Cover

Titel

 

Eiskaltes Sylt

Friesenkrimi (Hannah Lambert ermittelt 2)

 

Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.0

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Meine lieben Testleser/innen Antje, Birgit und Nicolas

 

Michael Lohmann (worttaten.de) für sein Lektorat und Korrektorat

 

Ganz besonders möchte ich Renate Schmidt aus Berlin danken, die mir bei der Entstehung, Überarbeitung und Korrektur unschätzbare Dienste geleistet hat

 

Covergestaltung: Chris Gilcher – http://buchcoverdesign.de

Inhalt:

 

Sylt, Anfang Februar: Auf einer tiefgefrorenen Weide wird die bestialisch zugerichtete Leiche eines Schafzüchters gefunden, inmitten seiner Tiere. Alles spricht für einen Racheakt, denn in der Vergangenheit des Mannes finden sich schnell dunkle Geheimnisse. Hannah Lambert und ihr Kollege Sven-Ole Friedrichsen machen sich umgehend auf die Jagd nach dem Täter. Dabei stoßen sie auf immer mehr schreckliche Details und müssen feststellen, dass hinter beinahe jeder Ecke eine neue Überraschung lauert. Und auch Hannahs Altlasten geben keine Ruhe: Eine italienische Anwältin meldet sich für einen Besuch an und sorgt damit für zusätzliche Turbulenzen. Notgedrungen kämpfen die Ermittler an zwei Fronten gleichzeitig und werden immer tiefer in einen Strudel aus Lügen und abscheulichen Geheimnissen gezogen.

 

»Eiskaltes Sylt« ist Teil 2 der neuen Friesenkrimi-Reihe rund um

Hauptkommissarin Hannah Lambert und ihre Kollegen

(Jeder Fall ist in sich abgeschlossen!)

 

Weitere Informationen und Bücher findet Ihr auf meiner Homepage:

 

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1

 

Hans-Georg Mommsen war für seine Verhältnisse spät dran. Die vollständig von Reif bedeckten Schafweiden erreichte er an diesem besonders kalten Morgen erst gegen neun. Sein Traktor keuchte noch immer wie eine alte Dampflok. Der Motor – ein 40 PS Deutz, der eigentlich ins Museum gehörte – machte schon seit Wochen Probleme, wollte bei dieser Kälte nur unter röchelndem Protest anspringen. Doch jede Reparatur würde Zeit in Anspruch nehmen, die Maschine womöglich tagelang lahmlegen. Ganz davon abgesehen, dass Mommsen, wenn es um Hilfe ging, stets auf Firmen vom Festland zurückgreifen musste. Hier auf der Insel wollte schon seit Ewigkeiten niemand mehr mit ihm zusammenarbeiten. Nicht mehr, seit ... egal!

Er hasste diese Insel, von der alle schwärmen, als sei sie das Paradies, der Mittelpunkt des Jetsets, an dem sich die Schönen und Reichen nur allzu gern versammeln. Doch er kannte die Insel besser. Einen Ort, der für niemanden eine zweite Chance bereithielt – ganz egal, ob schuldig oder unschuldig; ob man seine Strafe verbüßt hatte oder nicht. Und er wäre längst weg, wenn da nicht seine Tiere wären, die ihn brauchten und deren nächste Station ohne ihn der Schlachthof wäre.

Mommsen schüttelte den Kopf, um die lästigen Gedanken zu vertreiben. Ein weiterer Blick traf seinen noch immer keuchenden Traktor und sorgte für Kopfschütteln. Wie sollte er denn ohne maschinelle Hilfe das Futter für die Schafe transportieren? Ganz zu schweigen von Wasser, das er seinen Tieren mindestens zweimal täglich bringen musste. Sämtliche Tränken waren schon seit Mitte Januar zugefroren. Dafür war ein Tief aus Skandinavien verantwortlich, das nicht nur Sylt, sondern ganz Norddeutschland mit eisiger Hand umklammerte.

Mommsen hob den Kopf und ließ seinen Blick gedankenverloren über die Nordsee schweifen. Die ging am Horizont beinahe nahtlos in einen schiefergrauen Himmel über, der auch heute keinen Sonnenstrahl durchlassen würde. Das Wetter passte bestens zu seiner Stimmung. Dazu wanderten seine Gedanken weit in die Vergangenheit. Was er dort fand, kam ihm wie ein anderes Leben vor. Eines, in dem er am liebsten Arzt geworden wäre, oder wenigstens Tierarzt. Auf jeden Fall ein Leben, in dem er studiert und dieser Insel für alle Zeit den Rücken gekehrt hätte. Alles Träume! Träume, die nicht in Erfüllung gingen.

Stattdessen beschäftigte sich Hans-Georg Mommsen schon fast sein ganzes Leben lang mit Schafzucht. Als sein Vater starb, hatte er dessen achtzig Tiere einfach übernommen. Heutzutage waren es im Frühjahr, wenn die Lämmer zur Welt kamen, über vierhundert hungrige Exemplare, die keinerlei Verständnis für Wochenenden, Feiertage oder eine Erkältung aufbrachten. Abgesehen von einer fünfjährigen Unterbrechung verbrachte Mommsen schon seit Jahrzehnten beinahe jede wache Stunde auf seinen Weiden und kümmerte sich um seine Schützlinge. Es fragte nur selten jemand. Aber wenn, dann erklärte er jedem Interessierten bereitwillig, dass es sich bei der Schafzucht nicht um einen Job, sondern um eine Lebensaufgabe handle. Wer das anders sehe und nur auf Profit aus sei, der wäre in dieser beschwerlichen Branche völlig falsch aufgehoben.

Hinter Mommsen, ein gutes Stück entfernt, meldete sich der Autozug mit schrillem Pfeifen zu Wort. Selbst dessen wenige Anhänger waren nur spärlich besetzt. Lediglich ein paar Transporter und LKW kamen zu dieser Jahreszeit regelmäßig nach Sylt, um die Bewohner der Insel mit den notwendigen Dingen des Lebens zu versorgen. Im Frühjahr, spätestens wenn die Osterferien nahten, würde alles rundherum aus dem Winterschlaf erwachen. Danach würde es vielen der Inselhopper nur noch um Luxus und Konsum gehen. Jede Herberge würde bis zum nächsten Saisonende aus allen Nähten platzen. Bis dahin blieb den Einheimischen aber noch ein wenig Zeit zum Durchatmen. Die Gelegenheit, Normalität zu inhalieren, die es hier nur außerhalb der Saison gab.

Der Autozug war weitergerumpelt und würde schon bald seine Endstation in Westerland erreichen. Einer der LKW darauf dürfte spätestens am Nachmittag auf Mommsens Hof haltmachen, um neues Kraftfutter für die Schafe zu liefern. Die Wiesen waren schockgefroren, teilweise schneebedeckt. Ein eisiger Januar hatte erst vor Kurzem den Staffelstab an einen ebenso kalten Februar überreicht. Alle Wetterberichte waren sich darüber einig, dass der Winter noch lange nicht vorüber sei. Im Klartext hieß das: Während Mommsen sich einen Buckel schuftete, fraßen seine Schafe auch den letzten Rest eines vermeintlichen Gewinns auf. Und während die EU beinahe jeden Bauern in Rumänien, Griechenland oder Polen mit Subventionen überhäufte, durften sich die einheimischen Viehzüchter glücklich schätzen, wenn die Erträge am Ende all der Arbeit wenigstens die Kosten deckten.

Mommsen hatte vor dem Mittagessen noch einiges zu tun. Wobei er sich schon jetzt nach Andreas Kohlrouladen sehnte. Schließlich machte die niemand besser als seine einzige Tochter.

In der riesigen Kiste, die er auf der Gabel seines Traktors bis auf die Weide transportiert hatte, steckte alles, was er heute für seine Arbeit brauchte: fünf neue Zaunpfähle, zwei Rollen Stacheldraht und eine Gasflasche mit Brenner, der das Eis der Tränken zumindest vorübergehend in Wasser verwandeln sollte. Um den Verschluss der Kiste zu öffnen, musste er seine Handschuhe ausziehen. Sofort nagte eisiger Wind an jedem einzelnen Finger.

