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Was bisher geschah

Seit ihrer frühesten Kindheit erscheint Julien in Cassandras Träumen. Er ist ihr Vertrauter, ihr Seelengefährte – auch wenn sie nicht einmal weiß, ob er tatsächlich existiert.

Als sie von einem düsteren Mann verfolgt wird, offenbart ihr Julien schließlich, dass er viel mehr als eine bloße Traumgestalt ist und dass sie beide in großer Gefahr schweben. Daher begibt sich Cassy auf eine gefährliche Reise in eine fremde, magische Welt, in der erbarmungslose Feinde und grausame Kreaturen schon auf sie lauern.

Als sie Julien schließlich erreicht, glaubt sie endlich am Ziel ihrer Träume zu sein. Doch er hat sie nur für seine Zwecke benutzt und legt ihr einen Egelstein um den Hals, um ihr ihre gerade erwachenden, magischen Kräfte zu rauben und sie selbst zu töten. In letzter Minute gelingt es Brin, dem unsterblichen Krieger, sie zu retten.

Von Juliens Verrat niedergeschmettert und ihrer Gabe beraubt, weiß Cassy nicht, was sie tun soll. Doch Brin steht ihr zur Seite und lässt nicht zu, dass sie die Hoffnung verliert. Mit ihm gemeinsam macht sie sich auf die Suche nach jemandem, der ihr helfen kann, ihre Magie wiederzufinden und ihre Bestimmung als Nachfolgerin der Hohepriesterin Cassia zu erfüllen. Einst bannte Cassia den Schwarzmagier Cudras – wie Julien in Wahrheit heißt – in sein Gefängnis, nun soll Cassy ihn endgültig vernichten. Währenddessen beginnt er, seine Truppen um sich zu sammeln, um Edingaard zu unterwerfen.

Im Feuer des Phönix‘ muss Cassy sich ihren Ängsten und Zweifeln stellen, sie hinter sich lassen, um wieder den Zugang zu ihrer Magie zu erlangen. Es gelingt ihr keinen Moment zu früh. Ein Umbra-Dämon hat sie und ihre Gefährten gefunden. Unter Aufbietung all ihrer Kraft gelingt es ihr, den Dämon in einer gewaltigen Feuersbrunst zu vernichten, bevor dieser Brin niederstrecken kann.

Und endlich finden der Krieger und sie den Mut, zu ihren Gefühlen zu stehen, und verschmelzen in einem langen, leidenschaftlichen, alles verändernden Kuss.

 

Personen

 

Cassandra (genannt Cassy): Eine Studentin aus Münster. Seit ihrer Kindheit begegnet sie in ihren Träumen immer wieder Julien – ihrem Freund und Gefährten. Cassy folgt seinem Hilferuf in die fremde, magische Welt von Edingaard. Dort spürt sie allmählich ihre Gabe erwachen – eine gewaltige, magische Kraft, die sie jedoch noch nicht kontrollieren oder bewusst einsetzen kann. Cassy ist die Reinkarnation der mächtigen Priesterin Cassia, die vor achthundert Jahren gelebt hat.

 

Julien / Cudras: Als Julien kam er in Cassys Träume. In Edingaard ist er als der mächtige Schwarzmagier Cudras bekannt.

 

Brin: Ein unsterblicher Krieger im Dienste der Göttin Liskaju. Er war Cassias Beschützer und Gefährte. Nach ihrem Tod gewährte ihm die Göttin die Unsterblichkeit, damit er über Cassias Nachfolgerinnen wachen kann, bis ihre Aufgabe vollendet und Cudras vernichtet ist.

 

Elaina: Eine Zauberin, die mithilfe eines Spiegels die Zukunft vorhersehen kann und sich niemandem außer sich selbst verpflichtet fühlt.

 

Luca: Ein Späher mit einer geringen magischen Begabung, der in Elainas Diensten steht.

 

Kira: Eine junge Frau, die in ihren Träumen die Zukunft sieht. In einer Vision hat sie vorhergesehen, wie Cudras‘ Dämonen die Hauptstadt von Rondirai vernichten.

 

Ibertus: Ein Bergkobold, Elainas Haus- und Hofmeister und Cassys Freund. Er hat Cassy mehrmals geholfen und sie zum Phönix geführt.

 

Cassia: Eine sehr mächtige Zauberin. Sie war es, die Cudras vor achthundert Jahren in sein Gefängnis verbannt hat.

 

Sofia: Eine junge Novizin, die in einem der Göttin Liskaju geweihten Tempel den Umgang mit der Magie lernt. Cassy hatte den Tempel kurz nach ihrer Ankunft in Edingaard besucht und dabei Sofia und die Priesterinnen flüchtig kennengelernt.

Kapitel 1

Zielstrebig lief Sofia durch den nächtlichen Wald. Das in dunkles Leder gebundene Buch drückte fast schon schmerzhaft gegen ihre Brust, so krampfhaft presste sie es an sich.

Irgendwo hinter ihr ertönte ein langgezogenes Heulen und das Mädchen zuckte erschrocken zusammen. Neben ihr gab Nanette ein ängstliches Wimmern von sich. Stillschweigend beschleunigten sie ihren Schritt.

Sofia lächelte ihrer Freundin aufmunternd zu, doch sich selbst konnte sie damit nicht täuschen. Ihre Knie zitterten vor Anspannung und Angst. Freiwillig hätte sie sich nie im Leben nach Sonnenuntergang in den Wald getraut, obwohl sie wusste, dass der Weg zur heiligen Lichtung sicher war, sicher sein musste. Trotzdem glaubte sie, überall in der Dunkelheit umherhuschende Schatten und leuchtende Augen zu sehen, die nur darauf lauerten, sich auf die beiden Mädchen zu stürzen.

Doch der Befehl ihrer Oberin war eindeutig gewesen. Sie mussten das Buch zu ihrer Göttin bringen.

Ein Zweig knackte rechts von ihnen. Nanettes eisige Finger krallten sich in Sofias Oberarm. Panisch schaute sie sich um. Mehr als ein Dutzend rotglühender Punkte tanzten in der Finsternis. Ein kalter Schauer lief ihren Rücken herunter – Bluthunde. Mit einem Gebet an die Göttin auf den Lippen packte sie die Hand des anderen Mädchens und rannte los.

Durch das Rauschen ihres eigenen Blutes in den Ohren hörte sie überdeutlich das leise Trommeln, mit dem die mächtigen Tatzen der Tiere auf dem Boden aufschlugen, doch sie traute sich nicht, ihren Blick von dem schmalen Pfad zu nehmen. Nur wenig Mondlicht drang durch die dichten Wolken und jeder Fehltritt konnte tödlich enden, sie den Bestien ausliefern, die sie verfolgten.

Endlich kam die kleine Lichtung in Sicht. Sofia schluchzte erleichtert auf und lockerte ihren Griff um Nanettes Hand.

»Und was jetzt?«, flüsterte ihre Freundin leise.

Sie wünschte, sie wüsste es. Nachdem die Oberin sie zu dieser nachtschlafenden Zeit zu sich beordert hatte, hatte sie ihnen lediglich das Buch gereicht und befohlen, sich sofort auf den Weg zur Lichtung zu machen. Nicht zum ersten Mal fragte Sofia sich, wieso ausgerechnet ihnen, den beiden Novizinnen, diese außerordentliche Ehre zuteilwurde. Jede der Priesterinnen hätte Vieles dafür gegeben, ihrer Göttin ins Angesicht blicken zu dürfen.

Doch die Oberin hatte so angespannt, so eindeutig mit anderen Dingen beschäftigt gewirkt, dass Sofia sich nicht getraut hatte, ihre Fragen zu stellen.

Und da waren sie nun.

Die Bluthunde umkreisten beharrlich die Lichtung – sie konnte ihr ärgerliches Knurren und das Brechen der Zweige unter ihren Pfoten hören und zog Nanette weiter zur Mitte des sicheren Areals. Dort blieb sie unschlüssig stehen und schaute zum Himmel empor.

Das Leuchten war anfangs so schwach, dass sie es zunächst gar nicht als solches wahrnahm. Sie glaubte, es wäre nur eine Wolke, die sich beiseiteschob und die Sicht auf den Mond freigab. Doch das Strahlen wurde stärker und stärker, bis sie eine Gestalt darin ausmachen konnte. Überirdisch schön schwebte Liskaju auf sie zu.

Die beiden Mädchen fielen ehrfürchtig auf die Knie und neigten ihre Köpfe so tief, dass sie beinah das Gras des Waldbodens berührten. Sosehr Sofia es sich wünschte, die Göttin in allen Einzelheiten zu betrachten, diese einmalige Gelegenheit zu nutzen, die sich ihr bot, wagte sie es doch nicht, ihr Gesicht zu heben.

»Habt ihr das Buch?«

Liskajus Stimme klang wie Musik in Sofias Ohren, so gütig, so machtvoll. Aber da schwang noch etwas Anderes mit. Trauer? Sorge?

»Ja.« Vor Aufregung kam dieses eine Wort nur krächzend über ihre Lippen und sie streckte der Göttin das Gewünschte entgegen. Sie spürte Wärme an ihren Fingern, als Liskaju es ihr aus der Hand nahm.

»Danke.«

Ein unendliches Glücksgefühl durchströmte Sofia bei diesem Wort. Zögernd hob sie ihren Kopf.

In diesem Moment zerriss ein gewaltiges Donnern die nächtliche Stille. Erschrocken sprang Sofia auf, folgte dem Blick der Göttin zur Quelle des Geräusches und sah eine riesige Feuersbrunst in den Himmel ragen – genau an der Stelle, wo der Tempel stand.

Nein! Das konnte nicht sein! Das durfte es einfach nicht. Fassungslos starrte sie die Göttin an und las die Bestätigung ihrer schlimmsten Ängste in deren Augen. Ihr Heim, die einzige Familie, die sie jemals gehabt hatte – sie waren fort.

»Was? Wie?«, stammelte sie, während ihr Tränen über die Wangen strömten und ihre Beine sich wie von selbst in Bewegung setzten. Vielleicht war noch nicht alles verloren, vielleicht konnte sie helfen.

»Es ist zu spät!«, hielt die Stimme der Göttin sie zurück.

Sofia blieb wie festgefroren stehen. »Du musst ihnen helfen, bitte!« Sie drehte sich um und warf sich Liskaju vor die Füße.

»Ich wünschte, ich könnte es«, erwiderte diese leise.

Sofia konnte nicht fassen, dass die Göttin sie so im Stich ließ.

»Ich verstehe deinen Schmerz und deinen Zorn.« Sie hörte das Mitgefühl in der Stimme, spürte eine warme Hand, die ihr federleicht über den Kopf strich. »Aber dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit. Ihr müsst den Wald verlassen. Der Zauber, der die Kreaturen zurückhält, wird zusammen mit dem Tempel vergehen.«

Sofia schluckte. Die Erkenntnis um die Gefahr, in der sie selber schwebte, dämpfte ein wenig die Trauer und die Wut, die sie zu übermannen drohten.

Kam es ihr nur so vor oder waren die Bluthunde tatsächlich bereits näher herangerückt?

»Komm schon, Sofia!«, rief Nanette panisch. Auch ihr rannen Tränen über das Gesicht.

Eins der Tiere lief in großen Sprüngen auf sie zu. Geifer tropfte von den riesigen, gefletschten Zähnen. Nur noch wenige Schritte trennten es von den beiden Mädchen. Das Wesen stieß sich vom Boden ab, flog direkt auf Sofia zu, die sich plötzlich nicht mehr rühren konnte. Mit schreckensgeweiteten Augen starrte sie ihrem Angreifer entgegen.

Ein Lichtstrahl traf es mitten in der Brust, ließ es winselnd zu Boden stürzen.

»Lauft!«, erklang der Befehl der Göttin. Liskaju streckte ihre Arme aus und sandte ein Leuchten wie einen hellen Pfad durch den dunklen Wald.

Nanette packte Sofias Hand und die Berührung brachte sie endlich wieder zu sich. Gemeinsam rannten die Mädchen den schmalen Korridor aus warmem Licht entlang. Knurrend und entschlossen setzten die Bluthunde ihnen nach.




Cassy schlang ihre Arme um Brins Hals, zog ihn zu sich heran, gab sich ganz diesem Kuss hin, der so zärtlich und liebevoll begonnen hatte und nun deutlich leidenschaftlicher wurde. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass das gerade tatsächlich geschah, dass er wirklich sie wollte, dass seine Erinnerung an Cassia nicht länger zwischen ihnen stand.

Sie verdrängte entschieden den Gedanken, der sich in ihren Geist zu schleichen versuchte, den leisen Zweifel, ob es für ihn genauso viel bedeutete wie für sie. Schließlich hatten sie noch keine Gelegenheit gehabt, darüber zu sprechen. Die Ereignisse hatten sich überschlagen – das Erscheinen des Phönix‘, der Kampf gegen den Umbra, die Tatsache, dass sie beide dem Tod nur so knapp entkommen waren. Und nun waren sie hier und küssten sich, als ob es kein Morgen gäbe.

