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Was bisher geschah

Indem er sich weigerte, Erin zu töten, hat Daniel Salomons todbringenden Fluch auf sich gezogen. Um sein Leben zu retten, machen Erin und er sich auf die verzweifelte Suche nach dem verschollenen Amulett der Heilung. Nach einem gnadenlosen Wettlauf gegen die Zeit werden sie in Wales schließlich fündig und Erin kann den Mann, den sie über alles liebt, vor dem sicheren Tod bewahren. Doch der Preis für seine Rettung ist unvorstellbar hoch: Daniel verliert seine gesamten Erinnerungen und flüchtet verwirrt in die Wälder.

 

Personen- und Stichwortverzeichnis


Erin: Die Protagonistin der Reihe und Trägerin des Rubin-Amuletts.


Daniel: Erins große Liebe und Träger des Saphir-Amuletts. Daniel ist bei der Bruderschaft des Lichts aufgewachsen.


Lisa: Erins ältere Schwester, die nichts von den Amuletten weiß.


Mia: Erins beste Freundin, die auch nichts von den Amuletten weiß.


Gareth: Ein junger Waliser, der Erin und Daniel bei der Suche nach dem Diamant-Amulett geholfen hat.


Enrico von Treibnitz: Anführer und Großmeister der Suchenden im Zeichen des Sterns, Erins erbitterter Gegenspieler. Er besitzt zwei der fünf Amulette der Macht.


Bruderschaft des Lichts: Eine Geheimorganisation, die seit dem frühen Mittelalter nach den fünf Amuletten der Macht sucht. Nach außen hin hat die Bruderschaft sich verpflichtet, die Macht der Amulette zum Wohl der Menschheit einzusetzen. Im Lauf der Jahrhunderte hat sie sich jedoch immer mehr von ihrem noblen Ziel abgewandt. Die Führungsspitze der Bruderschaft will die Macht der Amulette nun zum eigenen Vorteil nutzen.


Suchende im Zeichen des Sterns: Die Gegenspieler der Bruderschaft des Lichts, die ebenfalls nach der Macht der Amulette streben.


Erhard: Ehemaliger Sicherheitschef der Bruderschaft des Lichts und im Geheimen gleichzeitig der Wächter des Sterns.


Wächter des Sterns: Die Tradition der Wächter des Sterns geht bis in die Entstehungszeit des Sterns der Macht zurück. Es gibt zu jeder Zeit nur einen Wächter, dessen Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass die Macht des Sterns nicht in falsche Hände fällt.


Amulette der Macht: Fünf magische Amulette, von denen jedes seinem Träger eine besondere übernatürliche Gabe verleiht. Sollte es jemandem gelingen, alle fünf Amulette zusammenzubringen und zum Stern zu vereinen, wird dem Besitzer große Macht zuteil, die über die Kräfte der einzelnen Amulette weit hinausgeht.


Rubin-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, das seinem Träger die Fähigkeit verleiht, Gefühle und Stimmungen bei anderen Menschen wahrzunehmen. Das Amulett hat Erin zu seiner wahren Trägerin erwählt.


Saphir-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, das seinem Träger die Fähigkeit verleiht, Dinge mit der Kraft der Gedanken zu bewegen (Telekinese). Das Amulett hat Daniel zu seinem wahren Träger erwählt. Als er glaubte, sterben zu müssen, hat Daniel es an Erin weitergereicht.


Diamant-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, auch „Amulett der Heilung“ genannt. Es verleiht seinem Träger die Kraft des Lebens und kann fast jede Verletzung und Krankheit heilen. Der wahre Träger des Amuletts wird damit beinah unverwundbar und unsterblich.


Wahrer Träger: Hat ein Amulett seinen wahren Träger gefunden, kann dieser über seine volle Macht verfügen. Besitzt jemand ein Amulett, ohne der wahre Träger zu sein, kann er es zwar benutzen, es entfaltet aber nicht seine volle Kraft.


Stern der Macht: Wenn es gelingt, alle fünf Amulette der Macht zusammenzubringen, können sie zum Stern der Macht vereint werden. Die Bruderschaft des Lichts und die Suchenden im Zeichen des Sterns streben beide danach, den Stern zusammenzusetzen und somit seine Macht für ihre Zwecke zu gebrauchen.


Prolog

950 v. Chr., Jerusalem


Halima stand vor der glänzend polierten Kupferscheibe und betrachtete aufmerksam ihr Spiegelbild. Während ihre Hände geschickt über ihre widerspenstigen braunen Locken glitten und sie routiniert feststeckten, spürte sie ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Bauch. Heute war es endlich so weit! Heute würde ihr Vater das erste Amulett vollenden.

Sobald sie mit ihren Haaren zufrieden war, griff sie nach der typischen Kopfbedeckung, wie sie die wohlhabenden und gelehrten Männer trugen, und zog sie sich tief in die Stirn. Dann drehte sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen, um sicherzugehen, dass kein bisschen von ihrer üppigen Lockenpracht zu sehen war. Schließlich blickte sie prüfend an sich hinunter. Es gab keinen Hinweis, dass sich unter den wallenden Gewändern eines Lehrlings der Körper einer jungen Frau verbarg. Sie seufzte. Die Verkleidung war ihr fast zur zweiten Natur geworden. Früher, als Kind, hatte es ihr einen Riesenspaß gemacht, sich für einen Jungen auszugeben, nun aber wurde es ihr zunehmend lästig. Doch sie verstand sehr wohl, warum ihr Vater darauf bestand. Als Frau blieb ihr der Zugang zu den Mysterien verwehrt. Wenn sie aber in die Rolle von Halim, dem Lehrling ihres Vaters, schlüpfte, stand ihr seine Werkstatt immer offen.

Vorsichtig öffnete sie ihre Tür und spähte hinaus. Außer ihrem Vater und ihrem Bruder wusste nur die alte Amme von ihrem Geheimnis. Also würde Halim wohl großen Ärger bekommen, wenn man ihn beim Herumlungern vor den Frauengemächern erwischte. Doch wie erwartet, war niemand zu sehen. Sie schlüpfte schnell durch den Türspalt und lief den Flur hinab. Sie musste sich beeilen. Die Sonne ging gerade auf und ihr Vater hatte darauf bestanden, dass dies der beste Zeitpunkt für die letzte Beschwörung war.

Als Halima die Werkstatt erreichte, hielt ihr Bruder Kasim bereits ein mit kostbaren Holzintarsien und Edelsteinen verziertes Kästchen in der Hand. Er schaute kurz auf, als sie eintrat, und schlug dann vorsichtig den Deckel auf.

Wie immer, wenn sie diese Meisterwerke der Schöpfung vor sich sah, stockte Halima der Atem. Ehrfürchtig trat sie näher und betrachtete die drei silbernen Amulette, die in dem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen ruhten. Fasziniert streckte sie die Hand aus und strich vorsichtig über das erste Amulett, das zwei lupenreine Rubine enthielt. Daneben lagen noch zwei weitere identische Anhänger, nur dass der eine mit Saphiren und der andere mit wunderschönen Amethysten bestückt war. Die beiden letzten Vertiefungen in dem Kästchen waren noch leer, die Amulette, die später dort ruhen sollten, noch nicht vollendet.

