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Leseprobe

Mit Dir ins Glück

 

– Schottland inklusive

 

 

 

 

Ewa Aukett

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

 

 

Es war ein grauer, regnerischer Tag. Nebel lag über den Highlands, und die Gebirgsspitzen waren unter dem Dunst nur noch zu erahnen. Über das Wasser des Loch Achall zogen Wolkenfetzen dahin wie seltsame Geistererscheinungen, und die mystische Atmosphäre wurde noch durch das einsame Schreien einer Krähe unterstrichen, das als vielfaches Echo durch die Talsenken hallte.

Taylor blieb stehen und atmete tief die kalte, frische Luft ein. Das wäre die perfekte Filmkulisse für ein mittelalterliches Zeitreisespektakel. Er schloss die Augen. Der Geruch von nassem Gras und kühler Erde stieg ihm in die Nase.

Zu Hause.

Wie sehr er Schottland vermisst hatte, wurde ihm erst jetzt wirklich bewusst, als er mitten in dieser ursprünglichen Wildnis stand und die Einsamkeit genoss. Nichts war so heilend wie die Stille und der Frieden dieses Landes, wenn sonst der Großstadtlärm von Los Angeles alle Sinne betäubte.

Wie lang war es her, seit er daheim gewesen war? Vier Jahre? Fünf? Er konnte sich nicht einmal genau entsinnen. Die viele Arbeit, der hektische Lifestyle, all das hatte ihm die Zeit geraubt und ihn vergessen lassen, was wirklich wichtig war im Leben, … bis seine Welt im letzten Jahr plötzlich stehen geblieben war.

Kopfschüttelnd verdrängte er die düsteren Erinnerungen, die ihn wieder einmal heimzusuchen drohten. Er wollte nicht grübeln, er wollte abschalten und auf andere Gedanken kommen.

Mindestens eine Woche Auszeit hatte er sich selbst verordnet. Vielleicht auch zehn oder zwölf Tage, in denen er wandern würde und Orte und Menschen besuchen wollte, die er lange nicht gesehen hatte – allen voran seine Familie. Nach dem letzten Jahr war dieser Urlaub bitter nötig, und der einzige Ort auf der Welt, wo er wieder zu sich selbst zurückfand, war Schottland.

Er zog sein Handy aus der Hosentasche, sah sich um und wandte sich dann Shanna zu. Die dunkel gestromte Mischlingshündin saß vor ihm und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden, als sein Blick sie traf. »Was meinst du? Gönnen wir uns ein Lunch?« Shanna stand auf, drehte sich einmal im Kreis und wedelte so heftig, dass der halbe Hund hin und her wackelte. Taylor grinste, knipste ein Foto von ihr und steckte das Telefon wieder ein. Als er sich neben seinen Rucksack hockte, um das Lunchpaket auszupacken, drückte Shanna ihm ihre Schnauze ins Gesicht und leckte ihm einmal über die Wange.

Er lachte. »Du musst dich schon noch einen Augenblick gedulden, du kleiner Gierschlund.«

Sorgfältig packte er ihren Proviant aus und reichte Shanna ein Thunfischsandwich. Es dauerte keine drei Sekunden, bis sie es restlos vertilgt hatte und sehnsüchtig auf seines starrte.

»Vergiss es«, bemerkte er grinsend, richtete sich mit dem Brot in der Hand auf und biss herzhaft hinein. Köstlich.

Sein Blick schweifte über die Landschaft, während er kaute. Heute würden sie es sich gutgehen lassen, nur sie beide. Das einfache Leben hatte ihn für die kommenden Tage wieder, und er freute sich darauf.

Mit einer Hand zog er erneut das Smartphone aus der Tasche, wählte sich mit etwas Mühe ob des schlechten Empfangs in seinen Facebook-Account ein und positionierte sich, bis der See und die Highlands hinter ihm lagen. Er hielt das Handy auf Armeslänge von sich weg und drückte auf die Aufnahmefunktion für Live-Videos.

»Hallo Schottland.« Er lächelte in die Kamera. »Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.« Langsam drehte er sich im Halbkreis und fing die Atmosphäre der Landschaft ein. Er würde es nicht zu ausführlich werden lassen – zwanzig Sekunden sollten reichen, um seinen Followern ein kurzes Lebenszeichen zu schicken und sich dann für die nächsten Tage ein wenig Ruhe zu gönnen.

Etwas knallte gegen seinen Kopf. Seine Welt schien sich für eine Sekunde um sich selbst zu drehen, während er nur noch bunte Sterne vor seinen Augen sah. In seinem Schädel erwachte ein hämmerndes Pochen, das ihn schwindeln machte, und er spürte, wie ihm das Sandwich aus den Fingern glitt und der Arm mit dem Handy nach unten sackte.

***

 

»Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott!«

So rasch es das unwegsame Gelände und die wild wuchernden Büsche zuließen, hastete Liv Richtung Seeufer und auf den Fremden zu, der sich benommen vorbeugte und mit einer Hand auf dem Knie abstützte, während die Finger der anderen an seinem Kopf herumtasteten.

Sie hatte ihn nicht gesehen. Er schien wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Plötzlich hatte er einfach dort gestanden, und der Ball hatte ihn volles Pfund am Hinterkopf getroffen.

Verdammt, wo war er auf einmal hergekommen?

Ihr Gekreisch ignorierend, war Jay freudestrahlend hinter dem Scheißball hergerannt und lief nun schwanzwedelnd zwischen dem Fremden und seinem Hund herum. So viel zu dem tollen Rückruftraining.

