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Titel

 

Martin

Wegners erste Fälle

 

Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.01

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

 

Michael Lohmann (Lektorat, Korrektorat: worttaten.de)

Meine lieben Testleserinnen Birgit, Lia und Dagmar

 

 

Wegner in chronologischer Folge

!!! Brandneu: »Herr Müller« (Wegners letzte Fälle) !!!

 

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

  

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

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Inhalt

 

Hamburg, April 1981: Ein Junge verschwindet spurlos, ausgerechnet der Sohn von Kallsens Cousine, Martin. Anfänglich glaubt niemand in der Hamburger Mordkommission an ein Verbrechen. Wegner ist frisch verlobt und hat viel lieber mit einer vermeintlichen Reise in den siebten Himmel zu tun. Erst als die bestialisch zugerichtete Leiche eines Jungen gefunden wird, tönen keine Hochzeits-, sondern Alarmglocken. Auf der Suche nach dem Täter bekommen es die Kommissare nicht nur mit skrupellosen Zeitgenossen zu tun, auch Teufelsbeschwörer mischen mit. Bei solchen Gegnern müssen Wegner und Kallsen schon aus Prinzip zu ungewöhnlichen Mitteln greifen ... (Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

 

Aus der Reihe »Wegners erste Fälle« sind bisher erschienen:

»Eisiger Tod« (1)

»Feuerprobe« (2)

»Blinde Wut« (3)

»Auge um Auge« (4)

»Das Böse« (5)

»Alte Sünden« (6)

»Vergeltung« (7)

»Martin« (8)

 

 

1

 

»Scheiße … ER kommt nicht.«

»Das seh ich selbst, du Hirni! Trotzdem ist der Freak tot.«

»Heißt das, alles war umsonst?«

»Keine Ahnung.«

»Und was jetzt?«

»Was weiß ich denn? Wir haben wohl irgendwas verkehrt gemacht – sonst wäre ER ja ...« Der schlaksige Junge verstummte und ließ seinen Blick durch das Kellergewölbe wandern. Abgesehen von ein paar Kerzen, deren Flammen im Luftzug flackerten, herrschte totale Finsternis. Es roch moderig, schon seit Wochen. Offensichtlich fühlte sich niemand für die Reinigung des Gewölbes verantwortlich. Aber das hätte wohl auch dem sinnbildlichen Kampf gegen Windmühlenflügel entsprochen. Schließlich tropfte es permanent durch die Decke. Dunkelbraunes Wasser, das stank, als käme es direkt aus einer Kloake. Halbwegs frische Luft schwappte höchstens mal kurz durch die einzige, völlig verrostete Stahltür herein. Aber die blieb in der Regel verschlossen. Aus gutem Grund.

Das Zentrum des Gewölbes bildete eine Art Altar. Der bestand aus zwei Doppel-T-Trägern und etlichen Ziegelsteinen, die die Jungen aus den Stockwerken über dem Gewölbe in stundenlanger mühseliger Arbeit nach unten getragen hatten. Mitten auf dem Altar lag ein Körper. Nackt. Blutüberströmt. Und tot!

»Kannst du mir mal verraten, was wir mit der Leiche anstellen sollen?« Der zweite Junge, ein Riese, mit furchteinflößenden Armen, musterte den Leichnam mit angewiderter Miene. »Ich hab keinen Bock auf Probleme.« Im Schein einer Kerze warf er einen Blick auf seine Uhr. »Ich müsste ohnehin längst zu Hause sein ... meine Mutter dreht wieder komplett durch.«

Der schlaksige Junge zuckte nur mit den Schultern. Es machte schon den Anschein, als wollten er und sein Freund sich schleunigst aus dem Staub machen.

Aber da war ja noch der Dritte im Bunde, der bisher zwar geschwiegen hatte, aber mit einer solchen Verfahrensweise offensichtlich nicht einverstanden war. »Wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen!«

»Und was dann, Keule?« Wieder der riesige Junge. Dessen Gesicht verhieß rasant zunehmendes Unwohlsein. »Willst du ihn lieber zerlegen und zuhause an Mamas Zierfische verfüttern?«

»Außerdem hat er doch mehr oder weniger freiwillig mitgemacht«, warf der Schlaksige übertrieben gelassen dazwischen. »Hat sogar Kohle bekommen – ich finde, das ändert alles.«

Diese letzte Feststellung sorgte zunächst bei allen für Schulterzucken.

»Was ist denn, wenn wir ihn ...?« Der dritte Junge verstummte abrupt. Irgendwo über dem Kellergewölbe der alten Fabrikhalle erklang ein lautes Poltern. Das war für sich vielleicht nichts Ungewöhnliches, aber hier – an einem wortwörtlich gottverlassenen Ort – auch keineswegs alltäglich. Schließlich war es kurz nach Mitternacht und auch dieser Zeitpunkt war keinesfalls zufällig gewählt.

»Was kann das denn gewesen sein?«, flüsterte der schlaksige Junge. Ausgerechnet in diesem Moment verloschen auf einer Seite des Gewölbes sämtliche Kerzen. Der Luftzug wurde für einen kurzen Augenblick noch stärker und ließ dann wieder nach.

»Wahrscheinlich nur’n Köter«, erklärte sein bärenhafter Kollege und atmete danach heftig ein. »Was ist denn jetzt? Was stellen wir mit der beschissenen Leiche an?«

»Wollen wir denn weiter hier unten ...?«

»Natürlich wollen wir!«, fuhr der Schlaksige dazwischen. »Oder hast du etwa ’ne bessere Idee, wo wir unsere Arbeit erledigen können?«

Diese Frage sorgte beim Dritten im Bunde für zaghaftes Kopfschütteln. Plötzlich hellte sich die Miene des Jungen auf. »Ich hab aber ’ne Idee, wo wir ihn lassen können.« Sein Finger zeigte auf die Leiche. Im spärlichen Licht der Kerzen war ein schneeweißes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen darin zu erkennen. Das Blut aus einer aufgeschlitzten Kehle hatte sich längst über sämtliche Backsteine und teilweise auch über den Boden davor verteilt. »Wenn ihr ihn hinten auf meinen Roller setzt und mit ’nem Gürtel an mir festschnallt, dann werd ich ihn los.«

Die beiden anderen Jungen wechselten skeptische Blicke, nickten am Ende aber bewundernd. Als ersten Lohn strich ihr Kollege mit der Wahnsinnsidee kollektives Schulterklopfen dafür ein.

»Meinst du, du kriegst das echt hin, Alter?«

»Wenn ich es sage, dann kriege ich es auch hin.«

Der schlaksige Junge mischte sich ein: »Wenn du die Sache tatsächlich erledigst und die Leiche für uns entsorgst, dann bist du ab morgen einer von uns. Komplett ... mit allem Drum und Dran!«

Selbst im spärlichen Licht der Kerzen machte sich im Gesicht des dritten Jungen ein zufriedenes Grinsen breit. »Ehrenwort? Voll und ganz einer von euch?«

Die beiden anderen hoben jeweils zwei Finger zum Schwur. »Ehrenwort, Alter!«

»Und ihr seid sicher, dass ER irgendwann kommt?«

»Hundertprozentig!«, erklang es wie aus einem Mund.

 

 

2

 

Freitagmorgen

 

»Ich mach mir langsam echt Sorgen um unseren Manni.« Hauptkommissar Gerd Kallsen lehnte sich nach diesem ersten Satz bequem in den Drehstuhl zurück. Sein gesundes Bein platzierte er auf einer offenen Schublade, seine Unterschenkelprothese direkt auf der Schreibtischplatte. Danach langte er zum Kaffeebecher und nahm erst mal einen großen Schluck.

Irmgard Maria Block – ihres Zeichens Schreibkraft der Hamburger Mordkommission, gute Seele und gelegentlich auch Hilfsermittlerin – schaute zunächst nur verwundert auf. Sie wartete noch einen Moment ab, aber es folgte nichts mehr. »Geht das noch weiter?« Ein freudloses Lachen erklang. »Du machst dir doch sonst auch um nichts und niemanden Sorgen. Doch …!« Sie zeigte auf den Hundekorb, in dem Rex wie ein Toter schlief. »… um ihn machst du dir von Zeit zu Zeit Sorgen.«

Kallsen drehte sich zur Seite und lächelte gütig. »Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Manni jeden Tag ein frisches Hemd trägt? Seine Hosen sind neuerdings gebügelt und er war in den letzten vier Wochen zweimal beim Friseur. Zweimal!«

»Na und? Ist das etwa ein Verbrechen?«

»Da müsste ich mal nachsehen«, flüsterte Kallsen. »Aber normal ist das auf jeden Fall nicht. Da kannst du mir erzählen, was du willst.«

Irmgard tat ein paar schwere Atemzüge und riss sich endgültig von ihrer Schreibmaschine los. »Du weißt doch, dass Manfred verliebt ist. Und wenn man selbst mal im siebten Himmel zu Gast war, dann weiß man auch, was das auslöst. Wenigstens vorübergehend«, schob Irmgard ein wenig verbittert hinterher. Vermutlich das Resultat eigener schmerzlicher Erfahrungen.

»Also, ich würde mich für keine Frau auf der Welt verbiegen.«

»Du verbiegst dich ohnehin für niemanden. Außerdem weiß ich nicht, welche Frau es mit dir ...« Irmgard verstummte. Notgedrungen, denn die Bürotür flog auf.

»Guten Morgen!« Wegner trat herein. Sein Mund öffnete sich schon für den nächsten Satz.

Aber Kallsen kam ihm zuvor: »Bevor du hier reingeschneit bist, war der Morgen auch noch einigermaßen. Deine gute Laune ist ja wieder zum Kotzen!«

Wegner setzte unbeirrt einen Schritt vor den anderen, bis er hinter Irmgard ankam. Er bückte sich zu ihr hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Gut geschlafen, Irmilein?«

Hinter ihm gestikulierte Kallsen, als wäre er plötzlich komplett von Sinnen.

Irmgard musste sich weit nach hinten lehnen, um ihren Chef überhaupt sehen zu können. Der zeigte immer aufgeregter auf Wegners linke Hand.

Plötzlich stand Irmgards Mund offen. »Habt ihr euch etwa ...?«

»Allerdings!«, platzte es aus Wegner heraus. »Gisela und ich haben uns am Wochenende verlobt! Ganz spontan – aber natürlich wohlüberlegt«, fügte er mit einem Seitenblick auf Kallsen hinzu.

Der hatte das Gesicht längst in den Händen vergraben und klang dementsprechend: »Gütiger Gott im Himmel. Wenn das so weitergeht, bin ich bald reif für die Klapsmühle.«

»Das warst du auch schon vor Manfreds Verlobung«, kommentierte Irmgard staubtrocken. »Wenn überhaupt, dann könnte es höchstens besser mit dir werden.« Sie drehte sich ganz bewusst in Wegners Richtung und fuhr in schwärmerischem Ton fort: »Erzähl, wie war’s? Haben ihre Eltern euch schon ...«

»Ich kann notfalls auch auf Einzelheiten verzichten«, quakte Kallsen dazwischen.

