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Prologue

Das Kind schrie laut – elend laut. Es wollte nicht aufhören. „Endlich schreit es!“, sagte die Hebamme und drückte es der Mutter an die Brust. Dann war es wieder ruhig. Es zog und zog. Marie wollte nicht hinsehen, nicht wissen, was es tat.      Kein Kraft, nur Schmerz. Fast so schlimm wie am Anfang.

Die Glocken des Kirchturms läuteten Mitternacht. Wie lange hatte es gedauert? Zulange. Marie wusste es nicht. Am gestrigen Tag war sie in Altenburg angekommen, am ersten Weihnachtsfeiertag. Der stechende Schmerz in ihrem Rücken setzte ein, als sie die Schwelle zum Haus ihrer Mutter betreten hatte. Sie war gefallen. Und dann immer wieder Schmerzen, Gebrüll, Blut. Ihre Mutter stand mit vorwurfsvollem Blick in der Ecke der Kammer. Wer war noch alles dabei? Wer noch hat ihre Schande mit angesehen? So war das alles nicht geplant. Nichts war je so geplant gewesen. Heimlich wollte sie hierherkommen und im Verborgenen bei ihrer Mutter das ungewollte Kind zur Welt bringen.

     Das Kind. War es ein Junge oder ein Mädchen? Marie war das egal. Das Kind von ihm. Der Ball. Der preußische Offizier mit den blonden Locken, dem Schnauzer und den unglaublich blauen Augen. Sie war fasziniert gewesen. Er hat viel mit ihr getanzt. Es war ein schöner Abend gewesen - bis dahin.

Tränen rollten über ihre von der Anstrengung blassen Wangen. Er war ihr nachgegangen. Sie wollte doch nur frische Luft schnappen. Im Saal war es so warm gewesen. Er ist ihr hinterher und dann... Nein, sie wollte daran nicht mehr denken.

     Einige Wochen später beim Tee mit den anderen Frauen. Ihr war so übel geworden. Da wusste sie, dass der Ball erst der Anfang war. Danach war sie kaum noch aus dem Haus ihrer Tante gegangen. Die Leute hätten es bemerkt. Eine Sommergrippe, so hatte sie es ihren Freundinnen geschrieben, die immer wieder fragten, warum sie nicht mehr zum Tee vorbeikommen und die schönen Bälle auslasse. Tante Pina hat nicht gefragt.  Tante Pina hatte sich noch nie für irgendwas interessiert, was die Tochter ihrer jüngsten Schwester betraf. Es war zwar ihre gesellschaftlich notwendige Pflicht, sie aufzunehmen, damit sich in Berlin ein angemessener Ehemann für ihre Nichte fände. Mehr aber auch nicht.

     Den Bauch hatte Marie unter bauschenden Röcken versteckt. Die Dienstboten hatten natürlich nichts gesagt. Warum auch. Den Sommer und den Herbst über hatte Marie sich so versteckt. Aber sie hat gewusst, dass das Kind irgendwann raus musste. Es würde ein Skandal geben. Kein anständiger Mann würde sie mehr als Ehefrau akzeptieren. Ein Bastard ohne Vater. Eine befleckte Frau.

     Altenburg. Das war weit genug weg. Als junges Mädchen hatte sie es gehasst, bei ihrer Mutter und derem zweiten Mann in Altenburg aufwachsen zu müssen. Auch ihre Mutter fand es dort fade, nachdem sie jahrelang in Potsdam in besseren Kreisen verkehrt hatte. Aber nach dem frühen Tod von Maries Vater und den vielen Spielschulden, die er hinterlassen hatte, hatte ihre Mutter kaum eine Wahl gehabt. Und so hatte sie sich mit einem Leutnant aus dem Gefolge des Herzogs von Sachsen-Altenburg verheiratet. Altenburg war eine schöne Stadt, aber Marie hatte die vielen Feste vermisst und ihre drei Brüder. Die waren alt genug gewesen, um im Militär unterzukommen. Nach ihrem 16. Geburtstag durfte sie dann endliche zu Tante Pina ziehen.

     In Berlin hatte sie sich schnell eingelebt. Ihre Brüder hatten sie oft besucht. Insbesondere der dreißigjährige Friedrich hatte sich anfangs gut um sie gekümmert. Seine Frau war weithin bekannt und führte sie in die Gesellschaft ein. Friedrich zeigt ihr die Stadt und gemeinsam unternahmen sie Ausflüge ins Umland. Und dann kam dieser vermaledeite Abend auf dem Anwesen eines befreundeten Ehepaares. Sie hatte so schön getanzt und jetzt lag sie hier. Ein fremdes Kind an ihrer Brust. Sie wagte nicht, es anzusehen. Irgendwann fielen ihr die Augen zu.

     Sie hatte einen Entschluss gefasst. Sie würde es beenden.