Bist du jetzt fertig?“, erkundigte sich Kasim mit liebevollem Spott in der Stimme.

Halima zuckte ertappt zurück. „Wo ist Vater?“, fragte sie zurück.

Das vierte Amulett befindet sich gerade in der kritischen Phase. Du weißt, es ist ihm schon zweimal missglückt. Er darf auf keinen Fall gestört werden.“

Aber was ist mit der Beschwörung?“, setzte sie enttäuscht an. Sie hatte sich so darauf gefreut, endlich die Vollendung eines der Amulette der Macht zu erleben.

Ein begeistertes Grinsen breitete sich auf Kasims Gesicht aus. „Das dürfen wir übernehmen!“, sagte er aufgeregt.

Was?“, rief Halima ungläubig aus.

Ja, Vater hat uns diese Aufgabe übertragen. Lass uns gehen. Der Kreis ist schon bereit.“

Halima musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu jubeln. Das war mehr, als sie jemals zu träumen gewagt hätte. Nur der Gedanke an ihren Vater mischte sich wie ein Wermutstropfen in ihre Freude. Er sollte dabei sein, wenn das erste Amulett vollendet wurde. Er sollte diesen Augenblick, auf den sie so viele Jahre hingearbeitet hatten, mit ihnen teilen, anstatt sich in seiner Werkstatt zu verkriechen. Die Amulette der Macht sollten die Krönung seines Lebenswerks werden, doch allmählich befürchtete sie, dass sie auch sein Ende bedeuten könnten. Er arbeitete so fieberhaft daran, dass er darüber sogar das Essen und Schlafen vergaß. Und wenn sie ehrlich war, so mischte sich in all ihre Aufregung und Euphorie auch der Zweifel, ob sie sich mit dieser Aufgabe nicht hoffnungslos übernommen hatten. Sie spielten mit Kräften, die sie – und auch der Vater – nicht gänzlich verstanden.

Halima, wo bleibst du denn?“, rief Kasim ihr ungeduldig zu und riss sie damit aus ihren Gedanken.

Ich komme“, erwiderte sie hastig und lief ihm hinterher.

Der Raum, den sie nun betraten, war rund und mit einer kuppelartigen Decke ausgestattet, die bei Bedarf geöffnet werden konnte, um die Bewegungen der Sterne zu beobachten oder – so wie jetzt – um die ersten Strahlen der Morgensonne einfangen zu können.

Der Boden des Raums war über und über mit Zeichnungen und magischen Formeln bedeckt und sie konnte erkennen, dass Kasim tatsächlich bereits fleißig gewesen war. Ein leuchtender Kreis trat hell aus dem sonstigen Liniengewirr hervor.

Schnell hockte Halima sich hin und half ihrem Bruder, die für die Beschwörung noch fehlenden Elemente zu aktivieren. Dann holte Kasim das Rubin-Amulett aus seiner Halterung in der Schatulle und legte es mit einer feierlichen Geste in die Mitte des Kreises.

Die Geschwister setzten sich einander gegenüber, so dass das Amulett zwischen ihnen lag, und reichten sich die Hände. Genau in dem Augenblick, als ihre Fingerspitzen sich berührten, fiel ein einzelner Sonnenstrahl durch die kleine Öffnung in der Deckenkuppel direkt auf den größeren der beiden Rubine.

Sofort begannen sie, den magischen Sprechgesang zu intonieren. Ein Ruck ging durch Halimas Körper, als eine ungeheure Macht sie plötzlich durchdrang. Sie hob ihr Gesicht gen Himmel und ließ die göttliche Schöpfungsenergie, die sie nun erfüllte, durch sich hindurch und in das Amulett hineinfließen.

Sie spürte mehr, als dass sie es sah, wie sich das kleine Schmuckstück zwischen ihr und ihrem Bruder plötzlich in die Luft erhob und blendend hell zu strahlen begann. Das warme rote Licht badete sie in seinem Glanz, und obwohl das unmöglich war, schien es ihr, als würde der Rubin nur für sie leuchten. Noch ganz von der Kraft, die sie beschworen hatten, erfüllt, wandte sie ihr Gesicht dem Amulett zu und spürte die ungeheure Macht, die ihm nun innewohnte. In diesem einen Augenblick fühlte sie sich eins mit der Welt um sich herum. Sie spürte Kasims Fassungslosigkeit und Euphorie, sie spürte die Sorgen ihres Vaters und selbst die unzähligen kleinen Ameisen, die in den Ecken des Raumes umherkrochen, und die Vögel, die draußen fröhlich zwitscherten.

Vorsichtig begann Kasim, seine Finger von den ihren zu lösen, und sie wunderte sich flüchtig, wie verkrampft ihrer beider Hände waren. Nur allmählich kehrte ihr Verstand in das Hier und Jetzt zurück. In dem Maße, in dem das Strahlen des Rubins verblasste und das Amulett Richtung Boden sank, kam auch sie wieder zu sich.

Noch immer von dem eben Erlebten überwältigt, lächelte sie Kasim zaghaft an.

Es ist vollbracht!“, flüsterte er aufgeregt. Und etwas in seinem Ton ließ sie die Augen verengen. Sie schaute ihren Bruder scharf an, als hätte sie ihn noch nie zuvor richtig gesehen. Denn gewiss hatte sie bei ihm noch nie diese Gier nach Macht und Anerkennung gespürt.

Er erhob sich und griff nach dem Amulett, das nun wieder ungerührt auf der Erde inmitten des verblassten Beschwörungskreises ruhte.

Doch einer inneren Eingebung folgend, kam Halima ihm zuvor. Flink beugte sie sich nach vorn und nahm das Schmuckstück in ihre Hand. Sie glaubte, noch einmal ein rotes Aufflackern gesehen zu haben, als ihre Finger es berührten, aber es hätte auch ein verirrter Sonnenstrahl sein können. Vorsichtig legte sie es an seinen Platz in der Schatulle zurück und spürte einen kleinen Stich des Bedauerns, als sie den Deckel darüber schloss. Und obwohl sie es nun nicht mehr sehen konnte, fühlte sie sich mit dem Amulett noch immer auf eine unerklärliche Weise verbunden und konnte den Nachklang seiner Macht in ihrem Inneren spüren.

Alles in Ordnung?“, fragte Kasim besorgt und sie nickte schwach, während sie in das so vertraute Gesicht ihres großen Bruders starrte, das ihr auf einmal so merkwürdig fremd vorkam. Wie viele geheime Wünsche und Sehnsüchte, die er vor ihr und dem Rest der Welt verbarg, mochte er haben? Fast ohne ihr Zutun schwenkte ihre Aufmerksamkeit zu ihrem Vater und sie spürte seinen Stolz und den an Besessenheit grenzenden Drang, etwas Unglaubliches und Einmaliges zu erschaffen, um damit in die Geschichte einzugehen. Halima erschauerte. Wenn schon die Menschen, die ihr so nahestanden und denen sie bedingungslos vertraute, so anfällig für die Verlockungen von Macht und Ruhm zu sein schienen, was war dann mit dem Rest der Menschheit? Waren sie wirklich bereit, die unermessliche Macht der Amulette in die Hände eines einzigen Mannes zu legen? Selbst wenn er der König war?