›Finger‹, flüsterte Mommsen in Gedanken. Dabei betrachtete er die – auch etliche Jahre später noch – verkrüppelten Kuppen und spürte neue Verbitterung in sich aufsteigen. Er hatte für die Fehler seiner Vergangenheit bezahlt! Sicherlich mehr als jeder andere.

Nicht zum ersten Mal an diesem Tag wünschte er sich in die gemütliche Stube, am besten direkt vor den Kamin, wo er die letzten Weihnachtskekse vertilgen könnte. Dazu einen steifen Grog, mehr brauchte er für sein Verständnis von Glück nicht.

Die meisten seiner Schafe standen ein Stück entfernt, ihre schneebedeckten Hinterteile in Windrichtung gedreht. Zwei besonders mutige Exemplare, deren dichtes Fell Schneegriesel und Eis in einen regelrechten Panzer verwandelt hatten, näherten sich und schnupperten neugierig an den Utensilien, die Mommsen gerade erst vor der Kiste ausgebreitet hatte. Er wollte schon etwas sagen, die übermütigen Tiere mit Worten vertreiben, als ihm der Deckel der Kiste aus der Hand rutschte und krachend herunterfiel.

Mommsen schaute den beiden jungen Böcken hinterher und lachte. Im Falle von Schafen brauchte es nicht viel, um überschäumenden Mut oder Tatendrang in einen Fluchtreflex zu verwandeln. Als die beiden Ausreißer den Rest der Herde erreichten, wurden sie dort begrüßt und umfangreich beschnuppert.

Mommsen hatte sich bereits zwei Zaunpfähle und die erste Rolle mit Stacheldraht geschnappt, wollte endlich loslegen, da hörte er, wie sich hinter ihm der Deckel der Kiste wieder öffnete; ein unverwechselbares Geräusch, denn dessen Scharniere knarrten bei eisiger Kälte.

›Das kann nicht sein!‹, schoss es ihm durch den Kopf. Selbst ein noch so neugieriges oder kräftiges Schaf wäre nicht imstande, den Deckel auch nur einen Millimeter zu bewegen. Zumindest nicht ohne menschliches Dazutun.

Unter seiner Last tat sich Mommsen mit einer spontanen Drehung schwer. Seine schmerzenden Knie machten es ihm auch nicht leichter. Davon abgesehen glaubte er sowieso noch daran, den Deckel nicht richtig verriegelt zu haben, denn der machte sich bei mancher steifen Bö gerne mal selbstständig. Diese Vermutung löste sich jedoch in Luft auf, als er hinter sich jemanden atmen hörte.

Zwei Zaunpfähle, die er sich unter den linken Arm geklemmt hatte, krachten zu Boden. Als denen die Stacheldrahtrolle folgen sollte, fühlte sie sich plötzlich wie schwerelos an und entglitt seiner Hand samt Handschuh. Auf ein Wiedersehen musste er nicht lange warten. Nachdem er auf vereistem Untergrund endlich eine Drehung absolviert hatte, sah er die eisernen Zinken der Stacheldrahtrolle auf sich zurasen. Deren Ziel war eindeutig: sein Gesicht! Und es bestand auch kein Zweifel daran, dass die Zinken ihr Ziel erreichen würden.

Doch Mommsen schaffte es im letzten Moment, ein winziges Stück zurückzuweichen. Ansonsten hätte gleich die erste Attacke für verheerende Konsequenzen gesorgt. Und obwohl sein Gesicht eiskalt war, fühlte es sich an, als wolle es explodieren. Er taumelte, hielt sich jedoch auf den Füßen. Aus einer Stirnwunde lief Blut in seine Augen und raubte ihm immer mehr einen der wichtigsten Sinne. Unter diesen Voraussetzungen war es unmöglich, die zweite Attacke auch nur zu erahnen. Vielleicht besser so, denn die Stacheldrahtrolle würde beim nächsten Treffer für weit mehr als ein paar Schnittverletzungen sorgen ...

 

2

 

»Deine Mutter hat mir erzählt, dass du neuerdings regelmäßig bei ihr vorbeischaust.« Gerd Hoffmann, seines Zeichens Chef der Landespolizei Schleswig-Holstein, saß mit gönnerhafter Miene hinter seinem Schreibtisch. »Und du beschäftigst dich auch immer mehr mit Felix. Scheint so, als würde sich das Verhältnis zwischen dir, deiner Mutter und deinem Sohn langsam normalisieren – find ich klasse!«

Hannah Lambert nickte, schüttelte aber im nächsten Moment schon den Kopf. Und sie hatte offensichtlich auch etwas gegen diesen inoffiziellen Ritterschlag in Sachen Familie einzuwenden. »Mal ernsthaft: Bin ich deshalb von Niebüll nach Kiel gefahren – bei dem Schietwetter? Um mir Dinge anzuhören, die ich längst weiß?«

Gerd Hoffmann wollte antworten, doch Hannah kam ihm zuvor: »Du bist mein Chef und warst früher Papas bester Freund – trotzdem sollten wir professionell bleiben. Es wenigstens versuchen. Was meinst du?«

Hoffmanns Miene veränderte sich dramatisch. Von einem Moment zum nächsten sah er nicht mehr wie ein besorgter Mentor, sondern wie ein ranghoher Polizeibeamter aus. Nur sein Mund wollte sich nicht an diesem rapiden Kurswechsel beteiligen. »Früher hast du vor meinem Schreibtisch gehockt und mit Modellautos darauf gespielt.«

»Hab heut leider keine dabei«, erwiderte Hannah grinsend.

»Sei’s drum – du bist und bleibst mein Krümel. Wenn ich was mit Hauptkommissarin Lambert zu besprechen habe, kann ich auch zum Telefon greifen. Und es ist doch hoffentlich nicht zu viel verlangt, wenn du dich alle paar Monate mal hier in Kiel blicken lässt – Schietwetter hin oder her.«

»Du hast ja recht«, gab Hannah mit zusammengebissenen Zähnen zu. »Und ja: Ich wollte dich auch schon lange mal wieder besuchen – privat ... war eben viel zu tun in letzter Zeit.« Nach dieser Feststellung fischte sie ein kleines Päckchen aus ihrer Manteltasche. Das Geschenkpapier sah mitgenommen aus, die winzige rote Schleife war kaum mehr als solche zu erkennen. Dazu setzte Hannah die Miene eines kleinen Mädchens auf. »Ich hatte sogar was zu Weihnachten für dich. Hab gedacht, es würde mich ein paar Wochen früher nach Kiel verschlagen.«

Hoffmann nahm das kleine Päckchen entgegen und platzierte es vor sich auf seiner Schreibunterlage. »Danke! Ich wollte für deine Mutter, Felix und dich eigentlich auch ... hab’s nicht geschafft.« Das Resultat war ein Grinsen, klares Anzeichen eines schlechten Gewissens. »Ende Januar ist es wohl ein bisschen zu spät dafür, oder?«

Hannah winkte ab.

Diese Steilvorlage fing ihr Gegenüber auf und nutzte sie für einen Themenwechsel: »Für mich ist nur wichtig, dass du gut klarkommst: mit Niebüll, Sylt, der Arbeit und …«

»… auch mit dem Wetter«, beendete Hannah lächelnd. »Wie sollte es auch anders sein? Du hältst mir doch alle Probleme vom Hals, bevor sie es überhaupt so weit in den Norden schaffen.«

»Soll ich das in Zukunft lieber lassen?«

Hannah biss sich auf die Unterlippe, um eine Antwort zu verhindern.

