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Was bisher geschah

Der fünfzehnjährige Flo wird unfreiwillig in eine Schlägerei verwickelt und mit einem mysteriösen Dolch leicht am Arm verletzt. Fortan übt der Dolch eine fast magische Faszination auf den Jungen aus. Flo verfolgt dessen Spur bis zum Antiquitätenhändler Lorenzo, dem der Dolch gestohlen wurde und dem er die Waffe nun zurückgibt. Als eines Tages Keyla den Dolch zu stehlen versucht, stürzt Flo mit ihr zusammen durch ein Portal und landet plötzlich in einer fremden Welt. Seine einzige Chance, wieder nach Hause zu kommen, besteht darin, Keyla zu ihrem Verlobten zu begleiten, in dessen Auftrag sie den Dolch geholt hat. Während der Reise wird Flo zunehmend von eigenartigen Träumen heimgesucht, in denen er die Erinnerungen längst verstorbener Menschen durchlebt. Und als er schließlich kurz vor dem Ziel zu sein scheint, wird ihm der Weg nach Hause nun doch verwehrt. Denn alle erkennen, was Flo längst vermutet hatte: Er ist der rechtmäßige Träger der Drachenrüstung und auf Lebzeit mit dem geheimnisvollen Drachenzahndolch verbunden ...

 

Kapitel 1

Nachdem Padima das Portal in Flos Welt wieder geschlossen hatte, versammelten sich alle in Celissas Salon und Gerriks Mutter musterte den Jungen so feindselig, als hätte er gerade ihre Lieblingskatze ermordet.

„Ich verstehe das immer noch nicht, Gerrik“, sagte sie zu ihrem Sohn. „Wie kann dieser Bengel der Träger der Rüstung sein?“

„Es war ein Unfall“, wiederholte Gerrik gezwungen ruhig.

„Dann müsst ihr es wieder rückgängig machen.“

„Das geht nicht. Die Rüstung gehört nun Florian, solange er lebt.“

Celissa musterte Flo abschätzend. „Solange er lebt“, wiederholte sie und ihr Gesichtsausdruck jagte Flo einen Schauer über den Rücken. Erschrocken sah er Keyla an.

„Du weißt, dass wir ihn nicht umbringen können, Mutter“, erwiderte Gerrik nachdrücklich. „Es würde nichts bringen. So sind nun mal die Spielregeln.“

Flo schluckte und sah sich nach der Tür um. War das etwa alles, was sie davon abhielt, ihn zu erledigen?

Keyla, die seine Unruhe bemerkte, lächelte schadenfroh. „Außerdem haben wir uns schon so an ihn gewöhnt“, fügte sie hinzu.

Vermutlich wollte sie es ihm nur heimzahlen, dass er vorhin einfach so verschwinden wollte, entschied Flo. Sie würde nicht zulassen, dass ihm etwas passierte. Zumindest hoffte er das.

„Und was ist, wenn ihm zufällig etwas passiert?“, ließ Celissa nicht locker.

„Wenn es Schlupflöcher gegeben hätte, wären sie schon längst entdeckt worden“, erwiderte Gerrik.

„Und wenn er sich selbst das Leben nehmen würde?“

„Das reicht jetzt, Mutter“, wies Gerrik sie zurecht.

„Das ist einfach nicht richtig“, beschwerte sie sich. „Wir haben seit Jahrhunderten nach der Rüstung gesucht und nun kommt ein dahergelaufener Bursche und nimmt uns unseren Triumph. Wozu also das Ganze?“ Vorwurfsvoll blickte sie Gerrik an.

„Das frage ich mich schon lange“, murmelte dieser leise. Laut sagte er jedoch: „Florian hat versprochen, uns zu helfen, Mutter. Und mit der Zeit finden wir vielleicht einen Weg, die Bindung aufzulösen.“

„Wenn er dich dann lässt“, kommentierte Celissa trocken.

„Flo hat kein Interesse an der Rüstung“, stellte Keyla klar.

„Das sagt er jetzt“, erwiderte Celissa skeptisch. „Aber wart mal ab, bis er ihre volle Macht spürt.“

„Ich will keine Macht, ich will nach Hause!“, sagte Flo grimmig und sah Gerriks Mutter fest ins Gesicht. „Hören Sie, mir gefällt das Ganze noch weniger als Ihnen, aber ich habe keine Wahl und Sie wohl auch nicht. Also hören Sie auf, mich anzugiften. Das hilft uns nicht weiter!“

Erstaunt sahen die drei Erwachsenen ihn an. „Er hat recht“, sagte Gerrik schließlich. „Wir sollten uns überlegen, was wir nun tun werden.“

„Wieso erzählst du uns nicht einfach von deinen Träumen?“, schlug Keyla an Flo gewandt vor.

Flo überlegte. Er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte. Da waren so viele Eindrücke, Gedanken, Gefühle gewesen, aber wenn er jetzt darüber nachdachte, gab es nur wenig handfeste Fakten und bestimmt nichts, das Keyla und Gerrik nicht ohnehin schon wussten. „Da ist nicht wirklich viel zu erzählen“, sagte er zögernd. „Und das meiste davon hat Keyla mir selbst schon erzählt.“

„Dennoch, versuch es bitte“, beharrte Gerrik. „Jede Kleinigkeit könnte uns helfen.“

„Also gut.“ Flo sammelte seine Gedanken. „Ich weiß, dass Beodin und Suarak gekämpft haben und Suarak gewonnen hat. Anschließend hat er Elkwyia, Beodins Frau, und ihre Tochter eingesperrt. Die Rüstung wurde an drei Magier gegeben, Adele und zwei Männer“, erklärte er. „Die Männer waren wohl nicht ganz so schlau wie Adele, sie hatte sie davor gewarnt, dass Suarak sie alle töten würde, aber sie wollten nicht auf sie hören. Dann ging Adele mit dem Dolch in ihren Turm hoch. Aber anstatt ihn verschwinden zu lassen, hat sie die Wachen, die sie begleitet hatten, irgendwie betäubt und ihren eigenen Tod vorgetäuscht. Das hat sie übrigens auch mit Elkwyia und dem Kind gemacht“, setzte er hinzu.

„Was geschah, nachdem Adele ihren Turm verlassen hatte?“, fragte Gerrik gespannt.

„Sie ging in den Kerker, um Elkwyia zu befreien.“

„Aber was geschah mit den beiden anderen Kundigen?“, mischte Celissa sich ungeduldig ein. „Wohin haben sie den Helm und den Brustpanzer gebracht?“

„Keine Ahnung.“ Flo zuckte mit den Schultern. „Soweit ich weiß, hatte Adele sie nicht mehr gesehen. Ich glaube, sie wurden umgebracht.“

„Und das ist alles?“, fragte Gerrik enttäuscht. „Mehr weißt du nicht?“

„Ich habe nie behauptet, ein Orakel zu sein“, gab Flo schnippisch zurück.

„Schon gut, Flo“, fuhr Keyla besänftigend dazwischen. „Vielleicht fällt dir später ja noch mehr ein.“

Flo musterte sie unsicher. „Vielleicht“, sagte er dann.

„Gut, fassen wir also zusammen“, sagte Gerrik fest. „Wir wissen, dass Adele mit dem Dolch irgendwann in Flos Welt gegangen ist.“

„Du meinst, sie war nicht direkt nach dem Ausbruch verschwunden?“, fragte Flo erstaunt.