Halima schluckte und sah Kasim erschrocken an. Dann drehte sie sich abrupt um und verließ fluchtartig die Werkstatt, ohne auf die verwirrten Rufe ihres Bruders zu achten, die ihr hinterherschollen.


Kapitel 1

„DA-NI-EL!“ Erins verzweifelter Schrei zerriss die Stille, während sie durch den finsteren Wald stolperte. Zweige kratzten über ihr Gesicht und ihre Hände, ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust, doch das kümmerte sie nicht, während sie panisch und vor Tränen blind immer weiterlief.

„DANIEL!“ Ihr Ruf verklang wirkungslos in der Finsternis. Zitternd brach Erin zusammen und vergrub ihr Gesicht in den erdverkrusteten Händen. „Daniel!“, schluchzte sie erneut, als eine lähmende Leere sich in ihr auszubreiten begann. Er war fort, für immer. Sie schlang ihre Arme fest um ihren Körper und krallte ihre Finger in ihr Fleisch, in dem vergeblichen Versuch, den Schmerz zu betäuben, der ihr Herz in tausend Stücke zerbrach.

„DANIEL!“ Ihre eigene Stimme gellte noch immer in ihren Ohren, als Erin ruckartig hochfuhr.

Orientierungslos und verwirrt tastete sie um sich. Doch statt über kalten Waldboden strichen ihre Finger über den weichen Stoff ihrer Decke und ihr Blick blieb an dem in der Dunkelheit kaum erkennbaren Rechteck des Fensters hängen. Sie atmete tief durch, um ihr wild pochendes Herz zu beruhigen, und griff sich an die Brust.

„Es ist vorbei“, flüsterte sie heiser. „Ich bin zurück, zu Hause. Es war nur ein Traum“, versuchte sie sich einzureden, während sie entschlossen die Tränen fortwischte, die ihre Wangen benässten. Doch ihr Herz ließ sich nicht täuschen. Es war nicht bloß ein Traum gewesen – es war eine Erinnerung. Dieselbe furchtbare Erinnerung, die sie seit über einer Woche Nacht für Nacht verfolgte. Seit jener verhängnisvollen Nacht, als sie Daniel für immer verloren hatte. Erin spürte, wie ihr der Schmerz schon wieder die Kehle zuzuschnüren drohte, und griff mit zitternder Hand nach dem Wasserglas, das neben ihrem Bett stand. Sie zwang sich, einen Schluck zu nehmen und ihn an dem Kloß in ihrem Hals vorbei hinunterzuwürgen. Dann knipste sie die Nachttischlampe an und strich sich müde über das Gesicht. Obwohl sie wach war, spürte sie, wie die Erinnerungen wieder auf sie einströmten.

Ohne Gareth hätte sie die ersten beiden Tage nach Daniels Verschwinden vermutlich nicht überstanden. Sie hatte die ganze Nacht hindurch nach ihm gesucht, hatte sich heiser geschrien, weil sie seinen Namen so oft und so verzweifelt gerufen hatte.

Im Morgengrauen hatte der junge Waliser sie schließlich völlig entkräftet und am Rande eines Nervenzusammenbruchs gefunden und zu seinen Großeltern gebracht. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie die ganze Geschichte aus ihr herausbekommen hatten, und dann hatte er sie in das B&B gebracht, in dem sie mit Daniel abgestiegen war. Der Anblick des leeren Zimmers und des großen Bettes war zu viel für Erins Nerven gewesen und sie war wimmernd zusammengebrochen. Ihr Herz hatte sich bis zum Schluss geweigert, das zu erkennen, was ihr Verstand schon längst gewusst hatte. Dass sie trotz all ihrer Mühe am Ende verloren hatte. Und zwar nicht nur seine Liebe oder seine Erinnerungen an sie, sondern ihn selbst. Sie wusste nicht einmal mit Sicherheit, ob er noch lebte oder ob er in der Dunkelheit in eine Schlucht gestürzt oder von einem wilden Tier angefallen worden war.

Auch wenn sie nicht geglaubt hätte, dass es möglich war, zog sich ihr Herz bei dem Gedanken daran, dass er tatsächlich tot sein könnte, noch schmerzlicher zusammen und Erin japste erstickt nach Luft.

Das ist nicht fair, fuhr es ihr trotzig durch den Kopf und sofort legte sich ein bitterer Zug um ihre Lippen. Das Leben war nicht fair! Diese Lektion hatte sie in den letzten Wochen auf die harte Tour gelernt. Sie hatte gehofft, gebangt, gekämpft und am Ende alles verloren.

Sie atmete tief durch und schüttelte entschieden den Kopf, als ihr schon wieder Tränen in die Augen stiegen. Sie würde jetzt nicht anfangen zu weinen, denn sie würde nicht mehr damit aufhören können. Und dann würde sie sich wieder unzählige Fragen von Lisa und ihren Eltern anhören müssen. Und dazu war sie definitiv noch nicht stark genug. Die ersten beiden Tage nach ihrer Ankunft waren schon schlimm genug gewesen. Und sie konnte es ihrer Schwester immer noch nicht verzeihen, dass sie ihre Eltern da mit reingezogen hatte. Wäre sie selbst zu dem Zeitpunkt auch nur halbwegs ansprechbar gewesen, sie hätte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Doch Gareth hatte alles mit Lisa besprochen und sich um Erins Rückreise aus Wales gekümmert. Er hatte ihre Sachen gepackt und sie zum Flughafen gefahren. Lisa hatte sie in Deutschland abgeholt. Und nur zwei Stunden später waren auch ihre Eltern aus Kanada eingetroffen. Ihr Vater hatte aus dringenden familiären Gründen seinen Urlaub vorverlegt und nun richteten sich drei Augenpaare besorgt und lauernd auf sie, jedes Mal, wenn sie ihr Zimmer verließ.

Erins Blick fiel auf ihren Funkwecker und sie stöhnte: 4:07 Uhr. Unschlüssig starrte sie ihr Bett an, doch obwohl sie zum Umfallen müde war, fürchtete sie sich davor, wieder einzuschlafen. Zu verstörend waren die Träume, die sie nun Nacht für Nacht heimsuchten. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sie ihre verzweifelte Suche nach Daniel immer wieder durchlebte, um schließlich vor Schmerz schreiend aufzuwachen und die Leere um sich herum und in sich drin zu spüren. Da musste auch noch dieses merkwürdige orientalische Mädchen sein, das ihre Träume jede Nacht heimsuchte und es ihr nicht erlaubte, die Amulette oder den Stern auch nur für einen Moment zu vergessen. Erin hatte keine Ahnung, was diese Träume bedeuteten, doch sie hatten eine Dringlichkeit an sich, die sie zutiefst beunruhigte.

Nein, wieder ins Bett wollte sie auf gar keinen Fall. Unschlüssig stand sie auf und schaltete ihre Schreibtischlampe ein. Nun, da die Schule vorbei war, hatte sie nicht einmal mehr Hausaufgaben, mit denen sie sich von ihrer ewigen Grübelei ablenken konnte.

Resigniert setzte sie sich an den Tisch und griff nach dem obersten von einem Stapel weißer Umschläge, die darauflagen. Lustlos zog sie das beschriebene Blatt heraus, und hielt es sich vor die Augen. Sie hatte die Nachricht schon unzählige Male gelesen und doch wusste sie noch immer nicht, was sie dem Großmeister der Suchenden im Zeichen des Sterns antworten sollte.

