Cover

Prolog

„Wieso schmeißt ein Mann, der sich auf dem Höhepunkt seiner Vorzeigekarriere befindet, plötzlich alles hin, um sich als Familienvater zu verwirklichen?

"Wieso sieht ein moderner Mann des 21. Jahrhunderts seine Zukunft genau dort, wo Männer über Generationen gefangen waren – Daheim?"

"Was bewegt eine starke Persönlichkeit, die sich stets durch Zielstrebigkeit und Ehrgeiz auszeichnete dazu, sich letztlich doch den verstaubten Rollenmustern zu unterwerfen?"

"Sind Sie krank?“

 

Mit diesen und ähnlichen Fragen, haben mich die Journalistinnen und Journalisten erschlagen, nachdem sie von meinem Rücktritt als Manager eines der bedeutendsten Unternehmens Deutschlands erfahren hatten. Penetrant besetzten sie mein Wohnzimmer, zogen mir die Erklärungen aus der Nase, um sie dann, wie es ihnen passte, zu verdrehen. Ich sei schwach, las ich dann, ein schlechtes Vorbild, nicht efrauzipiert (bei dem Begriff Efrauzipation handelt es sich um einen Fachbegriff. Der Wortbestandteil „Frau“ ist reiner Zufall und ist nicht von inhaltlicher Relevanz). Derartige pauschale Verurteilungen kränkten und kränken mich. Beim Lesen der Zeitungsberichte über mein angebliches Scheitern, fühlte ich mich unverstanden. Es war jenes Gefühl, dass mich während meiner Zeit als erfolgreicher Manager ständig begleitete. Damit soll und muss endlich Schluss sein.

All die Schlagzeilen begraben sich gegenseitig auf einem Lügenfriedhof und versuchen dort auch mein Grab zu schaufeln. Das werde ich nicht zulassen. Ganz im Gegenteil.

Die Entscheidung, die ich getroffen habe, war eine der besten meines Lebens. Heute kann ich aufrichtig behaupten, ein glücklicher Mann zu sein. Ich habe zu mir selbst gefunden und genieße es mich in meiner „stereotypen“ Tätigkeit endlich selbst zu verwirklichen. Natürlich sind Ehre, Macht und Geld süße Verführer, doch wollen wir nicht am Ende bloß zufrieden sein? Zum Glück habe ich es geschafft mir einzugestehen, dass ich über Jahre zwar einen gefüllten Terminkalender, aber kein erfülltes Leben hatte. Es mag eine niederschmetternde Erkenntnis sein, doch mein neues unspektakuläres Vaterdasein schenkt mir eine Erfüllung, die ich wahrhaftig nicht für möglich gehalten hätte.

Doch wozu all die Worte, wenn die Gesellschaft nur weiter den Kopf schüttelt. Das klingt ja alles schön und gut, denkt sie, aber wir verstehen das nicht! Wie ist es möglich, dass bei Ihnen diese Erfüllung, von der Sie sprechen, eintritt, wenn Sie unter ihrem Niveau leben?

 

 Die Antworten führen letztlich zur Charakterschwäche. Ich muss wohl ungeeignet gewesen sein für die Anforderungen des knallharten Business. Wenn das der Fall ist, so frage ich mich jedoch, welcher Mann dann bitte geeignet sein soll, für das, was ich jahrelang getan und irgendwann nicht mehr gekonnt habe: Überleben in der Frauenwelt.

 In diesem Buch möchte ich die Geschichte meiner Karriere erzählen. Es ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe, um endlich verstanden zu werden und um die nervtötenden Journalisten aus meinem Wohnzimmer zu  vertreiben. Ich möchte verdeutlichen, dass es grundsätzlich um mehr geht, als leisten oder nicht leisten, können oder nicht können, wollen oder nicht wollen. Es geht um Anpassung, Diskriminierung, Doppelbelastung durch Beruf und Familie, Druck von allen Seiten und von innen und es geht um eine scheinheilige Gesellschaft, in der Gleichberechtigung zwar auf dem Papier, keineswegs aber in der Realität vorherrscht.

Ich gebe im Voraus zu, dass meine Geschichte gewissermaßen eine des Scheiterns ist. Jedoch ist der Grund nicht in meiner Person zu suchen und zu finden, sondern in den unzumutbaren Bedingungen, denen der „moderne Mann“ heute ausgesetzt ist. Lesen sie selbst.

 

 

 

1

Während meiner Schulzeit war Gleichberechtigung nie ein Thema. Das wird fast jeder bestätigen können. Aufgewachsen bin ich in den 80er Jahren in einer westfälischen Kleinstadt, historischer Stadtkern. Dort habe ich den Kindergarten, die Grundschule und schließlich das Gymnasium besucht. Es waren dieselben Einrichtungen, in denen auch meine drei Jahre ältere Schwester ihre Kindheit verbracht hat. Meine Eltern waren seit ich mich erinnern kann beide berufstätig, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Während mein Vater dank seiner halben Stelle als Beamter nachmittags für uns da war, bekam ich meine Mutter in der Regel nur am Wochenende zu Gesicht. Als Unternehmensberaterin war sie ständig unterwegs und übernachtete in Hotels. Mit ihrem rosafarbenen Sportwagen, einem klassischen Unternehmerinnenmodel, verbrachte sie stolze Zeit auf Autobahnen.   Wir Kinder waren daran gewöhnt. Ich kann mich nicht entsinnen jemals den Eindruck gehabt zu haben, dass meine Eltern nicht gleichberechtigt gewesen wären. Mama verdiente eben das Geld und Papa kochte uns Mittagessen und half uns bei den Hausaufgaben. Er war auch derjenige, der gelegentlich meckerte, wenn mein Zimmer nicht aufgeräumt war, oder ich die Spülmaschine nicht ausräumen wollte. Mama hingegen genoss das Privileg des seltenen Gastes. Der Haushalt war nicht ihr Problem und sie somit nicht unseres. Sicher kann ich sagen, dass meine Eltern mich und meine Schwester genau gleich behandelten, dass sie uns genau gleich liebten und förderten. Geschlechterrollen waren nicht der Rede wert, eine Errungenschaft der Männerbewegung und mutiger Persönlichkeiten wie Albert Schwarzer.

In meiner Grundschulklasse waren wir ebenso viele Jungen wie Mädchen. Im Lehrerkollegium waren Frauen jedoch stark unterrepräsentiert. Damals, wie heute, war der Beruf des Grundschullehrers für Männer deutlich attraktiver, als für Frauen. Männer haben eben einfach mehr Erfahrung mit Kindern und ihrer Erziehung. Mein Grundschullehrer war ausgesprochen kompetent, er war gerecht, herzlich und manchmal streng. Die ganze Klasse mochte ihn. So waren meine ersten vier Schuljahre schlichtweg glückliche Jahre.

Früh morgens noch vor Beginn der Schule spielten meine Schwester und ich mindestens eine Stunde lang mit unseren Spielzeugautos. Es war unser Ritual. Meine Eltern waren verwundert über meine ungewöhnliche Vorliebe für Autos. Schließlich handelte es sich dabei um ganz eindeutiges Mädchenspielzeug. Vielleicht offenbarten sich in jenem zarten Alter bereits die ersten Anzeichen, dass aus mir kein typischer Mann werden würde. Wir fuhren Autorennen durch das ganze Haus und unsere Flitzer konnten sprechen. Stets um sieben Uhr, wenn unser Vater aufstand, um uns Frühstück zu machen, nahm er mir liebevoll mein Auto aus der Hand und forderte mich zum Waschen auf. Nach der Schule haben wir Kinder aus der Nachbarschaft viel draußen im Wald gespielt, sind auf Bäume geklettert und haben Buden gebaut.

Es war ein heißer Spätsommernachmittag, als Julia und ich nach der Schule in der Krone eines Magnolienbaums saßen. Wir gingen in die vierte Klasse, sie war wunderschön und ich in sie verliebt. Was sie nach einer Weile, die wir einfach da saßen und unsere Füße baumeln ließen, zu mir sagte, werde ich nie vergessen. Vorsichtig stupste sie mich mit ihrem Ellenbogen an und flüsterte:

„Willst du mit mir gehen?“

Ich fiel vom Baum und brach mir einen Finger.

 

Julia und ich bekamen beide die gymnasiale Empfehlung und blieben somit Klassenkameraden. In der neuen Klasse waren wir 35 Kinder, davon 20 männlich. Wir Jungen waren im Durchschnitt bessere Schüler als die Mädchen, nur Julia schrieb bessere Noten als wir alle. Sie war eine zauberhafte Intelligenzbestie. Obwohl ich in allen Fächern sehr gut zu Recht kam, schaffte ich es kein einziges Mal, besser zu sein als sie. In der fünften Klasse hielten wir noch Händchen, doch die Dinge änderten sich rasch. Während ich weiter in meiner unbeschwerten Abenteuerwelt lebte, wurde Julia reifer. Mit zwölf begann sie sich zu schminken, was mir große Angst machte. Es dauerte nicht lange bis ich für sie völlig uninteressant geworden war. Sie interessierte sich nur noch für ältere Jungs, die schon Rockkonzerte besuchten und rauchten. Als sie einmal im Unterricht in der Reihe vor mir saß und ich freie Aussicht auf ihren roten Tanga hatte, wäre ich beinah vom Stuhl gefallen. Von diesem Moment an, war es für mich unmöglich mit ihr zu reden. Selbst wenn sie mich hin und wieder beiläufig ansprach, brachte ich bestenfalls unverständliches Gestammel hervor. Ich wünschte mir dann gleichzeitig, dass sie blieb und verschwand. Normalerweise geschah Letzteres.

Da Julia mit jedem Tag unerreichbarer wurde, schenkte ich bald all meine Aufmerksamkeit meinem neuen Hobby, dem Ballett. Wir meldeten uns zu fünft in der ersten Männerballettgruppe der Stadt an. Lutz, Lars, Christoph, Kai und ich waren Sandkastenfreunde. Für uns alle kam das Bäume klettern ab einem gewissen Alter nicht mehr in Frage, sodass wir gezwungen waren uns einen neuen Sport zu suchen. Handball, oder gar Fußball entsprachen zu sehr dem Klischee, da waren wir uns einig. Es war ein Plakat auf dem Schulweg, das uns auf die Eröffnung der Männerballettschule aufmerksam machte. Dass Ballett von nun an kein reiner Frauensport mehr sei, hieß es dort, dass Männerballett Zukunft habe und staatlich gefördert würde, ja, Männerballett sei die erste Wahl für den efrauzipierten Mann der Zukunft. Dieses Plakat löste in uns eine schwer zu beschreibende Faszination aus. Wir standen davor, schwiegen und erinnerten uns an erst kürzlich ausgestrahlte Fernsehzitate bekannter Ballerinas.

„Ich glaube nicht, dass dieser Sport genauso populär wird wie unser traditionelles Ballett. Warum sollen auch Männer an der Stange tanzen? Sie gehören doch hinter den Kochtopf. Meinem Mann würde ich es nicht erlauben, Ballett zu tanzen“, ein Zitat der großen Tänzerin Gerda Müller.

Solche und ähnliche öffentliche Aussagen gaben uns den Reiz diese Sportart eben doch zu praktizieren. An dieser Stelle in meinem Leben zeigte sich erneut, dass ich keineswegs im Begriff war mich irgendwelchen immer noch existierenden Rollendiktaten unterzuordnen. Die Ballettstunden bereiteten uns viel Freude. Zwei Mal wöchentlich studierten wir mit unserem Tanzlehrer wunderbare Choreographien ein, verbesserten unsere Koordination und unsere Körperhaltung. Wir machten große Fortschritte und waren bald auf dem gleichen Niveau wie die Mädchen. Ich entwickelte mich zum leidenschaftlichen Tänzer. Und zum Kämpfer. Denn es ist nicht zu leugnen, dass wir uns gegen zahlreiche Vorurteile und Verurteilungen währen mussten. Dass wir unmännlich seien, sagte man, schwul, unfähig und hässlich. Männerballett war sicherlich der Sport der Zukunft, nicht jedoch der Gegenwart.

 Wir waren bald daran gewöhnt bei Aufführungen von Mädchen im Publikum ausgelacht zu werden. Sie nahmen uns nicht ernst in unseren rosa Strumpfhosen, dabei wollten wir ihnen doch nur eines beweisen: Wir können das auch! Es war der Abend unserer Schwanenseepremiere, ich tanzte den schwarzen Schwan und Christoph den weißen. Im Publikum erkannte ich eine Gruppe von typischen Jungen, die betont lässig und cool in der hintersten Ecke saßen, um auf diese Weise die Mädchen auf sich aufmerksam zu machen. Diese befanden sich in der Mitte des Saals, unter ihnen Julia. Die Vorstellung verlief überraschend ruhig, von vereinzeltem Gekicher abgesehen. Erst als wir am Ende gemeinsam die Bühne betraten um uns zu verbeugen, rief einer der Jungen aus der dunklen Ecke:

„Schwuchteln!“

 Seine Stimme war kräftig und nicht zu überhören. Es war nicht leicht diese Demütigung einfach wegzustecken. Doch plötzlich stand Julia auf, ich beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie drehte sich nach hinten um und schrie den Kerl hysterisch an:

„ Sei schon still, Max! Du bist so ein Idiot!“.

 In diesem Moment wurde mir klar, dass ich sie für immer lieben würde. Nur wenige Sekunden später wurde ich leider schon wieder auf den harten Boden der Tatsachen geworfen. Julia ging in die Richtung der Jungen, warf Max einen kurzen bösen Blick zu, zuckte dann mit den Schultern und küsste ihn.

Jahr für Jahr stieg die allgemeine Akzeptanz des Männerballetts, unter anderem dank einiger aufwendiger öffentlicher Werbemaßnahmen. Dass Deutschland im Jahr 2011 eine spektakuläre Männerballett-Weltmeisterschaft ausrichten würde, hätte damals trotzdem niemand geglaubt.

 

2

Die achte, neunte und zehnte Klasse ähnelten sich sehr. Ich tanzte, traf mich mit meinen Freunden, begann Bier zu trinken und unregelmäßig zu rauchen. Julia verbrachte jede Pause knutschend mit ihrem Max. Für mich kam trotzdem kein anderes Mädchen in Frage, auch wenn ich mir mit aller Kraft eine Freundin wünschte. Irgendwann begann mich eine gewisse Routine in meinem Leben zu stören, es blieb alles zu gleich, während sich in mir so vieles änderte. Auf einmal sehnte ich mich nach mehr, nach Abenteuern und Aufregung.

Als meine Eltern mich fragten, ob ich nicht daran interessiert sei ein Auslandsjahr zu machen, so wie es Kinder einiger ihrer Freunde getan hatten, musste ich nicht lange überlegen. Natürlich wollte ich. Ich wusste es damals sehr zu schätzen, dass Mama bereit war, so viel Geld in meine Horizonterweiterung zu investieren. Ihre Freundin Hildegard empfahl uns eine professionelle Organisation für Schüleraustäusche. Ich meldete mich umgehend an. In der Schule informierte ich die Direktorin darüber, dass ich die Jahrgangsstufe elf an einer ausländischen Schule verbringen würde. Meinen Freunden gedachte ich erst davon zu erzählen, wenn ich genaueres wüsste, zum Beispiel in welches Land ich gehen würde. Diese Frage gestaltete sich äußerst schwierig. Im Programm der Organisation waren fast alle Länder, die ich kannte, von Kanada über Malaysia bis Südafrika. Mama hielt ein englischsprachiges Land für die beste Wahl, da sie aus Erfahrung wusste, dass Englisch die Sprache der „Global Player“, jener immer mehr werdenden international tätigen Unternehmen, war. Papa legte hauptsächlich Wert auf die Sicherheitslage des Landes. Vielleicht war es unterbewusstes Protestdenken, doch der Gedanke in die USA, nach Kanada oder Australien zu fliegen, gefiel mir ganz und gar nicht. Zwar kannte ich die Orte wenn überhaupt nur aus dem Fernsehen, doch sie klangen für mich schlicht zu gewöhnlich, zu uninteressant. Überall würden mir Menschen begegnen, die schon einmaldort gewesen waren, sodass ich mich von nichts und niemandem abheben würde. Nein, mich reizte kein Land, das möglichst viel mit Deutschland gemein hatte und auch keines, das so sicher war, wie der Schutzbunker im Garten meiner Großmutter. Mir schwebten Bilder von exotischen Orten, geheimnisvollen Dörfern und anders aussehenden Menschen mit bizarren Sitten vor. Mit jenen Vorstellungen schlug ich meinen Schulatlas auf und betrachtete die Weltkarte. Mein Blick schweifte von links nach rechts, von oben nach unten. Die Sowjetunion kam nicht in Frage, wohl aber Indien, Thailand, die Philippinen, Nordafrika, Südafrika, Mittel- und Südamerika. Es erschien mir unmöglich eine Entscheidung zu treffen. Also schloss ich meine Augen, bewegte meinen Finger über dem Buch im Uhrzeigersinn und zählte bis zehn. Abrupt stoppte ich die Handbewegung und öffnete die Augen. Mein rechter Zeigefinger befand sich in der Karibik, ganz in der Nähe des größten Landes Mittelamerikas: Mexiko.

                                                     

Kurz versuchte ich mich an alles zu erinnern, was ich über dieses Land wusste. Es war nicht besonders viel. Mir schwirrten Begriffe wie Indianer, Kakteen, Tequila und Mariachi durch den Kopf. Nichts als Klischees. Klischees, die ich durch Wahrheiten ersetzen wollte. In den folgenden Wochen erledigte ich sämtliche notwendigen Formalien, um die große Reise anzutreten. Auch Lutz, Lars, Christoph und Kai sagte ich Bescheid. Ich glaube nicht, dass sie echtes Verständnis für mein Verlangen nach Weltluft hatten, aber wenigstens taten sie so. Meine Eltern hingegen brauchten lange um sich an den Gedanken zu gewöhnen, mich allein in einem „dritte Welt Land“ leben zu lassen, das weder englischsprachig noch sicher war. Da sie aber spürten, wie ernst ich es meinte, gaben sie nach und ließen mich ziehen.

 

Rückblickend fällt es mir schwer ein Wort zu finden, das meine Zeit in Mexiko hinreichend beschreibt. Sie war gut und schlecht, aufregend und langweilig, unbeschwert und hart, lang und kurz. Der Auslandsaufenthalt passierte auf so vielen Ebenen. Um ihn nur in einer Skizze darzustellen, wäre ich gezwungen meinen gesamten Wortschatz auszuschöpfen. Aus diesem Grund werde ich anhand der eben genannten Eigenschaften versuchen, einen groben Umriss zu zeichnen:

Mein Jahr in Mexiko war gut. Meine Gastfamilie war wie ein Sechser im Lotto. Es handelte sich um eine gut gestellte Familie mit drei Söhnen, davon einer in meinem Alter, die anderen beiden etwas älter. Meine Gastmutter war Urologin, was mir zunächst etwas suspekt war. Nach einer Weile begriff ich jedoch, dass das männliche Geschlecht regelrecht ihre Berufung war. Sie arbeitete Tag und Nacht und war trotzdem nie unausgeglichen. Mein Gastvater war Krankenpfleger. Sie entsprachen also dem klassischen Ärztin-Krankenpfleger-Paar und ergänzten sich auch privat optimal. Das Familienleben mit ihnen war sehr harmonisch. Ich wurde überaus herzlich aufgenommen und fühlte mich vom ersten Tag an wohl. Zur Familie gehörten außerdem die zwei Haushälter Carlos und Juan, die aus sehr armen Verhältnissen stammten. Sie waren sichtlich glücklich über ihre Anstellung bei meiner Gastfamilie, da sie neben ihrem niedrigen Lohn auch täglich ein warmes Essen und ein Bad erhielten. Im Laufe der Zeit realisierte ich ihre menschenunwürdigen Lebensbedingungen, doch vielleicht war ich gerade deshalb dermaßen fasziniert von ihrer Lebensfreude. Tag ein Tag aus summten sie dieselben Lieder, die Hoffnung, Liebe und Glück priesen. Sie waren stets für einen Scherz zu haben und lachten gemeinsam so oft sie konnten. Ich spürte, wie sie mich bald in ihre Herzen geschlossen hatten. Die Häuser meiner mexikanischen Stadt waren ebenso bunt, wie die Geister der Menschen. Die Sonne strahlte über bröckelnde Fassaden hinweg. In der Schule traf ich auf erfrischend offene Gleichaltrige, die gerne bereit waren mich in ihren Freundeskreis aufzunehmen. Sie zeigten sich interessiert und verständnisvoll, da ich ihrer Sprache zu Beginn noch nicht mächtig war. An den Wochenenden besuchten wir regelmäßig ein Tanzlokal und sie brachten mir bei, wie man sich im Rhythmus bewegte. Die mexikanischen Jungen und Männer konnten unheimlich gut tanzen. Besonders die Art, wie sie ihre Hüften bewegten, so intensiv und unaufdringlich, begeisterte mich und die einheimischen Frauen. Diese schätzten so manches an ihren Männern, unter Anderem ihre exzellenten Kochkünste. Auch wenn das feurig scharfe Essen bei mir zunächst zur ein oder anderen Magenverstimmung führte, verstanden die mexikanischen Hausmänner wirklich eine Menge vom Kochen und Würzen. Jeden Mittag kam ich in den Genuss eines köstlichen drei-Gänge Menüs, frisch zubereitet von Carlos. Ein nicht zu unterschätzender Teil davon siedelte sich leider unverzüglich an meinem Bauch an. Ich weiß nicht mehr, wie viele Kilos ich damals zunahm, doch es waren etliche. Bei den Frauen kam ich dadurch kurioserweise besser an. Mexiko bewies sich als ein sehr tolerantes Land, in dem die Frauen, anders als in Deutschland nicht nur dürre Hungerhaken wollten, sondern echte Männer mit maskulinen Kurven. Im Profil hatte ich bald eine stark ausgeprägte S-Kurve und entsprach somit absolut dem Schönheitsideal. Meinem Selbstwertgefühl tat die Zeit in Mexiko ohnehin sehr gut. Auf der Straße schauten mir ausnahmslos alle Frauen hinterher, der Großteil ergänzte den Nacktscannerblick durch ein anzügliches Pfeifen, Schnalzen oder Grunzen. Was mich anfangs irritierte, überhörte ich bald, da ich mich daran gewöhnt hatte. Gelegentlich sprachen mich sogar wildfremde Frauen an und säuselten Dinge wie „deine blauen Augen leuchten wie das Meer“,  „dein Haar glänzt wie Gold“ oder „Hey, Süßer, komm zu Mama“.

Meine Gastbrüder hatten mich schnell belehrt, in solchen Situationen nicht zu antworten. Normalerweise gaben die Frauen dann schnell auf. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie machten mich nur um des Anmachens Willen an. Dass sie lieber mit ihren eigenen Männern flirten sollten, dachte ich dann, denn diese hatten es nicht leicht mit ihren Damen.

 

Damit komme ich zur zweiten Aussage. Mein Jahr in Mexiko war schlecht. Die gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten, wie Elend, Kriminalität und schlechte Bildung waren für mich nicht leicht hinzunehmen. Ungerechtigkeiten nicht nur zu beobachten, sondern in ihnen zu leben, war zwischenzeitlich sehr hart. Am Anfang wunderte es mich, wie die Jungen und Männer nahezu zwanghaft versuchten, den Frauen zu gefallen und ihnen alles Recht zu machen. Sie wurden zweifelllos unterdrückt und reagierten mit darauf mit Unterwerfung. Dieses Paradoxon verstand ich erst nach einer ganzen Weile. Ein Klassenkamerad erzählte mir aufgebracht davon, dass er nicht nach Hause gehen wolle, da seine Mutter am Abend völlig ausgerastet sei. Sie habe seinen Vater mit einer Bratpfanne verprügelt, nachdem dieser sie mit einem Essen erwartet hatte, dass sie nicht mochte. Ich erinnere mich genau, dass ich damals kaum glauben konnte, was ich hörte. Wieso sein Vater sie nicht anzeige, oder sie verließe, fragte ich meinen Freund. Doch dieser lachte nur hämisch und sah mich dann schräg an, als wäre mein Kopf in weiche Watte gewickelt.

„Hör zu“, überwand er sich dann mich aufzuklären, „bei euch in Europa mag das ja anders sein, aber hier in Mexiko kannst du deine Frau als Mann nicht einfach verlassen. Dann sitzt du auf der Straße, hast nichts und die ganze Stadt verachtet dich.“

 

Wie ein Kind, das nicht begreifen wollte, ließ ich nicht locker:

„Wieso sollte man verachtet werden? Man kann sich doch einen Job suchen!“

Jetzt wurden die Augen meines Gesprächspartners riesengroß.

„Glaubst du wirklich, irgendwo würde ein geschiedener Mann eingestellt werden? Nie im Leben! Und wenn doch, dann ohne Bezahlung! Versteh doch, Männer haben zu gehorchen“.

 

An diesem Tag hinterfragte ich zum ersten Mal die menschliche Intelligenz und setzte mich ausführlich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter auseinander. Ich realisierte, dass es in diesem Land um das Recht des Mannes noch ganz anders gestellt war, als zuhause. So gerne hätte ich etwas dagegen unternommen, doch ich hatte keine Ahnung, wo ich in welcher Weise anfangen sollte. Dieses Gefühl, ein winziger Baustein eines unrechten Systems zu sein, fraß mein Inneres an. Zwar hatte ich stets im Hinterkopf, dass ich eigentlich keiner dieser unterdrückten Männer war, doch mit diesem Gedanken konnte ich mich nicht guten Gewissens trösten, zumal ich selbst in Mexiko auch mehrere Male Opfer weiblicher Diskriminierung wurde. An einem viel zu heißen Juninachmittag spazierte ich zu Fuß zu den Markthallen, um im Auftrag von Carlos Gemüse zu kaufen. Auf dem Weg kam ich an ein paar Straßenarbeiterinnen vorbei. Sie waren dunkelbraun von der brennenden Sonne und dem Staub, trugen weiße Arbeiterinnenhosen und waren Oberkörperfrei. Von ihren Brüsten tropfte Schweiß. Natürlich störte sich niemand daran, schließlich empfand man es als normal, dass Frauen nach Lust und Laune ihre Körper entblößten. Man war an den Anblick gewöhnt. Als ich an ihnen vorbei ging, legten sie ihre Arbeit schlagartig nieder, starrten mich an und riefen:

„Stricher!“

 Später wurde mir klar, dass sie sich wohl von meinen nackten Waden provoziert gefühlt haben müssen. Wie ich es gelernt hatte, sagte ich nichts und beschleunigte meinen Gang Richtung Markthalle. Ich fühlte mich schlecht und entwickelte schleichend einen ernstzunehmenden Frauenhass.

 

Unabhängig von meinem jeweiligen Gemüt, kann ich folgendes behaupten: Mein Jahr in Mexiko war aufregend. Selbst unangenehme Ereignisse, wie jenes im Juni, waren gewissermaßen aufregend. Die Eindrücke überfluteten mein Inneres und waren schon bald nicht mehr zu ordnen. Meine Gastfamilie hatte den Ehrgeiz mir möglichst viel von ihrem geliebten Land zu zeigen. Gemeinsam bereisten wir traumhafte Strände und geheimnisvolle Tempelruinen der Mayas, Azteken und anderer Völker. Die teils mystischen, teils bewiesenen Geschichten über die Ureinwohner Mexikos faszinierten mich auf eine ganz besondere Weise. Das Wissen, dass die weisen Frauen vor tausenden Jahren besaßen, überwältigte mich. Von mir schloss ich damals auf den Rest der Welt und so dachte ich mir, dass es den überheblichen modernen Menschen vielleicht ein wenig erden könne, zu sehen, was unsere Vorfahren schon vor mehr als tausend Jahren verstehen konnten. Der Gedanke ließ mich schmunzeln. Aufregend war es auch die bunten, lebendigen mexikanischen Städte zu entdecken. Jede Stadt hatte ihre eigenen Traditionen, ihre Trachten, ihre Tänze, ihre Speisen. Nicht zuletzt genoss ich die rein alltägliche Aufregung, die angenehmer Angst sehr nahe stand. Das morgendliche zur Schule Laufen, vorbei an vereinzelten, glotzenden Händlerinnen, das zurück Laufen vorbei an bewaffneten Polizistinnen und Soldatinnen, die mich mit misstrauischen Blicken durchbohrten. das gelegentliche spontane Rausgehen mit Freunden, die mir einen Einblick in ihr Leben erlaubten, das abendliche Hoffen auf dem Weg ins Bad keiner allzu großen Spinne zu begegnen, das nächtliche Nachdenken über die Welt, mein Leben und den Morgen.

