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an der Bar

Er saß an der Bar im rötlich goldenen Licht der Spots, die von der kleinen Bühne herüber schienen. Das Keyboard war schon verwaist. Es war weit nach Mitternacht. Er nippte an seinem Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Ich tippte auf Bourbon und darauf, dass es nicht sein erster war. Seine Augenlider hingen schon fast auf Halbmast und seine Hände hatten ihre Präzision schon länger eingebüßt. Das Gesicht wirkte wie das eines in die Jahre gekommenen kleinen Jungen, dessen Eltern ihn im Spielparadies von IKEA vergessen hatten. Sein stoppeliges Kinn vibrierte manchmal und die Unterlippe glänzte feucht von Speichel. Eine köterblonde Strähne hing ihm widerspenstig ins Gesicht. Seinem dunkelgrauen Anzug sah man an, dass der Tag lang und beschwerlich gewesen war. Die Krawatte saß schief unter dem geöffneten Kragenknopf des hellblauen Hemdes. Ein Außendienstler, wenn ich je einem begegnet war.

 

Er sah kurz zu mir her, als ich mich auf den Barhocker rechts neben ihn hievte. Ich nickte ihm kurz zu und bestellte bei der müde aussehenden Bardame einen Wodka soure.
Da saßen wir beide, nippten an unseren Gläsern und sahen uns in den Spiegeln über der Bar. Er hob sein Glas und prostete mir zu. Ich erwiderte die Geste.
„Ich wäre heute um Haaresbreite gestorben“, sagte er mit dieser leicht verwaschenen Stimme, bei der gestorben wie „geschdor’m“ klang.
„Ich hatte auch ’nen miesen Tag“, stellte ich fest. Es stimmte, wenn ich es recht besah. Ich schaute ihm zwischen Bestürzung und Verwunderung ins Spiegelgesicht. Er nickte unsicher.
„Das kannst du laut sagen, Kumpel!“, sagte er, wischte sich mit einer unendlich müde wirkenden Geste mit beiden Händen übers Gesicht, als verscheuchte er die Bilder von Dämonen vor seinen Augen. Etwas begann, mich an ihm zu fesseln.
„Was ist passiert? Willst du drüber reden?“ Ich reichte ihm die Hand:
„Michael.“
„Manfred. Freut mich.“
Er schlug ein. Seine Hand war verschwitzt aber sein Griff war erstaunlich fest und sicher. Ich wischte mir die Hand am Hosenbein ab und er nickte.
„Tut mir leid, Kumpel.“
„Kein Ding.“
Wir tranken und schwiegen.
„Meine Frau hat sich getrennt“, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit mit dumpfer Stimme. Ich sah ihn kurz an. Da war wieder das Zittern seines Kinns, das fast bis zur Unterlippe hinauf reichte.
„Das tut mir leid“, sagte ich pflichtgemäß.
„Kein Grund. Sie macht das andauernd. Aber damit fing der ganze Schlamassel an.“
Ich verkniff mir eine weitere Bemerkung. Seine Augen wirkten inzwischen etwas wacher.

„Ich hab’s ihr versucht, die halbe Nacht auszureden. Du weißt schon, die Tränen und das ganze Gezeter. Ich hatte ja heute diesen Termin hier und wollte das vom Tisch haben, bevor ich her fahre. Stell dir vor, du kommst nach Hause und die Wohnung ist leer. Nein danke, Kumpel.“
Er schüttelte energisch den Kopf. Die Strähne flog zur Seite und kam, der Schwerkraft und ihrem eigenen Starrsinn folgend, in die Stirn zurück. Ich folgte ihr fasziniert mit den Augen.
„Also war ich heute früh spät dran, du verstehst.“
Er unterstrich den Satz mit einer kreisenden Bewegung seiner Rechten. Offenbar kam er gerade ins Plaudern. Ich zog das Glas mit den Trinkhalmen etwas außer Reichweite und nickte. Die Bardame lehnte schräg vor uns mit dem Rücken am Bord mit den Flaschen, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und gab sich keine Mühe zu verstecken, dass sie uns zuhörte. Es war nicht mehr viel los. Schwerkraft und Langeweile zogen der Frau die Wangen nach unten.

„Der Bus zum Flughafen kommt sonst nie pünktlich. Gestern tat er’s. Ausgerechnet! Verstehst du das?“
Wollte er das wirklich wissen? Ich zuckte wage die Achseln und er schien es zufrieden zu sein.

