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Juhu, es geht bergab! Mit meinen bunten Brüdern liege ich hier in einer Flüssigkeit, die nicht gerade gut riecht und uns angreift aber egal, wir freuen uns schon auf die Achterbahnfahrt, mit der Durchfahrt durch den Todesschleim, dem engen Tunnel der Verdauung und dem Wiederaustritt ans Tageslicht. Unsere klitzekleinen Herzen pochen laut und voller Freude. Gleich wird es losgehen. Vor exakt fünf Sekunden sind wir in dieser warmen Höhle, gefüllt mit dieser beißenden Flüssigkeit, verschwunden und machen uns nun bereit für die Achterbahnfahrt unseres Lebens. Meine Brüder und ich können diesen Augenblick kaum noch abwarten. Noch schwimmen wir in diesem Saft, in dem wir uns langsam auflösen. Das Gehirn unserer Achterbahn meldet den Geschmack von Süße mit Erdbeere oder Jägermeister. Zusammen mit meinen Brüdern wurde ich per Hand in den Eingang der Achterbahn geschoben. Wir mussten vorbei an zwei Reihen von etwas Weißem, von dem wir nur wussten, wenn diese beiden weißen Reihen aufeinanderstießen, würden wir zermalmt, gaben aber noch eher unser Innerstes preis, diesen einmalig leckeren, süßen und fruchtigen Geschmack. Die Aufregung in mir wächst Ich stelle mich hinten an. Manchmal werde ich von einem großen roten Lappen, mit ganz kurzen feinen Haaren drauf, hin und her geschoben. Mal von links nach rechts und dann wieder in die andere Richtung. Bisher habe ich nur leichte Blessuren durch die beiden weißen Reihen erlitten und freue mich um so mehr auf meine Fahrt.

Achtung, es geht los! Ich rutsche langsam auf eine dunkle Öffnung zu, bei der von der Decke ein kleiner Lappen hängt. Plötzlich nehme ich Fahrt auf und ab geht die Post. Durch ruckartige Bewegungen, die sich als Muskelzucken entpuppen, werde ich vorangetrieben, was für ein Gefühl. In meinem Gummibären-Magen kribbelt es, so schnell geht es und jetzt, jetzt kommt die nächste Steigerung, der freie Fall. Durch ein Loch falle ich tief hinab in eine breiige, Mischung aus lauter kleinen Stücken. Was ist das denn? Ich will das nicht, das brennt, Plötzlich trennt sich ein Teil meines Fußes von mir und schwimmt nach rechts. Entsetzt schaue ich ihm nach, während mir schon von oben mehrere andere Brüder auf den Kopf fallen. „Hilfe!“ Schon wieder schwimmt ein Teil von mir fort. Ich fange an zu weinen und will nicht weiterfahren. Laut rufe ich: „Ich will raus hier!“, als plötzlich eine tiefe Stimme ertönt: "Nun hab dich mal nicht so kleiner roter Gummibär, das geht ja gleich weiter. Ich kann euch immer nur portionsweise an den Zwölffingerdarm weitergeben und brauche etwas Zeit, um euch zu zerkleinern." "Ich will aber nicht zerkleinert werden. Ich will Achterbahn fahren." "Man kann nicht alles haben im Leben, so und nun Achtung, es geht weiter." Nach diesen Worten rutsche ich ein Stückchen tiefer. Mittlerweile habe ich meine Nase, zwei Beinchen und ein Ärmchen verloren. Alle paar Minuten geht es ein Stück weiter. Langsam aber sicher komme ich dem Ausgang näher und meine Freude steigt wieder. Endlich raus aus dieser Flüssigkeit, die mich nur kaputtmacht. Mit der nächsten Öffnung bin ich dran.

Hier ist es aber dunkel und das kann doch keine Achterbahn sein. Es geht nur sehr langsam vorwärts. Hey, was soll das? Irgendwas entzieht mir meinen Zucker, meine Kohlenhydrate und andere Bestandteile, aus denen ich bestehe. Sie schweben an die Decke, an der kleine Härchen sind, die wie Staubsauger funktionieren und meine kleinen Teilchen in sich aufsaugen. Aber nicht nur meine, von allen, die hier mit mir die Fahrt machen, schweben die Bestandteile über uns. Jetzt wird doch schon wieder von hinten gedrängelt. Was soll das denn? Wir werden immer enger zusammengeschoben. Ich hasse es, so beengt zusammen zu sein. Wo jeder dir auf die Füße tritt. Was für Füße? Ich habe ja gar keine Füße mehr. Wie lange bin ich eigentlich schon hier drinnen und komme so gut wie gar nicht vorwärts? Das müssen schon über Stunden sein. Immer wieder werde ich weitergeschoben. Es scheint eine endlos lange Fahrtstrecke zu sein, die ich wie in Zeitlupe bewältige. Und mit jedem Zentimeter, den ich weiterkomme, werde ich weniger. Es ist kaum noch etwas von mir übrig und ich fühle mich mit jeder Minute schwächer, als wenn jemand alle meine Lebensgeister aus mir raus saugen würde. Ich schwimme immer weiter mit den Anderen in diesem Strom. Es geht um Kurven, kleine Fallstrecken sind zu bewältigen und auch kleinere Staus heißt es auszuhalten. Zu allem Überfluss ist es auch noch eng hier.

Wieder eine Öffnung und es geht weiter. Langsam wird die Fahrt hier langweilig, da hatte ich mir aber etwas Besseres vorgestellt. So eine Art ICE-Fahrt mit richtiger Geschwindigkeit, aber das entspricht hier ja mehr einem Kinderkarussell. Es geht weiter! Was ist das denn jetzt schon wieder? Nachdem man mir schon alle Bestandteile abgesaugt hatte, wird mir und den anderen jetzt auch noch, bei langsamer Fahrt, das Wasser entzogen. Wir schieben uns immer enger zusammen. Eine richtige Farbe hat von uns schon keiner mehr. Ich war mal rot und Bernie neben mir gelb, Hans weiter hinten war weiß und Jan dort vorne, war mal grün gewesen, nun tragen wir alle Einheitsbraun. Oh es geht wieder weiter. Ich höre Jan vor Schmerzen stöhnen. Da vorne muss ein Gedrängel herrschen, das unbeschreiblich ist. Langsam spüre auch ich den Druck. Es schmerzt. Urplötzlich bricht einen Massenpanik aus. Wir wollen alle raus hier. Ich drängel mich nach Vorne, habe keine Lust mehr. Trommel mit meinen Fetzen gegen die Wände und schreie, lasst mich raus hier. Der Druck wird stärker und dann sehe ich es, Tageslicht. Ich falle ins Wasser und schwimme mit den anderen zusammen darin. Wir werden von Papier bedeckt und dann beginnt die Achterbahnfahrt endlich. Die, auf die ich die ganze Zeit gewartet habe. Nur ist es jetzt eher eine Wildwasserfahrt. Hui macht das Spaß! Ich lache und freue mich. Jubel mit Jan, der mittlerweile neben mir liegt um die Wette. Jaaaaaaaaa, ein unendlicher Schrei des Glücks entweicht meiner Kehle. Für diese Fahrt würde ich mich wieder oben anstellen und das Ganze noch einmal mitmachen.
Um so eine Fahrt noch einmal machen zu dürfen, muss ich allerdings erst wieder zu Erde werden und dann meine Seele an eine Pflanze weitergeben, die zu etwas Schönem heranwächst und dann geerntet wird. Ob ich dann allerdings als Gummibärchen oder als Kartoffel wiedergeboren werde, das entscheidet Gott ganz allein, aber wenn ich dann wieder dran bin, stelle ich mich wieder hinten an, zur Achterbahnfahrt meines Lebens.


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Tag der Veröffentlichung: 05.05.2011

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