Mist! Was für ein Katastrophentag! Dabei war sie gut hineingestartet, weil sie endlich mal ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt hatte. Es war ein schöner Morgen gewesen, obwohl man bei all dem Nebel draußen kaum die Hand vor Augen hatte sehen können.

Der Tag hatte versprochen gut zu werden, bis Marcus ihr diese verdammte Nachricht geschickt hatte und sie drauf und dran gewesen war, ihren restlichen Urlaub abzubrechen, um nach Hause zu fahren. Hätte sie danach nicht mit ihrer besten Freundin telefoniert, wäre sie schon längst auf dem Heimweg. Sie hatte doch nur einen gemütlichen Spaziergang mit Jay machen wollen, um sich abzulenken.

Herrgott, wäre sie bloß im Bett geblieben oder abgereist. Aber nein, stattdessen hatte sie sich zweimal unterwegs auf die Fresse gelegt und zu allem Überfluss noch feststellen müssen, dass die scheißteuren Gummistiefel, die ein Heidengeld gekostet hatten, nicht dicht waren, sodass das Regenwasser ihre Lieblingskuschelsocken mittlerweile in matschige Woll-U-Boote verwandelt hatte.

Dieser Vorfall jetzt war irgendwie der krönende Abschluss eines zunehmend beschissener werdenden Tages. Was kam als Nächstes? Brannte das Hotel ab? Explodierte ihr Auto?

Fuck! Sie hatte echt keine Zeit zum Rumjammern. Kopfschüttelnd konzentrierte Liv sich wieder auf das Hier. Endlich hatte sie die letzten Sträucher überwunden und das Opfer ihrer Ballattacke erreicht. »Entschuldigen Sie bitte vielmals, Sir. Das war wirklich keine Absicht. Sind Sie verletzt?«

Er schüttelte sacht den Kopf und richtete sich langsam auf.

Livs Augen wurden groß. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, und ihre Handflächen wurden feucht.

Oh mein Gott! Gleich würde ihr Frühstück sich auf den Rückweg machen. Nein, nein, jetzt nicht dem Drang nachgeben und ihm auch noch vor die Füße kotzen. Bitte nicht!

Verdammt! Das war ein Scherz, oder? Ein ziemlich übler Scherz. Da stand nicht wirklich dieser Morris vor ihr.

FUUUUCK!

Lass es einen Doppelgänger sein, bitte!

Der Typ zog eine Grimasse und rieb sich mit einer Hand über den Hinterkopf. Als er den Arm sinken ließ, weiteten sich ihre Pupillen noch ein bisschen mehr. Scheiße, das war kein Double. Das war wirklich er.

Taylor Morris. Hollywood-Schauspieler, Hauptdarsteller in einigen romantischen Komödien und zahllosen Action-Streifen, und gerade vom People-Magazin mit dem Attribut ›Sexiest Man Alive‹ ausgezeichnet. Jemand, der sich damit brüstete, seine Stunts alle selbst zu machen, und dem nachgesagt wurde, dass er nichts anbrennen ließ, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Ihre Freundin wäre jetzt vermutlich ausgeflippt vor Begeisterung.

Zugegeben, er war durchaus sexy mit seinem raubeinigen Charme und den Fältchen um die graugrünen Augen. Klar, das lockige, dunkle Haar lag jetzt nicht so perfekt wie in seinen Filmen, sondern stand ihm bei dem Wetter wirr vom Kopf ab. Auch sein Vollbart zeigte erste graue Spuren. Er gehörte mit Anfang vierzig vermutlich nicht mehr zu dieser Riege junger Schauspieler, die aktuell die Social-Media-Kanäle überschwemmten und alle naselang jeden Schritt ihres Lebens in die Welt hinausposaunten.

Trotzdem hätte sie sich irgendwie gewünscht, dass er im wahren Leben mehr aussah wie eine vertrocknete Kartoffel und seine Ausstrahlung nicht die eines Mannes war, der von seiner Wirkung auf die Frauenwelt durchaus wusste und das gnadenlos auskostete.

Sie war fast schon dankbar, dass er sie gar nicht weiter beachtete und sein Blick auf den beiden Hunden lag, die sich mittlerweile gegenseitig beschnüffelten und einander offenbar für gut befanden.

Liv unterdrückte einen Seufzer. Wenn das mit Menschen doch auch so einfach gewesen wäre. Einmal am Hintern schnuppern und man wusste, ob der andere ins eigene Weltbild passte oder die in ihn investierte Zeit nicht wert war.

Zugegeben, der Vergleich hinkte vielleicht ein bisschen … Taylor Morris am Hintern zu riechen wäre jetzt nicht so ihr Ding gewesen.

Als er plötzlich das Kinn hob und sie ansah, konnte sie spüren, wie ihr Gesicht auch die restliche Farbe verlor. Sie hatte das jetzt nicht laut ausgesprochen, oder?

Sein Blick huschte prüfend über ihre Gestalt. Toll, wirklich toll. An einem Tag wie heute, da sie ihre fettigen, ungewaschenen Haare unter der Kapuze ihrer Jacke versteckte und sich das Ding wie eine Zehnjährige unterm Kinn festgebunden hatte, während ihr Schlamm und Schafkacke an den Gummistiefeln klebten und ihre Socken bei jedem Schritt ein ekliges Schmatzen von sich gaben, lief ihr ein Typ wie Taylor über den Weg.

Perfektes Timing! Der Tag würde eindeutig in ihre persönlichen Annalen eingehen. Wo war eigentlich dieses verdammte Loch, das sich im Boden auftat und einen verschlang, wenn man es mal brauchte? Sie wollte unsichtbar sein – jetzt, sofort!

Scheiße!

Tief Luft holend, rang sie die Hände. »Ehrlich, es tut mir leid. Ich habe Sie nicht gesehen. Ich hätte in eine andere Richtung geworfen, wenn ich bemerkt hätte, dass hier noch jemand ist. Ich … kann nicht gut werfen, wissen Sie? Ich vermeide es sonst, irgendwohin zu zielen, wo jemand verletzt werden könnte – und dann kam noch der Wind dazu heute, das hat dem Ball irgendwie noch mehr Drift gegeben.«

Liv verstummte. Was redete sie da eigentlich für einen Mist? Das interessierte ihn doch alles gar nicht. Sie hatte ihm einen verdammten Ball an den Kopf geworfen, und er würde sie vermutlich verklagen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Wieso zum Teufel sagte er nichts?

Sie musterte ihn fragend. »Sind Sie verletzt?«

Er reagierte gar nicht, starrte sie nur stumm aus unergründlichen Augen an. Himmelherrgott! Warum glotzte er die ganze Zeit?

Ja, warum wohl? Sie hätte sich am liebsten selbst eine Kopfnuss verpasst. Vermutlich, weil du ausschaust wie eine Idiotin … oder weil er einfach dumm wie Brot ist.

»Nein, ich bin nicht verletzt.« Gott! Im wahren Leben klang er viel männlicher als in seinen Filmen. Als er die Lippen zu einem schiefen Lächeln verzog, hätte sie schwören können, dass ihr Herz für den Bruchteil eines Augenblicks ins Stolpern kam. Er deutete auf seinen Hund, der sich den Tennisball geschnappt hatte und darauf herumkaute, als ginge es um eine olympische Disziplin. »Immerhin freut sich einer von uns über diesen unerwarteten Zusammenstoß.«

Sein halbherziger Versuch eines Scherzes machte die Sache nicht besser. Liv biss sich auf die Unterlippe, verflocht ihre Finger ineinander und zog die Schultern bis zu den Ohren hoch.

Sie musste sich irgendwas einfallen lassen, um die Sache wieder auszubügeln. »Kann ich irgendwas für Sie tun, als Wiedergutmachung?«

Sein Schmunzeln vertiefte sich, als er erneut den Blick hob. »Ein Kaffee wäre nett.«

Ein Kaffee? Sie blinzelte verwirrt. Gut, gut, wenn sie damit den Worst Case abwenden konnte, dann sollte er ihretwegen auch zehn Kaffee bekommen. »Ja … ja sicher, das ist das Mindeste.« Sie versuchte sich in einem missglückten Lächeln und deutete hinter sich. »Ähm, auf der anderen Seite des Sees gibt es ein wirklich schönes Gutshaus. Wir könnten mit den Hunden in einer halben Stunde dort sein. Sie haben ein sehr gemütliches Kaminzimmer, in dem leckerer Tee, Scones und frisch gebackener Kuchen serviert werden.«

»Auf der anderen Seite des Sees?«, wiederholte er.

Sie zog eine Schulter bis zum Kinn. »Ja, eine Ferienunterkunft mit Fremdenzimmern – in erster Linie zwar mit Selbstversorgung, aber die Eigentümer sind immer dort und verwöhnen ihre Gäste mit selbstgebackenen Köstlichkeiten.«

Er nickte bedächtig. »Das klingt doch nach einem guten Plan. Nachdem Shanna gerade den Rest meines Sandwiches verdrückt hat, hätte ich gegen ein Stück Kuchen weiß Gott nichts einzuwenden. Und später kann ich mir ein Taxi nehmen, um zu meiner Unterkunft zurückzukommen.«

Oh, großartig, ihm war auch noch sein Essen aus der Hand gefallen, und der Hund hatte es sich reingezogen. Das wurde immer besser. Ihre Mundwinkel schmerzten schon von dem unechten Lächeln in ihrem Gesicht.

Ihre Wangen wurden warm. »Es tut mir wirklich leid, Sir. Das hätte nicht passieren dürfen.«

Er winkte ab. »Alles gut. Ich werde vermutlich nicht mal eine Beule bekommen, es war ja nur ein Tennisball.« Als er den Arm hob, bemerkte sie, dass er ein Handy zwischen den Fingern hielt. »Ich fürchte, das Video ist auch nicht ganz so ausgefallen, wie ich mir das vorgestellt habe.«

Ihr wurde heiß! Ihr Gesicht brannte. Zum Glück war ihm nicht auch noch sein Smartphone runtergefallen. Vermutlich war das eins dieser zweitausend Euro teuren Dinger, die sich kein Normalsterblicher leisten konnte.

Er schob das Handy unbeachtet in seine Hosentasche und zwinkerte ihr gut gelaunt zu. »Nach diesem holprigen Anfang sollten wir uns einander vielleicht erst einmal vorstellen.« Als er ihr die rechte Hand reichte, legte sie ihre eigene wie selbstverständlich hinein. »Hi, ich bin Taylor.«

Sie nickte zaghaft. Sein Händedruck war fest und warm. Große, starke Hände, die sich wirklich gut anfühlten. Sich räuspernd erwiderte sie: »Hi, ich bin Liv.«

»Liv? So wie Liv Tyler?«

Mühsam unterdrückte sie den Drang, den Kopf in den Nacken zu legen und ein frustriertes Stöhnen auszustoßen. »Hm, so ähnlich.«

»Oh.« Sein Blick wurde durchdringend. »Du hörst den Vergleich ziemlich oft, oder?« Gute Beobachtungsgabe, dennoch klimperte sie erneut irritiert mit den Wimpern. Dass er so selbstverständlich zu einer vertraulicheren Anrede überging, fühlte sich irgendwie seltsam an.

