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Leseprobe

Stürmisches Sylt

Hannah Lambert ermittelt 4

Friesenkrimi

Thomas Herzberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.0

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

 

 

 

 

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Meine lieben Testleser/innen (in alphabetischer Reihenfolge):

Antje, Bärbel, Birgit, Nicolas, Roswitha und Frau Schmidt

Sandra Nyklasz (die den Zeilenfluss-Verlag leitet) für ihre Geduld

Covergestaltung: Chris Gilcher (http://buchcoverdesign.de)

 

 

Inhalt

 

 

Sylt, mitten in der Sturmsaison: Die Konzertpianistin Caroline Schumann ist jung, hübsch, erfolgreich – und tot. Während Orkantief ›Sabine‹ mit Urgewalt über die Insel fegt und allerorts Verwüstung hinterlässt, jagen Hannah und Ole den vermeintlichen Mörder. Dabei sind Lügen, Geheimnisse und zu viele Verdächtige noch ihr kleinstes Problem, denn Hannah wird auch von einer italienischen Altlast eingeholt, die sie endlich abschütteln muss. Da ist weiterer Gegenwind garantiert …

 

 

Jeder Fall ist in sich abgeschlossen. Es kann allerdings nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ;)

 

»Stürmisches Sylt« ist Teil 4 der Reihe „Hannah Lambert ermittelt“. Zuvor erschienen:

 

»Ausgerechnet Sylt«

»Eiskaltes Sylt«

»Mörderisches Sylt«

 

 

Hannah Lambert ermittelt ist mit über 300.000 verkauften Exemplaren eine der erfolgreichsten Krimi-Serien der letzten Jahre. Alle Teile sind als eBook und auch als Taschenbuch verfügbar. Der erste inzwischen auch Hörbuch …

 

Weitere Informationen und Bücher findet ihr auf meiner Homepage:

 

ThomasHerzberg.de

 

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Prolog

 

 

Er hat’s schon wieder getan … sich von hinten an mir gerieben und mir dabei vorne auf die Finger geklopft. Immer dann, wenn ich beim Üben einen Ton nicht richtig getroffen habe.

Ich hab genau gespürt, wie er jeden Fehler herbeigesehnt hat.

Und ich hab sein Ding gespürt.

Im Rücken, an der Schulter … einmal sogar fast im Gesicht.

Ich hätte am liebsten gekotzt. Konnte mich deshalb noch weniger aufs Klavierspielen konzentrieren.

Aber damit ist bald Schluss! Ich hab’s mir selbst geschworen!

Heut Abend will er mit mir reden – meine ach so große Karriere planen.

Wenn er wüsste …

Soll ich ihm überhaupt was sagen?

Was andeuten?

Welchen Sinn hätte das?

Und ich will ihn bestimmt nicht vorwarnen!

 

Hab gerade ’ne Stunde für Mathe gepaukt, nichts kapiert, aber mich wenigstens für was entschieden: Ich erzähl ihm gar nichts und treff mich heut Abend lieber noch mit Pavel.

Nach dem Konzert!

Was der wohl sagt, wenn er hört, was ich vorhab?

Hoffentlich macht er mit!

Wenn nicht, dann …

 

»Willst du noch was essen, Caro?«, kam es plötzlich dumpf durch die geschlossene Zimmertür. »Wenn du nichts isst, wird dir wieder schlecht und du verspielst dich.«

»Ich komm gleich, Mama!«, rief Caro zurück, krampfhaft bemüht, ihren genervten Unterton im Zaum zu halten. Sie versuchte es mit einem Dankeschön. Das half – zumindest manchmal. »Ist lieb, dass du dran denkst!«

»Hast du noch was für Mathe getan? Du wolltest doch …«

»Klar, hab ich!«

»Dann warte ich in der Küche auf dich. Und am besten trödelst du nicht länger, wenn du dich vor dem Konzert noch richtig warmmachen willst. Vergiss nicht, worum es geht. Falls Doktor Haferbeek von der Akademie aus Hamburg wieder im Publikum sitzt, dann solltest du lieber …«

»Ich hab doch gesagt, dass ich gleich komme! Reicht das nicht, Mama?«

Caro hörte ihre Mutter vor der Zimmertür schnauben und bereitete sich innerlich schon auf die nächste, stets gut gemeinte Attacke vor. Doch es waren nur Schritte zu hören, die sich auf den knarrenden Bodendielen entfernten.

Caro atmete erleichtert aus. Sie wollte ihr Tagebuch schon zuklappen und es am gewohnten Ort zwischen Zeitschriften, Büchern und ausrangierten Schulheften verstecken, doch dann hielt sie inne. Ein letzter Satz ging ihr durch den Kopf. Der hatte es verdient, aufgeschrieben zu werden: Bald ist alles vorbei!

 

1

 

Sonntagabend, im Festsaal der Musikschule Tinnum

 

 

»Bravo … Bravissimo!« Kaum war der letzte Ton von Franz Liszts ›Duo-Sonate für Violine und Klavier‹ verklungen, da stand Albert Flemming auch schon neben dem offiziellen Prachtstück seiner Musikschule: einem Steinway-Flügel. Als würde er jeden Moment vor Stolz platzen, zeigte er auf seine Musterschülerin Caroline Schumann und forderte sie gestenreich auf sich zu erheben. »Bravissimo!«, ging es jubelnd gegen den aufbrausenden Applaus der etwa hundertfünfzig Gäste weiter. »Bravissimo!«

Weiter hinten waren zwei Zuschauer, die ihre Sitzplätze bereits verlassen hatten und auf den Ausgang zustrebten, offensichtlich anderer Meinung. »Der Flemming hat sie doch nicht mehr alle. Allein wie der da vorne rumstolziert und sich aufplustert – als wären wir hier bei ’ner Kaiserkrönung im Mittelalter gelandet.«

»Noch ein ›Bravissimo‹, dann geh ich nach vorne und dreh ihm die Gurgel um. Es ist langsam nicht mehr zum Aushalten: Er feiert seine Caro Schumann, als wäre sie der Nabel der Welt. Schau dir mal den armen Tropf mit der Geige an. Der kriegt gar keine Aufmerksamkeit ab … und dabei hat er so schön gespielt!«

Damit war Pavel Novacek gemeint, ein Tscheche von Mitte zwanzig, der in der Tat aussah, als käme er sich zwischen Flügel und seiner Duett-Partnerin ein wenig verloren vor. Und das, obwohl Liszts Sonate insbesondere die Violine in Szene setzt.

»Bravissimo!«, ging es vorne von Neuem los.

»Mir reicht’s, lass uns gehen!«, beschloss man weiter hinten.

Derweil verneigten sich Caroline und Pavel so tief, als müssten sie etwas Verlorenes aufheben.

In der vorletzten Reihe kam man ebenfalls zu einem Ergebnis: »Ich weiß gar nicht, warum wir hergekommen sind. Das Gedudel hätten wir uns auch im Internet anhören können und müssten keine Angst haben, draußen wegzufliegen.«

Gemeint war ein Orkantief, das Sylt aktuell mit bis zu 12 Windstärken traktierte. Dieses Tief namens ›Sabine‹ hatte sich über dem Atlantik zusammengebraut und gleich auf den Weg nach Mitteleuropa gemacht. Erstes Resultat war eine Schneise der Verwüstung in Frankreich und auf den Britischen Inseln, bevor es in Richtung Deutschland weiterging. Selbst Sylter Urgesteine fragten sich bereits, ob die meterhohen Wellen überhaupt noch etwas vom Weststrand übrigließen.

Passend dazu setzte Albert Flemming gerade zum nächsten Jubelsturm an, doch Caroline Schumann fiel ihm ins Wort: »Pavel war einmalig«, schwärmte sie und zeigte auf den jungen Tschechen, der das Kompliment seiner Duett-Partnerin verhältnismäßig gelassen hinnahm. »Wenn hier einer der Star ist, dann er!«

Das sahen viele Zuschauer offensichtlich genauso, denn der Applaus nahm an Lautstärke zu. Albert Flemming hingegen tat die Bemerkung seiner Vorzeigeschülerin mit einer flüchtigen Handbewegung ab und widmete sich wieder den Zuschauern. Die meisten hatten sich mittlerweile erhoben und bildeten einen immer engeren Ring um die Hauptdarsteller der Veranstaltung. Anlässlich dieses klassischen Abends, der jeden Monat stattfand, hatte man sich entsprechend in Schale geworfen. Die Männer trugen Anzüge, deren Jacken sich um Wohlstandsbäuche spannten, die Frauen schicke Abendkleider. Manch eine führte auch ihr komplettes Geschmeide spazieren und glitzerte dadurch wie ein Weihnachtsbaum – obwohl die Festtage lange vorbei waren.

Während sich Caroline und Pavel ein weiteres Mal verneigten, brandete neuer Applaus auf. Einige Zuschauer waren schon auf dem Weg in Richtung Ausgang und mussten sich von Albert Flemming entrüstete Blicke gefallen lassen.

Caroline versuchte, ihn mit einer Erklärung zu besänftigen: »Die wollen doch nur so schnell wie möglich nach Hause und nachschauen, ob davon überhaupt noch was übrig ist.« Sie kicherte kurz. »Mein Vater hat unserem Nachbarn heute sogar geholfen, die Fenster zu vernageln. Es wird immer verrückter.«

Albert Flemming lächelte aufgesetzt und zog seine Musterschülerin vielleicht ein wenig zu grob beiseite, um ungestört mit ihr reden zu können. »Doktor Haferbeek aus Hamburg ist auch da.« Es folgte ein Fingerzeig auf einen Mittfünfziger, dessen beinahe weiße, wallende Haarpracht bis auf die Schultern einer giftgrünen Smoking-Jacke reichte. Ein beinahe irrwitziger Anblick. »Sei nett zu ihm«, zischte Flemming. »Ich habe für nächste Woche ein Vorspielen bei ihm arrangiert. Das wird dein großer Durchbruch!«

»Vor dem Abi lassen mich meine Eltern bestimmt nicht nach Hamburg fahren«, gab Caro zu bedenken.

Das sorgte für kurze Verunsicherung im Gesicht ihres Klavierlehrers, doch dann fuhr der fort, als wäre gar nichts geschehen: »Wenn später alle weg sind, trinken wir dann noch ein Glas zusammen? Du hast mir hoch und heilig versprochen, dass wir heute über alles andere reden. Vergiss das nicht!«

Caro wollte gerade antworten, als neben dem Flügel plötzlich eine hitzige Diskussion entbrannte.

»Du hältst dich wohl für was Besseres!« Dieser wütende Kommentar stammte von Maximilian Schrader, einem von Caros Mitschülern, neben dem sie schon seit der Sexta, ihrem ersten Jahr auf dem Gymnasium, saß. Der stürzte sich gerade mit neuen Beschimpfungen auf Pavel: »Glaubst du ernsthaft, dass du sie mit deiner blöden Fiedel beeindrucken kannst? Du bist ein Nichts, ein Niemand … sie hat was Besseres als dich verdient!«

»Da geh ich wohl lieber mal dazwischen«, entschuldigte sich Caro bei ihrem Klavierlehrer.

Das war gar nicht nötig, denn der war ohnehin damit beschäftigt, die Zuschauer zu besänftigen, die offensichtlich noch Wert auf ein Autogramm legten. Obwohl die meisten aussahen, als wollten sie nur hören, worum es bei der lautstarken Auseinandersetzung ging.

»Könnt ihr das bitte woanders klären!«, zischte Caro, als sie bei den zwei Streithähnen ankam. Und diese klare Ansage galt auch beiden. Dann gehörte einem davon ihre volle Aufmerksamkeit. »Ausgerechnet hier, Max? An meinem wichtigsten Abend im Monat – hast du sie noch alle?«

»Du gehst nicht an dein Handy, reagierst nicht auf meine WhatsApp-Nachrichten … was soll ich denn machen?« Maximilian Schrader sah aufrichtig verzweifelt aus. Bevor er weitersprach, bekam Pavel einen giftigen Blick ab. »Hast du mich für den dämlichen Möchtegern-Casanova da verlassen?«

»Was heißt denn hier ›verlassen‹? Wir waren doch nie richtig zusammen!«

Diese Zurechtweisung zeigte Wirkung. Max fand allerdings keine Zeit mehr für eine Antwort, denn hinter ihm war Albert Flemming immer lauter darum bemüht, neugierige Augenzeugen dieser Streiterei zu vertreiben. »Das sind die jungen Leute von heute«, erklärte der Klavierlehrer in seltsamem Singsang und mit gequältem Lächeln. »Am besten lassen wir sie in Ruhe – solche Dinge klären sich meiner Erfahrung nach von ganz allein.«

Caro nutzte derweil die Gelegenheit für eine Fortsetzung. Dabei zischte sie wie eine Schlange in Max’ Richtung: »Wenn du jetzt gehst und die Klappe hältst, dann können wir noch mal über alles reden, was war oder ist. Aber wenn du das hier bis zum Ende durchziehen willst, dann …«

Pavel hielt sie am Arm fest und sorgte für eine Unterbrechung. »Klärt das lieber unter euch – ich gehe.«

»Aber du hast mir doch versprochen, dass wir nachher noch …«

Zu spät. Der junge Tscheche hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ein Stück abseits verstaute er sein Instrument im Geigenkasten und war im nächsten Moment verschwunden.

»Das hast du ja toll hinbekommen!«, schimpfte Caro weiter. »Ist dir mal aufgefallen, dass du nur noch Probleme machst?«

Auch von dieser Frage ließ sich Max nicht abschrecken. »Liebst du ihn?«

»Wieso denkst du überhaupt, dass wir …?«

»Ach, tu doch nicht so! Glaubst du, ich weiß nicht, was da zwischen euch beiden läuft?«

»Was wo läuft?«, erkundigte sich Albert Flemming, der von hinten herbeigeeilt kam. Auch seine Wut richtete sich gegen Max. »Ich kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben, junger Mann. Wenn du nicht freiwillig gehst, lass ich dich entfernen.«

Während Caro sich noch fragte, wer wohl für dieses ›Entfernen‹ zuständig wäre, legte ihr Schulfreund bereits den Rückwärtsgang ein. Aber so wollte sie ihn nicht davonkommen lassen, also brüllte sie: »Warte!«

Max blieb wie angewurzelt stehen. Caro hingegen setzte sich in Bewegung, umrundete unter Albert Flemmings skeptischen Blicken den Flügel zur Hälfte und schnappte nach ihren Habseligkeiten, die sie dahinter deponiert hatte. Als sie zurückkehrte und wieder vor den beiden Männern stand, hielt sie ein Schlüsseletui in der Hand. Sie holte weit aus und warf es Max vor die Füße. »Hier … kannst du behalten! Ich komm auch gut ohne dich klar.«

Max bückte sich, wollte noch etwas sagen, doch allein Caros wütende Miene reichte, um ihn von dieser Idee abzubringen. Wutentbrannt machte er dann auf dem Absatz kehrt, schob sich am letzten halben Dutzend hartnäckiger Zuschauer vorbei und war kurz darauf verschwunden.