Und sie tat gut daran, denn auf der anderen Schreibtischseite hellte sich die Miene wieder deutlich auf. Die Stimmung wirkte plötzlich ganz unbeschwert. »Du, deine Mutter und Felix – wenn ich überhaupt noch eine Familie habe, dann seid ihr das. Und falls du’s genau wissen willst: Ich habe deinen Paps immer um sein Glück beneidet. Um all das, was man mit Geld nicht kaufen kann.«

Hannah mühte sich um ein Lächeln. Das Ergebnis war hoffentlich einigermaßen überzeugend. »Das kleine Glück hat Weihnachten fast anderthalb Tage gehalten«, begann sie leise mit einer Erklärung. »Erst als Mama irgendwann nicht mehr damit aufhören konnte, von Papa zu reden, hab ich die Flucht ergriffen. Zufrieden?«

»Jetzt sag schon: Bist du denn zufrieden?« Gerd Hoffmanns Lächeln sah wesentlich überzeugender aus. »Ich meine, insgesamt? Mit deinem neuen Posten, deinem Kollegen ... wie heißt der noch?«

»Ole! Also: Sven-Ole Friedrichsen. Und ja: Wir kommen sehr gut miteinander aus.«

»Den Mordfall kurz vor Weihnachten auf Amrum habt ihr zwei ja beinahe im Vorübergehen aufgeklärt«, sagte Hoffmann mit bewundernder Stimme. »Hatte schon Angst, der bereitet uns auch im neuen Jahr noch Kopfzerbrechen. Das war gute Arbeit – die Sache davor auf Sylt sowieso. Nach solchen Leistungen kann sich auch niemand mehr beschweren …«

»Worüber sollte sich denn jemand beschweren?«

Hoffmanns Miene machte klar, dass er auf eine Antwort lieber verzichtet hätte. Aber da war ein bohrender Blick, der ihm keine Wahl ließ. »Ich hab dich auf den Posten in Niebüll gehievt, um dich aus der Schusslinie zu ziehen. Und es gab sicherlich zehn Kollegen, die vor dir dran gewesen wären – mindestens.«

Hannah bedankte sich mit einem Nicken. Ihr Hinterteil entwickelte von Zeit zu Zeit ein seltsames Eigenleben. Insbesondere dann, wenn jemand nicht zu Potte kam. Genau so, wie es gerade bei ihrem obersten Chef der Fall war.

Der ahnte wohl schon etwas und fuhr eilig fort: »Jetzt willst du doch bestimmt wissen, warum ich dich hergerufen habe, richtig?«

»Hat das etwa noch andere Gründe als Familie und Vergangenheit? Doch nicht etwa was Berufliches?«

Gerd Hoffmann war lange genug Polizist, um den sarkastischen Unterton gepflegt zu überhören. Als er fortfuhr, sah er trotzdem ein wenig gequält aus. »Dein Team da draußen in Niebüll funktioniert so gut, dass ich euch gerne eine weitere Planstelle zuteilen würde. Verstärkung, damit du dich noch ein bisschen mehr um familiäre Dinge kümmern kannst.«

Hannahs Gesicht verzog sich. »Ist das dein Ernst?«

»Hört es sich so an?«

»Leider ja«, erwiderte Hannah stöhnend. »Da hab ich mich – wie du selbst sagst – gerade erst an meinen neuen Posten gewöhnt, darf mich über erste Erfolge freuen und du hast nichts Besseres zu tun, als in Niebüll umzugraben. Habt ihr hier oben auch irgendwann mal die Schnauze voll von den ständigen Veränderungen?«

»Ich will deine Dienststelle nach und nach aufwerten«, erklärte Hoffmann unbeirrt. »Und wenn du Wert auf dauerhafte Unterstützung legst, dann sollte das auch in deinem Interesse liegen. Ich sitze noch zwei, höchstens drei Jahre auf diesem Stuhl – danach kommt ein Neuer, der sich vermutlich für nichts anderes als Zahlen interessieren wird. Mal darüber nachgedacht?«

Hannah holte tief Luft. Um ein wenig Zeit zu gewinnen, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen, bis der beinahe im wörtlichen Sinne an den Fensterscheiben festfror. »Es schneit schon wieder. Warum fängt der Winter neuerdings immer erst so spät an?«

Hoffmann zuckte mit den Schultern. »Vielleicht können wir das Rätsel beim Mittagessen lösen. Ich hatte gehofft, wir gehen nachher zusammen in die Kantine und du fährst erst danach zurück.«

»Nur, wenn du mir ein paar Schlittenhunde leihst.«

»Wieso? Wohnt deine Katze immer noch bei deinem Nachbarn?«

»Bei uns oben ist das Chaos aus Schnee und Eis nachmittags am schlimmsten«, erwiderte Hannah halbwegs belustigt. »Willst du, dass ich mit vollem Bauch in irgendeiner Schneewehe stecken bleibe?«

»Natürlich nicht!«, wiegelte Gerd Hoffmann lachend ab. »Dann kommen wir eben gleich zum springenden Punkt: Solltest du es unbeschadet und ausgehungert bis nach Niebüll schaffen, dann wartet dort nicht nur dein Kollege Ole auf dich, sondern auch ein ...«

»Neuer?«, fragte Hannah erschrocken nach. Sie musste feststellen, dass sie ihre Mimik nicht mehr im Griff hatte. »Ist das dein Ernst? Hast du mich deshalb hergelockt?«

Hoffmann hob abwehrend die Hände. »Also ›hergelockt‹ finde ich jetzt in diesem Zusammenhang unpassend. Ich würde gerne ...«

»Wir sitzen hier, reden über die Familie, über Weihnachten – und in der Zwischenzeit macht sich ein neuer Kollege in meinem Büro breit. Wie soll ich das denn sonst nennen?«

»Ich hatte dir doch erklärt, dass ich Niebüll aufwerten will. Dafür muss ich zuerst eure Personalstärke erhöhen und danach darfst du dich vielleicht auch über neue Kompetenzen freuen.«

»Neue Kompetenzen?«, wiederholte Hannah mit gerümpfter Nase. »Sind wir hinterher auch für Raub, Diebstahl und Brandstiftung zuständig?«

»Wieso? Reichen dir Mord und Totschlag etwa nicht mehr?«

Hannah war in ihrer Wut aufgesprungen und merkte erst jetzt, dass sie vor dem Schreibtisch stand und sich darauf abstützte. Ihr Mund klappte auf, schloss sich jedoch unverrichteter Dinge wieder.

»Ich glaube, es ist wirklich besser, wenn du fährst«, stellte Gerd Hoffmann mit trauriger Stimme fest. »Und wenn du dich wieder beruhigt hast, darfst du mich gern anrufen – um Einzelheiten zu besprechen.«

»Einzelheiten?«

»Wenn Niebüll in Sachen Kriminalpolizei wächst, dann muss ich irgendwann die ganze Dienststelle neu strukturieren. Und ich könnte mir vorstellen, wen ich zur Leiterin ernenne, bevor ich hier meinen Hut nehme.«

Hannah zeigte auf sich selbst. »Mich?« Ihr Kopfschütteln verhieß, was sie von diesem Vorschlag hielt. »Ich gehöre nicht an einen Schreibtisch, sondern an die Front.« Sie lachte höhnisch. »Und jetzt weiß ich auch endlich was dahintersteckt. Besser gesagt: wer!«

Gerd Hoffmann wusste genau, wie es weitergehen würde, beschränkte sich allerdings auf einen erwartungsvollen Blick.

»Meine Mutter! Ihr zwei habt euch zusammen ausgemalt, wie euer Krümel die Dienstwaffe ein für alle Mal an den Nagel hängt und Bürodienst schiebt.« Hoffmanns Mund öffnete sich für eine Verteidigung, aber Hannah kam ihm ein weiteres Mal zuvor: »Sag mir, dass ich unrecht habe! Sag es, und ich höre sofort auf.«

»Wäre es denn so schlimm, wenn du nicht mehr jeden Tag dein Leben riskierst?«, fragte Gerd Hoffmann nach längerem Überlegen. »Du hättest auch mehr Zeit – insbesondere für Felix.«

»Was ich mit meiner Zeit anfange, bestimme ich immer noch selbst!«

Hannahs Chef zeigte mit Blicken zur Tür. »Ruf mich an, wenn du dich wieder beruhigt hast.«

»Ich will mich aber nicht beruhigen! Ich will wissen, warum ihr ...«

Plötzlich stand auch Gerd Hoffmann auf seinen Füßen. Es folgte ein Fingerzeig in Richtung Tür und auch eine weitere unmissverständliche Aufforderung ließ nicht auf sich warten: »Fahr nach Niebüll und ruf mich an ... irgendwann!«

 

3

 

»Wo kommst du her?«, fragte Sven-Ole Friedrichsen seinen neuen Kollegen, nachdem der sich als Kommissar-Anwärter namens Ralf Jansen vorgestellt hatte. »Und davon mal abgesehen: Weiß Hannah überhaupt, dass wir Verstärkung bekommen?«

»Wer ist Hannah?«, erkundigte sich Ralf ein wenig misstrauisch.

