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Elonore


Die Gänge der High School in Manon waren in einem schlichten weiß gestrichen und der Linoleumboden quietschte unter meinen dicken Sohlen. Mein Rucksack hing über eine Schulter und der Zettel in meiner Hand knisterte leise, als ich ihn zusammenfaltete. Meine blonden Haare wippten bei jedem Schritt auf meinem Rücken auf und ab. Meine enge Jeans steckte in meinen Docks und die Schnürsenkel peitschten um die Schuhe, weil ich sie nicht zugebunden hatte. Die Schnalle meines Nietengürtels drückte mir ein bisschen in den Bauch, als ich mich bückte um die Schnürsenkel wieder in die Schuhe zu stecken. Überall wo ich hinschaute sah ich neugierige Blicke, die mich musterten und sofort als Freak abstempelten. Klar, wenn ein Mädchen in Docks, Nietengürtel, Nietenarmband und einem schwarzen Oberteil in die Schule kommt. Man sah es förmlich auf ihren Stirnen stehen.
Mein Blick auf den Boden gerichtet, bog ich um die nächste Ecke und suchte meinen Spint. Dabei stieß ich mit einer üblichen Schönheit zusammen und mein Rucksack rutschte mir von der Schulter und nahm mein offenes blaues Hemd mit, sodass ich nur noch mein schwarzes Top zu sehen war. Wütend blitze mich diese Schönheit an.
„Genug geglotzt!“, fauchte sie und stöckelte davon. Wütend ballte ich die Fäuste zusammen und erblickte meinen Spint.
Er hatte die Nummer 175 und ich atmete erleichtert auf. Wenigstens musste ich nicht mehr durch die Gegend laufen und mir die neugierigen Blicke meiner neuen Mitschüler an tun. Als ich den Spint öffnete und meine Bücher aus meinem Rucksack in das Fach stopfte und meine Jacke aufhängte, ertönte eine Stimme hinter mir.
„Hallo.“, die Stimme war tief und als ich mich erschrocken umdrehte grinste mich ein Typ an. Der Junge hatte dunkelblonde Haare, eine blauweiße Jacke und eine weiße Hose an. Er sah gut aus, wenn seine Arme nicht so Muskelbepackt gewesen wären, dass sie mir Angst einflößten. Riesige Angst sogar.
„Äh ... Hey!“, stotterte ich und schaute ihm in die braunen Augen.
„Neu hier, was?“, fragte er und schaute mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an. Am liebsten hätte ich eine bissige Bemerkung gemacht, aber ich ließ es.
„Ja.“, sagte ich deswegen nur und machte meinen Spint zu. Laut meinem Stundenplan hatte ich jetzt Mathe. Na super.
„Ich bin Steve.“, stellte er sich vor und hielt mir die Hand hin.
„Elonore.“, sagte ich nur und ergriff seine Hand.
„Was hast du denn als nächstes?“, fragte er und stellte sich neben mich um auf den Stundenplan in meinen Händen zu schauen. „Cool. Wir haben zusammen Mathe ich bring dich hin.“ Auf dem Weg zum Raum fragte er mich über mein Leben aus und ich antwortete so gut es ging.
„Umgezogen, hm? Weswegen denn?“, wollte er wissen und ich wich seinem Blick aus.
„Also, ich hab das Heim gewechselt und das aus Gründen die ich lieber jetzt nicht sagen würde.“, innerlich bereitete ich mich auf einen dummen Kommentar von ihm, doch als keiner kam schaute ich ihn vorsichtig an.
„Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, haben dich ziemlich viele damit … geärgert. Keine Bange ich sehe vielleicht aus wie ein Macho, aber ich bin Handzahm.“, er lachte und führte mich in die Matheklasse. Vielleicht war es ganz gut, dass ich in der ersten Stunde Mathe hatte, denn das war mein Lieblingsfach. Allerdings nur, weil ich es in die Wiege gelegt bekommen habe. Ich löste Gleichung so einfach, wie ich meinen Namen schreiben konnte. Mrs Flintch meine Mathelehrerin machte einen sehr sympathischen Eindruck und schickte mich zu einem Platz in der letzten Reihe. Der Kursraum war nicht sehr groß und es standen nur Einzeltische hier rum. Der Raum war schon voll, weshalb sie mich alle anstarrten und ich knallrot anlief.
Steve und ich unterhielten uns so gut wie den ganzen Unterricht hindurch und als Mrs Flintch Steve aufrief und er ein Ergebnis sagen sollte, flüsterte ich ihm die korrekte Antwort zu und erntete ein fettes Grinsen als Dankeschön.
Als es klingelte räumte ich meine Sachen schnell zusammen und wollte zur nächsten Stunde gehen.
„Warte El.“, rief Steve und schnappte seine Bücher. „Ich bringe dich zur nächsten Stunde. Was hast du denn als nächstes?“
„Englisch und Danke.“, ich lächelte ihn zaghaft an, fummelte an meinem Rucksack herum und zog mein Englischbuch heraus. Dann blätterte ich schnell dadurch und stellte fest, dass es schon Stoff war, den ich schon kannte. Es sollte nicht allzu schwer werden, hoffte ich.
Mein Englischlehrer war nett und als er mich mit einem entschuldigenden Blick auf den Platz in die erste Reihe schickte, kam er mir noch sympathischer vor. Das was er vorne an der Tafel schwafelte, war nicht wirklich wichtig, deswegen kritzelte ich auf der Seite meines Heftes herum. Als ein Mädchen, dessen Stimme mir irgendwie verdammt bekannt vor kam, einen Vortrag hielt drehte ich mich um und schaute in das Gesicht von dem Mädchen, dass mich heute Morgen so angefaucht hatte. Erschrocken drehte ich mich wieder nach Vorne und bekam Gänsehaut. Ich war also mit dieser arroganten super Zicke in einem Englischkurs und nun konnte der Tag nur noch besser werden, dachte ich finster und rieb mir meine Schläfe.
Plötzlich spürte ich einen heftigen Stich im Rücken und erstarrte. Das Stechen hörte nicht auf, als drehte ich mich um und wollte wissen, ob mir jemand, vielleicht war es die Zicke, ein Messer in den Rücken gerammt hatte. Doch alle schauten auf ihre Hefte, außer einer. Es war ein Junge, er hatte schwarze Haare und eisblaue Augen. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich hatte das Gefühl, als würden seine Augen auf einmal gelb leuchten. Entsetzt drehte ich mich wieder nach vorne und versuchte mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Erfolglos, meine Gedanken schweiften immer wieder zu dem Jungen ab. Vielleicht konnte ich nach der Stunde ja noch ein bisschen länger bleiben um noch mal einen Blick auf seine Augen zu erhaschen und mich zu vergewissern ob sie wirklich gelb geschimmert hatten. Normalerweise hätte das nicht sein dürfen. Eigentlich hätte sie einfach nur blau sein sollen und nicht dieses gelbe aufleuchten. Es konnte natürlich sein, dass ich es mir eingebildet hatte. Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie gehabt, deswegen wurde ich auch schon hin und wieder aufgezogen und ausgelacht. Doch ich stand dazu und würde es auch heute noch tun.
Das Klingeln war wie eine Erlösung und ich packte langsam meine Sachen zusammen und holte meinen Stundenplan heraus um zu sehen, welche Stunde ich als nächtest hatte. Als es schon fast wieder zur nächsten Stunde klingelte erhob ich mich und stieß mit einem Jungen zusammen.
„Uff.“, ich ließ mich zurück auf meinen Stuhl plumpsen. Mein Kopf schmerzte und mir war schwindelig. „Tut mir leid.“, begann ich doch ich hörte nur ein Lachen.