Sie legte den Kopf zur Seite. »Ehrlich gesagt, fast jedes Mal seit Herr der Ringe

»Prima, gleich mit beiden Füßen ins Fettnäpfchen gelatscht.« Er schnitt grinsend eine Grimasse, was seinem anschließenden »Tut mir leid« irgendwie die Ernsthaftigkeit nahm.

Sie zuckte die Achseln. »Schon okay, es gibt Schlimmeres im Leben … so wie Bälle an Köpfe schmeißen.«

Taylor lachte leise. »Ich gebe zu, so hat noch nie jemand meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, aber ich werde es überleben. Ich bin nicht so ein Weichei, wie ich den Anschein erwecke.«

Sie wurde wieder rot und hob schon abwehrend die Hände, ehe sie begriff, dass er sie aufzog. Liv stieß die Luft aus und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Entschuldige, es ist einfach peinlich. Zum Glück passiert es nicht jeden Tag, dass ich jemanden in der Pampa beim Bällchenspiel bewerfe. Irgendwie habe ich kein gutes Timing heute.«

»Na ja, du musst das positiv sehen«, bemerkte Taylor. »Es war nur ein Ball. Kein Stock, der jetzt in meiner Brust steckt oder so.«

Sie verzog die Lippen und strich sich mit zwei Fingern am Rand ihrer Kapuze entlang. Klar hatte er recht, aber seine Art, die Dinge in ein anderes Licht zu rücken, war schon ein bisschen merkwürdig.

»Du bist nicht von hier, oder?« Seine direkte Frage brachte sie aus dem Konzept.

Liv schüttelte den Kopf. »Nun, nein …«

Als sie nicht weitersprach, deutete er auf Jay, die immer noch seinem eigenen Hund gegenüberstand und ihr mit schiefgelegtem Kopf dabei zusah, wie sie auf dem Tennisball herumkaute. »Ist das ein Greyhound?«

»Nein. Jay ist ein Galgo, ein spanischer Windhund.«

»Ein Mädchen?«

»Ja.«

»Die hat bestimmt Jagdtrieb, oder?«

Liv zuckte mit den Achseln. »Die meisten Galgos sind dafür gezüchtet, ja, aber Jay ist an Wild ungefähr so interessiert wie an fliegenden Kühen. Vermutlich ist sie deshalb aussortiert worden.« Liv deutete auf seinen Hund. »Eigentlich will sie nur ihren Tennisball zurück.«

»Oh, klar.« Er machte einen Schritt nach vorn, befahl Shanna den Ball fallen zu lassen und belohnte sie mit einem Leckerchen. Dann hob er den Ball auf und wollte ihn Jay reichen.

Liv trat dazwischen. »Ich würde ihn erst mal nehmen. Es wäre jetzt nicht fair, ihn Shanna wegzunehmen und gleich an Jay weiterzureichen.«

»Ganz wie du meinst.« Er drückte ihr den nassen Ball in die Finger, und Liv ließ ihn in der Tasche ihrer Regenjacke verschwinden.

»Seid ihr zwei hier im Urlaub?«

Sie nickte. »Ja, kann man so sagen.«

»Wie schön.« Er machte eine alles umfassende Geste. »Ich bin auch im Urlaub, das erste Mal seit einer Ewigkeit.« Sein Lächeln vertiefte sich erneut und verursachte ihr ein warmes Gefühl im Bauch. »Ich bin in der Nähe von Glasgow geboren und aufgewachsen, allerdings lebe ich schon lange in Übersee. Woher kommst du?«

»Aus Deutschland. Geboren bin ich in Dänemark.«

»Dänemark?« Er nickte beifällig. »Ich glaube, ich habe noch nie eine Dänin kennengelernt.«

Liv schmunzelte und zuckte mit den Achseln. »Na ja, es gibt für alles ein erstes Mal.«

»Das stimmt.« Er deutete in die Richtung, in der ihr Hotel lag. »Wollen wir?«

Sie nickte. »Ja, gern.«

 

***

 

Nachdem er seinen Rucksack geschultert hatte, stapften sie los. Ihm entging nicht, dass ihre Schuhe seltsam schmatzende Geräusche von sich gaben, als wären sie mit Wasser vollgelaufen. Ihre Miene verriet allerdings in keinem Moment, ob sie tatsächlich nasse Socken hatte. Taylor verkniff sich eine entsprechende Nachfrage.

Er war schon mit seiner dämlichen Bemerkung bezüglich ihres Namens angeeckt, er wollte es sich nicht endgültig mit ihr verscherzen. Dieses Zusammentreffen war zwar unerwartet und im ersten Moment durchaus schmerzhaft gewesen, aber aus irgendeinem Grund faszinierte ihn Liv.

Eigentlich war ein Urlaubsflirt nicht in seiner Planung für die nächsten Wochen einbezogen gewesen, aber wenn ihm eine so aparte Frau über den Weg lief, wollte er keinen uncharmanten Eindruck hinterlassen.

Als sie die ersten Meter hinter sich gebracht hatten, warf er ihr einen vorsichtigen Seitenblick zu.

»Wieso Schottland?«, wollte er wissen.

