Cover

Introduction und Inhalt

 

Elvi Mad

Unglück im Bad

Lilo und Angelika werden älter

 

Erzählung

 

L'âge ne vous protège pas des dangers de l'amour.
Mais l'amour, dans une certaine mesure
vous protège des dangers de l'âge.

Jeanne Moreau

„Und dein Körper? Ärgert der dich immer noch im Bad? Möchtest
du immer noch nicht, dass er zu dir gehört?“ fragte Angelika
gespannt. „Den habe ich verkauft. Der gehört jetzt Erik,
und der kann ihn gut gebrauchen. Er geht auch ganz hervorragend
damit um. Der findet den oft mehr als nur in Ordnung. Angeli­ka,
der kümmert mich gar nicht mehr. Ich sehe nur noch das Gesicht
der Frau.“ antwor­tete Lilo. „Aber das Gesicht der Frau wird
doch auch immer älter.“ wandte Angelika leicht provokant ein.
„Darauf kommt es doch nicht an, meine Teuerste. Entscheidend
ist doch, dass das Gesicht der Frau glücklich ist. Und das ist wohl
zur Zeit so.“ reagierte Lilo lä­chelnd. Angelika umarmte sie.
„Lilo, ich habe oft das Empfinden, ge­nauso zu fühlen wie du.
Aber sag mal, wie empfindet Erik denn eigentlich deine hängenden
Gärten? Sagt er auch,'Ist eben natürlich so'?“ packte Angelika
leichter Übermut. Lilo ant­wortete nicht, verzog das Gesicht
zu breiten Grinsen und meinte dann fast ein wenig verle­gen:
„Er spielt damit und schmust mich.“
und beide brachen in Lachen aus.

 

Unglück im Bad - Inhalt

 

Unglück im Bad 4

Ich will in die Karawanken 4

How to be happy 4

Glück, Glück, Glück 5

Angelika und Lilo 6

Wo die Liebe wohnt 7

Lilo und Linn 7

Naturschönheit und Kulturschönheit 8

Fritz 9

Besuch aus Schweden 10

Lucas 10

Schwedensommer 11

Korrespondenz 11

Aber Erik 12

Mit Erik zu Hause 13

Frauenraub 13

Mahlers Fünfte 14

Liebe kann immer nur anders sein 14

Und dein Körper? 15

Bestimmt will Erik in die Karawanken 16

 

Unglück im Bad


Ich will in die Karawanken


„Karawanken? Was macht man denn in den Karawanken?“ wollte Lilo verblüfft wissen als Angelika nach ihrem ausgedehnten Wochendtrip zurück kam. „Nix, was soll man da schon machen?“ reagierte Angelika spöttisch. „Und was gab's da? Was haste erlebt?“ in­sistierte Lilo. „Uns gab's da, und uns ham wir erlebt.“ antwortete Angelika wieder lä­chelnd. „Und warum macht ihr so etwas?“ Lilo darauf. „Aus Übermut, absoluter Blöd­sinn.“ reagierte Angelika, „Fritz meinte, wir sollten uns doch mal Gedanken über den Ur­laub machen. Wo ich denn ger­ne hin wolle. 'Karawanken, in die Karawanken will ich.' Habe ich posaunt. Kannte ich überhaupt nicht. Ich meinte zwar, dass es was mit den Al­pen zu tun hätte, aber wenn jemand Rumänien den Vorzug gegeben hätte, wäre das auch o. k. gewesen. Karawanken, hört sich doch toll an. Jetzt sollten wir unbedingt in die Karawanken. Unter endlosen Albernheiten haben wir uns dann darauf ge­einigt, dass ich es aber erst mal sehen müsste. Ich mag nämlich gar keine Ber­ge. Und so sind wir dahin gekommen.“ „Verrückt, ihr seid verrückt. Euch geht’s gut, nicht wahr. Bist du jetzt verliebt, richtig verliebt in Fritz?“ bemerkte Lilo. „Weiß nicht. Muss wohl so sein. Geht aber gar nicht so, wie du dir Liebe eigent­lich vorstellst. Mir kommt es eher so vor, als ob wir scharf auf einander wären, um verrückte Hühner spielen zu können. Ist aber gut, absolut gut. Aber mit Fritz, da war's ja gleich von Anfang an verrückt. Auf die Dauer wollte ich nicht allein leben und suchte jemanden für 'ne WG. Weißte ja. Und den Fritz hatte ich bei Bengerts auf 'ner Fète kennengelernt. Wir fanden uns beide ganz nett, ha­ben unsere Telefonnummern ausgetauscht und uns auch ein paar Mal getrof­fen. Als wir mal über seine Wohnung sprachen, kam er darauf, dass ich bei der Fète ja etwas von WG erzählt hätte und lieber mit einem Mann als einer Frau zusammenwohnen würde. Na ja, er war lustig und ich konnte mir das mit ihm gut vorstellen. An Beziehung und Amore habe ich dabei keinen Gedanken ver­schwendet. Ich habe mir nur vorzustellen versucht, wie ich wohl mit ihm im gleichen Haus leben könnte. Am Einzugstag war ich absolut gut drauf. Ich freu­te mich über mein zukünftiges Zusammenleben mit Herrn Fritz. Eigentlich heißt er Friedhelm, aber das mag er selbst nicht. Da ist ihm der Fritz, wie ihn alle seit der Kindheit nennen, lieber. Als abends alles geregelt war, meinte ich, er habe ja noch gar keinen Begrüßungskuss bekommen. Und damit fing das Unheil an. Es gefiel uns bei­den wohl sehr, uns mit unseren Lippen zu berühren. Wir haben uns zwischendurch kurz erstaunt lächelnd angeschaut und dann weitergemacht, intensiver, immer stärker. Als wir dann halb ausgezogen, unse­re Körper aneinander gepresst fummelnd in der Küche standen, waren wir ge­meinsam der Ansicht, dass dafür und für's Weitere das Bett nicht schlecht ge­eignet sei. Lilo, ich wusste nicht was mit mir passiert war. Ich, wie eine ratti­ge Elster, muss sofort mit dem fast unbekannten Herrn Fritz ins Bett. Aber er hat­te mit so etwas auch wohl überhaupt nicht gerechnet. Wir waren beide maßlos erstaunt über uns selber und lagen dabei nackt in meinem Bett. Und so ist es immer geblieben bis heute. Wir stauen über uns, über den anderen, lachen uns dabei schief und verwöhnen uns. Es ist traumhaft und ist natürlich Fritz. Ich glaube schon, dass ich ihn nicht nur sehr mag, sondern richtig liebe. Vielleicht geht so Liebe im Alter. Konnte ich ja bislang nicht kennen. Jedenfalls tut es sehr gut und macht total happy.“


