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Leseprobe



Meinem Vater Petro Lewyckyj
Dichter, Ingenieur, Exzentriker
Oktober 1912 – November 2008




Teil 1: Klebstoffe in der modernen Welt

Klebrige Gerüche



Als ich Wonder Boy zum ersten Mal sah, pinkelte er mir ans Bein. Vermutlich sollte es eine Warnung sein, was ziemlich vorausschauend von ihm war, wenn man bedenkt, wie die Geschichte ausging.
Eines Nachmittags Ende Oktober hatte ich mich irgendwo zwischen Stoke Newington und Highbury im Norden von London in eine unbekannte Straße gewagt und zwischen zwei hohen Gartenmauern einen kopfsteingepflasterten Weg entdeckt. Nach fünfzig Metern öffnete sich der Weg auf einen runden grasbewachsenen Platz, und vor mir erhob sich eine große Villa mit zwei Giebeln, die halb verfallen, mit Efeu überwachsen und so versteckt hinter den Gärten der Nachbarhäuser war, dass man von draußen nie erraten hätte, was sich hier verbarg, hinter der wuchernden Ligusterhecke und einem Dickicht wilder junger Eschen und Ahornbäume. Ich ging davon aus, dass das Haus leer stand – wer konnte an einem solchen Ort wohnen? Am Torpfosten war eine Inschrift. Ich zerrte den Efeu zur Seite: Canaan House. Kanaan – der Name verströmte einen modrigen Hauch von Frömmigkeit.

Eine Wolke verschob sich, und ein niedriger Sonnenstrahl ließ wie durch einen Zaubertrick die Fenster aufleuchten.
Dann verschwand die Sonne wieder, und im stumpfen Dämmerlicht sah ich bröckelnden Stuck, rohes Holz, wo die Farbe abblätterte, geflickte Fenster, kaputte Regenrinnen und eine stachlige Araukarie, die viel zu dicht am Haus gepflanzt war. Hinter mir fiel das Gartentor ins Schloss.
Plötzlich zerriss ein lautes Heulen die Stille, als weinte ein Kind. Es schien aus dem Dickicht zu kommen. Schaudernd zuckte ich zurück und rechnete halb damit, dass Christopher Lee mit blutigen Fangzähnen aus dem Gebüsch schnellen würde. Doch es war nur eine Katze, besser gesagt, ein großer weißer, brutal aussehender Kater mit drei schwarzen Pfoten und einem hässlichen Gesicht, der mit hoch erhobenem Schwanz aus den Büschen hervorstolzierte und mich mit seinem Blick aus funkelnden Augen durchbohrte.
»Hallo, Kater. Wohnst du hier?«
Er schlenderte heran, als wollte er sich an meinem Bein reiben, doch als ich mich bückte, um ihn zu streicheln, hob er den Schwanz, ein Zittern lief durch seinen Körper und ein starker Strahl Eau de Kater schwängerte die Luft. Bevor ich ihm einen Tritt verpassen konnte, war er schon wieder im Schatten verschwunden. Auf dem Rückweg durchs Gestrüpp roch ich seine Marke an meiner Jeans – ein stechender, klebstoffartiger Geruch.

