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Es dunkelte. Die Schatten der Nacht hatten sich zwischen den Bäumen nieder gelegt und gelbe Tieraugen leuchteten daraus hervor.
Sein Atem ging schnell, schlug Wölkchen in die Luft. Stechend kalte Luft stricht ihm über die Wangen. Das Herz hämmerte, als wollte es ihm aus der Brust springen. Denn er rannte. Wirbelte trübes Herbstlaub auf und stieß an die Grenzen seiner Kräfte. Rannte, rannte, immer nur fort.
Stimmen riefen ihm hinterher. „Kehre um, dir wird nichts geschehen.“
Mit einem Kopfschütteln versuchte er, sie zu verdrängen, verlor dabei beinahe das Gleichgewicht.
Niemals. Nicht er und schon gar nicht jetzt.
Seine Finger waren bleich ob der Kälte, der wollene Wams feucht und erwärmt von seinem schwitzenden Körper.
Die Blätter tief hängender Äste schlugen ihm ins Gesicht und er schmeckte Holz.
Fort, fort, nur immer fort.
Irgendwo hoch über den Blätterkronen mochten sich die Sterne zeigen.
Ein schmerzhaftes Stechen in der Seite zwang ihn, langsamer zu werden. „Kehr um“, rief es ihm zu.
Nach Atem ringend blieb er schließlich stehen, legte die Hand an die schmerzende Seite und erstickte beinahe bei dem Versuch, allzu gierig nach Luft zu schnappen.
Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören. Wie sein verängstigtes Herz es durch den ganzen Körper pumpte.
Oh, sein Herz.
Geruch von nassem Laub legte sich um ihn und die bleichen Baumpilze waren alles, was er in der Dunkelheit erkennen konnte, als er sich an einen Baum lehnte.
Ein Käuzchen schrie und eine zögerliche Windböe brachte das an den Bäumen verbliebene Laub zum rascheln, als wälze sich ein Wesen aus Luft hindurch.
Mühsam zwang er sich, nicht allzu laut zu keuchen, schloss den Mund und ganz langsam beruhigte er sich wieder. Das Stechen blieb, ebenso wie sein rasendes Herz.
Mit eisigen Fingern fuhr er sich über da glühende Gesicht, strich sich Strähnen seines braunen Haares aus dem Mundwinkel.
Langsam ließ er sich am Stamm zu Boden gleiten, scherte sich nicht darum, dass die moosige Rinde dreckig grüne Streifen auf seinen Gewändern hinterlassen mochte.
Das hämmernde Herz in der Brust versuchte er in den Wald hinein zu lauschen. Zweige knackten und Äste knarrten, weil der Wind sie sanft wiegte. Laub raschelte.
Er musste weiter. Nur immer fort.
Widerwillig gegen sich selbst stemmte er sich in die Höhe und tappte weiter.
Was war sein Leben einfach gewesen. Vorher.
Durchschnittlich, das mochte sein, aber es hatte ihn zufrieden gestellt. Einen Beruf hatte er erlernt, war als Geselle umher gezogen und nun zurückgekehrt.
Hätte er zuvor gewusst, dass ihn das Ende seines unbeschwerten Lebens erwartete, er hätte es sich zweimal überlegt.
Kalter Wind strich ihm um die Nase, er wagte wieder längere Schritte. Das Stechen in der Seite ließ langsam nach.
Gedanken verfolgen ihn, ebenso der Funken eines schlechten Gewissens.
Er hatte es tun müssen. Hätte sich nicht anders zu helfen gewusst, als fort zu laufen. Nur immer fort. So weit ihn die Beine trugen, hatte er sich gesagt. Meile um Meile, bis die Erschöpfung ihn übermannte. Weit entfernt davon war er nicht mehr.
Nur immer fort von dem, was er hinter sich lassen wollte, eigentlich nie vor sich hatte kommen sehen. Seine Schritte wurden schneller und die Glieder schmerzten.
Wie töricht war er gewesen zu glauben, nichts könnte ihn aus der Bahn werfen. Nicht ihn, wie er als junger Mann in der Blüte seiner Kraft stand, zu Fall bringen. Und doch...
