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Was bisher geschah

 

Edingaard – Der Pfad der Träume

 

Seit ihrer frühesten Kindheit erscheint Julien in Cassandras Träumen. Er ist ihr Vertrauter, ihr Seelengefährte – auch wenn sie nicht einmal weiß, ob er tatsächlich existiert.

Als sie von einem düsteren Mann verfolgt wird, offenbart ihr Julien schließlich, dass er viel mehr als eine bloße Traumgestalt ist und dass sie beide in großer Gefahr schweben. Daher begibt sich Cassy auf eine gefährliche Reise in eine fremde, magische Welt, in der erbarmungslose Feinde und grausame Kreaturen schon auf sie lauern.

 

Gejagt, bedroht und verraten kämpft sie verzweifelt um ihr Leben und um das des Mannes, den sie liebt.

 

 

 

Wichtigste Personen aus „Der Pfad der Träume“

 

Cassandra (genannt Cassy): Eine Studentin aus Münster. Seit ihrer Kindheit begegnet sie in ihren Träumen immer wieder Julien – ihrem Freund und Gefährten. Cassy folgt seinem Hilferuf in die fremde, magische Welt von Edingaard. Dort spürt sie allmählich ihre Gabe erwachen – eine gewaltige, magische Kraft, die sie jedoch noch nicht kontrollieren oder bewusst einsetzen kann. Nach Juliens Verrat wird sie festgenommen und in die Kerker von Rondirai gebracht.

 

Julien / Cudras: Als Julien kam er in Cassys Träume. In Edingaard ist er als der mächtige Schwarzmagier Cudras bekannt.

 

Brin: Ein unsterblicher Krieger im Dienste der Göttin Liskaju. Er hat Cassandra zum Schluss aus dem Schloss seines Erzfeinds Cudras befreit und ihr damit das Leben gerettet.

 

Elaina: Eine Zauberin, die mit Hilfe eines Spiegels die Zukunft vorhersehen kann und sich niemandem außer sich selbst verpflichtet fühlt.

 

Luca: Ein Späher mit einer geringen magischen Begabung, der in Elainas Diensten steht. Er hat Cassy das Leben gerettet, um sie anschließend seiner Herrin zu überlassen.

 

Ibertus: Ein Bergkobold, Elainas Haus- und Hofmeister und Cassys Freund. Er hat Cassy geholfen, aus Elainas Zitadelle zu fliehen.

 

Cassia: Eine sehr mächtige Zauberin. Sie war es, die Cudras in Edingaard in sein Gefängnis verbannt hat.

 

 

Kapitel 1

Mit wildem Kampfgebrüll prallten die zwei ungleichen Heere aufeinander. Schwerter klirrten, Pferde wieherten, Menschen schrien vor Schmerz und Angst. Mit wahrer Todesverachtung schlugen die Verteidiger nach rechts und links auf ihre Angreifer ein. Sie wussten, dass sie keine Chance gegen diese Übermacht hatten.

Ein schriller Laut ertönte über dem Schlachtfeld. Ein gewaltiger Vogel durchbrach die graue Wolkendecke, stürzte sich kopfüber in das Getümmel und tauchte kurz darauf mit einem zappelnden, schreienden Mann wieder auf. Ein weiterer folgte ihm mit seiner Beute. Und dann noch einer. Die Soldaten erstarrten. Mehr als ein Blick huschte panisch zwischen dem Himmel und dem feindlichen Heer hin und her, durch das sich gerade mehrere dämonische Kreaturen ihren Weg bahnten. Sie waren übermenschlich groß und so schnell, dass ihre Bewegungen zu einer einzigen flirrenden Linie verschmolzen, wenn sie ihre silbern schimmernden Klingen auf die Menschen niedersausen ließen. Entsetzen machte sich unter den Männern von Rondirai breit, als diese neue Bedrohung ihre Front erreichte.

Nur Wenige stellten sich den Geschöpfen tapfer entgegen und mussten dafür mit dem Leben bezahlen. Ohne in ihrem Schritt innezuhalten, zogen die Wesen eine Schneise der Verwüstung durch das menschliche Heer.

»Umbras!« Dieser Ruf hallte über das Feld und wurde von unzähligen Stimmen aufgenommen. Viele senkten ihre Waffen, fielen verzweifelt auf die Knie oder rannten panisch davon.

Lediglich ein Krieger ließ sich nicht entmutigen. Wie ein Berserker schlug er sich durch die feindlichen Linien auf den nächsten Umbra-Dämon zu. Sein Schwert schwirrte so ungestüm, dass es nur als verschwommener Umriss wahrzunehmen war, und überall, wo es auftraf, spritzte Blut. Doch alleine würde er den Vormarsch der Feinde nicht aufhalten können. Immer wieder sah er zum Himmel empor, aber er beachtete nicht die Vögel, die aus der Luft ihren grausigen Angriff fortsetzten, vielmehr schien er nach irgendetwas Ausschau zu halten. Plötzlich erhellte ein Lächeln sein grimmiges Gesicht, das von Schweißtropfen und Blutspritzern übersät war, und er stürzte sich mit neuem Elan in den Kampf.

Eine weitere Gestalt war am Himmel erschienen – ein geflügeltes, pechschwarzes Pferd, auf dessen Rücken eine Frau saß. Ihr langes Haar flatterte offen im Wind, der an ihr und ihrem Reittier zerrte, in den Händen hielt sie einen gespannten Bogen. Sirrend ließ sie die Sehne los. Wie ein Blitz schoss ein blendend heller Pfeil davon und bohrte sich in den Hals eines Riesenvogels. Ohne zu zögern, zog sie die Sehne erneut zurück und ein weiterer Pfeil erschien. Die Vögel drehten ab und auch die Umbras zögerten. Die Frau streckte ihren Arm aus, als wollte sie einen Angriff befehlen, und die Männer von Rondirai folgten ihrem Ruf. Hoffnung zeigte sich auf den Gesichtern, die sich wieder ihren Feinden zuwandten.

Zielsicher schoss sie den Pfeil auf einen Dämon ab, der vor den Augen der Menschen zu verglühen begann. Der Umbra brüllte wütend, löste sich auf wie brennendes Papier, bis von ihm nichts weiter übrigblieb als eine dunkle Rauchwolke, die der Wind in alle Richtungen verwehte. Ein triumphierender Schrei entwich unzähligen Kehlen. Ein Jubel, in den der Krieger nicht einstimmte, denn nun trat eine neue Gestalt auf den Plan.

Weit hinter den feindlichen Linien stieg ein Mann auf ein erhöhtes Podest, streckte seine Arme lockend der Frau am Himmel entgegen, die mitten in der Bewegung erstarrte. Ein sehnsüchtiger Ausdruck trat auf ihr Gesicht, ein friedliches, fast schon glückliches Lächeln. Ganz langsam ließ sie ihre Waffe sinken und lenkte ihren Pegasus auf ihn zu. Geschmeidig glitt sie aus dem Sattel zu Boden und schloss den Feind sanft in die Arme.

Verzweifelt verfolgten die Menschen ihre Tat, während die Gegner erneut ohne Gnade über sie herfielen.

Wut, Fassungslosigkeit und ungeheurer Schmerz spiegelten sich in den Zügen des Kriegers, als er sich kraftlos auf die Knie sinken ließ und keinen Versuch mehr unternahm, den tödlichen Hieb seines Angreifers abzuwehren.

 

Das Bild waberte und verschwand. Erschüttert starrte Luca Elaina an, die mit einer lässigen Handbewegung den Spiegel soeben zum Schweigen gebracht hatte.

»Wie geht es weiter?« Er fasste aufgebracht nach ihrer Schulter.

»Das weiß keiner«, erwiderte sie ernst. »Aber du verstehst sicherlich, wieso ich dir das zeigen musste.«

Luca schluckte. Ja, er verstand nur zu gut. Er hatte Cassy entkommen lassen. Das, was nun geschehen würde, wäre seine Schuld. Wenn es denn eintraf. »Du siehst lediglich Möglichkeiten«, wandte er zögernd ein. »Das alles … diese Schlacht … es muss nicht so kommen.«

Sie bedachte ihn mit einem düsteren Blick. »Oh doch. Die Entscheidung ist schon längst gefallen. Dieser Krieg ist unausweichlich. Und er wird auch vor uns nicht Haltmachen.«

»Dann gibt es keinen Ausweg?«, fragte er nach. Alles in ihm sträubte sich, daran zu glauben. Es gab immer eine Lösung, man musste lediglich hartnäckig genug danach suchen.

»Die Schlacht wird kommen«, beharrte Elaina. »Ungewiss ist lediglich ihr Ausgang.« Nachdenklich zog sie ihre Unterlippe zwischen die Zähne. »Es ist so weit«, entschied sie schließlich. »Wir müssen unsere Schulden einfordern und unsere Verbündeten um uns scharen.« Ihr Gesicht verfinsterte sich noch mehr. »Und ich werde ein ernsthaftes Wort mit diesem Mädchen reden, das unser aller Schicksal in ihren unfähigen kleinen Händen hält.«

»Weißt du, wo sie ist?«, fragte Luca besorgt. Seit der niederschmetternden Nachricht, dass Cudras nicht eine reine Märchengestalt war, sondern ein überaus mächtiger Schwarzmagier, den Cassy – warum und wie auch immer – befreit hatte, hatten sie nichts mehr von ihr gehört. Sie konnte jetzt genauso gut die Frau an Cudras’ Seite wie dessen Gegnerin sein. Auch wenn die Bilder, die er gerade mit eigenen Augen gesehen hatte, zu beiden Szenarien nicht gänzlich passten. Vermutlich lag die Wahrheit wie immer irgendwo dazwischen.

