Cover

Titel

Ausgerechnet Sylt

Friesenkrimi (Hannah Lambert ermittelt 1)

 

Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.02

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Meine lieben Testleserinnen Lia und Birgit

 

Covergestaltung: Chris Gilcher – buchcoverdesign.de

 

Inhalt

 

Ausgerechnet Sylt … denkt sich Hannah Lambert, schon bevor sie ihre neue Dienststelle in Nordfriesland antritt. Denn dort wartet bereits Arbeit auf die Hauptkommissarin: Auf dem Autoreisezug Richtung Westerland wurde ein Mann erschossen. Anfangs ermitteln Hannah und ihr neuer Kollege Sven-Ole in alle Richtungen. Schließlich könnte es sich bei Doktor Jakob Rubin – einem Notar im Ruhestand – auch ebenso gut um ein zufälliges Opfer handeln. Doch diese Möglichkeit scheidet aus, nachdem ein weiterer Mord geschieht. Stück für Stück entwirren die Ermittler eine jahrzehntealte Fehde, bei der alle Beteiligten weit mehr als nur ihren üppigen Wohlstand zu verlieren haben …

 

»Ausgerechnet Sylt« ist Teil 1 der neuen Friesenkrimi-Reihe rund um

Hauptkommissarin Hannah Lambert und ihre Kollegen

(Jeder Fall ist in sich abgeschlossen)

 

Am Ende wartet noch eine kleine Leseprobe von:

Eisiger Tod (Wegners erste Fälle Teil1)

 

Weitere Informationen und Bücher findet Ihr auf meiner Homepage:

 

ThomasHerzberg.de

 

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1


»Ich hab langsam echt die Schnauze voll! Da steht man extra mitten in der Nacht auf und trotzdem stundenlang hier vor dem Autozug in der Schlange. Wenn es nicht gleich weitergeht, dann ...«

»Hör bitte auf, Jörg!« Martina Weinhold starrte zwar weiter aus dem Seitenfenster, doch ihre Stimme verhieß Kampfbereitschaft. »Die Kinder und ich schwitzen genauso – und wir meckern nicht die ganze Zeit rum.«

»Nächstes Jahr sparen wir uns Sylt einfach!« Jörg Weinhold wollte offensichtlich nicht einlenken, sondern feierte seine spontane Idee mit begeisterter Stimme. »Wenn der Urlaub so anfängt, kann man ihn doch gleich komplett vergessen. Da hock ich lieber zwei Wochen jeden Tag am Baggersee und nachts lieg ich in meinem eigenen Bett. Perfekt!«

»Willst du, Papa?« Die vierjährige Maja lehnte sich zwischen den Sitzen nach vorne und hielt ihrem Vater eine Saftflasche entgegen. »Du magst doch Trauben«, erklärte sie mit kindlichem Charme.

Doch der unverändert aufgebrachte Familienvater schob seine Tochter samt Flasche zurück auf die Sitzbank. »Ich hab doch gesagt, ihr sollt da hinten angeschnallt bleiben! Red ich Chinesisch oder was?«

»Was soll den Kindern denn passieren? Wir haben uns seit zwei Stunden keinen Zentimeter bewegt.« Martina Weinhold zeigte nacheinander in sämtliche Richtungen. »Überall stehen Autos … wenn überhaupt, müsste ein Hubschrauber auf unser Autodach stürzen.«

Ihr Mann wollte etwas erwidern, als am Wagen vor ihm plötzlich die Bremsleuchten aufflammten. Ein klares Anzeichen für unverhoffte Entspannung.

»Es geht weiter!«, jubelte die kleine Maja passend dazu auf der Rückbank.

»Siehst du ...« Martina Weinhold tätschelte ihrem Mann von der Seite die Schulter. »... spätestens in ’ner Stunde fahren wir in Westerland vom Zug runter und liegen nachmittags schon am FFK-Strand in Rantum. Das nenne ich perfekt!«

»Und vielleicht ist es doch ein bisschen schöner als am Baggersee«, lenkte Jörg Weinhold mit leiser Stimme ein. »Ich hab trotzdem das Gefühl, es wird jedes Jahr schlimmer.«

Seine Frau zuckte mit den Schultern und zeigte durch die Frontscheibe nach vorne. »Am besten fährst du einfach«, forderte sie ihn lachend auf. »Erst stehen wir stundenlang und dann kommst du nicht in die Gänge.«

 

Zehn Minuten später war die Autoverladung abgeschlossen. Ein Bahnmitarbeiter, der offensichtlich alle Zeit der Welt hatte, verriegelte hier noch eine Absperrung oder prüfte dort in aller Seelenruhe einen Verschluss. Kurz darauf setzte sich der Zug ruckelnd in Bewegung.

»So ’ne Karre fährt man auch nur, wenn man nicht mehr weiß, wohin mit seinem Geld«, schimpfte Jörg Weinhold und zeigte nach vorne. Direkt vor dem Minivan der Familie stand ein riesiger SUV. Schwarz, und auch die Scheiben waren getönt, sodass vom Innenraum kaum etwas zu erkennen war. »Hast du den Typen gesehen, der drinhockt? Der war doch vorhin zum Pinkeln und hat uns …«

»Ich kann gar nichts sehen«, fuhr seine Frau genervt dazwischen. »Für mich sieht das Teil wie ein Sarg auf Rädern aus. Ich frage mich, ob man durch solche Scheiben wenigstens nach draußen gucken kann – was für ein Auto ist das überhaupt?«

»Keine Ahnung. Wohl irgendein Ami ...«

»Ist mir auch völlig schnuppe«, stöhnte seine Frau. Danach ließ sie sich gegen die Rückenlehne fallen. »Jetzt fängt der Urlaub an«, stellte sie erleichtert fest und ließ neben sich das Seitenfenster herunter. Der Zug hatte ein wenig Fahrt aufgenommen, ihre Haare flatterten im Wind.

»Es zieht, Mama!«, erklang sofort Majas Protest von der Rückbank.

»Ich glaube, es ist ein Yukon, von General Motors«, erklärte der Familienvater, nachdem er eine Weile auf seinem Handy herumgewischt hatte. »Oder es ist ...«

»... mir immer noch völlig wurscht«, unterbrach ihn seine Frau. Sie drehte sich nach hinten zur Rückbank um. Neben der vierjährigen Maja saß dort im Kindersitz deren kleine Schwester: Emma, auf den Tag genau elf Monate alt. »Ich glaube, sie hat die Windel voll«, beschwerte sich die Mutter mit gerümpfter Nase. »Am besten verpass ich ihr schnell ’ne neue, bevor wir in Westerland ankommen.«

»Bloß nicht!«, keuchte Jörg Weinhold. »Wenn wir hinterher nicht mal die Fenster aufreißen können, dann überleb ich die Aktion nicht.«

»Stell dich doch nicht so an.« Seine Frau hatte bereits den Sicherheitsverschluss am Kindersitz entriegelt und verfrachtete die winzige Emma direkt auf ihren Schoß. »Ich brauch die Wickeltasche, Maja!«

Auch dieses Utensil wanderte nach vorne. Nachdem sämtliche Reißverschlüsse geöffnet waren, führte das zur logischen Beschwerde. »Wo sind denn die ganzen Feuchttücher geblieben?«

Maja wedelte zwar mit einer durchsichtigen Plastiktüte, sah dabei jedoch aus, als wäre sie den Tränen nahe.

Grund genug für den Familienvater, sich ebenfalls nach hinten umzudrehen. »Das gibt’s doch gar nicht: Sie hat den ganzen Sitz mit ihrem Traubensaft vollgesaut. Die Feuchttücher hat sie benutzt, um die Schweinerei ...«

Majas herzzerreißendes Schluchzen unterbrach diese Feststellung.

Ihre Mutter hatte weiter vorne zwei Klettverschlüsse kurzerhand wieder verschlossen und drückte ihrem Mann die kleine Emma in die Hände. Die gluckste zufällig gerade, schien sich über irgendwas zu freuen. »Ihre Windel hält auch noch bis Westerland«, erklärte Martina Weinhold. »Wir stoppen zuerst vor ’nem Drogeriemarkt, damit sie nicht wieder tagelang schreit, weil ihr Popo wund ist.«

Ein mittlerweile frustrierter Ehemann lieferte sein Fazit mit einiger Verzweiflung in der Stimme: »Weißt du noch damals: unsere ersten Jahre ... ohne Kinder?«

»Als du jedes Wochenende zwei Tage auf dem Fußballplatz gestanden und mich mit den Frauen von deinen dämlichen Kumpels alleingelassen hast? Klar! Davon hab ich heute noch Albträume.«

Jörg Weinhold winkte ab. Er zeigte durch die Windschutzscheibe. »Da vorne fängt der Hindenburgdamm an.«

Maja lehnte sich wieder zwischen den Sitzen hindurch und hatte schon die nächste Beschwerde: »Papa hat gesagt, Sylt wäre eine Insel.«

»Sie hat recht«, stöhnte ausnahmsweise die Mutter. »Früher war hier links und rechts noch Wasser zu sehen. Heute hat man gar nicht mehr das Gefühl, als würde man wirklich auf ’ne Insel fahren.«

 

Nach einer weiteren Viertelstunde mit Zankerei, Gestank und Versöhnung – vorbei an den Orten Morsum, Keitum und Tinnum – erreichte der Autozug den Bahnhof von Westerland. Hier ging alles deutlich schneller. Die Absperrungen waren bereits geöffnet, als der Zug ruckelnd zum Stehen kam.

»Endlich!« Jörg Weinhold klang, als könnte er es gar nicht glauben. »Wir fahren direkt zu unserer Ferienwohnung, laden aus und dann geht’s ab an den Strand. Das nenne ich Urlaub, Kinder!«

Neben ihm wedelte seine Frau mit der leeren Verpackung der Feuchttücher.

»Ach ja.« Es folgte ein Lachen, das trotz eines erforderlichen Umwegs unverändert erleichtert klang. »Vorher sorgen wir noch für ’nen sauberen Pöscher und dann geht’s an den Strand.« Der Familienvater fing die Blicke seiner Familie nacheinander ein. »Alle einverstanden?«

Gemeinschaftliches Nicken.

»Was ist denn mit dem da vorne los?«, beschwerte sich Martina Weinhold. »Vor dem sind alle längst vom Zug runter.« Passend zu dieser Feststellung erklangen bereits mehrere unterschiedliche Hupen von weiter hinten.

An diesem Konzert beteiligte sich jetzt auch Jörg Weinhold. »Wieso fährt der Idiot denn nicht?«

Im schwarzen SUV machte niemand Anstalten, wenigstens den Motor zu starten. Im VW-Bus hinter dem Familien-Van stand offensichtlich jemand auf der Hupe oder die klemmte.

Jörg Weinhold gestikulierte wütend und steckte seinen linken Arm aus dem offenen Seitenfenster, um seinem Hintermann einen freundlichen Gruß mit ausgestrecktem Mittelfinger zu schicken. »Ich steig mal aus und sehe nach, was da vorne los ist.«

»Das lässt du schön bleiben!« Seine Frau hatte ihn an der Schulter gepackt und hielt ihn fest. »Wenn du das zu regeln versuchst, kann ich wahrscheinlich die erste Woche hier auf Sylt alleine mit den Kindern rumhocken. Und das, während irgendein Anwalt versucht, dich aus dem Knast zu holen. Ich erledige das!«, sprach sie und hatte bereits den Türöffner in der Hand.

»Wo willst du denn hin, Mama?« Die kleine Maja klang ängstlich. Ihre kindlichen Instinkte signalisierten offensichtlich Gefahr. »Warte, ich komme mit.«

»Das lässt du schön bleiben!«, fluchte ihr Vater nach hinten. Sein wütender Blick ließ eine Vierjährige glatt erstarren.

Weiter vorne hatte Martina Weinhold bereits die Beifahrerseite des SUV erreicht. Sie schüttelte den Kopf, weil sie durch die getönten Seitenscheiben offensichtlich keinen Blick ins Wageninnere werfen konnte. Also schob sie sich auf dem Bahnwaggon zentimeterweise weiter nach vorne, denn durch die Frontscheibe dürfte wohl mehr zu sehen sein.

»Hoffentlich kommt der Kerl gleich in die Gänge!«, pöbelte Jörg Weinhold wütender als je zuvor. »Wenn deine Mutter das nicht schnell regelt, dann fahr ich die Scheißkiste selbst vom Zug runter.«

»Du sollst doch nicht fluchen, Papa.«

»Jetzt kann Mama anscheinend was sehen«, erklärte der Vater ein wenig kleinlauter. »Wird Zeit, dass wir ...« Jörg Weinhold verstummte für einen Moment. Was daran lag, dass seine Frau mit offenem Mund und kreidebleichem Gesicht vor dem SUV stand. Ihr war anzusehen, dass sie mit einer Ohnmacht kämpfte. Sie hielt sich an einer gewaltigen Motorhaube fest, sackte aber trotzdem mit jedem Atemzug weiter in sich zusammen.

Ihr Mann wirbelte zur Rückbank herum und zeigte mit dem Finger auf die kleine Maja. »Egal, was passiert: Du bleibst sitzen! Ist das klar?«

Die Vierjährige nickte vorsichtig. »Und du?«

»Ich schaue, was mit Mama los ist.« Jörg Weinhold hatte sich zurückgedreht, von seiner Frau war nichts mehr zu sehen. »Was ist denn da vorne los?«




2


Hannah Lambert kam sich an diesem Montagmorgen im Gebäude der Landespolizei-Schleswig-Holstein wie verloren vor. Wie immer! Die endlosen Gänge glichen einem Labyrinth. Überall Türen, doch aus keinem der Räume drang ein Geräusch bis auf den Flur. Hinter den meisten davon saßen hoch bezahlte Beamte, die das Leben eines richtigen Polizisten auf der Straße längst vergessen oder nie erlebt hatten.

Selbst in der obersten Etage war die Atmosphäre mit der in einem Bestattungsunternehmen vergleichbar. Dort saß Hannah mittlerweile seit zwanzig Minuten auf einem Stuhl und wartete darauf, dass sich vor ihr eine Tür öffnete. Dahinter saß die Sekretärin des Leiters der Landespolizei.

Während Hannah noch überlegte, wie lange ihr letzter Besuch hier in Kiel zurücklag, öffnete sich die Tür vor ihr im Zeitlupentempo. Eine grauhaarige Endfünfzigerin steckte den Kopf auf den Flur. »Herr Hoffmann hätte jetzt Zeit für Sie.«

Hannah fragte sich noch, was der wohl vorher getan hatte. Schließlich hatte niemand den Raum verlassen und auf dem Flur herrschte Totenstille, seitdem sie hier saß. Doch solche Angelegenheiten gehörten wohl zu den letzten großen Rätseln der Menschheit, die geduldig auf ihre Lösung warteten.

Hannah marschierte schnurstracks an der Sekretärin vorbei und bog nach links ab. Schließlich wusste sie ganz genau, wo der Chef der Landespolizei saß. Schon als kleines Kind hatte sie in dessen Büro gehockt – damals noch zwei Etagen tiefer – und hatte mit Autos gespielt, während ihr Vater und Gerd Hoffmann über völlig uninteressantes Zeug redeten.

Die Tür stand offen. »Da ist ja mein Krümel!«, jubelte der Polizeichef und schoss hinter seinem Schreibtisch empor. Diesen Spitznamen, der auf Hannahs nicht gerade stattliche Körpergröße zurückzuführen war, hatten zeitlebens nur zwei Menschen verwendet: Ihr Vater, Rainer Lambert und sein ältester und bester Freund, der ihr in diesem Moment lächelnd gegenüberstand. Erfreulicherweise, denn solche Kosenamen entwickelten sich mit zunehmendem Alter immer mehr zu einer Belastung.

»Gut siehst du aus«, schwärmte Gerd Hoffmann.

Dieses Kompliment konnte nicht ernst gemeint sein. Hannah hatte zwei Nächte kaum geschlafen. Hinzu kamen Hunger und schlechte Laune, denn dieser Besuch in Kiel sollte den Beginn einer neuen Etappe markieren, vor der sie sich schon seit Jahren hartnäckig drückte.

Der Polizeichef wirkte mittlerweile ein wenig verunsichert. »Hast du gut hergefunden?« In seiner Not umschloss er Hannah mit beiden Armen.

Die lachte zum ersten Mal und schaffte es, sich aus der albernen Umklammerung zu befreien. Sie fiel in einen von zwei Besuchersesseln vor dem Schreibtisch und schlug die Beine demonstrativ übereinander. »In Kiel kann man sich gar nicht verfahren«, erklärte sie und zeigte mit Blicken auf die andere Schreibtischseite. Das war zwar unhöflich, aber zumindest eine klare Ansage in Sachen weiterer Liebkosungen, auf die sie lieber verzichten wollte.

Gerd Hoffmann hatte diesen Wink verstanden und fiel kurz darauf in seinen eigenen Chefsessel. Seine fröhliche Miene und sein Lächeln hatten jedoch keinen Deut nachgelassen. »Erzähl schon … wie geht’s dir?«

Hannah winkte ab. Damit schaffte sie es, im Gesicht ihres Gegenübers zum ersten Mal für einen Schatten zu sorgen.

»Ich meine erst mal nur gesundheitlich«, erklärte Hoffmann übereilt. »Bist du …?«

»Mir geht’s gut!«, fuhr Hannah genervt dazwischen. Sie zeigte auf einen Terminkalender, der aufgeklappt auf dem Schreibtisch lag. »Du hast mich zu einem Gespräch eingeladen. Willst du mir auch verraten, warum? Oder wollen wir lieber über Dinge reden, die man sowieso nicht ändern kann?«

Gerd Hoffmann hatte sich noch immer voll im Griff. Selbst die Antwort auf diese letzte – nicht besonders freundliche – Frage präsentierte er lächelnd: »Wie wäre es mit ’nem neuen Job?«

Hannah nickte und versuchte krampfhaft, so interessiert wie möglich auszusehen. Tatsächlich hätte sie am liebsten sofort die Flucht ergriffen. Und das nur, um sich in ihrem neuen Zuhause – einer Zweizimmerwohnung in Hattstedt, nahe Husum – wieder unter ihrer Bettdecke zu verkrümeln. Nichts hören, nichts sehen und am besten kein Wort reden. Genau so, wie sie es in den letzten zwei Monaten seit ihrer Rückkehr aus München getan hatte.

Passend dazu fuhr Gerd Hoffmann fort: »Hab gehört, auf deiner letzten Dienststelle gab’s Ärger.« Diesen Umstand wischte er mit einer Handbewegung vorerst beiseite. »Kann ich verstehen: Was ein richtiger Fischkopp ist, der kann sich südlich vom Weißwurst-Äquator gar nicht wohlfühlen. Eine wie du ist nur an der Nordseeküste richtig aufgehoben. Da gehörst du hin!«

In Hannahs Gesicht war mit viel Fantasie ein Lächeln zu erkennen. Aber auch nur, weil der Mann vor ihr als Letzter auf dieser Welt ihren Zorn verdient hatte.

Als ihre Zähne endlich bereit waren, ihre Unterlippe loszulassen, war sie wenigstens zu einer Frage imstande: »Hab ich dir meine Beförderung zur Hauptkommissarin zu verdanken – trotz der Probleme in München?«

Hoffmann schwieg, aber das war bereits Antwort genug.

»Ich brauche deine Hilfe nicht, um bei der Kripo Karriere zu ma...«

»Und ob du meine Hilfe brauchst!« Zum ersten Mal verfinsterte sich Gerd Hoffmanns Miene. »Du willst es wahrscheinlich nicht wahrhaben, aber mir fällt auf Anhieb keine Dienststelle mehr ein, die dich noch freiwillig nimmt. Und vielleicht hast du’s vergessen: Da unten in München musste ich dir seinerzeit auch in den Sattel helfen – kein Problem, hab ich gern gemacht.«

Hannah hob den Kopf und schaute ihrem großen Gönner direkt in die Augen. Ihr war nach Heulen zumute, aber dafür war dies weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt. Ihr Mund öffnete sich millimeterweise. »Hast du mich eingeladen, um mir das alles zu erzählen?«

Hoffmann schüttelte energisch den Kopf. »Ich will dir einfach nur einen neuen Job anbieten. Hast du Interesse?«

Hannah wollte schon antworten, als die Tür zum Büro aufflog. Zwei Atemzüge später stand die graue Vorzimmerdame neben ihr und schaute mit gekräuselter Nase zu ihr hinunter. Auch die Erklärung dafür ließ nicht lange auf sich warten: »Ihre Vermieterin hat alle hier verrückt gemacht.«

Auf beiden Seiten des Schreibtischs sorgte schon dieser erste Satz für entsprechende Verwunderung.

Hannah fischte ihr Handy aus der Hosentasche und fand vier entgangene Anrufe, die sie bei unterdrücktem Klingelton natürlich nicht mitbekommen hatte. Alle stammten von ihrer neuen Vermieterin: Erna Hansen, die schon ihr ganzes Leben lang in Hattstedt wohnte und nach dem Tod ihres Mannes viel zu viel Platz in ihrem riesigen Bauernhaus hatte. Als Polizistin musste Hannah vor zwei Monaten nicht mal eine Verdienstbescheinigung vorlegen, um einen Mietvertrag zu bekommen.

»Was wollte die Vermieterin denn?«, erkundigte sich Gerd Hoffmann. Ihm war anzusehen, dass er mit einem Grinsen kämpfte. »Brennt’s irgendwo?«

Die Sekretärin tat einen hörbaren Atemzug. »Frau Lambert hat ihre Tür wohl nicht richtig verschlossen. Das hat dafür gesorgt, dass ihre Katze ausbrechen konnte.«

»Was ist mit meinem Joschi?«, fragte Hannah panisch nach. Dabei schoss sie aus ihrem Sessel empor. Doch sie kam nicht mehr zu einer weiteren Nachfrage.

