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Verhext und verliebt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

 

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

 

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

 

 

Copyright: Dana Savannah, 2016

Bilder: Mac Hernandez über Shutterstock.com

Impressum:

R.O.M Autorenclub, R.O.M. logicware, Pettenkoferstr. 16-18, 10247 Berlin

Jegliche Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist nur nach schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

 

 

 

 

Kapitel 1

Kapitel 1

 

“Du hast was getan?” Ich erhob empört meine Stimme und runzelte entsetzt die Stirn, als Sarah die Abfahrt einer am Pazifik entlanglaufenden Schnellstraße nahm. Es war Sonntag und wir waren gerade auf dem Rückweg von einem Strandspaziergang mit einem anschließenden schönen Kaffee.

„Liddy“, rief sie energisch, schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad und warf mir einen kurzen Blick zu. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf. „Du musst echt endlich mal ein bisschen leben, was riskieren! Genau aus dem Grund musst du zu dem Strandpicknickdate gehen! Ich habe es extra für dich arrangiert! Du wirst sehen - Matt ist wirklich unglaublich süß.“

Sarah war meine beste Freundin, seit wir uns vor sechs Jahren auf der Berkley Universität kennengelernt hatten. Sie arbeitete bei einer großen Tierarztpraxis in der Stadt und ihr neuer Arbeitskollege, Matt, war dort ein Veterinärtechniker und zudem offenbar mein Date für diesen Donnerstag. Wunderbar, ganz wunderbar, dachte ich, spähte aus dem halboffenen Fenster und sog die salzige San Francisco-Luft bis in den letzten Winkel meiner Lungen ein, um meine Nerven zu beruhigen.

Mit meinem in drei Monaten auf mich zukommenden vierundzwanzigsten Geburtstag meinte Sarah, mir einen kleinen Schubs geben zu müssen, damit ich endlich den Richtigen fand. Ich hatte nie wirklich Glück mit Beziehungen. Es war ja ohnehin schon schwer genug, einen aufrichtigen Mann zu finden. Bei mir kam jedoch erschwerend dazu, dass ich dieses „interessante“ Geheimnis hatte, das mit Sicherheit alle „normalen“ Männer abschrecken würde.

Ich war in Gedanken vertieft, als wir von einer für San Francisco typischen steilen Kopfsteinpflasterstraße in unsere Straße abbogen, die wunderschön von verschiedenfarbigen viktorianischen Häusern gesäumt war. „Na, was sagst du?“, bohrte sie nach. Ich holte tief Luft, streifte eine lange Strähne von meinem hellblonden Haar aus dem Gesicht und setzte zweifelnd an: „Hm, ja, aber sag mal, was meinst du: Ist er, du weißt schon, wie wir? Was ist, wenn wir uns gut verstehen und er es dann herausfindet und … Sarah, pass auf!“, schrie ich erschrocken und deutete durch die Windschutzscheibe auf ein viel zu schnell fahrendes Motorrad, das gerade von der steilen Straße einbog, an unserem Wagen vorbeiraste, Sekunden später, unmittelbar vor uns, zu Boden sank und über die Fahrbahn rutschte.

„Oh nein!“, schrie Sarah und trat die Bremse durch. Mir stockte der Atem, denn wir rutschten geradewegs auf den auf der Straße liegenden Kerl und sein Motorrad zu. Mit geschlossenen Augen und dem Herz in der Kehle fühlte ich, wie unser Wagen kreischend zum Stehen kam. Im nächsten Augenblick hallte das Krachen von sich in einander schiebendem Metall durch die Straße.

„Oh mein Gott, oh mein Gott! Was ist denn passiert!“, schrie Sarah und sprang aus dem Wagen. Ich war bereits auf der Straße und bewegte mich voll kalter Angst auf ihn zu. Wir waren nicht sonderlich schnell gewesen, aber der Kerl trug keinen Helm und man weiß ja nie, was da alles passieren kann.

