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Anja Stephan

 

Das Rätsel der Kupfertöpfe

 

Herr Fuchs und Frau Elster ermitteln

Band 2



 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2019 Anja Stephan

c/o Papyrus Autoren-Club

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

 

Cover: Marie-Katharina Wölk, Wolkenart Design

Lektorat: Rohlmann & Engels

Korrektorat: Melanie Vogltanz

 

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

ISBN: 978-3-750400115

 

 

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zitat

Geschäfte?

Das ist sehr einfach,

das bedeutet anderer Leute Geld.

 

Alexandre Dumas (der Jüngere), (1824 – 1895)

 

Inhalt

 

Frau Elster auf der Hut

Herr Fuchs passt auf

Große Pläne

Wer suchet, der findet

Schnapspralinen

Liebesgrüße aus der Pampa

Die drei auf der Bank

Spieglein, Spieglein

Trio infernale

Streng vertraulich!

Morgenpost 

 

 

 

Frau Elster auf der Hut

 

Thea betrachtete sich missmutig im Spiegel. Ihr gefielen weder der hochgeschlossene Kragen noch die gedeckten Farben ihres Kleides oder der biedere Hut. Für ihre anständige Frisur hatte sie Ewigkeiten gebraucht. Hoffentlich lohnte sich der Aufriss. Sie rümpfte die Nase, kam sich vor, als wäre sie verkleidet. Immerhin konnte sie froh sein, dass sie überhaupt noch in das Kleid passte. Das hatte sie allerdings eher dem eng geschnürten Korsett zu verdanken als einer strengen Diät.

Sie zog die Rüschen an ihrem Kragen zurecht und versuchte sich an einem Lächeln. Besondere Gelegenheiten erforderten besondere Maßnahmen. Thea straffte die Schultern, schnappte sich ihre Handtasche und ging los.

Das letzte Mal hatte sie sich derart streng angezogen, als sie ein Kreditgespräch bei der Bank gehabt hatte und so seriös wie möglich hatte aussehen wollen. Damals war es um ihre Existenz gegangen. Hätte der Mann ihr keinen Aufschub gewährt, wäre sie mit ihren Kindern auf der Straße gelandet. Heute dagegen war sie auf dem Weg zur Schule. Elterngespräche standen an. Eine neue Maßnahme der Schule, um die Eltern über die Fortschritte ihrer Kinder zu informieren. Im Prinzip keine schlechte Idee, nur hatte die Vorschrift einen Haken: die Voreingenommenheit der Lehrpersonen. Wenn Thea ein Pferd im selben Reitstall stehen hätte wie Fritz» Lehrerin, dann bräuchte sie sich wahrscheinlich keine Sorgen zu machen. Leider entsprach Theas Lebensweise jedoch überhaupt nicht den Vorstellungen der Lehrkräfte, immerhin fehlte ihr ein Ehemann. Der Horizont, was in Bonpoint normal war und was nicht, endete bei manchen Leuten bereits vor dem großen Zeh.

Thea hatte es nicht weit bis zur Schule. Sie brauchte lediglich die Straße zu überqueren und um zwei Ecken zu laufen, trotzdem nahm sie das Fahrrad. Wenn die Veranstaltung nicht zu lange dauerte, würde sie noch in die Bibliothek fahren können.

Der Weg führte sie an dem kleinen chinesischen Laden, einer Müllsammelstelle und einer Arztpraxis vorbei. An einer Litfaßsäule klebte ein lila-weißes Plakat des Vereins der Fahrradliebhaber, der zu einer Demonstration gegen den zunehmenden Verkehr aufrief. Thea hatte bereits in der Zeitung gelesen, dass der Verein forderte, den Neuen Markt in der Stadtmitte nur für Fußgänger und Fahrradfahrer freizugeben. Das hatte eine heftige Gegenreaktion der Kutschen- und Automobilfahrer ausgelöst und die Stadt in zwei Lager gespalten.