Unsere zweite Begegnung fand etwa eine Woche später statt, und diesmal lernte ich auch seine Besitzerin kennen. Eines Abends gegen elf hörte ich Geräusche auf der Straße, ein Scharren und Poltern, dann das Klirren von Glas. Ich sah aus dem Fenster. Jemand holte Sachen aus dem Müllcontainer vor unserem Haus.
Erst dachte ich, es sei ein Junge, eine dünne, spatzenhafte Gestalt mit einer Schiebermütze tief im Gesicht; doch dann bewegte er sich ins Licht, und ich sah, dass es eine alte Frau war, dürr wie eine Straßenkatze, die an den dunkel- roten Veloursvorhängen im Container zerrte, um eine Kiste mit den alten Schallplatten meines Mannes unter dem Gerümpel freizulegen. Ich winkte ihr durchs Fenster zu. Fröhlich winkte sie zurück, dann zerrte sie weiter. Plötzlich löste sich die Kiste, und die Frau fiel rückwärts auf den Boden, während die Schallplatten auf der Straße landeten und einige davon zu Bruch gingen. Ich öffnete die Tür und lief hinaus, um ihr zu helfen.
»Haben Sie sich verletzt?«
Sie rappelte sich hoch und schüttelte sich wie eine Katze. Ihr Gesicht war halb unter dem Mützenschirm verborgen – sie trug eine dieser großen, frechen Ballonmützen wie Twiggy früher, mit einer Strassbrosche an der Seite.
»Ich weiß ja nicht, was für Menschen solche Musik wegwerfen. Die großen russischen Komponisten.«
Eine klangvolle Stimme, braun und körnig wie Früchtebrot. Ich konnte ihren Akzent nicht einordnen.
»Müssen Barbaren sein, die hier wohnen, nich wahr?«
Sie stand breitbeinig da, mit erhobenem Kinn, als wollte sie mich zum Faustkampf herausfordern.
»Schauen Sie sich das an! Tschaikowsky. Schostakowitsch. Prokofjew. Und alle in der Mülltonne!«
»Bitte, nehmen Sie die Schallplatten mit«, sagte ich entschuldigend.
»Ich habe keinen Plattenspieler.«
Ich wollte nicht, dass sie mich für eine Barbarin hielt.
»Danke. Ich liebe vor allem Prokofjews Klaviersonaten.«
Jetzt sah ich, dass hinter dem Container ein altmodischer Kinderwagen mit großen spiraligen Sprungfedern stand, in den sie bereits einige der Bücher meines Mannes gepackt hatte.
»Die Bücher können Sie auch mitnehmen.«
»Haben Sie sie alle gelesen?«, fragte sie, als wollte sie mich über meine barbarischen Tendenzen verhören.
»Alle.«
»Dann ist ja gut. Danke.«
»Ich bin Georgie. Georgie Sinclair.«
Sie nickte steif, ohne etwas zu sagen.
»Ich wohne noch nicht lange hier. Wir sind erst vor einem Jahr aus Leeds hierhergezogen.«
Da hob sie eine behandschuhte Hand – zwischen den Fingern waren Löcher – wie eine verschrobene Monarchin, die eine Untertanin grüßte.
»Mrs. Naomi Shapiro.«
Ich half ihr, die Platten von der Straße einzusammeln und sie auf die Bücher zu laden. Armes altes Ding, dachte ich, hat Pech gehabt im Leben und karrt ihren weltlichen Besitz in einem alten Kinderwagen durch die Gegend. Sie schob ihren Wagen die Straße hinunter und wackelte auf hohen Absätzen davon. Selbst in der kalten Luft konnte ich sie riechen, stechend und streng wie reifer Käse. Als sie ein paar Meter gegangen war, entdeckte ich den weißen Kater wieder, denselben räudigen Rowdy mit den drei schwarzen Socken wie neulich. Jetzt kam er aus dem Dickicht im Nachbargarten und folgte ihr die Straße hinunter, indem er sich von Deckung zu Deckung stahl. Dann sah ich, dass da eine ganze Kohorte schattenhafter Katzen war, die an Mauern und unter Büschen entlangglitt und der alten Frau folgte. Ich stand da und sah ihr nach, bis sie um eine Ecke bog und verschwand, die Königin der Katzen. Im nächsten Moment hatte ich sie vergessen. Ich hatte andere Probleme.
Von der Straße aus konnte ich sehen, dass in Bens Zimmer noch Licht brannte und sein Computer flimmerte, während er durchs Web surfte. Ben, mein kleiner Junge, der inzwischen sechzehn war, ein vollwertiger Bürger der web-weiten Welt.
»Ich bin ein Cyber-Kid, Mama. Ich bin mit Hypertext
aufgewachsen«, hatte er einmal zu mir gesagt, als ich mich beschwerte, dass er zu viel Zeit online verbrachte. Das Lichtfenster blinkte blau, dann rot, dann grün. In welchen Gewässern war er heute unterwegs? Was bekam er zu sehen? So spät. Allein. Ich spürte einen Stich im Herzen – mein sanfter, etwas zu ernster Ben. Wie konnten zwei Kinder derselben Eltern so unterschiedlich werden? Seine Schwester Stella, die zwanzig war, hatte das Leben an den Hörnern gepackt, zu Boden gerungen und brachte ihm bei, ihr aus der Hand zu fressen (zusammen mit einer wechselnden Ménage hoffnungsvoller junger Männer), in einer Wohngemeinschaft in einem Häuschen in der Nähe der Durham University, wo, immer wenn ich anrief, eine Party im Gange zu sein schien oder im Hintergrund eine Rockband probte.
Im oberen Fenster blinkte das bunte Rechteck noch einmal auf, dann erlosch es. Schlafenszeit. Ich ging ins Haus und schrieb meinem Mann einen kurzen Zettel mit der Bitte, seinen Müll abzuholen, schob ihn in einen Umschlag und klebte eine Briefmarke auf. Gleich am nächsten Morgen würde ich die Entsorgungsfirma anrufen, damit sie den Container abholte.