Sie wandte nur kurz den Kopf, ehe sie wieder konzentriert auf den Weg starrte, um nicht über Büsche oder Steine zu stolpern. »Wieso nicht?«, fragte sie zurück.

Taylor zuckte mit den Achseln. »Na ja, es gibt zu dieser Jahreszeit gewiss angenehmere Reiseziele … Länder, wo es weniger regnet und stürmt und die Sonne sich öfter zeigt.«

Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem belustigten Lächeln. Gott! Dieses Grübchen in ihrer linken Wange war einfach entzückend. Vermutlich war sie sich der Tatsache, wie hübsch sie aussah, gar nicht bewusst. Die blauen Augen wirkten riesig in ihrem herzförmigen Gesicht. Dänin, hm … Ob sie blond war? Wegen der Kapuze konnte er nichts von ihrer Frisur erkennen, aber ihre Augenbrauen waren nicht sehr ausgeprägt, eher schmal und allenfalls von hellbrauner Farbe. Eigentlich stand er ja mehr auf kräftiges Brünett, aber daran sollte es nicht scheitern.

»Ich brauchte einen Tapetenwechsel«, erwiderte sie leichthin. »Und ich mag Schottland einfach. Das Wetter ist hier nicht schlechter als in Deutschland, von daher stören mich ein bisschen Wind und Regen nicht wirklich.«

»Das ist ein Argument. Brauchtest du den Tapetenwechsel wegen beruflichem Stress?«

Sie zögerte. Für einen Moment befürchtete er, wieder übers Ziel hinausgeschossen zu sein und zu rasch eine zu persönliche Frage gestellt zu haben. Aber er musste zugeben, dass er darauf brannte, mehr von ihr zu erfahren.

Sie zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. »Eher privater Stress, aber das ist Schnee von gestern.« Ihn traf ein prüfender Blick. »Und du besuchst deine alte Heimat, um Erinnerungen aufzufrischen?«

Er bemerkte wohl, dass sie von sich selbst abzulenken versuchte. Aber das war okay. Ihre Antwort war ausweichend genug gewesen, um ihn ahnen zu lassen, wieso sie wirklich in Schottland war. Er würde vielleicht später noch Näheres herausbekommen. Der Tag war schließlich noch jung und er zu seiner eigenen Überraschung extrem neugierig auf diese Frau.

»Ja, auch das. Ich will meine Familie besuchen, alte Freunde treffen, aber in erster Linie wieder zu mir selbst finden.« Er verzog das Gesicht. »Das letzte Jahr war anstrengend. Mein Haus ist im November abgebrannt …« Das hatte er nicht erwähnen wollen. Verdammt! Mit einem Räuspern fuhr er fort: »Du hast vielleicht von den schlimmen Bränden in Kalifornien gehört?«

Ihre Miene drückte Betroffenheit aus, als sie ihn ansah. »Ja natürlich, es war ja überall in den Nachrichten. Mein Gott, wie schrecklich. Das tut mir leid.«

Taylor hob möglichst lethargisch eine Schulter. Die Erinnerung war immer noch schmerzhaft, auch wenn er sie die meiste Zeit verdrängte. »Ich war versichert, der materielle Schaden ist zu verkraften. Es sind eher die … immateriellen Dinge, die nicht zu ersetzen sind.«

»Es ist hoffentlich niemand verletzt worden?«

Er schüttelte den Kopf und hielt den Blick geradeaus gerichtet. »Nein. Nicht bei uns jedenfalls – in der Nachbarschaft sah das leider anders aus. Viele Verwundete, mehr als hundert Tote, unzählige Menschen, die danach einfach gar nichts mehr hatten und denen die gesamte Existenz genommen wurde. Weißt du, in den Medien war oft nur die Rede von den abgebrannten Villen und den Prominenten, die es getroffen hat. Doch es waren ja nicht nur wohlhabende und gut versicherte Menschen, die dort gelebt haben. Da waren auch Leute mit kleinem Einkommen und ohne dickes Bankkonto. Ein ganzer Trailerpark ist abgebrannt. Als ich vor den Ruinen meines Hauses stand, hat mich das natürlich schockiert. Ich habe mich gefühlt wie im Kriegsgebiet, aber … da waren so viele Schicksale, die einen betroffen gemacht haben und Demut lehren. Da wird einem bewusst, wie gering die eigenen Probleme wiegen, wenn das Leid anderer so greifbar ist.«

Sie legte den Kopf zur Seite. »Ich glaube, in dem Moment sind wir alle gleich. Wenn nichts mehr übrig ist außer schwarzen Ruinen und nasser Asche, und alle Erinnerungsstücke sind fort, dann ist das für jeden ein Tiefpunkt.«

Taylor senkte den Blick auf den ausgetretenen Pfad, den sie erreicht hatten. »Ja, das trifft es ziemlich genau.« Er deutete auf Shanna. »Sie war meine Therapeutin in den letzten Monaten.«

Liv lächelte, aber diesmal war darin etwas Warmes, das ihm ein wohliges Gefühl verursachte. »Das glaube ich gern. Tiere sind manchmal die beste Medizin.«

Er nickte. »Oh ja, und sie kam im rechten Augenblick.«

Er spürte, wie Liv ihn ansah. »Dann ist sie noch gar nicht so lang bei dir?«

»Nein. Ich habe sie im vergangenen Herbst bei Dreharbeiten in Rumänien gefunden, … ich arbeite für die Filmbranche.« Sie nickte, schien aber nicht wirklich beeindruckt. »Ich sollte eher sagen: Sie hat mich gefunden. Eigentlich habe ich keinen Hund mehr haben wollen, weißt du?« Er stockte kurz, doch weil sie ihn nicht unterbrach und nur zuhörte, redete er weiter. »Anfang letzten Jahres musste ich meine alte Hündin einschläfern lassen, … das war ziemlich hart.«

»Das tut mir leid«, bemerkte sie leise. Ihm fiel auf, dass sie zu Boden sah, als würde sie das nicht nur aus Höflichkeit dahersagen, sondern wirklich mit ihm mitfühlen. Es tat gut, dass sie seine unfreiwillige Beichte nicht mit einem kühlen Winken beiseitewischte. Er fühlte sich bei ihr auf seltsame Weise … angekommen, als würden sie sich schon ewig kennen und hätten sich gerade wiedergefunden. Das war ihm noch nie passiert.

