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...und dann segelst du einfach davon, Teil 5

 

 

 

„Wenn die Liebe fehlt, greift uns das Böse an."

André Gide: Die Pastoralsymphonie

Zwischen Verharren und Aufbruch


Nachdem ich von den Folgen meines Unfalls einigermaßen genesen war, bat ich Marie wieder um gemeinsame Treffen. Bei unseren Gesprächen hatte ich manchmal den Eindruck, als habe sie vieles verdrängt und ich spürte deutlich, dass es ihr nicht immer leicht fiel über die Vergangenheit zu sprechen. Doch um ehrlich zu sein, nahm ich darauf nicht allzu viel Rücksicht, zu sehr bedrängten mich all die unbeantworteten Fragen. Marie verstand mich und bemühte sich wahrhaftig, Antworten zu geben. Damals blieb vieles offen, immer wieder schien ein Puzzleteil zu fehlen und auch Marie konnte diese Lücken nicht füllen. Das gelang mir erst sehr viel später, als ich nach meines Vaters Tod seine Tagebücher bekam.
Das Leben von Joachim, seiner Schwester und seinen Eltern erfuhr durch die Krankheit seiner Mutter eine Wende. Auch Martin, der Vater, konnte die Tatsachen schließlich nicht mehr ignorieren. Seine Frau war so krank, dass sie den Alltag immer weniger bewältigen konnte. Sehstörungen, die sie schon seit langem bemerkt hatte, verschlimmerten sich. Immer wieder klagte sie über Taubheitsgefühle der linken Körperhälfte und sie mochte nicht gern laufen, fühlte sich unsicher. So blieb es nicht aus, dass sie sich immer mehr zurückzog. Es gab auch Phasen der Erholung, manchmal schien es, als bildeten sich Zeichen der Krankheit sogar wieder zurück und Marinke fasste wieder neuen Mut. Jedoch währte dies nur kurz und konnte nicht über ihren tatsächlichen Zustand hinwegtäuschen.
Der Vater war ungehalten, zweifelte am Geisteszustand seiner Frau und sprach immer wieder von den „Sünden der Väter...“, die jene bis zur dritten und vierten Generation heimsuchen werden, welche Gott hassen und sich an ihm versündigen. Irgendwann konfrontierte er seine Kinder mit der „Wahrheit“. Der Großvater der Mutter hatte Ehebruch begangen und zudem ein uneheliches Kind gezeugt.
„Diese unglaubliche Sünde setzt sich fort in eurer Mutter und wenn ihr in eurem Leben auch nur ein Stück von Gottes Weg abweicht, wird es euch treffen. Betet für eure Mutter und für euch.“
Während Marie sich in Schweigen hüllte, begehrte Joachim doch immer wieder auf.
„Aber wie kann das sein? Mutter hat immer ein gottesfürchtiges Leben geführt. Wie kann Gott jemanden strafen, der kein Unrecht begangen hat? Es steht auch in der Bibel, dass Kinder nicht für die Sünden der Väter büßen sollen.“
Bei einer dieser Diskussionen brach es aus dem Jungen, der sonst eher still war, heraus: „Ich will das nicht glauben, und ich will das nicht lesen. Was ist das für ein Gott, der so an den Menschen handelt?“ Mit diesen Worten warf er die Bibel, die offen auf dem Tisch lag, durchs Zimmer. Der Vater prügelte ihn daraufhin dermaßen, dass Marie um das Leben des Bruders fürchtete. Diesmal aber stellte sie ihren Vater zur Rede, sagte ihm deutlich, dass derart heftige Prügel menschenunwürdig seien, dass er, der Vater, sich so ebenfalls versündige. Seltsamerweise schwieg Martin dazu, brummelte nach Maries Tadel nur vor sich hin und verließ das Zimmer. Für Joachim waren es wohl die letzten Schläge gewesen. Fortan ignorierte ihn der Vater, befahl ihm höchstens, die eine oder andere Arbeit zu erledigen.
Die endgültige Diagnose von Marinkes Krankheit erfolgte spät. Sogar Martin hatte schließlich eingesehen, dass man - außer dem Hausarzt - Spezialisten aufsuchen müsse, nachdem jener dringend dazu geraten hatte. Dass die Krankheit schließlich den Namen „Multiple Sklerose“ erhielt, änderte nichts. Ein Fortschreiten, wenn auch langsam, war nicht von der Hand zu weisen. Durch den immer größer werdenden Ausfall der Mutter, mussten die Kinder noch mehr helfen und Aufgaben übernehmen, die ursprünglich sie verrichtet hatte. Martin muss zugute gehalten werden, dass er sich trotz allen Unmutes um seine Frau kümmerte. Die Anschuldigungen und Vorwürfe hörten auf, er nahm ihr viele Arbeiten ab und manchmal saß er bei ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand.
Das Leben erfuhr ein neues Gleichmaß, jeder schickte sich drein in die neue Routine. Joachim blieb nach der Schule öfter in der Stadt, verpasste absichtlich den Zug und Marie deckte ihn häufig, erzählte dem Vater von dringenden Aufgaben, die der Junge nach dem Unterricht noch erledigen müsse. Dass ihr Bruder in dieser Zeit ein Mädchen kennen gelernt und sich verliebt hatte, erfuhr sie erst später, denn Joachim behielt dies für sich.
Dann brach der Krieg aus.