Das Erste, worauf mein Blick fiel, war sein Körper. Er lag auf der Seite und hatte das Gesicht in die andere Richtung gewandt. Als ich zu ihm rannte, sah ich, dass sich die untere Hälfte seines Motorrads mit der Frontschürze von Sarahs Auto verkeilt hatte. Es sah fürchterlich aus und ich betete, dass wir nur das Motorrad angefahren hatte und dass er nur wegen des heftigen Aufpralls abgeworfen worden war.

Als ich mich neben ihn kniete, fing er an, sich zu bewegen. Offensichtlich wollte er sich auf den Rücken drehen. Ein Glück - er war bei Bewusstsein. Das war ein gutes Zeichen, richtig? „Geht’s dir gut?“, fragte ich, als ich ihn genauer anschaute. Ohne zu denken legte ich eine Hand auf seine Stirn und die andere auf seinen Bauch. Sofort fiel mir auf, dass er einfach fantastisch aussah und wohl in meinem Alter sein musste.

Er hatte zerzaustes braunes Haar, dunkle Wimpern und einen schlanken, athletischen Körperbau. Und sein Gesicht – das war einfach süß und jungenhaft. Dann öffnete er die Augen, blinzelte und sah direkt zu mir auf; halb peinlich berührt und halb benommen. Seine Augen waren warm und so braun wie köstliche Schokolade.

Bevor er etwas sagen konnte, sprintete Sarah zu ihm, um sich ebenfalls neben ihn zu knien. „Bist du verletzt? Hast du dir weh getan? Heilige Scheiße, das tut mir so leid! Wir haben dich nicht gesehen! Nicht, bis es zu spät war!“ Sie war den Tränen nahe. Der Kerl drückte seine Hände gegen den Bürgersteig und zog sich langsam hoch. Dabei stöhnte er immer wieder qualvoll und rieb sich den Kopf.

„Hast du dir den Kopf geprellt? Gehirnerschütterung? Hier, wie viele Finger halte ich hoch?“, rief ich und hielt ihm drei Finger vor die Augen. Er strich sich seine ziemlich langen, dunklen Haare aus den Augen und da sah ich sie wieder, seine Augen und dieses warme, schokoladige Braun. Dann sagte er: „Drei. Schaut her, macht euch keine Sorgen, mir hat es bloß die Luft aus den Lungen gequetscht und ich hab' vielleicht ein paar Beulen und Schrammen, das ist alles. Ist mit euch beiden alles okay? Es tut mir echt total leid, aber ich hab' nach dem Hügel einfach die Kontrolle über das Bike verloren.“

Verlegen blickte er von Sarah zu mir. „Uns geht’s gut aber du solltest wirklich ins Krankenhaus, zur Kontrolle. Oder zumindest eine Ambulanz?“, schlug ich vor und versuchte, nicht allzu offensichtlich in seine leicht hypnotisierenden Augen zu starren.

Sarah mischte sich ein. „Ehrlich, ja, das solltest du unbedingt tun! Oh, ich glaube, ich sollte erstmal besser von deinem Motorrad runterfahren. Ich kann meinen Radträger aus dem Kofferraum holen und du kannst dich auf die Rückbank legen, während wir dich zur Klinik fahren.“ Sie beeilte sich, rückwärts von dem unteren Teil seines Bikes zu fahren. Doch er ließ sich nicht überreden, sondern blieb hart: „Ach, nein, das geht wirklich in Ordnung. Ich schiebe das Ding einfach nach Hause.“

„Schieben? Wo wohnst du denn?“, fragte ich missbilligend. Er begann, sich vorsichtig auf die Beine zu rappeln, klopfte sein weißes T-Shirt ab und schwankte ein wenig. Instinktiv griff ich nach seinem Ellenbogen um ihn zu stabilisieren. Dabei berührte meine Hand ein paar Augenblicke seine nackte Haut. Ein mächtiger, und ganz eigenartiger Kitzel lief von dort bis in meine Wirbelsäule. So etwas Starkes hatte ich noch nie erlebt. Es knisterte förmlich zwischen uns, aber diese unbeschreibliche Energie schien von etwas mehr als bloßer Chemie her zu rühren.