„Ich komm um die Ecke, die Lunge hängt mir quasi zum Hals raus und dieser blöde Rolli kippt zum hundertsten Mal um. Da setzt dieser Affe von Busfahrer den Blinker und zieht raus!“
Er sah mich mit bedeutungsschwerem Blick an und ich hielt mit dem Glas vor dem Mund inne. Was kam jetzt?

Mein inneres Auge schildert mir mit grellbunten Bildern die furchtbare Kollision des Busses mit einem wie aus dem Nichts auftauchenden Schwerlast-Transporter. Scheiben zerspringen prasselnd, Blech verformt sich kreischend und Menschen beginnen zu schreien…

 

 

„Da stand ich wie blöd. Krieg‘ ich den Bus nicht, ist der Flieger weg, komme ich zu spät zu meinem Kunden!“, sagte er etwas aufgebracht und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. Die Bardame zuckte leicht zusammen. Ich schreckte aus meiner Katastrophen-Fantasie auf und hatte Mühe, auf dem Hocker zu bleiben. Manfred sah mein Gesicht.
„Ja, so hab‘ ich auch geguckt, das kann ich dir sagen!“
Ich warf einen Blick in den Spiegel und schloss schnell den Mund.
Wir tranken und Manfred bedeutete der Bardame, sie möge die Gläser wieder füllen. Die hob skeptisch eine Augenbraue, stieß sich vom Flaschenbord ab und folgte seiner Bitte.
„Ich also mein Handy raus und den Taxidienst meines Vertrauens anjerufen. Aber denkste, so früh morgens kriegste so ohne weiteres eine Droschke?“
Manfred fiel unversehens in sein Heimatidiom, von dem ich noch immer nicht glaubte, es sei so etwas wie ein Dialekt. Ich schüttelte mechanisch den Kopf.
Das Problem hatte die Hauptstadt nicht exklusiv.
„Da sehe ich so ein Großraumtaxi in die Straße einbiegen und ich hebe gut sichtbar die Hand und winke. Was soll ich sagen: Er setzt den Blinker und kommt ran. Die Scheibe fährt runter und der Fahrer beugt sich zu mir rüber.
‚Wo sollet den hinjeh’n?’, fragt er mich. ‚Zum Flughafen. Ich hab’s ein bisschen eilig!’, sage ich und will schon den Schlag aufmachen, um einzusteigen.“
Ich sehe im Spiegel sein Gesicht und ahne, was kommt.
„Sagt dieser Heini zu mir: Da raus um die Zeit, dass könnte ich vergessen. Außerdem, für eene Fijur, det lohnt ja den Uffwand nich! Setzt den Blinker und weg ist er.“
Manfred lehnt sich etwas zurück und sieht mich direkt an. Ich schüttle mit milder Entrüstung den Kopf. Ich sehe uns im Spiegel dort über der Bardame mit den verschränkten Armen und denke bei mir, dass wir wie Karikaturen von uns selbst aussähen. Der Gedanke kräuselt ein Lächeln in mein Gesicht. Manfred zieht kurz und irritiert die Stirn in Falten. Ich proste ihm zu.
„Ich fand’s nicht komisch“, stellte er mit leicht erhobener Stimme fest und wandte sich dem Tresen zu.
Kunstpause.

Er saß da, schüttelte während eines stummen Zwiegespräches mit seinem noch halbwegs nüchternen Unterbewusstsein mehrmals den Kopf.

„Und dann? Wie bist du zum Flughafen gekommen?“, ermunterte ich ihn. Er sah mich kurz und prüfend an, abschätzend, wie ernst diese Frage wohl gemeint wäre.
„Ich hab’ Jochen angerufen. Das ist ein Bekannter, der ist Fahrer für ein Taxiunternehmen. Wohnt bei mir um die Ecke und manchmal spielen wir in der Kneipe bei uns Dart.“
„Der hat dich gefahren, einfach so?“
Einfach so ist gut. Das ist der Witz des Abends!“, rief Manfred aus und wieder klatschte seine Hand auf das Holz des Tresens. Diesmal war ich vorbereitet. Auch die Augenbraue der Bardame blieb, wo sie hingehörte.

