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Kapitel 1

Grundregel Nummer: 1

 

 

Jeder kommt irgendwann an den Punkt, an dem man zum ersten Mal auf sein Leben zurückblickt. Man hinterfragt sich. Hat man alles richtig gemacht, oder hätte man einen anderen Weg einschlagen sollen? Man reflektiert sich selbst, seine Entscheidungen und deren Konsequenzen ...

 

Ich schließe die Wohnungstür auf, stelle meine Aktentasche neben das Schuhregal, öffne meine Schuhe, die man wohl als sportlich bezeichnen würde und parke sie davor. Meinen dunkelgrauen Mantel und den schwarzen Schal, der locker um meinen Hals liegt, lasse ich unberührt.

Ich gehe den langen Flur entlang und bleibe an der offenen Küchentür stehen. Ein einsamer Zettel liegt auf dem Küchentisch. DIN A4. Halb gefaltet. Ich überfliege ihn und lege ihn wieder zurück. Nächster Halt: Kühlschrank. Zeit für ein Bier. Ich schnappe mir eins und mache mich auf den Weg durchs Wohnzimmer in Richtung Balkon. Vorbei an den gemeinsam gekauften Möbeln. Vorbei an den gemeinsamen Bildern. Vorbei an dem Ort, an dem wir so viele schöne Stunden verbracht haben. Vorbei. Ein sehr treffendes Wort für meine Lage.

Ich schlüpfe in meine Schlappen, die immer ordentlich vor der Balkontür liegen und gehe hinaus. Es ist 21 Uhr. So wie es aussieht, wird es eine sternenklare Dezembernacht. Es ist bitterkalt. Und ruhig. Kleine, glitzernde Kristalle haben sich auf dem Balkongeländer gebildet. Ich mag diesen Anblick. Und die Ruhe. Es gibt nicht viele Dinge, die besser sind als Ruhe.

Ich greife in die rechte Hosentasche meiner Jeans, hole die Schachtel Zigaretten heraus und zünde mir eine an. Ein Bier, eine Zigarette, Kristalle und Ruhe. Beste Voraussetzungen, um nachzudenken ...

 

Im Grunde wusste ich schon immer ganz genau, was ich wollte. Eine Frau, die mir genauso viel bedeutet wie ich ihr. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr, als mir das erste Mal überhaupt das andere Geschlecht als solches aufgefallen war, ist dies mein größter Wunsch. Ein passendes weibliches Gegenstück zu finden. Eine, die für mich da ist, mir Sicherheit und ein Gefühl von Glückseligkeit gibt. Eine Frau, der ich soviel Wert bin, dass sie dazu bereit ist, mich in ihr Leben zu lassen, und mir ihre kleine Welt offen legt.

Doch leider ist die Umsetzung nicht ganz so einfach, denn genau das, erwartet sie, sofern man sie jemals findet, auch von einem selbst.

Und genau da, liegt der Hund begraben ...

 

Jeder kommt irgendwann an den Punkt, an dem man zum ersten Mal auf sein Leben zurückblickt. Und in der heutigen Nacht lasse ich mein Leben Revue passieren …

 

Vor 10 Jahren war ich 24 Jahre jung, beendete gerade mein Studium in Psychologie und machte mir keinerlei Gedanken über die Zukunft. Ja, ich habe Psychologie studiert. Ich wurde in meinem Leben des Öfteren mit einer bestimmten Frage konfrontiert.

Was, du hast Psychologie studiert? Das ist ein Scherz? Du?“

Okay, genau genommen waren es drei. Aber nein, es war kein Scherz. Ich habe tatsächlich Psychologie studiert.

Was ein wenig Paradox war, das gebe ich zu. Ich empfand die Frage daher nie als lästig, sondern vielmehr als absolut legitim und nachvollziehbar.

Schließlich war ich gefühlskalt und egoistisch. Unaufrichtig und unfair. Ein Lügner. Einer, der sich alles so zurechtlegte, dass es passte.

Mit Liebe hatte ich nicht viel am Hut. Ich kannte sie nur aus Filmen. Oder Märchen. Oder den Erzählungen von Freunden und Bekannten.

Aber damit ging es mir gut. Ich lebte in den Tag hinein und hatte buchstäblich keinerlei Sorgen. Dies sollte sich allerdings ändern als mir meine damalige Freundin Larissa eine Frage stellte ...

 

“Hast du denn schon ein Geschenk für Larissa?”, fragt sie und klimpert mit den Augen, während sie durch ihre langen goldblond gefärbten Haare streift.

 

Um das zu erklären, Larissa sprach gerne in der dritten Person. Und nein … dies war noch nicht die Frage, die mir Sorgen bereiten sollte.

 

“Natürlich”, antworte ich und tue so, als ob es sich doch von selbst versteht, dass ich dahingehend bestens vorbereitet bin.

Was ich allerdings nicht bin. Lügen, beziehungsweise das herausreden aus mir unangenehmen Situationen, kann ich gut.

“Sehr schön”, sagt sie und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. “Was ich dich aber eigentlich fragen wollte ...”

Ich ahne schon, was jetzt für eine Frage kommt. Keine einfache Frage. Nein! Eine mir unangenehme Frage. Sie wird darum betteln, mal wieder zusammen auszugehen. Essen oder Kino. Herrgott, wieso können wir nicht alles so beibehalten wie es ist? Abends zusammen finden, miteinander schlafen, Fernsehen, vielleicht noch mal miteinander schlafen, um dann zufrieden, eingekuschelt einzuschlafen. Ist das zu viel verlangt? Es funktioniert doch. Mehr oder weniger konstant, über nunmehr 6 Jahre. Warum sollte man daran etwas ändern?

“... da du jetzt fertig bist mit dem Studium, und wir auch schon seit einigen Jahren zusammen sind, da dachte ich mir ... na ja ... es wäre vielleicht an der Zeit zusammen zu ziehen?”

 

Einer meiner Professoren hatte immer gesagt ...

 

„Leute, genießt die Studienzeit, die wahren Probleme beginnen danach.“

 

Und er sollte recht behalten. Kaum war mein Abschluss zwei Wochen alt, da hatte ich auch schon mein erstes Problem.

 

„Larissa“, sage ich und nehme ihre Hände in meine. „Du weißt doch, was ich für dich empfinde.“

Sie schaut zu mir auf und nickt. Gut, sie weiß es also nicht. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. Ich habe früh gelernt, dass solch ein Kuss, die Fähigkeit besitzt, ein unangenehmes Gespräch hinauszuzögern, es gar komplett im Keim erstickt.

„Das ist ein großer Schritt“, sage ich. „Lass uns da später noch mal darüber reden.“

 

Es gab jedoch dahingehend nichts zu bereden, denn ich wohnte bereits seit Kurzem mit jemandem zusammen. Mit Eric. Meinem besten Freund ...

 

„Also, kannst du mir da jetzt mal helfen?“, frage ich in der Badezimmertür stehend. Eric hat soeben seinen Duft aufgelegt und tauscht jetzt das Parfüm gegen eine Tube Haargel aus.

„Alter, was soll ich dazu sagen?“ Ein Geruch von kühler frische mit einem Hauch süß-würzigem sammelt sich in der Luft.

„Du könntest mir ja mal einen Rat geben, wie ich aus dieser Zusammenziehen-Geschichte herauskomme.“

„Wie wäre es mal mit der Wahrheit? … dass du mit mir zusammen wohnst?“

„Ach ... dann fragt sie mich wieder, warum ich ihr das nicht erzählt habe, warum ich sie anlüge und so`n Zeug, das gibt nur unnötig Stress.“

„Das bringt die Wahrheit halt manchmal so mit sich“, meint Eric und drückt einen Klecks Gel aus der Tube, mit dem Aufdruck, Stufe 5, extra Stark, in seine Hand.

„Richtig und deswegen lehne ich sie in diesem Punkt ab.“

„Dann mach halt Schluss!“

„Was?“

„Ja, ich frag mich schon seit Jahren, warum du es nicht einfach beendest?“

„Warum, ernsthaft? Du fragst warum?“

Er schaut mich grinsend durch den Badezimmerspiegel an und meint: „Weil du Sex beko ...“

„Ja genau, weil ich Sex bekomme. Das möchte ich ungern aufgeben.“

„Wie auch immer“, sagt er, kommt auf mich zu und legt seine Hand auf meine Schulter. „Du machst das schon.“

„Was Besseres hast du nicht? Ein stupides `du machst das schon`?“, äffe ich ihn nach und folge Eric ins Wohnzimmer.

„Ja, mehr bekommst du nicht. Und außerdem habe ich jetzt keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen“, erklärt er und schaut auf sein Smartphone.

„Und warum nicht?“

Eric deutet auf sein Äußeres. „Denk in Ruhe nach, du kommst bestimmt von alleine drauf.“

Ich kratze an meinem 5 Tage Bart und nehme ihn unter die Lupe: Hellblaue Jeans, graues Hemd. Er ist frisch geduscht, und einparfümiert. Seine vollen, pechschwarzen Haare liegen perfekt. Eric hat wirklich tolle Haare. Da beneide ich ihn ja ein wenig drum. Aber dafür wächst ihm kein Bart. So gleicht sich eben alles aus.

„Nein tut mir leid“, erwidere ich. „Keine Ahnung was du mir sagen willst.“

„Ich bin mit Susi verabredet. Hatte ich dir erzählt“, motzt er.

„Oh ... ja richtig ... großartig. So kannst du gehen.“

„Danke. Und was das mit Larissa angeht: Sie übertreibt pausenlos. Was, mal ehrlich, auf Dauer echt nervig ist. Sie ist egoistisch und redet ständig in der dritten Person. Wer macht so etwas? Außerdem beleidigt sie deine Freunde. Und als wäre das noch nicht genug, darfst du nicht mal in Ruhe mit mir ein Bier trinken gehen.“

„Ach komm, so schlimm ist sie jetzt auch nicht.“

„Mensch Neven, das waren deine eigenen Worte. Euch verbindet doch gar nichts, außer, dass ihr jeden Abend das gleiche Bett teilt. Was ich übrigens überhaupt nicht verstehe. Wir wohnen jetzt seit 3 Wochen hier und trotzdem fährst du noch jeden Abend 30 Kilometer zu ihr. Nur damit du nicht alleine Schlafen musst. Also, mir wäre das zu blöd, aber das ist deine Sache.“

„Um genau zu sein, sind es sogar fünfzig. Aber ...“

„Da gibt’s kein aber. Du magst sie doch gar nicht. Du hast genauso viel Interesse an ihr wie an diesem Stift hier“, meint er und greift nach seiner dunkelblauen Sweatjacke, die über dem Sessel liegt.

„Warum hat sie auch mit diesem ganzen künstlichen Scheiß angefangen? Die Fingernägel, die Wimpern, und dieser ganze Kleister im Gesicht. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass ich was mit 2 Frauen habe, und beide waren nervig. Und was das alles gekostet haben muss. Für das Geld hätten wir ein paar ordentliche Titten bekommen.“

Eric öffnet die Wohnungstür, zieht seinen Schlüssel aus dem Türschloss und zwinkert mir zu. „Das ist gut. Genau das solltest du ihr sagen.“

 

Eric war auf dem Weg zu seiner Verabredung. Und ich? Ich versuchte mir darüber klar zu werden, wie das mit Larissa weiter geht. Ich setzte mich auf die Couch, nahm ein Blatt Papier und erstellte eine Pro- und Contra- Liste.

Wie ich solche Listen, in Bezug auf Beziehungen, heute verabscheue.

Als ich fertig war, befanden sich auf der Pro- Seite eher Eigenschaften und Aktivitäten, die nicht jugendfrei waren. Schande über mein Haupt, aber mal ehrlich, ich war 24. Und auf der Contra- Seite? Stur, eifersüchtig, intolerant. Alles Charakterzüge, die mir nicht gefielen, mit denen ich mich aber hätte arrangieren können. Schlimmer war allerdings die Tatsache, dass Larissa mit mir zusammen ziehen wollte. Ich war daher fest entschlossen, die Geschichte zu beenden. Es gab dabei nur ein Problem: Ich war furchtbar schlecht im Beenden von Beziehungen. Gerade als ich mir die richtigen Worte zurechtlegen wollte, klingelte mein Telefon ...

 

„Neeeeeeeeven“, tönt es euphorisch vom anderen Ende der Leitung.

„Stephan“, erwidere ich nüchtern.

„Was treibst du? Kommst du mit in die Sporthalle?“

Um Missverständnisse zu vermeiden. Es ist keine Sporthalle im eigentlichen Sinne. Also, an sich ist es schon ein Gebäude, in dem Mal Sport getrieben wurde. Jedoch wurde es umgebaut und dient seitdem als Café. Oder Restaurant. Na ja, wie man es nimmt. Es gibt einen ruhigen grünen Außenbereich, und innen, neben einer zehn Meter langen Bar, noch mehrere Sofas und Sessel, auf denen man es sich bequem machen kann. An den Wänden hängen sogar noch einige Basketballkörbe. Auch der alte Parkettboden ist noch erhalten und soll zusätzlich symbolisieren, dass hier mal Sport getrieben wurde.

Ich schaue auf den Couchtisch vor mir. Eigentlich bin ich ja soweit durch. Ich schiebe meine Zettellage beiseite und antworte: „Ja, ich komme mit.“

„Schön, in dreißig Minuten da. Ich freu mich.“

 

In der Turnhalle angekommen, saß Stephan bereits an einem Tisch und wartete auf mich ...

 

„Hey, ich hab schon drei Bier organisiert. Wo ist Eric? Wollte er nicht mit?“

„Er hat eine Verabredung.“

„Stimmt, das war heute. Na gut, dann gehen wir eben nur zu zweit auf die Pirsch“, sagt Stephan, schaut durch den Saal und reibt sich dabei die Hände.

„Auf die Pirsch?“

„Es ist eine Art der Jagd, bei der versucht wird, durch möglichst lautloses Durchstreifen eines Jagdreviers Wild aufzuspüren. Wir sind nie laut, wenn wir Frauen ansprechen. Schau mal da!“, fordert er mich auf und deutet dabei auf einen Tisch, der ein paar Meter von uns entfernt steht.

Ich schaue kurz hinüber und dann gleich wieder zu Stephan.

„Was ist los?“

„Ich bin heute irgendwie nicht in Stimmung“, erkläre ich und nippe lustlos an meinem Bier.

„Ohhh, hattest du einen harten Tag?“, fragt er, beugt sich nach vorne und tätschelt mir über den Arm. „Ich bin endlich wieder bereit, Frauen kennenzulernen, und du bist nicht in Stimmung?“

„So ist das manchmal.“

„Lass mich raten, es geht mal wieder um Larissa, richtig?“

Ich nicke.

„Du hast eine Freundin“, sagt er und imitiert dabei Anführungszeichen. „Na und? Das hat dich doch sonst auch nicht gestört!“

„Was soll die Geste?“

„Welche Geste?“

„Die Anführungszeichen. Ich habe sehr wohl eine Freundin.“

„Hast du nicht! Das ist keine Beziehung. Du fährst abends zu ihr und morgens, direkt nach dem aufstehen, haust du wieder ab. Hat Eric mir erzählt. Selbst in einer Affäre unternimmt man mehr.“

„Das er immer über alles reden muss.“

„Neven, selbst wenn er es nicht getan hätte. Solange wir uns kennen, ist das doch keine Beziehung mehr. Es ist nicht mal mehr eine Freundschaft mit Zulage. Denn das würde bedeuten, dass ihr euch wenigstens zwischenmenschlich versteht, was ihr nicht tut. Lass es einfach gut sein.“

„Warum sollte ich? Ich habe lieber eine pisswarme Cola im Kühlschrank als gar keine.“

Stephan schaut verwirrt.