„Macht nichts. Mir tut es leid. Ich wollte dich nicht überrennen.“, er lächelte mich an und ich wurde rot. Mein Herz raste wie eine Dampflock und meine Knie wurden weich. „Ich bin Jack.“, er hielt mir seine Hand hin und ich ergriff sie.
„Elonore.“, sagte ich schüchtern und war total fasziniert von seinen weichen Gesichtszügen. Aus der Nähe sah er noch besser aus, als aus der Ferne. Als ich ihm in die Augen schaute waren sie blau. Ein ganz normales blau ohne jegliches Anzeichen von gelb. Das bestätigte meinen Verdacht, dass ich mir das gelbe schimmern nur eingebildet hatte. Ich sollte wirklich mal langsam etwas dagegen tun, sonst würde ich noch in einer Irrenanstalt landen, so wie mein Vater.
„Was hast du als nächstes?“, fragte er und wir verließen zusammen den Raum.
„Chemie. Ich glaub ich weiß den Weg.“ Steve war in die Richtung gerannt, weil er schon verdammt spät dran war.
„Ich hab Physik, das ist im gleichen Flur. Wäre es schlimm wenn ich dich begleite?“, wieder dieses bezaubernde Lächeln. Anstatt irgendeine Antwort zu geben, nickte ich nur und ging, den Blick auf den Boden gerichtet, in Richtung Chemieräume.
„Vielleicht sieht man sich beim Mittagessen.“, sagte er noch und verschwand dann in der Tür gegenüber. Und so ging es weiter. Nach Chemie hatte ich Politik und Französisch. Als es dann zur Mittagspause klingelte, packte ich meine Sachen in meinen Spint und nahm mir nur mein Portemonnaie und verschwand in Richtung Cafeteria.
Eine lange Schlange von Schülern stand an der Essensausgabe und ich hatte wenig Lust mich dort mit an zu stellen, tat es aber dann doch, weil mein Magen laut knurrte. Heute Morgen hätte ich vielleicht etwas essen sollen, aber nun war es zu spät.
„Der Nudelsalat sieht aus wie wieder ausgekotzt.“, erschrocken fuhr ich herum. Steves lachendes Gesicht schaute in meines. „Kleiner Scherz, aber besonders appetitlich sieht der nicht aus.“
Ich musste lachen und als mir die Frau einen Teller davon reichte, wehte mir ein etwas gammeliger Geruch entgegen. Aber ich nahm an, dass er von der dicken Frau kam. Ihre Zähne sahen nicht sehr gepflegt aus. Da verging mir sogar der Hunger auf den lecker riechenden Nudelsalat. Ich wartete noch kurz auf Steve der uns dann einen freien Tisch suchte.
„Ganz alleine? Ohne deine Freunde?“, fragte ich verblüfft und setzte mich hin.
„Natürlich hat er Freunde.“, flötete eine weibliche Stimme hinter mir und ich drehte mich um. „Stell uns vor, Steve.“ Erwartungsvoll schaute sie mich an, ich lächelte zaghaft.
„Lisa – Elonore. Elonore – Lisa.“, er wedelte kurz mit der Hand und schaute dann noch mal hoch. „Sieh dir das an. Kaum hat sie von Nik nen Korb, schon macht sie sich an den nächsten ran. Jack tut mir irgendwie total leid.“ Als er Jacks Namen erwähnte wurde ich hellhörig.
„Wer ist sie?“, fragte ich und drehte mich um.
„Mia unsere neue High School Queen.“, schnaubte Lisa und biss in ihren Apfel. Da fand mein suchender Blick die beiden und ich wär am liebsten im Boden versunken. Es war ganz offensichtlich, dass sie etwas von ihm wollte, doch Jack war abweisend. Fast erleichtert sah ich, wie er ihrem tätscheln auswich und in unsere Richtung kam. Mia folgte ihm wie ein Magneten und als sie bei unserem Tisch angekommen war, war sie im Begriff sich hinzusetzten.
