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Leseprobe

Mörderisches Sylt

Friesenkrimi (Hannah Lambert ermittelt 3)

 

Thomas Herzberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.0

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

 

 

 

 

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Meine lieben Testleser/innen (in alphabetischer Reihenfolge):

Antje, Bärbel, Birgit, Frau Schmidt und Nicolas

 

Covergestaltung: Chris Gilcher – http://buchcoverdesign.de

 

 

Inhalt

 

Sylt, mitten in der Hochsaison – doch für Urlaubspläne bleibt den Kommissaren Hannah Lambert und Sven-Ole Friedrichsen keine Zeit.

 

Nacheinander werden die Leichen zweier Callgirls gefunden, und schnell wird offensichtlich, dass sämtliche Spuren auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel enden.

Als dann eine dritte junge Frau verschwindet, beginnt ein Wettrennen, bei dem Hannah und Ole gezwungen werden, weiter als je zuvor über ihre Grenzen hinauszugehen.

Um einen weiteren Mord zu verhindern, müssen sie wirklich alles auf eine Karte setzen …

 

 

Nach Ausgerechnet Sylt und Eiskaltes Sylt folgt mit Mörderisches Sylt der dritte Teil der Serie rund um die Hauptkommissarin und ihre Kollegen. 

Jeder Fall ist in sich abgeschlossen.

 

Hannah Lambert ermittelt ist mit über 180.000 verkauften Exemplaren eine der erfolgreichsten Krimi-Serien des letzten Jahres.

 

 

 

Weitere Informationen und Bücher findet ihr auf meiner Homepage:

 

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Prolog

 

Havanna, Kuba ... inmitten der Slums

 

 

Der hellblaue, blank polierte Cadillac wirkte wie ein Fremdkörper zwischen heruntergekommenen Baracken, Müllbergen und spielenden Kindern. Die zogen einen immer engeren Kreis um das Luxusgefährt und starrten es an, als handle es sich um ein Weltwunder.

Pepe, der Fahrer, stand neben dem Cadillac, um darauf aufzupassen und sprach zum ersten Mal ein Machtwort. Abwechselnd auf Spanisch und dann wieder auf Englisch.

Doch der Versuch, die Kinder zu vertreiben, scheiterte kläglich. Ganz im Gegenteil: Sie kamen immer näher und ermunterten sich gegenseitig.

»Wer bist du?«, rief ein besonders neugieriger Junge von vielleicht zwölf Jahren. Dessen Gesicht war vom Schmutz der Straße verschmiert, aber strahlend weiße Augen stachen daraus hervor.

»Was willst du hier?«, krakeelte ein anderer, der sich hinter ein paar Gleichaltrigen versteckte und nach seiner Frage hysterisch lachte. Warum auch immer.

Pepe erinnerte sich an seine eigene Kindheit auf Kuba. An all die Armut, an Gewalt, Hunger und Missbrauch. Zutaten eines traurigen Daseins, wie es für die meisten Straßenkinder viel zu früh und schnell selbstverständlich wurde.

Und er erinnerte sich auch an ein Ehepaar, das irgendwann in das Kinderheim gekommen war, in dem er die ersten acht Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Der Mann – ein wohlgenährter Zeitgenosse mit hochrotem Kopf – schwitzte fürchterlich und wischte sich ständig den Schweiß mit einem Stofftaschentuch ab. Seine Frau – eine Blondine, deren voluminöser Busen auch leicht für drei Säuglinge gereicht hätte – ließ sich fast jede arme Kreatur im Heim vorführen. Sogar den Jungen, der durch eine Landmine beide Beine und das Augenlicht verloren hatte.

Diese absonderliche Viehbeschau dauerte beinahe den ganzen Tag lang. Danach stand eine Entscheidung fest.

Pepe hatte vor der Tür gestanden und gelauscht, als sich das Ehepaar mit dem Heimleiter unterhielt. Der tat wie ein Heiliger, wenn Fremde zu Besuch waren. Und dabei war der hässliche Kerl mit dem zahnlosen Grinsen der mit Abstand Schlimmste von allen. Im Heim gab es kaum ein Mädchen, über das er noch nicht hergefallen war.

Irgendwann, während dieser Unterhaltung, hörte Pepe mehrfach seinen Namen. Sein Herz klopfte, als wolle es ihm aus der Brust springen. Und dann – diesen Augenblick würde er niemals in seinem Leben vergessen – hatte ihn die Frau an ihren Busen gedrückt, bis er keine Luft mehr bekam. Aber das war ihm egal, denn der Duft ihres schweren Parfüms stand für Freiheit. Für ein Wunder, das Pepes Entkommen aus all der Armut und Gewalt bedeutete.

Dreißig Jahre war das mittlerweile her. In der Zwischenzeit hatte Pepe Kuba einige Male zusammen mit seinen Adoptiveltern besucht. Als Touristen, die die Slums für gewöhnlich mieden oder deren Existenz glatt ignorierten. Seit seinem letzten Besuch vor etwa drei Jahren hatte Pepe mehr denn je gehofft, nie wieder in sein Heimatland zurückkehren zu müssen. Warum auch? Er war längst Deutscher, hatte einen deutschen Pass und sprach kaum noch Spanisch. Aber da war noch etwas, das ihn und Kuba für alle Ewigkeit entzweit hatte. Für ihn eine Katastrophe oder noch besser ausgedrückt: die Tragödie seines Lebens. Und die hatte ausgerechnet mit der völlig heruntergekommenen Wellblechhütte zu tun, vor der Pepe den Cadillac eine halbe Stunde zuvor geparkt hatte.

»Was wollt ihr hier?«, erkundigte sich ein weiterer Junge. Der Größte von allen, wohl der Rädelsführer.

Das fragte sich Pepe schon, seit er in Hamburg in ein Flugzeug gestiegen war. Zusammen mit seinem Adoptivvater, der sich um keinen Preis von seinem Vorhaben abbringen lassen wollte. Von Hamburg ging es nach Frankfurt und von dort direkt nach Kuba.

Der Flughafen von Havanna liegt ein Stück außerhalb der Millionenstadt. Und allein die Reise von dort bis in die Slums kostet viel Geduld, Schweiß und Kraft.

Kraft, die sein Adoptivvater und damaliger Befreier schon lange nicht mehr hatte.

Und trotzdem wollte er sich nicht von seinem absurden Plan verabschieden.

Pepe schaute zur Hütte hinüber, in der sein großer Gönner eine halbe Stunde zuvor verschwunden war. Und, als handle es sich um eine stumme Aufforderung, kam der in diesem Moment aus der Tür getorkelt. Wie ein Betrunkener. Aber dieser Zustand hatte nichts mit Alkohol zu tun, sondern hing mit seiner allgemeinen Verfassung zusammen. Die lange Reise, dazu Hitze und Wasserverlust, hatte ihre Spuren hinterlassen.

Die Kinder wussten genau, von wem sie etwas zu erwarten hatten und scharten sich um den Mann. Der zog ein Bündel Dollarnoten aus der Tasche und wäre von der Horde beinahe umgerannt worden. Doch Pepe – der es in Sachen Größe und Statur mit einem ausgewachsenen Bären hätte aufnehmen können – zögerte keine Sekunde. Er brüllte wie von Sinnen und schaffte es, seinen Herrn bis zum Cadillac zu eskortieren. Er saß noch nicht mal ganz hinterm Lenkrad, da startete er den Motor und raste, in eine Staubwolke gehüllt, davon.

Sie hatten bereits die Ausläufer der Slums erreicht, als sein Herr auf der Rückbank zum ersten Mal sprach. »Es wird alles gut.«

Vier Worte, die vermutlich für alles stehen konnten.

Pepe drosselte das Tempo. Kurz zuvor war er auf die Hauptstraße Richtung Flughafen abgebogen. Es ging langsam, aber stetig voran. Als er vor einer roten Ampel anhalten musste, traute er sich zu fragen: »Was soll das heißen?« Dazu drehte er sich nach hinten und zuckte zusammen. Sein Herr sah schlechter als je zuvor aus.

Dennoch huschte ein Lächeln über das ausgezehrte Gesicht. »Wir kriegen Rosa zurück. Hörst du? Wir kriegen sie zurück!«

»Zurück?«, wiederholte Pepe, als es im Schritttempo weiterging. »Wie soll das gehen? Rosa ist tot!«

Die Hände seines Herrn umklammerten die Rückenlehne des Beifahrersitzes. Er zog sich stöhnend nach vorne und lehnte sich mühevoll in Pepes Richtung. Danach berührten sich die Köpfe der beiden Männer beinahe. »Es muss funktionieren ... es muss einfach! Die Alte hat gesagt, wir kriegen sie zurück.«

»Die erzählt einem nur das, was man hören will«, protestierte Pepe. Schon als Kind hatte er Erfahrungen mit Frauen gemacht, die sich als Wahrsagerinnen ausgaben. Einige davon waren selbst im Kuba der Neuzeit als Hexen verschrien. Manch eine alte Frau kochte Eidechsen zusammen mit Gemüse, machte einen Sud daraus und versprach – natürlich nur gegen ausreichend harte Dollars – wahlweise Potenz, Fruchtbarkeit oder das Verschwinden von Fußpilz. Regelmäßige Anwendung vorausgesetzt.