Lassen Sie mich erklären, warum ich die Sachen meines Mannes in einen Container geworfen hatte – dann können Sie selbst urteilen, wessen Schuld es war. Eines Morgens in der Küche. Es herrscht die übliche Eile, Rip muss ins Büro, Ben in die Schule. Rip drückt auf seinem BlackBerry herum. Ich mache Kaffee, schäume Milch auf und lasse den Toast anbrennen.
Rauch und Dampf und frühmorgendliche Hektik
schwängern die Luft. Im Radio laufen die Nachrichten. Ben poltert oben in seinem Zimmer herum.

Ich: Ich habe einen neuen Zahnbürstenhalter fürs Bad gekauft. Meinst du, du könntest ihn irgendwann an der
Wand festmachen?
Er: (Schweigen.)
Ich: Er ist sehr schön. Weißes Porzellan. So eine Art dänisches Design.
Er: Was?
Ich: Der Zahnbürstenhalter.
Er: Wovon zum Henker redest du, Georgie?
Ich: Von dem Zahnbürstenhalter. Er muss an der Wand angebracht werden. Im Bad. (Ein Hauch von hilfloser Einfalt in meiner Stimme.) Ich glaube, es ist ein Fall für Akutbohrer und Dübel.
Er: (Ein tiefer männlicher Seufzer.) Manche von uns versuchen auf der Welt etwas zu bewirken, wichtige Dinge, Georgie. Dinge, die die Entwicklung der Menschheit vorantreiben und dazu beitragen, die Zukunft kommender Generationen zu gestalten, verstehst du? Und du quatschst hier von Zahnbürsten.

Ich kann nicht erklären, was in diesem Moment über mich kam. Mein Arm zuckte, und plötzlich war alles voller Milchschaumflocken – die Wände, er, sein BlackBerry. Eine Schaumflocke klebte in den blonden Haaren seiner linken Braue und zitterte mit seinem Zorn.

Er: (Wütend.) Was ist denn in dich gefahren, Georgie?
Ich: (Kreischend.) Dir ist alles scheißegal, oder? Das Einzige, was dir wichtig ist, ist deine verdammte welt- verändernde zukunftsgestaltende Scheiß-Arbeit!
Er: (Schüttelt ungläubig den Kopf.) Zufälligerweise ist mir nicht alles egal. Es ist mir wichtig, was auf der Welt passiert. Auch wenn ich nicht sagen kann, dass mir eine Zahnbürste wichtig ist.
Ich: (Starre fasziniert auf den Milchschaum, der sich langsam von seiner Braue löst und zu rutschen anfängt.) Ein Zahnbürstenhalter.
Er: Was zum Teufel ist ein Zahnbürstenhalter?
Ich: Das ist ein … oh! (Da plumpst sie, die Flocke … platsch!)
Er: (Reibt sich selbstgerecht das Auge.) Ich weiß nicht, warum ich mir so was anhören muss.
Ich: (Jetzt in vollem Schwung.) Keiner verlangt von dir, dass du es dir anhörst. Warum gehst du nicht einfach? Und nimm deinen Scheiß-BlackBerry mit. (Nicht dass die geringste Gefahr bestünde, dass er das Ding vergessen könnte.)
Er: (Hochnäsig.) Deine hysterischen Anfälle sind nicht sehr attraktiv, Georgie.
Ich: (Frech.) Nein, und du bist auch nicht attraktiv, du blöder, aufgeblasener Furz.

Dabei war er attraktiv. Das war das Problem. Und jetzt habe ich endgültig alles vermasselt, dachte ich, während ich mir vorstellte, wie Mrs. Shapiro durch die Straßen wackelte, mit seiner kostbaren Sammlung großer russischer Komponisten in ihrem Kinderwagen.