Vor der Schule schloss sie ihr Rad an einem Fahrradständer an. Sie atmete tief durch. Das war nun das dritte Elterngespräch, das sie mit der Lehrerin führen würde. Die ersten beiden waren dermaßen in die Hose gegangen, dass sie anschließend in ihrer Küche gesessen und geweint hatte. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie herausgefunden hatte, dass der Fehler nicht bei ihrem Sohn oder ihr lag, sondern bei der Schule, genauer gesagt bei der Lehrerin.

Wie sie nach Gesprächen mit anderen Müttern festgestellt hatte, hatte die Lehrerin für Kinder aus Familien, die außerhalb ihrer Vorstellung von Normalität lagen, nur Schimpf und Schande übrig. Das äußerte sich vor allem in schlechteren Bewertungen, ständigen Beschwerden und ungerechter Bestrafung bei Kleinigkeiten.

Bei ihrem ersten Gespräch hatte die Lehrerin Thea vorgeworfen, Fritz zu früh eingeschult zu haben, und wollte ihn die Klasse wiederholen lassen. Thea war aus allen Wolken gefallen, immerhin hatte sie ursprünglich darum gebeten, ihren Sohn ein Jahr später einschulen zu lassen, da er stark unter dem Verschwinden seines Vaters gelitten und eine schwierige Zeit durchgemacht hatte. Damals war sie von eben dieser Lehrerin ausgelacht worden. Wegen solcher Kleinigkeiten sollte man doch seine Kinder nicht zurückstellen.

Drei Monate nach Schulbeginn erklärte ihr diese Person, Fritz sei dumm und rückständig, weil er Konzentrationsschwierigkeiten habe. Als Fritz kurz darauf eine Woche fehlte, weil er im Krankenhaus behandelt werden musste, ließ ihr die Schule eine Anzeige wegen Schulpflichtverletzung zukommen. Es hatte sie viel Mühe gekostet, der Schulleiterin im ruhigen Ton darzulegen, dass Fritz aufgrund einer ärztlichen Behandlung von der Schule ferngeblieben war, und nicht – wie die Lehrerin behauptete – aus Faulheit oder weil seine Mutter nicht verantwortungsbewusst genug war.

Allein dieses erste Schuljahr hatte Thea mehr graue Haare beschert als zwei Schwangerschaften und ein verschwundener Ehemann zusammen.

Sie betrat erhobenen Hauptes das Gebäude und legte sich auf dem Weg zum Klassenzimmer Sätze zurecht, mit denen sie die Lehrerin konfrontieren wollte. Langsam und regelmäßig atmete sie ein und aus. Sie würde nicht laut werden. Sie würde freundlich bleiben. Keine Flüche. Keine wilden Beschimpfungen. Sie würde sich auf die angeborene Arroganz ihres geburtsrechtlichen Standes berufen und diese Person …

Die Tür öffnete sich.

Thea blieb stehen. «Was machen Sie denn hier?», entfuhr es ihr.

«Hallo, Frau Elster.» Der Pfarrer lächelte und streckte ihr seine Hand entgegen. «Ich hätte Sie fast nicht erkannt.»

Er trug auch heute wieder diese herrlichen Farben: ein hellblaues Hemd mit roten Punkten, ein gelbes Sakko und eine dunkelblaue Hose. Thea starrte ihn für ein paar Sekunden an, ergriff seine Hand und drückte sie fest. Wehe, der nette Kerl kam ihr in ihrer Strategie dazwischen. Keine Rücksicht!

«Ich leite inzwischen den Religionsunterricht und die Schulleitung hat mich gebeten, bei den Elterngesprächen anwesend zu sein.» Er lächelte schief. «Als moralische Unterstützung sozusagen.»

Thea sah ihn ernst an. «Für wen? Die Lehrerin oder die Eltern?»

Der Pfarrer machte ein überraschtes Gesicht, fing sich aber wieder und legte ihr eine Hand auf die Schulter. «Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Frau Elster. Fritz ist ein guter Schüler.»