How to be happy


„Angelika, ich lese gerade einen Ratgeber 'How to be happy beyond sixty'.“ er­klärte Lilo lachend. „Und, entfaltet er schon seine Wirkung?“ erkundigte sich Angelika auch nicht ganz ernst. „Ach, ich hätte ihn schon längst an die Wand werfen können. Da will er den Leuten über sechzig klar machen, wie sie glück­lich werden können, basiert aber auf ei­ner diskriminierenden Grundhaltung. Ei­gentlich müsste der Titel lauten, 'Wie man über sechzig, ein bisschen trottelig sein und trotzdem glücklich werden kann'. Aber das ma­chen sie ja wohl alle, diese How tos. Weil du das, was du lernen willst, nicht kannst, musst du wohl insgesamt ein wenig dümmlich sein. Wenn du dir die Beziehungsratgeber an­schaust, fragst du dich ja auch, mit wem die wohl zu reden meinen. Wahr­scheinlich handelt es sich bei der Kaste der How to Autoren allgemein um eine leicht dümmliche, im Flachwasser paddelnde Ausprägung unserer Spezies. Weißt du, diese Frau versucht, mich damit glücklich zu machen, indem sie mir erklärt, dass meine schlaffen Brüste ganz natürlich seien und warum das so wäre. Keine Frau findet das schön, obwohl alle wissen, dass es natürlich ist. Nur warum? Bei den Naturvölkern stört es doch überhaupt nicht. Da versucht niemand etwas zu puschen. Habe ich das Bild von der scharfen Frau mit den prallen Brüsten denn so internalisiert, dass ich mich mein ganzes Leben daran orientieren muss? So ein Schwachsinn, den ich nie bewusst für mich zugelas­sen habe. Ein Körperbild, das ich nie haben wollte? Aber dazu, woher solche oder ähnliche Bilder stammen und wie man damit umgehen könnte, kein Wort. Sich mal ein wenig Gedanken machen, ein klein wenig tiefer schauen, das passt nicht auf die Oberfläche der 'How tos'. Dafür massenweise Vorschläge, was ich machen könnte und sollte. Was ich unterneh­men müsste und nicht im­mer daran denken, wie alt ich sei. Das mache nicht glücklich.“ erläuterte Lilo näher spottend erbost.


Glück, Glück, Glück


„Glück, Glück, Glück. Wenn ich das schon höre.“ reagierte Angelika enragiert, „Natürlich gibt es viele unmögliche Zustände auf der Welt, in denen die Men­schen bestimmt nicht glücklich sind, aber ich, bin ich denn glücklich? Wann bin ich denn glücklich? Wenn heute in der Schule etwas gut gelaufen ist? Wenn mein Fritz liebevoll zu mir ist? Wenn ich einen Orgasmus hatte? Wenn ich mor­gens aufwache, mich gut drauf fühle und singen und trällern kann? Und un­glücklich bin ich, wenn's das alles nicht gibt? Natürlich bin ich ärgerlich, wü­tend und traurig, wenn ein Freund plötzlich durch einen Herzinfarkt stirbt, aber existiert deshalb mein glückliches Leben nicht länger. Alles könnten sie oft ha­ben, alles könnten sie sich besorgen und trotzdem sind sie ständig tief traurig, die Menschen, die unter Depressionen leiden. Glück ist kein Stern der dir leuchtet und auch kein Zu­stand, den du dir mühsam arbeitend erwerben kannst. Glück ist dein Gefühl. Und das schert sich herzlich wenig um die Realitäten, sondern darum, ob du die entsprechenden Hormone in ausreichendem Maße produzierst.“


„Ja, aber wenn in der Schule alles schief läuft, Fritz sich stieselig benimmt und du nicht befriedigt wirst, dann hat das doch Einfuss darauf, dann bist du mor­gens nicht gut drauf, und die Lust zum Singen stellt sich dann nicht ein. Wenn ich meinen Körper im Spiegel betrachte, dann will meine Glückshormonproduk­tion einfach nicht in Fahrt kommen.“ er­widerte Lilo darauf.


„Lilo, soll ich jetzt den Ratgeber spielen?“ fragte Angelika, „Glück ist ein dum­mes Wort. Jeder kann es überall für gebrauchen. Ich denke eher es ist so et­was wie die Harmonie, wenn du spürst, dass etwas zueinander passt, dass es stimmig ist, einen Gleichklang er­zeugt und nicht irgendwo durch gestört ist, das vermittelt deinem Betrachten ein Wohl­empfinden. Natürlich können junge Frauen schön sein und ihr Anblick kann dir gefallen ohne jegliche sexuellen Im­plikationen wegen seiner Proportionen und Harmonien. Nur bei dir harmoniert anscheinend etwas nicht. Mit fünfundzwanzig warst du so eine schöne Frau. Mit fünfunddreißig war auch noch alles in gewisser Weise o. k. Und dann ist dein Bild nicht mehr mit gewachsen. Du warst schon fünfundvierzig und eine schöne fünfundvierzigjährige Frau, aber du beklagtest dich, weil du wie fünfunddreißig aussehen wolltest, es aber gar nicht warst. Auch heute bist du eine schöne Frau. Warum willst du aussehen, wie jemand der du gar nicht bist. Dein Wunschbild passt nicht zu dir, das bist du nicht, das steht nicht mit dir im Ein­klang. Die Falten in deinem Gesicht hat deine Geschichte geformt. Sie gehören dir, sie sind dein Leben. Ja, liebe sie und sei nicht sauer, weil sie zu einer ima­ginierten Fünfunddreißigjährigen nicht passen. Das ist verquer, das harmoniert nicht und lässt dich nicht glücklich empfinden.“


Angelika und Lilo


Angelika und Lilo hatten schon gemeinsam Schreiben und Lesen gelernt. Ihre Wege wa­ren sie seither nicht gemeinsam, aber begleitet durch die andere ge­gangen. Das infanti­le Bild der sogenannten allerbesten Freundin, mit der man es liebt, vornehmlich über die höchst privaten Intimitäten zu plaudern, gaben sie einander nicht. Sie mochten sich ein­fach und waren sich gegenseitig selbst­verständlich geworden, wie zwei Schwestern ohne die familialen Implikationen. Jede brachte der anderen tiefste Anerkennung entgegen. Man achtete, schätz­te, ja liebte sich, ohne sich gegenseitig zu okkupieren. Angelika ge­hörte zu Li­los und Lilo zu Angelikas Leben.


„Du hast Recht.“ antwortete Lilo, „Fünfunddreißig möchte ich gar nicht wieder sein und jetzt mit dreiundsechzig so aussehen auch überhaupt nicht. Aber was ist das denn für ein Bild, das mich ärgerlich werden lässt, wenn ich meinen Körper im Spiegel sehe? Das imaginierte Wunschbild einer Frau, der ich gern ähnlich sehen möchte, kann ich auch nicht erkennen. Ich mag es einfach nicht was ich da sehe. Ich möchte nicht, dass ich das bin.“ „Ich weiß natürlich auch nicht, was du dir wünscht, wie deine Bedürfnisse aus­sehen, ich denke nur, das Körper, Ego und Psyche ein viel vertrackteres Komplott sind, als wir uns das oft vorstellen und erklären. Dein Körper wird nicht nur die biologische Masse sein, die psychische Informationen empfängt und in biochemischen Prozessen ent­sprechend umsetzt und ausführt. Deine Psyche ist ja selbst Teil dieses Körpers mit seinen biologischen Vorgängen. Dein Körper wird auch aktiv in diese Pro­zesse eingrei­fen. Wenn dich dein Körper Schmerz spüren lässt, wo es norma­lerweise gar nicht ange­bracht wäre, dann schreit deine Seele. Ich vermute mal, wenn du und das Bild, das du morgens im Spiegel siehst, wenn ihr beide nicht miteinander klar kommt, dass dies Aus­druck für etwas ganz anderes sein könnte. Wir kennen uns ja sehr gut, Lilo, aber erwar­te nicht, dass ich bei dir dazu etwas erklären kann.“ antwortete Angelika darauf.


Beide waren verheiratet gewesen. Beide hatten sich getrennt. Beide hatten zwei erwach­sene Kinder, Angelika einen Jungen und ein Mädchen und Lilo zwei Mädchen. Als Famili­en hatten sie aber wenig gemeinsam unternommen. Lilo und Angelika schon, aber ge­meinsam in Urlaub fahren konnten sie nicht. Seit dem ersten Zusammentreffen stand fest, dass Fabian, Lilos Freund, und Char­ly, Angelikas Mann, weniger als nicht nur keine gemeinsamen Berührungspunk­te hatten. Sie mochten sich nicht. Und so blieb es, auch wenn man sich auf Fèten häufiger traf. Die beiden selbst schien das allerdings weniger zu beschäf­tigen als Lilo und Angelika. Vielleicht ist es für den Mann selbstverständlich. Was früher die Feinde waren, die viel Ehr einbrachten, sind für den Mann heute seine Bekannten, denen gegenüber er stets grumpy bleiben kann. Damit leb­ten die beiden, aber ihre jeweiligen Trennungen waren davon unberührt. Die hatten sich für beide in un­terschiedlichen Welten zugetragen. So unterschied­lich wie Angelika und Lilo auch trotz ihrer engen Beziehung waren oder zumin­dest erschienen.