Vielleicht gab es den auch nicht, zumindest nicht für sie. Und genau deshalb wollte sie sich nicht den Kopf über das alles zerbrechen, sondern bloß den Moment genießen, das Hier und Jetzt in Brins starken Armen, in denen sie sich so sicher, geborgen und gerade auch unfassbar begehrenswert fühlte.

Er schaute auf sie herab, den Blick dunkel voll Leidenschaft und Gefühl. »Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren«, flüsterte er rau. »Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ...«

»Schht«, unterbrach sie ihn sanft, bedeckte sein Kinn, seinen Hals mit hungrigen Küssen. Sie wusste, was er meinte, aber sie wollte nicht daran erinnert werden. Alles, was zählte, war, dass sie beide hier waren – lebendig und unversehrt.

Er sah ihr tief in die Augen. Sie erkannte die unausgesprochene Frage darin, doch sie selbst war über diesen Punkt längst hinaus. Sie liebte ihn und sie wollte ihn – mit jeder Faser ihres Körpers und jedem Stückchen ihrer Seele.

Wie von selbst fanden ihre Hände den Saum seines Hemdes, zogen ihn hoch, glitten über seine geschmeidige, warme Haut, spürten die festen Muskeln. Sein Körper fühlte sich noch besser an, als sie es sich je erträumt hatte, und ein wohliges Seufzen entwich ihren Lippen, während sie ihn mehr und mehr erkundete. Sie hörte seinen schweren Atem und das Hämmern seines Herzens. Oder war es ihr eigenes?

Er saugte an ihrer Unterlippe und Cassy meinte, noch nie etwas Köstlicheres empfunden zu haben als das Feuer, das er damit in ihr entfachte.

Sie murrte protestierend, als er sich ein wenig von ihr löste. Doch er dachte nicht ans Aufhören, bei Weitem nicht. Sein Mund zog eine brennende Spur an ihrem Hals entlang, während seine Finger ihrem Beispiel folgend ihr Oberteil nach oben schoben. Sanft und besitzergreifend zugleich umfassten seine Hände ihre nackte Taille. Cassy warf den Kopf in den Nacken und ergab sich seiner Liebkosung. Die Hitze in ihrem Inneren wurde beinah unerträglich, sie konnte sich nicht vorstellen, dass das Verlangen, das der Krieger in ihr auslöste, jemals nachlassen würde. In ihrem Kopf drehte sich alles, ihr Atem war nur noch ein Keuchen und ihre Glieder fühlten sich schwerelos an. Fahrig zerrte sie an seinem Hemd, um es ihm über den Kopf zu ziehen, um ihn endlich ganz zu spüren, ohne all den störenden Stoff zwischen ihnen.

Er half nicht mit.

Sie öffnete den Mund, um sich zu beschweren, als ihr auffiel, dass etwas nicht stimmte. Sengende Hitze schlug ihr entgegen.

Entsetzt starrte Cassy die hohe Wand aus loderndem Feuer an, die sie von allen Seiten umschloss.

Brin sprang auf die Beine. Von der Erregung, die ihn nur Sekunden zuvor beherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. Er streckte seine Hand aus und zog Cassy hoch. Das Feuer hatte sie fast erreicht. Ihre Haare begannen zu knistern. Sie hustete, das Atmen fiel ihr zunehmend schwer.

Mit einem Ruck streifte Brin sich das Hemd ab und schlang seinen Arm fest um ihre Mitte. Er brachte seinen Kopf so nah wie möglich an den ihren heran und hielt den Stoff über sie beide. »Auf drei«, raunte er ihr zu. Ehe Cassy überhaupt begriff, was er vorhatte, rannte er mit ihr durch die Flammen. Sie schrie auf, als ein brennender Schmerz ihren Arm erfasste. Dann waren sie auch schon hindurch und Brin drückte sie energisch zu Boden, rollte sie herum und klopfte sie vorsichtig ab, bis sie seine Hände protestierend von sich schob und sich aufrichtete.

»Geht es dir gut?« Er musterte sie besorgt.

»Ich denke schon.« Ein Brandloch zierte ihren rechten Ärmel. Behutsam berührte sie die gerötete Haut darunter und zuckte schmerzerfüllt zusammen.

»Zeig her.« Er beugte sich über sie, um ihre Verletzung zu begutachten.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich zu den vielfältigen Wunden, die er bei dem Kampf mit dem Umbra davongetragen hatte, nun auch Brandblasen gesellten.

»Mir geht es gut«, sagte sie fest. »Aber du rührst dich nicht von der Stelle. Du bist schließlich auch nicht unverwundbar.«

»Ach, das«, setzte er abtuend an, doch Cassys Finger, der leicht auf eine seiner zahlreichen Wunden drückte, ließ ihn scharf die Luft einziehen.

»Genau das meine ich. Ich werde Ibertus holen.«

»Das hat Zeit. Erst möchte ich wissen, was das hier soll.« Er deutete auf das Feuer. »Wer auch immer uns angegriffen hat, wird vermutlich noch in der Nähe sein.«

Während er damit begann, die Umgebung zu sichern, trat Cassy vorsichtig näher an die Brandfläche heran. Es war eigenartig. Die Flammen hatten ein perfektes Oval um die Stelle gebildet, an der Brin und sie gelegen hatten. Und nachdem sich der Ring in der Mitte geschlossen hatte, waren sie einfach in sich zusammengefallen. Die schwarze, noch leicht nachglimmende Fläche hob sich deutlich von dem ansonsten grasbedeckten Boden ab. Das Feuer musste aus dem Nichts aufgetaucht oder von jemandem sehr präzise gelegt worden sein. Doch egal, wie beschäftigt sie gewesen sein mochten – bei der Erinnerung daran spürte sie wieder eine angenehme Wärme in ihrem Bauch aufsteigen – sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich jemand an sie herangeschlichen haben konnte, ohne dass der Krieger ihn bemerkt hätte.

»Ich habe nichts Verdächtiges entdeckt.« Brin trat zu ihr und legte ihr seinen Arm um die Hüfte.

Cassy hatte Schwierigkeiten damit, ein glückseliges Lächeln zu unterdrücken. Er meinte es tatsächlich ernst. Es waren nicht nur seine Hormone, die mit ihm durchgegangen waren.

»Ebenso wenig war das Feuer natürlichen Ursprungs«, fuhr er fort und holte sie auf den harten Boden der Realität zurück. Selbstverständlich nahmen ihre Feinde keine Rücksicht darauf, wie glücklich und verliebt sie gerade war.

»Glaubst du, er hat das gemacht?«, murmelte sie leise.

Brin zuckte mit den Schultern. »Schon möglich. Doch in diesem Fall wäre es ein äußerst halbherziger Versuch. Normalerweise geht Cudras nicht so stümperhaft vor.«

Cassy tastete über ihren verletzten Arm und betrachtete all die Brandblasen, die seinen Oberkörper zierten. Für sie war diese Machtdemonstration einprägsam genug. Auch wenn Brins Wunden bereits zu heilen begannen, musste der Krieger ziemliche Schmerzen erleiden.

»Wie auch immer.« Er drückte sie an sich und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. »Solange wir es nicht genau wissen, sollten wir doppelt vorsichtig sein.«

»Was ist denn hier los?« Ibertus tauchte hinter ein paar Büschen auf. Er schnupperte, dann schien er ihre derangierte Erscheinung zu bemerken. »Hat es gebrannt? Habt ihr euch mit einem Phönix angelegt?«

»Nein.« Cassy strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie sollte dringend ihre Haare waschen, der angekokelte Gestank war kaum zu ertragen. »Wir haben bloß ...« Sie verstummte errötend und räusperte sich. »Das Feuer war auf einmal da, keine Ahnung, wieso.«

»Scheint ja noch mal gutgegangen zu sein«, meinte der Kobold. »Wir sollten zu unserem Lager zurückkehren. Ich schätze, wir können alle etwas Ruhe und was zu essen vertragen.«

»Geht ihr schon mal vor.« Brin hockte sich neben die Brandstelle hin und zerrieb die erkaltende Asche prüfend zwischen seinen Fingern. »Ich komme gleich nach.«

Cassy verharrte unsicher. Es behagte ihr nicht, ihn hier alleinzulassen, und sie wunderte sich, woher dieser plötzliche Beschützerinstinkt ihm gegenüber kam.

»Es dauert nicht lange«, beruhigte er sie und schenkte ihr ein ganz besonderes Lächeln, das ihr Herz zum Flattern brachte.

»Könntest du dich bitte um seine Wunden kümmern?«, wandte sie sich leise an Ibertus.

»Nach einem kleinen Schläfchen sehr gern.« Er reichte ihr seine Pfote, um ihr galant über einen großen Stein zu helfen.

»Danke. Für die Sache mit Brin, meine ich.«

Er schoss ihr einen neugierigen Seitenblick zu. »Was ist das jetzt zwischen dir und dem Krieger?«

»Wer weiß?« Cassy biss sich auf die Unterlippe, um das glückliche Lächeln zurückzuhalten, was ihr jedoch kläglich misslang.

»Ich hab’s sofort gewusst!« Zufrieden hopste Ibertus neben ihr her.


Sie hatten das Lager gerade erreicht, als Brin auch schon zu ihnen stieß. Cassys Herz hüpfte erleichtert, als sie ihn sah. Würde es von nun an etwa immer so sein? Würde sie sich nur dann vollständig und sicher fühlen, wenn er in ihrer Nähe war? So wie mit ihm hatte sie sich noch nie zuvor gefühlt – und so schön das auch war, sie musste gestehen, dass es ihr ein wenig Angst machte.

»Wo ist denn der Phönix?«, fragte sie Ibertus, um sich davon abzulenken.

»Er schläft tief und fest.« Der Kobold deutete auf ein kleines Nest aus Gras, Moos und Blättern, in dessen Mitte ein winziger, roter Vogel lag. Obwohl sie es mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte sie sich kaum vorstellen, dass das Wesen eines Tages zu einem mächtigen Phönix heranwachsen würde, der sogar Brin Respekt einzuflößen vermochte.

Ibertus machte sich sofort daran, das Abendessen für sie alle vorzubereiten, doch selbst ihm waren die Anstrengungen der vergangenen Stunden deutlich anzumerken. Anstatt wie sonst ein vollwertiges Mahl aufzutischen, begnügte er sich damit, ein paar Streifen Dörrfleisch über dem Lagerfeuer anzurösten und zusammen mit ihrem letzten Kanten Brot herumzureichen.

Gehorsam kaute Cassy darauf herum, auch wenn sie keinen Hunger verspürte. Immer wieder schaute sie verstohlen den neben ihr sitzenden Krieger an und hätte zu gern gewusst, wie es jetzt mit ihnen weiterging. War es Absicht oder Zufall, dass sein Knie das ihre berührte? Würden sie sich gleich gemütlich unter eine Decke kuscheln oder jeder für sich allein schlafen?

Ibertus wischte seine Pfoten an einem Blatt sauber und gähnte ausgiebig. »Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin völlig erledigt.« Er erhob sich und schaute ein letztes Mal nach dem kleinen Phönix, bevor er sich neben ihm zusammenrollte. Kurz darauf erklang sein leises Schnarchen.

Cassy nahm sich Zeit, ihre Mahlzeit zu beenden. Plötzlich fühlte sie sich in Brins Gegenwart äußerst befangen. »Ich lege mich auch lieber hin.« Sie erhob sich langsam und suchte nach ihrer Decke.

»Hier.« Hilfsbereit reichte er ihr den dicken Wollstoff. Seine Finger streiften die ihren und hielten sie fest. »Allerdings hatte ich gehofft, dass du mir vorher noch Gesellschaft leistest«, flüsterte er rau.

»Wobei denn?« Das verheißungsvolle Glitzern in seinen Augen schickte einen angenehmen Schauer über ihren Körper.

»Da war noch eine Sache, die wir nicht zu Ende gebracht haben.« Er lächelte und zog sie zu sich heran. Sein Mund war warm und weich, als er auf den ihren traf.

Cassy gluckste leise. »Diese Sache. Jetzt erinnere ich mich.«

»Na, das will ich doch hoffen.« Er biss ihr spielerisch in die Lippe, bevor er sich von ihr löste und sie mit sich fortführte.

»Wohin gehen wir?«

»Nur ein Stück weiter, wir sollten Ibertus nicht um seinen wohlverdienten Schlaf bringen.«

Wenn sich das nicht vielversprechend anhörte, dann wusste sie es auch nicht.

Schließlich blieb Brin stehen und wandte sich ihr zu. Ernst ruhte der Blick seiner dunklen Augen auf ihr. Er hob eine Hand und strich ihr zärtlich übers Gesicht. »Bevor wir weitermachen, möchte ich, dass du eins weißt«, setzte er feierlich an und Cassy machte sich für alles bereit. »Ich liebe dich, Cassandra. Und egal, was passieren wird, wir stehen das gemeinsam durch.«

Nur langsam sanken die Worte in ihren Geist. Sie blinzelte überwältigt und schnappte aufgelöst nach Luft. Sie hatte mit Vielem gerechnet, aber nicht damit. Er war offensichtlich kein Mann, der Angst vor seinen Gefühlen hatte.

Geduldig wartete er ihre Reaktion ab, gab ihr Zeit, sein Geständnis zu verarbeiten.

»Wirklich?«, raunte sie, noch immer nicht fähig, es tatsächlich zu glauben. »Und was ist mit Cassia?« Sie hasste sich dafür, dass sie sie jetzt ins Spiel brachte, doch sie wollte es lieber direkt wissen, bevor sie sich zu sehr an den Gedanken gewöhnte, dass er sie liebte.

Ein wehmütiger Ausdruck trat auf sein Gesicht, aber er wich ihr nicht aus. »Cassia ist meine Vergangenheit, du bist meine Zukunft.«

»Das höre ich gern.« Cassy schniefte leicht und schlang die Arme um seinen Nacken. »Ich liebe dich nämlich auch.«

»Dann wäre das ja geklärt.« Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie erneut.

Cassy schrie überrascht auf, als er sie – ohne in seinem Kuss innezuhalten – auf die Arme nahm und ein paar Schritte weiter im weichen Gras niederlegte. Behutsam begann er damit, die Knöpfe ihrer Weste zu öffnen. Seine Hände strichen über ihren Körper und sie spürte erneut, wie sich Hitze in ihr auszubreiten begann. Sie ließ ihre Finger unter sein Hemd gleiten, doch er hielt sie sanft zurück. »Noch nicht«, flüsterte er leise. Sie verstand es nicht, doch sie gehorchte. »Schließ deine Augen und vertrau mir.«

Lächelnd folgte sie der Anweisung und musste zugeben, dass er ganz genau wusste, was er da tat. Er hatte sie noch nicht einmal ausgezogen und doch hatte sie das Gefühl, vor Leidenschaft zu vergehen. Unruhig wand sie ihren Kopf hin und her, ihr war, als müsste sie jeden Augenblick explodieren.

Abrupt hielt er inne. Sie stöhnte irritiert auf und bog ihren Körper seinen Händen entgegen.

»Cassy, schau dich langsam um. Und bitte hab keine Angst.«

Diese Ansage verpasste ihrer Erregung einen ziemlichen Dämpfer. Befremdet öffnete Cassy ihre Lider und sprang entsetzt auf. Sie wurden erneut angegriffen! Eine Wand aus Feuer kreiste sie in einem Abstand von wenigen Schritten von drei Seiten ein. Nur den Rücken hatten sie noch frei und Cassy erkannte sogleich den Grund dafür, als Brin sie schon wieder auf seine Arme hob und mit einem Satz über einen Bach sprang, der knapp einen Meter hinter ihnen vorbeifloss. Hatte er den Platz mit Absicht so gewählt? Jedenfalls schien er über das Inferno, das noch immer auf dem anderen Ufer tobte, nicht sonderlich beunruhigt zu sein.

Wütend starrte Cassy das Feuer an. Das konnte doch kein Zufall sein! Hatte Cudras es darauf angelegt, sie zu quälen? Oder war er derart eifersüchtig, dass ihm jedes Mittel recht war, um Brin und sie auseinanderzubringen? Als hätten sie ihre Gedanken gespürt, schlugen die Flammen herausfordernd höher.

»Hört es denn niemals auf?«, schrie sie verzweifelt. Irgendwie mussten sie ihm doch Einhalt gebieten können.

»Wir kriegen das hin«, sagte Brin leise und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Und wie? Er verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Wir haben ja nicht einmal ein Fünkchen Privatsphäre!«

Betreten schaute der Krieger zu Boden. Täuschte sie sich oder war da wirklich ein Zucken in seinem Mundwinkel? »Ich glaube nicht, dass Cudras für das hier verantwortlich ist.« Er deutete auf das langsam erlöschende Feuer.

»Und wer dann?«

»Du.« Jetzt war da eindeutig ein Lächeln, und ein überaus selbstzufriedener Ausdruck obendrein.

»Ich?« Das war doch absurd! »Wie denn?« Cassy verstummte schlagartig und lief dunkelrot an. Sie wünschte sich, der Boden würde sich vor ihr auftun und sie verschlucken, wenn der furchtbare Verdacht, der ihr gerade kam, sich bewahrheiten sollte. Das war ja so peinlich. Hatte er sie im wahrsten Sinne des Wortes derart zum Glühen gebracht, dass sich ihre Gefühle verselbstständigt und zusammen mit ihrer neu entdeckten Gabe alles um sie herum in Brand gesetzt hatten?

Brin versuchte, sie zu sich herumzudrehen, doch sie riss sich von ihm los. Sie konnte ihm jetzt nicht ins Gesicht sehen. So hatte sie sich ihre erste Nacht mit dem unsterblichen, welterfahrenen, so unglaublich beeindruckenden Krieger ganz bestimmt nicht vorgestellt.

»Cassy?«

Sie antwortete nicht. Verzweifelt kämpfte sie um ihre Fassung, lauschte dem beruhigenden Murmeln des Baches.

Der Bach! Brin hatte diesen Ort mit Absicht gewählt. Er hatte gewusst, was passieren würde und sie nicht einmal vorgewarnt. Sie drehte sich zu ihm um und dieses Mal war es nicht die Scham, die ihre Wangen rot färbte, sondern die Wut.

»Du wusstest es!«, schleuderte sie ihm anklagend entgegen.

»Ich habe es zumindest vermutet, aber ich war nicht sicher.«

Sie schnappte empört nach Luft. »Oh, dann war das für dich nur ein Experiment?« So viel dazu, er würde sie lieben. Tränen perlten aus ihren Augen und sie wischte sie trotzig fort. Sie hatte ihm vertraut, aber er hatte sie bloßgestellt und entwürdigt.

»Natürlich nicht.« Etwas wie Hilflosigkeit machte sich auf seinem Gesicht breit. »Aber wenn wir einen Weg finden wollen, es zu verhindern, müssen wir doch wissen, was es auslöst.«

Sie spürte, wie ihr Zorn schwand, und hielt krampfhaft daran fest. Alles, was sie von der Peinlichkeit ihrer Körperreaktionen ablenkte, war gut. »Keine Angst, es wird nicht wieder vorkommen«, entgegnete sie eisig. Sie würde ihn einfach nicht mehr an sich heranlassen. Und das nicht nur, weil sie sich schämte, sich so wenig unter Kontrolle zu haben, sondern auch, weil es schlichtweg zu gefährlich war. Sie würde es nicht riskieren, ihn zu verletzen, nur weil ihre Emotionen mit ihr durchgingen.

»Wie meinst du das?« Beunruhigt trat er näher.

»So, wie ich es sagte.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und jetzt möchte ich schlafen, es war ein verdammt harter Tag.« Wenn das mal nicht die Untertreibung des Jahrhunderts war. In den letzten Stunden war so viel passiert, sie hatte so viele Aufs und Abs erlebt, dass es für einen Monat gereicht hätte.

Er streckte seine Hand aus, als sie an ihm vorbeirauschen wollte, und die Berührung jagte einen Stromstoß durch ihren Körper. So viel dazu. Unwillig blieb sie stehen.

»Heißt das, ich darf dich nicht mehr anfassen?«, fragte er leise. »Dich nicht mehr küssen?« Er brachte sein Gesicht so nah an das ihre, dass sein warmer Atem über ihre Wange strich. Cassys Entschlossenheit geriet ins Wanken. Wenn er nur wüsste, wie verführerisch er klang. Sie schluckte. Genau das war das Problem. In seiner Nähe konnte sie sich selbst nicht trauen. Und solange sie sich hinter ihrem verletzten Stolz verstecken konnte, musste er nicht erfahren, wie viel Angst sie davor hatte, ihre Beherrschung irgendwann vollends zu verlieren. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie den Umbra vernichtet hatte, an den Vulkan, der zuvor in ihr gebrodelt hatte. Sie würde es nicht überleben, wenn sie Brin so etwas antat.

»So? Oder so?« Sie spürte seine Lippen an ihrem Hals, kleine zärtliche Küsse, die er darauf verteilte.

Ihr Herz zog sich qualvoll zusammen, als sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung löste. »Lass es bitte.« Mit tränenverschleiertem Blick stolperte sie zum Lager zurück.





Unbeweglich wie eine Statue starrte Sofia die Rauchsäule an, die über dem heiligen Wald aufstieg. Dieser Rauch war das Einzige, was von dem Ort übrig war, an dem sie fast ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Und von Iridia – der Frau, die ihr wie eine Mutter gewesen war.

»Es wird niemand mehr kommen.« Tiefe Trauer klang in Elodies Stimme, als sie zu dem Mädchen trat. »Wir müssen los.«

»Nein!« Trotzig schüttelte Sofia ihren Kopf. »Wir müssen nachsehen, ob sie noch leben.«

»Die Oberin hätte den Tempel nicht vernichtet, wenn sie eine andere Wahl gehabt hätte. Und ich habe selbst gesehen, wie Iridia fiel.«

»Vielleicht hast du dich getäuscht, vielleicht haben sie die Bestien in eine Falle gelockt und konnten selbst fliehen.« Sie wusste, dass sie sich gerade wie ein Kleinkind anhörte, aber es war ihr egal.

»Dann wären sie schon längst hier.«

»Ich verstehe das nicht! Warum? WARUM?!« Das letzte Wort schrie sie lauthals dem grauen Himmel entgegen.

Elodie seufzte.

Die junge Priesterin hatte ihr schon zweimal erklärt, was geschehen war, aber für Sofia ergab es noch immer keinen Sinn. Die Göttin hatte der Oberin eine Warnung geschickt – und eine Bitte. Mächtige Kreaturen hatten es auf den Tempel und die Schätze darin abgesehen. Die Oberin wollte nicht fliehen, sie wusste, dass der Feind nicht eher ruhen würde, bis er sie alle vernichtet hätte. Also entschloss sie sich zum Kampf. Nur die Novizinnen schickte sie fort, mit dem Buch, das die Göttin haben wollte. Damit sie weit genug vom Tempel entfernt waren, wenn die Feinde ihn erreichten. Tapfer stellten sich die Frauen den beiden Kreaturen in den Weg, die sie angriffen. Trotz ihrer Magie hatten sie kaum eine Chance. Die Bestien bewegten sich unglaublich schnell und mit ihren flirrenden Schwertern wehrten sie jeden Angriff ab – selbst magisches Feuer hatte ihnen nichts anhaben können. Drei Priesterinnen waren ihnen zum Opfer gefallen – darunter auch Iridia, – bevor die Oberin den übrigen befahl, sich in Sicherheit zu bringen. Sie selbst lockte die Kreaturen tiefer in den Tempel hinein und aktivierte dann den letzten Schutzzauber, der mit den Mauern selbst verwoben war und in einer gewaltigen Feuersbrunst alles dem Erdboden gleichmachte. Nur so konnte sie dafür sorgen, dass die Geheimnisse des Tempels nicht in falsche Hände gerieten und die beiden Bestien nicht noch mehr Unheil unter den Menschen anrichteten.

Sofia wusste, dass die Priesterin das einzig Richtige getan hatte, und doch war es so unnötig gewesen.

»Die Göttin hätte sie retten können«, flüsterte sie bitter. »Sie war da gewesen, ganz in der Nähe, aber sie hat nichts getan.«

Elodie machte ein schnelles Zeichen mit den Fingern, das das Böse abwehren sollte, und schaute das Mädchen tadelnd an. »Es steht dir nicht zu, über unsere Göttin zu urteilen.«

»Sie hat sie einfach sterben lassen«, beharrte Sofia stumpf. »Das blöde Buch war ihr wichtiger als die Frauen, die ihr ganzes Leben lang nur ihr gedient haben.«

»Das ist nicht wahr. Sie hat uns gewarnt. Wir hätten auch fliehen können.«

Sofia schnaubte. »Ja, sicher. Damit die Kreaturen ein Leben lang Jagd auf uns machen. Sie wusste, dass die Oberin das niemals zulassen würde.«

»Aber es war dennoch unsere Entscheidung. Außerdem weißt du genau, dass die Göttin nicht selbst in das Geschehen eingreifen darf.«

Ein Bild blitzte vor Sofias Augen auf. Der dunkle Wald, die Bluthunde und die Göttin, die einen davon mit ihrem Licht traf, bevor sie den beiden verängstigten Mädchen einen sicheren Ausweg zeigte. »Das ist nicht wahr! Sie mischt sich sehr wohl ein, wenn es ihr gerade passt. Sie hat Nanette und mich gestern gerettet!«

Elodie lächelte nachsichtig. »Wäre das nicht ein Grund, der Göttin zu danken, anstatt sie infrage zu stellen?«

»Schon möglich.« Sofia zuckte mit den Achseln. Aber sie war sich nicht sicher, ob sie Liskaju jemals würde vergeben können, dass sie ihre Ziehmutter im Stich gelassen hatte.





»Können wir reden?«

Cassy seufzte. Ibertus war gerade wieder mit dem kleinen Phönix beschäftigt und Brin hatte offensichtlich beschlossen, die Gelegenheit sofort zu ergreifen. Sie konnte wohl schon dankbar dafür sein, dass er sie gestern Abend nicht direkt zur Rede gestellt hatte. Als er zum Lager zurückgekehrt war, hatte sie sich bereits in ihre Decke gewickelt und sich schlafend gestellt. Ein paar Herzschläge lang hatte er sie schweigend betrachtet und sich dann auf der anderen Seite des Feuers hingesetzt. Ein Teil von ihr war darüber erleichtert gewesen, während ein anderer sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als sich in seine Arme zu kuscheln. Nun, wo sie wusste, wie sich das anfühlte, fiel es ihr noch schwerer, darauf zu verzichten. Auch wenn es das Beste war, für sie beide.