Neujahr 1889

Müde zog Annie ihre Stiefel aus. Nachtschichten an Silvester. Sie war hundemüde. Nur noch ins Bett. Sie hörte Julius Schnarchen durch die Tür zwischen Flur und Schlafraum. Einen Schluck Tee brauche ich noch, dachte sie, und holte eine Tasse aus dem Küchenschrank. Wie so oft war die Küche unordentlich. Der Abwasch vom Abendbrot stand immer noch da. Soviel zur Aufgabenteilung, flucht Annie innerlich. Aber sie hatte es ja gewusst. Nur weil sie arbeiten ging, hieß das nicht, dass Julius nur einen Handschlag mehr im Haushalt machte. In solchen Momenten hasste sie es, eine Frau zu sein. Es gab noch mehr solcher Momente. Dass er als Mann viel im Haushalt machen würde, damit hatte sie ohnehin nicht gerechnet. Sie war ja schon froh, dass Julius nicht mehr trank. Und genaugenommen machte er weitaus mehr, als alle anderen Männer, die sie kannte. Sie war zu müde darüber weiter nachzudenken. Sie trank den letzten Rest Tee und schlich ins Bett. Sie hatte kaum den Kopf aufs Kissen gelegt, da schlief sie schon.

     Der Duft von gebratenen Eiern ließ sie blinzeln. Sie rieb sich die Augen. Fahles Sonnenlicht drang durch die Fensterläden. Aus der Küche hörte sie eine leise gepfiffene Melodie. Sie lächelte. Das liebt sie an ihm. Morgens war er immer gut gelaunt.  Sie hörte, wie er Tassen und Teller auf ihren kleinen Tisch stellte und sich unter seine Melodie das Pfeifen des Wasserkessels mischte. Dann muss ich wohl aufstehen, dachte sie. Sie kuschelte sich nochmal unter die Bettdecke. Die paar Stunden Schlaf seit sie vom Dienst zurückgekommen war, hatten nicht gereicht und unter den Daunen war es so schön warm. Sie hatten zwar einen Kohleofen und Julius hatte vermutlich auch schon angeheizt. Aber gegen die winterliche Kälte, die durch die Fenster drang, konnte auch der beste Ofen nicht ankommen.

     Ein brauner Lockenkopf und Bartstoppel am Kinn – Julius stand im Türrahmen und blickten grinsend ins Schlafzimmer. Unter der dicken Decke sah Julius nur einige wenige blonde Strähnen hervorlugen. Auf Zehenspitzen schlich er sich an und legte sich vorsichtig neben seine wunderhübsche Frau. Was für ein Glückspilz ich doch bin, dachte, als er vorsichtig die Bettdecke von ihrem Gesicht schob und ihr einen weichen Kuss auf die Lippen setzte. „Guten Morgen, meine Königin, Frühstück ist fertig!“, flüsterte er. Sie blinzelte. „Dann muss ich wohl aufstehen.“, lächelte sie ihn an. Julius nickte nur und ging pfeifend in die Küche. Annie stellt vorsichtig einen Fuß auf die Bodendielen. Brrh, kalt. Unter dem Bett fand sie ihre Pantoffeln. Sie zog sie an und schnappte sich die Wolldecke, die auf dem Stuhl neben dem Bett lag. Eingemummelt in die Decke und mit warmen Füßen in den Pantoffeln ging sie in die Küche. Julius saß schon, Tee schlürfend, am Tisch. Seine Füße barfuß auf den kalten Dielen, nur in Unterhemd und Hose.

     „Bei dir ist wohl schon Sommer ausgebrochen?“, lächelte sie ihn an. Ihm war immer warm, Sommers wie Winters. Die Wohnung duftete wunderbar nach gebratenen Eiern. Annie sah sich in der Küche um. Der Abwasch vom Vortrag war gemacht und an ihrem Platz standen Schrippen, Eier und eine dampfende Teetasse. Sie ging zu Julius und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Er zog sie auf seinen Schoß und ließ ihren Mund nicht mehr los. Sie kuschelte sich an ihn. Er war schön warm. Dann knurrte ihr Magen. Sie hatte seit gestern Abend nichts mehr gegessen und es war bestimmt schon zehn Uhr. Julius ließ von ihr ab.

      „Nu iss erst mal was, meine Königin!“, sagte er und zeigt auf den gedeckten Tisch. Annie ließ sich das nicht zweimal sagen. Genießerisch biss sie in die frischen Brötchen und aß die gebratenen Eier. Zwischen den Bissen fragte sie: „Sind das die letzten Eier?“ Julius nickte nur. Sie würden demnächst wieder raus zum Hof ihrer Eltern fahren müssen, um Nachschub zu besorgen. Morgen vielleicht. Morgen wäre ein guter Tag. Heute war Julius in der Kaserne verabredet.  Julius würde nachher einige Leute treffen und mal sehen. Es wird sich schon was finden. Vielleicht hatte Oliver wieder einen Auftrag für ihn. Irgendein Oberst, der vermutete, dass seine Frau fremdging oder ähnliches. Ihre Arbeit als Telefonistin brachte zwar Geld für den Unterhalt der Wohnung und für Nahrungsmittel ein. Alles, was darüber hinaus ging – Kleidung, Fahrkarten und ein Besuch im Café.