»Sie hat damals Rosas Tod vorhergesagt«, kam es krächzend von der Rückbank. »Fast auf den Tag genau!«

Angesichts dieser Prophezeiung war Pepe zum Heulen zumute. Seine Adoptivmutter hatte sich – ausgerechnet im Zuge eines Kuba-Urlaubs – mit Hepatitis C infiziert. Die Folgen waren ein schleichender Verfall und Begleiterkrankungen, die es irgendwann nicht mehr besonders schwierig machten, ihren bevorstehenden Tod vorherzusagen.

»Herr, die Alte hat doch nur ...«

»Ich will davon nichts mehr hören!« Die Rückbank gab quietschende Geräusche von sich. »Wir finden eine neue Rosa – und ich weiß auch schon genau, wie. Die Alte hat’s mir erklärt.«

›Eine neue Rosa‹, wiederholte Pepe in Gedanken. Die Vorstellung war zu schön, um wahr zu sein. Schließlich stand seine Adoptivmutter all die Jahre für Liebe, Wärme und Zuneigung. Anders als ihr Mann, der nur selten da war und Geld verdienen musste, um ein Leben auf Sylt zu finanzieren, wie es luxuriöser nicht hätte sein können.

Das Leder der Rückbank quietschte erneut. Pepe spürte den schlechten Atem seines Herrn am Ohr und konnte ihn im nächsten Moment auch riechen. »Ich will nur eines von dir wissen: Hilfst du mir?«

»Natürlich, Herr!«

»Egal, was du dafür tun musst?«

Pepe musste nicht lange überlegen. Er hatte seinen Adoptiveltern alles zu verdanken und konnte sich heute nicht mal mehr ausmalen, was ihm alles erspart geblieben war. »Ja, Herr. Ich würde alles tun, um ...«

»Das reicht fürs Erste!« Ein heiseres Lachen folgte auf diese Feststellung. »Und glaub mir: Ich werde dich früher daran erinnern, als dir lieb ist.«

 

 

1

 

 

Sven-Ole Friedrichsen hatte an diesem Montagmorgen beinahe anderthalb Stunden von Niebüll bis nach Kiel gebraucht. Trotz Ferienzeit herrschte Berufsverkehr und – das konnte er an den Kennzeichen ablesen – auch reichlich Touris waren bereits unterwegs.

Im Gebäude der Landespolizei von Schleswig-Holstein hatte er sich am Anfang sogar verlaufen. Nachdem er den Fahrstuhl auf dem richtigen Flur verlassen hatte, wartete dort die Sekretärin von Gerd Hoffmann, seinem – abgesehen von Ministerebene – obersten Chef.

Und der hatte, nach einer halben Stunde Wartezeit, gleich eine seltsame Frage parat, als Ole vor seinem Schreibtisch saß: »Können Sie sich vorstellen, warum ich Sie hergebeten habe, Herr Friedrichsen?«

Ole hatte weit mehr als nur eine Vorstellung davon, weshalb Gerd Hoffmann ihn nach Kiel zitiert hatte. Trotzdem wollte er nicht ins offene Messer laufen und beschränkte sich lieber auf ahnungsloses Schulterzucken.

»Es geht um Ihren aktuellen Fall und um Hannah«, fuhr Hoffmann fort. Hinter seiner routinierten Fassade verbargen sich Sorgen.

Ole fing den ersten Hinweis auf und versuchte es mit jungenhafter Stimme: »Ich weiß um das Verhältnis zwischen Ihnen und Hannah.«

»Was heißt denn hier ›Verhältnis‹?«, kam es empört zurück.

Ole ging innerlich in Deckung. Er hatte völlig unbedacht angefangen, wie es seine Art war. Im Nachhinein klang sein Wortlaut verfänglich und der streng dreinblickende Mann auf der anderen Schreibtischseite wartete zu Recht auf eine Erklärung. »Vielleicht so viel: Ich weiß, dass Sie und Frau Lamberts Vater bis zu dessen Tod beste Freunde waren. Und ich weiß auch, dass Hannah für Sie wie eine Tochter ist. Das stimmt doch so, oder?«

Anstelle einer Antwort lud Gerd Hoffmann Ole mit freundlichem Nicken zur Fortsetzung ein.

Der tat wie befohlen: »Ich kann Sie beruhigen: Hannah ist nicht nur meine Chefin. Wir sind mittlerweile auch befreundet. Ziemlich gut sogar.«

»Und was heißt das genau?«

»Ich weiß, was bei ihr los ist. Privat, meine ich.«

Gerd Hoffmann demonstrierte noch immer Ahnungslosigkeit. Entweder handelte es sich um die große Schule der Schauspielkunst oder er wusste tatsächlich nichts von den jüngsten Entwicklungen.

Also fuhr Ole mit förmlicher Stimme fort: »Frau Lambert war seit zwei Monaten nicht im Dienst. Zuerst hatte sie Urlaub, danach war sie krankgeschrieben ... bis heute.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Wenn sie nicht nochmal verlängert, müsste sie jede Minute hinter ihrem Schreibtisch ankommen.«

»Und was hat sie vorher mit all der Zeit angefangen?«

»Hat sich um Felix gekümmert. Das ist ihr ...«

»Ich weiß, wer Felix ist!«, unterbrach Hoffmann grimmig. »Ich frage mich nur, warum sich Ihre Chefin neuerdings wie eine Löwenmutter um ihren Sohn kümmert. Und mal ganz ehrlich: Das hat sie seit der schrecklichen Sache von damals nie getan. Wissen Sie, was plötzlich anders ist?«

Eine Antwort auf genau diese Frage suchte Ole selbst schon seit Wochen. Und angesichts seiner unveränderten Ratlosigkeit versuchte er es mit der Variante, die er auch für jeden anderen parat hatte: »Schätze, es geht um Wiedergutmachung – oder sowas Ähnliches.«

Auf der anderen Schreibtischseite nickte Gerd Hoffmann. Aber das war wohl weniger Bestätigung, als vielmehr eine Aufforderung zum Fortfahren.

»Ich weiß es doch selbst nicht«, haspelte Ole. »Ich war gestern bei Hannahs Mutter. Die ist auch völlig verzweifelt und ...«

»Weil Hannah ihren Felix mit aufs Festland genommen hat«, erklärte Hoffmann. »Gertrud Lambert sagt, sie hat ihren Enkel seit über einer Woche nicht mehr gesehen. Und jetzt erklären Sie mir bitte mal, wie das funktionieren soll, wenn Ihre Chefin heute tatsächlich wieder zum Dienst erscheint.«

»Vielleicht reden wir lieber über den neuen Fall«, erwiderte Ole kleinlaut. »Dazu kann ich hoffentlich mehr sagen.«

Gerd Hoffmann nahm den Vorschlag mit sichtbarer Erleichterung zur Kenntnis. Er klappte eine Aktenmappe auf und begann mit monotoner Stimme. »Wir haben es also mit einer toten Frau zu tun, die dem Anschein nach im horizontalen Gewerbe tätig war. Eine gewisse Ilka Deichmann ... ist das richtig?«

»Die war im gehobenen Dienst tätig«, ergänzte Ole mit unpassender Begeisterung. »Im Escort-Bereich, wo schnell auch mal tausend Euro für ’ne Stunde bezahlt werden.«

»Woher wissen Sie das so genau?«, hakte Hoffmann nach.

Eine Rückfrage, die bei Ole für gesunde Gesichtsfarbe sorgte. »Recherche! Ich tue seit zwei Wochen nichts anderes, als Frauen aus diesem Milieu zu verhören.«

»Milieu ist gut, wenn ich an die Preise denke, von denen Sie eben erzählt haben.«

Ole zuckte mit den Schultern. »Legen Sie Wert auf weitere Einzelheiten?«

Hoffmann zeigte auf die Akte vor sich. »Ich kann lesen! Von Ihnen will ich nur wissen, ob wir mit dem Fall vorankommen ...« Der Tonfall klang plötzlich schärfer. »... auch ohne Hannah.«

»Die rechtsmedizinischen Untersuchungen haben nur für noch mehr Verwirrung gesorgt. Seitdem die Presse Wind von der Sache bekommen hat, heißt es, die Leiche hätte wie ’n Brathähnchen ausgesehen. Man muss sich mal vorstellen, dass die arme Frau wahrscheinlich ...«

»Haben Sie schon irgendwelche Hinweise auf den Täter?«

»Hab ich nicht«, gab Ole kleinlaut zu. »Weil Frau Lambert nicht erreichbar war, hatte ich Unterstützung von zwei LKA-Beamten, die ...«

»... Sie mir zu verdanken haben«, schob Hoffmann dazwischen. »Konnten Ihnen die Kollegen wenigstens helfen?«

»Wenn ich ehrlich bin, tappen wir alle im Dunkeln.«

»Und Sie glauben, Hannah könnte helfen?«

»Ich weiß nur, dass Frau Lambert sich am besten mit Mördern auskennt und sich von nichts abschrecken lässt«, erwiderte Ole nach kurzem Überlegen. »Und ich weiß auch, dass niemand so quer denken kann wie Hannah. Wenn ich an unseren letzten Fall denke, dann ...«

»… müssen Sie erst recht dafür sorgen, dass Ihre Chefin schleunigst wieder in die Spur kommt! Haben Sie verstanden?«

Ole klang nach aufrichtiger Verzweiflung. »Und wie soll ich das anstellen?«

»Mir egal! Hauptsache, es funktioniert.«

Nach dieser letzten, unmissverständlichen Aufforderung herrschte zunächst Schweigen. Doch plötzlich begann Gerd Hoffmann aufs Neue. »Sie und diese italienische Anwältin ...«

»... Francesca Rossi«, vervollständigte Ole zähneknirschend. »Was ist mit der?«

Hoffmann nahm eine andere Aktenmappe zur Hand. »Ich habe hier zwei Beschwerden unserer Kollegen aus Neapel. Darin heißt es, jemand hätte um Amtshilfe ersucht – aus rein persönlichen Gründen!«

Ole schrumpfte mit jedem Atemzug. »Und?«

»Dabei fällt mehrfach Ihr Name! Können Sie mir das erklären?«

»Es ging um Hannahs Exmann: Gianni Lorenzo. Ich hab nur versucht, ihn endlich ...«

»Damit ist ab sofort Schluss!« Zum ersten Mal im Verlauf dieser Unterhaltung wurde die Hierarchie auf beiden Seiten des Schreibtisches klar. »Und was diese Italienerin angeht ...«

»Mit der ist schon seit Wochen Schluss«, schob Ole eilig dazwischen. »Sie wissen doch, wie es mit Fernbeziehungen ist: Hat ’ne Weile ganz gut funktioniert, aber irgendwann ...«

Gerd Hoffmann sprang auf und hielt Ole formal eine Hand entgegen. »Kümmern Sie sich lieber um Hannah und Ihren aktuellen Fall! Da haben Sie mehr als genug zu tun, fürchte ich.«

»Und was ist, wenn ich keinen Erfolg habe?«

»Darüber will ich gar nicht nachdenken! Tun Sie Ihr Bestes, danach stehen Sie auf meiner Liste ganz oben, wenn’s um die nächste Beförderung geht. Ist das angekommen?«

Ole salutierte grinsend. »Aye, Sir!«

»Sehen Sie zu, dass Sie loskommen, Sie Spaßvogel. Und falls Ihnen Hannah tatsächlich über den Weg läuft, grüßen Sie sie schön … und sie soll mich endlich zurückrufen!«

 

 

2

 

Rantum, Sylt ... am Abend zuvor

 

 

»Noch Champagner, Gnädigste?«

Gina hielt Pepe – einem Riesen in Menschengestalt – ihr Glas entgegen und kicherte albern. Das Resultat der letzten drei Gläser, denn sie lallte auch ein wenig. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wie Beißerchen aussiehst?«

Sie bekam keine Antwort. Weit über ihr lag eine braun gebrannte Stirn in Falten.

»Nie gehört? Beißerchen ... der riesige Typ aus den Bondfilmen. Der mit dem Gebiss aus Stahl!«

Auch diese Erklärung sorgte für keine weitere Reaktion. Sie wartete noch einen Moment, aber es passierte nichts. Um das Gespräch am Laufen zu halten, musste also eine neue Frage her: »Und was machst du hier? Du bist so ’ne Art Butler – klar.« Sie schaute mit prüfendem Blick an dem Riesen neben sich hinunter. Aus den kurzen Hemdsärmeln ragten sehnige, muskulöse Arme heraus. Dazu Hände wie Bratpfannen. »Lass mich raten: Du machst für deinen Chef auch den Bodyguard, richtig?«

Pepe nickte nur. Dazu huschte ein seltsames Lächeln über sein Gesicht.

»Du redest wohl nicht gerne«, stellte Gina ernüchtert fest.

Offensichtlich nicht, denn Pepe drehte sich wortlos um und entschwand in Richtung Bartresen. Der bildete den auf Hochglanz polierten Mittelpunkt einer Wellness-Oase, zu der ein riesiger Pool, eine Sauna, sowie Dampfbad und Solarium gehörten. Und das alles befand sich nicht etwa über der Erdoberfläche, sondern auf einer von vier Kellerebenen, die Teil einer geradezu gigantischen Villa waren. Einem wahren Schloss mit Reetdach, das an Luxus nichts vermissen ließ.

Während Pepe mit Gläsern und Flaschen beschäftigt war, versuchte es Gina mit einer weiteren Frage, für die sie ihre Stimme strapazieren musste: »Wo bleibt eigentlich dein ... Chef?« Sie klang ein wenig unsicher. Was daran lag, dass sie die Machtverhältnisse in dieser absonderlichen Luxuswelt noch nicht ganz verstanden hatte. Mit dem Mann, den Gina ›Chef‹ nannte, hatte sie sich eine halbe Stunde zuvor von Berufs wegen auseinandergesetzt. Das Ergebnis – drei Minuten Hin und Her, mit einem Stöhnen zum Abschluss, als seien es mindestens dreißig gewesen – fiel im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigend aus.

Davon abgesehen, tauchte unmittelbar nach dieser Expressnummer Pepe auf, um Gina mit sanfter Gewalt in die Wellness-Oase zu entführen.

Noch wollte sie nicht aufgeben und versuchte es weiter mit lockerer Konversation: »Wo kommst du eigentlich her?«

»Kuba«, kam es gewohnt wortkarg zurück.

Von dem Moment an hatte sie erst mal genug von einseitigem Smalltalk. Warum sollte sie sich nicht einfach entspannen? Schließlich lag sie auf einer komfortablen Liege, im Pool plätscherte das Wasser und aus den Lautsprechern darüber drang leise die Stimme von Eros Ramazotti. Perfekt, um schweigend Schampus zu schlürfen.

Plötzlich stand Pepe neben ihrer Liege. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören.

»Mein Herr ist gleich da.«

»Dein Herr?«, wiederholte Gina. Aber wenigstens konnte sie sich ein Lachen verkneifen. »Klingt irgendwie krass.«

Diese Einschätzung schien Pepe gar nicht zu interessieren. Er wollte schon wieder Champagner nachfüllen, doch Gina verdeckte ihr Glas mit der freien Hand und schüttelte den Kopf. Die feuchte Luft hatte dafür gesorgt, dass ihre blonden Locken mittlerweile wie angeklatscht aussahen.

»Soll ich mich vorher noch ’n bisschen frisch machen?«

Pepes Mund, zu dem riesige Lippen gehörten, öffnete sich, aber er fand keine Zeit mehr für eine Antwort, weil ein leises Klingeln die Ankunft des Fahrstuhls verhieß.

»Da ist er ja schon!«, stellte Gina übertrieben fröhlich fest. Danach flüsterte sie nur noch. »Glaubst du, er will noch mal ...?« Den Rest erklärte eine vielsagende Handbewegung.

Während Pepes beinahe panischer Blick an den Fahrstuhltüren klebte, lag einer seiner Finger auf seinen Lippen. Ein klares Redeverbot.

»Hast du alles, was du brauchst?« Die heisere Stimme, die sich irgendwie krank und kraftlos anhörte, kannte Gina bereits. Ihr Gastgeber war im Anmarsch.

Der stand im nächsten Moment links von ihrer Liege und schaute zu ihr hinunter. Offensichtlich hatte Pepes Herr geduscht und sich ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Ein Anblick, der in erster Linie Mitleid erregte, denn es handelte sich kaum mehr um einen Mann, sondern höchstens um einen billigen Abklatsch davon. Zu einem weiß-grauen Körper gehörten dürre Arme und Beine. Insgesamt sah es aus, als wäre ihm seine Haut zwei Nummern zu groß geworden.

»Mir geht’s gut!«, erklärte Gina mit gespielter Begeisterung. »Ich hab Pepe gerade gefragt, ob du nochmal Lust hast.«

Diese Andeutung sorgte für keinerlei Reaktion. Der Typ stand noch immer neben der Liege und starrte seltsam verklärt in Ginas Gesicht.

Ihr war es ohnehin egal, denn sie hatte ihr Geld gleich nach ihrer Ankunft verlangt. Bei Neukunden war das in ihrem Geschäft ein gängiges Prozedere. Man wusste ja nie.

Und tausend Euro für anderthalb Stunden Wellness? Besser konnte es doch gar nicht laufen.

Trotzdem! Gina hatte sich – mehr oder weniger locker und ohne konkrete Uhrzeit – mit einem weiteren Kunden verabredet. Und davon abgesehen, hatte sie genug Champagner getrunken, in Ihrem Kopf drehte sich bereits alles.

Ohne ein Wort zu verlieren, ließ sich ihr Gastgeber auf der Liege neben ihr nieder und zupfte eine Weile an seinem Handtuch. Wohl, um tiefere Einblicke zu verhindern.

Aber darauf konnte Gina auch gut verzichten. Sie versuchte es mit einer weiteren Erklärung: »Ich würd gern den Zug um acht kriegen – noch rüber aufs Festland. Ist das ein Problem für dich?«

Erneut keinerlei Regung. Weder von ihrem Gastgeber noch von Pepe. Dessen seltsames Lächeln ging Gina mittlerweile gewaltig auf den Zeiger. Künstlich war es ohnehin, denn seine Augen beteiligten sich nicht daran und blieben eiskalt. Gerade so, als wären sie in der Lage, einen zarten Frauenkörper von neunundvierzig Kilo mühelos zu durchbohren.

Nachdem längere Zeit nichts passierte, versuchte es Gina mit schüchternem Kichern und einem Hinweis: »Wir sollten dann langsam mal zum Ende kommen. Die zwei Stunden, für die du bezahlt hast, sind bald rum.«

Anfangs sah es aus, als wollte der Mann wieder nicht reagieren. Doch dann richtete er sich auf seiner Liege ein kleines Stück auf und schaute zu Gina hinüber, die Augen zu Schlitzen verengt. »Du bist hier noch nicht fertig.«

Das hatte eine belustigte Nachfrage zur Folge: »Und das bestimmst du, ja?« Gina war nicht wirklich wütend, aber es wurde offensichtlich Zeit für eine klare Ansage. Das Vokabular dafür lernte man in ihrem Gewerbe gleich am ersten Tag. »Pass mal auf: Du hast mich für zwei Stunden bezahlt und ich hab nicht vor, noch länger ...«

Eine kraftvolle Hand an ihrer Schulter ließ sie verstummen. Wobei der Begriff ›Hand‹ dieses Körperteil nicht ausreichend beschrieb. Es handelte sich vielmehr um eine Pranke mit vier Fingern und einem Daumen, die sich nicht gerade sanft um ihren kompletten Schulterbereich legten. Zwei Fingerspitzen reichten beinahe bis zu ihrer Brust hinunter.

Gina schaute zu Pepe empor. Der schüttelte nur den Kopf und deutete mit einer kaum erkennbaren Bewegung auf seinen Herrn.

Der war noch nicht fertig. »Machst du dir ernsthaft Sorgen um dein Geld?«

Nein! Darum machte sich Gina in diesem Fall wirklich keine Sorgen. Ein Rolls-Royce mit Pepe am Steuer hatte sie in Westerland abgeholt und erst wieder vor einer reetgedeckten Villa mitten in den Dünen über Rantum gehalten. In derart exponierter Lage ließen nur Sylter mit richtig viel Geld ihre Tempel errichten. Und weil die strengen Bauvorschriften nach oben nur wenig Entfaltungsspielraum boten, war es neuerdings groß in Mode gekommen, die Luxus-Oasen mindestens dreifach zu unterkellern.

Abgesehen davon, machte sich Gina schon lange keine Sorgen mehr um Geld.

Früher war das anders gewesen. In einem Leben, in dem sie zwangsweise auf den Namen Gabriele Kunze hören musste – ein Vorname, für den sie ihre Eltern auch heute noch beinahe täglich verfluchte. In diesem Leben, das weit hinter ihr lag, hatte sie nach der Hauptschule die Frisörlehre gleich im ersten Vierteljahr geschmissen und sich mit ihrem Freund, der von dort kam, kurzerhand ins sonnige Portugal abgesetzt.

Aber das große Glück hielt nur ein paar Monate. Als sie kurz vor Weihnachten – pleite, durchgefroren und gründlich frustriert – mit einer Sporttasche vor der Haustür ihre Eltern stand, passte ihr Schlüssel nicht mehr ins Schloss. Und das war kein Zufall. Nach dreifachem Klingeln fiel die Begrüßung unterkühlt, der nachfolgende Streit allerdings umso heftiger aus.

Für Gabriele sei kein Platz mehr im Hause Kunze, hieß es mit einer selten dagewesenen Einigkeit ihrer Eltern. Ihr Bruder habe ohnehin längst ihr Zimmer annektiert und wäre wohl kaum willens, es freiwillig wieder herzugeben.

Danach ging alles ganz schnell. Aus Gabriele wurde Gina, aus einem möblierten Zimmer in Klixbüll – nicht weit von der Autoverladung Richtung Sylt entfernt – ein schnuckeliges Luxus-Apartment mitten in Westerland, für das sie jeden Monat dreitausend Euro in bar hinblättern musste. Geld, das sie manchmal mit Leichtigkeit an einem einzelnen Wochenende verdiente. Hier auf Sylt gab es schließlich haufenweise Millionäre, sogar Milliardäre. Aber deren Vorlieben – so hatte sie schnell herausgefunden – waren oft abartig. Und es gab eben Dinge, die sie nicht mal für noch so viel Geld zu tun bereit war.

»Mach es dir doch in der Sauna gemütlich«, flüsterte ihr selbsternannter Gönner auf der Liege neben ihr.

Nein! Einen Saunagang schloss Gina kategorisch aus. In ihrem Kopf drehte sich ohnehin alles und sie bereute, bei den Häppchen, die Pepe zu Beginn gereicht hatte, nicht reichlicher zugegriffen zu haben. Aber ihr war gleich am Anfang eine phänomenale Sonnenbank aufgefallen, die so in keinem Studio zu finden war. Und weil sie für August noch ein bisschen blass aussah, entschied sie sich für ein Sonnenbad.

Als könne er Gedanken lesen, hielt ihr Pepe eine Hand entgegen und zog sie mit einer eleganten Bewegung von der Liege hoch. Nachdem sie halbwegs stabil auf ihren Füßen stand, die in High Heels steckten, drehte sich in ihrem Kopf alles noch heftiger.

Sie drückte Pepe ihr Champagnerglas in die Hand und schüttelte den Kopf. »Damit bin ich fertig«, kicherte sie. Ihre Stimme kam ihr fremd vor. Sie hasste diesen Zustand und wusste, dass der sich nur mit einem Mittel schnell in die Flucht schlagen ließe. »Habt ihr Koks da?«

Die Antwort kam wieder von ihrem Gönner. »Wir haben alles da, was du dir vorstellen kannst.«

Das klang weniger wie ein Angebot, als vielmehr wie eine Drohung, fiel Gina auf. Aber sie ignorierte das Gefühl und lächelte Pepe an. »Ich nehm ’ne Linie ... lieber zwei!« Insgeheim peilte sie bereits die Sonnenbank an. Zugedröhnt und ohne jeden überflüssigen Gedanken im Kopf würde sie sich hier fürs Relaxen auch noch bezahlen lassen. Perfekt!

Und danach – falls der Typ doch nochmal wollte – würde sie eine winzige, weiche Nudel unter Zuhilfenahme sämtlicher Tricks wieder halbwegs arbeitsbereit machen. Dieses Wunder war ihr eine Dreiviertelstunde zuvor doch schon mal gelungen.

Wie bei den Häppchen am Anfang war es erneut ein Silbertablett, auf dem Pepe zwei Linien Koks hergerichtet hatte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan.

Er hielt es Gina vor die Nase. Dazu ein ebenfalls silbernes Röhrchen, durch das sie schnupfen sollte.

Gina tat, als müsse sie niesen. Doch die riesige Hand bewegte sich keinen Millimeter. Vermutlich war es dem Kubaner egal, ob sich bestes Koks, für mindestens hundert Euro, in Luft auflöste. Aber es handelte sich ja ohnehin nur um einen Scherz, über den Gina lachte. Nur Pepes Gesicht blieb völlig unbewegt.

»Danke!«, schniefte sie, nachdem sich das weiße Pulver auf ihren Nasenschleimhäuten verteilt hatte. Sie fühlte bereits eine altbekannte Explosion in ihrem Kopf, die sich bis unter ihre Schädeldecke ausbreitete. »Donnerwetter … das Zeug ist ja der Hammer!«

»Hundertprozentig rein!«, kam es von der Liege. Dazu ein Lachen, das nichts mit Fröhlichkeit zu tun hatte. »Willst du vor deiner zweiten Schicht in die Sauna, oder nicht?«

»Lieber auf die Sonnenbank«, rief Gina zurück, während sie bereits auf wackeligen Beinen in die entsprechende Richtung unterwegs war. »Nur ’ne Viertelstunde, danach kannst du mit mir machen, was du willst.«

Als sie kurz darauf vor der Sonnenbank stand, starrte sie eine Weile auf die zahllosen Bedienknöpfe. Pepe stand hinter ihr und zupfte an ihrem Bademantel. Mit einer Handbewegung öffnete sie den Gürtel und ließ sich ohne Protest entkleiden. Danach fuhr der Deckel mit leisem Surren empor und gab eine gläserne Liegefläche frei, auf der notfalls auch drei Personen Platz gefunden hätten.

Gina drehte sich und sah Pepe nur verschwommen, weil das Koks eine nie zuvor gekannte Wirkung entfaltete. »Hilfst du mir kurz mit den Schuhen?«

Sie hatte kaum gefragt, da spürte sie eine Hand an ihrer eigenen. Mit sanften Bewegungen – als ginge es ums Vorspiel – wurde sie von zwei riesigen Händen eskortiert, bis sie auf der warmen Glasplatte lag. In etwa so, da war sie sich sicher, fühlte sich das Paradies an.

Während der Deckel kurz darauf surrend herunterfuhr, nahmen die Röhren ihren Dienst auf. Die Gesichtsbräuner – jeder einzelne hätte anderenorts gereicht, um einen kompletten Körper zu bräunen – sprangen an und sorgten in Ginas Kopf beinahe für einen Hitzeschock.

