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Burton Plantage, Tuscaloosa
-1861-



„Hast du mein Reitkleid eingepackt, Netti?“ „Aber natürlich Missie“, antwortete die kleine dralle Haushälterin der Burtons. „Beeilen sie sich doch Missie, sonst verpassen sie ihr Schiff!“ „Netti, ich habe noch ewig Zeit und selbst wenn ich es verpasse, dann fahre ich mit dem Nächsten.“ Lächelnd drehte sich die 15 -jährige Lillith Sophia Burton zu ihrem Vater um, der traurig blickend ihr Zimmer betrat. „Es wird schon alles gut gehen, Daddy, mach dir keine Sorgen, in Madame Beauchamps’ Schule für junge Damen bin ich doch sicher vor dem Krieg.“ „Du schreibst mir aber sofort, wenn du in Schwierigkeiten kommst, ja?“ „Natürlich Daddy.“
Polternd kam die elegante schwarze Kutsche auf der frisch geharkten Einfahrt zum Stehen. Sofort rannten die Stallburschen los um das schwere Gepäck auf der Kutsche zu befestigen.
Eine Stunde später war alles zur Abfahrt bereit und Olli, einer der Stallburschen half der winkenden Lillith in die Kutsche, die sich sodann mit einem lauten Peitschenknall des Kutschers in Bewegung setzte. Nach kurzer Zeit erreichte Lillith die Anlegestelle und wurde stürmisch von ihrer besten Freundin Celine Duralde, die ebenfalls mit nach England fuhr, begrüßt. Schwatzend gingen die beiden jungen Mädchen an Deck des Schaufelraddampfers, der sie nach Mobile bringen sollte.
Nachdem der Steward ihnen ihre Kabine gezeigt hatte, suchten sie sich einen schattigen Platz. Nun erst gönnte sich Lillith einen Augenblick ruhe und beobachtete Celine, die, kaum an Bord schon von einem dienstbeflissenen Eiferer umworben wurde. Celine war, im Gegensatz zu der noch etwas molligen Lillith nicht nur ein Jahr älter, sondern auch gertenschlank mit Haaren, die wie flüssiges Gold schimmerten. Sobald sie erschien war sie der Mittelpunkt eines jeden Festes. Lillith mit ihrem durchschnittlichen Gesicht, ihrem durchschnittlichen Haar und ihrer durchschnittlichen Figur wurde da nicht beachtet. Doch daran störte sich Lillith nicht. Siegönnte Celine die hohe Aufmerksamkeit, denn sie brauchte sie wie die Luft zum Atmen. Sie blühte förmlich unter den Komplimenten der Farmerssöhne auf und nutzte diese natürlich in vollen Zügen aus.
Lillith dagegen genoss ihre Eigenständigkeit, auch wenn sie sich auch manchmal in einsameren Momenten nach einem Bewunderer sehnte. „Hast du schon die neueste Kollektion von Hüten aus Paris gesehen? Letzte Woche ist doch tatsächlich diese dumme Gans Lollette Johnsons mit so einem herumgelaufen, ich komme mir schon vor wie ein Hinterwäldler, fehlt nur noch, dass ich mir ein Fellkleid anziehe und in einer Höhle hause! Wie gut, dass wir nach London gehen, dort werden wir immer die neueste Mode mitmachen, mir wird schon ganz schummerig, wenn ich an all die schönen Stoffe denke, die hier keiner bekommt. Herrje, Lillith du bist heute aber still, freust du dich denn nicht auf London?“ „Doch natürlich Celine, nur ich vermisse Daddy und Netti jetzt schon. Er sah so traurig aus vorhin.“ „Papperlapapp, vermutlich denkt er schon gar nicht mehr dran, nun komm lass uns in die Kabine gehen, damit ich mein Nickerchen machen kann.“ Celine stand auf und zog Lillith auf die Beine. Langsam ging sie der laut schwatzenden Celine hinterher und lies ihren Blick über die vorbeiziehende Flusslandschaft schweifen.


