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Arbeitstitel: Kapitel 21


Kapitel 21

Es gab im Leben gute Erfahrungen. Und schlechte. Und dann gab es Erfahrungen, die man schwer einordnen konnte. Vielleicht ließen sich diese am besten mit den Attributen intensiv und unvergesslich beschreiben. Die Erlebnisse meiner nächsten Lebensstunde sollten genau zu dieser dritten Kategorie gehören.

Da bis zum Transport zum Flughafen von Phuket noch weit über zwei Stunden verblieben, schlug mir mein thailändischer Begleiter vor, die Zeit im Hotel sinnvoll zu nutzen. Etwas für Seele und Geist zu tun. In der Anlage gäbe es ein sehr gutes Wellness-Center. Vor allem die Thaimasseusen würden zu den besten des Landes gehören. Ich ließ mich schnell überzeugen. Der lange Flug und die Strapazen des Aufenthaltes hatten dazu geführt, dass nicht nur mein Nacken verspannt war. Ich erhoffte Linderung. Was ich bekommen sollte, war eine unendliche Stunde Tortur.

Kaum hatte ich den nach Jasmin und Eukalyptus duftenden länglichen Raum betreten, in dem fünf breite mit bunten Tüchern bedeckte Holzliegen nebeneinander angeordnet waren, empfingen mich zwei kleine, gertenschlanke, schwarzhaarige Thailänderinnen mit braunen Mandelaugen. Sie hätten auch für die Titelseiten von Reiseprospekten Modell stehen können.

Ich konnte mir gratulieren. Ich hatte eine gute Entscheidung getroffen. Die beiden jungen Damen falteten die Hände vor ihre Brust und entboten mir den Wai. Ich hatte in einem Reiseführer gelesen, dass es lächerlich wirken würde, wenn man als Ausländer diese Form des Grußes nachahmen oder wiederholen würde. Ein Kopfnicken und freundliches Lächeln reichten als Antwort völlig aus. Meine Antwort fiel lang und sehr freundlich aus. Ich überlegte mir, welche der beiden hübschen Girls ich mir für meine erste echte Thaimassage aussuchen sollte. Sie waren sich sehr ähnlich, vielleicht handelte es sich um eineiige Zwillinge. Bei einer Miss-World-Wahl hätten sie die Chance, beide auf dem obersten Podest zu stehen. Ich stellte mir vor, wie sie nackend auf meinem Rücken und den Beinen saßen und mich zärtlich einölten und mit ihren zarten Fingern meine empfindlichsten Stellen berührten. Meine typisch männlich sexistische Fantasie blieb nicht ohne Folgen: Das Volumen in meiner Badehose vergrößerte sich schlagartig. Ich wollte Peinlichkeiten vermeiden und schüttelte daher kräftig den Kopf, um den Verstand zurückzuholen. Nach dem Zufallsprinzip hob ich spontan meinen Finger, um auf eine der beiden Masseusen zeigen, als plötzlich originale thailändische Musik aus den an der Decke angebrachten Lautsprecherboxen ertönte und sich die Tür öffnete. Herein kam auch ein thailändisches Original.

Die Dame war groß, hatte die mittelalterlichen Jahre wohl gerade hinter sich und besaß nicht die typisch thailändische Knabenfigur. Obwohl ich mit dem Schätzen immer Probleme hatte, wäre ich in diesem Fall bereit gewesen, einige Hundert Euro zu wetten, dass die Dame mindestens siebzig Kilo auf die Waage bringen würde. Ohne Kleidung. Die war aber bestimmt nicht allzu schwer. Sie trug eine gelbe, über dem wulstigen Bauch zusammengebundene Bluse und eine enge, hellblaue Dreiviertelhose, deren Enden bis über die Knie hochgeschlagen waren. Die roten Flip-Flops zählten bei der Schätzung nicht, die würde sie ja vor dem Wiegen sicher ausziehen. Sie deutete den Wai nur kurz an, die beiden jungen Thailänderinnen, denen ich eine so herausragende Rolle in meinen Fantasien zugebilligt hatte, verbeugten sich dagegen fast bis zum Erdboden und verließen schnellen Schrittes den Raum. Ich musste es mit einer herausragenden Persönlichkeit zu tun haben. Das Volumen meiner Badehose hatte sofort ihr ursprüngliches Maß zurück.

