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Vorwort

Bevor ihr anfangen könnt zu lesen, möchte ich euch gerne noch etwas zum Thema Mobbing mit auf den Weg geben.

Mobbing ist „psychische Gewalt, die durch das wiederholte und regelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe oder Einzelperson“ (Siehe https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mobbing&oldid=218203324 (Stand: 22.12.2021)) stattfindet.

In Deutschland werden bis „sechs Prozent aller 15-jährigen Schüler und Schülerinnen sehr häufigem Mobbing ausgesetzt.“ (https://de.statista.com/themen/132/Mobbing/#dossierKeyfigures (Stand: 22.12.2021)) Weitere 23 Prozent erfahren mehrmals im Monat, durch Mitschüler und Mitschülerinnen, Mobbing. (Vgl. Ebd. (Stand: 22.12.2021))

Nicht nur in der Schule kann Mobbing auftreten, sondern überall dort, wo Menschen sich zusammenfinden, wie zum Beispiel: im Freundeskreis, im Familienkreis, Vereinen und Wohneinrichtungen.

Mobbing kann sich in vielen verschiedenen Arten zeigen, angefangen von Beleidigungen und Ausgrenzung bis hin zu körperlicher und sexueller Gewalt. Im Folgenden möchte ich euch jede Mobbingart kurz vorstellen. Meine Erläuterungen hierzu basieren auf den Informationen der Website FamiSafe zum Thema: „Häufige Arten von Mobbing, die jeder kennen sollte“ von Anton Schmitt.

1. Körperliches Mobbing ist die offensichtlichste Form von Mobbing.

2. Verbales Mobbing sind Beleidigungen, bösartige Spitznamen jemanden geben, rassistische Ausdrücke, lustig machen über Sexualität, Herkunft, Religion, Kultur oder äußerliche Merkmale und Anderes.

3. Cybermobbing ist heutzutage die häufigste Form von Mobbing. Das schädliche Verhalten wird über digitale Technologien ausgeübt. Hinter der Anonymität werden Lügen, Beleidigungen oder falsche Gerüchte über Textnachrichten, E-Mails oder soziale Medien verbreitet. Diese Mobbingart kann viele verschiedene Ausprägungen haben und ist daher schwer zu erkennen.

4. Sexuelles Mobbing sind belästigende Kommentare oder „ungewollter“ Körperkontakt.

5. Soziales Mobbing besteht aus dem Verbreiten von Gerüchten, der Versuch, jemanden auszuschließen und (Vgl. https://famisafe.wondershare.com/de/anti-bullying/common-types-of-bullying-that-everyone-should-know.html (Stand: 22.12.2021)) „alles, was den sozialen Ruf negativ beeinflussen kann.“ (Siehe Ebd. (Stand: 22.12.2021))

6. Erpressung: „Bei dieser Art von Mobbing bedroht ein Täter sein Opfer. [Dieser] wird dazu gezwungen, dem Täter Geld zu geben, sein Essen oder sogar Besitztümer.“ (Siehe Ebd. (Stand: 22.12.2021))

Mobbing kann viel schaden, auch Langzeitschäden, bei den Opfern auslösen. Denn Mobbing ist eine „Stressbelastung, die sich negativ auf das körperliche und seelische Wohlbefinden auswirkt. Es ist empirisch belegt, dass [Betroffene] unter körperlichem oder seelischem Unwohlsein (Angespanntheit, Nervosität, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafschwierigkeiten, Alpträume und mehr) oder chronischen Krankheitsverläufen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Erschöpfungszuständen, Depressionen, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen) leiden können.“ (Siehe https://www.therapie.de/psyche/info/ratgeber/lebenshilfe-artikel/mobbing/gesundheitliche-folgen/ (Stand: 22.12.2021)) Deshalb kommt es nicht selten vor, dass Betroffene Selbstmordgedanken haben oder sogar Selbstmord begehen, weil sie die Belastung nicht mehr aushalten können.

 

Deswegen ein sehr wichtiger Rat:

„Als Mobbingopfer wird man oft zu wenig ernst genommen. Wichtig: Nicht aufgeben, es immer wieder anderen erzählen und alles dokumentieren.“ (© Beat Jan)

 

Mit diesem Zitat möchte ich dir, falls du selber unter Mobbing leidest, folgendes mitgeben. Vertrau dich jemandem an! Eltern, Lehrer, Freunde oder auch einem anderen Erwachsenen, dem du vertraust. Falls du in deinem sozialen Umfeld niemanden findest, mit dem du Reden kannst, du bist trotzdem nicht allein damit. Leider reagieren manchmal Erwachsene oder auch Pädagogen unsensibel oder falsch, da sie selber mit dieser Situation überfordert sind, ohne dass sie es eigentlich wollen. Lasst euch deshalb nicht unterkriegen und schweigt nicht erneut. Sucht euch dennoch Hilfe. Ihr dürft mir auch gerne schreiben und wir können gemeinsam schauen, wie wir dir am besten helfen können. Des Weiteren gibt es viele verschiedene professionelle Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen.

Hier eine grobe Liste mit Hilfsangeboten: Mobbingforen (https://www.mobbing.net/ (Stand: 22.12.2021)) (https://www.hilferuf.de/ (Stand: 22.12.2021)), Vereine (z.B.: weißer Ring (https://weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer/hilfe-vor-ort (Stand: 22.12.2021))), auch dein Hausarzt (er hat ab ca. 16 Jahren Schweigepflicht, auch an deine Eltern) und vor allem die Polizei, dort gibt es spezielle Beratungsstellen für solche Zwecke.

Ich empfehle dir, falls du keinen in deinem sozialen Umfeld findest, dem du dich anvertrauen kannst, die „Nummer gegen Kummer“ (https://www.nummergegenkummer.de/leichte-sprache-kinder-und-jugendtelefon/ (Stand: 22.12.2021)). Hier kannst du dich am Telefon (Kinder- und Jugendtelefon: 116111 (montags bis samstags von 14-20 Uhr)) kostenlos, anonym und individuell beraten lassen, sowie dir alles von der Seele reden. Du hast dort auch die Möglichkeit, dich online beraten (https://www.nummergegenkummer.de/onlineberatung/#/ (Stand: 22.12.2021)) zu lassen, dafür müsstest du dich auf der Seite anmelden.

Auch Ihr Eltern holt Euch Rat, wenn Ihr den Verdacht habt, dass Euer Kind sich verändert und Ihr die Vermutung habt, dass Mobbing im Raum steht. Die „Nummer gegen Kummer“ (www.nummergegenkummer.de (Stand: 22.12.2021)) hat auch ein Elterntelefon.

Genauso empfehle ich allen Vereinen, Schulen und Veranstaltungsorganisatoren, bietet Aufklärungsseminare zu diesem Thema an. Mobbing kann so viel Schaden bei den Betroffenen anrichten, der langjährige Folgen haben kann. Deshalb möchte ich noch die Seite von der Bundesregierung aus Deutschland (https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/wer-hilft-bei-mobbing--1577110 (Stand: 22.12.2021)) mit anhängen.

Ich hoffe sehr, dass dieser Roman Betroffenen Mut macht, nicht zu schweigen, sondern sich jemandem anzuvertrauen und sich somit Hilfe zu holen. Denn schweigen, runterspielen und verleugnen, spielt dem Täter zu und er wird dadurch weiter machen, bis man sich vollends selbst verliert. Und euch Mobbern möchte ich auf diesem Wege zeigen, was euer Verhalten mit euren Opfern macht. Mobbing ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Abreagieren von angestauter Wut.

Zum Abschluss möchte ich nur noch eins Sagen: Du bist nicht allein!

Alles Liebe, Meike Schiek

Kapitelübersicht

Prolog

Kapitel  1    Prügel oder Lüge

Kapitel  2    Retter in der Not

Kapitel  3    Schweigen trotz Reden

Kapitel  4    Liebespaar oder Bodyguard

Kapitel  5    Weintrauben und Schokolade

Kapitel  6    Sandkuchen schmecken Lecker

Kapitel  7    Spinnen und Löwen

Kapitel  8    Gefühle jeglicher Art

Kapitel  9    BHs und Boxershorts

Kapitel 10   Flucht in jeglichem Sinne

Kapitel 11   Karriere als Filmstar

Kapitel 12   Hoffen und Bangen

Kapitel 13   Das Ende vor dem Anfang

Kapitel 14   Ruhestörung am Sonntag

Kapitel 15   Endlich klare Sicht

Kapitel 16   Fragen über Fragen

Kapitel 17   Zahlen plus Buchstaben

Kapitel 18   Fragen und Antworten

Kapitel 19   Eis ohne Löffel

Kapitel 20   Freud und Leid

Kapitel 21   Tankini oder Bikini

Kapitel 22   Herz gegen Verstand

Kapitel 23   Aufregung umsonst

Epilog

Widmung

Für meine besten Schulfreundinnen, Nici und Susi.
Es war eine schöne Zeit mit euch, auch wenn nicht immer alles glatt lief.

Prolog

Als sie nach Hause kam, knallte die Tür hinter ihr ins Schloss.

„Was habe ich nur getan?“, fragte sie sich zum hundertsten Mal und stellte die Tüte mit dem Essen unsanft auf dem Flurschrank ab. Dann zog sie sich den Motorradhelm vom Kopf und legte ihn frustriert neben den Schrank. Bevor sie ins Wohnzimmer schlenderte, ließ sie ihre Schuhe und ihre Jacke in eine Ecke fallen. Auf der Couch lagen wie immer ihre Klamotten kreuz und quer. Sie stöhnte auf, schmiss mit einer Handbewegung alles herunter und ließ sich selbst darauf plumpsen.

Eigentlich wollte sie Bratnudeln für sich und ihren besten Kumpel holen. Einfach nur gebratene Nudeln, zum verspäteten Mittag. Warum musste ihr nur so etwas passieren? Gerade jetzt! Hatte sie nicht schon genug durchgemacht und ausreichend Probleme? Ihr Tag fing bereits stressig an, nachts schlief sie kaum und hatte daher fast verschlafen. In der Schule gab es ein ernstes Gespräch mit dem Vertrauenslehrer, aber zum Glück half in dieser Situation Schweigen und herunterspielen. Nachdem sie endlich Schulschluss hatte und sich auf ihren Kumpel freute, traf sie ausgerechnet diese eine Mitschülerin.

Warum gerade sie? Wäre sie ihr dort nicht begegnet, wäre sie nicht so aufgewühlt losgefahren und dann wäre das alles nicht passiert. Der Hass, welchen sie schon lange verspürte, verhärtete sich. Wieso geschah ihr jedes Mal so ein Mist? Weshalb verlor sie immer alles? Sie war doch schon allein. Aber sie wollte nicht allein sein.

Sie wünschte sich echte Freunde und vor allem ihre Freundin zurück. Wieso durfte sie nicht glücklich sein? Warum war alles so unfair verteilt: Liebe, Freundschaft und Geborgenheit. Sie sehnte sich nach einer richtigen Familie. Einer Familie, in der jeden Tag zusammen Abendbrot gegessen wurde, Mutter und Vater sich verliebt vor den Kindern ansahen und die Geschwister sich zankten und alle durcheinander von ihrem Tag erzählten.

Zum Glück hatte sie Freaky. Er war ihr bester Kumpel und ein PC-Nerd. Deshalb hatte sie ihm auch diesen Spitznamen verpasst.

Die Türklingel riss sie aus ihren trüben Gedanken. Lustlos erhob sie sich und schlurfte zur Tür. Langsam öffnete sie diese und drehte sich zeitgleich um, um zurück zum Sofa zu gehen. Eigentlich hatte sie jetzt keine Lust mehr auf ihn. Sie wollte nur noch in ihrem Selbstmitleid baden und ihren Hassgefühlen freien Lauf lassen. Aus tiefstem Herzen wünschte sie sich, dass diese eine Klassenkameradin von der Schule flog. Erst dann konnte sie wieder frei atmen und ihr Leben genießen.

Im Wohnzimmer angekommen, ließ sie sich erneut auf das Sofa fallen und starrte an die Decke. Sie bemerkte nicht einmal, dass sich ihr Freund inzwischen zu ihr gesetzt hatte und sie fragend ansah. Seine Augenbrauen waren hochgezogen und sein Mund öffnete und schloss sich wieder. Es wirkte, als wollte er etwas sagen, aber sich nicht traute. Es entstand zwischen beiden ein langes Schweigen. Jeder hing in seinen Gedanken fest. Nach einer Weile fragte er sie doch und unterbrach dadurch die Stille. „Was ist los? Ist heute irgendwas gewesen?“ Erschrocken zuckte sie zusammen.

„Nichts, ist passiert“, gab sie ihm tonlos zur Antwort und hoffte, dass er nicht weiter nachfragte. Skeptisch musterte er sie, denn er glaubte ihr kein Wort. Sie war ruhiger als sonst und total in sich gekehrt. So kannte er sie überhaupt nicht. Normalerweise überfiel sie ihn immer mit den neuesten Geschichten, was wieder zwischen ihr und ihrer Erzfeindin in der Schule vorgefallen war. Aber heute verhielt sie sich genau andersherum. So schweigsam hatte er sie lange nicht mehr erlebt. Er liebte es an ihr, dass sie sich nicht unterkriegen ließ und jedes Mal wusste, wie sie sich zu wehren hatte.

„Die Nudeln stehen auf dem Flurschrank, wenn du Hunger hast“, ertönte emotionslos ihre Stimme und riss ihn aus seinen Gedanken. „Gabeln sind in der Küche, du weißt ja wo.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Schnell stand er auf und holte sich das Essen und die Gabel. Mittlerweile hatte er wirklich großen Hunger. Er hatte extra nach der Arbeit nichts gegessen. Während er die Portion Bratnudeln mit Fleisch und Chilisoße verdrückte, richtete sie sich auf, setzte sich gerade hin und zog ihre Beine an. Sie holte mehrmals hintereinander tief Luft, um diese anschließend wieder lautstark herauszulassen. Etliche Male war er kurz davor, sie noch einmal zu fragen, ließ es aber am Ende doch bleiben. Er wollte ihr die Zeit geben, die sie benötigte. Es dauerte lange und er brauchte viel Geduld. Und dann fing sie endlich an zu reden. Ihre Stimme war zaghaft und gleichzeitig voller Panik.

„Ich habe vorhin eine Frau angefahren. Sie stand plötzlich auf dem Zebrastreifen. Als ich sie sah, konnte ich nicht mehr anhalten. Das lag aber ...“

Freaky ließ seine volle Gabel, die er gerade zum Mund führen wollte, sinken und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Während sie weiter erzählte, hing er gedanklich bei Fußgängerüberweg, angefahren und nicht bremsen fest.

„Stopp!“, rief er, nachdem er die Worte begriffen hatte. Erschrocken darüber schnappte sie nach Luft und sah ihn unsicher an. „Das ist ein Scherz, oder?“, fragte er fassungslos.

Zaghaft schüttelte sie ihren Kopf.

„Das lag aber nicht an mir“, versuchte sie sich zu verteidigen, doch er unterbrach sie ein weiteres Mal. „Ist die Frau schwer verletzt?“

„Keine Ahnung“, antwortete sie mit einem Schulterzucken. „Ich habe danach einfach Gas gegeben und bin abgehauen.“

„Du bist was?“ Die vorwurfsvolle Stimme von ihrem besten Kumpel ließ sie erneut zusammenzucken.

„Wenn es das nur wäre“, sagte sie flüsternd, sodass er sie kaum verstand.

„Das ist nicht alles?“, fragte er entsetzt. Was wollte sie ihm noch alles beichten? Zaghaft schüttelte sie ihren Kopf und sah dabei auf ihre Hände. Sie spielte mit ihnen und schien lange zu überlegen, ob sie es sagen sollte oder nicht. Nach einer Weile holte sie tief Luft und begann zu erzählen.

„Ich habe danach gleich bei der Polizei angerufen …“

„Das ist doch gut“, fiel er ihr ins Wort und legte seine Hand auf ihre. Prompt zog sie diese weg, sodass seine Hand auf ihrem Knie zum liegen kam. Verzweifelt schüttelte sie ihren Kopf und aus ihren Augen liefen die ersten Tränen.

„Was hast du erzählt?“, fragte Freaky und streichelte ihr über das Bein. Erneut atmete sie tief ein, bevor sie weitersprach.

„Ich habe nicht die Wahrheit gesagt“, brachte sie flüsternd heraus.

„Bitte was?“ Er hatte große Probleme, alle Information zu verarbeiten. In seinem Kopf liefen viele verschiedene Szenarien ab. Um nicht weiter spekulieren zu müssen, fragte er: „Was hast du der Polizei gesagt?“

„Na ja, ich habe ...“, druckste sie herum und sah dabei auf den Tisch vor ihr.

„Jetzt aber raus damit!“, sagte er ernst und setzte sich gerade hin. Die Schale mit Bratnudeln, welche er immer noch in der einen Hand festhielt, hatte er mittlerweile vergessen. Hunger hatte er keinen mehr. Unter Tränen fing seine Freundin endlich an zu erzählen. Sie erzählte ihm jedes, kleine Detail.

„Du bist ...“ Freaky schüttelte ungläubig seinen Kopf und brach den Satz ab. Er konnte es nicht fassen, was er da gehört hatte.

„Sag nichts! Ich habe es diesmal richtig verbockt.“ Ihr Kumpel sah sie immer noch geschockt an. Nach einer Weile legte er seine Stirn in Falten und überlegte fieberhaft, wie er ihr helfen konnte.

„So würde es funktionieren.“, murmelte er gedankenverloren. Irritiert sah sie ihn an. Sie verstand nicht, was er damit sagen wollte. Verschmitzt lächelte er und sagte: „Ich habe eine Idee, wie du da unbeschadet wieder heraus kommst!“

Kapitel 1

Prügel oder Lüge

 

Wie jeden Morgen stand ich vor dem Spiegel und verzweifelte beim Versuch, meine langen, rotblonden Haare hochzustecken. Zum fünften Mal versuchte ich vergeblich Halt hinein zu bekommen. Ein Klopfen an der Badtür, ließ mich zusammen zucken.

„Jasi, ich muss aufs Klo!“, ertönte die Stimme meines Bruders und ein weiteres Pochen an der Tür war zu hören. Gestresst griff ich nach einer neuen Haarspange und versuchte damit die komplette Frisur zu fixieren. Dabei stach ich mir die Haarnadel in den Kopf. „Au“, schrie ich auf und zog sie reflexartig wieder heraus. Ungeduldig trommelte es erneut gegen die Badtür.

„Jaaa, gleich!“, rief ich gereizt und verlor die Spange aus der Hand. Beim Versuch, diese aufzufangen, riss ich die lockere Frisur vom Kopf, sodass alles zerzaust herunter hing, mitsamt den Haarspangen.