»Ein Nachbar hat sie eingefangen«, erklärte die graue Vorzimmerdame unterkühlt. »Sie sollen das Tier heute Abend bei Benno abholen.«

»Bei Bruno«, korrigierte Hannah lachend. Sie klang erleichtert und fiel zurück in ihren Sessel. »Danke!«

Gerd Hoffmann sorgte mit einer Geste dafür, dass dieses Gespräch wieder unter vier Augen stattfinden konnte. Nachdem sich die Tür zu seinem Büro geschlossen hatte, fuhr er fort: »Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden: Dieser neue Job ist wohl deine letzte Chance, um überhaupt noch irgendwo richtig Fuß fassen zu können.« Hannahs Mund öffnete sich bereits für eine Antwort, aber davon ließ sich der Polizeichef nicht abhalten. »Deine Personalakte ist ein einziges Chaos. Seit der Geschichte mit deinem Sohn reiht sich ein Chaos ans andere und ...«

»Darüber will ich nicht reden!«, fuhr Hannah wütend dazwischen. »Alles, was damals passiert ist, gehört für mich ab sofort zur Vergangenheit. Klar?«

»Natürlich … wenn du es dieses Mal wirklich ernst meinst.«

»Was bleibt mir denn anderes übrig?« Die Tränen, die Hannah lange Zeit hatte unterdrücken können, liefen plötzlich ihre Wangen hinunter. »Ich hab zehn Jahre lang nach seinem Vater gesucht ...«

»... und ihn nicht gefunden«, vervollständigte Hoffmann der Form halber. »Glaub mir: Ich hab auch nichts unversucht gelassen, um ...«

Hannah winkte ab und sorgte damit für Ruhe. Es wurde höchste Zeit, das Thema zu wechseln. »Was ist das für ein Job? Sucht ihr einen neuen Pförtner?«

»So ein Posten wird’s beim nächsten Mal«, erwiderte Hoffmann lachend. Dieser Themenwechsel sorgte auch bei ihm für Erleichterung. Er langte nach einer Mappe auf seinem Schreibtisch und schlug die auf. »Wir strukturieren um«, begann er, angesichts dieser Feststellung, sichtlich frustriert. »Wieder mal!«

»Und irgendwann kommt ihr dort an, wo ihr angefangen habt«, erklang die dazu passende Antwort.

»Sei’s drum!« Hannahs Chef wollte sich diesbezüglich ganz offensichtlich nicht auf Diskussionen einlassen. »Ich brauche jemanden für Nordfriesland ...«

»Für ganz Nordfriesland? Worum geht’s denn dabei?«

»Um Mord!« Hoffmann warf die Mappe vor sich auf den Schreibtisch. »Wie gesagt: Wir strukturieren um – deine paar einsatzbereiten Kollegen von der Kripo dort haben mit anderen Verbrechen schon alle Hände voll zu tun.«

Hannah schwieg und wartete geduldig auf die Fortsetzung.

Die folgte mit leicht gequälter Miene: »Du bist für alles zwischen St. Peter-Ording und ...«

»... Westerland zuständig«, beendete sie kopfschüttelnd. »Hast du eigentlich ’ne Ahnung, was das für mich bedeutet?«

Hoffmann nickte zwar, doch sein Mund blieb fest verschlossen.

»Wie lange hab ich Zeit, um darüber nachzudenken?« Hannahs Kopf flog hin und her. Irgendetwas behagte ihr ganz und gar nicht. »Und wann soll’s überhaupt losgehen?«

»Gestern!«

Hannahs Kopf kam nicht zur Ruhe. Ihr nächstes Fazit lieferte sie mit wütendem Gesicht. »Weil bereits mein erster Fall auf mich wartet: Die Sache auf dem Autozug, richtig?«

Hoffmann heuchelte Verwunderung. »Du hast davon gehört?«

»Davon hat jeder gehört, der seit letztem Freitag das Radio eingeschaltet hat.« Hannah lachte, aber das hatte nichts mit Freude zu tun. »Ich glaube, es gibt niemanden in Schleswig-Holstein, der nicht davon weiß.«

Gerd Hoffmann war mit den Unterlagen auf seinem Schreibtisch beschäftigt, schob die hin und her. Sein Gehabe machte klar, dass er auf eine Entscheidung wartete.

»Wem wäre ich denn unterstellt?«, wollte Hannah wissen. Wobei ihre Stimme kein sonderlich großes Interesse an einer Antwort verhieß.

»Dem Chef der Polizeidirektion in Flensburg und mir. Ansonsten hast du – wenn es um Mord geht – vor Ort das Sagen und kannst auch auf alle Ressourcen hier beim Landeskriminalamt zurückgreifen.«

Hannah nickte und sah zum ersten Mal halbwegs zufrieden aus. »Willst du mir das wirklich antun – ausgerechnet Sylt?«

Hoffmann wich ihrem Blick aus, lieferte aber trotzdem eine Antwort: »Vielleicht ist das deine Chance, endgültig mit der Vergangenheit abzuschließen.« Für seine nächste Frage holte er tief Luft. »Wie lange hast du Felix nicht mehr gesehen?«

»Ich war Weihnachten zuletzt da. Wieso fragst du?«

Das Gesicht des Polizeichefs verzog sich gequält. »Gab’s wieder Streit mit deiner Mutter?«

»Was denn sonst?« Hannah klang verbittert. »Sie hat nicht mehr gelacht, seitdem Paps tot ist – nicht mal gelächelt.«

Hoffmanns Blick wanderte in Richtung Fensterfront und verlor sich im Nichts. Trotzdem lieferte er mit leiser Stimme eine Feststellung: »Wenn dein Vater noch leben würde, dann säße er jetzt hier auf meinem Stuhl – wäre kurz vor der Pensionierung. Ist dir das klar?«

»Wenn!« Hannahs Augen brannten, auch wenn ihre Tränen längst versiegt waren. »Wenn er noch leben würde, wäre alles anders.«

Nach dieser letzten Feststellung herrschte einige Zeit Schweigen. Gerd Hoffmann erhob sich ganz vorsichtig hinter seinem Schreibtisch und stützte sich darauf ab. Seine Rechte fuhr zentimeterweise nach vorne. »Dann sind wir uns also einig, Krümel?«

Hannah hatte sich ebenfalls erhoben und langte zaghaft nach dem Angebot in Form von vier Fingern und einem Daumen. »Können wir Sylt auch ausklammern? Alles andere wäre okay, aber Sylt ...«

»Können wir nicht!« Hoffmann hielt ihre Hand fest und schüttelte sie lachend. »Glaub mir: Wenn du dich wirklich auf die Zukunft konzentrieren willst, dann musst du mit deiner Vergangenheit endlich abschließen. Daran änderst du ohnehin nichts.«

Hannah befreite ihre Hand aus der Umklammerung und machte zwei Schritte nach hinten. »Wer ist bisher für die Sache auf Sylt verantwortlich?«

»Die Kollegen in Niebüll – dort herrscht seit Freitag ziemliches Chaos. Aber du triffst dich heute noch mit ...« Hoffmann musste ein weiteres Mal die Aktenmappe zur Hand nehmen. »... Kriminalkommissar Sven-Ole Friedrichsen. Netter Kerl, jung und unverbraucht.«

»Und unerfahren!«, fügte Hannah nüchtern hinzu. »Ich weiß jetzt schon, was mich erwartet. Chaos ist wahrscheinlich noch harmlos ausgedrückt. Da muss wahrscheinlich erst mal einer gründlich aufräumen.«

»Eine!«, betonte Hoffmann Buchstabe für Buchstabe. Er sah aus, als wolle er sich selbst die Schulter klopfen. »Und die Beste dafür bist du – eine Hauptkommissarin, die schon seit ihrem ersten Tag bei der Kripo fast nur mit Mord zu tun hat.« Er lächelte verschmitzt. »Ansonsten hätte selbst ich eine solche Entscheidung nicht rechtfertigen können – wie auch?«

»Und was jetzt?« Hannah stand ihrem Chef und – zugegeben, seit einigen Jahren auch – Vaterersatz gegenüber und zuckte mit den Schultern.

