Cover

Passion

Alles begann für mich mit der Musik. Wie sie mich mit ihrer hypnotischen Wirkung in ihren Bann gezogen hat.

Schon als kleines Mädchen, ich hatte gerade das aufrechte Sitzen gelernt, saß ich auf dem Po, drehte meinen Oberkörper und fuchtelte wild mit den kleinen Armen zu den Liedern, die aus dem Monolautsprecher des Radios ertönten.

Kaum schaltete meine Mutter das Radio ein, vergaß ich die Welt um mich herum und begann mich zu bewegen. Ob nun im Takt oder nicht, nun, das wollten mir meine Eltern nie verraten. Ich erinnere mich nur daran, dass sie ihren Spaß hatten, mir beim 'Sitztanz' zuzuschauen, während sie bei ihren Erzählungen meine damaligen Bewegungen nachahmten.

 

Während meine Freundinnen später von Pferden und vom Reiten träumten, wollte ich zum Ballett.

Als jugendliche bekam ich kurz einen Wachstumsschub und war lang und dürr, im Vergleich zum Rest meiner Freunde, doch das währte nicht lang, und meine Eltern waren nicht reich. Ein Aspekt, den meine damalige Ballettlehrerin wohl dazu veranlasste, mich weniger zu fördern. Ich fand nicht, dass ich so schlecht und untalentiert war, wie sie es mir einmal versuchte einzureden.

Immerhin war ich eines der wenigen Mädchen die bereits nach den ersten Stunden die Fußspitze, mit dem Bein über den Rücken gebogen, problemlos zum Hinterkopf führen konnte. Nur konnten meine Eltern leider nicht viel an "Bares" der Ballettschule zuführen. Das besiegelte wohl mein Schicksal und aus mir sollte nie eine Prima Ballerina werden.

Ich war traurig, enttäuscht über die Ungerechtigkeit und schloss damit ab, indem ich kurzer Hand die klassische Musik aus meinem Repertoire verbannte. Natürlich mag ich noch das eine oder andere klassische Meisterwerk, doch es befindet sich so gut wie kein Datenträger dieser Musikrichtung in meiner Sammlung. Dem üblen Beigeschmack konnte ich mich bis heute nicht entledigen.

 

Später löste der Besuch in der Disco und von Konzerten eine wahre Euphorie der Freude in mir aus. Dabei störte es mich wenig, wenn ich am nächsten Morgen - nach einem Konzertbesuch - die Musik noch immer in meinen Ohren klingelte und ich kaum etwas hören konnte.

Einen Platz, neben den fast haushohen Lautsprechern am Bühnenrand, konnte ich immer ergattern. Ich liebte es, wie der Bass durch meinen Körper vibrierte, jede einzelne Zelle in mir zum schwingen brachte und mich unweigerlich anspornte auch den Rest meines Körpers zur Musik zu bewegen.

Die Druckwellen der riesigen Tieftöner sorgten zusätzlich dafür, dass ich nicht stillstehen konnte, zwangen meinen Oberkörper sich im Takt zu wiegen, bis sie verstummten und ich, von Glücksgefühlen berauscht, auf den Weg nach Hause schwebte.

Vielleicht würde man es heute sogar als Folter bezeichnen, doch ich ließ mich, in dieser Hinsicht, gern malträtieren. Für mich war es Wellness pur.

 

Freitage und Samstage waren für Discobesuche reserviert. Bis in die frühen Morgenstunden wurde getanzt. Und das nicht nur, weil damals die erste Bahn erst wieder um fünf Uhr dreißig fuhr.

Ich genoss die Vielfalt an Melodien und Rhythmen, dachte mir mit meiner Freundin Choreographien aus, die wir gemeinsam auf der Tanzfläche vorführten.

In unseren Stammdiscotheken waren wir bekannter als ein bunter Hund. Selbst die Discjockeys mochten uns und fragten bereits nach, ob wir wieder eine neue Platte hätten, die sie auflegen dürften.

Wenn sie dann einen Song spielten, der uns besonders gefiel, ließen wir sofort alles stehen und liegen und stürzten zur Tanzfläche, die sich abrupt leerte. Meistens gefolgt von einem Ausruf aus der fliehenden Menge:

 

"Achtung! Die Verrückten kommen wieder. Macht Platz!"

 

Und die Tanzfläche war unser. Mit Publikum drum herum. Doch das störte mich nicht. Bei meiner Musik vergaß ich alles um mich herum.

Eines Abends setzte sich plötzlich ein Plattenproduzent zu uns an den Tisch.

Ihm gefiel, wie wir uns auf der Tanzfläche bewegten und unsere Show ablieferten. Er bot uns einen Vertrag an. Eine seiner Bands brauchte ein Aushängeschild und dafür wären wir wie geschaffen.

Eine Woche später trafen wir uns im Plattenstudio, wo er uns alles erklärte. In der Woche darauf würde bereits eine Tournee starten an der wir teilenehmen sollten. Er spielte uns die erste Single der Band vor und legte ein Blatt Papier -den Vertrag - auf den Tisch.

Ich unterzeichnete nicht.

Obwohl die Versuchung groß war.

Doch ich wollte mich nicht nur auf eine Musikrichtung festlegen.

Wenn ich daran zurückdenke, das Ganze spielte sich 1982 ab, vermutlich wären wir die erste Band mit festen Tänzerinnen gewesen. Hätten womöglich als Vorreiter für die heutigen Bühnenshows fungiert, in denen Tänzer nicht mehr wegzudenken sind…

Nun ja. Ich werde doch wohl noch träumen dürfen.

 

Natürlich blieb diese Erinnerung nicht ohne Folgen und mein damaliger Freund wollte unbedingt eine Band gründen - mit mir als Sängerin.

Ich liebe Musik, doch ich kann nicht singen!

Ich konnte es mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, mit einem Mikrophon vor dem Mund, mich vor eine Menschenmasse zu stellen und ihnen Lieder vorzuträllern. Also musste er ohne meine Stimme weiter machen.

 

Beim Tanzen zu meinen Lieblingssongs war und ist das etwas ganz anderes. Ich verliere mich in den Noten, in den verschiedenen Tempi, die meinen Körper umspülen wie weiche Wellen.

 

Es vergeht kein Tag an dem ich nicht meinen MP3-Player anwerfe und mich der Musik hingebe. Und wenn ein Song mir wieder einen Schauer über den Rücken jagt, sich die feinen Härchen auf meinen Unterarmen aufstellen, um mir mitzuteilen, dass sie am liebsten nach den Sternen greifen würden, dann ist mir alles egal und man kann man mich sogar auf der Straße ungehemmt tanzen sehen.

Impressum

Texte: Maren Bergmann
Tag der Veröffentlichung: 03.03.2015

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /