Cover

Ich bin ein Sachensucher



Jeder zweite Satz, der in dieser Familie zu mir gesprochen wird, fängt mit den Worten „Wo ist…“ an. Die anderen fünfzig Prozent der Sätze beginnen übrigens mit „Wo sind…“.
Ein normaler Morgen bei uns hört sich so an:
- „Wo sind mein Socken“ (im Schrank, wo denn sonst)
- „Wo sind meine Englisch-Hausaufgaben“ (hast Du sie denn überhaupt gemacht?)
- „Hat jemand“ – das ist eine kleine Abwandlung vom Originalthema – „die 3,67 Euro gesehen, die auf dem Schreibtisch lagen?“
- „Wo ist eigentlich die Bushaltestelle, bei der wir uns nachher treffen sollen?“
Nachdem ich alles gesucht und gefunden habe, geht die Familie aus dem Haus und es ist für kurze Zeit Ruhe. Ich wandere durch die Räume, finde angesabberte Hundebällchen unter dem Schrank, Gameboyspiele in der Sofaritze und 10 Euro in der Zuckerdose (Trinkgeld? Für mich? Von wem?) und frage mich, wie es soweit kommen konnte.
Natürlich hat die Mutterschaft etwas damit zu tun. Im selben Moment, in dem das Kind die Gebärmutter verlässt, wird man durch irgendwelche fiesen Hormone zum Sachensucher degradiert. Ich hätte das schon merken müssen als ich, kaum war ich mit dem Baby zuhause, meiner Großmutter begegnete, die, ohne mich eines Blickes zu würdigen, an mir vorbei rannte und „Na, wo isser denn?“ säuselte. Dabei war eigentlich nicht zu übersehen, wo ihr Urenkel war, aber es trainierte ganz gut für Nachfolgendes.
Einige Monate später fand mein Kind plötzlich heraus, dass man Fäuste nicht nur zusammenballen, sondern auch wieder gezielt öffnen konnte. Hatte man in dieser Faust zuvor etwas gehalten, einen Beißring, einen Keks oder das Ohr des Hundes, war selbiger Gegenstand plötzlich auf geheimnisvolle Weise verschwunden, und man musste mit einem lauten „Wäääääääh“ darauf aufmerksam machen, dass man ihn gerne wieder hätte. Die meisten Dinge fand ich irgendwo in der Nähe meines Kindes wieder, den Hund allerdings aus nahe liegenden Gründen nicht; der war geflüchtet.
Noch etwas später begann das Kind, gezielter zu artikulieren, um verschwundene Gegenstände zurückzuerhalten. Aus dem quengelnden „Wääääääh“ wurde: „Mama, wenn Du mir nicht hilfst, das verlorene Mathebuch zu finden, muss es ersetzt werden und das willst Du doch sicher nicht“
Also suchte ich eben. Und suche heute noch.
Inzwischen verblüffe ich meine Kinder damit, dass sie die Sätze nicht einmal mehr zu Ende sprechen müssen. Die Antwort kommt nach dem zweiten Wort:
„Wo ist…“ – „Im Kleiderschrank in der Sockenschublade!“
„Wo sind…“ – „ Bei Deinem Klassenkameraden, Du hast sie ihm ausgeliehen.“
„Weißt Du…“ – „Auf dem Dachboden, ganz linke hintere Ecke, zweites Regal, dritter Boden von unten, hinter Omis alten Einmachgläsern in einem Pappkarton, auf dem in roter Schrift steht: Keinesfalls öffnen, da Du sonst an Beulenpest erkrankst.“
Die Trefferquote bei dieser Art, Suchanfragen zu beantworten, ist mindestens ebenso hoch wie bei Google. Allerdings können kleinere Fehler bei dieser Methode nicht völlig ausgeschlossen werden.
Das letzte „wo sind“ meines Sohnes beantwortete ich ganz ernsthaft mit „In der Garage hinter dem Schneckenkorn“, dabei wollte er eigentlich wissen, wo die Schnittpunkte einer Parabel und einer Geraden seien. Er war gerade dabei, seine Mathematikhausaufgaben zu machen.
Ich seufzte und sah mir die Aufgabe genauer an. Ich finde verlorene Socken, Schlüssel und Kontaktlinsen, aber Schnittpunkte bereiten mir Mühe.
Was ist los mit dem Mathelehrer, daß der sowas wissen will? Hat der keine Mutter, die ihm suchen hilft?


Unendliche Erreichbarkeit



Wir sind wichtig geworden, jeder einzelne von uns.
Früher, da waren wir unwichtig genug, um auf der Straße zu spielen, Staudämme im Bach zu bauen, Freunde zu besuchen und irgendwann entsetzt festzustellen, dass die Sonne schon untergegangen war und dass es wohl Ärger geben würde, wenn wir jetzt nach Hause kamen.
Heutzutage werden die Kinder angerufen, sobald der letzte Sonnenstrahl verschwunden ist, um sie an die Abmachung zu erinnern, rechtzeitig zu Hause zu sein. Wozu hat man schließlich das Handy, auch wenn man erst 8 Jahre alt ist? Aber, seien wir ehrlich, die meisten Kinder spielen ohnehin nicht auf der Straße, wozu auch, wenn man zuhause einen Computer hat, der in 3-D und wunderschön animiert die Straße auch nach Hause holen kann?
Der Bach in der Nähe unseres Hauses wurde das letzte Mal gestaut, als eine Fahrradfahrerin an der steilen Böschung ins Rutschen kam und ihr Fahrradanhänger im Wasser landete. Mehrere zufällig vorbeikommende Gassigeher, Jogger und Fahrradfahrer lösten das Problem innerhalb weniger Minuten. Leider hatte sich die Dame das Bein bei dieser Aktion geprellt, so dass es ihr geraten erschien, mit ihrem Handy einen nasse-Fahrradanhänger-Transport zu organisieren.
Natürlich ist ein Handy nützlich. Natürlich beruhigt es die bangenden Eltern ungemein, zu wissen, dass das Kind nicht auf immer verschwunden ist, sondern sich nur um zehn Minuten verspäten wird; und selbstverständlich ist es zum Hilfe anfordern bei geprellten Beinen unschlagbar. Aber wen, um Himmels Willen, mag es in der U-Bahn beruhigen? Vor allem, wenn man gezwungen ist, sich Geschichten anzuhören wie: „… und dann hat die Nadja gesagt, dass sie mit dem Uwe Schluss machen will, und dann hat der Uwe gesagt, er hätte sowieso schon eine andere, und dann hat die Nadja gesagt, wen denn, und dann hat der Uwe gesagt…“
Ich habe in der Hamburger U-Bahn bereits interessante Abhandlungen über die Beschaffenheit des morgendlichen Babystuhls gehört, erschöpfende Auskunft über die Möglichkeiten, bei Mathearbeiten zu schummeln (jedenfalls war ich schon vom Zuhören erschöpft) und war sogar Zeuge eines mobilen Ehebruchs.
Das Handy am Ohr scheint ein ähnliches Phänomen auszulösen wie ein Auto um sich herum zu haben. So wie man in letzterem ungeniert in der Nase bohrt, Lippenstift aufträgt, lauthals die Lieder im Radio mitsingt (manchmal kann man eindeutig erkennen, dass der Fahrer vor einem denselben Sender hört wie man selber) und bei plötzlich bremsenden Autos Gesten benutzt, die einem im wahren Leben peinlich sind, und dabei wohl wissend, aber absolut nicht beachtend, dass man all das auch von außen sehen kann, so scheint ein Handy am Ohr einen virtuellen schalldichten Pappkarton um die sich unbedingt mitteilen müssende Person zu errichten, in den man zwar hinein hören kann, aus dem aber der Meinung des Handybesitzers nach nichts hinaus dringen kann.
In Hamburg darf man seit neuestem auf Bahnsteigen nicht mehr rauchen, weil man erkannt hat, dass es freiwilligen Nichtrauchern einfach nicht zuzumuten ist, den Rauch von verbrannten, mit Giftstoffen aufgepeppten Pflanzenteilen einzuatmen.
Gegen die Informationsüberflutung durch Handys hat bislang noch niemand ernsthaft etwas unternommen.
Obwohl… das stimmt nicht so ganz. Während des Gesprächs über die Babykacke wurde ein neben der Telefoniererin sitzender Herr immer grüner im Gesicht. Schließlich stöhnte er mit letzter Kraft: „Ich glaube, ich kotze gleich“.
Nein, die Handybenutzerin legte nicht auf. Nie würde einer der ewig-Erreichbaren zugeben, dass er etwas falsch gemacht hat.
Stattdessen stieg sie an der nächsten Station aus, um in Ruhe und ungestört von uns bornierten Ignoranten ihr Gespräch zu Ende führen zu können.