»Worüber denn?«

Er verzog bedeutungsvoll das Gesicht und sie sah ein, dass es keine besonders intelligente Idee war, sich unwissend zu stellen. Andererseits war alles Wesentliche bereits gesagt.

»Da gibt’s nichts mehr zu besprechen.«

»Oh, das sehe ich aber anders!« Er hockte sich neben sie. »Also, gehst du jetzt ein Stück mit mir oder sollen wir das direkt hier erörtern, vor den Ohren eines ziemlich neugierigen kleinen Kobolds? Mir macht es nichts aus, aber ich dachte, dir wäre es anders vielleicht lieber.«

Cassy schnitt ihm eine Grimasse. Erpresste er sie etwa damit, alle peinlichen Details des gestrigen Tages vor Ibertus auszubreiten, wenn sie nicht mit ihm kam? Sie musste zugeben, dass die Taktik wunderbar funktionierte. Sie erhob sich murrend und schoss dem Krieger einen bösen Blick zu.

Brin lächelte bloß und nahm ihre Hand.

Es fühlte sich gut an und nach so kurzer Zeit schon erschreckend vertraut. Sehnsüchtig betrachtete sie sein Profil, während ihr Herz vor Aufregung hüpfte. Er gab nicht auf, das musste doch etwas bedeuten, oder?

Schweigend führte er sie immer weiter durch die Bäume, bis er schließlich stehen blieb und sich ihr zuwandte. Verstohlen schaute Cassy sich um. Weit und breit war kein Wasser zu sehen – er wollte also wirklich bloß reden.

»Es tut mir leid«, sagte er plötzlich.

»Was denn?«

»Dass ich dich verletzt habe. Glaub mir, ich wollte dich weder vorführen noch bloßstellen.«

»Aber genauso hat es sich angefühlt. Du hättest es mir auch einfach sagen können.«

»Es war nur eine Vermutung. Wenn ich es dir gesagt hätte, hättest du dich nicht entspannt.«

Natürlich nicht. Aber das Thema wollte sie jetzt wirklich nicht vertiefen. »Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?«

»Bei dem Kampf gegen den Umbra habe ich gesehen, wie eng deine Gefühle mit deiner Magie verknüpft sind. Außerdem gab es keine natürliche Ursache für den Brand.«

»Und was ist mit Cudras?«

»Etwas so Kleines, Harmloses ist nicht sein Stil.«

»Harmlos?«, entfuhr es ihr fassungslos. Die Brandblasen auf seiner Haut waren zwar mittlerweile verheilt, aber sie waren unverkennbar gewesen.

»Ein geringer Preis dafür, dass ich dich in meinen Armen halten kann«, entgegnete Brin, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er zog sie an sich, doch sie riss sich entschlossen los.

»Das finde ich nicht! Du bist verletzt worden und es hätte noch schlimmer ausgehen können.«

»Und was jetzt?«

»Keine Ahnung.« Sie zuckte unglücklich mit den Schultern. »Ich schätze, wir müssen Abstand halten.«

»Da weiß ich was Besseres.« Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie sanft auf den Mund. Cassy spürte, wie ihre Knie weich wurden und ihr Widerstand dahinschmolz. Ein warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus und brachte ihre Alarmglocken unverzüglich zum Klingeln.

»Nein!« Sie schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. »Ich kann das einfach nicht.«

Frustriert ließ er die Arme sinken. »Wir schaffen das«, machte er noch einen Versuch.

»Wie denn?«

»Übung macht den Meister?«

»Sicher. Und bis dahin hüllen wir uns einfach in feuerfeste Kleidung. Sehr romantisch.«

»Hast du eine bessere Idee?«

Nein, hatte sie nicht. Aber sie hatte schließlich auch noch nie das Problem gehabt, dass sie alles um sich herum in Brand setzte, bloß, weil sie mit einem Mann schlafen wollte. Sie hatte gehofft, es würde endlich einfacher werden, wenn sie ihre Gabe wiederfand, aber stattdessen machte sie alles nur noch komplizierter. Selbst die normalste Sache der Welt war ihr plötzlich verwehrt.

»Wie seid Cassia und du damit umgegangen?« Sie hasste die Bilder, die dabei in ihrem Kopf erschienen, doch sie konnte sich kaum vormachen, dass ihre Beziehung rein platonisch gewesen war. Und vielleicht hatte Cassia ja irgendeinen hilfreichen Trick auf Lager. Immerhin war es ihre Magie, die sie in sich trug.

»Ähm.« Er verstummte. »Wir hatten dieses Problem nie gehabt.«

Na super! Also lag es wirklich an ihr.

Er streckte seine Hand aus und streichelte sanft ihre Wange. Cassys ganzer Körper versteifte sich.

»Ich will nicht, dass du Angst vor mir hast«, sagte er und ergriff vorsichtig ihre Finger. »Ist das in Ordnung für dich?«

Cassy nickte. Es fühlte sich gut an, liebevoll, zärtlich.

»Und das?« Er drückte sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie spürte seinen Körper an dem ihren, roch seinen männlich herben Duft. Sie atmete ein paarmal tief durch, bevor sie einen zustimmenden Laut von sich gab.

»Und das?« Er rückte ein wenig von ihr ab, um sie zu küssen.

Ich kriege das hin, ich kriege das hin, hämmerte es entschlossen in ihrem Kopf.

»Du bist nicht bei der Sache«, stellte er enttäuscht fest.

»Ich kann das einfach nicht.«

»Ich verstehe.« Er wirkte so ernüchtert und verstimmt, dass sie Angst bekam. Sollte es das jetzt gewesen sein? Würde er einen Schlussstrich unter das ziehen, was auch immer sich gerade zwischen ihnen anbahnte? Sie sah, wie es hinter seiner Stirn ratterte, und wünschte, sie könnte irgendetwas tun, um das Unheil abzuwenden.

Als er den Mund aufmachte, rechnete sie so fest damit, die Worte »Na, dann eben nicht« zu hören, dass sie einen Moment brauchte, um zu verstehen, was er wirklich sagte.

»Wir sollten die Göttin um Rat fragen.«

»Was?«, entfuhr es ihr entgeistert.

»Ich weiß, du traust ihr nicht besonders, aber es wäre einen Versuch wert.«

Der Vorschlag war so naheliegend, dass sie sich fragte, wieso er ihn nicht schon viel früher gemacht hatte. Gleichzeitig sperrte sie sich dagegen. Sie war nie besonders religiös gewesen, aber hin und wieder hatte sie ihre Sorgen im Gebet doch einer höheren Macht anvertraut. Aber es war eine Sache, in der Stille ihres Zimmers einen unsichtbaren, weit entfernten, eventuell nicht einmal vorhandenen Gott um Hilfe zu bitten, und eine ganz andere, von Angesicht zu Angesicht einer völlig fremden – wenn auch mächtigen – Frau intime Details von sich preiszugeben.

Er bemerkte ihr Zögern und konnte seinen Frust nicht länger zurückhalten. »Du willst nicht selbst an einer Lösung arbeiten, du willst nicht um Hilfe bitten.« Er fuhr sich aufgebracht durch die Haare. »Was bin ich doch nur für ein Narr! Offensichtlich versuche ich, dich hier bloß zu etwas zu drängen, was du gar nicht möchtest. Es tut mir leid! Es wird nicht wieder vorkommen.« Er drehte sich auf dem Absatz um.

»Nein, warte! So ist das nicht!«, rief sie ihm erschrocken hinterher. Er blieb stehen und sie rannte erleichtert zu ihm. »Ich will dich und alles, was dazugehört. Ich will abends mit dir einschlafen und morgens neben dir aufwachen, und zwischendrin auch mal ein paar Stunden wach bleiben.«

Seine Mundwinkel zuckten. Ermutigt sprach sie weiter. »Aber kannst du dir vorstellen, wie erschreckend und wie peinlich das Ganze für mich ist?«

Er schloss sie wieder in seine Arme. »Erschreckend – ja. Peinlich – nein. Es gibt nichts, dessen du dich schämen müsstest. Erst gestern hast du unbeschadet die Begegnung mit einem Phönix überstanden, hast dich den Abgründen deiner Seele gestellt und eine ungeheuer machtvolle Kraft in dir entdeckt. Da grenzt es an ein Wunder, dass du überhaupt noch aufrecht stehen und denken und handeln kannst, aber nicht, dass du durcheinander bist. Jemand, der weniger stark ist, wäre daran zugrunde gegangen.«

Dankbar lächelte sie ihn an und legte ihre Wange an seine Brust. Seine Worte waren Balsam für ihr Herz und ihr angegriffenes Selbstwertgefühl.

»Könntest du vielleicht trotzdem selbst mit deiner Göttin sprechen?« Irgendwie fühlte es sich nicht ganz so schlimm an, wenn sie ihr Problem nicht selber beichten musste.

»Sicher, wenn es das ist, was du willst.«

»Ja.« Sie reckte ihren Kopf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Und bis dahin könntest du mich vielleicht einfach noch ein bisschen länger festhalten.«

»So lange du willst, mein Herz.«


Kapitel 2

Wütend schlug Cudras den schweren Buchdeckel zu. Staub wirbelte auf. Dann noch mehr, als er seine Faust auf den dicken Folianten niedersausen ließ. Es war einfach nicht sein Tag!

Er stand so abrupt auf, dass sein Stuhl nach hinten kippte und krachend zu Boden fiel. Er merkte den Sog, der von der halb verdeckten Nische hinter ihm kam, spürte Irmahirs Wut, die der seinen in nichts nachstand, sich aber gegen ihn selbst richtete. Er musste nicht mit dem Dämonenlord sprechen, um zu wissen, was dieser von ihm wollte. In nur zwei Tagen hatte er drei Umbras verloren. Die einzigen drei, die Irmahir ihm geschickt hatte. Und natürlich würde der Dämon ihm die Schuld dafür geben, obwohl er selbst allen Grund dazu hatte, sich über die Unfähigkeit dieser Kreaturen zu beschweren.

Der erste war an Brin und Cassy gescheitert – und zwar noch bevor Cudras in Erfahrung bringen konnte, wo sie sich überhaupt herumtrieben. Der Geist der dämonischen Krieger war ihm leider verschlossen, ein Grund mehr, warum er sie kaum zu kontrollieren vermochte. Jetzt stand er wieder am Anfang – ohne eine Ahnung zu haben, wo Cassy war oder was sie vorhatte.

Oh, wie er es hasste, im Dunkeln zu tappen! Er glaubte nicht, dass sie ihm gefährlich werden konnte, nicht so verwirrt und geschwächt, wie sie war. Doch er hat sie Irmahir als Gegenleistung für seine Hilfe versprochen. Da wäre es durchaus von Vorteil, wenn er ihrer auch habhaft werden könnte.

Als wäre das noch nicht genug, hatten die beiden anderen Dämonen, die er losgeschickt hatte, ein paar wertvolle Artefakte aus einem Tempel zu holen, ebenfalls versagt. Eine Handvoll Zauberinnen hätten keine Bedrohung für die Umbras sein sollen, die ohne Vorwarnung und mitten in der Nacht über sie herfielen.

Es sei denn ... Es sei denn, sie hatten eine Seherin dabeigehabt.

Nicht zum ersten Mal wurmte es ihn zutiefst, dass die Vorhersage der Zukunft einer der wenigen Zweige der Magie war, die sich ihm hartnäckig verschlossen.

Einer der Umbras hatte eine Seherin gespürt. Doch leider war der nun tot und somit nicht in der Lage, Cudras bei der Suche nach ihr zu helfen.

Er ging durch den Raum und streckte seinen erhitzten Kopf aus dem offenen Fenster. Langsam nahm er ein paar tiefe Atemzüge von der kühlen Luft, spürte den Wind auf seiner Haut und zwang sich innerlich zur Ruhe. Es gab so Vieles, das seine Aufmerksamkeit erforderte. Noch nicht einmal er konnte alles gleichzeitig erledigen. Und es half ihm nicht, wenn er die Übersicht verlor. Erst musste er das Problem seiner – noch immer viel zu schwachen – Armee lösen, dann würde er Irmahir endlich wieder auf Augenhöhe begegnen.

Seufzend wandte er sich seinem Schreibtisch zu, hob den umgefallenen Stuhl auf und öffnete das nächste Buch, dessen finstere Mysterien darauf warteten, von ihm ergründet zu werden. Vielleicht würde er da endlich die Antwort finden, die er so dringend brauchte.





Brin kniete sich ins weiche Gras und stützte seine Hände auf den Knien ab. Er wusste, dass Cassy ihn irgendwo zwischen den Bäumen heimlich beobachtete, und verkniff sich ein Lächeln. Sie wusste noch immer nicht recht, ob sie an Liskajus Existenz wirklich glauben sollte. Er hoffte, dass sich das gleich ändern würde.