Aber das war ihr egal. Sie wollte entspannen. Und falls es ihr zu viel würde, könnte sie ja jederzeit Schluss machen. Wobei in diesem Fall ein anderer dabei helfen musste, denn im Inneren der Sonnenbank gab es keinen einzigen Schalter.

Sie drehte den Kopf nach rechts und blinzelte ganz vorsichtig durch den Schlitz an der Seite.

Pepe war verschwunden. Ihr großer Gönner, der bis eben noch auf der Liege am Pool gesessen hatte, ebenfalls.

Wo waren die denn plötzlich hin?

 

 

3

 

 

»Willst du mir auch verraten, wie es mit uns hier weitergeht?« Gertrud Lambert hatte ihre Tochter an der Haustür kaum begrüßt. Erst als beide in der Küche am Tisch saßen, begann sie mit ihrer persönlichen Abrechnung. »Du hast Felix einfach mitgenommen und dich eine Woche lang nicht gemeldet! Hältst du das für normal?«

Hannah war Attacken seitens ihrer Mutter gewöhnt und reagierte darauf in der Regel gelassen. Dieses Mal mit einer nüchternen Information: »Er kann seit zwei Tagen Rad fahren. Und außerdem setzt du mich doch schon seit Jahren unter Druck, dass ich endlich mehr mit ihm unternehmen soll – anstatt seinen Vater zu suchen, dem wir den ganzen Mist zu verdanken haben.«

Anstelle einer Antwort horchte Gertrud Lambert. Ihr Enkelsohn Felix war gleich nach der Ankunft in sein Zimmer verschwunden und spielte dort auf einer Trommel, die Hannah ihm zum letzten Geburtstag vor zwei Wochen geschenkt hatte. Ein ohrenbetäubendes Konzert, das jede Spur von Rhythmus vermissen ließ.

»Er hat es ohne Hilfe von Hattstedt bis Wobbenbüll geschafft«, erklärte Hannah weiter.

»Das sind nicht mal zwei Kilometer.«

Zum ersten Mal klang Hannah wütend. »Zwei Kilometer! Ohne jede Hilfe! Wenn’s nach dir ginge, würden wir Felix auch noch an seinem dreißigsten Geburtstag mit Torte füttern.«

»Soll das heißen, du gibst neuerdings die Marschrichtung vor? Und nur, weil du dich zur Abwechslung mal ein paar Tage um deinen Sohn gekümmert hast?«

Hannah kamen zahllose Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter in den Sinn. Die mündeten stets in Streit oder Schweigen. Die Ursache für alle Probleme lag weit in der Vergangenheit: Vor über elf Jahren, während Hannah auf einer Schulung in Wiesbaden hockte, hatte ihr Exmann – ein temperamentvoller Italiener namens Gianni Lorenzo – den gemeinsamen Sohn im Säuglingsalter zu Hause alleingelassen. Nicht nur stunden-, nein: tagelang! Was für lebensbedrohliche Umstände und eine dauerhafte Behinderung gesorgt hatte. Geistig, wie auch körperlich.

Danach hatte Hannah über Jahre hinweg Jagd auf ihren Exmann gemacht. Erfolglos! Deshalb hatte sie es mittlerweile aufgegeben – beinahe aufgegeben. Aber das würde sie niemandem verraten. Ihrer Mutter erst recht nicht.

Und die war mit ihrer Abrechnung auch noch nicht fertig, musste allerdings brüllen, um sich gegen den Lärm der Trommel durchzusetzen: »Ich hab mich in den letzten Jahren an jedem einzelnen Tag um deinen Sohn gekümmert. Willst du mich jetzt aufs Abstellgleis schieben und so tun, als gebe es mich nicht mehr?«

Hannah zeigte durch die Wand in Richtung Kinderzimmer. »Sieht’s etwa danach aus?«

Gertrud Lambert schüttelte nach kurzem Überlegen den Kopf. »Wie bist du eigentlich auf die Idee mit der Trommel gekommen?«, fragte sie gegen den unveränderten Lärm an.

»Seine neue Therapeutin meint, Musik könnte ihm vielleicht beim Lernen neuer Worte helfen.«

»Die muss den Lärm ja auch nicht aushalten«, erwiderte Hannahs Mutter. Zum ersten Mal huschte ein Lächeln um ihre Mundwinkel. »Hat er wirklich zwei Kilometer ohne Hilfe geschafft?«

»Beinahe zweieinhalb. Wieso?«

Hannahs Mutter erhob sich blitzartig und lehnte kurz darauf an ihrem Küchenbuffet. Sie war auf Abstand gegangen. Ihre nächsten Worte machten klar, warum. »Ich hab keine Lust mehr zu streiten. Und ich kann dich beruhigen: Ich hab auch nicht immer alles richtig gemacht.«

»Was du nicht sagst!« Hannah saß plötzlich stocksteif und kerzengerade auf der Küchenbank. »Du hast mich damals zwangseinweisen lassen, als ich an meinem absoluten Tiefpunkt angekommen war.« Ihr Kopf lieferte bereitwillig Erinnerungen an diesen schwärzesten Moment in ihrem Leben. Felix’ Beinahe-Tod lag seinerzeit erst sechs Monate zurück. Gianni Lorenzo war spurlos verschwunden und sie hatte keine Ahnung, wie sie den Verursacher ihrer persönlichen Katastrophe dingfest machen sollte. In Hannahs Fall bestand die Antwort aus nächtelanger Arbeit und schwarzem Kaffee, in dem der Löffel stehen blieb. Nur mit dieser weichen Droge und haufenweise Kopfschmerztabletten hatte sie es geschafft, manchmal vier Tage in Folge wach zu bleiben. Klare Gedanken waren damals Mangelware, die logische Konsequenz ein totaler Zusammenbruch, körperlich wie geistig. Und genau auf diesem negativen Zenit hatte Gertrud Lambert die besorgte Mutter in sich entdeckt und Ernst gemacht.

»Wenn ich nicht für deine Einweisung gesorgt hätte, wärst du heute tot«, erklärte Hannahs Mutter.

»Ich wollte tot sein! Oder Gianni finden – eins von beidem.«

»Du warst besessen von deiner Rache! Und hätte dich dein Lebenswandel nicht irgendwann ausgebremst, dann ...«

»Lebenswandel!«, wiederholte Hannah fassungslos. »Ich habe gearbeitet und nur versucht ...«

»Ich weiß genau, was du versucht hast. Aber das alles hat bis heute nichts gebracht. Und ich bin froh, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist.«

Dieses Stadium der Vernunft hatte sich zwangsweise ergeben. Erst vor ein paar Monaten hatte es einen neuen Hoffnungsschimmer gegeben. Eine italienische Anwältin wollte Gianni Lorenzo für eine Gegenleistung austauschen. Und obwohl Hannahs Kollege Ole im wortwörtlichen Sinne alles gegeben hatte, war die Aktion trotzdem gescheitert. Danach gab es noch ein paar kleinere Versuche, aber die waren ebenfalls im Sande verlaufen oder an der Bequemlichkeit italienischer Behörden gescheitert.

»Du hast die Suche nach ihm doch aufgegeben, oder?« Gertrud Lambert war ihr Misstrauen anzuhören. »Glaub mir, wenn du ...«

»Die Sache ist für mich erledigt!«, unterbrach Hannah rabiat.

»Dann bin ich ja beruhigt. Dein Vater würde ...«

»Lass Paps bitte aus dem Spiel, ja.«

»Er hat auch nie daran geglaubt, dass du Gianni Lorenzo findest.«

Eben noch hatte Hannahs Stimme wenigstens auf vorübergehenden Waffenstillstand hingedeutet, doch in diesem Moment nahm sie mit einem tiefen Atemzug Anlauf für eine neue Attacke. »Das ist dummes Zeug! Paps hat erst aufgehört, als ich in der geschlossenen Psychiatrie gehockt hab – durch deine Mithilfe!« Ihre Mutter wollte widersprechen, aber Hannah war noch nicht fertig. »Und ich weiß zufällig, dass du Paps damals zum Aufhören überredet hast. Genauso, wie du ihn überredet hast, sich auf die verfluchte Chemotherapie einzulassen!«

Dieses Thema war seit dem Tod von Rainer Lambert bisher kein einziges Mal zur Sprache gekommen. Entsprechend fiel die Reaktion vor dem Küchenbuffet aus. »Überredet? Dein Vater wäre ohne Chemotherapie gestorben.«

Hannah schaute ihre Mutter restlos entgeistert an. »Er ist gestorben! Hast du das vergessen? Und ich weiß zufällig, dass er sich niemals freiwillig auf die Chemo eingelassen hätte. Davon abgesehen, bin ich sicher, dass er ohne länger gelebt hätte – auf jeden Fall zufriedener gestorben wäre.«

Gertrud Lamberts Miene hatte sich von einem Moment zum nächsten grundlegend verändert. Es handelte sich um die Mischung aus tiefer Trauer und gleichzeitiger Resignation. Sie war vor dem Kühlschrank angekommen und zog die Tür auf. »Willst du noch was essen, bevor du zum Dienst losfährst?«

Hannah hatte sich längst erhoben und stand in der offenen Küchentür. Der Blick ihrer Mutter hing noch immer an den Kühlschrankregalen fest. Also verzichtete sie auf jede Antwort und stand kurz darauf im Zimmer ihres Sohnes.

Der bearbeitete mit unveränderter Freude seine neue Trommel.

Irgendwann – Hannahs Kopf tat weh und sie hatte Angst, Felix könne sich mit den Trommelstöcken ein Auge ausstechen – hielt sie seine Hände fest.

Er protestierte kurz, ließ es dann aber geschehen.

Hannah drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, mehr war im Falle ihres Sohnes manchmal lebensgefährlich. Doch plötzlich fielen die Trommelstöcke zu Boden und Felix umarmte sie mit aller Kraft, bis ihr die Luft wegblieb.

Sie hatte wochenlang einfachste Worte und kurze Sätze mit ihm geübt. Einen davon glaubte sie in diesem Moment zu erkennen, wenigstens sinngemäß: »Hab dich lieb« ... mehrmals nacheinander und mit jedem Mal etwas deutlicher.

Hannah erwiderte die Umarmung schluchzend und schob Felix, nachdem viel Zeit vergangen war, ein kleines Stück von sich, um ihm ins Gesicht blicken zu können. »Ich liebe dich auch, mein Schatz. Egal, was in den letzten Jahren war – ich dich auch!«

 

 

4

 

 

Ohne Zwischenstopp in der Kantine und immer noch ohne Frühstück im Bauch war Ole von Kiel in Richtung Niebüll aufgebrochen. Er hatte sich für die längere, dafür aber stressfreie Route entschieden: größtenteils Landstraße, über Rendsburg, Friedrichstadt, Husum und Bredstedt. Anfang August hatten alle Bundesländer gleichzeitig Ferien. Entsprechend dauerverstopft war die A7, selbst wochentags. Jeden Samstag wälzten dann neue, rekordverdächtige Blechlawinen gen Norden, während erholte Rückkehrer sämtliche Autobahnen in die entgegengesetzte Fahrtrichtung blockierten.

Als Ole gegen Mittag vor dem Revier in Niebüll eintraf, war er schon traurig, als er Hannahs Wagen auf dem Parkplatz nirgendwo entdecken konnte. Er hatte seit über zwei Wochen nichts mehr von ihr gehört und mittlerweile auch jeden Versuch in Eigeninitiative aufgegeben.

Als er vor dem Wachtresen ankam, war er sich bereits sicher, dass sein Kollege dahinter gleich die nächste Hiobsbotschaft in Sachen ›Hannah‹ parat hatte. Sprich: Eine weitere Krankmeldung.

Aber es kam ganz anders: »Du sollst deine Chefin anrufen!«, erklärte der Uniformierte. »Am besten setzt du dich gleich ins Auto. Du sollst nämlich bei ihr auf Sylt antreten – deinen Job möchte ich haben!«

Ole stützte sich mit beiden Ellbogen auf dem Wachtresen ab. »Hat sie auch gesagt, warum? Oder hat sie wenigstens ...?«

Der Kollege schaffte es, die zweite Frage mit einer abfälligen Handbewegung zu unterbrechen. »Seh ich so aus, als würde ich das wissen wollen?«

Nach kurzer Sichtprüfung schüttelte Ole den Kopf. »Hat Hannah wenigstens gesagt, wo ich hinkommen soll?«

Der Uniformierte verschwand stöhnend unter dem Wachtresen. Als er wieder auftauchte, war sein Gesicht knallrot. Von lautem Klatschen begleitet, landete eine Visitenkarte auf dem Tresen.

»Was ist das?«, fragte Ole auch noch zu allem Überfluss.

»Hannahs Karte! Ruf sie doch an und frag selbst.«

»Kann es sein, dass du ein Problem mit ihr hast?«

»Allerdings! Kurz bevor sich deine sagenhafte Chefin in den Urlaub verabschiedet hat, gab’s für mich ’nen Anschiss beim Schichtleiter – weil ich sie irgendwann mal, erst nach zwei Tagen zurückgerufen hab.«

Ole nickte, als wolle er seinem Kollegen beipflichten, doch seine nächsten Worte machten das Gegenteil klar: »Ich weiß zufällig, dass Hannah dir wegen der Berichte an die Polizeidirektion zweimal den Arsch gerettet hat. Und falls du meinst, das hier wäre ’ne Einbahnstraße, dann bist du auf dem Holzweg!« Nach diesem Vortrag ließ Ole seinen Kollegen einfach stehen.

Auf dem Flur kam ihm Revierleiter Hartmut Gregersen entgegen. »Hab gehört, Hannah ist wieder im Dienst!«

Ole blieb kurz stehen. Danach schob er die Tür zu seinem Büro auf und verschwand ohne ein Wort darin. Auf seinem Schreibtisch lag ein Zettel, der von einem der LKA-Kollegen stammte, die zur Unterstützung nach Niebüll ausgerückt waren.

Hab gehört, Frau Lambert ist ab heute wieder im Dienst. Falls Sie mich brauchen, wissen Sie ja, wie Sie mich in Kiel erreichen.

Das war alles! Und es roch vielmehr nach spontaner Flucht, als nach einer entspannten Verabschiedung.

Das Telefon auf Oles Schreibtisch klingelte. Er warf nicht mal einen Blick aufs Display, sondern langte gleich zum Hörer.

»Warum meldest du dich nicht?« Hannah klang, als hätte sie zum letzten Mal vor fünf Minuten mit ihrem Kollegen telefoniert.

Entsprechend frustriert erwiderte Ole. »Entschuldigung! Ich komm gerade erst aus Kiel zurück und hab’s bis jetzt nicht mal geschafft, mich hinzusetzen.«

»Dann lass es und fahr los! Ich bin bei meiner Mutter. Wäre nett, wenn du herkommst.«

Oles Widerstand war noch nicht restlos gebrochen. »Komisch: Ich hab gedacht, wir unterhalten uns vielleicht über unseren neuen Fall. Zufällig hätte ich alles hier, was wir dafür brauchen. Oder meinst du etwa, in nehm den ganzen Krempel mit rüber nach Sylt.«

»Deinen Krempel kannst du behalten. Ich weiß schon so gut wie über alles Bescheid. Und falls du irgendwann hier ankommst, erklär ich dir auch, wieso.« Danach hatte Hannah einfach aufgelegt.

Es klopfte gegen die Bürotür. Ein anderer Kollege aus der Frühschicht steckte den Kopf in den Raum. »Stimmt das: Hannah ist wieder im Dienst?«

Ole, der noch immer den Hörer in der Hand hielt, hätte das Teil am liebsten nach dem Störenfried geworfen. Doch er verzichtete lieber darauf.

Die Stimme eines weiteren Kollegen auf dem Flur war zu hören. »Hannah ist wieder da? Vielleicht passiert dann ja auch endlich mal was wegen der toten Nutte.«

Ole schleuderte den Hörer auf seinen Schreibtisch, schnappte sich einen angebissenen Schokoriegel vom vergangenen Freitag und marschierte wortlos an seinem Kollegen vorbei. Wenn er ehrlich zu sich war, kam ihm der Ausflug nach Sylt ganz gut gelegen …

 

***

 

Hannah hatte sich in das ehemalige Büro ihres Vaters zurückgezogen. Dort stand noch alles genau so, wie er es an seinem letzten Arbeitstag vor Jahren zurückgelassen hatte. Nicht mal die Tageszeitung von damals, die immer noch auf dem kleinen Tischchen lag, das zu einer ledernen Sitzgruppe gehörte, hatte ihre Mutter weggeworfen. Man hätte beinahe glauben können, Rainer Lambert würde jeden Moment zurückkehren, um sich in seinen Chefsessel zu setzen und einfach weiterzuarbeiten.

Um in Ruhe telefonieren zu können, hatte Hannah ihren Sohn mit sanfter Gewalt davon überzeugt, dass es besser wäre, vorübergehend mit dem Getrommel aufzuhören. Gertrud Lambert hatte sich ihren Enkel geschnappt und übte mit ihm auf dem Grundstück Fahrradfahren. Also konnte Hannah in aller Ruhe arbeiten und war, was den aktuellen Fall betraf, mittlerweile auf dem Laufenden.

Aber noch stand das mit Abstand wichtigste Gespräch an.

Doktor Stefan Eickhoff – seines Zeichens Leiter der Kieler Rechtsmedizin – meldete sich gleich nach dem ersten Klingeln. »Hab schon gehört, dass du wieder in Amt und Würden bist.«

»Von wem?«

»Sei nicht so neugierig, Krümel. Sowas spricht sich eben schnell rum.«

»Können wir uns darauf einigen, dass du mich nicht mehr Krümel nennst?« Hannahs Tonfall verriet, dass sie jede Hoffnung diesbezüglich längst aufgegeben hatte. Der Spitzname war ein Fluch, den sie ihrem Vater zu verdanken hatte. Und weil es sich bei Stefan Eickhoff um ihren Exfreund aus lange vergangenen Zeiten handelte, benutzte der diesen albernen Namen auch heute noch mit geradezu diebischer Freude. Davon abgesehen war der Rechtsmediziner neuerdings verlobt und vermutlich schon bald verheiratet.

»Du willst doch bestimmt alles über die tote Frau wissen, oder?«

»Wenn du’s unbedingt loswerden musst«, erwiderte Hannah mit gespielter Begeisterung. »Und vielleicht können wir wenigstens professionell bleiben, solange wir über den Fall reden. Geht das?«

»Klar doch, Krümel! Zuerst mal so viel: Dein Kollege Ole hat sämtliche Ergebnisse schriftlich von mir bekommen. Falls du noch mit ihm redest, kann er dir ja alles geben.«

»Dann hat er dich also angerufen und dir verraten, dass ich wieder im Dienst bin«, schlussfolgerte Hannah.

»Und er ist auf dem Weg zu dir, schon vom Autozug runter und wollte sich unterwegs nur noch eben was zum Frühstück holen.«

»Es ist gleich Nachmittag«, protestierte Hannah. Doch sie beließ es auch dabei.

Anstelle einer Rechtfertigung begann Doktor Eickhoff mit den Fakten: »Die Tote hat mindestens eine Woche lang im südlichen Speicherbecken bei Nordwarft gelegen.«

»Wenigstens nicht hier auf Sylt. Die Urlauber reagieren immer so empfindlich, wenn irgendwo Leichen rumliegen.«

»So kann auch nur eine reden, die jedes Schamgefühl verloren hat. Aber mal davon abgesehen: Die Leiche hat ...«

»... im Brackwasser gelegen«, vervollständigte Hannah. »Ich kann von hier online auf deinen Bericht zugreifen. Und sei mir bitte nicht böse, Stefan. Ich hab dich angerufen, weil ich von dir gerne hören würde, was da nicht drinsteht.«

Von dieser Aufforderung ließ sich Doktor Eickhoff nicht beeindrucken. »Lass mich mal der Reihe nach machen, Krümel: Wir haben hier das ganze Programm absolviert. Noch warten wir zwar auf ein paar letzte Ergebnisse aus dem Labor, sind uns aber sicher, dass die Frau nicht lange tot war, bevor sie einer bei Nordwarft entsorgt hat – höchstens einen Tag.«

»Das wären dann also mindestens acht Tage zwischen ihrem Tod und dem Leichenfund«, vervollständigte Hannah.

»Mindestens! Und tendenziell – da bin ich ehrlich – eher länger. Wenn ein Körper so lange im Salzwasser liegt, dann bleiben am Ende immer Zweifel.« Im Hintergrund war das Tippen auf einer Tastatur zu hören. Danach fuhr Stefan Eickhoff fort: »Was die Todesursache betrifft, haben meine Studenten hier die verrücktesten Theorien aufgestellt. Aber ich konnte mich am Ende durchsetzen: Wir bleiben bei Kreislaufversagen durch eine Überdosis UV-Strahlung.«

»In deinem Bericht steht nichts von irgendwelchen Verletzungen ...«

»Weil es ansonsten keine gab! Abgesehen davon, sind wir uns ziemlich sicher, dass sie unmittelbar vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr hatte – freiwillig.«

»Sperma?«

»Nein danke!«

»Und einer wie du redet von Schamgefühl!«, empörte sich Hannah künstlich.

Doch Eickhoff wurde gleich wieder ernst. »Du weißt doch sicher auch, welchem Beruf die Tote nachgegangen ist?«

»Natürlich! Gehen wir davon aus, dass der Mörder ein Kondom benutzt hat?«

»Eventuelle Spuren haben Salzwasser und Verwesung beseitigt. Aber jeder halbwegs vernünftige Mensch benutzt wohl ein Kondom, bevor er …«

»… eine Frau zu Tode grillt«, vervollständigte Hannah. »In dem Zusammenhang von Vernunft zu reden, ist absurd, Stefan.«

»In Ordnung, du hast gewonnen!« Wieder war das Tippen auf einer Tastatur zu hören. »Wir konnten Reste von Alkohol, Kokain und Methamphetamin im Gewebe der Toten nachweisen. Keine Medikamente, keine sonstigen Drogen oder ...«

»Reichen dir Koks und Meth etwa nicht?«

»Du bist echt unmöglich, Krümel!«

Diesen Kommentar quittierte Hannah mit genervtem Stöhnen. »Wenn du nichts dagegen hast, kürz ich die Sache mal ab: Ihr habt nichts gefunden, was uns dabei hilft, den Täter zu finden, richtig?«

»Noch nicht! Aber wir sind mit der Leiche ja auch noch nicht ganz fertig – an deinem unwiderstehlichen Status könnte sich also jederzeit was ändern.«

»Meldest du dich, wenn’s so weit ist? Ich glaube, wir könnten ...« Hannah verstummte. Die Klingel an der Haustür schrillte zweimal kurz nacheinander. »Schätze, das ist Ole. Lass uns erst mal Schluss machen, Stefan. Und ... danke.«

»Wofür? Wir haben doch deiner Meinung nach noch gar nichts vollbracht.«

»Jetzt fang du nicht auch noch damit an!«

»Womit?«

»Egal!«

 

 

5

 

 

»Felix hätte mich da draußen beinahe umgefahren«, begann Ole lachend, als Hannah ihm die Haustür öffnete. »Und ihr müsst vorsichtig sein: Bei dem Tempo durchbricht er noch den Zaun und fährt locker bis auf die Straße.«

»Meine Mutter passt schon auf«, wiegelte Hannah ab. »Komm rein, wir haben ’ne Menge zu tun!«

Kurz darauf wurde die Unterhaltung im Arbeitszimmer fortgesetzt. Ole machte den Anfang: »Erst mal guten Tag, Frau Lambert!«, witzelte er. »Erinnern Sie sich noch an meinen Namen oder soll ich mich ...?«

»Hab vorhin mit Stefan telefoniert«, unterbrach Hannah. »Er meint, die verkohlte Leiche hilft uns nicht weiter.«

»Dann willst du also sofort zur Tagesordnung übergehen.« Ole fiel in einen der Ledersessel und schnappte sich die Zeitung, die schon seit Jahren dort lag. »Ups ... die ist schon ’n bisschen älter!«

Während Hannah sich hinter dem Schreibtisch niederließ, knarrte der seit Jahren ungenutzte Drehstuhl selbst unter einem Leichtgewicht wie ihr. Sie schaute Ole unverwandt an. »Was willst du denn von mir hören? Etwa ’ne Entschuldigung?«

»Das nicht, aber wenigstens ’ne Erklärung hätte ich wohl verdient. Oder etwa nicht?«

»Erklärung, wofür?«

»Hör mal: Du warst zwei Monate nicht im Dienst, und in den letzten beiden Wochen hast du dich gar nicht mehr gemeldet. Davor hast du wenigstens von Zeit zu Zeit mal angerufen, um was von dir hören zu lassen.«

»Ich wollte dich nicht mit meinen privaten Problemen belasten – du hast doch genug eigene.«

Oles Miene verfinsterte sich. Am Ende sah er traurig aus. »Franzi meldet sich auch nicht mehr. Das gilt wohl irgendwann für alle Frauen in meinem Leben.«

»Nachdem deine Anwältin in Italien alles versaut hat, wundert es mich nicht, dass sie ...«

»Das war nichts Berufliches!«, fuhr Ole wütend dazwischen. »Da waren Gefühle im Spiel – aber davon verstehst du ja nichts.«

Hannah sprang auf und fiel nach ein paar langen Schritten in den Sessel direkt neben Ole. Sie schnappte sich seine Hände und knetete ungeschickt daran herum. »Dann sag schon: Wie geht’s meinem Lieblingskollegen?«

»Ist das jetzt dein Ernst?«

Hannah nickte und schüttelte im nächsten Moment den Kopf. »Ich brauchte einfach mal ein bisschen Zeit, um mir über einige Dinge klar zu werden. Ist das so schwer zu verstehen?«

»Zum Beispiel?«

»Ich musste herausfinden, ob ich weitermachen will.«

»Womit? Mit dem Atmen?«

Hannah ließ Oles Hände abrupt los und tat, als wolle sie ihm eine Ohrfeige verpassen. »Meine Mutter meint immer noch, ich soll meine Marke abgeben und mich hier auf Sylt um die restlichen Immobilien der Familie kümmern. Da wäre genug zu tun und die aktuelle Verwaltung ist wohl nicht so der Hit.«

»Hast du tatsächlich drüber nachgedacht?« Ole konnte sich mit Mühe ein Lachen verkneifen. »Ich glaube, deine Mutter kennt dich nicht besonders gut. Kann das sein?«

»Ansonsten war ich viel mit Felix unterwegs«, wich Hannah aus. »Letzte Woche haben wir es in zwei Tagen fast bis nach München geschafft, mussten dann aber umdrehen.«

»Was wolltet ihr denn in München?«

»Paar alte Kollegen besuchen, aber daraus wurde sowieso nichts. Felix ist in einer Pension mitten in der Nacht total ausgeflippt«, fuhr Hannah fort. »Wir mussten spontan abreisen und der Wirt hat nur auf ’ne Anzeige verzichtet, als ich ihm meinen Dienstausweis unter die Nase gerieben hab.«