»Wir warten lieber bis zur Mittagspause«, erklärte Wegner kurzerhand und schlurfte in Richtung Schreibtisch. Davor angekommen, zeigte er auf seinen Chef, der sich offensichtlich immer noch in einer seltsamen Zwischenwelt befand. »Der da muss sowieso nicht alles wissen.«

»Will er auch nicht!«, erklang es unverändert grimmig. »Du kannst mir Einzelheiten erzählen, wenn es in ein paar Jahren um die Scheidung geht. Wenn du mich fragst, sollte man dich lieber mit dem Kopf ...« Kallsen wurde von einem Klopfen unterbrochen. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, bis sich die Tür Zentimeter für Zentimeter öffnete.

»Guten Morgen.« Eine winzige, beinahe durchsichtige Frau schob sich mit vorsichtigen Schritten durch einen Spalt ins Büro der Mordkommission. »Ich möchte zu ...«

»... mir!«, vollendete Kallsen, der gerade erst sein Gesicht aus den Händen befreit hatte. Es folgte ein animalisches Stöhnen. »Was willst du denn hier, Magda?«

Ohne zu fragen, fiel die Frau auf einen Stuhl vor den Schreibtischen. Ihr Kopf schien nur noch aus alter Gewohnheit auf ihren Schultern zu sitzen.

Weil es mit der Unterhaltung nicht weiterging, erhob sich Irmgard ungewohnt rasant und versuchte es mit sanfter Stimme, nachdem sie an der Seite der Frau angekommen war: »Möchten Sie vielleicht einen Becher Kaffee trinken? Ich kann Ihnen auch gerne ...«

»Magda braucht was Stärkeres!«, polterte Kallsen dazwischen. Ohne eine Reaktion abzuwarten, zog er seine unterste Schreibtischschublade auf. Kurz darauf plätscherte goldgelbes, hochprozentiges Elixier in ein Glas. »Nimm einen kräftigen Schluck«, ermunterte er seine – offensichtlich – Bekannte. »Und danach erzählst du uns erst mal, was los ist.«

Wegner versuchte es permanent mit fragenden Blicken, prallte jedoch an der üblichen Fassade seines Chefs ab. Und weil der auch keine Anstalten machte, unaufgefordert eine Erklärung zu liefern, musste er es zwangsläufig mit einer Frage probieren. Dafür wandte er sich lieber gleich direkt an die Frau: »Darf ich erfahren, wer Sie sind, und woher Sie Herrn Kallsen kennen?«

»Nu lass die arme Frau doch erst mal ’nen Schluck trinken!«, fauchte der über die Schreibtische. »Man sieht doch, dass sie …«

»Dann erklär du uns doch einfach, wer deine Magda ist«, unterbrach Irmgard rüde. Dabei tätschelte sie der Frau die Schultern. »Oder muss ich dir wieder mit Kuchenentzug drohen?«

»Magda ist eine Cousine, mütterlicherseits«, erklärte Kallsen nach einigem Zögern. Sein Gesicht deutete allerdings darauf hin, dass er seine Verwandte am liebsten verleugnet hätte. »Wir haben uns aber seit ein oder zwei Jahren nicht gesehen.«

Kallsens Cousine hob den Kopf und hob schniefend zu einer Korrektur an: »Seit sechs Jahren. Damals hast du dich auf Opa Bennos Geburtstag mit meinem Vater geprügelt. Seitdem ist Sendepause.«

»Dein Vater war aber auch ein Arschloch!«, fügte Kallsen mit bösem Grinsen hinzu. Sein Blick blieb an seiner Cousine kleben. »Und falls du das Gegenteil behaupten willst, dann erinnere ich dich gerne daran, was der ach so liebe Horst dir und deiner Schwester angetan hat. Ich hätte ihn umbringen sollen … nur ein paar aufs Maul waren noch viel zu harmlos für das alte Dreckschwein.«

Wegner übte sich auf der anderen Seite in vielsagenden Gesten. Die sollten wohl auf irgendeine Weise den Vorgang sexueller Nötigung beschreiben.

Kallsen bestätigte diese Vermutung und nickte ungewohnt energisch. Danach fokussierte sich sein Blick wieder voll auf seine Cousine. »Als dein Vater letztes Jahr nach drei Monaten Krankenhaus verreckt ist, war ich abends in ’ner Kneipe und hab mich volllaufen lassen.«

Wegner versuchte, sich an diesen speziellen ›Morgen danach‹ zu erinnern, aber es gab einfach zu viele Tage, an denen Kallsen nicht nur Rex, sondern auch einen ausgewachsenen Kater mit ins Büro brachte.

Irmgards Hände umschlossen noch immer Magdas Schultern. Aber jetzt wollte es auch die Schreibkraft der Mordkommission genauer wissen und beugte sich zu ihr hinunter. »Hat Ihr Vater Sie und Ihre Schwester missbraucht?«

Kallsen nahm die Antwort mit hochrotem Kopf vorweg: »Natürlich hat er ... jahrelang! Ich hätte den Scheißkerl auf Bennos Geburtstag doch lieber gleich ...«

»Ich glaube, das reicht«, fuhr Wegner dazwischen. Danach wandte er sich direkt an Magda: »Am besten erklären Sie uns, was wir für Sie tun können. Das hier ist wohl kaum der richtige Ort für eine Familienzusammenführung.« Diese Feststellung garnierte Wegner mit einem vielsagenden Blick über die Schreibtische, den Kallsen mit einem Nicken quittierte.

»Martin ist verschwunden«, erklärte Magda, nachdem sie die Nase hochgezogen hatte. »Ich bin mir sicher, dass ihm was passiert ist.«

»Wer ist Martin?«, fragten Wegner und Irmgard wie aus einem Mund.

Kallsen zeigte auf seine Cousine. »Ihr Sohn. Der Bengel ist zehn oder elf und war ...«

»Er wird nächste Woche sechzehn!«, unterbrach ihn Magda. »Aber das spielt im Moment keine Rolle. Schließlich ist er verschwunden.«

 

 

3

 

»Wenn wir Pech haben, dann hängen die uns ’nen Mord an!«

»Was heißt denn hier Pech … und wer soll uns was anhängen?«

»Wer wohl? Die Bullen natürlich!« Der schlaksige Junge klang aufgeregt, wütend dazu. Er und sein riesiger Kompagnon hatten sich auf dem Weg zur Schule mitten in Hamburg-Wilhelmsburg getroffen, um sich über die Ereignisse der vergangenen Nacht auszutauschen. Das kam einem Krisengipfel gleich, allerdings im jugendlichen Jargon. »Die brauchen doch nur ein paar Leute zu fragen und wissen sofort, dass wir was damit zu tun haben. Glaub mir: So blöd sind die Bullen auch nicht.«

»Hast du was von Martin gehört?«

»Nachdem er gestern mit seinem Roller losgefahren ist, hab ich nichts mehr von ihm gehört. Hoffe, er kommt heute zur Schule.«

»Meinst du, er könnte ein Problem werden?«

»Weil er uns verrät?«

Der Größere der beiden Jungen überlegte kurz und nickte dann.

»Wenn er das Maul aufmacht, hat er hinterher doch am meisten Probleme. Das wäre schön blöd.«

»Aber, Martin hat doch nur zugeguckt. Wir zwei …«

»… sind die Einzigen, die wissen, was wirklich passiert ist«, fuhr der Schlaksige dazwischen. »Und wenn er uns tatsächlich Ärger macht, schieben wir ihm einfach die ganze Schuld in die Schuhe. Klaro?«

»Ich weiß nicht – glaubst du nicht, wir sollten …?«

»Einfach nur cool bleiben!«

»Okay.« Der große Junge sah verunsichert aus. In solchen Momenten half auch eine bärenhafte Statur nicht. »Sagst du mir wenigstens, wie‘s weitergeht?«

»Wir machen weiter«, erklang es geradezu euphorisch. »Wir sind dicht davor, Alter. Ganz dicht!«

 

***

 

Irmgard übte sich schon seit einer Weile in Rechenspielchen. Das Ergebnis präsentierte sie Kallsen mit triumphierender Miene. »Wenn du deine Cousine so lange nicht gesehen hast, dann kennst du ihren Martin ja gar nicht richtig, oder?«

Kallsens Gesicht verzog sich ebenfalls. Auch sein Mund öffnete sich, sichtbar widerwillig. »Doch! Der Bengel war in der Zeit zwei oder drei Mal alleine bei mir. Natürlich nur, wenn er zuhause Probleme hatte. Oder Geld brauchte – meistens beides.«

Magda hob übereilt zu einer Erklärung an: »Martins Vater hat uns verlassen, als der Junge gerade in die Grundschule kam. Wir wohnen in Wilhelmsburg. Da ist es nicht immer ganz einfach, seinen Sohn in der Spur zu halten. Aber das ist es wohl nirgendwo …«

»Dein lieber Roland war übrigens auch ein Nichtsnutz«, steuerte Kallsen mit röhrendem Lachen bei. »Ich hab dich gleich gewarnt, schon als ich ihn das erste Mal gesehen hab. Erinnerst du dich?«

Magda schüttelte müde den Kopf. Solche Erinnerungen hätten auch – falls vorhanden – nur für weitere schmerzhafte Unannehmlichkeiten gesorgt.

Wegner hatte sich zwischenzeitlich erhoben und auf der Schreibtischkante vor der Frau niedergelassen. »Jetzt erzählen Sie uns bitte erst mal, warum Sie glauben, dass Ihr Martin verschwunden ist. Dafür muss es ja einen guten Grund geben.«

»Er ist noch nie über Nacht weggeblieben«, erklärte Magda wie aus der Pistole geschossen. »Er ist schon häufiger mal länger unterwegs – in dem Alter ist das wohl normal –, aber er bringt immer frische Brötchen mit.«

»Und das war heute also nicht so?« Wegners Stimme klang sanfter denn je. »Könnte das nicht auch einen harmlosen Grund haben?«

Magda schüttelte aufgeregt den Kopf. »Ihm muss etwas passiert sein. Es gibt keine andere Erklärung.«

Irmgard hatte sich wieder hinter Kallsen auf ihrem Stuhl niedergelassen, nahm aber unverändert an der Unterhaltung teil. »Gibt es denn ansonsten einen bestimmten Grund, warum Sie sich Sorgen machen? Hatte Martin vielleicht Ärger mit anderen Jungen? Oder hat er ...?«

Kallsen fuhr dazwischen: »Als dein Martin zuletzt bei mir war, ging es um ein paar Autoaufbrüche in Wilhelmsburg.« Der Hauptkommissar warf einen vielsagenden Blick in die Runde. »Dein Früchtchen hat seinerzeit nur deshalb keine Sozialstunden aufgebrummt bekommen, weil mein Kumpel Hans von eurer Wache da draußen mir noch ’nen Gefallen schuldig war.«

»Hat Martin Ihnen etwas von aktuellen Problemen erzählt?«, fragte Wegner nach dem erfolglosen Versuch, seinen Chef mit Blicken zu töten. »Oder kann es vielleicht auch sein, dass er ’ne Freundin hat und Sie nichts davon wissen?«

Magda schüttelte energisch den Kopf. »Er hatte mal kurz eine, aber ...« Die Frau verstummte von einem Moment zum nächsten, um danach nur noch flüsternd fortzufahren: »Es gibt da ein paar Gerüchte ...«

»Was für Gerüchte?«, erkundigte sich Kallsen mit ungeduldiger Stimme.

»Martin ist da wohl seit ein paar Monaten in so einem komischen Verein.«

»Was heißt denn komisch?«, fragte Wegner.

»Und was hat ›Verein‹ zu bedeuten?«, wollte Kallsen obendrein wissen.

»Er hat mir nicht viel erzählt«, flüsterte Magda nach längerem Zögern. »Es gibt bei uns in Wilhelmsburg ein paar Jugendliche, die ...«

»Die was?«

»Da ist von Teufelsanbetung die Rede«, erklärte Magda noch leiser. Sie wusste vermutlich, warum. »All diese Jungen laufen in Schwarz herum, reden kaum ... wenn, dann geht es immer nur um Luzifer und ...«

»Das ist doch Dummtüch, Magda!« Kallsens Stimme war eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. »Dein Martin kann dir auch erzählen, dass ihm der Teufel höchstpersönlich begegnet ist und seine Hausaufgaben mitgenommen hat. Und du fragst hinterher auch noch, wo genau das passiert ist.«

Irmgards Hände schossen empor. Sie tat so, als wollte sie ihren Chef von hinten erwürgen.

Wegner kam dieser Heldentat allerdings mit Worten zuvor: »Mal davon abgesehen, was oder wen die anbeten – wissen Sie auch, wo sich diese Jungen rumtreiben?«

»Irgendwo in einer Ruine.« Magda lachte kurz auf. »Von der Sorte haben wir bei uns in Wilhelmsburg immer noch reichlich.«

Kallsen schenkte seiner Cousine einen genervten Blick und mischte sich wieder dazwischen. »Kannst du mir mal verraten, was du jetzt von uns erwartest? Sollen wir etwa sämtliche Pferde verrückt machen? Und am Ende schlägt dein Martin heute Abend bei Onkel Kalle auf, weil er mit ’ner kurzgeschlossenen Karre irgendwo gegen ’ne Wand gedonnert ist?«

»Ihm ist was passiert!« Magdas Stimme klang zum ersten Mal deutlich fester. »Eine Mutter spürt sowas. Martin ist was passiert, da bin ich sicher.«

Wegner stemmte sich von der Schreibtischkante hoch und schaute mit sorgenvoller Miene zu der Frau hinunter. »Wilhelmsburg sagen Sie, ja?«

Vor ihm war eifriges Nicken zu erkennen.

»Ich höre mich dort mal ein bisschen um.«

Kallsen zeigte lachend auf Wegner. »Mach dir keine Sorgen, Magda: Der Bengel hat schon ganz andere Sachen versaut.«

 

 

4

 

»Hast du ’ne Ahnung, was wir verkehrt gemacht haben und warum ER nicht gekommen ist?«

Der schlaksige Junge zuckte mit den Schultern. Dieses erneute Treffen fand in der hintersten Ecke des Schulhofs statt. Trotzdem standen dort haufenweise Jugendliche herum, denn es handelte sich um die – zumindest unter Schülern offizielle – Raucherecke. Dort wechselten allerdings auch mehr oder weniger harte Drogen regelmäßig ihren Besitzer.

»Ich hab’s dir doch gesagt: Wir hätten lieber bis Vollmond warten sollen. In der schwarzen Bibel steht, dass die Chancen bei Vollmond ...«

»Wir hätten nicht das Scheiß-Kartoffelmesser von deiner Mutter benutzen sollen!«, fuhr der schlaksige Junge dazwischen. »Ich hab gelesen, dass es auf die Klinge ankommt, wenn’s klappen soll.«

»Heißt das, wenn wir die richtige nehmen, dann kommt ER?«

»Erst mal kommt da hinten einer von den blöden Paukern!«

Rundherum wurden reihenweise Zigaretten ausgetreten. Winzige Tütchen verschwanden in Hosentaschen; die Hälfte der Jugendlichen nahm mit langen Sätzen Reißaus.

Nicht so die beiden, die darüber diskutierten, welche Mittel sich dafür eigneten, den Teufel herbeizurufen.

»Was habt ihr zwei denn hier verloren?«, rief Herr Bremer – grauhaarig, Lehrer für Mathe und Sport – schon aus einiger Entfernung. »Seid ihr sogar zum Weglaufen zu faul?«

»Warum sollten wir denn weglaufen?«, erkundigte sich der riesige Junge in spöttischem Ton. »Wir haben nichts zu verbergen.«

»Außerdem sind wir über sechzehn!«, fügte sein Kompagnon mit einiger Genugtuung hinzu. »Sie können uns gar nichts verbieten.«

»Ich will eure Namen!« Herr Bremer war unmittelbar vor den beiden Jungen stehen geblieben und trat von einem Fuß auf den anderen. Seine Miene machte klar, dass ihm nicht nach Diskussionen zumute war. »Na los, die Namen!«

»Hallo! Wir sind über sechzehn und ...«

»... immer noch in der achten Klasse«, vollendete der Lehrer kopfschüttelnd. Ein klarer Hinweis darauf, dass er ansatzweise wusste, mit wem er es zu tun hatte. »Ich bin gespannt, welchen Beitrag ihr zwei Rabauken eines Tages im Arbeitsleben leisten wollt.«

»Am besten gar keinen!« Nach diesem Kommentar drehte sich der schlaksige Junge ohne ein weiteres Wort um und forderte seinen bärenhaften Freund gestenreich dazu auf, ihm zu folgen.

»Ich will eure Namen, ansonsten ist die Schule für euch zwei nächste Woche endgültig vorbei. Verstanden?«

»Silvio Brandt«, schleuderte der Schlaksige dem Lehrer entgegen. Danach zeigte der Junge auf seinen riesigen Schulkameraden. »Und das ist Ralle ... Ralf Mattes. Jetzt zufrieden?«

Nach diesen letzten Worten marschierten die beiden Jungen Seite an Seite davon. Hinter ihnen murmelte der Lehrer noch ein paar unverständliche Sätze, die verstummten jedoch, nachdem sie hinter einer Ecke verschwunden waren.