Sie begrüßte mich mit einem Englisch, von dem ich zunächst nur jedes dritte Wort verstehen konnte, aber immerhin so viel, dass mir klar wurde, ein Auserwählter zu sein. Mir wurde eine besondere Ehre zuteil: Die Chefin der Anlage und gleichzeitig älteste und erfahrenste Masseuse würde mir die alte Kunst der Thai Massage zeigen. Mein Begleiter hatte wohl Reklame für mich gemacht. Dafür konnte ich ihm nicht wirklich dankbar sein.
Das Volumen meiner Hose verringerte sich weiter.

Sie deutete auf die erste Liege. Ich erklärte ihr, dass dies mein erstes Mal sei. Sie kicherte wie ein junges Mädchen, ohne dass dies wirklich verjüngende Auswirkungen auf ihr Aussehen hatte und fragte mich, ob ich es heavy, medium oder soft haben wolle.
Ohne die genauen graduellen oder qualitativen Unterschiede zu kennen, fiel mir als ehemaliges Weichei die Antwort leicht. „Soft. Very soft.“
Ich frage mich noch heute, was mit mir passiert wäre, wenn ich mich für die harte Variante entschieden hätte. Wahrscheinlich wäre mir der Rollstuhl nicht erspart geblieben.
Ich machte mir Mut, das Aussehen einer Masseuse sei doch für die Qualität einer Massage zweitrangig, die Erfahrung und das persönliche Talent zählten. Beides hatte Pornpin, so hatte ich ihren Namen jedenfalls verstanden, sicher zur Genüge. Aber auch Gewicht. Und dies sollte mir fast zum Verhängnis werden.

Die ersten Minuten waren nicht besonders angenehm, aber auch nicht sonderlich schmerzvoll. Sie zog, nachdem sie mich mit einem langen Frottehandtuch zugedeckt hatte, so kräftig an meinen Gliedern, bis sie laut knackten. Als sie auch meine Finger auf Überlänge dehnen wollte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Bestimmt würde sie mir das wieder angenähte und gut verheilte Endglied meines kleinen linken Fingers abreißen. Zum Glück war sie aufmerksamer und sensibler als ich ihr dies zugetraut hätte.
Sie bemerkte die Narbe und hatte mit meinem Finger Mitleid. Sie ruckte nur kurz an der Wurzel. Ich atmete tief durch.

Mein Ziel war es, diese sechzig Minuten wie ein Mann ohne Weinen und Schreien durchzustehen. Bei einer normalen physiotherapeutischen Rückenmassage wäre mir dies auch ganz sicher gelungen. Aber ich hatte Original-Thai gewählt. Als ich den Kopf leicht zur Seite drehte, sah ich, wie die dicke Lady breitbeinig über mir stand. Mit den Händen hielt sie sich an einem hellblauen Schal fest, der wie ein Seil von der Decke baumelte. Wahrscheinlich hatte sie Mühe, ihren Kugelbauch im Gleichgewicht zu halten und nicht von der hohen Liege zu stürzen. Kaum hatte ich meinen Kopf wieder über das kunstlederne mit einem dunkelblauen Handtuch umwickelte Rollkissen geschoben und in den bauchigen duftölgefüllten Tontopf am Kopfende geschaut und dabei das intensive Eukalyptusaroma (oder war es Jasmin oder eine Mischung von beiden?, mein Geruchssinn hatte offenbar gelitten) bis in die letzte Gehirnwindung aufgenommen, spürte ich ihren Fuß auf meinem rechten hinteren Oberschenkel. Meine Muskeln waren dank der täglichen Kraftübungen und der Schwimmwettbewerbe mit Joanne gut trainiert und doch hatte ich das Gefühl, sie würden reißen, als ich erst auf meinem rechten, dann auf meinem linken Schenkel ihren Fuß und ihr Gewicht spürte. Mir traten die Tränen in die Augen. Zum Glück lag ich auf dem Bauch und sie konnte meine Schwäche nicht sehen. Sie begann abwechselnd auf meinen Muskeln oder dem, was davon noch übrig geblieben war, herumzutreten. Dabei summte sie die Kling-Klang- oder Ding-Dong-Melodie, die nervig aus dem Lautsprecher dröhnte, fröhlich mit.
„Wärie gooot, Miester Täna. The best Mässaage of the World.“
Ich konnte ihr weder zustimmen noch widersprechen, ich konnte nur versuchen, nicht zu schreien und nicht ohnmächtig zu werden. Noch fünfzig Minuten bis Buffalo. Ich bekam eine praktische Demonstration von Einsteins Relativitätstheorie. Die Zeit war in der Tat sehr relativ. Mal mehr, mal weniger. Je nach Situation und Gewichtsklasse.