»Nein, ich weiß es nicht«, durchbrach Elainas Stimme seine Grübeleien. »Aber das werde ich noch herausfinden. Lass mich jetzt bitte allein.« Sie wandte sich wieder ihrem großen Spiegel zu.

Luca nickte gehorsam. Es gab ohnehin nichts, was er sonst tun konnte.

 

 

Cassy lächelte. Wie sehr sie diesen Garten doch liebte, diesen wunderschönen Ort, an dem sie sich stets so sicher und geborgen fühlte. Und jetzt war sie wirklich da. Sie hatte Julien endlich erreicht. Das war kein Traum mehr.

Sie hatte ihn doch gefunden, oder?

Sie konnte sich kaum erinnern, alles war so verschwommen und verworren. Düstere Bilder tauchten in ihrem Kopf auf – eine dunkle Burg, klauenartige Hände, die nach ihr griffen. Einsamkeit. Angst.

»Julien?«, rief sie erschrocken, als der wunderbare Garten sich vor ihr aufzulösen begann und immer mehr Erinnerungen auf sie einstürmten.

Plötzlich war er da, umarmte sie, zog sie an seine Brust. Erleichtert sah sie zu ihm auf, doch etwas stimmte nicht. Seine Augen, sie waren falsch. Er schaute wie immer voller Liebe auf sie herab, und doch lag ein lauernder Ausdruck darin. Ein Erinnerungsfetzen schoss ihr durch den Sinn – ein eiskaltes, gehässiges Blitzen in seinem Blick.

Erschrocken wich sie zurück. »Was geht hier vor?«

»Es ist alles gut, Cassy«, beschwichtigte er sie. »Sag mir einfach, wo du bist.«

Das ergab keinen Sinn. Verständnislos schüttelte sie den Kopf, bis ihr plötzlich die Wahrheit dämmerte. Sie war nicht bei ihm. Dies war wieder bloß ein Traum.

Er streckte seine Arme erneut nach ihr aus und sie taumelte zurück, bis sie mit dem Rücken gegen eine Mauer stieß. Verzweifelt vergrub sie das Gesicht in ihren Händen und ließ sich langsam zu Boden sinken.

»Cassy, es wird alles wieder gut, sag mir nur, wo ich dich finden kann.«

»Ich weiß es nicht«, stammelte sie verwirrt. Sie war bei ihm gewesen, sie hatte ihn gefunden, davon war sie fest überzeugt. »Du hast mich im Stich gelassen!«, fiel es ihr schlagartig ein. »Ich habe dich gerufen, ich brauchte Hilfe, aber du bist nicht gekommen!« Die Entrüstung gab ihr neue Kraft, sie sprang auf die Beine und funkelte ihn vorwurfsvoll an.

»Nein! Ich wollte zu dir, ich wollte dir helfen. Doch Brin hat mich aufgehalten. Und als ich mich endlich befreien konnte und in dein Zimmer kam, warst du fort!«

Sie sah ihn zweifelnd an. Ihr Kopf dröhnte und sie hatte keine Ahnung, was sie noch glauben sollte.

»Bitte, Cassy!« Er kam langsam wieder näher.

»Cassy! Cassy!«, es war eine andere Stimme, die sie rief.

Jemand rüttelte an ihrer Schulter. Sie blinzelte irritiert und erstarrte.

Das Gesicht eines Mannes war nur wenige Zentimeter von dem ihren entfernt. Der stechende Blick von Brins braunen, leicht zusammengekniffenen Augen ruhte besorgt auf ihr.

Mit einem Aufschrei zuckte Cassy zurück, zog ihre Beine an und brachte sie wie einen kleinen Schutzwall zwischen sich und ihr Gegenüber.

Ein abfälliger Ausdruck trat auf sein Gesicht. Er ließ sie los und entfernte sich von ihr.

»Was habt Ihr mit mir gemacht?« Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie in einem dunklen, feuchten Raum saßen, in den nur wenig Tageslicht durch ein vergittertes Fenster hereinfiel. »Wo sind wir hier?«

»Herzlich Willkommen im königlichen Kerker von Rondirai.« Er verbeugte sich spöttisch vor ihr.

»Wieso habt Ihr das gemacht?« Das ergab alles doch gar keinen Sinn.

»Wenn ich das gemacht hätte, würde ich wohl kaum mit dir im selben Loch sitzen, Mädchen.«

Cassy drückte sich die Handballen gegen die Stirn, um besser denken zu können. »Ihr habt mich aus Juliens Burg entführt …«, setzte sie an, doch er ließ sie nicht ausreden.

»Das also hat er dir gerade erzählt!« Der Hass in seiner Stimme ließ sie schaudern. »Nimmt dieser Blödsinn denn gar kein Ende?« Mit einem Satz war er bei ihr, packte sie an den Schultern und zog sie zu sich empor.

Cassy wagte es kaum zu atmen, aus Angst, ihn noch mehr zu verärgern.

»Ich habe dich gerettet!«, presste er wütend hervor. »Und damit meine einzige Chance vertan, dieses Ungeziefer für alle Zeit vom Angesicht der Erde zu tilgen. Glaub ja nicht, ich hätte das nicht schon tausendfach bereut!« Brin ließ sie so abrupt los, dass sie taumelnd zu Boden stürzte. Er ließ sie einfach liegen und ging zur gegenüberliegenden Ecke des Kerkers.

Mühsam rappelte Cassy sich auf. Sie fühlte sich merkwürdig schwach und benommen. Offensichtlich hatte sie sich noch immer nicht ganz von der eigenartigen Krankheit erholt, die sie in Juliens Schloss so unvermittelt befallen hatte.

Verunsichert schaute sie zu Brins regungsloser Gestalt hinüber. Wie eine Statue lehnte der große Krieger an der Wand, das Gesicht dem kleinen Fenster zugewandt, sodass sie sein wie gemeißelt wirkendes Profil betrachten konnte – die hohe Stirn, die dichten Brauen, die gerade Nase, die sonnengebräunte Haut. Sie hatte nie bemerkt, wie gutaussehend er war, auf eine finstere, unnahbare Art und Weise. Es fiel ihr schwer, ihm zu vertrauen. Zu sehr war sie daran gewöhnt, ihn zu fürchten und zu hassen. Doch nun kamen ihr Zweifel. Trotz allem, was Julien ihr immer wieder einzureden versucht hatte, hatte der Krieger ihr nie auch nur ein Haar gekrümmt. Selbst als er ihr mit erhobenem Schwert gegenübergestanden und jeden Grund gehabt hatte, sich an ihr zu rächen, hatte er sie stattdessen ziehen lassen.

Zögernd trat sie zu ihm. Doch obwohl er ihre Schritte gehört haben musste, rührte er sich nicht. Langsam streckte sie die Hand nach ihm aus und umfasste seine Schulter. Sie spürte, wie sein Körper sich versteifte, und zog sie schnell wieder zurück. Sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern, was geschehen war, als sie ihn das letzte Mal berührt hatte.

»Warum sind wir hier?«, stellte sie dennoch ihre dringlichste Frage.

Ein zynischer Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Weil wir Cudras befreit haben. Der König von Rondirai ist verständlicherweise alles andere als erfreut, dass ein größenwahnsinniger Magier in seiner Nachbarschaft sein Unwesen treibt.«

»Wir?«, filterte Cassy die eine Information heraus, mit der sie etwas anfangen konnte.

Nun sah er sie doch an. »Du kannst denen gern erklären, dass du das ganz allein geschafft hast. Aber ich fürchte, sie werden dir nicht glauben. Immerhin warst du nicht einmal bei Besinnung, als wir von den Wachen aufgegriffen wurden.«

Cassy brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. »Dann habt Ihr mich doch entführt? Julien hatte recht!«

»Nein!«, brüllte er und ließ seine Faust gegen die steinerne Wand donnern. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz und Cassy erkannte, dass er verletzt war. Der Ärmel an seinem rechten Oberarm war zerrissen und mit verkrustetem Blut bedeckt. Er fixierte sie mit seinem Blick. »Nur damit es ein für alle Mal klar ist!«, zischte er aufgebracht. »Sein Name ist nicht Julien, sondern Cudras! Und nichts von dem, was er dir jemals erzählt hat, entspricht der Wahrheit!«

»Ach ja?« Nun war auch Cassys Ärger erwacht. Sie hatte es satt, dass er mit ihr wie mit einem dummen Kleinkind sprach. Hatte es satt, ständig herumgeschubst, belogen und respektlos behandelt zu werden. »Und was ist dann bitte schön wahr? Vielleicht kannst du mich ja mal aufklären?«

»Gern.« Er verzog keine Miene. »Was möchtest du wissen?«

»Was ist geschehen?«

»Das habe ich dir doch schon gesagt. Du hast Cudras befreit. Und anstatt ihn zu töten und dich deinem Schicksal zu überlassen, habe ich dich gerettet und ihn entwischen lassen.«

»Wieso?« Sein Hass auf Julien schien so tief zu sitzen, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass er stattdessen sie gerettet haben sollte. Sie kannten sich immerhin kaum und mochten sich definitiv nicht.

Er schnaufte leicht und zum ersten Mal erschien die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen. »Wäre Danke nicht die angemessenere Reaktion auf meine Tat gewesen?«

Cassy zuckte nichtssagend mit den Schultern. Sie würde sich erst bedanken, wenn sie vom Wahrheitsgehalt seiner Worte überzeugt war.

»Ah, verstehe. Du glaubst mir noch immer nicht. Denkst du etwa, das alles«, er machte eine ausholende Geste, »wäre nur mein perfider Plan, um dich – ja was eigentlich? Dich zu töten? Glaub mir, wenn ich das gewollt hätte, wärst du schon längst nicht mehr am Leben. Dann hättest du diese Welt niemals betreten, hättest nicht einmal gewusst, dass ich überhaupt existiere.«

Sie nickte langsam. Das glaubte sie ihm aufs Wort. Aber was wollte er dann?