Seit 1923 gehörte das Memelland zu Litauen.
Es wurde den Memelländern zwar eine weitgehende Autonomie zugestanden, jedoch im Laufe der Jahre fordern die Memelländer immer stärker ihren Rück-Anschluss an das Deutsche Reich. Die Litauer erhielten in ihren Anspruchsforderungen keinen Rückhalt von England und Frankreich. Schließlich wurde das Memelland im Frühjahr 1939 wieder deutsch.
All das ließ Joachims Familie beinahe ungerührt. Der Vater schien weitgehend unpolitisch. Nur einmal, als das litauische Militär abgezogen war und deutsche Bataillone einmarschierten und Kriegsschiffe im Hafen in Memel angelegt hatten, äußerte er sich sorgenvoll. Doch all dies beeinflusste das Leben der Familie kaum. Die ersten Kriegsjahre wurden als solche kaum wahrgenommen. Man hörte allenfalls einmal etwas im Radio von Bombenangriffen. Niemand musste darben oder auf Gewohntes verzichten. Der Krieg schien fern.
Für Joachim, bei Kriegsausbruch 14 Jahre alt, war es eine Zeit der Ruhe. Er nutzte jede Gelegenheit um zu zeichnen, oft in der Schule oder einfach irgendwo draußen im Freien. Nur Marie durfte seine Bilder sehen. Als auf diversen Portraitzeichnungen immer wieder dasselbe Mädchengesicht auftauchte, konnte sie nicht anders. Sie fragte nach. Joachim war zunächst verlegen, aber dann ließ er seine Schwester doch teilhaben an seinem kleinen Glück, zögernd zunächst, doch als er einmal den Anfang gemacht hatte, sprudelte es nur so aus ihm heraus.
Sie hieß Elsie, war genauso alt wie er und sie waren sich in einer Buchhandlung in Memel begegnet. Joachim beschrieb sie mit schwärmerischen Worten und Marie musste einsehen, dass, sei sie auch nur annähernd so wie auf seinen Bildern, sie eine Schönheit war. Joachim traf Elsie meist nach der Schule und die beiden unternahmen lange Spaziergänge. Vorsicht war geboten, denn Elsies Eltern waren streng. Sie hätten es nicht begrüßt, dass ihre Tochter sich in so jungen Jahren mit dem männlichen Geschlecht einließ. Schlimmer noch wäre es gewesen, wenn Martin ihn erwischt hätte.
Eines Tages war es vorbei. Marie realisierte, dass sich ihr Bruder plötzlich sehr veränderte. War er früher schon eher still und gern für sich gewesen , so zog er sich plötzlich völlig zurück. Nicht nur, dass er bei den gemeinsamen Mahlzeiten kaum ein Wort sprach, nein, auch seiner Schwester ging er aus dem Weg. Wenn er zu Hause war und nicht arbeitete, verschwand er in seiner Dachkammer.

