Cover

Prolog

Hitze, überall war Hitze - so unerträglich, dass die Haut Blasen warf und sich langsam vom Fleisch löste. Sie wollte schreien, doch als sie einen Atemzug machte, verbrannte die siedend heiße Luft ihren Mund, die Lippen platzten auf, ihre Zunge fühlte sich an wie ein harter Klumpen Sand und schließlich schien das Innere ihres Körpers zu kochen.

In ihren Augen spiegelte sich das Feuer, das in Sekundenschnelle auf sie zuraste, sie spürte, wie ihr Leib sich krümmte, wie ihre Haare loderten, Haut und Fleisch sich auflösten.

Doch es tat gar nicht mehr weh, aus unerträglicher Hitze wurde Eiseskälte, sie starrte nach vorn, ihre Augen wurden trocken, brannten und ein Schleier schob sich über ihren Blick, als die Netzhaut sich trübte und die Helligkeit sie blind werden ließ. Sie schrie lautlos, als die Flammen sie erreichten und innerhalb von Sekundenbruchteilen ihren Körper pulverisierten.

Schwärze.

Stille.

Nichts.

 

Entsetzt schlug sie die Augen auf und schoss in ihrem Bett hoch. Ihr Schlafzimmer lag im Halbdunkel und auf dem Nachttisch blinkte der Radiowecker wie nach einem Stromausfall. Nur ein Albtraum … nur ein Albtraum!

Sie stand auf, schwankte durch das Zimmer und in das kleine fensterlose Bad. Immer noch benommen, versuchte sie das Gleichgewicht wiederzuerlangen, als sie den Wasserhahn aufdrehte und ihr Gesicht wusch. Irritiert hob sie den Kopf und betrachtete den Kunststoffbecher, der wie von Zauberhand langsam über das Bord unter dem Spiegel rutschte und in dem ihre Zahnbürste leise vor sich hinklapperte. Sie schluckte an dem plötzlichen Kloß in ihrem Hals, drehte das Wasser ab und richtete sich auf.

Was sie zuvor als Gleichgewichtsstörung wahrgenommen hatte, kam keineswegs von ihrem Albtraum … Sie spürte die zunehmende Vibration unter ihren nackten Füßen.

Die Erde bebte.

1. Kapitel

Deutschland im Dezember

Gegenwart

 

Fröstelnd blieb Anna im Türeingang stehen und zog den Kragen ihres Mantels nach oben, um den nackten Hals zu bedecken. Es war bitterkalt und in der Luft lag der vertraute Geruch nach Schnee.

Sie wandte den Blick nach oben.

Dicke, weiße Wolken bewegten sich langsam über einen blauen Winterhimmel. Ein schöner Anblick. Vielleicht würden bis heute Abend endlich die ersten Flocken fallen.

Sie seufzte. Schnee wäre mal eine nette Abwechslung. Der zauberte diese dunkle, furchteinflößende Welt, die immer mehr durchzudrehen schien, vielleicht wieder ein wenig sauberer … oder vermittelte ihr zumindest ein Trugbild von Reinheit und Frieden.

Die trüben Gedanken abschüttelnd, zog sie die Mütze über ihren Kopf, legte sich den Riemen ihrer Handtasche quer über die Brust und lief los. In Gedanken ging sie ihre Aufgaben für den heutigen Tag durch. Nach der Redaktionskonferenz um halb neun musste sie bis zum Nachmittag den Artikel zum Kreisklinikum und der neuen Brandschutzanlage fertig schreiben, danach würde sie sich den Mails zu ihrem Beitrag bezüglich „Falschnachrichten und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft“ widmen.

Mit leichtem Bauchgrimmen dachte sie an die übervollen Kartons, die sich mittlerweile mannshoch in einer Ecke des Büros stapelten, welches sie sich mit Maya teilte. Ihre Kollegin und beste Freundin hatte letzte Woche schon gejammert, dass die Dinger endlich in den Keller sollten, und der Großteil von dem Zeug waren Annas Unterlagen. Aber sie hatte bisher nicht das Bedürfnis gehabt, wieder einen Fuß dort unten hineinzusetzen. Zu seltsam war der Vorfall im Sommer letzten Jahres gewesen und mittlerweile war sie selbst nicht mehr sicher, was sie glaubte dort unten gesehen zu haben.

Es war auch nicht weiter wichtig gewesen. Max war noch am gleichen Abend in ihr Leben getreten und neue Dinge hatten Priorität bekommen. Ein hitziger Sommer war einem ungemütlichen Herbst samt Sofa-Wochenenden mit heißem Kakao und aufregenden Stunden zu zweit gewichen. Selbst der nasskalte, schneelose Winter hatte ihr nichts ausgemacht. Alles war perfekt gewesen und sie einfach glücklich.

Jedenfalls bis zum Januar. Da war es zu diesem Vorfall gekommen, bei dem eine psychisch labile Frau auf ihrer Flucht aus dem Krankenhaus von der Bad Bergschaummer Talbrücke gesprungen war. Max und sein Kollege Stefan hatten an jenem Morgen Dienst gehabt und versucht sie aufzuhalten. Max war ihr sogar auf ihrem waghalsigen Weg an der Außenmauer hinterhergeklettert, trotz der Höhenangst, mit der er zu kämpfen hatte. Sie hatte ihn angelächelt und ihm gesagt, er solle nach Hause gehen – so wie sie -, und dann war sie einfach in die Tiefe gesprungen.

Er hatte erzählt das Schlimmste sei gewesen, so etwas live erleben zu müssen und nichts tun zu können. Er hatte sich so hilflos und ohnmächtig gefühlt und er hatte diesen Job doch ergriffen, um Leben zu retten, nicht, um dabei zuzusehen, wie es jemand vor seinen Augen eigenmächtig beendete.

Es hätte bei diesem Schock, der ihm und Stefan in den Knochen steckte, bleiben können. Doch gekrönt wurde das Ganze noch durch die anschließende Absurdität, dass den beiden danach niemand ihre Geschichte geglaubt hatte, – denn es gab keine Leiche.