„Grrrr“, entfuhr es mir und ich suchte die Haarsträhnen nach den Haarnadeln ab. Als ich diese herausgelesen hatte, gab ich es frustriert auf und band mir einen Pferdeschwanz. Verärgert öffnete ich die Tür und war froh, dass unsere Eltern gestern Abend wieder für mehrere Wochen beruflich verreist waren, sodass ich mir das Bad nur mit meinem Bruder teilen musste.

„Für was warst du eine dreiviertel Stunde da drinnen?“, fragte er mich kopfschüttelnd, als ich an ihm vorbei ging.

„Nur um dich zu ärgern“, grummelte ich und verdrehte die Augen.

Er ignorierte meine Antwort und verschwand im Bad. Unzufrieden mit meiner Frisur lief ich die Treppe hinunter und räumte unten in aller Ruhe den Tisch ab. Heute hatte ich überhaupt keine Lust auf Schule, denn in der zweiten Stunde stand eine Klausur in Chemie an. Gelernt hatte ich zwar, aber die ganzen chemischen Prozesse und Formeln waren nicht so meins.

„Hast du Mal auf die Uhr geschaut?“, brüllte Flo von oben herunter, während die Badtür ins Schloss flog. „Nein!“, rief ich zurück und packte in Seelenruhe weiter die Brotdose und Trinkflasche ein.

Flo, eigentlich Florian, war mein drei Jahre älterer Bruder und wir verstanden uns sehr gut. Er hatte die Realschule besucht und machte eine Ausbildung zum Physiotherapeut.

„Du musst jetzt langsam los!“ Ein kurzer Blick auf die Uhr ließ meinen Herzschlag für einen Moment aussetzen. Ich hatte nur noch zwanzig Minuten bis zum Stundenbeginn. Rasch schnappte ich mir den Rucksack und zog die Schuhe an. Dann verließ ich das Haus.

Es war ein herrlicher Frühlingstag. Schnell lief ich Richtung Schule und versuchte das Tempo zu halten. Am Kindergarten stoppte ich und verschnaufte kurz. Ich war völlig aus der Puste. Beim Anblick der spielenden Kinder im Garten vergaß ich erneut die Zeit. Am liebsten hätte ich die ersten beiden Stunden abgesagt und etwas mit ihnen gemacht.

Das Klingeln meines Smartphones erinnerte mich prompt an die Schule. Aus Erfahrung wusste ich, dass es nur eine von meinen Freundinnen sein konnte. Zügig lief ich daher weiter. In Gedanken war ich bei den Kindern und spielte mit ihnen im Sand. Ich freute mich schon sehr auf mein Praktikum, was ich dort in ein paar Wochen absolvieren durfte.

Am Schulhaus angekommen, erblickte ich sofort meine zwei besten Freundinnen. Beide sprachen mit dem Hausmeister und versuchten vermutlich, ihn davon abzuhalten, die Tür abzuschließen. Denn dieser sah verärgert aus und machte immer wieder Anstalten, sie in das Gebäude zu schicken. Doch beide schüttelten energisch den Kopf. Schnell lief ich auf sie zu. „Jasmin kommt sicher gleich“, erklärte Marlene und sah sich suchend nach mir um.

„Das sagt ihr seit drei Minuten“, gab Herr Maier genervt von sich und zeigte erneut auf das Schulhaus. „Jetzt rein mit euch, sonst schließe ich die Tür vor euren Nasen zu.“

„Da ist sie ja“, rief Marlene erleichtert und kam auf mich zu. Sonja folgte ihr. Im Gegensatz zu Marlene wirkte diese stinksauer. „Weißt du, wie spät es ist?“

Bevor ich Antworten konnte, trat Herr Maier auf uns zu und wedelte mit seinem Schlüssel vor unseren Gesichtern herum. „Darf ich endlich meine Arbeit machen und die Tür abschließen?“

„Ja“, gab Sonja knapp von sich und zog uns ins Schulgebäude. Schnurstracks rannten wir zum Musikraum. Davor blieb sie stehen und sah mich sauer an. „Du kannst froh sein, dass wir ein gutes Wort für dich eingelegt haben. Herr Maier wollte schon vor fünf Minuten absperren.“

„Danke“, gab ich kleinlaut von mir. „Ohne euch hätte ich wieder klingeln müssen und das wäre nicht so glimpflich ausgegangen.“ Ich war ihnen wirklich dankbar und erleichtert, dass ich sie hatte. Vor anderthalb Jahren sah das ganz anders aus. Sonja und ich mieden Marlene und konnten sie nicht leiden. Doch wie es der Zufall wollte, verliebte sich mein Bruder in sie und gewann ihr Herz. Dadurch freundeten wir uns an und waren seitdem unzertrennlich.

Genau zum Stundenklingeln betraten wir das Klassenzimmer. Unsere Musiklehrerin war glücklicherweise noch mit ihren Notizen am Lehrertisch beschäftigt, sodass sie uns nicht mitbekam. Zügig liefen wir zu unseren Plätzen. Mein Blick schweifte in die letzte Reihe zu einer blonden, kurzhaarigen Mitschülerin, die mich mit einem aufgesetzten Lächeln ansah. Schnell wandte ich mich daher meinem Rucksack zu und packte aus.

„Und, wer kam wieder zu spät?“, fragte sie und ihr Lachen war nicht zu überhören. „Die Streberin“, beantwortete sie selbst ihre Frage. Wie immer war ich die Lachnummer. Tief einatmend ignorierte ich ihre Provokation und setzte mich hin. Sonja, die neben mir saß, verdrehte die Augen und ihr Kopf schoss nach hinten. „Das sagt gerade das Plappermaul.“

„Du hast hier nichts zu melden, Zwerg“, kam prompt die Antwort. Meine Freundin holte tief Luft und knirschte mit den Zähnen.

„Lass gut sein“, flüsterte ich ihr zu, doch sie schüttelte energisch den Kopf, sodass ihre schulterlangen, blonden Haare hin und her flogen. „Nur weil ich klein bin, muss sie nicht jedes Mal darauf herum reiten. Ich hab mehr in der Rübe als sie.“

Marlene, die einen Platz vor uns saß, drehte sich um und schien ebenfalls genervt zu sein. Ich wunderte mich wieder einmal, wie sie früher mit Jessica befreundet sein konnte. Jessica hatte nichts in der Birne, sodass sie damals die Siebte wiederholen musste und zu uns in die Klasse kam. Dank Marlene, die ihr immer bei den Hausaufgaben und Arbeiten geholfen hatte, durfte sie bis heute bei uns auf dem Gymnasium bleiben.

Das war auch der Grund, warum ich es total ätzend fand, dass sich mein Bruder ausgerechnet in Jessicas beste Freundin verliebt hatte und ich sie daher ganz oft bei mir zuhause sehen musste. Mit der Zeit lernten wir uns näher kennen und schätzen, was Jessica überhaupt nicht passte. Denn Marlene distanzierte sich in dieser Zeit immer mehr von ihr. Irgendwann löste sie die Freundschaft mit ihr komplett auf und wir verbrachten seitdem unsere Freizeit zu dritt beziehungsweise zu viert, wenn man meinen Bruder mit einbezog.

„Sonja, es bringt nichts“, sagte Marlene und sah Sonja eindringlich an. „Sei stolz, dass du auf deine 1,59 mehr Weisheit besitzt, als sie auf ihre 1,75.“ Meine Sitznachbarin beruhigte sich etwas und sortierte ihre Schulsachen neu, ohne etwas zu erwidern.

„Hat es dem Zwerg die Sprache verschlagen?“, provozierte Jessica weiter. Sie war eindeutig in ihrem Element und fand kein Ende.

Bevor Sonja explodieren konnte, sah Marlene ihre damalige beste Freundin an und gab ihr in einem ruhigen und sachlichen Ton eine Antwort. „Nein, hat es ihm nicht. Nur Zwerge wissen, wann sie am besten Schweigen sollten.“

„Schluss jetzt!“, rief Frau Mausberger uns zur Ruhe. „Heute geht es nicht um Zwerge oder Riesen, sondern?“ Sie machte eine kurze Pause und ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. „Jessica?“ Diese lief rot an und vergrub ihr Gesicht in ihrem Hefter. Zögernd kam von ihr die Antwort. „Beethoven?“

„Schön, dass du vorige Woche mitgeschrieben hast. Heute wollten wir uns aber mit Georg Friedrich Händel beschäftigen.“

Die Klasse stöhnte. Ich hätte lieber gesungen, statt mich mit Beethoven, Händel oder sonst wem auseinanderzusetzen. Gelangweilt holte ich mir einen Zeichenblock aus dem Rucksack und malte. Nach einer ganzen Weile sah ich auf und stellte entsetzt fest, dass Frau Mausberger schon recht viel über den Komponisten an die Tafel geschrieben hatte. Prompt legte ich die Zeichnung zur Seite und schrieb die Informationen ab.

Ich hatte gerade das letzte Wort abgeschrieben, als es zur Pause klingelte und alle fluchtartig aus dem Raum stürmten. Meine Mädels und ich ließen uns dagegen etwas Zeit und packten im Schneckentempo unsere Sachen ein.

„Jetzt haben wir Chemie“, stöhnte Sonja und warf sich ihren Rucksack über die Schulter. Wir taten es ihr gleich und verabschiedeten uns von Frau Mausberger. Doch diese hielt uns zurück und sah uns eindringlich an.

„Ich habe heute nichts gesagt. Wenn ihr aber das nächste Mal wieder zu spät kommt, lasse ich es nicht mehr durchgehen, verstanden? Das ist bei euch mittlerweile zur Normalität geworden.“
„Es lag an mir“, sagte ich und sah sie dankbar an. „Ich werde mich bessern, versprochen.“

„Das erwarte ich und jetzt raus mit euch.“

 

***

 

„Habt ihr gelernt?“, fragte Sonja auf dem Weg zum Chemieraum und erinnerte mich an die Klausur.

„Ja, haben wir“, antwortete Marlene für uns beide, da wir gestern gemeinsam bei mir gebüffelt hatten. „Aber begreifen und irgendwas merken, sind zwei verschiedene Sachen“, fügte ich frustriert hinzu.
„Was ich euch vorhin schon erzählen wollte“, sagte Marlene und überging meine Aussage. „Jessica hatte mich gestern Abend angerufen und gefragt, ob das heute war mit der Klausur in Chemie.“

„Da war sie aber zeitig dran“, lachte Sonja.

„Das habe ich auch gedacht“, erklärte Marlene und ich schüttelte den Kopf. „Ich bezweifle, dass sie die ganzen Prozesse und Formeln gestern Abend noch auswendig gelernt hat. Jasi und ich saßen vier Stunden daran und haben es schließlich aufgegeben, weil uns der Kopf sonst geplatzt wäre.“

„Da können wir uns jetzt auf eine Diskussion einstellen“, meinte Sonja genervt.

„Wohl wahr“, stöhnte ich. Mich machte die Klausur schon fertig genug, sodass ich keinen Nerv für eine Auseinandersetzung hatte. „Statt im Unterricht blöde Sprüche zu klopfen, sollte sie lieber zuhören und aufpassen.“

Vor dem Chemieraum trafen wir wieder auf die anderen und unsere schlimmste Befürchtung wurde wahr. Jessica war dabei, die ganze Klasse zu überreden, Herrn Klaus weiß zu machen, dass wir nichts von der Klausur gewusst hätten.

„Leute, wollt ihr heute die Arbeit schreiben oder nicht?“, fragte sie verärgert in die Runde.

„Ich auf jeden Fall nicht“, erwiderte Karl. Er gehörte eigentlich, wie Jessica, in die Realschule, doch dank des Geldes seines Vaters, durfte er bei uns auf dem Gymnasium bleiben.

„Und ihr?“, wiederholte sie ihre Frage für die anderen und ließ keine Widerrede zu. Eingeschüchtert schüttelte der Rest der Klasse den Kopf. Erleichtert begann sie daraufhin, ihr Vorhaben detailliert zu beschreiben. Ich atmete tief durch und drehte mich zu meinen Freundinnen.

„Das bringt doch nichts“, stöhnte ich. „Herr Klaus schreibt sich alles haargenau auf. Seit drei Wochen hat er die Klausur im Gespräch. Wie oft soll er die Arbeit denn ankündigen?“

„Vor allem verlieren wir dadurch Zeit“, murmelte Marlene und ließ ihre Schultern hängen. „Zeit, die wir brauchen.“ Sie war eindeutig genauso frustriert wie ich.

In diesem Moment kam Herr Klaus angelaufen. Vor der Tür angekommen kramte er seinen Schlüssel aus der Hosentasche, was wie immer zu Gekicher führte, da diese komplett vollgestopft aussah.

„Wer weiß, was er noch alles in seiner Hose versteckt“, ließ Jessica von sich hören und das Gelächter wurde lauter. Konnte sie nicht einmal ihren vorlauten Mund halten?

Ich könnte sie ...

„Wehe, ihr haltet nicht die Klappe!“, unterbrach sie meine Mordgedanken. Genervt sah ich zu ihr und sie zeigte uns ihren drohenden Zeigefinger. „Dann!“

„Was dann?“, fragte Sonja und plusterte sich vor ihr auf.

„Das wirst du schon sehen, Zwerg.“ Damit schob sie Sonja unsanft zur Seite und ließ uns stehen.

„Jetzt habe ich aber Angst“, zischte Sonja und sah uns mit ihren grünen Augen eindringlich an. „Wehe, ihr macht bei dem Schmierentheater mit, verstanden?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Marlene und beide betraten den Chemieraum. Ich war mir dagegen nicht so sicher. Ich hoffte, dass sich die Diskussion schnell in Luft auflöste und ich keine Stellung dazu nehmen musste.

Gleich nach dem Stundenklingeln brach eine heftige Diskussion mit unserem Chemielehrer aus. Jeder versuchte ihm begreiflich zu machen, dass wir nichts von einer Klausur wussten. Allen voran Jessica. Genervt sah ich zu meinen Mädels, die neben mir saßen, und Marlene verdrehte die Augen. Ich nickte ihr zu und flüsterte: „Da müssen wir wohl noch zwei Jahre durch, bis wir unser Abi haben.“

„Leider.“

Mein Smartphone vibrierte in der Hosentasche und ich sah kurz zu Herrn Klaus, der noch immer in die Auseinandersetzung vertieft war. Langsam zog ich es heraus und aktivierte das Display.

Flo - Was er wohl wollte?

Ein weiterer Blick zu Herrn Klaus zeigte, dass er ganz hinten im Chemieraum stand und er mich nicht in seinem Blickfeld hatte. Schnell öffnete ich die Nachricht und las:

 

Flo:
„Ich soll dich von Mum und Dad grüßen. Da sie nicht viel Zeit haben, haben sie mich kurz angerufen. Sie sind vor einer Stunde auf Mallorca angekommen. Bis später, Flo“ (8:47)

 

Am liebsten wäre ich mitgeflogen, doch da ich nicht wochenlang in der Schule fehlen konnte, musste ich hierbleiben. Aber bei dieser Diskussion wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mit Mum und Dad am Strand zu liegen.

Schnell steckte ich das Handy wieder weg und das keine Sekunde zu spät, denn Herr Klaus kam genau in diesem Moment auf mich zu. Hoffentlich hatte er es nicht entdeckt. Mein Herz fing an zu rasen.
„Jasmin, da du gerade nicht wirklich anwesend zu sein scheinst, kannst du mir ja sagen, ob ihr von der Klausur wusstet?“ Seine Verärgerung war nicht zu überhören.

Na super, warum hatte ich auf das Smartphone geschaut. Was sollte ich antworten? Wäre es besser, zu lügen? War das mein Niveau? Ich spürte die Blicke der anderen auf mir. Was ist, wenn Jessica die Drohung wahr machte? Kurz sah ich zu ihr und sie zeigte mir sofort erneut ihren drohenden Zeigefinger. Hätte ich es lieber nicht getan. Mein Herz raste und Panik stieg in mir auf.

„Jasmin?“ Herr Klaus sah mich eindringlich an und wartete auf eine Antwort. Was sollte ich nur sagen? Ich holte tief Luft und entschied, mir treu zu bleiben, egal was ich damit anrichtete.

„Ja, wir wussten es“, gab ich schlussendlich zu und hoffte, dass Jessica sich nur aufgespielt hatte und ihre Drohung nicht wahr machte.

„Na dann, Zettel raus!“, rief daraufhin Herr Klaus wutentbrannt. Er lief zur Tafel und klappte diese auf. „Die Fragen seht ihr hier.“

„Zwölf Aufgaben“, entfuhr es mir. Wie sollten wir die alle in einer halben Stunde schaffen.

Danke Jessica!

Ich war so sauer. Frustriert wandte ich mich den Fragen zu. Im Hintergrund begann erneut die Hälfte der Klasse an zu diskutieren.

„Ruhe jetzt“, brüllte unser Chemielehrer. Erschrocken sah ich auf. Ich hatte ihn noch nie so wütend erlebt. „Wer jetzt nicht leise ist, bekommt von mir eine Sechs für die Klausur und kann sich im Sekretariat melden.“ Schlagartig war es ruhig und man hörte nur leises Stöhnen und Zettelrascheln.

Als es klingelte, hatte ich gerade die letzte Aufgabe beantwortet. Erleichtert packte ich meine Sachen ein. Die Lautstärke im Chemieraum stieg wieder. Einige Mitschüler fingen lauthals mit Schimpfen an.

„Hättet ihr nicht mit mir diskutiert, hättet ihr auch mehr Zeit gehabt“, gab Herr Klaus von sich, während er die Arbeiten einsammelte. Sofort sprangen die ersten Schüler auf. „Halt!“, schrie er frustriert. „Ich beende den Unterricht.“ Er wartete, bis sich alle wieder gesetzt hatten, und sprach dann weiter.

„Wer gelernt hat, konnte das locker in einer halben Stunde schaffen“, sagte er überzeugt und sah jeden Einzelnen an. „Ich hoffe, dass so eine Diskussion einmalig war.“ Dabei schaute er besonders zu Jessica, die seinem Blick auswich und mich grimmig ansah.

„Und nun dürft ihr gehen“, teilte er uns mit und verstaute die Blätter in seiner Tasche. Sofort stürmten alle aus dem Raum. Jessica ließ noch einen Kommentar ab und war danach ebenfalls verschwunden.

„Mal sehen, was sie sich einfallen lässt“, meinte Sonja, bevor auch wir den Chemieraum verließen. Ich hoffte nichts. Doch ihr vorwurfsvoller Blick von vorhin sprach etwas anderes. Langsam folgte ich meinen Freundinnen zum Schulhof. Vor der Tür stoppte Marlene und sah mich, mit ihren braunen Augen, verständnisvoll an.

„Mach dir bitte keine Gedanken“, sagte sie und nahm mich in ihre Arme. „Wir stehen das gemeinsam durch. Wir hätten genauso geantwortet.“ Zaghaft nickte ich und löste mich aus ihrer Umarmung.