 

     Sie hatten die Stelle angenommen, als es Julius ganz schlecht ging und sie sich nicht anders weiterzuhelfen wusste. Ihre Eltern oder gar ihre Schwiegereltern um Geld zu bitten, das kam damals für sie nicht Frage. Julius ging es jetzt deutlich besser und sie waren über die Runden gekommen. Das war das einzige, was zählte.

     Julius lag letzter Fall drei Monate zurück und die Rücklagen aus dieser Zeit waren bald aufgebraucht. Er brauchte dringend neue Aufträge.

     „Worüber denkst du nach?“, fragt Julius sie.

„Dies und Das“. Annie beschloss nicht über ihr finanzielles Problem zu sprechen.

     Erst vorgestern hatten sie sich wieder darüber gestritten, vor allem, weil Julius nicht so sehr begeistert davon war, dass seine Frau arbeiten ging. Wohl hatte er verstanden, dass es eine Zeit gab, in der Annie keine andere Wahl gehabt hatte, als sich in der Telefonzentrale zu verdingen. Doch jetzt war es etwas anderes. Arbeiten gehen - das war etwas für unverheiratete Frauen und außerdem hätte er ja Geld und könne ihr ein sehr gutes Leben als Frau von Trampe bieten. Annie wollte das nicht. Sie war noch nicht wieder soweit.

„Was ist denn Dies und Das, meine Königin?“, hakte Julius nach und wischte sich grinsend Milch aus seinem Schnauzer. „Zum Beispiel, dass du jetzt losmusst und ich auch noch einiges zu erledigen habe.“, erwiderte sie, stand auf und gab ihm über den Tisch hinweg einen Kuss. Julius grinste noch mehr.

 

      Die Sonne schien zwar, aber ein kalter Wind pfiff um die Häuser. Sie zog ihren Schal fester um den Hals.  Es war bitter kalt draußen. Dagegen war ihre Wohnung richtiggehend warm gewesen, dachte Annie. Am Droschkenstand gab es einen kleinen Blumenladen. Die Rosen, gut eingehüllt in dicke Lagen Papier, waren natürlich unerschwinglich für sie. Das konnten sich nur die edlen Herren für ihre feinen und unfeinen Damen leisten. Annie kramte in ihrer Manteltasche. Ihre Pfennige reichten gerade für ein kleines Gebinde Trockenblumen. Besser als nichts, dachte sie während sie der Verkäuferin – ein Muttchen mit Kopftuch und tiefen Furchen im Gesicht - die Pfennige in die knorrige Hand legte.

     An seinem Todestag würde sie wieder Sonnenblumen kaufen und ihm auf sein winziges Grab legen. An seinem Geburtstag würden es immer nur Winterblumen sein. Sie atmete tief durch und setzte ihren Weg fort. Der Wind pustete ihr Kopftuch beiseite, als sie den schützenden Stadtbereich verließ. Die letzten Minuten über den Sandweg zum Friedhof waren besonders kalt. Sie zog Mantel und Kopftuch noch enger. Sanft wehte der trockene Sand über den Weg, während sie raschen Schrittes über den Pfad eilte.

     Die Mauer des Friedhofs hielt den eisigen Wind nur etwas fern. Aber es war ruhig hier hinten. Wie sollte es auch anders sein. Es war ein Friedhof. Eine ältere Frau lief gebückt an einer Grabreihe entlang und wischte Staub von mehreren Steinen. Annie ging in die hinterste Ecke. Dort wo die kleinen Gräber waren. Auf einen Stein hatten Julius und sie verzichtet. Das hölzerne Kreuz begann schon zu verwittern. Dabei war Jans Beerdigung doch kaum ein halbes Jahr her. Seufzend legte sie den Strauß auf den winzigen Grabhügel. Vor sechs Monaten war es das erste Grab in dieser Reihe gewesen. Zehn weitere kleine Opfer hatte der nasse Spätsommer gefordert. Es war das Fieber gewesen, der rote Hals, die Schmerzen in allen Gelenken. Das Fieber, dass ihren Sohn, der kaum gelebt hatte, so früh von ihr genommen hatte. Sie hatte gewusst, dass Kinder oft früh starben. Aber warum ihr erster Sohn? Er war so ein friedlicher Säugling gewesen. So fröhlich und sie waren glücklich gewesen. Und dann… Annie wischte die Gedanken beiseite. Es half nichts.

     Von den vier Kindern ihrer älteren Schwester hatten bisher auch nur zwei überlebt. „Die kleinen Wurschtel sind halt anfällig.“, hat sie gesagt. „Da kann man nichts machen. Es ist das Los einer Frau, darüber hinwegzukommen.“, hatte Lou gesagt, als sie den kleinen Jan zu Grabe getragen hatten.     Annie konnte es nicht, konnte nicht darüber hinwegkommen. Sie konnte nicht einfach so vergessen. Sie wusste, dass es Zeit brauchte, aber es tat weh - immer noch.