„Du willst dich doch jetzt nicht tatsächlich hier her setzten?“, empört hob Lisa eine Augenbraue und ich heftete meinen Blick auf mein Essen. Ich stocherte darin herum und spürte den vernichtenden Blick von Mia auf mir ruhen. Wie konnte sie so schnell jemanden hassen, sie kannte mich doch noch nicht mal! Wütend zog ich meine Augenbrauen zusammen und nahm eine Nudel in den Mund. Völlig beschäftigt mit dem Essen, hörte ich nicht weiter zu was sie sagten, sondern bekam nur mit, dass sie sich dann davon machte. An einen total überfüllten Tisch.
„Die ist ja grauenhaft.“, war alles was ich sagte. Komischerweise brachte das alle zum Lachen und ich schaute mich verwundert um. Ich war noch nie eine wirkliche Spaßbombe gewesen.
„Du hättest sie mal hören sollen. Sie wäre fast auf Knien vor mir her gerutscht um mich um zustimmen.“, lachte Jack und dabei begegneten seine Augen meinen. Plötzlich blinkten sie gelb auf. Doch so schnell es erschienen war, war es auch wieder verschwunden. Blinzelnd schaute ich ihn an, ich war wirklich nicht im Stande irgendwas zu sagen. Hatte ich mir das nun schon wieder eingebildet?
Jack runzelte die Stirn, als ich bemerkte, dass ich ihn noch immer anstarrte. Schnell senkte ich meinen Blick und betrachtete meine Hände die die Tischkante fest umklammerten.



Jack


Innerlich stöhnte ich auf, als ich einen Tritt von Lisa gegen mein Schienenbein erhielt. Sofort wusste ich was los war. Meine Augen hatten gelb geschimmert und die Neue, Elonore, hatte es gesehen. Meine Eckzähne schmerzten heftig und ich schluckte kraftvoll. Man hört ja immer so vieles über Vampire und ähnliches, aber hat mal jemand darüber nach gedacht, dass das alles Wirklichkeit ist? Naja, nicht das ich ein Vampir wäre, aber ich komme – wie einige es nennen würden – aus der lebhaften Fantasie eines verrückten Menschen. Die Tatsache ist, dass ich eine Art Gestaltwandler bin. Ich verwandle mich in einen Panther, wenn ich will, aber wenn die Gefühle mit mir durchgehen, dann fällt es mir schwer das Tier in mir zurück zu halten. Man erkennt es an dem gelben Schimmer in meinen Augen und die etwas längeren und spitzeren Eckzähne. Doch es fällt keinem Menschen auf, wenn er nicht genau darauf achtet. Doch Elonore scheint sehr aufmerksam zu sein. Ich beschloss also mich in ihrer Gegenwart vorsichtig zu benehmen.
Die Stelle wo Lisa gegen getreten hatte, pocherte noch ein bisschen, als trat ich zurück, aber ich verfehlte sie. Höhnisch grinste sie mich an und streckte mir ihre Zunge raus.
„Sie scheint also ziemlich auf dich abzufahren, Jack.“, schmunzelte sie und guckte wieder auf die Tischplatte. Der Tisch zitterte leicht, als ihre kleinen Hände sie fest umklammerten. Ihr Puls raste, dass konnte ich sehr gut hören.
Ich spürte den schmollenden Blick von Mia in meinem Rücken und erstarrte. Es war mir ein leichtes gewesen ihr abzusagen, doch ihr verletzter Blick hatte mir doch ein schlechtes Gewissen verursacht. Vielleicht sollte ich doch zusagen, aber Lisa und Steve wären dann sauer.
Während ich Elonores kleine Hände betrachtete, hörte ich Mias Stimme durch den ganzen Raum. So deutlich, als würde sie neben mir stehen.