Thea biss sich auf die Lippe, doch zurückhalten konnte sie sich nicht mehr. «Das weiß ich. Die Frage ist nur, ob bestimmte Personen das ebenfalls so sehen», zischte sie. Sie wandte sich um und betrat das Klassenzimmer.

Die Lehrerin hatte es nicht einmal nötig, sich zur Begrüßung von ihrem Stuhl zu erheben. Frau Bierwurz zeigte Thea mit ihrer Ignoranz, welchen Stand sie bei ihr hatte. Das konnte sie haben.

Thea hörte, wie sich Herr Fuchs hinter ihr räusperte und die Tür schloss. Thea baute sich vor dem Schreibtisch auf und sah auf die Lehrerin herab, die auffällig beschäftigt tat und Papier hin und her schob. Papier, das nicht beschrieben war. Hielt diese Person Thea wirklich für so blöd?

Thea setzte sich, ohne die Aufforderung abzuwarten. Kerzengerade und stocksteif saß sie vor dem Tisch auf der Stuhlkante und geduldete sich, bis sich der Pfarrer neben der Lehrerin platziert hatte. Frau Bierwurz schien nur darauf gewartet zu haben, dass sich die moralische Unterstützung auf ihrer Seite befand, blickte auf und nickte Thea zu.

«Schön, dass Sie Zeit für das Gespräch gefunden haben, Frau Elster.»

«Natürlich.» Thea musste sich zusammenreißen, ihr nicht die falsche Freundlichkeit mit einer Ohrfeige aus dem Gesicht zu schlagen.

«Nun,» begann die Lehrerin, «wir sind heute hier, um die Leistungen Ihres Sohnes, Fritz Ludwig, zu besprechen.»

Das war ihr Stichwort. Thea setzte ein breites Grinsen auf, beugte sich vor und legte die Hände gefaltet auf den Tisch. «Wissen Sie, ich habe bei meinem Sohn erstaunliche Fortschritte festgestellt. Er liest mittlerweile sogar schwere Texte aus dem Wirtschaftsteil der Zeitung flüssig vor, und sein Schriftbild hat sich ebenfalls deutlich verbessert. Finden Sie nicht auch, Frau Bierwurz?»

Die Lehrerin stockte, wich ein paar Zentimeter zurück und blickte kurz zum Pfarrer.

Thea legte nach. «Ich bin auch vollkommen zufrieden mit seinen Leistungen in Natur- und Heimatkunde. Mein Sohn verfügt über ein breites Wissen über die Tier- und Pflanzenarten seiner Heimat. Der Vortrag, den er neulich gehalten hat, war fundiert und fehlerfrei. Ich bin sicher, Sie beurteilen das genauso, Frau Bierwurz.»

Bei diesem Vortrag hatte sie Fritz geholfen, aber das musste die Lehrerin nicht wissen. Thea war sicher, dass andere Mütter das genauso handhabten. Außer vielleicht diejenigen, die sich Personal leisten konnten, dann half das Kindermädchen.

Die Lehrerin sagte eine Weile nichts. Schließlich räusperte sie sich. Während sie ein paar leere Papiere über den Tisch schob, musste sie zugeben, dass Fritz kein schlechter Schüler war. «Da muss ich Ihnen zustimmen, Frau Elster.» Sie machte eine Pause.

Thea lag auf der Lauer. Eine gemeine Unterstellung, eine fiese Bemerkung, eine falsche Behauptung würde sicher folgen.

«Fritz hat sich in vielen Fächern stark verbessert. Er hat sogar ein oder zwei Freunde gefunden. Dennoch …» Die Lehrerin zog ein Blatt aus einer Mappe und legte es Thea mit einem süffisanten Lächeln vor. «Seine mathematischen Leistungen lassen zu wünschen übrig.» Sie wies mit ihren dünnen Fingern auf die rot umkreiste Note am unteren Ende des Blattes. Eine Vier. Wäre es eine Drei gewesen, hätte sie dieser Pute jetzt sagen können, dass ihr diese Leistung vollkommen ausreichte. Aber eine Vier? Verdammt!