„Nein.“ Gerrik schüttelte den Kopf. „Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass sie noch einige Jahre hiergeblieben war. Anscheinend hatte sie versucht, die beiden anderen Rüstungsteile ausfindig zu machen.“

„Und, ist es ihr gelungen?“

„Wir wissen es nicht“, erwiderte Gerrik bedauernd. „Die Aufzeichnungen, die wir gefunden haben, enden damit, dass sie beschlossen hatte, in deine Welt zu gehen. Falls sie etwas gewusst hatte, ist dieses Wissen mit ihr gestorben.“

„Nicht unbedingt!“, sagte Flo plötzlich aufgeregt. Er sah Keyla an und bemerkte, dass ihr anscheinend der gleiche Gedanke gekommen war.

Gerrik sah ihn neugierig an und Flo beeilte sich, es ihm zu erklären. „Da, wo Keyla den Dolch gefunden hat, gibt es auch ein Buch. Eine Art Notizbuch, handgeschrieben und mit vielen Zeichnungen. Wäre doch möglich, dass es Adeles Buch war.“ Flo sah Gerrik begierig an.

„Einen Versuch wäre es wert“, murmelte Gerrik zustimmend und Flo sah, dass der Funke auch auf ihn übergesprungen war.

„Ich könnte das Buch direkt holen!“, rief Flo aufgeregt und sprang auf.

„Nein.“ Gerrik schüttelte streng den Kopf. „Das hatten wir doch schon diskutiert. Wir können es nicht riskieren, dich gehen zu lassen.“

„Aber einer muss es doch holen“, beharrte Flo. Sein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Da war sie, die Chance, zumindest kurz nach Hause zu kommen.

„Ich mache es“, sagte Keyla ruhig.

„Was?!“, entfuhr es Flo und Gerrik zugleich.

Keyla sah Gerrik ernst an und er senkte schließlich den Blick.

„Ja, klar!“, rief Flo plötzlich wütend aus. Gerrik brachte ihn nicht nur um die Möglichkeit, nach Hause zu kommen, er war bereit, auch Keyla wieder wehzutun. „Für mich ist es zu gefährlich, die Welt zu besuchen, in der ich aufgewachsen bin. Aber Keyla … Nein, sie ist ja entbehrlich!“ Grimmig starrte er Gerrik an. „Du kannst es halten, wie du willst, aber ich werde es nicht zulassen, dass sie für mich die Drecksarbeit erledigt“, setzte er verächtlich hinzu.

Gerrik sah aus, als hätte Flo ihm gerade in den Magen geboxt. Sein Gesicht wurde ganz bleich, aber ob vor Ärger oder Erschütterung vermochte Flo nicht zu sagen. Triumphierend sah der Junge ihn an. „Du hast ja keine Ahnung, was sie alles durchgemacht hatte, nur deinetwegen“, setzte er noch einen drauf.

Gerrik warf Keyla einen gequälten Blick zu.

„Ich halte es auch für das Vernünftigste, wenn Keyla geht“, sagte Celissa ruhig, als wäre nichts geschehen. „Aber das müssen wir ja nicht sofort entscheiden“, lenkte sie ein, als Gerrik ihr einen ungläubigen Blick zuwarf.

„Bleibt also noch der Eingeborenen-Stamm, von dem du erzählt hast, Gerrik“, wechselte Keyla rasch das Thema. Sie hatte wohl nicht mit dem heftigen Gefühlsausbruch der beiden Männer gerechnet.

„Was für Eingeborene?“, fragte Flo automatisch nach.

Da Gerrik weiterhin schwieg, sprach Keyla weiter. „Gerrik hat Anhaltspunkte dafür entdeckt, dass ein Stamm am Ardian-See vielleicht den Helm besitzen könnte.“

„Anhaltspunkte“, wiederholte Flo. „Aber ihr seid euch nicht sicher?“

„Nein. Obwohl der Helm seinem Träger besondere Fähigkeiten verleihen soll, gibt es keinen Beweis dafür.“

„Fällt dir vielleicht doch noch etwas ein?“, hakte Gerrik nach.

Flo schüttelte den Kopf. „Der Helm hat für mich bisher nie eine große Rolle gespielt.“

„Gut, konzentrieren wir uns kurz auf den Panzer. Was wissen wir darüber?“, warf Keyla ein.

„Sollte der nicht unverwundbar machen?“, fragte Flo plötzlich.

Alle drei nickten.

„Aber Beodin wurde doch besiegt“, fuhr der Junge nachdenklich fort.

„Das war was völlig anderes“, sagte Celissa entschieden. „Immerhin hatte er gegen Suarak persönlich gekämpft.“

Flo sah die Erwachsenen, die ihn gespannt anstarrten, an und allmählich fügte sich für ihn alles zusammen. „Suarak hat ihn besiegt, weil der Panzer beschädigt war“, sagte er langsam.

„Wie meinst du das?“ Keyla neigte sich nach vorn und drückte gespannt seine Hand.

„Suarak hat eine Schuppe von Beodins Panzer abgeschlagen. Ich hatte nicht verstanden, was das sollte, aber jetzt ergibt es natürlich einen Sinn“, erklärte Flo aufgeregt. Er wusste, dass er recht hatte. „Er hat eine Schwachstelle geschaffen und durch diese Lücke hat er Beodin erledigt.“

„Woher weißt du das?“, fragte Gerrik ungläubig.

Genervt hielt Flo seinen Unterarm mit dem Mal hoch. „Hallo, schon vergessen? Ich hab’s gesehen.“

„Das bedeutet, der Panzer ist beschädigt“, sagte Gerrik leise und seine Schultern sackten nach vorn. „Wie können ihn nicht mehr zusammensetzen. Es ist vorbei.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Keyla fest. „Es muss noch einen Weg geben.“

„Wir müssen die Schuppe holen“, sagte Flo schlicht.

Gerriks Kopf schoss nach oben. „Heißt das, du weißt, wo sie ist?“

„Ja“, erwiderte Flo und genoss für einen Augenblick die gespannte Erwartung in ihren Blicken. „Elkwyia hat sie mitgenommen.“

„Unmöglich“, sagte Celissa entschieden. „Davon hätten wir gewusst.“

„Ich bin da nicht so sicher, Mutter“, widersprach Gerrik. „Sie hatte ihr Leben lang um Beodin getrauert, ansonsten die Vergangenheit jedoch verdrängt. Du weißt selbst, dass sie ihrer Tochter kaum etwas über ihre wahre Herkunft erzählt hatte. Die Rüstung, Beodins Kampf, all das interessierte sie nicht. Sie wollte lediglich ihr Kind beschützen und die Erinnerung an ihren Mann bewahren.“

Flo musterte Gerrik neugierig. Er hätte zu gern erfahren, woher dieser die tiefen Einblicke in Elkwyias Seelenleben bezog. Nicht minder erstaunlich war es, dass es sonst niemanden zu verwundern schien.

„Das heißt also, es ist durchaus möglich, dass das fehlende Stück irgendwo bei den Vinkiinern ist“, fasste Keyla zusammen. „Dann sollten wir es holen.“

„Das denke ich auch“, stimmte Gerrik ihr erleichtert zu. „Vielleicht können wir ja auch ohne Adeles letztes Buch auskommen.“ Hoffnungsvoll sah er Keyla an.

„Nein, das Buch brauchen wir auf jeden Fall“, widersprach sie ihm entschieden. „Vielleicht ist es doch nicht der richtige Helm am Ardian-See. Und außerdem haben wir nicht die geringste Ahnung, wo wir nach dem restlichen Panzer suchen sollen.“

„Darüber reden wir noch“, sagte Gerrik ausweichend. Dann erhob er sich. „Ich denke, das war genug Aufregung für einen Vormittag. Ich muss jetzt etwas geschäftlich in der Stadt erledigen. Aber abends bin ich wieder da.“ Er sah Keyla ernst in die Augen. „Dann können wir alles besprechen.“


Draußen war es schon lange dunkel, doch Keyla war zu unruhig, um zu Bett zu gehen. Sie zog ihren leichten Morgenmantel enger um ihre Schultern und fröstelte trotz der Wärme, die der große Kamin in Gerriks Schlafzimmer verbreitete. Gerrik hätte schon längst zurück sein sollen. Sie trat ans Fenster und schaute hinaus, obwohl sie wusste, dass sie von dort den Hauseingang nicht sehen konnte. Dann atmete sie resigniert aus und setzte sich auf das große Bett. Allmählich machte sie sich wirklich Sorgen, auch wenn sie wusste, dass es dafür eigentlich überhaupt keinen Grund gab.

Halbherzig griff sie nach einem Buch, sprang aber plötzlich wieder auf, als sie endlich Schritte auf dem Flur hörte.

Die Zimmertür wurde vorsichtig geöffnet und Gerrik spähte herein. „Du bist ja noch auf“, sagte er überrascht, als sie auf ihn zueilte.

„Wo bist du so lange gewesen?“, fragte sie vorwurfsvoll, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihm nichts fehlte. Als er schwieg, musterte sie ihn besorgt. „Was ist los?“

„Ich habe Faenwulf getroffen, du weißt schon, den Vinkiiner, der mit Captain Rohal segelt.“

„Ja, ich habe ihn kennengelernt. Ein fähiger Mann.“

„Vertrauenswürdig?“, fragte Gerrik nach.

„Ich denke schon.“

„Das sagt Rohal auch. Deswegen habe ich ihn gefragt, ob er uns nicht begleiten möchte.“

„Und?“

„Angesichts der Situation hielt er das für eine gute Idee.“

„Welcher Situation?“, fragte sie nach, während sie ihm die Jacke abnahm.

„Es gibt Gerüchte, dass der Imperator wegen der Unruhen in Argemo ein Exempel für die Region statuieren will“, erklärte Gerrik widerwillig.

„Gerüchte?“ Keyla sah ihn ernst an.

„Nun ja, eigentlich kampieren schon zwei Regimenter unweit der Stadt. Ein Händler hat sie selbst gesehen. Sie müssten morgen eintreffen.“

„Was hast du sonst noch herausbekommen können?“

Gerrik setzte sich müde auf das Bett und begann damit, sein Hemd aufzuknöpfen. „Wir haben dem Händler ein paar Bier ausgegeben“, gab er ein wenig schuldbewusst zu.

„Daher also die späte Stunde und die Fahne“, kommentierte Keyla trocken und ließ sich neben ihm nieder.

Gerrik zuckte mit den Schultern. „Viel war aus ihm aber nicht herauszuholen. Ich glaube nicht, dass sie hinter jemand Bestimmtem her sind. Es wird eher auf das Übliche hinauslaufen.“

„Zufällige Verhöre, Verdächtigungen und Angst“, führte Keyla seinen Gedanken zu Ende.

Gerrik nickte.

„Und was machen wir nun?“

„Wir sollten so bald wie möglich aufbrechen. Wir haben bisher zwar nie Verdacht auf uns gezogen, aber ich möchte keine allzu kritische Aufmerksamkeit auf uns lenken.“

„Und Schmuggelei ist auch kein Kavaliersdelikt mehr“, gab Keyla zu bedenken.

Gerrik zog sie nah an sich heran. „Du musst besonders vorsichtig sein, ich möchte nicht riskieren, dass sie dich in die Finger kriegen.“

Keyla schauderte bei der Vorstellung. „Ich kann mir auch Schöneres vorstellen.“ Sie verstummte. „Es wird wirklich gefährlich für mich“, sagte sie plötzlich nachdenklich. „Und damit bringe ich auch dich in Gefahr“, setzte sie traurig hinzu.

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Gerrik alarmiert.

„Wie lange brauchst du, um unsere Reise vorzubereiten?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage.

„Zwei Wochen vielleicht, wieso?“ Er sah sie misstrauisch an.

„Das reicht mir“, erwiderte sie befriedigt.

„Reicht wofür?“, fragte Gerrik irritiert nach.

„Um Adeles Buch zu holen, natürlich.“

Er erhob sich abrupt und sah sie fest an. „Kommt nicht in Frage“, sagte er langsam und deutlich.

Keyla erwiderte ungerührt seinen Blick.

„Ich lasse dich nicht wieder allein gehen“, sagte Gerrik fast trotzig. „Beim letzten Mal habe ich nachgegeben, jetzt komme ich mit.“

„Und wer soll dann die Reise vorbereiten?“

„Mir egal.“

„Mir aber nicht.“

„Dann bleib doch hier. Das Buch läuft uns schon nicht weg.“

„Verstehst du denn nicht?“ Keyla sah ihn eindringlich an. „Wenn ich bleibe, bringe ich mich selbst und alle anderen in Gefahr. Wenn ich gehe, kann ich für eine Weile untertauchen und dabei auch noch etwas Wichtiges erledigen.“

„Und wenn etwas schiefläuft? Wenn du wieder ein ganzes Jahr lang fortbleibst?“

„Werde ich nicht“, sagte Keyla entschieden. „Jetzt kenne ich die Welt und weiß genau, wonach ich suche. Außerdem kann ich jederzeit wieder zurückkommen. Wenn ich, sagen wir mal, in drei Wochen das Buch nicht finde, kehre ich auf der Stelle zurück.“

„Ich weiß nicht.“ Gerrik setzte sich wieder hin und zog sie an seine Brust. „Jede Faser in mir wehrt sich gegen die Vorstellung, dich gehen zu lassen.“

„Ich weiß.“ Keyla drückte ihre Lippen gegen seine Wange. „Ich werde dich auch vermissen. Aber hey“, sie lächelte tapfer. „Wie haben schon viel Schlimmeres überstanden. Was sind da schon drei Wochen?“

„Einundzwanzig Tage zu viel“, erwiderte Gerrik, aber er lächelte leicht dabei. „Wir sollten jetzt besser schlafen gehen“, fügte er hinzu, als er Keyla gähnen spürte.

„Ich habe nur auf dich gewartet“, murmelte sie und pustete die Kerze aus.


„Ich komme mit!“, rief Flo am nächsten Morgen enthusiastisch, als Keyla und Gerrik ihm von Keylas Absicht erzählten, Adeles Buch aus Herrn Lorenzos Laden zu holen.

„Es tut mir leid, aber das wird nicht möglich sein“, erwiderte Gerrik entschieden.

Flo ließ seinen Blick entgeistert zwischen Keyla und Gerrik schweifen. „Aber ich kenne mich aus, ich kann helfen“, fügte er verständnislos hinzu. „Das ist meine Welt.“

„Und gerade deswegen wäre die Versuchung zu groß“, sagte Keyla mitfühlend.

Enttäuscht starrte Flo sie an. „Ihr vertraut mir also nicht“, stellte er bitter fest.

„Das ist es nicht“, erwiderte Keyla beschwichtigend, als Gerrik ertappt schwieg. „Wir wollen dich bloß nicht diesem Schmerz aussetzen. Glaub mir, es ist äußerst schwer, der eigenen Welt den Rücken zu kehren, auch wenn es nur vorübergehend ist.“

„Und wieso muss es dann jetzt sein?“

„Es ist besser, wenn ich für einige Zeit verschwinde.“

„Wieso denn das?“ Flo blickte Gerrik argwöhnisch an, als wäre dieser dafür verantwortlich.