Er holte tief Luft, ehe er weitersprach. »Jedenfalls wollte ich keinen Hund mehr. Mein Job, die Reiserei – ich dachte, das passt alles nicht … Und dann kam Shanna an mir vorbei.« Er schnaufte. »Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich würde behaupten, das war so was wie Liebe auf den ersten Blick. Wir haben uns angesehen, und sie hat mich ab dem Tag einfach nicht mehr in Ruhe gelassen. Überall ist sie mir hinterhergerannt, hat mich angebettelt, hat ständig schmusen wollen, hat mich keinen Schritt mehr allein gehen lassen – außer, wenn ich am Set war. Dann hat sie neben der Regieassistenz gesessen und gewartet, als wüsste sie, dass ich in dem Moment keine Zeit für sie habe. Das war verrückt.« Bei der Erinnerung daran schüttelte er wieder den Kopf. »Alle haben mir in den Ohren gelegen, ich solle mir endlich einen Ruck geben und sie offiziell adoptieren.«

»Verständlich«, erwiderte Liv mit einem Lächeln. »Shanna hat dich ganz offensichtlich ausgesucht.«

»Das musste ich mir dann auch eingestehen. Also haben wir uns einen örtlichen Tierschutzverein gesucht, geschaut, ob jemand sie vermisst, und als das nicht der Fall war, habe ich sie adoptiert. Nun ist sie offiziell mein Hund – seit neun Monaten und drei Tagen.« Er blieb stehen, ging neben Shanna in die Hocke und schloss die Augen, als sie sofort zu ihm kam, um ihren Kopf an seine Wange zu drücken. Taylor streichelte über das feuchte Fell. »Sie hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.«

»Inwiefern?«

»Seit Shanna bei mir ist, weiß ich das Leben wieder zu schätzen. Ich laufe nicht mehr blind und taub durch die Welt, ohne sie wirklich zu sehen. Ich bemerke plötzlich wieder all die kleinen Dinge, die mir früher entgangen sind.« Er hob den Kopf.

Livs Augen glänzten verdächtig, und auf ihren Lippen lag ein zartes Lächeln. Ihr Blick ging ihm durch und durch. Niemand hatte ihn je auf diese Weise angesehen, nicht einmal Maddison.

Wie konnte es sein, dass er sich mit einer Wildfremden fühlte, als wäre sie schon immer ein Teil seines Lebens gewesen? Kopfschüttelnd versuchte er das seltsame Gedankenwirrwarr in seinem Schädel zu begreifen. Das hier war ganz anders als bei Maddison, da war er nur Hals über Kopf verliebt und vollkommen von seinen Hormonen gesteuert gewesen.

Er verdrängte die aufkommende Erinnerung und den dumpfen Druck in seiner Brust, der mit diesem Namen einherging. Das mit Maddison lag sieben Monate zurück, und trotzdem war der Gedanke an sie immer noch wie ein heißer Dolch, der sich in sein Inneres bohrte.

»Das ist ein schöner Wandel.«

Taylor blinzelte und wusste für den Bruchteil einer Sekunde nicht, wovon sie sprach, dann fiel ihm wieder ein, was er von sich gegeben hatte. Er senkte den Blick und starrte Shanna an. »Na ja, ich war nicht immer ein netter Mensch in der Vergangenheit, aber ich hoffe, mein Leben künftig sinnvoller zu gestalten.«

»Es gibt viel, was man tun kann, um die Welt ein bisschen besser zu machen.«

»Das ist wahr.« Taylor erhob sich und schob die Hände in Jackentaschen. »Aber genug von mir. Wie lang bist du schon in Schottland?«

»Oh, ein paar Tage erst«, erwiderte sie. »Ich wollte ein wenig am Loch Achall ausspannen, bevor ich mich auf meine Tour begebe.«

»Was für eine Tour?«

»Burgruinen besuchen.«

Er stutzte. »Burgruinen? Interessierst du dich für Geschichte und Geistererscheinungen?«

Ihr rechter Mundwinkel zog sich nach oben. »Ja, unbedingt. Ich schreibe … Fantasyromane, unter anderem, und ich arbeite gerade an einem Dreiteiler, in dem eben auch schottische Burgruinen eine große Rolle spielen.«

»Du bist Autorin?«

Sie wirkte ein wenig verlegen. »Ja, irgendwie schon, also neben meinem eigentlichen Job. Im Moment ist das eher so ein Hobby.«

»Aber du hast schon ein paar Bücher geschrieben?«, hakte er nach.