Thea verzog keine Miene, blickte die Lehrerin kalt an und verzog die Mundwinkel zu einem herausfordernden Lächeln. «Dafür wird sich eine Lösung finden.»

Frau Bierwurz zog das Blatt zu sich und schnaufte abfällig. «Frau Elster, meiner Meinung nach fehlt Fritz die Führung eines Vaters. Es ist ja schön und gut, was Sie versuchen, aber aufgrund Ihrer Familiensituation …»

«Was hat meine Situation damit zu tun?», fuhr Thea etwas lauter dazwischen, als sie gewollt hatte. Was bildete diese Kuh sich ein? Wer war sie, dass sie sich ein Urteil erlauben durfte? Ihre Familiensituation ging sie überhaupt nichts an. «Sie sollten sich darauf beschränken, Frau Bierwurz, meinem Sohn lesen, schreiben und rechnen beizubringen.» Etwas anderes stand dieser Person schließlich nicht zu.

Die Lehrerin faltete die Hände und wollte etwas erwidern, da beugte sich der Pfarrer vor und legte die Hand auf das Blatt. «Darf ich?»

Die Lehrerin ließ das Blatt los und überließ es Herrn Fuchs. Thea warf ihm einen fragenden Blick zu. Was sollte das? Wieso wollte er sich einmischen? Misstrauisch beäugte sie ihn, während er den Leistungstest ihres Sohnes analysierte.

Ein kurzer Blick auf die Lehrerin verriet ihr, dass das keinesfalls mit ihr abgesprochen war. Frau Bierwurz zog ein säuerliches Gesicht. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

«Ach», begann Herr Fuchs und runzelte die Stirn. «So, wie ich das sehe, ist Fritz lediglich etwas langsam.» Er legte das Blatt vor Thea hin und zeigte auf einige Aufgaben. «Die Hälfte der Aufgaben ist ungelöst, weshalb die schlechte Note zustande gekommen ist. Die Aufgaben, die er bearbeitet hat, sind alle korrekt.»

Thea folgte seinem Finger von Aufgabe zu Aufgabe. Fritz hatte tatsächlich nur die Hälfte des Tests bearbeitet, allerdings war dieser Teil richtig gelöst.

«Fritz braucht lediglich etwas Übung und Sicherheit. Dann kann er schneller arbeiten und schafft beim nächsten Mal den kompletten Test.» Herr Fuchs zeigte ein zuversichtliches Lächeln, doch das verschwand urplötzlich aus seinem Gesicht, als er den Blick der Lehrerin auffing.

Thea grinste sie triumphierend an. Die Frau hatte erneut versucht, Fritz schlechter zu machen, als er war, doch diesmal war es ihr nicht gelungen. Thea erhob sich.

«Nun, dann haben wir die Situation ja geklärt. Fritz wird mehr rechnen üben, damit er sicherer und schneller wird.» Sie nickte der Lehrerin zu. «Frau Bierwurz, vielen Dank für das Gespräch.» Anschließend wandte sie sich an Herrn Fuchs und reichte ihm die Hand. «Es war mir eine Freude, Herr Pfarrer.»

 

 

 

Herr Fuchs passt auf

 

Elijah hatte sich in Schale geworfen – immerhin hatte er einen offiziellen Termin. Der amtierende Pfarrer hatte ihn vorgeschickt. Elijah übernahm immer mehr Aufgaben und würde Pfarrer Heidenreich wahrscheinlich früher ablösen als geplant.

Elijah war erst vor zwei Monaten in der Stadt Bonpoint angekommen, hatte sich aber bereits in der Gemeinde beliebt gemacht. Jeden Sonntag war er in einem anderen Haushalt zum Essen eingeladen – ein gutes Zeichen dafür, dass ihn die Leute akzeptierten.