Vor den Augen der beiden war die Frau hunderte von Metern ins Tal gestürzt und es gab keine einzige Spur von ihr, - als hätte sie sich mitten im Sprung einfach in Luft aufgelöst.

Suchtrupps mit Hunden hatten die Gegend durchkämmt, aber da war nichts gewesen. Sie waren immer alle der gleichen Spur gefolgt und die verlor sich tatsächlich genau da, wo Max und Stefan die Frau zuletzt gesehen hatten. Im Grunde bestätigte das ihren Bericht sogar, und trotzdem schien es einfach vollkommen unlogisch zu sein.

Selbst Anna, die für ihre Zeitung den Artikel geschrieben und die beiden interviewt hatte, hinterfragte irgendwann, was er und Stefan erzählten, und hatte eingeworfen, ob sie sich das vielleicht alles eingebildet hatten … so wie sie selbst diese Begegnung im Keller ihres Redaktionsgebäudes.

Den Gedanken laut auszusprechen war ein Riesenfehler gewesen, und obschon sie sich direkt entschuldigt hatte, hatte das zum Bruch zwischen ihr und Max geführt. Dass sie seine Integrität und Ehrlichkeit angezweifelt hatte, war für ihn so unverzeihlich gewesen, dass er keine vierundzwanzig Stunden später die Beziehung beendet hatte.

Er hatte ihr vorgeworfen, dass ihr ihr Job wichtiger war als alles andere, dass die Journalistin in ihr bereit war seine Aufrichtigkeit anzuzweifeln, um einen reißerischen Artikel zu schreiben, und ihre Gefühle offenbar nie ehrlich gewesen waren. Sie war gleichzeitig geschockt und überrascht gewesen von seinem Ausbruch, aber jeder ihrer Versuche, mit ihm zu reden, sich zu entschuldigen und irgendetwas retten zu wollen, war von ihm im Keim erstickt worden.

Ab dem Tag war ihre Welt nicht mehr perfekt gewesen und ihr Zustand von „absolut glücklich“ hatte sich mit Vollgas in „durchgehend beschissen“ verwandelt.

Anna straffte die Schultern und zog den Kragen noch ein Stück höher. Es waren fast elf Monate vergangen seit der Trennung, und trotzdem tat es immer noch weh. Liebeskummer war eine der überflüssigsten Erfindungen, die das Universum sich jemals für die Menschheit hatte einfallen lassen. Dagegen waren selbst Zahnschmerzen wünschenswerter.

Die Hände tief in den Manteltaschen versenkt, lief sie mit langen Schritten zu der Bushaltestelle gegenüber. Der Schmerz in ihrem Inneren war nur ein weiterer Grund, warum sie aus ihrer alten Wohnung aus- und in den Vorort gezogen war. Der andere Grund war die günstigere Miete, – auch wenn der Weg zur Arbeit nun länger dauerte.

Die räumliche Trennung von Max, dessen Wohnung direkt unter ihrer gelegen hatte, bot ihr immerhin die Möglichkeit, wenigstens ein bisschen abzuschließen. Sie war zwar noch nicht ganz über diese Episode ihres Lebens hinweg, aber wenigstens fühlte es sich nicht mehr total falsch an, wenn sie mal lachte oder einfach nicht an ihn denken musste.

Das Leben ging weiter, gleichgültig, wie viele Steine das Schicksal einem in den Weg räumte. Da half alles Jammern und Klagen nicht.

Ihr Magen gab ein zustimmendes Knurren von sich. Anna drückte die in den Taschen vergrabenen Hände auf ihren Bauch und verzog die Lippen. Okay, sie würde vorher noch einen Abstecher in die Bäckerei machen, die gleich um die Ecke vom „Bad Bergschaummer Anzeiger“ lag. Ihr war heute eindeutig nach einem großen Milchkaffee mit viel Zucker und einem dick belegten Brötchen.

Als sie die Bushaltestelle endlich erreichte, blickte sie in die gleichen müden Gesichter wie jeden Morgen: Der Typ in dem zerschlissenen Blaumann und der mittlerweile viel zu dünnen Jacke, der in seiner Ecke eine Kippe nach der anderen qualmte. Die Seniorin, die mitsamt ihrem karierten Trolley und lila getönter Dauerwelle auf dem Weg zum Einkaufen war. Die junge Mutter mit dem stumpfsinnigen Gesichtsausdruck und dem ständig quengelnden Vier- oder Fünfjährigen an der Hand. Der, der immer noch nicht richtig sprechen konnte und jedes Mal damit ruhiggestellt wurde, dass sie ihm ein Handy in die Finger drückte, auf dem er herumspielen konnte, - während sie selbst auf ihrem Smartphone irgendwelche Whatsapp-Nachrichten in einer Gruppe mit anderen überforderten Jungmuttis teilte, die auch so schrecklich anstrengende Kinder hatten.

Anna hatte mal im Bus neben ihr gesessen und gesehen, worüber und in welcher Art diese selbsternannte Übermutti sich dort ausließ. Bei der vulgären Wortwahl und den dürftigen Orthografiekenntnissen war es kein Wunder, dass ihr Sohn einen ähnlich beschränkten Horizont aufwies und sich immer noch mehr mit Grunzlauten als Worten zu verständigen versuchte. Das arme Kind konnte einem eigentlich nur leidtun, weil seine Mutter in Annas Augen eine selbstverliebte und unfähige Egoistin war, die sich mehr mit ihrem dämlichen Handy als ihrem Kind beschäftigte.

Sie vermied es eine Grimasse zu ziehen, während sie sich auf ihrem üblichen Punkt in einer Ecke des Wartehäuschens positionierte. Wenn sie selbst jemals Kinder haben sollte, würde sie das anders handhaben.

Sie kräuselte die Lippen.

Wäre das einen neuen Artikel wert? Warum kümmerten sich so viele Eltern heutzutage nicht mehr selbst um ihre Kinder, sondern erwarteten von Kindergärten und Grundschulen, dass Erzieher und Lehrer die Verantwortung übernahmen, die man eigentlich als Eltern hatte?