 

Je öfter ich die täglichen Aufregungen erlebte, desto mehr verwandelten sie sich jedoch in Routine, auf welche Langeweile folgte. Ja, nicht selten, war mein Jahr in Mexiko sehr, sehr langweilig. Wenn ich montags bis freitags in der Schule saß und die Lehrerinnen meinen Mitschülerinnen und Mitschülern wissen vermittelten, das ich  schon vor Jahren erworben hatte und schlicht als selbstverständlich empfand, führte ich brutale Kämpfe gegen meine schweren Augenlieder. Anfangs zwang ich mich noch schmerzvoll nicht einzuschlafen, doch nach einer Weile wurde mir klar, dass es gar niemanden störte, wenn mein Kopf ganz offensichtlich auf dem Tisch lag. Nicht nur die frühen Stunden, auch die Nachmittage gestalteten sich oftmals sehr eintönig. In Zeiten, in denen meine Schulfreunde für Klassenarbeiten lernen mussten, oder zuhause Pflichten zu erfüllen hatten, saß ich vor dem Fernseher und zählte Mücken und Minuten. Ich redete mir dann ein, dass ich auf diese Weise immerhin mein Spanisch verbessern könnte, doch das änderte nichts an der Leere, die sich in mir breit machte. Es kam sogar vor, dass ich zu Fuß den am weitesten entferntesten Kiosk aufsuchte, um mir einen einzigen Kaugummi zu kaufen. So vergingen mit etwas Glück bis zu zwei Stunden. Vor Weihnachten nahm ich an einem Kochkurs teil, was ich zuhause niemals getan hätte. Mit etwa 13 Hausmännern fortgeschrittenen Alters verbrachte ich dreimal wöchentlich drei Stunden, um die Feinheiten der traditionellen Kochkunst zu verstehen. Dabei musste ich meinen Ohren allerlei Tratsch zumuten, von betrogenen Nachbarn und hinterlistigen Marktverkäufern bis zu der Homosexualität einer Gouverneurin. Ja, ich unternahm allerlei gegen die unerträgliche Langeweile, schließlich war mir bewusst, dass ich selbst für die Gestaltung meiner Zeit verantwortlich war und nicht erwarten konnte, dass mich ständig jemand unterhalten würde. Hin und wieder zog ich meine Sportschuhe an und ging eine Runde laufen. Dabei musste ich jedoch ertragen, dass die Menschen mir kopfschüttelnd hinterhersahen. Dass der Deutsche Junge verrückt sei bei dieser Hitze laufen zu gehen, hieß es bald und es stimmte. Nach 15 Minuten langsamem Laufen war ich stets der Ohnmacht nahe. Trotz meiner Bemühungen blieben eine Reihe langweiliger Stunden. Nach ein paar Monaten spürte ich erstmals diese ganz bestimmte Gelassenheit, dank jener es mir nicht mehr viel ausmachte nichts zu tun. Diese Eigenschaft könnte man auch Geduld nennen. Ich habe sie in Mexiko erworben und sie nicht mehr verloren. Ohne sie hätte mein Lebensweg garantiert anders ausgesehen. Ich kann also behaupten, rückblickend sogar von der Langeweile profitiert zu haben, sodass sie weniger als Makel, sondern als elementarer Teil meiner Zeit im Ausland zu bewerten ist. Sämtliche Makel wurden ohnehin von anderen positiven Dingen ausgeglichen. Eines dieser Dinge ist die Unbeschwertheit des Lebens eines Austauschschülers. Ein Jahr lang vom regulären Unterricht in Deutschland befreit zu sein, bedeutete für mich die temporäre Befreiung von all meinen Pflichten. In Mexiko wurde von mir tatsächlich nur eines erwartet: Viel sehen, viel aufnehmen, offen sein und genießen. Auch wenn es oftmals schwer genug war diese daher gesagten Erwartungen zu bedienen, fielen andere Ansprüche, wie fleißiges Lernen, den Körper fit halten, meinem Vater im Haushalt helfen usw. einfach weg. Die nicht wegzudenkenden Belastungen eines ganz normalen Jugendlichen ließ ich zurück, als ich ins Flugzeug stieg. Ich wusste, dass es in den kommenden elf Monaten um niemanden als um mich, mich und mich gehen würde. Dieses Jahr war mein Jahr, es war für mich da und würde meiner Persönlichkeit nützen. Die Kehrseite dieser Medaille liegt auf der Hand: Ich war auf niemanden als auf mich, mich, mich allein gestellt.

 

Mein Jahr in Mexiko war hart. Natürlich hatte ich mich vor dem Antritt meiner großen Reise für sehr erwachsen und reif gehalten. Ich hatte mir alles zugetraut und den familiären Rückhalt für unwichtig gehalten. Es war die erste Nacht im Haus meiner Gastfamilie, als ich spürte, dass sich der Verlust dieses Rückhalts wie der freie Fall anfühlte. Es war wie das Verstummen eines kontinuierlichen leisen Rauschens. Vorher hat man es kaum wahrgenommen, doch in dem Moment des Verschwindens merkt man einen deutlichen Unterschied. Wer hätte das gedacht? Ich sicher nicht: Meine Reaktion auf meine neue Einsamkeit war bitterliches Weinen. Ich weinte tatsächlich die ganze Nacht, ließ so viele Tränen fließen, dass ich bei Sonnenaufgang den Durst nicht mehr ertrug. Also schlich ich mich runter in die Küche, auf der Suche nach einem Glas Wasser. Auf der Treppe stand plötzlich Carlos vor mir, den ich noch nicht kennen gelernt hatte. Offensichtlich wusste er wer ich war und sprach mich auf Spanisch an. Ich konnte kein Wort verstehen, geschweige denn erkennen, ob er freundlich oder ärgerlich klang. Verschreckt sah ich ihn bloß mit großen Augen an und machte eine Geste, die ihm verdeutlichte, dass ich durstig war. Ohne Mimik drehte er sich um, ging mit großen Schritten in die Küche und reichte mir Wasser. „Gracias“ sagte ich, das Wort kannte ich schon, und huschte schnell zurück in mein Zimmer. Dort füllte ich den leeren Tank meiner Tränendrüse und begann unverzüglich weiter zu weinen. Die folgenden Nächte überstand ich schon besser und je mehr ich kommunizieren konnte und Menschen kannte, desto wohler fühlte ich mich. Nach etwa zwei Monaten, konnte ich fast jede Nacht gut schlafen. Leider bedeutet das keineswegs, dass das drückende Gefühl allein weit weg von allen geliebten Personen zu sein, mich dann in Ruhe gelassen hätte, nein, ich hatte mich lediglich daran gewöhnt. Diese ständige leichte Trauer machte mich hart. Eine weitere Eigenschaft, die in meinem späteren Berufsleben lebenswichtig wurde.

Die Kombination der häufigen Langeweile und der Empfindung von Einsamkeit lähmten die Zeit manchmal ungemein. Es gab Tage, an denen ich mich fragte, wann um alles in der Welt die Sonne untergehen würde, wann ich zu Bett gehen dürfe. Da das Land, die Stadt, die Menschen, das Leben, die Situation und nicht zuletzt ich selbst in diesem Jahr so anders  waren, als all das, das ich zuvor gekannt hatte, fühlte es sich an, wie ein eigenes Leben innerhalb meines Lebens, so speziell und auch so lang. Oh ja, mein Jahr in Mexiko war lang. So lang, dass ich zwischenzeitlich an der Zeit zweifelte und sie für eine fehlerhafte Erfindung der Menschheit hielt. Erst auf dem Rückweg, nach den ersten endgültigen Verabschiedungen meines Lebens, Festen, Geschenken und Versprechen, als ich nach elf Monaten erneut allein im Flugzeug saß, wurde mir klar: Mein Jahr in Mexiko war kurz. Sollte es das schon gewesen sein? War es wirklich schon vorbei? Sollte ich mich tatsächlich schon in einen der unzähligen Ex-Austauschschüler verwandeln, die den Zukünftigen Mut machten? Wie konnten elf so lange Monate so schnell vergangen sein?

Am Frankfurter Flughafen fiel ich meinen Eltern in die Arme und fühlte mich endlich wieder geborgen, nicht mehr allein. Ich war sichtlich gereift und hatte vieles gelernt. Ich denke, besonders bedeutend war die neu verankerte Heimatliebe. Nie zuvor hatte ich meine Familie, meine Freunde, ja sogar meine Schule, so zu schätzen gewusst, wie an dem Tag meiner Rückkehr.

3

Die Erlebnisse meiner letzten zwei Schuljahre passierten überwiegend in meinem Innern, als dass es sich um Tätigkeiten handelte. Selbstverständlich habe ich alles mitgemacht, was Abiturienten nun mal machen. Zunächst habe ich recht viel gelernt, um ein gutes Abitur abzulegen. Dieser Ehrgeiz war neu, aber nicht zu leugnen. Überraschenderweise wurde meine Freizeit dadurch kaum eingeschränkt. Die Zeit, die ich fürs Lernen nutzte, verbrachten meine Freunde mit Mittagsschläfchen. Zum Abend unternahm ich etwas mit Lutz, Lars, Christoph und Kai. Das Tanzen hatte ich durch das Auslandsjahr ohnehin aufgeben und auch die anderen Jungs hatten im Laufe des vergangenen Jahres ihre Spitzenschuhe niedergelegt. Nun trafen wir uns zum Gitarre spielen, Bier trinken und über Mädchen reden. Kai hatte seit einigen Wochen eine feste Freundin, weshalb er regelmäßig keine Zeit für uns hatte. Wir nahmen ihm das ein wenig übel, jedoch eher weil wir neidisch waren, nicht weil wir ihn vermissten. Zwischendurch besuchten wir auch alle gemeinsam die Fahrschule, sodass ich kurz nach meinem 18. Geburtstag stolz den Lappen in den Händen hielt. Ich war ein guter Autofahrer und trotze sämtlichen Klischees à la „Männer können nicht einparken“. Von einem eigenen Auto wagte ich damals jedoch kaum zu träumen. Ohnehin besaßen nur sehr wenige Oberstufenschüler ein Auto - vielleicht fünf oder sechs Mädchen, unter ihnen Julia. Julia. Während meiner Zeit in Mexiko hatte ich sie nicht vergessen. Nie. Jeden Tag hatte ich an sie gedacht und mir vorgestellt, wie sie abends allein auf ihrer Terrasse sitzt und sich fragt, wie es mir geht. Dieser Gedanke gefiel mir, da er zwar nicht zu beweisen, aber auch nicht zu widerlegen war. Als ich Julia in der Schule zum ersten Mal wieder gesehen hatte, musste ich tief ein- und ausatmen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Ich stand vor dem Haupteingang und wartete auf Lars, als plötzlich ein rot-glänzender Kombi an der anderen Straßenseite parkte. Die Tür öffnete sich und zwei lange, blasse Beine wurden sichtbar. Es folgte ein kurzer, blauer Rock, ein schlichtes weißes T-Shirt, langes, glattes, goldblondes Haar und schließlich das schönste Gesicht auf Erden. Julia setzte sich ihren Rucksack auf, schloss ihr Auto ab und bewegte sich mit elfenhaften Schritten Richtung Schule. Sie kam immer näher und ich starrte sie viel zu offensichtlich an. Ich stellte mir unser gemeinsames Haus und unsere drei entzückenden Kinder vor. Ihr Blick fiel auf mich, siehe da, sie lächelte, ja sie strahlte mich an, zeigte ihre weißen Zähne nur für mich. Plötzlich erschien mir nichts mehr unmöglich. Julia kam tatsächlich auf mich zu, sie hatte mich erkannt, blieb neben mir stehen und fragte: „Hey, du warst doch in Mexiko. Schön, dass du wieder da bist“

Schön, dass ich wieder da war? Hatte sie das wirklich gesagt? Ich trat mir mit dem linken Fuß auf den Rechten um sicherzugehen. Nein, ich träumte nicht. Und jetzt? Was sollte ich nur antworten? Lass dir einen coolen Spruch einfallen, dachte ich, na mach schon!

„Ja.“, sagte ich nach einigen Sekunden peinlicher Stille.

Etwas verdutzt, aber verständnisvoll sah sie mich mit ihren großen Augen an. „Ähh…“. Mach ihr ein Kompliment, dachte ich. „Einen schicken Wagen fährst du da.“ Gar nicht mal so übel, ich war ein bisschen stolz.

„Ach der, ja, es ist der Alte von der Mutter von Max“ Autsch. Wie konnte ich so blöd sein und Max vergessen? Ihren unterbemittelten, älteren Freund. Unglaublich, dass sie seine Blödheit immer noch nicht erkannt hatte, wo sie doch sonst so klug war.

„Weißt du, sie arbeitet ja bei der Bank und hat da ziemlich viel zu sagen. Das Auto hat sie mir einfach geschenkt.“ Sie muss mir mein Entsetzen angesehen haben, denn die Situation wurde ihr sichtlich unangenehm. „Tut mir Leid“, sagte sie und „ich muss jetzt zum Deutschunterricht, wollen wir zusammen rein gehen?“.

In der zwölften Klasse wechselten Julia und ich dann und wann ein paar Worte. In den Pausen unterhielten wir uns ein oder zwei Mal über die gute alte Zeit, als wir noch spielende Grundschulkinder waren. Wir verstanden uns wirklich gut, doch ich zwang mich keinen ihrer hypnotisierenden Blicke als Andeutung zu verstehen, schließlich hatte sie nach wie vor ihren Max. Es war gerade März, als er einmal nach Unterrichtsschluss vor der Schule stand, um sie abzuholen. Ich sah ihn von weitem und blieb dann stehen um zu beobachten. Sie sah ihn auch von weitem und zuckte kurz zusammen. Sie sah nicht froh aus. Mit einem Blick in sein Gesicht verstand ich den Grund. Max war Tränenüberströmt. Mit erhobenem Kopf stolzierte sie nach draußen, wo er sie am Arm packte und hysterisch auf sie einredete. Sie riss sich los, woraufhin er sie noch fester Packe. Es muss ihr wehgetan haben. Es war höchst selten, dass ein Mann einer Frau körperliche Schmerzen zufügte, ungewöhnlich und unmännlich. Andersherum, handelte es sich um ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem, welches effektiv bekämpft wurde, doch das Phänomen männlicher Gewalt war völlig neu. Bei Max beobachtete ich es erstmals. Julia riss sich erneut los, schupste Max von sich weg, schrie ihn an und rannte dann kochend vor Wut zu ihrem Wagen. Sie ließ die Tür knallen und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Max sah ich nur noch aggressiv gegen einen Mülleimer treten und dann zerknittert davongehen.

Endlich, dachte ich. Das wurde auch Zeit. Julia fehlte nach jenem Tag eine Woche in der Schule. Als sie wiederkam hatte sie Gewicht verloren uns sah traurig aus. Sie sprach mit niemandem, erst recht nicht mit mir. Es dauerte vielleicht sechs Wochen bis sie wieder die alte war. Sie war wieder fröhlich und wir unterhielten uns sogar öfter als vorher. Auf ihren Wagen sprach ich sie kein zweites Mal an, obwohl es mich interessiert hätte, wieso sie nur noch mit dem Rad zur Schule fuhr. Die Antwort, die ich mir ausmalte, gefiel und reichte mir.

In der 13. Klasse waren Lars, Christoph, Lutz und ich äußerst genervt von Kai. Immer öfter sagte er unsere Treffen ab, um Zeit mit seiner Simone zu verbringen. In Wahrheit, war ich aber nicht nur von Kai, sondern auch von den anderen Jungs angeödet. Ich denke, es handelte sich damals um die Nachwirkungen meines Auslandsjahres. Fest steht, dass alles, was ich tat und unternahm irgendwann unwichtig, irgendwie einfarbig wurde. Ich hatte schlicht mehr von der Welt gesehen als meine Klassenkameraden, hatte mehr erlebt, mehr gelernt. Ich hatte mich in jenem Jahr verändert, die Welt in die ich zurückkam war jedoch gleich geblieben. Ich fühlte, dass es nicht mehr meine Welt war. So verbrachte ich täglich mehrere Stunden damit, mir auszumalen was bald kommen würde. Ich stellte mir das Leben vor, das ich eines Tages leben könnte, doch das reichte mir nicht. Ich entwickelte eine ernstzunehmende Sehnsucht nach der Zukunft, denn ich fühlte mich festgehalten. Mein Leben war wie eine schwere Geburt, es steckte im Geburtskanal fest. All die Zeit die ich auf Abwechslung und Freiheit warten musste, war Zeit, in der ich nachdenken konnte und musste. Dieser Denkzwang machte mich halb wahnsinnig, da ich mir täglich andere Ziele steckte und somit bald zwar wusste, dass ich weiter wollte, aber nicht wohin. Die Geburt war nahe und nötig, sie würde Leben bedeuten, aber was für eines und an welchem Ort? Die innere Zerrissenheit machte mir zu schaffen, doch wollte ich sie auch nicht missen, denn gewissermaßen fühlte ich mich meinen Freunden dadurch überlegen. Um meinen Gefühlen irgendwo Platz zu schaffen, begann ich zu schreiben. Ein Gedicht, das ich damals schrieb, habe ich vor kurzem auf dem Dachboden meines Elternhauses wiedergefunden.

 

Millimeter

Immerhin

Bald, später

lang hin

Sekunden

Ohne Sinn

Leid der Väter

Innendrinn

 

Die Idee

Ferne Nähe

still adé

Sage, sehe

Sekunden

Fliehe, flehe

Tut weh

schweige, stehe

 

Das Gefühl, dass in diesen Zeilen deutlich wird ist sicherlich eines, das Jugendliche aller Generationen kannten und kennen. Aufbruchsstimmung, Ungeduld und Abenteuerlust sind zweifellos Begriffe, die mit dem „jungen Erwachsenen“ assoziiert werden, doch ich glaube behaupten zu können, dass dieses Gefühl in mir stärker ausgeprägt war, als es der Regel entsprach. Es beeinflusste die Entscheidungen meines Lebens stark.

Meine Mutter drängte darauf, dass ich mein hervorragendes Abitur nutze, um etwas zu studieren, das mich „weiter bringen würde“. Als ich eines Abends laut mit dem Gedanken spielte Musik zu studieren, da ich an der Gitarre enorme Fortschritte machte, konnte meine Mutter sich kaum halten. Sie sprang auf, gestikulierte, schwitzte, ging mit großen Schritten aufgebracht durchs Wohnzimmer. Ach ja, sie redete auch. Dass das Spinnerei sei, sagte sie, nutzlos und vor allem brotlos. Mindestens eine Stunde lang prallten ihre Argumente schonungslos an mir ab. Erst ihre letzte Frage, mit welcher sie ihren Monolog vorerst beenden wollte, drang zu mir vor.

 „Willst du wirklich später von einer Frau abhängig sein?“

Nein. Das wollte ich ganz sicher nicht. Ich dachte an die Männer in Mexiko, die ihren Frauen ewig ausgesetzt waren und die von ihren Rechten wegen der Abhängigkeit keinen Gebrauch machen konnten. Auch hier in Deutschland gab es bei genauerer Betrachtung genug Beispiele für abhängige Ehemänner. Zwar schämte ich mich etwas, dass ich auf diesen Gedanken erst durch meine Mutter, eine durch und durch rollenorientierte Frau, gekommen war, doch das änderte nichts. Sie hatte Recht.

„Du hast mich überzeugt“, überwand ich mich zu sagen. „Ich sollte etwas studieren, das mir den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht“.

Lächelnd nickte sie, als wolle sie sagen: „Fein, braves Hündchen“. Ich verzog mich in mein Zimmer.

Im Rahmen der Entlass Feier unseres Abiturjahrgangs galt es seine Zukunftspläne offen zu legen. Meine Mutter kam mit Kais, Christophs und Julias Mutter auf mich und meine Freunde zu. Uns war bewusst, dass sie erwarteten, dass wir alle nacheinander sagen würden, was wir studieren würden. Kai begann. Medizin. Ooohhh. Aahhh. Es folgte Lutz. Ausbildung zum Schreiner. Oh. Aha. Lars. Physik. Beeindruckend. Dann Christoph. Jura.

„das ist ja klasse, unsere Julia wird auch Jura studieren. Nach Münster wird sie ziehen, da hat sie bereits einen Platz sicher.“ Ich war an der Reihe. BWL.

„Was ein Zufall, ich werde auch in Münster studieren“, fügte ich hinzu. Meine Mutter sah mich überrascht an, nach wenigen Sekunden konnte ich jedoch förmlich hören, wie es bei ihr Klick machte und sie verstand. Unauffällig suchte ihr Blick im Raum nach Julia. Sie stand ganz in der Nähe. Mama musterte sie von oben bis unten, nickte zufrieden und setzte das Gespräch ohne mit der Wimper zu zucken fort. Sie war eben ein Profi.

4

Die Studentenzeit tat mir gut. Ich genoss die mir nun zustehende Freiheit. Zwar war ich finanziell nach wie vor von dem Einkommen meiner Mutter abhängig, doch sah ich mich selbst bereits als stolzen ausgewachsenen Mann, der endlich auf eigenen Beinen stand. Jedes Mal, wenn ich den Schlüssel in die Tür meiner eigenen kleinen Wohnung steckte, begann mein Herz etwas schneller zu schlagen. Meine Tagesabläufe waren stets angenehm, schließlich wurden sie von mir ganz allein gestaltet. Nach dem Aufstehen lief ich eine Runde um den Aasee, um mich frisch und fit zu fühlen. Danach fuhr ich mit dem Rad zur Universität. Die Vorlesungen waren teilweise recht trocken, sehr theoretisch, doch sie gefielen mir. Wenn ich den Professorinnen zuhörte und mir eifrig Notizen machte, spürte ich, dass ich das richtige tat, dass ich meinem Schicksal folgte, ein beruflich erfüllter Mann zu werden. Anders als sich angesichts der geringen Anzahl von Managern vermuten ließe, bildeten wir Männer satt die Hälfte der Studierenden im Fach BWL. Trotzdem fiel mir ein bedeutsamer Unterschied zwischen den angehenden Managerinnen und den Managern auf, er fand sich in der Haltung. Mich provozierte die selbstsichere Art der Mädchen, die wussten, dass sie lediglich das Studium hinter sich bringen mussten, um dann die Positionen und die Gehälter zu bekommen, die ihnen zustanden. Sie wussten, dass sie keine Angst vor Hindernissen haben brauchten, dass die Gesellschaft und das Leben es ihnen wünschte und gönnte ihre Ziele zu erreichen. Dies machte mich einerseits neidisch, andererseits steigerte es mein Selbstvertrauen. Ich ruhte mich nicht auf dem angeblich feststehenden Verlauf der Dinge aus, wie es die Mädchen schamlos taten. Wenn ich ihre selbstgerechte Gelassenheit beobachtete, dachte ich, sie würden schon sehen, ich würde mehr erreichen, als sie mir als Mann zutrauten, vielleicht sogar mehr als jede einzelne von ihnen. Dabei würde ich stolzer sein, als sie es jemals wagen würden zu sein, denn ich würde wissen, dass ich etwas Besonderes erreicht hatte, dass ich mich gegen das sogenannte Schicksal, welches die Menschen so oft der Einfachheit halber zu nennen pflegen, aufgelehnt hatte. Es fällt mir schwer zu sagen, wann oder gar weshalb dieser neue Ehrgeiz in mir entfacht wurde. Die Mädchen in der Universität spielten eine Rolle und auch mein Freund Kai, dem ich gelegentlich auf dem Campus begegnete, wenn er auf dem Weg zur medizinischen Fakultät war, hatte seinen Beitrag getan. Kai war brillant. Er war hoch intelligent und ein hervorragender Medizinstudent. Doch machten mich die Gespräche mit ihm immer wahnsinnig. Was er von sich gab, war dermaßen angepasst und unterwürfig, dass es mir übel wurde. Dass er nur Arzt sein wolle, bis die Kinder kämen, sagte er, und dass er es falsch fand ein berufstätiger Rabenvater zu sein. Die Erklärung dafür, dass mich jene Aussagen so sehr verärgerten, konnte ich letztlich nur in meiner gottgegebenen Natur finden. Deshalb betrachtete ich es bald als meine persönliche Aufgabe mehr zu erreichen, als ein Mann erreichen sollte und den mutigen Schritt in die weiblich dominierte Wirtschaftswelt zu wagen.

Zum Glück zeigte Julia Verständnis und versprach ihre Unterstützung.

Oh, beinah wäre es mir entgangen von der Sache mit Julia zu berichten. Wir hatten uns regelmäßig in der Mensa getroffen. Zu Beginn des dritten Semesters setzte sie sich einmal zu mir an den Tisch. Es war ein Montag und ich konnte mein Glück kaum fassen. Wir plauderten überraschend locker über dies und das, über das Leben als Studenten und das Studium. Julia blühte regelrecht auf, wenn sie von den Inhalten ihres Studiums der Rechtswissenschaften erzählte. Dass sie viel lernen müsse, sagte sie, aber durchaus Freude daran hätte. Sie sprach mir aus der Seele, hatte jedoch auch die typische weibliche Selbstsicherheit in den Augen. Ihr nahm ich es nicht übel, es stand ihr gut und beeindruckte mich zutiefst. Wir trafen uns bald täglich zum Mittagessen auf dem Campus und nach einigen Wochen auch am Abend.

Es war ein trüber Novemberabend, der der glücklichste meines Lebend werden sollte. Julia hatte mich in ihre Wohnung eingeladen, wir wollten gemeinsam Wein trinken und uns unterhalten. Bisher war jedes unserer Gespräche von besonderer Art gewesen, besonders unterhaltsam, besonders kritisch, besonders bewegend. Keines war jemals ein belangloser Austausch von Worten gewesen, wie es zwischen Menschen häufig der Fall war. Ich freute mich daher sehr auf den Abend und spürte, dass auch sie so fühlte. Zu Fuß mit einer Flasche Rotwein unter dem Arm stapfte ich durch die Pfützen der Stadt. Es hatte den ganzen Tag geregnet. In diesem Moment ruhte der Regen und schüchterne Sonnenstrahlen glitzerten auf dem nassen Asphalt. Die Stadt sah aus, als würde sie nach dem Weltuntergang ungläubig feststellen, dass sie noch lebte. Ich trug meine liebste Hose, sie war grau und eng anliegend, dazu einen stattlichen schwarzen Dufflecoat. Mein eigenes Bild gefiel mir, es passte sich dem Schimmer, den der grau leuchtende Himmel auf die Mauern warf, an. Ich war mit der Welt und mit mir im Einklang. Bald erreichte ich das Haus, in dem Julia wohnte. Ihre Wohnung befand sich im dritten Stockwerk. Ich klingelte zwei Mal direkt hintereinander. Keine volle Minute später öffnete sich die schwere Haustür und ihr strahlendes Gesicht kam zum Vorschein. Sie bat mich mit rauf zukommen und ging vor. Auf der Treppe genoss ich den Anblick ihres perfekten Hinterns in einer blauen Jeans.

Der Abend verlief, wie ich es kaum zu träumen gewagt hätte. Wir öffneten das Küchenfenster, setzten uns auf die schmale Fensterbank und ließen leichtsinnig unsere Beine an der Hauswand hinunter baumeln. Die Sonne schob sich zwischen mächtigen dunklen Wolken hervor und strahlte ihr ins Gesicht, so dass sie blinzelte als wir mit unseren etwas zu vollen Rotweingläsern anstießen. Die Gläser klirrten überraschend laut und der Wein schmeckte sehr süß. Wir nahmen beide schweigend zwei oder drei Schlucke. Dann stellte sie ihr Glas neben sich und ergriff entschlossen meine Hand. Ich erschrak, als hätte ich damit niemals gerechnet. Ehe ich mich von dem Schock erholen konnte, spürte ich bereits ihre weichen Lippen auf meinem Mund. In diesem Moment blieb die Zeit stehen und die Zukunft sah hell und glanzvoll aus. Unten auf dem Bürgersteig spazierte eine ältere Dame, die es sich nicht verkneifen konnte, an der Situation teilzuhaben. Ob wir lebensmüde sein, rief sie, so hoch oben am offenen Fenster zu sitzen. Wir unterbrachen den Kuss für einen kurzen Moment und lächelten uns wissend an. Hier zu sitzen war gar nichts, antworteten wir schweigend. Wir wären sogar gesprungen.

Julia und ich wurden unzertrennlich. Wir trafen uns täglich auf dem Universitätsgelände, lächelten, winkten und zwinkerten uns zu. Die Abende verbrachten wir fast alle gemeinsam. Wir waren bei mir, bei ihr, in der Stadt, im Park, in Kneipen, in Restaurants, auf Konzerten. Jede Stunde mit ihr war einzigartig, sodass ich mich an die Studentenjahre erinnere, wie an einen dauerhaften Rausch. Bilder rasen vorbei und lösen sich gegenseitig ab, eines zauberhafter als das andere. Am meisten genoss ich jene Abende, an denen wir einfach auf dem Sofa lagen, sie in meinem Arm, und wir uns gegenseitig vorlasen. Wir lasen Weltliteratur und Tageszeitung. Manchmal entstanden auf Grundlage der Texte lebhafte Diskussionen, bei denen wir uns am Ende meistens einig waren, manchmal genossen wir es auch einfach die Stimme des anderen bewegende Worte sagen zu hören und schliefen dann selig ein.

Wir beide waren mehr als Liebende und mehr als beste Freunde. In unseren Gesprächen hatte ich so oft das Gefühl, dass wir eine andere Ebene erreichten. In dieser Ebene war sie nicht mehr Frau und ich nicht mehr Mann, wir beide nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern schwebende Unendlichkeit.

Ich war 25 Jahre alt, als sie mich zum Essen in das damals edelste Restaurant der Stadt ausführte. Sie trug ein überwältigendes rotes Kleid und ich ein Jackett. Wir stießen mit Champagner an und bestellten Flusskrebse zur Vorspeise. Ich ahnte was als nächstes kam. Es war offensichtlich. Wir unterhielten uns eine Weile über alltägliches, während ich die anderen Gäste musterte. Sie sahen alle gleich aus, es waren elegante, erfolgreiche Frauen mit ihren Männern, die sie wie Schmuckstücke an ihren teuren Händen trugen. Sie wählten das Essen und die Getränke für sich und ihren Schatz und bezahlten am Ende in bar. Sah man uns an das wir anders waren? Niemand bemerkte uns, wir passten hier her. Waren wir überhaupt anders? Der Gedanke ließ mich nicht los und erschien mir wie ein Zeichen. Ich wusste, was ich zu tun hatte, bevor ich voreilige Entscheidungen traf. Ich sah meiner geliebten Freundin tief in die Augen.

„Julia, ich muss etwas von dir wissen.“

„Nur zu, ich bin gespannt.“

„Was hältst du von berufstätigen Männern?“

„Meinst du das ernst? Natürlich sollten Männer Berufe ausüben!“

„Ich rede nicht von ewigen Junggesellen oder jungen Burschen in den 20ern. Ich meine richtige Männer mit Ehering und Kinderschar.“

Sie verstand, musste jedoch einige Sekunden nachdenken.