Er strich über den schwarzen Stoff seines Talars und zog sich den Kragen zurecht. Zum Glück konnte er das Ding nach dem Termin ausziehen. Elijah stieg auf seinen rosafarbenen Drahtesel, den er auf dem Flohmarkt ersteigert hatte, und radelte durch die Straßen der Kleinstadt. Die Leute nickten ihm zu, hoben die Hand zum Gruß, einige Frauen lächelten verzückt und … da entdeckte er Frau Elster. Sie trug diese dunkle Kleidung von heute Morgen, die ihr überhaupt nicht stand, und schob ihr grasgrünes Fahrrad auf dem Bürgersteig.

Das Elterngespräch war alles andere als gut verlaufen. Zwischendrin hatte er das Gefühl gehabt, Frau Elster wäre am liebsten über den Tisch gesprungen, um der Lehrerin den Hals umzudrehen. Jedoch musste er zugeben, dass er die Äußerung von Frau Bierwurz mehr als unangebracht fand. Die Lehrerin hatte sich auf die falschen Dinge konzentriert und die Leistungen des Jungen nicht entsprechend dargestellt.

Vor dem Schreibwarenladen hatte ein Fuhrwerk gehalten, und es wurden Kartons mit der Aufschrift Fortuna ausgeladen. Mehrere Männer trugen die Ware in das Geschäft und versperrten dabei den Weg. Frau Elster musste stehen bleiben und warten. Elijah nutzte die Gelegenheit, wurde langsamer und hielt neben ihr an.

«Guten Tag, Frau Elster.»

Sie starrte ihn überrascht an. «Meine Güte, Herr Pfarrer!» Sie wies auf seine Kleidung. «Offizieller Termin?»

Er nickte. «Die Stoner Kupfertopffabrik hat einen neuen Schmelztiegel, den sie heute einweihen wollen. Ich soll dabei sein und einen Segen sprechen», erklärte er.

Frau Elster zog die Nase kraus und schmunzelte. «So ein Aufwand für einen Schmelztiegel.»

«Wem sagen Sie das?» Er lachte.

Wenn eine Rederei ein Schiff vom Stapel ließ, war häufig ein Geistlicher anwesend, der Gottes Segen sprach. Aber bei einem Schmelztiegel? Da Herr Stoner der Kirche dafür allerdings vier Reihen neuer Bänke spendiert hatte, konnte man ihm auch den Gefallen tun.

Frau Elsters Blick wanderte zwischen den Kartons, den Männern und dem Geschäft hin und her. Elijah reckte den Hals, um mehr erkennen zu können. Fortuna. Den Namen hatte er schon mal irgendwo gelesen.

Sie konnten beobachten, wie der Ladenbesitzer einen Karton öffnete und neben allerlei Papier eine Schreibmaschine zutage förderte. Ach ja. Die Schreibmaschine im Pfarrhaus war von derselben Firma.

Frau Elster seufzte. «So eine hätte ich auch gern.» Sie drehte unbewusst ihr Handgelenk.

Elijah wusste, dass Frau Elster die Berichte des Professors mit der Hand schrieb. Sie hatte ihm erklärt, dass sie die Notizen von ihm erhielt, sie kontrollierte und ins Reine schrieb. Diese Version schickte sie an die Zeitung, wo die Berichte jeden Mittwoch erschienen. Das machte viel Arbeit und ihr Handgelenk litt darunter. Ab und an hatte Elijah sie schon mit einem Verband gesehen.

«Das würde Ihre Arbeit auf jeden Fall erleichtern.»

In diesem Moment rutschte ein Karton vom Laster und landete krachend auf dem Bürgersteig – direkt vor ihren Füßen. Frau Elster hielt den Atem an. Elijah warf einen Blick in den Laden. Die Männer diskutierten mit dem Ladenbesitzer, niemand schien den Vorfall bemerkt zu haben.