„Heute kommt auf jeden Fall nichts“, meinte Sonja und lief wieder los. Ich holte tief Luft und ließ meine innere Anspannung beim Ausatmen mit heraus. Da mir nichts anderes übrig blieb, versuchte ich beiden zu vertrauen. Ermutigt folgte ich ihnen auf den Schulhof.

In den darauffolgenden Stunden ging uns Jessica aus dem Weg. Sie sah mich zwar jedes Mal bitterböse an, sagte aber nichts. Marlene war der Meinung, dass sie mit ihrer Niederlage zu kämpfen hatte. Sonja dagegen war der Ansicht, dass sie über ihren Racheplan brütete. Ich war wiederum nur dankbar, dass sie mich in Ruhe ließ.

 

***

 

Nach Schulschluss standen wir vor der Schule und überlegten, was wir heute unternehmen könnten.

„Was haltet ihr von einem Treffen im Park“, schlug Sonja vor und wir stimmten begeistert zu.

„Sechszehn Uhr auf unserem Lieblingsplatz?“

„Perfekt“, bestätigte Marlene und umarmte sie.

„Super“, murmelte Sonja und drückte mich.

„Freut mich.“ Dann wandte sie sich um und verschwand hinter der nächsten Ecke.

„Wollen wir auch los?“, fragte Marlene und ich nickte. Seit sie mit Flo zusammen war und wir uns angefreundet hatten, kam sie öfter gleich nach der Schule mit zu mir. Gemeinsam liefen wir los.

Kurz darauf ließ uns ein lautes Hupen zusammenzucken und wir drehten uns erschrocken um. Ein altes Auto hielt wenige Meter hinter uns am Straßenrand an und ein großer Mann mit rotblonden Haaren stieg lässig aus.

„Flo!“, schrie Marlene und rannte zu ihm. Langsam folgte ich ihr und sah, wie sie ihm in die Arme fiel und er ihr einen Kuss gab.

„Was machst du hier?“, begrüßte ich ihn. „Musst du nicht arbeiten?“

„Eigentlich schon, aber es gab einen Wasserschaden im Gebäude, sodass das Wasser abgedreht werden musste. Ohne Wasser können wir uns nicht nach jedem Patienten die Hände waschen oder die Toiletten benutzen. So hat meine Chefin allen für heute abgesagt und mich ebenfalls nach Hause geschickt. Ich soll zuhause etwas in die Lehrbücher schauen.“

„Aber was machst du dann hier?“, fragte ich. „Wenn ich es richtig verstanden habe, sollst du Büffeln.“

Es entstand eine kurze Pause, bis Flo Marlene losließ und uns grinsend ansah.

„Lass mich überlegen?“, meinte er und sein grinsen wurde noch breiter. Kurz darauf strich er sich über seinen nicht vorhandenen Bart. „Ich wollte eigentlich meine Freundin von der Schule abholen. Aber wenn ich euch beide jetzt hier so sehe, dann kann sie ruhig laufen.“

„Du bist ein Witzbold“, lachte ich und Marlene schubste ihn, was Flo noch mehr anheizte uns zum Narren zu halten.

„Wollt ihr mir sagen, dass ihr kein Interesse an mir habt?“, fragte er gespielt entsetzt. „Dann kann ich ja wieder fahren“, meinte er gleichgültig und zuckte mit seinen Schultern. „Schade.“ Geknickt drehte er sich um und lief zur Fahrertür. Dort zog er sein Handy aus der Hosentasche und tippte darauf herum.

„Meine Freundin hat ein Date mit ihrer BFF“, murmelte er und steckte sein Smartphone zurück in die Tasche. „Kein Problem, so habe ich wenigstens einen freien Nachmittag.“ Daraufhin stieg er in sein Auto.

„Machts gut ihr zwei Hübschen. Es war schön, euch kennen zu lernen.“ Dann knallte die Tür und wir hörten den Motor aufheulen. Kurz darauf fuhr er los und ließ uns ernsthaft stehen.

„Das hat er jetzt nicht getan!“, sagte Marlene fassungslos, während ich mir vor Lachen fast in die Hose machte.

„Scheint so“, meinte ich noch immer kichernd und zog sie mit mir. „Dann müssen wir wohl doch laufen.“

„Wenn ich den wieder in die Hände kriege, garantiere ich für nichts“, teilte sie mir aufgewühlt mit. „Dieser Spinner ist manchmal nicht zum Aushalten.“

„Da gebe ich dir sogar Recht. Ich wohne mit ihm unter einem Dach und muss ihn daher länger ertragen. Aber lass ihm bitte den Kopf dran, ja?“

„Was denkst du denn von mir?“, fragte sie entsetzt und schubste mich auf die Straße.

„Hey“, schrie ich erschrocken, bevor ich auf den Gehweg zurück stieg und mich bei ihr einhakte. „Egal wie schlimm er manchmal ist, er ist trotzdem mein Bruder. Ohne ihn wäre ich sonst den ganzen Abend allein.“

„Das ist dein einziges Problem?“, fragte sie und sah mich skeptisch an. „Dann bist du genauso schlimm wie er.“

„Ich? Du tickst wohl nicht richtig. So kindisch und verblödet bin ich nicht.“

„Ihr seid euch ähnlicher, als dir bewusst ist“, klärte sie mich auf. „Du und Flo, ihr seid beide verträumt und gelegentlich gestört. Wenn ich nur an Monopoly denke.“ Sie unterbrach und verdrehte die Augen.

„Das ist unser Lieblingsspiel“, verteidigte ich uns. „Da darf man auch mal kreativ sein, sonst ist es doch langweilig.“

„Genau das meine ich. Niemand kommt auf solchen Schwachsinn. Aber ihr seid beide auch liebevoll und herzlich. Vor allem immer für einen da und opfert euch für andere auf.“ Sie lächelte und sah mich an. „Und deshalb mag ich euch“, gab sie sentimental von sich und zog meinen Arm enger an sich. „Wenn du nur wüsstest, wie das Leben ohne euch war.“

Ein erneutes Hupen ertönte und Flo hielt ein zweites Mal neben uns. Er öffnete die Beifahrertür von innen und sah uns ernst an. „Habt ihr beide wieder einen klaren Kopf?“

„Das sagt der Richtige“, erwiderte Marlene und sah ihren Freund belustigt an. „Wie ich sehe, hast du es nicht lange ohne deine Freundin ausgehalten.“

„Okay, ich wollte nur nett sein“, meinte er und griff nach der Tür, doch Marlene hielt sie fest.

„Du lässt uns nicht schon wieder stehen!“, befahl sie und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

„Doch, das werde ich“, erklärte er. „Oder habt ihr mir was zu sagen?“

„Was willst du hören?“, fragte Marlene und sah ihren Freund herausfordernd an.

„Ich denke, wenn ihr mich freundlich bittet, würde ich euch trotz der Abfuhr mitnehmen?“, überlegte er und erwiderte angriffslustig ihren Blick.

Beide verloren sich in einem Blickduell. Keiner schien den Kampf verlieren zu wollen. Nach einer gefühlten Ewigkeit schüttelte Marlene jedoch ihren Kopf und beendete somit den Blickkontakt. Mit einem Siegerlächeln sah Flo uns an und fragte: „Und was ist nun?“

„Du bist doch mein Lieblingsmann ...“, begann Marlene stöhnend und Flo murmelte: „Das will ich hoffen.“ „... und mein Lieblingsbruder“, fügte ich hinzu und sie sprach weiter. „Würdest du uns mitnehmen?“

„Biiiieeeetttteee“, hängte ich an und klimperte, genauso wie sie, mit meinen blauen Augen.

„Was´n das für ´ne Frage?“, antwortete er und tat schockiert. „Los, steigt schon ein.“

Nachdem ich nach hinten auf den Rücksitz geklettert war, machte es sich Marlene auf dem Beifahrersitz bequem. Wir schnallten uns schnell an und Flo fuhr los.

„Wie war euer Schultag heute?“, fragte er und seine Freundin berichtete ausgiebig von unserem heutigen Tag und von der Klausur. Da ich das Ganze nicht noch einmal erleben wollte, sah ich aus dem Fenster und versuchte mich abzulenken.

 

***

 

Zur verabredeten Zeit traf ich pünktlich auf unserem Lieblingsplatz im Park ein. Sonja saß auf der Bank und las etwas auf ihrem Handy. Mit einem „Hi“, begrüßte ich sie und setzte mich daneben. Statt eine Antwort zu geben, tippte sie auf dem Smartphone herum. Sie war völlig darin vertieft. Schmunzelnd ließ ich lautstark meine Tasche auf den Boden fallen. Kurz schaute sie auf, um sich daraufhin wieder ihrem Handy zuzuwenden.

„Was gibt es denn so Spannendes da drinnen?“, fragte ich amüsiert und versuchte einen Blick darauf zu erhaschen. Schnell zog sie es weg und errötete.

„Nichts“, antwortete sie knapp und war erneut von dem Teil abgelenkt. Belustigt schüttelte ich den Kopf und sah einem Vogel zu, der ein Krümel auf dem Boden aufpickte und zügig zurück auf den Baum flog. Das wiederholte er mehrmals. Der kleine Spatz war so herrlich.

„Kommt Marlene später?“, fragte Sonja plötzlich und ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass sie sich wirklich für das wahre Leben heute Nachmittag interessierte.

„Ja, sie holt mit Flo noch Alexa vom Kindergarten ab“, erklärte ich. „Ihre Mum muss länger arbeiten und hat so schnell keinen anderen Babysitter gefunden, sodass Marlene spontan selbst auf ihre kleine Schwester aufpassen muss.“ Überrascht sah sie mich an. „Flo kommt auch?“

„Ja und er wollte auch noch jemanden mitbringen.“

„Ah okay“, meinte sie und wandte sich wieder ihrem Handy zu.

„Jetzt sag doch mal“, drängte ich, da es mich mittlerweile brennend interessierte, wer ihre Aufmerksamkeit so einnahm. „Hast du jemanden kennengelernt?“

„Nein, ja, nichts Ernstes“, druckste sie herum ohne ihren Blick vom Smartphone abzuwenden. Skeptisch sah ich sie an und entdeckte erneut rote Wangen in ihrem Gesicht.

„Ist klar“, lachte ich und stand auf. Mir wurde es allmählich zu blöd, Selbstgespräche zu führen.

„Ich gehe eine Runde durch den Park.“

„Mach das“, gab sie kurz angebunden von sich und ich bezweifelte, dass sie mir überhaupt zugehört hatte. Kopfschüttelnd ließ ich sie allein und ging spazieren.

Eine Stunde später kam ich wieder zurück und erblickte sofort Marlene mit ihrer Schwester, die gemeinsam mit Sonja Ball spielten. Alexa holte ihn gerade aus einer Hecke und meine Freundinnen rannten ihr entgegen. Beide schlugen ihr den Ball aus der Hand und traten dagegen. Ihr Fußballspiel sah lustig aus. Nicht zum ersten Mal stellte ich fest, dass sich beide Schwestern, mit ihren langen schwarzen Haaren, sehr ähnlich sahen. Während Alexa, wie immer, zwei geflochtene Zöpfe hatte, trug Marlene nur einen unordentlichen Dutt und ich fragte mich, ob Alexa später genauso groß werden würde wie ihre Schwester.

Wenige Meter von ihnen entfernt, sah ich Flo mit jemandem auf der Bank sitzen. Da ich neugierig auf seine Begleitung war, lief ich zu ihnen und setzte mich neben ihn. Gleichzeitig genoss ich die Ruhe, bevor mich Alexa entdeckte und komplett in Beschlag nahm.

Beide waren so in ihrem Männergespräch vertieft, dass sie mich nicht bemerkten. Unauffällig beobachtete ich den jungen Mann. Überrascht stellte ich fest, dass er gut aussah. Er war einen Kopf größer als Flo, schlank und trug eine Brille. Seine blonden Haare waren total zerzaust und er hatte einen Dreitagebart.

„Wer ist denn hier die schöne Unbekannte?“, fragte er plötzlich und ich fühlte mich ertappt. Mir war das so unangenehm. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Peinlich berührt sah ich weg.

„Darf ich vorstellen?“, sagte mein Bruder und deutete auf mich. „Das ist Jasmin, meine kleine Schwester und das ist Michael, ein alter Klassenkamerad von mir.“ Daraufhin zeigte er auf ihn. Michael stand auf und reichte mir seine Hand.

„Hat dir gefallen, was du gerade gesehen hast“, fragte er und sah mir dabei direkt in die Augen. Entsetzt starrte ich ihn an.

„N... N... Neeiinn“, stotterte ich und wünschte mir erneut, dass ich mich in Luft auflöste.

Glücklicherweise erblickte mich in diesem Moment Alexa. Sie kam zu mir gestürmt und fiel mir in die Arme. Abrupt ließ ich ihn los und er sprang zur Seite. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich seine Hand länger festgehalten hatte, als es bei einer Begrüßung üblich war. Schnell wandte ich mich Alexa zu, um die aufsteigende Röte zu verbergen.

„Spielst du mit Verstecken?“, fragte sie und rutschte von meinem Arm. Bevor ich antworten konnte, zog sie an mir und rief: „Na los, komm schon!“ Ein kurzer Blick zu Michael verriet, dass er mich grinsend beobachtete. Dankbar nahm ich daher die Aufforderung an, stand auf und lief mit Alexa eilig zu Marlene und Sonja.

Als wir bei ihnen ankamen, sah ich noch einmal zur Bank. Michael saß wieder und unterhielt sich weiter mit meinem Bruder. Erleichtert drehte ich mich zu Alexa und fragte: „Wer sucht?“ Prompt folgte ihre Antwort und sie zeigte dabei aufgeregt auf mich. „Duuuu.“

„Okay, dann zähle ich mal bis zehn“, sagte ich und stellte mich an den Baum, der keinen Meter neben uns stand. „Eins, zwei, drei, vier, fünf,...“, zählte ich langsam, „... sechs, sieben, acht, neun, zehn.“ Ich öffnete die Augen und schaute nach links und rechts. „Ich komme!“

Alexa entdeckte ich sofort. Ihre Schuhe lugten zwanzig Schritte von mir entfernt hinter dem Busch hervor. Da ich ihr nicht die Freude am Spiel nehmen wollte, ignorierte ich sie erst einmal und suchte meine beiden Mädels. Als ich sie gefunden hatte, rief ich nach Alexa.

„Hier“, schrie meine dreijährige Freundin und ich musste lachen.

Mit Kindern verstecken zu spielen ist so sinnlos.

Meistens verrieten sie sogar, wo sie sich versteckt hatten. Aber genau das liebte ich an ihnen. Sie waren noch so unbekümmert und ehrlich. Zwei Minuten gab ich ihr das Gefühl, nicht entdeckt worden zu sein. Dann schlich ich mich leise an sie heran.

„Hab dich“, lachte ich und umarmte sie von hinten. Alexa quiekte und strahlte mich mit ihren braunen Augen an.

„Jetzt suche ich“, sagte sie und wir beide kamen aus ihrem Versteck.

Nachdem wir alle mehrmals gesucht hatten, zog sich Sonja auf die Bank zurück und Alexa rannte um den Baum.

„Sag mal, ist dir schon aufgefallen, dass Sonja heute Nachmittag nur am Smartphone hängt?“, fragte mich Marlene und ich nickte.

„Oh ja, sie bekommt überhaupt nichts mit“, meinte ich. „Da kann ein Meteorit neben ihr einschlagen und sie würde es nicht merken.“

„So extrem?“

Daraufhin erzählte ich von meinem Selbstgespräch und Marlene kicherte los. Lachend murmelte sie: „Jetzt verstehe ich auch, warum deine Tasche hier stand, du aber nicht da warst.“

„Hat sie da etwa jemanden kennen gelernt?“, fragte sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte.

„Keine Ahnung, aber nach ihrer Reaktion vermute ich es sehr stark.“

„Spielen wir Fanger?“, unterbrach uns Alexa und ich nahm sie lachend in den Arm: „Gefangen.“ Sie protestierte: „Ich muss erst wegrennen, bevor du mich fangen kannst.“

„Ach, so geht das“, erwiderte Marlene und lief weg. Ihre Schwester folgte ihr. Nach einer kurzen Weile blieb Alexa stehen und sah zu mir. „Jasi, du musst auch wegrennen. Sonst habe ich dich gleich.“

Lustlos liefen Marlene und ich blindlings durch den Park. Nach zehn Minuten jammerte Marlene: „Ich will nicht mehr.“ Kurz darauf rannte sie zur Bank und setzte sich zu Flo.

„Spielst du noch mit?“, fragte mich meine kleine Freundin und sah mich mit ihrem Dackelblick an, dem ich nicht widerstehen konnte. Gleichzeitig war ich auch froh, mich nicht zu Michael setzen zu müssen.

„Ja, aber kein Fanger mehr“, keuchte ich und rang nach Luft.

„Dann spielen wir mit dem Ball“, schlug Alexa vor und ich nickte. Wie der Blitz rannte sie los und holte ihn. Überraschenderweise wusste sie noch, wo er im Park lag.

Wir spielten schon eine Weile und ich fing den Ball wie bisher auf und warf ihn dieses Mal bewusst weiter, als sie fangen konnte. Sie lachte, rannte zum Ball und hob ihn auf. Da sie viel Spaß dabei hatte, schmiss ich erneut weiter als nötig. Begeistert hob sie ihn wieder auf und warf ihn zu mir zurück.

Nun war ich wieder an der Reihe und holte Schwung. Zu meinem Pech liefen genau in diesem Moment zwei Jungs an uns vorbei. Der Ball flog weit über Alexa hinweg und landete mitten auf dem Kopf von einem der beiden und fiel anschließend vor seine Füße. Während er sich die getroffene Stelle hielt, lachten sein Begleiter und Alexa.

Oh man, heute hatte ich irgendwie die Peinlichkeit gepachtet.

„Bist du so lieb und holst den Ball wieder?“, fragte ich und hoffte, dass die Jungs nicht gesehen hatten, wer geschossen hatte. Doch Alexa sah mich empört an. „Nein, du musst dich entschuldigen!“

Na, super. Jetzt fiel mir meine kleine Freundin auch noch in den Rücken.

„Das stimmt“, gab ich ihr Recht. Da ich ihr ein Vorbild sein wollte, atmete ich tief durch und lief schuldbewusst auf die Jungs zu.

„Sorry, für den Kopfball“, sagte ich kleinlaut und sah betroffen auf den Boden.

„Ist nicht schlimm“, antwortete mir mein Opfer und hob den Ball auf. Ohne ein weiteres Wort reichte er ihn mir und sah mich an. Verlegen schaute ich weg und murmelte: „Danke.“

„Ist ja nichts passiert“, meinte der andere und zog ihn mit sich fort. Erleichtert drehte ich mich zu Alexa und stellte fest, dass sie nun ebenfalls mit auf der Bank saß. Dort aß sie friedlich Kekse, während der Rest zu mir sah und herzhaft lachte.