»Deine zukünftige Chefin!« Ole musste zunächst ein Lachen unter Kontrolle bringen. »Und bevor du es von anderen erfährst: Die ist am Anfang vielleicht ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Du wirst schon merken, was ich meine.«

Ein fragendes Gesicht reichte für die Fortsetzung.

»Hannah – aber für dich natürlich Hauptkommissarin Lambert – ist erst seit Mitte letzten Jahres wieder hier in Niebüll. Ne Rückkehrerin.«

»Von wo zurückgekehrt?«

»Das soll sie dir lieber selbst verraten – also, falls sie will.«

Ralf Jansen sah immer verwirrter aus. In seiner Not fuhr er mit der Erklärung zur eigenen Person fort: »Ich bin gebürtiger Flensburger, hab dort mein Abi gemacht und war bis gestern der Polizeidirektion in Flensburg unterstellt.«

»Hast du da auf die Punkte aufgepasst?«

»Darum kümmert sich doch das KBA«, erklärte Ralf kopfschüttelnd. »Aber wieso fragst du? Haben die in deinem Fall so viel zu tun?«

Ole winkte ab. Er wollte schon mit einem neuen Thema anfangen, als sein Handy klingelte. »Sorry, da muss ich ran.«

Ralf nickte nur und blieb auf seinem Weg durchs Büro vor einer Pinnwand stehen. An der hingen Nachweise über die bisherige Arbeit der Mordkommission: Zeitungsartikel, einer davon mit Foto. Darauf waren Ole und eine kleine – man könnte auch sagen: winzige – Frau zu sehen. Der Unterschied hätte kaum größer sein können. Links eine nordische Eiche, mit ehrlichem Lächeln, das vermutlich so gut wie jedes Herz im Sturm zu erobern imstande wäre. Rechts daneben ein Eisblock: Eine Frau – gar nicht mal unattraktiv – die Haare streng nach hinten gekämmt und zum Zopf geflochten. Ungeschminkt, das war sogar auf dem Zeitungsbild zu erkennen. Dazu ein gezwungenes Lächeln, von dem sich nicht mal ein Vorschüler hätte täuschen lassen.

Ralf beugte sich nach vorne, um die Namen unter dem Foto lesen zu können. Danach wusste er wenigstens, wie seine zukünftige Chefin aussah.

Gegenüber war Ole offensichtlich in privater telefonischer Mission unterwegs. Seiner Stimme nach zu urteilen, handelte es sich um einen Notfall. »Heut Abend wird das nichts«, haspelte er. »Ja ... gestern war schön, aber ...«

Auf dem zweiten Schreibtisch klingelte das Telefon. Ralf warf einen Blick in Oles Richtung, um zuerst ein gequältes Lächeln und dann ein halbes Nicken zu ernten. Also fuhr seine Hand zum Hörer. »Kripo Niebüll.«

Am anderen Ende war die Stimme einer jungen Frau zu hören. »Moment, bitte ... ich verbinde Sie mit Francesca Rossi.«

Nach einem Knacken erklang die nächste Frauenstimme, älter und souverän dazu. »Guten Morgen. Spreche ich mit Hannah Lambert?«

Ralf wusste zuerst gar nicht, was er sagen sollte. Doch dann erinnerte er sich an seine Ausbildung zum Polizisten. In deren Verlauf hatte er – aufgrund akuter Personalnot – ein paar Wochen in der Vermittlung beim Landeskriminalamt in Kiel gesessen. Er musste also nur in einen altbekannten Routinemodus umschalten. »Jansen hier, einer von Frau Lamberts Mitarbeitern. Was kann ich für Sie tun?«

»Das würde ich gerne persönlich mit Frau Lambert besprechen«, kam es unterkühlt zurück. »Wäre das möglich?«

»Sie ist nicht da.«

»Dann hat sie doch bestimmt eine Handynummer. Oder etwa nicht?«

»Moment bitte!«

Gegenüber entwickelte sich Oles Gespräch offensichtlich in die falsche Richtung. Auf jeden Fall sah er mittlerweile nur noch genervt aus. Und auch, dass sein neuer Kollege wild gestikulierte, schien seine Laune nicht nachhaltig zu verbessern. »Was gibt’s denn?«, fragte er, während er sein Telefon mit der freien Hand abschirmte.

»Hier will jemand die Handynummer von Frau Lambert haben?«

»Wer?«

»Ne Frau ... schätze, aus Italien.«

»Die soll noch mal anrufen!«

»Ich habe mitgehört«, erklärte Francesca Rossi, als sich Ralf kurz darauf wieder seinem Telefongespräch widmete. »Wann erreiche ich Ihre Chefin denn am besten?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Ralf wahrheitsgemäß. »Probieren Sie’s doch heut Nachmittag noch mal.«

 

»Hat die Frau auch gesagt, was sie wollte?«, erkundigte sich Ole, sofort nachdem auch sein eigenes Telefonat beendet war.

Ralf schüttelte lediglich den Kopf.

»Auf jeden Fall geben wir Hannahs Handynummer nur weiter, wenn’s wichtig ist – oder ein Bekannter.«

»Ist okay, aber ...«

Ole fuhr gleich mit der nächsten Frage dazwischen: »Bist du dir sicher, dass am anderen Ende ’ne Italienerin war?«

»Vorwahl ›0039‹ ... und der Name Rossi klingt ja auch nicht unbedingt nach friesischem Landadel. Was meinst du?«

»Und sie hat nicht gesagt, was sie wollte?« Ole hatte seine Stimme nur noch mit Mühe im Griff. »Kein Hinweis?«

»Sie wollte ausschließlich mit Frau Lambert reden.«

»Und das ist alles?«

»Wieso?« Mittlerweile hörte sich auch Ralf ein wenig genervt an. »Was hat unsere Chefin denn mit Italien zu tun?«

Oles Miene verzog sich gequält. Ein Anzeichen dafür, dass er mit sich selbst rang. Seine ersten Worte klangen mehr wie eine Drohung, als eine Frage: »Kann ich mich darauf verlassen, dass du die Klappe hältst? Von nichts weißt?«

Ralf nickte vorsichtig, sah beinahe ängstlich aus. »Klar! Ich kann schweigen wie’n Grab.«

Ole lieferte die Fortsetzung dennoch mit gesenkter Stimme. »Hannah war früher mal verheiratet. Als sie seinerzeit irgendwann auf ’ner Schulung beim BKA war, hat sich ihr Mann nicht um den gemeinsamen Sohn gekümmert. Seitdem ist der arme Junge geistig behindert und wird niemals ohne fremde Hilfe leben können.«

»Und was hat das alles mit Italien zu tun?«

»Hannahs Exmann ist Italiener«, erwiderte Ole genervt. »Und seit der Sache von damals ist er auf Nimmerwiedersehen verschwunden.«

»Wie lange ist das her?«

»Über zehn Jahre.«

Ralf zeigte auf den Telefonapparat neben sich. »Meinst du, der Anruf eben kann damit was zu tun haben? Nach so langer Zeit?«

»Ich hoffe nicht. Und wenn, dann können wir uns wahrscheinlich warm anziehen.«

»Du machst mir langsam echt Angst«, gab Ralf mit schüchterner Stimme zu. »Ich hab die Versetzung hierher letzte Woche Freitag bekommen, kurz vor Feierabend. Und heut Morgen bin ich gleich losgefahren ... bis eben hab ich mich noch auf den neuen Job gefreut.«

»Wieso?«

Ralf musste nicht lange überlegen. »Wahrscheinlich, weil ich mir in Flensburg immer wie das fünfte Rad am Wagen vorkomme.«

»Da musst du dir hier bei uns keine Sorgen machen: Wir wären nur drei Räder.«

Diese Aussage änderte nur wenig an Ralfs offensichtlicher Ratlosigkeit.