„Zwei zusätzliche Regimenter werden demnächst in Ameys stationiert. Das erhöht die Gefahr, dass Keyla erwischt wird, immerhin wird sie per Steckbrief gesucht.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Flo fassungslos. Er spürte, wie Angst sich in seinem Körper ausbreitete, auch wenn er sich das Ausmaß der Gefahr nicht wirklich vorstellen konnte. Er sah, wie Keyla und Gerrik einen schnellen Blick wechselten, und spürte brennenden Ärger in sich aufsteigen. Sie hatten überhaupt nicht an ihn gedacht.

„Du musst dich eben unauffällig verhalten“, sagte Gerrik schnell. „Im Zweifel können wir dich als einen der Küchenjungen ausgeben.“

„Schon klar“, presste Flo wütend hervor. Er ließ sein halbgegessenes Brötchen auf den Teller fallen und erhob sich.

„Wohin gehst du?“, fragte Keyla besorgt.

„Ist doch egal, solange ich nur unauffällig bleibe“, brummte Flo und verließ den Raum.


Keyla fand ihn schließlich unter einem großen Baum im Garten, wo er erbost mit einem Stock Löcher in die Erde bohrte. „Ich dachte, wir wären Freunde“, sagte er bitter, als sie sich neben ihn setzte. „Aber ihr wollt mich nur für eure Zwecke benutzen.“

„Das ist nicht wahr“, hob Keyla an, doch sein Blick brachte sie wieder zum Schweigen.

„Ach nein?“, erwiderte er sarkastisch. „Dann lass uns mal die Sachen objektiv betrachten. Ich darf nicht nach Hause, ich darf mich hier nicht frei bewegen, ihr vertraut mir nicht und ihr denkt nicht einmal daran, dass euer Abenteuer auch mich in Gefahr bringt“, zählte er an den Fingern ab. „Dafür erwartet ihr aber, dass ich euch helfe, einen Feldzug, der mich überhaupt nichts angeht, zu gewinnen.“

Betroffen sah Keyla ihn an. „Es tut mir leid, dass du es so siehst, Flo“, sagte sie schließlich.

Flo gab nur einen undefinierbaren Laut von sich.

„Wie auch immer“, fuhr Keyla nach einer Weile schließlich fort. „Gerrik ist gerade bei Padima, um meine Reise mit ihr zu besprechen. Wenn alles klappt, werde ich in wenigen Tagen aufbrechen.“

„Schön für dich“, brummte Flo.

„Es gibt bestimmt viel, was du mir noch über deine Welt erzählen könntest“, fügte sie in einem versöhnlichen Ton hinzu.

„Falls du meine Eltern siehst, sag ihnen, dass ihr Sohn sich sehr bemühen wird, am Leben zu bleiben. Und jetzt entschuldige mich.“ Er erhob sich und klopfte sich lose Blätter und Staub von der Hose. Wenn sie nur gekommen war, weil sie seine Hilfe brauchte – schon wieder – konnte sie lange warten. Ohne sich weiter umzusehen, ging Flo davon.


*****


„Los, zieht euch schnell was Hübsches an!“, hallte Marfenas Stimme durch den Flur und weckte Ilana aus ihrem leichten Schlummer. Die junge Frau seufzte. Sie hatte die ganze Nacht gearbeitet, ihr letzter Kunde war erst vor einer halben Stunde gegangen und sie hatte auf ein paar Stunden Ruhe gehofft.

Andererseits musste es wohl ein bedeutender Kunde sein, wenn Marfena alle Mädchen versammeln wollte. Vielleicht hatte sie ja Glück und fand einen reichen Gönner. Vielleicht würde er sie sogar aus Marfenas Salon herausholen können, auch wenn es ihr dort gar nicht so schlecht erging. Ilana schlüpfte aus dem Bett und blieb nachdenklich vor ihrem Kleiderschrank stehen. Schließlich wählte sie ein luftiges, fast durchsichtiges blaues Gewand, das so schön zu der Farbe ihrer Augen passte und ihren hellen Teint zum Strahlen brachte. Das Kleid war unter der Brust gerafft und fiel in leichten Falten bis auf den Boden. Wobei der Rock so raffiniert geschlitzt war, dass er bei jeder Bewegung einen Blick auf ihre makellosen, langen Beine freigab.

Sie tupfte sich noch einen glänzenden Hauch von Rosa auf die Lippen und fuhr mit der Bürste über ihre Haare, sodass sie in sanften, kastanienfarbenen Locken auf ihre Schultern fielen. Ilana lächelte, als sie in den Spiegel blickte. Es hatte schon seinen Grund, warum sie von allen Mädchen den höchsten Stundensatz hatte.


Als Ilana nach unten in den Salon kam, sah sie, dass die meisten Mädchen bereits hinter einem großen roten Stoffvorhang versammelt waren, der den hinteren Teil des Raums abtrennte. Die Mädchen kicherten aufgeregt und das Wort „Präsentation“ huschte von Mund zu Mund. Ilana warf einen Blick zu Marfena und ihre eigene Euphorie ebbte ab. Die ältere Frau hatte sich zwar ein Lächeln aufgesetzt, doch schien sie die Vorfreude ihrer Schützlinge nicht zu teilen. Sie wirkte eher besorgt. Ihr Blick fiel auf Ilana in ihrem blauen Kleid und sie verzog für einen Augenblick traurig den Mund.

Ilana konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Vermutlich hatte sie Angst, eine Angestellte an einen reichen Gönner zu verlieren, beschloss das Mädchen schließlich. Für weitere Grübeleien blieb ihr eh keine Zeit, denn Marfena sortierte ihre Schützlinge schnell zu Paaren zusammen.

Dann zog sie den Vorhang ein Stückchen zur Seite und scheuchte das erste Paar hinaus. Bevor Ilana sich versah, war sie an der Reihe und sie blinzelte neugierig gegen den hellen Kerzenschein an, der sie für den Besucher ausleuchtete. Sie sah einen Mann mittleren Alters, der in eine blaue Jacke und dunkle Hose gekleidet war. Nichts in seiner Erscheinung sprach von besonderem Reichtum, da war nichts, dass Marfenas Aufwand rechtfertigen würde. Ilana erreichte das Ende der Bühne und wandte den Kopf. Ein Symbol auf dem Ärmel der blauen Jacke fiel ihr ins Auge und sie erstarrte: ein schwarzer Drachenkopf vor einem roten Hintergrund – das Zeichen des Imperators. Neben ihr hatte Estelle nichts bemerkt. Sie schenkte dem Besucher ein betörendes Lächeln und versuchte, Ilana mit sich fortzuziehen. Ilana folgte ihr mit hölzernen Schritten. Es war ihr egal, dass sie dabei alles andere als verführerisch wirkte. Wahrscheinlich war es sogar besser so. Für den Rest der Präsentation hielt sie ihre Augen starr geradeaus gerichtet und verdrängte jeden Gedanken aus ihrem Kopf. Sie musste ohnehin nicht besonders lange warten. Schon zu bald zog Marfena den dicken Vorhang beiseite und gab alle Mädchen den Blicken des Besuchers preis. Ilana versuchte, sich unauffällig in den Hintergrund zu drängen, als der Mann langsam die Reihe der Mädchen abschritt. Sie konnte förmlich spüren, wie eine Welle des Entsetzens durch den Raum ging, als auch die anderen das Wappen des Imperators erkannten.

Denn das war ein Kunde, von dem man sich keine goldene Zukunft erwarten konnte. Viele Gerüchte rankten sich darum, was tatsächlich mit den Mädchen geschah, die sein Bett geteilt hatten. Er misshandelte sie nicht, zumindest nicht direkt. Doch diejenigen, die sein Missfallen erregten, wurden auf das grausamste bestraft und wurden häufig nie wieder gesehen.

