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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

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Leseprobe Frostmagie – Eine Hexe zu Halloween

 

 

 

 

 

Deutsche Erstausgabe Oktober 2021

Copyright © Grace C. Stone

Umschlaggestaltung: Grace C. Stone

Korrektorat: Conny Egger & Bianca Koss

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Zustimmung der Autorin zulässig.

Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Grace C. Stone

c/o S. Gräbener

Torstraße 11

37139 Adelebsen

 

E-Mail: grace.c.stone@gmail.com

Homepage: www.gracecstone.com

Facebook: www.facebook.com/author.grace.c.stone/

Instagram: www.instagram.com/grace.c.stone

1. Kapitel

Es war kalt hier draußen und ich bereute es beinahe, meiner Neugier nachgegeben und Patrick heimlich in den Wald gefolgt zu sein. Erst als ich die Lichtung mit dem Steinkreis erreichte, vergaß ich, wie sehr ich fror, denn das Bild, welches sich mir bot, erinnerte an einen Film.

Gut ein Dutzend Männer in schwarzen Kutten standen im Halbkreis vor dem steinernen Altar. Sie alle hatten die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, doch ich erkannte trotzdem, dass sie maskiert waren.

Eine junge Frau mit dunklem langen Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, kniete vor ihnen und wirkte ein wenig abwesend, so als stünde sie unter Drogen. Nun trat einer nach dem anderen vor sie hin und legte ihr ein goldenes Schmuckstück an.

Nachdem alle fertig waren, stellte sich einer von ihnen hinter sie. Er trug eine goldene Maske mit Hörnern und hob sich dadurch deutlich von den anderen ab. In seiner Hand hielt er einen Dolch, den er nun erhob. Doch plötzlich zögerte er.

»Ich kann das nicht!«

Zuerst war es nur ein Flüstern, doch schließlich rief er die Worte so laut, dass ich sie eindeutig hören konnte. Die junge Frau sah sich verwirrt um und wich plötzlich vor ihm zurück. Vermutlich hatte sie die Waffe entdeckt. Mich hätte das an ihrer Stelle auch beunruhigt. Doch ehe sie aufstehen konnte war da ein anderer Mann, mit den dunkelsten Augen, die ich je gesehen hatte. Er packte sie und schnitt ihr, ohne zu zögern, die Kehle durch. Das Blut tränkte ihr schneeweißes Kleid und ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

Während ihr der Schrei nie über die Lippen kam, war ich es, die ihn nicht zurückhalten konnte.

 

Ich erwachte schweißgebadet im Bett in meinem winzigen Apartment mitten in New York City. Nachdem ich das Licht eingeschaltet hatte, zwang ich mich ruhig zu atmen und stand auf, um mir etwas zu trinken zu holen.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, griff ich zu meinem Traumtagebuch und machte eine kurze Notiz: Er ist zurück!

Das war nicht das erste Mal, dass ich dies geträumt hatte. Allerdings war es lange her und insgeheim hatte ich gehofft, ihn endlich hinter mir gelassen zu haben. Doch eigentlich hätte ich es besser wissen müssen.

Vermutlich hatte die anstehende Reise nach Frost Creek etwas in mir getriggert, was zum wiederholten Male in diesem Albtraum geendet hatte.

Verdammt! Ich hasste diese alljährlichen Familientreffen wie die Pest. Es war wie immer, kaum hatte ich die Stadt durchquert, war es, als würde etwas Dunkles, Angsteinflößendes nach mir greifen.

In den vergangenen zwei Jahren war es mir gelungen, Ausreden zu finden, um nicht nach Frost Creek Mansion kommen zu müssen, doch dieses Mal hatte Dad darauf bestanden. Er hatte mir sogar angedroht, mich höchstpersönlich hier in New York abzuholen, sollte ich mich weigern zu erscheinen, weshalb mir nichts anderes übrig blieb als morgen früh nach New Hampshire zu fahren.

Insgeheim hatte ich ein wenig darauf gehofft, dass meine Chefin mir nicht frei geben würde, doch sie war der Meinung, dass diese Reise wichtig für mich war, um möglicherweise zum Kern der Albträume vorzudringen.