Der Weg war nun wieder frei, aber Frau Elster zögerte, weiterzugehen. Sie sah Elijah an. In dem Moment wusste er genau, was sie vorhatte.

Er räusperte sich. «Frau Elster …»

Kurzerhand stellte sie ihr Rad ab, bückte sich nach dem Karton und lud ihn auf ihren Gepäckträger. Anschließend klappte sie den Ständer ein und schob ihr Rad zügig vorwärts.

«Frau Elster!», rief er und eilte hinter ihr her. Als er aufgeschlossen hatte, zischte er: «Das können Sie nicht machen!»

Sie hob die Schulter und ging weiter, ohne ihn anzusehen. «Doch, kann ich. Fortuna ist mir hold.»

Er beugte sich zu ihr. «Das ist Diebstahl.»

«Quatsch!» Sie winkte ab. «Das Ding ist sowieso kaputt, sie würden es wegwerfen. Keiner wird es vermissen.»

Er blieb stehen. «Also, ich muss protestieren!»

Frau Elster schwang sich aufs Rad. «Das ist ein freies Land, Sie können machen, was Sie wollen.» Und winkte ihm grinsend zu.

Elijah wollte etwas sagen, ihr ins Gewissen reden, aber da war sie schon zu weit weg. Außerdem hatte er einen Termin. Kopfschüttelnd setzte er sich auf seinen Drahtesel, trat er erneut in die Pedale und fuhr zur Kupfertopffabrik Stoner.

Die Fabrik gehörte seit Ewigkeiten zum Stadtbild von Bonpoint. Der Inhaber der Fabrik hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn und Herrn Heidenreich durch sein Unternehmen zu führen, als er sie eingeladen hatte, um die Einweihung des Schmelztiegels zu besprechen. Stolz hatte Emil Stoner davon berichtet, wie er die Fabrik übernommen und das Unternehmen wieder auf Kurs gebracht hatte. Emil Stoner war ein gutaussehender Mann im schicken Anzug. Elijah hatte etwas Hinterhältiges, Eiskaltes in seinen Augen gesehen. Dieser Mann war freundlich, solange man nach seiner Pfeife tanzte. Tat man das nicht, wurde man eiskalt abserviert.

Elijah schloss sein Fahrrad vor dem Haupttor ab und ging am Pförtner vorbei in das Verwaltungsgebäude. Es war ein Neubau mit schlichtem grauem Putz. Bei der Innenausstattung hatte Herr Stoner keine Kosten und Mühen gescheut. Die Wände waren mit Brokattapete aus Italien bezogen oder teilweise mit dunklem Mahagoniholz vertäfelt. Die Arbeitsgeräte entsprachen dem neuesten Stand der Technik. Es war sogar für einen eigenen Telefonanschluss gesorgt.

An der Decke liefen Rohre entlang, durch die Berichte aus den verschiedenen Produktionsbereichen an die Führungsetage geschickt werden konnten. Es zischte und dampfte, aber die Geräusche der Schreibmaschine waren lauter.

Die Sekretärin war eine adrette Frau in kurzen Röcken und feiner Bluse. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem eleganten Dutt gesteckt.

Frau Spiegelmann blickte über die Ränder ihrer Brille zu ihm auf und erhob sich. Sie lächelte professionell. «Guten Tag, Herr Pfarrer.»

Elijah sah auf die Uhr an der Wand. «Guten Tag, Frau Spiegelmann. Ist der Chef bereit für die Einweihung?»

Die Mundwinkel der Frau zuckten. «Es gibt eine Verzögerung, Herr Pfarrer. Herr Stoner befindet sich noch nicht im Haus. Ich habe versucht, ihn zu Hause zu erreichen, doch er geht nicht an sein Telefon. Deshalb habe ich bereits einen Jungen geschickt, nach ihm zu schauen, aber der ist noch nicht zurück.»