Ja, das könnte vielleicht auch ihrem Chefredakteur Frank gefallen. Zufrieden zog sie die Ohrstöpsel ihres MP3-Players aus der Tasche und schaltete damit die Welt um sich herum aus. Sie brauchte Ablenkung und wollte sich an diesem trüben Montagmorgen nicht noch weiter mit ihren Mitreisenden beschäftigen.

Ein Gähnen unterdrückend, zog sie die Schultern hoch und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht, während sie den Boden vor sich betrachtete. Vielleicht hatte Max recht und sie war oberflächlich und voreingenommen.

Müde schüttelte sie den Kopf. Ihre Gedanken passten zu diesem ätzenden Wochenanfang. Der Tag hatte schon damit begonnen, dass sie verschlafen hatte. Das war ihr seit Jahren nicht mehr passiert. Zum ersten Mal hatte sie den Wecker nicht gehört und war eine geschlagene Stunde nach ihrer üblichen Aufstehzeit aus dem Bett gesprungen.

Klar, sie würde wie immer pünktlich zur Arbeit erscheinen, aber ihre Morgenroutine war dadurch völlig aus dem Tritt gekommen. Die Zeit hatte gerade gereicht, um sich die Zähne zu putzen, Wasser ins Gesicht zu spritzen und anzuziehen. Für die ungewaschenen Haare hatte sie heute Morgen zum ersten Mal das Trockenshampoo benutzt, das Maya ihr vor mehr als einem Jahr in die Hand gedrückt und gemeint hatte, sie solle das mal ausprobieren.

Tatsächlich funktionierte das Zeug und sie lief nicht mit diesen „Maggi-Haaren“ herum, wie Maya es nannte, wenn man während eines langen Wochenendes gern mal die täglichen Haarwäschen ausfallen ließ. Ihre Haare sahen frisch und gepflegt aus, nicht nach drei Tagen Tiefkühlkost, Hintern mit dem Sofa verwachsen lassen und den Jogging- nur gegen den Schlafanzug wechseln. Lediglich der Geruch dieses Chemiesprays war irgendwie gewöhnungsbedürftig und Anna bedauerte immer noch, dass sie nicht mehr hatte duschen können, bevor sie sich auf den Weg zur Redaktion machte.

Sie fröstelte erneut. Auch dieser Tag würde vorübergehen und sie hoffte einfach, dass niemand heute an ihr herumschnüffeln würde, um ihren Hygienestatus abzuchecken. In der wöchentlichen Redaktionskonferenz würde sie sich irgendwo weiter hinten einen Platz suchen.

Neben ihr erhob sich die Seniorin von der Bank im Wartehäuschen und Anna wandte den Blick. Ihr Bus war da – und in einer halben Stunde würde sie im Büro sitzen. Es war Zeit, die nachdenkliche Anna gegen diejenige zu tauschen, die versuchte das miese Gefühl zu ignorieren, das Max‘ wütende Worte bezüglich ihres Jobs damals in ihr ausgelöst hatten. Sie hatte lange für ihren Traum gekämpft und seine Vorwürfe hatten ihr vieles von dem, was sie erreicht hatte, verleidet. Sie war früher mal mit Leidenschaft Journalistin gewesen und stolz auf ihre Arbeit – aber heute funktionierte sie in erster Linie nur noch, und das schon seit Monaten. Sie hatte keine Ahnung, ob ihr Herz jemals wieder das fühlen würde, was mal gewesen war.