»Meinst du, wir sollten es noch mal probieren?« Ralf Mattes wirkte ein bisschen verunsichert, aber hinter dieser Fassade war auch Tatendrang herauszuhören. »Ich meine ... du hast doch gesagt, dass wir dicht dran waren. Oder nicht?«

»Dafür brauchen wir aber ein neues Opfer«, flüsterte Silvio. »Und wir versuchen es auf jeden Fall mit ’nem Mädchen.«

»Und dem richtigen Messer!«, erklang es übereilt. »Wenn meine Mutter das nächste Mal Kartoffeln schälen will, gibt’s bestimmt Ärger.«

»Ich hab schon eine ausgesucht.«

»Du meinst, ein Mädchen?«, erkundigte sich Ralf flüsternd.

Silvio nickte nur und steckte sich mitten auf dem Schulhof eine neue Zigarette in den Mundwinkel.

Zwei Viertklässler blieben stehen und starrten ihn mit riesigen Augen an.

»Verpisst euch!«, brüllte Ralf und tat, als wolle er die beiden packen. Danach nahm er zufrieden zur Kenntnis, dass die Zwerge eilends das Weite suchten. »Aber mal ernsthaft«, erklärte er lachend. »Du bist völlig bekloppt! Wenn einer der Pauker dich hier erwischt, bekommst du mindestens vier Wochen Ferien extra.«

»Ich hab von der Penne ohnehin die Schnauze voll. Wenn ER uns erst mal hilft, brauchen wir den ganzen Scheiß hier nicht mehr.«

»Welche Alte hast du dir denn ausgesucht?«, wollte Ralf plötzlich wissen.

Sein Freund lachte verächtlich. »Na, welche wohl?«

Schulterzucken.

»Steffi ... die macht garantiert mit.«

»Aber bestimmt nicht, wenn sie weiß, worum es geht.«

»Für wie blöd hältst du mich eigentlich?« Silvio tadelte seinen Mitstreiter kopfschüttelnd. »Was ihr blüht, wird sie erst verstehen, wenn sie auf unserem Altar liegt.«

»Und dann ist es zum Weglaufen zu spät«, vollendete Ralf. »Geile Idee, Alter!«

 

***

 

»Du wirst es auch nie lernen, Manni!« Kallsen lag wieder in seinem Stuhl und war in erster Linie mit seiner Zeitung beschäftigt. »Da ist ein Junge, der erst einen halben Tag verschwunden ist, und du fängst gleich an, jeden Stein umzudrehen.«

»Der Junge ist dein ...« Irmgard hielt inne. »Was ist er eigentlich, wenn er der Sohn deiner Cousine ist?«

Kallsen zuckte nur mit den Schultern und brachte damit seine Zeitung zum Rascheln.

»Ich glaube, das ist ein Neffe zweiten Grades«, erklärte Wegner nach kurzem Überlegen. »Aber darauf kommt es doch jetzt gar nicht an.«

»Und worauf dann, du Schlauberger?« Kallsens Zeitung landete auf dem Schreibtisch. Er hatte sie vorher nicht mal gefaltet, was auf gehörige Wut hindeutete. »Neffe, Cousine – piepegal, was. Wenn es um irgendeinen anderen Bengel ginge, dann würden wir doch auch keinen Finger krummmachen, nur weil der seit ein paar Stunden verschwunden ist.« Kallsen schickte ein vielsagendes Lächeln in die Runde. »Ich hab doch recht, oder etwa nicht?«

»Wir reden aber zufällig über deinen Neffen«, protestierte Irmgard von hinten. »Und ich kenne deine Cousine zwar nicht, aber die macht auf mich einen ganz vernünftigen Eindruck.«

»Da bist du die Erste, die das sagt«, erwiderte Kallsen lachend.

»Jetzt mal ernsthaft«, mischte sich Wegner erneut ein. »Ich hab sowieso nur ein paar alte Fälle auf dem Schreibtisch. Ich könnte also nach Wilhelmsburg rausfahren und mich da einfach mal ein bisschen umhören.«

»Und von dort direkt ins vorzeitige Wochenende«, ergänzte Kallsen böse lachend. »Das könnte dir so passen! Bei uns hier das Arbeitstier markieren und tatsächlich gehst du mit deiner Frischverlobten an der Alster spazieren.«

Einige Zeit herrschte Schweigen. Am Ende war es Irmgard, die auf eine verbindliche Entscheidung drängte. »Was ist denn jetzt? Manfred wartet immer noch auf eine Antwort.«

Kallsen reagierte nicht sofort, sondern rieb sich zunächst eine Weile die Schläfen. »Ist okay!«

»Okay?«, wiederholte Wegner. Dabei lag seine Stirn in tiefen Falten.

Auch Irmgard reckte ihren Hals. »Wieso ist das denn plötzlich okay?«

Wegner lieferte die Erklärung: »Er hat nur Angst, dass ich beim Durchsehen der alten Fälle wieder auf einen von der unbequemen Sorte stoße. So ist es doch, oder nicht?«

»Mach dich vom Acker, bevor ich es mir anders überlege.« Kallsen drehte sich so weit auf seinem Stuhl, bis er Irmgard im Visier hatte. »Und du kannst mir lieber mal verraten, was für Kuchen es heute gibt. Oder soll ich etwa verhungern?«

Die Schreibkraft der Mordkommission erhob sich lachend. »Warte noch kurz, Manfred. Ich pack dir ein Stück in ’ne Serviette ein, bevor wieder nichts übrig bleibt.«

 

 

5

 

Rainer Gottschalk hatte den kompletten Vormittag im Stadtteilzentrum von Wilhelmsburg verbracht und dort ein Bürogebäude nach dem anderen abgeklappert. Vor drei Monaten hatte er einen neuen Job angetreten: als Verkaufsleiter für ganz Hamburg. Ein toller Titel, aber das ständige Klinkenputzen blieb ihm dennoch nicht erspart. Schließlich war er der Einzige, der versuchte, die Kopierer seines Arbeitgebers hier in der schönen Hansestadt an den Mann zu bringen.

Beinahe jedes noch so kleine Büro hatte bereits eines dieser neumodischen Wunderdinger. Hinzu kam, dass die Konkurrenz aus Asien und den USA alles billiger konnte und – das wusste Rainer Gottschalk mittlerweile leider nur zu gut – auch besser.

Trotzdem war es sein Job, in jeder Firma nachzufragen und im Laufe der Gespräche wenigstens einen Vorführtermin zu vereinbaren. Seine Kollegen im Ruhrgebiet oder in Bayern schafften davon teilweise zehn am Tag. So viele hatte Rainer Gottschalk in den letzten zwei Wochen insgesamt nicht auf den Zettel bekommen. Sein direkter Chef, der ein riesiges Büro in Düsseldorf sein Eigen nannte, hatte ihn am heutigen Morgen schon in aller Herrgottsfrühe zuhause angerufen. Zum ersten Mal klang dessen Stimme nicht mehr ganz so freundlich. Es war zwar noch nicht von Kündigung die Rede, aber ein seltsamer Unterton verriet, dass es besser wäre, in dieser Woche vielleicht ein kleines Wunder zu vollbringen. Insbesondere, weil Rainer Gottschalks Frau zum dritten Mal schwanger war. Noch ein berufliches Desaster und sie müssten wohl doch zu seinen Schwiegereltern aufs Land ziehen. Eine schreckliche Vorstellung.

Er schaute auf die Uhr im Armaturenbrett. Nicht mal Mittag. Er hatte keine Ahnung, wie er sich für die verbliebenen zwei Drittel des Tages noch motivieren sollte. Vom Wilhelmsburger Zentrum aus war er lange an den Bahnschienen entlanggefahren und dann auf die Kornweide abgebogen. Nachdem er die Anschlussstelle Hamburg-Stillhorn passiert hatte, ging es irgendwann in den Moorwerder Hauptdeich über. Der mündete in eine schmale Landzunge zwischen Norderelbe und Süderelbe. Ein Ort, der gefühlt ebenso gut ins Nirgendwo gepasst hätte, fernab von jeglicher Zivilisation. Nur der Lärm der nahe gelegenen Autobahn lieferte ein Stück ernüchternde Realität.

Rechts lag ein größeres Waldstück. Endlich fand Rainer Gottschalk einen Weg, der mitten hineinführte. Schließlich hatte er einen Plan: Seine Frau hatte ihm am frühen Morgen vier Stullen mit seiner Lieblingswurst bestrichen. Die wollte er kurzerhand inhalieren, dazu Kamillentee aus der Thermosflasche.

Danach – frisch gestärkt und hoffentlich frohen Mutes – würde er nicht eher Feierabend machen, bis er mindestens fünf weitere Vorführtermine auf dem Zettel hatte.

»Was die in Bayern oder im Ruhrgebiet können, kann ich doch schon lange«, flüsterte er und langte umso entschlossener zur Brotdose.

Nachdem auch zwei Becher Kamillentee in seinem Bauch schwappten, drängte wohl einer davon gleich auf Auslass. Also schob Rainer Gottschalk die Fahrertür auf und machte ein paar Schritte, bis er neben einer riesigen Buche stand. Der Frühling hatte es geschafft, die Bäume mit ersten Knospen auszustatten. Nicht mehr lange, dann würde man von hier aus nicht mehr die Süderelbe erblicken können.

Er war mit seinem kleinen Geschäft gerade fertig und wollte schon zum Auto zurückstapfen, da fiel ihm etwas im Unterholz auf. Ein frisches Rot leuchtete ihm entgegen, nur ein paar Meter entfernt. Was auch immer dort lag, hatte der Wald jedenfalls noch nicht auf Nimmerwiedersehen verschluckt.

Rainer Gottschalk tastete sich vorsichtig weiter nach vorne. Der letzte Sturm hatte reichlich Äste am Boden verteilt, jeder einzelne Schritt stellte ein entsprechendes Risiko dar.

Mittlerweile konnte er erkennen, dass es sich um eine Windjacke handelte. Vielleicht war sie einem Spaziergänger davongeflogen oder die eine Hälfte eines Liebespaars hatte sie im Überschwang dort liegen lassen. So was sollte es ja geben. Aber nicht, wenn man verheiratet war und die Schwangerschaft der Liebsten – wie beide Male zuvor – mit reichlich Problemen behaftet war.

Als Rainer Gottschalk kurz darauf die nächste riesige Buche erreichte und sie umrundete, bekam er seine Antwort. Aber die hatte nichts mit einem Spaziergänger oder gar einem Liebespaar zu tun ...

 

***

 

Nachdem eindeutig geklärt war, dass Martin Zimmermann an diesem halbwegs jungen Freitagmorgen auch nicht in der Schule angekommen war, hatte Wegner direkt den Weg nach Hamburg-Wilhelmsburg eingeschlagen. Und weil er nicht recht wusste, wo er überhaupt anfangen sollte, stand er in diesem Moment vor dem Wohnblock, in dem Magda und ihr Sohnemann wohnten.