Sie zog den Kopf zwischen die Schultern, und die Geste hatte fast etwas von einer Entschuldigung. »Etwas mehr als ein Dutzend etwa.«

Taylors Augen wurden groß. »Mehr als ein Dutzend? Das klingt aber nicht nur nach einem Hobby.«

»Na ja, es war mal mehr, … aber die Zeiten haben sich geändert.«

Stirnrunzelnd musterte er ihr Profil. »Wie meinst du das?«

»Der Buchmarkt wird überschwemmt von Geschichten aller Art und Qualität«, erwiderte sie. »Vor einem Jahr wurde ich außerdem krank, konnte eine ganze Weile nicht mehr schreiben, wie ich wollte, und meine Verkäufe brachen ein. Also brauchte ich wieder einen festen Job, mit geregeltem Einkommen, … und das Schreiben blieb dabei ein wenig auf der Strecke.« Sie verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln und wirkte plötzlich angespannt. »Tja, und dann habe ich mir dieses Jahr zum ersten Mal seit einer Ewigkeit diesen Urlaub gegönnt und heute die Nachricht bekommen, dass ich meinen Brotjob verloren habe.«

Taylor blieb stehen. »Wieso?«

Liv warf ihm einen unsicheren Seitenblick zu. »Ich schätze, mein Boss erträgt meine Anwesenheit nicht mehr.«

»Das verstehe ich nicht.«

Sie schnitt eine Grimasse und wandte sich wieder zum Gehen. »Er ist mein Ex-Freund.«

»Oh. Wow. Warte!« Als sie ihn erneut ansah, war ihre Miene unergründlich. Taylor legte den Kopf schief. »Du willst sagen, dein Ex hat dir erst einen Job gegeben und dir jetzt gekündigt, während du im Urlaub bist?«

Sie nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern. »Den Job hat er mir gegeben, als wir noch ein Paar waren. Ich wundere mich eigentlich, dass er es danach so lang mit mir ausgehalten hat.«

»Darf ich fragen, wann ihr euch getrennt habt?«

»Am Valentinstag.« Sie verschränkte die Hände ineinander und starrte auf den Boden, während sie die Spitze ihres Gummistiefels in das regendurchtränkte Moos drückte. »Da bin ich ausgezogen und hab alles mitgenommen, was mir gehörte. Seine Wohnung war danach ziemlich leer – bis auf die Einbauküche und eine Flasche Shampoo. Ich glaub, das hat ihn ganz schön angepisst.«

Taylor blinzelte. »Das war rigoros.« Er nickte anerkennend. »Den Valentinstag wird er sicher so schnell nicht vergessen.«

Sie vergrub ihre Hände in den Jackentaschen. »Vermutlich. Aber das hat er sich selbst zuzuschreiben.«

»Was hat gemacht?«

»Da habe ich herausgefunden, dass er mich betrügt.«

Taylor verzog das Gesicht. »Du hättest ihn rausschmeißen sollen.«

»Die Wohnung läuft auf seinen Namen, ich habe nur das Inventar mitgebracht.«

»Krass! Ich kenne keine Frau, die so konsequent reagiert hätte.« Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung und liefen weiter. »Hast du ihn zur Rede gestellt?«

»Nein. Irgendwann weiß man einfach, dass manche Menschen einem nur Energie rauben mit ihren Lügen und ihren Entschuldigungen. Ich meine, klar war das schmerzhaft und verletzend, aber es hat mir auch gezeigt, was wirklich wichtig ist. Ich will meine Zeit nicht mit jemandem verschwenden, der mich nicht respektiert. Für mich war das der Startschuss, um von vorne anzufangen, und das heute ist nur die letzte Tür, die zwischen ihm und mir zugefallen ist. Ab jetzt wird ein neues Leben beginnen.«

»Wow.« Taylor maß sie mit langem Blick. »Du bist vermutlich eine der wenigen Frauen, die einem Mann wegen sowas keine Szene gemacht hat.«

Liv musterte ihre Schuhspitzen. »Ich habe drüber nachgedacht. Aber ich wollte dieses Gefühl nicht zulassen, dass er weiterhin irgendeinen Einfluss auf mein Leben hat. Das ist er nicht wert.«

»Da zieh ich wirklich den Hut!«

»Danke.« Sie presste für einen Moment die Lippen aufeinander. Erneut traf ihn ein unsicherer Blick. »Ich habe keine Ahnung, wieso ich dir das alles überhaupt erzähle. Wir kennen uns doch eigentlich gar nicht.«

Taylor grinste ernst. »Na ja, ich verstehe das schon. Mir geht es ja ähnlich, … als würden wir uns schon viel länger kennen und nicht erst ein paar Minuten.«

»Ja … ja.« Sie nickte heftig und sah ihm in die Augen. »Das ist doch seltsam, oder?«

»Gewaltig. Aber weißt du, ich kann das durchaus nachvollziehen, … dass du eine Pause brauchtest und aus deiner gewohnten Umgebung ausbrechen wolltest. Mir ging es ähnlich.«

»Was ist passiert?«

Taylor schob die Hände in die Hosentaschen, während er neben ihr herlief. Normalerweise hätte er niemals mit einer Fremden über sein Privatleben geredet, schon gar nicht in seiner Position. Sie hätte genauso gut eine Papparazza sein können oder eine Stalkerin. Seine Managerin wäre vermutlich durchgedreht, wenn sie ihn hier mit ihr sehen würde.

Doch er konnte gar nicht verhindern, dass seine Lippen sich öffneten und er zu sprechen begann. »Nikki. Das war meine erste Hündin.«

»Die du hast einschläfern lassen müssen.«

»Genau. Ihre Asche hatte ich in einer Urne aufbewahrt, und die stand auf dem Kaminsims …« Er stockte.

»In dem Haus, das abgebrannt ist?«, hakte sie nach.

Taylor nickte. »Ja.«

Livs Gesicht verzog sich. »Oh Gott, das tut mir so leid.«

Er schluckte. Das waren die Worte, die er eigentlich von Maddison hatte hören wollen. Sein Mund war plötzlich trocken. Er musste irgendwas sagen. »Mir war alles egal, das Haus, die Möbel, das war alles ersetzbar, aber … Nikkis Asche eben nicht.« Taylor holte tief Luft. »Maddison, meine Ex-Freundin, sie hat es nicht verstanden. Sie hat gemeint, es müsse doch irgendwann mal gut sein und … es war doch nur ein Hund

Livs linke Augenbraue hob sich, als sie sich ihm zuwandte. »Das hat sie echt gesagt?«

Er zuckte mit den Achseln. Es tat so gut, mit jemandem zu reden, der einen offensichtlich verstand. »Das war das Tüpfelchen auf dem i. Ich mein, sie hat wegen ihrer scheiß Kleider und Schuhe geheult und macht mir dann den Vorwurf, dass ich um die Asche meines Hundes trauere. Da kam es zum ersten massiven Bruch zwischen uns.«

»Versteh ich, mit so einem Spruch disqualifiziert man sich bei mir auch sofort.«

»Als ich Shanna im Herbst aus Rumänien mitgebracht habe, habe ich schon gemerkt, dass Maddison das nicht gepasst hat. Aber als ich ihr dann im Dezember gesagt habe, dass ich über eine Trennung nachdenke, … hat sie mir eine Szene gemacht, die ihresgleichen suchte, und ihr rutschte dabei raus, dass sie wünschte, Shanna wäre auch in dem Feuer verbrannt. Da war es vorbei.«

»Oh mein Gott!« Liv schüttelte sichtbar fassungslos den Kopf. »Das tut mir so leid.«

»Na ja, man kann den Leuten immer nur vor den Kopf gucken. Umso bewundernswerter finde ich, wie ruhig du trotz allem geblieben bist – das wäre mir in deiner Lage vermutlich nicht gelungen.«

»Ganz ehrlich, mein Ex ist fraglos ein dummes Arschloch, aber jemandem sowas zu sagen ist echt geschmacklos«, erwiderte Liv leise. »Du solltest froh sein, dass ihr nichts mehr miteinander zu tun habt.«

Er holte tief Luft und wandte den Blick nach vorn, wo die beiden Hündinnen einträchtig und gut gelaunt nebeneinander herliefen, während sie immer wieder Gestrüpp und Grasbüschel beschnüffelten. »Das bin ich. Und es zeigt mir einmal mehr, man muss nach vorne blicken.« Taylor zuckte die Schultern. »Letztlich hat das ein Umdenken bei mir bewirkt und mein oberflächliches Leben in eines mit Sinn verwandelt.« Er verzog die Lippen. »Ich habe sogar angefangen mich ehrenamtlich zu engagieren, also hatte es auch etwas Gutes.«

»Das ist toll.« Ihr Lächeln ging ihm durch und durch. »In welchem Bereich bist du tätig?«

»Ich mache mich für eine Hilfsorganisation stark, die Kindern in den ärmsten Ländern der Welt Bildung und Nahrung ermöglicht. Ich habe selbst zwei Patenkinder, die ich finanziell unterstütze und Ende des kommenden Jahres unbedingt besuchen möchte.«

»Das finde ich großartig.«

»Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Klar, es gab ein paar Stolpersteine, aber im Großen und Ganzen geht es mir gut. Ich will einfach etwas zurückgeben.«

»Eine schöne Idee.« Sie musterte ihn flüchtig. »Und wohnst du immer noch in Kalifornien?«

Er nickte. »Ja, deutlich bescheidener als früher, aber es reicht völlig. Wenn man vor dem Nichts stand, dann bewertet man das was wirklich lebensnotwendig ist plötzlich anders.« Er hob die Hände. »Im Herbst wollen die Menschen mit dem Wiederaufbau der Häuser in Paradise beginnen. Nicht jeder, der dort mal gewohnt hat, kann eine Baufirma engagieren, aber ich kann meinen Status und meine Beziehungen dafür nutzen, dass im großen Stil für die Menschen gespendet wird und somit auch die wieder ihr Zuhause zurückbekommen, die nicht versichert waren.«

Livs Augen leuchteten, als sie ihn ansah. »Es ist großartig, dass du dich so einsetzt.«

»Das ist das Wenigste, was ich tun kann.«

»Das ist mehr, als manch anderer tut.«

2

 

 

 

Rhidorroch House war endlich in Sichtweite, als Taylor das Schweigen der letzten Minuten mit einem überraschten Ausruf unterbrach und stehen blieb. »Das ist mein Hotel!«

Liv starrte ihn für eine Sekunde verdattert an.

Er lachte verlegen und fuhr sich mit einer Hand durch das feuchte, sich kräuselnde Haar. »Ich

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Verlag: Zeilenfluss

Texte: Ewa Aukett
Bildmaterialien: Alewiena, https://stock.adobe.com/de/194494934, Vector, Floral card design; oneinchpunch, https://stock.adobe.com/de/187974168, Young couple love moments in the park; danielkay, https://stock.adobe.com/de/175958366, Vibrant sunrise at Quiraing on the Isle of Skye, Scotland. Autorenportrait: Lysann Sander - Blitzlicht
Cover: Buchcoverdesign.de / Chris Gilcher
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 19.08.2019
ISBN: 978-3-96714-015-6

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