Der Blick des Besuchers blieb schließlich auf Ilana hängen und sie wusste es, noch bevor sie die verhängnisvollen Worte hörte.

„Die hier“, sagte der Mann und zog sie zu sich herüber.

Ilana warf Marfena einen verzweifelten Blick zu, doch die zuckte nur hilflos mit den Achseln. Das Mädchen spürte einen panischen Schrei in ihrer Kehle aufsteigen, doch sie kämpfte ihn tapfer nieder. Es würde nichts bringen. Der Mann, der sie prüfend beobachtet hatte, nickte anerkennend. „So ist es gut“, murmelte er ihr leise ins Ohr, während er sie aus dem Salon führte.

Als sie teilnahmslos in dem geschlossenen Wagen saß, richtete der Mann überraschend das Wort an sie. „Weißt du, warum ich dich ausgewählt habe?“, fragte er sanft.

Ilana blickte vielsagend an ihrem weitgehend entblößten Körper hinab und schnaubte bitter.

„Nein, nicht deshalb“, sagte der Mann und sie blickte überrascht hoch. „Du warst die einzige, die sofort erkannt hatte, wer ich bin. Und du bist dabei nicht in Panik ausgebrochen. Du könntest es schaffen, weißt du?“

„Was schaffen?“ Verwirrt sah Ilana ihn an.

„Da heil wieder herauszukommen“, erwiderte der Mann offen. „Du bist hübsch genug, um sein Interesse zu wecken, und schlau genug, ihn nicht zu verärgern.“

„Was muss ich denn tun?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Mehr oder weniger das Übliche, nehme ich an. Du musst vorsichtig sein, ehrerbietig und respektvoll, aber du darfst dich nicht von deiner Angst beherrschen lassen. Auch wenn der Imperator dir … ungewöhnlich erscheinen mag.“

„Ungewöhnlich, wie meint ihr das?“

Doch der Mann schüttelte nur bedauernd den Kopf und hüllte sich in Schweigen. Anscheinend wollte er nicht seinen eigenen Kopf gefährden, indem er ihr zu viel verriet.

Der Rest der Fahrt verlief in Stille. Durch die Worte des Mannes seltsam ermutigt, versuchte Ilana sich auszumalen, wie sie sich dem Imperator gegenüber verhalten sollte. Schließlich gab sie den Versuch frustriert auf. Sie wusste ja nicht einmal genau, wie er aussah.

Sobald sie im Palast ankam, wurde ihr ein schönes Gemach zugewiesen, in dem bereits ein dampfendes Bad auf sie wartete. Ilana badete und naschte dann an dem Essen, das ihr in der Zwischenzeit serviert wurde. Danach ging sie ruhelos durch die ihr zugewiesenen Räume und wartete. Irgendwann kam ein Mädchen, um das Geschirr abzuräumen und ihr neues Essen zu bringen.

„Wie heißt du?“, fragte Ilana sie.

„Areen.“

„Und weißt du, was nun mit mir geschieht?“

Das Mädchen schüttelte nur mit dem Kopf. „Du musst hier warten, bis der Herr nach dir verlangt.“ Mit diesen Worten ging sie davon und Ilana war wieder allein.

Unruhig biss sie sich auf die Lippe. Sie hielt diese Ungewissheit einfach nicht mehr aus. Welche Schrecken ihre Zukunft auch immer für sie bereithalten mochte, ihr wäre es lieber, sie würde es bereits wissen.

Irgendwann wurde sie müde, immer nur umherzutigern, sie legte sich auf das Bett und schlief schließlich ein.

Sie wurde wach, weil ein helles Licht ihr direkt ins Gesicht schien. „Wach auf! Der Herr verlangt nach dir!“, rüttelte das Mädchen vom Vortag sie wach. Verschlafen sah Ilana aus dem Fenster. Es war stockdunkel. „Aber es ist mitten in der Nacht“, wandte sie ein.

„Der Herr hält sich nicht an Tageszeiten! Und er braucht nur wenig Schlaf. Jetzt beeil dich!“

Ilana sprang auf und kämmte sich schnell durch die Haare. Ihr blieb keine Zeit, um sich noch weiter in Ordnung zu bringen, denn sie hörte eine ungeduldige Stimme zischen. „Wo bleibt denn das Mädchen!“ Ein Schauer der Angst lief ihr über den Rücken, als sie den Ärger darin hörte. Das fing nicht gut für sie an.

Ilana beeilte sich, ein verführerisches Lächeln aufzusetzen, und drängte ihre persönlichen Gefühle hinter die professionelle Maske zurück, die sie in den letzten Jahren perfektioniert hatte. „Wie kann ich Euch dienen, Gebieter?“, fragte sie, als sie in das Schlafgemach des Imperators trat. Als sie ihn sah, drohte ihr Lächeln ihr für einen Augenblick zu entgleiten, doch sie fing sich schnell. Sie hatte Suarak noch nie zuvor aus der Nähe gesehen und nun verstand sie, was der Mann, der sie geholt hatte, mit ungewöhnlich gemeint hatte. Er war groß und hager. Die Haut, die sein eingefallenes Gesicht und die klauenartigen Hände umspannte, hatte eine grünliche Farbe. Die kurzen weißen Haare standen an den Seiten seines Kopfes auf eine Art hoch, die Ilana an den Kamm einer Eidechse erinnerte, die sie einmal im zoologischen Park gesehen hatte. Seine unheimlich leuchtenden Augen blickten scharf und klar auf sie und das Mädchen hatte das Gefühl, als würden sie nur auf ein Zeichen der Schwäche von ihr warten. Doch diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Sie eilte auf den auf einem niedrigen Schemel sitzenden Mann zu und verneigte sich tief. „Lasst mich das bitte machen“, sagte sie leise und streckte ihre Hände vorsichtig nach dem Stiefel aus, den er sich anscheinend gerade hatte ausziehen wollen.

„Nun verschwinde schon!“, warf Suarak der Kleinen entgegen, die Ilana begleitet hatte.

„Lass dich mal ansehen!“, forderte er dann Ilana auf, die seine Stiefel mittlerweile ausgezogen hatte und unschlüssig verharrte. Sie erhob sich gehorsam. „Geh ein Stück weiter weg, ins Licht.“ Sie gehorchte erneut. Der Imperator ließ seinen Blick einige Zeit auf ihr ruhen.

„Ganz passabel“, murmelte er. „Jetzt zieh dich aus.“

Ilanas Blick entgleiste nur für den Bruchteil eines Augenblicks, bevor sie sich wieder im Griff hatte. Sie war zwar ein Freudenmädchen, aber so respektlos war sie noch nie behandelt worden.

„Ich sehe, du hast Feuer!“, sagte der Imperator und lachte plötzlich laut auf, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Ilanas Herz klopfte so laut, dass sie sicher war, er müsste es hören. Der Eindruck verstärkte sich noch, als er sich kurz über die Lippen leckte, während er ihre pulsierende Halsschlagader fixierte. Dann schüttelte er seinen Kopf, wie um ungewollte Gedanken zu verscheuchen. „Du darfst bleiben“, entschied er dann. „Lass dich neu einkleiden und komm dann zurück.“

Einen Augenblick blieb Ilana unsicher stehen, dann wandte sie sich ab und ging zur Tür. Da sie nicht wusste, was sie sonst machen sollte, kehrte sie in ihr Gemach zurück, das direkt neben dem des Imperators lag. Auf dem Bett sah sie ein Gewand liegen und kam neugierig näher. Befremdet strich sie über das enge Oberteil aus blutrotem Leder und nahm dann einen klauenbesetzten Handschuh aus demselben Material hoch. Versuchsweise ließ sie ihre Hand hineingleiten. Er passte wie angegossen und reichte ihr fast bis zum Ellenbogen. Rasch kleidete sie sich aus und streifte sich den zweiten Handschuh sowie das Oberteil über. Die Kleidung füllte sich mehr nach einer Rüstung als nach Reizwäsche an. Und erst jetzt fiel ihr auf, dass das Leder leicht schuppig wirkte. Zum Schluss zog sie noch den langen Rock an, der zwar auch blutrot, jedoch luftig und schwingend war. Ein paar flache Schnürstiefel, die ihr bis zu den Oberschenkeln reichten, vervollständigten ihr Outfit. Derart angezogen, atmete Ilana einmal tief durch und ging entschlossen in das Schlafzimmer des Imperators.