     Auch Julius hatte darunter gelitten. Er war zu dieser Zeit mit seiner Einheit in Mecklenburg gewesen. Die Nachricht von Jans Tod hatte ihn erst Tage später erreicht. Als er zuhause angekommen war, war alles schon vorbei gewesen. Kein Kind mehr. Nur noch Trauer. Trauer, die er in Schnaps ertränkte – viel Schnaps, zu viel.  Er hatte nicht randaliert, wie viele andere, die dem Alkohol verfallen. Die vom Kummer herrührende Lethargie hat er durch den Alkohol lediglich verstärkt. Er war kaum noch aus dem Haus gegangen, hatte seine Dienstzeiten verschlafen. Sein ihm vorgesetzter Offizier hatte dafür keinerlei Verständnis. Der Suspendierung folgte die Entlassung.

     Damals hatte Annie begonnen, als Telefonistin zu arbeiten – des Geldes wegen und damit sie nicht die ganze Zeit trauernd zuhause saß. Es war nicht ganz einfach gewesen als verheiratete Frau, eine Anstellung zu bekommen. Eine gute Schulbildung war Annie dank der politischen Vorstellung des Grundbesitzers – Julius Vater, bei dem ihr Vater Pächter war, - zuteil geworden. Diese Voraussetzung, als „Fräulein vom Amt“ zu arbeiten, war nicht das Problem gewesen. Die Zeugnisse konnte sie vorweisen. Aber üblicherweise wurden nur unverheiratete Frauen eingestellt. Ihr Arbeitgeber glaubte bis heute, dass Annie ledig war. Und Annie hätte Julius beinahe tatsächlich verlassen. Damit, dass er sich völlig hängen gelassen hatte, war sie nicht klargekommen. Das war nicht mehr ihr Mann. Sie hatten sich viel gestritten damals. Und das hat ihn zur Besinnung kommen lassen. Den Schnaps und auch anderen Alkohol rührte er jetzt nicht mehr an.  „Kein Alkohol mehr - nie wieder!“, hat er ihr geschworen. Und er hat sich darangehalten.

     Sie waren übereingekommen, dass sie keine weiteren Kinder haben wollen. Zu sehr hatte der Verlust des ersten Kindes ihnen zugesetzt. Zumindest bis Annie sich sicher war, dass Julius sich wieder vollständig gefangen hat, wollten sie warten. Irgendwann im Herbst kam dann das erste Angebot, eine private Ermittlung zu machen. Ein Abgeordneter der liberalen Partei brauchte Informationen zu einem gewissen Oberst, der zufällig Julius ehemaliger Vorgesetzter gewesen war. Und dann kamen weitere Aufträge. Das half. Vor allem – so glaubte Annie fest – half es Julius über die Trauer und vom Schnaps wegzukommen.

     Annie sprach ein kleines Gebet.  Sie betrachtete abermals das verwitternde Kreuz. Zeit heilt alle Wunden, sagte man. Zeit lässt vor allem die Erinnerung verblassen, dachte Annie, ehe sie sich wegdrehte. Der Friedhof war menschenleer. Die alte Frau mit dem Wischlappen war weg. Auch sie sollte nach Hause gehen, Mittag kochen und sich dann hinlegen. Bis zur nächsten Schicht auf dem Amt sollte sie ausgeruht sein.

 

     Julius saß bereits am Küchentisch. Zeitungen vor sich ausgebreitet. „Hast du Erfolg gehabt?“, fragt sie ihn, während sie eine Topf Wasser auf den Herd setzte. Er schüttelte den Kopf. Die Jungs haben keine Neuigkeiten für mich und in dieser Stadt ist momentan nicht viel los. Nur das Militär stockt wieder auf“. Annie zog ihre linke Augenbraue hoch. „Heißt das, dass sie dich wiedereinstellen müssen?“ fragt sie ihn. „Kann sein. Ich hoffe nicht. Mit denen habe ich abgeschlossen.“, antwortete er. Das konnte Annie gut verstehen. Sie erinnerte sich noch zu gut daran, wie sie ihn damals behandelt hatten. Auch eine Ursache dafür, dass es ihm so schwer gefallen war, die Traue um ihren Sohn zu verarbeiten.   Zwei Tage Urlaub hatten sie ihm gegeben, damit er nach dem Tod seines Sohnes nach Berlin fahren durfte. Und dann sollte er wieder antreten, als ob nichts gewesen wäre. Sein feiner Offizier. Zwei Tage. Das reichte kaum, um diesen sinnlosen Tod zu verstehen. Annie schüttelte den Kopf. Es gab ja kein weiteres Kind. Also konnte er genauso gut wieder zum Militär gehen und Sold mit nach Hause bringen, statt untreue Ehefrauen zu beschatten. Dafür war er den Herren Offizieren dann noch gut gewesen. Spionieren und so. Immerhin bezahlten sie dafür. Offensichtlich gab es aber gerade keine untreuen Ehefrauen. Sonst hätte er heute bessere Nachrichten.