Wo die Liebe wohnt


„Ich wollte damals schon zum Therapeuten, aber da hast du mich ja gerettet. Allein wäre ich bestimmt in der Klapse gelandet. Ich wusste wirklich nicht mehr wer und wo ich war. Aber so ist es heute nicht. Überhaupt nicht. Leidensdruck, ich wäre unglücklich oder unzufrieden? Das kann ich jetzt nicht verspüren. Es ist doch alles in Ordnung. Na ja, so etwas Verrücktes, wie du es zur Zeit er­lebst, kann einen schon ein wenig neidisch machen. Aber ich könnte das auch gar nicht. Du bist eben viel unbeschwerter und offe­ner als ich, darum beneide ich dich auch manchmal.“ sinnierte Lilo. „Wieso unbeschwer­ter und offener. Wo war ich denn in den letzten fünfzehn Jahren unbeschwerter und offe­ner, und wenn ich's war, was hat es mir denn gebracht. Das mit Fritz habe ich doch nicht geplant oder gewollt. Ich hätt's für unmöglich gehalten. A miracle, Lilo, war das, absolu­tes Wunder und das kann dir auch jeden Tag passieren.“ Ange­lika dazu. „Na komm, dar­über haben wir uns doch schon oft unterhalten, dass du alles viel entspannter und lege­rer angehst als ich. Deine Dopamin und Sero­tonin und wie sie alle heißen Produktion funktioniert eben eifriger als bei mir.“ kommentierte sie. „Vielleicht, Lilo, vielleicht ist das so, aber da ist auch noch etwas anderes. Als du damals völlig fertig warst wegen Fabian war da nicht nur Mitleid. Ich habe dich bewundert und beneidet. Du hast mich erkennen lassen, welche Tiefen es für dich gibt, wo deine Liebe verankert war. Ich dachte, so et­was hast du gar nicht. Alles wie platt auf der Erde kam mir meine Emotionalität vor. Ich sehe mich seitdem anders, sehr viel tiefer. Nur mit Fritz das passt da nirgendwo rein. Nur platt auf der Erde und in den Karawanken? Nein bestimmt nicht, aber in welchen tiefen Verließen meiner Seele er wühlt, ist mir völlig schleierhaft. Bestimmt hat er etwas gefunden, das mir selbst völlig unzugänglich ist, aber wenn er es zum Klingen bringt, sind es für mich goldene vertraute Melodien. Du wirst auch viele Melodien und Rhyth­men haben. Andere, sie sind die Sinfonien deiner Tage, aber da wird es auch bei dir ver­borgene Klänge und Weisen geben, die du selbst nicht wiederentdecken kannst. Ja, ja, ein wenig offen sollte man dafür schon sein.“ erwiderte Angelika darauf.


„Du kommst in letzter Zeit so selten ins Atelier. Bring Fritz doch mit. Und wenn's euch mal ganz furchtbar drängt, wir haben auch einen Raum, in dem ihr ungestört sein könnt“ erklärte Lilo. „Du bist bescheuert, aber du hast Recht. Ich hab' irgendwie nicht dran gedacht. Ich werde öfter kommen. Nicht um dir eine Freude zu machen sondern mir. Ich denke schon das Fritz auch gern mit­kommen wird. Lilo, ich bin doch keine geile Bergziege geworden, ich hab' ein­fach wieder Lust darauf, und das ist schlicht schön und angenehm. Kann ich nur empfehlen.“ antwortete Angelika darauf.


Lilo und Linn


Lilo, die von ihren Eltern als Liselotte im Geburtenregister angemeldet worden war, seit­dem aber nur von Angelika in Scherzsituationen so genannt wird, hatte Graphik-Design studiert. In ihrem Beruf hatte sie nie gearbeitet. Sie hatte schon mal als freie Designerin das ein oder andere Buch layoutet, aber vorran­gig betrieb sie mit einer Freundin einen kleinen Kunstladen. Lilo gestaltete viel lieber selbst frei kleine Kunstwerke oder Graphi­ken, die sie in ihrem Laden mit den Werken anderer befreundeter Künstler verkaufte. Zunächst war sie über­rascht über das starke Bedürfnis großer Bevölkerungskreise, ihre Wohnung lie­ber mit einem Original als mit Repros zu schmücken. Ihr Laden lief immer gut und ernährte sie ausreichend. Seit einigen Jahren waren ihr aber die festen Ge­schäftsöffnungszeiten zum Gräuel geworden. Sie hatten ihn als Atelier um­firmiert und auch die Aktivitäten geändert. Abendveranstaltungen mit Künst­lern wurden jetzt organi­siert und auch Linn, Lilos Jüngste, die dabei war ihren Master in Tanzpädagogik zu ma­chen, organisierte öfter Veranstaltungen mit Kindern und Erwachsenen. Linn wohnte noch bei Mami zu Hause, obwohl sie siebenundzwanzig und durchaus nicht unselbständig war. Angelika vertrat den festen Standpunkt, dass es sich bei Linn nicht um ihre Tochter, sondern um die geklonte Lilo handeln müsse. Und Lilo liebte sie abgöttisch, nicht erst seit Fabi­an aus ihrem Leben verschwunden war. Seit der Trennung machte sie sich Sor­gen, dass die empfindsame Linn Schäden für ihr Leben dadurch bekommen könnte. Erst mit zweiundzwanzig hatte sie einen Freund kennengelernt, den sie ernster nahm und wohl sehr zu mögen schien. Als sie von einem Treffen er­zählte, begann Lilo zu weinen. „Er hat fast nichts gesagt. Ich aber auch nicht. Gelächelt haben wir viel, aber anders gelächelt. Mit den Augen und offen. Es sagt, er ist glücklich. Wegen dir, weil du da bist. Zwei Worte und jeder versteht. Oft auch nur eins. Fragen, die kaum Antwort suchen, nur den gemeinsamen Klang. Weit weg von dir, die du immer bist. Aber nah, ganz nah, in verborgener Tiefe. Es ist leicht und warm aber dominant und stark. Es füllt dich aus, sonst ist da nichts mehr. Zärtlichsein, das dich durchdringt und nicht nur leicht streichelt. Ist das Glück? Milde und sanft aber bestimmt und sicher? Ich werd es vergessen, nur noch wissen, 'Du willst es.' Du kannst es nicht machen, vielleicht erkennen, wenn's nochmal kommt.“ erzählte Linn noch ganz versonnen. „Meine Liebe, es ist doch da. Was wirst du vergessen? Warum? Versuch es zu halten. Mit mir und Fabian das ist doch kein Gesetz.“ reagierte Lilo mit leicht verschnupfter Stimme. „Aber Gefühl und Empfinden existiert immer nur das, was jetzt da ist. Du kannst es nicht halten, wiederholen, oder neu schaffen. Wenn es jetzt tief, ergreifend und beglückend ist, dann musst du es jetzt genießen. Morgen wird es nicht mehr so sein oder anders sein. Auch wenn es dein Glück ist, fragt es dich nicht, wann es kommen soll. Es ist frei, du kannst es nicht zähmen.“ reagierte Linn darauf. „Linn, meine Teuerste, das ist fatalistisch. Als ob dein Handeln überhaupt keine Bedeutung, keinerlei Einfluss hätte. So verhält es sich aber doch nicht. Auch wenn du die Liebe nicht erklären kannst, sie ist doch nicht frei und losgelöst von dir. Sie ist doch kein fremder Vogel, der zu dir geflogen kommt oder auch nicht.“ versuchte Lilo Einfluss zu nehmen. „Ich glaube schon, dass ich verstehe, was du meinst, Mami.“ antwortete Linn, „Wir beide lieben uns ja auch heiß und innig, und du brauchst keine Angst zu haben, das der Vogel meiner Liebe zu dir morgen plötzlich wegfliegen könnte. Aber mit einem Mann spielt alles auf einer ganz anderen Ebene. Dabei dominiert vieles, was zwischen uns gar nicht anklingt. Es soll aber auch persönlich so tief sein wie zwischen uns, obwohl man sich kaum kennt. Unsere Liebe ist da, existiert, ist immer gegenwärtig. Sehnsucht danach kommt nicht auf. Bei einem Mann ist das anders. Du willst es, als ob es dir fehlt, als ob du nichts zu Essen hast und hungrig bist. Nicht weil du Sex willst, weil du seine Liebe willst. Du willst den Moment, in dem du es erfährst. Ob es auch eine andere Liebe werden wird, weißt du nicht. Du spielst mit dem Vogel, der jetzt gerade da ist.“


Naturschönheit und Kulturschönheit


Mit Beziehungen taten sich beide schwer. Dabei waren sie ganz vorschriftsmä­ßige or­dentliche heterosexuelle Frauen ohne irgendeine Art von Rollendevian­zen. Na ja, femi­nistische Ansichten waren ihnen nicht fremd, aber das war ja für eine fortschrittliche in­tellektuelle Frau selbstverständlich. Von ihrem äuße­ren Erscheinungsbild her konnten sie sich wirklich nicht beklagen. Sie legten auch beide Wert darauf. Nicht weil sie für Männer attraktiv aussehen wollten, sondern weil es mit ihnen harmonieren sollte. Oft hatten Lilo und Angelika schon darüber gesprochen. Meistens, wenn es sich um Kleidung oder Make up handelte. „Na, du bist eben eine Naturschönheit.“ hatte Lilo zum Gelächter An­gelikas erklärt, als diese meinte, dass sie nur wenig Lust dazu verspüren könne sich zu schmin­ken. „Ein Bauernmädchen, meinst du, bin ich?“ hatte sie unter Lachen nachgefragt. „Nein, du weißt doch, so etwas wie die verführerische Eva aus dem Paradies, oder die griechischen Quellnymphen in ihrer verführerischen Schönheit. Natur eben, bei mir muss ich das erst kultivieren mit Rouge und Puder.“ erklärte Lilo dazu. Diese Albernheiten schienen so banal, tatsächlich stellte es aber den Ausdruck ihren tiefsten Verbundenheit dar, wie sie gemeinsam über sich selbst lachen konnten. Vielleicht basierte die Verbundenheit Angelikas zu Fritz ja auf einer ähnlichen Ebene. Zu vermuten war es schon, nachdem was sie von ihrer Beziehung zu ihm berichtete. „Du meinst also, wir könnten die weiblichen Dioskuren geben: Naturschönheit mit Kulturschönheit, forever together. Nicht schlecht. Unsere Freundschaft wäre dann zugleich eine Metapher für das Gemeinsame von Natur und Kultur. Daran sollten wir arbeiten.“ entwickelte Angelika Perspektiven. „Ich sehe das eher so, dass du faul bist und das mit Rouge und Puder zu überdecken versucht, während ich die tägliche harte Pflichterfüllung in meinem Gesicht graben lassen muss.“ spottete Angelika. Dabei war sie sicher fast die einzige Lehrerin, die Nachmittags lachend aus der Schule kommen konnte. Sie verfügte über wunderbare kommunikative Kompetenzen. Schaute einen Schüler an, der sich erbost beschweren wollte, verzog ihre Mimik zu einem verständnisvollen einschließenden Lächeln und sie wurde im Moment zur Freundin und verständnisvollen Mutter des Jungen und blieb es. Diejenigen in der Schülerschaft, die meinten ihre Widerspenstigkeit an ihr trainieren zu müssen, weil sie ja der Boss sei, hatten mit ihr noch nicht persönlich zu tun gehabt und auch gegen die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler keine Chance. Angelika verbreitete als Schulleiterin das Bild einer sichern Frau, die sich nicht vor Problemen fürchtete, sondern Freude erwartete, gemeinsame Freuden mit dem Gegenüber, ob es Schüler waren oder Kollegen. Sie hatte es bewirkt, dass an dieser Schule ein anderes Klima herrschte, als man es gemeinhin von Schulen gewohnt war. Dabei war sie keineswegs gezielt intentional vorgegangen, ihr übliches natürliches Verhalten war es, das sie zeigte. Vielleicht wirkte es auch deshalb so besonders, weil es so authentisch war.


Fritz


„Das ist so schade.“ meinte Fritz nach einer Rückkehr aus Lilos Atelier, „Ich fin­de Lilo ist eine ganz tolle Frau. Dass sie keinen Freund hat, tut mir richtig leid.“ „Mein Junge, ich dachte du wärst ein halbwegs aufgeklärter Mann.“ begann An­gelika ihre Instruktionen, „Es ist schade, wenn jemand keine Freunde hat. Das ist schon richtig. Aber die hat Lilo und zwar sehr, sehr gute. Nur dass eine Frau zu bedauern ist, weil sie keinen Mann hat, mit dem sie ficken kann, das ist arg daneben. Willst du mich als bedauernswertes Ge­schöpf bezeichnen, bevor wir uns kannten? Fritz sag so etwas nie wieder. Du tust mir weh damit, tust mir weh, indem du an dem Bild kratzt, das ich von dir habe. Mag ja sein, dass es für Lilo schön wäre, jemanden zu haben, mit dem sie gern ins Bett ginge, nur sie ist so wie sie ist komplett. Eine vollständige Person, an der nichts fehlt und die nicht erst durch einen Mann zur vollständigen Frau wird.“ Fritz erkundigte sich nach an­gemessenen Chauvi-Bußen. „Das ist mir ernst, Fritz. Mach dich darüber bitte jetzt nicht lächerlich. Im Übrigen ist dir ja bekannt, wodurch du Abbitte leisten kannst.“ Fritz be­deutete Angelika aber schon sehr viel. Sie hatte sich ja selbst auch häufig mit dem Alter und den fortschreitenden Veränderun­gen beschäftigt, befürchte es noch mehr zu tun, wenn sie in zwei Jahren pen­sioniert sei. Hatte überlegt, wie sie sich von zunehmender Selbstbetrachtung ablenken könnte. Das war jedenfalls jetzt alles ganz anders gewor­den. Wie sollte sie sich denn über ihren Po aufregen können, in den Fritz sie gestern Abend vor Erregung und Glück gebissen hatte. Ein geliebter Körper konnte nicht alt und hässlich erscheinen. Ihr Körper war das, was der Spiegel zeigen konnte, aber da gab es viel mehr, was zwar dem Spiegel aber Angelika selbst nicht verborgen blieb.