»Es ist vielleicht besser, wenn Sie auch gehen«, entschuldigte sich Albert Flemming viel zu unterwürfig bei Doktor Haferbeek. Der stand zusammen mit seinem Lebensgefährten – einem jungen Mann von höchstens dreißig, dessen Gesicht grell geschminkt war – ein Stück abseits. Die Aufforderung zu gehen hinterließ zwar zwei enttäuschte Gesichter, dennoch entsprach man der Bitte des Klavierlehrers.

Der fühlte sich auch Caro gegenüber zu tröstenden Worten berufen, als man kurze Zeit später endlich unter sich war: »Liebe entsteht, Liebe vergeht – daran musst auch du dich gewöhnen. Die meisten großen Komponisten haben solche Abgründe erlebt, sich mit Musik abgelenkt und dadurch neue Kra…«

Caro fuhr ihm grob ins Wort: »Das hilft mir jetzt auch nicht!« Und weil sie versuchen wollte, wenigstens einen der beiden jungen Männer noch vor der Tür abzufangen, setzte sie sich ebenfalls in Bewegung.

Sie war schon fast vor der doppelten Saaltür angekommen, da hörte sie hinter sich Albert Flemming rufen: »Willst du wirklich so gehen? Ist das dein Ernst, Caroline?«

Sie schüttelte den Kopf, doch das ging schnell in ein Nicken über. »Bitte nicht böse sein, Herr Flemming! Wir reden morgen, okay?«

Offensichtlich nicht, denn der Klavierlehrer hob schon zu neuem Protest an. Doch der blieb ungehört, schließlich hatte sich Caro durch die Tür in die Empfangshalle geschoben, sie im Laufschritt durchquert und stand schon vor der riesigen Altbauvilla mitten in Tinnum.

Dort war es nicht nur stockfinster, sondern auch der Sturm hatte zum Abend hin nochmal zugenommen und trieb den Regen beinahe waagerecht vor sich her. Caro hatte Mühe, sich gegen die Naturgewalt zu stemmen und war froh, als sie in ihrem Fiat Punto saß. Von Pavel oder Max war weit und breit nichts mehr zu sehen. Vermutlich hatten sich die beiden schon vor dem Unwetter in Sicherheit gebracht. Blieb zu hoffen, dass dies in unterschiedliche Richtungen passiert war, denn der Streit zwischen den beiden war sicher noch nicht endgültig ausgetragen.

Caro startete den Motor und schnaubte wütend, während der Sturm den kleinen Fiat immer wieder ins Wanken brachte. Sie packte den Schalthebel, als wolle sie ihn am liebsten herausreißen und versuchte, den ersten Gang hineinzuschieben. Das Getriebe protestierte knirschend, bestand vor dem Schalten auf ein getretenes Kupplungspedal. Wie kleinlich!

Caro hatte den Führerschein erst seit ein paar Monaten und es fehlte ihr schlichtweg an Fahrpraxis. In ihrem aktuellen Leben ging die meiste Zeit für das bevorstehende Abi drauf. Dazu jeden Tag Klavierunterricht … da blieb nur wenig Gelegenheit für andere Dinge. Außerdem war sie in den vergangenen Tagen mit einem Automatik unterwegs gewesen, der – neben fehlender Kupplung – auch einiges mehr an Komfort bot.

Unverändert aufgebracht trat sie die Kupplung voll durch, schob den ersten Gang rein, gab Vollgas und fuhr los, als würde sie auf einem Känguru reiten. Bevor sie das Ende der Sackgasse erreichte, reduzierte sie das Gas und bog nach rechts auf die Keitumer Landstraße ab. Als sie spürte, dass der Wagen ihr langsam gehorchte, gab sie erneut Vollgas. Schließlich wollte sie nur noch nach Hause, diesen Abend einfach vergessen und hoffen, dass der nächste Tag wenigstens entspannt anfing.

Direkt vor Keitum macht die gleichnamige Landstraße zuerst einen Bogen nach links und dann wieder einen nach rechts. Caro drosselte das Tempo kaum und schnitt die Kurve, denn sie konnte eventuellen Gegenverkehr im Dunkeln schon von Weitem erkennen. Nach links hatte das hervorragend funktioniert, also gab sie noch mehr Gas, um sich wie beflügelt durch die Rechtskurve tragen zu lassen.

Ein Trugschluss, denn schon an deren Beginn saß ein riesiger Hase mitten auf der Straße. Caro war noch ein gutes Stück entfernt und trat voll auf die Bremse. Doch das Pedal gab unter ihrem Fuß immer weiter nach und wanderte bis zum Bodenblech hinunter.

Alles passierte im Bruchteil einer Sekunde. Sie sah den Hasen immer näher kommen. Dessen Augen blitzten im Licht der Scheinwerfer auf.

›Fuß vom Gas, bremsen und erst mal draufhalten! Ausweichen nur dann, wenn dies absolut gefahrlos möglich ist!‹, so hatte es Caros Fahrlehrer einige Monate zuvor gebetsmühlenartig wiederholt. Aber um sich über den Unterschied zwischen ›Draufhalten‹ und ›Ausweichen‹ Gedanken zu machen, war jedoch nicht mehr genug Zeit. Instinktiv – und leider falsch – entschied sie sich für die letzte Option.

Einen kurzen Moment lang kam sie sich dann beinahe schwerelos vor. Doch dieses Gefühl löste sich in Luft auf, als sich die Nase des Kleinwagens nach unten senkte und frontal in den Straßengraben krachte. Das Heck bäumte sich auf und zeigte vorübergehend in den dunklen Nachthimmel, bevor sich der Wagen zum ersten Mal überschlug. Es folgten zwei weitere Überschläge, aber zu diesem Zeitpunkt war Caro schon nicht mehr bei Bewusstsein …

 

2

 

 

Am Montagmorgen hatte Hannah Lambert den ersten Autozug von Niebüll nach Westerland genommen und war direkt zu ihrer Mutter und ihrem Sohn Felix gefahren. Letzterer schlief noch, also begrüßte sie ihre Mutter mit einem flüchtigen Kuss auf die Stirn und fiel wortlos auf die Küchenbank, um sich dem fertig gedeckten Frühstückstisch zu widmen.

Auf der anderen Seite faltete Gertrud Lambert seelenruhig ihre Zeitung, platzierte sie auf dem Tisch vor sich und holte zur ersten Frage aus: »Wie ist das Wetter?«

»Wieder verhältnismäßig ruhig«, sagte Hannah, während sie ihre vermeintliche Beute in Augenschein nahm. »Schätze, Sabine ist nicht ganz so gefräßig wie befürchtet.«

»Wir haben auch schon ganz andere Stürme überstanden. Wie war’s denn gestern Abend?«

Hannah hatte einen Bärenhunger und war längst mit dem Bestreichen der ersten Brötchenhälfte beschäftigt. Sie schaute verwirrt auf. »Wovon redest du?«

»Vom Konzert in Tinnum ... in der Musikschule! Ich hatte dir doch zwei Karten geschenkt und gehofft, dass du einen vernünftigen Mann zum Mitnehmen findest. Da war doch einer mit ’nem Sportladen, oder nicht?«

»Der verkauft Outdoor-Klamotten, Mama, keine Turnschuhe!«

Dieser Hinweis sorgte auf Gertrud Lamberts Seite nur für einen erwartungsvollen Blick.