Auch er musste sie gespürt haben, denn gleichzeitig zuckten wir zurück. Erstaunt, oder gar fassungslos, sahen wir uns an.

„Also, ich wohne gleich dort oben am Ende der Straße.“ Er zeigte in die Richtung, in die wir fahren wollten.

„Ehrlich?“, staunte ich. „Wir wohnen direkt um die Ecke, bloß drei Häuserblocks entfernt. Ich habe dich aber noch nie in der Gegend gesehen“, sagte ich und neigte interessiert meinen Kopf zur Seite. Sarah setzte gerade den Wagen zurück und verursachte allerhand schreckliche, metallisch kratzende Geräusche. Ich war froh, denn der Schaden sah zum Glück nicht allzu schlimm aus.

Leicht humpelnd bewegte er sich herüber und beugte sich hinab, um sein Motorrad aufzurichten. Schnell eilte ich ihm zur Hilfe. „Ja, kann schon sein, dass du mich noch nicht gesehen hast. Ich bin vor etwa einem Monat mit meinem Bruder und Onkel zusammengezogen. Ich glaube aber, ich habe dich hier schon einige Male gesehen.“ Dabei grinste er mich mit diesem verschmitzten Halb-Lächeln an. Süß…sehr süß.

Ich spürte, dass ich leicht rot wurde und bemühte mich zu sagen: „Dann mal willkommen in der Nachbarschaft. Wir wohnen in dem blauen Haus da.“

„Cool, wir wohnen in dem letzten, ganz am Ende auf der rechten Seite. Gerade hinter der Kurve dort, am Ende von Oakvale. Du weißt schon, das graue mit den schwarzen Fensterläden?“

Ich nickte. „Ja, klar kenne ich das!“

Sarah war wieder aus dem Auto gestiegen und kam auf uns zu. „Welches, was?“ Er hielt sein verbogenes Bike und ich stellte erleichtert fest, dass er mittlerweile wieder halbwegs sicher stehen konnte. Dann stellte er sich vor: „Ich bin Keith und euer neuer Nachbar." Mit diesen Worten reichte er erst mir, dann Sarah seine Hand. Als meine Hand in seiner lag, rann wieder dieses aufregende, elektrische Gefühl von seinen Fingern in meine und schwappte über meinen gesamten Körper.

Scheinbar machte mich dies vorübergehend sprachlos, denn Sarah ergriff das Wort: „Ich bin Sarah und das ist Lydia. Freut mich, dich kennenzulernen, Keith.“ Sie lächelte und warf mir dann einen wissenden Blick zu. Ich kannte diesen Blick leider nur zu gut. Er bedeutete, dass sie wieder etwas ausheckte. Nachdem ich meine Hand von seiner zog und wieder klar denken konnte, fügte ich hinzu: „Ja, ähm, willkommen, nochmal. Also, bist du sicher, dass du es nach Hause schaffst?“

Er hob seine Hand. „Ehrlich, mir geht’s gut. Aber danke und entschuldigt bitte meinen rücksichtlosen Fahrstil.“

Sarah lächelte. „Nichts passiert, ich bin froh, dass es dir gut geht. Nun, man sieht sich, Keith.“ Sie winkte und begab sich in Richtung Fahrersitz.

Ich winkte ebenfalls und wollte gerade zum Auto gehen, als ich eine dunkelbraune Schultertasche auf der Straße liegen sah. Ein paar Dokumente und ein Buch ragten heraus. „Oh, sieht so aus, als wäre deine Tasche runtergefallen“, sagte ich und schickte mich an, sie aufzuheben, doch Keith war schnell wie der Blitz. Er schnappte sie und stopfte den Inhalt wieder hinein, bevor ich danach greifen konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 2

Kapitel 2

Ich konnte nicht anders: Hilflos wie er verliebter Welpe starrte ich Keith hinterher, als er die Straße hinunterging und um die Kurve verschwand. Irgendetwas an ihm war anders, auch wenn ich nicht genau wusste, was. War es möglich, dass er wie Sarah und ich war? Konnte er übernatürlich sein? Denn, um die Karten auf den Tisch zu legen: Ich stammte aus einer langen Linie echter Hexen. Solche, die, richtig hexen und andere Magie ausüben konnten. Das war es, mein Geheimnis. Das Geheimnis, das alle Männer verschrecken würde, wenn sie es wüssten.

Meine Familie flog zwar auf keinen Besen über den Himmel oder verwandelte Menschen in Frösche oder irgendetwas derart clichémäßiges. Wir waren ganz normale Leute, bloß eben mit besonderen Kräften. Wie alle anderen Übernatürlichen. Sarah war auch eine; sie war eine Gestaltwandlerin und in der Lage, sich in eine ihrem in menschlicher Form entsprechenden langen, gold-roten Haare getigerte Katze zu verwandeln. Und unsere andere Mitbewohnerin und gute Freundin, Molly, war eine Fee.

Jemand mit übernatürlichen Kräften kann einfach spüren, wenn eine andere Person auch welche hat. Doch als ich Keiths verschwindender Gestalt hinterherblickte, konnte ich es nicht genau beurteilen. Dieses elektrische Gefühl, als wir uns berührten war sonderbar, auf positive Art und Weise, doch etwas Vergleichbares hatte ich auch bei einem anderen Übernatürlichen noch nie gespürt. Also hatte ich letztlich keinen blassen Schimmer, ob er bloß menschlich, unendlich attraktiv menschlich, oder doch mehr war. Es war komisch und ich war mir überhaupt nicht sicher, was ich davon halten sollte.

Beep, beep! Das laute Hupen hinter mir ließ mich aufschrecken. Ich wirbelte herum und sah, dass Sarah mich durch die Windschutzscheibe angrinste. „Mann! Du hast mich zu Tode erschreckt“, beschwerte ich mich, nachdem ich wieder auf der Beifahrerseite gerutscht war. Sarah fuhr langsam los. „Wie, ich habe dich aus deiner ‚den-heißen-neuen-Nachbarn-anstarren-Trance‘ gerissen?“, neckte sie mich. „Zwischen euch beiden schien es ja definitiv zu knistern!“

Ich seufzte und fühlte mich ein wenig verunsichert. „Er ist wirklich ziemlich süß, aber irgendwie sonderbar. Denkst du, er ist, nun, mehr als menschlich?“ Wir fuhren in die kleine Einfahrt vor unserem pastellblauen Haus. Sarah parkte und dachte einen Moment darüber nach. „Weißt du, ich bin mir nicht ganz sicher. Nee, ich konnte nicht wirklich eine Schwingung spüren.“ Wir stiegen aus, gingen zur Haustür und ich blickte ein letztes Mal die Straße herunter, während Sarah die Tür aufschloss.

Unsere Mitbewohnerin Molly hatte das Haus von ihrer Großmutter geerbt. Als Sarah und ich Arbeit in San Francisco gefunden hatte, lasen wir eine Anzeige in einer Zeitung, laut der zwei Mitbewohnerinnen zum Teilen eines viktorianischen Hauses gesucht wurden. Das klang ganz nach dem, was wir suchten; wir meldeten uns spontan und konnten sofort einziehen. Molly war Innenarchitektin, eine Fee und wurde eine sehr gute Freundin. Es war wirklich schön, dass wir zuhause ganz wir selbst sein konnten. Schließlich hatten wir ohnehin schon den ganzen Tag lang damit zu tun, unsere übernatürliche Seite vor den normalen Menschen zu verbergen.