     Sie schüttete die Bohnen in den Topf. Während die kochten, wollte sie die Zeitungen durchblättern. Am liebsten war ihr ja die Gerichts-Zeitung. Auch wenn Annie sonst ein friedliebender Mensch war, die Berichte aus den Gerichtsprozessen, das war für sie immer spannender als jedweder Klatsch und Tratsch auf dem Markt. Sie schlug die Zeitung auf. Eine Betrügerin, die eine ahnungslose Witwe um Geld und Schmuckstücke gebracht hat. Das übliche. Eine … Oh, eine Frau aus der höheren Gesellschaft, die sich in Altenburg vom Rathausturm gestürzt hat. Das ist ja mal interessant. Was da wohl dahinter steckte? Eine unerfüllte Liebe?   

     Vor lauter Grübelei wären Annie beinahe die Bohnen angebrannt. Rasch goss sie Wasser nach. Julius reichte ihr die geschälten Kartoffeln und die gehackten Zwiebeln. Einen kleinen Kanten Speck hatten sie auch noch. Kein Festmahl, aber es würde sattmachen. Morgen würde sie auf dem Markt Hering bekommen. Aber heute mussten Bohnen genügen.

     Während sie den Eintopf löffelten, fragt Annie Julius nach dem Altenburg-Selbstmord. „Hast du mehr darüber gehört? Vielleicht gibt es ja jemanden, der mehr darüber wissen möchte“. Julius antwortete kopfschüttelnd: „Das ist zu weit weg. Ich glaub nicht, dass das hier irgendjemand interessiert.“ „Aber warum steht das dann bei uns in der Zeitung? Ich wette, da steckt mehr dahinter“, erwiderte Annie. „Ich kann mich ja mal umhören.“, seufzte Julius.

     Diese Art von Geschichten war ihm zuwider. Gerade aus der „höheren Gesellschaft“. Da ging es immer nur um „Fräulein von und zu sowieso hat gestern mit Leutnant soundso getanzt. Ein Skandal!“ Dieses ganze Gewäsch. Das kommt davon, wenn die Frauen nichts Sinnvolles zu tun haben - wie zum Beispiel ihre verzogenen Gören zu erziehen, dachte er und verzog das Gesicht. Und die Männer hingen ohnehin nur in den Kasernen herum oder in irgendwelchen Besprechungen, die keinen interessierten. Da er aber heute eh nichts Besseres zu tun hatte, konnte er genauso gut versuchen, etwas über diesen Selbstmord herauszufinden. Und Annie hatte recht: wenn es sich um eine Ehebruchgeschichte oder dergleichen handelte, gab es eventuell jemand der mehr darüber wissen wollte und bereit war, für dieses Wissen Geld auszugeben. Zumindest den Namen der Frau könnte er mal herausfinden und dann, wer ein mögliches Interesse an zusätzlichen Informationen haben könnte, überlegte Julius.  Er stand auf. „Ich zieh jetzt nochmal los und du legst dich noch ein bisschen hin?“, fragt Julius Annie. Annie nickt nur, während er ihr einen schnellen Kuss in den Nacken gab. Er zog sich seinen Mantel an. Annie blickte ihm nur kurz nach, während er die Wohnungstür schloss. Sie musste gähnen. Die Nachtschicht würde bestimmt wieder anstrengend werden. Also besser sie geht jetzt gleich ins Bett. Julius würde sie rechtzeitig wecken. Aber meist reicht auch die Turmuhr der Kirche an der Ecke. Schnell räumte sie noch das Geschirr in die Spüle. Dann zog sie Rock und Bluse aus. Sorgfältig legte sie die Sachen auf den Stuhl und kroch unter die Bettdecke.

 

     Diesmal weckte sie das Schloss an der Wohnungstür. Es knarzte immer noch, obwohl Julius es bestimmt schon dreimal geölt hatte. Es war noch zu früh für ihre Schicht. Da sie jetzt aber wach war, konnte sie genauso gut aufstehen. Sie reckte sich. Es war immer noch kalt. So schnell es ging zog sie Rock und Bluse an, um kein bisschen von der Bettwärme zu verschwenden. Sorgfältig kämmte sie ihr Haar und steckte es hoch. Ihr Arbeitgeber legte sehr viel Wert auf ein „angemessenes äußeres Erscheinungsbild“, obwohl keiner ihrer Kunden sie jemals sah. Alle hörten bloß Stimmen in der Leitung. Und in der Zentrale saßen außerdem seit einiger Zeit ohnehin nur Frauen, da die hohe Stimme der Frauen besser zu verstehen war als die der Männer. Ihr Vorgesetzter war der einzige Mann in der Zentrale. „Das Äußere bestimmt das Innere und das merken die Kunden, wenn sie anrufen. Und immer schön lächeln, die Damen“, pflegte er zu sagen. Annie musste dann immer grinsen – vor allem, wenn sie seine schiefe gebundene Krawatte betrachtete. Könnte gut sein, dass er mit diesen eigenartigen Allüren aber lediglich die Stimmung der Telefonisten heben wollte, die trotz schlechter Bezahlung mit einer freundlichen und zuvorkommenden Stimme, die Telefonate annehmen und weiter verbinden sollten.