Als er sie dieses Mal erblickte, glühten seine Augen auf und ein tiefes Grollen entwich seiner Kehle. Und erst jetzt erkannte Ilana mit Schrecken, was bis zu diesem Moment in seinem Blick völlig gefehlt hatte – Begehren. Doch weiter kam sie nicht, denn er packte sie und warf sie mit ungeahnter Kraft auf das Bett. Ilana schrie erschrocken auf, als seine Krallen über das harte Leder ihrer Korsage kratzten, und sie erkannte, dass es tatsächlich eine Rüstung für sie war.

Sie biss die Zähne zusammen, um nicht ihrer Angst nachzugeben, und versuchte, so wenig Gegenwehr wie möglich zu leisten. Das schien jedoch nicht die richtige Taktik zu sein.

„Du sollst mitmachen!“, knurrte er in einer Mischung aus Wut und Leidenschaft.

Dafür sind also die Handschuhe!, fuhr es Ilana durch den Kopf und ohne weiter darüber nachzudenken, kratzte sie ihm, so fest sie konnte, über den Rücken. Das schien den gewünschten Effekt zu haben, denn er stöhnte auf und biss sie in die Schulter. Ilana schrie vor Schmerz und Überraschung, doch das schien ihn noch weiter anzustacheln.

Die nächste Stunde rollten sie kratzend, beißend und fauchend über das Bett, bis der Imperator schließlich gesättigt war. Er löste sich von ihr und sah sie mit einem Ausdruck an, den sie nicht deuten konnte „Mal sehen, ob du heute Nacht noch immer so viel Feuer hast“, sagte er brüsk und wandte sich ab.

Das war der Augenblick, in dem der Schmerz einsetzte. Ilana kam es vor, als stünde ihr Unterleib in Flammen. Sie schrie und wimmerte, doch der Schmerz ging und ging nicht fort. Irgendwann, als sie ihre Umgebung wieder ein wenig wahrnehmen konnte, sah sie Areen, die ihr einen Beutel mit Eis auf den Bauch drückte und ihr sanft die Haare aus der schweißnassen Stirn strich.

„Es geht bald vorbei“, sagte Areen aufmunternd.

„Was war das?“, fragte Ilana erschüttert. Solche Schmerzen hatte sie noch nie zuvor verspürt.

Areen wich ihrem Blick beschämt aus. „Ich glaube, das ist der Samen des Imperators.“

„Du meinst …“ Ilana stockte der Atem, als ihr die Tragweite dieser Enthüllung bewusst wurde. „Es wird jedes Mal so sein?“

„Ich denke schon.“

„Ich kann das nicht“, stammelte sie panisch.

„Du musst.“, erwiderte Areen traurig. „Kein Mädchen, das ihn nach der ersten Nacht abgelehnt hatte, wurde am Leben gelassen.“

„Gibt es denn gar kein Entrinnen?“, flüsterte sie kraftlos.

„Doch, bestimmt. Wenn du lange genug durchhältst, verliert er irgendwann das Interesse. Komm, ich bringe dich in dein Gemach. Dann solltest du dich ausruhen. Ich komme später noch einmal vorbei, um dir dein Kostüm für heute Abend zu bringen.“

„Ich schaffe das nicht.“

„Doch, das wirst du. Der Schmerz bringt dich nicht um. Und der Rest ist doch nicht zu schlimm, oder?“

„Nein“, stimmte Ilana ihr zu. Eigenartig und beängstigend, aber nicht wirklich schlimmer als vieles, das sie bereits erlebt hatte. „Was hat es eigentlich mit den Kostümen auf sich?“, fragte sie wider Willen neugierig.

„Weißt du es denn wirklich nicht?“

„Nein.“

Areen wartete, bis sie Ilanas Zimmer erreicht hatten, und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Dann ließ sie Wasser in die große Wanne im Bad laufen und winkte Ilana zu sich. „Man kann nie sicher genug sein, weißt du? Der Herr hört praktisch alles, was im Schloss geschieht.“

„Aber wie kann das sein?“

„Es ist die Rüstung“, erklärte Areen.

„Die Drachenrüstung? Heißt das, es gibt sie wirklich?“

„Oh ja. Der Herr legt den Panzer niemals ab. Seit über hundert Jahren nicht mehr. Es heißt, er wäre mittlerweile mit seiner Haut verwachsen.“

„Und sie verleiht ihm seine Macht?“

„Ja, und nicht nur das“, sagte Areen und sah Ilana vielsagend an.

„Darum die Krallen und das Leder.“ Ilana schauderte. Sie hatte einmal in einem alten Buch ein Bild von sich paarenden Drachen gesehen. Aber sie hätte nie gedacht, dass sie das eine Tages selbst würde ertragen müssen.

Sie ging zum Bett und ließ sich müde darauf fallen. Alles, was sie je über den Imperator gehört hatte, alle Gerüchte waren also wahr. Und noch viel mehr. Er war wahnsinnig und es würde nur noch schlimmer werden.


*****


Die Tage vor Keylas Abreise verbrachte Flo meist allein auf seinem Zimmer. Nur Faenwulf, der abends hereinschaute, um ihnen Neuigkeiten aus der Stadt zu bringen, vermochte ihn ein wenig abzulenken, wenn auch die Nachrichten, die er ihnen brachte, nichts Gutes verhießen.

Es war ein Tribunal in Ameys eingerichtet worden, dessen Aufgabe es war, alle aufrührerischen Elemente in der Region auszurotten. Die Vorgehensweise des Tribunals erinnerte Flo stark an die Methoden der Inquisition, die sie in Geschichte durchgenommen hatten. Es wurde eine Ausgangssperre verhängt, die ersten Bürger waren bereits zum Verhör geladen und bisher nicht wieder gesehen worden.

Gerrik hatte von jetzt auf gleich alle Kontakte zu seinen weniger legalen Geschäftspartnern gekappt und mehrere seiner Schiffe dümpelten in irgendwelchen Häfen vor sich hin.

Doch das alles beschäftigte Flo weitaus weniger als die Missstimmung, die zwischen ihm und Keyla herrschte. Er merkte wohl, dass ihr Streit auch sie belastete, dass sie es nicht mochte, wenn er schweigsam und trotzig mit ihnen am Tisch saß oder ohne zu grüßen an ihr vorbeiging. Schließlich hatte sie anscheinend genug davon.

Eines Abends, als er sich wie gewohnt mit einem Buch auf sein Zimmer verzogen hatte, stand sie plötzlich ohne zu klopfen in seiner Tür.