 

~~~ ~~~ ~~~

 

„ANNA?!“

Ertappt hob sie den Blick und stellte fest, dass alle im Konferenzraum sie anstarrten. Hitze stieg in ihre Wangen. Für einen Moment hatte sie gedankenverloren auf ihrem Block herumgekritzelt und nichts von dem mitbekommen, was um sie herum vor sich ging.

Sie bemerkte, dass Frank ihr auffordernd zunickte. Er wollte offenbar wissen, wie ihre Pläne für diese Woche aussahen.

„Entschuldigung“, murmelte sie verschämt und strich sich die nervige Haarsträhne hinter das Ohr, die ihr heute früh schon mehrfach in die Quere gekommen war. „Der Artikel zum Kreisklinikum geht bis heute Nachmittag online.“

„Was hast du für danach geplant?“, wollte Frank wissen.

Sie drehte den Kugelschreiber zwischen ihren Fingern. „Na ja, ich habe überlegt, ob Eltern sich heutzutage aus ihrer Verantwortung stehlen.“

Ihr Chefredakteur runzelte die Stirn. „Was genau meinst du?“

„Es gibt da diese Mutter, die morgens mit mir im Bus fährt. Sie hat einen Sohn, etwa vier oder fünf. Sobald der Kleine anfängt zu quengeln, bekommt er ein Handy in die Hand gedrückt und wird damit regelrecht ‚ruhiggestellt‘, während sie selbst auf ihrem eigenen Handy herumtippt, statt sich mit dem Kind zu beschäftigen.“ Anna entging nicht, dass einige der Kolleginnen, von denen sie wusste, dass sie Kinder hatten, ihr Blicke nach dem Motto ‚als ob du Ahnung hättest‘ zuwarfen. Irgendwie war das zu erwarten gewesen. Sie räusperte sich, straffte die Schultern und legte den Kuli auf ihren Block. „Ich weiß, ich habe keine Kinder und das prädestiniert mich jetzt natürlich auch nicht dazu, mich als Expertin aufspielen zu wollen. Darum geht es auch nicht … Aber ein Vierjähriger, der so gut wie noch kein Wort spricht und sich nur mit irgendwelchen Grunzlauten oder ‚Da da‘ artikuliert, erscheint mir doch fast schon vernachlässigt. Ich frage mich, ob die Generation solcher Eltern heute tatsächlich von Kindergärtnerinnen und Lehrern erwartet, dass die einfach für jedwede Erziehung zuständig sind, und sie sich als Eltern völlig aus der Verantwortung stehlen und ihr eigenes Leben weiterleben wie bisher.“

Frank nickte und fuhr sich mit einer Hand über das Kinn. Anna bemerkte, dass die Kolleginnen sich ebenfalls ansahen und leise murmelnd zustimmten.

„Klingt nicht uninteressant“, bemerkte Frank. „Wird aber sicher auch einige kontroverse Meldungen nach sich ziehen. Wirst du diese Frau als Interviewpartnerin einsetzen?“

Anna runzelte die Stirn. Eigentlich hatte sie daran eher nicht gedacht. Diese Mutti war nicht gerade nach ihrem Geschmack, … aber vielleicht tat sie ihr ja unrecht und sie sollte ihr wenigstens die Möglichkeit geben sich zu äußern. Anna hob eine Schulter und nickte zögerlich. „Vielleicht, wenn sie will.“

„Gut, dann wäre das erst mal vom Tisch.“ Frank nickte dem Kollegen links von ihr zu. „Was steht bei dir an, Carsten?“

Anna stieß leise die Luft aus, die sie angehalten hatte. Glück gehabt! Sie bemerkte, dass Maya, die rechts von ihr saß, sie anstarrte. Anna wandte den Blick zu ihrer Kollegin und Freundin. Die zog eine Grimasse und formte lautlos mit den Lippen das Wort „Erziehung?“. Anna schenkte ihr ein schiefes Lächeln, zuckte mit den Achseln und legte den Kopf schief.

Ihr war klar, dass das eigentlich sonst nicht ihr Themengebiet war. Sie berichtete eher über soziale Projekte, städtische Baumaßnahmen oder kulturelle Veranstaltungen.

Aktuelle Projekte wie die zunehmende Unzufriedenheit, Missgunst und sinkende Toleranz gegenüber Dritten, die sich seit Wochen, nein Monaten in der Bevölkerung breitmachten, waren das Gebiet der älteren Kollegen, die für die Zeitung arbeiteten. Ein hart umkämpftes Pflaster. Sollte sie hierbleiben und nicht in die zwanzig Kilometer entfernte Großstadt ziehen, um bei einer bekannteren Zeitung anzuheuern, wären ihre Chancen vermutlich ziemlich gut, erst kurz vor der Rente die nächste Beförderungsstufe zu erreichen.

Familie und alles, was dazu gehörte, waren sonst wirklich nicht Annas Sparte – für sie selbst war das Thema Kinder auch noch ganz weit weg. Wenn eine ehemalige Kollegin in Babypause mit ihrem Sprössling die Redaktion aufsuchte, war Anna meist die Erste, die irgendwo Richtung Toiletten verschwand, weil sie tunlichst zu vermeiden versuchte einen dieser Zwerge in die Hände gedrückt zu bekommen.

Kinder waren süß, aber irgendwie war sie selbst damit überfordert. Sie hatte nicht einmal ein Haustier, weil sie sich dieser Verantwortung einfach noch nicht gewachsen fühlte. Maya wusste das und war vermutlich deshalb so überrascht, dass Anna sich ausgerechnet mit solch einem Thema auseinandersetzen wollte.

Mit einem tonlosen Seufzer wandte Anna den Blick von ihrer Kollegin ab und betrachtete den Block, auf dem sie vorhin herumgekritzelt hatte, ohne wirklich hinzusehen.

In ihrer eigenen Handschrift stand dort ein einziges, wild verschnörkeltes Wort und sie hatte keine Ahnung, wann und warum sie es geschrieben hatte: Sijrevan.

Sijrevan?

Was war das?

Erschreckender war allerdings das Ding, das sie unter dem Wort skizziert hatte, und sie konnte spüren, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich und einem unangenehmen Gefühl aus unerklärbarer Angst und tiefer Kälte Platz machte. Es war ein seltsames Wesen, das sie aus dem Papier heraus anzustarren schien. Mit kleinen, lidlosen Augen, die in einem fleischigen, unförmigen Gesicht saßen, dessen Mund nichts weiter war als ein zahnloser Spalt. Der Kopf steckte auf einem massigen, langen Körper, grau und bleich, mit kurzen Stummelbeinchen, die in Füßen endeten, die wie seltsame Saugnäpfe aussahen, und Armen, die bis fast auf die Erde reichten und deren Hände nur drei Finger hatten.

Sie wusste, dieses Ding gab Laute von sich, die wie das harmlose Gurren einer Taube klangen, aber es war gefährlich. Es näherte sich seinem Opfer und umarmte es, und dann erstickte dieses Wesen es mit seinem wabbeligen Fleisch.

Anna spürte, wie ihr Mund austrocknete und ihre Augen zu schmerzen begannen, als würde sie trotz der Kälte in sich von innen heraus verbrennen. Sie hatte dieses Ding schon einmal gesehen, vor mehr als einem Jahr und nur schemenhaft im Dunkel der Höhle …, aber sie war sich absolut sicher.

Das war das Monster, das sie in jenen Gang verfolgt hatte, der später nicht mehr vorhanden gewesen war, als sie mit Maya hinab in den Keller gelaufen war. Maya hatte gemeint, Anna hätte vielleicht zu lang draußen in der Hitze gelegen, einen Sonnenstich erlitten und sich alles nur eingebildet. Aber Anna hatte gewusst, so war es nicht.

Sie sah es leibhaftig vor sich auf diesem Blatt Papier: einen echten Nimroq.

 

~~~ ~~~ ~~~

 

„Geht es dir gut?“

Sie zuckte merklich zusammen, als die Stimme direkt neben ihr erklang. Anna hob den Kopf und sah Mayas Gesicht vor sich. Sie hatte nicht einmal gehört, wie ihre Kollegin ins Büro getreten war.

„Ja, sicher.“

„Ganz ehrlich?“ Maya ging zu dem Schreibtisch hinüber, der Annas gegenüberstand, und ließ sich in ihren Bürostuhl sinken. Sie musterte Anna sichtlich besorgt. „Süße, du bist kalkweiß. Was ist los?“

Anna zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie war unschlüssig, ob sie Maya davon erzählen sollte. Sie wusste ja nicht einmal selbst, was mit ihr los war. Vor ihr lag der Notizblock, zugeklappt und der Kugelschreiber sorgfältig darauf platziert, als wäre er ein Vorhängeschloss, das eine unsichtbare Kette zusammenhielt.