Leise flüsterte er den Namen seiner Göttin und wartete. So unsinnig das auch war, ein Teil von Cassys Nervosität hatte sich auf ihn übertragen. Wenn Liskaju seinen Ruf jetzt nicht erhörte, würde Cassy wohl niemals an sie glauben.

Doch seine Sorge erwies sich als unbegründet. Es dauerte zwar etwas länger als gewöhnlich, doch schließlich fühlte er den warmen Schein auf seinem Gesicht.

Tiefe Traurigkeit lag in den Zügen der Göttin und eine Erschöpfung, die er nie für möglich gehalten hätte.

»Was ist geschehen?«, entfuhr es ihm erschrocken.

»Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen müsstest, Krieger«, winkte sie ab. »Du hast deinen eigenen Weg.« Ihre Stimme wurde weicher. »Und wie ich sehe, hast du endlich gelernt, auf dein Herz zu hören.«

Er nickte und überlegte, wie er das zur Sprache bringen sollte, was ihm auf der Seele lag. Verglichen mit dem, was die Göttin derzeit beschäftigen musste, war ihr eigenes Problem so klein und unbedeutend, dass er sich plötzlich schämte, ihre Zeit damit zu vergeuden.

»Cassandra ist wirklich anders als Cassia«, fuhr die Göttin fort und er hörte eine Spur von Belustigung in ihrer Stimme. »Sie hat so viel mehr Neugier und deutlich weniger Respekt.«

Er folgte ihrem Blick zu Cassy, die sich nicht einmal die Mühe machte, sich vernünftig zu verstecken. »Sie stammt aus einer anderen Welt«, verteidigte er sie.

»Das weiß ich wohl. Und es mag durchaus seine Vorteile haben. Und doch frage ich mich manchmal, ob es anders nicht besser gewesen wäre. Ob es zu hart für sie war, sich alldem völlig unwissend und unvorbereitet zu stellen.«

»Wieso hast du das dann getan?«

Die Göttin zögerte. »Weil ich sie ihren eigenen Weg finden lassen wollte, ihre Stärke und ihren Mut. Hätte sie von Anfang an gewusst, was sie erwartet, wäre sie jetzt nicht die Frau, die sie ist.«

»Aber dann hätte sie Cudras nicht befreit, dann würden wir nicht am Abgrund eines Krieges stehen.«

»Über kurz oder lang wäre es dennoch dazu gekommen. Die Barriere wurde auch ohne ihr Zutun immer schwächer, der Fluss der Magie durch den Riss schneller. Wenn wir noch länger gezögert hätten, wäre vielleicht nicht mehr genug davon übrig, um Cudras Einhalt gebieten zu können. Diese Welt wäre nie wieder dieselbe.«

»Und was sollen wir tun? Cassy hat ihre Kräfte wieder, aber sie hat sie noch nicht im Griff.« Das war doch eine sehr elegante Umschreibung.

Liskaju schmunzelte und ihm war klar, dass sie genau wusste, was er ihr verschwieg. »Cassandra ist impulsiv, sie steuert ihre Gabe ganz intuitiv mit ihren Emotionen, weil sie nie einen anderen Weg gelernt hat. Das verleiht ihr einerseits große Macht, gleichzeitig kann sie dabei sich selbst – und Andere – in Gefahr bringen, weil sie den Fluss der gewaltigen Energie, die ihr zur Verfügung steht, nicht steuern kann.«

»Was meinst du damit?«, fragte Brin alarmiert. Das klang viel ernster als ein kleines Feuer, das sie unbewusst entfachte.

»Als sie den Umbra vernichtete, der dich angriff, hätte sie selbst daran sterben können. In dem Moment war für sie nichts weiter von Bedeutung, als dein Leben zu retten, um jeden Preis. Hätte sie gewusst, was sie tat, hätte ein Bruchteil der entfesselten Kraft gereicht. Sie muss dringend ausgebildet werden.«

»Und wo? Der Tempel hier ist bereits vernichtet und uns fehlt die Zeit, quer durch das Land zu reisen.«

»Zwei Tempel sind schon gefallen. Dafür hat Cudras gesorgt«, fügte sie hinzu, als Brin sie erschüttert ansah. »Aber auch da hätte man ihr nicht helfen können. Es gibt nur einen, der sich mit einer solchen Macht wie der ihren auskennt – Erlan Thimorn.«

»Er ist seit Ewigkeiten tot!«

»Nicht tot, nur verschwunden.«

»Selbst wenn er damals bloß fortgegangen war, es ist achthundert Jahre her! Wenn du ihn nicht genauso gesegnet hast wie mich, wird er jetzt kaum noch am Leben sein.«

»Ich habe sein Leben nicht verlängert. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn er hat sehr gründlich dafür gesorgt, dass ihn niemand – nicht einmal ich – aufsuchen kann.«

»Und wie soll uns das weiterhelfen?«

»Wenn er tatsächlich noch leben sollte, ist er der Einzige, der Cassandra ausbilden kann. Und sollte sie ihn darüber hinaus überzeugen können, euch in dem Kampf gegen Cudras beizustehen, dann könnte es uns tatsächlich gelingen, den Untergang dieser Welt abzuwenden.«

»Das verstehe ich nicht.« Es behagte Brin nicht, ihrer aller Zukunft in die Hände eines Mannes zu legen, der schon zu seiner Zeit überaus exzentrisch und unberechenbar gewesen war und der – wenn er Liskaju Glauben schenken konnte – ihrem Kampf schon vor Ewigkeiten den Rücken gekehrt und damit zugelassen hatte, dass Cassia starb. »Cassy ist diejenige, die den Kreis schließen und Cudras vernichten kann, nicht Thimorn«, betonte er.

»Das mag vielleicht stimmen, aber leider ist Cudras nicht unser einziges Problem.«

»Ist er nicht?«

»Nein.« Die Göttin seufzte. »Aber unser vordringlichstes. Bring Cassy zu Erlan Thimorn und sorge dafür, dass er sie ausbildet, alles Weitere wird sich zeigen.«

Schon wieder speiste sie ihn mit einem nebulösen Versprechen ab, aber dieses Mal war er darum gar nicht so böse. Die Aufgabe, die sie ihnen stellte, war auch so schon kaum zu erfüllen.

»Wo werden wir ihn finden?«

»Auf einer der Östlichen Inseln.«

»Und was dann? Wenn er sich tatsächlich so lange erfolgreich vor der Welt verborgen gehalten hat, wieso sollte er ausgerechnet jetzt damit aufhören?«

»Vielleicht wird das Cassandra helfen.« Sie streckte ihre Hand aus und plötzlich erschien darauf ein kleines, in dunkles Leder gebundenes Buch. Brin brauchte den Namen auf dem Einband nicht zu lesen, um zu wissen, dass es eins von Cassias Tagebüchern war. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

»Woher hast du das?«

»Ich habe es aus dem Tempel geholt, bevor er zerstört wurde.«

»Danke.« Er drückte das Buch an seine Brust.

»Keine Ursache. Viel Glück, Krieger.«

Er neigte den Kopf. Und als er ihn wieder hob, war Liskaju bereits verschwunden.

Wehmütig strichen seine Finger über Cassias Namen, der auf die Vorderseite des Buches gebrannt war. Welche Geschichten würde es ihm erzählen? Welche Einblicke in die Gedanken seiner geliebten Gefährtin gewähren? Bis auf den einen Band, den er seit ihrem Tod immer bei sich trug, hatte er nie einen Blick in eins ihrer Tagebücher geworfen. Würde es sie für wenige Stunden für ihn wieder lebendig machen oder würde es bloß sein Herz zerreißen, die Zeilen zu lesen, die sie vor so langer Zeit geschrieben hatte?

Er hörte leise Schritte hinter sich, eine Hand legte sich vorsichtig auf seine Schulter. Cassy.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Ja.« Er räusperte sich.

»Was ist das?« Sie wirkte verunsichert. Ihr war offensichtlich weder das Buch entgangen noch der Ausdruck, mit dem er es musterte. Er riss sich zusammen. Er wollte nicht, dass sie sah, wie sehr es ihn aufwühlte, wie groß seine Sehnsucht nach Cassia noch immer war.

»Die Göttin hat es uns gegeben.« Er schaffte es, seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen. »Sie meinte, es würde dir helfen.« Brin kam auf die Beine und klopfte sich den Staub von der Hose. »Hier.« Er streckte es ihr hin. Die Entscheidung war ihm ganz spontan gekommen und er wusste, dass es die richtige war. Er würde es nicht lesen, würde sich – und Cassy – nicht mit den Schatten der Vergangenheit quälen.

Wortlos nahm sie es entgegen, den Blick weiterhin forschend auf sein Gesicht gerichtet. Er sah die Zweifel darin, die Angst und wünschte sich, er könnte sie zerstreuen, könnte ihr garantieren, dass Cassia nie zwischen ihnen stehen würde. Aber das konnte er nicht. Zu lange war sie Teil seines Lebens gewesen, zu tief seine Liebe zu ihr.

»Was steht darin?« Sie bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, und er ging dankbar darauf ein.

»Ich weiß es nicht. Aber du wirst es bestimmt bald herausfinden.« Er hob seine Hand und strich ihr eine Strähne hinter das Ohr. Diese Geste, die sich natürlich und vertraut anfühlen sollte, wirkte irgendwie hölzern und falsch.

»Dann war die Göttin tatsächlich hier?«

»Sie war direkt vor mir. Hast du sie denn nicht gesehen?«

»Nein. Ich habe bloß gehört, wie du mit jemandem sprichst.«

»Vielleicht, weil du noch immer nicht an sie glaubst, vielleicht wollte sie dir aber auch nur eine kleine Lektion in guten Manieren erteilen. Lauschen gehört sich nämlich nicht.«

»Was hat sie denn gesagt?« Cassy ging nicht auf seine Neckerei ein, sondern schaute ernst auf das Buch in ihrer Hand.

Sie spürte sie also auch, diese merkwürdige Barriere, die plötzlich zwischen ihnen stand. Er hasste es, wie weit entfernt sie wirkte, obwohl sie direkt neben ihm war. Er streckte seinen Arm aus, zog sie zu sich heran und drückte seine Lippen auf die ihren. Sie versteifte sich kurz, aber dann gab sie seinem Drängen nach und erwiderte zaghaft seinen Kuss. Er presste sie fest an sich, atmete ihren warmen Duft ein und spürte, wie die Anspannung allmählich von ihm abfiel.

Es war richtig, es war echt. Und sie beide hatten etwas Glück verdient.

»Die Göttin sagte, du seist neugierig«, er hauchte einen Kuss auf ihre Nase. »Respektlos«, er streifte ihre Stirn mit seinen Lippen. »Und impulsiv. Aber das wusste ich ja alles schon.« Er lächelte.

»Ich meine es ernst.« Sie löste sich ein wenig von ihm. »Was sollen wir jetzt tun?«

»Dir einen guten Lehrer finden.« Als er ihren verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte, fuhr er fort. »Du musst lernen, deine Kräfte bewusst zu steuern, bisher sind sie zu stark mit deinen Gefühlen verknüpft. Daher hast du den Umbra vernichtet, als er mich töten wollte, und daher setzt du Dinge in Brand, wenn wir ... zusammen sind.«

»Aber das mit dem Umbra war doch nicht schlecht. Auf die Brandsache könnte ich zwar getrost verzichten, aber es ist ein geringer Preis, wenn ich die Menschen schützen kann, die ich liebe.«

»So einfach ist das nicht.« Der Gedanke daran, dass sie sich selbst in Gefahr gebracht hatte, um ihn zu retten, ließ ihn schaudern. »Solange du deine Kräfte nicht kontrollieren kannst, könntest du dich jedes Mal, wenn du sie einsetzt, völlig verausgaben, – wenn du zu wütend, verängstigt oder aufgewühlt wirst.«

»Aber ...«

»Kein Aber. Du könntest daran sterben.«

»Das ist doch Blödsinn!«, entfuhr es ihr, doch er hörte den Zweifel in ihrer Stimme.

»Die Göttin selbst hat es mir erklärt.«

Cassy atmete tief durch. »Nun gut. Hat sie denn auch gesagt, wo wir diesen Lehrer finden sollen?«

»Das Wo wird vermutlich nicht das Problem sein. Die wahre Herausforderung wird darin liegen, ihn zu überzeugen, uns überhaupt zu helfen.«

»Was ist das denn für ein Typ?«

»Früher war er ein bedeutender Magier gewesen, der Vorsteher der Akademie von Uyendil.«

»Was?« Cassy blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. »Das ist unmöglich.«

»Das habe ich Liskaju auch gesagt, doch sie beharrte darauf, dass er noch lebt, auch wenn er sich vor ihr und der Welt verborgen hält.«

»Und ausgerechnet wir sollen ihn jetzt finden?«

Brin zuckte lächelnd mit den Schultern. »Wäre nicht das erste Mal, dass wir das schier Unmögliche vollbringen, oder?«

Sie musterte ihn ernst. »Solange du dabei bei mir bist.«

Er verschränkte seine Finger mit den ihren. »Immer«, versprach er ihr fest und verdrängte entschlossen den leisen Zweifel, der an ihm nagte.





»Ich halte das trotzdem für keine gute Idee!« Aufgebracht funkelte Kira ihren Onkel an.