     Wo waren den bloß die Klammern? Annie wühlte auf ihrer Kommode herum. Kaffee wäre jetzt gut. Aber den letzten Rest hatten sie letzte Woche aufgebraucht. Und bevor Julius keinen neuen Auftrag hatte, wollten sie sich keinen neuen leisten. Kaffee war derzeit noch teuer - trotz der zunehmenden Geschäfte preußischer Händler mit den Kolonien in Übersee. Sie riss sich zusammen. Zuhause hat es auch nie Kaffee gegeben und Vater und Mutter mussten jeden Tag vor Sonnenaufgang raus.  „Das trinken nur die in die Stadt“, hatte Tante Martha oft gesagt, ehe sie zum Kuhstall melken gegangen war. Kaffee hat Annie dann auch zum ersten Mal gekostet als sie Julius damals in Berlin besucht hatte. In eine elegante Konditorei im Nikolaiviertel hatte er sie eingeladen. Zierliche Torten, Küchlein und süßes Gebäck lagen dort in der Auslage. Mit offenem Mund hatte sie davorgestanden und sich nicht entscheiden können. Julius hatte dann bestellt. Croissant und Kaffee für sie. Milchkaffee für ihn. An den Geschmack des Gebäcks konnte sie sich kaum erinnern. Süßes war ohnehin nie ihre Sache gewesen. Aber der Kaffee. Sie liebte die schwarze Brühe bis heute. Er hat sie bedeutungsvoll angesehen, als ob er geahnt hatte, dass sie Gefallen an Kaffee finden würden. Und dann hat er sie gefragt, ob er ihr jeden Tag würde Kaffee kaufen dürfen. Sie liebte das braune Gebräu. Während andere Frauen aus ihrem Freundeskreis, lieber Schokolade tranken, musste es für Annie Kaffee sein - ganz schwarz ohne Milch und ohne Zucker. Julius hatte gescherzt „so schwarz wie deine Seele“. Er trank ihn mit mehr Milch als Kaffee. Und dann gab er ihr immer einen Kaffeekuss. So nannte sie das.       Sie träumte schon wieder. Diese unbeschwerte Zeit. Sie war jetzt „die, in der Stadt“ und so schön wie ihre Tante das beschrieben hatte, war es hier auch nicht.  Es war immer laut und die schönen Sachen konnte sich auch nur leisten, wer das Geld hatte. Immerhin mussten sie nicht in irgendeiner schäbigen Baracke wohnen. Ihre Wohnung war groß genug. Es hatte sogar zu dritt gereicht.

     Sie fand die Haarklammern und ging in die Küche. Dort schmierte sie sich ein Butterbrot. Julius saß schweigsam über einige Notizen gebeugt.  „Irgendwas Neues?“, fragt Annie ihn. Erschrocken hob er den Kopf und sah sie an. Seine braunen Locken wippten dabei um seinen schmalen Kopf. „Äh, nein bisher nicht. Wann musst du los?“ „Lenk nicht ab, du weißt, wann ich losmuss.“, erwiderte Annie, die dieses Spielchen schon kannte. Er wusste mehr, als er zugab. Sie sah es am Zucken seiner Oberlippe. Aber warum wollte er ihr nicht erzählen, was er herausgefunden hat. Nun, bisher hat sie ihm noch jedes Geheimnis entlockt. Julius seufzte: „Vor dir kann man auch wirklich nichts verbergen. Wusstest du eigentlich, dass es einen offiziellen Einberufungsbeschluss gibt? Im März wird wieder rekrutiert und…“ Er verstummt. Annie funkelte ihn böse an. Ablenkungsmanöver gescheitert.     „Also gut. Ich habe Gerüchte gehört. Mehr nicht. Die Witwe von Oberst von Mey ist vor einigen Jahren nach Altenburg gezogen - mit ihrer minderjährigen Tochter.“, berichtete er endlich. Annies Miene entspannt sich. Neugierig fragt sie: „Und weiter?“. „Na vielmehr weiß ich auch nicht, außer dass sie im letzten Jahr ihre Tochter für die Brautschau nach Berlin geschickt hatte. Viele Tänze hat sie wohl aber nicht besucht, sondern sich im Haus ihrer Tante zurückgezogen und kurz vor Weihnachten sei sie wohl spontan abgereist.“ Klatsch und Tratsch und Skandale.

     Julius klappte die Mappe zu, in der er die erhaltenen Informationen abgelegt hatte. Was interessierte es ihn, warum so ein reiches, verzogenes Gör abgehauen ist. Bestimmt hat ihr der Tee nicht geschmeckt oder irgendeine der anderen Damen hat Gerüchte über sie verbreitet oder irgendwelche anderen nichtigen Geschichten. Annie schaute ihn weiter fragend an. „Mehr weißt du nicht?“ Julius schüttelte bedauernd den Kopf. „Oliver konnte mir nicht mehr erzählen. Altenburg ist halt schon ein bisschen was weg. Neue Aufträge hat er bisher auch noch nicht für mich. Aber es scheint, dass es demnächst die ein oder andere Sache geben wird, wo ich mir ein paar Mark verdienen kann.“ „Das wäre gut, Kaffee ist alle.“, grinste Annie, gab ihm einen Kuss und schnappte sich dann ihren Mantel. „Vergiss den Abwasch nicht!“, rief sie noch, als sie die Tür hinter sich schloss.

     Julius goss sich unterdessen noch eine Tasse Tee ein. Milch fehlte ebenfalls und Eier und er brauchte dringend neue Schuhe. Die alten waren schon ganz schön durchgelatscht.    Er hoffte inständig, dass die Blauen oder irgendeiner der Offiziere oder seinetwegen auch einer von den Abgeordneten mal wieder einen Rechercheauftrag für hätten.

 

     „Mit wem darf ich Sie verbinden?“ Annie rieb sich die Stirn. Das war der gefühlt hundertste Anrufer heute, der vergaß, was er sagen sollte. Die Leute waren es einfach noch nicht gewohnt, eine Frauenstimme im Amt zu hören. Frauen waren noch nicht durchgehend üblich in Telefonzentralen. Zuvor hatten diese Tätigkeit – wie in den meisten bezahlten Berufen – Männer inne. Daher waren Anrufer noch immer oft überrascht, eine Frau in der Vermittlung zu hören. Aber meist fingen sich die Anrufer gleich wieder. „Altenburg 7314, bitte!“ kam dann auch gleich die Antwort. „Einen Moment bitte, ich stelle die Verbindung her!“ erwiderte Annie und steckte die entsprechende Verbindung zusammen. Auf der anderen Seite meldete sich eine Frauenstimme. Annie gab nur kurz durch „Ein Gespräch für Sie!“ und legte die Hörverbindung ab.

     Manchmal fragte sie sich, warum die Leute so spät in der Nacht noch unbedingt Ferngespräche führen mussten. Annie selbst würde nachts lieber schlafen. Aber als Neue im Amt war sie zunächst für die Nachtschichten eingeteilt worden und so war es seither geblieben. Und im Grund genommen machte es ihr nicht so viel aus. Anschließend war sie dann so müde, dass sie ohne Schwierigkeiten einschlafen konnte – ohne grüblerische Gedanken. Ihre Kolleginnen hatten behauptet, in den Nächten sei nicht so viel los. In den Nächten, wo sie Dienst hatte, war aber immer viel los.     Während das Gespräch lief, sollte sie ihren Hörer weglegen und nur nach wenigen Minuten prüfen, ob das Gespräch noch lief. Sie nahm den Hörer wieder ans Ohr. Auf der Altenburger Leitung hörte sie ein Schniefen. Der Berliner Anrufer war auch noch zu hören. Offensichtlich hatten die Teilnehmer sich gerade nicht viel zu sagen. Ob sie mal nachfragen sollte, ob das Gespräch fortgeführt werden soll oder beendet sei? Annie hatte das Gefühl in einem sehr intimen Moment zu stören. Aber erstens war es ihre Aufgabe, beendete Gespräche rasch zu trennen, damit die Leitung frei war für die nächsten Anrufer. Und ein bisschen neugierig war sie auch. Was der Berliner Anrufer wohl gesagt hatte, dass die Altenburger Frau weinen musste? Dann fing der Mann wieder an zu sprechen.

     „Mutter, ich komme zu dir, sobald ich ein paar Tage frei bekommen, ja? Wir werden eine Lösung finden.“ Annie ahnte mehr ein nickendes Ja, so leicht war das „Ja. Danke.“ auf der anderen Seite zu hören. „Und Sie ist schon ...?“ fragt der Mann aus der Berliner Seite. Seine Stimme klang sehr belegt.  Das scheint es sehr trauriges Gespräch gewesen zu sein, schon bevor Annie mitgehört hatte. „Ja. Hinter der Friedhofsmauer. Ich konnte den Pfarrer nicht davon überzeugen, dass Sie…“, erwiderte die Mutter. „Ich komme sobald ich kann!“, unterbrach der Mann. „Ich muss jetzt los. Wachablösung. Ich melde mich.“ „Ist gut.“, seufzte die Mutter. „Fräulein, sie dürfen die Verbindung jetzt lösen. Das Gespräch ist beendet.“ Annie tat wie geheißen. In diesem Moment ging schon die nächste Klappe auf. Ein weiteres Gespräch. Annie stellte die Verbindung her.