Der erste Brief hatte bei ihrer Rückkehr aus Wales schon auf sie gewartet. In den folgenden Tagen waren drei weitere angekommen. Wie üblich wollte der Anführer der Suchenden sich mit ihr treffen und versprach ihr neue Informationen, wobei der Ton der Nachrichten immer drohender wurde.

Der sollte sich echt was Neues einfallen lassen, um mich zu sich zu locken, dachte Erin sarkastisch. Sie wusste ohnehin bereits, was er ihr sagen würde. Dasselbe wie Erhard in den unzähligen SMS, die er ihr in den letzten Tagen geschickt hatte: Setze den Stern der Macht zusammen und es wird alles wieder gut. Wie gern würde sie ihnen das glauben. Aber das konnte sie nicht. Selbst wenn es stimmte, dass sie damit die Macht bekäme, Daniel seine Erinnerungen zurückzugeben, sie hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Er war für sie genauso unerreichbar, als wäre er auf dem Mond oder … Erin schluckte … tot. Schon wieder spürte sie den Schmerz in sich überkochen und ihr die Kehle zuschnüren. Entschieden schüttelte sie den Kopf. Nein, sie würde nicht weinen, nicht schon wieder. Sie hatte die Liebe ihres Lebens verloren und doch ging es weiter. Und das bedeutete, dass sie weitermachen musste, so schwer es ihr auch fiel. Sie musste lernen, mit der Leere und dem Schmerz in ihrem Herzen umzugehen. Daniel hätte nicht gewollt, dass sie sich zu Tode grämte. Und er hätte auch nicht gewollt, dass sie sich von Anderen für deren machtgierige Ziele einspannen ließ.

Es wurde Zeit, dass sie ihr Leben wieder in die Hand nahm. Erin atmete tief durch und straffte die Schultern. Sie konnte ihre Träume nicht abstellen, sie konnte Daniel nicht zurückholen, aber sie konnte zumindest dafür sorgen, dass die Suchenden sie endlich in Ruhe ließen. Auf einmal wusste sie genau, was sie zu tun hatte. Sie würde sich mit Enrico von Treibnitz treffen, aber dieses Mal würde sie sprechen und er würde zuhören. Sie hatte keine Angst mehr vor ihm. Nichts, was er ihr antun könnte, konnte schlimmer sein als das, was sie bereits erlebt hatte. Außerdem – Erin lächelte leicht und strich mit der Hand über die drei Amulette, die um ihren Hals hingen – war sie ihm nun drei zu zwei überlegen.

 

Als sie ihre Mutter in der Küche mit dem Geschirr klappern hörte, legte Erin das Buch zur Seite, mit dem sie vergeblich versucht hatte, sich von ihren trüben Gedanken abzulenken. Dann zog sie sich sorgfältig an, kämmte ihre Haare und legte sogar einen Hauch von Make-up auf. Bevor sie das Zimmer verließ, steckte sie sich noch einen von Enricos Briefen in die Hosentasche. Darin hatte er ihr erneut eine Telefonnummer geschickt, unter der sie ihn erreichen konnte.

Als Erin die Küche betrat, sahen ihre Eltern prüfend zu ihr hoch.

„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte ihre Mutter sie freudig, als sie ihr gepflegtes Erscheinungsbild bemerkte. „Geht es dir besser?“

„Ein bisschen.“ Erin bemühte sich um ein Lächeln. Sie wusste, wie sehr sich ihre Familie um sie sorgte.

„Erin!“ Lisa kam gerade ebenfalls in die Küche herein und strahlte sie an. „Wurde auch Zeit, dass du dich wieder einkriegst! Ich hatte schon befürchtet, du würdest deinen eigenen Abiball verpassen.“

„Wieso? Wann ist er denn?“, fragte Erin überrumpelt. An so etwas Banales hatte sie nicht einmal einen Gedanken verschwendet.

„Heute Abend“, entgegnete Lisa gedehnt und sah ihre Schwester vorsichtig an. „Wie kannst du so etwas bloß vergessen?“

„Lasst uns essen“, sagte ihre Mutter hastig, bevor Erin etwas erwidern konnte, und schoss Lisa einen warnenden Blick zu. „Ich habe extra Pancakes gemacht, Liebes“, wandte sie sich an ihre jüngere Tochter. „Die isst du doch so gern. Und dann müssen wir uns beeilen. In zwei Stunden beginnt die Zeugnisübergabe.“

„Zeugnisübergabe?“, entfuhr es Erin und sie senkte ihren Kopf. Sie war vermutlich die einzige Abiturientin, die diese beiden Termine völlig verdrängt hatte. Sie hätte aufgeregt und voller Vorfreude sein müssen, doch um ehrlich zu sein, waren ihr diese Feierlichkeiten völlig egal. Es grauste ihr sogar davor, all die fröhlichen Gesichter ihrer Mitschüler zu sehen. Ihr Atem stockte und sie spürte Panik in sich aufsteigen. Wenn sie hinging, würde sie unzählige Fragen über Daniels Verbleib beantworten müssen. Immerhin war ihre Beziehung das Thema der Stufe gewesen.

„Erin, alles in Ordnung?“ Besorgt beugte ihre Mutter sich zu ihr.

„Ich kann das nicht“, stammelte sie und ihrem Entschluss zum Trotz füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. „Ich schaffe das nicht, Ma.“ Hilfe suchend sah sie ihre Mutter an.

„Schon gut, Schatz“, erwiderte diese mitfühlend. „Wenn dir nicht danach ist, musst du nicht hingehen. Die Schule schickt dir das Zeugnis dann einfach zu. Papa und ich haben das schon geklärt.“

„Wirklich?“ Dankbar hob Erin ihren tränenverschleierten Blick zu ihr. „Danke, Ma“, flüsterte sie und drückte sich fest an sie. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr sie ihre Eltern vermisst hatte und wie schön es war, nicht immer alle Verantwortung allein tragen zu müssen.

„Hier kommt die Marmelade, wo sind die Pancakes?“, dröhnte in diesem Moment von der Kellertreppe her die Stimme ihres Vaters. Kurze Zeit später erschien er selbst an der Türschwelle. „Blau- oder Erdbeer?“, fragte er und hielt zwei Einmachgläser in die Höhe. „Hallo Erin“, fügte er lächelnd hinzu, als er seine jüngere Tochter erblickte. „Ich wusste doch, der Duft von Mamas Pancakes lockt dich ganz sicher aus deiner Höhle.“ Er ging zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Geht es dir besser?“

„Ein wenig.“

„Das will ich doch hoffen. Immerhin ist gleich die Zeugnisübergabe.“ Er lächelte breit.

Zerknirscht erwiderte Erin seinen Blick. „Da muss ich leider passen.“

„Oh. Nun ja, macht nichts“, überspielte er rasch seine Enttäuschung. „Und was ist mit dem Abiball?“

Bedauernd schüttelte Erin den Kopf.