Vor mehr als einem Jahr hatte sie diese alte Eichentür im Keller des Redaktionsgebäudes gefunden, versteckt hinter den Regalen und scheinbar ewig nicht benutzt. Dahinter war ein Gang gewesen, von Düsternis erfüllt und elend lang. Von Neugier getrieben war sie hineingetreten, um ihn zu erforschen – auch in der Hoffnung auf eine tolle Story über ein mögliches unterirdisches Labyrinth unter Bad Bergschaumm.

Nachdem sie eine ganze Weile unterwegs gewesen war, hatte sie irgendwann eine zweite Tür erreicht. Das Ding hatte keine Klinke oder Ähnliches gehabt und sie war schon ziemlich enttäuscht gewesen, weil sie glaubte, dass sich ihr Abenteuer damit erledigt hatte. Aber dann hatte die Tür sich durch einen versteckten Mechanismus geöffnet und vor ihr hatte eine weite, geheimnisvolle Höhle gelegen.

Sie erinnerte sich, dass es kalt gewesen war, und ein stetes Rauschen hatte die Luft erfüllt, … es war unheimlich, aber dennoch auch aufregend gewesen. Und dann hatte sich etwas in der Dunkelheit geregt, etwas, das schlurfte und sich mit seltsam nassen Geräuschen über Stein bewegte. Sie hatte nichts erkennen können, außer schemenhaften Schatten, aber sie hatte dieses Wesen spüren können. Es war auf sie zugekommen und Anna hatte panisch den Rückweg angetreten, wohl wissend, dass dieses Ding Gefahr bedeutete.

Was anfangs ein aufregendes Abenteuer zu sein und ihre Chancen auf einen Platz in den Lokalnachrichten zu sichern schien, hatte sich innerhalb von Sekunden in etwas Gruseliges und Furchteinflößendes verwandelt. Sie hatte die seltsame Tür nicht schließen können, war den Gang zurückgerannt und hatte die Eichentür hinter sich zugeschlagen. Gerade als sie die Regale wieder davorgeschoben hatte, war von der anderen Seite etwas dagegengeschlagen. Sie hatte keine Ahnung, was es war, aber sie hatte wirklich Angst gehabt.

Als sie am nächsten Tag mit Maya erneut in den Keller gestiegen war, um ihr zu zeigen, was sie entdeckt hatte, war der Gang verschwunden gewesen und hinter der Tür nichts weiter als eine gemauerte Nische aus Stein. Maya hatte gemeint, sie hätte sich wohl einen Sonnenstich geholt und das alles halluziniert – irgendwann hatte Anna selbst an sich gezweifelt.

Doch diese Skizze auf ihrem Block, … die war wie ein Foto in Bleistiftoptik. Es war dieses Ding aus der Höhle und plötzlich war da ein Wissen in ihr, welches sie sich nicht erklären konnte.

Nimroq hatte sie dieses Geschöpf in Gedanken genannt. Sie hatte mitten in der Redaktionskonferenz gesessen und war zur Salzsäule erstarrt, unfähig, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte den Block zugeklappt und versucht sich zu entspannen, aber die Angst hatte sie nicht mehr losgelassen. Sie war wie ein Angelhaken, der sich in ihr drin in ihr Fleisch gegraben hatte, und sie war nicht in der Lage dieses Gefühl wieder abzuschütteln.

Als die Besprechung endlich vorbei war, hatte Anna sich in ihr Büro geflüchtet, während die anderen noch mit Kaffeekochen und leisen Unterhaltungen beschäftigt gewesen waren. Niemand hatte sie beachtet.

An ihrem Schreibtisch hatte sie das Wort gegoogelt, aber es existierte nicht. So wenig wie Sijrevan.

Zweimal hatte sie versucht den Block wieder aufzuschlagen und sich dann doch nicht getraut. Es erneut zu sehen, würde es noch realer machen.

Als Kind hatte sie immer gern gezeichnet, war sogar einigermaßen begabt gewesen, aber genau wegen solcher Bilder, die ihr Gehirn ungefragt ausspuckte, hatte sie damit aufgehört.

„Anna?“

Aus ihren Grübeleien aufgeschreckt, blickte sie Maya an. Ihre Kollegin wirkte ehrlich besorgt. Tief durchatmend legte Anna eine Hand auf den Block.

„Erinnerst du dich noch an den Sommer letztes Jahr, als es so heiß war?“

„Klar, wer erinnert sich da nicht dran? War vermutlich der letzte echte Sommer in diesem Jahrtausend.“

Anna nickte automatisch und betrachtete das Deckblatt ihres Notizbuches. Was, wenn die Zeichnung genauso verschwunden war wie der Gang? Unangenehme Aufregung machte sich in ihr breit.

Sie schluckte und schlug es auf.

Nimroq.

Der Gedanke erklang so laut in ihrem Kopf, als hätte ihn jemand direkt neben ihr tatsächlich ausgesprochen. Sie schaute sich um, aber außer Maya und ihr war niemand im Raum.

Ihre Augen suchten erneut das Wesen aus Kugelschreibertinte.

Wieso, verdammt, konnte sie sich nicht daran erinnern dieses Geschöpf gemalt zu haben? Als sie den Block zu Beginn der Konferenz aufgeklappt hatte, war ein leeres Blatt Papier da gewesen. Über der Zeichnung gab es noch ein paar grobe Notizen zu den Themen, die besprochen worden waren. Weiter unten nur noch ein paar Kringel, als wäre sie nicht mehr ganz bei sich gewesen.

Dazwischen Sijrevan und dann die Zeichnung.

Sie fühlte sich seltsam. Als würde irgendetwas in ihr die Welt plötzlich mit anderen Augen sehen und sie wispernd darauf hinweisen, dass da mehr war, als sie zu wissen glaubte.

Ihr Mund trocknete aus und Anna schluckte schwer. Ihr Zeigefinger tippte wie von selbst auf das Blatt, ohne die gezeichnete Figur zu berühren.

„Siehst du das hier?“

Sie wagte es nicht, ihren Blick abzuwenden, erkannte aber aus dem Augenwinkel, dass Maya aufstand und zu ihr herüberkam. Neben ihr blieb sie stehen.

Anna hörte Maya heftig die Luft ausstoßen.