Ole hakte lachend ein. »Auf jeden Fall hattest du keine Zeit, dich über unseren Laden hier zu informieren. Fang einfach an: Was willst du wissen?«

Ralfs Mund öffnete sich, doch das Telefon verhinderte seine erste Nachfrage. Vor ihm nahm Oles Körper Spannung an. Und auch seine Stimme klang plötzlich ganz anders. Klar war, er kannte die Nummer des Anrufers. »Guten Tag, Herr Hoffmann. Was kann ich für Sie tun?« Während er seinem Gesprächspartner zuhörte, legte sich Ole einen Finger an die Lippen und deutete Ralf, sich irgendwo hinzusetzen. »Das kann man so sagen«, fuhr er am Telefon mit eifriger Stimme fort. »Hannah und ... Entschuldigung ... Frau Lambert und ich sind ein gutes Team, ja. Und der neue Kollege ist auch schon da. Danke, dass Sie auch in der Hinsicht an uns denken.«

Plötzlich verfinsterte sich Oles Gesicht. »Ich verstehe nicht«, haspelte er. Es entstand eine längere Pause. Sein Gegenüber hatte wohl einiges zu sagen. Das Gespräch endete dann abrupt und mit lediglich zwei Worten: »Wird erledigt!«

»Was ist denn?«, fragte Ralf, nachdem der Hörer auf der Gabel lag.

»Das war Gerd Hoffmann, unser oberster Chef, wenn man so will.« Ole war anzusehen, wie unwohl er sich plötzlich in seiner Haut fühlte. »Und ich soll dir was ausrichten.«

Ralf nickte erwartungsvoll. Noch glaubte er wohl an ein paar aufmunternde Worte für den ersten Tag in seiner neuen Dienststelle.

Doch es kam anders. Oles Miene verfinsterte sich immer weiter. »Du sollst dich auf den Rückweg nach Flensburg machen und dort bei deinem alten Dienststellenleiter melden. Der weiß über alles Bescheid und erwartet dich schon.«

»Hat Herr Hoffmann auch gesagt, wieso?« Ralfs Stimme klang nach Weltuntergang. »Ich hatte doch noch gar keine Zeit, was falsch zu machen.«

Ole erhob sich, schüttelte seinem Beinahe-Kollegen die Hand und klopfte ihm gleichzeitig auf die Schulter. »Am besten fragst du nicht und machst einfach. Aber wir zwei bleiben sowieso in Kontakt – war lange nicht mehr da oben bei euch in Flensburg.«

 

4

 

Mindestens dreimal täglich war Esther Schmidt mit ihrer Hündin Leila von Kleinmorsum in Richtung Hindenburgdamm unterwegs. Und auch wenn ihr, als Frau von beinahe achtzig Jahren, immer häufiger die Füße wehtaten: Hunde brauchten trotzdem ihren Auslauf, unabhängig von Sonnenschein oder Eiseskälte. Letztere fühlte sich heute beinahe so an, als könne sie kleine Stücke aus ihrem Gesicht herausbeißen. Angefacht vom stürmischen Westwind, kamen ihr fünf Grad minus eher wie zwanzig vor. Da halfen selbst ein dicker Mantel, Mütze und dicke Handschuhe nicht.

Die alte Frau passierte den Golfplatz von Morsum – ein Ort, der bei einer alten Sylterin wie Esther Schmidt grundsätzlich Kopfschütteln auslöste – und bog an dessen Ende auf einen schmalen Feldweg ab. Sie hatte ihr ganzes Leben auf der Insel verbracht, kannte hier jeden Baum und jeden Strauch. Selbst bei Eis und Schnee konnte sie sich problemlos an der spärlichen Vegetation orientieren und musste dafür nicht mal richtig aufschauen. Leila rannte wie immer vorweg und hatte offensichtlich wieder großen Spaß an Mommsens Schafen, die auf ihrer Weide jeden Tag für Abwechslung im Leben einer Hündin sorgten.

Mommsen schimpfte manches Mal fürchterlich über Leilas nicht enden wollendes Gebell. Doch wenn Esther Schmidt auftauchte, dann verstummte sein Gezeter auch schnell wieder. Vorletzte Woche hatte Leila sogar ein halbes Schinkenbrot aus der Brotdose des Bauern abgestaubt. Schließlich war Esther Schmidt immer freundlich zu Hans-Georg Mommsen, trotz seiner fragwürdigen Vergangenheit und Geschichten, die man sich hier auf der Insel seit zwei Jahrzehnten über den Schafzüchter erzählte.

Nachdem die alte Frau einen Knick passiert hatte, erkannte sie ein Stück vor sich Mommsens Traktor. Dessen Motor tuckerte in gleichmäßigem Takt und sorgte mit seiner Wärme für Nebelschwaden, die im Windschatten der riesigen Räder wie Watte auf einer tiefgefrorenen Wiese klebten.

Aber wo war Mommsen? Esther Schmidt erinnerte sich ausgerechnet in diesem Moment an eine Begebenheit aus dem vergangenen Sommer: Leila war auf einer Nachbarweide in Stacheldraht getreten. Also hatte der Bauer die Hündin samt ihres Frauchens nach oben in die Kabine steigen lassen und die beiden zum Tierarzt gefahren. Eine holprige Angelegenheit, doch sie war ihm unverändert dankbar für seine Hilfe. Schließlich hatte sie auch heute noch die blutende Pfote und das schmerzerfüllte Jaulen ihrer Hündin in bester Erinnerung.

Rund um den Traktor hatten sich zahlreiche Schafe eingefunden. Die blökten um die Wette, als ginge es um Leben oder Tod. Nicht mal von Leilas Gebell ließen sich die Tiere heute ablenken.

Esther Schmidt setzte auf dem gefrorenen Feldweg vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bis sie das hölzerne Gatter direkt vor sich hatte. Leila stand auf ihren Hinterpfoten und wollte wohl beim Aufschieben helfen. Nachdem der Riegel geöffnet war, schwang der rechte Flügel wie von selbst nach innen auf. Leila raste sofort in Richtung der Schafe, die erschrocken auseinanderstoben. Aber nicht alle. Einige Tiere standen immer noch wie angewurzelt auf der gefrorenen Weide und starrten mit ihren seltsamen Augen auf eine Kiste, die vor dem Traktor stand.

Als Esther Schmidt das hölzerne Gebilde erreichte, fiel ihr sofort das viele Blut auf, das sich großflächig um die Kiste herum verteilt hatte. Und natürlich dachte sie gleich an eines der Schafe, das sich womöglich am Stacheldraht verletzt oder mit einem wilden Hund angelegt hatte.

Doch wo war dann Mommsen?

Hatte sich der Bauer mit einem Störenfried angelegt? Oder war er bereits auf der Jagd, um weiteren Attacken auf seine Herde zuvorzukommen? Oder hatten es die Wölfe – deutschlandweit mittlerweile in aller Munde – etwa über den Hindenburgdamm bis nach Sylt geschafft? Sicher war nur, dass Mommsen seinen Traktor noch nie allein auf der Weide zurückgelassen hatte. Und wenn, dann bestimmt nicht mit laufendem Motor.

Leila hatte plötzlich das Interesse an den Schafen verloren und ebenfalls die blutverschmierte Kiste entdeckt. Sie sprang immer wieder an deren Seiten empor, doch der Deckel war für einen Mischling mittlerer Größe unerreichbar und ohnehin viel zu schwer.

Der Verschluss, ein stählerner Riegel, der aussah, als hätte er zuvor schon an drei anderen Kisten seine Dienste getan, war ebenfalls blutverschmiert. Esther Schmidt trug Handschuhe und war in diesem Moment froh darüber. Sie rüttelte mehrfach am Verschluss, bis der endlich nachgab. Danach fand sie auch zwei Stellen am Rand des Deckels, die nicht mit Blut besudelt waren. Sie musste alle Kraft zusammennehmen, bis der sich knarrend ein kleines Stück öffnete und den Blick ins Innere der Kiste freigab.

Nur einen halben Atemzug später krachte der Deckel wieder herunter.

Vom Schock wie betäubt, taumelte die alte Frau zwei halbe Schritte zurück. Leila spürte vermutlich ihren Zustand und meinte es nur gut, als sie ihr in die Seite sprang. Das war keine gute Idee. Esther Schmidt machte instinktiv einen Ausfallschritt nach links, bei dem sie der gefrorene Boden rabiat ausbremste. Diese Bewegung endete mit einem Sturz und einem hässlichen Knacken, das von ihrem Oberschenkel stammte. Leila hechelte und leckte ihr übers Gesicht, wollte immer noch helfen. Um einer warmen und feuchten Zunge zu entkommen, warf die alte Frau ihren Kopf zur Seite. Aber nur, um festzustellen, dass sie im gefrorenen Blut eines anderen lag. Wessen Blut das war, daran bestand kein Zweifel …

 

***

 

»Wo ist er?«, fragte Hannah anstelle einer Begrüßung, als sie zur späten Mittagszeit ihr Büro in Niebüll betrat.