Hoffmann tat es ihr gleich. Aber der hatte auch schnell einen Vorschlag parat: »Am besten holst du dir dein neues Auto beim Fahrdienst ab und machst dich auf den Rückweg an die Nordsee. Ich hab dich nämlich spätestens für Mittag in Niebüll angekündigt.«

»Dann warst du dir deiner Sache also sicher?«

»So sicher, wie man sich sein kann«, erklang es mit schüchternem Lachen. Das wollte zu einem gestandenen Mann und Polizeichef von sechzig Jahren überhaupt nicht passen. »Du bist und bleibst mein Krümel – so lange ich lebe.«

Hannah beschloss, einen akrobatischen Satz über ihren eigenen Schatten zu vollführen. Nach der symbolischen Landung umarmte sie Gerd Hoffmann und hauchte ihm »danke« ins Ohr.

»Lass dich nicht unterkriegen«, sagte der, als Hannah bereits die Klinke in der Hand hatte. »Wenn du dich ein bisschen eingelebt hast, wage ich mal den Sprung und besuche euch auf der Insel ...«

»Euch?«

Hoffmann winkte ab. »Sieh zu, dass du loskommst!«



3


Als Hannah ihren Dienstwagen – einen nicht ganz taufrischen 3er BMW, den vorher ein Kollege vom Zoll gefahren hatte – gute zwei Stunden später vor dem Revier in Niebüll parkte, machte sich gleich ein mulmiges Gefühl in ihren Eingeweiden breit. Bis vor etwa zehn Jahren hatte sie häufig genau hier Dienst geschoben und beinahe jeden Polizisten gekannt, der in Nordfriesland unterwegs war. Mit Ende zwanzig hatte sie geheiratet und ein paar Tage vor ihrem dreißigsten Geburtstag ihren Sohn Felix zur Welt gebracht. Das Glück schien komplett zu sein – hätte nicht größer sein können. Auch wenn ihre Mutter und ihr damals bereits kranker Vater sie oft genug vor einem italienischen Heißsporn namens Gianni Lorenzo gewarnt hatten. Der hatte, für seine frischgebackene Ehefrau und den Traum einer kleinen Familie, ein Großteil seines Temperaments an die Kette gelegt.

Dachte Hannah zumindest. Denn wie sich herausstellte, hielt diese Kette nur vorübergehend.

Heute – mit einundvierzig und Narben auf der Seele, die niemals wieder verschwinden würden – fluchte sie oft genug über sich selbst und darüber, dass sie damals nicht wenigstens auf ihren Vater gehört hatte.

Lieber nichts überstürzen! Ein Ratschlag, den Rainer Lambert seinerzeit gebetsmühlenartig heruntergeleiert hatte. Doch auch das half nicht.

Hannah starrte auf ihre Hände. Die umklammerten das Lenkrad mit weißen Knöcheln, obwohl sie längst stand. Die altbekannte Verbitterung war im Begriff, vollständig von ihr Besitz zu ergreifen. Seit beinahe zehn Jahren gab es keinen Tag in ihrem Leben, an dem sie Gianni Lorenzo nicht verfluchte. Das was er getan und noch viel mehr das, was er gelassen hatte.

Sie schüttelte den Kopf, um diese schmerzhaften Gedanken loszuwerden. Beim Blick in den Rückspiegel erschrak sie vor sich selbst. Sollte sie mit diesem Gesicht die Wache betreten, würden die Kollegen dort vermutlich spontan Reißaus nehmen.


***


»Sie hat zugesagt.« Gerd Hoffmann klang vorsichtig, doch es war am Telefon auch ein wenig Genugtuung herauszuhören. »Schätze, es wird nicht lange dauern, bis sie euch zwei besucht – hoffe ich wenigstens.«

Gertrud Lambert lachte verbittert. »Meine Tochter kommt schon seit Jahren nur dann, wenn sie es absolut nicht verhindern kann.« Hannahs Mutter holte hörbar Luft. »Aber trotzdem danke für deine Hilfe; glaub mir: Rainer wäre stolz auf dich.«

»Kann ich sonst noch irgendwas für euch tun?«, erkundigte sich Hoffmann. Ihm war jedoch anzuhören, dass er auf das Gegenteil hoffte. Und er lieferte auch gleich eine Erklärung dafür: »Bei uns hier ist nichts mehr, wie es mal war. Wenn Rainer das miterlebt hätte, der wäre schreiend im Kreis gelaufen.«

Gertrud Lambert schwieg eine Weile. Erst als ihr Gesprächspartner sich räusperte, fand sie ihre Stimme wieder. »Glaubst du, Hannah schafft das wirklich?«

Auch Hoffmann ließ sich mit seiner Antwort Zeit. »Unser Krümel ist auf der Flucht vor sich selbst – das kann nicht funktionieren. Falls sie es endlich vollbringt, mit ihrer Vergangenheit und diesem verfluchten Italiener abzuschließen, dann hat sie vielleicht ’ne Chance. Ganz egal, was sie beruflich macht.«

»Und du glaubst, ausgerechnet Mord und Totschlag helfen ihr dabei, mit ihren eigenen Problemen klarzukommen?«

»Ich habe keine Ahnung, Gertrud?« Zum ersten Mal im Verlaufe dieser Unterhaltung hatte Gerd Hoffmann seine Stimme nicht mehr im Griff. »Aber was ich weiß, ist, dass deine Tochter ’ne Menge Erfahrung mitbringt, was das Geschäft mit Toten betrifft. Oder hast du etwa einen anderen Vorschlag? Soll ich sie aus der Schusslinie ziehen und ihr genug Akten auf den Schreibtisch packen, damit sie bis zur Pensionierung zu tun hat?«

Erneut herrschte lange Zeit Stille. Dieses Telefongespräch war längst beendet, es fehlten im Prinzip nur noch die üblichen Floskeln zum Abschied.