In dem großen Flur drehte Sarah sich zu mir um; sie hatte schon wieder dieses Funkeln in den Augen. „Okay ich habe einen Plan“, sagte sie und rieb sich die Hände. Besorgt hob ich eine Augenbraue. „Wie bitte? Nicht schon wieder! Molly, vergiss nicht: Du hast mir schon dieses Date mit Matt am Donnerstag organisiert!“ Ich wusste einfach, dass dieser Plan mit unseren neuen Nachbarn zu tun hatte.

„Ich weiß, ich weiß.“ Sie drehte sich um, sodass wir in das gemütliche Wohnzimmer gehen konnten, wo wir unsere Schuhe von den Füßen schleuderten und Handtaschen auf der Couch ablegten. „Aber du solltest dir alle möglichen Türen offenhalten! Und der Kerl ist doch wirklich ein Sahneschnittchen! Noch dazu knisterte es doch wirklich ordentlich zwischen euch beiden! Das hab ja sogar ich gespürt. Also, ich glaube, wir brauchen nächstes Wochenende eine kleine Willkommensparty.“ Vielsagen hob sie mehrmals ihre perfekt gezupften Augenbrauen und rieb sich die Hände.

Ich seufzte, wusste ich doch, dass es sinnlos war, gegen einen von Sarahs Plänen anzukämpfen. Abgesehen davon: Was konnte ein lockeres Zusammenkommen schon schaden? „Okay, aber du und Molly kocht, sonst wird das Ganze eine Katastrophe!“, gab ich klein bei, denn natürlich freute ich mich auf ein Wiedersehen mit Keith.

Sarah lachte. „Okay, wenn es sonst nichts ist! Klar machen wir das! Weißt du, ich liebe dich Liddy, aber in der Küche bist du ein hoffnungsloser Fall, besonders dann, wenn du versuchst, zu zaubern.“

Sie hatte Recht. Mein Essen war immer entweder roh, verbrannt oder hatte diesen sonderbar metallischen Geschmack nach Goldstaub. Letzteres passierte immer dann, wenn ich versuchte, Magie und kulinarische Kunst zu vereinen. Um ehrlich zu sein war ich ein ziemlicher Trottel im Umgang mit Magie und Zaubersprüchen.

***

Einige Stunden später, saß ich entspannt in meinem Zimmer, das sich direkt unterm Dach befand. Es lag im linken Teil des Hauses und hatte einen Erker, der an ein Schloss erinnerte. Das Zimmer war unsagbar gemütlich mit abgeschrägten Decken und drei Fenstern. Eines hatte eine eingebaute, gepolsterte Sitznische, von der aus man die ganze Straße überblicken konnte.

Mein Bett stand an der rechten Wand und von dort aus hatte ich genau den Ausblick auf die Stadt, den ich über alles liebte. Ich saß in meinem Pyjama auf dem Bett, lehnte mit dem Rücken an der Wand und entspannte gerade bei einem guten Mystik-Liebesroman. So versuchte ich, mich für den morgigen Arbeitstag zu wappnen.

Meine Arbeit – mein Job, nun ja. Momentan arbeitete ich als Barista in einem dieser coolen unabhängigen Coffee Shops in einem angesagten Teil der Stadt. Natürlich hatte ich nicht an der Berkley studiert und meinen Bachelor in Anthropologie gemacht, um „Kaffee-Mädchen“ zu werden. Aber mal ehrlich, Anthropologie ist eben nicht gerade der Studiengang, von dem man sich eine gradlinige Karriere erwarten kann, oder?

In letzter Zeit spielte ich immer öfter mit dem Gedanken, nebenbei wieder weiter zu studieren, meinen Master zu machen und im Anschluss vielleicht an einer Hochschule zu unterrichten. Allerdings brauchte ich Geld, um meine Rechnungen zu zahlen ... und so war bislang nichts aus dem Traum mit dem Master geworden.

Gerade, als ich zu dem spannendnesten Teil des Buches kam, piepte mein Handy. Entnervt sah ich hin: Eine Mail von meiner Mutter – großartig.