Zum Glück hatte ihr Gewicht nicht nur meine Muskeln abgeklemmt, sondern auch einige Nervenknoten. Das Hämmern ihrer Handkantenschläge auf meinem Nacken und den Schultern konnte ich zwar hören, aber kaum spüren. Auch die Ellenbogen und Unterarme, die sie mir langsam in die Seite und in die unteren Rückenpartien drückte, vermochte ich zwar aus den Augenwinkeln zu erahnen, aber sie erzeugten keine Schmerzen mehr. Als sie mit ihren kräftigen Fingern meine Schulterpartie durchknetete und meine Schläfen fast gefühlvoll rieb, begann ich das erste Mal nachzuempfinden, warum manche Europäer so verrückt nach dieser traditionellen Form der Massage sind.
Allerdings dauerte dieses halbwegs angenehme Gefühl nur einen Bruchteil der Gesamtzeit. Ich spürte nämlich kurz darauf das Sumo-Ringer-Gewicht auf meinem Gesäß. Sie hatte sich tatsächlich auf mich gekniet, packte meine Handgelenke und zog meinen gesamten Oberkörper einen halben Meter in die Höhe. Einer der Rückenwirbel gab ein verdächtiges Geräusch von sich.
Gerade, als ich mit dem Beten beginnen wollte, wurde ich von der immer noch fröhlichen und sangesbegierigen Lady aufgefordert, mich auf den Rücken zu legen. Mit einiger Willensanstrengung gelang die Übung. Sie hob abwechselnd meine Beine, und nachdem sie diese ausgeschüttelt und gelockert und fast zärtlich mit Kokosöl eingerieben hatte, was dennoch zu keiner erotischen oder gar sexistischen Fantasie bei mir führte, bewies sie mir, wie gelenkig man auch noch als älterer Mensch sein kann. Ich sah mein Knie neben meiner rechten Schulter. Ob es sich um das rechte oder gar linke Knie handelte, vermochte ich nicht genau wahrzunehmen. Meine Augen waren mit Wasser gefüllt und zu meinem Körper hatte ich jede Beziehung verloren. Die Buddhisten hatten recht, man konnte die Seele vom Körper lösen. Oder umgekehrt. Es bedurfte nur der richtigen Massagetechnik.
Ich begann jetzt wirklich, ein leises Stoßgebet gegen die gelbe mit rosafarbenen Orchideen verzierte Decke zu richten.
„Bitte, lass die überdehnten Bänder nicht reißen!
Ich will keine Seele im Rollstuhl sein!“
Mein Gebet musste erhört worden sein, die Muskeln, Sehnen und Bänder hielten der Belastung stand. Zumindest bis zu diesem Augenblick. Aber wie misst man Augenblicke?
Die nächsten Minuten verlor ich jedes Zeitgefühl und fast das Bewusstsein. Ding Dong. Kling Klang. Von diesen Lauten würde ich noch in vielen Jahren träumen. Sofern mir diese noch vergönnt waren. Die sechzig Minuten streckten sich so unendlich lang, dass ich in dieser Zeit einen halben Willi-Valdez-Roman hätte schreiben können. Schade, dass ich dies nicht vor der Sitzung gewusst hatte.
Und sitzen musste ich zum Schluss auch. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Lady zeigte mir, dass meine Arme noch genauso gelenkig waren wie meine Beine. Ich hatte den Beruf verfehlt, ich hätte als Kind bereits trainieren sollen, dann hätte ich als Schlangenmensch im Varietee meinen Lebensunterhalt verdienen können und müsste nicht unter Einsatz meines Lebens Bösewichter in aller Welt jagen. Jetzt kam das Training wohl zu spät. Oder auch nicht. Noch drei solcher Massagen und ich wäre imstande, mit Joanne das gesamte Kamasutra praktisch nachzuspielen.