Schlaflos in Hamburg (Frühling)



Nachdem ich neulich den ersten Kuckuck in diesem Jahr gehört habe und auch sofort mit meinem Geld geklimpert habe, wie meine Oma mir das beigebracht hat, fing das Geld tatsächlich an, sich zu vermehren. Einen Euro fand ich auf der Straße, einen in einer Hose vom letzten Jahr, ein Euro steckte in einem Einkaufswagen und ein weiterer fiel mir aus dem Wechselgeldschacht des Parkautomaten entgegen. Interessanterweise hatte ich mit 1,50 Euro geklimpert, und das 50-Cent-Stück hat mir der Kuckuck bisher immer unterschlagen. Aber man will ja nicht unbescheiden sein.
Allerdings denke ich, dass dieser 1-Euro-Segen jetzt ein Ende haben wird, dann der Kuckuck und ich haben uns heute Nacht ernsthaft verkracht.
Es begann damit, dass ich um 2 Uhr aus dem Schlaf hochschreckte, weil ich vergessen hatte, dass die Zahnfee noch etwas zu erledigen hatte. Nachdem ich zehn Minuten in der Dunkelheit herumgewühlt hatte, fand ich ein passendes (unters Kopfkissen passendes) Geschenk und wollte mit einem Seufzer der Erleichterung wieder einschlafen, als ich bemerkte, dass andere Leute um diese unchristliche Zeit auch wach waren: draußen kuckuckte ein Kuckuck herum, und zwar mit einer Ausdauer, dass es kaum zum Aushalten war. Statt aber nur Selbstgespräche zu führen, antwortete aus der Nachbarschaft einer der Hähne, und zwar genau der mit dem Sprachfehler.
So ging das stundenlang: „Kuckuckkuckuck“-„Kickeröööööh, Kickeröööööh“…
Irgendwann begann ich mit leicht manischem Gesichtsausdruck vor mich hinzusummen: „Da kam ein junger Jä-häger, simsalabimbambasaladusaladim…“
Als Kind fand ich den jungen Jäger immer ziemlich fies, aber als ich so mitten in der Nacht wach im Bett lag, wurde er mir immer sympatischer.
Endlich schlief ich völlig ermattet ein.
Jetzt ist es 8:40 Uhr, und das Rededuell der beiden Kontrahenten ist in eine heiße Phase gekommen. Ihre Argumente haben sie zwar alle schon verbraucht, aber ihr Starrsinn ist ungebrochen. Außerdem haben sich inzwischen andere Vögel in die Diskussion eingeschaltet. Gegen 5 Uhr haben einige Amseln versucht zu vermitteln, einige Blaumeisen haben ihren Senf dazugegeben, und eine Holztaube ist gerade völlig anderer Meinung und hinter all dem Krach hört man beharrlich: „Kickeröööööh, Kickerööööh…“
Ach, wie ist die Natur doch so schön.
Übrigens habe ich mich entschlossen, heute Hühnersuppe zu kochen und dabei zu singen: „…simsalabimbambasaladusaladim, und schoß den armen Ku-huckuck tooooot…“
Eine kleine Rache nur, sicher. Aber ich habe wirklich nicht gut geschlafen…


Diesen Text bitte nicht lesen



Es ist Jahre her, viele Jahre, irgendwann, als sich das letzte Jahrtausend seinem Ende zuneigte, da stand im Badezimmer eine Flasche mit Haarshampoo, auf der in großen, hübschen Buchstaben geschrieben stand: Enthält Formaldehyd