Es war nicht so, dass ich meine Mutter hasste oder so, ganz im Gegenteil, ich liebte sie über alles. Es war bloß so, dass sie ein wenig enthusiastischer als ich war, was den Wicca-Kult und unsere Kraft als Hexen betraf. Sie lebte mit dem Rest meiner Familie in Salem, dem Zentrum aller Hexen Nordamerikas. Natürlich waren alle super involviert im Hexentum und Versammlungen. Auch wenn ich es cool fand, über besondere Kräfte zu verfügen, so war ich, wie bereits erwähnt, nicht gerade geschickt in deren Ausübung.

Wann immer meine Mutter mich drängte, endlich mehr zu üben und besser zu werden, wenn sie mir Zaubersprüche oder Magieratschläge per Mail schickte, fühlte es sich an, als wäre ich nichts als eine riesen große Enttäuschung für sie. Das ging sogar so weit, dass ich beinahe froh darüber war, an der gegenüberliegenden Küste zu leben, da ich mich mit meinem Versagen nicht permanent vor den anderen rechtfertigen musste. Obwohl ich also weit weg vom Herzen des Wicca-Kults lebte, litt ich noch immer unter fehlendem Selbstvertrauen. Denn: als Hexe war und blieb ich eine einzige Null. Seufzend öffnete ich ihre Mail und wappnete mich für neue Ratschläge und zauberhafte Zaubersprüche. Ich wurde nicht enttäuscht. Sie hatte mir einen „Handy-Auflade-Zauber“ mit einer detaillierten, zwei Absätze langen Anweisung geschickt. Seufzend legte ich mein Mysterybuch zur Seite und fing an zu lesen. Es klang ziemlich cool. Ich hatte keine Ahnung, wer genau sich diese neuen Sprüche und Zauber ausdachte. Wahrscheinlich hauptsächlich Hexen und Zauberer des wiccanischen Rats. Sie erfanden stets neue, angepasst an das moderne Zeitalter.

Nein Lydia, du solltest es auf keinen Fall probieren dachte ich noch mit Nachdruck.

 

 

Das Problem mit Magie und mir war nicht, dass nichts passierte. Ganz im Gegenteil. Viel eher war es nämlich so, dass ich zu viel Energie in den Zauber steckte. Zuverlässig eskalierte dann immer alles und ich war nicht im Stande, es zu stoppen oder rückgängig zu machen. Zumindest nicht problemlos. Normalerweise endete es damit, dass Dinge zerbrachen oder Leute in, sagen wir mal, einen Spatz verwandelt wurden und sich nicht zurückverwandeln ließen, bis jemand anderer zu Hilfe kam. Allein bei der Erinnerung an dieses Missgeschick wurde ich über beide Ohren rot.

Folglich versuchte ich klugerweise, die geöffnete Mail zu ignorieren und mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren, doch ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder auf den Bildschirm linste und darüber nachdachte, ob es dieses Mal nicht doch endlich mal anders laufen könnte? „Ein Handy! Das scheint ja nun mal wirklich total simpel zu sein und was kann schon großartig bei dem Versuch, einen winzigen Smartphone-Akku zu laden, schiefgehen?“, murmelte ich und spürte dieses unheilvolle Kribbeln in den Fingerspitzen.

Zwei Minuten später hatte ich die Anweisungen genau studiert und war dabei, den einfachen Spruch auswendig zu lernen. Nichts Böses ahnend, lag mein Handy vor mir auf der weißen Kommode. Ich stand auf und stellte mich direkt davor. Dann hielt ich die drei angegebenen Finger meiner rechten Hand hoch, schloss meine Augen und fokussierte meine gesamte Aufmerksamkeit, all meine Energie auf das Handy.

Ich stellte mir vor, wie die Energie aus meinen Fingern zum Handy floss und murmelte die Worte: „Elektrische Kräfte, groß und klein … lasst diese Batterie geladen sein.“

Ich öffnete meine Augen und griff nach dem Handy, um zu sehen, ob sich irgendetwas getan hatte. Nichts. Noch immer war bloß ein Balken übrig. Ich atmete entschieden aus, legte es wieder hin, schloss meine Augen und versuchte es wieder. Normalerweise legte ich nicht alle Kraft, die ich hatte in einen Zauber, da ich mir meiner Tendenz durchaus bewusst war. Doch offensichtlich hatte ich nicht genug in diesen gelegt, und so verstärkte ich meine Konzentration und Energie. Ich wiederholte die Worte mit mehr Nachdruck, als plötzlich ein lauter Plop-Zisch-Geräusch mich aufschrecken und mit großen Augen auf mein Handy starren ließ. Blaue und weiße elektrische Funken sprühten heraus und das Gerät hüpfte mit jedem Stoß auf der Kommode herum, als wäre es vom Teufel besessen.

„So ein Mist!“, fluchte ich zwischen geschlossenen Zähnen und entfernte mich langsam mit großen Augen von der Unheilstelle. Ich hatte wirkliche Angst davor, was als Nächstes passieren würde. Im Wesentlichen tanzte es aber nur weiterhin herum, stieß aber jetzt zusätzlich feuerrote Funken aus, wodurch ein Mini-Feuerwerk auf meiner Kommode entstand. Dann stotterte es ein letztes Mal, der Bildschirm ging aus und wieder an und erlosch schließlich ganz.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass keine weiteren Funken herausspringen konnten, nahm ich es in die Hand. Großartig, jetzt war es komplett tot. Selbst, als ich versuchte, es anzuschließen und einige Minuten laden zu lassen, blieb der Bildschirm schwarz und leblos. In dem Moment öffnete sich meine Tür und Sarah, nun in ihrer orange-gestreiften Katzenform, schlenderte auf ihren Tatzen leise herein und blickte missbilligend von meinem kaputten Handy zu mir und wieder zurück zu meinem Handy. In der ganzen Misere brachte sie mich zum Lachen, denn es sah einfach zu drollig aus, wie sie versuchte, als Katze ihre Augen zu rollen.

Sie schüttelte ihren Kopf, als wollte sie sagen „Hast du denn gar nichts gelernt?“, denn in ihrer gewandelten Form konnte Sarah nicht sprechen. Dann drehte sich meine freche Katzen-Freundin um und schlenderte mit wehendem Schwanz aus meinem Zimmer. „Ich weiß, ich weiß, ich sollte einfach aufgeben“, rief ich hinter ihr her und warf mein noch immer angeschlossenes Handy auf die Kommode.

 

Kapitel 3

Kapitel 3

 

Am nächsten Tag, einem Montag, herrschte nach einem absolut verrückten Ansturm endlich eine willkommene Flaute. Ich stellte gerade die letzte Tasse zurück auf den Stapel, strich mir übers Gesicht und blickte ein wenig erschöpft nach draußen, als ich Sarah sah, die mit wehendem roten Haar zur Tür herein- und direkt auf mich zukam. Mit einem breiten Grinsen reichte sie mir einen Beutel, den ich neugierig beäugte. „Nanu? Was ist denn da drin? Ein ganz besonders frühes Geburtstagsgeschenk vielleicht?“

Grinsend schüttelte sie den Kopf. „Nee, nee! Schau einfach mal rein und find’s raus. Weißt du, ich bin mir sicher, dass es dir seeeehr gut gefallen wird!“ Ich runzelte die Stirn, warf einen Blick in die Tüte und konnte meinen Augen kaum trauen. „Oh, Sarah! Vielen lieben Dank. Du bist die Beste, ehrlich!“ Drin lag ein neues Smartphone. Ich lehnte mich über die Theke und umarmte sie stürmisch, was mir sofort einen finsteren Blick meines Arbeitskollegen Brent einbrachte.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 17.01.2020
ISBN: 978-3-7487-2649-4

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