„Das werden wir noch sehen“, warf Lisa schnell ein und schaute ihre Schwester besserwisserisch an. „Glaub mir, du würdest es dein Leben lang bereuen, den zu verpassen.“

Erin antwortete nicht, sondern griff demonstrativ nach einem Pancake. „Echt lecker, Ma, danke“, sagte sie, um einen fröhlichen Tonfall bemüht. Doch der Blick, den ihre Eltern wechselten, zeigte ihr, dass sie sich nicht von ihr täuschen ließen.

 

„Ich geh mal ein wenig spazieren“, verkündete Erin, nachdem der Frühstückstisch abgeräumt war. „Es kann eine Weile dauern, macht euch also keine Sorgen.“

„Was heißt eine Weile? Wohin willst du denn?“ Skeptisch sah ihre Mutter sie an.

„Ich weiß nicht genau.“ Das Mädchen zuckte unsicher mit den Schultern. „Ich muss mal raus, nachdenken, den Kopf freikriegen …“ Sie machte eine hilflose Geste. „Wartet mit dem Mittagessen nicht auf mich.“

„Aber …“

„Bitte, Ma. Lass mich einfach. Bis zum Abend bin ich wieder da, versprochen.“ Ohne die Antwort ihrer Mutter abzuwarten, stürmte Erin aus dem Haus. Draußen lief sie weiter, bog wahllos in Seitenstraßen ab, bis sie sich sicher war, dass ihr niemand aus der Familie folgte. Dann holte sie den Brief aus ihrer Hosentasche und tippte rasch, bevor sie es sich doch anders überlegen konnte, die darinstehende Nummer in ihr Handy.

Das Freizeichen ertönte und Erin wappnete sich innerlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit drang schließlich die verhasste Stimme des Großmeisters an ihr Ohr. „Erin, welch eine Überraschung!“

„Sie wollen mich treffen?“, fragte sie kühl und ohne den Versuch, die Abneigung in ihrer Stimme zu verbergen. „Können Sie haben.“

„Gut. Wo sollen wir dich abholen?“ Seine Stimme klang so verdammt überheblich und Erin hoffte, dass sie keinen Fehler beging. Zweimal war sie bereits bei den Suchenden gewesen, hatte zweimal dem Großmeister die Stirn geboten. Und mit jedem Mal war es schwieriger geworden, da unversehrt wieder herauszukommen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie an das letzte Mal dachte. Sie war mit Daniel dort gewesen. Und der Großmeister hatte keine Sekunde gezögert, ihnen ihre Amulette abzunehmen und sie selbst einzusperren, obwohl das Daniels Tod hätte bedeuten können. Ihre Flucht war knapp gewesen, sehr knapp.

Sie atmete tief durch und straffte ihre Schultern. Dieses Mal würde sich die Geschichte nicht wiederholen. Seitdem hatte sich eine ganze Menge geändert. Sie war nicht mehr das verzweifelte Mädchen von damals.

„Kennen Sie den Parkplatz vor meiner Schule? Ich werde dort auf Ihren Agenten warten“, beantwortete sie entschieden seine Frage.

„Gut.“ Selbst am Telefon konnte sie sein zufriedenes Lächeln spüren. „Ich freue mich darauf, dich wiederzusehen.“

Aber sicher, dachte Erin sarkastisch, während sie das Gespräch beendete. Dann machte sie sich auf den Weg.

Als sie das Schulgelände erreichte, wartete eine dunkle Audi-Limousine bereits auf sie. Fast schon automatisch ließ Erin ihren Geist nach den Gefühlen des Fahrers tasten, der gerade ausstieg. Alles in Ordnung. Der Sicherheitsmann würde ihr, zumindest im Augenblick, nichts tun. Als er eine Hand in seine Tasche steckte, seufzte Erin resigniert und machte sich darauf gefasst, dass man ihr schon wieder die Augen verbinden würde. Doch der Mann holte nur die Autoschlüssel hervor und hielt ihr einladend die Beifahrertür auf. „Der Großmeister erwartet dich“, sagte er bloß, als sie sich auf den Sitz fallen ließ.

Erin grinste leicht in sich hinein, während das Auto sich langsam in Bewegung setzte. Anscheinend war die Zeit der Spielchen endgültig vorbei. Ob das nun gut oder schlecht für sie war, würde sich in den nächsten Stunden zeigen.

 

Kapitel 2

Gleich nach ihrer Ankunft wurde sie in einen kleinen Salon geführt, in dem Enrico von Treibnitz bereits auf sie wartete. Er saß in einem schwarzen Ledersessel und blätterte in irgendwelchen Papieren. Direkt neben ihm stand eine junge Frau, die auf seine Anweisungen zu warten schien. Als er Erin bemerkte, übergab der Großmeister die Papiere der wartenden Sekretärin und scheuchte sie mit einer ungeduldigen Bewegung aus dem Raum.

„Erin, setz dich doch.“ Er deutete einladend auf einen anderen Sessel, machte aber keine Anstalten, sich selbst zu erheben.

Als sie vorsichtig näher trat, bemerkte Erin die zwei Sicherheitsmänner direkt hinter ihm und spürte, wie zwei weitere an der Tür, die sich gerade hinter ihr geschlossen hatte, Aufstellung bezogen. Paradoxerweise fühlte sie angesichts der Sicherheitsvorkehrungen Zuversicht in sich aufsteigen. So unbekümmert und selbstsicher, wie er sich gab, schien der Großmeister also doch nicht zu sein. Während sie ihm gegenüber Platz nahm, schickte sie wagemutig ihren Geist nach dem seinen aus. In der Vergangenheit hatte ihr dies nichts genützt, denn er hatte Vorkehrungen getroffen, die ihn vor ihrer Gabe schützten. Doch damals hatte sie nur ein Amulett getragen, jetzt waren es drei. Und in der ganzen Zeit, die sie sie nun trug, waren ihre Kräfte stetig gewachsen. Als würden sich die Amulette gegenseitig immer mehr verstärken, je länger sie zusammen waren.

Erin fixierte Enrico von Treibnitz mit ihrem Blick und versuchte, hinter den Schutzwall zu kommen, den er um seinen Geist errichtet hatte.

Plötzlich spürte sie etwas! Aufregung, Verschlagenheit, Nervosität, zwar nur ganz leicht, doch es kam definitiv vom Großmeister der Suchenden. Nur mit Mühe gelang es Erin, ihr triumphierendes Lächeln zu unterdrücken, während sie versuchte, einen Sinn in die Emotionsfetzen zu bringen, die sie von ihm empfing. Er schien einen Plan zu haben, erkannte sie langsam. Nun, das war nicht überraschend. Sonst hätte er sie wohl kaum zu sich geholt. Der Plan war ihm wichtig, sehr wichtig sogar, und er war gespannt, ob er aufgehen würde.

„Ist es wirklich wahr?“, riss die Stimme des Großmeisters sie plötzlich in das Hier und Jetzt zurück.

Erin zuckte erschrocken zusammen, was ihr einen eigenartigen Blick ihres Gegenübers eintrug, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf sein Gesicht. Er hatte sich vornübergebeugt und leckte sich unwillkürlich über die Lippen, während er auf ihre Brust stierte, als hoffte er, durch ihre Kleidung hindurch etwas erkennen zu können.

„Sie meinen, ob ich drei der Amulette trage?“, fragte sie lässiger, als sie sich fühlte.

„Ja.“ Er nickte und ein gieriger Glanz trat in seine Augen. „Darf ich sie sehen?“

„Warum nicht?“, entschied Erin betont gleichgültig und zog an der silbernen Kette, um sie unter ihrem Oberteil hervorzuholen.

Der Großmeister sog scharf die Luft ein und Erin spürte seinen Machthunger, der ihr entgegenschlug. Unwillkürlich zuckte sie ein wenig zurück, als er sich noch weiter vorbeugte, und war froh über den kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand.

„Es ist also wahr!“, wiederholte er fassungslos. „Du hast den Diamanten tatsächlich gefunden.“

Ja, und einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, dachte Erin bitter. Sie sagte jedoch nichts, sondern starrte den Mann ihr gegenüber nur weiterhin abwartend an.

„Und du hast den Rubin mit dem Saphir vereint, wie es vorhergesagt worden war.“ Seine Augen verengten sich. „Den Diamanten jedoch nicht. Wieso nicht?“ Erin spürte Misstrauen in ihm aufflackern.

Überrascht sah sie an ihrer Kette hinunter. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht – sie hatte weiß Gott genug andere Probleme – aber während das Rubin- und das Saphir-Amulett fest miteinander verbunden waren, hing der Anhänger mit dem Diamanten lose daneben. Ein Blick auf Enricos Brust verriet ihr, dass auch seine Amulette nicht vereint waren. Es hätte eine reine Vorsichtsmaßnahme sein können oder aber … Oder aber er konnte es nicht! Die Sorge, die in seinem Inneren aufzuwallen begann, bestätigte ihren Verdacht ebenso wie seine nächste Frage.

„Hast du die beiden Amulette selbst vereint?“, fragte er scharf. „Wie ist es dir gelungen?“

Angesichts der plötzlichen Intensität seiner Gefühle fiel es Erin äußerst schwer, ihre ruhige Maske aufrechtzuerhalten. Betont gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. „Es war ganz einfach, ging praktisch wie von selbst.“

„Und wieso hast du dann den Diamanten nicht auch hinzugefügt?“

„Keine Ahnung. Ich bin wohl noch nicht dazu gekommen. Ich hatte, ehrlich gesagt, ganz andere Dinge im Kopf.“

„So so“, sagte Enrico wieder ruhig und ein hinterhältiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Wichtigere Dinge als die Macht des Sterns?“, fügte er amüsiert hinzu. „Na, wenn das so ist …“

Plötzlich spürte Erin eine Bedrohung hinter sich und reagierte instinktiv, ohne darüber nachzudenken. Ein überraschter Schrei ertönte, dann ein Krachen. Erschrocken drehte sie sich um und sah, wie einer der Sicherheitsmänner sich vom Boden aufrappelte. Anscheinend hatte sie ihn unbeabsichtigt gegen die Wand geschleudert.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte der Großmeister verdattert und starrte sie neugierig an.

Wütend drehte Erin sich zu ihm um. „Ich kann noch ganz andere Dinge“, presste sie zwischen den Zähnen hervor, während sie mit all ihren Sinnen die Umgebung nach weiteren Gefahren absuchte. „Schicken Sie Ihre Gorillas aus dem Raum“, forderte sie gefährlich leise. Und als er nicht sofort reagierte, griff sie mit ihren Gedanken nach der Tür und riss diese krachend auf. „Raus hier, sofort!“, befahl sie dem Mann, der sich noch immer die schmerzende Schulter rieb und unschlüssig verharrte. „Ich will niemandem wehtun. Aber ich könnte es.“ Sie drehte sich wieder zu Enrico von Treibnitz. „Ich könnte ihn sogar töten, wenn ich es wollte. Ihr Glück, dass mir das nicht liegt.“ Sie biss sich vor Anspannung auf die Unterlippe, während sie ihre mentale Hand nach der Kehle des Großmeisters ausstreckte, um sie ganz leicht zu drücken. „Vergessen Sie nie, dass Sie mit der Wahren Trägerin von drei Amuletten der Macht sprechen“, sagte sie nachdrücklich, als er erschrocken aufkeuchte. „Und nun lassen Sie mich endlich in Ruhe!“ Sie ließ ihn so abrupt los, dass er leicht nach vorn kippte. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, wandte sie sich zur Tür.

„Erin, warte!“, rief er sie zurück. „Wir können uns gegenseitig helfen. Ich kann dir geben, was du dir am meisten wünschst.“

Sie drehte sich um und sah ihn abschätzend an. „Und was wäre das?“

„Daniel.“

Dieses eine Wort löste so eine Fülle an Emotionen in ihr aus, dass sie schwankte. Liebe, Schmerz, Hoffnung, Verzweiflung, Sehnsucht, Angst. Sie hatte gewusst, dass das kommen würde, dass der Großmeister versuchen würde, sie damit zu ködern.

Es ist nur ein Trick, eine Falle, versuchte sie sich einzureden und doch blieb sie wie angewurzelt stehen, unfähig, den Raum zu verlassen.

Sie spürte, wie neue Zuversicht sich in Enrico ausbreitete, sah sein selbstzufriedenes Lächeln und Panik schnürte ihr die Kehle zu.

Sie hatten ihn.

Deshalb hatte sie ihn nirgendwo finden können. Die Suchenden waren schneller gewesen.

Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Sie würde ihn aus ihren Fängen befreien, ganz egal, was sie dies kosten würde. „Wo ist er?“, zischte sie. Ein heftiger Windstoß begleitete ihre Worte und der Großmeister zuckte überrascht zurück. Ein besorgter Ausdruck huschte über sein Gesicht.

Er hat Angst vor mir, erkannte Erin zufrieden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Amulette mir solche Kraft verleihen.

Doch er fasste sich schnell. „Ich weiß nicht, wo Daniel gerade ist“, erklärte er. „Noch nicht. Aber wir können ihn für dich finden. Unsere Leute arbeiten schnell, effizient und diskret. Und sie würden dir alle zur Verfügung stehen.“ Er trat vorsichtig einen Schritt näher und seine Stimme nahm einen sanfteren Tonfall an. „Ich weiß, was geschehen ist, Erin. Und ich kann mir vorstellen, wie überaus schmerzhaft es für dich gewesen sein muss, Daniel just in dem Moment zu verlieren, als du ihn gerettet zu haben glaubtest. Aber auch da können wir dir helfen.“

„Und wie?“, spie sie verächtlich aus. Sie ahnte, was jetzt kommen würde, und wappnete sich innerlich gegen die Hoffnung und den Schmerz, die den Worten des Großmeisters unweigerlich folgen würden.

Ein gieriges Glitzern trat in die Augen des Mannes. „Ist dir klar, welchen historischen Augenblick wir gerade erleben?“, fragte er beinahe ehrfürchtig. Als Erin ihn bloß verständnislos anstarrte, fuhr er hastig fort: „Alle fünf Amulette der Macht sind hier und jetzt in einem Raum versammelt. Zum ersten Mal seit fast dreitausend Jahren.“

Erin schluckte. So hatte sie das bisher gar nicht gesehen. Unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierherzukommen.