Besuch aus Schweden


Zum Wochenende war großer Besuch angesagt. Gösta, Angelikas Sohn wollte mit Part­nerin, deren Schwester und ihrem Freund kommen. Wie lange war er schon mit Agneta zusammen? Anscheinend lief alles wunderbar, nur es tat sich nix. Es wurde nicht gehei­ratet, keine Kinder gekriegt, kein Haus gebaut. Muss­te ja auch alles nicht. Vielleicht war es ja viel besser in einer Position zu leben, die nicht durch irgendetwas festgeschrieben war, in der einem stets gegenwär­tig blieb, dass man sich um das Fortbestehen ständig bemühen musste. So Si­tuationen wie zwischen Charly und ihr hätten sich dann gar nicht entwickeln können. Verheiratet, Familie, Kinder, Haus, dann war die Basis festgezurrt. Zu­sammenleben, auch wenn's noch so unsinnig war. Erst als die Kinder aus dem Haus waren, sie völlig nebeneinander her lebten und Angelika klar wurde, dass sie mit jeman­dem wie Charly heute, nicht mal in einer WG zusammenleben wollte, begann sie sich Gedanken über die Trennung zu machen. Ihm hatte ja mal ihr Herz gehört, aber das war schon lange nicht mehr der Charly, der jetzt hier im Haus rum lief. Der war ein Fremder geworden, mit dem sie nichts mehr verband. Nachteile bei einer Trennung? Wo sollten die denn zu finden sein. An­gelikas Trennung kam spät, aber für sie selbst ohne jegliche Belastung. Der Name Gösta für ihren Sohn war Produkt ihrer svenskaphilen Phase und er hat­te natürlich auch Gösta Berling schon als Kind gelesen. Dass er auch Schweden liebte war kein Wunder. Bestimmt war es auch für seine Liebe nicht unbedeu­tend, dass seine Freundin Agneta aus Schweden kam. Jetzt war ihre ältere Schwester Ebba zu Be­such und ihr musste natürlich auch gezeigt werden, wo­her Gösta kam. Was könnte man unternehmen? Spazieren gehen? Ein wenig die Stadt zeigen? Fritz als jemanden mit ty­pisch deutschem Namen vorstellen, das wäre schon eher etwas. Nein Unsinn, Freunde besuchen, Lilo auf jeden Fall. Sollte man eine Party machen? Warum nicht? Mit wenigen guten Freun­den. Von Lilo waren Ebba und Erik, ihr Freund, ganz begeistert. Sie meinten, dass sie gar keine typisch Deutsche sei, sondern besser nach Schweden passe. Erik ver­suchte ihr bei der Féte klar zu machen, dass es Unsinn sei. Sie konnten sich nur auf englisch verständigen und hatten dabei viel zu lachen. Schweden sei auch nicht bevöl­kert von sensiblen tiefgründigen Menschen, die grob­schlächtigen Raubeine stellten si­cher die Mehrheit. Und wenn man in Deutsch­land nur die effizienten Producer sehe, sei das mit Sicherheit absolut falsch. „Wir müssten es ja anders wissen, wollen es gar nicht so sehen.“ meinte Erik. Den ganzen Abend unterhielten sich die beiden über Feinfühliges und Tiefgrün­diges in Deutschland und in Schweden. Kennenlernen müsse sie Schweden schon einmal, das sei unverzichtbar, meinte Erik. „Aber Erik, ich habe über­haupt keine Ahnung von Schweden. Von Erik dem Roten habe ich gehört, aber das war, glaube ich, gar kein Schwede, zumindest war er nicht zu Hause. An­sonsten weiß ich kaum mehr, als dass die Schweden gute Schmiede sein sol­len. Gibt’s denn da noch viele von?“ erkundig­te sich Lilo unter Lachen und auch Erik fand Gefallen daran, die Nonsensdiskussion fort­zusetzen. Jedenfalls war Lilo für den Sommer nach Schweden eingeladen.


Lucas


Linn hatte auch jemanden kennengelernt, bei dem sie erkannt hatte, dass es wieder ge­kommen war. Nur es war so verrückt, und sie wollten es nicht einmal, sondern immer und immer wieder. Lucas war ihr Prof., er fragte Linn und wein­te. „Es zerreißt mich, Linn. Was ich meiner Frau antue will ich nicht, aber ohne uns geht es, glaube ich, nicht.“ hatte er gesagt und sie liebten sich auf der Couch in seinem Büro. Herbst, Winter und Frühjahr lief diese Amour Fou jetzt schon. „Will man denn nicht auch mal etwas anderes, als nur im Büro mit sich zusammen sein? Kann das nicht auch langweilig werden, Routi­neliebe oder so?“ erkundigte sich Lilo mal. „Mami, ich weiß gar nicht mehr, ob es noch Liebe oder so etwas ist. Träume von einer gemeinsamen schönen Welt gibt es dabei je­denfalls nicht. Mir kommt es manchmal vor, als ob es eine Gewohnheit ge­worden wäre, auf die ich und mein Körper sich eingestellt haben. Jetzt will ich Lucas, weil das immer so ist. Wenn ich das nicht bekomme, werde ich nervös. Wie eine Sucht, die regelmäßig bedient werden will. Es ist keineswegs nur der Sex. Ich will dann Lucas erleben, will mit ihm reden, mit ihm zärtlich sein, aber im Prinzip ist es immer das Gleiche zur immer gleichen Zeit. Eine Perspektive für mein Leben ist das sicher nicht. Ich weiß auch gar nicht mal, ob ich mit Lu­cas leben wollte. Ich glaube sogar, eher nicht, aber im Moment habe ich das Empfinden, nicht anders zu können.“ antwortete Linn. Ob sie nicht im Sommer mit nach Schweden fahren wolle, das wäre sicher möglich. Vielleicht täte es ja gut, mal Luft holen zu können, mal raus und eventuell auf andere Gedanken zu kom­men.


Schwedensommer


Also fuhren beide im Sommer nach Göteborg. Da wohnten Ebba und Erik, aber sie woll­ten ja eine Tour machen. Alle Verwandten und Bekannten besuchen und natürlich auch die unverzichtbaren Sightseeings nicht auslassen. Trotz der an­strengenden Reise war es am ersten Abend schon sehr spät geworden, weil es sich irgendwie ergeben hatte, dass Lilo ihre gesamte Bio erzählen musste. Linn hatte ja schon öfter mit Lilo über ihren Vater und ihre Beziehung gesprochen, aber so, wie Lilo ihre Liebe zu Fabian und die Enttäu­schung jetzt für Ebba und Erik darstellte, hatte sie es noch nie gehört. Linn kamen die Tränen. Sie strei­chelte Lilos Wange und umarmte sie. Erik und Ebba waren ganz still ge­worden. Ob sie an Lilo dachten oder an ihre eigene Beziehung? Jedenfalls war es etwas Ernstes. „Es ist ja schon sehr, sehr lange her. Was hat es denn für dein weite­res Leben bedeutet?“ erkundigte sich Erik. „Erik, meine Psyche zeigt mir nicht täglich ihre Bilder, nur vergessen können werde ich es wohl nicht und eine Lie­be zu einem Mann wird sich gewiss nicht auf die gleiche Art entwickeln können. Aber das ist ja auch sowieso jedes mal anders, oder nicht?“ antwortete Lilo, während Ebba dar Ansicht war, dass sich da nicht viel ändere, und man immer nach den gleichen bekannten und vertrauten Mustern zu verfahren wünsche.

Obwohl sie sich am nächsten Tag eigentlich Göteborg anschauen wollten, blie­ben sie zu Hause, wohl vornehmlich, weil sie sich selbst interessanter waren. Während Linn Ebba vom Tanzen begeistern konnte, schien Erik ganz vernarrt in Lilo zu sein. „Du bist eine fantastische Frau, weißt du das?“ sagte er zu ihr. Lilo lächelte und bedankte sich. Bei den Verwandten wurde Lilo immer als tyske konstnären, als deutsche Künstlerin, vorge­stellt, wobei Erik oft korrigierend einwandte, dass es sich bei ihr um ein tokig tysk flicka, ein verrücktes deut­sches Mädchen handle. Ein lachender Urlaub im schwedischen Som­mer. Vieles Geplante ließen sie aus, weil sie anderswo, wie zum Beispiel bei Ebbas und Agnetas Eltern, viel länger blieben als ursprünglich geplant. Schwedenfans wa­ren Lilo und Linn in der kurzen Zeit geworden. Linn hatte Alexander, einen Freund von Ebba und Erik kennengelernt. Sie wollten sich weiter schreiben. Dass sie sich mit Lukas nicht wei­ter treffen wollte, war für Linn in Schweden sonnenklar geworden, nur sagen würde sie es ihm nicht können. Das hielt sie für zu gefährlich. Sein Büro würde sie nicht mehr be­treten dürfen.