„Hundert muntere Pferdchen hat mich der Spaß gekostet!“
„Die kriegst du doch bestimmt von deinem Kunden wieder, oder?“
„Von dem? Hast du eine Ahnung!“
Manfred machte eine wegwerfende Handbewegung und hatte danach etwas Mühe, senkrecht zu bleiben. Bevor ich zugreifen konnte, hatte er sich wieder gefangen.
„Wo war’n wir?“, fragte er, hob zugleich eine Hand und tippte sich an die Stirn.
„Richtig“, stimmte er sich selbst zu.
„Wir donnern also in Richtung Innenstadt. Keine fünf Kilometer weiter: Stau. Blaulicht, Feuerwehr. Wir kriechen an dem Unfall vorbei. Was sehen meine entzündeten Augen: Das Großraumtaxi, oder was davon übrig ist in inniger Umarmung mit einem dieser Imbiss-Wagen. Hast du bestimmt schon mal gesehen, so einer mit nem Grillhähnchen auf der Seite. Nur, dass das Hähnchen sozusagen schon tranchiert war!“

Manfred fand sein Wortspiel einigermaßen amüsant und dass es diesen Heini erwischt hatte, schien ihm beinahe ausgleichende Gerechtigkeit. Ein glucksendes Lachen schüttelte den massigen Mann, das gleich darauf in einen heftigen Husten mündete. Er hatte sich verschluckt und sein Gesicht nahm eine bedenkliche dunkelrote Färbung an. Ich klopfte ihm mehrmals auf den Rücken und er wedelte schließlich mit den Händen.
Die Bardame reicht ihm ein Glas Wasser.

„Du meinst, wenn du in dem Großraumtaxi gesessen hättest, hätte der Grillwagen dich tranchiert?“, erkundigte ich mich, als klar war, dass er nicht ersticken würde. Er brauchte noch einen Moment, aber er schüttelte schon mal heftig den Kopf.
„Ach was, das Taxi war zwar im Eimer, soweit ich das sehen konnte, aber verletzt wurde niemand. Warte ab, Kumpel, es geht ja noch weiter!“
Ich sah verstohlen auf meine Uhr und wechselte einen Blick mit der Bardame. Die tat, was Bardamen vermutlich in aller Welt taten, wenn die letzten zwei Gäste sich am Tresen festgesaugt hatten und nicht wieder los kamen: sie polierte Gläser, wobei ihre Blicke immer zwischen dem Glas und uns hin und her wechselten. Sie zuckte kaum merklich die Achseln.
„Aber gegönnt hab’ ich’s ja dem Heini.“
Das hätte er nicht noch einmal betonen müssen, wie ich fand.
„Aber dieser Stau hat uns eine Menge Zeit gekostet und als wir durch waren, hatte ich schon so eine Ahnung, dass es eng werden würde mit meinem Flieger.“
Manfred trank seinen Bourbon aus und setzte das Glas hart auf den Tresen.

„Das wurde es dann auch“, sagte er mit eigentümlich ernster Stimme. Die etwas Schenkel klopfende Heiterkeit verließ sozusagen fluchtartig den Raum.
„Hast ihn also nicht gekriegt, richtig?“, fragte ich und diesmal war das Interesse echt.
„Fünf lausige Minuten zu spät, verstehst du. Fünf Minuten!“
Manfred hielt mir seine Rechte vor das Gesicht, die vier Finger hochgereckt und den Daumen angelegt. Ich verbiss mir sofort das Grinsen.
„Und wie bist du am Ende her gekommen?“ Ich trank inzwischen Cola. Ich hatte morgen – eigentlich schon heute Vormittag – einen wichtigen Termin.
„So ein Billigflieger ging eine halbe Stunde später. Eigentlich mag ich die nicht. Die sparen doch an der Sicherheit, wo sie nur können.“
„Hatten sie keine Gurte an den Sitzen?“, fragte ich, einem Impuls folgend. Er sah mich einen Moment zweifelnd an und schien der Frage nach zu lauschen. Dann setzte er ein schiefes Grinsen auf die untere Gesichtshälfte.
„Du weißt schon, was ich meine, oder?“
Ich stimmt ihm zu, hob meine Glas in dem die Eiswürfel leise klingelten.
„Aber das eigentlich Unheimliche ist, dass die Maschine, die ich kriegen wollte, bei der Landung von einer Seitenböe erfasst wurde und von der Landebahn abgekommen ist. Es ist nicht allzu viel passiert, ein paar Leute wurden leicht verletzt, aber ich stelle mir die ganze Zeit vor, was hätte passieren können!“