»Das Konzert war klasse«, schwärmte Hannah mit halbvollem Mund. »Hauptsächlich das Ende. Grandios!«

»Also warst du mit dem Mann da, der keine Turnschuhe verkauft?«

»Mit wem denn sonst? Er war übrigens auch total begeistert.«

»Dieser tschechische Geiger ist aber auch einmalig. Ich weiß gar nicht, wie man mit gerade mal Mitte zwanzig …«

»Kann ich die Zeitung haben?«, unterbrach Hannah ihrer Mutter.

Doch die wollte dem Wunsch ihrer Tochter offensichtlich nicht entsprechen, denn sie stützte sich mit beiden Ellbogen darauf ab und probte damit Widerstand.

»Was ist denn?«, fragte Hannah, die schon mit der zweiten Brötchenhälfte beschäftigt war. Nachdem eine Scheibe Schinken auf ihrem Teller lag, klang sie allerdings schon deutlich sanfter. »War echt toll, Mama – vielen Dank noch mal. Gute Idee, das mit den Karten!«

»Hat Klara Müller wieder so toll auf dem Flügel gespielt?«, kam es von der anderen Tischseite skeptisch zurück.

»Besser … noch besser als sonst! Kann ich jetzt bitte die Zeitung haben?«

»Die junge Frau heißt Caroline, Caroline Schumann!«

Hannah tat zumindest nach außen hin unbekümmert. »Hab ich wohl verwechselt. Der Name spielt ja auch keine Rolle. Es geht doch darum, ob sie Klavier spielen kann …«

»Kurz bevor du gekommen bist, hat übrigens Bärbel angerufen. Sie war gestern Abend auch da, hat dich aber gar nicht gesehen.«

Von diesem Moment an wusste Hannah, was die Stunde geschlagen hatte. Bei den Fragen ihrer Mutter ging es nicht etwa um wirkliches Interesse am Leben ihrer Tochter, sondern es handelte sich um die Beweisführung der Anklage. Hannah beschloss kurzerhand, auf einen Anwalt zu verzichten und sich selbst zu verteidigen. Sie stieg gleich mit einem Geständnis ein und hoffte im Gegenzug auf mildernde Umstände: »Ich war nicht da – bist du jetzt zufrieden?«

»Und wieso schenke ich dir dann die Karten?«

»Keine Ahnung … hab dich nicht drum gebeten.«

Diese letzte Aussage sorgte auf beiden Seiten für gründliche Ernüchterung. Gertrud Lambert hob ihre Ellbogen und reichte die Zeitung über den Tisch. »Willst du Kaffee?«

Hannah nickte. Sie war bereits mit der Titelseite beschäftigt. »Wenn man den Zeitungsleuten glaubt, dann wird ›Sabine‹ in den nächsten Tagen noch ein schönes Stück von Sylt abbeißen. Hier steht was von fünf Sturmfluten nacheinander.«

»Ist das mit diesem Sportladen-Heini und dir eigentlich was Ernstes?«

»Outdoor-Klamotten-Heini!«

»Ist mir egal. Entwickelt sich da was zwischen euch?«

»Kann sein.« Hannah kaute auf dem Rest ihres Brötchens herum und hielt schon Ausschau nach der nächsten Beute. »Hast du keinen Fleischsalat da?«

»Entschuldige bitte, dass ich nicht ständig alles vorrätig habe, was du gerne isst. Und nur, falls es bisher anders aussah: Ich betreibe hier kein Hotel … oder Restaurant!«

»Dann hab ich mich wohl in der Tür geirrt.« Hannah wollte fortfahren, doch ihr Handy hielt sie davon ab. Auf dem Display blinkte Ole, den sie ungewohnt heiter begrüßte: »Falls du herkommen willst, bring bloß Fleischsalat mit! Meine Mutter hat keinen da.«

»Ich steh fast vor eurer Tür. Also müsste ich für deinen Salat umdrehen und erst mal schauen, wo ich in Westerland welchen herbekomme.«

»Hast du nur Hunger oder willst du was Bestimmtes?«

»Sagt dir der Name Caroline Schumann was?«

»Jetzt fang du auch noch damit an! Lass mich mit der Tante bloß in Ruhe!«

»Wieso?«, hakte Ole verdutzt nach. »Heißt das, du weißt schon von ihrem Unfall?«

»Unfall?« Hannah warf einen besorgten Blick über den Küchentisch. Dort tat ihre Mutter, als wäre sie mit der Kaffeekanne beschäftigt. Doch ihre Ohren standen zweifelsohne auf Empfang. Ein guter Grund, sich halb wegzudrehen und die Stimme zu senken. »Kannst du mir bitte mal verraten, was wir neuerdings mit Unfällen zu tun haben?«

»Eigentlich nichts. Aber das ändert sich wohl, wenn vorher jemand die Bremsschläuche durchgeschnitten hat – was meinst du?«

»Wie hat man das denn seit gestern Abend so schnell rausgefunden? Können unsere Kollegen von der KTU neuerdings Hellsehen?«

»War wohl ziemlich offensichtlich, weil der Wagen auf dem Dach lag. Der Abschlepper hat unsere Streifenkollegen noch vor Ort drauf aufmerksam gemacht.«

»Scheiße!«, fluchte Hannah leise und verzichtete dieses Mal darauf, ihrer Mutter einen Blick zu schenken. Schließlich gab es im Hause Lambert für derlei Kraftausdrücke grundsätzlich einen Rüffel. Aus gutem Grund, denn Hannahs geistig behinderter Sohn Felix nahm solche Entgleisungen gerne zum Anlass, mit neu gelernten Schimpfworten herumzulaufen – vorzugsweise tagelang. Sie fasste sich ein Herz. »Wenn das mit den Bremsleitungen stimmt, könnten wir es sogar mit ’nem Mordversuch zu tun haben.«

»Das war kein Versuch«, korrigierte Ole seine Chefin gequält.

»Heißt das, sie ist tot?«

»Was sollte es denn sonst heißen?« Ole verstummte für einen Augenblick. Dann begann er, über den Sturm zu fluchen, der zum Morgen hin zwar ein wenig nachgelassen hatte, aber immer noch kräftig an allem rüttelte. »Ich muss das Lenkrad mit beiden Händen festhalten, um nicht von der Straße zu fliegen – bin übrigens jeden Moment bei euch.«

»Dann vergiss den Fleischsalat und komm einfach rein!«

»Was gibt’s denn?«, wollte Hannahs Mutter gleich wissen, als das Telefonat beendet war.