Ich arbeitete in einer Praxis für Psychotherapie. Tatsächlich hatte ich mich für diesen Beruf entschieden, weil ich gehofft hatte, mich besser verstehen zu können. Im letzten Semester hatte einer unserer Dozenten uns dann erklärt, dass es nicht möglich sei, sich selbst zu therapieren, weshalb ich mir schließlich jemanden gesucht hatte, mit dem ich über alles reden konnte, was mich beschäftigte. So war ich bei meiner jetzigen Chefin gelandet. Wir waren ein tolles Team und sie hatte mir unheimlich viel beigebracht.

Über Halloween war in der Praxis ohnehin nicht viel los und daher hatte sie mich für eine ganze Woche freigestellt. Auf der einen Seite verfluchte ich sie insgeheim dafür, auf der anderen freute ich mich aber auch, meine Familie zu sehen. Sie waren nicht der Grund, warum ich mich so rar machte. Es war das Anwesen, welches mir eine Gänsehaut verursachte.

Als Kind hatte ich es geliebt, mit meinem Bruder Shane und unserem Cousin Patrick den Sommer in Frost Creek zu verbringen. Die Stadt war wie in einem kitschigen Film, einfach der perfekte Ort. Die Menschen, die dort lebten, waren unheimlich nett und irgendwie schien jeder jeden zu kennen und waren dann auch da, wenn Hilfe gebraucht wurde. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Damals hatte Großmutter noch gelebt und sie war so herzlich gewesen, dass sie dadurch das ganze Haus erhellt hatte. Mit fünfzehn war ich ein letztes Mal in den Ferien dort gewesen. In dem Jahr war nicht nur meine Oma gestorben, da hatten die Albträume angefangen. Seither hatte ich meine Eltern nur noch zum traditionellen Familientreffen zu Grandpas Geburtstag am 31. Oktober begleitet und auch das nur, wenn ich keine andere Wahl gehabt hatte.

Erschöpft ließ ich mich in die Kissen sinken. Es war gerade drei Uhr in der Nacht und ich hatte eine lange Fahrt vor mir. Ich musste unbedingt noch etwas schlafen. Doch jedes Mal, wenn ich die Lider sinken ließ, sah ich wieder, wie das rote Blut des Mädchens ihr Kleid tränkte, und dann waren da diese Augen. So intensiv.

 

Es hatte ewig gedauert, bis ich eingeschlafen war, mit dem Resultat, dass ich den Wecker nicht gehört hatte. Gegen Mittag war ich dann endlich aufgebrochen und um kurz nach vier passierte ich schließlich das schmiedeeiserne Tor und fuhr die gepflegte Einfahrt entlang.

Das Anwesen lag etwa fünfzehn Minuten außerhalb der Stadt in einem kleinen Wäldchen. Der Garten war riesig. Es gab einen Springbrunnen direkt vor dem Haus, einen See samt Bootshaus, Stallungen für die Pferde, ein wunderschönes altes Gewächshaus und sogar eine kleine Kapelle neben der Familiengruft.

Als Kind war dies mein Lieblingsort gewesen. Dort hatte ich mich sicher gefühlt, beschützt und geborgen. Shane und Patrick hingegen hatten den Steinkreis im Wald bevorzugt, obwohl Großvater uns strengstens verboten hatte, an diesem Ort zu spielen. Einmal hatte er uns dort erwischt, als die Jungs mich gezwungen hatten, mich auf den steinernen Altar zu legen. Sie hatten behauptet sie seien Druiden und ich ihr Opfer für die alten Götter.

Dort zu liegen hatte mich regelrecht in Panik versetzt und Großvater musste meine Schreie gehört haben, anders konnte ich mir nicht erklären, dass er genau im richtigen Moment dort aufgetaucht war. Shane und Patrick hatten damals jeweils die Tracht Prügel ihres Lebens kassiert und mich danach in Ruhe gelassen.

Dennoch hatten sie sich auch weiter heimlich zum Steinkreis geschlichen. Shane hatte mir vor einigen Jahren erzählt, dass Patrick diese ganze Opfer-Sache wohl sehr ernst genommen und angeblich kleinere Tiere dort getötet hatte.