Maldon seufzte und Luca verdrehte die Augen. Das hatten sie in den vergangenen Tagen bereits mehr als genug durchgekaut, aber sie ließ einfach nicht locker.

»Ich muss diese Bücher zu Elaina bringen«, erklärte Maldon ihr wie einem störrischen Kind.

Was für ein Glück, dass sie sich dieses Mal in ein eigenes Zimmer zurückgezogen hatten. In der letzten Gaststätte hatte ihre Diskussion im Schankraum einiges Aufsehen erregt.

Nach ihrer Flucht aus Maldons Haus hatten sie es für das Beste gehalten, etwas Abstand zwischen sich und die Stadt Kysira zu bringen. Außerdem brauchten sie Vorräte und Ausrüstung für den weiteren Weg. Und da waren sie nun, in einem Dorf etwa zwei Tagesreisen südlich der Stadt. Maldons Plan war ziemlich einfach – zumindest, was die grobe Aufteilung betraf. Mattis und er würden zu Elaina gehen, während Kira und er selbst sich auf die Suche nach irgendeinem mysteriösen Waffenlager begaben, das noch zu Zeiten des Großen Krieges angelegt worden war.

Luca musste zugeben, dass er nicht gerade darauf brannte. Vor allem nicht in Begleitung einer Frau mit einem ausgeprägten Unabhängigkeitsdrang, die sich von niemandem – erst recht nicht von ihm – etwas sagen ließ. Da mochte sie noch so gut aussehen, er konnte sich wahrlich Angenehmeres vorstellen, als mit ihr wochenlang unterwegs zu sein. Aber im Gegensatz zu ihr erkannte er die Möglichkeit, die sich hier bot. Sollte Maldon recht behalten und sie tatsächlich diesen Stützpunkt finden, würden die Menschen den Dämonen vielleicht nicht ganz so wehrlos gegenüberstehen, wie Elaina es vorhergesehen hatte.

»Dann lass mich mit dir gehen, Onkel. Du sagtest selbst, dass diese Elaina mich ausbilden kann, mir helfen, mit diesen Visionen umzugehen.«

Der Mann seufzte tief. »Das kann sie später immer noch, Kira, wenn alles vorbei ist. Aber die große Schlacht rückt näher, du hast selbst gesehen, was mit Rondas geschehen wird, wenn wir nichts unternehmen.«

Die junge Frau schaute ihn vorwurfsvoll an. Luca wusste, dass sie Nacht für Nacht von Albträumen gequält wurde, wegen der Dinge, die sie in ihrer Vision gesehen hatte. Und die Tatsache, dass Maldon dies nun anführte, bewies, dass dem alten Mann die Argumente ausgegangen waren.

»Wenn diese Waffen so wichtig sind, wieso kommst du dann nicht mit uns? Wieso lässt du nicht Luca die Bücher zu seiner Herrin bringen?«

Maldon lächelte milde. »Ich fürchte, ich bin für so eine Unternehmung nicht mehr kräftig genug.« Er klopfte sich auf den Bauch. Für einen Mann seines Alters war er noch recht gut in Form, aber er war bei Weitem keine dreißig mehr. »Außerdem liegen meine Talente eher auf anderen Gebieten. Ich war nie ein großer Abenteurer gewesen. Im Gegensatz zu Luca, der schon das ganze Reich bereist und mehr Dinge erlebt hat, als wir beide uns auch nur vorstellen können.«

»Ich würde gern mit ihm gehen, Onkel«, bat Mattis mit einem sehnsüchtigen Glühen in den Augen.

»Nein, mein Junge. Es ist zu gefährlich.«

»Ach, für mich schon, aber für meine Schwester«, er betonte überdeutlich das Wort, »nicht?«

Natürlich hatte er recht. Am liebsten würde Luca auch das Mädchen in Maldons Obhut lassen, doch der alte Mann blieb in diesem Punkt bemerkenswert stur.

»Für Kira ist es auch gefährlich!«, beschied er seinem Neffen. »Aber ohne sie wird es nicht klappen. Das ist der andere Grund, wieso ich nicht selbst versucht habe, dieses Lager zu finden. Seht her.« Er schlug das Buch auf, das vor ihm auf dem Tisch lag. Eine Weile blätterte er darin herum, bis er dir richtige Stelle fand. »Hier steht, dass das Lager mit vielfältigen Zaubern und Fallen geschützt worden sei, damit sich kein Unbefugter Zutritt verschaffen konnte. Nur gemeinsam seien die beiden Magier dazu in der Lage gewesen, die Fallen zu umgehen. Einer von ihnen habe die Kraft der Vorhersehung besessen.«

»Du meinst also, man kann es nur zu zweit betreten und nur, wenn man die Zukunft sehen kann?«, fragte Luca neugierig.

»Ja, so verstehe ich diesen Text.«

»Wieso hast du Elaina nie um Hilfe gebeten?«

Maldon zögerte und sah Luca abschätzend an. »Ich respektiere Elaina«, sagte er schließlich. »Sie ist eine kluge Frau und begabte Magierin. Doch sie lässt sich nicht in die Karten schauen, von niemandem. Ich wollte nicht eine so große Macht in ihre Hände legen, ohne zu wissen, was sie damit anstellen würde.«

Luca nickte. Er hatte Elaina die Treue geschworen, wie Maldon sicherlich auch, doch er verstand, was der Mann damit meinte. Sie ging äußerst sparsam mit ihren Informationen um und tat nur selten etwas aus rein idealistischen Gründen. In erster Linie war sie sich selbst verpflichtet, so viel hatte er in all den Jahren bei ihr gelernt.

»Trotzdem würde ich es lieber allein versuchen«, lenkte er das Gespräch auf das ursprüngliche Thema zurück. »Wenn das Lager wirklich so gut gesichert ist, wie du vermutest, kann ich nicht für Kiras Unversehrtheit garantieren.«

»Ich kann auf mich selbst aufpassen!«

»Das weiß ich.« Er hatte es noch genau vor Augen, wie sie dem Mann in Rondas ihren Korb in die Weichteile geschleudert oder ihn selbst mit einer Bratpfanne bedroht hatte. »Doch wir planen hier keinen Stadtspaziergang, sondern einen Ausflug in die Wildnis – unwegsames Gelände, Raubtiere, vielleicht auch ein paar Dämonen, die zwischendurch Jagd auf uns machen.« Es bereitete ihm ein kindisches Vergnügen, ihr ein wenig Angst einzujagen. »Und zur Belohnung warten tödliche Zauberfallen auf uns, wenn wir unser Ziel allen Widrigkeiten zum Trotz erreichen sollten. Wird das nicht ein Spaß?«

Sie schoss ihm einen bösen Blick zu.

»Es ist deine Entscheidung, Kira«, sagte ihr Onkel. »Ich kann und will dich nicht zwingen, dies alles auf dich zu nehmen. Und wenn ich Luca so zuhöre, denke ich, wir sollten es lieber ganz vergessen. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass einem von euch etwas zustößt.«

In ihrem Gesicht mahlte es. Sie war viel zu stolz, um sich Angst nachsagen zu lassen. Und er war sicher, dass Furcht auch nicht der Grund war, weshalb sie sich bisher so gesträubt hatte. Wenn er raten müsste, würde er denken, dass es ihr Unwille war, sich von ihrem Bruder zu trennen, um den sie sich jahrelang im Alleingang gekümmert hatte, obwohl sie selbst nur ein paar Jahre älter war als er.

»Wie ihr wollt! Dann gehe ich eben mit ihm.« Fast schon anklagend deutete sie auf Luca. »Und du«, sie wandte sich ihrem Onkel zu, »du passt auf Mattis auf. Versprich es mir!«

»Hey, ich bin doch kein Kind mehr«, protestierte ihr Bruder, doch Kira achtete nicht auf ihn.

»Habe ich dein Wort?«, zischte sie.

»Ja.« Maldon nickte ernst.

»Gut.«

»Gar nichts ist gut!«, widersprach Mattis. »Glaubst du etwa, ich lasse dich alleine ziehen? Soll Onkel Maldon seine Bücher selbst zu dieser Frau bringen. Hier wartet das größte Abenteuer meines Lebens auf mich!«

»Komm her.« Liebevoll schloss Kira ihn in ihre Arme und zerwuschelte sein Haar. »Also, ich könnte jetzt wirklich was zu essen gebrauchen!«, rief sie unvermittelt aus. »Was ist mich euch?«

»Immer doch«, entgegnete Mattis grinsend. Er war bester Laune, da niemand mehr seinen Reiseplänen widersprach.

»Ich hole uns was aus der Küche. Luca, kannst du mir bitte beim Tragen helfen?«

»Sicher.« Verwundert folgte er ihr hinaus.

Vor der Tür schlugen ihnen das Stimmengewirr und die Düfte der Schankstube entgegen. Kira wartete, bis sie am Fuß der Treppe angekommen waren, dann hielt sie Luca am Arm zurück. Sie bedeutete ihm, sich zu ihr herunterzubeugen, und brachte ihre Lippen ganz nah an sein Ohr.

»Heute Nacht, wenn Mattis schläft, müssen wir uns auf den Weg machen.«

»Was?« Luca musterte sie überrascht. »Das wird er dir niemals verzeihen.«

»Ich mag ihn lieber verärgert als tot. Wenn es wirklich so gefährlich ist, will ich ihn meilenweit entfernt von diesem Lager wissen.«

»Du musst das nicht tun, weißt du?«, sagte Luca vorsichtig. »Du kannst mit Maldon reiten, dich in Sicherheit bringen.« Soweit es so etwas in dieser Welt überhaupt noch gab.

»Das würdest du nicht sagen, wenn du gesehen hättest, was geschehen wird.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Rondas wird nicht einfach nur fallen, es wird vernichtet werden. Das Blut der Menschen wird knietief in den Straßen stehen und furchtbare Monster werden darin waten und sich an all dem Leid ergötzen. Niemand wird diesen Unschuldigen helfen, wenn wir es nicht tun.«

Sie war bei der Erinnerung kreidebleich geworden und zitterte am ganzen Körper. Luca musste dem Drang widerstehen, ihr beruhigend über den Rücken zu streicheln. Er hatte es einmal versucht, und sie war nicht gerade erfreut darüber gewesen. Überhaupt schien sie Körperkontakt nicht besonders zu mögen.

»Wieso hast du die Leute dort nicht gewarnt? Ihnen nicht gesagt, was sie erwartet?«

Sie schnaufte bitter. »Ich habe es versucht, und dafür wollten sie mich als Hexe verurteilen.«

»Deswegen seid ihr geflohen.« Endlich war auch das letzte Puzzlestück in seinem Kopf an den richtigen Platz gerückt.

»Ja. Aber trotzdem kann ich die Menschen von Rondas nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.«

»Dann bleibt uns nur zu hoffen, dass diese Waffen wirklich so gut sind, wie Maldon meint.« Und dass sie sie lebend würden bergen können.





Fieberhaft suchte Cassy die Menge nach ihm ab.

Da! Da war er! Erleichterung machte sich in ihr breit. Sie raffte ihren Rock und rannte los – geradewegs in Cudras’ ausgestreckte Arme. Lachend wirbelte er sie herum.

»Endlich bist du wieder bei mir!«

Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter, während tief in ihr drin eine leise Stimme verzweifelt schrie, dass es falsch war, dass sie damit aufhören musste. Eine Bewegung zu ihren Füßen erregte ihre Aufmerksamkeit. Brin lag vor ihr im Staub, gefesselt und blutüberströmt. Beschwörend sahen seine Augen sie an.

»Bitte, Cassy«, flüsterte er mit ausgedörrten Lippen. »Bitte verrate uns nicht.«

Ein Klirren ertönte, Cudras reichte ihr einen Dolch. Die Schneide glänzte blau, als sich der wolkenlose Himmel darin spiegelte.

»Nach dir, meine Liebe«, flüsterte Cudras ihr erwartungsvoll ins Ohr.

Langsam trat sie vor, die Klinge zum Schlag erhoben.

Der Ausdruck in Brins Augen brach ihr beinahe das Herz.


Schreiend fuhr Cassy hoch. Ihr Blick zuckte wild umher. Ein Schatten wirbelte neben ihr herum und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es nur Brin war, der nach Angreifern Ausschau hielt.

Cassys Herz hämmerte in ihren Ohren. Wie hatte Cudras es bloß geschafft, wieder in ihren Kopf zu gelangen? Verzweifelt suchte sie nach einem Schlupfloch in ihren geistigen Barrieren, aber sie konnte keins entdecken. Sie lauschte tief in sich hinein. Cudras war fort. Oder war er gar nicht da gewesen? Gingen ihre eigenen Ängste mit ihr durch?

»Alles in Ordnung?« Brin steckte sein Schwert weg und hockte sich neben sie.

»Ich denke schon.« Fahrig kämmte sie sich mit den Fingern durch die Haare. »Es war wohl nur ein Traum.«

»War er es wieder?«

»Nein.« Sie schüttelte besänftigend den Kopf und sah, wie er sich entspannte. Wenn sie ihre eigenen Ängste nur genauso einfach verscheuchen könnte.

»Möchtest du darüber sprechen?« Er musste gespürt haben, wie aufgewühlt sie noch immer war, denn er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern und drückte sie an sich.

Cassy zögerte. Um nichts in der Welt wollte sie ihm einen Anlass geben, an ihr zu zweifeln, zu glauben, dass sie Cudras ihm jemals wieder vorziehen könnte. Und doch sehnte sie sich danach, aus seinem Mund die Bestätigung zu hören, dass es nur ein alberner Albtraum war, der nichts zu bedeuten hatte. »Ich habe von ihm geträumt«, gestand sie leise. »Und von dir.« Sie kuschelte sich enger an Brins Brust, genoss die Wärme und Geborgenheit, die sich dabei in ihr ausbreiteten. »Er wollte, dass ich dich töte, er gab mir einen Dolch. Irgendwie war es ihm gelungen, dich gefangen zu nehmen.« Sie brach ab.

»Und hast du es getan? Mich getötet, meine ich?« Seine Stimme klang bemerkenswert ungerührt.

»Nein, ich bin aufgewacht.« Sie schluckte. »Aber ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich es nicht getan hätte«, schloss sie schnell.

»Na, da kann ich ja von Glück reden, dass es nur ein Traum war.« Er schmunzelte.

»Dann bist du mir nicht böse?«, fragte sie erleichtert.

»Weshalb denn? Weil du so große Angst davor hast, er könnte mich in seine Gewalt bekommen, dass du schreiend aufwachst?«

»Dann war es wirklich nur ein Traum?«

»Natürlich. Glaubst du, es wäre Cudras sonst gelungen, mich zu besiegen?«

Sie lächelte dankbar über seinen Versuch, die Stimmung zu lockern. Doch sie konnte es sich nicht leisten, das auf die leichte Schulter zu nehmen, nicht, wenn sein Leben davon abhängen könnte. »Und was ist mit Elainas Vision? Sie hat deinen Tod vorhergesehen, und dass ich euch alle verraten würde.« Was auch immer sie sonst von der Hexe halten mochte, sie zweifelte nicht an ihrer Fähigkeit, die Zukunft zu sehen.

»Sie hat nur eine flüchtige Episode gesehen, eine Möglichkeit, deren Zusammenhänge sie nicht kannte. Mach dir darüber keine Gedanken.« Er drückte seine Lippen auf ihren Scheitel. »Du solltest lieber noch ein wenig schlafen.« Er machte Anstalten, sich von ihr zu lösen. Sofort schlug Cassy die Kühle der Nacht entgegen.

»Geh nicht«, bat sie leise.

»Ich weiß nicht, ob es so klug wäre.«

Sie hatte den Eindruck, dass er sie nach dem Gespräch mit der Göttin irgendwie auf Abstand hielt. Oder bildete sie sich das bloß ein?

»Hast du etwa Angst, ich würde über dich herfallen?« Sie bemühte sich um einen neckenden Tonfall, damit er nicht merkte, wie sehr sie sich nach seiner Nähe sehnte. »Da kann ich dich beruhigen. Ich bin dafür viel zu müde. Und außerdem liegt unser Anstandskobold nur zwei Schritte von uns entfernt.«

»Er scheint seine Pflichten nicht besonders ernst zu nehmen.« Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. »Er hat sich nicht einmal gerührt, als du im Schlaf geschrien hast. Da würde er was Anderes ganz bestimmt nicht mitbekommen.«

Das stimmte. Ibertus schlief in letzter Zeit erstaunlich tief. Sie vermutete, dass ihn die Pflege des Phönix dermaßen erschöpfte. Vielleicht wollte er den Kleinen aber auch nur zügig aufpäppeln, damit sie ihren Weg bald fortsetzen konnten.

»Ich verspreche, mich zu benehmen, wenn du es auch tust«, murmelte sie und streifte Brins Wange leicht mit ihren Lippen. Mehr traute sie sich gerade wirklich nicht.

»Also gut.« Er legte sich auf den Boden und schlang seinen Arm um sie.

Cassy breitete sorgfältig ihre Decke über sie beide und kuschelte sich an seine Brust. Während sie seinem ruhigen Herzschlag lauschte, schlief sie allmählich ein.


»Kannst du uns durchs Gebirge auf die andere Seite führen?«, wandte Brin sich beim Frühstück an Ibertus.

Die Ohren des kleinen Kobolds zuckten. Er betrachtete konzentriert das Stückchen Dörrfleisch in seiner Pfote. »Ich komme nicht mit«, murmelte er schließlich.

»Was?« Verdattert fasste Cassy nach seinem Arm.

Er deutete auf den Phönix, der in seinem Nestchen schlief. »Er braucht mich.«

»Ich dachte, diese Wesen kommen gut allein zurecht«, warf Brin ein.

»In der Regel schon, ja. Aber seine Kraftreserven sind völlig erschöpft. Cassys Rettung hat ihn die Energie gekostet, die eigentlich für seine Wiedergeburt gedacht war.«

»Und wie lange wird es dauern?«

Ibertus zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Vielleicht eine Woche oder zwei.«

»Kann sich denn nicht ein anderer Phönix um ihn kümmern?« Es behagte Cassy nicht, ihren kleinen Freund allein in der Wildnis zurückzulassen.

»Diese Vögel sind Einzelgänger. Selbst die Weibchen bleiben nur so lange bei den Eiern, bis die Küken geschlüpft sind. Außerdem braucht er jemanden, der sich aufs Heilen versteht, und das bin nun einmal ich.«

»So lange können wir wirklich nicht warten«, sagte Brin bedauernd. »Ich fürchte, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Er verstummte nachdenklich. »Wie gut kennst du dich in diesen Bergen aus? Kannst du uns den Weg beschreiben?«

»Es tut mir leid.« Ibertus schüttelte verzagt den Kopf. »Ich war noch sehr jung, als die Menschen mich entführten.«

»Dann müssen wir wohl den Sunura-Pass nehmen. Es bedeutet einen kleinen Umweg, ist aber sicherer, als das Gebirge auf eigene Faust überqueren zu wollen.«

»Und du willst wirklich hierbleiben?«, fragte Cassy bedrückt. »Vielleicht kannst du den Kleinen ja einfach mitnehmen?«

»Und was dann? Was wird geschehen, wenn wir auf Menschen treffen? Auf den Östlichen Inseln wäre man bestimmt bereit, einen hohen Preis für einen lebenden Phönix zu zahlen. Möchtest du ihn wirklich dieser Gefahr aussetzen?«

Natürlich nicht. »Dann ... Dann heißt es wohl Abschied nehmen?«

»Sieht ganz so aus.« Er stand auf und wischte sich die Pfoten an seinem seidigen Fell sauber. »Pass gut auf dich auf, Cassy. Und auf deinen brummigen Krieger.« Er schloss sie fest in seine Arme.

»Danke. Du auch, hörst du?«

»Mach dir um mich keine Sorgen. Flämmchen und ich kommen gut miteinander klar.«

»Flämmchen? Du hast den Kleinen Flämmchen getauft?«

»Ja.« Er winkte ab. »Vermutlich werde ich den Namen ändern müssen, wenn er etwas größer ist, aber bisher scheint er ihm gut zu gefallen.«

Sie lachte und wischte sich die verräterischen Tränen von den Wangen.

»Nicht traurig sein. Wir sehen uns bestimmt bald wieder.«

Sie nickte, auch wenn sie nicht recht daran glauben konnte. Edingaard war groß und sie wusste nicht, was sie als Nächstes erwartete.

»Viel Glück, Ibertus.« Brin erhob sich ebenfalls und reichte dem Kobold auf Kriegerart die Hand, sodass sich ihre Unterarme berührten. »Es war eine Ehre, mit dir gemeinsam zu kämpfen.«

»Mir hat’s auch Spaß gemacht«, gluckste der Kobold.

»Dann sollten wir jetzt wohl los.« Brin machte sich daran, seine Sachen zusammenzupacken.

»Warte!«, hielt Ibertus ihn erschrocken zurück. »In deiner Satteltasche muss noch ein Töpfchen mit Marmelade stecken.«

Der Krieger schnaufte belustigt, als er es heraussuchte. »Hier. Wir wollen ja nicht riskieren, dass du Mangelerscheinungen bekommst.« Er sattelte sein Pferd.

Cassy winkte Ibertus zum Abschied noch einmal zu, bevor sie Brins Beispiel folgte und sich auf ihren Hengst schwang. Schweigend verließen sie die Lichtung.

Obwohl sie der Abschied von dem kleinen Kobold schmerzte, hüpfte ihr Herz vor Aufregung und Nervosität bei dem Gedanken daran, dass sie von nun an allein mit Brin unterwegs sein würde.

Sie bemühte sich, seinen Blick einzufangen, darin zu lesen, was er über ihre bevorstehende Reise dachte, doch seine Gedanken blieben ihr wie immer verschlossen. Er lächelte ihr flüchtig zu und wandte sein Gesicht wieder geradeaus.

Eine eisige Kugel bildete sich in ihrer Magengegend, während sie ihn verunsichert betrachtete. Sie war sich sicher, dass sie es sich nicht lediglich einbildete. Irgendetwas beschäftigte ihn, etwas, das er vor ihr verbarg und das ihn dazu brachte, wieder auf Abstand zu ihr zu gehen. Trotz all seiner wundervollen Worte spürte sie einen Riss, der sich zwischen ihnen auftat, und wünschte sich, sie könnte einfach ihren Arm ausstrecken, um ihn zu überbrücken, um Brin zu sich herüberzuziehen und diese tiefe Verbundenheit zurückzuholen, die für so kurze Zeit zwischen ihnen geherrscht hatte.

»Stimmt etwas nicht?« Ihre grüblerische Gemütslage war ihm anscheinend nicht entgangen.

Da war sie, ihre Chance, das anzusprechen, was ihr auf der Seele brannte, doch sie traute sich nicht. »Alles bestens.«

»Gut.« Er schaute wieder nach vorn.

»Was sind das für Inseln, zu denen wir reiten?«, fragte sie, um das Gespräch nicht enden zu lassen. Was auch immer ihn beschäftigte, er würde es ihr bestimmt sagen, wenn er so weit war. Bis dahin musste sie nur dafür sorgen, dass der Riss sich nicht in einen unüberwindbaren Abgrund verwandelte.

»Es ist ein Reich, das aus unzähligen Inseln im Ostmeer besteht. Manche von ihnen sind gar nicht bewohnt, andere so groß, dass sie mehrere Siedlungen beherbergen. Laut Liskaju soll Thimorn sich eine dieser Inseln auserkoren haben, um sich vor ihr und der Welt zu verstecken.«

»Und wie sollen wir ihn dort finden?« Sie konnten wohl kaum alle Inseln abklappern, um einen Mann aufzustöbern, der es bereits seit Hunderten von Jahren erfolgreich schaffte, nicht gefunden zu werden.

»Darüber machen wir uns Gedanken, wenn wir da sind. Bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor uns. Ich hoffe sehr, dass wir die Berge vor dem ersten Schneefall hinter uns lassen.«

Das hoffte sie auch. Ihre Kleidung war definitiv nicht darauf ausgelegt, winterlichen Temperaturen standzuhalten.

»Erzähl mir mehr von diesem Mann.«

»Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Er war der Obermagier der Akademie, ein einflussreiches Mitglied des Rates. Er gehörte zu denjenigen, die meine Verbindung mit Cassia nicht guthießen. Als Cudras die Akademie vernichtete, tötete er auch Thimorns Frau und ihre beiden Kinder. Danach war er nie wieder derselbe. Kurz darauf verschwand er spurlos von der Bildfläche. Die Meisten dachten damals, er hätte sich das Leben genommen. Aber wie es aussieht, hatte er sich nur sehr gründlich versteckt. Was er damit allerdings bezwecken wollte, bleibt mir ein Rätsel.«

Nachdenklich kaute Cassy auf ihrer Unterlippe. Das hörte sich wirklich sehr eigenartig an. Außerdem hatte Brin nichts gesagt, was ihnen irgendwie helfen konnte, ihn ausfindig zu machen. Vielleicht fand sie ja in Cassias Tagebuch irgendeinen Hinweis. Bisher war sie so sehr mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt, dass sie noch nicht dazu gekommen war, auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Das würde sie bei der nächsten Gelegenheit wohl nachholen müssen.


Ihrem Vorsatz treu, holte Cassy das kleine Buch hervor, kaum dass sie ihr Lager am Abend aufgeschlagen hatten. Der Tag war recht ereignislos verlaufen. Brin war mit der Strecke zufrieden, die sie zurückgelegt hatten. Er hatte mit ihr geredet, ihr die Bäume, Pflanzen und Tiere benannt, die ihnen begegneten. Er hatte sie sogar dreimal geküsst – zweimal auf die Stirn und einmal flüchtig auf die Lippen. Doch sobald sie ihm die Arme um den Hals geschlungen hatte, hatte er sich unter einem fadenscheinigen Vorwand hastig von ihr gelöst. Sein Verhalten ergab für sie keinen Sinn. Vor knapp zwei Tagen schien er überaus bereit gewesen zu sein, sie an Ort und Stelle zu verführen, und jetzt ging es ihm schon zu weit, wenn sich ihre Finger mehr als fünf Sekunden berührten.