Aber Gertrud Lambert fiel doch noch eine Frage ein: »Weißt du, wann sie zum ersten Mal nach Sylt rüberkommt?«

»Ich hoffe, heute! Bei euch da drüben wartet Arbeit auf sie.«

»Der Tote vom Autozug?«

»Lass gut sein«, mahnte Hoffmann. »Und falls ich doch irgendwas für dich tun kann, dann ruf einfach an. Irgendwie bekomme ich das schon hin.«

»Wieso tust du das eigentlich alles für uns? Alles, weil Rainer ...?«

»... der beste Freund und nebenbei auch der beste Chef war, den ich je hatte! Einer, den am Ende wohl nur der Krebs besiegen konnte.«


***


»Sie sind bestimmt Hannah, richtig?«

Die sah sich im Polizeirevier von Niebüll gleich einem jungen Mann von mindestens ein Meter neunzig gegenüber. Ein gut aussehender Bursche mit hellwachen Augen, der vor ihr stand und grinste. Trotzdem wurde es wohl Zeit für eine klare Ansage: »Hannah Lambert, Hauptkommissarin, wenn’s recht ist!«

Diese Zurechtweisung sorgte bei ihrem zukünftigen Kollegen für einen halben Schritt nach hinten. Trotzdem wanderte ihr eine Hand entgegen. »Sven-Ole Friedrichsen … angenehm, Frau Lambert.«

Hannah fluchte innerlich. Sie hatte gleich die erste Chance vertan, hier zumindest halbwegs sympathisch rüberzukommen. In der Stadt war es anders, aber hier in der Provinz duzte sich so gut wie jeder mit jedem.

Kriminalkommissar Friedrichsen stand vor ihr und lächelte gequält. Der Großteil seiner Unbekümmertheit war von einem Moment zum nächsten verflogen.

»Hannah ist schon in Ordnung«, platzte es übereilt aus ihr heraus. Und auch die Hand vor sich schüttelte sie vielleicht ein bisschen zu energisch. »Freut mich, Sven-Ole!«

»Ole allein reicht ... auf dich warten unser Büro und ’ne funktionierende Kaffeemaschine.« Der junge Kollege wirkte immer noch ein wenig verunsichert, zeigte jedoch einen langen Gang hinunter. »Wir sitzen ganz am Ende, mit Aussicht auf den Revierparkplatz.«

»Perfekt!« Hannah klatschte in die Hände, um Tatendrang zu versprühen. Danach kam sie sich selten dämlich vor, es musste also eilig eine halbwegs vernünftige Frage her: »Was macht denn unser erster gemeinsamer Fall? Sitzt der Täter schon hinter Schloss und Riegel?«

»Hab erst mal alles gesammelt und auf Ihren Schreibti... also, auf deinen Schreibtisch gepackt.« Ole stand noch immer mit hängenden Schultern vor seiner neuen Chefin. »Auf Sylt werden wir übrigens schon erwartet. Der Kollege von der Kripo in Westerland läuft mittlerweile Amok.«

»Das soll er lieber lassen«, erwiderte Hannah staubtrocken. »Wir haben mit einer Leiche erst mal genug zu tun.«

Kurz darauf standen die beiden mitten in ihrer zukünftigen Wirkungsstätte. Die bestand aus einem Raum von fünf mal fünf Metern, zwei Schreibtischen mit Drehstühlen, ein paar unansehnlichen Regalen und einem Kaktus, der in der Fensterbank offensichtlich schon seit Jahren ums nackte Überleben kämpfte.

»Kennst du dich mit Mord aus?«, fragte Ole, der sich auf der Kante von einem der Schreibtische niedergelassen hatte. »Ich meine, so richtig?«

»Ich hab noch niemanden umgebracht«, erklärte Hannah und klimperte dazu albern mit den Augen. »Aber ich hab schon ein paar Mörder ins Gefängnis gebracht … falls du das wissen wolltest.«

Ole zeigte zum anderen Schreibtisch hinüber, auf dem sich lose Blätter und Mappen stapelten. »Ich musste am Freitag zwei, drei Entscheidungen treffen ...«

»Und zwar?« Hannah schüttelte den Kopf und plumpste hinter den zweiten Schreibtisch. »Tu mir bitte einen Gefallen: Fang ganz vorne an! Alles was ich bis jetzt weiß, hab ich aus dem Radio.« Sie machte eine Geste, mit der sie ihr fragwürdiges Halbwissen über die Schulter warf. »Ich muss alles erfahren, jede Kleinigkeit!«

Oles Gesicht verzog sich nachdenklich. Mit beiden Händen gleichzeitig wühlte er in seinem beneidenswert dichten und strohblonden Haarschopf. »Der Autozug ist letzten Freitag in Niebüll kurz vor Mittag losgefahren«, begann er dann verhältnismäßig fröhlich. »Wenn man so will, ist bis Westerland nichts Besonderes passiert ...«

»Wenn man mal davon absieht, dass in einem SUV oben drauf ein Mann saß, dem bei der Ankunft dort angeblich der halbe Kopf fehlte. Stimmt das?«

Ole nickte und entschuldigte sich mit schüchternem Lächeln. »Schätze, das war ein spezielles Geschoss. Erste Bilder von der Leiche findest du in der Mappe ganz oben.« Er zeigte auf einen der Stapel, die sich vor seiner Chefin erhoben. »Präziser Kopfschuss. Die Streifenkollegen vor Ort wussten nicht, was sie tun sollten und ...«

»Wundert mich nicht!«, fuhr Hannah erneut dazwischen. »Wo steht denn der beschlagnahmte Zug?«

»Wieso ›beschlagnahmt‹?«

Hannahs Mund stand offen. Ihre nächste Frage brachte sie nur stammelnd hervor: »Heißt das, ihr habt den Zug ...«

»... wieder fahren lassen, nachdem ein Abschlepper den SUV runtergezogen hat.« Ole gestikulierte aufgeregt. »Im Auto hat niemand was angefasst, Ehrenwort! Nur der Notarzt und die Rettungssanitäter, als sie die Leiche rausgeholt haben.«

»Rausgeholt?«, wiederholte Hannah. Ihr war anzuhören, dass sie es gar nicht glauben konnte. »Die Kollegen lassen einen Mann aus dem Wagen ziehen, dem der halbe Kopf fehlt? Ist das dein Ernst?«

Ole kaute auf seiner Unterlippe herum und nickte nach einigem Zögern.

»Wer hat das angeordnet? Dafür muss doch irgendjemand verantwortlich sein!«

»Woher hätte ich denn wissen sollen, dass man eine Leiche nicht ...«

Hannah winkte ab und sorgte damit auf Seiten ihres Kollegen zunächst für Ruhe. »Wo ist sie jetzt?«

»Wer?«

»Na, die Leiche!«

»Ach so! Man hat sie ins Krankenhaus von Westerland gebracht.« Oles Stimme klang nach neuem Mut. »Dort hat ein Arzt den Totenschein unterschrieben und ich schätze ...«

»Mir reicht’s erst mal«, keuchte Hannah und sank in ihren Drehstuhl zurück. Sie starrte zur Decke. Über ihr hingen ebenfalls haufenweise Leichen: Zerquetschte Fliegen, die jemand zwar erlegt, aber danach nicht beseitigt hatte. Direkt über ihrem Kopf klebte ein fetter Brummer, dessen Augen sie sogar zu erkennen glaubte.