„Wir befinden uns im vierten Jahr des 21. Jahrhunderts. Männer sollten definitiv das Recht haben sich beruflich zu verwirklichen, falls du das meinst. Ich denke schon, dass es heutzutage genügend Möglichkeiten gibt Karriere und Familie zu vereinbaren.“

Mir fiel ein Stein von Herzen, ich hatte sie auf meiner Seite. Ich sah mich nicht in einer Reihe mit den Gassi-geh-Männern um uns herum. Als moderner Mann wusste ich Gott sei Dank eine fortschrittliche Frau an meiner Seite. Julia bemerkte meine geringschätzigen Blicke auf die Paare im Restaurant und verstand endgültig. Sie nickte mir noch einmal lächelnd zu, als wollte sie sagen, keine Sorge, ich weiß, wie du bist und liebe dich genauso. Wir aßen hervorragende Pasta und wechselten zu Bier. An diesem Abend lachten wir noch viel über dieses und jenes und gingen gegen Mitternacht zu Fuß in unsere gemeinsame Wohnung zurück.

Am kommenden Tag schlief ich lange, etwa bis 11 Uhr. Als ich meine verklebten Augen öffnete, sah ich Julia strahlend neben dem Bett stehen. Sie trug Jeans und T-Shirt, so wie sie mir am aller besten gefiel. In ihrer Hand hielt sie einen geflochtenen Korb.

„Guten Morgen, Schlafmütze“, sagte sie und dass ich mich schnell anziehen solle, wir würden ein Picknick machen. In morgendlicher Gleichgültigkeit huschte ich ins Bad. Eine halbe Stunde später saßen wir unter unserem Lieblingsbaum am Aasee. Es war ein sonniger Tag. Julia hatte Obstsalat und Butterbrote zubereitet. Sie muss früh aufgestanden sein. Mir gefiel der Moment mit seiner aufrichtigen, schlichten Schönheit. Julia goss mir einen Becher Kaffee aus ihrer orangenen Thermoskanne ein. Ich nahm einen großen Schluck und verbrannte mir die Zunge. Vor Schmerz kniff ich meine Augen fest zusammen. Als ich sie wieder öffnete war ihr Gesicht ganz nah vor meinem. Sie gab mir einen kurzen Kuss und grinste verschmitzt. Ob ich sie heiraten wolle, fragte sie und ob es mir hier lieber wäre ja zu sagen, als zwischen all den abschreckenden Paaren im Restaurant.

 

 

 

5

Das Jahr 2005. Ein bedeutsames Jahr für das Selbstbewusstsein der Männer in Deutschland und der Welt. Ein bedeutsames Jahr für mich.

Im Juli hatte ich mein Studium abgeschlossen. Als Betriebswirt war ich nun hochmotiviert meine erste Arbeitsstelle zu finden und anzutreten. Julia hatte aufgrund ihres hervorragenden Examens bereits einen sicheren Job in einer großen Hamburger Anwaltskanzlei. Auch eine passende Altbauwohnung in zentraler Lage hatte sie bereits für uns gefunden. Nun lag es an mir, Hamburg mit meinen Bewerbungsmappen zu versorgen.

Am Tage meines ersten Vorstellungsgesprächs in einem mittelständigen Hamburger Familienunternehmen schien mir lässige Zuversicht plötzlich weit entfernt und unerreichbar. Um fünf Uhr konnte ich  nicht mehr schlafen, sodass ich kurzentschlossen eine Runde laufen ging. Anders als erwartet, war ich danach jedoch keineswegs ruhiger, sondern noch aufgekratzter als zuvor. Ich trank statt Kaffee Tee, von dem mir unglaublich heiß wurde. Nass geschwitzt stieg ich unter die kalte Dusche. Ich hatte bereits herausgefunden, dass in dem Unternehmen eine recht lockere Kleiderordnung herrschte. Um trotzdem Professionalität auszustrahlen, trug ich auf Julias Rat eine dunkle, schmal geschnittene Jeans, dazu sündhaft teure Lederschuhe und ein rosafarbenes Hemd. Die Haustür schloss ich mit Herzrasen hinter mir und als ich 20 Minuten später vor dem Büro der Personalchefin stand, war der Farbton meines Hemdes einige Nuancen dunkler geworden. Ich nahm auf einem weißen Designerstuhl Platz. Neben mir saßen zwei junge, attraktive Frauen. Die eine trug ein klassisches hellgelbes Kostüm, welches ihrer schlanken Figur schmeichelte und ihr braunes langes Haar glänzen ließ. Die andere war blond, üppig und von Kopf bis Fuß in pink gekleidet. Sie strahlte Selbstsicherheit und Charisma aus. Erst als sie von einem schüchternen Sekretär ins Personalbüro gebeten wurde, begriff ich. Neben mir saß nichts Geringeres als die Konkurrenz. Beide Frauen verließen das Gespräch mit einem Lächeln. Ich war als letzter an der Reihe.

Als ich das Büro betrat, wusste ich nicht, wo ich meinen Blick lassen sollte. Er schweifte von kitschigen Blumenbildern, über glitzernde Vasen, Fotowände, ein rot lackiertes Schuh- und Handtaschenregal und einem prachtvollen Schreibtisch aus weiß lackierten Holz bis zu der Person, die mir gegenüberstand. Man hätte sie für einen Teil der Dekoration halten können, wäre da nicht ihre unerträglich hohe Quietschstimme gewesen. „Müller!“, stellte sich mir der rote Mund vor, die blauen Augen blitzten vielleicht böse. French Nails griffen nach meiner nassen Hand. Das rosa Kostüm setzte sich in den weißen Ledersessel. Ich kann mich nicht mehr im Detail an das Gespräch erinnern, ich weiß lediglich, dass ich mich grausam verkauft habe. Meine gestotterten Sätze hätten für einen Elektrosong getaugt. Inhaltlich trieften sie nur so vor Unsicherheit. Die Absage durfte ich direkt mit nach Hause nehmen und ich habe der Dame geglaubt, dass es nicht an meinem Geschlecht lag. Ich hatte mich schlicht benommen, wie ein Idiot, hatte jedes einzelne Klischee über Männer in der Arbeitswelt erfüllt. Männer reden zu wenig drauf los, trauen sich nicht zu verhandeln und einfach mal mit der Handtasche auf den Tisch zu hauen,... Heute weiß ich, dass ich bei jenem ersten Vorstellungsgespräch –genau wie zahlreiche Männer ein Leben lang - eingeschüchtert war. Ich habe mich verschrecken lassen von all dem rosarot lackierten Zauber und der geschminkten Personalhexe. Ich lernte an diesem Tag zwei Dinge. Das erste war viel mehr ein Vorsatz, welcher lautete: Lass dich nicht unterkriegen. Das zweite war eine Tatsache: So ist die Welt des Business. Knallhart und feminin.

Die nächsten Vorstellungsgespräche verliefen wesentlich besser. Es gelang mir locker und selbstbewusst meine Qualitäten zu präsentieren. Trotzdem konnte ich mich gegen meine Konkurrentinnen nicht durchsetzen. Genaue Gründe durfte ich bloß erahnen, da es sich bei den schriftlichen Absagen um Standartformulare handelte. Dass ich gut sei, stand in etwa darin, aber nicht gut genug. Selbstverständlich tat jede einzelne Absage etwas weh, doch Demotivation war für mich ein Fremdwort. Ich erinnere mich nur an ein einziges Bewerbungsgespräch, das  definitiv nicht aufgrund meiner Qualifikation erfolglos war. Es fand an einem trüben Oktobernachmittag in einem Hamburger Randbezirk statt. Das Unternehmen stand für Tradition. Außer mir war nur eine andere Bewerberin zum Gespräch geladen. Sie und ich mussten eine Stunde gemeinsam im Warteraum verbringen, bevor ich zuerst in das Büro gebeten wurde. Wir nutzten diese Stunde beide, um die Konkurrenz einzuschätzen. Wie sich bald zu meiner Freude herausstellte, verbarg sich hinter ihrem professionellen Auftreten nicht viel. Sie hatte ein abgebrochenes Studium der Volkswirtschaftslehre und einige Jahre als Kellnerin vorzuweisen. Neben ihr würde ich glänzen, dachte ich, der Job sei sicher. Im Gespräch mit der First Human Ressources Managerin spielten meine studentischen Leistungen allerdings nur eine Nebenrolle. Vielmehr interessierte sie sich für mein Privatleben. Zunächst glaubte ich, es handle sich um ihre Art, das Gespräch aufzulockern. Erst  nachdem ich eine Reihe naiver Antworten gegeben hatte, verstand ich ihr Anliegen.

„Sie sind nun 26 Jahr alt, da denken Sie doch sicher schon an Kinder, nicht wahr?“

Natürlich dachte ich an Kinder. Ich konnte und wollte sie nicht belügen. Ja, sagte ich, dass ich mir durchaus vorstellen könne, bald Vater zu werden. Ich machte eine kurze Pause um Spannung zu erzeugen. Dann fügte ich hinzu, dass ich selbstverständlich im Begriff sei, Beruf und Kinderwunsch unter einen Hut zu bringen. Keine Chance. Für mein Gegenüber und Obendrüber schien die Sache hiermit erledigt. Ihr Gesichtsausdruck wurde eine Spur zu selbstüberzeugt, mit einem Hauch gespielten Mitleids. Ich sah, was sie dachte: Bürschchen, das sagen sie alle. Du wirst schon sehen, dass du mit deinem Vorhaben scheitern wirst, ich weiß wovon ich rede.

Als ich meine Absage per Post erhielt, hatte ich mich schon wieder beruhigt. Julia bekam langsam Mitleid mit mir und ich merkte ihr an, dass  sie es vermied sich mit mir über ihren Job zu unterhalten, da sie fürchtete, ich könne es nicht verkraften. Mir war bewusst, dass ihr Verhalten nett war, doch machte es mich nichts als wahnsinnig. Ich wollte nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, ich wollte endlich einen Job!

Der 22. November 2005 war ein besonderer Tag. Angelo Merkel wurde der erste deutsche Bundeskanzler. Nach der Ära Gerda Schröder, nach fünf Jahren öffentlicher Östrogensteuerung, kam dieses geschichtsträchtige Ereignis wie eine frische Brise bei 40° im Schatten. Ich sah mir Herrn Merkel im Fernsehen an. Dr. der Physik war er, ein kluger Kopf. Auch er war ein Mann der Zukunft, ich saß vorm Bildschirm und zwinkerte ihm zu. Zugegeben, er sah nicht besonders gut, geschweige denn männlich aus. In seinem roten, schmal geschnittenen Anzug fiel er unter seinen Kolleginnen kaum auf. Immerhin hatte er Bartwuchs, ernsthafte Zweifel waren also unberechtigt. Ich hörte mir seine erste Rede als Kanzler vollständig an und erzählte später niemandem davon, denn ich hätte nicht einmal den groben Inhalt widergeben können. Zu fasziniert war ich von der Tatsache, dass dort ein Mann zu uns Deutschen sprach. In meiner Wahrnehmung, sprach er zu mir, zu mir ganz allein und sagte „Gib nicht auf, auch du kannst es schaffen!“. Nach der Rede überlegte ich, ob ich ihn leiden konnte. Sein Vorname war etwas merkwürdig, Angelo, er muss wohl italienischer Herkunft sein, dachte ich. Dann entschied ich mich ihn zu mögen.

Das Vorstellungsgespräch bei einer weltweit renommierten Automobilherstellerin sollte zwei Tage später stattfinden. Nach meiner kürzlich empfangenen Absage hatte ich bereits mit dem Gedanken gespielt das Gespräch abzusagen, da es wohl doch eine Nummer zu hoch für mich sei. Dank Angelo Merkels Erfolg war ich jedoch zuversichtlicher denn je. Ich gab nicht auf, ich konnte es schaffen. Und tatsächlich. Endlich sollte es mir gelingen mich als attraktive und authentische Humanressource zu verkaufen. Die Managerin lächelte mich magisch an, als sie mir die Hand zum Abschied schüttelte. Ich spürte, dass mich diese French Nails nicht zum letzten Mal gekratzt hatten. Mein Gefühl war so unverschämt optimistisch, dass ich zweifelte, ob ich ihm wirklich vertrauen sollte. Drei Tage stritten sich mein Bauch und mein Kopf, dann kam der Streitschlichter endlich in Form des ersehnten Briefes. Dass man sich freuen würde mit mir zusammenzuarbeiten, stand darin. Ich war unfassbar glücklich, völlig überfordert mit dieser Gefühlsmenge. Was tat man als erstes in einem solchen Moment? Die Frau anrufen? In einen Club gehen? Bier trinken? Die Eltern anrufen? Ich schlief auf dem Sofa ein und wachte erst wieder auf, als Julia erschöpft von der Arbeit kam.

 

6

Zum 01.Dezember sollte ich meinen neuen Arbeitsplatz antreten. Man hatte mich in einer vielversprechenden Position angestellt. Mein neues Büro würde sich im 3. Stock befinden, nur zwei Etagen unter dem der Chefin. Von Anfang an würde ich über nennenswerte Personalverantwortung verfügen und im kontinuierlichen Austausch mit der ersten Vorgesetzten stehen, Frau Maria Smith.

Maria Smith trug ihren Nachnamen von Welt mit Stolz. Jeder wusste, dass sie die Tochter einer amerikanischen Großaktionärin und eines deutschen Professors war. Sie war in Hamburg und New York aufgewachsen, zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, Reichtum und Erfolg. Die einzige Entscheidung, die sie nach dem Universitätsabschluss zu treffen hatte, war Chefin welchen Unternehmens sie gerne werden würde. Ihre Wahl war sicher eine Gute. Frau Smith verstand eine Menge von Unternehmensführung. Als sie den fünften Stock bezog, befand sich das Unternehmen in einer ernüchternden Phase. Zwar verkauften sich die Fahrzeuge etwa gleichbleibend gut, insbesondere die Exporte ins europäische Ausland waren erfreulich, doch blieb der ganz große Erfolg schlicht aus. Die Autos standen seit Jahrzehnten für Qualität und hohe Technologie. Das klassische pinke Modell, jenes, das auch meine Mutter damals gefahren war, assoziierte man umgehend mit Frauen im Business. Typische Firmenwagen eben. Genau dieses Image reichte irgendwann nicht mehr aus, denn sobald etwas „typisch“ war, war es nicht mehr exklusiv und somit staubig. Maria Smith schaffte es, den Staub abzuwischen und dem Image neuen Glanz zu verleihen. Innerhalb weniger Jahre genossen die Autos einen Ruf von Luxus und Extravaganz, den ultimativen „Wenn-ich-mal-reich-werde-Ruf“. Wohlhabende Kundinnen aus Übersee waren plötzlich verrückt nach den schicken weiblichen Modellen und auch in Asien wuchs die Zahl der Interessenten stetig. Diese Erfolgsgeschichte wurde nicht nur einmal zur Titelstory etablierter Zeitschriften, wie „Die Managerin“. Deshalb war mir der Name Maria Smith schon seit geraumer Zeit ein Begriff gewesen und es fühlte sich beinah unwirklich an, in weniger als einer Woche ein bedeutendes Stück ihres goldenen Puzzles zu sein.

Jeden Abend verbachte ich in stiller Vorfreude und eifrigen Auswendiglernen der Namen meiner Kolleginnen. Mit einem Katalog, in dem sämtliche Gesichter mit knappen Biographien abgebildet waren, saß ich stundenlang auf unserem Sofa neben meiner verständnisvollen Frau, die sich mit schweigsamen Abenden vor dem tonlos laufenden Fernseher zufrieden gab. In meinem Kopf schwebten so viele selbstbewusste Gesichter, dass sie manchmal nachts zu einem unnatürlichen lachenden Gesicht verschwammen. Es glich der Mona Lisa in seiner Schönheit und wirkte auch ebenso verstörend. Es war das Gesicht einer Frau, deren Gesichtszüge bei genauerer Betrachtung männlich waren. Ihre Augen sahen schön und böse aus. Das Gesicht stieg über mir empor, bis es mich von hoch oben ansah und ich nur noch die Größe einer Ameise hatte. An dieser Stelle wachte ich stets mit einem unangenehmen Gefühl auf, trank einen Schluck klares Wasser und schlief unverzüglich wieder ein.

Am Abend des 30. Novembers ging ich die Namen gemeinsam mit Julia noch einmal durch. Fünfter Stock: Maria Smith und ihr Sekretär. Vierter Stock: Die Vize-Unternehmensleitung, braunes mittellanges Haar, dunkle Augen, roter Mund, Creative Director aus München und rote Locken, Sommersprossen, grüne Augen, Juristin aus Berlin. Dritter Stock: Head of Marketing, schwarzes glattes Haar, blaue Augen, attraktiv; auf der gleichen Etage: Ich, Head of Logistics.

Im zweiten Stock tummelten sich eine Reihe gut ausgebildeter Mitarbeiterinnen, unter ihnen ein Mann: Julius Grünwald-Spreemann, verheiratet, 3 Kinder. Auf dem Foto trug er eine runde Brille und ein rosa Jackett.

Mehr Gesichter konnte und wollte ich mir nicht merken. Meine Vorbereitung sollte genügen, der große Tag konnte kommen. Etwas zu pünktlich klopfte ich am Montagmorgen an die rot lackierte Tür der berühmten Maria Smith. Ganze 10 Minuten musste ich warten, bis sie mich freundlich hereinbat. Ich verstand umgehend: Wenn Maria Smith 8 Uhr sagte, dann meinte sie weder zehn vor, noch zehn nach acht. Es war nicht ihre Art zornig zu werden, doch durch ihr bloßes Handeln lehrte sie sehr deutlich ihre Spielregeln. In ihrem Büro, welches überraschend schlicht aussah, bat sie mich nicht mich zu setzen. Sie übergab mir lediglich die Schlüssel zu meinem Büro und sagte leicht neckisch und doch sehr bestimmt „Los, an die Arbeit. Auf ihrem Schreibtisch finden sie eine Übersicht ihrer heutigen Termine. Herr Roth-Otto erwartet sie bereits“.

Sie forderte mich nicht auf zu gehen, doch das war auch nicht nötig. Bevor sie ihren Blick vollständig der Tür zugewandt hatte, fand ich mich bereits im Fahrstuhl wieder.

Der Flur der dritten Etage war mintgrün gestrichen. Weiße, quadratische Bilderrahmen schmückten die Wand, die Bilder zeigten schwarz-weiße Fotografien mit Farbtupfern. Alles wirkte modern und stilvoll. Auch  mein Büro entsprach ganz und gar den Wünschen  ambitionierter Berufseinsteiger. Ein großer, antiker Schreibtisch aus dunklem Holz stand selbstbewusst wie ein prächtiger Baum vor dem großen Fenster, das einen atemberaubenden Blick über Hamburg erlaubte. Der Sessel war rot gepolstert und mit goldenen Knöpfen versehen. An der Wand hingen moderne Schränke aus Stahl. Leicht irritiert schweifte mein Blick weiter zur Sitzecke. Ein Würfel aus unbehandeltem Beton sollte wohl einen Tisch darstellen, darauf stand indisches Quellwasser. Die Stühle passten nicht zusammen, sondern wirkten eher wie Sammlerstücke vom Flohmarkt. Ein paar Sekunden stand ich regungslos dar und versuchte die eigenartige Kombination der Möbelstücke mit irgendetwas abzugleichen, das mir bekannt war. Vergebens. Roth-Otto half mir auf die Sprünge.

 „Guten Morgen, mein Name ist Hans Roth-Otto, ich bin ihr Sekrtär“, stellte er sich mir vor, während er meinen ratlosen Gesichtsausdruck bemerkte.

 

„verrückt, sind diese Frauen, nicht wahr? Inneneinrichtungen zwischen antik und modern mit einem Hauch von lässigem Trödel sind gerade der letzte Schrei, wissen Sie. Von solchen Dingen sollten sie besser etwas verstehen, wenn sie hier ernstgenommen werden wollen“.

 

Als ich endlich allein an meinem antiken Stück Stil saß und in Ruhe meinen Arbeitsplan durchgehen konnte, gingen mir Roth-Ottos Worte nicht aus dem Kopf. Von solchen Dingen sollten sie besser etwas verstehen, wenn sie hier ernstgenommen werden wollen. Ich spürte, dass dieser Satz für meine nahe Zukunft von großer Bedeutung sein könnte. Würde es ein Problem darstellen, ernstgenommen zu werden? Es war so ein Gefühl, beinah eine Vorahnung, welche mir sagte, dass Roth-Otto mir soeben weise Worte mit auf den Weg gegeben hatte. Ich muss rückblickend sagen, dass ich diesen Satz, der sich schon bald bewahrheiten sollte, damals kaum hinterfragt habe. Ich habe ihn eher Angesehen wie ein wissenschaftliches Gesetz und zeigte mich bereit es blind zu befolgen. Bei allem Respekt gegenüber meines hervorragenden Sekretärs Roth-Otto, schäme ich mich heute, wenn ich mich daran erinnere, wie seine Worte damals auf mich gewirkt haben, als hätte mir ein Zauberer seinen Trick verraten.

Die Arbeit, die von mir verlangt wurde, fiel mir leicht. Es handelte sich um Meetings, Mitarbeitergespräche, Telefonate, Protokolle und dergleichen. Das nicht zu hohe Tagespensum erlaubte mir, meine Pflichten besonders sorgfältig zu erfüllen. Der anfängliche Erfolg bei meinen täglichen Aufgaben, verhalf mir zu noch mehr Motivation, sodass  es bald zu meinem selbstverständlichen Tagesvorsatz wurde, überstundenfrei mehr zu leisten, als man von mir erwartete. Mein Ehrgeiz war unerschöpflich und nach wenigen Wochen begann ich außerhalb meiner Arbeitszeit den Rat von Roth-Otto in die Tat umzusetzen. Es war phänomenal von wie vielen Dingen Frauen etwas verstanden. Sie dominierten nicht bloß Politik und Wirtschaft, sondern auch Design und Mode. Ich beschloss auf die regelmäßige Lektüre meiner Männerzeitschriften wie „Jürgen“, „Hermann“ oder „Meine Familie und ich“ zu verzichten“ Adé. Ich bin gezwungen eure matte Umweltpappe gegen gedankenlosen Hochglanz zu ersetzten, gegen das „Managerin Magazin“ kommt ihr nicht mehr an.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass mich die dort behandelten Themen in irgendeiner Weise angesprochen hätten. Dass sie mich sehr ansprachen, log ich mich also an.

 

„Die neue Kollektion von Prada ist raus. „Prêt a porter“ ausnahmsweise. Sehr beeindruckend“, wurde das Gespräch in der Mittagspause eröffnet. Es war das erste Mal, dass ich am Tisch meiner Kolleginnen platzgenommen hatte.

„Ja, wirklich geschmackvoll. Wobei Prada mir persönlich zu extravagant ist. Ich mag es lieber verspielt“, lautete eine der Antworten.

 

Ich beschloss mich selbstbewusst einzumischen.

„Dann ist Dior dieses Jahr sicherlich etwas für Sie. Pastellfarben dominieren die aktuellen pieces“.

Alles verstummte. Die geschminkten Augen blickten auf die halbleeren Teller. Mit einer überraschten Reaktion hatte ich durchaus gerechnet, doch in den Gesichtern am Tisch sah ich mehr. Entsetzen. Wieso mischt sich dieser Mann in Frauengespräche ein? Fragezeichen. Wieso interessiert er sich für Mode? Überraschung auch. Das hätte ich nicht erwartet! Und am schlimmsten: Abscheu. Was für ein Mann ist das denn? Mit dem muss was nicht stimmen!

 

Jene Szene in meiner ersten Arbeitswoche deutete mir bereits die Paradoxie der Erwartungen von Frauen an Männer in der Arbeitswelt an. Weibliche Eigenschaften sollte man haben, um dem ganzen überhaupt gewachsen zu sein. Männliche Männer taugen nichts und weibliche Männer sind zum Lachen.

Ich ließ mich nicht entmutigen und nahm weiterhin am Lunchsmalltalk teil -  wenn auch etwas zurückhaltender.

Auf dem Flur grüßte man mich stets höflich.

 

Mein Sekretär Herr Roth-Otto war bald mein liebster Mitarbeiter. Er erledigte sämtlichen Papierkram unaufgefordert und zuverlässig. Was mir an ihm aber besonders gefiel war sein unsterblicher Sinn für Humor. Dabei war er keineswegs aufdringlich. Kurze Kommentare, denen nichts hinzuzufügen war, waren sein Talent. Roth-Otto machte sich dabei am liebsten über die Frauen lustig-  ohne jemals beleidigend zu werden. Er war durch und durch ein echter Kerl, so einer wie Kai oder Lutz. Ein treusorgender Familienvater mit Halbtagsbeschäftigung, der zu den Frauen heraufsah ohne zu ihnen gehören zu wollen. Man sah ihm an, dass er zufrieden war mit sich und seiner Welt. Seine innere Ruhe und sein Frohsinn waren mitreißend.

Den Großteil der ersten Wochen in dem Unternehmen, welches mir noch turbulente Zeiten bescheren sollte, verbrachte ich in nahezu idyllischer Ruhe mit Roth-Otto in meinem Büro.

 

 

7

Es dauerte exakt drei Monate bis sich erstmals ein Gewitter anbahnte. Der Grund liegt rückblickend auf der Hand: Meine Kolleginnen bekamen es mit der Angst zu tun. Sie entsprachen alle der typischen modernen Frau. Diese stammte – wie ich - aus einer Generation des Übergangs. Das heißt folgendes: Die Eltern lebten noch nach recht eindeutigen Rollenmustern, während sie das Ende dieser predigten und prophezeiten. Die moderne Frau hatte – klug wie sie war – natürlich nichts gegen berufstätige Männer. Sie akzeptierte die Efrauzipation des Mannes und unterstützte diese sogar. Theoretisch war sie sehr gerecht. Schwierig wurde es erst dann, wenn der modernen Frau die praktischen Folgen der Parolen bewusst wurden. Wenn sie plötzlich etwas zur Kindererziehung und zum Haushalt beitragen sollte, erinnerte sie sich an die glückliche Ehe ihrer Eltern und wurde knätschig. Kam ihnen ein Mann zu allem Überfluss auch noch bei der heiligen Karriere in die Quere, dann wurden die „French Nails“ zu Raubtierkrallen und die roten Münder feuerten Blitze in die gespannte Atmosphäre.

 

Die modernen Frauen beobachteten mich ausführlich. Tag ein Tag aus. Sie sahen, dass meine Haarpracht zunahm. Obwohl ich meine Haare immer kurz getragen hatte, hatte ich mich dazu entschlossen, sie für die Karriere wachsen zu lassen. Es war nicht unüblich, dass Männer ihre Haare lang trugen, alle paar Jahre gab es sogar einen echten Hype um die „modischen Langhaarschnitte“. Männer mit besonders langem Haar wurden manchmal abwertend als „Efrauzen“ bezeichnet. Auf der anderen Seite hatten aber Topmodels wie Herby Berry schon längst bewiesen, dass Männer mit langen Haaren super sexy sein konnten. Als Bond-Boy bezauberte er eine Generation von Frauen und inspirierte Männer auf der ganzen Welt. Ob angesagt oder nicht, ich hatte den Entschluss gefasst meinen Kolleginnen in nichts nachzustehen und bereits durch mein äußeres Auftreten Kompetenz zu signalisieren. Im Business galt es so zielgerichtet und unkompliziert zu sein, wie kräftiges, glattes, offen getragenes Haar.

 

Man hatte auch meinen veränderten Kleidungsstil zur Kenntnis genommen. Meine schmal geschnittenen Hosen ersetzte ich bald durch gerade geschnittene Männerröcke. Natürlich war dies keine große Besonderheit, schließlich waren Männerröcke mittlerweile so verbreitet, dass selbst mein Großvater zwei oder drei davon besaß. Ich hatte mich nach einer Weile in einer Hose nicht mehr wohlgefühlt. Zu sehr grenzte sie mich von den Kolleginnen ab und symbolisierte männliche Schwäche. In dem Designerrock mit durchaus maskulinen Schnitt betonte ich gekonnt, was in mir steckte. Und das war einiges. Die Bilanz meiner Arbeit war mehr als erfreulich. Ich war offenbar ein Naturtalent. Meine Arbeit erledigte ich zügiger und sorgfältiger als man mir zugetraut hätte und das bemerkte auch Maria Smith. Nach zwei Monaten bat sie mich in ihr Büro. Dass meine Erfolge erstaunlich seien, sagte sie, als ich ehrfürchtig vor ihr stand und dass sie hoffen würde, dass ich nicht nur Anfängerglück hätte. Mit einem Blick auf meinen neuen Look fügte sie noch knapp hinzu, dass ich mich „gemacht hätte“.

 

Auf dem Weg von ihrem Büro in meins, vom fünften in den dritten Stock, fühlte ich mich wie eine Fliege im Spinnennetz. Tausend Augen sahen mich misstrauisch an. Ich wusste, was die Spinnen dachten, nämlich dachten sie angestrengt daran, zu unterdrücken, was sie wirklich dachten. Gleichzeitig hofften sie, dass die große Maria Smith mir irgendetwas vorgeworfen hatte.

 

Am folgenden Tag sah Roth-Otto mich merkwürdig an, als ich das Büro betrat. Ohne ein Wort zu sagen, sah auch ich ihn merkwürdig an. Wir verstanden uns. Er streckte seinen langen Arm aus und übergab mir einen Zettel. Es war meine heutige To-Do Liste. Während ich sie las, drehte er sich unauffällig um und machte mir einen Kaffee. Als dieser fertig war stand ich immer noch am selben Fleck und starrte auf das Stück Papier.

 „Das ist ihre Reifeprüfung“, sagte Roth-Otto trocken und „Keks?“.

Wieder und wieder las ich, was Maria Smith von mir verlangte. Konnte das wahr sein?