Nur immer fort wollte er. Fort von dem Straucheln. Dem Versagen seines Lebensplanes.
Sein Fuß blieb an einem am Boden liegender Baumstamm hängen und wollte ihn nicht wieder hergeben. Die Hände voran landete er in erdigem Eichenlaub. Nur kurz verharrte er, ehe er sich wieder aufrappelte.
Diese Bilder, Gedanken wollte nicht aus seinem Kopf.
Ein Häuschen in der Dämmerung und ein hell erleuchtetes Fenster.
Gefangen, fuhr es ihm durch den Kopf. Das durfte doch nicht sein. Nicht er, der er die Freiheit liebte.
Um nichts in der Welt, hatte er sich einst gedacht.
Er rannte nun nicht mehr, war zu ausgezehrt um weit auszuschreiten. Laub raschelte unter seinen schlurfenden Schritten. Nebel begann aufzusteigen, kroch wie Getier unter den alten Blättern hevor und legte sich gleich einer weißen Decke über den Waldboden.
Nur immer fort.
Gewiss würde er keinen guten Gefangenen abgeben. Er liebte seine Freiheit.
Sein Herz raste weiter, obgleich sein Atem sich schon lange wieder beruhigt hatte.
Weiter vor ihm gaben die Baumkronen den Blick auf den Himmel frei. Er blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken.
Inmitten vereinzelter Wolkenfetzen glitzerten die Sterne. Gleich Schneeflocken auf schwarzem Samt, dem Spiegelbild vieler Fenster in einem nächtlichen See. Oder wie das Glänzen ihrer dunklen Augen.
Er horchte in sich hinein, hörte sein Herz wie wild hämmern und das Blut rauschen. Sein Kopf schrie weiter. Fort, immer weiter fort.
So war es wohl. Er floh, rannte, hatte Angst. Vielerlei Ängste zu verlieren, was ihm zuvor das Liebste auf der Welt gewesen war. Tun und lassen zu können, was ihm gefiel. Wenn er nun aber zurück kehrte...
Die Schatten hinter ihm schienen schwärzer zu werden, sodass er seine Schritte wieder beschleunigte. Diesmal jedoch zielstrebig. Nicht nur immer einfach fort, er wusste nun vielmehr wohin. Sein dummes Herz hatte ihm den Weg gewiesen. Hatte die Freiheit ausgeschlagen und ihn geleitet.
Von der Hitze der Anstrengung dampfend stand er nun da, umringt von Nebelschwaden und besah sich, wohin ihn seine kopflose Flucht geführt hatte.
Nun zögerte er nicht mehr, trat mit kräftigen Schritten aus den schützenden Schatten des Waldes hervor. Vor ihm lag das äußerste Häuschen des Dorfes. Ein Fenster war hell erleuchtet.
Dort in dem Licht war das, wovor er fortgelaufen war. Oder vielmehr war es die Vorstellung dessen gewesen, was ihn erwarten könnte.
Mit immer noch pochendem Herzen trat er vor die Tür und klopfte an.
Wie konnte er selbst es anders wollen. War doch er selbst von hier fort gelaufen und hatte sich doch in einem weiten Bogen zurück tragen lassen von seinen treuen Füßen.
Vielleicht war da gar nicht so viel, wovor es sich zu fürchten lohnte. Vielleicht...
Dann öffnete sie endlich die Tür und aller Zweifel fiel von ihm ab. Jetzt, da sie endlich vor ihm stand. Mit großen, glänzenden Augen sah sie ihn an, lächelte unentschlossen und bat ihn zu sich hinein. An ihre Seite.
Es stimmte, er verlor einen Teil seiner Freiheit, wenn er sich ganz und gar ihr versprach. Doch davon wollte er nicht länger davon laufen. Dieses eine Mal mochte er es getan haben, doch wie könnte ihn der Gedanke jemals wieder ereilen.
Hier bei ihr hatte er alles, wonach es ihn in seinem tiefsten Inneren verlangte. Und sein Herz würde ihn immer wieder hierhin zurück geleiten, sollte er es doch einmal vergessen.
An die Seite seiner einzig wahren Liebe.

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Texte: Erdbaerchen
Tag der Veröffentlichung: 23.10.2012

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