Na toll, Alexa war so eine Petze.

Peinlich berührt ließ ich mich etwas abseits von ihnen unter dem Baum nieder und versank in meinem Selbstmitleid. Michael dachte jetzt bestimmt, dass ich bescheuert war. In seiner Gegenwart zog ich Katastrophen nur so an und benahm mich wie ein Idiot. Ich wünschte mir, dass ich ihn nie wieder sehen musste. Doch gleichzeitig regte mich seine Art und Weise auf. Welcher Mann sprach aus, was er dachte. Er bildete sich wohl ein, der schönste und coolste Typ auf der Welt zu sein? Jeder vernünftige Mensch hätte den peinlichen Moment ignoriert. Aber nein, er rieb es mir noch extra unter die Nase. So was Eingebildetes hatte ich noch nicht erlebt.

„Jasi“, ertönte Alexas Stimme und schon schlangen sich zwei Arme um mich. Ich drückte sie an mich und genoss ihre Nähe. Kurz darauf kam auch Marlene und umarmte mich. „Wir machen jetzt los.“

„Ich will nicht!“, schrie Alexa mir ins Ohr und klammerte sich an meinen Hals.

„Du musst aber, es ist schon spät“, erklärte ich ihr und drückte sie noch einmal fest an mich. „Wir sehen uns ja bald wieder. Mach´s gut, meine kleine beste Freundin.“

Ich gab ihr ein Küsschen auf die Wange und wollte sie Marlene rüber reichen. Doch das war schwerer als gedacht, denn Alexa hielt sich inzwischen, wie ein Affe, mit Händen und Füßen an mir fest. Verzweifelt versuchten wir, sie von mir zu lösen.

„Komm jetzt“, schimpfte Marlene genervt und schaffte es endlich. „Alexa, es ist wirklich schon spät.“

„Nein, ich will nicht!“, brüllte sie und tobte auf ihrem Arm. Flo kam zu Hilfe und nahm ihr den Wutbatzen ab, bevor sie ihr womöglich noch herunter fiel. Daraufhin strampelte sie noch mehr und Flo hatte ebenfalls große Probleme sie zu halten. Mit der tobenden Alexa auf dem Arm, machten sie sich auf den Weg. Meine kleine Freundin schrie den ganzen Park zusammen und ich sah ihnen eine Weile mitleidig nach. Ich war froh, jetzt nicht an Marlenes Stelle zu sein.

Als alle drei aus meinem Blickfeld verschwunden waren, schaute ich zur Bank. Dort saß nur noch Sonja, an ihrem Smartphone. Michael schien auch gegangen zu sein, zumindest sah ich ihn nicht mehr. Erleichtert ließ ich meinem Blick durch den Park schweifen. Er blieb bei den zwei Jungs von vorhin hängen. Sie spielten einige Meter von uns entfernt Frisbee. Mein Ballopfer lief gerade der Frisbeescheibe hinterher.

Gedankenverloren betrachtete ich ihn. Irgendwie gefiel er mir. Er trug ein rotes T-Shirt und eine schwarze Cargohose. Seine etwas längeren braunen Haare hatte er zur Seite gekämmt und sein Pony rutschte ihm, beim Rennen, über ein Auge. Langsam bückte er sich und hob die heruntergefallene Scheibe auf. Elegant drehte er sich um und schmiss sie zu seinem Begleiter. Eine ganze Weile sah ich ihnen dabei zu. Beide wirkten in ihr Spiel vertieft.

„Wen beobachtest du denn da?“, fragte Sonja, die plötzlich neben mir stand.

„Niemanden“, murmelte ich und fühlte mich ertappt.

„Ich wollte mich eigentlich nur von dir verabschieden“, sagte sie und umarmte mich. Dann drehte sie sich um und winkte mir zu. „Bis morgen.“

Kurz darauf war ich allein im Park und lief langsam zur Bank. Dort holte ich meine Tasche und machte mich ebenfalls auf den Weg nach Hause.

Kapitel 2

Retter in der Not

 

Am nächsten Morgen ging ich, wie jeden Tag, eigentlich recht gleichgültig zur Schule. Wären wir nicht mit Jessica und ihren Anhängern zusammen in einer Klasse, würde ich mich viel mehr auf den Unterricht freuen. Gleichzeitig hoffte ich ganz stark, dass Jessica ihre Drohung von gestern vergessen hatte.

Da ich wieder die Letzte war, warteten meine Freundinnen wie immer vor dem Schuleingang auf mich. Aufgedreht fiel mir Sonja in die Arme.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie. Verwundert sah ich sie an. „Weshalb?“

„Du hast heute deinen persönlichen Highscore geknackt“, lachte sie. „Zehn Minuten vor dem Stundenklingeln. Ich bin begeistert.“

„Du bist doof“, gab ich augenrollend von mir und umarmte Marlene.

„So zeitig warst du wirklich noch nie“, stellte Sonja fest und kicherte.

„Können wir jetzt?“ Demonstrativ lief ich los.

„Ich habe wohl ins Schwarze getroffen?“, fragte sie amüsiert und beide folgten mir lachend in die Schule.

„Hier ist ja unsere Streberin oder soll ich besser sagen Verräterin?“, begrüßte mich Jessica, als wir im Unterrichtsraum ankamen. Ohne eine Miene zu verziehen, ging ich zu meinem Platz und packte aus.

„Heute so selbstsicher?“, fragte sie. Bevor ich mich versah, stand sie vor mir und beugte sich zu mir herunter. Sie stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und schaute mich abfällig an.

„Du kannst es tausendmal versuchen, aber du wirst nie selbstbewusst werden.“, gab sie mir eindringlich zu verstehen. „Dazu hast du einfach nicht das Format und die Größe. Soll ich dir auch sagen was dir fehlt?“

„Jessica, Schluss jetzt!“, befahl Sonja und sah sie wütend an.

„Ich kann gerne bei dir weitermachen, Zwerg“, erwiderte sie und sah nun meine Freundin bitterböse an.

„Da bin ich aber gespannt“, konterte Sonja.

Doch in diesem Moment ertönte die Stundenklingel. Statt eine Antwort zu geben, nahm sie ihre Hände vom Tisch und machte sich auf den Weg nach hinten zu ihrem Platz. Kurz vor ihrem Stuhl blieb sie stehen und warf ihren Kopf über die Schulter in unsere Richtung.

„Wenn ich jetzt anfangen würde, dann kann Frau Klaratge nicht pünktlich mit ihrem Deutschunterricht beginnen“, sagte sie und bevor Sonja etwas erwidern konnte, setzte sie sich auf ihren Stuhl.

„War ja klar“, murmelte meine Freundin neben mir, während es mir eiskalt über den Rücken runter lief.

Jessica hatte die Drohung von gestern keinesfalls vergessen!

Drei Unterrichtsstunden später verließ ich das Schulklo und schlenderte zurück zum Matheraum von Frau Berg. Ich konnte Jessicas Sprüche nicht mehr ertragen. Seit heute Morgen ließ sie keine einzige Gelegenheit aus, mir Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Langsam fragte ich mich, ob das schon die Strafe war oder nur der Auftakt.

„Verräterin“, ertönte es hinter mir und trotz des Schullärms erkannte ich die Stimme. Kurz darauf stand Jessica vor mir und blockierte den Weg.

„Geh bitte zur Seite“, bat ich, aber sie ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Sag mir einen Grund, warum ich dich laufen lassen sollte?“, fragte sie und sah mich herausfordernd an.

„Weil ich keinen Bock auf deine Spielchen habe“, antwortete ich und versuchte sie zur Seite zu schieben.

„Ich aber“, gab sie provokativ von sich und stellte sich erneut vor mich.

Es beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Was hatte sie vor? Ich bereute es, allein aufs Klo gegangen zu sein. Somit hatte ich ihr die perfekte Möglichkeit gegeben, mich fertigzumachen. Warum musste Sonja nur an ihrem Smartphone hängen und Marlene mit Flo telefonieren? Mein Blick wanderte durch den Schulgang. Alle waren mit sich beschäftigt und keiner nahm Notiz von mir.

„Hast du Angst?“, fragte sie triumphierend und sah mich belustigt an. Mein Herzschlag beschleunigte sich und meine Knie fingen an zu zittern.

„Nnneeiin?“, gab ich zögernd von mir.

Es klingelte und alle Schüler liefen eilig in ihre Klassenräume, außer Jessica, die sich mir immer noch in den Weg stellte. Ich hatte keine Chance, ihr zu entkommen. Sie pfiff und prompt waren hinter mir Schritte zu hören. Mein Puls raste.

Was hatte sie mit mir vor?

Vier Arme packten mich und zogen mich rückwärts mit sich. Jessica folgte uns. Dann öffnete sie die Tür zum Jungsklo und kurz darauf flog ich auf den Boden. Es brauchte eine Weile, bis ich mich wieder etwas gesammelt hatte und der Schmerz nach ließ. Zitternd stand ich auf und drehte mich zu meinen Peinigern um.

„Nun kommst du uns nicht mehr davon“, sagte sie bittersüß und sah mich zufrieden an. „Deine Freunde können dir jetzt nicht helfen.“ Sie lachte. „Jetzt spürst du, was passiert, wenn man mich hintergeht.“

Ich zitterte am ganzen Körper.

„Weißt du, was wir mit Verrätern machen?“, fragte sie mich.

Bevor ich darüber nachdenken konnte, zogen sie mich in eine Kabine und traten mir in die Kniekehle, sodass ich vor der Toilettenschüssel zu Boden ging. Sie holten ein Seil aus ihrer Tasche und begannen, meine Hände am Klo festzubinden. Ich versuchte, mich zu wehren, so gut es ging, und trat um mich.

„Hör sofort auf damit!“, befahl mir Jessica. „Es bringt nichts!“

„Lasst mich los“, rief ich mit aller Kraft.

„Wer nicht hören will, muss fühlen“, ertönte ihre Stimme nah an meinem Ohr. Kurz darauf wurde mein Kopf ins Klo gedrückt und einer von ihnen betätigte die Spülung. Mein Gesicht befand sich fast vollständig unter Wasser und ich versuchte, verzweifelt nach Luft zu schnappen. Als die Spülung durchgelaufen war, schrie ich, aber außer meinen Peinigern hörte mich niemand. Mir wurde schlagartig übel. Ich würgte, wehrte mich aber dagegen vor ihnen zu kotzen.

„Hältst du jetzt endlich deine Klappe?“, fragte Jessica und zog mich an meinen Haaren wieder hoch. „Oder willst du noch einmal die schöne Dusche genießen?“ Total eingeschüchtert schüttelte ich den Kopf und ließ meine Hände am Klo anbinden.

Erneut ertönte die Schulklingel. Jessica und ihre Begleiter standen auf und verließen die Toilettenkabine. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu mir um. „Ich hoffe, die Lektion reicht dir. Mir fällt keiner in den Rücken! Verstanden?“ Daraufhin schloss sie die Tür und verließ das Jungsklo.

Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, aber es brachte nichts. Niemand hörte mich. Panisch versuchte ich, mich zu befreien. Doch das war zwecklos. Der Knoten saß viel zu fest. Tränen liefen mir über die Wangen. Verzweifelt versuchte ich mich weiter zu befreien. Unter Schmerzen zog ich an dem Seil und verstärkte dadurch den Druck auf die Handgelenke nur noch mehr.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gab ich es auf. Mir tat alles weh und die Übelkeit brachte mich fast um. Entmutigt fing ich bitterlich an zu weinen.

Nach einer ganzen Weile verblasste die Verzweiflung und in den Vordergrund trat die Wut. Ich war wütend auf Jessica und ihre Anhänger, sauer auf meine Freundinnen und verärgert über die Lehrer. Doch am meisten gab ich mir selbst die Schuld.

Mitten im Selbstmitleid hörte ich, wie jemand die Tür öffnete. Erleichtert brach ich erneut in Tränen aus. Das war meine einzige Chance, nicht bis zum Stundenende weiter hier verharren zu müssen.

„Ist hier wer?“, ertönte eine junge Männerstimme und kurz darauf klopfte es schon an meine Kabine. Schnell wischte ich mir mit den Schultern die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich bin eingesperrt“, brachte ich mit letzter Kraft heraus und fing wieder an zu weinen.

„Wie hast du das denn geschafft?“, fragte er irritiert und öffnete die Tür.

„Die Tür geht doch proble...“, begann er seinen Satz, doch die restlichen Worte blieben ihm im Hals stecken. Geschockt sah er mich an.

„Warte“, sagte er nach einer Schrecksekunde und stürmte auf mich zu. „Ich helfe dir.“

„Es tut mir leid, dass ich nicht gleich reagiert habe“, erklärte er, während er versuchte, den Knoten zu öffnen. „Ich war von dem Anblick total überrumpelt.“

„Bekommst du ihn auf?“, fragte ich hysterisch.

„Glaube nicht“, gab er mir traurig zu verstehen. „Der ist so straff gezogen, da hilft nur ein Messer.“

Erneut fing ich an zu weinen. Tröstend strich er mir über die Wange und sah mich an. „Das schaffen wir. Ich besorge schnell ein Messer und dann bist du wieder frei, okay?“ Ich schniefte und nickte zaghaft.

Er stand auf und bevor er mich allein ließ, versprach er sich zu beeilen. Es fühlte sich trotzdem wie eine Ewigkeit an, bis er zurückkam. Die Tür ging auf und ich hörte die Stimme von Herrn Mops.

„Wo?“, fragte er aufgebracht.

„In der ersten Kabine“, antwortete der Junge. Kurz darauf kniete mein Englischlehrer neben mir und sah sich alles an.

„Das bekommen wir schon hin“, sagte er beruhigend und schnitt das Seil mit einem Taschenmesser durch. Schluchzend ließ ich mich in seine Arme fallen. Mich interessierte es in diesem Moment keineswegs, dass er mein Lehrer war. Ich war einfach nur froh, endlich frei zu sein. Nachdem ich wieder klare Gedanken fassen konnte, ließ ich Herrn Mops los.

„Komm“, sagte er und stand auf. Ich versuchte, ebenfalls aufzustehen, doch meine Beine versagten, und ich klappte zusammen. Mein ganzer Körper zitterte.

„Warte, ich helfe dir.“ Bevor ich mich versah, zog er mich hoch und stützte mich. Gemeinsam schafften wir es aus der Kabine und er brachte mich zu einem Waschbecken. Ich klammerte mich daran fest, um nicht umzufallen. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich genauso aussah, wie ich mich fühlte. Mein Gesicht war knallrot, meine Augen aufgequollen und die Haare klebten mir am Kopf. Angeekelt von mir selber wusch ich mir mit kaltem Wasser die Hände und das Gesicht. Das half sogar, die Übelkeit etwas einzudämmen. Als ich fertig war, fiel mir der Junge wieder ein. Ich drehte mich um, aber er war nicht mehr da. Neben mir stand nur noch mein Lehrer.

„Geht es dir etwas besser?“, fragte er einfühlsam und ich nickte abwesend, da ich mich noch immer nach dem Jungen umsah. Ich wollte mich doch bei ihm bedanken. Traurig stellte ich schließlich fest, dass er wirklich nicht mehr da war.

„Das freut mich“, gab er erleichtert von sich. „Komm, wir gehen in den Ruheraum und du erzählst mir, wie es dazu kam.“

„Nein“, entfuhr es mir und mein Herz begann wieder schneller zu schlagen. Am liebsten wäre ich weggerannt, raus aus der Schule und dorthin, wo ich mit keinem Reden musste. Aber das ließ er nicht zu. Schweren Herzens folgte ich ihm, denn was anderes blieb mir in diesem Moment nicht übrig.

 


***

 

Im Ruheraum angekommen, zeigte Herr Mops auf das Sofa und ich ließ mich erschöpft darauf fallen. Ich schweifte sofort wieder in die Situation von gerade eben ab und in meinen Gedanken erlebte ich die letzte Stunde noch einmal. Meine Gefühle wechselten zwischen Entsetzen, Verzweiflung, Selbstmitleid und Wut.

Wieso haben mir Marlene und Sonja nicht geholfen? Warum waren sie nicht da, als ich sie am meisten brauchte? Sie wollten mich nicht im Stich lassen, das hatten sie mir gestern versprochen. Aber was haben sie gemacht? Sie hingen lieber an ihren Handys, statt mit mir gemeinsam auf die Toilette zu gehen. Mittlerweile gab ich ihnen die Schuld, dass ich Jessica allein ausgeliefert war.

Herr Mops riss mich aus meinen Gedanken. Er holte einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. Warmherzig sah er mich an und sagte: „Jetzt bin ich gespannt, wie du in diese Situation gekommen bist. Das hast du ja schlecht selbst geschafft.“

Ich war hin- und hergerissen. Am liebsten hätte ich ihm alles genau erzählt. Die Angst vor Jessica war aber einfach zu groß. Was würde sie mit mir machen, wenn sie wegen einer Klausur schon so reagierte?

„In Chemie ...“, begann ich und kämpfte mit den ersten Tränen. „Wir sollten ...“ Erneut brach ich ab und schluchzte. Mein Lehrer stand auf und holte mir eine Packung mit Taschentüchern. Nachdem er mit dieser zurückkam, setzte er sich wieder hin und reichte sie mir. Ich nahm ein Taschentuch heraus und wischte mir über die Augen. Danach knüllte ich es zusammen und hielt es fest umschlungen auf dem Schoß fest. Herr Mops betrachtete mich besorgt und legte die Taschentücherpackung neben mich. Ich kämpfte weiterhin mit einem Kloß im Hals und einige Tränen tropften mir auf die Hände.

„So und jetzt nochmal von vorn“, versuchte er mir Mut zuzusprechen. Mein Blick war auf meine Beine gerichtet und erneut überlegte ich, was wohl das Beste wäre.

Sollte ich ihm wirklich die Wahrheit sagen? Was passierte dann mit Jessica? Blieb sie weiterhin an der Schule, sodass sie sich wieder rächen konnte? Oder war es besser, die Klappe zu halten und die Sache auf sich beruhen zu lassen, um sie nicht weiter zu provozieren?

Das Pausenklingeln riss mich aus der Grübelei. Ich sah auf und bemerkte, dass Herr Mops mich besorgt beobachtete.

„Solange du schweigst, machst du es nicht besser. Du gibst den anderen dadurch die Macht über dich.“ Skeptisch sah ich ihn an und er nickte. „Ich habe in meiner Schulzeit dieselben Erfahrungen machen müssen. Das komplette Ausmaß, was geschieht, wenn man schweigt, möchte ich dir gerne ersparen. Deshalb gib dir einen Ruck und sag mir, was passiert ist.“ Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, holte tief Luft und berichtete ihm von der Klausur. Nur ließ ich die Namen weg und erzählte, dass mich alle Mitschüler dort hingeschleppt und angebunden hatten. Ich war selber überrascht, wie leicht mir die Lüge über die Lippen kam.