 

Wenn die bisherigen Kleinprojekte, die ich geleitet hatte, eine Socke waren, war dieses Projekt, für das ich nun verantwortlich sein sollte, ein Ballkleid. „Entwicklung eines innovativen Logistikkonzepts. Zeitraum vier Monate.“, stand dort geschrieben. Ich ärgerte mich über die Menschheit, die es fertigbrachte, die wuchtigsten Worte in die immer gleiche Form von gleichgültigen Buchstaben auf dünnes Papier zu schreiben. Ich entschloss mich die Mittagspause vorzuziehen. Auf dem Flur quälten mich die üblichen Blicke mehr denn je, denn ich fühlte mich irgendwie schuldig, irgendwie wie ein Verbrecher, dem nichts anzusehen war und der trotzdem mit der ständigen Angst lebte aufzufliegen.

Nach einem 45-Minütigen Spaziergang an der kühlen Winterluft hatte ich mich endlich gefasst. Ich war wieder bereit nach vorne zu sehen und begann in meiner üblich analytischen Weise fortzufahren. Im Büro fertigte ich zunächst eine Liste mit den notwendigen Arbeitsschritten an. Ich notierte: 1. Vorhandenes Logistikkonzept prüfen, 2. Umsetzung auswerten, 3. Schwachstellen finden, 4. Neues Konzept wählen, 5. Evaluationskonzept entwickeln 6. Präsentation des Konzepts. Dies waren erste einfache Worte hinter denen wesentlich kompliziertere Tätigkeiten standen. Einen groben Überblick hatte ich mir auf diese Weise immerhin schon verschaffen können.

 

Julia konnte kaum fassen, was man mir nach so kurzer Zeit im Unternehmen zutraute. Ob ich mich nicht verlesen hätte, fragte sie, vier Monate wären doch viel zu wenig Zeit um all das zu schaffen! Nein, ich hatte mich definitiv nicht verlesen und war mir noch nicht ganz sicher ob ich weinen oder kämpfen sollte.

„Du musst jetzt kämpfen“, sagte Julia mit ihrer Engelsstimme und streichelte meinen Oberarm. Wieder einmal wurde mir klar, wie sehr ich sie liebte.

 

Im Unternehmen hatte sich bald herumgesprochen, welches Projekt ich „ergattert“ hatte. Ich merkte es an den noch misstrauischeren Blicken auf dem Flur und in der Mittagspause und verdächtigte insgeheim Roth-Otto. Fast trotzig widmete ich mich hingebungsvoll meiner Arbeit. Stück für Stück wurden die Konturen des Projekts deutlicher und meine Aufmerksamkeit galt schon bald den Details. Ohne den Gipfel nur eines Blickes zu würdigen, konzentrierte ich mich stets mit aller Kraft auf den Pfad unter meinen Füßen und die Steine, die unmittelbar vor mir lagen. Diese Strategie erwies sich als Segen. Nach einer Woche feierte ich bereits meinen ersten Erfolg, Schritt 1 und so sollte es weitergehen. Jede Etappe zelebrierte ich mit einem ausgiebigen Dinner mit Julia. Sie gab mir Kraft und Motivation, denn sie war doch immer noch der größte Erfolg meines Lebens, der mich zu vielen weiteren ermutigte. Obwohl auch ihre Arbeit viel Zeit kostete, unterstützte sie mich auf eigensinnige Weise. Sie sagte mir immer wieder, dass ich es schaffen würde, ganz locker und sie sollte Recht behalten.

 

 

8

Der große Tag war ein ungewöhnlich heißer Donnerstag im Juni. Mein schmal geschnittenes Hemd war völlig nass geschwitzt, als ich meinen Vortrag begann. Im größten Konferenzraum des Gebäudes, der sich in der vierten Etage befand, saß die dreiköpfige Unternehmensführung. Sie wartete geduldig bei stillem Wasser am Tisch und tat erfolgreich so, als machten ihr die teuflischen Temperaturen nichts aus. Maria Smith sah wie immer auffallend elegant aus und warf mir einen freundlichen, auffordernden Blick zu.

 

„Ich freue mich Ihnen heute das neue Logistikkonzept präsentieren zu dürfen“, begann ich mit noch etwas zu leiser Stimme. Ich bemerkte es unverzüglich und räusperte mich dezent. Kräftig fuhr ich fort:

 

 „Vor vier Monaten wurde mir diese verantwortungsvolle Aufgabe erteilt und ich kann Ihnen heute mitteilen, dass ich Sie nicht enttäuschen muss“.

 

Plötzlich fiel mir das Reden sehr leicht, ich fühlte mich sicher, denn ich wusste wovon ich sprach. Dass man das alte Konzept ja bereits kenne, erklärte ich und dass ich heute die Vorteile des Neuen darstellen wolle.

„Die Werte in Prozent beschreiben die voraussichtlichen Veränderung nach den ersten drei Monaten“, erklärte ich und eröffnete das Feuerwerk.

 „Steigerung der Produktivität: Plus 15%“. Ohhh. Ahhh. „Lohnstückkosten: Minus 10%“. Ahhh. Ohhh. „Lagerungs-und Transportkosten: Minus 18%“. Phänomenal! Ich sah die begeistert leuchtenden Augen meiner Chefin und spürte wie mein Blut durch meine Adern peitschte. Nach einer nicht zu langen theatralischen Pause zündete ich die finale Rakete. „Gewinn bei gleicher Verkaufszahl: +30%“. Peng. Ich traute meinen Augen nicht als ich beobachtete, wie Maria Smith den ihren nicht traute. Der Rest des Meetings verlief wie in Trance. Lippenstiftmünder lachten und weiße Zähne strahlten mit atemberaubenden Augen um die Wette. Feuchte Hände schüttelten sich und Stühle wurden rücksichtslos gerückt. „Gönnen Sie sich einen schönen Feierabend“, sagte Maria Smith, „den haben Sie sich verdient.“

 

Als Julia zur Tür herein kam erwartete ich sie bereits mit einem Korb unterm Arm. Sie sah ziemlich erschöpft aus, sogar irgendwie bedrückt. Ich merkte es sofort, entschloss mich aber an meinem Plan festzuhalten.

 

„Hallo meine Süße. Zieh dich schnell um, wir müssen los.“ Es war nicht das erste Mal, dass ich sie mit spontanen Unternehmungen überraschte, sodass sie gleich verstand und nicht nachfragte. Ein Bisschen länger als gewöhnlich blieb sie im Flur stehen und sah mich an, als wollte sie mir etwas sagen. Dann ging sie zügig und still seufzend ins Schlafzimmer.

 

Zehn Minuten später saßen wir im Auto. Die Straßen waren unverschämt voll und alle Ampeln zeigten rot. Wir redeten kaum, denn ich wollte ihr von dem erfolgreichen Nachmittag erst erzählen, wenn wir gemütlich nebeneinander saßen. Nach einer halben Stunde erreichten wir endlich den Elbstrand. Der frühe Abend war noch sehr mild und die Sonne ging ganz wunderschön unter. Wie immer in der Abendsonne schimmerte Julias Haut golden. Sie freute sich als sie sah, wohin ich sie ausgeführt hatte. Wir setzten uns auf die rote Picknickdecke, die ich aus meinem Korb holte und öffneten eine Flasche Champagner. Ich goss uns beiden ein Glas ein und bot ihr frische Krabben mit Brot an. Es war perfekt. Dass meine Präsentation wohl gut gelaufen sei, spekulierte sie nun und ich nickte hastig.

„Es war unglaublich. Maria Smith war vollends begeistert. Die voraussichtlichen Ergebnisse haben ihr die Sprache verschlagen!“.

Julia lächelte sanft, nahm einen genussvollen Schluck Champagner und küsste mich.

 

Jener Tag hatte meine Stellung im Unternehmen schlagartig verändert. Um 8 Uhr früh betrat ich, wie der Großteil meiner Kolleginnen, das Gebäude. Maria Smith war schon in ihrem Büro gewesen und kam uns entgegen, da sie auf dem Weg zu einem Auswärtstermin war. Um mich herum ging plötzlich alles aufrechter, zügiger, freundlicher und kleiner. Alles schielte zu ihr herüber und so blieben 10 neidische Herzen stehen als die große Maria Smith auf meiner Höhe stehenblieb, ihren Arm in meine Richtung streckte, meine Hand schüttelte und mir einen erfolgreichen Tag wünschte. Natürlich genoss ich diesen Moment innig, denn mein Wert war soeben ins unermessliche gestiegen. Keine wollte mit mir in den Fahrstuhl, das wusste ich, deshalb wartete ich rücksichtsvoll bis sie alle verschwunden waren. Den letzten Fahrstuhl nahm der Prinz.

Von nun an hatte ich das Privileg morgens entweder die angenehmsten und am wenigsten aufwendigen Aufgaben auf meinem Schreibtisch vorzufinden, oder jene, für die echtes Können von Nöten war. Beide Fälle verursachten Neid. Selbstverständlich bemerkte ich das naiv laute Tuscheln, wenn ich über die Flure ging. Man sprach lieber über mich als mit mir. Bei genauem Hinhören hätte ich die Gemeinheiten vielleicht verstehen können, doch das wollte ich gar nicht. Ich flüchtete mich in Arbeit und isolierte mich in trostspendendem Stolz.

 

Obwohl mir viel daran lag, nichts an mich heran zu lassen, bemerkte Julia schnell, dass mich die Arbeit mehr belastete als sonst. Wieso ich abends so träge sei, fragte sie und war sich sicher, die Antwort zu kennen.

Eines Abends lag ich regungslos auf dem Sofa und guckte Werbung. Es muss ein bemitleidenswerter Anblick gewesen sein. Julia wurde wütend als sie mich dort liegen sah.

„Was ist eigentlich los mit dir?“, fuhr sie mich zischend an.

 

„Willst du wieder Mitleid?“. Ich wollte kein Mitleid. Oder etwa doch?

 

„Sobald du von der Arbeit kommst liegst du nur noch nutzlos herum!“

 

Ich verstand ihre übertriebene Reaktion nicht. Sie schien ihren gesamten Frust plötzlich an mir auszulassen.

 

„Julia, beruhig dich, wo liegt denn auf einmal das Problem?“, fragte ich etwas zu vorwurfsvoll. Da schossen die Tränen aus ihren Augen, wie Platzregen.

 

„Du verstehst wirklich nichts…“, stammelte sie und weinte weiter.

Ich verstand nichts. Sie schluchzte.

 

„Du bist nur noch mit dir selbst beschäftigt und hast nicht gemerkt, dass ich dir schon lange etwas Wichtiges zu sagen habe. Wann hast du das letzte Mal gefragt, wie es mir geht?“

 

Ich wusste, dass ich auf diese Frage besser nicht antworten sollte. Ich setzte mich aufrecht hin und sie versuchte sich zu fassen. Nachdem sie einmal tief ein- und ausgeatmet hatte, sagte sie ernst:

 

“Ich bin schwanger.“

9

 

 

Normalerweise erzählten erfolgreiche Managerinnen ihrer Vorgesetzten nichts davon, dass sie ein Kind erwarteten. Wieso auch? Früher oder später sah man es ihr sowieso an, dann fehlte sie zwei bis drei Tage und danach war alles wie vorher. Für Frauen stellten Kind und Karriere keine Dinge dar, die sich in irgendeiner Weise gegenseitig beeinflussten. Dass das bei uns Männern etwas anders ist, muss ich sicher nicht erläutern. Wir alle wissen, wie die Innenoberschenkel ziehen, wenn man versucht einen Spagat zu machen. Trotzdem entschloss ich mich entgegen aller Erwartungen, Maria Smith vorerst nichts von Julias Schwangerschaft zu erzählen. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht von meinem beruflichen Weg abzukommen, wenn das kleine Ding erst mal das Licht der rosa Welt erblickt haben würde. Wenn sie jetzt zweifeln, haben sie Recht. Naivität ist kein Ausdruck für das, was mich damals antrieb. Zwar wollte ich ein liebevoller Vater sein und für mein Kindchen da sein wollte ich auch, doch ich war mir sicher, dass es nicht allzu schwer sein könne, das Privatleben völlig von dem offiziellen zu trennen.

 

Sieben Monate waren vergangen und Julia wurden bereits Plätze in der U-Bahn angeboten, wenn mal wieder alles voll war. Maria Smith stand im Fahrstuhl und drückte selbstverständlich die 5. Ich beeilte mich um noch mitfahren zu können. Wir unterhielten und ausgesprochen nett und so kam es, dass ich kurz vorm dritten Stock ganz beiläufig mein baldiges Vaterglück erwähnte. Ich sah noch ihren verunsicherten Gesichtsausdruck, bevor ich eilig den Fahrstuhl verließ. Ich hatte an diesem Tag viel zu tun und dachte nicht weiter darüber nach, was wohl in Frau Smiths eleganten Kopf vorgehen würde.

 

Als ich am kommenden Tag gerade gedachte den Feierabend einzuläuten, stürmte Roth-Otto mein Büro. „Sie werden oben erwartet“, sagte er kurz.

„In der Fünften.“

 Er zwinkerte, obwohl er natürlich nicht wusste, was der Grund war.

 

Maria Smith saß wie immer an ihrem zwei-Meter Schreibtisch und lächelte spitz, als ich ihr Büro vorsichtig betrat. Sie forderte mich auf Platz zu nehmen. Gespannt sah ich sie an und schwieg.

Endlich eröffnete sie die Konversation.

„Ich habe Sie aus zwei Gründen in mein Büro gebeten. Der erste liegt auf der Hand. Neulich im Fahrstuhl hatte ich gar nicht mehr die Gelegenheit Ihnen zu ihrem Glück zu gratulieren.“

Worauf wollte sie hinaus?

„Vielen Dank“, erwiderte ich reflexartig, „wir sind wirklich sehr glücklich“.

Pause.

Maria Smith bemerkte mein leichtes Unbehagen und genoss den Moment innig.

„Nun gut“, erbarmte sie sich nach endlosen zwei Minuten.

„Der eigentliche Grund, weshalb ich Sie sprechen wollte, ist mein kleines Vaterschaftsgeschenk“.

Ich verstand nicht. Das konnte ich auch nicht.

„Ich möchte, dass Sie mich nach New York begleiten“. Sie formte jedes einzelne Wort voller Freude und studierte meine Mimik, die sich von kontrolliert höflich in fassungslos verwandelte.

„Nach…nach New York?“, stammelte ich.

„Sie meinen die große Geschäftsreise, die Zusammenkunft der bedeutsamsten Automobilherstellerinnen der Welt zur gemeinsamen Festlegung ökologischer Standards?“

 

Maria Smith lieferte mir die Antwort in Form eines Blickes, welcher sagte: „Frag doch nicht so blöd. Natürlich meine ich genau dieses Gipfeltreffen!“

 

Mein Herz tanzte vor Freude und wuchs vor Stolz, ich konnte es einfach nicht fassen. Eine Woche mit Maria Smith und den erfolgreichsten Frauen der Branche in New York zu verbringen, das war wie…wie…mir wollte kein passender Vergleich einfallen, es war schlichtweg die größte Ehre meines Lebens. Schon in zwei Wochen würde es soweit sein.

 

Erst auf dem Weg nach Hause, auf den überfüllten Straßen von Hamburg, kamen Bedenken. Julia. Wie würde sie wohl reagieren? Würde sie sich für mich freuen, wie sie es früher getan hätte? Oder würde sie wohlmöglich aufgrund ihrer gewissen Umstände skeptisch sein? Sich sogar allein gelassen fühlen? Es gelang mir diese Fragen vorerst zu verdrängen und mich übertrieben kleinlich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren.

 

„Ach so. Nach New York.“, sagte sie und zog ihre linke Augenbraue hoch, wie sie es immer tat, wenn sie nicht erfreut war.  Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und hielt sich den Bauch. Ihr durchdringender Blick zog mir die Hosen aus. Ich bekam ein reichlich schlechtes Gewissen, als mir bewusst wurde, dass ich im Begriff war meine ziemlich schwangere Frau eine Woche allein zu lassen. Andererseits war sie ja noch nicht kurz vor der Entbindung. Das würde sie doch aushalten. Eine ganze Weile ließ ihr Blick nicht von mir los. Ich bereitete mich still darauf vor, dass sie gleich weinen würde und mich anflehen würde bei ihr zu bleiben.

„Warte kurz.“, sagte sie und ging in den Flur. Aus ihrer Tasche kramte sie ihren Terminkalender. Lächelnd kam sie zurück in die Küche und blieb sehr nah vor mir stehen.

„In zwei Wochen fliegst du, richtig?“ Ich nickte.

„Das passt gut, mein Schatz. Mir kam gerade der dumme Gedanke, dass ich in dieser Woche entbinden könnte. Du weißt schon, solche Frühgeburten sind schließlich nicht ausgeschlossen. Der Arzt hat mir jedoch erst vorgestern gesagt, dass ich in den nächsten vier Wochen mit nichts zu rechnen brauche. Das ist doch prima!“

 

„Ja, prima. Es…es macht dir also nichts aus, wenn ich mitfahre und du eine Woche allein bist?“

„So ein Quatsch! Darum geht es doch gar nicht! Ich möchte, dass du fährst, dies ist deine große Chance! Genieße die Woche, Schatz, denn es ist doch wirklich ein Zeichen des Himmels, dass sie gerade jetzt stattfindet, wo es hier zuhause noch recht ruhig ist für dich!“

 

Julia sagte, sie müsse sich fertig machen, eine Schulfreundin sei geschäftlich in Hamburg und sie gingen essen. Ich starrte geistesabwesend aus dem Küchenfenster und fühlte mich komisch. Froh war ich, na klar, dass ich fliegen würde. Auch freute es mich, dass es meiner Frau nichts aus machte allein zu sein. Vielleicht hätte es mich jedoch auch gefreut, ein klitzekleines Bisschen, wenn es ihr mehr ausgemacht hätte. Und dann war da noch die Sache mit dem Geburtsdatum. Ihre Worte klangen unheilbringend in meinem Geiste nach. Genieße die Woche, Schatz, denn es ist doch wirklich ein Zeichen des Himmels, dass die Geschäftsreise gerade jetzt stattfindet, wo es hier zuhause noch recht ruhig für dich ist!

 

 

Montag, sechs Uhr in der Früh. Maria Smith sah aus wie aus dem Ei gepellt. Ein professional ließ sich menschliche Laster wie die Abhängigkeit von Schlaf, Hunger und Durst niemals anmerken. Ich hatte mich zwar schick angezogen, doch mein altrosa Kostüm mit den spitzen italienischen Lederschuhen lenkte nur für einen kurzen Moment von meinen verquollenen Augen ab. Maria Smith kommentierte diese mit einem kritischen Blick.

Der Flug verlief ruhig und komfortabel -  zumindest in der ersten Klasse. Neben uns saßen drei weitere deutsche Unternehmerinnen, die auf dem Weg zur Konferenz waren. Maria Smith unterhielt sich freundlich und bedacht mit ihnen. Ich verschlief die meiste Zeit, was mein Problem mit den geschwollenen Augen nicht besser machte. Nur einmal nach etwa vier Stunden weckte mich ein Stuart, schlank und gut aussehend, um mir eine Platte Kaviar und  ein Glas Champagner zu reichen. Danach knurrte mein Magen natürlich immer noch, sodass ich sehr erleichtert war als wir weitere vier Stunden später endlich landeten. Am Flughafen kaufte ich mir ein großes Sandwich.

 

Wir fuhren mit einem schwarzen Taxi mit verspiegelten Gläsern durch New York. Das Kongresszentrum befand sich in Manhattan, direkt neben dem fünf-Sterne-Hotel, in dem sämtliche Teilnehmerinnen untergebracht waren. Ein junges Mädchen trug unsere Koffer und bat uns ihr zu folgen. Die Eingangshalle des Hotels war imposant. Die Decke war geschätzte 20 Meter hoch und von ihr hing ein eindrucksvoll glitzernder Kronleuchter herunter. In einer halben Stunde beginne bereits die Veranstaltung, erklärte Maria Smith mit einem Blick auf ihre Einladung. Zügig bezogen wir unsere Zimmer und machten uns frisch. Dementsprechend blieb mir kaum Zeit, meinem Einzelzimmer die Bewunderung zu schenken, die es verdiente. Ich erhaschte nur mit einem flüchtigen Blick das unfassbar einladend wirkende Kingsize-Bett. Mein Zähne putzendes Gesicht betrachtete ich in einem überdimensionalen Spiegel. Neben mir lächelte mich ein Whirlpool an. Ich fragte mich, wieso Träume immer dann in Erfüllung gehen mussten, wenn man beim besten Willen keine Zeit hatte, sie auszukosten. Mit einem feuchten Tuch polierte ich das Leder meiner Schuhe und verließ mein Zimmer. In der Lobby fand ich meine wartende Vorgesetzte, die sofort aufstand und losging, als sie mich kommen sah. Natürlich, dachte ich, für diese Frau ist so ein Hotel nichts Besonderes. Im Laufen versuchte ich mir ihr Hamburger Haus vorzustellen.

 

Die Konferenz wurde von der Chefin eines einflussreichen US-amerikanischen Unternehmens eröffnet. Sie präsentierte sich als clevere Initiatorin der Veranstaltung und als großzügige Gastgeberin. Jungen in schwarzen Slips hatten am Eingang Champagner verteilt und die rund 50 Gäste hatten an einer langen Tafel platzgenommen. Die Gastgeberin saß vor Kopf und machte sich nun eifrig daran, alle ihre Gäste einzeln vorzustellen und herzlich willkommen zu heißen. Die meisten der genannten Namen waren mir ein Begriff, man kannte die anwesenden Gesichter aus der Presse, dem Fernsehen oder durch irgendwelche – nicht immer sauberen – Gerüchte. Wenn ein Name aufgerufen wurde, lag es an der jeweiligen Person kurz aufzustehen, zu lächeln und sich wieder zu setzen. Nacheinander standen rosafarbene, rote, violette und hellgelbe Blusen mit passenden Blazern auf. Rosafarbene, rote und violette Münder lächelten. An 22. Stelle fiel der erste Männername. Ein Amerikaner. Es erhob sich ein enger bordeauxroter Blazer und lange, kraftvolle, braune Locken. Da draußen in der Welt, auf den Straßen, in der Normalität, hätte man ihm sicher misstrauisch nachgeschaut. Sein Name gehörte tatsächlich zu den wenigen Dingen, die sein männliches Geschlecht andeuteten. Gekonnt, wie seine Kolleginnen, zeigte er seine weißen Schneidezähne beim Lächeln. Ich sah mich hastig um und mir wurde klar, dass er und ich die einzigen Männer in der Runde waren. Im Raum waren wir insgesamt zu dritt, weil gerade ein junger Bursche neues Wasser brachte. So sah sie also aus, die oberste Etage, die internationale Elite. Noch etwas rosafarbener, etwas glitzernder, etwas kurviger, kurz: viel weiblicher, als sich irgendein Mann vorzustellen wagte.

Ich ahnte, dass ich in den folgenden sechs Tagen mein ganzes Anpassungstalent unter Beweis zu stellen hatte.

 

Die einzige mintgrüne Frau, eine Französin, war als erste an der Reihe, die ökologischen Bemühungen ihrer Firma darzustellen und Anregungen für gemeinsame Standards vorzulegen. Ihre bisherigen Erfolge waren nicht schlecht und es sollte sich zeigen, dass es mit Abstand die Besten waren. Jeden Tag waren vier Chefinnen an der Reihe diese Daten preiszugeben und Vorschläge zu machen. Die letzten zwei Tage wurden genutzt, um eine gemeinsame Erklärung zu verfassen. Maria Smith hatte den Vortrag ihres Unternehmens selbstständig vorbereitet und sah keine Notwendigkeit mich in die Präsentation zu integrieren oder mir sonst irgendeine Aufgabe zu überlassen. Es schien, als sähe sie mich vor den Augen ihrer Kolleginnen, lieber in der Rolle des hübschen Anhängsels. Dass ich mich nicht beschweren sollte, dachte ich, denn schließlich war es eine große Ehre überhaupt hier zu sein. Das Motto „dabei sein ist alles“ war aber doch nur ein schwacher Trost.

 

Wie Sie vielleicht merken, waren die Inhalte der Konferenz für mich im Großen und Ganzen eher enttäuschend, zumal ich inoffiziell kein Rederecht und somit keine Möglichkeiten der Mitgestaltung hatte. Trotzdem war meine erste Geschäftsreise ein Highlight, denn erstmals durfte ich die wahre Welt der großen Frauen kennenlernen. Und in dieser sind Inhalte ganz offensichtlich Nebensache. Worauf es ankommt ist ein ausgefeiltes Freizeitprogramm. Es ist wie in der Schule, Verliebte beäugeln sich im Unterricht, geknutscht wird in der großen Pause.

 

Blauäugig, wie ich angereist war, hatte ich wirklich geglaubt die freie Zeit zu nutzen, um Sehenswürdigkeiten, wie die Freiheitsstatue zu besichtigen. Bereits am ersten Nachmittag verstand ich: Freizeit ist das Sahnehäubchen der Arbeitszeit. Da es wohl eine Selbstverständlichkeit war, schon oft in New York gewesen zu sein, war ein klassisches Managerinnenprogramm vorgesehen. Gleich am ersten Tag, nachdem die Französin uns alle mehr oder weniger leidenschaftlich dazu aufgerufen hatte, unsere Werbeplakate auf recyceltem Papier drucken zu lassen, hieß es: Nagelpflege! Juhuuu!

 

Hatte ich richtig gehört? Nagelpflege? Unauffällig prüfte ich meine Fingernägel und entschied, dass sie weder zu lang noch schmutzig waren. Das schien keine Rolle zu spielen. Die Frauen, von denen ich umgeben war, kicherten erfreut, manche kreischten sogar leise. Der andere Mann war mir kein Trost, das Gegenteil war der Fall. Er machte einen vergnügten Hüpfer und fragte seine Chefin in welches Maniküre Studio man denn gehen würde. Wie angewurzelt blieb ich stehen und beobachtete die Situation mit innerer Distanz.

Keine volle Stunde später fand ich mich in einem runden Raum voller Spiegel wieder, der ernsthaft „Nageltempel“ hieß. In der Mitte befand sich eine plüschige silberfarbene Sitzlandschaft, auf der man Platz nahm und seine Beine wartend übereinander schlug. Eine Frau, die sich mit „Hey ladies, I´m Stacey, your personal nail designer today“ vorstellte, kam mit weit aufgerissenen Augen auf uns zu. Stacey war groß und schlank, trug eine schwarze Röhrenjeans und eine weiße enganliegende Bluse. Das „i-Tüpfelchen“ ihres Outfits waren die silbernen Stilettos, lernte ich von meinem Kollegen. „Ah.“, dachte und sagte ich.

 

Wir Männer wurden zuerst zu unseren Plätzen geführt, da Stacey unsere Anwesenheit  „total abgefahren“ fand. Ich ließ mich also in einen roten Ledersessel fallen. Vor mir befand sich ein kleiner Tisch mit unheimlichen Geräten drauf. Ich betrachtete sie misstrauisch. Dort lagen eine Nagelschere, ein Nagelknipser und – mehr konnte ich nicht identifizieren. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Nicht so mein Kollege. Der Tisch neben mir gehörte zu seinem Sessel und er konnte kaum fassen, wie hochwertig die kleinen Folterinstrumente waren. Er riss seinen Mund auf und strahlte mich an. Mir tropfte Schweiß von der Stirn.

Nach einer Weile hatten es sich alle Frauen vor ihren Tischchen bequem gemacht. Das Spektakel konnte beginnen. Am hinteren Ende des Raumes öffnete sich ein Vorhang und eine blonde Nagelkolonie marschierte durch die Manege. Ich ertappte mich tatsächlich dabei, wie ich feststellte, dass dort keine silbernen, sondern weiße Stillettos im Gleichschritt auf uns zukamen. Mein Sitznachbar erkannte darin eine „dezente Hierarchie durch High Heels“. Jeweils zwei weiße Stillettos begaben sich auf die andere Seite eines Tisches und stellten sich ihren prominenten Gegenübern vor. An den Vornamen meines Schicksals kann ich mich nicht erinnern, jedenfalls piksten mich ihre künstlichen Fingernägel, als sie mir die Hand gab. Stacey stand nun im Kreismittelpunkt und rief mit ihrer rauchigen Stimme: „Let´s Go, Girls!“

 

Auf Kommando begann das große schneiden, feilen, stärken, aufhellen, peelen, cremen und was weiß ich noch alles. Ich fühlte mich wie im Irrenhaus. Angestrengt ließ ich mir alle mir bekannten Drogen durch den Kopf gehen und fragte mich welche hier wohl im Spiel war. Den Blick auf meine armen Nägel untersagte ich mir konsequent. Ich wollte wirklich nicht wissen, was die Guten gerade durchmachen mussten.

Nach einer halben Stunde in Ektase stieß die Verrückte auf der anderen Seite des Tisches ein erleichtertes „Huh“ oder „puh“ aus. Ich blinzelte. Sie war offenbar fertig und so erwiderte auch ich mit „puh“. Das fand sie so lustig, dass ihr hysterisches Lachen durch den ganzen Nageltempel hallte. Ich wollte einfach nur weg.

 

In der Limousine, die uns zum Abendessen brachte musste ich mich nicht unterhalten, da die Ladies damit beschäftigt waren ihre Nägel zu vergleichen. So hatte ich glücklicherweise die kurze Gelegenheit das Erlebte zu verarbeiten. Auch beim Abendessen im Hotel verhielt ich mich zurückhaltend. Ich war bemüht mir einzureden, dass ich von dem Schälchen Salat, das zu meiner Enttäuschung das „gemeinsame Dinner“ darstellen sollte, sicher satt werden würde. Gott sei Dank fand ich einen Korb Brot in Reichweite, den ich ganz alleine essen durfte, da die anwesenden Frauen „Igitt! Kohlenhydrate!“ riefen und dem liebevoll geschnittenen Baguette vernichtende Blicke zuwarfen.