Ole, der dem Anschein nach intensiv mit seinem Bildschirminhalt beschäftigt war, ließ sich noch ein wenig Zeit und schaute erst danach auf. »Von wem redest du?«

»Na, von wem wohl?« Hannahs Blick wanderte immer noch kreuz und quer durchs Büro. »Hast du ihn irgendwo vor mir versteckt?«

Ole war anzusehen, dass er den Schalk im Nacken hatte. Doch das Gesicht seiner Chefin verriet, dass die auf weitere Späße empfindlich reagieren würde. Entsprechend fiel seine Antwort aus: »Hoffmann hat angerufen und ihn nach Flensburg zurückbeordert. Zufrieden?«

»Wenn du mich fragst, haben die Kollegen dort sowieso genug zu tun. Hat Gerd auch gesagt, warum er’s sich anders überlegt hat?«

Ole hatte seine Miene nicht mehr im Griff. »Hab gedacht, das lag an dir und deinem Auftritt in Kiel. Dein Gerd war nicht besonders mitteilsam. Hat nur gesagt, dass du ...«

»Angeschaut hätte ich mir den Kollegen aus Flensburg schon gern mal«, unterbrach Hannah auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch. »Was für’n Eindruck hattest du denn?«

»Wir haben hier höchstens ’ne Stunde zusammengehockt«, erklärte Ole genervt. »In der Zeit hast du in Kiel schon für Tatsachen gesorgt. Und die endeten für einen Pseudo-Kollegen mit ’ner Rückfahrt nach Flensburg.«

Hannah lächelte unschuldig. »Und daran willst du jetzt mir die Schuld geben?«

Ole winkte ab. Die letzte Stunde hatte er mit Plänen darüber verbracht, in welcher Art und Weise er seine Chefin mit einer vermeintlichen Hiobsbotschaft konfrontieren sollte. Aber die Stimmung war ohnehin gereizt und damit jede Gelegenheit für einen sanften Versuch durch die Hintertür verspielt. »Hier hat heut Morgen ’ne Anwältin angerufen – aus Italien.«

»Von wo?« Hannah war mit Ihrer Tagespost beschäftigt und offensichtlich abgelenkt.

Ole schaute zur Sicherheit auf seinen Bildschirm. »Eine gewisse Francesca Rossi. Die Frau hat einen Doktortitel und arbeitet für ’ne große Anwaltskanzlei in Neapel. Ich hab dazu schon einiges gegoogelt: Auf den ersten Blick stimmen die bisherigen Angaben.« Ole hatte sich erhoben und hielt Hannah einen Notizzettel entgegen, als er vor ihrem Schreibtisch ankam. »Hier ist die Nummer, falls du sie zurückrufen willst.«

Aus Hannahs Gesicht hatte sich von einem Moment zum nächsten jegliche Farbe verabschiedet. Als der Notizzettel kurz darauf zwischen ihren Fingern steckte, war deutlich zu erkennen, dass die zitterten. Ihr Mund öffnete sich kaum, als sie mit leiser Stimme eine Frage zustande brachte: »Hat die Frau auch gesagt, worum es geht?«

Ole zuckte mit den Schultern. »Ich weiß von nichts. Außerdem hat unser ehemaliger Kollege Ralf mit ihr gesprochen. Ich hab ihm nur verboten, deine Handynummer rauszugeben. Du willst ja sonst auch nicht, dass jemand ...«

Hannahs vor Wut funkelnde Augen brachten ihren Kollegen zum Schweigen. Weil sich danach eine peinliche Stille im Büro ausbreitete, versuchte es Ole mit einer halbherzigen Rechtfertigung: »Ralf hat ihr gesagt, dass sie sich heut Nachmittag wieder melden soll – glaube ich.«

»Glaubst du!«, wiederholte Hannah. Mittlerweile zitterten auch ihre Lippen. »Und was, wenn sie sich nicht wieder meldet?«

Ole zeigte auf den Zettel, der immer noch zwischen den Fingern seiner Chefin steckte. »Dann langst du am besten gleich zum Hörer und rufst bei dieser Anwaltskanzlei in Neapel an. Auf deren Homepage steht, dass in der Telefonzentrale auch Deutsch gesprochen wird.«

Im nächsten Moment klingelten die Telefone auf beiden Schreibtischen gleichzeitig. Weil Hannah offensichtlich zu keiner Bewegung imstande war, linste Ole von oben auf ihr Display. »Sylter Nummer, da geh ich ran. Dann kannst du es gleich in Italien probieren und hören, was die Frau Anwältin …«

»Geh ran!«, fauchte Hannah dazwischen. »Und falls es für mich ist: Ich ruf irgendwann zurück.«

 

5

 

Nachdem sich gegen Mittag ein Anrufer über den ununterbrochen kläffenden Hund seiner Nachbarin beschwert hatte, war im Polizeirevier von Westerland eine Streifenwagenbesatzung aufgebrochen, um in Kleinmorsum nach dem Rechten zu sehen. Dort dauerte es nicht lange, bis Nachbarn von Esther Schmidt die zwei Polizeibeamten in Uniform über sämtliche Gewohnheiten der alten Frau aufgeklärt hatten. Insbesondere, dass diese mit ihrer Hündin Leila – die mittlerweile an der Seite eines der Nachbarn klebte und nur noch leise winselte – regelmäßig in Richtung Hindenburgdamm aufbrach. Und so lag schnell die Vermutung nahe, dass Frau Schmidt etwas passiert und ihr Hund in seiner Not nach Hause zurückgekehrt war.

Auf einer Schafweide hatten die Streifenbeamten Esther Schmidt halb erfroren vorgefunden und sofort einen Rettungswagen alarmiert. Nach dem Blick in eine blutverschmierte Kiste hatten die Polizisten dann Martin Clausen hinzugerufen, den Chef der Sylter Kriminalpolizei.

Der war kurz zuvor eingetroffen und schaute in diesem Moment dem Rettungswagen hinterher, in dem ein Notarzt um das Leben der alten Frau kämpfte.

»Ich bin kein Mediziner, aber ich tippe auf ’nen Oberschenkelhalsbruch«, erklärte der jüngere der beiden Streifenbeamten. Er wollte fortfahren, doch sein älterer Kollege – ein Polizeihauptmeister von Anfang fünfzig – kam ihm zuvor: »Das in der Kiste ist der alte Mommsen.« Aus seiner Stimme war kein Funken Mitleid herauszuhören. »Da hat einer versucht, den Scheißkerl in Einzelteile zu zerlegen – wurde auch Zeit!«

»Wieso Scheißkerl?«, wollte sein jüngerer Kollege wissen.

Doch Martin Clausen stoppte jeden Erklärungsversuch mit einer Handbewegung und zog sein Handy aus der Tasche. Schließlich hatte er selbst bereits einen Blick in die Kiste geworfen und wusste um deren blutigen Inhalt. Danach stand ein erstes Ergebnis fest, mit dem er Ole konfrontierte, als der am anderen Ende der Leitung ein wenig atemlos abnahm: »Fürchte, hier wartet neue Arbeit auf euch!«

»Martin?«

»Leider ja – ich steh hier auf ’ner Schafweide und in einer Kiste vor mir liegt der alte Mommsen. Definitiv tot!«

»Wer liegt da?«

»Du bist wohl zu jung, um die Geschichte zu kennen«, mutmaßte Clausen mit aufgesetzter Fröhlichkeit in der Stimme. »Aber wenn du den Namen ›Hans-Georg Mommsen‹ in unser System eingibst, weißt du hinterher, mit wem ihr es ab sofort zu tun habt. Und glaub mir: Da beneidet euch niemand drum.«

»Ich wollte eigentlich gerade Kuchen holen und Feierabend machen«, witzelte Ole. »Reicht es auch, wenn wir morgen rüberkommen?«

Martin Clausen warf einen Blick in Richtung seiner Kollegen, die im eisigen Westwind trotz wattierter Uniformjacken um die Wette schlotterten. Und er kam auch zu einem Ergebnis: »Dann müsst ihr euch noch um drei weitere Leichen kümmern, fürchte ich.«

Ole klang plötzlich todernst. »Hannah telefoniert noch. Wenn sie fertig ist, machen wir uns auf den Weg – also, wahrscheinlich.«

»Mit wem telefoniert sie denn? Ist die Geschichte wichtiger als ein frischer Mord?«

»Das soll sie dir lieber selbst erklären«, haspelte Ole. »Ich schick dir ’ne Nachricht, wenn ich weiß, auf welchem Zug wir stehen. Und bis dahin hockst du dich am besten zum Auftauen ins Auto.«

 

***

 

Nach dem Auflegen schnappte sich Ole einen Notizzettel und kritzelte darauf herum. Sein Blick fand Hannah, die am Schreibtisch gegenüber gerade mitten im Satz verstummte. Eine hörbar hitzige Debatte zwischen ihr und einer italienischen Anwältin nahm mit jeder Minute an Lautstärke zu. Doch dieses telefonische Scharmützel schien urplötzlich beendet. Auf jeden Fall donnerte Hannah den Hörer mit voller Wucht auf die Gabel und schnaubte wütend.