„Der ganze Aufwand nur wegen einer Arbeit?“, fragte er und betrachtete mich misstrauisch. Nach einer Weile sagte er: „Was dir widerfahren ist, ist strafbar. Egal, warum sie das gemacht haben. Es ist deshalb wichtig, dass du sagst, wer es wirklich war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich vierundzwanzig Schüler geschnappt und ins Klo geschleift haben. Das wäre auf jeden Fall aufgefallen.“ Aber genau das wollte ich nicht. Wenn Jessica wegen einer Klausur so reagierte, würde die Reaktion auf ein Petzen sicher dreimal so schlimm ausfallen. Da war ich mir hundertprozentig sicher.

„Ich kann das nicht sagen“, brachte ich unter Tränen heraus und sprang auf. „Ich kann es einfach nicht“, wiederholte ich und rannte zur Tür.

„Warte!“, rief mein Lehrer und ich sah ihn verzweifelt an. „Wir holen jetzt deine Sachen und ich lass dich für den restlichen Tag entschuldigen. Dafür überlegst du, ob du doch die ganze Wahrheit sagen willst, einverstanden?“

Erleichtert nickte ich. Gemeinsam verließen wir den Ruheraum und liefen durch die Schule. Glücklicherweise hatten schon fast alle den Matheraum verlassen, sodass mir das Gelächter meiner Klasse erspart blieb. Als Marlene und Sonja mich sahen, rannten sie mir sofort in die Arme. „Wo warst ...? Wie siehst du denn aus?“ „Jessica sagte, dass ...“

Ich hörte nicht zu und schob sie von mir. Aufgewühlt lief ich an ihnen vorbei und packte meine Sachen ein. Herr Mops teilte ihnen mit, dass ich jetzt nach Hause durfte. Mit meinem Rucksack verließ ich das Klassenzimmer und ignorierte, dass sie mich riefen. Zügig verschwand ich im Schulgemenge und schaffte es, beide abzuhängen.

Vor unserem Schulgebäude blieb ich stehen und rang nach Luft.

„Geht es dir etwas besser?“, fragte jemand und ich schaute hoch. Neben mir stand mein Retter und sah mich besorgt an. Jetzt erst stellte ich fest, dass es der Junge aus dem Park war, dem ich den Ball an den Kopf geworfen hatte.

Wie peinlich, hoffentlich hatte er mich nicht erkannt.

„Nicht wirklich“, stotterte ich und sah voller Scham auf den Boden.

„Das braucht auch seine Zeit“, sagte er verständnisvoll. Zaghaft schaute ich hoch und ihn unsicher an. In seinen Augen war kein Anzeichen von Belustigung zu sehen. Scheinbar hatte er mich nicht erkannt.

Zum Glück.

„Danke für deine Hilfe vorhin“, sagte ich leise und lächelte kurz.

„Gern geschehen. Ich fand es ziemlich scheußlich, was dir angetan wurde. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, bin ich gerne für dich da.“

„Jasi“, hörte ich Marlene und Sonja rufen und schreckte zusammen. Als ich mich umdrehte, sah ich sie auf mich zu rennen.

„Sorry“, murmelte ich, rannte los und ließ meinen Retter stehen. Ich konnte jetzt nicht mit ihnen reden und wollte nur noch nach Hause.

Zuhause zog ich sofort die Klamotten aus und sprang unter die Dusche. Nachdem ich mich wieder sauber fühlte, verkroch ich mich unter meiner Bettdecke und ließ meinen Tränen freien Lauf.

Kapitel 3

Schweigen trotz Reden

 

Der Wecker klingelte, wie jeden Montag, um sechs. Am liebsten hätte ich mich nochmal unter der Decke verkrochen. Die letzten drei Schultage und das ganze Wochenende hatte ich mich in meinen Bett verschanzt und es nur verlassen, um mir etwas aus der Küche zu holen, oder auf das Klo zu gehen. Doch heute musste ich wieder in die Schule, das hatte ich Mum und Dad am Telefon versprochen.

Es klopfte an der Tür und kurz darauf betrat Flo das Zimmer. Er hockte sich neben mein Bett und begrüßte mich mit einem „Guten Morgen, Schwesterchen.“

„Morgen“, brummte ich und zog mir die Decke über den Kopf. Behutsam zupfte er sie herunter und streichelte mir den Rücken.

„Du musst aufstehen“, sagte er nach einer ganzen Weile und nahm mir die Decke weg. Unmotiviert setzte ich mich auf und schmiss mich in seine Arme. „Warum kannst du nicht mitkommen?“

„Jasi, ich glaube dir, dass du großen Schiss hast. Du musst aber trotzdem in die Schule!“ Zögernd nickte ich. Meine größte Angst war Jessica wieder allein ausgeliefert zu sein. „Und ob es hilft, wenn ich mitkomme, bezweifle ich. Am Ende macht es das eher schlimmer.“ Da könnte er Recht haben. „Du hast ja Marlene und Sonja. Sie sind für dich da.“

Da war ich mir nicht so sicher. Seit dem Vorfall auf dem Jungsklo hatte ich sie jedes Mal ignoriert. Auf Sonjas Anrufe und Nachrichten hatte ich nicht reagiert und Marlene war ich ausgewichen, indem ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen hatte.

Ich fühlte mich letzte Woche von beiden komplett verraten, als ich am Klo festgebunden war. Sie hatten mir versprochen, Jessicas Racheakt gemeinsam mit mir durchzustehen, doch wo waren sie, als ich gefesselt war? Zwar wusste ich mittlerweile, dass sie mich im Unterricht vermisst und mir viele Nachrichten geschrieben hatten, aber das hatte mich dennoch nicht befreit.

„Und tu mir bitte einen Gefallen“, bat mich Flo und suchte meinen Blick. „Rede mit dem Vertrauenslehrer. Du kannst das nicht alles mit dir allein ausmachen und brauchst Hilfe.“

„Versprochen“, murmelte ich, obwohl ich das für sinnlos erachtete. Was sollte ich auch erzählen. Herr Mops kannte doch alles und Herr Keller würde nur versuchen, die Namen zu erfahren. Aber die wollte ich nicht verraten. „Das musste ich Mum und Dad auch versprechen“, sagte ich, da er mich eindringlich ansah. „Ich werde gleich vor der ersten Stunde zu ihm gehen.“

„Da bin ich aber erleichtert“, gab er mit einem Aufatmen von sich. „Und nimm allen Mut zusammen, die Namen der Schüler zu nennen, die dir das angetan haben.“

„Nein“, gab ich mit Nachdruck von mir und meine Augen füllten sich mit Tränen. Rasch stand ich auf und ging zum Kleiderschrank.

„Jasi, die Übeltäter dürfen nicht ungestraft davon kommen.“ Ich ignorierte seine Einwände, öffnete den Schrank, holte mir Klamotten für heute heraus und ließ Flo allein im Zimmer zurück.

Nachdem ich geduscht und mich angezogen hatte, lief ich in die Küche. Dort stand Flo am Fenster und schaute hinaus. Es brauchte eine Weile, bis er mich bemerkte. Als er sich zu mir herum drehte, stellte ich fest, dass er sehr besorgt aussah.

„Was ist los?“, fragte ich und ging auf ihn zu.

„Ich frage mich, wie ich dir begreiflich machen kann, dass es besser ist, die Namen zu nennen.“

„Das will ich aber nicht!“ Frustriert öffnete ich den Kühlschrank. „Und damit Ende!“ Bevor ich etwas herausholen konnte, packte Flo meinen Arm, drehte mich zu sich und schloss gleichzeitig die Kühlschranktür wieder.

„Jasi, ich mache mir Sorgen um dich.“ Hilflos fing ich an zu weinen. Warum respektierte er das nicht?

„Das ist mein Problem und nicht deins!“ Ich wand mich aus seinem Griff, doch er ließ nicht los. Stattdessen zog er mich in seine Arme.

„Du bist damit nicht allein. Hast du Mum und Dad deswegen verboten nach Hause zu kommen, weil du denkst, dass du das allein durchstehen musst?“

„Vielleicht“, gab ich flüsternd von mir. „Sie können sowieso nichts machen. Daher finde ich es besser, wenn sie nicht noch Ärger mit ihrem Chef bekommen. Was denkst du, wie er reagieren würde, wenn sie ihren Auftrag abbrechen?“

„Du bist ihnen aber wichtiger als die Arbeit. Und für mich bist du das auch. Wir wollen nur das Beste für dich. Bitte überlege dir deswegen nochmal, ob du wirklich schweigst. Wer so etwas macht, schreckt vor schlimmeren Taten nicht zurück.“

Seine Worte berührten mich. Weinend krallte ich mich an ihm fest und war dankbar, dass ich ihn hatte. Auch wenn er anderer Meinung war, wusste ich, dass ich mich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Eine ganze Weile standen wir so in der Küche, bis mein Smartphone plötzlich piepte. Wir lösten uns voneinander und ich schaute darauf. Sonja hatte mir geschrieben und fragte, ob ich heute wieder in die Schule kam. Ohne zu antworten, steckte ich es zurück in meine Hosentasche.

„Marlene und Sonja haben dich nicht ans Klo festgebunden“, sagte Flo und sah mich eindringlich an. „Lass deinen Frust nicht an ihnen aus. Sie sorgen sich genauso um dich wie wir und wollen für dich da sein.“

„Ich überlege es mir, okay?“, erwiderte ich und öffnete den Kühlschrank. „Ich muss jetzt wirklich Frühstücken.“ Flo nickte und sah auf die Uhr. „Damit du nicht zu spät kommst, schmiere ich dir schnell dein Schulbrot.“ Dankbar darüber quälte ich mir ein Lächeln raus. Innerhalb von zehn Minuten hatte ich mein Müsli gegessen und verließ das Haus. Ohne seine Hilfe hätte ich es nicht mehr pünktlich geschafft.

Vor der Schule traf ich als Erstes auf Sonja und Marlene. Als sie mich erblickten, kamen sie mir sofort entgegen. Ich lief an ihnen vorbei und betrat das Schulhaus in Richtung Lehrerzimmer. Nur ließen sie sich nicht abwimmeln und rannten mir hinterher.

„Wir reden nachher“, teilte ich ihnen ausgelaugt mit. „Jetzt gehe ich erst einmal zum Keller. Das habe ich meiner Familie versprochen.“ Beide nickten und verschwanden endlich.

Kurz vor dem Lehrerzimmer lief mir Jessica über den Weg. Mein Herz raste und ich erstarrte vor Angst. Die Atmung stockte und ich hielt die Luft an. „Wehe, du verrätst uns“, gab sie flüsternd von sich, während sie an mir vorüber ging. Angewurzelt stand ich da und sah ihr nach.

„Alles okay bei dir?“ Erschrocken wirbelte ich herum und blickte in das Gesicht meines Retters. Erleichtert atmete ich aus.

„Ja… nein… alles okay…“ stotterte ich.

„Das sieht aber anders aus“, erwiderte er und sah mich besorgt an. Schulterzuckend wich ich seinem Blick aus. „Wie geht es dir, ganz ehrlich?“

„Willst du das echt wissen?“, fragte ich skeptisch und sah auf meine Füße.

„Ja“, antwortete er sanft. „Ich wüsste es wirklich gerne.“

„Mir geht es beschissen“, gab ich daraufhin von mir und verkniff mir die Tränen.

„Das ist verständlich“, erwiderte er. „Vielleicht hilft es ja, wenn du mit Herrn Keller sprichst“, überlegte er und ich sah ihm wieder ins Gesicht.

„Da wollte ich auch gerade hin.“

„Das finde ich sehr gut. Und übrigens, mein Angebot von voriger Woche steht immer noch. Wenn du zusätzlich jemanden zum Reden brauchst, bin ich für dich da.“

Dankbar lächelte ich ihn an. Während er mich scheinbar betrachtete, rang ich mit mir, ihn nach seinem Namen zu fragen. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und stellte die Frage, die mich brennend interessierte. „Wie und wo finde ich dich überhaupt? Das Schulhaus ist groß.“

„Stimmt“, lachte er. „Ich habe mich bisher noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Yannik und du triffst mich in der 11a an.“

„Und ich bin Jasmin.“

„Um ehrlich zu sein, dass weiß ich schon“, gab er kleinlaut zu. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und deshalb deine beiden Freundinnen nach dir ausgefragt. Ich wollte wissen, wie es dir geht. “

„Meine Freundinnen?“, fragte ich verwundert und sah ihn überrascht an.

„Ja. Ich hatte sie vorige Woche gesehen, als du nach dem Vorfall wortwörtlich vor ihnen geflüchtet bist. Nachdem ich dann mitbekam, dass sie sich ebenfalls um dich sorgten, war mir klar, dass du mit ihnen befreundet sein musstest. Am Mittwoch hatte ich sie dann angesprochen. Deinen Spitznamen kannte ich dadurch auch.“

In diesem Moment ging die Tür vom Lehrerzimmer auf und Herr Keller trat heraus. Als er mich sah, blieb er stehen.

„Jasmin, wie geht es dir?“, fragte er. „Möchtest du reden?“ Zögernd nickte ich. „Ich habe gerade eine Freistunde, wollen wir gleich?“

„Aber ich habe jetzt Musik.“ Entmutigt sah ich ihn an. „Das ist kein Problem. Ich sage Frau Mausberger Bescheid. Sie ist noch hier.“ Er drehte sich um, öffnete die Lehrerzimmertür und dann hörte ich, wie er mit jemandem sprach.

„Lass einfach alles raus, was dich beschäftigt“, ermutigte mich Yannik und sah mich aufmunternd an. „Ich versuche es“, murmelte ich, als Herr Keller wieder die Tür schloss und mich einladend ansah.

„Na dann komm.“

Damit lief er los und ich folgte ihm. Als ich mich umdrehte, stand mein neuer Bekannter immer noch an derselben Stelle, wo ich ihn stehen gelassen hatte, und lächelte mir zu.

 

***

 

Im Ruheraum setzte ich mich auf das Sofa und beobachtete wie Herr Keller in Schubladen herum kramte. Nach fünf Minuten hatte er seine Sachen gefunden und nahm gegenüber auf einem Stuhl platz. „Jetzt bin ich startklar“, sagte er und sah mich motivierend an. „Fang einfach an, wenn du soweit bist. Wir haben keine Eile.“

Ich sah aus dem Fenster und überlegte, was ich sagen könnte. Dann begann ich zu sprechen.

„Ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Ich bekomme die Bilder einfach nicht aus meinem Kopf.“

„Das kann ich mir gut vorstellen. Hilflos am stinkenden Klo angebunden zu sein und nicht zu wissen, wann man wieder rauskommt, kann einem schon Riesenangst machen.“

Als er das aussprach, kam erneut alles wieder hoch. Ich fühlte mich sofort in die Situation zurückversetzt und da ich Jessica über den Weg gelaufen war, waren die Gefühle, die ich empfunden hatte, komplett wieder da. Die Tränen liefen mir über die Wangen und ich wischte sie verzweifelt weg.

„Welche Gefühle hattest du noch außer Angst?“, fragte mein Lehrer und hielt mir eine Taschentücherbox entgegen.

Ich nahm mir ein Taschentuch und putzte mir die Nase und wischte mir mit einem zweiten Tuch die Tränen weg.

„Ich habe mich alleingelassen gefühlt“, sagte ich und schniefte.

„Und was hast du noch gefühlt?“, fragte er und ich hatte das Gefühl, er konnte in mein Inneres schauen.

„Ich fühlte mich schutzlos, hilflos und erniedrigt“, gab ich nach kurzem Überlegen als Antwort.

Herr Keller schwieg und nickte nur.

„Ich war auch sauer. Sauer auf Marlene und Sonja.“, sprach ich weiter. „Sie wussten, dass man...“

Ich unterbrach mich kurz. Wie konnte ich Jessica nennen, ohne sie zu verraten?

„... der einen Person nicht glauben konnte, aber sie taten es. Sie suchten mich nicht und hinterher taten sie besorgt. Ich hätte sie da gebraucht und nicht erst hinterher.“

Ich war laut geworden und schrie schon fast. Ich redete mich richtig in Rage. Herr Keller schwieg und hörte nur zu.

Nach einer Weile brachen die Tränen erneut aus und ich wurde wieder leiser, bis ich ganz schwieg.

„Schön, dass du alles einmal raus gelassen hast“, sagte mein Lehrer, nachdem ich eine Weile mit Naseputzen und Tränen wegwischen beschäftigt war. Aber irgendwie fühlte ich mich befreiter und hatte nicht mehr das Gefühl, alles allein tragen zu müssen. Es war scheinbar eine gute Idee gewesen, sich mit einem Außenstehenden zu unterhalten.

Erst als er mir eine Broschüre zum Thema Mobbing reichte, realisierte ich, dass wir schon vierzig Minuten zusammensaßen. „Dort findest du viele Internetseiten und Foren für Mobbingopfer.“, erklärte er mir und sah mich aufmunternd an. „Du stehst mit dieser Problematik nicht allein da. Wenn du möchtest, können wir uns demnächst nochmal zusammensetzen.“

„Danke“, erwiderte ich und nahm ihm das Heft ab. Ich sah es mir eine Weile an und überflog die Überschriften:

 

Was ist Mobbing und was zählt alles dazu?

Wie viele Kinder und Jugendliche leiten täglich unter Mobbing?

Welche Mobbingarten gibt es? Welche Auswirkungen hat Mobbing auf den Körper?

Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Opfer?

 

Bei diesem Textabschnitt blieb ich hängen und begann zu lesen.

 

Sorgentelefon

Wenn du dich von allen alleingelassen fühlst und du jemanden zum Reden brauchst, sind wir für dich da! Wir hören dir gerne zu und du kannst uns frei und offen dein Herz ausschütten, denn was du uns erzählst, das bleibt alles unter uns. Gleichzeitig möchten wir dir zusätzlich unsere Hilfe anbieten, indem wir dir Mut machen, deinem Gegenüber Paroli zu bieten. Gemeinsam werden wir überlegen, welcher Weg für deine persönliche Situation am besten ist. Wenn du das nicht möchtest, hast du jederzeit die Möglichkeit, das Telefonat zu beenden.

 

Darunter war eine sechsstellige Telefonnummer abgedruckt und der Hinweis, dass man wochentags von neun bis siebzehn Uhr und samstags von zehn bis sechzehn Uhr dort anrufen kann.

Danach blätterte ich weiter und blieb an verschiedenen Internetforen hängen, die ich mir am Nachmittag genauer anschauen wollte. Anschließend steckte ich die Broschüre in meinen Rucksack, stand auf und verließ nach dem Pausenklingeln etwas selbstsicherer den Raum. Dankbar darüber, dass Chemie heute ausfiel, machte ich mich auf den Weg zum Geschichtsraum.

Vor dem Zimmer atmete ich tief durch und trat anschließend hinein. Zum Glück waren noch nicht viele Mitschüler da, sodass ich mich ohne irgendeinen Kommentar auf meinen Platz setzen konnte.