„Scheiße!“ Vielleicht bildete sie sich das ein, aber in Mayas Stimme klang ein Hauch von Panik mit. „Was ist das?“

Nimroq.

„Ein Monster“, murmelte Anna. „Wie findest du es?“

Maya zögerte merklich, sodass Anna nun doch zu ihr hochsah. Im Gesicht ihrer Kollegin erkannte sie Verwirrung und etwas, das Anna sich nicht erklären konnte. Maya presste die Lippen aufeinander, zog die Schultern hoch und machte einen Schritt zurück, während sie die Arme vor der Brust verschränkte. Eine durch und durch abwehrende und ausweichende Haltung. Ihr Blick blieb starr auf Annas Notizbuch gerichtet. Sie räusperte sich. „Na ja, die Zeichnung ist echt professionell, … aber dieses Ding ist ziemlich eklig. Wo kommt das her?“

Sijrevan.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Anna mit größer werdendem Unbehagen und betrachtete die Zeichnung erneut. Wenigstens konnte Maya es auch sehen, dennoch mochte Anna die Worte nicht aussprechen, die ihr durch den Kopf spukten. Sie hatte das Gefühl, wenn sie es tat, würde etwas Schlimmes passieren.

„Wer hat das gemalt?“, wollte Maya wissen.

„Ich.“

„DU!?“ Mayas Stimme überschlug sich fast. Anna hob erneut den Blick und diesmal erkannte sie in Mayas Gesicht Panik und Unglauben. Anna runzelte die Stirn. Irgendetwas war seltsam an ihrer Reaktion. Natürlich war dieses Wesen gruselig, aber Maya war trotz ihrer Vorliebe für skurrile Themen nie ein Angsthase gewesen. „Aber wie?“ Die Freundin schluckte und strich sich fahrig eine honigblonde Locke aus dem Gesicht. „Ich meine … wann?“

„Als wir in der Konferenz saßen“, erwiderte Anna. Sie zuckte mit den Achseln und entschied sich ehrlich zu sein. „Ich erinnere mich aber nicht daran.“

Maya starrte erst sie an, dann das Blatt Papier und schließlich wieder Anna. „Ich wusste nicht, dass du so zeichnen kannst … Das Ding sieht aus, als würde es gleich aus deinem Block gekrochen kommen.“ Sie fuchtelte mit einer Hand in Annas Richtung. „Kannst du den Deckel zumachen? Das Monster macht mich nervös.“

Anna tat es mit zitternden Fingern. Sie hob das Kinn und sah Maya in die Augen. „Bist du okay?“

Maya brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln. „Ja. Nein. Ich …“ Sie räusperte sich hektisch und lief Richtung Bürotür. Maya schloss sie langsam, dann drehte sie auf dem Absatz um und kam zu Anna zurück.

„Wie … Ich mein …“ Sie faltete die Hände und zog sie an die Brust. „Warum hast du das gemalt?“

„Ich weiß nicht. Ich war irgendwie in Gedanken und hab drauflosgekritzelt.“

„Nein, ich mein, … hast du das schon mal gesehen? Keine Ahnung, in deinen Träumen oder so?“

Anna starrte ihre Kollegin drei Sekunden lang an, dann klappte ihr der Mund auf. „Du kennst das auch, oder? Deshalb bist du auch gerade so durch den Wind.“

Maya kam zu ihr zurück und ging neben Anna in die Hocke. Eine Hand auf der Armlehne ihres Bürostuhls und die andere auf Annas Knie stierte Maya sie an. Sie sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Ich habe die letzten drei Nächte seltsames Zeug geträumt und dieses Wesen war auch dabei. Es hat mich verfolgt und es kam immer näher … Und jetzt sehe ich das, was in meinem Traum war, auf deinem Block. Das ist doch nicht normal!“

Anna spürte, wie der letzte Rest Farbe ihr Gesicht verließ.

„Was ist das für ein Ding?“, wollte Maya wissen. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, aber die Angst in ihren großen, braunen Augen brüllte Anna geradezu an.

„Ich weiß nicht … Wir waren in der Konferenz, ich war gedanklich weit weg und dachte, ich male nur Kringel aufs Papier. Ich weiß nicht mal, worüber ich nachgegrübelt habe. Frank hat wissen wollen, welches Projekt bei mir ansteht, und als wir damit durch waren und ich nach unten sah, war dieses Ding auf meinem Block. Ich weiß, dass ich es gezeichnet habe, aber ich weiß nicht, warum und wieso …“ Sie stockte. Wenn Maya von diesem Wesen geträumt und sie es gemalt hatte, musste es doch einen Zusammenhang geben, oder? „Vielleicht …“

Maya starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. „Was?“

Anna biss sich auf die Unterlippe. „Weißt du noch, wie ich dir von diesem Geheimgang im Keller erzählt habe?“

„Der, der nicht da war? Ja sicher.“

Anna tippte auf den Block. „Dieses Wesen, … ich meine, diese Zeichnung, das Teil sieht aus wie dieses Ding, das mich dort unten verfolgt hat. Ich weiß, da gab es keinen Gang, als wir noch mal nachgeschaut haben, – und ehrlich gesagt, war ich selbst schon überzeugt, ich hätte einen am Helm gehabt. Aber das Gefühl, dieses Teil auf dem Papier zu sehen, ist genauso schlimm, wie damals in der Höhle nur die Umrisse zu erahnen.“

Maya glotzte sie nur stumm an.

Anna konnte geradezu beobachten, wie es in ihrem Gesicht arbeitete. Normalerweise war Anna immer die Vernünftige und Besonnene, Maya war die mit den verrückten Ideen und seltsamen Thesen, – ausgerechnet in dem Punkt waren die Rollen bei ihnen umgekehrt verteilt, zumindest bis jetzt.

„Du meinst, dein Unterbewusstsein hat dich das malen lassen, was du dort unten zu sehen geglaubt hast?“

Anna zuckte resigniert mit den Schultern und senkte den Blick wieder auf ihren Schreibtisch. Vermutlich war es vermessen zu glauben, dass Maya da auch einen Zusammenhang sah.

„Möglich, … ich weiß es nicht.“

Zwischen ihnen wurde es still.