„Weißt du, ich habe wirklich gedacht, er würde mir eine Chance geben.“, sagte sie leise zu ihrer Freundin Kathy. „Bin ich wirklich so hässlich?“
„Nein, Quatsch. Der Typ hat einfach keinen Geschmack, Süße. Schau dir Nick an, er scheint an dir interessiert zu sein, wieso gibst du seinem werben nicht nach?“, Kathys Stimme hörte man an, dass sie es eigentlich keine so gute Idee fand, dass Mia Nicks werben nachgeben sollte.
„Nik? Pah, der lässt doch jedes Mädchen gleich wieder fallen. Nein ich will Jack, er ist so süß.“, schnurrte sie und ich presste meine Lippen aufeinander. Wie ich ihr schwärmen hasste.
„So Leute, ich geh jetzt zu meinem nächsten Kurs.“ Elonore erhob sich und schulterte ihren Rucksack. Ein kurzes Lächeln erschien auf ihren Lippen und dann drehte sie sich weg und eilte zügig davon.
Seufzend ließ ich mein Gesicht in die Hände sinken und biss mir auf die Zunge.
„Ich kann mir nicht erklären, warum ausgerechnet DU die Beherrschung verlierst. Du bist sozusagen der erste von uns hast also mehr Erfahrung und die beste Selbstbeherrschung, aber wieso schaffst du es nicht bei IHR?“ Lisa schaute mich mit hochgezogener Augenbraue an und schürzte die Lippen.
Ich schnaubte und stand auf. „Wir sehen uns nachher.“, damit ging ich zu meinem Philosophiekurs.
Während Miss O’Shamble herum philosophierte und ein anderer Junge mit ihr diskutierte was die Vor- und Nachteile des Filmes ‚Das Experiment‘ waren, schaute ich nach draußen und dachte nach. Eigentlich wollte ich darüber nachdenken ob ich Mia eine Chance geben sollte, aber es schob sich immer Elonores Gesicht vor mein inneres Auge. Irgendwann kniff ich leicht genervt die Augen zu, als Miss O’Shamble mich aufrief einen Text vor zu lesen.
„Wie ich sehe haben Sie dem Unterricht nicht mit ganzen Ohr zu gehört, Jack.“, spöttisch hob sie eine Augenbraue hoch und ich erstarrte auf meinem Stuhl. „Vielleicht können Sie das eben verpasste in einer extra Stunde nachholen und dann einen kleinen Aufsatz darüber schreiben.“, süß lächelte sie mich an und ich zwang mich nicht die Hände zu Fäusten zu ballen. Ja, diese Frau hasste mich seitdem ich einmal eine heftige Diskussion mit ihr darüber führte ob es Gott wirklich gab oder nicht.
„Miss O’Shamble ich weiß ja wie sehr Sie ihr Unterrichtsfach lieben, aber ich würde Sie wirklich darum bitten es einfach sein zu lassen ständig auf den Schülern herum zu trampeln.“, sagte ich freundlich zu ihr und musste mir ein Lächeln verkneifen.
„Mister Donavin verlassen Sie jetzt sofort meinen Unterricht!“, keifte sie und zeigte auf die Tür. Die Klasse hinter mir kicherte, als ich eine Verbeugung machte und raus auf den Flur trat.
Jetzt fühlte ich mich gut, weil ich unserer Lehrerin mal wieder die Stirn geboten hatte, aber ich wusste das ich innerhalb der nächsten Stunde in einem Schuldgefühl ertrinken würde. Also suchte ich mir in der Nähe der Sporthalle einen gemütlichen Platz und wartete darauf, dass der Unterricht endete.
Während ich so da saß und an die weiße Wand starrte, schob sich Elonores Gesicht vor mein inneres Auge. Wütend schüttelte ich den Kopf. Wie konnte ich jetzt nur an SIE denken, fragte ich mich im Stillen und schaute weiter auf die weiße Wand. Schnaufend rieb ich mit meinen Händen über mein Gesicht und schaute mich nach einer Uhr um. Noch eine halbe Stunde.