Überrascht blickte Flo hoch und musterte erstaunt ihr Erscheinungsbild. Sie hatte wieder ihre Reisekleidung an und funkelte ihn böse an. „Das reicht jetzt, Kleiner“, sagte sie verärgert. „Schluss mit dem Theater.“

Flo wollte schon empört aufbrausen, doch sie hob Schweigen gebietend ihre Hand hoch. „Wir hatten immerhin eine Abmachung.“

„Und ich habe meinen Teil eingehalten“, hielt Flo ihr entgegen.

Sarkastisch zog sie eine Augenbraue hoch. „Und der wäre?“

„Ich habe dich hierher begleitet.“

„Und inwieweit hast du mir damit einen Gefallen getan?“

Überrascht öffnete Flo den Mund, aber sie ließ ihn wieder nicht ausreden. „Ich habe dir nur erlaubt, mit mir zu kommen, weil du es so sehr wolltest.“

„Ich dachte, wir wären Freunde“, schleuderte Flo ihr anklagend entgegen.

„Das dachte ich auch“, erwiderte sie ungerührt. „Aber Freunde helfen einander.“

„Und wieso hilfst du mir dann nicht mal zur Abwechslung?“

„Das werde ich, sobald deine Aufgabe hier erfüllt ist.“

„Na super“, sagte Flo sarkastisch. „Da fühle ich mich gleich viel besser.“

„Ich meine es ernst, Flo.“

„Ich auch. Wieso glaubst du eigentlich, dass alles nur nach deinen Regeln läuft?“

„Weil du im Augenblick keine andere Wahl hast.“

„Und das macht es wohl besser?“

„Nein. Aber so ist das Leben.“

„Danke vielmals für diese tiefgreifende Erkenntnis.“ Er verbeugte sich ironisch vor ihr.

„Gern geschehen“, erwiderte Keyla ungerührt.

„Dann ist wohl alles gesagt.“

„Vermutlich“, gab sie zu.

„Und was jetzt?“, fragte Flo. Obwohl er einem Teil seines Ärgers Luft gemacht hatte, fühlte er sich überhaupt nicht besser. Und obwohl er sauer auf sie war, wusste er, dass es eigentlich nicht Keylas Schuld war. Es war Gerriks. Nur seinetwegen konnte Flo nicht nach Hause, nicht einmal kurz. Nur seinetwegen musste Keyla wieder ganz alleine los. Wie konnte er nur behaupten, er würde Keyla lieben? Und wie konnte sie so naiv sein, ihm einfach so zu glauben?

„Ich werde gleich gehen“, beantwortete Keyla ruhig seine Frage.

Diese Ankündigung rüttelte Flo ein wenig wach. „Jetzt schon?“

„Ja“, sie lächelte leicht. „Die Sterne stehen wohl gerade gut. Aber bevor ich gehe, möchte ich, dass du etwas weißt, Kleiner.“

Abwartend blickte Flo zu ihr herüber.

„Ich habe dir einst versprochen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um dich wieder nach Hause zu bringen, und ich habe vor, dieses Versprechen zu halten.“

„Gut zu wissen“, brummte Flo. Dann gab er sich einen Ruck. „Pass auf dich auf.“

„Keine Sorge, das werde ich“, versicherte sie ihm. „Ich muss jetzt los.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Kannst du mir vielleicht noch etwas sagen, was mir in deiner Welt helfen könnte?“

„Ich weiß nicht. Den Laden von Herrn Lorenzo, wo das Buch ist, kennst du ja schon.“

„Ich könnte Zeit sparen, wenn ich genau wüsste, wo sich dieses Buch befindet und wie es aussieht.“

„Ich hatte darin gelesen, als du mich überfallen und hierher verschleppt hast“, erinnerte sich Flo.

Keyla wollte schon über seine Wortwahl protestieren, sah dann aber das leichte Lächeln in Flos Mundwinkeln. Er wollte sie anscheinend nur ein wenig aufziehen.

„Wenn Herr Lorenzo es auf seinen Platz zurückgelegt hat, sollte es hinten auf einem der oberen Regale liegen. Du kannst es nicht verfehlen, dort liegen sonst keine weiteren Bücher und es ist das einzige in deiner Sprache.“

„Danke, Flo.“ Keyla lächelte leicht. „Und jetzt heißt es wohl Abschied nehmen.“

Zögernd trat Flo einen Schritt auf sie zu und streckte ihr zum Abschied seine Hand hin. „Komm bald wieder.“

Sie schlug mit ernster Miene ein, dann beugte sie sich schnell nach vorn und streifte seine Wange mit ihren Lippen. „Sei bitte vorsichtig“, murmelte sie.

Flo konnte nur nicken. Sie roch so unglaublich gut. Er spürte, wie ihm Röte ins Gesicht schoss, doch Keyla tat, als würde sie es nicht bemerken. „Mach’s gut, Flo“, sagte sie und wandte sich um.

Bevor Flo noch etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus.


Am nächsten Morgen hatte Flo gar keine Lust, aus dem Bett zu kommen. Wozu auch? Keyla war fort und auf Gerrik war er nicht gerade gut zu sprechen. Was wohl auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Schließlich, als sein Magen laut grummelte, stand Flo dennoch auf und schleppte sich lustlos nach unten. Wenn er Glück hatte, war Gerrik schon fertig mit dem Frühstück und Flo würde seine Ruhe haben. Als er jedoch die Tür ins Esszimmer öffnete, sah er sich enttäuscht. Gerrik saß noch immer am Tisch und studierte eine Zeitung.

Als Flo eintrat, blickte er hoch. „Na, ausgeschlafen?“, fragte Gerrik freundlich.

Flo musterte ihn überrascht, aber da war tatsächlich keine Spur von Spott oder Vorwurf in Gerriks Gesicht. „Geht so“, brummte Flo und setzte sich hin. Er konnte seine Augen nicht von Keylas leerem Platz nehmen, der wie ein schwarzes Loch zu klaffen schien. Sie war fort und es war allein Gerriks Schuld. Eine freundliche Begrüßung am Morgen reichte bei Weitem nicht aus, um das wieder ungeschehen zu machen. „Du hast sie also wieder allein fortgeschickt“, sagte er wie beiläufig zu Gerrik, während er sich ein Brötchen nahm.

Gerriks Augen verengten sich verärgert, aber dann atmete er tief durch und sein Gesicht entspannte sich wieder. Entschieden legte er die Zeitung zur Seite. „Fortgeschickt ist wohl das falsche Wort“, stellte er klar. Dann fixierte er den Jungen mit seinem Blick. „Lass es uns ein für alle Mal klarstellen, Florian. Mir gefällt ihr Vorhaben noch weitaus weniger als dir, weil ich genau weiß, was alles schiefgehen könnte. Aber ich hätte sie schon fesseln und einsperren müssen, um sie davon abzuhalten.“ Gerrik lächelte leicht. „Und vielleicht hätte nicht einmal das sie aufgehalten“, fügte er murmelnd hinzu. „Sie hatte es sich nun mal in den Kopf gesetzt, dass wir dieses verflixte Buch brauchen, und weder du noch ich hätten daran etwas ändern können.“ Flo starrte ihn mit offenem Mund an, doch Gerrik war noch nicht fertig. „Irgendwann wirst nämlich auch du lernen, Florian, dass es Frauen wie Keyla gibt, die ihren eigenen Kopf haben und sich von Männern nicht viel reinreden lassen.“

Flo nickte bloß, das hatte er auch schon bemerkt.

„Das macht es zwar nicht immer einfach, aber bei Gott, es lohnt sich“, fügte Gerrik leise hinzu.

Da er nicht wusste, was er darauf erwidern konnte, biss Flo trotzig in sein Brötchen. Es gefiel ihm zwar überhaupt nicht, aber er musste zugeben, dass Gerrik, so, wie er von ihr sprach, Keyla womöglich doch nicht weniger liebte als er selbst.