Maya ging zurück zu ihrem Schreibtisch und ließ sich erneut auf ihren Stuhl fallen. Für einen Moment war nichts weiter zu hören außer dem leisen Summen der Leuchtstoffröhren an der Decke und den Gebläsen der Rechner unter ihren Tischen.

„Was, wenn nicht?“, wollte sie wissen.

Anna runzelte irritiert die Stirn. „Bitte was?“

„Was, wenn du es dir nicht nur eingebildet hast? Wenn da wirklich ein Gang war und eine Höhle und dieses Ding dich verfolgt hat?“

Verblüfft sah Anna zu Maya hinüber. „Du hältst das für möglich?“

Ihre Kollegin verzog das Gesicht und sah nicht sehr glücklich dabei aus. „Ehrlich gesagt, hoffe ich immer noch, dass du einen Sonnenstich hattest …“ Sie stockte und starrte über den Schreibtisch auf Annas Notizblock. „Aber diese Träume, die ich die letzten Nächte hatte, waren so real. Ich habe die Kälte auf meinem Gesicht spüren können und es war, als hätte mich irgendetwas berührt. Das war anders als sonst - und nun sehe ich dieses Teil auf deinem Block.“ Ihre Blicke trafen sich. „Halt mich nicht für verrückt, aber ich habe echt Schiss.“

Anna zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Das ist bestimmt nur ein Zufall.“

„Keine Ahnung, ehrlich, keine Ahnung.“ Maya hob die Schultern und drückte sich in ihren Stuhl. Ihre Finger krampften sich um die Armlehnen ihres Stuhls. „Weißt du, … vielleicht spinne ich ja und es geht nur mir so, aber ich habe das Gefühl, in den letzten Wochen werden die Leute immer merkwürdiger. Wenn ich rausgehe, sehe ich kaum noch jemanden lächeln. Alle sind so unzufrieden und ständig wütend auf alles und jeden. Keiner gönnt dem anderen auch nur den Dreck unter den Fingernägeln. Selbst in meinem engsten Freundeskreis sind plötzlich Leute, die auf alles schimpfen … Ausländer, Politiker, das System, Europa, die ganze Welt – und dann diese Populisten überall, die das noch anstacheln und Hass und Unzufriedenheit schüren. Uns geht es relativ gut, aber trotzdem sind wir nicht glücklich mit dem, was wir haben, – wir wollen alle immer noch mehr.“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Vielleicht bilde ich mir das ja auch alles nur ein.“

Anna schüttelte den Kopf. „Nein, tust du nicht. Ich sehe es auch überall … und es ist schwer sachlich zu argumentieren, weil du gegen Wände in Köpfen rennst, - und ich merke, wie sich diese Wut dann auf mich überträgt, weil da kein Rankommen ist, weil sie einfach nicht alle Aspekte sehen wollen. Sie sehen nur ihre Meinung und lassen nichts anderes zu.“

„Die reinste Zombie-Apokalypse“, murmelte Maya. Anna nickte still. „Denkst du, dieser Gang ist immer noch verschwunden?“

Der unerwartete Gedankensprung irritierte Anna. Stirnrunzelnd musterte sie Maya. „Keine Ahnung.“

„Vielleicht sollten wir nachsehen.“

Sie konnte regelrecht fühlen, wie ihr die restlichen Gesichtszüge entglitten. „Bitte was?“

Maya zog die Schultern bis zu den Ohren hoch. „Ich weiß, das klingt verrückt, aber … ich bin mittlerweile nicht mehr sicher, ob tatsächlich nur eine Wand hinter der Tür ist.“

Verblüfft blickte Anna sie an. Im letzten Jahr war Mayas Meinung dazu noch ganz anders gewesen. Sie hatte Anna damals angesehen, als hätte sie komplett den Verstand verloren, als diese ihr das erste Mal von der seltsamen Begegnung im Keller erzählt hatte. „Ich versteh nicht“, stammelte Anna, „letztes Jahr …“

„Ich weiß!“ Ihre Kollegin verzog das Gesicht und beugte sich über den Tisch. „Ich habe dir nicht geglaubt – und das tut mir leid.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern und in ihren Augen war etwas, das Anna zutiefst verunsicherte: Maya hatte Angst. „Aber ich glaube dir jetzt.“

2. Kapitel

Die Burg der MacBalbraiths, Caltheras

Im Gilbhart, Anno 1611

 

Die Welt begann sich zu verändern.

Sijrevan begann sich zu verändern.

Wo einst saftige, grüne Anhöhen gewesen waren, erstarkte heute verdorrtes, trockenes Land und der Himmel über großen Teilen der Highlands war so grau und fahl wie die Berge und Täler unter ihm. Die Rinder und Schafe, die einst das Volk genährt hatten, waren längst verschwunden und es gab keine fröhlichen, unbeschwerten Kinder mehr, die sich mit ihren Freunden auf den Hügeln betteten, um sich hinabrollen zu lassen in die Senken.

Das Echo ihres glücklichen Lachens war vor langer Zeit verhallt.

Es war nicht mehr die Heimat von einst und die Ödnis wurde mit jedem Tag, der verging, dunkler und düsterer.

Antheanna MacBalbraith, Herrin über das Volk der Alben und das Land des Lichts, trat aus der Dunkelheit ihrer Kammer an das Fenster des Turmzimmers. Vor sieben Jahren hatte sie hier schon einmal gestanden und hinausgeblickt auf das Nordmeer. Sie hatte eine rote Sonne gesehen und in ihrem Glanz hatten die Langschiffe des Nordvolkes die Wellen durchschnitten, während sie von den Drachen begleitet wurden, die endlich zurückkehrten.

Sijrevan hatte ihr einen Blick in die Zukunft gewährt. Sie hatte gesehen, was kommen würde. Doch es war ruhig geblieben während all der Zeit. Heute spürte sie zum ersten Mal, dass etwas anders war als sonst.

Ihr Blick flackerte.

Tief an den südlichen Grenzen des Landes, wo die Schattenberge lagen und der Clan der McSheamuis herrschte, war in der dunklen Einöde, aus der einst der schwarze Drache aufgestiegen war, etwas Neues erwacht. Etwas, das gefährlich war … und das sogar für die Alben zum ersten Mal in all den Jahrhunderten eine echte Bedrohung darstellte.