Während ich die Schulsachen auspackte, überfielen mich Sonja und Marlene sofort mit Fragen. Es fühlte sich fast wie früher an. Meine Wut auf beide war inzwischen verblasst und ich war dankbar, dass sie bei mir waren. Durch Herrn Keller hatte ich begriffen, dass sie wirklich nichts für den Vorfall konnten.

„Jasi, wie geht es dir denn?“, fragte Marlene. „Seit dem Gespräch besser“, antwortete ich wahrheitsgemäß und beide umarmten mich erleichtert.

„Es tut mir so leid, dass wir dich alleingelassen haben“, sagte Sonja. „Wir wussten nicht, dass du auf dem Jungsklo eingesperrt warst“, fiel ihr meine andere Freundin ins Wort. „Jessica hatte uns erzählt, dass Frau Franzlo deine Hilfe brauchte für ihren Geographieunterricht und sie dich deshalb für Mathe entschuldigen sollte.“

„Und das habt ihr der abgekauft?“, fragte ich enttäuscht. „Welcher Lehrer lässt über einen Schüler jemanden entschuldigen?“

„Da hast du Recht“, stimmte sie mir zu und Sonja sprach weiter. „Wir haben uns ja auch gewundert und dir deshalb geschrieben. Aber eigentlich hätten wir ihr nicht vertrauen sollen. Wann sagt sie schon die Wahrheit?“ „Hätten wir gewusst, was sie mit dir gemacht hat, dann hätten wir dich gesucht und es Frau Berg gesagt“, erklärte Marlene nun wieder. „Wir können uns gut vorstellen, wie es dir ergangen ist“, fügte Sonja hinzu und sah mich betroffen an.

„Einen Scheiß könnt ihr!“, schrie ich sie an. „Wart ihr schon einmal eingesperrt?“

„Ja, du hast Recht“, versuchte sie mich zu beruhigen. „Wir können uns nicht annähernd vorstellen, wie es dir ergangen ist. Was ich aber sagen wollte: Bereits bei dem Gedanken, im Jungsklo gefangen zu sein, dreht es mir den Magen um.“

„Es tut uns wirklich leid, dass wir auf sie reingefallen sind und nicht auf unser Bauchgefühl gehört haben. Bitte verzeih uns, dass wir dir nicht geholfen haben.“ Ich nickte und konnte nicht anders, als ihnen zu glauben. Erleichtert fielen sie mir daraufhin um den Hals.

„Und wer ist jetzt der gut aussehende Junge, der uns täglich nach dir ausgefragt hat?“, platzte es aus Marlene heraus und sie ließ mich los. „Er hat sich große Sorgen um dich gemacht“, fügte Sonja hinzu.

„Viel weiß ich auch nicht. Er heißt Yannik und ist in der Elften.“

„Und woher kennst du ihn?“, fragte Marlene und sah mich grinsend mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Nicht das, was du denkst“, sagte ich und erzählte ihnen, dass er mich auf dem Klo gefunden hatte und er nun für mich da sein wollte.

„Na, wen haben wir denn da?“, ertönte Jessicas Stimme als sie den Unterrichtsraum betrat. Prompt kam sie auf mich zu. Ich zuckte sichtbar zusammen und starrte auf den Tisch. Mein Herz raste und meine Atmung setzte aus. Sonja legte mitleidig ihre Hand auf meinen Rücken und streichelte ihn.

„Hast du ein Glück, dass du jetzt deine Beschützer wieder bei dir hast“, stellte Jessica lachend fest und kam mir gefährlich nahe. „Ich hoffe, es war dir eine Lehre.“

„Halt die Klappe!“, schrie Sonja und sah aus, als würde sie ihr gleich an die Gurgel springen.

„Lass es“, versuchte ich eingeschüchtert meine Freundin zu besänftigen, damit sie den Zustand nicht verschlimmerte. „Provozier sie nicht weiter.“

„Spitze, jetzt hast du es ja begriffen“, strahlte Jessica zufrieden und klopfte mir auf die Schulter. „Da begraben wir endlich das Kriegsbeil und du machst ab jetzt nur noch das, was ich sage. So kommen wir ohne Probleme miteinander aus.“

„Geht´s noch?“, schrie Sonja und sprang auf. Marlene starrte ihre ehemalige beste Freundin mit großen Augen an. Mir war wiederum nach Weinen zumute. Konnte sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich hatte kein Problem, sie zu ignorieren. Warum schaffte sie das dann nicht auch? Glücklicherweise kam in diesem Moment unser Geschichtslehrer und unterbrach die Auseinandersetzung.

Kapitel 4

Liebespaar oder Bodyguard

 

Die nächsten Schultage verliefen ohne größere Vorkommnisse. Alltägliche Beleidigungen gehörten dennoch weiterhin zur Tagesordnung. Am schlimmsten war es jedoch gestern, nachdem wir die Chemiearbeit zurückbekommen hatten. Jessica gab mir die gesamte Schuld, für ihre geschriebene Sechs. Da ich aber die letzten Tage kooperativ gewesen wäre, war sie der Ansicht, dass die Folter auf dem Klo gereicht hatte. So gab sie sich mit einem riesigen Wutausbruch zufrieden.

Marlene und Sonja hingen in den Pausen an meinem Rockzipfel und passten auf, dass ich ja nicht allein unterwegs und somit Jessica hilflos ausgeliefert war. Yannik traf ich täglich im Schulhaus und er fragte jedes Mal, wie es mir ging. Da meine Freundinnen immer dabei waren, fielen unsere Gespräche allerdings eher kurz aus. Mehrmals hatte ich aber das Gefühl, dass er mir eine ganze Weile hinterher sah, obwohl ich schon längst weitergegangen war. Sobald ich mich umdrehte, stand er an derselben Stelle und lächelte in meine Richtung.

An den Nachmittagen und an den Wochenenden trafen wir Mädels uns bei mir und lernten für die Schule oder verbrachten gemeinsame Zeit mit Flo. Obwohl es nach außen wirkte, als hätte ich alles verarbeitet, sah es in mir drin ganz anders aus. In mir war etwas zerbrochen. Mir fiel es schwer, meine Gedanken und Gefühle auszusprechen und mich jemandem anzuvertrauen. Dadurch sprach ich nicht viel über das Erlebte und zog mich zurück. Meine innere Gefühlswelt kannte nur Flo. Auch wenn er mit Marlene zusammen war, wusste ich, dass ich ihm voll und ganz vertrauen konnte und er damit nicht gleich zu ihr rannte.

Ebenso hatte ich mich noch ein paar Mal mit dem Vertrauenslehrer getroffen und mich in einem Mobbingforum angemeldet, welches in der Broschüre von ihm empfohlen wurde. Dort tauschte ich mich anonym mit anderen Opfern aus, die meine Zerrissenheit und mein verlorenes Vertrauen verstanden und nachempfinden konnten. Ich hatte auch kurz überlegt, beim Sorgentelefon anzurufen, aber da ich mich Flo anvertrauen konnte, entschied ich mich schlussendlich dagegen.

Inzwischen waren fünfzehn Tage, seit dem Vorfall auf dem Schulklo, vergangen und ich war auf dem Weg zur Schule. Wie fast jeden Tag war ich spät dran und meine beiden Freundinnen warteten bereits vor dem Schulhaus auf mich.

„Da bist du ja“, begrüßte mich Sonja, während Marlene mich umarmte.

„Könnten sich die Damen freundlicherweise endlich in die Schule bequemen?“, unterbrach der Hausmeister unsere Begrüßung. „Ich möchte abschließen.“

Ein kurzer Blick auf das Smartphone zeigte, dass es zwei Minuten vor Stundenbeginn war. Schnell liefen wir los und waren gerade rechtzeitig zum Stundenklingeln im Unterrichtsraum.

„Wisst ihr, was das Klingeln bedeutet?“, ertönte die Stimme von Frau Klaratge. Betroffen blieben wir stehen und sahen zu Boden. Schuldbewusst schluckte ich mein Guten Morgen herunter.

„Das zweite Klingeln heißt, dass man auf seinem Platz sitzt und nicht erst in das Klassenzimmer stürmt“, belehrte uns Jessica. Innerlich explodierte ich. Sie führte sich auf, als wäre sie jedes Mal pünktlich.

„Obwohl ich dich nicht gefragt habe, hast du Recht“, erwiderte unsere Deutschlehrerin und sah uns einzeln eindringlich an.

„Entschuldigung“, sagte ich kleinlaut. „Sonja und Marlene sind unschuldig. Sie haben unten vor der Schule nur auf mich gewartet.“

„War ja klar, dass du wieder diejenige bist, die andere mit in die Katastrophe stürzt“, gab Jessica ihren Senf dazu.

„Jessica, Schluss jetzt!“, sagte Frau Klaratge und wandte sich anschließend wieder zu uns. „Mir ist herzlich egal, wer daran Schuld hat. Mitgegangen, mitgefangen. Das Zitat habt ihr ja bestimmt schon einmal gehört.“ Wir nickten und unsere Deutschlehrerin sprach weiter. „Deshalb werdet ihr alle drei bis morgen eine A4-Seite über Pünktlichkeit schreiben. Und jetzt setzt euch hin!“

Frustriert folgten wir der Aufforderung und packten aus.

„Jasmin, bitte komm nach der Unterrichtsstunde nochmal zu mir“, fügte unsere Lehrerin etwas sanfter hinzu. Doch das war für die Klasse wieder ein gefundenes Fressen, um sich über mich lustig zu machen. Plötzlich fingen alle an zu Lachen, außer Marlene und Sonja. Wütend ließ ich mein Federkästchen lautstark auf den Tisch fallen und hätte am liebsten Frau Klaratge mit den Augen ermordet.

„Schluss jetzt!“, ertönte ihre Stimme aufgebracht. „Oder möchte noch jemand einen Aufsatz schreiben?“ Prompt war es mucksmäuschenstill und das zog sich durch die gesamte Schulstunde. Ich fand es sogar unheimlich, denn das war ich von Jessica und dem Rest nicht gewohnt.

Als es zur Pause klingelte, sprangen alle, wie nach jeder Unterrichtsstunde, auf und strömten aus dem Zimmer. Jessica konnte sich wieder keinen Kommentar verkneifen. „Viel Spaß beim Nachsitzen“, sagte sie spöttisch und war im selben Moment aus dem Raum verschwunden.

Sonja und Marlene liefen ebenfalls zur Tür, blieben dort aber stehen, um auf mich zu warten. Beschämt ging ich zum Lehrertisch, an dem Frau Klaratge saß und ihre Eintragungen ins Klassenbuch tätigte. Nachdem sie damit fertig war, sah sie mich bedrückt an. „Ich kann mir vorstellen, wie es dir zur Zeit geht“, begann sie und betrachtete mich liebevoll. „Trotzdem darf ich bei dir keine Ausnahme machen und deine Unpünktlichkeit ignorieren.“

„Das verstehe ich“, gab ich ehrlich zu und spielte mit meinen Fingern vor dem Bauch. Ich wollte schließlich keine Sonderbehandlung. Diese würde Jessicas Frust mir gegenüber nur verstärken.

„Jasmin, ein kleiner Tipp von mir“, sagte sie und sah mich verständnisvoll an. „Solange du deiner Klasse eine Möglichkeit gibst, sich über dich lustig zu machen, werden sie nicht aufhören dich zu quälen.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte ich etwas enttäuscht. Es klang so, als ob ich allein dafür verantwortlich war, dass mich Jessica und der Rest fertig machten.

„Schau mal, wenn du heute zum Beispiel pünktlich gewesen wärst, hätte deine Klasse keinen Grund gehabt, erneut über dich zu lachen.“

Da war etwas Wahres dran. Aber durfte ich deswegen keine Schwächen besitzen? Und gab es den anderen das Recht, darauf herum zu trampeln? Und wenn ich alles richtig machen würde, stände ich dann nicht als Schleimerin da? Egal, was ich tat, es konnte nur falsch sein. Meine Augen füllten sich wieder mit Tränen und ich versuchte sie weg zu blinzeln.

„Jasmin, was dir widerfahren ist, ist schlimm und mit nichts zu entschuldigen. Aber wenn man einmal alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, dann kann einem jede Kleinigkeit zum Verhängnis werden.“

„Ich will aber nicht deren Aufmerksamkeit“, schluchzte ich und wischte mir meine Tränen weg.

„Das glaub ich dir. Wir Lehrer sind immer für dich da und wollen dir gerne helfen. Dafür brauchen wir aber dein Vertrauen.“

„Danke“, brachte ich heraus und rannte aus dem Raum, vorbei an Marlene und Sonja, direkt in das nächste Mädchenklo und schloss mich darin ein.

Dort ließ ich meinen Tränen freien Lauf und verlor mich wieder im Selbstmitleid. Jetzt hatte Jessica wieder einen Grund, auf mir herum zu hacken. Egal, was ich tat, jedes Mal stellte sich anschließend heraus, dass ich selbst eine Teilschuld hatte. Wieso durfte ich nicht so sein, wie ich war? Warum musste ich mich anpassen und extrem aufpassen, was ich machte?

Ich hörte, wie meine Mädels an die Toilettentür klopften und mich baten, die Tür zu öffnen. Irgendwann konnte ich ihre Hartnäckigkeit nicht mehr ignorieren und öffnete die Tür. Sofort kamen beide hereingestürmt. Sonja, die versuchte sich an Marlene in der engen Toilettenkabine vorbei zu drängeln, bekam ihren Ellenbogen etwas unsanft mitten ins Gesicht und Marlene stolperte über Sonjas rechtes Bein und flog mir entgegen. Ich fing sie gerade noch auf und konnte in diesem Moment einfach nicht anders als herzhaft darüber zu lachen.

„Schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast“, stellte Marlene fest und Sonja jammerte, während sie ihre Nase hielt. „Hoffentlich bekomme ich kein Nasenbluten.“

„Es tut mir so leid“, entschuldigte sich Marlene bei ihr und verbarg ein Kichern. „Schon okay“, winkte diese ab. „Hauptsache, Jasi kann wieder lachen.“

„Das sah aber auch urkomisch aus“, kicherte ich und grunzte erneut los. Dieses Mal steckte ich beide an. Wir krümmten uns alle drei vor Lachen.

„Wird das hier noch was?“, fragte ein Mädchen genervt, die ungeduldig vor der Kabine stand.

„Ja, sorry“, erwiderte Sonja und bewegte sich als Erstes aus der engen Toilettenkabine heraus.

 

***

 

Marlene, Sonja und ich waren auf dem Weg zum Geographieraum, als mich jemand von hinten begrüßte. Die Stimme erkannte ich sofort. Es war die, die mir in jeder Nacht Mut zusprach, egal was Jessica in meinen Träumen mit mir anstellte. Erfreut drehte ich mich um. „Hi.“

„Wie geht es dir heute?“, fragte Yannik und sah mich lächelnd an. „Soweit gut“, gab ich ihm wie immer als Antwort. „Schön“, erwiderte er. Dabei sah er mir in die Augen und zog seine Augenbrauen hoch.

„Ich glaube, wir gehen mal allein weiter“, meinte Marlene und zog Sonja mit sich. Doch diese wehrte sich und war fest davon überzeugt, dass sie auf mich aufpassen müssten. „Ich denke, bei ihm ist Jasi gut aufgehoben“, erklärte Flos Freundin und beide verschwanden im Schulgang.

„Wie geht es dir wirklich?“, fragte Yannik, als wir unter uns waren. Über die Frage überrascht, erwiderte ich seinen Blick und schaute ihn unsicher an.

Mannomann, hat er tolle braune Augen.

„Deine Augen sprechen genau das Gegenteil von dem, was du mir immer sagst.“

„Du liest aus meinen Augen, dass ich nicht die Wahrheit sage?“, fragte ich skeptisch.

„Ja, sie sehen glanzlos aus. Demzufolge interpretiere ich, dass du die Hoffnung verloren hast.“ Ertappt wich ich seinem Blick aus und sah auf meine Füße. „Und, liege ich da richtig?“

„Ja… Nein…“, stotterte ich und sah vorsichtig wieder zu ihm auf. Ein kleines Schmunzeln kam über seine Lippen und das Braun seiner Augen bohrte sich regelrecht in mich hinein. „Eigentlich schon…“, gab ich schließlich kleinlaut von mir und spürte, wie ich errötete. Wenn er nur aufhören würde, mich so anzuschauen. Das machte es nicht gerade besser, das Gefühl der Peinlichkeit zu unterdrücken.

Eine ganze Weile standen wir nur da und sahen uns an. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und löste den Blickkontakt. Er räusperte sich daraufhin und strich sich durch die Haare.

„Ist in der letzten Zeit wieder etwas vorgefallen?“, fragte er und brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Sofort war das kribbelnde Gefühl in meinem Bauch weg. „Nein, zum Glück nichts Schlimmes, nur alltägliche Beleidigungen.“

„Nur?“ Er sah mich skeptisch an und schüttelte seinen Kopf. „Das gehört auch zu Mobbing!“

„Ich weiß, aber was soll ich machen?“, fragte ich traurig und sah auf den Boden. „Vielleicht den Lehrern anvertrauen, wer für alles verantwortlich ist“, antwortete er und griff unter mein Kinn. Vorsichtig hob er mit seinem Zeigefinger meinen Kopf nach oben, sodass ich ihn wieder anschauen musste.

„Was ändert das?“, erwiderte ich entmutigt. „Wenn sie richtig schauen würden, dann wüssten sie bestimmt, wer mich fertig macht.“

„Wahrscheinlich vermuten sie auch jemanden. Aber ohne Beweise können sie nichts machen.“

„Und wenn schon“, stellte ich frustriert klar, „Was bringt mir das?“

„Dass derjenige für sein Handeln die gerechte Strafe bekommt und aufhört, dir weh zu tun“, erklärte er.

„Jessica wird aber nicht Ruhe geben, sondern erst richtig in Fahrt kommen ...“ Panisch sah ich zu Boden. Nun hatte ich doch den Namen ausgeplaudert. Yannik rannte jetzt bestimmt zu den Lehrern und Jessica hatte endlich wirklich einen Grund, mich fertigzumachen.

„Heult hier schon wieder jemand?“, ertönte ihre Stimme und ich zuckte merklich zusammen. Yannik, der nach meinem ungewollten Versprecher nichts mehr gesagt hatte, flüsterte: „Ist sie das?“ Zitternd nickte ich. „Keine Angst, du hast sie nicht verraten. So wie du auf sie reagierst, wäre ich von selber darauf gekommen.“

„Oh wie süß, hat sich da jemand einen neuen Bodyguard zugelegt?“, fragte sie spöttisch und blieb vor uns stehen. Ich wich instinktiv von Yannik weg. Nur ließ er es nicht zu und ergriff meine Hand. Wollte er mir wirklich zur Seite stehen, wie er es versprochen hatte?