Ich sah im Spiegel sein Gesicht, als er das sagte. Die Strähne zitterte über seinem linken Auge, seine Oberlippe glänzte etwas von kleinen Schweisströpfchen und sein Kinn bebte wieder. Sein Blick hatte etwas Unstetes und er tat mir plötzlich leid.
„Natürlich war der Flughafen stundenlang gesperrt und mein Billigflieger wurde umgeleitet!“, fuhr er plötzlich mit gänzlich ungerührter Stimme fort. Wieder wechselte ich mit der Bardame einen bedeutungsschwangeren Blick.
Hatten die Nachrichten darüber etwas berichtet?
„Also musste ich mir einen Mietwagen nehmen, um noch pünktlich zu meinem Termin zu kommen. Die Fahrt war der Horror, das kann ich dir sagen, Kumpel.“
Manfred machte eine Geste in Richtung Bardame. Sie sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen misstrauisch an.
„Was?“, fragte er scharf in ihre Richtung und das Wort klang glasklar. Sie hob beide Hände beschwichtigend und goss den Whiskey in ein neues Glas, schob es vor Manfred hin. Er nahm es, drehte es kurz in seiner Linken, nippte an der Flüssigkeit und stellte es zurück.

„Lass mich raten, du wärst um ein Haar mit einem Tanklastzug zusammen gestoßen, der plötzlich die Spur gewechselt hat.“
Ich wusste nicht, woher ich plötzlich diesen Einfall hatte und noch weniger, warum ich ihn laut äußerte. Wahrscheinlich sahen wir beide uns deshalb so verblüfft an.

„Naja, es war nicht ganz so, aber im Prinzip...“, er ließ den Satz in der Schwebe.
„Ich hatte das schon im Verkehrsfunk gehört. Vier Kilometer Stau vor dieser Baustelle, das Ende in einer Kurve, schlecht einzusehen. Als ich da ankam, stand alles. Keine Umfahrung möglich. Ich habe mich gleich links eingeordnet, weil ich gehört hatte, dass die rechte Spur gesperrt war. Das ist zum Verrücktwerden, wenn einem die Zeit im Nacken sitzt und es geht immer nur meterweise voran.“
Ich konnte ihm nachfühlen. Dieses Gefühl der Ohnmacht hatte wohl schon jeder einmal erlebt.

„Ich sehe zufällig nach hinten in den Rückspiegel, da kommt dieser Laster um die Kurve. Mir war gleich klar, dass der viel zu schnell ist. Und so war es. Er hat auf der rechten Spur vier Wagen in einander geschoben. Es war furchtbar.“
Manfred hob die Rechte an die Stirn und wischte sich über die Augen. Er schob sich schwerfällig vom Barhocker. Dann griff er in die Gesäßtasche, holte eine etwas abgewetzte Brieftasche hervor, klappte sie auf und suchte umständlich im Geldfach herum. Schließlich beförderte er einen Hunderter ans Dämmerlicht und legte ihn auf den Tresen.

„Michael ist mein Gast, okay?“, sagte er zur Bardame, hob einen Arm zu einer ungefähren Geste eines Grußes und ging in Richtung Ausgang. Er ging sehr gerade und wenn man nicht genau hinsah, bemerkte man nicht, dass er ein oder zweimal den rechten Fuß verkehrt herum abrollte um das Gleichgewicht zu behalten.

„Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“, erkundigte sich die Bardame.
Er hob abwehrend die Hände.
„Schon okay, die frische Luft wird mir gut tun!“, sagte er und jetzt hörte man doch seine schwere Zunge.
Dann war er weg. Die Bardame und ich sahen uns an und ich schüttelte den Kopf.

„Komischer Kauz, oder? Glauben Sie die Geschichte?“
„Also das mit dem Flugzeug, das hat er sich bestimmt ausgedacht. Das wäre doch in den Nachrichten gekommen“, sagte sie mit ihrer angenehmen, etwas heiseren Stimme. Sie fischte den Geldschein vom Tresen.

„Und der Unfall auf der Autobahn? Ich meine, vier Wagen?“, fragte ich und trank den Rest meiner Cola. Ich war rechtschaffen müde und doch flirrten meine Nerven auf seltsame Weise.

Plötzlich flog die Eingangstür auf. Ein junges Pärchen stürzte herein. Die Gesichter blasse Masken eines namenlosen Schreckens.
„Bitte rufen Sie die Feuerwehr!“, rief die junge Frau mit der schrillen Stimme einer aufkommenden Panik, “draußen ist eben ein Mann überfahren worden.“
Die Frau hinterm Tresen und ich sahen uns fassungslos an.
„Manfred!“

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 31.10.2014

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Danke an die tollen Autorinnen und Autoren der Anthologiegruppe von Bookrix.

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