 

Die folgenden Tage verliefen ähnlich. Ich hatte ständig Hunger und sah immer gut aus. Die Konferenzen schenkten uns nur minimale Hoch-und Tiefpunkte und es gab fast jeden Nachmittag Programm. Am Dienstag gingen wir zur Massage, was mir noch am besten gefiel, da ich während dieser wenigstens meine Ruhe hatte.

Am Mittwoch war Sport angesagt, was mich keineswegs verwunderte, da erfolgreiche Frauen natürlich auch sportlich waren, seit jeder wusste, dass es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Fitness gab. Ich war gespannt, welche Sportart man ausgewählt hatte und selig, als sie preisgegeben wurde: Ballett. Volltreffer!

 

Zwar hatte ich seit Jahren kein Ballett mehr getanzt und die grausame Aufführung von Schwanensee hatte ich erst kürzlich verkraftet, doch ich wusste, dass man das Tanzen nicht verlernte, wenn man es einmal so eifrig betrieben hatte, wie ich. Wir nahmen eine Trainingsstunde bei einer berühmten New Yorker Choreographin und ich war mir sicher, der Star des Nachmittags zu werden. Dass sie sich zunächst einen Eindruck über unser Können verschaffen wolle, kündigte die Trainerin an und begab sich zum CD-Player.

 

Die Gazellen um mich herum nahmen die Grundposition ein, der Herr Kollege einschließlich. Synchron streckten sie ihre rechten Beine aus und stellten sich auf die Spitzen. Ich dagegen blieb stehen und wartete auf die Musik. Als sie erklang, traute ich meinen Ohren nicht. Von jetzt auf gleich war ich wie verzaubert. Endlich, dachte ich, endlich war der Tag gekommen, an dem man mir applaudieren würde, anstatt mich auszulachen. Innerhalb weniger Sekunden füllte sich mein Kopf mit mühsam verdrängten Bildern von dem mich verspottenden Max und den anderen Jungen und Mädchen, die gemein kicherten, als wir die Bühne betraten. Wir hatten so hart trainiert. Das Kopf-Kino gab mir Kraft und als die ersten Töne von Schwanensee erklungen, nahm ich nur noch mich und die himmlischen Klänge war. Ich fand mich in einer Traumwelt wieder. Nur in diese Komposition, in diese Bewegungen, schlicht in diesen Momenten wollte ich meine ganze Liebe, mein ganzes Leben stecken. Ich tanzte und tanzte, drehte Pirouetten, wagte nervenaufreibende Sprünge und vergas Raum und Zeit. Ich bemerkte gar nicht, dass die Musik nicht wie abgesprochen nach fünf Minuten verstummte, geschweige denn, dass außer mir niemand mehr tanzte. Es war egal. Alle Töne steigerten sich gen Finale, der Höhepunkt war beinah erreicht, ja ich würde es schaffen, würde ihn fühlen, den großen Sprung der Sprünge. Mit Anlauf machte ich einen eindrucksvollen Satz nach vorn, streckte meine Beine während der Flugphase zum Spagat und beendete die Darbietung mit einer dreifachen Pirouette. Kurzatmig blieb ich stehen, die Musik verklang. „Bravo!“, hörte ich innerlich die Frauen jubeln, doch nur Maria Smith und die Choreographin klatschten langsam, aber bestimmt in die Hände. Ich blickte auf und was ich sah, konnte ich kaum begreifen. Schon wieder sollte ich enttäuscht werden, ein weiteres Mal sollte ich dieses Gefühl von Stolz, dass sich binnen niederschmetternder Sekunden in Scham verwandelt erleben. Als wären die Blicke in Kombination mit dem Schweigen nicht genug gewesen, spuckte mir eine Deutsche Kollegin noch einen unverschämten Spruch ins Gesicht.

 

„Ob da wohl jemand vom anderen Ufer ist?“, fragte sie selbstgefällig in die Runde, was allgemeines Gelächter verursachte. Ich fühlte Wut in mir aufsteigen. Selbst mein männlicher Kollege, für den ich in diesem Moment nichts als abgrundtiefen Abscheu empfand, lachte genüsslich. Unbeholfen suchte ich den Blick meiner Vorgesetzten und was ich in ihren Augen las, machte mich zu ihrem Jünger. Sie war stolz auf mich und sah keinen Grund es zu verbergen. Dass sie sich für den Richtigen entschieden hatte, sagte ihr Blick und dass sie eben ein echtes Händchen für vielversprechende Nachwuchstalente hatte, fügte ihr Lächeln hinzu. In jenem Moment wäre ich aus dem Fenster gesprungen, hätte sie es verlangt. Doch das hätte sie natürlich nie gewollt. Alles was ich ihr nun schuldig war, war stark zu bleiben und über einem niveaulosen Spruch wie dem eben gefallenem locker drüber zu stehen.

 

Am Donnerstag blieb das Freizeitprogramm überraschenderweise aus, da man uns zur Abwechslung „Freizeit“ zugestand. Ich glaube, dass nur ich die Ironie in dieser Angelegenheit bemerkte. Mir blieb also entgegen der Erwartungen noch Zeit die Freiheitsstatue zu besichtigen und sogar den Ausblick von ganz oben zu genießen.

 

Da stand ich also, ganz allein in meinem rosa Kostüm bestehend aus Blazer und Rock auf dem mächtigsten Symbol menschlicher Freiheit. „Das ist Freiheit“, dachte ich und fühlte mich unverzüglich schuldig. War ich denn überhaupt ein freier Mann? War ich vollends ich, Körper und Geist unzertrennlich? „Nein“, spürte ich und so zwang ich mich „ja“ zu denken. Die Ironie des Bildes von dem verkleideten Ich auf der Freiheitsstatue erkannte damals nur Gott allein. Er muss mich regelrecht verspottet haben.

 

Auf den letzten gemeinsamen Nachmittag freute man sich besonders. Der Vormittag wurde abgekürzt, wo es nur ging, sodass jede einzelne der mächtigen Geister am Tisch gerne bereit war, die Erklärung zu unterschreiben. Es stellte sich heraus, dass die amerikanische Gastgeberin sie bereits in der vergangenen Woche formuliert hatte. Dankbar statt empört setzte jede der Frauen ihre verschnörkelten Initialen darunter, womit entschieden war, dass die Verwendung ökologischer Lacke und Polster (was auch immer das bedeuten sollte), sowie die verstärkte Filterung von Abgasen von nun an Ehrensache waren. Außerdem beschloss man, noch im gleichen Jahr gemeinsam einen Autokalender in Auftrag zu geben, dessen Erlös für ökologische Projekte genutzt werden sollte. Die Französin unterschrieb zuletzt, woraufhin man sich erhob, um sich in den lang ersehnten Kampf der Kleider zu stürzen. Der letzte und ultimative Programmpunkt lautete: Shopping!!!

 

Wenn ich Ihnen nun sage, dass die Stunden des Freitagnachmittags unfassbar langweilig waren, dann machen Sie sich noch kein Bild davon, wie ich mich gefühlt habe als ich teilnahmslos von Gucci über Dior zu Prada wandelte und unzählige ähnlich aussehende sogenannte Kleidungsstücke betrachtete, ohne dass das bei mir irgendein Gefühl auslöste. Ich spreche von einem dieser Gefühle, die sich in spontanen Ausrufen wie „Uhhhhh“, „Woooooow“, „Schaut mal hiiiieeer her!“, oder „I looooove that!“ äußern. Kennen Sie nicht? Tja, ich schon. Leider. Bereits nach dem ersten Laden war ich nicht mehr in der Lage schön und hässlich zu unterscheiden, stattdessen wurden mir die Bedeutungen der Begriffe Gut und Böse deutlicher denn je. Shopping mit einem rosa Intelligenzrudel gehörte definitiv zur bösen Seite der goldenen Medaille der Macht. 

10

Nach den sechs Tagen in New York sah ich die Welt der Frauen, die ganz oben angekommen waren, nüchterner als zuvor. Um es auf den Punkt zu bringen: Diese Welt war die Hölle. Und sie war nicht meine Welt. Meine Welt müsste demnach wohl der Himmel sein, schlussfolgerte ich, doch das erschien mir ein wenig zu hoch gestapelt. Vielleicht war meine Welt ja auch die Hölle und die andere der Himmel… wie dem auch sei! Mir war bewusst geworden, welch Anpassungsvermögen gefragt war, wenn man als Mann in dieser Welt Fuß zu fassen gedachte. Wer glaubte, von diesen Damen sei Rücksicht oder gar Anpassung ihrerseits zu erwarten, der täuschte sich. Nett wäre das gewesen, natürlich, aber mit nett sein kam man nicht weit. Wer das früh verstand, hatte einen großen Vorteil.

Meine Motivation, oder gar mein Ehrgeiz mussten jedoch keineswegs unter dieser Erkenntnis leiden, denn immerhin war meine Chefin anders. Ich hatte das Glück unter Maria Smith zu arbeiten und dieses Glück war mir jetzt erst richtig bewusst. Den aufbauenden Blick nach meiner spontanen Ballettaufführung werde ich ihr nie vergessen. Ich war bereit bis an meine Grenzen zu gehen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden.

 

An dem Tag meiner Rückkehr kam Julia erst nach 21 Uhr von der Arbeit, sodass ich derjenige war, der sie auf dem Sofa erwartete. Sie ließ sich keinerlei Schwangerschaftserschöpfung anmerken.

Bei ihr lief der Berufsalltag reibungslos und wie vorgesehen. Noch schwamm sie irgendwo im unteren oberen Drittel der Hierarchie mit dem Strom. Der Aufstieg war quasi vertraglich festgelegt. Julia erzählte selten von der Arbeit oder von den Menschen, mit denen sie beruflich zu tun hatte. So wie die meisten selbstverständlich erfolgreichen Frauen, sah sie dazu keinen Grund.

 

Ich dagegen, berichtete meiner Frau fast täglich von den Ereignissen des Tages. Auch ärgerte ich mich bei ihr über meine Kolleginnen und schwärmte bei ihr von Maria Smith. Ich brauchte diese Gespräche, um meine betriebliche Sonderstellung zu verarbeiten.

Im Allgemeinen verliefen die Wochen nach der Reise äußerst angenehm. Maria Smith plauderte noch freundschaftlicher mit mir, als vorher, was den Kolleginnen regelrecht die Sprache verschlug. Gott sei Dank. Denn so langsam schienen sie zu befürchten, dass alles was sie über mich tuschelten, auf irgendeine Weise Maria Smith zu Ohren kommen könnte. Zu ihrer eigenen Sicherheit stellten sie das Lästern weitgehend ein. Für eine Weile.

 

Je weniger mich der Beruf während jener Wochen belastete, desto anstrengender gestaltete sich das zukünftige Familienleben. Zwar hatten es meine Frau und ich nie offiziell abgesprochen, doch lag es ganz offenbar an mir, Kinderkleidung und das gesamte Kinderzimmer inklusive Spielzeug zu kaufen und es in unserer Wohnung unterzubringen.

Allzu schwer fielen mir diese Aufgaben nicht, schließlich tat ich es auch gerne und von Vorfreude erfüllt.

Vielleicht sagte mir mein Vaterinstinkt, dass die wirklich harten Zeiten noch kommen würden. Und auf den Vaterinstinkt war bekanntlich Verlass.

 

„Sie kommen alle, das wird wunderbar!“, jubelte Julia euphorisch und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Äh, wer kommt?“

„Na alle! Lutz und Lara, Kai und Katja, Christoph und Celina, Lars und Laura! Unsere Freunde, wer denn sonst?“

„Ach. Ach so. Du meinst, sie kommen uns besuchen. Schön. Und wann?“

Die Körpersprache meiner Frau sagte „man, bist du schwer von Begriff!“

„Wenn das Baby kommt natürlich. Erst das Baby. Dann sie. Deine besten Freunde von früher, die heute mit meinen besten Freundinnen verheiratet sind, werden unseren Nachwuchs direkt während seiner ersten Tage kennen lernen!“

 

Ich freute mich. Ganz ehrlich. Ich fand die Vorstellung wirklich schön. Also sagte ich, dass ich mich freute, ganz ehrlich, und dass ich die Vorstellung wirklich schön fand. „Aber…“, dachte ich und

„Aber?“, fragte sie.

Es war damals für mich schwer fassbar, was mich störte. Alles was ich bemerkte, war ein unangenehmes Bauchgefühl. Ich spürte, wie es darauf drängte wahrgenommen zu werden und ich verurteilte Bauchgefühle schier als dumm, weil sie nicht in der Lage waren, ihre Anliegen in Worte zu fassen.

„Bist du etwa nicht in der Lage dein Anliegen in Worte zu fassen?“, stocherte Julia weiter.

„Natürlich bin ich dazu in der Lage. Ich bin doch nicht dumm.“

 

Von meiner zickigen Wortwahl irritiert ließ Julia ihren Blick abschweifen und verdrehte gleichzeitig ihre Augen. Das kann nicht jeder zur selben Zeit, dachte ich und ertappte mich dabei, mich selbst vom Thema abzulenken.

Julia wurde ungeduldig, also beschloss ich mich von meinen eigenen Worten überraschen zu lassen.

„Aber…“. Na, toll. Welch‘  Überraschung.

„Ist es, dass du dir nicht freinehmen möchtest? Ist das das Problem? Komm schon, es wäre doch nur eine Woche. Das würde Frau Smith auf jeden Fall verstehen. Schließlich fehlen Männer nach der Geburt ihres Kindes normalerweise mehrere Jahre.“

 

Meine Frau hatte es erfasst, das war es. Auch. Es machte immerhin einen Teil von meinem unguten Gefühl aus, doch da war noch mehr.

„Ja das ist es. Du hast Recht“, sagte ich, um mich sicher und idiotisch zu fühlen.

 

Im Laufe der folgenden Tage fielen mir immer wieder völlig unerwartet die anderen Teile meiner Befürchtungen ein. Sie erreichten meine Gedankenwelt in Form von Fragen. Was gibt es zu essen? Wo sollen alle schlafen? Wer macht das alles? Ich mache das alles! Wie soll ich das schaffen? Werde ich nicht trotzdem von zuhause aus arbeiten müssen? Ja, das werde ich! Wird das nicht unglaublich stressig?

Zwischen all den Fragen, ging meine Freude endlich meine alten Freunde wiederzusehen, fast vollständig unter. Während des Studiums hatten wir uns in regelmäßigen Abständen in unserer Heimatstadt getroffen. Seit Julia und ich in Hamburg lebten, hatte ich sie alle nicht mehr gesehen. Fürchtete ich das Wiedersehen? War ich nicht ein ganz anderer Mann geworden, als sie?

 

Maria Smith gab mir widerspenstig eine Woche frei, konnte sich aber nicht verkneifen, mich davor zu warnen, zu einem typischen „Hausvati“ zu mutieren. Dass sie sich keine Sorgen machen brauche, sagte ich, doch sie blickte immer noch besorgt drein. Dass ich selbstverständlich auch von zuhause das ein oder andere erledigen würde, fügte ich hinzu und sie lächelte. Schon wieder war ich reingefallen. Wie beiläufig drückte sie mir einen Zettel in die Hand mit wichtigen Dingen, die ich in dieser Zeit erledigen sollte. Danke. Tschüss. Bis bald.

 

Es war Freitag und der voraussichtliche Entbindungstermin sollte der Sonntag sein. Als ich gegen 18 Uhr von der Arbeit kam war ich erschöpft. Ich hatte bereits einiges vorgearbeitet, aus Sorge in der kommenden Woche nicht alles zu schaffen. Mit langsamen Bewegungen öffnete ich den seitlich sitzenden Reisverschluss meines violetten Rockes. Mit einem sanften, dumpfen Geräusch fiel er auf den Boden. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Dort standen sie, die muskulösen, behaarten Männerbeide in einer schwarzen Boxershorts. Unten rum war ich nun ganz der Ehemann. Weiter oben sah ich den taillierten violetten Blazer. Ohne den Blick vom Spiegel abzuwenden zog ich ihn aus und warf ihn aufs Bett. Knopf für Knopf öffnete ich mein schmales weißes Hemd und meine haarige Brust kam Stück für Stück zum Vorschein. Ich zog die engen Ärmel über meine breiten Schultern, faltete die weiße Baumwolle sorgfältig zusammen und betrachtete mich halbnackt. Ich war ein echter Mann. Ein Prachtexemplar. Diese Gedanken verwunderten mich. Dann begriff ich, dass ich meiner maskulinen Seite und somit meinem Körper schon lange keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hatte. Ich gefiel mir und wollte nichts anziehen.

 

Plötzlich klingelte das Telefon. Wie Gott mich erschaffen hatte, rannte ich durch die Wohnung, um abzunehmen.

„Hallo?“

Eine hysterische Frauenstimme schrie mir ins Ohr.

„Kommen Sie sofort. Es kommt gleich!“

Meine Gefühle überschlugen sich.

„Es…es…wohin???“

„Ins Krankenhaus natürlich. Beeilung!“

Ich wusste nicht wer die Frau am anderen Ende der Leitung war und sollte es nie erfahren. Sofort stürmte ich zur Haustür raus. Im Flur sah mich mein Nachbar entsetzt an. Ohne rot zu werden, stürmte ich zurück ins Schlafzimmer, zog mir Jeans und T-Shirt an und machte mich erneut auf den Weg.

 

Zwei Stunden später hielt ich es auf dem Arm. Ich möchte Ihnen ersparen, unser Neugeborenes zu beschreiben. Wie Sie sich vielleicht denken können, war es ziemlich klein. Und nein, es hatte nicht meine Nase und auch nicht die Lippen meiner Frau. Vor allen Dingen, war es laut. Julia und ich betrachteten seinen kleinen Zipfel und sahen uns dann lächelnd an. Er sollte Theo heißen.

 

Meine Erinnerungen an die Tage, die dann kamen, sehen aus, wie ein vorspulender Film. Es reihen sich derart viele Bilder aneinander, dass mir schwindelig wird und jedes einzelne von ihnen ist mit einer nicht leicht zu tragenden Wucht von Emotionen verbunden.

Zunächst schien alles recht leicht zu sein. Unser Kleiner war gesund, Julia erschöpft. Stolz telefonierte ich mit meinen Eltern, die von ihrem Großelternglück überwältigt waren. Meine Schwiegereltern reagierten beinah genauso, mit dem einzigen Unterschied, dass sie kurzerhand ihr Kommen ankündigten. Den ersten Abend als Familie verbrachten wir noch im Krankenhaus. Julia lag im Bett und war bereits sichtlich erholt. Ich saß auf der Bettkante und hatte unseren schlafenden Sohn auf dem Arm. Seine Großeltern hatten auf unbequemen Stühlen Platz genommen, die sie direkt neben das Bett gerückt hatten. Die obligatorischen Kommentare über Aussehen, Größe und Gewicht des Kindes waren die beiden bereits losgeworden, sodass sie nun genau wie wir bereit waren bloß da zu sitzen und zu schweigen. Ich war ihnen sehr dankbar dafür, dass sie diesen Moment in der gleichen Weise würdigen wollten, wie wir. Stumm betrachteten wir das winzige Wesen, atmeten die mit Glück beladene Luft und waren uns nur allzu bewusst darüber, dass keine Worte dieser Welt das beschreiben konnten, was an jenem Tag geschehen war. Es war ein schöner Abend.

 

„Wir bleiben noch eine Weile bei euch“, verkündete mein Schwiegervater wohlwollend, als wir gerade im Begriff waren uns zu verabschieden und nachhause zu fahren. Seine Frau stand neben ihm und ließ sich anmerken, dass sie mit dieser Entscheidung weniger einverstanden war. Sie ließ ungern ihre Arbeit ruhen.

„Ihr braucht auf jeden Fall unsere Hilfe. Die nächsten Tage werden sehr anstrengend, insbesondere für dich.“, er sah mich scharf an. „Damals, als unsere Julia geboren wurde, da habe ich wochenlang kaum geschlafen, ich war rund um die Uhr für sie da. Das hört sich schlimm an, aber lass dir von einem erfahrenen Vater sagen, dass es in dieser Zeit nichts Schöneres gibt.“

 

Ich bemühte mich ihn zustimmend anzusehen, sah dann an mir herunter. Die großen Augen des kleinen Theos berührten mein Herz. Dann dachte ich an Maria Smith. Zum ersten Mal empfand ich ihre Macht als bedrohlich und bekam es mit der Angst zu tun.

 

In der Wohnung angekommen, ging es los. Der Frieden war Vergangenheit. Das Baby schrie. Es schrie und schrie und wenn man es gerade beruhigt hatte, schrie es erneut. Julia sagte, sie müsse sich noch ein wenig hinlegen, schließlich kämen morgen schon die Gäste und sie sei kaum ausgeruht. Da saß ich also mit Theo auf dem Arm und dachte ernsthaft daran ihm das Schreien persönlich zu nehmen und zurück zu brüllen. Jetzt begriff ich, weshalb mein Schwiegervater seine Hilfe für nötig gehalten hatte und war heil froh, als er mir den Kleinen abnahm. Für einen kurzen Moment, dachte ich daran mich nun auch auszuruhen, aber dann wurde mir erst klar, was meine Frau mir eben diskret mitgeteilt hatte. Morgen kämen die Gäste!

 

Ich begann zu wirbeln. Mich zu entsinnen in welcher Reihenfolge ich damals vorging, ist unmöglich. Jedenfalls glänzte am Ende der Fußboden, nirgends lag Staub, jeder Raum war aufgeräumt, frisch bezogene Luftmatratzen mit duftenden Oberbetten lagen überall herum, alle Fenster waren geputzt und alle Mülleimer leer. Ebenso wie meine Reserven. Schweiß und Spülwasser überströmten meinen Körper. Ich muss widerlich ausgesehen haben.

Julia kam aus dem Schlafzimmer und musterte mich. Einen Kommentar behielt sie für sich.

„Hast du schon darüber nachgedacht, was wir morgen essen?“

Verdammt, dachte und sagte ich.

„Also nein?“

„Doch, doch, ich habe mir alles überlegt, aber ich muss noch einkaufen gehen.“

„Dusch dich aber vorher kurz ab“, sagte sie augenzwinkernd.

 

Ich sprang also unter die Dusche, zog mich an und machte mich auf den Weg. Der Stress ließ mein Herz stark klopfen. In der Wohnung hetzte ich vorbei an Julias Vater, der mit dem Kind auf dem Teppich spielte, an meiner Schwiegermutter, die mit ihrem Laptop auf dem Balkon saß und etwas zu konzentriert dreinblickte und an meiner Frau, die sich einen Kaffee gemacht hatte und jetzt auch wieder am Schreibtisch saß. Gut, dachte ich, dass ich gerade keine Zeit habe, mich aufzuregen. Gut für die anderen.

Als ich zwei volle Einkaufswagen zum Auto schob, begriff ich schlagartig, dass Julia weder etwas zu der Hausarbeit gesagt hatte, die ich mühevoll erledigt hatte, noch hatte sie mir ihre Hilfe angeboten. Ich fühlte mich ungerecht behandelt.

 

Frustriert schmiss ich zuhause die Einkäufe in die Schränke und knüllte die Tüten in die Tütentonne. Ich begann Zwiebeln zu schneiden, die wir am kommenden Tag für mehrere Gerichte brauchen würden, was höllisch in den Augen brannte. Wie ich dort heulend am Küchentisch saß, muss ich nichts als erbärmlich ausgesehen haben. Ich begab mich ins Bad und schaute in meine nassen, roten Augen. Das aufkommende  Selbstmitleid fühlte sich gut an es spielte keine Rolle, dass ich wegen ein paar Zwiebeln flennte. Das Spiegelbild, das sich mir bot, passte zu meinen Gefühlen.

 

Drei Tage blieben unsere Freunde und ich muss gestehen, dass es netter war, als ich kurz zuvor befürchtet hatte. Zwar hatte ich viel in der Küche zu tun, um meine Gäste mit drei täglichen Mahlzeiten zu versorgen, doch waren mir meine alten Freunde Kai, Lutz, Lars und Christoph gerne behilflich.

Alle bewunderten sie unseren Kleinen und beschenkten ihn mit schnuckeligen Aufmerksamkeiten. Nachmittags gingen wir gemeinsam spazieren. Wenn wir uns zum Essen am Tisch versammelten, wurde viel gelacht. Es war eine wahrhaftige Wiederbelebung der längst in Vergessenheit geratenen alten Zeiten.

Der Dienstag war unser letzter gemeinsamer Tag. Ich schlug vor am Abend Fondue zu essen. Wie die Abende zuvor, war die Atmosphäre beim Essen einfach heimatlich und angenehm. Zu unserer aller Freude beschlossen wir einen gemeinsamen Sommerurlaub im kommendem Jahr zu planen. Meine Welt war wieder in Ordnung.

 

Als wirklich niemand mehr noch einen Spieß ins heiße Fett halten konnte, um seinen Magen anschließend noch weiter zu dehnen, begannen wir Männer das Geschirr in die Küche zu tragen. Die Frauen waren uns dabei behilflich. Dann setzten sie sich nach draußen und führten ihre Gespräche, die meistens um ihre Jobs kreisten, fort. Wir Männer, wir Freunde, blieben in der Küche und machten uns an den Abwasch. Mit dem was dann kam, hätte ich nicht gerechnet.

 

„Wir haben lange überlegt, ob wir es wirklich tun sollen, aber haben uns dann überlegt, dass es wichtig ist unter Freunden immer ehrlich zueinander zu sein.“, eröffnete Lutz den Hagel auf mich.

Ich sagte nichts.

Lars machte weiter.

„Weißt du, wir mögen dich echt und mochten dich schon immer, das weißt du, nicht wahr? Aber..“

Lutz ergriff erneut das Wort.

„Aber wir machen uns Sorgen um deine letzte Entwicklung“.

Ich glaubte mich verhört zu haben. Um meine Entwicklung? Was war denn mit denen los?

„Ich meine, sie uns an, wir sind alle glückliche Familienväter. Ich arbeite nicht und bin somit nicht das passende Beispiel, aber zum Beispiel Lutz oder Kai machen auch eine halbe Stelle“, tastete sich Christoph umständlich an das Thema heran.

Mir wurde es zu bunt.

„Was wollt ihr mir damit sagen?“, fragte ich ungeduldig.

Es war mir klar, dass nun wieder Lutz sprechen würde, denn er war der direkteste unter den vieren.

 

„Du musst aufpassen, dass du deinen Sohn nicht vernachlässigst.“

Das erste Hagelkorn prasste auf die Erde.

„Wer soll sich denn um die Erziehung kümmern, wenn du immer nur arbeitest?“

Das zweite direkt hinterher.

„Kinder brauchen vernünftige Mahlzeiten und klare Struktur.“

Drei.

„Sieh dich an, du siehst nicht mal mehr aus wie ein Mann! Du bist auf dem besten Weg ein  karrieregeiler Rabenvater zu werden!“

Tausende von Hagelkörnern bombardierten meinen schutzlosen Kopf. Das hatte gesessen.

 

Dass sie sich keine Sorgen machen brauchten, antwortete ich und dass wir das schon alles hinbekommen würden. Sie gaben sich damit zufrieden, denn auch ihnen war dieses Gespräch unangenehm. „Okay, gut.“, sagten sie und ich erwiderte das gleiche.

Doch die Wahrheit ist, dass nichts mehr gut war. In mir herrschte Chaos. Die Vorwürfe meiner Freunde hatten mich zutiefst verletzt. Ich kam mir vor, wie ein ungewolltes Kind, dass es niemandem Recht machen konnte. Sie hatten mich beleidigt, ganz bewusst, und sie hatten meine Lebensidee nicht nur kritisiert, sondern sie lächerlich gemacht, ja degradiert, sie hatten mich als karrieregeil bezeichnet. Karrieregeil. Wieso war ich karrieregeil und nicht meine Frau? Nicht ihre Frauen? Wieso nicht alle Frauen? Und als ob das nicht genügt hätte, hatten sie das Wort „Rabenvater“ hinzugefügt. Rabenvater.

 

Rabenvater.

 

11

 

 

„Schön, Sie zu sehen, Sie Rabenvater!“, begrüßte mich meine Chefin neckisch. Es war ihre Art von Humor, ihre Art gängige Gesellschaftsdenkweisen lächerlich zu machen, ihre Art in meinen Wunden zu bohren.

Von Gewissensbissen gequält hatte ich unseren Kleinen im Morgengrauen in die Hände eines jungen Mannes gegeben, ausgebildeter Erzieher. Ich hatte ihn schon vor Wochen auf Empfehlung von Herrn Roth-Otto eingestellt.

Nicht einmal vierzehn Tage war es alt und schon gab ich es von mir, ließ es allein. Was wenn es schreite? Wenn es weinte? Wenn es ihm schlecht ging?

 

Maria Smith bemerkte meine Sorgen, sie waren mit großen Buchstaben auf meine Stirn geschrieben. Natürlich ging sie nicht weiter darauf ein.

 

„Los, an die Arbeit. Wir haben in diesen Wochen einiges vor.“, zischte sie und klackerte davon.

Sie hatte Recht, dachte ich, ich musste mich zusammenreißen. Mit einer gespielten Handbewegung wickelte ich eine Haarsträhne auf. Der Mädchenmodus. An die die Arbeit.

 

Ich war fest entschlossen, mich in meinem Büro auf nichts als den Job zu konzentrieren und erst gegen Abend, auf dem Weg nach Hause, wieder Vatergedanken aufkommen zu lassen. Leider ging dieser Plan nicht auf.

Ein wunderschönes hellblau verpacktes Päckchen stand mitten auf meinem Schreibtisch. Daneben lag eine Grußkarte.

Ich ließ mich seufzend in den Sessel fallen und entfernte sorgfältig die Klebestreifen. Unter dem Geschenkpapier stoß ich auf eine Schachtel. Vorsichtig öffnete ich sie und erblickte ein paar herzzerreißende klitzekleine Schühchen. Sie waren aus Wolle und offensichtlich selbst gestrickt. Ich war gerührt.