Enrico von Treibnitz schien ihr Unbehagen nicht zu bemerken. Aufgeregt sah er sie an. „Wir könnten die Welt für immer verändern, indem wir uns zusammentun.“ Er lächelte verheißungsvoll. „Du könntest deinen Daniel zurückhaben. Mit dem Stern der Macht wäre es ein Leichtes, ihm seine Erinnerungen zurückzugeben. Ohne den Stern bleibt er für dich jedoch für immer verloren.“

Erin atmete tief durch und ballte die Fäuste, um die Verlockung abzuschütteln, die sein aberwitziger Vorschlag in ihr geweckt hatte. Als sie glaubte, sich einigermaßen wieder im Griff zu haben, sah sie ihn herausfordernd an. „Das ist sehr nett von Ihnen. Sie wollen mir tatsächlich ihre beiden Amulette überlassen, damit ich Daniel zurückholen kann?“ Sie konnte sich den Sarkasmus in ihrer Stimme nicht verkneifen.

Der Großmeister lachte amüsiert auf. „Ich mag deinen Sinn für Humor“, bemerkte er. „Ich mag ihn wirklich. Er ist so erfrischend. Deswegen glaube ich auch, dass wir gut zusammenarbeiten würden.“ Schlagartig wurde er wieder ernst. „Du bist ein schlaues Mädchen. Und natürlich weißt du selbst, dass es nicht ganz so einfach ist. Ein paar kleine Formalitäten müssten wir noch klären, bevor wir deinen Daniel zurückholen.“

„Und die wären?“

„Ah“, er winkte lässig mit der Hand. „Nichts Weltbewegendes. Ich würde nur einen kurzen Vertrag aufsetzen, damit alles seine Richtigkeit hat. Du überlässt mir deine Amulette und ich gebe dir Daniel samt seinen Erinnerungen zurück. Und zum Schluss wird das Ganze mit einem kleinen Eid besiegelt.“

Nachdenklich sah Erin ihn an. „Und Sie lassen Daniel, mich und meine Familie völlig in Ruhe?“, vergewisserte sie sich zögernd.

„Selbstverständlich“, erwiderte der Großmeister erfreut. „Wenn es dich beruhigt, können wir das gern auch mit in den Vertrag aufnehmen. Was sagst du?“

Sie sah ihn unsicher an. Aus seinem Mund klang es so einfach. Doch sie wusste, dass tief in ihrem Innern die Entscheidung schon längst getroffen war. Wie könnte sie das Schicksal der Welt ihrem persönlichen Glück opfern? Und welches Glück könnte sie überhaupt haben, wenn dadurch ein überaus skrupelloser, machtgieriger Mann die ultimative Macht bekäme?

„Nein“, sagte sie leise und schüttelte traurig den Kopf. „Nein!“, wiederholte sie entschieden, als Enrico von Treibnitz sie überrascht und verärgert musterte.

„Du hast keine Ahnung, worauf du dich damit einlässt“, setzte er an.

„Und ob“, unterbrach Erin ihn kalt und ihre Augen blitzten. Ein kleiner Wirbelsturm begann sich um sie zusammenzubrauen. „Aber Sie wissen es nicht.“ Drohend ging sie einen Schritt auf ihn zu. „Ich warne Sie, wenn Sie meiner Familie irgendetwas antun, nur um mich unter Druck zu setzen, dann werde ich Sie töten. Es wird keinen Ort auf dieser Welt geben, an dem Sie sich vor mir verstecken könnten, ist das klar?“

Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, den er wütend erwiderte. Sie spürte deutlich seinen Ärger darüber, dass sich ein junges Mädchen erdreistete, so mit ihm zu reden. Aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Nicht, wenn sie endlich Ruhe vor ihm haben wollte. Denn sie spürte auch seine Angst. Nie hätte er geglaubt, dass die drei Amulette Erin so mächtig machen würden. Es überraschte und erschreckte sie ja selbst. Und wenn sie seine Angst genügend schürte, könnte es ihr vielleicht gelingen, ihn zumindest für eine Zeit lang auf Abstand zu halten.

„Das vorhin mit dem Mann war keine leere Drohung gewesen“, setzte sie daher hinzu. Sie bemühte sich, möglichst ruhig und sachlich zu klingen, auch wenn sie innerlich vor Anspannung zitterte. „Wussten Sie, dass jedes Amulett zwei Seiten hat?“, fragte sie beinahe im Plauderton. „Nein, vermutlich nicht“, beantwortete sie sich selbst ihre Frage. „Immerhin wird die verborgene Seite nur einem wahren Träger offenbart.“

„Worauf willst du hinaus?“, zischte er verägert und Erin spürte, dass sie den Bogen nicht überspannen sollte.

„Wissen Sie, was die Kehrseite des Lebens ist?“, fragte sie und strich mit den Fingern bedeutungsvoll über das Diamant-Amulett.

„Der Tod“, flüsterte der Großmeister, als er verstand.

Erin lächelte kalt. „Ich habe noch nie ausprobiert, ob es auch auf größere Entfernung hin wirkt, aber sollten Sie oder Ihre Männer mir oder meiner Familie zu nahe kommen, bin ich äußerst gewillt, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.“

Der Großmeister mahlte mit dem Kiefer. Nach einer kurzen Bedenkzeit schien er sich jedoch wieder weitegehend gefangen zu haben, denn er zog seine Augenbrauen mit einer Spur der gewohnten Überheblichkeit in die Höhe. „Du musst mir nicht gleich drohen“, sagte er versöhnlich, doch Erin spürte, wie es unter seiner Oberfläche brodelte. „Ich denke, ich habe oft genug bewiesen, dass ich dir kein Haar krümmen möchte. Ich gehe sogar noch weiter und verrate dir, dass mir deine Amulette ohne dich selbst nur wenig nützen. Hast du das gewusst?“, fragte er, während er ihr Gesicht aufmerksam studierte. „Es sieht nämlich so aus, als wäre es nicht genug, die Amulette zu besitzen, um den Stern zusammenfügen zu können“, erklärte er bereitwillig. „Das kann nicht jeder. Mir zum Beispiel“, er deutete auf seine Brust, an der die zwei einzelnen Schmuckstücke hingen, „ist diese Gabe nicht vergönnt. Dir offensichtlich schon. Du siehst also, du hast von mir nichts zu befürchten. Außerdem ist Gewalt hier gar nicht nötig. Du selbst wirst zu mir zurückkommen und meine Hilfe erflehen, glaub mir.“

„Da können Sie lange warten!“

„Das sagst du jetzt, aber du hast noch dein Leben lang Zeit, deiner großen Liebe hinterherzutrauern. Oh, ich weiß“, winkte er ab. „Alle versuchen, dir einzureden, dass dein Schmerz bald vorübergehen wird, dass du einen neuen Jungen finden und mit ihm glücklich werden wirst. Aber sie irren sich.“

Erstaunt starrte Erin ihn an.

„Für eine gewöhnliche Liebesbeziehung mag das alles ja gelten. Aber die eure war es wert, in einer jahrtausendealten Prophezeiung erwähnt zu werden. Sie soll stark genug sein, den Stern zur neuen Macht zu erwecken. Du siehst also, es ist vorherbestimmt.“ Er breitete wie entschuldigend die Arme aus und zuckte mit den Schultern. „Ich kann warten. Irgendwann, wenn dein armes Herzchen den Schmerz nicht mehr aushält, wirst du von allein zu mir kommen.“

Ungläubig, verdattert und erschrocken starrte Erin ihn an. Sie hatte keine Ahnung, was sie darauf erwidern sollte. Er irrte sich. Er musste sich einfach irren.