„Oh, ein Liebespaar“, lachte Jessica und sah mich belustigt an. Doch kurz darauf zog sie ihre Augenbrauen hoch, verdrehte grinsend ihre Augen und wandte sich Yannik zu.

„Pass bitte auf, dass sie dich nicht so behandelt wie deine Vorgänger“, sagte sie und machte ein mitleidiges Gesicht. Er ließ mich daraufhin los, ging einen Schritt auf sie zu und sah sie verdattert an.
„Ich dachte, ich wäre ihr Erster.“

„Nein, soweit wie ich mich erinnere nicht“, meinte sie und Yannik ging zwei weitere Schritte auf sie zu. Gleichzeitig sah er sie entgeistert an.

„Wie war sie denn zu den Anderen?“ Was sollte das denn jetzt? War ich im falschen Film?

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, begann sie zu berichten und ich war total überrumpelt von dem Gespräch. „Du musst wissen, dass sie eine egoistische und verwöhnte Göre ist. Irgendwie schafft sie es immer, alle zu manipulieren.“ Sie machte eine kurze Pause und sah mich schadenfroh an. Dann sprach sie weiter. „Ach ja, Jasmin schauspielert auch gerne und schreckt vor nichts zurück, um das zu bekommen, was sie will. Also pass gut auf dich auf!“

„Danke, dass du mich gewarnt hast“, erwiderte er traurig und ließ seine Schultern hängen.

Glaubte er ihr das wirklich? Hatte sie es erneut geschafft, mir den Boden unter den Füßen wegzureißen? Hatte ich Yannik, schneller als gedacht, als Freund verloren?

„Überlege es dir gut, ob du dich immer noch auf sie einlassen möchtest. Es tut mir wirklich leid, dir das sagen zu müssen.“ Besorgt sah sie ihn an und strich ihm tröstend über den linken Arm.

Enttäuscht drehte er sich zu mir und zwinkerte mir zu, bevor er sich erneut Jessica zu wandte. Was sollte das denn jetzt schon wieder. Wollten mich beide verarschen?

„Da muss ich nicht mehr überlegen“, beteuerte er und holte tief Luft. „Mit so einer mag ich nichts zu tun haben.“ Als ich das hörte, entwich mir jegliche Farbe aus dem Gesicht. Jessica fühlte sich als Siegerin, denn ein Grinsen in meine Richtung konnte sie sich nicht verkneifen. Aber sie hatte die Rechnung nicht mit Yannik gemacht. Urplötzlich rückte er von ihr ab und sagte lachend: „Das ist das schlechteste Gerücht, das ich bisher gehört habe!“

Bevor ich den Gesprächsverlauf richtig begreifen konnte, nahm er wieder meine Hand und zog mich von ihr weg. Als ich mich nochmal umdrehte, sah ich, dass Jessica versteinert da stand und uns verdutzt hinterherschaute.

„Was war das denn?“, fragte ich überrascht, als wir aus der Sichtweite von ihr waren. „Sie war total sprachlos.“

„Ich glaube, dass noch keiner den Mut hatte ihr die Stirn zu bieten“, meinte er und blieb stehen.

„Danke“, sagte ich erleichtert und wollte meine Hand aus seiner ziehen. Doch er hielt sie weiter fest und drehte sich zu mir.

Jetzt, wo ich langsam wieder ruhiger wurde und Jessica nicht mehr in der Nähe war, bemerkte ich, wie warm seine Hand war und wie schön es sich anfühlte. Sein Blick ruhte auf mir und ich konnte nicht anders, als ihn zu erwidern. Am liebsten wäre ich ewig so stehen geblieben, aber das Vorklingeln erinnerte mich daran, dass wir in der Schule waren.

„Danke nochmal“, sagte ich und ließ ihn los. „Ich komme ... sonst zu spät ... und ziehe ... die Aufmerksamkeit auf mich“, stammelte ich und machte Anstalten zu gehen. Ich war total überfordert mit den Gefühlen, die in mir brausten.

„Du schaffst es pünktlich“, meinte er lächelnd und sah mich erneut liebevoll an. Dieses Mal wich ich seinem Blick aus, bevor ich mich wieder darin verlieren konnte. Aufgewühlt lief ich los.

„Kopf hoch, du bist stark!“, rief er mir nach, als ich schon einige Schritte von ihm entfernt war. Überrascht drehte ich mich um. Er stand immer noch dort, wo ich ihn stehen gelassen hatte. „Du bist nicht allein“, fügte er hinzu und lächelte mir aufmunternd zu.

Voller Glücksgefühle und neuer Zuversicht, alle Gemeinheiten abperlen lassen zu können, lief ich den Schulgang entlang in Richtung Geographieraum.

 

***

 

„Wo hast du denn deinen Bodyguard gelassen?“, wurde ich sofort von Jessica im Geographieraum begrüßt. Scheinbar hatte sie sich wieder gefangen und überspielte ihren Fauxpas.

Du bist nicht allein, wiederholte ich Yanniks Aussage in Gedanken und mein Herz machte einen Sprung. Ich spürte erneut die Wärme, die sich in mir ausgebreitet hatte, als er meine Hand nicht losließ.
„Hat es der Streberin die Sprache verschlagen?“, hörte ich Jessicas provozierendes Gelaber. „Oder darfst du nicht mehr mit mir reden?“

„Halt doch die Klappe, Jessica!“, brüllte Sonja und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. Doch diese ließ sich davon nicht beirren und wandte sich wütend zu ihr.

„Dich sollte man auch mal einsperren, Zwerg. Du hast immer noch ein großes Mundwerk.“

„Von dir lasse ich mir nichts verbieten“, erwiderte meine Freundin und sah sie mit zusammen gekniffenen Augen an. Hoffentlich ging das gut. Ich hatte Angst, dass mir Sonjas rebellische Art zum Verhängnis wurde. Und gleichzeitig machte ich mir Sorgen um sie, da sie sich für mich einsetzte, ohne an die eventuellen Konsequenzen für sich zu denken.

Das Stundenklingeln unterbrach zum Glück die Diskussion und unsere Lehrerin betrat den Klassenraum. Sie begann auch sofort mit ihrem Unterricht. Obwohl Geographie nicht mein Lieblingsfach war, verging die Stunde zügig. Frau Franzlo hatte die Begabung langweiligen Unterrichtsstoff abwechslungsreich zu gestalten. Nach dem Pausenklingeln stürmten alle Schüler gleich aus dem Zimmer. Marlene und Sonja ließen sich dagegen Zeit.

„Wird es heute noch?“, fragte ich ungeduldig an der Tür. Seit drei Minuten stand ich dort und wartete auf beide.

„Du hast es wohl eilig, auf den Schulhof zu kommen?“, erwiderte Marlene und kam endlich. „Jessica sagte da etwas von einem Liebespaar.“

„Hör auf mit dem Quatsch“, antwortete ich frustriert. „Ich dachte, dass ihr begriffen habt, dass sie nur Schwachsinn labert.“

„Ach Jasi, das war doch nur Spaß“, erklärte sie und nahm mich in den Arm. „Trotzdem, würde ich gerne wissen, wie es mit Yannik war.“

„Okay?!“, gab ich halb fragend als Antwort.

„Es war okay?!?“, lachte sie und verdrehte die Augen. „Da würde ich doch dieses einzige Mal lieber Jessicas Ansicht teilen.“ Genervt sah ich sie an. „Es war schön. Jetzt zufrieden?“ Meine Freundin nickte.

„Ich aber nicht“, warf Sonja ein und kam nun auch. Sie blieb vor mir stehen und fragte ganz langsam: „Und weiter?“ Dabei machte sie mit ihrer Hand eine Bewegung, als würde sie die Zeit vorwärts drehen. „Lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen!“

„Ja, ja“, meinte ich und sah ihr direkt in die Augen. „Das sagt gerade die Richtige.“ Daraufhin drängelte sie sich an uns vorbei und rief: „Wollen wir jetzt los?“

„Da hat Jasi wohl den Nagel auf dem Kopf getroffen?“, lachte Marlene und Sonja stöhnte: „Geht es um mich?“

„Es geht um euch beide“, grinste Flos Freundin und sah zwischen uns hin und her. „Wer fängt also an?“

„Niemand“, gab Sonja frustriert zur Antwort und ich war ihr dankbar, obwohl ich genau wusste, dass sie das nur aus Eigennutz gesagt hatte.

Auf dem Schulhof war schon eine ganze Menge los. Einige Schüler saßen auf der Schulmauer, die hüfthoch war und den Hof auf einer Seite eingrenzte, und unterhielten sich lautstark. Andere spielten Fußball, sodass man aufpassen musste, den Ball nicht abzubekommen.

„Hab ich euch eigentlich schon erzählt, dass meine Cousine am Wochenende zu Besuch kommt?“, fragte Sonja, nachdem wir einen sicheren Platz gefunden hatten.

„Nein, hast du noch nicht“, sagte ich und war erleichtert, dass nun endgültig das Thema von vorhin vorbei war.

„Sie kommt am Freitag mit dem Zug und fährt Sonntagabend wieder nach Hause. Ihre Eltern sind auf einem Lehrgang und sie wollte das Weekend nicht allein verbringen. Und am Samstag gehen wir in die Disco.“

„Freut mich für dich“, sagte ich und meinte es auch so. Normalerweise wäre jetzt die Frage gekommen, ob einer von uns mitkommen würde, aber so blieb mir diese erspart.

„Und was habt ihr an den zwei Tagen vor?“, fragte Sonja und schaute uns interessiert an.

„Flo und ich haben am Samstag Jahrestag und wollen Kanu fahren. Am Sonntag gehen wir mit Alexa ins Hallenbad. “

„Klingt nach einem schönen, vollen Wochenende.“

„Oh ja. Ich freue mich schon riesig drauf.“

„Und was hast du geplant?“

Ich hörte zwar die Frage, aber nicht, dass sie an mich gerichtet war. Denn mein Blick hing an zwei braunen Augen, die mich ebenfalls ansahen.

„Jasi? Bist du noch anwesend? Hallo?“

Sonja fuchtelte mit ihren Armen vor meinem Gesicht herum. Ich ignorierte es und genoss das Kribbeln im Bauch und die Wärme, die sich wieder in mir ausbreitete.

„Erde an Jasmin?“, versuchte es nun Marlene. „Jasi?“

„Verstehe“, stellte sie nach einer Weile fest. „Yannik ist dort drüben.“ Sie zeigte mit einem Kopfnicken in dessen Richtung.

„Ja, ja da läuft nichts“, meinte Sonja und lachte. „Wer´s glaubt!“

Diese Aussage riss mich aus meiner Starre und ich unterbrach abrupt den Blickkontakt. „Was?“, fragte ich total durcheinander. Als Antwort bekam ich ein Lachen.

„Ich hatte dich gefragt, was du am Wochenende machst“, wiederholte Sonja ihre Frage, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte.

„Am Sonntag werde ich mich wahrscheinlich mit einem Buch im Bett verkrümeln und am Samstag gehe ich mit Alexa auf den Spielplatz.“

„Hä, wieso?“, fragte sie verdutzt und schaute zwischen mir und Marlene hin und her.

„Mein Vati kann leider dieses Weekend nicht von der Montage nach Hause kommen und meine Mutti hatte Oma versprochen, dass sie ihr beim Frühjahrsputz hilft. Das geht nicht mit Alexa.“

„Verstehe und da du und Flo Jahrestag habt, wollt ihr diesen Tag lieber zu zweit verbringen.“

„Richtig“, lachte Marlene und strahlte bis über beide Ohren.

Während sie sich weiter über das anstehende Wochenende austauschten, suchte ich den Schulhof nach Yannik ab.

Als ich ihn entdeckte, stand er ein paar Meter von uns entfernt und unterhielt sich mit anderen Schülern. Scheinbar war er sehr beliebt, da sich immer mehr Mitschüler dazu gesellten. Darunter einige Mädchen, die sich regelrecht zwischen ihn und die anderen drängten. Doch dies schien ihn nicht zu interessieren. Er rutschte jedes Mal weiter nach außen, sodass der Kreis sichtbar größer wurde und er niemanden während des Gespräches berührte. Dennoch störte es mich, dass andere Mädchen bei ihm standen und ich nicht. Ich fragte mich, ob er bei mir auch darauf achten würde, dass ich ihm nicht zu nahe kam.

Das Vorklingeln riss mich, wie schon oft in den letzten Tagen, aus meiner Grübelei. Ich beobachtete, wie die Schülergruppe sich auflöste und alle in das Schulhaus rannten. Yannik drehte sich zu mir und lächelte mich an. Prompt war das Kribbeln wieder da und das beklemmende Gefühl war wie weggeblasen. Verträumt erwiderte ich sein Lächeln und verlor mich erneut in seinen Augen.

„Jasi, wir müssen“, hörte ich Sonja neben mir und kurz darauf schob mich jemand nach vorne. „Wir kommen sonst zu spät!“ In Yanniks Blick erkannte ich ein Schmunzeln. Lachte er mich etwa aus? Prompt lief ich rot an. Mir war das so peinlich.

„Was sollte denn das?“, schnauzte ich beide an, als wir aus der Hörweite von ihm waren.

„Wir wollten nur verhindern, dass wir wieder zu spät kommen und einen zweiten Aufsatz schreiben müssen“, erklärte Sonja und in ihrem Tonfall war kein Schuldbewusstsein zu hören.

„Das war aber peinlich“, beschwerte ich mich und Marlene sah mich betroffen an. „Tut mir leid.“

„Yannik hat mich ausgelacht.“

„Hat er nicht“, beharrte sie. „Ich hatte eher das Gefühl, dass er es total süß fand.“

„Du hast einen Dachschaden“, erwiderte ich und lief schneller. „Lasst mich einfach in Ruhe!“

„Oh, hier hat es aber jemanden wirklich erwischt“, meinte Marlene und legte ihren Arm um mich.

„Quatsch“, murmelte ich und war dankbar, endlich im Englischraum angekommen zu sein.

Kurz nach uns trat Herr Mops ins Zimmer und verteilte die Wörterbücher. Sobald es zur Stunde klingelte, begrüßte er uns in Englisch und begann mit seinem Unterricht. Währenddessen wanderten meine Gedanken immer wieder zu Yannik.

So erging es mir auch in den nächsten Unterrichtsstunden und Pausen. Etwas traurig, dass ich ihn nicht noch einmal gesehen hatte, lief ich nach Schulschluss nach Hause. Dort ließ ich mich auf das Sofa fallen und dachte an ihn.

Den späten Nachmittag verbrachte ich mit einer Tasse Cappuccino in meinem Zimmer und schrieb an der Strafarbeit zum Thema Pünktlichkeit. Glücklicherweise hatte ich es geschafft, Yannik aus meinem Kopf zu verbannen, sodass ich mich darauf konzentrieren konnte. Da Marlene heute nach der Schule auf Alexa aufpasste, kam sie deshalb erst am Abend vorbei. Auch wenn sie eigentlich Flo besuchte, hatten wir kurz Zeit, uns über den Aufsatz auszutauschen.

Nach dem Abendessen zog ich mich wieder in mein Zimmer zurück. Wie jeden Tag, in letzter Zeit, schnappte ich mir den Laptop und legte mich auf das Bett. Ich loggte mich in das Mobbingforum ein und öffnete den Chat. Dort hatte ich mittlerweile einige virtuelle Freunde gefunden, mit denen ich mich über den heutigen Tag austauschte.

Kapitel 5

Weintrauben und Schokolade

 

Irgendwie war ich beim Chatten eingeschlafen, denn als mein Wecker am nächsten Morgen klingelte, lag ich immer noch mit den alten Klamotten und dem Laptop im Bett. Zerknittert stand ich auf und schlurfte ins Bad.

Frisch geduscht und angezogen, rannte ich voller Energie in die Küche. Da ich heute gleich nach dem Weckerklingeln aufgestanden war, hatte ich ausnahmsweise Zeit, Brötchen auf zu backen und nicht wie sonst, schnell eine Schüssel Müsli runter zu schlingen. Während die Semmeln im Backofen waren, machte ich Flo und mir einen Cappuccino und wartete auf ihn. Zwanzig Minuten später kam er fertig angezogen und mit feuchten Haaren in die Küche und blieb überrascht in der Tür stehen.

„Was für ein seltener Anblick“, stellte er verwundert fest und begutachtete den gedeckten Frühstückstisch. „Wie ich sehe, gibt es sogar Brötchen.“

„Und die sind auch schon fertig“, erwiderte ich stolz und setzte mich an den Tisch. Langsam brachte er sich in Bewegung und ließ sich schwerfällig auf seinen Stuhl fallen. „Womit habe ich das denn verdient?“

„Du hast nur Glück, dass ich mit Klamotten und Laptop gestern eingeschlafen war“, gab ich lachend von mir. „Gewöhn dich also nicht erst an den Luxus.“

„Schade“, seufzte er und nahm sich ein Brötchen. „Danke.“

Gemeinsam frühstückten wir und ich genoss die wenigen Minuten mit ihm. Nach dem Essen verabschiedete er sich von mir, da er heute früher auf Arbeit sein sollte. Zügig räumte ich den Tisch ab und packte die Wasserflasche und meine Brotbüchse ein. Startklar schnappte ich mir mein Handy und sah, dass ich zwei verpasste Nachrichten hatte.

 

Marlene:
„Morgen, ich hatte gestern Abend total verschwitzt, dir mitzuteilen, dass Sozialkunde ausfällt. Du brauchst dich heute also nicht beeilen. Ciao, Marlene“ (Mittwoch; 6:25)

 

Sonja:
„Falls Marlene es vergessen haben sollte, heute fällt Sozi aus. Herr Keller ist nicht da. HDL Sonja“ (Mittwoch; 6:35)

 

Verärgert legte ich mein Handy auf den Tisch und lief in mein Zimmer. Dort ließ ich mich auf mein Bett fallen und starte eine Weile frustriert an die Decke. Hätten sie mir das nicht eher mitteilen können? Gerade heute, wo ich einmal pünktlich war, hatte ich eine Stunde später Unterricht. Was sollte ich jetzt machen?

Ich griff nach meinem Laptop und schaltete ihn an. Dann loggte ich mich wieder in das Mobbingforum ein. Glücklicherweise waren, trotz Schulzeit, drei weitere User online, mit denen ich chatten konnte.

Nach vierzig Minuten legte ich meinen Computer zur Seite und stand auf. Anschließend lief ich nach unten und schnappte mir mein Smartphone aus der Küche. Danach zog ich mich an, griff nach meinen Rucksack und verließ das Haus.