 

„Gefallen sie Ihnen?“

Mein lieber Roth-Otto streckte seinen wuscheligen Kopf zur Tür herein und grinste.

„Alles, alles Gute wünsche ich Ihnen“

„Danke. Ja. Ja, sie gefallen mir, sie sind… wirklich putzig. Haben sie die etwa selbst angefertigt?“

„Klar doch! Ich stricke am liebsten Babysachen, das geht schnell und ist gleichzeitig am schönsten.“

„Danke, Herr Roth-Otto. Wirklich. Das ist sehr aufmerksam.“

 

Herr Roth-Otto, mein Sekretär, einer der Männer, mit denen ich mich ungern vergleichen wollte, hatte mir als einziger in der Firma vorbehaltlos gratuliert. Er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, in Frage zu stellen, dass ein Kind für einen Mann das Größte im Leben ist. Ein eigenes Kind. Welcher Junge verbringt nicht Stunden und Tage im stillen Träumen von diesem Geschenk?

Meine Kolleginnen wussten natürlich alle davon. Die meisten ignorierten mich und sahen keinen Grund, mir zu gratulieren. Manche von ihnen fielen dagegen regelrecht über mich her vor künstlicher Freude. Ich weiß nicht, was sich schlechter anfühlte. Entweder, so dachte ich, freuten sie sich, weil sie glaubten, dass ich nun weniger arbeiten würde und meine Karriere damit gelaufen wäre. Oder sie sahen in diesem Ereignis eine günstige Gelegenheit mich zu erniedrigen, in dem sie messerscharfe Kommentare in mein Kostüm ritzten.

„Ich gratuliere Ihnen! Die Geburt Ihres Kindes ist hier schließlich etwas ganz Besonderes, für sie, als Mann hat ein Kind ja eine ganz andere Bedeutung, eine existenzielle. Die Familie ist für einen junge Mann doch das ein und alles!“

 

Das schlimme an dieser diskreten Weise mich in meine mutmaßlichen Schranken zu weisen, bestand darin, dass es wahr war. Gewissermaßen stimmte es, was sie sagten und es war nichts dabei, es war schön. Doch gleichzeitig wertete diese Wahrheit, die trotz allem nicht die ganze Wahrheit war, mich als Mann in der Arbeitswelt ab. Abgrundtief sollte sie mich sinken lassen, aus nichts als einer Laune heraus, es war armselig.

 

Jene verbitterten Versuche der Kolleginnen prallten auf mich und dann ab. Sie taten kurz weh, hinterließen blaue Flecken, mehr nicht.

Es gab wirklich wichtigeres als sich über Kindereien zu ärgern. Die Arbeit. Das Kind.

Die Arbeit. Das Kind. Das Kind. Das Kind. Die Arbeit. Das Kind.

 

Meistens räumte sich das Kind in meinem Kopf den Platz ein, den es für angemessen hielt. Beinah den ganzen Platz.

 

Routinierte Aufgaben im Job erledigte ich nach wie vor ohne Probleme, ja sogar die Herausforderungen, für die Kreativität gefragt war, fielen mir nicht schwerer als zuvor.

Von außen betrachtet, beeinflusste die Vaterschaft meinen Berufsalltag nicht und ich war froh, dass mir diese Täuschung gelang, denn innerlich kreisten meine Gedanken andauernd um den Kleinen, mein Gewissen knabberte gierig an meinen Ansprüchen.

 

Es war ein regnerischer Mittwoch, ein recht entspannter Arbeitstag. Die Aufgaben waren die üblichen, sodass ich die ein oder andere zusätzliche Kaffeetasse trank und zum ersten Mal das Gefühl hatte, meine Arbeitszeit abzusitzen. Irgendwie genoss ich diese Ruhe, doch auf der anderen Seite, bot sie mir mehr Zeit an den Kleinen zu denken, als gut für mich war. Ich wurde unruhig und die Zeit bis 16 Uhr schien zäh wie Brei.

Um kurz vor vier, als ich gerade meine Unterlagen zusammenpackte, klopfte es an der Tür zu meinem Büro. „Herein“, rief ich und die Tür wurde kräftig aufgestoßen. „Es sind gerade neue Zahlen eingegangen. Ich brauche die Auswertung noch heute Abend. Sie wissen doch, das Meeting. Schaffen sie das?“

Wenn Maria Smith solche Fragen stellte, dann enthielten sie bereits die Antwort. Ich kannte sie mittlerweile gut genug, um mir dessen bewusst zu sein. Die einzig richtige Antwort lautete „natürlich, schaffe ich das.“.

„Natürlich schaffe ich das“, sagte ich.

Jede Minute der folgenden Minuten tat mir weh. Wenn der Zeiger auf der Uhr eine Sekunde weitersprang, dann drückte sich ein Messer tiefer in meine Brust. Der Kleine vermisst seinen Papa, dachte ich, er braucht mich jetzt.

Auf dem Bildschirm tummelten sich tausend Zahlen. Sie sprangen verwirrend umher, um es dem Betrachter zu erschweren, in ihnen einen Sinn zu erkennen. Es war, als wäre es ihre Aufgabe das Offensichtliche zu verstecken. Ich hasste Zahlen in diesem Moment. Unter gewöhnlichen Bedingungen hätte mir eine solche Aufgabe rein gar nichts ausgemacht. Nun war es Seelenfolter.

Dreimillionensiebenhunderachtundvierzigtausendsechshundertvierundzwanzig. Theo. Siebenmillionensechshundertdreißigtausendzweihunderteinundzwanzig. Braucht. Neunhunderttausendsechshundertvierunddreißig. Jetzt. Fünfmillionen. Seinen. Sechszehnmillionenvierhundertdreiunddreißigtausendneunhundertsechsundzwanzig. PAPA!!!! MICH!!! DER KLEINE BRAUCHT MICH JETZT!!!

Draußen war es dunkel, als ich endlich Heim fuhr. Ich hatte selbstverständlich alles geschafft, hatte den Sinn der Zahlen entschlüsselt, meine Chefin erfreut. Das schlechte Gewissen bereitete mir Bauchschmerzen. Ich hatte wahrhaftige Angst die Wohnung zu betreten. Würde der Kinderjunge immer noch da sein? Oder würde Julia schon zurück sein? Würde Theo wohlmöglich alleine sein? Ich hatte Angst und machte mir schreckliche Vorwürfe.

Meine eigenen Vorwürfe waren nichts gegen Julias. Als ich zur Tür hereinkam, saß sie mit versteinerter Miene auf dem Sofa. Zögerlich setzte ich mich ihr gegenüber.

„Wo, wo ist unser Kleiner?“

„Schläft.“ Ah. Gut. Äh…“

„Hast du, ähh, ich meine, wartest du schon lange?“

„Ja. Schon lange.“

„Und, also, musste Theo lange auf dich warten?“

„Auf mich warten?? Ich behaupte, dass er eher auf dich gewartet hat! Ich spaziere nichts ahnend um 18 Uhr 30 zur Tür herein und muss feststellen, dass der Kinderjunge immer noch hier ist und völlig verzweifelt das schreiende Kind auf dem Arm hält! Das kann nicht sein! Der Kleine muss sich auf seine Eltern verlassen können!“

Ich versuchte es zunächst mit einem Gegenangriff.

„Richtig, er muss sich auf seine Eltern verlassen können. Also auch auf dich.“

Falsche Entscheidung. Julia lief rot an und verzog das Gesicht. Bevor sie Feuer spuckte, atmete sie schwer ein und aus, um sich zu beruhigen.

„Auf solch eine Diskussion lasse ich mich nicht ein. Es war abgesprochen, dass du ab spätestens halb fünf für den Kleinen da bist. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt! Wenn du signalisierst, dass du in der Hinsicht unzuverlässig bist, dann ist es für mich nicht möglich konzentriert zu arbeiten. Das würde ja bedeuten, dass ich mich immerzu sorgen müsste, ob es dem Kleinen gut geht. Das wäre eine Belastung, die du dir gar nicht vorstellen kannst!“

Am liebsten hätte ich laut losgelacht, doch etwas sagte mir, dass es nicht zu meinem Vorteil gewesen wäre. Mit einer unsicheren Handbewegung strich ich eine Haarsträhne hinter mein Ohr. Dass es mir Leid tat, sagte ich und dass es bloß daran gelegen habe, dass es heute einen Notfall im Unternehmen gegeben habe. Ich fügte brav hinzu, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde. Julia gab sich kritisch. Ob sie sich denn wirklich darauf verlassen könne, fragte sie. Und dann sagte sie etwas, das eindeutig zu weit ging.

„Manchmal verstehe ich sowieso nicht, wieso du das alles machst. Das mit der Arbeit meine ich.  Väter sollten arbeiten dürfen, das ist klar, aber es wäre doch völlig normal und legitim, wenn du zumindest ein oder zwei Jahre Vaterschutz in Anspruch nehmen würdest. Fast alle Männer tun das! Außerdem reicht mein Gehalt doch für uns drei. Du hättest das Arbeiten gar nicht nötig, dank mir!“

Ich war entsetzt. Entgeistert. Ihr Reden stammte aus einer anderen Epoche. Ihre gesamte Argumentation war voll beladen mit Rollenklischees und verstaubten Familienmodellen. Und das aus dem Mund meiner modernen Frau! Ich war sprachlos. Fünf, zehn oder fünfzehn Minuten sagte ich nichts. Dann brachte ich nur ein knappes „ich werde auf jeden Fall weiterhin arbeiten“, heraus, stand auf und ging ins Bett.

Julia sah noch eine Weile fern und kam ungefähr zwei Stunden später dazu. Sie kuschelte sich an mich, als wäre nichts gewesen. Ich hoffte, dass es ihr ein Bisschen Leid tat, was sie eben gesagt hatte.

Wir haben nie wieder über jenen Abend, oder über den Inhalt der Diskussion geredet. Die Narben blieben. 

12

 

Die Zeit nahm wie immer ihren Lauf und es gelang mir, mich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Nach dem Streitgespräch mit meiner Frau vergingen noch einige sehr anstrengende Wochen. Aus meiner Sicht war unsere Beziehung etwas angeschlagen, der Schock über ihre rückständigen Aussagen war schwer verdaulich. Ich erzählte ihr weniger von der Arbeit und antwortete einsilbig auf ihre Fragen. Zu meinem Ärgernis, schien sie es nicht einmal zu bemerken. Im Job freute ich mich regelmäßig über kleinere und größere Erfolge. Am Tag nach unserem Streit hatte Maria Smith mich aufgebaut, indem sie mir ein strahlendes Lippenstiftlächeln zugeworfen hatte und sich aufrichtig für meine Extraarbeit vom Vortag bedankt hatte. Das gab mir in diesem Moment sehr viel.

So war es damals häufig. Ich konnte immer alles geben, doch durch das doppelte Mandat war alles nicht genug. Nicht, nach meiner Definition von genug, nach der genug alles war. Mal hatte ich das Gefühl, als Vater zu versagen, wenn ich zum Beispiel nicht pünktlich von der Arbeit kam, oder am Wochenende an den Schreibtisch musste. Diese Enttäuschungen machten kurze Zeit später berufliche Erfolge wett. An anderen Tagen hatte ich dann das Gefühl im Beruf nachzulassen, doch das spielte keine Rolle mehr, wenn ich unseren Kleinen auf dem Arm hielt.

Tag für Tag und Woche für Woche wurde ich gelassener, nahm alles schleichend eine neue Ordnung an. Julia und ich stritten weniger, da es mir meistens gelang pünktlich heim zu kehren. Die Abende hielt ich mir frei für Hausarbeit und den Kleinen Theo. So glücklich und verliebt, wie als kinderloses Ehepaar sollten wir zwar vorerst nicht wieder werden, aber ich möchte, dass Sie sich, sofern Sie verheiratet sind und Kinder haben, aufrichtig die Frage stellen, ob das bei Ihnen der Fall war. Denken Sie ruhig kurz nach.

Danke. Eben deshalb konnte ich mit der Situation gelassen umgehen und mich als zufriedenen Mann ansehen.

Auf dem Firmengelände verbreitete sich zu jener Zeit eine überdurchschnittlich heitere Atmosphäre, was mit einem ganz besonderen Projekt zusammenhing. Der Autokalender, dessen Anfertigung in New York beschlossen wurde, wurde bei uns hergestellt. Weshalb meine Mitarbeiterinnen sich so sehr darüber freuten, ist nicht schwer zu erklären: Über einen Zeitraum von gut drei Wochen war jede zweite Person, der man auf dem Gelände begegnete, ein Model. Sie kamen morgens zusammen mit den Fotografen, tranken mittags in unserer Mensa Kaffee und sonnten sich nachmittags auf unseren Grünflächen. Die Kolleginnen genossen es auf beinah erschreckende Weise die frisch gebackenen Burschen bei allem, was sie taten anzustarren. Sie schauten ihnen auf ihre knackigen Hintern, wenn sie über die Flure stolzierten, tauchten in ihre dunklen Augen ab und standen versunken am Flurfenster, von welchem man einen optimalen Ausblick auf das Geschehen hatte. Was sie nicht mitbekamen waren die Stunden, in denen diese Kerle das Männerklo blockierten, was so weit ging, dass ich in der Mittagspause die Toilette eines nahegelegenen Cafés aufsuchen musste. Nicht einmal Platz zum Hände waschen stand mir zu jener Zeit zu, denn vor den Becken standen sie mit aller Zeit der Welt, obwohl doch „so busy“, blickten verliebt in ihre eigenen Gesichter, übten mal ein Lächeln, mal ein Zwinkern, es war zum Kotzen. Ihre Gespräche kreisten, falls vorhanden, in der Regel um nichts und wieder nichts. Sie erfüllten jegliche Klischees bezüglich der Intelligenz von Models und was mich am meisten gewurmt hat, war die Tatsache, dass ihre Blödheit nicht ausreichend war, um meinen Neid zu ersticken. Zwar hatte ich für diese jungen Männer rein gar nichts über und hätte niemals so sein wollen wie sie, das heißt nicht so blöd, nicht so gegenstandsartig. Doch muss ich wohl gestehen, dass ich gegen ihr Aussehen, gegen ihre körperlichen Reize, von denen selbst ich meinen Blick nicht losreißen konnte, nichts gehabt hätte. Sie denken jetzt sicher, dass es sich bei diesem Geständnis, um ein sehr billiges, sehr offensichtliches handelt. Natürlich wären wir Männer alle gern so hübsch wie Models! Ist doch ganz normal! Und am allerliebsten wären wir das natürlich ganz nebenbei, sprich nicht hauptberuflich, sondern in einer beeindruckenden Kombination à la Powermann mit Modelmaßen. Aber ich frage mich und fragte mich auch damals: Ist es nicht Selbstdegradierung, sich trotz Erfolg noch von Schönheitsidealen abhängig zu machen? Wieso wollen wir allen Ernstes die Qualitäten des früheren Mannes aufweisen und uns gleichzeitig wo es nur geht von demselben distanzieren? Zwar möchten auch Frauen positiv auf Männer wirken, doch je höher ihre berufliche Position ist, desto selbstbewusster können sie zu ihrem Aussehen stehen und sich gleichzeitig unwiderstehlich finden. Fragen dieser Art beschäftigten mich immer wieder, als die Models da waren und ich hasste es, mich als lebendiges Beispiel für die inneren Widersprüche des efrauzipierten* Mannes bezeichnen zu müssen.

Jedenfalls gingen mir die Models auf den Sack. Sie nervten mich direkt durch ihre Anwesenheit und indirekt durch das Schwärmen meiner Kolleginnen.

Am Tag des Fotoshootings für das Titelbild gönnte Maria Smith uns allen eine Stunde zum Gaffen. Die gesamte Mitarbeiterschaft der höheren Etagen ordnete sich also halbkreisförmig um den Schauplatz an, in dessen Mitte sich das teuerste Fahrzeug unserer Produktion befand. Es würde erst in einigen Wochen auf den Markt kommen und war mit atemberaubendem Luxus ausgestattet. Machen Sie sich ein Bild:

Der Wagen trug den vielversprechenden Namen „Queen“, hatte schwungvolle Kurven, wenige Kanten. Es lag extrem tief auf der Straße und hatte ein Schiebedach. Sein metallischer pinkfarbener Lack wurde bestens von den mit Brillanten besetzten Felgen ergänzt. Von außen war es kurz gesagt ein heißer Schlitten für die Millionärin von heute. Ich wage zu behaupten, dass die Innenausstattung jedoch alles übertraf. Die Sitze waren aus goldenen Leder, ebenso wie das Lenkrad. Anstelle einer Rückbank befand sich in der zweiten Reihe dreierlei. Hinter der Fahrerin ein Handtaschenfach im Format der aktuellen Handtaschenkollektionen, in der Mitte ein Sektkühlfach, das sich automatisch mit frischen Eiswürfeln füllte und daneben eine goldene Kleiderstange für die Mäntel der Damen. Gaspedal und Bremse verfügten über den exklusiven „High-Heel-Modus“, was komfortables und sicheres Fahren mit hohen Absätzen ermöglichte. Selbstverständlich waren beide Sitze beheizt. Der Rückspiegel ließ sich auf Knopfdruck vergrößern und somit zum Schminkspiegel umfunktionieren, natürlich mit Lampe und Zoom. Es ließ sich am Spiegel eine kleine Schublade öffnen, in der man Pinzette, Wimpernzange und Lippenstift vorfand. Zu guter Letzt wurde die Fahrerin vom Bordcomputer nicht nur über die aktuelle Verkehrslage, sondern auch über die nächsten Shopping und Spa-Möglichkeiten informiert. Sicher habe ich irgendein weiteres Überflusselement vergessen.

Nun positionierten sich also zwölf oberkörperfreie Männer von Januar bis Dezember um die Queen. Rassige Südländer spannten ihre Muskeln an und berührten den Kofferraum. Blonde Engel stellten sich an die Türen und lächelten verführerisch. Ein frecher Rotschopf mit glänzender Brust legte sich aufs Dach, wie ein saftiger Braten. „Hmmm, lecker“, dachte selbst ich. Das einzig dunkelhäutige Model, ein Körper der Superlative, machte es sich auf der Motorhaube bequem und tat dabei so, als würde er mit einem nassen Lappen den polierten Lack polieren.

An diesem besagten Tag war ich glücklicher denn je, als ich abends meine so wunderschön geraden vier Wände betrat. Ich versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen, nahm meinen kleinen Teo auf den Arm und betete zu Gott, dass aus ihm niemals ein Model werden würde. Dann korrigierte ich mein Stoßgebet. Gegen das bloße Aussehen eines Models hätte ich für meinen Sohn nichts gehabt. 

13

 

Auf diese Weise nahm die Zeit ihren Lauf, wie sie es immer tat und ewig tun wird, am Ende lässt sich die wildeste Zeit doch mit wenigen Worten beschreiben.

Was einige Monate nach dem Fotoshooting geschah (der Kalender war übrigens ein echter Kassenschlager), ist sogar rückblickend noch unbegreiflich und voller Wirbel. Es begann alles mit einer erschreckenden Nachricht an sämtliche Mitarbeiterinnen des Unternehmens, die uns in elektronischer Form erreichte. Es fällt mir schwer schonungslos niederzuschreiben, was ich an jenem heißen Junitag des Jahres 2007 lesen musste, doch möchte ich auch nicht ewig um den heißen Brei schreiben: Maria Smith hatte einen Herzinfarkt.

Wie versteinert saß ich vor meinem Laptop. Roth-Otto betrat schweigend den Raum, suchte etwas in einem Regal und schlich auf leisen Sohlen wieder hinaus. Hat bedauerlicherweise einen Herzinfarkt erlitten stand dort und erst nach einigen Minuten kam mir die Idee weiter zu lesen. Befindet sich im Krankenhaus. Was? Befindet sich im Krankenhaus, war dort wirklich zu lesen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Eine so starke und mächtige Frau wie Maria Smith hätte doch nicht einfach so an einem lächerlichen Herzinfarkt sterben können, nein, jede, aber nicht sie.

Ich erledigte an diesem Tag noch einige Pflichten im Büro und begab mich, wie die meisten meiner Kolleginnen, früher nach Hause. In der Eingangshalle im ersten Stock entging mir nicht das Gespräch zweier niedriger beschäftigter Männer mittleren Alters.

„Sie soll wohl noch gut davon gekommen sein, habe ich gehört.“

„Ja, ein Wunder. Ganz ehrlich, es war doch klar, dass die früher oder später einen Herzinfarkt bekommen würde.“

„Klar. Kriegen die doch alle, die ganz oben sitzen.“

„Für den ganzen Stress und all die Arbeit wird man am Ende mit dem Tode bezahlt.“

„Das wär´s mir nicht Wert.“

Als ich an ihnen vorbei ging, fühlte ich mich abwertend gemustert. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein.

Mehrere Tage vergingen ohne dass wir Neuigkeiten von Maria Smith erhielten. Die Stimmung wurde spürbar unruhig, da sich eine ungezogene Mischung aus Sorge, Mitleid und Hoffnung breit machte. Wieso Hoffnung? Naja, wenn die Chefin zurücktritt, in Rente geht, das Unternehmen wechselt, krank wird oder eben stirbt, dann bedarf es einer qualifizierten Nachfolgerin. Während jener ungewissen sieben Tage hingen die Bilder förmlich an den Flurwänden, die sich jede einzelne meiner Kolleginnen ausmalte. Ein Kostüm mit Krone neben dem nächsten. Ich ging an den teuflisch lächelnden Mündern vorbei und ekelte mich vor ihren Gedanken. Ich lüge nicht, wenn ich behaupte, dass ich damals einzig und allein besorgt um meine hochgeachtete Chefin war.

Endlich kamen Neuigkeiten. Sie betraten die Mensa in Gestalt einer attraktiven jungen Frau in Jeansrock und Bluse. Das Mädchen prüfte die Anwesenheit aller Mitarbeiterinnen, nickte und stellte sich mit überraschend kräftiger Stimme vor.

„Guten Tag, meine Damen. Smith. Ich komme im Auftrag ihrer Chefin“.

Die Tochter von Maria Smith sah sich suchend um, bis ihr Blick auf mir stehen blieb. Sie hatte mich gesucht und gefunden, hatte jedoch nicht bemerkt, dass die Anrede „meine Damen“ aufgrund meiner Präsenz nicht vollständig gewesen war. Es war ihr egal, genau wie mir, als sie mich anlächelte. Meine Kolleginnen bemerkten den Blickkontakt und drehten sich rüpelhaft in meine Richtung. Smith fasste sich und fuhr fort.

„Meiner Mutter geht es schon besser, sie hatte großes Glück. Allerdings benötigt sie jetzt viel Ruhe, sie wird voraussichtlich verreisen. Um es kurz zu machen: Maria Smith hat sich ihrer Gesundheit zu Liebe entschlossen, in den Ruhestand zu treten.“

Smith beobachtete die krampfhaft um Anteilnahme bemühten Gesichter der Frauen, deren Hoffnungen gerade wuchsen, wie Unkraut. Sie durchschaute das Spiel und ich glaubte ein Entzücken wahrzunehmen, als beobachtete sie süße Babykatzen.

„Weiteres werden Sie in den kommenden Tagen erfahren. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

Die Sitzung war beendet, keine weiteren Fragen. Leicht irritiert blieben sie noch alle eine Weile auf ihren Plätzen sitzen, als warteten sie darauf von Smith um ein Gespräch unter vier Augen gebeten zu werden.

„Sie!“, kam Smith etwas ungeschickt auf mich zu. „Darf ich Sie um ein Gespräch unter vier Augen bitten?“.

Alle hatten es gehört, so viel war sicher. Mindestens vierzig Augen hätten mich lieber tot gesehen.

Unser Gespräch verlief zügig und nett. Smith kam mir beim Reden etwas näher, als ich für normal gehalten hätte. Dass ihre Mutter sich bereits für einen Nachfolger entschieden habe, sagte sie, und dass ich es sei. Ich sagte nichts und wieder war es ihr egal. „Tschüss!“, sagte sie dann, und „bis bald.“

Ich sollte also der nächste in der Thronfolge sein, war das zu fassen? Zu gern hätte ich mit Maria Smith persönlich gesprochen und sie gefragt, was um alles in der Welt, sie zu dieser Entscheidung bewegt hatte. Roth-Otto gratulierte mir ebenfalls etwas fassungslos. Schnell schnappte ich mir meine Tasche und machte mich auf nach Hause.

Julia konnte es ebenso wenig glauben, wie ich. Ob ich mich nicht verhört habe, wollte sie allen Ernstes wissen und ob ich annehmen würde. Nein und Ja, antwortete ich. Sie blieb einige Minuten still, dann umarmte sie mich innig, sah mich an und flüsterte:

„Ich gratuliere dir. Du bist wirklich gut.“

Diese beiden kurzen Sätze hatten es in sich, sie gaben mir so viel, dass ich sogar bereit war, das anzusprechen, was Julia dachte, aber nicht sagte.

„Du weißt, was das bedeutet.“, begann ich vorsichtig.

„Ja. Das kriegen wir schon hin.“

Sie signalisierte mir, dass dieses Thema damit vorerst beendet war und schlug vor, den Babysitter anzurufen, um mal wieder richtig schick essen zu gehen. Endlich wusste ich wieder, wieso ich nur diese Frau und keine andere wollte.

In den folgenden Tagen traf ich mich mehrmals mit der jungen Smith, unterschrieb einige Verträge und erhielt eine Reihe von Aktenordnern. Es waren sehr angenehme Termine. In zwei Wochen würde ich mich Chef nennen dürfen.

Zeitgleich brodelte die Gerüchteküche rund um meine Person, wie nie zuvor. Ich war bemüht nicht hin zu hören, nein, ich wollte es wirklich nicht wissen. Einige besonders fiese Unterstellungen durchbrachen jedoch brutal meine Schutzmauern. Zuerst erreichte mich die Behauptung einiger Kolleginnen, ich sei nichts als ein Quoten-Mann. Zu jener Zeit war das Thema einer gesetzlich verpflichtenden „Männerquote“ für Top-Positionen in deutschen Unternehmen in der öffentlichen Diskussion. Der konservative Politiker Urs von der Leyen hatte die Debatte angehetzt. Die Krönung jener Unverschämtheit war ein kleiner post-it Zettel, den jemand morgens an meine Tür geklebt hatte. Quotenkerl stand darauf. Reflexartig riss ich ihn ab, zerknitterte ihn und vergewisserte mich, dass mich niemand gesehen hatte. Betroffen betrat ich mein Noch-Büro.

Von einer anderen Gemeinheit, welche weit unter die Gürtellinie reichte, möchte ich Ihnen noch berichten, bloß damit sie sich das Ausmaß dessen, was ich damals ertragen musste, vorstellen können.

Ich stand gerade für mein Mittagessen Schlange, als mir ein french-nail in die Schulter pikste. Wie es denn gewesen sei, wollte Mrs. Head of Design, von mir wissen. Wie was gewesen sei, fragte ich. Die Schlange hatte sich zu einem Kreis verformt, in dessen Mitte ich stand. Fressen erlaubt. Ich sah, wie sie es genoss jene Wörter zu formen, die sie mir für alle hörbar ins Gesicht spuckte. „Na der Sex mit Maria Smith“.

Ohne zu wissen was ich sagen sollte, oder gar was ich tun sollte, verließ ich die Mensa. Auf der Toilette sah ich, wie rot ich geworden war und konnte mir die ein oder andere Wutträne nicht verkneifen. Kurz dachte ich über einen Gegenangriff nach, doch ich bemerkte schnell meine Ameisenposition gegenüber der Schlange. Noch hatte sie Gift und ich nur brennenden Pipi. Doch die Zeiten würden sich bald ändern, das wusste sie genauso gut wie ich. 

14

Ich fühlte mich wohl in meiner neuen Rolle als Chef. Es machte mich wirklich stolz es als Mann so weit gebracht zu haben. Da sollte noch einmal jemand behaupten, Männer hätten keine Chance es bis in die oberste Etage zu schaffen!

Ich strich meinen Rock glatt, band mein Haar zu einem lockeren Zopf, öffnete den obersten Knopf meines hautengen Hemdes und ließ mich genüsslich in meinen neuen Schreibtischstuhl fallen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl auf dieser Seite des ehemals gefürchteten Schreibtischs zu sitzen. Mein Blick schweifte umher und ich dachte daran, den schlichten Raum vielleicht mit einer antiken Wanduhr aufzumöbeln. Dieser Kontrast würde sicherlich großartig wirken.

Es klopfte an meiner Tür. Frau Head of Design öffnete sie vorsichtig. Sie wollte mich gern sprechen. Dass sie sich noch ein wenig gedulden solle, entschied ich mich  zu sagen. Die Schlange sollte verstehen, wer nun am Anfang der Nahrungskette saß. Ich vertrieb mir fünf, zehn, fünfzehn Minuten damit,  gedankenversunken aus dem Fenster zu starren, bis ich ein kräftiges „Herein“ in die Leere des Raumes rief. Zögerlich bewegte sich die Türklinke und jene Frau, die mich noch vor einer Woche vor den Augen sämtlicher Mitarbeiterinnen lächerlich gemacht hatte, kam mit kurzen Schritten und in sich gekehrter Körperhaltung auf mich zu. Ich blieb sitzen und wartete genau so lange, dass es ihr unangenehm wurde, bis ich sie bat mir gegenüber Platz zu nehmen. Als sie gerade ansetzte, etwas zu sagen, fiel ich ihr ins nicht ausgesprochene Wort.

 „Was kann ich für Sie tun?“

Dass es um das Innendesign des neuen Mittelklassemodells ginge, legte sie los und dass sie gekommen sei, um ihren Entwurf abzugeben.

 „Gut.“, sagte ich und „legen Sie ihn dort drüben ins Regal.“.