2. Pheromone



Ich saß an meinem Schreibtisch, schaute hinaus in den Regen und versuchte die Novemberausgabe von Kleb- stoffe in der modernen Welt fertigzustellen, als der Container-Laster kam.
Klebstoffe können manchmal ziemlich zäh sein, muss ich zugeben, und ich war dankbar für jede Ablenkung. Ich sah zu, wie der Lastwagen rückwärts heranfuhr, sich rasselnd in Position brachte und die Ketten mit den Haken herunter- ließ, um den übervollen Container hinaufzuhieven; dann baumelte der Container in der Luft, mit der feuchten Gästematratze, den zerzausten Papieren, den schlaff flatternden Zeitschriften, den Müllsäcken voller Kleider und den Kartons, die die nassgeregneten Reste von Rips ach-so-wichtiger Arbeit enthielten, bevor er mit einem befriedigenden dumpfen Schlag auf die Pritsche knallte. Als der Mann fertig war, ging ich hinaus und bezahlte ihn, und ich muss gestehen, ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich dem Lastwagen nachsah. Ich wusste, dass Rip stinksauer sein würde.
Als er an dem Tag mit dem Streit über den Zahnbürsten- halter abends aus dem Büro kam, hatte ich mich längst beruhigt, doch er war immer noch sauer. Er fing an, seine Sachen ins Auto zu laden.

Ich: (Nervös.) Was machst du da?
Er: (Mit steinerner Miene.) Ich gehe. Ich ziehe bei Pete ein.
Ich: (Klammernd. Jämmerlich. Rückgratlos. Voll Selbstverachtung.) Geh nicht, Rip. Es tut mir leid. Es ist doch nur ein Zahnbürstenhalter. Ich bringe ihn selbst an. Weißt du was (kleines Kichern), ich werde lernen, wie man mit dem Akutbohrer umgeht.
Er: (Zwischen zusammengebissenen Zähnen.) Es geht wohl nicht nur darum, oder?
Ich: Was meinst du damit? (Eine schreckliche Wahrheit dämmert mir.) Gibt es …?
Er: (Seufzt gelangweilt.) Nein, es gibt keine andere Frau, wenn du das meinst. Nur …
Ich: (Erleichtert.) Nur … ich?
Er: (Sieht auf die Uhr.) Ich muss los. Ich habe Pete gesagt, dass ich um sieben da bin.
Ich: (Wie ein verachtenswerter Wurm, der zu armselig ist, um aus seinem traurigen Loch zu kriechen, aber trotzdem Gleichgültigkeit heuchelt.) Schön. Wenn du das willst. Von mir aus. Grüß Pete von mir.

Pete war Australier, Rips Squash-Partner und Kollege bei seinem Zukunftsentwicklungsprojekt. Wir nannten ihn Pete das Muskelpaket, weil er immer enge weiße, muskel- betonende T-Shirts und große weiße Turnschuhe trug und mit lauter Stimme Witze über Lesben riss. Trotzdem mochte ich ihn irgendwie.
Er und seine Frau Ottoline wohnten in einem Haus
mit hohen Fenstern in Islington, und sie hatten ein Dachgeschossapartment, das sie manchmal vermieteten. Eines Abends stand ich vor dem Haus und schaute zu den erleuchteten Fenstern hinauf. Sie konnten nicht sehen, wie ich dort unten im Dunkeln stand und mir die Tränen herunterliefen.
Die Heulphase dauerte ein paar Wochen. Dann kam die
Wut.
»Ich komme wieder und hole den Rest meiner Sachen ab«, hatte er gesagt, als er ging.
Aber er kam nicht. Die Schuhe im Hausflur – ich gab
ihnen jedes Mal im Vorbeigehen einen Tritt –, die Kleider im Schrank – sie rochen immer noch schwach nach ihm –, die alten Ausgaben des Economist und New Statesman, die sich an der Wand stapelten, die Aktenschränke, die fast platzten vor Zukunftsentwicklung. Sogar eine gebrauchte Unterhose hatte er im Wäschekorb gelassen. Was stellte er sich vor – sollte ich sie rausfischen und waschen?
Ich wollte nicht, dass er mit seinem abgelegten alten Zeug mein neues unabhängiges Leben verstopfte. Ich werde es überstehen, redete ich mir ein. Ich komme drüber weg. Ich lerne einen anderen kennen. Und nur um mich zu über- zeugen, dass ich es ernst meinte, hatte ich den Container bestellt. Vielleicht hätte ich alles zu Oxfam bringen sollen, aber ich hatte kein Auto und es schien so kompliziert. Und außerdem, wäre ich zu Oxfam gegangen, wäre diese Geschichte vielleicht nie geschrieben worden, weil es der Container war, der mich und Mrs. Shapiro zusammenführte.

Etwa eine Stunde, nachdem der Container weg war, klingelte es an der Tür. Jetzt schon! Ich stand wie angewurzelt da, gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dessen, was ich getan hatte.
Es klingelte wieder, länger diesmal, drängender, mit der unmissverständlichen Botschaft: Ich weiß, dass du da bist. Nein, am besten machte ich einfach nicht auf. Aber was, wenn er mich durchs Fenster sah? Vielleicht sollte ich die Schuhe ausziehen und mich leise nach oben schleichen. Und wenn er durch den Briefkastenschlitz spähte und sah, wie ich die Treppe hochschlich? Wenn er durchs Fenster meine Silhouette sah? Auf Zehenspitzen ging ich in den Flur, legte mich auf den Boden, wo ich durch kein Fenster zu sehen war, und hielt die Luft an.
Es klingelte wieder und wieder und wieder. Anscheinend hatte er sich nicht täuschen lassen. Dann klapperte der Briefkastenschlitz. Dann war es still. Als ich so auf dem Boden lag und an die Decke sah, während das Licht allmählich schwächer wurde, spürte ich, dass sich mein Herzschlag beruhigte und mein Atem langsamer wurde. Irgendwann ging mir ein Lied durch den Kopf.
»Did you think I’d lay down and die? Oh no, not I! I will survive!«
Du dachtest, ich lege mich hin und sterbe? Oh nein, nicht ich. Ich überlebe. Gloria Gaynor. Eins der Lieblingslieder meiner Mutter. Wie ging es noch mal?
»At first I was afraid, I was petrified.«
Zuerst hatte ich Angst, ich war wie gelähmt. Ich fing an zu singen.
»I didn’t know if I could dada dada without you by my side … dada change the locks … I will survive!« Den größten Teil des Texts hatte ich vergessen, aber den Refrain wusste ich: »I will survive! I will
survive!«, grölte ich aus voller Kehle. Ich überlebe.
So fand mich Ben, als er aus der Schule kam, auf dem Boden liegend und lauthals singend. Er hatte die Tür so leise aufgeschlossen, dass ich ihn nicht gehört hatte; dann schlug ich die Augen auf und sah, wie er zu mir herunter- blickte.
»Geht’s dir nicht gut, Mum?«, fragte er besorgt.
»Doch, natürlich, Schätzchen. Das war nur … ein kleines musikalisches Intermezzo.«
Ich rappelte mich auf und sah aus dem Fenster. Die Straße war leer. Es regnete wieder. Bis auf ein paar schwarze Vinylscherben auf der Straße sah alles aus, als hätte es nie einen Container gegeben. Dann sah ich eine Broschüre auf der Fußmatte liegen. Ben hob sie neugierig auf. Der Wachtturm. Wacht und betet allezeit, denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
»Was ist das denn?«
»Das ist die Zeitschrift der Zeugen Jehovas. Es geht um das Ende der Welt, wenn Jesus zurückkehrt und alle wahren Gläubigen in den Himmel geholt werden.«
»Hm.« Er blätterte sie durch, und zu meiner Überraschung steckte er sie ein und stapfte damit die Treppe hinauf in sein Zimmer. Wie schade. Ein tröstendes Gespräch mit ein paar netten Zeugen Jehovas hätte mir gutgetan.

Als Ben und ich uns zum Abendessen hinsetzen wollten, klingelte es wieder. Ben ging an die Tür.
»Hallo, Dad.«
»Hallo, Ben. Ist deine Mutter da?«
Diesmal konnte ich mich nicht verstecken. Ich musste ihm über dem Tisch ins Auge sehen. Das Muskelpaket war bei ihm. Beide trugen Jogginganzüge. Sie mussten den ganzen Weg von Islington gelaufen sein. Ich roch ihren Schweiß. Die ganze Küche stank nach Pheromonen, und sofort verspürte ich einen demütigenden Anflug von Lust – meine treulosen Hormone ließen mich im Stich, gerade als ich dachte, ich würde mein Leben langsam wieder in den Griff kriegen.
Er: (Mit ausgestreckten Beinen auf den Stuhl gefläzt, als würde ihm alles hier gehören.) Hallo, Georgie. Ich habe deine Nachricht bekommen. Ich bin hier, um meine Sachen zu retten.
Ich: (Hilfe! Was habe ich getan.) Da bist du zu spät dran. Heute Morgen haben sie den Container abgeholt.
Er: (Mit aufgerissenen, blinzelnden Augen, ein Mund wie ein kleines o, das mich an einen Karpfen erinnert.) Du machst Witze. (Ja, an einen Karpfen, und nicht an jemanden, der die Zukunft gestaltet. Haha!)
Ich: Warum sollte ich Witze machen? (Sein Haar scheint auch ein bisschen gelichtet. Gut. Er sieht wirklich nicht so toll aus, wie er sich einbildet.)
Er: (Ungläubig.) Sie haben meine Platten abgeholt? Meine großen russischen Komponisten?
Ich: (Kleines spöttisches Lächeln.) Mhm.
Er: (Noch ungläubiger.) Und meine alten Rugby-Stiefel?
Ich: Den ganzen Müll. (Wie kann ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken seine loyale, hingebungsvolle Ehefrau sitzen lässt, wegen eines Paars schimmliger alter Turn- schuhe feuchte Augen bekommen?)
Er: (Resignierter Seufzer.) Warum bist du nur so kindisch, Georgie?

Kindisch? Ich? Ich griff nach einem Teller Nudeln. Wieder spürte ich das Zucken in der Hand. Pete grinste verlegen vor sich hin und versuchte sein Gesicht hinter dem Guardian zu verstecken. Dann sah ich Bens ängstlichen Blick – armer Ben, er sollte es nicht mit ansehen müssen, wenn sich seine Eltern danebenbenahmen. Ich stellte den Teller wieder auf den Tisch, stürmte aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinauf; dann warf ich mich aufs Bett und blinzelte die Tränen weg. Ich überlebe. Ich bin stark. Ich tausche die Schlösser aus.
Schau dir Gloria Gaynor an – sie hat aus ihrem gebrochenen Herzen ein Lied gemacht und Millionen gescheffelt. Als ich da lag, den Stimmen unten lauschte und wünschte, ich hätte die Nerven behalten, kam mir plötzlich ein reizvoller Gedanke.
Ich konnte nicht singen, aber ich konnte schreiben.
Tatsächlich war ich schon fast so weit. Ich hatte einen Arbeitstitel und einen tollen Künstlernamen. Mir ging ein verführerisches Bild durch den Kopf – ich als gedruckte Autorin, in modisch zerknittertem Leinen und mit einer schicken Ledertasche voller Druckfahnen, die ich lässig über der Schulter trug, während ich mit einer Entourage von hübschen jungen Dichtern um den Globus jettete. Rip würde der Welt als egozentrischer Workaholic präsentiert, erbärmlich ausgestattet, mit einer unstillbaren Viagra- Sucht und Schuppen. Seine Frau wäre wunderschön und leidgeprüft und hätte einen fantastischen Hintern.
»Forget! Survive!

«, sang Gloria Gaynors Stimme in meinem Kopf. »You’ll waste too many nights thinking how he did you wrong. Change the locks! Grow strong!

«
Du grübelst zu viele Nächte lang, was er dir angetan hat. Tausch die Schlösser aus! Sei stark!
Und natürlich hatte Gloria eigentlich recht. Meine bisherigen Roman-Versuche, zwölfeinhalb vollge- schriebene Hefte, hatte ich in einer Schublade verstaut, zusammen mit einer Mappe voll hochnäsiger Ablehnungsschreiben.

Sehr geehrte Ms. Firestorm, besten Dank für die Zusendung Ihres Manuskripts Das verspritzte Herz. Ihr Text bietet farbenfrohe Charaktere und eine beeindruckende Menge an Adjektiven, aber ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, dass es uns nicht ganz überzeugt hat …

So etwas war schlecht für den Kampfgeist, und mein Kampfgeist war ohnehin schon schwach. Aber es nutzte nichts – der Same des Optimismus keimte in meinem Herzen, und in meinem Kopf begannen bereits die ersten Zeilen zu sprießen. Ein leeres Heft hatte ich noch übrig.

Das verspritzte Herz
Kapitel 1





Na gut, ich weiß, ich bin nicht Jane Austen. Und vielleicht hatte Ms. Nicht-ganz-überzeugt recht mit den Adjektiven.
Ich starrte die Seite an. Hatte ich jetzt schon eine Schreibblockade?
Unten im Flur hörte ich Stimmen. Die Haustür fiel ins Schloss. Dann ging die Schlafzimmertür einen Spalt auf.
»Alles in Ordnung, Mum? Willst du nichts zu Abend essen?
«


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Texte: DTV ISBN: 978-3423247801
Tag der Veröffentlichung: 02.07.2010

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