Auszug aus Joachims Tagebuch, August 1943

Auf mir scheint ein Fluch zu liegen und ich frage mich, ob Vater nicht doch Recht hat mit seinen „Sünden der Väter“. Aber wo liegt meine Schuld? Kann es sein, dass ich alles, was ich berühre und sei es nur geistig, vergifte? Oder ist es diese Atmosphäre der Heuchelei, die hier herrscht, die langsam kriechend alles mit ihrem Gift überzieht? Dieses Flüchten hinter den Spiegel um nicht sehen zu müssen, von hinten aus dem Versteck falsche Bilder ins Auge zu werfen, dass wir uns nicht erkennen. Es macht mich wahnsinnig, ich weiß nicht, wie meine Wut und Verzweiflung herauszuschreien.
Mein Vater scheint blind. Ja! Blindheit ist es, was ihn so wunderbar verdecken lässt, was doch offensichtlich ist. Wir leben nicht, wir sind gefangen in einer Welt der Phantasielosigkeit, einer Welt, die aber doch Illusionen vorgaukelt, die binden, uns kleben lassen. Da Vater nicht sieht, hat er seinen Blick nach innen gerichtet. Welchen Sumpf mag er da wohl sehen, dass er IHN, den Höchsten dafür benutzt, seine eigene Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen? Reicht das aus, um sich von Schuld zu befreien? Mutter tut mir Leid, sie hat so viel mehr verdient. Wie nur kann sie es ertragen, wie nur kann sie ihn ertragen? Und Marie? Heuchelt nicht auch sie, indem sie sich vormacht, das Leben wäre gut so?
Der Narr bin wohl ich, da ich als einzigster nicht zurechtkomme. Habe ich meinen eigenen Spiegel schwarz gefärbt und erkenne nichts mehr? Blicke ich nur manchmal dahinter, wo Leben traumhaft vorbeizieht? Ist mein Wunschdenken wirklich so absonderlich, dass ich mich schämen müsste? Ich möchte weg, egal wohin. Sogar ein zielloses Herumirren wäre besser als dies – jetzt besonders, wo Elsie nicht mehr da ist. Elsie...ach, mögest du fliegen, so, wie du es dir immer erträumt hast.



Marie klopft an die Tür von Joachims Dachkammer. „Jo, mach auf! Du musst endlich was essen.“ Sie wartet, lauscht. Seit gestern ist der Bruder nicht mehr herausgekommen, gegessen hat er bestimmt seit drei Tagen nichts. Als Joachim nicht öffnet, hämmert sie mit der Faust gegen das Holz. „Es reicht! Mach jetzt sofort auf!“ Marie schreit nun. Wut hat sich in ihre Sorge gedrängt. Joachim macht alles nur noch schlimmer. Die Mutter hat sie gebeten, ihrem Bruder etwas zum Essen zu bringen und Marie hat einen Teller gefüllt mit dem Eintopf. Beinahe wäre ihr dieser aus der Hand gerutscht bei ihrem energischen Klopfen. Tatsächlich öffnet sich die Tür. Als Marie eintritt, sitzt Jo schon wieder auf seinem Bett. Marie balanciert den Teller mit dem Eintopf, schlüpft ins Zimmer, schließt mit der anderen Hand die Tür. Den Teller stellt sie auf dem kleinen Nachttischchen ab. Sie schaut sich um, ihre Augen weiten sich vor Erstaunen. Überall auf dem Boden liegen Joachims Zeichnungen, auf dem Bett verstreut viele Zettel. Der einzige Stuhl ist mit Kleidung belegt. Kopfschüttelnd lässt sich Marie aufs Bett sinken. Joachim hält den Kopf gesenkt, hebt ihn nur kurz, als Marie meint: „Jetzt iss erst einmal!“ Als der Bruder nicht reagiert, wird sie beinahe böse. „Wie soll das denn weitergehen, Mensch? Du verhältst dich wie...“ Sie stockt. Der Kopf des Bruders schnellt hoch. „Ja? Wie denn? Wie ein Verrückter? Das denkst du doch.“ Zornig stößt er die Worte hervor. Marie seufzt, mahnt sich zur Geduld. Sie nimmt den Teller und hält ihn ihrem Bruder vor die Nase.
„Schau, Mama hat heute gekocht. Sie macht sich Sorgen. Iss ihr zuliebe. Los, mach schon!“ Damit drückt sie Jo den Löffel in die Hand. Gedankenverloren rührt er im Teller herum.
„Na los“, ermuntert ihn die Schwester, „ein Löffelchen für Mama, einen Löffel für...“ Weiter kommt sie nicht, denn Jo schaut sie an und ein gequältes Lächeln huscht über sein Gesicht. Als er klein war, hat ihn Marie so manches Mal auf diese Weise zum Essen gebracht. Er nimmt den ersten Löffel, dann einen weiteren und schließlich schaufelt er alles in sich hinein, hastig, ausgehungert. Marie schaut ihm zu, lässt aber ihren Blick auch über die verstreuten Zettel schweifen, scheinbar absichtslos greift sie nach einem eng beschriebenen Blatt, beginnt zu lesen. Inzwischen hat Jo den Teller leergeputzt, stellt ihn zurück auf den Nachttisch. Es ist bereits Spätnachmittag und die Dämmerung hat eingesetzt. Letzte Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durchs kleine Dachfenster, malen Muster auf die Holzdielen.
„Jo“, meint Marie leise, „was ist passiert mit Elsie? Du triffst sie nicht mehr?“
Joachim zögert einen Moment, dann jedoch bricht es aus ihm heraus, all das, was sich angestaut hat, seine Brust so eng werden lässt, einen dicken Knoten bildet im Magen, dass er nicht essen kann.