Elijah stutzte. Dabei war Herr Stoner doch so energisch gewesen. Er würde doch mit Sicherheit nicht seine eigene Einweihungsfeier verpassen? Elijah hatte plötzlich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Die Sekretärin nahm ein Klemmbrett vom Tisch und bat ihn, ihr zu folgen. Gemeinsam gingen sie über den Hof in die Produktionshalle mit dem neuen Schmelztiegel.

«Alle anderen haben sich schon versammelt, die Produktion steht still – ausgenommen die Schmelze natürlich. Die Vorarbeiterin und ihr Stab sind ebenfalls anwesend. Alles wartet nur noch auf Herrn Stoner.» Sie hievte die Stahltür auf und hielt sie offen, indem sie sich dagegen lehnte, damit Elijah eintreten konnte. «Wie Sie sehen, ist er leider nicht da.»

Elijah betrat die dunkle Halle und blinzelte. Er blieb stehen, bis sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten. Die Halle besaß lediglich wenige kleine Fenster, weshalb der Raum dunkel war und nur von den Gaslampen an der Decke beleuchtet wurde. Noch dazu war es heiß. Verdammt heiß.

Die Maschine mit dem Schmelztiegel war derart riesig, dass sie den halben Raum einnahm. Das Vorgängermodell war schon riesig gewesen, aber das hier konnte man schon als größenwahnsinnig beschreiben. Vor dem wuchtigen Gerät hatten sich schon einige Leute versammelt. Ein paar Arbeiter standen orientierungslos herum, manche wippten vor und zurück. Die meisten trugen nur Hosen, wenige hatten zusätzlich ein Unterhemd an. Einer unterhielt sich mit einer Frau, die sich durch einen langen, grauen Mantel von ihnen unterschied. Das musste die Vorarbeiterin sein.

Elijah hörte, wie hinter ihm die Tür laut scheppernd ins Schloss fiel. Er zuckte zusammen und wandte sich um. Frau Spiegelmann strich ihren Rock glatt und marschierte schnurstracks an ihm vorbei auf die wartende Gruppe zu. Die Leute wandten sich ihnen hoffnungsvoll zu.

Es löste sich die Vorarbeiterin heraus. «Wo ist der Chef?», fragte sie mit tiefer, sanfter Stimme. Sie war von schlanker Gestalt, trug Hosen und Hemd. Das dunkle Gesicht war schmutzig, jedoch fein geschnitten. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem geflochtenen Kranz gebunden.

Frau Spiegelmann hob die Schultern. «Ich hatte gehofft, er wäre in der Zwischenzeit hier aufgetaucht.» Sie wies auf Elijah. «Das ist Herr Fuchs, der Pfarrer, der das Monstrum segnen soll.»

Elijah hielt der Vorarbeiterin die Hand hin. «Guten Tag.»

Die Frau nahm seine Hand und drückte sie fest. «Theissen.»

«Bitte?»

Sie ließ seine Hand los. «Mein Name: Theissen.»

Elijah räusperte sich und rieb sich unauffällig die Hand. «Sehr erfreut.»

Frau Theissen wandte sich zu den Männern um und erklärte ihnen kurz die Sachlage. Solange der Chef nicht da war, konnten sie den Schmelztiegel nicht einweihen und ihre Arbeit nicht weiterführen.

Ein älterer Mann mit Rauschebart meldete sich zu Wort. «Wir können nicht ewig auf ihn warten. Die Maschinen müssen anlaufen, sonst müssen wir mit der Schmelze von vorn beginnen.»

«Stimmt.» Ein jüngerer Mann stimmte zu. «Wenn wir nicht liefern, bleibt die Arbeit in den anderen Abteilungen ebenfalls liegen und wir schaffen die Quote nicht.»

Elijah sah die Sekretärin an. «Quote?»

Es war die Vorarbeiterin, die antwortete: «Wir haben eine tägliche Produktionsquote zu erfüllen. Schaffen wir sie nicht, wird unser Gehalt gekürzt. Liegen wir

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 17.10.2019
ISBN: 978-3-7487-1807-9

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