Am Schulhaus bemerkte ich, dass ich die Erste aus meiner Klasse war. Um die Wartezeit zu verkürzen, holte ich mein Handy aus der Tasche und stellte fest, dass ich viele entgangene Anrufe und Nachrichten hatte. Ein Blick auf die verpassten Telefonate zeigte, dass meine beiden Freundinnen mehrmals versucht hatten, mich anzurufen. Verwundert öffnete ich die Chatverläufe:

 

Sonja:
„Wo bleibst du?“ (7:15)
„Beeil dich!“ (7:22)
„Wir gehen jetzt rein, es hat vorgeklingelt!“ (7:25)
„Alles gut bei dir? Meld dich, bitte!“ (7:32 Uhr)
„Herr Keller hat uns gefragt, ob wir wissen, wo du bist.“ (7:35)
„Wo bist du? Ist dir was passiert?“ (8:04)

 

Marlene:
„Lauf schneller!“ (7:16)
„Wir warten!“ (7:24)
„Es klingelt gerade zur Stunde!“ (7:30)

 

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Wieso hatten sie auf mich gewartet und warum hatte Herr Keller nach mir gefragt? Er war doch angeblich gar nicht da. Mein Puls fing an zu rasen und ich fing an zu zittern. Aufgewühlt schrieb ich Sonja.

 

Ich:
„Nein, mir gehts gut. Aber wieso ist Herr Keller da? Ich denke, er ist heute nicht in der Schule?“(8:09)

 

Sonja:
„Wie kommst du denn darauf? Wir sitzen im Sozialkundeunterricht und diskutieren über eine Klassenarbeit nächste Woche.“ (8:10)

 

Ich:
„Wollt ihr mich verarschen?“ (8:10)

 

Sonja:
„Wie kommst du denn da drauf?“ (8:11)

 

Ich:
„Marlene und du habt mir heute früh extra eine SMS geschickt, dass Sozialkunde ausfällt.“ (8:12)

 

Sonja:
„Nein! Und seit wann schreiben wir wieder eine SMS? Die sind doch out???“ (8:13)

 

Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Jessica!!!

 

Ich:
„Sitzt Jessica bei euch?“ (8:14)

 

Sonja:
„Ja, du bist die Einzige, die fehlt.“ (8:14)

 

Sauer und wütend, dass ich wieder auf Jessica hereingefallen war, rannte ich, nach dem Pausenklingeln, ins Schulhaus. Dabei rempelte ich mehrere Schüler an, die sich lauthals beschwerten.

Kurz vor unserem Klassenzimmer wurde ich langsamer und entdeckte Jessica. Sie lehnte lässig an der Wand neben der Tür und grinste mich an. Da ich notgedrungen an ihr vorbei musste, straffte ich meine Schultern und tat so, als hätte ich sie nicht gesehen.

„Das hast du davon, wenn du dich gegen mich stellst“, sagte sie, als ich sie passierte. „Denk dran, ich kann noch mehr!“ Anschließend drehte sie mir den Rücken zu und verschwand im Treppenhaus.

Geschockt, über die Drohung, blieb ich stehen und sah ihr nach. Bevor ich mir darüber aber Gedanken machen konnte, erblickten mich Marlene und Sonja. Sofort stürmten sie auf mich zu und belagerten mich mit Fragen.

„Später“, gab ich knapp zur Antwort und ließ sie stehen. „Ich muss erst einmal zu Herrn Keller.“ Überfordert mit der Frage, wie ich mich erklären sollte, betrat ich den Unterrichtsraum.

„Schön, dass du jetzt auch kommst“, begrüßte mich unser Sozialkundelehrer. „Nur, dass die Stunde vor 45 …“, er unterbrach kurz und schaute auf seine Armbanduhr, „... oder besser vor 48 Minuten begonnen hatte.“

„Es tut mir leid“, sagte ich beschämt und ging auf ihn zu. Während ich zu ihm lief, suchte ich in meinem Smartphone nach den Nachrichten. „Ich hatte heute Morgen diese zwei Mitteilungen auf dem Handy und daher dachte ich, dass…“

Unser Vertrauenslehrer unterbrach mich: „Zeig mal.“ Er griff nach dem Mobiltelefon und sah sich beide Textnachrichten an.

„Und ihr habt diese nicht geschrieben?“, fragte er in Richtung von Marlene und Sonja, die über meine Schultern schauten, um auch einen Blick auf die Nachrichten werfen zu können.

„Nein“, antworte Marlene und schüttelte ihren Kopf. „Wenn, dann hätten wir es über Whatsapp geschickt und nicht als SMS“, fügte Sonja hinzu.

„Ich glaube, da hat dir jemand einen Streich gespielt oder in deinem Fall bestimmt derselbe, den du deckst.“

„Aber wie?“, fragte Marlene. „Ich hatte mein Handy die ganze Zeit in meiner Hosentasche, sodass keiner ran kam.“

„Dank Internet geht mittlerweile alles, sogar eine SMS mit falscher Nummer zu versenden“, beantwortete Herr Keller ihre Frage.

„Und ich bin wieder drauf reingefallen“, murmelte ich frustriert. „Muss ich jetzt eigentlich nachsitzen?“

„Keine Angst! Du lässt dir den Unterrichtsstoff von deinen Freundinnen geben und damit ist die Sache für mich erledigt. Und zur Info, nächste Woche schreiben wir eine Arbeit.“ Erleichtert nickte ich und griff nach meinem Handy. Doch Herr Keller ließ es nicht los.

„Unter einer Bedingung“, stellte er klar und sah mich eindringlich an. „Du überlegst dir, die Namen preiszugeben. Vor allem der Drahtzieher ist wichtig. Einverstanden?“

„Okay, ich denke nochmal darüber nach“, erwiderte ich leise und hoffte, dass er mich nicht verstand. Denn die Entscheidung war für mich längst gefallen. Ich würde keine Namen nennen.

„Schön“, meinte er und gab mir mein Handy zurück. Danach schnappte er sich seine Tasche und lief zur Tür.

Dort drehte er sich nochmal um und fragte mich, ob ich die Folter auf dem Klo mittlerweile verarbeitet hatte. Ich berichtete ihm, dass es mir etwas besser ging und ich mich in einem Mobbingforum angemeldet hatte, aber nachts weiterhin oft davon träumte. Er schlug vor, dass wir uns abermals zusammen setzen sollten, da ich das Erlebte scheinbar immer noch nicht richtig verdaut hatte. Dankbar darüber machte ich gleich für nächste Woche Mittwoch einen neuen Termin mit ihm aus. Er freute sich außerdem sehr, dass ich mittlerweile wieder selbstbewusster wurde und nicht mehr wie ein Häufchen Elend durch die Schule lief. Er hoffte, dass es so blieb und der heutige Vorfall mein neu gefundenes Selbstbewusstsein nicht erneut zerstörte.

Nachdem Herr Keller das Zimmer verlassen hatte, gingen wir ebenfalls zügig in den nächsten Unterrichtsraum. Dort setzte ich mich sofort hin, um den verpassten Unterrichtsstoff abzuschreiben. Während ich damit beschäftigt war, versuchten Marlene und Sonja mich zu überzeugen, endlich Jessica anzuschwärzen. Doch das ignorierte ich und reagierte nicht darauf. Auch Jessica schenkte ich keine Aufmerksamkeit, als sie in den Klassenraum kam und Anspielungen über mein Schwänzen machte.

 

***

 

Die nächste Pause war die Hofpause. Gegenüber sonst, war es heute sehr ruhig auf dem Schulhof, sodass wir einen freien Platz unter der alten Eiche fanden. Wir setzten uns auf das Gras und Marlene holte ihre Brotdose aus dem Rucksack. „Ich habe einen Bärenhunger“, jammerte sie, öffnete diese und fing an zu lachen.

„Hast du einen Clown in deiner Brotbüchse?“, fragte ich verwirrt und kicherte über meinen eigenen Witz.

„So was ähnliches“, lachte sie und hielt mir eine Weintraube entgegen.

„Eine Weinbeere?“ Irritiert sah ich sie an.

„Diese Traube hat mir scheinbar Alexa heute in die Brotdose getan.“ Erneut kicherte sie los.

„Und was ist daran so lustig?“, meinte Sonja und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Alexa hat wohl gestern wieder eine Weisheit des Tages Raus gehauen“, erklärte ich und sah Marlene interessiert an. „Diese hat bestimmt etwas mit der Beere zu tun.“

„Genau“, bestätigte Marlene meine Aussage und klärte uns auf. „Meine Schwester ist der Meinung, dass Weintrauben genauso süß sind wie Schokolade?“

„Wie kommt sie denn da darauf?“, fragte nun auch Sonja neugierig.

„Wir saßen gestern alle zusammen am Tisch und aßen Weinbeeren“, erklärte sie uns. „Überraschend kam Oma zu Besuch und brachte uns eine Packung Kinderschokolade mit. Alexa schnappte sie sich gleich und riss diese sofort auf. Voller Genuss aß sie eine nach der anderen. Auf meine Frage, ob ich auch einen Riegel bekommen könnte, schob sie mir die Schale mit den Beeren hin und sagte: Du hast doch die süßen Weintrauben.“

Obwohl mich die Geschichte brennend faszinierte, verlor ich den Faden, als ich Yannik im Augenwinkel entdeckte. Er lehnte keinen Meter von uns entfernt am Baumstamm und folgte Marlenes Bericht. Mein Herz raste, die Atmung stockte und in meinem Bauch tauchten tausend Schmetterlinge auf. Mit aller Kraft versuchte ich, mich an das Atmen zu erinnern. Seine Anwesenheit brachte mich komplett durcheinander. Es fiel mir schwer, ihn auszublenden.

„Da hat Alexa aber nicht Unrecht“, kicherte Sonja. „Sie hat nur an deine Taille gedacht.“

„Meinst du? Ich denke eher, dass sie noch nicht begriffen hat, dass allein Essen dick macht. Oder was sagst du, Jasi?“

„Weintrauben machen dick?“, fragte ich zerstreut und beide lachten. „Warst wohl abgelenkt was?“, meinte Sonja und sah sich auf dem Schulhof um. Scheinbar hatte sie Yannik entdeckt, denn prompt fing sie an zu schmunzeln. Marlene folgte ihrem Blick und kicherte ebenfalls los. „Wenn das mal kein Grund ist.“

„Darf ich?“, fragte er plötzlich neben mir und ich sah ihn erschrocken an.

„Klar, setz dich“, antwortete Sonja, bevor ich reagieren konnte. Er setzte sich mir gegenüber und wandte sich an Marlene.

„Entschuldige, dass ich gelauscht habe. Aber die Story ist so genial.“

„Alexas Storys sind immer spannend“, erklärte sie und alle drei mussten lachen. Ich dagegen war total überfordert. Yannik saß hier bei uns und unterhielt sich lebhaft mit meinen Freundinnen.

„Wie alt ist deine Schwester?“, fragte er und die Frage klang wirklich interessiert. „Alexa ist drei Jahre und liebt Kinderriegel über alles.“

Während sie sich ausgelassen unterhielten, hörte ich ihnen gedankenverloren zu und genoss Yanniks Nähe. Immer wieder lächelte er mich zwischendurch kurz an, bevor er sich wieder meinen Freundinnen zuwandte.

„Ich muss mal aufs Klo“, meinte Marlene irgendwann. Sie stand auf und schnappte sich ihre Brotdose und ihren Rucksack.

„Sonja, kommst du mit?“, fragte sie und zog sie hoch. Diese nickte und sah Yannik eindringlich an. „Bring sie uns ja heil wieder!“, befahl sie ihm und schmiss sich ihren Schulrucksack über die Schulter.
„Versprochen“, erwiderte er und kreuzte seinen Mittelfinger mit dem Zeigefinger zum Schwur.

„Bis später“, verabschiedete sich Marlene von mir und verschwand mit Sonja im Schulhaus.

Eine Weile saßen wir uns schweigend gegenüber und ich versuchte, meine Anspannung zu unterdrücken. Um mich abzulenken, sah ich mich auf dem Schulhof um.

„Hast du am Wochenende schon etwas vor?“, fragte Yannik und mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Erstaunt sah ich zu ihm. Ich realisierte, dass wir zu zweit unter dem Baum saßen und diese Frage demzufolge nur an mich gerichtet sein konnte. Mein Puls schnellte in die Höhe und die Schmetterlinge in meinem Bauch flogen wild umher.

„Am Samstag bin ich mit Alexa auf einem Spielplatz verabredet“, erklärte ich ihm und wich seinem Blick überfordert aus.

„Du magst sie sehr oder?“, wollte er wissen und sah mich aufmerksam an.

„Ja, sehr. Aber nicht nur sie. Ich verbringe gerne Zeit mit den Kids. Sie sind so ehrlich und offen. Man muss sich bei ihnen nicht verstellen. Sie schließen jeden in ihr Herz. Ich möchte deshalb später auch Erzieherin werden.“

„Erzieher ist ein schöner Beruf.“

„Ehrlich?“ Ungläubig sah ich ihn an.

„Warum nicht?“, fragte er verwundert. „Ich möchte ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Nur, dass ich Musiktherapie studieren und dann als Musiktherapeut arbeiten will.“

„Das ist ja cool!“ Begeistert sah ich ihn an.

„Siehst du, dir muss dein Berufswunsch nicht peinlich sein. Warum eigentlich?“

„Weil, weil… weil Jessica oft darauf rumhackt, dass ich perfekt in einem Kindergarten aufgehoben wäre und ich mich genauso verhalte, wie meine kleinen Freunde“, sagte ich mitgenommen und sah beschämt zu Boden.

„Lass sie labern. Ich denke, sie ist nur neidisch auf dich, warum auch immer. Vielleicht, weil sie selber keine richtige Perspektive für ihre Zukunft hat.“ Seine Worte brachten mich zum Nachdenken. Irgendwie hatte er Recht. Erleichtert sah ich ihn wieder an. Er lächelte mich aufmunternd an und ich erwiderte es zögernd.

„Und was hast du am Sonntag vor?“, kam er auf die Anfangsfrage zurück. Erneut setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Diese Frage hatte ich völlig vergessen.

„Nichts“, gab ich zur Antwort und fragte mich, warum er das unbedingt wissen wollte.

„Hast du da Lust am Nachmittag mit mir in den Zoo zu gehen?“ Überfordert sah ich ihn mit großen Augen an. Das Kribbeln in meinem Bauch wurde stärker und mein Puls schoss ein weiteres Mal in die Höhe. Wollte er wirklich mit mir Zeit verbringen? Unsicher nickte ich und beobachtete ihn sorgfältig. Dadurch entging mir nicht, dass seine Augen prompt anfingen zu strahlen. Erleichtert begriff ich, dass er die Frage ernst gemeint hatte.

„Du hast übrigens Recht“, stellte ich fest und lächelte ihn an. Verwundert fragte er mich: „Womit?“

„Das man in den Augen lesen kann.“

„Und was hast du jetzt in meinen gelesen?“

„Das du dich sehr freust.“

„Das stimmt. Ich freue mich wirklich.“

Am liebsten hätte ich ihm dasselbe gesagt, aber das traute ich mich nicht.

Eine ganze Weile saßen wir uns gegenüber und genossen die Nähe des anderen. Leider riss uns das Vorklingeln auseinander. Bevor ich mich versah, sprang Yannik auf, nahm seinen Rucksack und reichte mir meinen. Dann zog er mich hoch.

Statt meine Hand loszulassen, fasste er fester zu und gemeinsam liefen wir durch die Schule, bis wir an meinem Unterrichtsraum ankamen. Er wollte mich sicher wieder bei meinen Freundinnen abliefern, wie er mir unterwegs erklärte. Wehmütig ließ ich seine Hand los und schaute ihm nach, als er im Treppenhaus verschwand.

Aufgewühlt betrat ich das Zimmer und lief langsam zu meinen Platz. Dort überfielen mich sofort Sonja und Marlene und wollten wissen, wie es mit Yannik war.

„Ist das toll, sie hat ein Date“, schrie Sonja los, als ich ihnen von dem Zoobesuch erzählte.

„Nicht so laut!“, ermahnte ich sie. „Und zweitens ist es kein Date. Wir gehen nur zusammen in den Zoo.“

„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen und dich rausreden“, lachte Marlene. „Warum gehen wohl ein Junge und ein Mädchen allein in den Zoo?“

„Bestimmt nicht nur, um gemeinsam Tiere anzuschauen“, beantwortete Sonja die Frage.

„Die Frage war rhetorisch gemeint“, feixte Marlene und Sonja sah sie grimmig an. „Das war mir klar!“

„Hätte ich es euch nur nicht erzählt“, sagte ich genervt und rollte mit den Augen. Gleichzeitig wurde mir jetzt erst richtig bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte. Beide hatten Recht, es war ein Date.

Als es zur Stunde klingelte, betrat unsere Deutschlehrerin den Raum und begann sofort mit ihrem Unterricht. Ich hatte große Probleme, mich darauf zu konzentrieren. Meine Gedanken schweiften ständig zu Yannik ab. Kurz vor Ende der Stunde sammelte Frau Klaratge, unsere Aufsätze zum Thema Pünktlichkeit ein.

„Habt ihr auch alle den Aufsatz selber geschrieben oder ein Plagiat erstellt?“, fragte Jessica und die Klasse lachte. „Ihr wisst, dass das verboten ist?“

„Jessica, bitte!“, ermahnte unsere Lehrerin sie. „Wenn dich das Thema so sehr interessiert, dann kannst du gerne bis morgen über dieses Thema einen Aufsatz schreiben.“

„Nein, so wichtig ist es mir dann doch nicht“, meinte sie geschockt.

„Das habe ich mir gedacht“, erwiderte Frau Klaratge und wandte sich wieder der ganzen Klasse zu. „Ich hoffe, es war für euch alle eine Lehre. Wie ihr wisst, lese ich gerne und arbeite liebend gern mit einem Rotstift.“

In diesem Moment ertönte die Schulklingel und es entstand ein Gemurmel und Geraschel. Alle packten schnurstracks ihre Sachen ein und rannten aus dem Zimmer.

Quellenangaben aus dem Vorwort

Anton Schmitt, häufige Arten von Mobbing, die jeder kennen sollte, 24.07.2020 [online] https://famisafe.wondershare.com/de/anti-bullying/common-types-of-bullying-that-everyone-should-know.html (Stand: 22.12.2021)

 

Statist Research Department, Mobbing in Schule und Beruf, 17.06.2021 [online] https://de.statista.com/themen/132/Mobbing/#dossierKeyfigures [Stand: 22.12.2021]

 

Ulrike Propach und Ivana Peric, Die gesundheitlichen Folgen von Mobbing für Betroffene (Seite: 4/6), 26.04.2017 [online] https://www.therapie.de/psyche/info/ratgeber/lebenshilfe-artikel/mobbing/gesundheitliche-folgen/ (Stand: 22.12.2021)

 

Wikipedia, Mobbing, 15. Dezember 2021 [online] https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mobbing&oldid=218203324 [Stand: 22.12.2021].

Impressum

Texte: Meike Schiek
Bildmaterialien: Fotolia: #54786235 Poulsons Photography
Cover: "germancreative" auf FIVERR
Tag der Veröffentlichung: 30.03.2016

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für meine besten Schulfreundinnen, Nici und Susi. Es war eine schöne Zeit mit euch, auch wenn nicht immer alles glatt lief!

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