„Also, bis dann“, sagte Enrico von Treibnitz und sie spürte, dass er ihre Verwirrung sichtlich genoss. Er verneigte sich spöttisch vor ihr. „Mach’s gut, Erin. Ich denke, du findest allein raus“, fügte er hinzu und wandte sich zur Tür.

„Warten Sie.“ Mit einer ungeheuren Anstrengung schob sie all ihre Gefühle beiseite und formulierte die eine Frage, auf die sie unbedingt noch eine Antwort brauchte. „War der Stern schon jemals zusammengefügt worden?“

Der Großmeister blieb verwundert stehen und musterte sie neugierig. „Nein, soweit ich weiß, war er es nicht“, sagte er schließlich. „Es heißt, ein Amulett sei gestohlen worden, noch bevor das letzte fertiggestellt worden war.“

Seufzend ließ Erin ihren Atem entweichen und spürte ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Bauch. Das bedeutete, dass ihre Träume vielleicht doch mehr als nur Träume waren.

„Aber woher will man dann wissen, was geschehen würde, wenn der Stern zusammengesetzt wird?“, sprach sie endlich den Gedanken aus, der sie schon seit Tagen unbewusst beschäftigte.

Enrico von Treibnitz schenkte ihr einen bedeutungsvollen Blick. „Wir wissen es nicht“, erwiderte er. „Aber ich schätze, über kurz oder lang werden wir beide das wohl herausfinden.“ Er lächelte ihr siegessicher zu und verließ den Raum.


Wie in Trance wanderte Erin zu dem kleinen, nahe gelegenen Bahnhof. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das Haus der Suchenden verlassen hatte, aber irgendwie musste sie wohl da rausgekommen sein, denn nun lief sie die einsame Straße entlang, die sie zuletzt auf ihrer Flucht mit Daniel betreten hatte.

Unablässig kreisten ihre Gedanken um das Gespräch mit dem Großmeister. Würde sie wirklich niemals über Daniel hinwegkommen? Sie versuchte sich einzureden, dass der Mann sich geirrt haben musste, doch ihre Angst blieb. Zu sicher war Enrico von Treibnitz sich seiner Sache gewesen. Was, wenn er recht hatte? Was, wenn dieser Schmerz und diese Leere in ihrem Herzen für immer blieben? Würde sie dieses Leben aushalten können oder würde sie irgendwann nachgeben und ihn anflehen, ihr Daniel wiederzugeben? Es war vorherbestimmt. Hatte sie dann überhaupt noch eine Wahl? Lohnte sich der Kampf dann noch oder wäre es besser, auf der Stelle umzukehren und sich sehr viel Leid zu ersparen?

Sie hatte die Prophezeiung noch nie ernst genommen, hatte sich nicht darum gekümmert und war nur ihrem Herzen gefolgt. Und dennoch war alles genau so gekommen, wie es vorhergesagt worden war. Die Glut des Herzens war entflammt und dann waren wegen Salomons Fluch das Rubin- und das Saphir-Amulett vereint worden. Den Beweis für die Richtigkeit dieser beiden Zeilen trug sie in diesem Augenblick um ihren Hals. Bedeutete das nicht, dass auch die letzte Voraussage eintreffen würde, dass sie eines Tages aus Liebe zu Daniel den Stern zusammensetzen würde?

Hoffnungslos fuhr Erin sich über das Gesicht. Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er gleich zerspringen, so viele widersprüchliche Gedanken tobten darin, während ihr Herz vor Sehnsucht fast zerbrach. Gib nach, flehte es, gib endlich nach. Ohne ihn wird es kein Glück, kein Leben für dich geben. Nur ihr Verstand weigerte sich noch, sich das einzugestehen.

Der Bahnhof kam in Sicht und Erin war froh über die Ablenkung. Ausgiebig studierte sie den Fahrplan, nur um nicht wieder nachdenken zu müssen. Als der Zug endlich einfuhr, stieg sie ein, setzte sich ans Fenster und schloss die Augen. Sofort sah sie Daniels so schmerzhaft vertrautes Gesicht vor sich, und als sie den Kopf entschieden schüttelte, um dieses Bild zu vertreiben, erschien schon wieder das eigenartige Mädchen, um sie halb vorwurfsvoll, halb beschwörend zu mustern. „Wer bist du?“, flüsterte Erin leise. „Was möchtest du von mir? Ich habe auch ohne dich schon genug Probleme.“ Resigniert öffnete sie die Augen. Nein, für sie würde es offensichtlich keinen Frieden und keine Ruhe mehr geben.

Erschöpft lehnte Erin ihren Kopf an die Fensterscheibe und musterte mit starrem Blick die vorbeiziehende Landschaft, während Tränen über ihre Wangen rannen.


Als sie aus dem Zug stieg, schaute sie auf ihre Armbanduhr. Es war erst kurz nach eins. Sie würde es sogar noch pünktlich zum Mittagessen schaffen. Fast bereute sie es, dass es nicht schon viel später war, dann hätte sie sich wieder in ihrem Bett verkriechen und sich die Decke über den Kopf ziehen können. So aber musste sie einen weiteren sinnlosen Nachmittag über sich ergehen lassen.

Sie sah hoch in den Himmel, an dem zwischen einzelnen kleinen Wolken die warme Sommersonne schien, und schauderte. Früher hätte ihr der Anblick ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, jetzt aber kam ihr selbst der blaue Himmel grau und trostlos vor. Erin seufzte. Sollte das von nun an ihr Leben sein? Sie spürte Wut in sich aufsteigen. Nein! Das würde sie nicht zulassen! Ja, sie hatte Daniel verloren. Sogar zum zweiten Mal, als sie Enricos Vorschlag abgelehnt hatte. Aber sie hatte das Richtige getan. Und es war ihre Entscheidung gewesen. Nun musste sie lernen, damit zu leben. Ebenso wie Daniel.

Wenn die Suchenden nicht wussten, wo er sich befand, dann war er wohl in Sicherheit. Und er war frei. Frei von der Last der Verantwortung, die seine Vergangenheit bestimmt hatte, frei von den Amuletten. Nun würde er endlich ein Leben führen können, wie er es wollte. Und das war gut. Indem sie ihn freigab, auf ihn verzichtete, bekam er eine Chance, endlich glücklich zu sein. Daran würde sie immer denken, sich stets daran festklammern, wenn die Sehnsucht nach ihm übermächtig zu werden drohte.

Erin zuckte zusammen, als sich wie aus dem Nichts eine schwere Hand auf ihre Schulter legte. Sie blickte erschrocken hoch und sah direkt in Erhards wütende Augen.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, fuhr der Sicherheitsmann sie an.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Unwillig schüttelte sie seine Hand ab.

„Glaubst du, ich wüsste nicht, wo du gewesen bist?“

„Na und?“, erwiderte sie trotzig. „Ich

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Elvira Zeißler
Bildmaterialien: Covererstellung: Viktoria Petkau; Bildmaterialien eugenesergeev / fotolia, https://www.facebook.com/MrsTheaPhotography
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 09.10.2014
ISBN: 978-3-7368-5521-2

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