Cover

Ein Tropfen Blut

Er geht auf die Toilette. Tür auf, Tür zu.Während er so dasteht bemerkt er diesen roten Fleck auf der Wand. Ein Tropfen Blut, mitten auf einem Klo, irgendwo im nirgendwo. Wie kommt dieses kleine Hauch Leben auf diese Toilette? Während er sich das fragt, dröhnt die Musik, der Ethanol vermischt sich mit seinem Blut in seinem Körper. Er ist angeheitert, gut drauf, gar nicht bereit für eine Konfrontation mit diesem Tropfen Blut.

Es könnte sich jemand geschlagen haben, so was passiert oft auf solchen Partys, denkt er sich.Zwei Jungs, vielleicht ging es um Neid, wahrscheinlicher jedoch um eine Frau. Ein Spruch zu viel, ein Gedanke zu wenig und schon flogen die Fäuste mitten hier in diesem WC. Er trifft in an der Nase, der Lippe, am Auge und schon fliegt dieses kleine Tröpfchen Blut und bleibt genau hier stehen,. Und nun steht es hier, vor seinen Augen. Dieses bisschen Farbe, dieses bisschen Rot steht nun einfach so vor ihm.

Es muss auch nicht immer Gewalt eines Anderen sein. Vielleicht war es auch selbst hinzugefügt. Vielleicht saß hier noch vor ein paar Minuten ein verletzter Junge, vielleicht zu viel Alkohol, wahrscheinlicher jedoch eine verletzte pubertierende Seele voller Problemen. Probleme zu hause, Probleme mit der Clique, Probleme in der Schule oder wahrscheinlicher Probleme wegen einer Frau. Also saß er hier, genau da wo er jetzt steht und dachte nach. Und dann musste er spüren dass er noch lebt.

Es mag sein dass Schmerzen schmerzhaft sind, doch sie erinnern uns das wir leben. Er denkt, wir vergessen oft das wir Leben, das wir atmen, und der Schmerz in seiner unwiderruflichen Existenz erinnert uns an das Leben, daran das nichts für die Ewigkeit ist. Erst durch Schmerz wissen Menschen die Gesundheit zu schätzen, und erst durch den Tod erinnern sie sich daran wie schön es ist zu leben.. So saß dieser Junge da und hat sich daran erinnert das er lebt. Und dieser kleine Tropfen Blut, ist das einzige was noch bleibt, von all dem.

Doch es könnte sich auch ganz anders ereignet haben, denkt er sich. Es ereignet sich nicht immer alles so klischeehaft wie wir denken. Doch seine Gedanken verwischen sich, die Musik stoppt. Statt Musik hör man Geschrei.

Er sieht nicht wie zwei Jungs aufeinander losgehen, vielleicht wegen Neid, vielleicht wegen einer Frau. Höchstwahrscheinlich wegen Neid wegen einer Frau. Ein Spruch zu viel, ein Gedanke zu wenig. Er sieht nicht wie der Türsteher dazwischen geht, gleich nach dem einer dem anderen schlug. Ob auf die Nase, auf den Mund, auf das Auge konnte er nicht sehen, denn er war ja nicht da. Er sah auch nicht wie ein Tropfen Blut flog, direkt auf das Top jenes Mädchen die diese primitive Situation erst ausgelöst hat. Jenes Mädchen die gleich danach einen Schrei von sich gab, hörte er nur , sah er nicht. Die Musik wird wieder gespielt, das Licht ging wieder an. All das wusste er noch nicht, doch er konnte es sich denken.

Er spült, er ist sich ziemlich sicher das dass ganze sich genau so zugetragen hat wie er denkt. Das Wasser rauscht, erinnert ihn an irgendeine Melodie die er irgendwann mal irgendwo in irgendeinem Radio gehört hat. Er kannte den Interpreten nicht, er kannte den Titel nicht. Doch es wurde ein Ohrwurm, ein Ohrwurm an denn er nun jahrelang danach in diesem Moment durch das Wasserrauschen erinnert wurde. Er versuchte sich zu erinnern, summte die Melodie vor sich hin.Ein letzter Blick auf den Tropfen Blut, dieser Tropfen Blut der einfach so vor ihm steht.. Tür auf, Tür zu.

Summend geht er aus der Toilette,bleibt stehen, wäscht sich die Hände. Er schaut in den Spiegel. Er sieht sich selbst. Und in diesem Moment kommt ein Erinnerungsfetzen, aus dem Nichts in sein Gehirn geschossen. Er erinnert sich. Er erinnert sich wann er dieses Lied das letzte mal gehört hatte. Er erinnert sich an jenem Moment, vor einigen Jahren. Er erinnert sich das er schon einmal hier war. Er erinnert sich wie er schon einmal in jener Toilette saß, während dieses Lied anlief und wie er sich diesen Schmerz zufügte. Denn Schmerz, der in erinnert hatte das er lebt. Das hatte er damals doch so vergessen, war er damals doch so eine verletzte , pubertierende Seele mit all diesen Problemen.

Er ist nicht mehr der Junge, der damals weinend und verzweifelt diesen Tropfen Blut aus sich raus schnitt. Er ist nicht nun nicht mehr verzweifelt, er ist nun ein anderer Mensch. Dieser Junge von damals ist tot, die Verzweiflung, die Pubertät ist fort, nun steht er da , selbstbewusst, nur ein paar Jahre später. Alles was aus diesem Jungen geblieben ist , ist dieser Fetzen Blut an der Wand. Blut kann man nicht so leicht abwaschen, wie man Erinnerungen vergessen kann, denkt er.

Und nun kommt alles in ihm hoch, die Gefühle die er damals hatte. Der Schmerz der raus musste. Und er sah im Spiegel wieder den Jungen, und eine Träne lief seinen Augen runter.. Der kleine Tropfen Blut wandelte sich nach Jahren in eine kleinen Tropfen Träne. Irgendwie ironisch wie das Leben ,dachte er, und verließ die Toilette.
Altes Leben abgeschlossen, neues Leben angefangen. Tür auf, Tür zu.

Impressum

Texte: Diese Geschichte ist mein geistiges Eigentum...
Tag der Veröffentlichung: 30.12.2008

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Die Geschichte ist der Beachparty 2008 gewidmet. Erstmal danke an alle für den genialen Abend, und vor allem für denjenigen der den Blutspritzer an der Wandhinterlassen hat der mich auf die Idee für das ganze brachte.

Nächste Seite
Seite 1 /