 Ich fügte kein Wort mehr hinzu und sah sie bloß erwartungsvoll an. Langsam erhob sie sich und begab sich zu dem Regal an der linken Wand.

 „Nein“, griff ich ein, „in das andere.“

 Es war ein mir ein Vergnügen sie regelrecht orientierungslos durch mein Büro stolpern zu sehen. Als ihre Unterlagen in irgendeinem meiner Regale lagen, klatschte ich einmal in meine Hände und sagte „Fein gemacht“.

Sie wurde wütend, ich konnte es haargenau beobachten. Gerne hätte sie etwas gesagt, doch sie wusste, dass sie nur eine Ameise mit rosa Pipi und ich eine gefräßige Schlange war.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, bemerkte ich, dass meine Muskeln vollends angespannt waren. Ich atmete tief ein und aus und ließ sie locker. Die Situation eben hatte mir Freude gemacht, es war nichts als Rache gewesen und notwendige Klärung der Verhältnisse. In Wahrheit hatte ich jedoch eine Rolle gespielt, die meinem eigentlichen Wesen nicht entsprach, meine angespannte Körperhaltung war dafür ein Indiz von vielen. Nein, so ein Chef wollte ich nicht sein. Doch es war gut zu wissen, dass ich so einer sein konnte, wenn ich es für notwendig hielt.

Die Respektfrage sollte von diesem Tag an nicht mehr von Relevanz sein. Wenn ich über die Flure ging, blieben die Mitarbeiterinnen kurz stehen, um mich freundlich zu grüßen. Bald ging ich sogar dazu über einen eher freundschaftlichen Umgangston zu pflegen, welcher das Arbeitsklima und somit auch ganz direkt die Produktivität positiv beeinflusste.

Nur einen Tag nachdem Head of Design mein Büro aufgesucht hatte, bestellte ich sie erneut ein. Lächelnd übergab ich ihr ihre Mappe und äußerte Freude über ihre hervorragende Arbeit. Ob ich also einverstanden sei mit ihren Vorschlägen bezüglich des Innendesigns, fragte sie um sicherzugehen und ich nickte nur heftig und sagte, sie seien perfekt. Ich war ein noch besserer Chef, als ich von mir selbst erwartet hatte. Es gelang mir respektiert, ja nahezu gefürchtet zu sein und gleichzeitig mit Lob und Humor nicht zu geizen.

Auch das Heimmanagement gelang meiner Frau und mir. Wir hatten einen begehrten Krippenplatz für den Kleinen ergattert, sodass wir ihn von morgens halb acht bis nachmittags um drei in guten Händen wussten. Mein nun sehr großes Einkommen ermöglichte uns den Luxus, dass unser ehemaliger Tagesvater ihn täglich pünktlich von der Krippe abholte und bis ca. 19 Uhr für ihn da war. Meistens kam Julia früher von der Arbeit als ich, der es in der Regel nicht vor 20 Uhr schaffte. Diese Uhrzeit war immerhin noch früh genug, um meinem kleinen Sohn eine gute Nacht Geschichte vorzulesen. Zugegebenermaßen  haben wir als Eltern überdurchschnittlich wenig Zeit mir unserem Sohn verbracht und selbstverständlich gab es auch jene Momente, in denen ich mich nach mehr Zeit mit ihm sehnte und mich ein schlechtes Gewissen plagte. Doch im Allgemeinen, sollte  das Argument, dass ich mir finanziell erlauben konnte als Vater voll berufstätig zu sein, da mein Sohn immerzu gute Betreuung genoss, lange genügen.

Rückblickend glaube ich, dass ich die damalige Gesamtsituation kaum hinterfragte, da mir dazu schlicht die Zeit und der freie Platz im Kopf fehlten. Der Job füllte mich vollständig aus, zumal ich in regelmäßigen Abständen enorme Erfolge verzeichnen konnte. Die Modelle, die in der Ära Ich auf den Markt kamen, eroberten die Herzen der Kunden und katapultierten unsere Marke in Höhen, die man von der Erde nicht sehen konnte. Meine Ehe lief damals brav mit mir Gassi, was mir reichte, da alles gut war, was nicht zusätzlich schlecht war und kostbare Energie gekostet hätte. So war ich froh über mein Familienleben. Es war so wunderbar käuflich.

 

15

Der Frühling des Jahres 2010 schien einem Gedicht entsprungen zu sein, er war wie gemalt, wie tausendmal geträumt. Morgens in der Früh spürte man bereits die ersten wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht und wenn man abends zurück ins Freie trat, roch alles ganz herrlich nach Blumen und Leben. Ich freute mich für meinen dreijährigen Sprössling, dass er einen solchen Zauber in seinem zarten Alter schon erleben durfte und stellte mir vor, wie er von Neugierde getragen an bunten Blüten roch.

Auch die Zahlen im Unternehmen stimmten, um nicht zu sagen, dass sie blühten. Es war alles rundum erfreulich. An einem dieser märchenhaften Abende war meine Frau ganz außer sich. Dass wir endlich einen Termin gefunden hätten, offenbarte sie mir strahlend, einen Termin für den geplanten Urlaub mit unseren Freunden. Bei dem Gedanken an unser letztes Treffen mit den alten Bekannten zur Geburt unseres Sohnes, machte sich ein unangenehmes Drücken im Bauch bemerkbar. Ihre Vorwürfe bezüglich meiner Berufstätigkeit bahnten sich den Weg in meine Erinnerungen und ich krampfte meine Stirn an, um sie zu verdrängen. Jetzt freuen, dachte ich und sagte, dass es mich freute.

Julia erklärte mir dann alles bis ins Detail. Dass wir an die Ostsee fahren würden, sagte sie, in ein Ferienhaus, sehr groß, sehr schön, mit Spülmaschine und dass man dort ganz viel machen könne, ja sie zählte genauestens auf, was man denn alles machen könne, ich hörte nicht zu. Viel zu wichtig schienen mir all die Komplikationen, die dieser Plan mit sich brachte, oder besser gesagt, die eine Komplikation. Verreisen. Als Chef. Und das in diesen blühenden Zeiten.

„Und wann geht es los?“, spielte ich den Lockeren.

„Nun ja, es ist recht kurzfristig. Ich hoffe, dass sich das bei dir einrichten lässt. Na schön, am fünfzehnten April. Bloß eine Woche.“

Mit einem Blick auf mein Handy wurde mir klar, dass es bereits April war, der dritte, leider nicht der erste, sodass ich nicht auf einen schlechten Aprilscherz hoffen konnte.

„Noch zwölf Tage“, sagte ich so langsam, dass jedes einzelne Wort auf meiner Zunge brennen konnte. Spontan dachte ich darüber nach, mich auszuklinken, einfach nicht mit in den Urlaub zu fahren, doch unverzüglich sah ich meine alten Freunde vor mir, wie sie ihre Befürchtungen bestätigt sahen. Diese Genugtuung konnte ich ihnen nicht gönnen.

So nahm ich mir vor, diese eine Woche irgendwie einzurichten, schließlich hat auch ein Chef das Recht auf Urlaub.

„Natürlich haben Sie das Recht auf Urlaub“, murmelte meine Stellvertreterin mit einem kritischen Blick in ihren Terminkalender „aber muss das denn wirklich so kurzfristig sein?“. Ich war ihr keine Antwort schuldig.

„Na schön. In den zwei Meetings kann ich Sie vertreten. Das lässt sich einrichten. Ansonsten stehe ich den Mitarbeiterinnen selbstverständlich als Ansprechpartnerin zur Verfügung.“

Ich bedankte mich bei meiner Kollegin und versicherte ihr, dass ich jederzeit telefonisch zu erreichen sei und dass ich wichtige Entscheidungen auch an der Ostsee treffen könne.

Der 15. April, ein regnerischer Samstag, ließ nicht lange auf sich warten und so fand ich mich im trüben Morgengrauen auf dem Beifahrersitz von Julias Firmenwagen wieder, ein Kombi. Auf der Rückbank schlief unser Sohn geräuschlos und meine Frau kniff konzentriert ihre Augen zusammen. Sie fuhr konsequent etwas schneller, als erlaubt und redete kaum. Im Radio erzählte uns eine monotone Frauenstimme die Geschichte einer Päpstin, die in Wahrheit ein Papst war. Ich hatte sie schon mal gehört.

Nachdem wir nur einmal anhalten mussten, um zu tanken, erreichten wir nach etwa fünf Stunden das beschauliche Ostseebad, in dem wir jene Woche verbringen würden. In dem Ferienhaus mit Meerblick warteten unsere Freunde bereits auf uns. Lars und Kai waren uns dabei behilflich, Koffer und Kind vom Auto zum Eingang zu tragen. Der Regen hatte nachgegeben und die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die dichten Wolkenmassen. Unser Ferienhaus war sehr gemütlich eingerichtet, liebevoll geschnitzte Holzmöbel, ganz der Landhausstil. Es verfügte über eine große Terrasse auf der Rückseite, an deren Ende sich ein kleines Gartentor öffnen ließ. Hinter diesem befand sich ein schmaler, länglicher Weg, welcher direkt zum gelben Strand führte. Das Ostseewasser war dunkel und still.

Beinah drohte sich mein Blick in der Weite des Meeres zu verlieren, als mir mein alter Freund Lutz auf die Schulter klopfte. Ich drehte mich zu ihm um und wir fielen uns in die Arme. Die vielen herzlichen Begrüßungen taten gut und gingen vorüber. Wir verstauten unsere Koffer unter unseren Ehebetten und standen uns nach guten fünfzehn Minuten wieder im Wohnzimmer gegenüber. „Was jetzt?“, dachte ich und „Na, los. Ab ins kalte Wasser!“, lachte Lutz. Offensichtlich waren Alle einverstanden, auch ich, und so warfen wir in verpflichtenden Übermut getränkt unsere Kleider auf die Fliesen und rannten raus zum Meer. Ich trug meinen windeltragenden Sohn mit mir. Die Sonne hatte sich gegen die Wolken durchgesetzt, sodass die Kulisse in ihrer Gesamtheit weniger kalt aussah, als das Wasser tatsächlich war. Wir sprangen  einfach hinein, ohne zu zögern, ist doch klar. Wahrscheinlich hätten wir Arschbomben gemacht, hätten wir damit nicht die Kinder verschreckt. Einige Male spritzten wir uns gegenseitig nass, beleidigten uns dafür auf kindgerechte Weise und trugen die Kleinen auf Schultern. Fröstelnd tippelten wir nach einer angemessenen Weile zurück zum Haus, direkt unter die heiße Dusche.

In gemütlicher Kleidung und warmen Socken fanden wir uns einige Zeit später am Esstisch wieder. Wir knabberten Studentenfutter, tranken Weinschorle und tauschten angeregt Neuigkeiten aus. Die Fünfjährige von Lutz und Laura würde bereits im kommenden Sommer eingeschult werden. Mein Freund Lutz setzte sich aufrecht und erzählte voller Stolz, dass sie sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht habe. Schüchtern kam sie zur Tür rein – sie hatte wohl unser Gespräch belauscht - und setzte sich auf den Teppich um mit ihren kleinen Autos zu spielen. Christoph erzählte, dass er allem Anschein nach demnächst eine halbe Stelle in einer Kanzlei antreten würde. Dass sie das Geld bräuchten, rechtfertige sich mein alter Freund mit Prädikatsexamen. Celina, seine Frau, war naturgemäß ein unscheinbarer Typ, eine graue Maus, könnte man auch sagen. Christoph hatte sie während des Jurastudiums kennen gelernt und wusste nur zu gut, dass sie alles andere als eine geborene Anwältin war. Seit sie ihre eigene Kanzlei gegründet hatte, kämpfte sie dagegen, sie wieder schließen zu müssen. Jeder wusste, dass ihr Ehemann der bessere Jurist war, auch er selbst und so spielte er seine Fähigkeiten trotzdem stets herunter, um neben seiner Frau nicht unmännlich, ja unsittlich zu wirken.

Ein Tischgespräch:

Christoph: „Ich trete demnächst eine halbe Stelle in einer Kanzlei an.“ Das hatten wir bereits.

Kai: „Oh, wirklich? Möchtest du dich doch noch selbst verwirklichen?“ Augenzwinkern. Peinliche Stille. Peinliches Lachen.

Christoph: „Nein, es ist eher… es ist eher, dass wir das Geld brauchen.“ Das auch schon.

Weiter.

Celina: „Wisst ihr, heutzutage ist es verdammt hart, als Anwältin selbstständig zu sein. Früher, in den 70ern und 80ern, mögen Kanzleien noch Goldgruben gewesen sein, doch die Zeiten haben sich geändert. Die Konkurrenzsituation ist einfach brutal.“

Ist klar, dachte ich, die Zeit ist schuld, logisch. Ich bis auf eine Nuss, dass es knackte.

„Oh, ja, das glauben wir!“, sagten die anderen und glaubten es, glaube ich, wirklich.

Christoph: „Besonders schwer ist es natürlich in Kleinstädten, wie unserer. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als die Stelle anzunehmen, obwohl ich gar nicht mehr richtig im Stoff bin.“

Dass er immer besser „im Stoff“ sein würde als seine Frau, dachte und wusste ich, verkniff mir jedoch jeglichen Kommentar. Die anderen auch. Neues Thema.

Der erste gemeinsame Abend an der Ostsee sollte noch nicht dazu bestimmt sein, mich nach meinem Job zu fragen. Meine Freunde hatten unser Gespräch in der Küche ebenso wenig vergessen, wie ich. Wir unterhielten uns also den Rest des Abend über aktuelles Allerlei, über das man eben so redete, weil man angenehmerweise nur wiederkauen musste, was Journalisten zuvor verdaut hatten.

Der erste vollständige Urlaubstag war einer, wie er im Buche stand. Auf ein reichhaltiges Frühstück folgte Entspannung am Strand (das Wetter hatte sich schlagartig zum Guten gewandt), dann ein leichtes Mittagessen, ein Spaziergang durchs Dorf, ein Gesellschaftsspiel, Abendessen. Perfekt. Als wir an jenem zweiten Abend gemeinsam am Tisch saßen, waren unsere Wangen rosig und unsere Augen blickten entspannt drein. Die Gespräche kreisten um nichts großes, es waren einfach nur Gespräche, sonst nichts. Wie beiläufig entschied ich mich, meine spektakuläre Beförderung zu erwähnen und meine Freunde bemühten sich die Neuigkeit als eine beiläufige aufzufassen. Sie sagten Dinge wie „Herzlichen Glückwünsch“, „das freut mich für dich“ oder „sehr beeindruckend“, nahmen sich danach kurz Zeit, um mich zu mustern. Sicher suchten sie nach Spuren meines ach so stressigen Lebens. Sie fanden keine, das sah ich und atmete durch.

Umso mehr ärgerte es mich, als ich am folgenden Morgen ihre Befürchtungen, ja Unterstellungen, doch bestätigen musste. In Wahrheit handelte es sich keineswegs um eine Bestätigung, doch das hinderte meine Freunde nicht daran, sich bestätigt zu sehen.

Um viertel vor acht in der Früh durften die Erwachsenen noch schlafen, während die Kinder bereits leise auf dem Teppich spielten. Der Klingelton meines Smartphones dröhnte aggressiv und drückte ausdauernd auf alle Köpfe. Ich erkannte ihn sofort, stand senkrecht im Bett, dann im Flur, lief hektisch nach unten, dachte „Sei schon leise!“ und „das weckt alle auf!“ und suchte ungeschickt zwischen Kissen auf dem Sofa nach dem Störenfried, wobei ich ebenso viel Lärm verursachte wie dieser.

Als ich endlich da saß und der Stimme am anderen Ende konzentriert meine Aufmerksamkeit schenkte, betraten nacheinander sämtliche Nachthemden das Wohnzimmer. Ihre müden, verklebten Augen vermochten es bereits Kritik auszustrahlen, träge schlenderte einer nach dem anderen in die Küche, wo man morgens Kaffee trank. Es machte mich nervös, dass alle hören wollten und konnten, was ich sagte, doch wäre ich mir wie ein Geheimniskrämer vorgekommen, hätte ich den Raum verlassen. Dass ich lieber selbst einen Blick auf das Angebot werfen wolle, sagte ich und dass ich ihr zeitnah eine Rückmeldung zukommen ließe. „Vielen Dank, rufen Sie mich an, wenn es Neuigkeiten gibt, bis dann.“ Eine Schweißperle tropfte von meiner Stirn auf das Display, als ich auf den roten Hörer drückte. So kannte ich mich gar nicht, so verunsichert und auf die Meinung anderer bedacht. Aber jene „andere“, die kopfschüttelnd in der Küche saßen und in ihren Tassen rührten, waren eben nicht irgendwelche ersetzbaren Darsteller im täglichen Kampf um egal was, sondern keine geringeren als meine wenigen wahren Freunde. Meine Freunde fürs Leben. Ich wollte nicht glauben, dass mein Leben nicht zu diesen Freunden passen würde, auch wenn das offiziell niemand behauptete. Bei dem Gedanken graute es mir.

„Möchtest du auch einen Kaffee?“, rief Jan in meine Richtung. „Danke, nein“, sagte ich „ich muss leider kurz an den Schreibtisch, eine wichtige Sache, die drängt.“ Mit kurzen, schnellen Schritten huschte ich davon und spürte ihre verständnislosen Blicke im Rücken. Als ich die Tür hinter mir schloss atmete ich erleichtert auf, klappte meinen Laptop auf und machte mich an die Arbeit.

Ich hatte mich gerade in die Materie eingelesen und erste Gedanken notiert, als meine Frau ihren Kopf durch die einen Spalt weit geöffnete Tür steckte. Ob ich nicht zum Mittagessen kommen wolle, fragte sie noch sehr lieb, und fügte mit einem Blick auf meine verknoteten Haare und mein Nachthemd hinzu, ob es nicht auch langsam Zeit sei zu duschen. Ja und ja, lauteten meine abwesenden Antworten. Julia verließ die Tür in dem Wissen, dass ich weder essen noch duschen würde. Nicht bevor die Arbeit erledigt war. Sie kannte mich.

Um 18 Uhr klappte ich den Laptop wieder zu. Zwischenzeitlich hatte Julia mich noch einige Male gefragt, ob ich Interesse an einem Spaziergang, am Schwimmen oder an Kuchen hätte und jedes Mal sagte ich ja, meinte auch ja und tat aber das, was richtig gewesen wäre zu tun, hätte die Antwort nein gelautet. Nichts.

So kroch ich also aus meiner Kammer hinaus, als es draußen bereits dämmrig wurde. Ich dachte ernsthaft darüber nach, ob es sich überhaupt noch lohnen würde, mein Nachthemd auszuziehen, bevor ich bald erneut ins Bett gehen würde. Ein recht strenger Geruch, der offensichtlich von mir kam, bewegte mich letztlich dazu, mich für die Dusche zu entscheiden. Vorher zerrte mich jedoch mein knurrender Magen in die Küche, wo Lutz und Kai fleißig Gemüse fürs Abendessen portionierten. Wie zu erwarten, erzählten sie mir von all den schönen Dingen, die ich verpasst hatte und fragten mich, ob ich denn nun endlich Urlaub machen dürfe. „Wahrscheinlich schon“, log ich, denn ich hatte im Laufe des Tages eine Nachricht von der Personalchefin erhalten, die mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen musste. Ich hatte sie auf den kommenden Tag vertröstet.

„Gekündigt? Einfach so?“, trotz der frühen Stunde war ich plötzlich hellwach.

Die vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung erzählte etwas von Selbstfindung, Weltreise und individuellem Glück. Begriffe mit denen ich durchaus etwas anfangen konnte, die ich aber in diesem Zusammenhang schlicht nicht hören wollte. Was mit der Kündigungsfrist sei, fragte ich, wissend, dass eine Frau mit Spitzenjob, die entschlossen war, alles aufzugeben zugunsten von „Selbstfindung“, „Weltreise“ und „individuelles Glück“, schmerzlos auf Kündigungsregelungen pfeifen würde. „Sie will kein Geld mehr, ab sofort“, bestätigte der Hörer meine Annahme. Kurz dachte ich über eine Klage nach, doch es war eine Reihe von Gründen – rationaler und emotionaler Natur – die mich davon abhielten.

„Sie wollen nicht klagen“, stellte meine Kollegin fest; ich vernahm ihre Worte, als kämen sie von einer Stimme aus dem Off, die mir meine eigenen Gedanken bestätigte. „Nein, wir lassen von einer Klage ab“.

Es lag auf der Hand, woran als nächstes zu denken war. Eine Nachfolge wurde benötigt. Ob es bereits Bewerber gebe, wollte ich wissen, denn es kam durchaus vor, dass engagierte Vollzeitbewerber schon vor Ausschreibung einer Stelle ihre Unterlagen einreichten. Zögern am anderen Ende, nach einer kurzen Pause folgte ein leises „Nein“.

„Habe ich richtig gehört?“, vergewisserte ich mich, „Nein?“.

„Gut, dann schreiben Sie die Stelle noch heute aus“.

Dass bereits morgen eine Flut von Bewerbungsmappen eingehen würde, stellte meine Kollegin – Personalchefin wohlbemerkt - richtigerweise fest. Mir war bewusst, was sie mir damit sagen wollte. Positionen solcher Rangordnung besetzte sie ungern ohne meine direkte Zustimmung. Ich jedoch wehrte mich dagegen, alles selber machen zu müssen. Außerdem war ich im Urlaub!

Wir vereinbarten eine Art Kompromiss. Sie würde die Bewerbungsunterlagen selbstständig bearbeiten und die drei Besten auswählen. In zwei Tagen, am Donnerstag, würde ich persönlich zu den Bewerbungsgesprächen erscheinen und die Sache entscheiden. Einverstanden. Abgemacht. Ich legte auf, schnappte mir mein Handtuch und ging allein im kalten Wasser schwimmen.

Den Mittwoch hätte ich noch ausgiebig mit Familie und Freunden genießen können, bevor ich am Donnerstag vorzeitig abreisen würde, doch die Stimmung war tiefgekühlt, als ich jenes am Frühstückstisch verkündete. Meine Freunde waren fassungs- und verständnislos, meine Frau dazu noch wütend. Es vermag keiner außergewöhnlichen Phantasie, sich vorzustellen, was sie mir vorzuwerfen hatte. „Du lebst nur noch für den Job“, „Nie hast du Zeit für deinen Sohn“, „Die Familie bedeutet dir wohl gar nichts“, „Du Rabenvater!“. Da war es wieder. Autsch. Rabenvater.

 

Rabenvater.

16

Der Neue wurde beäugelt, gemustert, mit Blicken aus und wieder angezogen. Als männlicher Head of Finance and Logistics hatte man es nicht leicht. Ich erinnerte mich noch gut an meine Anfänge in dieser Position und leidete jedes Mal mit, wenn ich beobachtete, wie die Kolleginnen mit dem Neuen umgingen. Sie taten das Übliche: Sie ignorierten ihn oder räumten ihm eine unangenehme Sonderstellung ein, sie redeten von oben herab oder faselten unechten Hintergedankenmüll. Sie waren wie immer völlig berechenbar. Nicht so der Neue.

Der Neue war groß gewachsen und kräftig gebaut. Sein dunkel gelocktes Haar trug er kurz. Nur eine freundliche Strähne ließ er unbefangen in sein Gesicht fallen. Der Gelassenheitsfaktor. Markante Gesichtszüge verliehen ihm einen ernsthaften, selbstbewussten Blick, während seine blauen Augen ewige Treue logen. Leicht irritierend wirkten seine Augenbrauen, die buschiger waren, als es von Geschäftsmännern zu erwarten war. Seine Lippen waren so schmal, dass sie verschwanden, wenn er lachte und seine großen spitzen Zähne zeigte. Obwohl sein Gesicht etwas hatte, was in unbeschreiblicher Weise nicht zu stimmen schien und mich somit Zwang es immer und immer wieder anzusehen, mochte ich es. Der Neue war mir auf Anhieb sympathisch gewesen, noch bevor ich ihn offiziell zum „Neuen“ ernannte. Im Vorstellungsgespräch bewies er gezielt abrufbares Fachwissen und einen leicht zugänglichen Humor. Sein Lebenslauf war einwandfrei. Alles in allem, war rein gar nichts gegen ihn auszusetzen und als er den Raum verließ, war ich mir sicher. Meine Kollegin sah es mir an, zuckte zusammen und ignorierte die zustimmende Stimmung im Raum, welche von mir ausging. Was sie von ihm halte, fragte ich sie zum reinen Vergnügen, denn ich wusste, dass er ihr nicht gefallen hatte.

„Ähm. Hervorragende Zeugnisse“, stammelte sie und fügte verschwörerisch hinzu: „Irgendetwas stimmt nicht mit dem. Warten wir doch die nächste Bewerberin ab.“ Sie begab sich zur Tür, um die bereits wartende Hochschulabsolventin herein zu beten.

„Ich bitte Sie um Verzeihung, doch wir haben uns bereits entschieden. Trotzdem vielen Dank, dass Sie hergekommen sind.“, sprach ich mit kräftiger Stimme in den Raum hinein. Die beiden Frauen wurden blass, die jüngere von ihnen verließ sichtlich enttäuscht das Büro. Meine Kollegin war sprachlos und sicherlich sauer. „Sie haben mich nicht nach meinem Eindruck von dem Bewerber gefragt. Als Sie die junge Frau reinbaten, war ich gerade im Begriff Ihnen mitzuteilen, dass er mich überzeugen konnte. Seien Sie so nett und rufen Sie ihn an, er soll genug Zeit haben, sich vorzubereiten, bevor er am Montag anfängt.“ Kurz genoss ich den Anblick der völlig entgeisterten Personalchefin und fühlte mich dabei ehrlicherweise in Ansätzen übergeschnappt. Zufrieden fuhr ich ins Wochenende.

Julia und der Kleine kamen am Samstagabend zuhause an. Ich hatte mir extra viel Zeit genommen, um sie mit einem köstlichen Essen in Empfang zu nehmen. Natürlich lokalisierte meine Frau die Quelle meiner Motivation für diese Geste richtigerweise in meinem verflixten schlechten Gewissen, doch freute sie sich nichts desto trotz darüber. Zufrieden gab sie mir einen Kuss und fragte im Laufe des Abends sogar, wie es bei der Arbeit gelaufen sei. Glücklich über ihre Fragte reagierte ich regelrecht euphorisch: „Sehr gut! Wir haben eine gute Wahl getroffen!“

Der Neue wusste die ersten anfallenden Aufgaben seines Bereiches mit Bravour zu bewältigen.  Die Arbeit schien ihm leicht zu fallen, sodass er überstundenfrei regelmäßig mehr schaffte, als ich von ihm erwartete. Seine zielstrebige Art gefiel mir. Als die Kolleginnen dies bemerkten mutierten sie zu den Schlangen, die ich damals mühsam bezwungen hatte. Sie ignorierten ihn offensichtlicher, redeten absichtlich so laut über ihn, dass er es hören musste, spielten Kollegialität auf eine dermaßen widerliche Weise, dass es selbst mir absurd erschien. Ich begann mich zu fragen, ob meine Situation als Head of Financne and Logistics vergleichbar gewesen war und kam zu dem Schluss, dass die des Neuen schlimmer sein musste. Dass ich an seiner Stelle verzweifeln und ausrasten würde, wusste ich, und so gelang es dem Neuen, mich wahrhaftig zu überraschen. Und die Damen in den Wahnsinn zu treiben.

Der Neue blieb gelassen. Seine lässige Haarsträhne war nicht bloß eine Haarsträhne, dachte ich, nein, sie war mehr, sie war er. Egal mit welchen Gemeinheiten er konfrontiert war, lächelte er bloß, als entzückte ihn das kindische Spiel der Kolleginnen. Voller Verständnis trat er ihnen höflich und wertschätzend gegenüber, stets um effizientes Arbeiten bemüht. Für mich war klar, dass er sich selbst auf einer höheren Stufe sehen musste, um mit den Kolleginnen umgehen zu können, wie mit Tieren, die stets von der Natur entschuldigt werden können. Anzeichen eines abgehobenen Selbstbildes konnte ich in seinem Handeln jedoch nicht entdecken. Ich war fasziniert.

Es war Montag, wöchentliches Meeting der oberen Etagen, der Neue war Punkt drei auf der Tagesordnung. Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Stuhl am hinteren Ende der Tafel und begab sich mit langsamen, schweren Schritten nach vorn. Zum Abschuss freigegeben. Souverän hielt er seinen Vortrag, frei, visualisiert und in höchster Präzision auf den Punkt gebracht. Nach nicht mehr als fünf Minuten waren sämtliche Anwesende, ich selbst inbegriffen, ziemlich sprachlos und etwas eingeschüchtert. Ob es Fragen oder Anmerkungen gebe, wollte er von uns wissen und ich wunderte mich über ein Handzeichen seitens Miss Marketing, da dem Vortrag definitiv nichts hinzuzufügen war. Was dann auf den Tisch gespuckt wurde, war bodenlos.