»Dann ist das Teil ja wenigstens noch für was gut«, vervollständigte Ole. Aber er war noch nicht fertig. »Wie sieht denn dein Ergebnis aus? Machst du weiter oder gibst du deine Marke tatsächlich ab?«

Hannah betrachtete ihren Kollegen eine Weile unschlüssig, erhob sich und plumpste kurz darauf wieder hinter den Schreibtisch ihres Vaters. Obendrauf stand ihr Dienst-Notebook mit aufgeklapptem Deckel. Sie wischte bereits auf dem Touchpad herum. »In deinem vorläufigen Bericht steht, dass die Tote aus dem Speicherbecken Ilka Deichmann hieß und im Escort-Bereich tätig war. Wie bist du zu dieser erstaunlichen Erkenntnis gekommen?«

»Nachdem dein Ex-Freund Stefan sie anhand ihrer Zähne identifiziert hatte, ging alles ganz schnell. Ihre Eltern waren nicht mal richtig geschockt, als ich ihnen vom Tod ihrer Tochter erzählt hab. Die haben wohl früher oder später mit sowas in der Art gerechnet.«

»Also wussten die, dass ihre Tochter …?«

»Und konnten mir sogar die Nummer ihrer Agentur sagen«, vervollständigte Ole. Der war aufgestanden und hinter dem Schreibtisch neben Hannah angekommen. Er zeigte auf das Display. »Scroll mal weiter runter. Da findest du auch den Namen ihrer Chefin ... die kommt aus Hamburg und betreibt dort ’ne Agentur, die in ganz Norddeutschland Frauen aus dem obersten Regal vermittelt. Für mich war das allerdings ’ne Sackgasse, die nur viel Arbeit gekostet und weiter nichts gebracht hat.«

Hannah überflog seitenweise Bildschirminhalte und kam zu einem ähnlich nüchternen Fazit: »Bei deinen ganzen Ausflügen ist tatsächlich nichts rausgekommen – abgesehen von Reisekosten.«

»Danke!«

»Gern geschehen!«

Weil Hannah nichts weiter sagte, versuchte es Ole mit einer Fortsetzung: »Was hätte ich denn deiner Meinung nach sonst tun sollen? Wir wissen nicht, wann und wo Ilka Deichmann ums Leben gekommen ist und nicht mal genau, wie. Da war’s für mich nur logisch, dem einzigen Hinweis zu folgen und an der Quelle zu graben – meinten die Kollegen vom LKA übrigens auch.«

»Die Presse hat von ’nem halben Hähnchen gesprochen. Stimmt das?«

»Dann hast du im Urlaub also wenigstens die Nachrichten verfolgt?«

Hannah schwieg einfach.

Also musste Ole zwangsläufig weitermachen: »Ich war als einer der Ersten vor Ort. Und ganz ehrlich: So was Grauenvolles hab ich noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass man die arme Frau nur anhand ihrer Zähne identifizieren konnte.«

»Was ist denn mit ihrer sonstigen Familie?«

»Auch nichts Auffälliges. Ich hab mich als Erstes mit ihren Freunden und Bekannten beschäftigt – wie ich es von dir gelernt habe. Und bevor du fragst: Bis in die Grundschulzeit zurück war nirgends was zu finden.«

Hannahs Aufmerksamkeit gehörte längst wieder dem Display. »Hier steht, dass man unter ihren Fingernägeln Spuren von synthetischen Fasern gefunden hat.«

Ole nickte eifrig. »Mit denen beschäftigen sich die Experten beim BKA immer noch. Am wahrscheinlichsten ist, dass die von ’nem Autoteppich oder ’ner Fußmatte stammen. Seitdem gehen wir davon aus, dass jemand die Leiche in seinem Kofferraum transportiert und in Nordwarft nur entsorgt hat.«

»Donnerwetter!«, erwiderte Hannah, beließ es aber dabei. Sie scrollte weiter, bis sie an der entsprechenden Stelle im Autopsie-Bericht angekommen war. »Hier steht, dass in Hautfalten am Körper der Frau Spuren einer Chemikalie nachgewiesen wurden, mit der normalerweise Sonnenbänke gereinigt werden. Und ich geh mal vorsichtig davon aus, dass es im Speicherbecken vor Nordwarft kein Sonnenstudio gibt. Oder hat da kürzlich eins aufgemacht?«

»Trotzdem wissen wir nicht, wie genau sie ums Leben gekommen ist. Und wo, erst recht nicht! Dein Freund Stefan sagt ...«

»Mein Exfreund Stefan kann immer nur sagen, was die Tatsachen hergeben. Und das ist auch gut so, denn er lässt sich niemals von Meinungen beeinflussen.«

Ole sah genervt aus und klang auch genauso. »Und was jetzt, Chefin?«

»Ist doch logisch: Wir fangen von vorne an und hören nicht auf, bevor wir den Mörder gefunden haben. Langsam solltest du wissen, wie’s läuft.«

»Dann machst du also auf jeden Fall weiter? Keine Immobilien? Keine verstopften Toiletten oder tropfende Wasserhähne?«

»Um die kannst du dich gleich kümmern, wenn du nicht aufhörst. Wo fangen wir an?«

Ole zuckte nur mit den Schultern. »Dachte, es wär bald Feierabend.«

»Okay ... dann knöpfen wir uns zuerst Ilka Deichmanns Eltern noch mal vor.« Hannah zeigte auf ihr Notebook-Display. »Da steht, die wohnen hier auf der Insel, in Keitum. Wenn wir Gas geben, sind wir in zehn Minuten da.«

»Verrätst du mir auch, was das bringen soll? Ich war zweimal bei den Leuten und hab … egal.«

»Eben! Außerdem hab ich das Gefühl, deine Ermittlungen können ein bisschen frischen Wind gebrauchen.«

»Klasse Idee!« Ole war anzusehen, dass er eher das Gegenteil dachte.

Diese Miene hatte Hannah längst übersetzt und gleich eine Frage parat: »Drückt der Schuh noch woanders, Kollege?«

»Ich bin eigentlich verabredet«, knurrte Ole widerwillig. »Mit ’ner Lehrerin, aus Niebüll.«

»Mit ’ner Lehrerin?«, wiederholte Hannah. »Ist das dein Ernst?«

»Wieso, was hast du denn gegen Lehrerinnen?«

»Gar nichts!« Hannah tat ganz unschuldig. »Wir hatten einen Religionslehrer, der seinen Berufsstand gern selbst auf die Schippe genommen hat. Der meinte, als Gott mit seiner Schöpfung fertig war, hätte sich gleich die erste Lehrerin eingemischt ...«

Ole tat seiner Chefin den Gefallen: »Und ... was hat die zu ihm gesagt?«

Hannah läutete ihre nächsten Worte mit einem Grinsen ein. »Sinngemäß: Das hättest du aber auch noch besser machen können, lieber Gott!«

»Ich erzähl am besten gar nichts Privates mehr.«

»Welche Fächer?«, wollte Hannah wissen.

»Wieso ist das denn plötzlich wichtig?«

»Jetzt sag schon!«

»Mathe und Deutsch.«

»Nicht schlecht. Wenn du bei der ein bisschen aufpasst, gehen unsere Berichte bald fehlerfrei an die Direktion raus.«

Ole stand bereits auf den Füßen. »Und wenn du nicht aufpasst, kannst du die Berichte bald selber tippen.«

 

 

6

 

 

»Das passt jetzt gerade ganz schlecht«, erklärte Vera Deichmann, als Hannah und Ole mit gezückten Dienstausweisen vor der Tür eines kleinen Einfamilienhauses am Rande von Keitum standen. Selbst am frühen Abend noch trug eine laue Brise den Duft des Wattenmeers quer über die Insel. Der August bescherte Sylt angenehme Temperaturen, doch von dieser Wärme war hier, zwischen Tür und Angel, nichts zu spüren. »Bei uns steht das Abendessen auf dem Tisch. Ich hab Brot im Ofen und wollte eigentlich gerade ...«

»Dann ist das Brot also wichtiger als Ihre tote Tochter?« Hannah bemühte sich nicht einmal, freundlich zu klingen. »Ist das Ihr Ernst?«

Vera Deichmann sah pikiert aus. Ihr war anzusehen, dass sie ihre Emotionen mit einem aufgesetzten Lächeln zu verbergen suchte. Erfolglos, wie die nächsten Worte klar machten: »Was wollen Sie denn noch? Ilka ist tot und niemand macht sie wieder lebendig.«

»Wer ist denn da?«, bölkte eine tiefe Stimme im Hintergrund. Die gehörte zu einem großen Mann von Ende sechzig, der sich im nächsten Moment hinter Vera Deichmann aufbaute. Ein typischer Handwerker, der auf Sylt vermutlich durch

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: Thomas Herzberg
Bildmaterialien: Nordreisender, https://stock.adobe.com/de/156233474, Haus in den Dünen bei Ahrenshoop auf dem Darß; Kordi Vahle, https://pixabay.com/de/strand-nordsee-meer-sonnenuntergang-2179624/; freepik, Designed by Freepik.com
Cover: Chris Gilcher – http://buchcoverdesign.de
Tag der Veröffentlichung: 23.07.2019
ISBN: 978-3-96714-013-2

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