Er hatte sich auf einer Bank vor dem Haus niedergelassen und schaute die Fassade empor. Nach dem Krieg waren solche Blöcke nicht nur in Wilhelmsburg wie Pilze aus dem Boden geschossen. Schließlich brauchte die rasant wachsende Hamburger Bevölkerung in Zeiten des Wirtschaftswunders Platz. Wohnraum, der hier am südlichen Rand der Hansestadt bis heute noch relativ erschwinglich war. Es gab ein paar schöne und haufenweise nicht ganz so schöne Ecken. Viele Hamburger nannten diesen Stadtteil zärtlich ›Williburg‹. Wer hier die richtigen Orte kannte, der war auf jeden Fall zum Feiern bestens aufgehoben. Dagegen herrschte auf dem Kiez mancherorts Totentanz.

Von rechts kam eine Frau den Weg entlang, die einen Kinderwagen vor sich herschob. Wegner sprang von der Bank hoch und zückte sofort seinen Dienstausweis, weil die junge Mutter ihn schon aus einiger Entfernung skeptisch musterte.

»Ich hätte nur ein paar kurze Fragen«, erklärte er lächelnd. Danach warf er einen Blick in den Kinderwagen. »Junge oder Mädchen?«

Die Frau – sie war höchstens Mitte zwanzig – erwiderte zum ersten Mal sein Lächeln. »Sieht man das nicht?«

Jetzt fiel Wegner die kleine rosa Wolldecke auf. Und auch alles andere im Kinderwagen sprach eine eindeutige farbliche Sprache. »Wie heißt denn die Lütte?«

»Mandy Sofia.«

Wegner lag bereits ein passender Kommentar auf der Zunge, aber er schluckte ihn vorsichtshalber herunter und zeigte stattdessen auf den Wohnblock. »Kennen Sie Martin Zimmermann? Der Junge wohnt hier.«

»Zufällig in der Wohnung unter uns«, erklärte die Frau bereitwillig. »Man könnte also sagen, dass ich ihn kenne – wieso?«

Wegner atmete zumindest innerlich erleichtert aus. Vielleicht bot dieses Gespräch bereits eine Chance auf schnellen Erfolg. »Können Sie mir ein bisschen über den Jungen und seine Mutter verraten?«

Die Frau schob zunächst ihren Kinderwagen ein Stück weiter und ließ sich stöhnend auf der Bank nieder. Wegner tat es ihr gleich, sein vorheriger Platz war sogar noch warm.

Als die kleine Mandy Sofia kurz darauf zu weinen anfing, langte er sofort nach dem Griff vor sich und sorgte in regelmäßigem Takt für Bewegung.

Der Säugling verstummte.

»Haben Sie selbst Kinder?«, erkundigte sich die junge Mutter.

Wegner schüttelte den Kopf und lachte. »Noch nicht … aber wir arbeiten dran – glaube ich.«

»Und was genau wollen Sie über die Zimmermanns wissen?« Die Frau lächelte. Dabei ließ sie ihren Kinderwagen und den Säugling allerdings keine Sekunde aus den Augen. »Irgendwas Bestimmtes?«

»Es geht mir eigentlich nur um Martin«, sagte Wegner wahrheitsgemäß. »Ich würde gerne wissen, ob Ihnen etwas aufgefallen ist.« Er holte tief Luft, um fortzufahren: »Mit wem treibt sich der Junge so rum? Kennen Sie einen von seinen Freunden? Gab es schon mal Probleme mit ihm – gerade in letzter Zeit?«

»Martin hat sich ziemlich verändert«, begann die Frau nach kurzem Überlegen. »Früher hat er einem die Tür aufgehalten und freundlich gegrüßt ... sogar mit dem Kinderwagen geholfen.«

»Und jetzt?«

»Schaut er an einem vorbei und behandelt einen wie Luft.« Ein Lachen erklang. »Aber das ist wohl normal, wenn die Küken flügge werden.« Sie zeigte auf ihren Kinderwagen und stieß einen Seufzer heraus. »Hoffe, das wird bei ihr später mal anders. Aber das hat wohl jeder selbst in der Hand. Was meinen Sie?«

Wegner nickte nur. Er suchte nach einem Mittel, um den Druck ein bisschen zu erhöhen. Mit den alltäglichen Problemen und Gepflogenheiten der sogenannten ›Nullbock-Generation‹ kannte er sich bestens aus, brauchte also keine Erklärungen.

In diesem Moment ging es um Martin Zimmermann. Er musste so schnell wie möglich mehr über den Jungen erfahren. Insbesondere, ob der tatsächlich verschwunden war. »Darf ich Ihnen etwas verraten, was Sie bitte für sich behalten?«

Die Frau schaute Wegner wie erwartet mit großen Augen an. Solche geheimnisvollen Angebote wirkten – von Polizist zu Ottonormalverbraucherin – nicht selten Wunder.

»Und das wäre?«, erkundigte sie sich flüsternd.

»Es sieht so aus, als wäre Martin Zimmermann verschwunden.«

»Was heißt denn: verschwunden?«

Wegner atmete vernehmlich. Er wollte schon fortfahren, aber die junge Mutter kam ihm zuvor: »Ich weiß nur, dass er sich mit diesen komischen Typen rumtreibt. Die laufen alle in schwarzen Kutten herum, schminken sich die Gesichter weiß und die Augen kohlrabenschwarz. Neulich ist mir einer davon im Treppenhaus begegnet ... im Dunkeln. Hätt mir beinahe in die Hosen gemacht.«

»Aber die sind ansonsten friedlich, ja?«

Die Frau nickte zuerst nur.

Wegner räusperte sich lautstark, was für eine Erklärung sorgte: »Thomas – das

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Melanie Schubert
Bildmaterialien: Hauptmotiv: Magic book with pentagram ... © samiramay, Hamburg Skyline © aldorado - Fotolia.com
Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann (worttaten.de)
Tag der Veröffentlichung: 09.04.2018
ISBN: 978-3-7438-6466-5

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