„Elsie...sie ist Jüdin und vor drei Monaten ist sie verschwunden, einfach so. Weg, davongeflogen.“ Er schaut zum Fenster. Ein kurzes Schweigen, dicht und schwer, füllt das Zimmer. Doch dann spricht Jo weiter, erzählt von seinen Bemühungen, Elsie zu finden, etwas über sie zu erfahren, von seiner Verzweiflung und der letztlich folgenden Resignation.
„Ob sie abtransportiert wurde?“, fragt Joachim. „Man hört es immer wieder, dass sie die Juden irgendwo hinbringen.“ Marie weiß nicht , was sie sagen soll.
Dass seit 1941 die regionale Staatspolizei, beginnend in Königsberg und dann immer weiter ausdehnend, Judendeportationen veranlasst, davon wissen die beiden jungen Menschen nichts. Auch nicht natürlich, dass die meisten Transporte im Vernichtungslager Maly Trostinez enden, wo auf die Menschen nur der Tod wartet. All das erfuhr man viel später.
Die ostpreußische NSDAP unter Führung von Erich Koch zeichnete bislang nur vage Spuren in das Leben der Memeler. Man wusste und man wusste doch nicht.
In der Familie herrschte eben diese gewisse Gleichgültigkeit gegenüber politischen Problemen. Allenfalls in den Schulen war man der Propaganda ausgeliefert, in Frage stellte man wenig. Der Vater lehnte derartige Diskussionen im Hause ab und Marie und Joachim hielten sich an seine Forderung.
Durch Elsie jedoch waren bei ihm zahlreiche Fragen aufgetaucht. Er wusste, dass ihrem Vater, einem Arzt, lange die Approbation entzogen worden war, wusste, dass Elsies Familie aus der großen Wohnung in einer Stadtvilla ausziehen musste und in einer kleinen Einzimmerwohnung gelebt hatte. Aber Elsie war ihm immer mit einer beinahe sorglos anmutenden Leichtigkeit begegnet, dass er seine Fragen tief in sich verschlossen hatte. „Lass uns leben!“, hatte Elsie immer gesagt, wenn er die Probleme angesprochen hatte. „Schau, wie herrlich diese Wolken, ach, wie gern würde ich fliegen können, schwerelos. Das wäre doch schön.“ So in etwa waren ihre Worte gewesen. Wie gut hatte Joachim sie verstanden. Sie war ihm so nahe mit ihren Träumen und immer wieder sah er sich davonsegeln in seinem weißen Segelboot. Geändert hatte sich nichts von seinen Kindheitsträumen, nur dass er jetzt gemeinsam Hand in Hand mit Elsie im Boot saß.
Während Joachim erzählt, ist die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Schweigend sitzen die Geschwister auf dem Bett. Aber nun ist das Schweigen nicht mehr so erdrückend, es ist angefüllt mit all jenen Worten, die so viel an Qual, aber auch Freude bedeuten.

„Ich habe die Pastoralsymphonie gelesen“, sagt plötzlich Joachim. „Woher hast du die denn?“, fragt Marie erstaunt. „Mein Französischlehrer hat sie mir gegeben.“ Auf Maries fragenden Blick hin, meint er: „Er hat mich schon öfter mit Literatur versorgt... ich glaube, André Gide steht auf der schwarzen Liste. Mein Lehrer hat mir sein Privatexemplar gegeben, ich solle nicht damit hausieren gehen.“ „Ich kenne das Buch“, sagt Marie, „aber was willst du mir gerade sagen?“
„Vater scheint so blind wie der Pastor in der Erzählung Mit seiner Nächstenliebe deckt dieser zu, was man nicht sehen darf. Er rechtfertigt ja sogar damit eine verbotene Liebe - im Namen des Glaubens. Vater...ich denke er rechtfertigt auch ständig irgendwas. Ach Marie, ich habe es so satt, ich möchte einfach nur weg. Am liebsten würde ich mich zum Kriegsdienst melden.“ Bei diesen Worten lacht er bitter.
„Du bist wirklich verrückt, Jo!“, ruft Marie erschrocken. „Das wirst du keinesfalls tun. Bisher sind wir gut davongekommen. Aber du weißt, dass sie inzwischen überall die bisher Verschonten holen? Krieg...das ist wohl sehr viel schlimmer als das, was du hier erlebst. Sogar Vater fürchtet inzwischen, dass es schlimmer kommen wird. Komm, Jo, wir gehen noch ein wenig in den Park“, meint Marie. „Du musst dich ablenken von deinen trüben Gedanken. Frische Luft wird dir gut tun.“ Sie zieht den Bruder hoch. Der fährt sich mit der Hand durchs Haar und nickt. „Vielleicht hast du Recht.“
Nach diesem Tag und diesem Gespräch wird es besser. Joachim nimmt wieder am Familienleben teil, nur die Bibelstunden verweigert er. Seltsamerweise lässt ihn der Vater in Ruhe. Manchmal redet Jo mit seiner Schwester, lässt sie teilhaben an seinen Gedanken. Auch der Mutter scheint es besser zu gehen. Die Krankheit gönnt ihr eine Pause. Zumindest hat sie sich in den letzten Monaten nicht verschlimmert.
Doch dann, in dieser trügerischen Ruhe, dringt der Krieg auch bis ins Memelland vor, erfasst ganz Ostpreußen. In der Nacht vom 29. auf den 30. August 1944 wird Königsberg durch Brandbomben heftig zerstört. Es gibt viele Tote, noch mehr Menschen verlieren Haus und Hof. Auch die Rote Armee hat das nördliche Memelufer besetzt. Niemand aus Plicken fährt noch freiwillig in die Stadt. Alle jüngeren Männer, die irgendwie abkömmlich sind, werden nun eingezogen und nach kurzer Ausbildung ostpreußischen Frontdivisionen zugeteilt. Im Dorf sind etliche Familien aus deutschen Großstädten untergebracht, vor allem aus Berlin. Das, was sie erzählen, ist derart schrecklich, dass niemand es wahrhaben will. Kann es wirklich so schlimm sein? Die Bewohner von Plicken wollen es kaum glauben. Doch im Herbst 1944 können auch sie die Augen nicht mehr verschließen, vor dem, was kommen würde. Schon im Spätsommer ist Memel bedroht durch russische Vorstöße. Ein Mann, Fregattenkapitän Merten, erkennt die drohende Gefahr und organisiert gegen die Anweisungen von Gauleiter Koch die Evakuierung von zahlreichen Frauen und Kindern aus der Stadt Memel und dem Umland. Die meisten flüchten auf Schiffen. Noch ist der Seeweg nicht versperrt. Martin weigert sich, seinen kleinen Hof zu verlassen. Allerdings hat er bis auf die beiden Pferde alle Tiere verkauft, die Schweine sind längst geschlachtet. Erst als im Januar der Seebrückenkopf Memel aufgegeben wird, entschließt sich Martin wohl schweren Herzens, die Heimat zu verlassen. Die Familie schließt sich einem Treck an, das Pferdegespann vollbepackt mit allem, was man als wichtig erachtet.
Der Winter hat das Land fest im Griff, Schneestürme und eisige Kälte behindern von Anfang an ein Fortkommen. Erst im Nachhinein wird deutlich, dass das lange Warten ein Fehler gewesen ist, denn die folgenden Wochen sind das Schlimmste, was die Familie je erlebt hat.

„Aber ihr habt es geschafft?“, fragte ich Marie. Meine Tante war eine selbstbewusste Frau, zur damaligen Zeit schon emanzipiert. Sie hatte ihr Leben im Griff, war sehr pragmatisch und packte Probleme an. Als sie auf mein Drängen hin von der Flucht berichtete, erlebte ich sie dennoch manchmal fassungslos. Zuweilen wollte sie nicht erzählen, wich aus und ich war auch teilweise beschämt, weil ich immer wieder bohrte. Ich weiß noch, wie wir wieder und wieder darüber sprachen, ob es sinnvoll sei, all dies erneut durchzukauen. Ich spürte, dass ich an Dinge rührte, die viele Menschen lieber vergessen wollten, Dinge, die ich auch in der Schule im Geschichtsunterricht nicht erfahren hatte. Daneben aber war es natürlich vordringlich mein Anliegen, mehr über meinen Vater zu erfahren.
„Dein Vater, Enya“, sagte Marie, „er hat sich schließlich davongemacht auf dieser Flucht. Das war das erste Mal, dass er verschwand. Was ihm im Einzelnen widerfahren ist, das weiß ich nicht genau. Er hat auch mir so gut wie nichts erzählt.“
„...davon gesegelt“, dachte ich, „mit Elsie und seinen traurigen Gedanken im Gepäck.“



Fortsetzung folgt...

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Texte: Alle Rechte bei der Autorin
Bildmaterialien: Cover:Matthias Bucks / pixelio.de http://www.pixelio.de/media/520912
Tag der Veröffentlichung: 16.11.2012

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