Plötzlich verebbte das Ding Dong. Ich hörte ein Wort, das mich mit einer tiefen Demut und Dankbarkeit erfüllte. „Finish“.
Ich zeigte ein wahrscheinlich ziemlich dümmliches Lächeln.
Jetzt musste es mir nur noch gelingen, von der Liege herabzusteigen. Ich schloss die Augen, konzentrierte mich und versuchte, die Herrschaft der Seele über den Körper zurückzuerobern.
Irgendwie gelang die magische Übung. Vielleicht sollte ich nicht Schlangenmensch, sondern Mönch werden. Natürlich in einem buddhistischen Kloster.
Ich stand plötzlich neben der Liege, obwohl ich nicht wusste, wie ich dies ohne Hilfe geschafft hatte. Dann streckte ich meine Arme nach oben, drehte mehrmals meinen Kopf und schüttelte meine Beine aus. Alles war noch vorhanden und funktionierte ohne Probleme. Glücklich wischte ich mir die Augen trocken.
Die Lady verstand wohl nicht ganz, warum ich nach so viel Entspannung noch weiterer Lockerungsübungen bedurfte. Ich schon. Sie kicherte und meinte freundlich: „Next time you can get the medium level.”
Ganz sicher. Am besten gleich heavy. Aber dazu sollte Madam Pornpin vielleicht noch fünf Kilo zulegen. Diesen Rat gab ich ihr aber nicht. Ich wollte sie nicht brüskieren und mich selbst nicht blamieren, indem ich zugab, zu weich für diese Art der Massage zu sein. Ich würde in der Wellness-Oase unweit unseres Hauses in Fort Lauderdale weiterhin die normale Rücken- und Schultermassage europäischen Stils buchen.
Mein Begleiter hatte mir geraten, der Masseuse ein Tip in Höhe von einhundert Baht zu geben. Sofern ich mit ihren Diensten zufrieden war. Ich war sehr zufrieden, ich lebte noch und war kein Krüppel. Ich gab der Dame, die mir diese Erfahrung der Kategorie Drei verschafft hatte, ein typisches Tenner-Trinkgeld, nämlich eine Tausend-Baht-Note, damit immerhin sechshundert Baht für den privaten Verzehr.
Sie lächelte und deutete zumindest einen Wai an. In ihrer Stellung war solch ein hohes Trinkgeld wohl an der Tagesordnung.
Bestimmt wurden nur die Honoratioren der Region von ihr massiert oder malträtiert. Sie wussten die intensive Hand- und Fußarbeit und die Gesangsbegleitung sicher zu würdigen.
Ich schämte mich fast für meine Empfindlichkeit und nickte kurz.
Aber als ich mich geduscht und angezogen hatte, fühlte ich mich wie nach dem Kampf mit Hugo in meinem Badezimmer. Erschöpft, ausgepumpt, aber zufrieden. Voller Lebenslust. Auch jetzt hatte ich gewonnen: Ich hatte die unendliche Stunde, ich hatte alle Foltergriffe und –tritte, ich hatte mein erstes Mal tapfer überstanden. Auch wenn es kein zweites Mal geben würde, war ich jetzt bereit und wenngleich physisch etwas geschwächt, doch mental gestärkt für die kommende große und wie ich ahnte, blutige Aufgabe: für die Mörderjagd in Florida.
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Copyright Texte: Text ist urheberrechtlich geschützt. Text ist dem 3. Band der "Weichei-Trilogie" entnommen. Siehe: www.Frank-Tenner.net
Copyright Bildmaterialien: Entnommen dem Tenner-Detektivroman
Tag der Veröffentlichung: 27.02.2013

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