorben. Er war schon längere Zeit erkrankt.

Buddha hatte mir einst erzählt, dass es grundsätzlich vier Arten von Menschen gibt:

Menschen die alles geben, aber nicht empfangen
Menschen, die alles empfangen, aber nicht geben
Menschen, die nicht geben und nicht empfangen
Menschen, die geben und empfangen

Ich gesellte mich zu dieser Beerdigung, blieb aber, aus Gründen der Pietät, in gebührendem Abstand stehen. Ich versuchte in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen. Als ich die einzelnen Gesichter betrachtete, kamen mir folgende Worte in den Sinn.

Es gibt vier Arten von Menschenkonstellationen, was das eigene Begräbnis angeht:

Menschen, die sich von Familie und Freunden eine Sargbestattung wünschen, aber ein Urnenbegräbnis bekommen

Menschen, die sich von Familie und Freunden mit einem Urnenbegräbnis hätten zufriedengegeben, aber eine Sargbestattung zugestanden bekommen

Menschen, die diesbezüglich gar keine Wünsche hatten und deren Angehörigen im übrigen auch nicht

Menschen, die eine genaue Vorstellung davon hatten, wie die eigene Beerdigung einmal vonstattengehen soll und deren Familie und Freunde diese auch genauso umsetzen

Meine Familie war mir stets ein Bremsklotz, so traurig und undankbar das auch klingen mag. Ich habe früh das Elternhaus verlassen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Ich stand fest im Leben und hatte alles unter Kontrolle. Meine Familie hat sich stets bemüht meine Pläne, meinen Weg und meinen Werdegang in Richtung Zukunft zu durchkreuzen. Die ewig harmoniesüchtige Mutter wollte uns alle zwang- und krampfhaft zusammenhalten. Sie war nicht in der Lage, jene Söhne, die sich zu entwickeln bereit waren, von denen zu trennen, die den ewigen Bremsklotz darstellten. Die ewigen Bremsklötze sind auch heute noch welche. Und jene zwei, die sich entwickeln wollten, werden auch heute noch von ihrer Vergangenheit eingeholt und zu jeder sich bietenden Gelegenheit ausgebremst.

Selbst schuld? Ist es denn so einfach, die eigene Familie, besonders die eigene Mutter zu verleugnen, die einem Jahrzehnte ihres Lebens geopfert hatte?

Es gibt jene, die das Schicksal begünstigt und jene, die das Schicksal verfolgt.

Als ich die Zeremonie dort weiter verfolgte, kam mir Balzac´s »Vater Goriot« und Dumas´ »Vater Duval« in den Sinn. Es machte mich alles sehr traurig und wütend.

Als das Gefühl in mir Überhand nahm, auf dieser mir doch sehr fremden Bestattung störend zu wirken, drehte ich mich vorsichtig um, da ich den Ort der Zeremonie so schnell und leise wie möglich verlassen wollte.


Eine Gruppe von Stimmen sprach auf mich ein. Ich drehte mich vorsichtig um, sah in die Gesichter der Trauergäste, doch sie bewegten gar nicht ihre Münder. Trotzdem kamen die Stimmen, unisono, aus ihrem Inneren.

Man gab mir zu verstehen, dass ich, als Prediger der Gemeinde, doch noch eine kleine Rede zu halten hatte. Ich und »der Prediger«?

Was sollte ich also sagen?
Ich musste etwas sagen, nur was?

Alles sah mich erwartungsvoll und feierlich-traurig gestimmt an. Alles dürstete nach den erlösenden Worten. Worte, die ihnen einen Teil ihrer Trauer und Anspannung nehmen sollten. Worte, die ihnen sicherlich ihre Energieblockaden lösen würden.

Ich trat sehr nah an das Grab und sprach aus dem Bauch heraus:

»Manche Menschen gehen tapfer ihren täglichen Gang. Sie verrichten ihr Tagwerk, nähren und kleiden sich, nähren und kleiden ihre Familie und Freunde, bemühen sich um Bildung und Zerstreuung. Versuchen ihr Leben mit Inhalt zu erfüllen. Doch was sie auch tun, sie funktionieren nur, sie entwickeln sich nicht«.

Ein Teil der Trauergäste löste sich auf und ihre Seelen versanken mit in diesem Grab.

Der andere Teil erstrahlte hell und drang in meinen Körper ein.

Ich verließ den Friedhof und nahm diese Seelenenergie mit in den Lebensstrom.

Feuer

 

Dieses Gefäß ist hinreichend gefüllt. Während das Gefäß selbst im Feuer vergeht, bleibt der Inhalt erhalten. Der Inhalt besteht aus einer Flüssigkeit. Das Feuer wird der Flüssigkeit nichts anhaben. Sie besteht aus Seele. Sie vaporisiert und verflüchtigt sich verlustfrei in ein neues, leeres Gefäß. Ein Gefäß, das die Inhaltsstoffe dieser Flüssigkeit dringender gebrauchen kann. Sie bietet dem noch leeren, neuen Gefäß die Möglichkeit, aus ihr Kraft zu schöpfen, mit ihr zu arbeiten und die Inhaltsstoffe im eigenen Gefäß weiter zu verbessern und zu veredeln. Ob man diese Tat nun als abscheulich oder edel ansieht, liegt im Auge, Empfinden und Entwicklungsstand des Betrachters. Ob sie als abschreckendes Beispiel und als wenig vorbildlich angesehen wird, ebenso. Was ist lehrreich und vorbildlich?

Jesus fast zweitausend Jahre am Kreuz hängen zu lassen, ohne ihn von dort zu befreien? Ihn als ewiges Mahnmal zur Verbreitung des schlechten Gewissens und der Anklage zu missbrauchen, zum unedlen Zweck der Ausbeutung? Wer braucht Götter, Götzen und deren Diener, die so wenig wandelbar und entwicklungsfähig sind, wie zur Wandlung und Weiterentwicklung eines Individuums notwendig? Niemand! Wer braucht Mitleid, Schuldgefühl und Angst? Niemand! Ein mitfühlendes Herz und eine gute Tat sind mehr wert. Wenn euer »gut« das gleiche bedeutet, wie meines, dann war dieser Mensch, dieses Gefäß für mich sinnvoll, uneigennützig, Zweck bestimmt und edel. Und damit gut!

 

Impressum

Texte: Ralf Dellhofen
Lektorat: Ralf Dellhofen
Satz: heiße Ohren!
Tag der Veröffentlichung: 30.01.2018

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Cover with thanks to DeltaWorks (via pixabay)

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