Jener Mann, der verschollen war, hatte dort seinen Pakt mit dem Feind erneuert und einen Ruf entsandt. Antheanna atmete tief ein und spürte den Schmerz in ihrer Brust, als würde sich schwarzes, öliges Eisen hineingraben in ihr Inneres. Sie schluchzte leise.

Die Tore würden sich öffnen.

Schon bald würde Sijrevan sich behaupten müssen gegen eine Macht, für die sie in dieser Welt keine Waffen kannten. Sie sackte auf die Knie hinab und blieb vor dem offenstehenden Fenster hocken. Sie konnte sehen, was kommen würde, aber nicht, wie es endete. Diese Entscheidung lag ganz und gar bei IHR.

Antheanna schloss die Augen.

Ihre Zeit würde kommen.

Die Alben würden Caltheras verlassen.

Sie würden der Drachenkriegerin mit ihren Reitern und Wächtern zur Seite stehen und sie in dieser Schlacht begleiten – ein allerletztes Mal.

 

 

 

~~~ ~~~ ~~~

 

 

 

Das Land der McCallahans, Highlands von Sijrevan

Im Gilbhart, Anno 1611

 

Der Herbst hielt Einzug in die Highlands und begann das verblichene Grün der Bäume und Büsche in saftige Rot- und Goldtöne zu verwandeln.

Es war ein gutes Jahr gewesen, wenigstens für den Clan der McCallahans. In ihrem Gebiet gab es noch fruchtbaren, gesunden Boden und das Gemüse und Getreide war im Sommer kräftig gewachsen. Nicht wie in einigen anderen Teilen des Landes … oder tief in den Lowlands, in jenem Gefilde, wo vor vierundzwanzig Jahren die Schlacht von Fallcoar stattgefunden und die Hauptstadt ihr Ende gefunden hatte, und wo nicht einmal ein Grashalm wieder sprießen wollte, weil die Erde immer noch schwarz war von den Feuern, die dort gewütet hatten.

Tavish setzte sich im Sattel zurecht und tätschelte der Stute zwischen seinen Beinen sanft den Hals, während er gen Osten blickte und den Horizont betrachtete, ohne wirklich etwas zu sehen. Seine Gedanken schweiften ab.

Die Erinnerungen an die alten Zeiten waren manchmal kaum noch greifbar, als gehörten sie einem anderen Menschen und nichts davon wäre je passiert. Trotzdem überfielen sie ihn in den letzten Tagen immer öfter.

Vieles von damals, als er noch ein Knabe von etwa elf Jahren gewesen war, war längst in Vergessenheit geraten. Doch er wusste noch, wie es sich anfühlte, auf Guynnbeanhs gewaltigen Beinen herumzuturnen, die Schuppen des Drachen unter seinen Händen zu spüren und den sanften Blick zu erhaschen, mit dem das riesenhafte Wesen ihn bedacht hatte. Er war ein Kind gewesen, doch dieses Gefühl der vollkommenen Verbundenheit und bedingungslosen Liebe war gemeinsam mit den Drachen verschwunden.

Natürlich liebten ihn seine Eltern, aber es war eine andere Liebe als die zwischen Guynnbeanh und ihm. Eine Liebe, die er mit seinen Geschwistern teilte. Eine Liebe, die anders war als das, was seine Eltern füreinander empfanden.

Guynnbeanh hatte jeden seiner Gedanken gekannt, von all seinen Geheimnissen gewusst. Sie hatten kommuniziert, ohne einen Laut von sich zu geben. Mit diesem Wesen hatte Tavish sich eins gefühlt, unbesiegbar. Es hatte ihm ein schmerzendes Loch in die Brust gerissen, als die Drachen einfach verschwunden waren. Die Jahre danach waren so ganz anders gewesen als die Zeit, die sie in der Obhut der Alben verbracht hatten.

Der Clan war zu seinem alten Familiensitz zurückgekehrt. Auf den verkohlten Ruinen von Callahan-Castle hatten sie die neue, größere Burg aufgebaut und ein ruhiges Leben begonnen. Ein Leben, das perfekt hätte sein können, wenn die Drachen nicht einfach über Nacht verschwunden wären. Ein Leben, das ihnen viel abverlangt hatte und doch genug gab, um glücklich sein zu können. Mit Landwirtschaft, Handwerk und geschicktem Handel war es Tavishs Eltern gelungen, ihrem Clan eine gesicherte Existenz zu schenken, in der sie weder Hunger litten noch Furcht verspürten. Etwas, das für viele nicht immer so gewesen war.

Er fühlte sich undankbar, wenn er darüber nachdachte, dass seine Eltern ihm alles ermöglicht und ihn alles gelehrt hatten, was es zu wissen und zu lernen gab. Er kannte weder Hunger noch Durst, keine Angst und keine Sorge. Er war ein Krieger mit Axt und Schwert, er war ein Kämpfer durch und durch – doch außer kleineren Scharmützeln mit übermütigen Wegelagerern und vereinzelten Söldnern war es nie zu einem größeren Konflikt gekommen. Er sehnte sich nach Abenteuern, nach Ruhm und Ehre. Obgleich er wusste, dass er dankbar sein sollte für den Frieden, der in Sijrevan herrschte, war er von einer steten Unruhe erfüllt.

Die Geschichten, die seine Eltern und einige der Highlander an manchen Abenden erzählt hatten, als er noch ein Kind gewesen war, zeugten von einer Zeit, in der ihr Land geblutet und die Menschen zahllose Opfer gebracht hatten im Kampf gegen einen Mann, der vor Hass verblendet gewesen war. Sie hatten viele treue Seelen verloren und unzählige Tränen für die Toten vergossen, ehe das Gute obsiegt hatte.

Aber diese Geschichten und Erzählungen waren nicht nur ein Mahnmal. Sie

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Texte: Ewa Aukett
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Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 21.03.2018
ISBN: 978-3-7438-6227-2

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Sir "Eule" Finley Danke an Darach.org für eure Inspiration in Bezug auf keltische und drachige Namen :)

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