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...und dann segelst du einfach davon, Teil 1

 

 

 

 

 

I’ll sail away

It’s time to leave

Rainy days are yours to keep

 

I’ll fade away

The night is calling my name

You will stay

I’ll sail away

 

(Sail away - The Rasmus)

Chaos der Gefühle


„...und dann segelst du einfach davon.“



Ich weiß genau, wann mein Vater diesen Satz zu mir gesagt hat. Welche Bedeutung er für ihn hatte, wurde mir erst später klar, als ich anfing, alle mir bekannten Puzzleteile zusammenzusetzen zu einem Gesamtbild. Gehört hatte ich diesen Satz in ähnlicher Form von meiner Mutter.
Als ich meinen Vater damals traf und ihn zum ersten Mal bewusst kennen lernte und wahrnahm, wusste ich nur Fragmente von seiner Person und seinem Leben. Diese Bruchstücke hatte ich über all die Jahre ergänzt mit meiner eigenen Vorstellung.
Was dabei herausgekommen war, schien sehr diffus und unvollkommen. Es änderte sich laufend, je nachdem wie so ein Puzzleteil aussah, das ich in meiner Phantasie kreiert hatte.

Mein Vater Joachim hatte meine Mutter verlassen, als ich zwei Jahre alt war. Genauer gesagt, er hatte mich verlassen, ausgeschnitten aus seinem Leben, als sei ich nie vorhanden gewesen, so zumindest empfand ich es später. Dies wog schwerer als all jene Unbillen, die seine Abwesenheit Mutter und mir beschert hatte.

Hass, den ich empfand, brannte zuweilen wie ein Feuer, dessen Flammen sich mehr und mehr ausbreiteten. Es brauchte reichlich an Anstrengung, dieses Feuer wieder einzudämmen. Ich war entsetzt, dass ich solcher Gefühle überhaupt fähig war und fühlte mich schuldig, versuchte es zurückzudrängen. Ein glimmender Span blieb immer. Wie aus der Wut, die ich manchmal spürte, letztlich so etwas wie Hass entstehen konnte, ist mir bis heute unklar. Nie wieder habe ich Derartiges empfunden.
Es waren wohl vielerlei Gründe, die zusammenspielten, sich überlagerten und in ihrer Wiederholung schließlich ein Gewicht bekamen, dem ich mich als Kind allein nicht entledigen konnte. Ich hätte jemandem zum Reden gebraucht. Aber damals verschloss ich meine Gefühle in mir, und so konnte das schwache Glimmen um sich greifen. Ich selbst bot ihm immer wieder Zunder, indem ich innere Dialoge mit meinem Vater suchte, ihn anklagte, Fragen stellte, nach etwas von ihm in mir suchte. Brauchte ich ihn, diesen Schmerz (denn weh tat es, dieses Hassgefühl), um mich lebendig zu fühlen? Was ich wahrnahm, war überdies ein starkes Gefühl des Verlassenseins. Ich empfand mich von ihm ausgelöscht, wegradiert wie ein unbeabsichtigter Fehler, der sich anders nicht korrigieren ließ. Das gipfelte in Scham. War ich es nicht wert, dass er sich mir zuwendete? Wo lag meine Schuld?

Menschen wünschen sich doch nicht auf die Welt zu kommen. Ungefragt werden wir hineinkatapultiert in dieses Leben und das, was uns umgibt, müssen wir zunächst hinnehmen.
Ich dachte früher öfter, dass ich eine Spielfigur sei, platziert auf einem Spielplan und nun bestimmten die Würfel mein Fortkommen oder meinen Stillstand Dieses Denken entsprang mit Sicherheit der Ohnmacht. Auch wenn ich es noch so sehr gewollt hätte, damals wäre es unmöglich gewesen, meinen Vater zu erreichen, ihm zu begegnen.
Da gelangt zufällig so ein Samen unter zahllosen zu einer Eizelle, verschmilzt mit ihr, und ab da sind die Weichen gestellt. Ein Minutenakt, der vielleicht darüber entscheidet, wer und wie wir werden. Das waren meine Gedanken damals. Heute sehe ich es natürlich anders.