»Ole ist auf dem Weg … hörte sich hungrig an.«

»Und weiter?«

Hannah faltete die Zeitung und schleuderte sie auf den Küchentisch. »Wie oft muss ich dir eigentlich noch erklären, dass ich über aktuelle Fälle nicht reden darf, Mama?«

»Das sagst du immer! Aber wenn du Hilfe brauchst und was über die alten Sylter erfahren willst, dann bin ich gut genug dafür und darf dir alles erzählen, was ich weiß.«

Dieses Argument konnte Hannah nicht einfach ignorieren. Sie holte tief Luft, bevor sie erneut anfing. »Es geht wohl um Caroline Schumann.«

»Du willst doch hoffentlich nicht sagen, dass ihr was passiert ist, oder?«

»Ich weiß bis jetzt nur, dass es heut Nacht einen Unfall gab. Mehr nicht!«

»Das hörte sich gerade eben am Telefon aber ganz anders an«, mahnte Gertrud Lambert ihre Tochter. »Jetzt sag schon: Ist der jungen Frau was passiert?«

Hannah beließ es bei einem Nicken, das auf der anderen Tischseite auch ohne weitere Erklärungen für traurige Gewissheit sorgte. »Das kann doch nicht sein. Bärbel hat mir erzählt, sie hätte gestern Abend besser denn je gespielt.«

»Was ja auch nicht geholfen hat. Schließlich ist sie mit ’nem Auto und nicht mit ’nem Klavier verunglückt!«

»So kannst auch nur du reden! Wie kann man denn so herzlos sein und …?«

»Das ist mein Job, Mama! Wär’s dir lieber, ich würd mir jeden Fall zu Herzen nehmen und dran kaputtgehen?« Es war wohl als ein Wunder anzusehen, dass keine Funken aus Hannahs Augen sprühten. Aber sie war auch noch lange nicht fertig: »Ich hab es jeden zweiten Monat mit ’ner neuen Leiche zu tun und die ganze Scheiße wächst mir jedes Mal mehr über den Kopf. Zufrieden, oder willst du noch mehr hören?«

Plötzlich stand Felix in der Küche und verhinderte damit nicht nur eine Antwort, sondern auch gleich weiteren Streit. Sein Mund öffnete sich und er schaffte es ausnahmsweise, ein einzelnes Wort verhältnismäßig klar und verständlich auszusprechen: »Scheiße.«

»Er steht wohl schon länger hinter der Ecke und hört dir zu«, übernahm Gertrud Lambert die Erklärung. »Egal, wie es dir geht, solche Worte haben hier nichts verloren!«

»Ist das dein Ernst?«

Hannahs Mutter beließ es bei einem Nicken.

Ein neuer Eklat lag bereits in der Luft, als es an der Haustür klingelte. Rettung in letzter Sekunde!

 

3

 

 

Ole musste sich notgedrungen mit einem Express-Frühstück im Stehen begnügen, weil Hannah so schnell wie möglich aufbrechen wollte. Selbst bei der überhasteten Verabschiedung von Gertrud Lambert lief Felix noch immer in der Küche herum und brüllte sein neues Lieblingswort.

»Als deine Mutter mit dem Brotmesser in der Küche hinter dir stand, hab ich gedacht, sie bringt dich um«, stellte Ole lachend fest, während er in Rantum Richtung Westerland abbog. »Habt ihr euch mal wieder gestritten?«

»Nicht mehr als sonst auch. Sie hatte mir Karten für diesen Klassik-Abend geschenkt und meinte, ich soll zusammen mit Rüdiger hingehen.«

»Ich frag mich, wie man jemanden daten kann, der Rüdiger heißt.«

»Wieso denn nicht?«

»Wir hatten einen Rüdiger in der Schule, der hat vor jeder Stunde seinen Pimm…«

»Ersparst du mir bitte die Fortsetzung! Auf meiner Grundschule hieß der Rüdiger Hauke. Der hat auch jedem sein Prachtstück gezeigt – weiß gar nicht, was aus ihm geworden ist.«

»Aus Hauke oder seinem Prachtstück?«

Hannah reagierte nicht, also tat Ole zumindest dieses Thema mit einer Handbewegung ab. Dennoch wollte er es genauer wissen. »Dann lass mich raten, Chefin: Ihr wart gestern Abend gar nicht bei dem Konzert, und deine Mutter ist deshalb stinksauer?«

Hannah nickte nur und schaute demonstrativ aus dem Seitenfenster. Orkantief ›Sabine‹ fegte mit unverminderter Urgewalt über die Insel. In seltenen Trockenphasen trieb sie sandige Fontänen vor sich her, die teilweise noch für weit größere Unannehmlichkeiten sorgten.

»Warum hast du ihr denn nicht einfach ’n Lügenmärchen aufgetischt: Ihr wart da – und fertig! Eine kleine Notlüge hat noch niemandem geschadet.«

»Hab ich doch versucht!«, fauchte Hannah. »Aber du kennst ja meine Mutter: Die hat überall ihre Spione hocken.«

»Dann habt ihr euch gar nicht getroffen? Du wolltest deinen Traumprinzen doch zur Rede stellen und herausfinden, woran du mit ihm bist.«

»Wir waren essen«, kam es im knappen Hannah-Style zurück. »In Niebüll«, schickte sie noch eilig hinterher, um gleich eventuellen Detailfragen vorzubeugen.

Aber Ole wäre eben nicht Ole, wenn er es nicht trotzdem genauer hätte wissen wollen. »Und … seid ihr euch endlich ein bisschen näher gekommen? Oder hat er wieder die ganze Zeit seine sagenhafte Windjacke anbehalten und ein Referat gehalten, wie man sich damit gegen unser Schietwetter rüstet?«

»Wir waren hinterher noch bei ihm und haben ’ne DVD geguckt – ohne Jacke!«

»Romeo und Julia?«

»Herr der Ringe … dritter Teil.«

»Und? Ist er wenigstens beim Sturm auf Mordor näher an dich herangerückt?«

Hannah schaute zur Seite und schüttelte den Kopf. Ihr war anzusehen, dass sie das Thema am liebsten beendet hätte. Aber sie hatte Ole in den vergangenen Wochen leichtsinnigerweise in ihr Privatleben eingeweiht. Er hatte also zumindest ein Recht darauf, auch das Ende der Geschichte zu erfahren.

»Der liebe Rüdiger hatte beim Essen schon zwei Gläser Rotwein, weil ich dieses Mal gefahren bin. Als er zu Hause nach dem vierten Glas eingeschlafen ist und wie ein Ork geschnarcht hat, waren Frodo und Sam noch ewig weit weg vom Schicksalsberg.«

»Hast du denn bis zum Ende durchhalten?«

»Als es mit dem Ring endlich vorbei war, hab ich Rüdiger ’nen Zettel geschrieben und zweihundert Euro für meine neue Windjacke obendrauf gelegt. Denke, das war’s wert – immerhin kostet das Teil normalerweise über fünfhundert.« Passend dazu hob Hannah ihren Arm und hielt ihn Ole unter die Nase. Zu Demonstrationszwecken strich sie mit ihrer Rechten über den Ärmel. »Kommt nichts durch. Kein Wind, kein Regen – gar nichts.«

»Und Rüdiger?«

»Kommt auch nicht mehr durch. Und jetzt lass uns über den neuen Fall reden!«

»Ich würde sagen, wir schauen uns erst mal das Auto an. Kann ja auch sein, dass sich der Abschlepper geirrt hat und es doch nur ein Unfall war. Falls es so ist, haben wir gar keinen neuen Fall.«

Hannah hörte nur noch halb zu und war bereits mit ihrem Handy beschäftigt.

»Was hast du vor?«, fragte Ole.

»Glaubst du, ich will warten, bis man den Wagen nach Kiel verfrachtet hat? Ich ruf einen Kollegen von der KTU an und …«

»Der ist schon unterwegs«, unterbrach Ole. »Hab ich heut Morgen gleich als Erstes veranlasst. Wenn wir Glück haben, wartet er schon in der Werkstatt auf uns. Auf jeden Fall wollte er sofort losfahren, als ich deinen Namen ins Spiel gebracht hab. Hoffe, er hat den Zug direkt nach mir erwischt.«

Hannah schaute bewundernd zur Seite. »Du machst dich langsam. Irgendwann wird noch ’n richtiger Bulle aus dir.«

»Liegt wohl an der harten Schule. Ansonsten hab ich unsere Kollegen vom Revier in Westerland gebeten, mir sämtliche Infos zu schicken.« Ole fischte im Seitenfach nach seinem Handy. Das lag kurz darauf im Schoß seiner Chefin. »Am besten schaust du selbst mal nach. Bei dem Sturm kümmer ich mich lieber um die Straße.«

»Paar Sachen sind schon aufgelaufen«, murmelte Hannah beim Überfliegen einiger Textnachrichten. »Bei dem Wagen handelt es sich um einen Fiat Punto, der auf einen gewissen Albert Flemming zugelassen ist. Wieso sitzt Caroline Schumann denn in dessen Auto?«

»Weil der Flemming ihr Klavierlehrer ist. Besser gesagt: war!«

»Woher weißt du das … selbst mal Unterricht genommen?«

»Wärst du nicht so ’ne Kulturbanausin und würdest die Einladungen deiner Mutter annehmen, wüsstest du sowas auch. Die beiden sieht man doch jede zweite oder dritte Woche zusammen in der Zeitung.«

»Hier steht noch, dass unsere Kollegen Albert Flemming schon informiert haben. Nur bei den Eltern haben sie niemanden angetroffen. Das bleibt dann also wieder mal an uns hängen – die Adresse steht auch hier.«

»Fangen wir trotzdem erst mal mit der Werkstatt an? Wir sollten so schnell wie möglich herausfinden, ob es ein Unfall war oder nicht.«

Hannah nickte schwerfällig und lieferte auch eine Erklärung für ihren Gemütszustand: »Wenn ich an das bevorstehende Gespräch mit den Eltern denke, würd ich am liebsten den ganzen Tag in der Werkstatt verbringen.«

Ole nutzte die Pause für einen abrupten Themenwechsel. »Nochmal wegen morgen und deinem Freund Berger: Was versprichst du dir eigentlich davon, wenn der Typ uns in Niebüll besucht?«

»Hab ich dir doch erklärt! Karsten und ich kennen uns schon seit Ewigkeiten. Er ist damals beim BKA gelandet und ich …«

»Der Teil ist klar!«, unterbrach Ole. »Aber ich würde trotzdem gerne wissen, was der Mist soll. Du hast doch selbst gesagt, dass das Thema mit deinem Exmann ein für alle Mal erledigt ist – nach der letzten Pleite in Hamburg sowieso.«

»War’s ja auch«, erwiderte Hannah ganz unbekümmert.

»Und was soll das jetzt wieder bedeuten?«

»Dass ich noch einen allerletzten Versuch unternehme. Wenn ich Gianni Lorenzo dieses Mal nicht finde, dann ist Schluss … versprochen.«

»Hast du letztes Mal auch!«

»Das war ein Versprecher. Außerdem hatte ich da auch noch nichts von Karsten gehört und ...«

»Ist das dein Ernst?«

»Natürlich! Was denn sonst?«

Nach diesem Statement herrschte einstweilen Schweigen. Als sie dann die Werkstatt erreichten, stellte Ole seinen Dienst-Golf direkt vor dem offenen Tor ab. In der Halle dahinter brannten sämtliche Deckenleuchten, weshalb man auf der Hebebühne geradeaus schon den völlig zerbeulten Fiat Punto erkennen konnte.

»Der Wagen hat sich mindestens drei- oder viermal überschlagen«, stellte Ole mit schleppender Stimme fest, als Hannah und er wenig später mitten in der Werkstatt standen. »Da konnte ja niemand lebendig rauskommen.«

»Wobei er von innen erstaunlich gut intakt ist«, korrigierte ihn der KTU-Kollege, der plötzlich hinter den beiden stand. Ein Ingenieur von Ende dreißig, den Hannah offensichtlich kannte, denn man schüttelte bereits auf freundschaftliche Weise Hände. Aber zunächst ging es mit der Erklärung weiter: »Wäre die junge Frau angeschnallt gewesen, hätte sie’s vermutlich überlebt – da bin ich mir ziemlich sicher.«

»Dass es sowas überhaupt noch gibt«, empörte sich Ole kopfschüttelnd. »Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Meter ohne Gurt gefahren bin.«

Hannah mischte sich ein: »Hast du dir die Bremsleitungen schon angeschaut?«

Der Kollege aus der Technik nickte eifrig. »Ich kann dir noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, welches Werkzeug benutzt wurde, aber ich bin mir jetzt schon absolut sicher, dass da jemand nachgeholfen hat. Die Bremsschläuche wurden ganz sauber durchtrennt. Ich tippe auf einen Seitenschneider oder eine stabile Gartenschere. Ein scharfes Messer hätt’s übrigens auch getan.«

Stück für Stück bewegte sich Hannah zur Seite, um einen Blick ins Innere des Wagens werfen zu können, dessen Überreste etwa in halber Höhe auf der Hebebühne hingen.

Der Ingenieur war ihr gefolgt und fuhr mit seinen Erklärungen fort: »Die Fahrertür mussten die Kollegen von der Feuerwehr mit hydraulischen Scheren rausschneiden. Bei der Gelegenheit haben sie A und B-Säulen geknackt und das Dach einfach komplett nach hinten geklappt.« Es folgte ein Fingerzeig auf die andere Seite der Hebebühne. »Die Reste stehen da drüben … Genaueres über den Unfallhergang müssen die Sachverständigen herausfinden. Aber für mich sieht’s so aus, als wäre sie gleich beim ersten Aufprall oberhalb des Airbags gegen die Windschutzscheibe gedonnert. Ging auf jeden Fall schnell – wissen die armen Eltern schon Bescheid?«

»Das wird wohl unsere nächste Station«, erklärte Hannah und verzog das Gesicht missmutig. »Ich bin zwar etliche Jahre in diesem Job, aber daran werd ich mich wohl nie gewöhnen.«

»Scheiße! Bin ich froh, dass mir sowas erspart bleibt.«

»Glaub mir: Es gibt nichts, was ich mehr hasse!«

»Ich versteh gar nicht, wer es auf so ’n junges Ding abgesehen hat«, dachte der KTU-Kollege laut nach. »Und ausgerechnet eine, die so gut Klavier spielt.«

Hannah warf einen erstaunten Blick zur Seite und musste nicht lange auf die Erklärung warten.

»Sie hat zwei Wochen vor Weihnachten ein Konzert in Kiel gegeben. Meine Frau wollte unbedingt hin und ich bin eben mitgegangen.«

»Mitgegangen?«

»Was willst du denn hören? Ich hab’s sonst nicht so mit Klassik.«

»Dann grüß zu Hause«, erwiderte Hannah übertrieben fröhlich. »Beschäftigt ihr euch immer noch mit Kinderwünschen, du und deine …?«

» … Greta. Wird langsam Zeit, bevor wir zu alt sind. Aber wir versuchen es neuerdings ohne Druck. Wenn’s passiert, passiert’s. Und wenn nicht, dann …«

»Wenn was passiert?«, mischte sich Ole ein. Der hatte gerade seine eigene Runde um den Unfallwagen beendet und schaute entsprechend ernst drein.

»Das ist nichts für deine neugierigen Ohren!«, stellte Hannah klar und packte Ole am Ärmel, um ihn quer durch die Halle zu ziehen.

»Was soll das denn?«, beschwerte der sich, halb wütend, halb lachend.