Eigentlich hätte sie dafür dankbar sein sollen, hatte sie sich schließlich selbst vorgenommen, alles zu meiden, was sie in diese besondere – leicht entflammbare – Stimmung versetzen konnte, aus Angst, ihn dabei unwillentlich zu verletzen. Doch nun tat seine Zurückweisung nur noch weh. Wenn er nicht mit ihr zusammen sein wollte, sollte er es lieber direkt sagen, anstatt sie wie ein guter Onkel züchtig auf die Stirn zu küssen.

Aufgebracht legte Cassy das Buch beiseite. Sie konnte sich jetzt ohnehin nicht darauf konzentrieren, was da geschrieben stand. Und wenn sie ehrlich war, würde sie in ihrer derzeitigen Verfassung Cassias schnulzige Beschreibung dessen, wie glücklich sie doch mit Brin gewesen war, nicht ertragen können.

Sie beobachtete den Krieger, der gerade das Feuer entfachte. Er wartete ab, bis die Flammen hoch genug waren, dann holte er ihre Abendration aus der Satteltasche und reichte Cassy ihren Anteil.

»Danke.« Sie lächelte ihn an und überlegte, wie sie das Gespräch am besten eröffnen sollte, als er sich auch schon wieder abwandte und auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers Platz nahm.

Da waren sie also wieder angekommen!

Verärgert kaute Cassy auf dem harten Streifen Trockenfleisch herum. So konnte es doch nicht weitergehen. Aber was sollte sie tun? Es direkt ansprechen? Es auf die Mitleidstour versuchen? Oder ihn gar verführen? Sie war sich nicht sicher, ob sie sich Letzteres wirklich zutraute, und wenn es nicht funktionierte, würde es sie gleich doppelt treffen. Aber ihr blieb wohl keine andere Wahl. Sie wollte es ein für alle Mal wissen. Immerhin hatte sie ein gewisses Recht auf seine Nähe, er selbst hatte ihr gesagt, dass er sie liebte. Und sie konnte sich nicht erinnern, dass er das zurückgenommen hätte.

Sie nutzte die Tatsache, dass er beharrlich auf seine Hände starrte, und knöpfte ihr Hemd ein wenig auf. Dann rieb sie sich fröstelnd über die Arme. Als das nichts brachte, fügte sie noch einen bibbernden Laut hinzu.

»Alles in Ordnung?« Endlich sah er sie an.

»Sicher. Mir ist nur ein wenig frisch. Die Nächte werden immer kühler.«

Er musterte sie stirnrunzelnd. »Soll ich noch mehr Holz ins Feuer tun?«

»Das wäre eine Möglichkeit.« Cassy gab jegliches Schauspiel auf. »Oder du könntest einfach hier rüber kommen und mich wärmen.«

Er zögerte. »Ich weiß nicht, ob das so klug wäre.«

Sie seufzte genervt. »Keine Angst, Krieger. Ich werde dich schon nicht beißen.«

Er zog verwundert die Augenbrauen zusammen, doch immerhin stand er auf und setzte sich neben sie. »Was ist denn dir über die Leber gelaufen?«

»Keine Ahnung!« Sie zuckte aufgebracht mit den Schultern. »Vielleicht die Tatsache, dass du mir erst sagst, du würdest mich lieben, und mir dann ständig ausweichst, als hätte ich eine ansteckende Krankheit oder so! Und jetzt schau mich nicht so an!«

»Wie denn?«

»Als ob du ein aufmüpfiges Kätzchen vor dir hättest.«

Sein Grinsen wurde breiter. »Bist du das denn?«

»Natürlich nicht.« Ihr Ärger war genauso plötzlich verraucht, wie er gekommen war. Und übrig blieb nur ihre Unsicherheit.

»Komm her, mein Kätzchen.« Er legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie vorsichtig an seine Brust. »Was hast du denn?«

»Habe ich dir doch gesagt. Ich will verstehen, wieso du mich auf Abstand hältst.«

Er rückte ein wenig von ihr ab und sah ihr ernst ins Gesicht. »Du selbst hast gesagt, dass wir uns nicht zu nahe kommen sollten, nicht, solange du deine Kräfte nicht im Griff hast.«

Darum ging es ihm also? Er hatte Angst, dass sie ihn aus Versehen ansengen würde? Oder war es nur eine Ausrede, die er vorschob, um sie zu besänftigen? Bisher hatte er diesbezüglich nicht gerade einen furchtsamen Eindruck auf sie gemacht.

»Wenn ich mich recht erinnere, warst du derjenige gewesen, der es darauf ankommen lassen wollte, der gemeint hat, wir würden das schon in den Griff bekommen!«

»Das war, bevor ich es wusste.«

»Was wusstest du nicht?« Reflexartig klammerte sie sich an ihn, während verschiedenste Horrorszenarien in ihrem Kopf tanzten. Allen voran, dass Liskaju ihm versprochen hätte, ihm irgendwie seine Cassia zurückzugeben.

»Dass du dir selbst dabei schaden könntest. Und zwar weit über eine kleine Brandwunde hinaus.«

Cassy war so mit ihren Ängsten beschäftigt, dass sie einen Moment brauchte, um das Gehörte zu verstehen. »Das ist der Grund? Du wolltest mich schützen?«

»Was hast du denn gedacht?«

»Dass du deine Meinung geändert hättest.«

»Welche Meinung?«

»Über uns.«

Milde Verwunderung trat in sein Gesicht. »Wie kommst du denn darauf?«

»Was hätte ich denn sonst denken sollen? Du hast mich ja kaum noch eines Blickes gewürdigt.«

»Nur weil du es nicht bemerkt hast, bedeutet es es nicht, dass dein Anblick mich kaltlässt. Und jetzt mach bitte dein Hemd wieder zu, sonst kann ich für nichts garantieren«, raunte er.

Cassy errötete, reckte jedoch herausfordernd ihr Kinn. »Ich weiß, dass wir gewisse Regeln einhalten sollten, aber das bedeutet nicht, dass wir die ganze Zeit Abstand halten müssen.« Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und brachte ihr Gesicht ganz nah an das seine heran. »Wir sind beide erwachsen und werden schon nicht übereinander herfallen, nur weil du mich berührst.«

Seine dunklen Augen funkelten. »Das würdest du nicht sagen, wenn du wüsstest, wie umwerfend du gerade aussiehst.«

Erleichtert schmiegte sie sich an ihn. »Jag mir ja nie wieder solche Angst ein, hörst du?«

»Du hast wirklich gedacht, ich würde dich nicht mehr wollen?« Er klang ungläubig und geschmeichelt zugleich.

»Jetzt bilde dir bloß nichts darauf ein!«

»Ein bisschen vielleicht«, erwiderte er, bevor er sie küsste, sie richtig küsste.

Viel zu schnell war es aber schon wieder vorbei. Bedauernd löste er sich von ihr. »Ich sollte jetzt lieber ein paar Fallen aufstellen, damit wir morgen auch etwas zu essen haben.«

»Kannst du das nicht später machen?«, protestierend versuchte sie ihn festzuhalten.

»Glaube mir, jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Ein wenig frische Luft würde mir ganz guttun.«

»Du kommst aber wieder her, oder?« Sie klopfte auf den Platz neben sich. »Ich kann viel besser schlafen, wenn du bei mir bist.«

»Abgemacht.« Er streifte ihre Lippen erneut mit den seinen. »Ich gehe nicht weit weg, ruf mich, wenn etwas ist.«

Glücklich lächelnd schaute sie seiner sich entfernenden Gestalt hinterher. Dann hob sie erneut Cassias Tagebuch auf und fing an zu lesen.


22. Jurel im Jahre der Göttin 832

Nach dem Unterricht kam heute Obermagier Thimorn in meinen Raum. Er wartete, bis alle Adepten hinausgegangen waren, und bat mich um eine Unterredung. Ich muss gestehen, dass ich neugierig war, was er von mir wollen mochte. Seit meinem Einstellungsgespräch vor rund einem Jahr haben wir nur selten miteinander geredet.

»Wie du sicherlich weißt, lässt die Gesundheit von Marus Curthan es nicht zu, dass er noch länger seinen Pflichten als Ratsmitglied nachkommt«, setzte er ohne Umschweife an.

Natürlich wusste ich das. Erst vorige Woche ist er mitten in einer Ratssitzung zusammengebrochen. Seitdem ist dies das oberste Gesprächsthema an der Akademie. Ebenso wie die Frage seiner Nachfolge. Er ist alt und hat sich eine Ruhepause mehr als verdient. Thimorns Worten entnahm ich, dass sich der Rat gerade damit befasste, einen Nachfolger für Marus Curthan zu benennen.

Ich verstand allerdings nicht, wieso Thimorn ausgerechnet mit mir darüber sprach. Weder gehöre ich dem Rat an noch hatte ich das jemals vor.

Er erklärte mir, dass es Unstimmigkeiten unter den Ratsmitgliedern gäbe, zwei Kandidaten würden sehr hitzig diskutiert. Und bevor sie sich darüber ganz entzweiten, regte Thimorn an, die Kandidaten über die Nominierung in Kenntnis zu setzen und zu hören, ob sie überhaupt bereit dazu wären, dem Hohen Rat der Magier anzugehören. Er sah mich dabei so erwartungsvoll an, dass mir ganz flau im Magen wurde.

»Um wen geht es?«, presste ich mühsam hervor.

»Um dich ... Und um Cudras.«

Auch wenn ich das schon halb befürchtet hatte, brauchte ich einen Moment, um mich zu sammeln. Ich fürchte, ich habe ihm keinen besonders souveränen Eindruck von mir vermittelt. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass es einer anderen Magierin meines Alters nicht ähnlich ergangen wäre.

Er verstand meine Zurückhaltung, meine Ablehnung nicht.

»Wir sind zu jung«, führte ich das Erste an, das mir durch den Kopf schoss. Erlan Thimorn war bisher selbst das jüngste Mitglied des Rates – und er ging bereits auf die fünfzig zu! Uns fehlen die nötige Lebenserfahrung und die Weisheit. Und im Falle meines Freundes vermutlich auch ein paar moralische Skrupel. Er vergaß oft alle Bedenken, wenn er die Möglichkeit sah, ein weiteres Mysterium zu ergründen. Aber das konnte ich Erlan Thimorn natürlich nicht sagen.

Er sah mich nachdenklich an. »Die Göttin persönlich hat dich vor wenigen Monaten zu ihrer Priesterin geweiht.«

Das stimmte. Und die Erinnerung daran treibt mir noch immer Tränen der Dankbarkeit und der Ehrfurcht in die Augen.

»Das tat sie ganz gewiss nicht, damit du dein Leben lang Geschichte der Magie und Sakrale Riten unterrichtest. Sie selbst hat dich auserwählt, um Großes zu vollbringen.«

So Vieles ging mir bei seinen Worten durch den Kopf. Zu gern hätte ich in Ruhe darüber nachgedacht, alles mit Brin durchgesprochen, doch Thimorn erwartete offensichtlich eine Antwort von mir. Vermutlich konnte er sich nicht vorstellen, dass jemand eine so einmalige Gelegenheit ausschlagen könnte. Doch die Wahrheit ist, dass ich nicht nach dieser Art von Macht strebe. Die Politik und all die Fallstricke, die damit einhergehen, sind mir zutiefst zuwider. Cudras ist da anders. Eine Mitgliedschaft im Rat ist genau das, was er sich erträumt.

Ich fragte, ob Cudras den Sitz bekommen wird, wenn ich ablehne. Er bejahte und sprach mich dann auf unsere Freundschaft an. Ich weiß nicht genau, was er mir damit sagen wollte. Wollte er an meine Zuneigung zu Cudras appellieren, damit ich ihm den Vortritt lasse? Allen müsste schließlich klar sein, dass er für diese Aufgabe deutlich besser geeignet ist als ich.

Und doch habe ich tief in meinem Inneren sofort gespürt, was ich zu tun habe.

Cudras ist wie ein Bruder für mich, mein Begleiter seit Kindertagen. Aber es gibt Züge an ihm, die mich mit großer Besorgnis erfüllen. Er ist noch nicht bereit dafür, die Geschicke der Menschen mitzubestimmen, denn er versteht nicht die Verantwortung, die dieser Einfluss mit sich bringt. Ich hoffe sehr, dass er es eines Tages erkennt, dass er begreift, dass Macht nicht Selbstzweck sein darf, sondern dem Wohl aller dienen sollte. Einmal habe ich ihm bereits den Vortritt überlassen, als es um die Wahl des Adeptensprechers ging. Und habe es im Nachhinein des Öfteren bereut.

»Ich nehme an«, sagte ich fest und hoffte zugleich, dass Cudras niemals den wahren Grund für meinen Entschluss erfahren würde. Das würde er mir nie verzeihen.

Thimorn wandte sich zum Gehen, um meine Entscheidung dem Rat zu überbringen. Durch keine Regung verriet er, ob er sie guthieß. Ich konnte meine Neugier nicht zurückhalten und fragte, wem er seine Stimme geben würde. Cudras, sagte

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Copyright Texte: Elvira Zeißler
Copyright Bildmaterialien: Covererstellung: Viktoria Petkau
Lektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 08.09.2016
ISBN: 978-3-7396-8167-2

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