.
Das klang interessant, doch ja, aber einen Nachfrage bei meinen Klassenkameraden ergab, dass niemand wusste, was das genau war, noch warum man es sich in die Haare schmieren sollte.
Auch eine offizielle Anfrage bei unserer Chemielehrerin brachte keine Klarheit. Das Wort war ihr noch nie begegnet.
Kaum ein Jahr später wurde Formaldehyd medienwirksam verboten, weil man inzwischen festgestellt hatte, dass es krebserregend war. Danach wusste dann auch unsere Chemielehrerin, was es mit diesem Zeug auf sich hatte. Ich allerdings hatte seitdem berechtigten Zweifel an ihrer Kompetenz und passte eigentlich überhaupt nicht mehr auf, langweilte mich aber stattdessen dermaßen, dass ich das an der Wand aufgehängte Periodensystem der Elemente auswendig lernte. Ich kann es heute noch. Das ist wie mit den Gedichten, die man in der Schulzeit gelernt hat, die kann man noch seinen Enkeln aufsagen (meine Mutter jedenfalls erzählt uns Schillers „Bürgschaft“ gerne auf längeren Autofahrten).
Aber seit dieser Formaldehyd-Geschichte lese ich mir Inhaltsangaben immer ganz genau durch. Das hat den Vorteil dass meine Kinder relativ gesund ernährt werden. Sie bekommen nur naturreine Säfte; sobald in der Inhaltsangabe irgendein Wort steht, das auf „ose“ endet (Glukose, Fruktose, Konservendose, Unterhose, Saccharose…) vermute ich Zucker und kaufe die Packung nicht.
Auch Glutamat kommt bei uns nur höchst selten ins Haus, und nur, wenn derjenige von uns, der nachweislich darauf mit heftigen Kopfschmerzen reagiert, für mehrere Tage verreist ist. Dann allerdings dürfen es auch schon mal Paprikachips mit Geschmacksverstärker sein, lecker sind sie ja doch.
In Bereich der Lebensmittel hat sich eine Deklarierung des Inhaltes durchgesetzt, aber eigentlich würde ich etwas Ähnliches auch in anderen Bereichen des Lebens befürworten.
Ich denke da an Hinweise wie:
Diese Schule enthält Teenager!

(Also tunlichst einen weiten Bogen darum herum machen)
Dieses Haus enthält sarkastische Bibelkundige!

(Keine Zeugen Jehovas klingeln mehr an der Tür)
Dieser Kühlschrank enthält Butter, Milch, zwei Stangen Sellerie, vier Joghurte, zwei davon über dem MHD, einen Rest Spaghetti mit Tomatensoße, diverse Wurst- und Käsesorten sowie Chilisoße, Batterien, einen Haustürschlüssel

(wer war das?) Kopfschmerztabletten, drei halbvergammelte Mohrrüben und ein Glas Senf!

(Das würde vielleicht die merkwürdige Angewohnheit von Teenagern stoppen, die Kühlschranktür zu öffnen und minutenlang vor dem geöffneten Gerät in Trance zu verfallen)
Diese Schublade enthält Socken!

Okay, der letzte Hinweis würde absolut gar nichts bewirken, das ist mir klar. Aber man soll die Hoffnung niemals aufgeben.
Vielleicht wäre es aber sinnvoll, an die Sockenschublade ein Schild zu hängen: Diese Schublade enthält ein Geheimnis. Bitte nicht öffnen!


Das würde jeden unbesockten Fußbesitzer auf die richtige Spur führen. So sicher, wie irgendwer offensichtlich gerade diesen Text liest.
Obwohl ich doch davor gewarnt hatte…


Simplify your life (Frühling)