Korrespondenz


Man korrespondierte jetzt viel mit Schweden. Linn hielt es für abstrus, Zunei­gung, Liebe oder Ähnliches per E-Mail entwickeln zu können, nahm alles nicht ernst und scherzte viel mit Alexander. Das gefiel aber nicht nur Alexander gut, auch Linn entwickelte zuneh­mend Vergnügen daran. Sie wollte ihn sehen. Er solle sich eine Aufführung von ihr an­schauen und Alexander kam. „Und dann?“ fragte Linn immer spöttelnd weiter, als er sagte, dass er sie großartig fände. „Mhm, hört sich nicht schlecht an.“ meinte Linn zum Schluss, „Du möchtest also mein Liebhaber sein?“ fragte sie noch, wartete die Antwort aber gar nicht ab, sondern umarmte Alexander und küsste ihn. Eine neue Amour fou, ein Freund in Göteborg. Selbst für eine Wochenendbeziehung war das zu weit, und Alex­ander sprach kein Wort Deutsch. Überall bettelte sich Linn Geld für einen Flug zusam­men. Fabian hätte das locker machen können und auch sicher ge­tan, aber er war tabu.


Lilo schrieb sich immer mit Erik, der es in seinen Mails an Komplimenten für sie nicht fehlen ließ. Lilo freute sich zwar immer darüber, aber ein wenig sonderbar kam es ihr schon vor. Sie erklärte es sich mit schwedischer Mentalität.


Aber Erik


Plötzlich Ende November stand Erik im Atelier. Bevor Lilo fragen konnte, erklär­te er schon, er habe sie unbedingt sehen müssen. „Aber Erik ...“ weiter kam die völlig kons­ternierte Lilo immer nicht. Sie mochte Erik zwar, aber an alles andere hatte sie nie einen Gedanken verschwendet. Wie sollte sie auch? Nicht nur dass er mit Ebba liiert war, auch die Altersklasse war ja völlig indiskutabel. Na ja, mit dreiundvierzig waren's immerhin nur zwanzig Jahre, vielleicht für Liebe eine verschwindend geringe Differenz. Lilo stand immer nur mit großen Augen grinsend und staunend da. „Erik, was sollen wir denn jetzt tun? Soll ich dir um den Hals fallen und sagen 'Erik, ich liebe dich auch.'? Du hast von allem nie etwas geschrieben. Mir immer nur erklärt, was für eine tolle Frau ich sei. Du beschließt für dich, dass du mich liebst. Na ja, das kannst du machen, aber wenn Liebe etwas auf Gegenseitigkeit Beruhendes sein soll, würd' ich schon ganz gern auch gefragt werden. Ich habe das nämlich für mich noch nicht beschlossen. Nicht, weil ich dich nicht mag, sondern weil ich gar nicht auf so etwas gekommen wäre. Und jetzt einfach sagen, na, wenn der Erik mich so liebt, dann will ich das auch mal tun, das funktioniert doch nicht, oder? Aber selbst wenn ich's wollte, ich wüsste gar nicht, was ich denn tun sollte.“ erklärte Lilo. Sie bereiteten sich zunächst mal einen Kaffee. Lilo hatte früher nicht selten Annäherungsversuche erlebt, aber sie hatte immer nicht gewollt. Was sie jetzt mit Erik erlebte, hatte damit allerdings überhaupt nichts zu tun. Sie mochte Erik, und er kam einfach aus Schweden und sagte: „Lilo, ich liebe dich.“ Wie konnte man nur? „Erik, nicht ich bin die tokig tysk flicka du bist hier der svensk pojke tokig, der verrückte schwedi­sche Junge. Was willst du denn mit so einer alten Frau, von der du nicht mal weißt, ob sie dich will. Wir haben uns nie angefasst, geküsst oder irgendwelche Zärtlichkeiten aus­getauscht. Du liebst dein Bild von mir, aber weißt gar nicht, ob ich das wirklich bin.“ er­klärte Lilo. Sie hätte einfach Nein sagen können. Erklären, das daraus für sie nichts wer­den könne, aber Lilo saß mit bibberndem Zwerchfell, als ob sie jeden Moment loslachen könnte mit Erik beim Kaffee am Tisch. „Das weiß ich schon, Lilo, und ich glaube sogar sehr gut, vielleicht auch ein wenig besser als du selbst.“ mehr sagte Erik nicht. Er schaute immer nur Lilo an. „Ich höre dir gerne zu.“ fügte er noch an. „Ja, Erik, ich bin eine alte Frau.“ stotterte Lilo, „Ich bin nicht vierzig, und ob eine Frau vierzig oder sech­zig Jahre ist, das ist doch etwas ganz anderes.“ „Lilo, hör auf, so einen Nonsens zu re­den. Ich mag es nicht, wenn du so etwas zu mir sagst. Ich liebe dich und nicht eine dreißig-, vierzig-, fünfzig- oder sechzigjährige Frau. Ist das denn nicht das Entscheiden­de?“ reagierte Erik. „Na, und wie soll man das machen, sich lieben, wenn du vorher noch nie daran gedacht hast und vor allem deshalb auch nichts empfunden hast?“ wollte Lilo wissen. „Lilo, etwas empfindest du immer. Entweder es ist mehr positiv oder mehr negativ. Wenn's mehr negativ ist, möchtest du's vermeiden oder sogar flüchten. War aber bei mir nicht so, oder? Lilo, ich hätte dich auf der Fète bei Angelika damals schon permanent küssen können, und du kamst mir vor, als ob es dir großen Spaß machte, mit mir zu flirten und diesen Wunsch bei mir hervorzurufen. Vielleicht hättest du ja Lust, nochmal mit mir zu flirten. In Schweden hast du's ja auch öfter gemacht.“ meinte Erik dazu. „Ein Schatz bist du schon, glaube ich.“ ging Lilo darauf ein, „Nur das Flirten war ja auch immer völlig unverfänglich, aber jetzt meinst du ja schon etwas Ernstes, und das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Lass uns hier schließen und zu uns nach Hause fahren.“


Mit Erik zu Hause


Als Linn Erik sah, und Lilo ihr kurz erklärte, worum es ging, blieb ihr die Spra­che weg. „Später“ sagte sie nur, als sie zu ihrem Zimmer ging. Angelika muss­te Lilo auch kurz in­formieren, nicht als Sensationsmeldung, sondern einfach nur als Mitteilung, sie standen ja permanent in Kontakt. Später wolle sie alles erklären. Auch zu Hause war Lilo noch völlig perplex. Auf ihren Unterschenkeln hockend kniete sie neben Erik auf der Couch und starrte ihn grinsend an. Da hat man einen Mann auf der Couch sitzen, der aus Schweden gekommen ist, um einem zu sagen: „Ich liebe dich.“. Was macht man denn da? Etwas zu es­sen. „Erik, sollen wir mal etwas zu essen machen, oder möchtest du lie­ber, das wir etwas bestellen, Pizza oder so?“ frage Lilo. Machen natürlich. Nebeneinan­der am Küchentisch stehend schauten sie sich intensiv an. „Erik“ sagte Lilo lie­bevoll und ließ dabei ihre Finger über sein Gesicht fahren. Erik beugte sich zu ihr und küsste sie. „Halt, halt, halt! Nicht so stürmisch. Du hast doch selbst ge­sagt, dass ich eine feinfühlige Frau bin. Das gilt auch für's Küssen. Langsam und vorsichtig musst du das machen. Kennst du denn nicht das Lied von den Pflaumen im Herbste, die Angst vor dem großen Sturm aber Lust auf 'nen klei­nen Wind haben? Wenn wir uns doch mal lieben sollten, werde ich es dir vor­singen.“. Jetzt kam ständig der kleine Wind zu Lilo, um sie zärtlich zu küssen. „Erik, sei mir nicht böse, aber ich glaube, ich kann das nicht. Du bist mir noch zu fremd. Wir müssen uns erst besser kennenlernen, vertrauter miteinander werden. Kannst du das nachvollziehen? Du wohnst einfach erst mal hier. Wo­von lebst du denn überhaupt?“ fragte Lilo. „Jetzt habe ich Urlaub, und dann muss ich zurück.“ antwortete er. „Erik!“ stöhnte Lilo entsetzt auf, „Deine Ur­laubsliebe? Nein, nein, nein, da kann aus uns nichts werden, Erik.“ „Ich wollte dich mitnehmen.“ erläuterte Erik „Oh, oh, oh“ lachte Lilo stak­katohaft und be­kam sich auch nicht wieder ein, als sie Erik erklärte: „Ein zwanzig Jahre jünge­rer Mann, o. k., aber ich glaube es ist ein Kind gekommen. Erik, ich wohne doch hier, das ist mein Haus. Ich lebe hier von meinem Atelier. Und meine Tochter und meine Freundin seit Kindertagen, das soll ich einfach alles so ver­lassen und der Liebe wegen in ein Land flüchten, dessen Sprache ich nicht ver­stehe? Erik, wo lebst du? Ich glaube du bist nicht nur crazy, du spinnst. Wenn du mich so liebst, sollte dir keine Hürde zu hoch und keine Aufgabe zu schwer sein und natürlich auch kein Feind zu stark, um meine Gunst zu erlangen.“ Lilo lachte immer noch. „Ja wirklich, wenn du mich liebst, sollte es dir wichtig sein, meine Sprache zu verstehen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie du in mei­ner Nähe sein könntest, und nicht zu überlegen, wie du deine Braut rauben und mit zu dir schleppen könntest. Die Zeiten sind schon seit Erik dem Roten vorbei.“ Jetzt alberten und blödelten sie nur noch und lachten sich dabei schief. Die Liebe war ganz vergessen. Sie ist ja schließlich etwas Ernstes.


Frauenraub


Sie wollten nachschauen, wie hoch die Strafe für Frauenraub sei, wobei sie sich nicht si­cher waren, ob dieses Delikt als solches in den Gesetzeswerken heute überhaupt noch Erwähnung fände. Als Lilo am Schreibtisch saß, streichelte ihr Erik sanft über's Haar. Sie drehte ihren Kopf und schaute zu ihm auf. Ob ihr Kuss stürmischer war, lässt sich schlecht beurteilen, zumindest war er viel in­tensiver und dauerte viel länger. „Erik, du Räuber, jetzt bist du dabei meine Seele zu rauben. Das ist noch viel schlimmer. Komm her!“ hauchte Lilo, hatte ihren Schreibtischstuhl gedreht und zog Erik zu sich auf ihren Schoß. „So ist das nicht gut.“ meinte sie nach kurzer Zeit des Küssens und Streichelns. „Ins Bett? Sollen wir das wirklich?“ fragte Lilo unschlüssig zweifelnd. „Wenn du möchtest? Ich schon.“ reagierte Erik und Lilo nickte ihre Zustimmung. Alles genossen sie unendlich langsam und zart, alles war wie ein kleines Wunder, wie ein neu entdeckter Kontinent begleitet von unzähligen Küssen. „Es ist nicht vorbei, Erik. Es ist immer noch da, genau wie vorhin. Es bleibt, ich glaube, es will immer bleiben. Du musst bleiben. Bleib bei mir, Erik. Wir werden alles regeln. Wir werden es wollen. Alles wird gehen.“ hauchte Lilo mit ihrem Kopf auf Eriks Schulter liegend und seine Brust streichelnd. Auskosten, den Augenblick breit genießen wollte Lilo. Nur nicht nachdenken, an nichts denken nur empfinden. Eriks Haut, seine Lippen. Einen Kuss brauchte sie jetzt. Reckte ihren Mund hoch. „Das geht so nicht, Lilo. Du musst schon ein wenig näher zu meinem Mund kommen. Sie legte sich auf ihn und zwischen den Küssen untersuchte sie Eriks Gesicht. Ihre Haut lag auf seiner. Sie räkelte sich und merkte, wie sich Erik wieder erregte. „No, no, no. Not now, my dear. Keep peacefull.“ ermahnte sie Erik und sie lachten wieder.


Mahlers Fünfte


Auch am darauffolgenden Morgen wollte Lilo sich nur selig fühlen. Das Bedürf­nis nach Gedanken käme schon früh genug. Ihr kam es vor, als ob alles völlig neu gewesen wäre. Sie hatte doch nichts vergessen. Wie zum ersten Mal war es ja auch nicht, aber eben al­les völlig anders. Eine völlig andere Sinfonie in ei­ner ganz anderen Tonart. Während es sonst eher wie ein furioses Bachsches Regelwerk als Additivum zur Liebe daherkam, war es ihr jetzt wie eine elegi­sche Liebeserklärung selbst, wie das Adagietto aus Mahlers Fünfter erschienen. Wundervoll, das würde sie wieder wollen, wahrscheinlich immer und immer wieder. Lilo träumte, mit dem Traum von Liebe, wie sie ihn von früher kannte, hatte das nichts gemeinsam. Es war eine andere Art von Glück, die sie mit Erik verband. Ja, ja, kultivierter war auch sicher ihre Liebe gewesen. Ihre Gedanken und Vorstellungen von Beziehung, Liebe und Vertrauen hatten dabei starken Einfluss ausgeübt. Und jetzt war da eigentlich gar nichts. Sie hatte ja nicht mal gewollt, sich dann aber ihrer Lust hingegeben. In gewisser weise ursprünglich, natürlich hatte sich alles entwickelt, ein elegisch breites, warmes Liebesfest. Sie waren sich dadurch andere geworden, Erik und Lilo.