In diesem Moment wurde die Tür erneut geöffnet und Faenwulf kam herein. „Gerrik, Flo“, nickte er den beiden zu, „ich habe euch etwas mitgebracht.“ Er deutete auf eine Umhängetasche, aus der mehrere große Rollen Papier herausragten.

„Hast du die Karten bekommen?“, fragte Gerrik erfreut.

„Ja, aber es war nicht einfach. Und je weiter man nach Norden geht, desto ungenauer werden die Aufzeichnungen.“

„Trotzdem danke. Für den Anfang werden sie wohl genügen. Und später kannst du uns vielleicht weiterhelfen.“

„Das ist der Plan.“ Faenwulf grinste und ließ sich auf einen leeren Stuhl fallen. „Wo ist Keyla?“, fragte er plötzlich. „Ich dachte, sie kommt mit uns.“

„Das wird sie auch“, bestätigte Gerrik. „Sie wollte vorher jedoch noch etwas anderes erledigen. Dem Tribunal ein Weilchen aus dem Weg gehen und dabei eine Freundin besuchen. Aber keine Angst, sie wird rechtzeitig zur Abreise wieder da sein.“

Flo hörte Gerrik überrascht zu. Anscheinend gehörte es nicht zum Plan, Faenwulf in alles einzuweihen. Neugierig warf der Junge dem Vinkiiner einen Blick zu, aber er ließ sich nicht anmerken, ob er Gerrik die Geschichte abkaufte. „Ja, so sind die Frauen“, sagte er bloß leichthin. „Schaffen es immer, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verknüpfen.“

„Du sagst es“, stimmte Gerrik ihm zu. „Bist du fertig mit dem Frühstück?“, wandte er sich plötzlich an Flo.

„Wieso?“

„Dann können wir in mein Arbeitszimmer gehen und unsere Route besprechen.“

„Ich soll dabei sein?“, fragte Flo ungläubig.

„Wenn du möchtest. Ist doch besser, wenn du weißt, was dich erwartet, oder?“

Flo nickte. Nun, da Keyla fort war, benahm sich Gerrik plötzlich richtig nett, nicht viel anders als Faenwulf. Und Flo musste sich regelrecht vor Augen führen, dass er Gerrik eigentlich nicht mochte. Aber es wäre dumm, sich nicht an der Planung der Reise zu beteiligen. Je mehr er wusste, desto besser standen seine Chancen, jemals wieder lebend nach Hause zu kommen. Rasch stopfte er sich den Rest des dritten Brötchens in den Mund. „Ich bin fertig“, mampfte er.

„Gut, dann lasst uns gehen“, sagte Gerrik und lächelte zufrieden.


Kurze Zeit später waren Gerrik, Faenwulf und Flo über eine große Karte gebeugt, die auf Gerriks Schreibtisch ausgebreitet war. Die beiden Männer diskutierten über die beste Reiseroute, während Flo ihnen gespannt zuhörte und sich ein Bild von der bevorstehenden Reise zu machen versuchte.

„Es ist eine lange Reise“, murmelte Faenwulf nachdenklich. „Wir werden unterwegs irgendwo überwintern müssen.“

„Was?“, entfuhr es Flo. Entgeistert starrte er die Karte an. Es war ein langer Weg, ja, aber es war immerhin erst Oktober. Sie konnten doch unmöglich länger als drei Monate brauchen, um zu den Vinkiinern zu gelangen. Es schien immerhin auch nicht weiter zu sein als von Deutschland bis zum Mittelmeer. „Gehen wir etwa zu Fuß?“, fragte er fassungslos. Das war ja wie im Mittelalter.

Überrascht blickte Faenwulf ihn an. „Natürlich nicht. So weit es geht, werden wir Pferde nehmen.“

„Und trotzdem dauert es so lange?“

„Wieso? Hast du etwa noch was anderes vor?“, lachte Faenwulf.

„Florian ist so weite Reisen bloß noch nicht gewöhnt“, fuhr Gerrik besänftigend dazwischen.

Flo warf ihm einen finsteren Blick zu. Er konnte auch für sich allein sprechen.

„Ich denke, wir sollten in Neneob einen längeren Halt machen und unsere Vorräte auffrischen“, fuhr Faenwulf wieder mit Blick auf die vor ihm liegende Karte fort. „Das ist der letzte größere Ort, bevor der Firnin-Wald beginnt.“

„Das wird nicht einfach“, kommentierte Gerrik düster.

„Wieso denn das?“, fragte Flo.

„Na, weil wir nicht auffallen dürfen. Mit der verstärkten Armeepräsenz in der Region und den Steckbriefen, die von Keyla und dir überall rumhängen.“

„Und wie lange brauchen wir bis dorthin?“, erkundigte Flo sich unbehaglich.

„Schwer zu sagen.“ Gerrik kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Drei bis vier Wochen, vielleicht.“

„Es kommt stark auf die Wetterverhältnisse an“, ergänzte Faenwulf. „Und natürlich darauf, wie sehr wir uns beeilen. Immerhin“, er lächelte vergnügt, „wird uns eine Dame begleiten.“

„Keine Angst“, erwiderte Gerrik schnell. „Sie wird uns nicht aufhalten.“

„Natürlich nicht. Dennoch könnten wir vielleicht ein wenig Rücksicht auf sie nehmen.“

Flo hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen, als Gerrik angesichts Faenwulfs Ritterlichkeit unwillig das Gesicht verzog.

Das kann ja heiter werden, dachte Flo, als er sich vorstellte, dass Keyla monatelang mit drei Männern unterwegs sein würde, die offensichtlich alle in sie verknallt waren.

„Und wie geht es dann weiter?“, fragte Gerrik.

„Mitten durch den Wald hindurch“, erwiderte Faenwulf ungerührt.

„Ich dachte, das wäre gefährlich“, wandte Gerrik ein.

„Die Karten werden uns da nichts nützen“, stimmte Faenwulf ihm mit einer Spur von Überheblichkeit zu. „Kein Südländer hat sich je weit genug hineingetraut, um eine Karte anzufertigen. Aber für mein Volk ist das der direkte Weg zu euren Handelsrouten. Wir nutzen ihn zwar nicht oft, aber das heißt nicht, dass wir das nicht könnten. Ich selbst habe ihn schon dreimal ganz allein den Wald durchquert. Als Gruppe ist das viel einfacher.“

„Und hinter dem Wald ist deine Heimat?“, fragte Flo neugierig.

„Nicht ganz“, erwiderte Faenwulf. „Mein Clan lebt etwas weiter im Nord-Westen.“ Er verstummte und sah Gerrik forschend an. „Da fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiß, mit welchem Clan du Handel treiben willst.“

„Das weiß ich selbst noch nicht so genau“, lachte Gerrik mit undurchdringlicher Miene. „Wer könnte mir denn die erforderliche Menge an Pelzen liefern?“

„Da würden mir einige einfallen. Aber ich weiß nicht, ob sie mit dir werden handeln wollen“, erwiderte Faenwulf frech.

„Dafür habe ich doch dich.“ Gerrik lächelte. „Du hilfst mir, sie unter den Tisch zu trinken und ihr Vertrauen zu gewinnen.“

Faenwulf lachte dröhnend und klopfte Gerrik freundschaftlich auf die Schulter. „Du kennst dich ja richtig aus, Südländer!“

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Copyright Texte: Elvira Zeißler
Copyright Bildmaterialien: Viktoria Petkau / Gedankengrün
Tag der Veröffentlichung: 14.07.2014
ISBN: 978-3-7368-4352-3

Alle Rechte vorbehalten

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