Also, an sich ist diese Idee toll. Man wirft allen Ballast weg, den man nicht unbedingt braucht, beschränkt sich auf die Basics, ohne die man absolut nicht auskommen kann und hat dann ein freieres, da unbelasteteres Leben.
In meinem Kleiderschrank beispielsweise befinden sich immer noch Kleidungsstücke, in die ich irgendwann mal hineinpasste (mit 17 nach einer dreiwöchigen schweren Angina) und in die ich irgendwann wieder hineinpassen möchte, weil das die Größe ist, die man (frau) tragen muss, um hipp und angesagt zu sein.
Sinnvoll wäre es, so die Erfinder des simplen Lifes, auf das hipp und angesagt Seiende zu pfeifen und den Platz im Kleiderschrank für tragbare Klamotten frei zu räumen. Allerdings stelle ich mir doch die Frage, warum – mit so wenig Stoff, wie für meine damalige Größe benötigt wurde, kann kein Kleidungsstück übermäßig viel Platz wegnehmen.
Dann der Schreibtisch – die Jünger des gesimplifyten Lebensstils plädieren dafür, den Arbeitsplatz völlig leer zu räumen, den kreativen Freiraum zu inhalieren und von den auf den Fußboden gepfefferten Arbeitsutensilien nur jene auf den Tisch zurück zu stellen, die wirklich dauernd gebraucht werden. Klar, gute Idee – nur steht dann auf dem Fußboden eine Ansammlung höchst merkwürdiger Gegenstände, für die ich noch keinen besseren Platz gefunden habe als den Schreibtisch. So zum Beispiel eine Schale mit verschiedenen Halbedelsteinen – ich brauche sie selten, aber wenn man mal einen Sodalith oder Schneeflockenobsidian braucht, ist es doch sinnvoll, ihn vom Schreibtisch nehmen zu können und nicht auf dem Fußboden suchen zu müssen.
Am schlimmsten aber für alle Versuche, einem einfacheren Lebensstil zu frönen, sind die Inhalte von Überraschungseiern. Oh, verdammt, ich weiß nie, wohin damit, geschweige denn, was ich überhaupt damit soll. Auf meinem Schreibtisch steht eine Ansammlung winziger Autos, merkwürdige nachtleuchtende Monster mit roten Schuhen bevölkern meinen Computerbildschirm, und sollte ich mal Langeweile haben, gibt es diverse sinnentleerte Spielzeuge, die man rollen, drücken oder umdrehen kann, woraufhin sie beginnen zu wackeln, merkwürdige Geräusche von sich zu geben oder die Lottozahlen der nächsten Woche vorherzusagen.
Und so gerne ich auch überflüssigen Ballast von mir werfen würde, so hänge ich doch an dem daumennagelgroßen Smart for two, dem rosa Drachen und dem Plastikdingsda, dessen Name mir nicht einfällt und dessen Verwendungszweck ich nie herausgefunden habe – aber auch das Teil war einmal in einem Überraschungsei, und es war enorm schwierig, es zusammenzubauen, weil das mitgelieferte Mini-Gummiband immer absprang und schließlich völlig verschwand.
Ich hätte gerne ein simpleres Leben. Ich träume davon, tatsächlich auf einer einsamen Insel zu landen und nur drei Sachen mitnehmen zu können. Welche Sachen das sind, das wechselt je nach Stimmung, aber ein daumennagelgroßer Smart for two aus Plastik war noch nie darunter, da bin ich sicher.
Stattdessen bin ich dazu verdammt, dem uralten Sammeltrieb unserer Ahnen in der Steinzeit nachgeben zu müssen. Statt Getreidekörnern, Nüssen, Beeren und herumliegenden Mammuts sammle ich winzige Spielzeuge, die wegzuschmeißen ich nicht übers Herz bringe.
Und Ostern steht vor der Tür. Ich weiß es jetzt schon, der Osterhase, dieses sarkastische Mistvieh, wird mit einem fiesen Grinsen im Gesicht vor mir stehen und mir ein Überraschungsei in die Hand drücken und sagen: hier, für deine Sammlung. Und ich werde die Zähne zusammenbeißen, mich höflich bedanken und das blöde Ei öffnen.
Hoffentlich ist diesmal die kleine Maus drin, die in meiner Sammlung noch fehlt. Die sind wirklich niedlich…