„Pisswarm? Was? Sie steht doch im Kühlschrank. Die Metapher ist völlig unlogisch.“

„Der Punkt ist“, sage ich und lehne mich vor. „Ich habe hin und wieder Durst. Und im Zweifel nehme ich dann etwas, was mich zwar nicht ganz so erfrischt, aber dennoch seinen Zweck erfüllt.“

„Lass das mit den Metaphern bitte, du bist scheiße darin.“

„Auf einem anderen Weg kann man es euch ja nicht begreiflich machen. Irgendwie scheint ihr alle ein Problem mit Larissa zu haben.“

„Du etwa nicht?“, fragt er und schmunzelt. „Okay, Scherz beiseite, dir fällt es schwer das mit Larissa zu beenden und das ist okay. Aber das ist nicht so, weil du Gefühle für sie hast, oder wie auch immer du das bezeichnest, was in dir drin ist. Es ist Gewohnheit. Hinzu kommt, dass das was du mit Larissa hast, einfach für dich ist. Du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, was wäre, wenn sie auf einmal weg ist, denn es wäre dir egal. Sie kann dir nicht wehtun. Was sie auch tun würde, nichts würde dich verletzten. Was ich damit sagen will, ist, genau das oder besser gesagt, genau sie, wird dich nicht glücklich machen.“

Eines muss ich Stephan ja lassen. Eric ist zwar mein bester Freund. Aber niemand, hat auch nur annähernd solch ein Verständnis dafür, was in mir vorgeht.

„Und eigentlich müsste ich es nicht erwähnen, weil es genug andere Argumente gibt, aber vergiss nicht, es ist eine Jugendbeziehung. Alter, Grundregel Nummer eins.“

 

Die Grundregeln. Klischeehafte Behauptungen und Thesen, gepaart mit teils wilden Theorien. Und doch besitzen sie alle einen Hauch Wahrheit. Die eine mehr, die andere weniger.

 

„Ich wünschte, Theresa wäre mitgekommen“, sage ich. „Ich hätte gern mal eine weibliche Meinung dazu gehört.“

„Das ist zur Zeit schlecht. Seitdem sie ihren neuen Freund hat, bekomme ich sie auch nur noch selten zu Gesicht.“

„Hast du ihn mal kennengelernt?“

„Zweimal hat sie ihn mitgebracht. Ist so ein Aha-Typ.“

„Ein Aha-Typ?“

„Ja oder ein Hm-Typ. Einer, bei dessen Aussagen du immer mit einem sehr emotionslosem 'aha' oder 'hm' antwortest.“

„Achso, einer von denen, dessen Meinung du nicht teilst, weil sie schwachsinnig ist oder dich nicht interessiert und du aus reiner Höflichkeit das Offensichtliche nicht ansprichst.“

„Hm“, flachst Stephan, woraufhin wir uns gegenseitig angrinsen.

 

Am nächsten Morgen saß ich auf der Wohnzimmercouch und zappte durchs Fernsehprogramm, als Eric aus seinem Zimmer kam ...

 

„Du bist schon wach? Ging wohl gestern nicht lange. Mach dir nichts draus, jeder hat mal miese Verabredungen. Ich habe übrigens Tee gemacht. Sollte noch heiß sein. Willst du eine Tasse?“, frage ich, stehe auf und bewege mich in Richtung Küche.

„Es ging lange“, seufzt er und fällt in den Sessel, der leicht versetzt neben der Couch steht. „Gefühlt hatte ich noch kein längeres Essen.“

Ich breche meinen Gang in die Küche ab und drehe mich um.

„Verstehe. Essen steht in dem Fall für ...“, meine ich und ziehe dabei mehrmals meine Augenbrauen hoch. „Es heißt ja, nach einer langen Nacht startet man am besten mit einem Heißgetränk in den Tag.“

„In dem Fall steht Essen für Essen.“

„Also keinen Tee?“

„Was, denkst du, ist mein größtes Problem?“

„Alter, du fängst doch jetzt nicht mit irgendeiner Gefühls-scheiße an, oder?“

„Es sind Konfrontationen“, erwidert er. „Ich schnauze den Kassierer nicht an, wenn das Wechselgeld nicht stimmt. Ich schreie dich nicht an, wenn du unaufmerksam bist, und ich gehe beim ersten Date nie voreilig, weil es mich langweilt oder mein Interesse verschwunden ist. Ich schleppe mich durch den Abend, weil ich freundlich bin. Doch ganz ehrlich, gestern hätte ich gern auf diese Charaktereigenschaft verzichtet.“

„So schlimm?“

„Du machst dir keine Vorstellungen.“

„Ich würde sagen ...“

Eric schaut erwartungsvoll zu mir auf ...

„... du brauchst erst mal einen Tee.“

… um dann doch wieder ernüchternd zu Boden zu blicken.

 

Mit einem heißen Pfefferminztee in der Hand komme ich behutsam wieder ins

Wohnzimmer, lege einen Untersetzer auf den Couchtisch und stelle die Tasse darauf ab.

„Dann erzähl mal“, fordere ich und setze mich auf die Couch.

„Also. Wir trafen uns bei D´Angelos, begrüßten uns, suchten einen Tisch aus und kamen ins Gespräch ...“

„Warte mal, das geht so nicht!“, sage ich. „Bevor du anfängst. Gib mir doch mal ein paar Grundinformationen über die Frau. Wie sieht sie aus? Ist sie schlank? Wie groß ist sie? Und vor allem, wie steht`s um ihre weiblichen Vorzüge?“

„Ist das wichtig?“

„Für mich schon.“

„Ich sehe die Frau womöglich nie wieder.“

„Darum geht’s nicht. Die Geschichte wird dadurch einfach authentischer, weißt du? Ich muss sie mir richtig vorstellen können.“

„Du wirst mir nicht richtig zuhören, wenn du diese Infos nicht bekommst, stimmt`s?

„Ich werde vermutlich schneller abschweifen, ja.“

 

Dann berichtete Eric von Susi. Es handelte sich um eine 25-jährige, überdurchschnittlich große Frau. Schlank, aber nicht sportlich. Mit ihrem Parfum hätte sie sparsamer umgehen können. Ihr Kleidungsstil war modisch schick und zwei kleine Leberflecke zierten ihr Kinn. Abschließend meinte er ...

 

„... und ihre weiblichen Reize, sind, wie du sagen würdest, Medium. Zufrieden?“

„Medium sportlich? Oder mehr so, Medium, im Dunkeln geht’s?“

Eric fällt es nicht leicht, konkret darauf zu antworten. „Selbst wenn ich wüsste, was das heißen soll, könnte ich es dir nicht sagen. Frauen tragen nämlich für gewöhnlich einen BH.“

„Ja, aber man kann es doch erahnen. Man hat doch ein Gefühl dafür.“

„Ich nicht, okay? Bist du jetzt endlich zufrieden?

 

Das war ich noch nicht ganz ...

 

„Was ist mit ihren Haaren?“

„Alter Schwede“, stöhnt Eric und schaut dabei über seine rechte Schulter. Als würde jemand schräg hinter ihm sitzen, von dem er sich jetzt Unterstützung wünscht. „Sie hat hellblonde kurze Haare.“

„Echt? Nicht mal schulterlang?“

„Ein bisschen kürzer.“

Ich verziehe das Gesicht. „Kurze Haare bei Frauen sind ja nicht so geil. Ich mein, Halle Berry kann das tragen. Aber sonst kommt das nicht so cool.“

„Kann ich jetzt bitte erzählen?“

Ich lehne mich entspannt zurück. „Die Geschichte kann beginnen.“

„Also, wir kamen ins Gespräch ...“

 

„So, du bist also Ergotherapeutin?“

„Ja genau. Ich arbeite in einem Sonderkindergarten mit Kindern, die psychische Erkrankungen haben. Wir behandeln unter anderem Angststörungen, Schlafprobleme und versuchen das Selbstwertgefühl der Kinder zu verbessern. Ich bin dort jetzt zwei Jahre und es macht ganz viel Spaß. Einen besseren Beruf kann ich mir nicht vorstellen.“

„Finde ich gut, dass dir dein Job so viel Freude bereitet.“

„Ja es ist wirklich toll. Tag für Tag mit den Kleinen zu arbeiten ist riesig, wenn man in ihre Gesichter schaut, diese großen Augen. Ich liebe Kinder, auch, wenn sie manchmal wirklich anstrengend sind.“

„Kann ich mir vorstellen, ist sicher nicht für jeden was.“

 

„... An der Stelle hätte sie fragen können, was ich so mache. Aber ...“

 

„Natürlich nicht! Du musst den ganzen Tag über konzentriert, geduldig und freundlich sein. Ich weiß nicht, was du beruflich machst, aber es gibt Tage, an denen ich mehr als zwölf Stunden arbeite. Es ist ein harter, stressiger Job. Dem sind die meisten nicht gewachsen. Erst vor Kurzem sollte wieder eine anfangen, aber sie bekam es gar nicht auf die Reihe. Es war so eine Schickimicki-Tussi mit falschen Fingernägeln. Was soll man da auch erwarten ...?“

 

„... Und sie redete weiter ...“

 

„... Und dann raucht sie auch noch, wie ekelhaft. Okay, ich rauche auch, aber auf der Arbeit? Ich finde, das sollte ein Tabu sein. Ich mein', da sind Kinder. Haaaaaallo???