»Kann ich irgendwas für dich tun?«, erkundigte sich Ole, als genug Zeit verstrichen war. »Hast du vielleicht Lust auf ’nen Schnaps?«

Hannahs Gesicht leuchtete unverändert rot, woran selbst ein energisches Kopfschütteln nichts änderte.

Ole kannte seine Chefin lange genug, um die nicht mit weiteren Fragen zu belästigen. Etwas zur Ablenkung musste her. »Eben hat Clausen angerufen. Auf einer Schafweide wurde ’ne Männerleiche gefunden: ein gewisser Hans-Georg Mommsen. Sagt dir der Name was?«

Hannahs Gesicht verzog sich angestrengt. Doch ihr war anzusehen, dass sie gedanklich noch mit einem ganz anderen Thema beschäftigt war.

Ole klimperte auf seiner Tastatur. »Dieser Mommsen wurde in den späten Neunzigern zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt – hat allerdings nur fünf davon abgesessen.«

»Weswegen?«, erkundigte sich Hannah in beiläufigem Ton.

»Kindesmissbrauch! Es ging damals um ein Mädchen von gerade mal acht Jahren.«

»Und dann ist so ein Scheißkerl mit ’nem blauen Auge davongekommen?« Hannah war anzusehen, dass sie eine Baustelle namens Italien und alles drumherum für einen Moment vergessen hatte. »Ich frag mich, was in diesem Land los ist. Solche Monster sollte man für alle Zeit einsperren und sie nicht ...«

»Da war noch mehr«, unterbrach Ole den verbalen Kreuzzug seiner Chefin. Er überflog ein weiteres Mal den Bildschirminhalt vor sich. »Kurz nachdem Mommsen aus dem Gefängnis entlassen wurde – das war 2004 –, wollte der Vater von dem vergewaltigten Mädchen wohl auf seine Weise für Vergeltung sorgen.«

»Und hat dabei nur Mommsens Frau erwischt«, vervollständigte Hannah mit nachdenklicher Stimme. »Als der rachsüchtige Vater festgenommen wurde, war ich noch ziemlich frisch hier in Niebüll – mir fällt nur der Name nicht ein.«

»Hinnerk Boom«, vermeldete Ole mit stolzer Stimme. »Steht alles hier.« Plötzlich verfinsterte sich seine Miene. »Wir sollten vielleicht auf dem Weg nach Westerland weiter in Erinnerungen schwelgen. Clausen wartet auf uns, und der friert sich den Arsch ab, wenn wir nicht bald vor Ort auftauchen.«

Hannah stand bereits. Sie wollte nach ihrem Mantel langen, verharrte jedoch mitten in der Bewegung. »Ich mag solche Fälle nicht ...«

»Was für Fälle?«

»Wenn’s um Opfer geht, die’s verdient haben.«

Ole zögerte mit seinem Kommentar. Weil die Erklärung jedoch nicht weiterging, präsentierte er seine eigene Einstellung: »Das können wir uns wohl kaum aussuchen. Und ich für meinen Teil werde trotzdem alles tun, um den Mörder zu finden. Das ist schließlich unser Job!«

Hannah schaute ihn an, sah nicht etwa wütend aus, sondern nickte sogar anerkennend. »In der Hinsicht bist du besser als ich – professioneller.«

»Das liegt daran, dass ihr Frauen euch mit Logik schwertut.«

Hannahs Augenbrauen wanderten empor, doch Ole kam ihrer Reaktion überhastet zuvor: »Das gilt allgemein für Frauen – also, nur für ein paar davon – und natürlich nicht für dich. Gott bewahre!«

»Wieso gilt das nicht für mich? Weil ich keine Frau bin?«

»Doch, bist du. Aber ...«

»Aber was?«

Ole schnappte sich seine Daunenjacke. »Lass uns lieber aufbrechen. Clausen wartet.«

 

6

 

»Was war denn nun mit der Frau ... dieser Anwältin?« Hannah hatte kaum den Motor ihres Dienstwagens gestartet, da konnte Ole nicht mehr an sich halten. »Hab ich das richtig mitbekommen: Ist dein Exmann gestorben?«

Hannah gab ein bisschen zu viel Gas. Die Reifen drehten durch und beruhigten sich erst, nachdem die Antischlupfregelung eingriff. Sie schaute wütend zur Seite. »Sollst du fragen?«

Ole tat ganz unbekümmert. »Du hast mir die ganzen Geschichten aus deiner Vergangenheit erzählt, da hab ich wohl auch ein Recht darauf, Neuigkeiten zu erfahren.«

»Nicht mein Ex, sondern sein Vater ist gestorben«, erklärte Hannah nach längerem Zögern. Mittlerweile hatten die beiden Kommissare beinahe die Bahnverladung in Richtung Sylt erreicht. »Der hatte bis vor Kurzem ein italienisches Restaurant und musste aufhören, weil der Krebs irgendwann noch gefräßiger war als seine Gäste.«

»Ein Restaurant auf Sylt?«

»Westerland.«

Ole wartete geduldig, doch es ging nicht weiter. »Und was hat das mit dir zu tun?«

Hannah zeigte nach vorne und gab erneut Gas. »Alle Ampeln grün – wir können direkt auf den Zug rollen.«

Als das passiert war und der Motor zum Stillstand kam, unternahm Ole einen neuen Vorstoß: »Der Vater von deinem Exmann ist tot, okay. Bleibt trotzdem die Frage, was das mit dir zu tun hat. Sorry ... ich kapier’s nicht.«

Hannah schaute erneut zur Seite. Wie schon häufig zuvor umklammerten ihre Finger mit weißen Knöcheln das Lenkrad. Gerade so, als müsste sie auch auf dem Autozug noch lenken. »Er hat Felix alles vererbt: das Restaurant, ein Haus in Keitum und zwei Ferienwohnungen unten in Hörnum – gerade mal zwei Jahre alt.«

»Donnerwetter! Dann ist dein Sohn ab sofort ein steinreicher Mann. Glückwunsch ... ich freu mich für Felix.«

»Wenn überhaupt, ist er ein steinreicher Junge!«, korrigierte Hannah gereizt. »Und einer, der – ohne zu zögern – die Ferienwohnungen gegen ’ne Waffel mit zwei Kugeln Schokoladeneis tauschen würde. An besonders großzügigen Tagen vielleicht auch für eine Kugel.«

Diese Feststellung sorgte zunächst für Schweigen.

Als sich der Zug ruckelnd in Bewegung setzte, wagte Ole den nächsten Anlauf. »Und was wollte die Anwältin? Ging’s um den Erbschein oder worüber habt ihr euch gestritten?«

»Mein Exmann hat von der Sache Wind bekommen und will das Testament anfechten.« Hannah klang zutiefst verbittert. »Und weil er sich hier in Deutschland nicht blicken lassen kann, lässt er sich von dieser Anwalts-Schlange vertreten.«

Ole war anzusehen, dass er sich nur mit aller Gewalt beherrschen konnte.

Hannah ruderte derweil ein Stück zurück. »Okay, ich kenn die Frau gar nicht. Aber für mich ist eben jede, die was mit Gianni Lorenzo zu tun hat, eine ...«

»Ich weiß!«, fuhr Ole dazwischen. »Aber du solltest wenigstens versuchen, dich ein bisschen zu beherrschen. Das gerade eben am Telefon war für meinen Geschmack schon zwei Nummern zu heftig – eher drei.«

Hannah wollte gerade antworten, doch Oles Handy hielt sie davon ab.

Der schaute aufs Display und stöhnte genervt.

»Privat?«, erkundigte sich Hannah neben ihm und erntete ein zaghaftes Nicken. Sie packte ihn am Handgelenk. »Dann geh ran, klär deine Sachen und hinterher konzentrieren wir uns auf unseren neuen Fall. Von Italien und allem drumherum will ich erst mal nichts mehr hören. Ist das klar?«

Ole nickte, befreite sein Handgelenk aus der Umklammerung und nahm das Gespräch ohne Begrüßung an. »Ich arbeite noch immer!« Seine Stimme senkte sich um eine Oktave. »Hab ich dir nicht gesagt, dass du diese Nummer nur wählen sollst, wenn’s brennt?«

Neben ihm kicherte Hannah leise. Oles amouröse Abenteuer sorgten schon seit Monaten für ein wenig Aufmunterung im ansonsten viel zu häufig tristen Dienstalltag. Und auch die Tatsache, dass der junge Kommissar es beinahe alle vier Wochen mit einer neuen Verehrerin von mindestens Anfang vierzig zu tun hatte, tat ihr Übriges dazu.

»Heut Abend hab ich keine Zeit«, fuhr Ole genervt fort. »Wir können vielleicht morgen ...« Er verstummte abrupt und musste wohl zunächst einem längeren Vortrag lauschen. »Ich sehe mal, was sich machen lässt. Und ja – zum dritten Mal –, es war schön gestern Abend.«

»Wird da jemand anhänglich?«, fragte Hannah, nachdem das Gespräch beendet war. »Oder brennt’s doch irgendwo?«

Dieses Mal schaute Ole genervt zur Seite. »Du willst nicht über Italien reden und ich nicht über ...«

»Über wen?«, bohrte Hannah lachend. »Sag mir wenigstens ihren Namen, damit ich ihn gleich wieder vergessen kann.«

Ole schüttelte energisch den Kopf und absolvierte einen Themenwechsel. »Dieser Mommsen: Was weißt du ansonsten über den Kerl?«

»Ich weiß nur, dass er tot ist – von dir. Es sei denn, die Kollegen auf Sylt haben sich geirrt.«

»Und was noch?«

»Das war alles lange vor meiner Zeit«, erwiderte Hannah mit nachdenklicher Stimme. »Wie gesagt: Ich erinnere mich noch, wie dieser Hinnerk Boom verhaftet wurde. Der hat Mommsens Ehefrau auf bestialische Weise getötet und Mommsen selbst hätte wohl auch dran glauben müssen, wenn die Kollegen seinerzeit nicht rechtzeitig aufgetaucht wären. Da hat nicht viel gefehlt.«

»Alles wegen der Missbrauchsgeschichte?«

»Wieso? Reicht das etwa nicht?«, fragte Hannah wütend.

»Ich will doch nur wissen, ob da vielleicht noch mehr war«, wiegelte Ole ab. »Musst du immer so empfindlich reagieren? Oder glaubst du etwa, ich würde nicht am liebsten jedem Vergewaltiger ...«

»Ist schon okay!« Hannah tätschelte ihrem Kollegen den Unterarm. »Ich bin wegen der Geschichte mit Italien ziemlich angefressen, sorry.«

»Weil alles wieder von vorne losgeht?«, erkundigte sich Ole mit gefühlvoller Stimme.

Das sorgte neben ihm für ein paar heftige Atemzüge. Doch Hannah hatte auch eine Antwort parat: »Ich will das nicht! Ich will nicht wieder von vorne anfangen, nur, um festzustellen, dass jede neue Spur genauso im Sande verläuft.«

»Und was dann?«

Hannah überlegte eine ganze Weile, aber es blieb doch nur bei einem Kopfschütteln.

Ole lieferte ihr bereitwillig eine Steilvorlage: »Vielleicht konzentrieren wir uns erst mal auf unseren neuen Fall. Und egal, ob dieser Mommsen ein Schwein war oder nicht: Wir werden seinen Mörder jagen, bis wir ihn gefunden haben«, ging es mit filmreifer Stimme weiter.

Hannahs Gesicht verzog sich gequält. »Diese Anwältin will nach Deutschland kommen, irgendwas mit mir besprechen. Aber die braucht nicht zu glauben, dass ich ihr auch nur einen Millimeter entgegenkomme. Nicht, so lange sie dafür nicht mit der Adresse von meinem Exmann um die Ecke kommt.«

Ole klang ein wenig hilflos. Er hatte gehofft, das Thema Italien sei vorerst erledigt. »Ich glaube, du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt. Am besten gibst du die ganze Sache ’nem Anwalt und lässt den alles regeln. Ich meine: Italien ... Neapel ... Mafia. Comprende?«

»Ist ›Comprende‹ nicht spanisch. Auf Italienisch heißt es ...«

»Das ist mir doch egal! Ich will nicht, dass du dich mit deinen ständigen Wutausbrüchen in Gefahr bringst. Das ist alles.«

»Du hast recht: Wir konzentrieren uns lieber auf unseren neuen Fall.« Hannah zeigte durch die Windschutzscheibe nach vorne. »Wir sind gleich da. Hoffen wir, dass wenigstens Martin noch lebt.«

 

7

 

»Die Lambert ist aber auch ’ne frustrierte Zicke«, beklagte sich der ältere Uniformierte bei seinem jüngeren Kollegen, der neben ihm auf dem Beifahrersitz hockte. Die Heizung des Streifenwagens lief auf höchster Stufe. Um sich zu verständigen, mussten die Männer beinahe brüllen. »Letzte Woche hat sie mich am Telefon gefaltet, weil ihr mal wieder irgendwas nicht schnell genug ging. Das nächste Mal mach ich’s mir einfach: Wenn ich ihre Nummer sehe, geh ich gar nicht erst ran.«

»Hannah hat ’ne schwere Zeit hinter sich«, protestierte Martin Clausen von der Rückbank aus. Er hatte sich zu seinen Kollegen im Streifenwagen gesellt, um die Wartezeit nicht allein und schweigend überbrücken zu müssen. »An ihrer Geschichte wäre manch anderer komplett zerbrochen – vermutlich die meisten.«

»Wir haben es doch alle schwer«, erwiderte der ältere Streifenkollege unbeeindruckt. »Vor ’nem Dreivierteljahr hat sich meine Madame abgesetzt und ich seh meine Tochter seitdem nur noch alle vier Wochen. Dafür darf ich jedes Mal ’ne halbe Weltreise machen, weil der neue Oberstecher ausgerechnet aus Nürnberg kommt.«

Martin Clausen wollte schon etwas erwidern, doch der jüngere Uniformierte auf dem Beifahrersitz kam ihm zuvor. »Da kommt übrigens deine beste Freundin!«

»Und unser Ole ist auch dabei«, stellte Clausen lachend fest. Danach legte er seinem älteren Kollegen von hinten die Hände auf die Schultern. »Der kann ja den Ringrichter spielen, wenn du deine Probleme mit Hannah ausboxt. Bin gespannt, wer von euch beiden am Ende noch steht.«

»Verzichte«, kam es von vorne zurück. Im nächsten Moment öffneten sich am Streifenwagen zeitgleich drei Türen.

Hannah war ebenfalls ausgestiegen und eilte bereits auf die Gruppe von Männern zu. »Wir wollen uns die Sache erst mal allein anschauen!« Sie zeigte zum Traktor hinüber und auf die Kiste, um die herum zahllose Fußabdrücke erkennbar waren. Die stammten von Esther Schmidt, den Polizisten, Rettungssanitätern und einem Notarzt. »Wahrscheinlich ist jetzt schon nichts mehr

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Melanie Schubert
Bildmaterialien: haiderose https://stock.adobe.com/de/images/eistraum/194683335?prev_url=detail eistraum Blickfang https://stock.adobe.com/de/images/sylt-winter-mit-schnee-am-strand-leuchtturm/136698376?prev_url=detail Sylt Winter mit Schnee am Strand Leuchtturm Ig0rZh https://stock.adobe.com/de/images/frozen-window/48040014?prev_url=detail Frozen window
Cover: Chris Gilcher (buchcoverdesign.de)
Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann (worttaten.de)
Tag der Veröffentlichung: 04.02.2019
ISBN: 978-3-96465-122-8

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