Ich holte mein Englischheft heraus und machte mich daran die Hausaufgaben zu machen. Während ich mich kopfschüttelnd daran machte die Aufgaben zu lösen. Die halbe Stunde verging so wie im Flug und ich war erleichtert, als die Schulklingel das Ende ankündigte. Ich packte die Sachen zusammen und verschwand in der Jungenkabine. Den Code meines Spinds hier, war der gleiche wie bei meinem normalen Schließfach auf den Gängen der High School.
Ich holte das Shirt und die Shorts raus und stopfte meinen Rucksack und die anderen Klamotten herein. Währenddessen kamen die anderen Jungs schon. Unter ihnen Nik, der Mädchenschwarm der Schule.
Der Coach teilte uns in zweier Paare ein. Wir spielten Basketball und sollten die Deckung üben.
„Jack du machst mit Sylvia zusammen und Nik du schnappst dir Elonore und übst mit ihr.“, sagte er und teilte die Anderen weiter ein. Mein Blick zuckte unwillkürlich zu Elonore. Als würde sie meinen Blick gespürt haben, schaute auch sie mich an. Ihre großen jadegrünen Augen wirkten kindlich und groß, sodass ein Sturm aus Gefühlen durch meinen Magen wirbelte. Dann trat eine kleine Falte zwischen ihre Augenbraun und sofort wusste ich, dass der gelbe Schimmer in meinen Augen zu sehen gewesen war.
Verdammt! Wütend schnappte ich mir einen Basketball und lief auf die andere Seite des Feldes.
Nik und Elonore mussten nah beim Coach bleiben, damit er sich einen ersten Eindruck verschaffen konnte. Während Sylvia immer wieder ihren Ball an mich verlor, schaute ich ab und zu, zu Nik und Elonore rüber. Der Coach war mittlerweile weiter gegangen und schaute den anderen zu. Als ich sah, wie Nik und Elonore sich lachend den Ball zu warfen, hätte ich Nik am liebsten den Hals umgedreht. Als sie dann auf ihn zu lief und an ihm vorbei wollte um einen Korb zu werfen, schlang er ihr einen Arm um die Taille und drehte sie abrupt weg. Lachend verlor sie das Gleichgewicht und stürzte. Nik fiel auf sie und der Ball krachte gegen die Korbwand.
Plötzlich zuckte ein stechender Schmerz durch meinen Kopf und ich hörte wie Sylvia sich entschuldigte. Der Ball schlug mehrmals auf dem Boden auf, bevor er still liegen blieb.
„Elonore! Nik! Weiter machen!“, brüllte der Coach. „Jack, mach deine Augen auf!“, damit hetzte er aus dem Raum in sein Büro.
Elonores Blick spürte ich ab jetzt die ganze Zeit auf mir. Es weckte in mir ein kribbelndes Gefühl, dass ich zu unterdrücken versuchte. Doch es gelang mir genauso gut, wie wenn man versucht sich das Herz selbst aus der Brust zu reißen. Also gar nicht.
Am Ende der Stunde zog mich in Windeseile um. Lisa und Steve warteten sicher schon auf mich, also beeilte ich mich. Ich holte noch schnell mein Mathebuch und raste zum Haupteingang. Dort standen Nik und Elonore. Die Beiden unterhielten sich und warteten auf irgendetwas. Erst als ich durch die Tür getreten war, wusste ich auch weshalb. Es regnete wie ein Wasserfall und auf dem Boden bildeten sich meterlange Pfützen. Angestrengt verbarg ich ein Grinsen und wollte in den Regen trete, als Elonore mich ansprach.
„Willst du nicht lieber warten bis der Regen sich verzogen hat?“, ihre grünen Augen musterten mich und blieben dann an meinen Augen hängen. Reiß dich zusammen, ermahnte ich mich und zuckte die Achseln.
„Ich bin nicht so Wasserscheu wie manch andere.“, mein Blick zuckte zu Nik und dann drehte ich mich um und stapfte davon. Angestrengt lauschte ich auf ihre Worte.