Eine sehr gute Freundin von mir, die Eileen, hat mal gesagt ...“

 

„Um es hier mal abzukürzen, sie sprach noch weiter. Sie redete und redete und redete. Ich finde es einfach ätzend, wenn Gespräche einer Einbahnstraße gleichen. Aber es wurde noch schlimmer. Es kamen unsere Getränke ...“

 

„Oh mein Gott“, kreischt Susi. „Dieser Kiba ist ja superlecker. Willst du mal probieren?“

Eric wirft ein Blick in die Runde und muss feststellen, dass alle Augen auf den Tisch von Susi und ihm gerichtet sind.

„Nicht so laut“, flüstert er. „Und nein Danke, ich habe schon mal einen Kiba getrunken. Ich weiß, wie der schmeckt.“

„Aber so einen noch nicht, der schmeckt besser. Hier, probier mal!“, fordert sie ihn auf und wedelt mit ihrem Glas vor seinem Gesicht herum.“

 

Was man an der Stelle wissen muss. Eric mochte es gar nicht, aus Gläsern von anderen zu trinken. Allein beim Gedanken daran bildeten sich schon kleine Herpesbläschen an seiner Oberlippe. Es machte dabei auch keinen Unterschied, ob ihm die Person fremd war, oder nahe stand. Und es beschränkte sich nicht nur auf Gläser. Auch aus Tassen oder Flaschen trank er nichts, wenn sie bereits jemand anderes mit den Lippen berührt hatte.

 

„Ich war hier schon des Öfteren mit Freunden“, erwidert Eric.

„Komm schon, nur ein Schlückchen.“

„Okay. Bevor du es noch in mein Gesicht schüttest.“

 

Er machte jedoch hin und wieder eine Ausnahme. Vor allem, wenn es sich um Frauen handelte.

 

„Ich trank also einen Schluck. Und es war wie ich vermutete, ein stinknormaler Kirsch-Bananen-Saft. Nichts Besonderes, kann ich dir hier auch machen.“

„Ist schon klar. Wie ging`s weiter?“

„Es kam ihre Vorspeise ...“

 

„Was hast du dir denn da bestellt?“

„Eine Zwiebelsuppe“, meint Susi und schnuppert an dem aufsteigenden Dampf. „Herrlich. Was schaust du denn so skeptisch? Magst du keine Zwiebeln?“

„An sich schon, aber ...“

„Ich liebe ja Zwiebeln. Sie sind meiner Meinung nach das beste Gemüse. Vielschichtig und gesund. Hier, koste mal!“

„... Ich muss sie nicht als Suppe haben“, flüstert Eric und nimmt widerwillig einen Löffel voll, bevor Susi wieder die Chance hat, mit Nahrungsmitteln vor seinem Gesicht herumzufuchteln.

 

… Es folgte der Hauptgang ...

 

„Wer bekommt Insalata Tonno?“, fragt der Kellner mit italienischem Akzent.

Susi hebt ihre Hand.

„Prego la signora.“

Sie bedankt sich mit einem Kopfnicken.

„Und dann noch Spaghetti Carbonara“, sagt der Kellner und stellt den Teller vor Eric ab „Buon Appetito.“

„Bist du sicher, dass dir der Salat reicht?“, fragt Eric.

„Klar. Ich muss ein bisschen aufpassen. Vor zwei Wochen habe ich nämlich mit einer kleinen Diät angefangen.“

„Und für heute hast du wohl schon all deine Punkte gegessen?“, flachst Eric und lächelt Susi dabei kess an.

„Ja, was ist daran so witzig?“

„Gar nichts“, sagt er und hebt seine Arme in die Höhe, als wäre eine Waffe auf ihn gerichtet.

„Es ist ein strenger Diätplan, bei dem man sehr diszipliniert und konsequent sein muss. Ich bin das! Und deshalb gibt es für mich heute Abend nur einen Salat. Hast du damit ein Problem?“

Eric schaut Susi angsterfüllt an und schüttelt langsam verneinend den Kopf.

„Gut, danke“, sagt sie und blinzelt dabei auf seinen Teller. „Also ich muss schon sagen, deine Nudeln sehen sehr lecker aus.“

„Oh man“, murmelt er.

 

Eric kannte diese Wortwahl nur zu gut. Seine Mutter hatte immer genau dasselbe zu seinem Vater gesagt, kurz bevor die Frage kam, ob sie mal kosten dürfte.

 

Eric entscheidet sich, nicht weiter darauf einzugehen, nimmt seine Gabel und legt sich, wie immer, eine Serviette auf den Schoß. Aus dem Augenwinkel muss er jedoch erkennen, wie sich Susi's Blick nicht mehr von seinem Teller wendet. Es ist ein grübelnder Blick. Ein 'ich würde gerne, aber darf nicht'- Blick. Gleich wird es passieren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eric versucht, entgegenzuwirken.

„Dann guten Appetit“, sagt er und setzt an, um sich die ersten Spaghetti auf seine Gabel zu drehen.

Lediglich zehn Zentimeter trennen seinen Mund vom Besteck mit den, wenn man dem Schild vorm Restaurant glauben schenken darf, besten Nudeln der Stadt, als Susi seinen Blick sucht und lautstark fragt: „Duuuuuu?“

Er wusste es. Ein tiefes Schnaufen ist Eric zu entnehmen. Er schaut auf und sieht, wie ihn große runde Kulleraugen anglotzen. Innerlich resigniert, schiebt er seinen Teller gemächlich hinüber. „Ja, du darfst gerne kosten.“

 

„Das Ende vom Lied, ich bekam nur die Hälfte meiner Nudeln. Aber das war noch immer nicht alles.“

„Es ging an die Rechnung?“

„Richtig ...“

 

„Wollen wir dann bezahlen?“

Susi nickt ihm gleichgültig zu und wühlt dabei in ihrer Handtasche herum.

„Könnten wir dann die Rechnung bekommen?“, fragt Eric den Vorbeieilenden Kellner.

„Sehr gern, ich bin sofort bei ihnen.“

„Sag mal, stört es dich, wenn ich mal kurz meine E-Mails checke?“, fragt Susi und zückt, ohne auf eine Antwort zu warten, ihr Telefon aus der Handtasche.

Mit der Rechnung in der Hand kommt währenddessen der Kellner wieder zurück an ihren Tisch und fragt: „Geht zusammen oder getrennt?“

„Zusammen!“, schießt es blitzartig aus Susi heraus. Dabei schaut sie nur kurz auf und widmet sich sofort wieder ihrem Telefon.

 

„Es gibt nichts Schlimmeres als eine Frau, die es als selbstverständlich ansieht, dass der Mann die Rechnung übernimmt. Ich mein, ich habe kein Problem damit zu bezahlen, aber es geht ums Prinzip“, sagt Eric und nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. „Es hätte mich aber nicht sonderlich überraschen sollen, es setzte einem miesen Abend lediglich die Krone auf.

„Heißt, du triffst dich nicht noch mal mit ihr?“

„Würdest du sie denn ein zweites Mal sehen wollen?“

„Also, insofern deine optische Beschreibung stimmt, warum nicht? Das alleine wäre bei mir schon die Eintrittskarte für ein zweites Date. Ganz egal wie das erste Treffen läuft.“

„Du bist ...“, sagt Eric und hält auf einmal inne.

„Ich bin was?“

„Sei mal kurz ruhig! Hörst du das?“

„Was denn?“

„Die Stimmen. Draußen im Gang“, flüstert er und zeigt zur Wohnungstür.

Eric steht vorsichtig auf, schleicht zur Eingangstür und schaut durch den Spion. Schlagartig dreht er sich wieder um, lehnt seinen Rücken gegen die Tür und krallt seine kurzen Fingernägel in den Holzrahmen.

'Ach du Scheiße', entnimmt man lautlos seinen Lippen.

Ich stehe auf und gehe auf ihn zu. „Wer ist denn da?“, frage ich.

„Pssst, nicht so laut!“

„Lass mich mal sehen!“, sage ich und schiebe Eric beiseite. „Da ist doch nur irgendeine Frau mit irgendeiner Frau.“

„Das ist nicht nur irgendeine Frau mit irgendeiner Frau ... das ist irgendeine Frau mit Susi.“

Ich lache schelmisch und beiße mir in die Faust. „Was für ein geiler Zufall ist das denn bitte.“

„Was mache ich denn jetzt?“, fragt Eric.

„Bleib mal cool, sie reden doch nur. Und außerdem, warum sollte sie rüber kommen? Sie weiß doch gar nicht das du hier wohnst.“

„Ach nein? Und was macht sie dann hier? Irgendwie scheint sie herausgefunden zu haben, wo ich wohne. Hinzu kommt, dass unsere Namen groß und fett draußen an der Tür stehen.“

„Vielleicht denkt sie, es wäre ein Doppelname.“

„Du bist keine Hilfe.“

„Was kann ich denn dafür? Das mit den Namen war deine Idee. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann würde man von Außen lediglich wissen, dass die Wohnungstür weiß ist.“

„Man was mache ich nur, wenn sie rüber kommt? Die werde ich doch nicht mehr los.“

„Vielleicht fand sie dich ja auch blöd.“

„Ich war nett, hab ihr stundenlang zugehört und mein Essen mit ihr geteilt. Es ist wohl ziemlich sicher, dass sie mich toll fand.“

„Diese Arroganz hättest du mal besser gestern an den Tag gelegt.“

„Als ich vorhin aufgewacht bin, hatte ich schon fünf Nachrichten von ihr.“

„Wie? Und du hast nicht geantwortet?“

„Äh, nein.“

„Ist das nicht unhöflich?“

„Klar ist es das!“

„Ich dachte, das kannst du nicht sein?“

„Bei einer gewissen räumlichen Distanz ist es kein Problem. Geh mal beiseite, ich will noch mal schauen!“

Wie der klassische Spanner von nebenan, steht Eric an unserer Eingangstür. Nur stellt er sich andere Fragen.

„Ich würde zu gern wissen, woher sie weiß, wo ich wohne.“

„Hast du einen Plan, falls sie herkommt?“, frage ich und kann mir nicht vorstellen, dass er einen hat. Kreativität und eine schnelle Entscheidungsfindung sind bei ihm, ähnlich wie der Penis eines Fitnessstudio-Pumpers, nicht besonders gut ausgeprägt. Eric schaut mich an. Es ist schon fast eine Art starren. Ich kann nicht genau sagen, ob er sich gerade etwas überlegt oder gleich ohnmächtig wird.

Er schnippt mit seinen Fingern. „Okay, wir machen es so. Sollte sie herkommen, geben wir keinen Mucks von uns. Wir reden nicht und wir bewegen uns nicht. Wir tun so als wären wir nicht da. Alles klar?“

Wie gesagt, mehr als 10, 11 Zentimeter sind es meist nicht.

„Zu Befehl, Kapitän“, stimme ich mit sarkastischem Unterton zu.

Eric's Atmung normalisiert sich wieder. Es ist so einfach wie offensichtlich. Er scheint überzeugt davon, ihr nicht gegenübertreten zu müssen. Sie könne klopfen oder klingeln, solange sie will. Niemand wird ihr die Tür öffnen. Dann fällt sein Blick jedoch in Richtung Türschloss.

„Was ist das denn?“, fragt er.

„Was meinst du?“

„Wieso steckt mein Schlüssel nicht im Türschloss?“

„Keine Ahnung, weil er vielleicht auf dem Tisch liegt.“

„Nein, da liegt er mit Sicherheit nicht, sonst könnte ich ihn ja sehen. Außerdem stecke ich meinen Schlüssel, wenn ich in die Wohnung komme, immer innen ins Schloss. Verstehst du? Immer! Ich bin hier, also kannst du mir mal erklären, warum da kein Schlüssel steckt?“

„Ähm ...“

Eric rüttelt an meinen Schultern. „Neven, wo ist der Schlüssel?“

„Zu aller erst, müssen wir uns mal beruhigen. Der wird hier schon irgendwo rumliegen.“

„Okay,“, meint Eric und schließt kurz die Augen. „Gehen wir es mal durch. Was hast du heute Morgen alles gemacht, bevor ich ins Wohnzimmer kam?“

„Heute Morgen? Das ist einfach. Ich bin aufgestanden und dann direkt ins Bad.“

„Wie, du hast hier geschlafen?“

„Ja, zwischen Larissa und mir gibt’s zur Zeit ne kleine Diskrepanz.“

„Was Frage ich überhaupt. Was hast du danach gemacht?“

„Ich bin in die Küche gegangen und habe Tee aufgesetzt. Mir ist dann recht schnell aufgefallen, dass meine Füße, durch die Fliesen in der Küche, nach und nach kälter wurden, also bin ich wieder in mein Zimmer gegangen und habe mir Socken angezogen. Erst die linke, dann die rechte. Wahrscheinlich kommt es daher, dass ich mit dem linken Auge besser sehe, weißt du? Deshalb ziehe ich instinktiv zuerst ...“

„Alter. Kannst du das überspringen?“

„Aber klar“, sage ich und nicke. „Ich bin dann wieder zurück in die Küche, um mir einen Tee zu holen. Im selben Abwasch habe ich die Teebeutel in den schon wieder viel zu vollen Mülleimer gestopft. Da ich auf deinem ausgeklügelten Putzplan in dieser Woche für den Müll zuständig bin, hielt ich es für vernünftig, mich sofort darum zu kümmern.

„Vorbildlich.“

„Na ja, um ehrlich zu sein, wollte ich nur einer unnötigen Diskussion aus dem Weg gehen.“

„Dafür ist der Putzplan da.“

„Er ist spitze.“

„Und effektiv.“

„Niemand, absolut niemand, hat etwas gegen den Putzplan.“

„Es gab schon viele Komplimente dafür.“

„Wie dem auch sei. Ich nahm gleich deinen Schlüssel aus dem Türschloss und ging hinunter. Im Hausflur traf ich unseren Hausmeister. Seine Frau hat sich vor Kurzem von ihm getrennt, von daher redet er momentan gerne. Und viel. Ich habe ihm gesagt, das kommt halt vor, so ist das im Leben, nach 30 Jahren Ehe ist ja auch mal gut, und so weiter, die klassischen Aufmuterungs-Sprüche.“

„Damit hast du ihm bestimmt super geholfen. Weiter im Text!“

„Da gibt’s gar nicht mehr viel zu erzählen. Ich bin dann wieder hochgegangen, schloss die Wohnungstür auf, bin rein und ... oh, oh.“

„Hast den Schlüssel Außen stecken lassen. Ist doch klar.“

„Hey, das kann passieren, das war ne Live-Situation“, meine ich und schaue anschließend ein weiteres Mal durch den Türspion.

„Gut, damit ist Plan A gestorben. Zeit für Plan B. Wir brauchen eine gute Idee“, sagt Eric und geht daraufhin nervös im Wohnzimmer auf und ab. „Wir brauchen eine Idee. Eine Gute. Irgendeine. Irgendeine gute Idee“, murmelt er währenddessen immer wieder vor sich hin.

„Vor allem sollte es eine verdammt schnelle sein“.

„Wieso, was ist los?“

„Sie kommt.“

„Wer?“

„Susi. Sie geht ...“

„Wohin?“

Es klopft an unserer Tür.

„... In unsere Richtung“, flüstere ich. „Du musst anfangen, mich ausreden zu lassen.“

Es klopft ein zweites Mal und ein „Hallo“ ertönt von draußen.

„Neven, nicht bewegen!“, befiehlt mir Eric mit scharfem, wenn auch leisem Ton.

„Weißt du, das erinnert mich an 'Kevin allein zu Haus'. Harry, nicht bewegen, nicht bewegen“, zische ich und imitiere dabei eine Szene aus dem Film. Es ist ein sehr witziger Film, jeder kennt ihn, jeder mag ihn. Immer wieder ein Klassiker zu Weihnachten.

Aber anstatt eines Lächelns zeichnet sich in Eric's Gesicht lediglich pure Anspannung ab. Dezente Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Man kann förmlich spüren, wie er darauf wartet, endlich das erlösende Geräusch von Schritten, die weg von unserer Eingangstür führen, zu hören. Doch diese bleiben aus. Ein Augenblick absoluter Ruhe entsteht, bis sich wieder die weibliche Stimme, außerhalb unserer Wohnung, meldet.

„Ich mag den Film auch.“ Sag ich ja.

Eric steht starr neben der Tür, sein Gesicht ist wie eingefroren. Seine Augen sind auf die Eingangstür fixiert, sein Mund steht offen. Seine Unterarme sind angewinkelt, die Handflächen zeigen zum Boden. So hätte er sich auch zu Madame Tussauds ins Wachsfigurenkabinett stellen können. Die Besucher hätten keinen Unterschied zu den echten Wachsfiguren festgestellt. Der einzige Unterschied wäre, bei ihm hätten sich die Leute im vorbeigehen immer gefragt: „Wer ist das eigentlich?“

Ich mache schließlich das, was jeder für seinen besten Freund machen würde.

Vorsichtig öffne ich die Tür. Nur so weit, dass gerade mein Kopf durchpasst, und begrüße Susi.

Große blaue, zu meinem Verwundern, sympathische Augen schauen mich an.

„Wie kann ich helfen?“, frage ich.

Sie deutet mit ihrem rechten Zeigefinger zurückhaltend auf das Türschloss.

„Ach, da ist ja der Schlüssel. Ich wohne erst seit Kurzem hier, das passiert mir anfangs immer“, erkläre ich und ziehe den Schlüssel aus dem Schloss.

„Gut zu wissen. Meine Freundin zieht gerade gegenüber ein. Ich werde es ihr berichten, damit sie weiß, wo sie Asyl finden kann, falls sie ihren mal vergisst“, meint sie und zwinkert mir zu, abermals, zu meiner Verwunderung, äußerst sympathisch.

Ich schließe die Tür und erkläre Eric die Sachlage.

„Hast du gehört? Ihre Freundin zieht gegenüber ein. Deswegen ist sie hier.“

„Ja natürlich, ich stand anderthalb Meter neben dir.“

„Ich hätte eher ein 'Danke' erwartet, aber okay“, sage ich und gehe hinüber zur Couch. „Ist schon komisch.“

„Was?“

„Weiß nicht, sie wirkte irgendwie anders als in deiner Geschichte. Viel netter. Ich mein, sie hilft ihrer Freundin beim Umzug, das ist selbstlos.“

„Woher willst du wissen, ob sie wirklich dabei hilft?“

„Sie hat auch gar nicht so viel geredet wie in deiner Geschichte.“

„Dafür hatte sie vielleicht keine Zeit.“

„Blaue Augen hat sie auch.“

„Und?“

„Es gibt nicht viele Menschen mit blauen Augen. Außerdem ist es die Farbe, die mit den meisten positiven Eigenschaften assoziiert wird.“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass ich sie auf den ersten Eindruck ganz sympathisch finde.“

„Tja, du kennst eben den Zweiten nicht.“

 

Eine Woche später klopfte es abermals unerwartet an unserer Tür. Eric war noch immer beängstigt, was unerwarteten Besuch anging und schlich vorsichtig aus seinem Zimmer in Richtung Wohnungstür. Ich saß auf der Couch, versuchte mich am Kreuzworträtsel auf der letzten Seite unserer Fernsehzeitung und konnte mir einen schnippischen Kommentar, als er sich auf meiner Höhe befand, nicht verkneifen ...

 

„Wenn du noch langsamer gehst, ist der Mensch vor der Tür weg.“

„Neven, wer langsam geht, geht vernünftig und wer vernünftig geht, geht lange“, flüstert Eric und schleicht weiter.

Gemächlich nähert er sich der Tür und blickt durch den Spion. Er dreht sich zu mir.

„Sag mal, hast du Kuchen bestellt?“

„Nee, das ist doch eher dein Ding.“

„Kuchen bestellen?“

„Nein. Kuchen an sich.“

„Ja, aber doch nur morgens.“

Schulterzuckend öffnet er schließlich die Tür.

„Hi. Ich bin Eileen und das ist mein Freund Tristan“, begrüßt ihn eine große, schlicht gekleidete Frau und reicht Eric die Hand.

„Okay ...“, meint Eric zögerlich.

„Wir sind die neuen Nachbarn von gegenüber und wollten nur kurz 'Hallo' sagen. Hier, eine Kleinigkeit zur Begrüßung“, erklärt sie und drückt Eric ein Kuchenblech in die Hände.

„Ach, die Nachbarn! Danke, ich bin Eric, kommt doch rein.“

Ich erhebe mich nun auch von der Couch und die beiden kommen auf mich zu.

Ich habe selten zuvor eine so große Frau gesehen. Lange glänzende Schwarze Haare. Sehr symmetrisches Gesicht. Sie ist so natürlich hübsch, dass es schon wieder unnatürlich ist. Ich dachte immer, Frauen mit einer derartigen Körpergröße, könnten nicht attraktiv sein. Sie überzeugt mich gerade vom Gegenteil. Gut, ihre Brüste könnten ein bisschen größer sein, aber ansonsten gibt’s nichts zu meckern. Ich frage mich allerdings, was sie mit dem Typen will. Er ist ja einen halben Kopf kleiner, untersetzt, und auch was den Rest des äußeren angeht, spielt er nicht in ihrer Liga. Schließlich stellen auch wir uns einander vor.

„Schön euch kennenzulernen“, sage ich und hoffe, dass sie mir die Floskel abkaufen.

Daraufhin gehe ich zu Eric, der noch einen kontrollierenden Blick in den Hausflur wirft.

„Sag mal, was soll'n das?“, frage ich, woraufhin er die Wohnungstür schließt und mit mir in die Küche geht.

„Hast du nicht zugehört?“, frage ich. „Sie wollten nur kurz Hallo sagen, mehr nicht. Kein Grund, hier einen auf netten Nachbarn zu machen.“

„Es kann doch nicht schaden, Leute aus dem Haus kennenzulernen. Das hast du selbst gesagt.“

„Nein. Ich habe gesagt, es kann doch nicht schaden, neue Leute kennenzulernen.“

Eric schaut durch die offene Küchentür ins Wohnzimmer.

„Macht es euch ruhig schon mal bequem, fühlt euch wie zu Hause“, ruft er den beiden zu und deutet dabei auf die Couch. Er wendet sich wieder zu mir.

„Aber Nachbarn sind doch neue Leute.“

„Ja, aber vor allem sind es Menschen, die ständig was wollen. Salz, Zucker, Butter, Eier, Milch. Kannst du dich noch an Schnorrer Sven erinnern, damals im Studentenwohnheim? Der hat auch ständig in unserem Kühlschrank herumgewühlt.“

„Unser Kühlschrank? Wir hatten eine Gemeinschaftsküche, mit einem Kühlschrank für alle auf der Etage.“

„Und dennoch war es mein Joghurt, der einfach herausgenommen wurde.“

„Also erstens: Es war ein Pudding. Lerne endlich den Unterschied. Und zweitens: Es wäre dir nie aufgefallen, wenn ich es dir nicht erzählt hätte. Was erwartest du jetzt? Soll ich sie wieder rausschmeißen?“

„Als ob du das machen würdest, mach dich nicht lächerlich. Lass uns einfach rüber gehen und schauen, ob der Kuchen das ganze Theater rechtfertigen kann. Wenn ich es richtig anstelle, werden sie eh nicht lange bleiben.“

Eric nimmt vier Teller aus dem Schrank und geht wieder ins Wohnzimmer. Ich schnappe mir noch ein Messer aus dem Besteckkasten und folge ihm.

„So, dann erzählt mal ihr beiden, wie lief der Umzug?“, fragt Eric, nimmt sich einen Stuhl, den er schräg gegenüber der Couch platziert und setzt sich. Ich lasse mich, auf der anderen Seite, im Sessel nieder.

„Ach ganz fantastisch, Tristan hat ...“

„Also, ich hasse es ja, umzuziehen“, unterbreche ich Eileen und reiche Eric das Messer. „Diese ganze Kisten-Schlepperei. Aufpassen, dass nichts kaputt geht. Die alte Wohnung tapezieren und streichen. Die Neue im eigenen farblichen Geschmack gestalten und einrichten. Und dafür opfert man ein ganzes Wochenende, voll ätzend.“

„Das kann zweifellos der Fall sein. Doch wenn man mit logistischer Organisation an die Sache herantritt, ist es keineswegs mehr so ermattend.“

„Ermattend?“, frage ich, verwirrt über die ungewöhnliche Wortwahl.

„Stressig“, erklärt mir Tristan.

Ich schaue ihn irritiert an. Als wüsste ich nicht, was dieses Wort bedeutet.

„Aber Logistik war dann auch nicht alles Tristan“, fügt Eileen ein.

„Das stimmt, zusätzlich habe ich natürlich noch lange und intensiv geplant. Mich mit den bedeutsamen Dingen eines Umzuges auseinandergesetzt. Und ich habe mit meiner Freundin kommuniziert. Kommunikation ist unentbehrlich bei einem Umzug“, meint er selbstgefällig, während Eileen beschämt nach unten schaut. „Wir haben viele Tage darüber gesprochen, wie viele Kartons wir brauchen, welches Auto nötig ist und wen wir um Hilfe bitten könnten. Letztendlich empfand ich es aber als zu stressig.“

„Meinst du nicht eher, du empfandest es als, wie soll ich sagen, zu ermattend?“, frage ich, schmunzle und bekomme dabei einen kritischen Blick von Eric.

„Auf jeden Fall habe ich dann Eileen und mir erst mal ein hübsches Zimmerchen für ein Wochenende in einem Wellnesshotel an der Ostsee gebucht, rief eine Speditionsfirma an und die erledigten dann alles für uns. Wir mussten nur noch auspacken. Und da half uns glücklicherweise Eileens gute Freundin Susi.“

„Susi?“, fragt Eric.

„Moment mal!“, haue ich dazwischen. „Du hast eine Umzugsfirma beauftragt, die alles erledigt hat?“

„Nein, nicht alles!“, macht Tristan mit erhobenem Zeigefinger deutlich. „Das Auspacken haben wir übernommen.“

„Ja, das Einfache halt. Aber das Stressige habt ihr bei einer Firma in Auftrag gegeben.“

„Das kann man so auch nicht sehen. Was bedeutet schon Stress? Für manche Paare ist der reine Gedanke umzuziehen schon sehr ermüdend. Und wie gesagt, ich habe mich intensiv damit beschäftigt, was wir brauchen, wie wir es handhaben und mich dann entschieden. Das ist nicht weniger nervenaufreibend.“

„Doch, ist es!“

„Nein, ist es nicht!“

„Also diese Susi ist eine sehr gute Freundin von euch?“

„Warte mal bitte, Eric“, sage ich und lehne mich nach vorne. „Aber Tristan, das hat doch mit Stress nichts zu tun, das nennt sich: abwägen. Das macht jeder vor einem Umzug.“

Eric steht von seinem Stuhl auf, geht auf mich zu und zieht an meinem Arm. „Könnte ich dich mal kurz in der Küche sprechen?“, fragt er und wir verschwinden nach nebenan.

„Sag mal, was soll das denn?“

„Ja, oder? Wie kann man behaupten, dass ein Umzug nicht anstrengend ist, wenn man selbst noch keinen gemacht hat?“

„Ach, dieser Umzug ist mir doch vollkommen schnurz. Mich interessiert viel mehr wie gut sie mit Susi befreundet sind und wie oft ich ihr hier über den Weg laufen könnte. Aber du hast nichts Besseres im Sinn, als mit dem Typen darüber zu diskutierenden was stressig ist und was nicht.“

„Wer ist denn bitte Susi?“

„Das ist auch noch das Schlimme dabei. Du diskutierst über alles und jeden Scheiß. Ständig! Hörst aber nie zu.“

„Und das regt dich auf?“

„Ja, das regt mich auf.“

„Aber was Karl-Heinz da von sich gibt, lässt dich völlig kalt?“

„Das eine regt mich auf und das andere ist mir scheiß egal, ja!“

„Okay Eric“, sage ich und boxe ihm leicht gegen die Schulter. „Dann halte ich mich jetzt mal ein wenig zurück. Ich bin ja anpassungsfähig. Man muss halt nur mit mir darüber reden.“

Augen rollend dreht er sich um und geht wieder ins Wohnzimmer, als Stephan gerade zur Wohnungstür hineinstürmt.

„Sagt mal Leute, das kann wohl nicht wahr sein“, meckert er und geht direkt zum Wohnzimmer-Fenster, von dem man einen guten Blick auf die Straße hat. „Wie kommt man nur auf die bekloppte Idee Parkverbotsschilder in dieser Straße aufstellen zu lassen? Nur für einen Umzug! Und das auch noch für drei Tage. Reicht da nicht einer aus? Ankommen, ausladen, fertig.“

„Das geht dann wohl auf unsere Kappe“, gibt Tristan zu und steht von der Couch auf.

„Wer ist das denn?“, fragt Stephan.

„Das sind unsere neuen Nachbarn, Tristan und Eileen“, klärt ihn Eric auf.

„Ihr benötigt also drei Tage für einen Umzug?“

„Normalerweise reicht natürlich ein Tag aus, das ist korrekt. Aber wir wollten kein Risiko eingehen und haben uns für drei entschieden“, sagt Tristan.

„Was denn für ein Risiko? Es handelt sich um einen Umzug und nicht um eine Komplettsanierung einer Drei-Zimmer-Wohnung. Es ist schon schwer genug, hier einen Parkplatz zu finden.“

„Mag sein, aber das liegt zumeist daran, dass die Leute desaströs parken“, behauptet Tristan.

„Desaströs?“, fragt Stephan, verwirrt über die ungewöhnliche Wortwahl.

„Sehr schlecht“, erklärt er.

Stephan schaut mich irritiert an. Ich zucke mit den Schultern.

„Wenn man bedenkt, dass durchschnittlich jeder Zweite einen halben Meter beim Einparken verschenkt, dann sind das bei einer Straßenlänge von vierhundert Metern, etwa vier verschenkte Parkplätze“, rechnet Tristan vor und geht nun zu Stephan ans Fenster. „Hier zum Beispiel, der Q5 dort hinten. Der hat bestimmt anderthalb Meter nach vorne und sicher einen Meter nach hinten Platz. Wobei doch 75 Zentimeter je Richtung ausreichend wären. Also alleine dieser Fahrzeughalter verschenkt einen ganzen Meter.“

„Du meinst den dunkelblauen?“

„Exakt.“

„Das ist meiner!, sagt Stephan und sieht Tristan grimmig an.

„Ganz ehrlich, wenn man so parkt, dann sollte man sich vorerst mal an die eigene Nase fassen, bevor man die allgemeine Parkplatz Situation kritisiert“, merk Tristan an, woraufhin Stephans Blick noch eine Spur grimmiger wird. „Hey, was für ein Zufall, den gleichen Gesichtsausdruck hatte Eileens Vater auch, als er mich kennenlernte.“

„Und ich weiß auch genau warum“, sagt Eileen.

„Apropos kennenlernen, wie habt ihr zwei euch eigentlich kennengelernt?“, fragt Eric und versucht damit krampfhaft die Situation zu entspannen.

„Danke für die Frage, Eric. Das ist nebenbei bemerkt auch eine ganz witzige Geschichte. Tristan und ich hatten uns gerade von unseren Jugendpartnern getrennt und ...“

 

In diesem Moment wurde mir etwas klar ...

 

„Leute, ich muss noch mal los“, meine ich, springe vom Sessel auf, schnappe mir meinem Schlüssel und verlasse fluchtartig die Wohnung.

 

Ich hatte Larissa ganz vergessen. Als ich bei ihr ankam, stand sie gerade draußen vor der Tür, ihr Blick verfinsterte sich sofort. Mit verschränkten Armen und zusammengepressten Lippen empfing sie mich. Ich entschied, etwas Abstand zu halten ...

 

„Hey Larissa. Tut mir leid, dass ich mich die letzten Tage nicht gemeldet habe.“

„Es tut dir leid? Willst du mich verarschen? Ich habe dich allein heute, hundertmal versucht anzurufen! Habe dir Dutzende Nachrichten geschickt! Doch der Herr ist sich zu fein, um darauf zu reagieren.“

Ich schaue auf mein Handy. Zwei verpasste Anrufe und drei ungelesene Nachrichten.

 

Wie anfangs bereits erwähnt, sie übertrieb ganz gerne.

 

„Du hast mir heute drei Nachrichten geschickt. Ein Dutzend sind zwölf. Dutzende wären also wenigstens vierundzwanzig. Ist diese Art aufzurunden, nicht etwas überzogen?“

„Versuch nicht, abzulenken! Ich hoffe, du hast eine gute Ausrede! Ich höre!“

„Ja, also ...“, sage ich und lege meinen Kopf in den Nacken. Ich muss mich lockern. Die Beine. Die Arme. Die Hände. Den Rücken. Die Schultern. Und noch den Nacken. Man könnte meinen, ich mache mich warm fürs Fitnesstraining. Ich richte meinen Zeigefinger auf Larissa und schaue sie bestimmt an. Ich öffne meinen Mund. Jetzt wären ein paar Worte nicht schlecht, aber ich steh nur dämlich da. Vorsichtig beiße ich mir mehrmals auf die Unterlippe, damit ich nicht zu bescheuert aussehe. Ich mache wilde, unwillkürliche Gesten mit meinen Händen. Man setze mir eine Mütze auf, stecke mir eine Trillerpfeife in den Mund, und schon könnte man mich auf eine Kreuzung stellen, an der die Ampeln ausgefallen sind.

„Hast du in den letzten Tagen überhaupt mal an mich gedacht?“, fragt Larissa.

„Klar. Ich habe mich beispielsweise gefragt, wie das in Zukunft laufen soll?“

„Wie bitte?“, fragt sie und geht einen Schritt auf mich zu. Ich weiche zurück.

„Wegen dem 'Zusammen-Ziehen' Ding. Ich glaube, das ist es einfach nicht.“

„Das ist es einfach nicht? Sag mal, wird das hier jetzt ein Schluss-mach-Gespräch?“

„Was? Nein ... also ... keine Ahnung. Gibt es so was wie ein Schluss-mach-Gespräch überhaupt?“

„Du verarschst mich, oder? Der macht hier gerade echt mit Larissa Schluss.“

 

Wie anfangs bereits erwähnt, sie redete gerne in der dritten Person.

 

“Das kann ja wohl nicht wahr sein! Hast du überhaupt eine Ahnung, was nächste Woche ist?“, fragt Larissa, bereit, die verbale Auseinandersetzung, körperlich werden zu lassen.

„Natürlich“, sage ich und bete, dass sie etwas erwidert. Tut sie aber nicht. Sie schaut mich nur erwartungsvoll an. Ich fühle mich gezwungen zu handeln. Doch mehr als ein ratloses Schulterzucken fällt mir nicht ein.

„Wie krass. Weißt du was, lass stecken ey! Hau einfach ab! Und viel Spaß noch mit deinen supertollen, bescheuerten Freunden.“

 

Wow, sie beleidigte meine Freunde ja wirklich.

 

„Du kannst mich mal!“, faucht sie zum Schluss und streckt mir ihren Mittelfinger entgegen.

 

Und dann ging sie. Enttäuscht und wütend zugleich. Und ich fuhr wieder heim.

Auch wenn es noch nicht das letzte gemeinsame Kapitel von uns beiden sein sollte, gingen wir erst einmal getrennte Wege. Nach mehr oder weniger sechs Jahren Beziehung. Oder wie auch immer man es nennen mag.

Und ich war froh, über meinen Schatten gesprungen zu sein und dieses doch eher unangenehme Gespräch gesucht zu haben. Auch wenn ich nicht wirklich daran beteiligt war.

Okay, rückblickend betrachtet hätte ich wohl einen besseren Zeitpunkt wählen können als eine Woche vor ihrem Geburtstag.

Aber mal ehrlich, gibt es überhaupt den richtigen Zeitpunkt für solch ein Gespräch? Ich denke nicht.

Was letztlich bleibt, ist die Einsicht: Jugendbeziehungen sind das, was sie sind.

Spannend, aufregend und unvergessen, aber eben nicht von Dauer.

Sie sind nicht mehr als die Vorbereitung der Vorbereitung der Qualifikation für das eigentliche Turnier.

Man teilt eine prägende Zeit. Die erste Annäherung an das andere Geschlecht. Physisch und mental.

Man erlebt gemeinsam einige schwierige Lebensabschnitte. Pubertät, Rebellion gegen die eigenen Eltern, Schulabschluss, Berufsausbildung und vielleicht auch die ersten Schritte ins Arbeitsleben.

Ob man nun mehrere kurze Jugendbeziehungen hat oder eine längere ist völlig egal. Es verbindet einen immer dasselbe. Das Kennenlernen der Dinge, die einem in der Beziehung grundsätzlich wichtig sind. Was man mag und was man nicht mag. Womit man leben kann und womit nicht.

Und die Ironie dabei? Genau diese Dinge bringen einen wieder auseinander. Man entwickelt sich. Jedoch in verschiedene Richtungen.

Bei Larissa und mir endete es im Grunde, wie es anfing. Langsam. Nahezu schleppend. Und am Ende wurden die Rollen getauscht.

Die Beziehung begann damit, dass ich mich fügen musste ...

Ich verbrachte, die ersten Monate damit zu reden. Wenn es gut lief, wurde geknutscht. Wenn ich Glück hatte, wurde gefummelt.

Aber das war es fürs Erste. Es folgte eine Phase der Ausgeglichenheit, in der es echt super lief. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und sahen uns praktisch jeden Abend. Aber irgendwann wurde es weniger.

Die Beziehung endete damit, dass sich Larissa fügen musste ...

Sie bekam mich nur noch zu Gesicht, wenn sie neunzig Prozent der Zeit mit mir im Bett verbrachte. Wenn es gut lief, fragte ich nach ihrem Tag. Wenn sie Glück hatte, hörte ich ihr zu.

Und was man sich eingestehen sollte, was man sich irgendwann zwangsweise eingestehen muss, ist ... all das, diese gemeinsamen Momente, so schön sie auch gewesen sein mögen, haben nichts mit Liebe zu tun. Denn von Liebe hat in diesem Alter keiner auch nur den Hauch einer Ahnung. Selbst die weiblichen Geschöpfe unseres Planeten nicht. Obwohl man ihnen drei Jahre Vorsprung in Sachen Reife einräumt. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie ihrer Zeit drei Jahre voraus sind. Es ist viel mehr so, dass wir Männer, drei Jahre hinterher hängen. Einige sogar fünf und mehr. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist letztendlich nicht mehr als ein Verliebtsein. Und das ein Verliebtsein nicht ewig hält, sollte nicht verwundern.

 

Grundregel Nummer eins: Jugendbeziehungen halten nicht ewig.

 

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 09.08.2019

Alle Rechte vorbehalten

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