„Ich fand Ihren Vortrag äußerst gelungen, finde aber, dass Sie die visuelle Gestaltung hätten verbessern können, indem sie ihr Hemd weiter aufgeknöpft getragen hätten.“

Schweigen und innerer Wirbel verbreitete sich rasch. Jene Unverschämtheit hatte sogar die Schmerzgrenze der anderen Kolleginnen überschritten. Was er nur antworten würde, fragte ich mich und überlegte im selben Moment, ob es nicht meine Aufgabe sei, einzugreifen. Noch vor Beendigung meines Gedankens brach die tiefe Stimme des Neuen unbeeindruckt die Stille. „Gibt es noch andere qualitativ hochwertige Anmerkungen oder Fragen?“ Erleichtertes Schweigen. „Nein? Gut, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.“

Nach Ende der Veranstaltung ging ich auf ihn zu und fragte ihn zögerlich wie es ihm ginge. In Nebensätzen unsicherer Kettensätze lobte ich ihn noch für den beeindruckenden Vortrag, seine insgesamt gute Arbeit und für seine schlagfertige Antwort. Ich fragte ihn auch noch, ob er sich wünsche, dass ich die Kollegin ermahne, bevor ich ihn zu Wort kommen ließ. „Danke“, sagte er und dass er es bevorzuge selbst das Gespräch zu suchen. Er fügte hinzu, dass er verärgert sei, was man ihm nicht ansah. Am Ende sagte er noch, dass es auf eine solche Frechheit keine richtige Antwort gäbe. Ich stimmte ihm zu. Er sah mit traurigen Augen an mir herunter bis auf den Boden, hob dann den Blick mit neuem Leben und wünschte mir einen erfolgreichen Tag. Ich sah ihm hinterher. Die sportlich geschnittene dunkelblaue Anzughose und das weiße Hemd, das seine breiten Schultern betonte, verschwanden aufrecht auf großen braunen Lederschuhen im Aufzug.

Als ich Julia von dem Vorfall erzählte, riet sie mir die Marketingchefin unter allen Umständen zur Rede zu stellen.

„Ich weiß nicht, ob das etwas bringen wird“, zweifelte ich „schließlich zeigt nicht nur sie unerhörtes Verhalten gegenüber dem Neuen.“

„Dann stell sie alle zur Rede“, lieferte Julia die Lösung.

Gleich am nächsten Morgen bestellte ich alle Frauen in mein Büro, die im Meeting anwesend gewesen waren. Sie standen vor meinem Schreibtisch, an dem ich saß. Dass ich erwachsenes, kollegiales und professionelles Verhalten gegenüber dem männlichen Kollegen erwarte, stellte ich klar. Zuerst glaubte ich, sie würden alle bloß nicken und dann etwas ändern oder nicht, doch dann meldete sich die berüchtigte Marketingchefin zu Wort.

„Er passt nicht in das Unternehmen“, erlaubte sie sich zu urteilen. „Ganz ehrlich, wer sich so anzieht, muss sich nicht wundern, nicht ernst genommen zu werden.“

Schon wieder war es unverschämt, was diese Frau von sich gab und doch – so glaubte ich in jenem Moment erkennen zu müssen – sprach sie die bittere Wahrheit aus. Ich blieb dabei und forderte Veränderungen, entließ die Kolleginnen und bestellte gleich darauf den Neuen zu mir herauf. Aus dem Fenster schauend, dachte ich über ihn und sein Auftreten nach. Es stimmte durchaus, dass er seine Männlichkeit durch seine tägliche Garderobe zu unterstreichen wusste. Seine Hemden betonten stets seinen muskulösen Oberkörper und er trug grundsätzlich Hosen, niemals Röcke. Sein Haar trug er kurz und auch seinen Bart ließ er manchmal stehen. Frauen dachten nun mal dauernd an Sex, evolutionär bedingt oder so ähnlich, sie konnten wohl wirklich nichts dafür, ihn aufgrund seines aufreizenden Aussehens mit anderen Maßstäben zu betrachten. Ein wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Frauen seinerseits würde eventuell einige Probleme lösen können… das in etwa, beschloss ich ihm zu sagen.

 

17

„Was gibt´s?“, fragte er vor Sicherheit trotzend und ließ sich in meinen Besuchersessel fallen. Er rutschte darauf herum, bis er eine angenehme Position gefunden hatte und schlug dann sein langes linkes Bein über sein rechtes. Standhaft blickte er mir während der gesamten Prozedur in die Augen.

Ich entschloss mich zu einer Kunstpause, die in Wahrheit eine notwenige zum Sammeln meiner Gedanken war.

„Geht es um die Sache mit dem Meeting? Den frechen Spruch meiner Kollegin?“

Seine Worte kamen schneller als erwartet, ebenso wie meine.

„Ja, genau darum geht es. Äh, darüber möchte ich mit Ihnen noch einmal reden.“

„Gut.“

Gut. Sonst nichts. Umso besser. Ich begann also das zu sagen, was ich mir eben versucht hatte, zu Recht zu legen.

„Gut.“

Ein weiterer Versuch zur Kunstpause. Diesmal ließ er mir meinen Spaß.

„Gut. Ich habe die besagte Kollegin bereits zur Rede gestellt und sie unmissverständlich darauf hingewiesen, dass ein solches Verhalten hier nicht erwünscht ist und in Zukunft nicht geduldet werden kann.“

Ich wollte seine Antwort abwarten, verstand aber gleich, als er mich mit dem Hochziehen einer Augenbraue bei gleichzeitigem Nicken mit dem Kopf dazu aufforderte fortzufahren.

„Ich denke die Botschaft ist deutlich bei ihr angekommen. Sollte Ihnen ähnliches erneut widerfahren, dann scheuen Sie sich bitte keineswegs mich unverzüglich zu informieren.“

Das hatte gut geklungen.

„In Ordnung.“, lautete seine Antwort.

„Ja. In Ordnung.“

„Gibt es noch etwas was Sie mit mir zu besprechen haben? Ansonsten würde ich mich jetzt wieder der Arbeit widmen.“

Absichtlich langsam erhob er sich aus dem Sessel, um einen Eingriff meinerseits zuzulassen.

„Warten Sie.“ Mit einer Handbewegung forderte ich Ihn auf wieder Platz zu nehmen.

„Eines möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben. Wissen Sie – in dem Gespräch mit der Kollegin hat diese darauf verwiesen, dass sich die weiblichen Mitarbeiterinnen von ihrem, naja, recht maskulinem Erscheinungsbild ablenken ließen. Nicht nur ablenken, sondern es scheint die gemeinsame Arbeit regelrecht zu hindern, weil es die Damen davon abhält sie ernst nehmen zu können.“

Der Neue sah beinah erfreut aus, als hätte er auf genau diesen Satz gewartet. Trotzdem forderte er mich mit einem Blick auf weiter zu reden.

„Mir ist bewusst, dass es in ihrem eigenen Verantwortungsbereich liegt, wie Sie sich kleiden, doch wir Männer sind hier nun mal in der Unterzahl und ich denke, dass ein klein wenig mehr äußerlicher Anpassung ihrerseits tatsächlich einige Probleme lösen könnte.“

Nun genoss mein Gegenüber eine Kunstpause. Dann seufzte er.

„Es tut mir Leid, aber ich bin nicht bereit Veränderungen an meinem Aussehen oder meinem Kleidungsstil vorzunehmen.“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich versuchte es erneut.

„Das, das ist ja auch Ihr gutes Recht. Selbstverständlich, niemand kann Sie zwingen. Aber, … vielleicht lassen Sie es sich einfach nochmal auf der Zunge zergehen, wie einfach das kollegiale Miteinander sich dadurch gestalten könnte.“

„Chef, es tut mir Leid, sie enttäuschen zu müssen, aber das sehe ich nicht ein. Wenn die Damen glauben beim Anblick eines ganzen Mannes sämtliche Professionalität verlieren zu müssen, dann handelt es sich um ihr Defizit, nicht um meines. Ich sehe mich gezwungen Ihnen das genauer zu erklären.“

„Nur zu.“

„Also gut. Obwohl ich Sie als Chef sehr schätze und Ihre Kompetenz unter keinen Umständen anzweifeln möchte, denke ich, dass meine ehrliche Meinung für Sie von Bedeutung sein könnte. Ich mache es kurz: Sehr geehrter Herr Vorgesetzter, unter keinen Umständen, möchte ich so enden wie Sie. „

Er ließ die eben in die trockene Büroluft gefeuerten Worte kurz stehen, zerfallen und auf den Teppichboden rieseln.

Ich war sprachlos.

„Sie haben es weit gebracht, haben es geschafft Fuß zu fassen in der Frauenwelt und müssten daher eigentlich als Vorbild für alle ehrgeizigen Männer dieser Welt dienen. Doch das tun sie nicht. Eher schrecken Sie Jungen davor ab, sich für eine „Karriere“ zu entscheiden, denn diese Jungen wollen sich nicht als Frauen verkleiden, um dieses Ziel zu erreichen, nein, sie wollen es als Männer schaffen und Männer sehen nun mal anders aus als Frauen.“

Er hätte sicher noch weiter geredet, hätte ich ihn nicht wie ferngesteuert unterbrochen.

„Ich danke Ihnen für das Gespräch, machen Sie sich jetzt bitte wieder an die Arbeit“, stotterte ich monoton. Der Neue zuckzte meines Erachtens kurz zusammen, nickte mir dann respektvoll zu und verschwand flink zur Tür hinaus.

Da blieb ich also zurück, ich allein, in meinem Büro in der obersten Etage. Erniedrigt. Ich saß kerzengerade, war angespannt, alles fühlte sich zu eng an, die Bluse, der Rock, mein Herz. Intuitiv ließ ich mich für einen Moment darauf ein, über die Worte des Neuen nachzudenken, doch ich merkte gleich, dass ich dazu gerade nicht im Stande war. Das einzige, was mir dann blieb, war Wut. Ich begann zu kochen über jene Unverschämtheit, überzukochen und verließ an diesem Tag frühzeitig das Büro.

 

 

 

 

 

18

Obwohl ich ihr sonst immer alles erzählte, konnte ich meiner Frau nicht davon berichten, was mir der Neue an den Kopf geschmettert hatte, durch den Schädel, direkt ins Gehirn. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht mit ihr über die Vorwürfe zu reden, denn das hätte Auseinandersetzung bedeutet und dazu war ich nicht fähig. Zu sehr hatten mich die Worte des Neuen getroffen, erschrocken, verletzt, es war wohl die natürliche Reaktion meines Körpers sie zu verdrängen und sie mangels Alternativen irgendwo in eine dunkle Ecke meines Inneren zu drücken, aus der sie sich mit ihrer bedrohlichen Kraft ständig zu befreien versuchten.

An jenem Abend wollte ich nicht reden, nicht denken, nur noch ins Bett. Julia war zum Glück mit einer Freundin verabredet und ich schwieg konsequent, als ich zuerst den Kleinen und dann mich selbst ins Bett brachte. Um halb neun war es in unserer Wohnung dunkel und still.

Natürlich konnte ich nicht einschlafen, versuchte es aber hartnäckig. Erst als mein Mobiltelefon klingelte, gab ich auf und ging ran. Die helle Stimme einer freundlich klingenden Frau meldete sich mit:

„Guten Abend, entschuldigen Sie die Störung. Ich rufe Sie in Namen des Managerin Magazins an.“

Sie wartete kurz auf Einwände, die ausblieben und fuhr fort: „Wir würden Sie gerne um ein Interview für unsere nächste Ausgabe bitten. Es ginge um ihren beruflichen Werdegang, um ihre Erfolgsstory als männlicher Topmanager. Wären Sie dazu …?“

„Gerne“, unterbrach ich sie. Vom Managerin Magazin um ein Interview gebeten zu werden, war zweifellos eine Ehre und genau diese hatte ich mir am Nachmittag so klitzeklein reden lassen, dass ich gerade nichts besser gebrauchen konnte als eine Ehrenspritze wie diese.

Meine Gesprächspartnerin äußerste ihre Verwunderung mit einem „Huch, das ging ja leicht“ und gab sich danach wieder professionell. Kurz zweifelte ich an meiner eigenen Professionalität, da ich vielleicht etwas zu gierig zugesagt hatte, doch ich entschloss mich darauf zu pfeifen. Es würde mir gut tun in einer erfolgreichen Zeitschrift über meinen Erfolg lesen zu können. Sie schlug mir einen Termin vor, in zwei Tagen, eine Uhrzeit, 18 Uhr und einen Ort, ein Kaffee und ich sagte dreifach „Ja“ und dann „Bis dann“.

 

Ich erschien um 18 Uhr 03 in dem gemütlichen Kaffee nahe der Elbe. Drei Minute zu spät galt noch als pünktlich und widerlegten gleichzeitig die Unterstellung, ich hätte den Interviewtermin nötig. Die attraktive Frau von „der Managerin“, die selbst das Auftreten einer Topmanagerin hatte, begrüßte mich mit sanftem Händedruck, wofür sie kurz aufstand. Sie hatte uns bereits einen kleinen Zweiertisch gesucht. Nachdem ich meinen Blazer über die Rückenlehne des Holzstuhles gelegt hatte und eine geeignete Sitzposition eingenommen hatte, blickten wir uns kurz in die Augen. Ich nickte und bat sie somit zu beginnen.

Es fing ganz harmlos an, ja locker, freundlich, nett, ganz einfach. Die Journalistin warf ein Kompliment zu mir rüber, ich fing es mit dem Mund auf und kaute darauf herum. Etwa so:

„Es ist wirklich bemerkenswert, in welch kurzer Zeit Sie die Karriereleiter so hoch geklettert sind. Sie dienen zweifellos als Vorbild für eine ganze Generation von jungen Männern.“

„Glauben Sie mir, es hat mich viel Kraft und Ehrgeiz gekostet, es so weit zu bringen. Doch mein Beispiel zeigt, dass es definitiv möglich ist, auch als Mann Verantwortung in der Wirtschaft zu übernehmen.“

Oder so:

„Seid Sie das Unternehmen leiten, verzeichnen Sie beispiellose Erfolge.“

„Die aktuellen Zahlen sind mehr als erfreulich. Dahinter steckt jedoch ein ganzes Team aus lauter klugen, innovativen Köpfen.“

So nahm es eine Weile seinen Lauf. Was meine wirtschaftliche Strategie sei, wollte sie wissen und ob mir der Job Spaß machen würde. Erst gegen Ende des Gesprächs warf sie mir einen Satz in den hungrigen Mund, der mir nicht schmeckte.

„Sie sind stolzer Vater eines kleinen Jungens. Zahlreiche beruflich erfolgreiche  Väter berichten von zwiespältigen Gefühlen, da sie sich gezwungen sehen, ständig Abstriche im Vaterdasein vorzunehmen.“

„Meine Frau und ich sind sehr glückliche Eltern. Und ich bin gleichzeitig glücklicher Manager. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist Beruf und Familie zu vereinbaren. Man muss nur beides wirklich wollen.“

„Staatliche Förderung von berufstätigen Männern, sei es in Form einer Männerquote, lehnen Sie insofern ab?“

„Ganz richtig. Da gebe ich unserem jungen Familienminister Kristian Schröder völlig Recht. Efrauzipiert* sind wir selber.“

Ich nahm den letzten Schluck von meinem Cappuccino und blickte flüchtig, aber demonstrativ, auf meine Armbanduhr. Die Journalistin griff mein Zeichen auf, bedankte sich für das Gespräch und wünschte mir noch einen schönen Tag. Danke. Gleichfalls. Auf Wiedersehen.

19

Es war Anfang Juli, ein heißer Sommertag des Jahres 2011. Sieben Jahre befand ich mich nun im Berufsleben, davon drei Jahre als Chef. Ich war zugleich Ehemann einer wunderbaren Frau und stolzer Vater eines vier jährigen Sohnes. Der Kleine hatte enorme Fortschritte gemacht, die mich jedes Mal auf Neue überraschten. Er quasselte ununterbrochen, rannte wild durch die Wohnung und fragte und fragte und fragte. Von morgens um acht bis nachmittags um fünf besuchte er einen Ganztagskindergarten, in dem er offenbar viel Spaß hatte. Jedenfalls berichtete er uns jeden Abend ganz aufgeregt von den kleinen und großen Abenteuern seines Tages.

Das Interview mit „die Managerin“ aus dem Jahr 2009 hatte ich schon fast vergessen. Kurze Zeit nach dem Gespräch in dem netten Kaffee erhielt ich einen Brief, in dem die Chefredaktion mir mitteilte, dass man die Story über mich aufgrund ihres geringen Aktualitätsbezugs und somit ihrer Flexibilität zunächst im Repertoire behalten werde. Konkret: Man würde sie bringen, wenn man nicht wisse, worüber man sonst berichten sollte. Zum Beispiel im „Sommerloch“.

So betrat ich an jenem Tag schwitzend mein Büro. Es war nicht nur heiß, sondern zu allem Überfluss auch schwül. Bevor ich mich an die Arbeit machte, genoss ich satte fünf Minuten die Kühle der Klimaanlage. Heute ließ ich es langsam angehen, nahm ich mir vor. Ich fuhr den Rechner hoch und überprüfte die Zahlen. Grün waren sie und gut. Der Laden lief.

Ich bereitete ein Meeting für den kommenden Tag vor und beantwortete eine Hand voll Mails. Gegen zehn Uhr entschloss ich mich mir eine Kaffee Pause zu können. Es war wirklich das erste Mal in meinem Chefdasein, dass ich es tat, doch an jenem Tag fühlte ich mich schlicht danach: Ich legte meine Füße auf den Tisch, lehnte mich zurück und las Zeitung.

Von der Titelseite des Tagesblattes sah mich ein ausdrucksloser Angelo Merkel an. Er sah traurig aus, was durchaus verständlich war angesichts der Probleme, die er aktuell zu wälzen hatte. In dem dazugehörigen Bericht ging es um die Eurokrise, um sein Krisenmanagement und seine Rolle in Europa. Er verschaffte sich Respekt durch all das, durch seine rationale Art und seine Kunst lieber wenig Richtiges, als viel Falsches von sich zu geben. Ich musterte ihn, seinen dunkelblauen Bleistiftrock und seinen schmalen Blazer, sein langes stumpf aussehendes Haar. Ich vertiefte mich in ein paar kürzere Artikel über dies und das und schlürfte dabei meinen viel zu heißen Kaffee. Nach einer halben Stunde fand ich, dass es an der Zeit war. weiter zu arbeiten. Als ich gerade wieder am Schreibtisch saß, als wäre es nie anders gewesen, klopfte es an meiner Tür. Es war Miss Marketing, recht aufgeregt.

Dass es wichtig sei, verkündete sie und ob ich einen Moment Zeit hätte. Blieb mir eine Wahl? Sie erklärte, dass sie am Nachmittag bei der Hamburger Automobilmesse auftreten würde, was ich natürlich wusste. Dann forderte sie mich kurzerhand auf mitzukommen, da die Chefinnen der Konkurrenz ebenfalls persönlich erscheinen würden.

Ich überlegte einen Moment, stellte fest, dass ich mein Zeitplan es durchaus zuließ, sie zu begleiten und willigte ein. An einem heißen Tag wie diesem fehlte mir die Kraft für Machtspielchen.

Wir verließen das Gelände gegen 12 Uhr und fuhren zum Messegelände, wo wir uns unverzüglich in den Backstage Bereich begaben. Wir standen auf dem Bühnenprogramm um 14 Uhr. Meine Aufgabe würde es lediglich sein ein ausgeschmücktes Hallo und Tschüss von mir zu geben. Meine Kollegin genoss es sichtlich, dass sie die hauptsächlichen Redeanteile besaß.

Vor uns machten zwei konkurrierende Unternehmen den gleichen Spaß mit, standen zu zweit auf der Bühne, redeten ins Publikum, das an den richtigen Stellen applaudierte. Unser Auftritt war also der dritte seiner Art. Die Veranstaltung war im Großen und Ganzen nett, wohl auch notwendig, nicht aber besonders oder wirklich erwähnenswert. Der einzige Grund weshalb ich von ihr berichte, ist die Tatsache, dass wir auf dem Rückweg, den wir um ca. 16 Uhr antraten, hoffnungslos im Stau standen. Irgendwo im äußeren Innenstadtbereich hatte es einen Unfall gegeben, sodass sich nichts mehr tat, kein vor, kein zurück. Miss Marketing und ich hatten uns wenig zu erzählen, doch das war nicht der Grund meiner Beunruhigung. Ich hatte Julia versprochen den Kleinen an jenem Tag ausnahmsweise aus dem Kindergarten abzuholen. Pünktlich um 17 Uhr. Der Zeiger auf meiner Uhr näherte sich bedrohlich der Ziffer fünf, als wir immer noch feststeckten auf einer willkürlichen namenlosen Straße. Ich versuchte Julia zu erreichen, doch sie ging nicht ran. Im Kindergarten nahm ein junger Erzieher den Hörer ab. Ich entschuldigte mich und versicherte, dass ich bald kommen würde. Er sagte mürrisch, dass es in Ordnung sei, ihm blieb nichts anderes übrig.

Letztlich erreichte ich den Kindergarten gegen 18 Uhr 30, satte 1,5 Stunden zu spät. Der Kleine hatte geweint, das war nicht zu übersehen, der Erzieher war wütend und kaum mehr höflich. Mein schlechtes Gewissen versetzte mir Peitschenschläge. Diesen Schmerz hätte ich mir vorher nicht ausmalen können.

Als wir schweigend unsere Wohnung betraten fand ich die neue Ausgabe des Magazins „die Managerin“ auf dem Tisch. Das Cover schmückte mein stolzes Gesicht, darunter stand in erschlagenden Druckbuchstaben. „Erfolgreiche Jungmanager – Vom Mythos der Unvereinbarkeit von Kind und Karriere“

Da war es also, das Sommerloch. Für die Journalistinnen war der Artikel die Füllung dieses Loches, mich selbst stürzte er schonungslos hinein. Hinein in mein Sommerloch. „Danke dafür“, dachte ich selbstironisch, um mich aufzuheitern. Dann  brach ich in Tränen aus. Der Kleine wusste nicht wie ihm geschah, dass er in sein Zimmer gehe, sagte er. Kluger Junge. Schluchzend durchblätterte ich das Magazin. Die Titelstory befand sich im Mittelfeld. Über ganze sechs Seiten stand dort meine Erfolgsgeschichte niedergeschrieben, hinzu kamen Bilder und das vollständige Interview. „Klasse Typ“, sollte sich der Leser denken und ein wenig baute mich das Lesen des Artikels tatsächlich auf. Ich hatte wirklich viel erreicht. Während ich las kam Julia herein. Ich begrüßte sie ohne aufzuschauen und sie verschwand gleich ins Kinderzimmer. Nach drei Seiten unterbrach ich das Lesen und betrachtete die Bilder. Sie hatten auch Bilder anderer erfolgreicher Männer abgedruckt, beispielsweise eines von Kristian Schröder. Bieder und ausdruckslos blickte er drein, daneben der Titel seines Buches: Efrauzipiert* sind wir selber. Unter dem Zitat stand in kleinen Buchstaben geschrieben: Unser Coverstar sieht das genauso.

Julia betrat das Wohnzimmer und stellte sich provokant neben mich. Die Arme vor der Brust verschränkt zischte sie: „Anderthalb Stunden. Ich bin einfach nur enttäuscht. Das geht so nicht weiter.“

 

 

20

„Stimmt.“, flüsterte ich mit zittriger Stimme. „So kann es nicht weitergehen.“

Ich schwieg, Julia schwieg zurück. Sie hatte wohl bemerkt, dass ich geweint hatte.

„Sieh mal“, murmelte ich nach zwei oder fünf oder zehn Minuten und schob die Zeitschrift zu ihr rüber.

Sie betrachtete aufmerksam das Titelbild, schlug dann langsam die richtige Seite auf und las den Artikel aufmerksam. Sie wusste, dass die Situation zu sensibel war, um mir weiter Vorwürfe zu machen, denn kein Vorwurf konnte größer sein, als das Erleben dieses Moments, das Lesen dieser Zeilen, wenn die Vernachlässigung des Sohnes im Raum stand. Ich sah meiner Frau an, dass sie mit den Worten rang. Immer wieder setzte sie an etwas zu sagen und entschied sich kurz vorher doch dagegen.

Irgendwann schüttelte sie gleichgültig den Kopf und las mit trauriger Ironie eine Zeile aus  dem noch immer vor uns aufgeschlagenen Artikel vor: „Er ist überzeugt, dass echter Wille genügt, um Kind und Karriere erfolgreich zu vereinbaren.“ Wir lachten. Dieses Lachen war befreiend.

 

Als ich am folgenden Tag mein Büro betrat, begab ich mich zielstrebig zum Hörer und rief im dritten Stock an. Roth-Otto, der bei meinem Umzug in seiner Etage geblieben war, meldete sich freundlich. „Alles klar“, versicherte er in seiner lockeren Art, nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen hatte.

Keine fünf Minuten später klopfte es an meiner Tür und der Neue betrat mein Büro. Ich bat ihn sich zu setzen. Natürlich hatte er keinen Schimmer, worum es gehen würde und ich wollte ihn nicht lange zappeln lassen.

„Toller Artikel in der Managerin“, begann er das Gespräch.

„Danke.“, sagte ich und fuhr ohne abzusetzen fort: „Ich möchte, dass Sie mir genauer erklären, was sie mir vor kurzem gesagt haben. Sie wissen schon, dass ich kein Vorbild sei und so weiter.“

Der Neue zögerte, denn er verstand nicht, worauf ich hinaus wollte. War das eine Falle?

„Ich bitte Sie darum“, fügte ich mit wärmerer Stimme hinzu.

„Nun gut…“, begann er. „Sie haben es weit gebracht, keine Frage. Was mich an ihnen und an so vielen erfolgreichen Männern stört, ist die Tatsache, dass sie verbissen weibliche Äußerlichkeiten und Eigenschaften übernommen haben, um es so weit zu bringen und ihren Platz zu verteidigen. Sie sehen aus wie eine Frau, um nicht aufzureizen, lesen Frauenmagazine, um mitzureden, reden wie eine Frau, um verstanden zu werden, um es zusammenzufassen: Sie passen sich an.“

Das war schon ziemlich hart. Der Neuen machte eine Pause, um meine Reaktion zu beobachten und herauszufinden, ob er immer noch auf der sicheren Seite war und weiterreden sollte.

„Fahren Sie fort.“

„Okay. Sie passen sich an, weil es offenbar notwendig ist, wenn man als Mann in dieser knallharten Frauenwelt bestehen möchte. Das kann man ihnen nicht persönlich vorwerfen. Doch an dieser Stelle kommt meine Meinung ins Spiel: Wenn das Ziel ist, dass auch Frauen Karriere machen können, dann ist es nicht damit getan, dass Frauen dies nur können, wenn sie sich vollständig den Männern anpassen. Deshalb sind Sie für mich kein Vorbild. Wissen Sie, wahrscheinlich werde ich mit meiner Einstellung nie so viel erreichen wie Sie. Doch das ist mir lieber, als eine weitere halbe Frau an der Spitze zu sein. Der erste Mann, der es als ganzer Mann in eine Position wie Ihre schafft, der soll als Vorbild bezeichnet werden. Solange Frauen und Männer nur zusammenarbeiten können, wenn die Männer ihre Männlichkeit ablegen, gibt es noch keine Vorbilder, solange stehen wir noch ganz am Anfang.“

Er war fertig. Das war es. Mit schlechtem Gewissen sah er zögerlich zu mir herüber, während in mir die Gedanken ratterten und sich endlich sinngebend zusammenfügten. Plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Der Neue hatte Recht, es war bitter, aber wahr. Ich war kein Vorbild, sondern nur das Ergebnis größtmöglicher Anpassung, war zwar klug, aber nicht ich selbst, war außerdem kein guter Vater, machte mir etwas vor und war vor allem – nicht glücklich.

Diese Überlegungen beanspruchten in meinem Kopf kaum mehr als einige Sekunden. Die Sache war glasklar, die Scherben nah, aber erträglich. Ich erwiderte den suchenden Blick des Neuen und freute mich wie ein Kind, als ich die nächsten Worte aussprach, die sich anfühlten, wie die ersten großen Worte aus meinem Mund:

„Ich danke Ihnen. Sie haben Recht. Ich bin kein Vorbild. Und deshalb habe ich eine Bitte an Sie: Seien Sie eines.“

Der Neue wusste augenscheinlich nicht, ob er mich richtig verstanden hatte.

„Sie haben mich richtig verstanden.“, half ich ihm. „Ich trete zurück und biete Ihnen meinen Posten, sofern Sie ihn haben möchten.“

Natürlich wollte er ihn haben. Ich hielt ihm meine Hand hin. Ungläubig gab er mir seine. Eine Woche und viele Stunden organisatorischer Arbeit später, verließ ich das Gebäude als der Neue. Als neuer Mensch.

Schlusswort

Das war die Geschichte meiner Karriere, meiner kindlichen Träume, meines jugendlichen Willens, meines jungen Ehrgeizes, meines großen Erfolges und meines plötzlichen Abschieds. Vielleicht war es auch die meines beruflichen Scheiterns, meines Versagens Kind und Karriere, Ich-sein und erfolgreich sein, zu vereinen. Mag sein. Zweifellos war es jedoch keine Geschichte des persönlichen Scheiterns, sondern ganz im Gegenteil, die des persönlichen Glücks. Hätte man mir als ambitionierter Student erzählt, dass ich eines Tages meinen Traumjob aufgeben würde, um mich dem Vaterdasein zu widmen, hätte ich natürlich kein Wort davon geglaubt. Ich hätte diese Option für unmöglich gehalten. Und genau das ist der Grund, weshalb mich meine Entscheidung entgegen aller Kritik und Verwunderung letztlich stolz macht. Ich bin kein Student mehr, habe mich darauf eingelassen, vom Leben zu lernen und es gewagt meinen Gefühlen und Gedanken Raum zu geben, sie ernst zu nehmen und eine unkonventionelle Entscheidung zu treffen. Unkonventionell deshalb, weil ich, wie ich mich kannte, niemals so entschieden hätte. Ich habe mich getraut dazuzulernen und mich von alten Idealen zugunsten eines glücklichen Lebens zu verabschieden – ein Schritt, der für Kinder alltäglich ist, der von Erwachsenen allerdings nur selten gegangen wird.

Für mich persönlich war die Entscheidung definitiv die richtige. Trotzdem – und das ist mir wichtig zu betonen – handelt es sich dabei nicht um die Lösung des vorliegenden Problems. Persönlichkeiten, wie mein mutiger Nachfolger, echte Vorbilder, geben die Richtung vor, in die wir uns gemeinsam aufmachen sollten.

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Tag der Veröffentlichung: 13.12.2012

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