„Mach dir nichts draus, Jack war schon immer etwas bescheuert.“, Nik lachte und ich drehte mich herum. Elonore schaute mich an und verzog nur leicht einen Mundwinkel.
„Ich find ihn eigentlich ganz nett. Er hat heute wahrscheinlich nur einen schlechten Tag.“, meinte sie dann und schaute zu Nik. Leise fügte sie hinzu „Immerhin ist er nicht ganz so ein Arschloch wie du.“ Darauf musste ich lachen, das Mädchen hatte es wirklich drauf. Dann sah ich meinen Transporter in dem Lisa und Steve schon ungeduldig warteten.
„Nicht jeder hat so unendlich viel Zeit wie du, Jack Donavin!“, blaffte Lisa mich sofort an, als ich die Fahrertür öffnete und einstieg.
„Wenn du es so eilig hast, dann laufe doch. Wärst du schon längst da.“, gab ich nur zurück und startete den Motor.
„Es regnet! Da lauf ich doch nicht draußen rum!“, zischte sie zurück und kniff die Augen zusammen. Theatralisch verdrehte ich die Augen und fuhr aus der Lücke heraus.
Dann trat ich das Gaspedal durch und raste vom Schulparkplatz. Ein letzter Blick in den Rückspiegel zeigte mir, dass Nik und Elonore schon weg waren. Vielleicht würden wir sie ja unterwegs sehen und mit nehmen können?
Wütend biss ich mir auf die Zunge, als ich sie von weitem sah.
„Halt an!“, rief Steve und ich trat auf die Bremse. Lisa kurbelte das Fenster runter und rief Elonore.
„Wir können dich mit nehmen.“, sagte sie lächelnd und winkte sie her. Kurz zögerte Elonore, dann kam sie eilig auf den Transporter zu und stieg hinten zu Steve ein.
„Danke.“, sagte sie außer Atem und wischte sich die tropfenden Haare aus dem Gesicht. Irgendwie sah sie richtig niedlich aus.
„Ist dir kalt?“, fragte ich plötzlich und erstarrte. Lisa und Steve schauten mich prüfend an und Elonore nickte. Während ich fuhr zog ich meine schwarze gefütterte Lederjacke aus und reichte sie ihr nach hinten.
„Macht es dir was aus, wenn sie nass wird?“, fragte sie und vermied es meinen Blick durch den Rückspiegel zu erwidern.
„Nein.“, ich lächelte und fuhr weiter.
Ich bog in die Stadt ab und fuhr dann durch ein paar Seitenstraßen und hielt schließlich vor dem Heim. Elonore zog sich umständlich die Jacke aus und reichte sie mir dann nach Vorne.
„Danke.“, sagte sie lächelnd und stieg dann aus. Sie ließ mir nicht einmal Zeit ihr Tschüss zu sagen. Seufzend legte ich die Jacke über meinen Schoß schaute ob sie ins Heim ging und als sie darin verschwunden war fuhr ich wieder los.
„Du magst sie.“, sagte Lisa gerade.
„Nein.“, kam es von mir.
„Vielleicht.“, hörte ich Steve leise sagen und drehte mich zu Lisa um. Sie schaute nach hinten zu Steve, der aus dem Fenster schaute und ziemlich ruhig war.
„Vielleicht ein bisschen sehr, was?“, fragte ich scherzhaft und biss mir auf die Zunge. Ein Stich in meinem Bauch lies mein Lächeln verblassen und so schaute ich starr auf die Straße. Warum war es mir nicht egal, dass Steve auf dieses Mädchen stand? Wer war sie denn schon?
Da sie sich aber immer in meine Gedanken schob, entschloss ich mich sie zu ignorieren und so zu tun, als wäre ich auf Mia scharf.

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Texte: Alle Rechte liegen bei mir.
Tag der Veröffentlichung: 23.08.2010

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