In der Tat hatte mein Vater nicht uns verlassen, sondern meine Mutter hatte sich von ihm getrennt, die Scheidung eingereicht, die auch irgendwann in seiner Abwesenheit rechtsgültig vollzogen wurde.
„Wir wären zugrunde gegangen“, erklärte sie mir viel später.
Fakt war, dass er alles, was er verdiente, sofort wieder verspielte. Niemand – auch nicht meine Mutter – konnte sagen, wann er dieser Sucht verfallen war.
Heute kann ich zumindest erkennen, welche Gründe eventuell dazu geführt haben mögen, dass er trotz aller Bemühungen damals nicht herauskam aus diesem elenden Teufelskreis.
Er war Grafiker, diesen Beruf hatte er erlernt. Er selbst bezeichnete sich als Künstler. Das Malen war seine Leidenschaft. Ganz dunkel erinnere ich mich an den Geruch von Farben und Terpentin, der unsere kleine Wohnung durchströmt hatte. Mehr ist nicht in meinem Gedächtnis geblieben von diesem einen Jahr, in dem er zumindest teilweise bei uns gewohnt hatte.
Er verkaufte ab und zu auch ein Bild, aber davon konnte man nicht leben. Er war so vernünftig, sich eine Stelle als Grafiker zu suchen, die ihm ein regelmäßiges Gehalt garantierte. Wenn er arbeitete, war er gut, doch durch seine Spielsucht mangelte es ihm an Zuverlässigkeit. Bereits in den großen Spielbanken gesperrt, suchte er sein Glück in Hinterzimmern, verlor und war am Boden zerstört. Er bestahl seinen Chef, wurde angeklagt und auch verurteilt. Die Gefängnisstrafe war nicht hoch. Wieder auf freiem Fuß ging alles von Neuem los. Mit der Zeit brachte er keinen Pfennig mehr nach Hause. Die Möbel wurden gepfändet, so dass Mutter und ich schließlich in einer fast leeren Wohnung hausten. Um mir das Wichtigste zukommen zu lassen, ernährte sie sich vorwiegend von Kartoffeln oder von dem, was Freunde und Tante Marie, Joachims Schwester, ihr zukommen ließen.
Als er letztlich die gesamte Aussteuer meiner Mutter verkauft und den Erlös verspielt hatte, war es genug.
Vorher schon hatte es viele Szenen gegeben, tränenreich, voller Flehen und Versprechungen seitens meines Vaters, er werde sich bessern. Mehrmals hatte Mutter nachgegeben. Ich denke heute, dass er ihr doch viel bedeutet hat. Gesagt hat sie das nie.
Auch Tante Marie redete ihm ins Gewissen. Sein Vater hatte sich längst von ihm abgewandt.
Nun zog meine Mutter endgültig den Schlussstrich. Joachim wurde natürlich zu Alimenten verklagt, gesehen haben wir von dem Geld nicht einen Pfennig. Immer wieder gab es Gerichtsurteile, wo die Schulden und neue Summen festgelegt wurden. Es war zwecklos, denn viele Jahre war mein Vater verschwunden, und erst viel später erfuhr ich in Ansätzen, wie sein Leben in diesen Zeiten verlaufen war.

Eines Tages, ich war gerade achtzehn Jahre alt geworden und hatte mein Abitur in der Tasche, erhielt ich einen Anruf von Marie.
„Enya!“, sagte sie. „Joachim ist hier. Er will dich sehen."
Marie war immer sehr direkt und so konfrontierte sie mich mit dieser für mich so schockierenden Tatsache Ich konnte nicht sprechen, mein Herz schien aus der Brust springen zu wollen und ich blieb zunächst stumm. Maries Worte hallten in meinen Ohren wider „Er will dich sehen...“
„Willst du, Enya? Fühlst du dich stark genug? Du musst nicht. Du bist völlig frei in deiner Entscheidung.“
So ähnlich muss sie wohl auf mich eingeredet haben. Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Meine Gedanken rasten. Als Marie schließlich meinte, dass Joachim nur noch zwei Tage in Frankfurt bliebe, sagte ich: „Ich ruf dich heute Abend an“, und legte auf.
Die folgenden Stunden verbrachte ich in einer Art geistigen Komas, ich war zu keinem vernünftigen Gedanken fähig.
All die Gefühle, die ich in den vergangenen Jahren in wechselnder Intensität gespürt hatte, durchfuhren mich in rascher Abfolge, konstituierten sich zu einem bunten Kaleidoskop von Schmerz, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und ja....auch von bitterem Verlangen nach Zuneigung. All das hatte ich die langen Jahre über gespürt.
Anfangs hatte ich meinen Vater glorifiziert. Er war ein besonderer Mensch, ein Künstler, der die Welt mit Farben festhielt und frei sein musste um seine Schöpferkraft entfalten zu können.
Das schwache Bild eines verantwortungslosen Menschen, das manchmal auftauchte, konnte ich so zurückdrängen. Er war mein VATER und er konnte doch nicht schlecht sein!
Dann kam die Wut, dass ich für ihn so gar nicht existent war, dann das Ringen um Verstehen und immer wieder die Frage nach dem Warum.
Irgendwann – es geschah unmerklich – hatte auch ich ihn ausgeschnitten aus meinem Leben, meinem Denken und Fühlen.
Keine Geschichten mehr, die ich mir um seine Figur zurechtspann, keine Fragen mehr, die ich stellte. Es gab ihn einfach nicht und es schien in Ordnung so.