Bei ihrer nächsten Frage klang sie weit mehr als nur genervt: »Ist seitdem irgendwas passiert?«

Ole lächelte gequält. »Ich glaube, der Mörder wusste ganz genau, was ab Freitagmittag bei uns los ist. Ich hab kaum mehr jemanden erreicht, nicht mal beim LKA – ist Ferienzeit! Aber ich kann mal bei der Bahn anrufen und fragen, ob die den Zug irgendwo parken können.«

Hannah nickte und tat anerkennend. »Nachdem der seit Freitag wahrscheinlich fünfzig Mal die Strecke Westerland/Niebüll und umgekehrt hinter sich hat? Klasse Idee!«

»Und was dann?«

»Wir fahren rüber!« Hannah hatte sich mühevoll aus ihrem Stuhl hochgestemmt und stand mittlerweile neben ihrem Schreibtisch. »Bevor noch jemand auf die Idee kommt und unsere Leiche verbrennen lässt, weil die der nächsten im Wege ist.«

»Hast du einen Dienstwagen? Meiner ist zur Inspektion.«

Mittlerweile bereute es Hannah, sich mit dem jungen Kollegen gleich auf das ›Du‹ eingelassen zu haben. Einen Untergebenen ›per Sie‹ zu falten, fiel deutlich leichter.

»Wir sind mitten in der Saison«, erklärte Ole unaufgefordert. »Ich wette, bei der Bahnverladung ist die Hölle los.«

Hannah zückte ihren Dienstausweis und hielt ihn empor. »Mit der Fahrkarte fahren wir einfach ganz nach vorne ... lass mich mal machen.«



4


Am Verladebahnhof in Niebüll nahm Hannah die Spur, die Bahnmitarbeitern vorbehalten war und musste vor einem davon beinahe eine Vollbremsung hinlegen, weil der wütend gestikulierte. Sie ließ die Scheibe herunter und hielt sofort ihren Dienstausweis aus dem Fenster. »Ich bin Hauptkommissarin Lambert und das ist mein Kollege Friedrichsen«, erklärte sie mit einem Fingerzeig zum Beifahrersitz ungefragt. »Wir müssen auf den ersten Autozug, der abfährt. Und bevor Sie fragen: Es geht um den Toten von Freitag. Wir ermitteln in der Sache.«

Der Mann von der Bahn – ein Vollbartträger, der vermutlich unmittelbar vor der Rente stand – sah relativ unbeeindruckt aus. »Das kann trotzdem dauern«, erwiderte der verkappte Barbarossa. »Seit ’ner Stunde geht nix mehr … die Rampe ist im Arsch.«

»Da gehört sie ja auch nicht hin«, witzelte Ole über seine Chefin gelehnt und fing sich dafür gleich zwei giftige Blicke ein.

Doch es half nichts. Hannah stellte den Motor ab und ließ auch das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Der August zeigte sich selbst im hohen Norden von seiner wärmsten Seite und brachte jedes Auto – besser gesagt: dessen Insassen – nach kürzester Zeit zum Kochen.

»Ich frage mich, wann sie den Mist hier endlich in den Griff bekommen«, fluchte Hannah, nachdem die beiden schon ein paar Minuten wortlos vor einer geschlossenen Schranke warteten. Nicht weit entfernt herrschte reges Treiben. Mittlerweile hatte sich ein halbes Dutzend Bahnmitarbeiter vor der Rampe versammelt. In erster Linie waren ratlose Gesichter zu erkennen. »Bist du häufiger auf Sylt?«, fragte sie ihren neuen Kollegen, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Der Beginn des gegenseitigen Kennenlernens war alles andere als positiv verlaufen.

»Ich fahre mindestens zweimal in der Woche rüber«, erklärte Ole. »An Wochenenden sowieso, um mich mit meinen Leuten zu treffen.« Er sah sich einem fragenden Blick gegenüber und lieferte bereitwillig die Erklärung: »Wir feiern zusammen und ...«

»... seid immer auf der Suche nach dem großen Glück mit Reetdach«, vervollständigte seine neue Chefin. »Aber das haben auf Sylt die wenigsten gefunden«, schob sie verbittert hinterher. »Wenn man bei den Schönen und Reichen einen Blick hinter die Fassade wirft, dann wird einem nur angst und bange.«

»Sprichst du da aus eigener Erfahrung?«

Hannah gab keine Antwort. Sie nickte zwar, schüttelte aber auch gleichzeitig den Kopf.

»Ich bin gerade erst fünfundzwanzig geworden«, rechtfertigte sich Ole grinsend. Dabei präsentierte er ein beneidenswert weißes und makelloses Gebiss. »Wenn ich jetzt nicht lebe, wann denn dann?«

»Die Rampe bewegt sich!«, jubelte Hannah. Weiter vorne schienen auch die Bahnmitarbeiter ihren Erfolg ausgelassen zu feiern. Einer reckte beide Daumen empor und klopfte danach seinem bärtigen Kollegen auf die Schulter, der wohl für diesen Überraschungserfolg verantwortlich zeichnete.

Vor dem BMW öffnete sich die Schranke. Rechts hupte der Fahrer eines Mercedes und gestikulierte wütend.

»Was will der denn?«, erkundigte sich Ole lachend. »Wenn hier einer Vorfahrt hat, dann wir!«

Hannah war bereits losgefahren und hupte ebenfalls. Ein Stück weiter ging es die Rampe empor auf das Oberdeck des Autozugs. An dessen Ende wartete auch ein Bahnmitarbeiter, der aussah, als wäre er gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht.

»Motor abstellen und warten«, erklärte Ole. Plötzlich verzog sich sein Gesicht sorgenvoll. »Was ist denn, wenn wieder jemand auf den Zug schießt? Dann stehen ausgerechnet wir ganz vorne!«

»Wäre ein komischer Zufall«, erwiderte Hannah völlig unbekümmert.

»Aber mal ernsthaft: Was, wenn …?«

»Dann fängst du lieber gleich mit deinem Nachruf an. Den sehe ich schon vor mir: Partylöwe mit Polizeimarke und Loch im Kopf

»Das ist nicht witzig!«, protestierte Ole. »Woher wissen wir denn, ob nicht ausgerechnet jetzt irgendwo einer lauert, der es auf seine nächste Trophäe abgesehen hat?«

»Das weiß niemand«, erwiderte Hannah unverändert gelassen. Sie zeigte auf die Ermittlungsakte, die im Schoß ihres Kollegen lag. »Am besten nutzt du die Zeit bis nach Westerland, um mir alles über den Toten zu erzählen.«

Oles Gesicht sah zwar immer noch etwas verkrampft aus, aber der Wunsch seiner Chefin sorgte wohl für willkommene Ablenkung. »Der sichergestellte SUV ist auf einen gewissen Doktor Jakob Rubin aus Hamburg zugelassen. Ein Notar – der wäre nächsten Monat siebzig geworden. Im Jackett des Toten haben die Kollegen aus Westerland eine Brieftasche gefunden, in der ein gleichlautender Ausweis steckte. Das Foto darauf und der Rest von einem Gesicht sehen sich wohl ziemlich ähnlich.«

Erneut stand Hannahs Mund offen. »Und es ist nicht zufällig einer auf die Idee gekommen, jemanden von der Spurensicherung hinzuzurufen? Könnte ja sein, dass sich an solchen Utensilien Spuren verbergen, die ein Polizeimeister, der den halben Tag am Strand liegt, bei einem Blick durch sein verstaubtes Brennglas übersieht.«

»Die Kollegen hab ich heute Morgen alarmiert«, verteidigte sich Ole. »Ich kann aber nicht sagen, ob die schon auf der Insel sind.«

»Und wieso nicht?«

»Weil ich nicht nachgehakt hab?«, erklang es leise.

Hannah erwiderte nichts mehr und wischte stattdessen auf ihrem Handy herum. Es klingelte mindestens zehnmal, bevor sich ein Mann mit atemloser Stimme meldete.