Ich fragte mich ernsthaft, warum mir diese Geschichte ausgerechnet jetzt einfallen musste, wo ich mich dem Herrenhaus näherte? Diese blöden Märchen, die die beiden mir aufgetischt hatten, waren vermutlich einer der Hauptgründe, warum ich nach wie vor von diesen Albträumen gequält wurde.

Kaum hatte ich den Wagen auf dem Parkplatz neben dem SUV meines Bruders abgestellt, kam Shane mir auch schon entgegen, um mich zu begrüßen.

»Du bist wirklich gekommen. Ich habe gewettet, du würdest dich wieder drücken«, sagte er und ich lachte.

»Glaub mir, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass Dad mich tatsächlich persönlich holen kommt, ich wäre jetzt nicht hier«, seufzte ich, umarmte ihn aber dennoch herzlich.

»Ich garantiere dir, das werden ein paar lustige Tage. Außerdem hast du Rosi ewig nicht gesehen, sie kann inzwischen schon laufen. Es ist irre, wie flink sie ist. Man muss höllisch aufpassen.«

Obwohl Shane nur zwei Jahre älter war als ich, also siebenundzwanzig, war er bereits verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Ich hingegen hatte keinerlei Interesse an einer festen Beziehung. Die längste Zeit, die ich mit einem Mann verbracht hatte, waren drei Monate gewesen, dann war er zu anhänglich geworden und hatte versucht mich zu bevormunden. Damit hatte er sich blitzschnell disqualifiziert, denn ich war es leid, mir von Männern in meinem Umfeld sagen zu lassen, was ich tun durfte und was nicht.

»Komm, lass uns reingehen. Die anderen warten bereits auf dich«, riss Shane mich aus meinen Gedanken.

Er nahm mir den Koffer ab und ich folgte ihm durch den Seiteneingang ins Haus. Im Wohnzimmer wurde ich sehr herzlich begrüßt. Mom war die Erste, die mich in die Arme schloss. Wir hatten uns zuletzt an meinem Geburtstag Ende April gesehen, was eindeutig zu lange her war.

»Es ist schön, dass du da bist. Das bedeutet uns allen sehr viel«, flüsterte Dad mir ins Ohr, der als Nächster an der Reihe war, und ich schenkte ihm ein Lächeln.

Es fühlte sich zwar ein wenig gezwungen an, aber jetzt, da ich hier war, begann ich tatsächlich ganz langsam, mich zu entspannen. Onkel Finn und Tante Anne, die Eltern von Patrick, umarmten mich ebenfalls herzlich. Selbst mein Cousin drückte mich fest an sich.

Grandpa erhob sich recht mühselig aus seinem Sessel am Kamin, doch er wirkte nach wie vor ziemlich fit für sein Alter. Immerhin stand morgen sein siebenundachtzigster Geburtstag an.

»Cassidy, du wirst von Jahr zu Jahr schöner. Komm her und begrüß deinen alten Großvater«, forderte er lächelnd und ich warf mich in seine Arme.

Jetzt wo ich hier war, fiel mir erst auf, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Ich hatte diesen Ort gemieden, aber die Menschen fehlten mir dennoch. Vielleicht war es an der Zeit, mich meinen Ängsten endlich zu stellen. Insgeheim war ich Dad inzwischen sogar dankbar, dass er mich mehr oder weniger gezwungen hatte, herzukommen.

Ich atmete tief ein und blinzelte die aufsteigenden Tränen fort, ehe ich Grandpa ansah. »Wie geht es dir?«

»Ich bin nicht mehr der Jüngste, das spüre ich immer deutlicher. Gerade jetzt, wo es kälter wird schmerzen die alten Knochen. Komm, setz dich zu mir und erzähl, was du so treibst. Bist du glücklich, mein Engel?«

Ich nahm im Sessel ihm gegenüber Platz und beantwortete geduldig all seine Fragen.

So sehr ich mich dagegen gesträubt hatte zu kommen, so sehr genoss ich es nun doch, hier zu sein. Es war wirklich erstaunlich.

 

Draußen dämmerte es bereits, als es an der Tür klingelte. Patrick machte sich umgehend auf den Weg, um zu öffnen, und kam wenig später in Begleitung eines großen, dunkelhaarigen Mannes wieder.

»Logan, wie schön, dass du doch schon kommen konntest«, rief mein Großvater aus, ehe er uns einander vorstellte.

Logans Vater war offenbar ein guter Freund der Familie gewesen. Grandpa hatte ihn einladen wollen, doch der alte Herr war bereits vor einigen Jahren verstorben, woraufhin sein Sohn an seiner Stelle gekommen war.

Ich stand auf, um ihm die Hand zu schütteln. Als sich nun unsere Blicke trafen, erstarrte ich, denn ich wurde ohne Vorwarnung in den Traum der vergangenen Nacht katapultiert. Diese Augen waren denen des Mannes, der das Mädchen getötet hatte, unheimlich ähnlich.

Viel zu hektisch ließ ich seine Hand los und trat instinktiv einen Schritt zurück, woraufhin Logan verwundert den Kopf schräg legte und mich misstrauisch musterte.

»Entschuldigung, ich muss kurz ins Bad«, sagte ich schnell und verließ fluchtartig den Raum, denn ich war mir nicht sicher, wie lange meine Beine mich noch tragen konnten.

Mir war bewusst, dass dieses Verhalten schrecklich unhöflich war, aber dieser Augenblick hatte ausgereicht, um mich völlig aus der Fassung zu bringen. Mit einem Mal wusste ich wieder, warum ich diese Feiern so sehr verabscheute. Es lag nicht an meiner Familie, oder dem Haus, es waren die Gäste. Grandpas Freunde waren mir schon immer unheimlich gewesen.

Ich verriegelte die Tür zum Gästebad und drehte das Wasser auf, welches ich mir erst über die Unterarme laufen ließ und anschließend legte ich mir die kalten Hände in den Nacken.

Verdammt, ich hatte so lange Ruhe gehabt. Es war ja nicht so, als hätte ich diese Träume oder die angespannte Situation mit meiner Familie verdrängt. Ganz im Gegenteil, ich hatte unzählige Stunden auf der Couch meiner Chefin zugebracht und versucht, sie zu analysieren. Letztendlich waren wir beide zu dem Schluss gekommen, dass die Geschichten von Menschenopfern und heidnischen Ritualen, die Shane und Patrick mir aufgetischt hatten, im Zusammenspiel mit dem Verlust meiner Großmutter diese höchstwahrscheinlich ausgelöst hatten. Das erklärte aber nicht, warum ein einziger Blick in Logans Augen mich derart aus der Bahn warf.

2. Kapitel

Die Art und Weise, wie Cassidy mich angesehen hatte, verwunderte mich. Für gewöhnlich warfen sich mir die Frauen reihenweise an den Hals. Doch sie hatte eindeutig Angst vor mir.

Nicht, dass ich das nicht genoss, der Sadist in mir liebte diesen Blick, aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Da war etwas in ihren Augen gewesen, dass mich beunruhigte. Es gab schließlich einen guten Grund, warum ich heute hier war. Wie in jedem Jahrzehnt war es an der Zeit, meinen Tribut von den O`Briens einzufordern.

Immerhin verdankten sie mir neben Reichtum und Erfolg auch diese hübsche florierende Kleinstadt, in der alle so glücklich waren. Da war das eine Leben, das ich im Gegenzug bekam, ja wohl nicht zu viel verlangt.

Die Söhne der Gründerfamilien wurden bereits seit dem Pakt, den ihre Urahnen im siebzehnten Jahrhundert mit mir geschlossen hatten, in das Familiengeheimnis eingeweiht. Die Frauen hingegen hatten keine Ahnung, und das war gut so.

Mich hielt dieser Pakt seither am Leben. Mir zu Ehren wurde Blut vergossen, wie in den alten Zeiten, und die Rituale stärkten mich zusätzlich. Der Glaube an mich und meine Macht schenkte mir genau diese. Dadurch würde ich nicht einfach so vergessen werden wie die anderen.

Ich hatte mich angepasst und führte ein gutes Leben, genau wie die O`Briens und die Bewohner von Frost Creek. Letztendlich konnten beide Seiten nur gewinnen.

Sie hatten jedoch keine Ahnung, dass auch ich sie brauchte. Diese Menschen wussten zwar um meine Macht, die Magie, die ich in mir trug, doch sie ahnten zum Glück nicht, dass ich mich ohne sie und ihren Glauben einfach in Nichts auflösen würde.

Leider war ich ebenso abhängig von diesem Pakt wie sie und somit konnte ich keine Schwierigkeiten gebrauchen.

Der jeweilige Hohepriester brachte mir alle zehn Jahre ein Menschenopfer und zusätzlich wurden zu meinen Ehren regelmäßig Rituale abgehalten. Bei der letzten Opferung war allerdings etwas schiefgelaufen. In dieser Nacht war Cassidy ihrem Cousin, der damals zum ersten Mal an den Feierlichkeiten hatte teilnehmen dürfen, gefolgt.

Das Mädchen hatte sich versteckt gehalten und uns beobachtet. Wir hatten sie nur entdeckt, weil sie entsetzt aufgeschrien hatte, als ich dem Opfer die Kehle durchgeschnitten hatte. Dies war eigentlich nicht meine Aufgabe, aber da ihr Onkel nicht in der Lage gewesen war, zu töten, hatte ich eingreifen müssen, ehe alles beinahe aus dem Ruder gelaufen wäre.

Dank meiner Fähigkeiten hatte ich anschließend zwar Cassidys Erinnerung manipulieren können, doch seither war sie nur noch selten hergekommen und wurde laut ihrem Vater von Albträumen geplagt.

Da die Frauen und Töchter der O`Briens grundsätzlich nicht in die Rituale eingebunden wurden, wäre es ein Problem, sollte sie mich wirklich erkannt haben. In dem Fall gab es eigentlich nur eine Lösung und die würde ihren Tod bedeuten. Was diese Regel anging, war ich bisher nie kompromissbereit gewesen.

Wenn ich mir die junge Frau nun allerdings ansah, gab es möglicherweise doch noch eine zweite Möglichkeit.

»Ich entschuldige mich vielmals für das Verhalten meiner Tochter. Das sieht ihr gar nicht ähnlich«, riss Cassidys Vater Colin mich in diesem Moment aus meinen Gedanken.

»Sie erinnert sich an mich«, stellte ich fest, was ihm die Farbe aus dem Gesicht trieb.

»Das ist unmöglich.«

»Nichts ist unmöglich«, berichtigte ich ihn.

»Bitte, kannst du nicht etwas tun? Sie ist so eine tolle junge Frau«, flehte er, denn ich hatte ihm bereits in der Nacht vor zehn Jahren sehr deutlich gemacht, was mit ihr geschehen musste, sollte sie sich an mich erinnern.

Das war auch der Grund, warum ich darauf bestanden hatte, dass sie dieses Jahr zu Samhain herkam. Ich musste sichergehen. Selbst wenn sie keine Ahnung hatte, was ich wirklich war, so hatte sie mich doch dabei beobachtet, wie ich einen Mord begangen hatte. Sie konnte mir damit sehr schaden, denn letztendlich war auch ich ein lebendes Wesen, mit einem Wohnsitz, wo mich die Polizei finden konnte. Ich würde es zwar niemals zulassen, dass ich verhaftet würde, dennoch konnte der bloße Verdacht mir das Leben unnötig schwer machen.

Es war schon umständlich genug, meine Unsterblichkeit zu verbergen. Ich musste regelmäßig umziehen und meine Magie dafür nutzen, mich altern zu lassen. Es war lästig. Außerdem sehnte ich mich seit Ewigkeiten nach einer Gefährtin. Ich war, soweit ich wusste, der Letzte meiner Art. Die anderen waren einfach vergessen worden.

»Es gäbe da vielleicht eine Möglichkeit sie zu verschonen«, sagte ich mehr zu mir selbst als zu Colin.

»Ich tue alles, was du willst.«

»Nicht du bist derjenige, der dafür etwas tun muss. Das liegt ganz in Cassidys Hand.«

3. Kapitel

Ich schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, ehe ich mich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer machte. Lächelnd betrat ich den Raum. Die Stimmung war deutlich angespannter als vor Logans Ankunft. Dad sowie Grandpa musterten mich besorgt, weshalb ich sofort zu ihnen ging, um zu versichern, dass alles in Ordnung war.

Anschließend wandte ich mich an Logan, denn er musste mich ja für extrem seltsam halten. »Entschuldigen Sie bitte meinen Abgang von eben. Ich habe nicht besonders viel geschlafen letzte Nacht und die Fahrt hierher war sehr anstrengend. Mein Kreislauf wollte plötzlich nicht mehr so wie ich.«

»Können wir vielleicht direkt zum Du übergehen?«, fragte er und ich nickte lächelnd. »Gut, möchtest du etwas essen?«

»Julia bereitet das Dinner für acht Uhr heute Abend zu. Sie macht dir aber sicher gerne einen Snack, wenn du sie fragst«, warf Grandpa ein.

»Das ist vermutlich eine gute Idee. Ich habe nur gefrühstückt und ich sterbe vor Hunger«, gestand ich.

»Dann besorgen wir dir mal was Leckeres«, bemerkte Logan, legte mir die Hand an den unteren Rücken und dirigierte mich so zur Tür.

Es war seltsam, mit ihm allein zu sein, und ich war heilfroh, als wir endlich die Küche erreicht hatten. Julia war schon seit meiner Kindheit Haushälterin in Frost Creek Mansion. Sie erinnerte mich immer an Fräulein Rottenmeier aus Heidi. Allerdings nur optisch. Julia war der herzlichste Mensch, den ich kannte.

Als sie mich erblickte, ließ sie prompt den Kochlöffel fallen und zog mich in ihre Arme. »Cassidy, da bist du ja. Gott, wir haben dich so vermisst«, rief sie aus.

»Ich euch auch. Es tut mir leid, dass ich so lange nicht hier war.«

»Das will ich dir auch geraten haben. Du bist ja ganz blass. Setz dich, Kind, ich mach dir schnell ein Sandwich. Erdnussbutter und Gelee?«

»Das klingt perfekt«, entgegnete ich.

Indes war Logan zum Kühlschrank gegangen und hatte eine Flasche Cola herausgeholt. Anschließend schenkte er uns beiden jeweils ein Glas ein.

 

Nachdem ich etwas zu mir genommen hatte, fühlte ich mich tatsächlich besser.

»Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?«, wollte Logan wissen, als ich mein Glas geleert hatte.

»Das ist eine hervorragende Idee.«

Etwas frische Luft konnte sicher nicht schaden und inzwischen fühlte ich mich auch nicht mehr so unwohl in seiner Gesellschaft. Er wirkte auf mich sehr offen und freundlich. Es gab also keinen Grund zur Sorge.

Ich stand auf, verabschiedete mich von Julia, verließ die Küche und lief den Flur entlang. Vorne an der Treppe hatte Shane meinen Koffer abgestellt und darauf hatte ich meinen Mantel abgelegt, den ich nun anzog. Logan hatte sich ebenfalls eine Jacke übergezogen und gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach draußen.

Instinktiv schlug ich den Weg zu den Ställen ein. Früher waren meine Großeltern selbst Züchter gewesen. Heute hatte Grandpa die Anzahl der Tiere deutlich reduziert und ich war neugierig, ob sie mich noch kannten.

Cassio und Desdemona standen in ihren Boxen und steckten die Köpfe heraus, als sie uns hörten, während Robin sowie Isabella uns kaum eines Blickes würdigten.

Früher war ich regelmäßig auf Cassio ausgeritten. Wir hatten uns immer gut verstanden, daher war er auch der Erste, den ich begrüßte. Er ließ sich von mir streicheln und ich steckte ihm

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 07.07.2022
ISBN: 978-3-7554-1688-3

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