»Ich will’s endlich hinter mich bringen!«, stellte Hannah unmissverständlich klar. »Es sei denn, du übernimmst dieses Mal die Eltern. Interesse?«

»Am liebsten würd ich wieder im Auto warten, während du ... wie letztes Mal, bei dem Familienvater aus Husum.«

»Vergiss es, du alter Schisshase!«

 

4

 

 

Hannah saß nicht mal richtig auf dem Beifahrersitz, da klingelte ihr Handy. »Sind die Kollegen aus Westerland«, erklärte sie, bevor sie das Gespräch annahm. »Lambert, was gibt’s denn?«

»Wir haben gerade einen Notruf aus Tinnum reingekriegt«, begann der Wachhabende ohne Begrüßung. »Dort bittet Albert Flemming um Hilfe, weil vor seiner Tür jemand randaliert.«

»Lass mich raten: Ist das der Vater von Caroline Schumann?«

»Der liebe Klaus, ja.«

»Ihr kennt euch?«, hakte Hannah nach.

»Wir kegeln jeden zweiten Freitag im Monat zusammen.«

»Und du meinst, dass er vor Flemmings Tür Radau macht, hat was mit dem Unfall von letzter Nacht zu tun?«

»Ansonsten hätte ich dich wohl kaum angerufen. Die Kollegen sind übrigens mit zwei Streifenwagen auf dem Weg und jeden Moment vor Ort.«

»Kannst du dich dann bitte um ’nen Seelsorger kümmern, der sich sofort auf den Weg nach Morsum macht? Schätze, wenn Frau Schumann auch schon vom Tod ihrer Tochter weiß, liegt da gleich das nächste Drama in der Luft.«

»Wird erledigt! Sonst noch was?«

Hannah überlegte kurz. »Was machen denn die Sturmschäden? Gestern Abend hieß es, am Weststrand wären zwei komplette Buden weggeflogen und die hätten nicht mal Überreste davon gefunden.«

»Wir sind 24 Stunden im Dauereinsatz«, stöhnte der Wachhabende aus Westerland. »Aber falls der Autozug heute Mittag noch fährt, bekommen wir Verstärkung von zwei freiwilligen Feuerwehren vom Festland.«

»Was war denn?«, fragte Ole, nachdem Hannahs Handy wieder in ihrem Schoß lag. »Mal von den Strandbuden abgesehen.«

»Sieht so aus, als wüsste der Vater von Caroline Schumann längst über den Tod seiner Tochter Bescheid. Und er gibt wohl Albert Flemming die Schuld – frag mich nicht, warum!«

»Ist doch perfekt! Dann können wir gleich alles in einem Abwasch erledigen.«

Hannah schaute verwundert zur Seite. »Ist das der Kollege, der mir ständig vorwirft, ich sei unsensibel und gefühllos, wenn’s um Hinterbliebene geht?«

Ole tat, als würde er überlegen. »Die Idee mit dem Seelsorger war klasse. Man macht zwar aus ’nem Esel kein Rennpferd, aber du hast dich auf jeden Fall zu deinem Vorteil verändert. Bei dem Gespräch vorhin meine ich sogar ein ›Bitte‹ gehört zu haben. Kann das sein?«

Hannah winkte ab und deutete durch die Windschutzscheibe nach vorne. »Fahr einfach! Und sieh zu, dass wir lebendig ankommen!«

 

»Wir haben Herrn Schumann zu seinem eigenen Schutz fixiert. Er hockt hinten in unserem Streifenwagen.« Mit diesen – angesichts des Sturms – gebrüllten Worten empfing ein Uniformierter die beiden Kommissare, als sie vor der Musikschule in Tinnum ausstiegen.

»Und was ist mit Flemming?«, wollte Ole wissen. Er hatte sich mit dem Rücken in den Wind gedreht und war dadurch besser zu verstehen. »Hat er was abbekommen oder wart ihr rechtzeitig da?«

Ein zweiter Uniformierter zeigte zum Eingang. »Der hat die Nase erst rausgesteckt, nachdem wir Schumann in Gewahrsam hatten. Schätze, dem geht immer noch die Düse.«

»Das werden wir uns mal genauer ansehen«, beschloss Hannah und deutete auf ein Fenster direkt neben der Tür, hinter dem von Zeit zu Zeit ein weißblonder Haarschopf auftauchte. Der Hausherr.

»Was sollen wir denn mit dem Schumann anstellen?«, fragte einer der Streifenkollegen. »Zuhause absetzen oder ...?«

Ole nahm die Antwort vorweg: »Nehmt ihn erst mal mit aufs Revier. Wir kommen nachher vorbei, unterhalten uns in Ruhe mit ihm und schauen, ob er sich schon ein bisschen beruhigt hat.«

»Und ihr ruft am besten einen Arzt dazu«, ergänzte Hannah ungewohnt sanft. »Wenn’s gar nicht anders geht, soll der ihm ’ne Beruhigungsspritze verpassen. Das mit dem Verhör ist alles andere als eilig.«

Während sich die Kollegen in Uniform mit erleichterten Gesichtern zu ihrem Streifenwagen aufmachten, bewegten sich die beiden Kommissare in die entgegengesetzte Richtung.

Ole schaute verwundert zu Hannah hinunter, sein Mund öffnete sich bereits, doch sie kam ihm zuvor: »Frag jetzt nicht wieder, wer ich bin und was ich mit deiner Chefin gemacht hab! Ansonsten kann es passieren, dass ich meinen Freund Walther raushole und dir die Eier wegschieße.«

»Jetzt mal ehrlich: Du sorgst dich um die Mutter von Caroline Schumann, verlangst einen Arzt für ihren Vater – da darf ich doch mal fragen, was los ist und warum du plötzlich …«

»Ich kann gerne wieder damit aufhören. Soll ich?«

Ole zeigte kopfschüttelnd nach vorne. Dort öffnete sich gerade die Tür zur Musikschule wie von Zauberhand.

Bis Albert Flemming dahinter auftauchte. Der wirkte zwar immer noch verunsichert, brachte aber dennoch eine einladende Geste zustande. Als sich die Tür hinter ihm schloss und der Sturm größtenteils ausgesperrt war, folgte eine seltsame Art der Begrüßung: »Dürfte ich zunächst Ihre Dienstausweise sehen?«

Ole fischte seinen zuerst aus der Jackentasche und hielt ihn hoch. »Nur gucken, nicht anfassen!«, ermahnte er den Klavierlehrer, als der gleich danach greifen wollte. »Und machen Sie sich ansonsten keine Sorgen: Meine Kollegen nehmen Klaus Schumann vorerst mit aufs Revier und versuchen dort, ihn zu beruhigen.«

Auch Hannah wollte etwas sagen, fand jedoch keine Gelegenheit mehr, denn Albert Flemming setzte sich in Bewegung und blieb erst wieder stehen, als man zu dritt den großen Festsaal erreicht hatte. Die Stuhlreihen dort sahen aus, als hätte sie jemand mit dem Lineal ausgerichtet. Auf dem Podium ganz vorne stand ein riesiger schwarzer Konzertflügel. Das – im wahrsten Sinne des Wortes – Glanzstück der Musikschule, von dem es hieß, man müsse dafür einen sechsstelligen Betrag hinblättern.

»Was wollte Herr Schumann eigentlich von Ihnen?«, begann Hannah mit betont leidenschaftsloser Stimme.

»Er gibt mir die Schuld an dem Unfall«, kam es von Flemmings Seite verbittert zurück. »Hat da draußen rumgebrüllt und mich aufs Übelste beschimpft.«

Hannah und Ole schwiegen beharrlich.