»Ja?«

»Doktor Ja?«

Der Mann am anderen Ende zögerte kurz. »Bist du das, Krümel?«

In diesem Moment fiel Hannah ein, dass es noch jemanden gab, der diesen dämlichen Kosenamen kannte. Doch es wurde Zeit für eine Reaktion: »In voller Lebensgröße und gerade auf dem Weg nach Sylt, falls es dich interessiert.«

»Aber sicherlich nicht, um dort Urlaub zu machen«, protestierte Doktor Stefan Eickhoff, der Leiter der Kieler Rechtsmedizin. »Lass mich raten: Hat das was mit dem Toten auf dem Autozug zu tun?«

»Auf den wartest du doch bestimmt schon. Oder etwa nicht?«

»Wir haben uns an das Chaos bei den Kollegen an der Nordseeküste langsam gewöhnt. Soll dein Anruf bedeuten, du bist wieder …?«

»... im Dienst und an vorderster Front, wenn es irgendwo ’ne Leiche zu entdecken gibt«, vervollständigte Hannah und schickte ein freudloses Lachen hinterher. »Jemand muss den Scheißjob ja machen.«

»Auf jeden Fall wird es dann wieder besser«, erwiderte Doktor Eickhoff erleichtert. »Weißt du schon was Genaueres über die Leiche?«

»Wir stehen auf dem Zug und sind gerade erst in Niebüll losgefahren. Wahrscheinlich weißt du mehr als ich.«

Kurzes Zögern am anderen Ende der Leitung. »Du rufst doch nicht nur an, um Hallo zu sagen? Ich kenne dich viel zu lange Krümel – das würde nicht zu dir passen.«

Hannah erklärte ihrem Kollegen mit knappen Sätzen, was bisher passiert war. Diese Zusammenfassung endete mit einem vernichtenden Urteil: »Sämtliche Spuren im Auto sind vermutlich ruiniert und so wie’s aussieht, hat an der Leiche auch schon jemand hantiert.«

»Und trotzdem erwartet man von uns, dass wir das Haar in der Suppe finden, das uns bis übermorgen zum Täter führt«, fügte der Rechtsmediziner mit passender Verbitterung hinzu. »Aber noch mal: Was willst du von mir, Krümel?«

»Kannst du rüberkommen?« Hannah klang plötzlich wie ein kleines Mädchen, das seine Mutter an der Supermarktkasse nach einem Lutscher fragt. »Wenn der Leichnam zu dir nach Kiel gebracht wird, dann fürchte ich, dass davon nicht mehr viel übrig ist, was uns hilft.«

»Weißt du, wann ich zuletzt auf Sylt war? Und insbesondere, mit wem?«

Hannah brauchte nicht lange zu überlegen. »Mit mir? Dann ist das mindestens fünfzehn Jahre her, eher zwanzig.«

»Dein Vater hat mich angesehen, als wollte er mich am liebsten jeden Moment erschießen. Erinnerst du dich noch?«

»Du warst damals Student! Mediziner … die konnte er am wenigsten leiden.«

»Wie geht’s dir? Hab lange nichts von dir gehört.«

Hannah nahm allen Mut zusammen. »Können wir das nicht hier auf Sylt besprechen? Ehrlich, Stefan: Wir brauchen einen wie dich, ansonsten wird mein erster Mordfall gleich ein gewaltiger Schlag ins Wasser.«

»Ich schaffe es aber nicht vor morgen früh!«, erwiderte der Rechtsmediziner. »Und vorher muss ich noch die Arbeit von zwei Tagen an einem halben erledigen.«

»Kein Problem. Ich sorge dafür, dass man deinen neuen Kunden bis dahin im Kühlschrank liegen lässt.«



5


»Ist das normal?«, erkundigte sich Ole, nachdem dieses Telefonat beendet war. »Ich meine: Man braucht bestimmt ein dickes Fell, klar – aber so über einen Toten zu reden.«

»Doch nur intern!«, hielt Hannah mit leicht genervtem Unterton gegen. »Wenn man sich jeden Mord zu Herzen nimmt, dann hält man nicht lange durch. Glaub mir!«

»Und die Angehörigen? Was ist mit denen?«

Hannah schaute zur Seite und schüttelte den Kopf. »Meinst du etwa, denen erzähle ich, dass ihr Vater, Ehemann – oder was auch immer – in ’nem Kühlschrank liegt und darauf wartet, aufgeschlitzt zu werden?«

Ole fiel in das Kopfschütteln mit ein und schlug die Akte in seinem Schoß erneut auf. »Dieser Jakob Rubin hat noch als Notar praktiziert. Auf seiner Homepage steht allerdings, dass die Kanzlei in Kürze geschlossen wird.«

»Ist doch logisch!« Hannahs Hände lagen auf dem Lenkrad, als müsste sie auch auf dem Autozug noch lenken. »Du hast doch selbst gesagt, dass der Mann nächsten Monat siebzig wird.«

»Und was hat das damit zu tun?«

»Ganz einfach: Mit siebzig ist für einen Notar Schluss.«

Ole nickte bewundernd. »Woher weißt du so was?«

Die erste Antwort war ein ratloses Gesicht, doch es folgte auch eine vermeintliche Erklärung: »Keine Ahnung – vielleicht Allgemeinbildung?«

»Auf jeden Fall war dieser Notar wohl häufiger auf Sylt«, fuhr Ole hektisch fort. »In seiner Brieftasche wurde ’ne Zehnerkarte für den Autozug gefunden. Ich hab bei der Bahn schon nachgefragt. Wir müssen schließlich wissen, wann und wie oft er die benutzt hat.«

»Nicht schlecht«, lobte Hannah ihren Kollegen. Eine Premiere! »Wenn du beim nächsten Mal den Zug beschlagnahmen und eine Leiche unangerührt lässt, dann könnten wir uns auf Dauer ganz gut verstehen.«

»Jeder fängt doch irgendwann mal an«, rechtfertigte sich Ole. »Außerdem sind die in Westerland völlig ausgeflippt, weil das Chaos dort ohnehin für stundenlange Verspätungen gesorgt hat.«

»Dafür reicht auch ein krummes Gleis oder ’ne Lok, die nicht mehr will.« Hannah zeigte nach vorne. »Wir sind gleich da. Ab sofort versuchen wir, keine weiteren Fehler zu machen. Einverstanden?«

»Und was ist mit denen, die schon passiert sind?« Ole hörte sich wie ein Schuljunge an, der etwas ausgefressen und Angst vor einem blauen Brief hatte. »Gibst du das nach oben weiter?«

Hannah schüttelte bereits den Kopf. Sie drehte sich erneut zur Seite. »Wir wollen zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. Das merkst du dir lieber … alles andere macht nämlich von vornherein keinen Sinn.«


Eine halbe Stunde später war die Entladung in Westerland abgeschlossen. Die meisten Autos bogen in Richtung Zentrum ab, Hannah raste in die entgegengesetzte Richtung, als wollte sie Sylt am liebsten gleich wieder fluchtartig verlassen.

»Wenn du die Nächste links reinfährst, dann sind wir schneller bei der Werkstatt«, erklärte Ole.

Doch Hannah schien ihn

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Verlag: Elaria

Texte: Melanie Schubert
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Cover: Covergestaltung: Chris Gilcher – http://buchcoverdesign.de
Tag der Veröffentlichung: 31.07.2018
ISBN: 978-3-96465-009-2

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