-London 1864-



Das leise Rauschen von edlen Stoffen erfüllte den ehrwürdigen Saal in Madame Beauchamps Schule. Eine freudige Erwartung hing in der Luft, denn heute wurden die Absolventinnen verabschiedet. Nur Lillith verspürte keine Freude. Seit einem Monat hatte ihr Vater ihr nicht mehr geschrieben und am Morgen erreichte sie nun auch die Nachricht, dass Mobile von den Yankees erobert worden ist. Hoffentlich ist der Plantage nichts passiert, nur noch heute Daddy, dann komme ich nach Hause

, dachte sie. „Miss Lillith Sophia Burton!“ riss eine hohe laute Stimme sie aus ihren Gedanken und Celine, die neben ihr saß stieß ihr ihren spitzen Ellenbogen in die Seite. „Lillith, du bist dran, los jetzt!“ Lillith stand schnell auf und ging zu der ungeduldig wartenden Schulleiterin. Diese überreichte ihr, mit einem etwas säuerlichen Blick ihr Abschlusszeugnis. Lillith bedankte sich höflich und kehrte zu ihrem Platz neben Celine zurück. Diese war mittlerweile das Aushängeschild der Schule geworden. Sie sagte immer das richtige, tat das richtige. Kurz sie war perfekt. Madame Beauchamps überreichte ihr gerade strahlend und mit Tränen in den Augen das Zeugnis und Lillith hing wieder ihren trüben Gedanken nach. Nach einer schier endlosen Prozession von Absolventinnen und einer noch längeren fanatischen Rede der Schulleiterin, konnten sie sich endlich in ihre Zimmer zurückziehen um sich für die Heimreise fertig zu machen. Lillith ließ sich von der Zofe in ihr Cremefarbenes Reisekleid helfen und ging los um Celine zu suchen. Sie fand sie -wie nicht anders erwartet- zusammen mit der Schulleiterin Tee trinkend im Salon. „Ah, Lillith da bist du ja, ich habe eine großartige Nachricht! Madame Beau hat mich eingeladen noch eine Woche als ihr Gast zu bleiben, ist das nicht wunderbar? Dann muss ich doch noch nicht so schnell in diese hinterwäldlerische Provinz zurückkehren!“ Und sofort wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Schulleiterin zu. Still verlies Lillith das Zimmer und ging zu der schon wartenden Kutsche. Auf dem Weg zum Hafen beobachtete sie das geschäftige Treiben in den Straßen und in der Ferne konnte sie bereits die Masten der Schiffe erkennen.
Am Pier kam ihr der Kapitän der Searose

, einer dreimastigen Bark, entgegen geeilt, doch sein lächeln erlosch als nur Lillith aus der Kutsche stieg. „Wird Miss Duralde sich verspäten? Miss ähh?“ „Nein Kapitän, sie hat sich entschlossen eine Woche länger hier zu verweilen.“ „Nun gut, Danny wird ihnen den Weg zu ihrer Kabine zeigen“, damit drehte er sich um und ließ Lillith mitten auf dem Pier stehen, während ein stämmiger junger Mann ihr Gepäck nahm und ihr zuzwinkerte. „ Kommense Missie, Danny zeigt ihnen schon ihr gemütliches Plätzchen.“ Vorsichtig ging Lillith über die Planke und folgte dem Matrosen unter Deck. Sie bekam eine kleine, aber saubere Kajüte zugeteilt und Danny brachte ihr restliches Gepäck mit erstaunlicher Geschicklichkeit in der winzigen Kabine unter. „So Missie, wenn’ se noch was brauch’ n rufen se einfach nach mir, ick bring‘ s ihnen dann scho!“ Damit ließ er Lillith allein zurück. Langsam sah sie sich in der kleinen Kajüte um und legte sich auf die Koje.. Schon nach kurzer Zeit war sie tief und fest, durch das gleichmäßige Schaukeln des Schiffes, eingeschlafen.
Ein leises Klopfen riss Lillith am späten Nachmittag aus dem Schlaf. „Hallo, Missie, ich bring ihnen ihr Abendessen, wenn’s recht is und der Käpt’n lässt fragen, ob sie Morgen mit ihm zu Abend essen wollen.“ „Gerne, danke Danny.“ „Sie dürfen natürlich auch auf Deck nach Luft schnapp’n kommen, solang‘ se niemanden im Weg stehen, sagt der Käpt’n. So Missie ich lass sie denne mal alleene, lassen se sichs schmecken.“
Die nächsten Tage und Wochen vergingen nahezu ereignislos und Lillith genoss die geschäftigen Geräusche um sich herum, während sie ihre Bücher las. Nur zu den Abendmahlzeiten, die sie zusammen mit dem Kapitän und den ranghöchsten Offizieren einnahm, verließ sie ihre Kabine.



-Fortsetzung folgt-

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Tag der Veröffentlichung: 13.06.2011

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