     Diesmal verpasste sie fast das Ende des Gesprächs so sehr war sie in Gedanken versunken. Das Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Altenburg. Friedhof. Ob das was mit dem Selbstmord zu tun hatte, fragte sie sich. Möglich wäre es. Ein Grab außerhalb des Friedhofs - da gab es meist bei Selbstmorden. Es könnte die Mutter der Frau aus der Zeitung gewesen sein, die ihren Sohn in Berlin informiert hat. Das heißt, es gibt hier einen Sohn. Wer das wohl ist? Wachablösung - also jemand in der Armee oder bei der Polizei. Und wovon wollte die Mutter den Pfarrer überzeugen? Sie rekapitulierte die spärlichen Informationen aus der Zeitung. Die Frau war aus der höheren Gesellschaft. Das könnte passen, denn Telefone waren ein Luxus, den sich nur wenige leisten können. Also eher Adelige und wohlhabende Kaufleute – vielleicht noch einige Beamte. Im Militär gab es natürlich auch Apparate. In dem Artikel stand, dass die Frau von einem Turm gesprungen war – Kirchturm oder Rathausturm? Könnte es sein, dass die Mutter vermutete, dass es kein Selbstmord war, dass die Tochter versehentlich vom Turm gestürzt ist? Das kann durchaus auch passieren. Wieso ging das der Pfarrer von einem Selbstmord aus? Meist gab es doch Anzeichen dafür, dass jemand freiwillig aus dem Leben scheiden will. Hatte es offensichtliche Gründe für einen Selbstmord gegeben? Oder steckt da sogar mehr dahinter? Es könnte auch sein, dass jemand nachgeholfen hat, dass die Frau vom Turm gestoßen wurde. Ging es womöglich gar um einen Mord?      Die Gedanken lenkten sie ab. Und so ging die Schicht dann schneller vorbei also sonst. Als sie abgelöst wurde, schmerzten ihre Schultern von der unnatürlichen Sitzhaltung. Sie war froh über den Spaziergang nach Hause in der kalten Luft. Die Bewegung tat ihr gut. Und, als sie um drei Uhr morgens endlich in ihrer Wohnung unter die warme Bettdecke kriechen konnte, waren die Schmerzen verschwunden. Noch während sie sich in die warmen Daunen kuschelte, dachte sie, dass so eine Nachtschicht doch was Gutes hatte: Das Bett war schon von Julius, ihrem ganz persönlichen Ofen, vorgewärmt und außerdem gab es nachts manchmal sehr interessante Gespräche in der Leitung.

Mittwoch, 2. Januar 1889

Am nächsten Morgen wachte Julius noch vor Sonnenaufgang auf. Neben ihm lugte nur eine vorwitzige blonde Locke aus der dicken Bettdecke. Annie schlief noch tief und fest und Julius neidete sie, ob ihrer Fähigkeit überall und jederzeit schlafen zu können. Er schlich in die Küche und brühte sich einen Kräutertee auf. Anschließend setzte er sich an den Küchentisch und starrte aus dem Fenster. Wiedermal würde Annie den wunderschönen Sonnenaufgang verpassen. So sehr er es hasste, dass er fast jeden Tag so früh aufwachte, so sehr liebte er es am Morgen an seinem Platz in der Küche zu sitzen und aus dem Fenster zu beobachten, wie die Sonne sich langsam über die Häuserdächer von Berlin kämpfte und nach und nach die dunklen Gassen erhellte.

     Träumend sog er dem Dampf seiner Teetasse auf und blickte durch die schon wieder etwas schmuddeligen Fenster. Der Rauch aus der Fabrik nahebei, hatte sich bereits wieder auf das Glas und die mittlerweile weißgrauen hölzernen Fensterrahmen gelegt. Heute war ansonsten ein klarer Wintermorgen. Keine Wolke, kein Nebel, keine Dunstglocke verdüsterte den Blick über die Dachkanten der Häuser gegenüber. Ein erster Lichtstreif war bereits zu erkennen. Nur noch wenige Minuten, dann würde er das erste Rot der Wintersonne sehen. In diesen Momenten stand für Julius die Welt still. Alle Sorgen, alle Trauer verflog. Die Kraft der Sonne würde ihm nach langer finsterer Zeit wieder Mut für den Tag geben. So hielt er es seit letztem Sommer. Nein, daran würde er jetzt nicht denken. Das war vorbei und es galt, an die Zukunft zu denken. Sein Gefühl sagt ihm, dass er heute Erfolg haben würde. Ein großer Auftrag stand an und dann irgendwann könnten Annie und er auch wieder an mehr denken.

     Langsam schob sich die rote Scheibe

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 04.04.2019
ISBN: 978-3-7487-0113-2

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
In Erinnerung an Oma Elfriede.

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