»Brauchst du noch einen Beweis? Soll ich dir mal erklären, wie abgrundtief bösartig dein lieber Julien in Wirklichkeit ist?«

Er griff seine Hosentasche und holte eine dicke goldene Kette hervor, an der ein großer roter Rubin baumelte. Sofort erkannte Cassy den Stein, den Julien ihr am Abend ihrer Ankunft um den Hals gelegt hatte. Er meinte, die Kette würde ihr Glück bringen.

»Als Dank für seine Rettung hat er dir einen Egelstein umgehängt, um dir deine Kräfte zu rauben.«

Schockiert starrte Cassy den so harmlos wirkenden Rubin an. War ihr deshalb so schlecht geworden? Hatte Julien ihr nach allem, was sie für ihn durchgemacht hatte, nach all den Jahren, die sie sich kannten, tatsächlich etwas so Abscheuliches angetan?

»Als ich dich fand, war der Stein schon fast voll und du kaum noch am Leben.« Er hielt irritiert inne und betrachtete verwundert das Schmuckstück in seiner Hand.

Sie wollte nicht daran glauben, und doch spürte sie instinktiv, dass es stimmte, dass er ihr gerade die einzig mögliche Erklärung für all das gab.

Eine gewaltige Leere breitete sich in Cassy aus. Juliens Verrat war so grenzenlos, so niederschmetternd, dass sie sich nicht damit auseinandersetzen konnte, ohne daran zugrunde zu gehen. Also schob sie ihre Gefühle entschieden beiseite, sperrte sie ein, in einem Winkel ihres blutenden Herzens. Sie würde sich später damit befassen. Denn im Augenblick drängte sich eine neue Erkenntnis in ihr Bewusstsein. Die Leere, die sie verspürte, hatte noch einen weiteren Grund. Ihre Gabe war fort, gestohlen von dem Mann, dem sie vertraut hatte. Die wärmende Kugel, die sie in den letzten Tagen immer mal wieder in ihrem Inneren gespürt hatte, war nicht mehr da.

»Das verstehe ich nicht«, riss Brins Stimme sie wieder in die Realität zurück. »Als ich ihn dir abnahm, war er voll, doch es ist alles weg!« Er tastete in seiner Tasche herum, als könnte er dort eine Antwort finden, und holte schließlich einen walnussgroßen Aquamarin hervor, der ein hellblaues, warmes Licht verbreitete. Beinah ehrfürchtig legte der große Krieger den Stein auf seiner Handfläche ab.

Fasziniert kam Cassy näher. Das Leuchten übte eine fast hypnotische Wirkung auf sie aus und sie konnte nicht anders, als ihren Finger über die pulsierende Oberfläche gleiten zu lassen. Ihre Haut kribbelte, als sie ihn berührte, als die Wärme des Juwels auf sie selbst überging.

»Ich schätze, den solltest du lieber nehmen«, sagte Brin leise.

Cassy zögerte keine Sekunde, sondern streckte ihre Hand danach aus und umschloss den Stein fest mit ihren Fingern. Sie hatte keine Ahnung, was geschah, aber sie konnte dem Verlangen nicht widerstehen. Sie presste ihre Faust gegen die Brust, schloss die Augen und spürte, wie das Leuchten sich ausdehnte, bis es ihren gesamten Körper mit seinem warmen Licht erfasste. Sie fühlte sich stark, lebendig und merkwürdig getröstet, während sie in den warmen Strahlen der Magie badete, die der Stein ihr schenkte.

Viel zu schnell war es wieder vorbei. Cassy öffnete die Augen und blinzelte gegen die Düsternis ihres Kerkers an. Für einen Moment hatte sie beinahe vergessen können, wo sie sich befand. »Was war das?«

»Der Stein der Göttin.«

Sofort stieg die vertraute Angst in ihr auf und sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Wenn Julien über sich und Brin gelogen hatte, hatte er vermutlich auch über die Göttin, in deren Dienst der Krieger stand, nicht die Wahrheit gesagt.

»Ich vermute, der Stein hat dem Rubin die gestohlene Kraft wieder entzogen«, fuhr Brin fort. »Wie geht es dir jetzt?«, fügte er interessiert hinzu.

»Besser.« Cassy versuchte sich an einem kleinen Lächeln. Es stimmte ja, sie fühlte sich stärker, die Benommenheit und Müdigkeit waren fort. Sie verschwieg ihm jedoch, dass die Leere noch immer da war, selbst das Licht der Göttin hatte nicht vermocht, sie zu füllen und ihr ihre Gabe zurückzugeben. Langsam ging sie zu ihrem Lager zurück und ließ sich darauf nieder.

Nun wurde ihr das ganze Ausmaß ihrer Misere bewusst. Julien hatte sie verraten, hatte sie, ihre Gefühle, ihre Liebe mit Füßen getreten und ihr dann auch noch das Einzige genommen, was diesen Schmerz hätte lindern können – ihre Magie.

Cassy zog leise ihre Nase hoch und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand, um die Tränen, die ihr über die Wangen rollten, vor dem forschenden Blick des Kriegers zu verbergen.

 

 

Lächelnd erwachte Cudras aus seiner Trance. Seine Verbindung zu Cassy war nach wie vor stark, ihr Geist stand ihm weiterhin offen, unabhängig davon, was sie derzeit von ihm halten mochte. Es war also nicht alles verloren. Er hatte noch immer die Chance, sie zurückzugewinnen, den Schaden zu reparieren, den dieser elende Brin mit seiner Einmischung angerichtet hatte. Er hatte so sehr gehofft, dass er inzwischen in irgendeinem Loch verreckt wäre oder sich in seiner Trauer zu Tode gesoffen hätte, immerhin war der Krieger länger als drei Jahrhunderte von Edingaards Oberfläche verschwunden gewesen. Aber offensichtlich hatte ihn die Göttin gemeinsam mit Cassias Seele in diese andere Welt geschickt, wo er dann all die Jahre auf ihre Reinkarnation gewartet haben musste.

Cudras ballte frustriert seine Fäuste. Er war dem einfältigen Kerl stets einen Schritt voraus gewesen und war am Ende dennoch gescheitert. Na ja, nicht ganz. Er war immerhin frei und bereit, sich diese Welt erneut gefügig zu machen.

Sein Blick wanderte aus dem Fenster, über den Fluss der Abenddämmerung bis hin zu den Soldaten, die am anderen Ufer patrouillierten. Er sah Bogenschützen, Reiter und Fußtruppen. Offensichtlich wollte der König von Rondirai kein Risiko eingehen. Oder vielleicht glaubte er auch, ihn mit dieser kläglichen Machtdemonstration einschüchtern zu können. Cudras lächelte. Als ob die schwachen Waffen dieser Menschen ihn aufhalten konnten. Er hatte schon vor langer Zeit die Beschränkungen der Sterblichkeit abgelegt. Er hatte sich einen überaus mächtigen Verbündeten gesucht und war mehr als bereit, den Preis für dessen Hilfe zu zahlen. Lediglich mit Magie konnte man ihm noch etwas anhaben, ein gewöhnlicher Mensch hatte gegen ihn keine Chance. Noch nicht einmal Brin hätte ihm ohne den Stein der Göttin auch nur ein Haar krümmen können.

Kurz spielte er mit dem Gedanken, die Männer durch seine bloße Willenskraft von ihren Füßen zu reißen und ihren kleinen Leben ein qualvolles Ende zu bereiten, sich an ihrer Angst zu weiden und zu wissen, dass die Überlebenden die Kunde von seiner Rückkehr umso schneller in ganz Edingaard verbreiten würden. Doch er zügelte sich. Im Augenblick hatte er Wichtigeres zu tun. Und da Cassys Magie ihm leider durch die Finger gegangen war, musste er sparsam mit seinen Kräften umgehen, durfte sich nicht zu unbedachten Handlungen verleiten lassen.

Bedauernd wandte er sich ab. Er würde seine Rache noch bekommen, doch zunächst musste er seine frühere Stärke wiedererlangen und sich erneut der Unterstützung von Irmahir, dem Lord der Dämonen, versichern. Sollte ihm dies gelingen, würde ihn nichts und niemand mehr aufhalten können.

Ein Hauch von Sorge flackerte in seinem Inneren auf, als er an seinen furchteinflößenden Verbündeten dachte. Wie würde dieser reagieren, nachdem er fast achthundert Jahre auf die versprochene Bezahlung hatte warten müssen? Er war unberechenbar – so viel wusste Cudras noch von früher – und überaus gefährlich. Umso wichtiger war es, dass er ihm nicht wie ein schwächlicher Bittsteller gegenübertrat. Er musste sich mehr Macht verschaffen, und zwar schnell.

Nachdenklich ging er zum östlichen Fenster. Der Turm, an dessen Spitze sich sein Observatorium befand, war so erbaut, dass er seine Umgebung nach allen Richtungen hin weit überschauen konnte. Und nun, da die Barriere, die ihn all die Zeit über gefangen gehalten hatte, gefallen war, präsentierte sich die gesamte östliche Ebene seinen Blicken.

Früher, auf dem Höhepunkt seiner Macht, hatte dort sein Heer gestanden – Zelte und Baracken, so weit das Auge reichte. Niemand hätte ihn damals aufhalten können. Niemand – außer ihr.

Unwillig verdrängte Cudras diese Erinnerung. Er wollte nicht an Cassia denken, weder daran, was sie ihm bedeutet, noch daran, was sie ihm angetan hatte. Stattdessen widmete er sich wieder der Aussicht. Sein Heer war fort. Natürlich. Vermutlich hatte es sich schon wenige Tage nach seiner Niederlage zerstreut. Es waren Söldner gewesen, bezahlte Halsabschneider und die Schergen des dämonischen Lords. Von denen war keine Treue zu erwarten gewesen.

Und doch war die östliche Ebene nicht leer. In einiger Entfernung sah er Häuser, ärmliche, dunkle Hütten und reichere Bauten, Straßen, die von menschlichem Abschaum regelrecht wimmelten.

Offensichtlich hatten sich in seiner Nachbarschaft all diejenigen angesiedelt, für die es in Edingaard sonst keinen Platz mehr gab. Das ehemals stolze Fürstentum Sornmag war zur Heimat von Gesetzlosen, Verbrechern und Ausgestoßenen geworden. Sie hatten die Leere gefüllt, die er und seine Anhänger hinterlassen hatten.

Er fokussierte sich und sandte seinen Geist nach den Menschen aus, lächelte zufrieden, als er die Dunkelheit vieler Seelen spürte, ihre Bereitschaft, ihm zu dienen, sobald sich der Einsatz für sie lohnte.

Wie kurzsichtig die Menschen doch waren, wie blind. Die Herrscher Rondirais glaubten tatsächlich, dass es reichte, ihre Grenzen zu schützen, ohne einmal den Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Sie hatten Angst vor ihm. Und doch servierten sie ihm seine Helfer geradezu auf dem Silbertablett, froh darüber, dass dieser Abschaum nicht die schönen Wiesen und Städte von Rondirai beschmutzte. Wie wenig sie doch darüber wussten, was sie erwartete.

Ihm sollte es recht sein. Er hatte nicht zu träumen gewagt, dass es so leicht werden würde. Er gönnte sich noch einen Moment, um in der Schwärze der Seelen zu schwelgen, suchte sich bereits die vielversprechendsten Kandidaten für sein Vorhaben heraus. Dann ging er zielstrebig zu einer großen Truhe an der Längsseite des Raums. Es kostete ihn einige Mühe, den schweren Deckel hochzuwuchten. Die Scharniere gaben ein protestierendes Quietschen von sich – zu lange hatte er sie nicht mehr geölt. Genüsslich ließ er seine Finger über das Gold und die Edelsteine streichen, die die Kiste bis zum Rand füllten. Er mochte derzeit über nicht viel Magie verfügen – noch nicht – doch er hatte etwas, das nicht weniger Macht über die Menschen besaß.

Rasch füllte er mehrere Beutel mit dem kostbaren Metall und hängte sie sich an den Gürtel. Es war an der Zeit, sich ein wenig unter das Volk zu mischen.

 

 

Verstohlen wischte sich Cassy die Tränen von den Wangen. Sie schämte sich ihrer Schwäche, aber sie konnte nichts dagegen tun. Es tat weh, so weh. Sie war von dem einen Menschen verraten worden, dem sie ihr Leben lang bedingungslos vertraut hatte, der nach dem Tod ihrer Eltern die wichtigste Person in ihrem Leben war. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie glücklich und aufgeregt sie gewesen war, als sie erfahren hatte, dass er real war, dass es tatsächlich eine gemeinsame Zukunft für sie gab. Sie hatte geglaubt, am Ziel all ihrer Träume angekommen zu sein. Stattdessen war sie nun in ihrem schlimmsten Albtraum gefangen.

Er ist es nicht wert, sagte sie sich immer wieder. Und doch konnte nichts den grauenhaften Schmerz lindern, der ihr Herz zerriss. Es war gebrochen. Und mit ihm der Glaube an die Liebe. Wie sollte sie jemals wieder einem Menschen vertrauen, ihn wirklich an sich heranlassen können?

Brins schwere Schritte auf dem steinernen Boden ließen sie aufschrecken. Aber er kam nicht näher. Stattdessen begann er erneut, im Kerker auf und ab zu tigern. Cassy unterdrückte ein Seufzen. Allmählich ging er ihr mit seiner schweigsamen Art und den finsteren Blicken gehörig auf die Nerven. Es war offensichtlich, dass er ein Problem mit ihr hatte, doch er hatte ihr noch immer nicht verraten, worin es bestand. Ebenso wenig wie seinen Grund für ihre Rettung. Obwohl, als Rettung konnte man das hier wirklich nicht bezeichnen. Immerhin saßen sie in einem Gefängnis und warteten – wenn sie seinen Worten Glauben schenken durfte – auf ihre Hinrichtung.

Zumindest lenkte sie der aufsteigende Ärger über ihren Zellengenossen für kurze Zeit von ihrem quälenden Liebeskummer und der nagenden Sorge um ihre verschwundene Magie ab.

Plötzlich blieb er stehen und musterte sie. Ein fragender Ausdruck trat auf sein Gesicht und er schien etwas sagen zu wollen. Cassy zog geräuschvoll ihre Nase hoch und wischte erneut die verräterischen Tränenspuren fort. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und setzte seine sinnlose Wanderung fort.

Diese Geste hatte etwas so Hilfloses an sich, dass es Cassy richtig flau im Magen wurde. Bisher hatte sie nicht wirklich über die Konsequenzen ihrer Tat nachgedacht – von dem Schmerz in ihrem Inneren mal abgesehen. Aber was wäre, wenn man sie tatsächlich zur Verantwortung für Juliens Befreiung ziehen würde? Würde man ihr etwas antun? Das konnte doch nicht sein, oder?

»Was …« Ihre Stimme klang krächzend und sie räusperte sich. »Was geschieht denn jetzt mit uns?«

Brin hielt inne und zuckte mit den Schultern. »Als du geschlafen hast, habe ich um eine Audienz beim König ersucht. Wenn wir Glück haben, lässt er mit sich reden, bevor er uns dem Scharfrichter übergibt.«

»Und was willst du ihm sagen?«

Er atmete tief durch. Vielfältige Emotionen spiegelten sich in seinem Gesicht, die sie jedoch nicht recht zu deuten wusste. »Es gibt eine Prophezeiung«, erklärte er schließlich langsam. »Wenn wir den König von ihrer Richtigkeit überzeugen können, lässt er uns vielleicht ziehen.«

»Und wie lautet sie?«, fragte Cassy, zwischen Hoffnung und Unglauben hin- und hergerissen.

Brin zögerte. »Der genaue Wortlaut spielt keine Rolle. Das, worauf es ankommt, ist, dass du die Einzige bist, die Cudras noch aufhalten kann.«

Ein hysterisches Lachen entwich ihrer Kehle. Das wurde ja immer besser. Erst war sie die Einzige, die ihn retten konnte, jetzt sollte sie ihn alleine aufhalten. Nahm das denn gar kein Ende? »Aber wieso?«, entfuhr es ihr gequält.

Julien hatte ihr wehgetan, sehr sogar. Natürlich war sie wütend auf ihn, konnte nicht verstehen, wie er ihr das hatte antun können. Und doch brachte sie es nicht über sich, ihn zu hassen, ihm womöglich sogar den Tod zu wünschen. Zu viel hatten sie gemeinsam erlebt, zu tief war ihre Verbindung zueinander. Zu stark die Hoffnung, dass alles doch nur ein Irrtum war, ein unseliges Missverständnis und dass sich alles noch zum Guten für sie wenden würde. Und bis dahin wollte sie nichts weiter, als sich irgendwo zu verkriechen, wo sie in Ruhe ihre Wunden lecken und etwas Abstand zu Julien gewinnen konnte. Das Letzte, was sie in absehbarer Zeit wollte, war, ihm wieder gegenüberzutreten.

»Vielleicht werde ich es dir eines Tages erklären«, sagte Brin leise, »wenn du bereit bist, mir zuzuhören.«

Überrascht sah sie ihn an. Es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass er auf ihre Frage geantwortet hatte. Falls man diese leere Floskel überhaupt als Antwort bezeichnen konnte.

»Ich will es jetzt wissen!« Trotzig baute sie sich vor ihm auf, doch er schüttelte bloß seinen Kopf.

Das Hallen sich nähernder Schritte im Kerkerflur erstickte die aufkeimende Diskussion. Gespannt warteten sie ab, was passieren würde. Ein Schlüssel wurde im Schloss umgedreht und kurz darauf schwang die schwere Tür quietschend auf. Drei Soldaten betraten die Zelle, wobei zwei jeweils eine Armbrust im Anschlag hielten.

»Mitkommen!«, befahl derjenige ohne Armbrust schroff.

Cassy schoss Brin einen alarmierten Blick zu, doch er zuckte lediglich mit der Schulter, bevor er der Aufforderung Folge leistete. Ihr blieb also nichts weiter übrig, als es ihm gleichzutun.

Sie fand sich in einem langen, dunklen Flur wieder, der aus roh behauenen Steinen gemauert und hin und wieder von einer Fackel erhellt war. Ein gequältes Stöhnen zerriss die Stille, die ansonsten nur von dem Klappern der Stiefel auf dem Boden durchbrochen wurde. Cassy zuckte ängstlich zusammen und spürte, wie sich ein unkontrollierbares Zittern in ihrem Körper auszubreiten begann. Irgendwo in der Nähe wurde gerade ein Mensch gefoltert. Das hier war kein Film, keine Geschichte, sondern grausame, unbarmherzige Realität, die vermutlich auch ihr selbst bevorstand, wenn sie nicht durch irgendeinen glücklichen Zufall entkommen konnten. Auf der Suche nach Trost und Aufmunterung schaute sie zu dem neben ihr gehenden Krieger, doch dieser starrte stoisch geradeaus. Sein Gesicht war angespannt, sein Kiefer fest zusammengebissen. Er wirkte, als machte er sich für alles bereit.

Sie erreichten eine Treppe. Je höher sie stiegen, desto besser wurden die Luft und glatter die Wände. Sie passierten eine Abzweigung, die allem Anschein nach in eine große Halle führte, doch die Wachen drängten sie hastig weiter, bis sie schließlich vor einer schlichten Tür stehen blieben. Ihr Anführer klopfte an und ließ sie nach einem knappen Ruf von innen eintreten.

Ein älterer Mann saß hinter einem massiven, von Büchern und Schriftrollen fast völlig verdeckten Schreibtisch und schaute ihnen aufmerksam entgegen. Er hatte einen gepflegt gestutzten, graumelierten Bart und wachsam dreinschauende Augen. Am Körper trug er eine dunkle, mit Goldfäden kunstvoll bestickte Weste über einem weiten, hellen Hemd. Seinen Kopf zierte ein schmaler, glänzender Metallreif.

Es dauerte eine Weile, bis Cassy begriff, dass sie einem König gegenüberstand, und beeilte sich – ebenso wie die Männer – ehrerbietig ihren Kopf zu neigen.

»Ihr habt um eine Audienz gebeten?«, fragte der König ohne Umschweife. Sein Ton verriet, dass er nicht gerade erfreut darüber war.

»Das stimmt, Majestät«, erwiderte Brin respektvoll und richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf.

»Wenn ihr vorhabt, mich um euer Leben anzuflehen, könnt ihr euch die Mühe sparen. Der einzige Grund, wieso ihr hier seid, ist, dass ich selbst einen Blick auf euch werfen wollte, bevor ihr eurem gerechten Schicksal übergeben werdet.«

Cassy ballte verzweifelt die Fäuste, um ihren Körper am Zittern zu hindern. Doch Brin schien nichts aus der Ruhe bringen zu können.

»Wir sind hier, um Euch vor einem großen Fehler zu bewahren, mein König.«

»Ihr wagt es …?« Sein Gesicht nahm eine bedrohlich rote Färbung an. »Wollt ihr etwa leugnen, dass ihr Cudras geholfen und einen der gefährlichsten Magier aller Zeiten befreit habt?«

»Nein.«

Cassy sank das Herz in die Knie. Er machte nicht einmal den Versuch, sie zu retten. Ganz egal, ob der König über Julien die Wahrheit sagte oder nicht, er würde sie beide, ohne mit der Wimper zu zucken, töten lassen, weil sie ihn befreit hatte. Sie öffnete schon ihren Mund, um zumindest Brin vor diesem Schicksal zu bewahren. Sie mochte ihn vielleicht nicht, vertraute ihm nicht einmal, doch sie konnte nicht zulassen, dass er für ihre Tat bezahlte. Ob richtig oder falsch – und erschreckenderweise fühlte es sich immer falscher an – es war allein ihre Entscheidung gewesen, Julien zu helfen.

Brin schoss ihr einen warnenden Blick zu.

»Wir – oder besser gesagt – diese Frau«, er deutete auf Cassy, »hat tatsächlich Cudras aus seinem Gefängnis befreit.«

Cassy schnappte erschrocken nach Luft. Es kümmerte sie nicht, dass sie vor wenigen Sekunden genau dasselbe hatte sagen wollen. Sie konnte einfach nicht fassen, dass der Krieger ihr dermaßen in den Rücken fiel.

»Das Tribunal wird darüber richten, wer welchen Anteil an dem Verbrechen trägt«, bestimmte der König und machte eine Geste mit der Hand, die wohl das Ende der Audienz bedeuten sollte.

»Ihr kennt bestimmt die Prophezeiung, Majestät«, sagte Brin düster. »Die Priesterin ist zurückgekehrt, um ihr Werk zu vollenden.«

Verwirrt schaute Cassy ihn an. Sollte das irgendjemandem etwas sagen?

Bei dem König jedenfalls schien es seine Wirkung nicht zu verfehlen. Er hielt mitten in der Bewegung inne und fixierte Brin mit zusammengekniffenen Augen. »Glaubt ihr etwa, dass dieses Ammenmärchen euch vor eurer Strafe schützen kann?«

»Es ist eine Prophezeiung, kein Märchen, Majestät.«

»Und selbst wenn es so wäre, was hat das mit euch zu tun?«

»Diese junge Frau hat die Macht, Cudras zu vernichten. Tötet sie und Ihr vernichtet die letzte Hoffnung, die Edingaard noch bleibt.«

Der König lachte schallend auf. »Das wird ja immer besser! Dieses jämmerliche Weibsbild soll unsere Hoffnung sein? Dann steht es um uns noch schlechter, als ich befürchtet habe.«

Brin öffnete erneut seinen Mund, doch der König ließ ihn nicht ausreden. »Genug!«, entschied er fest. »Ihr gebt zu, Cudras befreit zu haben. Damit ist euer Schicksal besiegelt. Ihr habt großes Leid über mein Volk und das ganze Land gebracht, dafür werdet ihr büßen. Euer Tod wird all denen als Warnung dienen, die es wagen sollten, sich auf die Seite des Feindes zu stellen.«

»Das ist Euer gutes Recht.« Brin ignorierte den Wachmann, der grob an seinem Arm zerrte, um ihn aus dem Raum zu führen. »Aber wollt Ihr wirklich Eure Rache über das Wohl Eures Volkes stellen? Über die Zukunft von ganz Edingaard?«

Der König atmete schnaufend durch und starrte seinen Gefangenen wütend an. »Ich habe genug von diesem Geschwätz! Wollt ihr mich dazu reizen, euch einen schnellen Tod zu bescheren? Oder versucht ihr tatsächlich, euer wertloses Leben zu retten? Wenn, dann macht ihr das nicht besonders einfallsreich!«

»Oh nein!«, rief Brin aus und kassierte für seine Respektlosigkeit einen schweren Schlag in den Nacken, der ihn beinah von den Füßen riss. »Mir liegt schon lange nichts mehr an meinem Schicksal. Doch Cudras ist frei – und auch unser Tod wird daran nichts mehr ändern. Aber solange es nur den Bruchteil einer Möglichkeit gibt, ihn wieder aufzuhalten, sollte ein weiser Herrscher sie nicht ergreifen?«, fügte er beschwörend hinzu.

Plötzlich stand der König auf und ging um den massiven Schreibtisch herum. Cassy rechnete damit, dass er sich wieder Brin zuwenden würde, doch er blieb direkt vor ihr stehen und streckte seine Hand aus, um ihr Kinn in die Höhe zu heben. Unter seinem verächtlichen, beinah angeekelten Blick wurde ihr überdeutlich bewusst, was für ein armseliges Bild sie abgeben musste. Ihre Haare waren verfilzt, ihr Gewand dreckig, zerrissen und blutbefleckt. Dennoch biss sie tapfer die Zähne zusammen und hob herausfordernd ihren Kopf.

»Und was sagst du dazu, Weib? Kannst du das Unheil wieder richten, in das du uns alle gestürzt hast?«

Cassy schluckte und suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. Wie sollte sie den König von etwas überzeugen, an das sie selbst nicht glaubte?

Offensichtlich war ihre Zeit um, denn der Mann ließ sie abrupt wieder los. »Dachte ich es mir«, brummte er abfällig. »Bringt sie fort«, fügte er zu den Wachen gewandt hinzu. »Und sorgt dafür, dass diese alberne Prophezeiung nicht noch mehr die Runde macht, sonst wimmelt es hier bald von Betrügern.«

 

In ihrem Kerker ließ Cassy sich niedergeschlagen auf die Liege fallen. »Es tut mir leid«, flüsterte sie Brin verzweifelt zu.

»Du hättest ohnehin nichts sagen können, das ihn umstimmt«, erwiderte er unerwartet sanft.

Überrascht schaute sie hoch und sah ein trauriges Lächeln um seine Mundwinkel spielen. In diesem einen Moment kam er ihr so merkwürdig vertraut vor, dass sie verwirrt ihr Gesicht abwandte.

»Ich schätze, wir müssen zu Plan B übergehen.«

»Plan B?«

»Ja. Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden.«

»Und wie bitte schön soll das möglich sein? Oder hast du zufällig einem der Wachmänner den Schlüssel geklaut?«

»Nein. Ich dachte, dass du uns diese Tür öffnen kannst.«

»Ähm?« Irritiert starrte sie ihn an. Sah sie etwa so aus, als ob sie Schlösser knacken konnte? »Und wie genau soll ich das anstellen?«

Nun war es an ihm, verdattert dreinzuschauen. »Keine Ahnung. Für Cassia war eine verriegelte Tür nie ein Problem.«

Aha. Und was genau sollte sie mit dieser Information anfangen? »Cassia ist doch diese Priesterin, die Julien … Cudras besiegt hatte, oder?«

»Ja«, erwiderte er gedehnt.

»Vielleicht sollte man sie dann wieder um Hilfe bitten. Immerhin weiß sie offensichtlich, was zu tun ist.« Natürlich müssten sie dafür erst aus diesem Kerker raus, womit sie wieder bei dem Problem mit der verschlossenen Tür waren. Cassy wollte noch etwas hinzufügen, als ihr auffiel, dass Brin ziemlich fahl im Gesicht geworden war. »Stimmt etwas nicht?«

Fassungslos starrte er sie an. »Du weißt es wirklich nicht, oder?«

»Was weiß ich nicht?«

»Dass Cassia schon lange tot ist. Und dass du ihre Seele in dir trägst.«

»Ich soll was?« Cassy fühlte sich, als hätte er ihr gerade einen Eimer kalten Wassers über den Kopf geschüttet. Entgeistert starrte sie ihn an. »Das ist unmöglich! Völlig ausgeschlossen! Dann müsste sie ja vor meiner Geburt gestorben sein, da war Julien selbst noch ein Baby. Sie …« Cassy brach ab, als Brin bedeutungsvoll seinen Kopf schüttelte.

Sie fuhr sich mit der Hand an die Stirn, ihr kam es vor, als würde sich der ganze Raum um sie drehen. Sie spürte, wie sie zu hyperventilieren begann.

Der große Krieger trat langsam zu ihr, hockte sich neben sie hin und zog behutsam ihre Hand von ihrem Gesicht. »Du musst mir zuhören, Cassy.«

Sie war sich nicht sicher, ob sie das wollte. Nicht sicher, ob sie noch mehr Offenbarungen verkraften konnte, die ihre gesamte Welt schon wieder auf den Kopf stellen würden. Aber wie es aussah, hatte sie keine Wahl.

»Cassia hat vor über achthundert Jahren gelebt. Genau wie Cudras … und ich.«

Er verstummte und ließ ihr Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Als ob das helfen würde. Ihr Gehirn weigerte sich schlicht, seine Worte zu begreifen.

»Aber wie … wie ist das möglich?«, stammelte sie hilflos.

Er seufzte und erhob sich wieder, brachte ein paar Schritte Abstand zwischen Cassy und sich. »Ich weiß nicht genau, wie Cudras das geschafft hat. Nur, dass er sich damals mit ziemlich dunklen Mächten eingelassen hat. Ich nehme an, dass es ihm so gelungen war, seine Lebensspanne über das natürliche Maß hinaus zu verlängern.« Er zögerte. »Mich selbst hatte die Göttin dazu verdammt. Und Cassia lebt längst nicht mehr.«

Der Schmerz in seiner Stimme ließ sie aufhorchen. »Kanntest du sie gut?« Plötzlich durchzuckte sie eine Erkenntnis. Ihr Traum von Brin, der ihr ein Schwert aus dem Rücken zog – sie hatte immer geglaubt, er würde ihr die Zukunft zeigen, aber was, wenn es eine Erinnerung gewesen war?

Erschrocken sprang sie auf. »Hast du sie getötet?«

»Was?!« Er starrte sie entgeistert an, entspannte sich aber schließlich wieder. »Ich trage die Schuld an ihrem Tod, aber ich habe sie nicht getötet, nie hätte ich ihr auch nur ein Haar gekrümmt. Ich habe sie mehr geliebt als mein eigenes Leben.«

Es fiel Cassy schwer, sich den unnahbaren Krieger als jemanden vorzustellen, der zu solchen Gefühlen fähig war. Doch der wehmütige Ausdruck in seinem Gesicht bestätigte seine Worte. Langsam ließ sie sich wieder auf die Liege sinken. »Was ist geschehen?«, fragte sie leise.

»Es ist eine lange Geschichte. Aber ich schätze, du hast ein Recht darauf, sie zu erfahren. Cassia hat mit ihrer Magie gegen Cudras gekämpft. Sie hätte ihn vermutlich vernichten können, wenn seine Schergen sie nicht vorher erwischt hätten. Ich war dazu ausersehen, sie zu beschützen. Doch ich habe mich ablenken lassen, bin blindlings in Cudras’ Falle getappt. Und als ich Cassia wieder erreichte, war es bereits zu spät. Sie lag im Sterben. Alles, was ich noch tun konnte, war, das Schwert aus ihrem Rücken zu ziehen und sie festzuhalten, während ihr Leben sie verließ.« Seine Stimme zitterte verräterisch und er brach seine Erzählung abrupt ab.

Cassy schaute zu Boden, um ihm die Gelegenheit zu geben, sich wieder zu sammeln. »Ich habe das gesehen«, flüsterte sie. »In einem Traum, daher habe ich dich erkannt.« Sie schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu ordnen. Konnte das alles wahr sein? Und war diese neue Version der Geschehnisse mehr oder weniger wahrscheinlich als das, was Julien ihr erzählt hatte? Sie wusste es nicht. Also musste sie sich nach den Fakten richten. Brin hatte die Möglichkeit gehabt, seine eigene Haut zu retten. Er hätte sich lediglich von ihr distanzieren müssen. Doch er hat sie nicht im Stich gelassen. Im Gegensatz zu Julien. Sie konnte die Augen nicht länger davor verschließen – Julien hatte sie tatsächlich nur benutzt.

Als sie ihren Kopf hob, bemerkte sie Brins Blick, der mit einer beunruhigenden Intensität auf ihr ruhte. »Das muss Cassias Erinnerung gewesen sein«, sagte er ergriffen. »Und der Beweis dafür, dass ihre Seele und ihre Kraft tatsächlich in dir sind.«

»Und was hat das mit dieser Prophezeiung auf sich?«, wechselte sie schnell das Thema. Der Gedanke, dass ihre Seele gar nicht ihr gehörte, war auf mehr als einer Ebene äußerst verstörend.

»Nachdem Cassia es nicht geschafft hatte, Cudras zu vernichten, hatte eine Seherin eine Vision. Im Wesentlichen heißt es, Cassia werde zurückkehren, um ihr Werk zu vollenden.«

»Und nun glaubst du, sie wäre ich?«, fragte sie skeptisch.

»Ja.« Sein Ton ließ keinen Zweifel zu.

»Bist du mir deshalb gefolgt?«

»Ja. Meine Aufgabe ist es, Cassia – oder ihre Nachfolgerin – zu beschützen.«

Cassy lachte nervös auf. »Und ich habe gedacht, dass du mich töten wolltest.« Ein zerknirschter Ausdruck trat in sein Gesicht und ließ ihr Lachen gefrieren. »Du wolltest mich töten?«

»Nein.« Er schüttelte bedächtig seinen Kopf. »Doch du hattest einen falschen Weg eingeschlagen, du warst dabei, Cudras zu helfen. Ich hätte dich töten können, um deiner Seele eine neue Chance auf Wiedergeburt zu geben.«

Cassy schauderte. Es machte ihr Angst, wie nüchtern er darüber sprach. »Und wieso hast du es nicht getan?«

Er zuckte leicht mit den Schultern. »Wer weiß. Vielleicht bin ich dieses ewigen Kampfes zwischen Cudras und mir überdrüssig. Vielleicht habe ich einfach auch schon zu Viele sterben sehen.«

»Verstehe.« Es hatte also nichts mit ihr zu tun. Für ihn machte es anscheinend keinen Unterschied, ob sie lebte oder nicht.

Schritte näherten sich erneut der Kerkertür und Cassy zuckte alarmiert hoch. Doch es wurde lediglich eine kleine Klappe am Boden geöffnet, durch die ein eiserner Wasserkrug und ein halber Laib Brot hereingeschoben wurden.

Brin wartete ab, bis sich die Schritte wieder entfernt hatten. »Alles Weitere können wir später besprechen, zuerst sollten wir lieber verschwinden.« Er sah sie erwartungsvoll an.

»Es tut mir leid, ich kann keine verschlossenen Türen öffnen«, stammelte sie.

»Du hast einen Pegasus gezähmt, die Kraft ist also in dir.«

»Nein, nicht mehr.« Entmutigt ließ Cassy ihren Kopf sinken. »Du hast schon recht, ich habe etwas gespürt, aber jetzt ist es fort. Was auch immer Julien mit mir gemacht hat, hat mir meine Gabe genommen.«

»Das kann nicht sein.«

Fast schon trotzig sah sie ihn an. Es ging ihr bereits dreckig genug, auch ohne dass sie sich vor ihm rechtfertigen musste. »Ist es aber«, beschied sie ihm abweisend.

Er mahlte unwillig mit dem Kiefer, ließ es jedoch dabei bewenden. »Dann werden wir uns den Weg eben freikämpfen müssen«, schloss er bestimmt.

Neugierig verfolgte Cassy, wie er zum Kopfende ihrer Pritsche hinüberging und ein helles Bündel darunter hervorholte. Sorgsam wickelte er es auf. Es schien sich um eine Art Morgenmantel zu handeln. Mit Schrecken erkannte sie das Kleidungsstück, das sie in Juliens Burg getragen hatte. Ihr Blick zuckte schnell an sich herab. Es war ihr gar nicht aufgefallen, dass sie wieder ihr Reisekleid trug. Hatte Brin etwa …? Sie spürte, wie ihr heiße Röte ins Gesicht schlug. »Hast du mich umgezogen?«

Irritiert hielt er in seinen Bewegungen inne. Offensichtlich waren seine Gedankengänge meilenweit von den ihren entfernt. »Ja. Wäre es dir lieber, du hättest dich in diesem dünnen, feuchten Fetzen erkältet?«

Nein, natürlich nicht. Er hatte ja recht. Und dennoch fühlte sie sich unwohl dabei, dass er sie ausgezogen hatte.

Wann hatte sie sich das letzte Mal die Beine rasiert?

Entschieden drängte sie diese absurde Frage beiseite. Es war gewiss das kleinste ihrer Probleme, ob dieser bedrohliche, finstere Mann ihre Körperbehaarung unästhetisch fand. Trotzdem war es ihr, als würde der Raum plötzlich um sie beide zusammenschrumpfen, und sie war sich Brins Präsenz mehr als bewusst. Er hingegen schien überhaupt nichts zu bemerken, weder ihre Betroffenheit noch etwas Peinliches darin, dass er sie praktisch nackt gesehen hatte.

»Hier.« Endlich hatte er den in den Morgenmantel sorgsam eingewickelten Gegenstand befreit. Erstaunt erkannte Cassy den Dolch, den sie bei ihrer Flucht aus Elainas Zitadelle gestohlen hatte. Er zog die Klinge aus der Scheide und ließ sie ein paarmal versuchsweise durch die Luft sausen. »Kannst du damit umgehen?«

Sie nickte unsicher. Sie selbst hatte keine Erfahrung im Umgang mit Stichwaffen, doch der Dolch musste eine eigene, ganz besondere Magie besitzen, die seine Handhabung stark erleichterte. Zumindest war es beim letzten Mal so gewesen.

»Sehr gut.« Er steckte die Klinge zurück in ihre Hülle und reichte Cassy die Waffe. Dann musterte er prüfend ihre Gestalt. »Am besten trägt man so einen Dolch an der Hüfte oder am Rücken. Aber in unserem Fall wäre das wohl zu auffällig. Ich schlage vor, du steckst ihn in deinen Stiefel. Vermutlich ist es sogar besser, wenn du nicht zu leicht drankommst. Ich möchte, dass du ihn nur benutzt, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Den Rest übernehme ich.«

Unsicher hielt Cassy die Klinge in ihrer Hand. »Solltest dann nicht lieber du den Dolch nehmen?«

»Keine Angst, ich werde nicht lange unbewaffnet bleiben«, entgegnete er. In seiner Stimme lag keine Spur von Stolz oder Prahlerei, nur ein unumstößliches, tödliches Selbstbewusstsein. Und auf einmal war Cassy sehr froh, ihn nicht mehr als ihren Feind betrachten zu müssen.

»Wie geht es weiter?«

»Wir warten, bis sich diese Tür wieder öffnet, und greifen an. Und in der Zwischenzeit werden wir essen.« Mit diesen Worten holte er das Brot, das noch immer am Türschlitz lag, und teilte es in zwei Hälften.

Kapitel 2

Ohne Rücksicht auf sein Pferd jagte Luca durch das trockene Steppengras. Elaina hatte ihm wie immer nicht verraten, worum es eigentlich ging, bloß, dass es dringend und äußerst wichtig war. Er hatte noch genau einen Tag Zeit, um Rondas zu erreichen und den Brief, der sicher verwahrt in seinem Brustbeutel lag, einem ihrer Verbündeten zu übergeben.

Schaum tropfte dem Hengst von den Lippen und widerstrebend zügelte er seinen Ritt. Es brachte nichts, wenn das Tier hier mitten im Nichts zusammenbrach. Die Ebenen von Rondirai waren nicht gerade eng besiedelt, das nächste Dorf mehrere Stunden entfernt.

Gewohnheitsmäßig ließ Luca seinen Blick schweifen. Die Menschen hier waren auch so nicht sonderlich aufgeschlossen gegenüber Fremden, und dieses Mal schienen sie noch feindseliger zu sein als sonst. Er schätzte, dass es die Rückkehr von Cudras war, die seine Nachbarn so nervös machte. Die Grenzpatrouillen waren verdoppelt worden und er hatte großes Glück, dass sein gefälschter Händlerschein den misstrauischen Blicken standgehalten hatte.

Die Menschen schienen sich für das Schlimmste zu rüsten. Und insgeheim fragte er sich, ob das völlig unnötige Panik oder berechtigte Sorge war. Er selbst wusste natürlich im Groben, was bei dem Großen Krieg geschehen war, doch auch für ihn lagen die damaligen Ereignisse schon zu weit zurück, um an deren Schrecken wirklich glauben zu können. Elaina ging es da offensichtlich anders. Und er schätzte, dass sie in dieser Hinsicht mehr Weitblick besaß, auch wenn er sich wünschte, dass sie sich dieses eine Mal irrte. Er hatte sie noch nie zuvor dermaßen außer sich gesehen.

Luca überprüfte den Stand der Sonne und trieb sein Pferd bedauernd wieder an. Elainas Anweisung war eindeutig gewesen. Wenn er es nicht schaffte, seinen Auftrag rechtzeitig auszuführen, brauchte er ihn gar nicht mehr zu Ende zu bringen. Und die Geschehnisse würden eine sehr unvorteilhafte Wendung nehmen. Wenn er nur wüsste, worum es ging. Nicht zum ersten Mal ärgerte er sich über ihre Geheimniskrämerei. Dabei war es ja gar nicht so, dass sie ihm nicht vertraute – immerhin könnte er den Brief auch selbst öffnen. Nein, es lag schlicht nicht in ihrer Natur, Informationen weiterzugeben, die nicht zwingend erforderlich waren. Vielleicht hing es mit ihren Visionen zusammen und sie hatte Angst, die Zukunft nachteilig zu beeinflussen. Vielleicht gefiel sie sich auch lediglich in der Rolle einer Spinne, die tief in ihrem Versteck alle Fäden zusammenhielt.

Dabei stellte er sie – oder ihre Motive – ja auch gar nicht infrage. Er hätte bloß sehr gern gewusst, wofür genau er sich in Gefahr begab.

Am Horizont tauchte eine Gruppe von Reitern auf. Luca fluchte verhalten. Die Steppe bot keinerlei Schutz, es gab nichts, wo er sich verstecken konnte. Selbst wenn sie ihn noch nicht entdeckt hatten, war das nur noch eine Frage der Zeit.

Ein einzelner Reiter löste sich aus der Gruppe und galoppierte auf ihn zu. Luca seufzte. Wie es aussah, hatte er nicht mehr lange, um sich eine gute Geschichte zurechtzulegen.



Das Glühen in Cudras’ geschlossener Faust erlosch. Bedauernd öffnete er die Hand und ließ den schwarzen Staub, der von dem unvorsichtigen Irrlicht übriggeblieben war, zu Boden rieseln. Es hatte gutgetan, dem winzigen Wesen den Magiefunken auszusaugen, aber es war nicht genug, bei Weitem nicht. Er wischte seine Hand an dem Umhang ab und setzte seinen Weg fort. Er war zu gierig gewesen, hatte sich von der pulsierenden Energie verführen lassen. Es wäre klüger gewesen, dem Irrlicht zum Rest seines Schwarms zu folgen. Doch er war wie ein Verhungernder gewesen, dem ein Krümel Brot vorgesetzt worden war. In Zukunft musste er sich besser im Zaum halten, wenn er seine alte Stärke wiedererlangen wollte.

Die ersten Häuser der Siedlung kamen bereits in Sicht. Dicht an dicht drängten sich die ärmlichen Hütten an den äußersten Rand der kleinen Stadt. Hier würde er nicht fündig werden. Die Leute, die hier hausten, waren noch immer zu ehrlich, zu gut. Obwohl das Schicksal ihnen übel mitgespielt haben musste, damit sie hier landeten, hielten sie noch immer an den Vorstellungen von Recht und Moral einer Gesellschaft fest, die sie längst verstoßen hatte.

Cudras konzentrierte sich, sandte seinen Geist aus und suchte nach der Dunkelheit, die ihn zu den richtigen Menschen führen würde. Davon schien es hier mehr als genug zu geben. Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht setzte er seinen Fuß auf die festgetrampelte Straße.


Die Spelunke, deren Tür sich gerade quietschend öffnete, versprach eine Klientel der übelsten Sorte. Cudras zog sich seinen Umhang fester um die Schultern und vergewisserte sich, dass sein Dolch und die Goldbeutel sicher am Gürtel befestigt waren. Zum Glück brauchte er sich keine Sorgen darüber zu machen, dass ihn irgendjemand erkennen konnte. So lange von der Bildfläche verschwunden gewesen zu sein, hatte durchaus auch seine Vorteile.

Er ließ sich vom Wirt einen Krug Bier geben. Während er an dem blankpolierten Tresen saß, beobachtete er aufmerksam die Männer, die ein- und ausgingen, zwielichtige Geschäfte abschlossen oder weitere Verbrechen planten. Sein Blick blieb an einem Kerl hängen, der sich – von den anderen praktisch unbemerkt – zwischen den Tischen hindurchschlängelte und den einen oder anderen Geldbeutel mitgehen ließ. Cudras wartete, bis er seine Runde beendet hatte und sich dem Ausgang näherte. Er warf dem Wirt eine kleine Münze zu und folgte unauffällig dem Dieb.

Es bereitete ihm keine Mühe, den Mann draußen wiederzufinden, das zufriedene, dunkle Glühen in dessen Inneren zog ihn wie ein Leuchtfeuer an. Der Dieb hatte sich in eine schmale Seitengasse verkrochen und zählte seine Beute.

»Eine interessante Vorführung deiner Talente.« Lässig trat Cudras aus dem Schatten.

Ertappt fuhr der Kopf des Mannes hoch. Noch bevor Cudras reagieren konnte, hatte dieser bereits einen langen Dolch gezückt und zielte mit dessen Spitze auf Cudras’ Kehle. »Verschwinde!«, zischte der Dieb.

»Keine Angst, ich werde dich weder verpfeifen noch habe ich Interesse an deiner mageren Ausbeute.«

Ein lauernder Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Mannes. »Was willst du dann?«

»Dir ein Geschäft vorschlagen. Ich kann jemanden mit deinen Fähigkeiten gut gebrauchen.«

»Ich verzichte!« Der Dieb wich langsam zurück, die Waffe noch immer drohend erhoben. »Ich mache keine Auftragsarbeiten mehr. Ist mir zu heiß.«

»Glaub mir, es würde sich für dich lohnen.« Ohne sein Gegenüber aus den Augen zu lassen, löste er einen der kleineren Geldbeutel vom Gürtel und warf ihn dem Mann zu, der ihn gekonnt auffing.

»Danke!«, grinste dieser schmierig und wog den Beutel in seiner Hand. »Sehr großherzig von dir.«

»Wo das herkommt, gibt es noch mehr.«

»Das glaube ich gern.« Sein gieriger Blick blieb an Cudras’ Gürtel hängen. Er zögerte kurz, dann stürzte er sich ohne Vorwarnung nach vorn.

Cudras wich dem Sprung geschickt aus. Der Mann ließ sich davon nicht entmutigen, wirbelte herum und setzte seinen Angriff fort. Cudras fluchte. Er hatte gehofft, seine Kräfte schonen zu können, doch offensichtlich waren Gewalt und Angst nach wie vor die einzige Sprache, die solche Menschen verstanden. Er hob seine Hand, um seinen Gegner regungslos gefrieren zu lassen. Früher hätte dafür ein einziger Gedanke genügt, doch auch so war die Wirkung auf den Dieb schier überwältigend. Leichenblass und zitternd starrte er den Magier an und begann womöglich ansatzweise zu begreifen, wen er da vor sich hatte. »Was … wollt Ihr von mir?«, presste er mühsam hervor.

Cudras lächelte kühl. Offensichtlich hatte er sich mit seiner kleinen Machtdemonstration den Respekt des Mannes verdient. »Wie ich bereits sagte, habe ich ein überaus lukratives Angebot für dich. Kennst du die Burg westlich von hier?«

Die Augen des Mannes weiteten sich erschrocken. »Jeder kennt sie«, keuchte er. »Die ist vor wenigen Tagen wie aus dem Nichts aufgetaucht.«

Cudras nickte. Die Neuigkeit schien bereits die Runde gemacht zu haben. »Sehr gut. Geh dahin, wenn du mehr erfahren möchtest.«

Der Blick des Diebes zuckte hin und her, als würde er einen Ausweg suchen.

»Keine Angst, du musst dich nicht sofort entscheiden. Feiglinge kann ich nicht gebrauchen.«

Er wedelte mit der Hand und entließ den Mann aus seiner Starre. Überrascht verlor dieser das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

»Warte«, fiel Cudras noch etwas ein, als der Dieb sich schon davonmachen wollte. »Wie ist dein Name?«

»Steven.« Mit Genugtuung bemerkte Cudras, dass er nicht einmal den Versuch unternahm, vor ihm zu fliehen. Offensichtlich hatte er erkannt, dass es aussichtslos wäre.

»Das werde ich mir merken.« Er genoss es, den Mann über seine weiteren Absichten im Unklaren zu lassen, weidete sich an seiner Anspannung und Angst. Doch leider hatte er keine Zeit zu verlieren. »Es gibt in diesem Ort doch bestimmt einen Magier, jemanden, der Amulette oder seltene Tränke verkauft?«

»Ja.«

»Ich möchte, dass du mich zu ihm führst.« Natürlich hatte er die Gegenwart der Magie längst gespürt. Aber es war eine gute Gelegenheit, Stevens Zuverlässigkeit zu überprüfen.

Der Mann wirkte nicht gerade erfreut, doch er widersprach nicht. »Hier entlang«, murmelte er und führte Cudras aus der Gasse.


Das Haus, vor dem sie standen, sollte mit seiner Mischung aus abstoßenden und geheimnisvollen Artefakten im Schaufenster wohl Kunden anlocken, die nichts gegen ein gewisses Maß an Scharlatanerie hatten. Mit einer lässigen Handbewegung entließ Cudras seinen unfreiwilligen Führer, der sich sofort aus dem Staub machte. Das Haus wirkte nicht gerade vielversprechend, gleichwohl nahm er wahr, dass der Inhaber in der Magie nicht gänzlich unbewandert war. Vielleicht war es für den Anfang auch gar nicht so schlecht. Einem stärkeren Gegner war er womöglich noch nicht gewachsen. Schwungvoll riss Cudras die Tür auf und trat ein.

Eine Türglocke bimmelte und er erkannte überrascht, dass er es hier mit einer Frau zu tun hatte. Lange, angegraute Haare hingen der Hexe ins Gesicht, die ihn mit besorgter Miene musterte.

»Wie kann ich Euch helfen, mein Herr?«, fragte sie dennoch höflich.

Cudras ignorierte das Sammelsurium aus verschrumpelten Tierteilen und dampfenden Gefäßen, während er sich zwischen den Regalen hindurchschlängelte.

»Ich habe ein Artefakt gefunden und wäre dankbar, wenn Ihr Euch das mal ansehen könntet.«

»Legt es hierhin.« Die Frau deutete auf den Tresen. Ihre Hand zitterte. So mickrig ihre Kräfte auch sein mochten, sie schien zu spüren, dass ihr Besucher gefährlich war.

Cudras holte den Egelstein aus seiner Tasche heraus, den letzten, der ihm noch geblieben war. Einen hatte man ihm schon vor langer Zeit gestohlen, den zweiten hatte Brin mitgenommen. Lediglich einer war noch übrig – der Schlüssel zur Wiedererlangung seiner Macht.

Anstatt ihn auf das blanke Holz zu legen, ließ er ihn an seiner langen Kette vor dem Gesicht der Hexe baumeln.

Erschrocken wich sie zurück. »Verlasst auf der Stelle mein Haus!«

Sie konnte unmöglich wissen, was es mit dem Stein auf sich hatte, doch sie schien ein untrügliches Gefühl für Gefahr zu besitzen.

»Noch nicht«, entgegnete er mit einem boshaften Lächeln.

Plötzlich spürte er, wie ihn ein Wirbelwind erfasste, sah durch die schwirrende Luft hindurch in die vor Anstrengung zusammengekniffenen Augen der Frau. Sie hatte es nicht anders gewollt. Er atmete tief durch und ließ den Wind erlahmen. Ihn schwindelte, so sehr hatte ihn diese winzige Anstrengung erschöpft. Doch er war noch immer stark genug, um es mit dieser Kräuterhexe aufnehmen zu können. In ihrem Gesicht las er genau diese Erkenntnis, als seine Hand vorschnellte, um sie an der Kehle zu packen. Entsetzt zerrte sie an seinen Fingern, röchelte und schlug um sich. In ihrer Todesangst schaffte sie es nicht einmal, sich erneut ihrer Magie zu bedienen. Nicht, dass es ihr etwas genützt hätte.

Langsam, fast schon sanft ließ Cudras die Frau, die kaum noch bei Besinnung war, zu Boden gleiten und legte ihr den Egelstein auf die Brust. Der Rubin fing sofort an, wie wild zu pulsieren, passte sich dem Rhythmus ihres flatternden Herzens an.

Die Hexe stöhnte gequält. Es musste wahrlich furchtbar sein, seine Magie ausbluten zu spüren. Doch sie würde nicht mehr lange leiden müssen.

»Freu dich, denn in mir wirst du Unsterblichkeit erlangen«, flüsterte er, als sich ihre Augen für immer schlossen.



»Wo habt Ihr Eure Waren?«, wandte sich der Mann misstrauisch an Luca.

Dieser seufzte. Genau die Frage hatte er befürchtet. Er war tatsächlich einer der Patrouillen in die Arme gelaufen, die das Land kreuz und quer durchkämmten. Sein Ausweis hatte sie nach einigem Hin und Her ja noch täuschen können, hatte die Wachen aber zu der verständlichen Frage geführt, wo denn seine Handelsware wäre.

Bei der Überquerung der Grenze hatte er tatsächlich einen Wagen gehabt, den er sich kurz davor besorgt und dann in sicherer Entfernung wieder stehen gelassen hatte, um schneller voranzukommen. Jetzt musste er also improvisieren.

»Die Ware habe ich genau hier.« Er klopfte auf seinen Geldbeutel, der zum Glück prall gefüllt war.

»Was soll das heißen?« Der Mann wirkte alles andere als erfreut. Und auch seine Gefährten blickten grimmig.

Luca lächelte unschuldig. Da sie nicht auf seinen zaghaften Bestechungsversuch angesprungen waren, durfte es nicht nach ebensolchem aussehen. »Dieses Mal bin ich als Einkäufer unterwegs«, erklärte er. »Die Werkstätten in Rondas sind in ganz Edingaard für ihr ausgezeichnetes Leder bekannt. Ich reise mit leichtem Gepäck, um rechtzeitig da zu sein, bevor der Ausverkauf beginnt.« Er wusste, dass die Schlachtsaison gerade anfangen hatte und es dementsprechend eine Menge zu gerbender Häute geben musste.

»Also ist Rondas Euer Ziel?«

»Sicher, was sonst? Oder kennt Ihr einen Ort, an dem es besseres Leder gibt?«

»Nein, wahrlich nicht!« Ein Mann lachte. »Dann wollen wir Euch nicht länger aufhalten.«

»Ihr tut bloß Eure Pflicht. Euch verdanken wir, dass man in Rondirai gefahrlos seinen Handel treiben kann.« Er winkte ihnen grüßend zu und stieg auf sein Pferd.

Es kostete Luca alle Überwindung, nicht sofort in den Galopp überzugehen. Dank dieser ungeplanten Einmischung war ihm auch so schon Zeit verloren gegangen. Elaina würde ihn vierteilen, wenn er ihren Brief nicht rechtzeitig überbrachte.

Sobald er sich außerhalb der Sichtweite der Männer glaubte, schlug er seinem Hengst die Fersen in die Flanken.


Die Sonne war bereits untergegangen und die Wachen schickten sich gerade an, das Stadttor für die Nacht zu schließen, als Luca endlich völlig erschöpft in Rondas ankam. Er zügelte seinen Hengst, der sich ebenfalls kaum noch auf den Beinen halten konnte, und hielt den Wachmännern seinen Ausweis entgegen. »Ich will Leder kaufen«, keuchte er. Zu einem sinnvolleren Satz war er schlichtweg nicht in der Lage.

»Ist alles in Ordnung?« Der Mann, der ihm am nächsten stand, musterte misstrauisch seine Erscheinung.

»Ja, sicher.« Luca wischte sich die Dreckkruste vom Gesicht, zu der sich sein Schweiß und der Steppenstaub vermischt hatten. Allmählich fiel ihm das Atmen wieder ein wenig leichter. »Ich hatte gehofft, die schützenden Stadtmauern noch rechtzeitig zu erreichen. In diesen unsicheren Zeiten möchte man nachts lieber nicht alleine draußen sein.«

Der Mann nickte grimmig und winkte ihn herein. Als hätten Lucas Worte ihn an die Gefahren erinnert, die draußen lauern mochten, beeilte er sich mit seinem Kameraden, das schwere Stadttor zu schließen.

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Copyright Texte: Elvira Zeißler
Copyright Bildmaterialien: Covergestaltung: Viktoria Petkau / Gedankengrün; Coverbild Phönix: stilletto82 / iStock.com
Lektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 13.05.2016
ISBN: 978-3-7396-6499-6

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