Liebe kann immer nur anders sein


„Lilo, du lässt mich verhungern.“ beschwerte sich Angelika nachmittags am Te­lefon, „Er­zähl!“ „Kann ich nicht.“ antwortete Lilo lachend, „Erzählen kann man das gar nicht, An­gelika. Das kann man nur erleben. Aber eigentlich ist alles viel zu verrückt. Wir müssen uns treffen, aber im Moment bin ich sehr beschäftigt.“ und Lilo lachte immer. Angelika meinte einiges zu verstehen und wollte sich in den nächsten Tagen noch mal melden. Linn erkannte sofort die Lage. „Mami, du, was machst du für Sachen?“ fragte sie lä­chelnd erstaunt. „Ich weiß es auch nicht, Linn. Es kommt einfach daher, kann immer ganz anders aussehen, aber du scheinst es trotzdem zu erkennen. Ich habe Erik ja gar nicht näher gekannt und wollte es auch keinesfalls, aber da scheint es in dir selbst etwas anderes zu geben, das stark ist und den besseren Durchblick hat. Es ist ein ganz ande­res, freies Gefühl. Natürlich wäre es äußerst schade, wenn Erik morgen gehen würde, aber die wunderbare Nacht bleibt dir immer.“ antwortete Lilo. Linn schaute sie nur mit großen Augen an, sog tief Luft durch die Nase und konnte es gar nicht fassen. „Und was wird mit euch?“ wollte sie wissen. „Keine Ahnung, Linn. Ich will auf jeden Fall, dass er hier bleibt. Aber im Moment ist es erst mal Augenblick genießen. Zuversichtlich bin ich aber schon. Es ist alles völlig anders, aber fantastisch. Wenn Erik bleibt, werde ich in Zukunft wahrscheinlich immer jünger statt älter.“ und Lilo lachte. Linn umarmte sie und meinte: „Richtig verstehen kann ich alles nicht, besonders bei dir nicht. Aber ich möchte nichts mehr, als dass du glücklich sein kannst. Und so sieht es ja wohl aus. Alexander will auch rüber kommen. Er lernt ganz fleißig Deutsch, nur dass er hier als Architekt eine Beschäftigung findet, damit rechnet er gar nicht. Er meint zunächst mal im Übersetzungsbereich tätig werden zu können. Der Arme, was er für mich, für unsere Liebe auf sich nimmt. Weißt du, obwohl er ja zwei Jahre älter ist als ich, aber er ist irgendwie so, na ja, so süß eben. Auf jeden Fall ist alles anders. Du hast schon recht, ganz anders ist es eben. Liebe kann immer nur ganz anders sein. Wiederholen kannst du nichts und dich danach zu sehnen, ist töricht und vergeblich. Das Vergangene wird eben Geschichte bleiben und die ist nicht wiederholbar.“ Lilo bekam einen dicken Best-of-Luck-Kuss und ein gegenseitiges Wangenstreichen.


Und dein Körper?


Angelika hatte Lilo eine ganze Woche vertröstet. Eine ungeheuer lange Zeit für die bei­den. Zunächst strahlten sie sich nur an. Erzählten sich beim Kaffeezube­reiten andere Kleinigkeiten. Lilo wusste gar nicht, womit sie anfangen sollte. „Alles der Reihe nach. Fang ganz vorne an. Plötzlich kommt Kundschaft ins Ate­lier, und das ist Erik. Und dann?“ forderte Angelika sie erwartungsvoll lä­chelnd auf. „Ja, und ihm einfach sagen: „Erik, du spinnst. Fahr nach Hause.“ das konnte ich ja auch nicht, obwohl ich so dachte. Er war ja schließlich ein gu­ter Freund. Wir hatten uns ja immer geschrieben und dass wir uns mochten, das sah ich auch schon so, aber Beziehung und Amore, das lag außerhalb je­den Denkhorizontes für mich. Dann haben wir darüber geredet, dass und warum al­les nicht ging und dabei wurde es lustig und albern. Manchmal kommt es mir so vor, als ob man sich bei gemeinsamem Lachen ganz außergewöhnlich nahe ist, ganz nahe, offen und sicher. Da wurde dann alles ganz anders, als ich's vorher überlegt hatte. Ja, und jetzt liegt er eben auch immer bei mir im Bett, wie dein Herr Fritz.“ schloss Lilo lachend. „Und dich macht's glücklich, dass er da liegt, na klar?“ fragte Angelika Bestätigung er­wartend. „Im Grunde habe ich da ja eigentlich gar nicht mehr mit gerechnet, mit dem, was jetzt passiert ist, natürlich erst recht nicht. Ich hätte es zwar nicht schlecht gefun­den, einen Partner zu haben, aber direkt gesucht habe danach nie. Ich habe gedacht, wenn, dann müsse sich etwas ergeben, habe es aber für höchst unwahrschein­lich gehal­ten. Es wäre fast ein Wunder, wie du mit Fritz sagst. Na ja, und jetzt ist das Wunder eben passiert, jeden Tag neu. Schon eine ganze Woche lang.“ erläuterte Lilo. „Und dei­nen 'How to' den haste jetzt endgültig in die Ecke gepfeffert, oder?“ wollte Angelika noch spöttisch wissen. „Ich habe ihn ganz vergessen. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich ihn zuletzt hingelegt habe.“ Lilo dazu. „Und dein Körper? Ärgert der dich immer noch im Bad? Möchtest du immer noch nicht, dass er zu dir gehört?“ fragte Angelika gespannt. „Den habe ich verkauft. Der gehört jetzt Erik, und der kann ihn gut gebrauchen. Er geht auch ganz hervorragend damit um. Der findet den oft mehr als nur in Ordnung. Angeli­ka, der kümmert mich gar nicht mehr. Ich sehe nur noch das Gesicht der Frau.“ antwor­tete Lilo. „Aber das Gesicht der Frau wird doch auch immer älter.“ wandte Angelika leicht provokant ein. „Darauf kommt es doch nicht an, meine Teuerste. Entscheidend ist doch, dass das Gesicht der Frau glücklich ist. Und das ist wohl zur Zeit so.“ reagierte Lilo lä­chelnd. Angelika umarmte sie. „Lilo, ich habe oft das Empfinden, ge­nauso zu fühlen wie du. Was du sagst, macht mich absolut glücklich, als wenn ich selbst in dei­ner Haut steckte. Aber sag mal, wie empfindet Erik denn eigentlich deine hängenden Gärten? Sagt er auch,'Ist eben natürlich so'?“ packte Angelika leichter Übermut. Lilo ant­wortete nicht, verzog das Gesicht zu breiten Grinsen und meinte dann fast ein wenig verle­gen: „Er spielt damit und schmust mich.“ und beide brachen in Lachen aus.


Bestimmt will Erik in die Karawanken


„Goldene Zeiten, Lilo. Vielleicht musst du dazu erst sechzig werden, um das er­leben zu dürfen. Aber sag mal, Fritz und Erik verstanden sich doch ganz gut. Wir könnten jetzt alles Mögliche gemeinsam machen. Lilo, was sollen wir tun? Zuerst müsst ihr beide zu uns zum Essen kommen. Jetzt am Wochenende schon. Und dann könnten wir ja auch gemeinsam in Urlaub fahren. Kannst du dir das vorstellen? Bestimmt will Erik auch in die Karawanken.“ Angelika lachte, schien außer sich vor Freude, umarmte Lilo und be­gann, mit ihr zu tanzen.



FIN




L'âge ne vous protège pas des dangers de l'amour.Mais l'amour, dans une certaine mesure vous protège des dangers de l'âge.

Jeanne Moreau


„Und dein Körper? Ärgert der dich immer noch im Bad? Möchtest du immer noch nicht, dass er zu dir gehört?“ fragte Angelika gespannt. „Den habe ich verkauft. Der gehört jetzt Erik, und der kann ihn gut gebrauchen. Er geht auch ganz hervorragend damit um. Der findet den oft mehr als nur in Ordnung. Angeli­ka, der kümmert mich gar nicht mehr. Ich sehe nur noch das Gesicht der Frau.“ antwor­tete Lilo. „Aber das Gesicht der Frau wird doch auch immer älter.“ wandte Angelika leicht provokant ein. „Darauf kommt es doch nicht an, meine Teuerste. Entscheidend ist doch, dass das Gesicht der Frau glücklich ist. Und das ist wohl
zur Zeit so.“ reagierte Lilo lä­chelnd. Angelika umarmte sie. „Lilo, ich habe oft das Empfinden, ge­nauso zu fühlen wie du. Aber sag mal, wie empfindet Erik denn eigentlich deine hängenden Gärten? Sagt er auch,'Ist eben natürlich so'?“ packte Angelika leichter Übermut. Lilo ant­wortete nicht, verzog das Gesicht zu breiten Grinsen und meinte dann fast ein wenig verle­gen: „Er spielt damit und schmust mich.“ und beide brachen in Lachen aus.




Unglück im Bad – Seite 16von 16

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Tag der Veröffentlichung: 14.04.2013

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