Jetzt plötzlich war alles anders. Hineingepurzelt war er in mein Leben, Wunden hatte er aufgerissen, die nie vernarbt waren Es schmerzte sehr.
Ich beschloss mit meiner Mutter zu reden, was mir nicht leicht fiel, einmal, da ich lange gewohnt war eigene Entscheidungen zu treffen, zum anderen fürchtete ich, auch bei ihr wieder alte Wunden aufzureißen.
Sie blieb sehr ruhig. Wie immer überließ sie die Entscheidung mir.
„Wie du dich auch entscheidest, ich werde es verstehen. Höre aber nicht nur auf deinen Verstand!“
Ich kam zu einem Entschluss.
„Ich werde ihn treffen. Ich glaube, ich habe ihm einiges zu sagen.“
Das mag hart geklungen haben, aber es war sicher eine Art Selbstschutz. Wie konnte ich zugeben, dass da dieses Verlangen war. Meine Mutter meinte daraufhin: „Sei achtsam, Enya. Es wird dir nicht gelingen, ihm das zu sagen, was dir jetzt vorschwebt. Es sei denn, er wäre nicht mehr der Mensch, der er war.“
Ich verstand ihre Worte damals nicht.
„Das werden wir ja sehen!“, beendete ich das Gespräch.
Ich rief Marie an, um ihr meinen Entschluss mitzuteilen. Sie schlug als Treffpunkt das Café der Tierfreunde vor, was sowohl mir als auch meinem Vater bekannt war. Sie würde es ihm mitteilen.
Als ich aufgelegt hatte, fühlte ich mich seltsam stark und selbstsicher. Ich schien gewappnet.
Wie sehr ich mich doch irrte.

Ich kramte in der Schachtel, in der ich alte Familienfotos aufbewahrte und fand schließlich die beiden Bilder meines Vaters, die einzigen, die ich von ihm hatte.
Eines Tages, ich muss so vierzehn Jahre alt gewesen sein, hatte ich meine Mutter um ein Foto von Joachim gebeten. Zunächst hatte sie sich geweigert, versucht, sich herauszureden.
„Ich weiß gar nicht, ob ich noch welche habe.“ Ich ließ aber nicht locker, drängte, bettelte, forderte schließlich.
Dann lagen da zwei schwarz-weiß Fotografien, eine Portraitaufnahme und ein Bild, in dem mein Vater auf einem Segelboot stand.
Das Portrait zeigte einen ernsten jungen Mann, träumend und doch mit einem selbstbewussten Trotz in der Haltung. Es hätte jeder sein können. Ich fand, dass er gut aussah, konnte aber keine Verbindung herstellen zwischen der Figur auf dem Bild und mir.
Anders das Segelfoto. Es zog mich magisch an. Es war lebendig. Mein Vater hielt die Leinen, schaute zu den Segeln hoch, vielleicht streifte sein Blick den Himmel. Es lag Freude in seinem Ausdruck, seiner Haltung. Eine gewisse Spannung herrschte, er war Bindeglied zwischen Meer und Himmel, war Dirigent und Spieler zugleich. Ich nahm jede Einzelheit des Bildes wahr, schloss die Augen, ließ es im Inneren wieder entstehen.
Erstaunt musste ich später feststellen, dass ich meine Mutter, die auch in der linken Ecke des Fotos abgebildet war, sich also im Boot befand, nicht wahrgenommen hatte. Sie schaute meinen Vater an.
Konnte es sein, dass ich spontan in das Bild hineingeschlüpft war und ihre Position eingenommen hatte?
Wer hatte das Foto gemacht? Eigentlich hätte ich den Standpunkt des Fotografen einnehmen müssen, Betrachter von außen sein, aber im ersten Moment des Anschauens war mein Blick ein anderer gewesen.
„Er segelte?“, fragte ich meine Mutter überrascht.
„Ja, eine seiner unzähligen Leidenschaften. Auf dem Wasser hatte er immer das Gefühl frei zu sein.“
Ich erinnerte mich daran, dass Mutter mir oft erzählt hatte, dass er zur See gefahren sei, mehr als einmal angeheuert habe auf einem Schiff. Das waren dann die Zeiten, in denen er für uns nicht greifbar gewesen war.
„Und du?“, hatte ich weiter gefragt. „Hast du es gemocht, das Segeln?“
„O ja, das waren wunderschöne gemeinsame Momente. Ich glaube, er war dann ganz er selbst. Leider konnte er diese Gefühle nie nachhaltig bewahren.“
Merkwürdig, wie sachlich sie über ihn reden konnte. Wühlte es sie nicht auf? Hatte sie all das Schreckliche abgelegt?
„Sein Drang nach Freiheit hat ihm aber nicht geholfen, das zu werden, was er sich erhoffte, nicht wahr?“
Fühlte ich Genugtuung? Wenn ich ganz ehrlich bin, war da so etwas wie Bedauern. Es streifte mich nur leicht, war flüchtig und verging sofort wieder. Aber zweifelsohne hatte ich es gefühlt.
„Nein Enya, er konnte die Freiheit nicht genießen, die sich ihm bot, er konnte nichts davon festhalten. Und so segelte er immer wieder davon...“


Fortsetzung folgt...

Impressum

Texte: Alle Rechte bei der Autorin
Bildmaterialien: Cover:Matthias Bucks / pixelio.de http://www.pixelio.de/media/520912
Tag der Veröffentlichung: 21.09.2012

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