Deshalb ging es ähnlich verzweifelt weiter: »Herr Schumann denkt wohl, dass es nie dazu gekommen wäre, wenn ich Caroline das Auto nicht geschenkt hätte.«

Ole mischte sich ein: »Würden Sie uns bitte erklären, warum Sie einer Klavierschülerin ein Auto schenken? Machen Sie das bei jeder?«

»Das verstehen Sie sowieso nicht!«, erwiderte Flemming arrogant und warf seinen Besuchern einen herablassenden Blick zu. »Caroline war etwas ganz Besonderes. Sie hatte das, was andere nicht haben …« Eine kurze Pause entstand. Die nutzte der Klavierlehrer, um sich mit seinen langen, feingliedrigen Fingern durch die beinahe weißen Haare zu fahren. Danach standen sie in sämtliche Richtungen ab. »Sie spielt nicht, sie lebt die Musik. Das kann man nur begreifen, wenn man es selbst erlebt hat und wenigstens ein bisschen über Musik weiß und …«

Hannah hob die Hand, um für Ruhe zu sorgen. Kurz zuvor hatte sie beschlossen, zumindest einen Teil der Karten auf den Tisch zu legen. »Das gestern Abend war kein Unfall.«

Albert Flemming reagierte wie erwartet. »Was soll das heißen – kein Unfall?« Sein Gesicht büßte augenblicklich den kümmerlichen Rest jeder Farbe ein. Bei der nächsten Frage zitterten seine Lippen. »Wollen Sie damit etwa sagen, man hätte Caroline umgebracht?«

»Es sieht so aus. Auf jeden Fall hat sich jemand am Unfallwagen zu schaffen gemacht. Der ist übrigens auch auf Ihren Namen zugelassen! Wäre nett, wenn Sie uns das erklären.«

»Was heißt denn ›zu schaffen gemacht‹?«, fragte Flemming unbeirrt.

»Die Details spielen vorerst keine Rolle«, mischte sich Ole ein. »Und über die dürfen wir aus ermittlungstaktischen Gründen sowieso nicht reden.«

Hannah war wieder an der Reihe: »Was ist jetzt … warum ist der Wagen auf Sie zugelassen?«

»Er sollte irgendwann demnächst – wie nennt man das?«

»Umgemeldet werden?«, lieferte Ole eine Vorlage, die für nachdenkliches Nicken sorgte.

»Können Sie sich denn vorstellen, wer etwas gegen Caroline gehabt haben könnte?«, fragte Hannah weiter.

Albert Flemming ließ sich viel Zeit. Das erste Resultat war ein Kopfschütteln, doch seine Worte relativierten diese Reaktion zumindest teilweise. »Das Mädchen war auf bestem Wege, ein Star zu werden. Da gibt es immer ein paar seltsame Zeitgenossen, die es einem neiden.«

»Zum Beispiel?« Hannah wartete keine Antwort ab, sondern schob sofort eine Ermahnung hinterher. »Nur zu Ihrer Information: Wir werden jeden Konzertgast von gestern Abend befragen. Falls also etwas Ungewöhnliches vorgefallen ist, sagen Sie es uns am besten jetzt gleich!«

»Später kommt nie gut an«, fügte Ole altklug hinzu.

Albert Flemming brauchte offensichtlich noch ein bisschen, um seine Worte zu überdenken. Erst als Hannah sich lautstark räusperte, begann er ein wenig überhastet: »Das Konzert war ein riesiger Erfolg. Als die dritte Zugabe beendet war, gab es so etwas Ähnliches wie Streit.«

»So etwas Ähnliches?«, wiederholte Ole in identischem Tonfall. »Wie dürfen wir das denn verstehen?«

Zunächst verriet ein Fingerzeig in Richtung Flügel den genauen Ort dieser Auseinandersetzung. Bei der folgenden Erklärung wurde Flemmings Stimme von Wort zu Wort dünner. »Da war ein Junge, wohl ein Schulfreund von Caroline. Der ist auf Pavel losgegangen – die zwei hätten sich fast geschlagen.«

»Pavel … und wie weiter?«, erkundigte sich Ole, während er sein Notizbuch zückte.

»Pavel Novacek, ein junger Mann tschechischer Abstammung. Ich glaube, er ist gerade letzte Woche fünfundzwanzig geworden.«

»Und der spielt auch Klavier?«, fragte Hannah nach.

Allein dafür musste sie sich von Flemmings Seite einen vernichtenden Blick gefallen lassen. Und auch die Richtigstellung ließ nicht lange auf sich warten: »Er war gestern Abend der Zweite im Duett – die Violine, wenn’s genehm ist.«

In erster Linie war es Hannah egal. Sie fuhr also gleich fort: »Wenn ich Sie so höre, dann halten Sie offenbar nicht viel von dem jungen Mann. Kann das sein?«

Flemmings Gesicht von aristokratischer Blässe verzog sich und gab etliche Falten preis. Doch er schien tatsächlich ernsthaft über Hannahs letzte Frage nachzudenken. Die Antwort klang gewohnt überheblich: »Pavel ist nur mittelmäßig talentiert. Er spielt ganz gut, ist fleißig, aber nicht mit dem Herzen dabei. Man kann sich vieles erarbeiten, aber das wird niemals wahre Leidenschaft ersetzen.«

»Und der andere: der Freund von Caroline?«, fragte Ole. »Sie hatten doch eben von Streit gesprochen.«

»Ich weiß nur seinen Vornamen: Maximilian ... aber alle nennen ihn wohl nur Max. Falls das für Ihre Ermittlungen wichtig ist, kann ich gerne nachsehen, ob ich irgendwo in meinen Unterlagen mehr finde.«

»Den Rest kriegen wir schon allein heraus«, wiegelte Hannah ab. Ihr war anzuhören, dass sie innerlich auf der Bremse stand. »Können Sie uns wenigstens sagen, worum es bei dem Streit ging?«

»Natürlich nicht!«, empörte sich Flemming und hatte obendrein noch ein paar seiner typischen Blicke im Repertoire. »Sowas sollten Sie doch am besten wissen: Die jungen Leute von heute haben ihre eigenen Themen – bei mir geht es ausschließlich um Musik!«

 

5

 

 

»Bei mir geht es ausschließlich um Musik«, äffte Ole den Musiklehrer nach, als er ein paar Minuten später wieder hinterm Lenkrad saß. »Glaubt man sowas? Der hat sie doch nicht mehr alle!«

»Er hält sich wahrscheinlich für was Besonderes«, stimmte Hannah indirekt zu. »Solche Menschen wie der Flemming leben in ihrer eigenen Welt und haben kein Verständnis für Leute, die auch noch was anderes als Musik im Sinn haben.«

Ole startete den Motor. »Unsere Kollegen sind mit dem Schumann bestimmt schon lange in Westerland angekommen. Wollen wir auch hinfahren?«

Hannah nickte, sie sah nachdenklich aus. »Flemming hat seltsam reagiert, als wir ihm erzählt haben, dass es kein Unfall war. Ich an seiner Stelle hätte doch nach den näheren Umständen gefragt.«

»Hat er ja!«

»An der Sache ist was faul«, tat Hannah den Einwand ab. »Der Typ weiß mehr, als er zugibt. Garantiert!«

»Wollen wir uns trotzdem auf den Weg nach Westerland machen? Ich bin der Meinung, wir sollten uns die weiteren, unmittelbar Beteiligten zuerst vorknöpfen.«

»Hast du’s eilig? Oder später noch ’ne Verabredung mit ’ner einsamen Hausfrau?«

Anstelle einer Antwort zog Ole am Wählhebel der Automatik und gab Vollgas. Als er in die Keitumer Landstraße abbog, fing Hannah von Neuem an: »Nehmen wir mal an, ich

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Thomas Herzberg
Cover: Chris Gilcher (http://buchcoverdesign.de)
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 15.05.2020
ISBN: 978-3-96714-071-2

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