Ganz große Literatur



Klar, Dostojewski, das ist große Literatur. Auch Kafka hat man oft schon in der Schule gelesen, und ohne Goethe und Schiller (beides zumeist in einem Atemzug genannt) kommt man selbst in fremden, sehr fremden oder gar ausgesprochen fremden Ländern nicht mehr aus. Ein Goethe-Institut gibt es in jeder Ecke dieser Welt.
Aber, ich muss es hier und an dieser Stelle mal zugeben (und ich denke, ich bin in guter Gesellschaft, denn womit sich andere Menschen im Internet outen, dagegen ist, womit ich mich jetzt zu outen gedenke, noch relativ harmlos) – ich bin ein Fan anderer Literatur. Völlig anderer. Also, sozusagen ganz und gar anderer Literatur. Sobald ich diese meine Literatur in den Händen halte, überzieht ein seliges Grinsen mein Gesicht und meine Gedanken schlagen Purzelbäume.
Hier ein Beispiel: „Nizza „Mont Boron“ mit traumhaftem Ausblick auf die Bucht Villefrance / Cap Ferrat., drei Schlafzimmer, Ankleideraum, Vollbad, Gäste-WC und so weiter…“ und dann das Bild dazu! Ein riesiges Fenster mit Blick auf irgendetwas Wässriges in blau-blauer-am-blausten, und das ganze für unschlagbare Dreimillionen Euro! Natürlich kann noch ein wenig verhandelt werden, aber wer wird denn bei lächerlichen Dreimillionen schon pingelig sein…
Ach, der Immobilienteil meiner Zeitung, wie liebe ich ihn!
Wunderschön sind auch die Angebote, bei denen „Preis auf Anfrage“ steht, wie das 24-Zimmer-Chãteau… ach nein, -Chåteau, nein, Himmel, Château! Verdammt, ich werde es mir nicht kaufen können, selbst wenn ich den „Preis auf Anfrage“ irgendwie zusammen bekommen sollte, aber wenn ich das Wort Chæteau noch nicht einmal schreiben kann, wie soll ich dann mit meiner vierundzwanzigzimmrigen Neuerwerbung brieflich angeben können?
Natürlich lese ich auch die Angebote mit den 3-Zimmer-Reihenhäusern, aber weitaus spannender finde ich die die Privatresidenz in Zlatni Piawasauchimmer, mit 28 Zimmern für lockere Fünfmillionen oder das schnuckelige Jagdschloss in Frankreich, dessen Preis eine eins mit soviel Nullen ist, dass mir schon vom zählen schwindelig wird.
Und dann das: eine Villa in Honululu, mit Zimmern, Bädern und Garagen soviel man will. Der Preis: 3.566.731 Euro. Ja, aber… wieso das? Ich meine, den ersten Teil verstehe ich noch, möglicherweise ist es sinnvoll, Dreimillionenfünfhundertsechsundsechzigtausend Euro für eine Villa in Honululu zu bezahlen. Die 700 Euro, gut, der Einbauspiegelschrank, den die Vorbesitzer in ihrer zu verkaufenden ehemaligen Bleibe gelassen haben, war sicher nicht billig. Aber was ist mit den 30 Euro? Die Putzmittel im Besenschrank? Liegt vielleicht noch eine gekühlte Ente in der Tiefkühltruhe, oder hat George, der Butler, bei Auszug das Bügeleisen in der Küche stehen gelassen, mit welchem er dereinst die die Knickfalte aus den Honululu’schen „Times“ seiner Herrschaften zu bügeln pflegte?
Und wie, um Himmels Willen kam man auf den einen Euro? Ich meine, gut, vielleicht liegt noch irgendwo ein unbenutztes Lotto-Rubbellos herum, aber vielleicht soll der eine Euro ja auch nur den Traum von der Villa dem Otto-Normalwohner wie mir ein kleines Stückchen näher bringen. Als wolle man sagen, siehste, den einen Euro hast Du doch schon, und wenn Du bis zum nächsten Monatsanfang wartest, dann kannst Du die drei davor auch noch drauf packen. So weit ist die schöne Villa also gar nicht von Deinen Träumen entfernt.
Und das eben ist das Schöne an Immobilienzeitschriften. Welcher Schriftsteller bringt es schon fertig, die Phantasie so anzuregen?

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 01.11.2008

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /